Female Genital Mutilation (FGM)

Die Genitalverstümmelung ist ein der schlimmsten Folter an Frauen im 21. Jahrhundert

Autorin Naike Juchem

Täglich werden 8.000 Mädchen und Frauen ihrer Genitalien und Würde beraubt. Die von Weiblicher Genitalverstümmelung betroffenen Mädchen und Frauen erleiden nicht nur physische, sondern auch schwerste seelische Schäden von lebenslanger Dauer.
Nach Angaben von UNICEF sind weltweit ca. 125 Millionen Frauen und Mädchen von weiblicher Genitalverstümmelung betroffen, vor allem im nördlichen Afrika aber auch in südostasiatischen Ländern. In Deutschland sind circa 65.000 Mädchen und Frauen von Genitalverstümmelung betroffen, Tendenz steigend!

Die Anfänge der weiblichen Genitalbeschneidung können weder zeitlich noch geographisch eindeutig bestimmt werden. Man geht davon aus, dass die Praxis sich vom Niltal in Ägypten über den afrikanischen Kontinent ausgebreitet hat, doch es wird auch für möglich gehalten, dass die Verbreitung unabhängig voneinander stattfand. Insbesondere im 19. Jahrhundert (bis Mitte des 20. Jahrhunderts) wurde die Beschneidung von Mädchen und Frauen auch in Europa und den USA praktiziert.


Die Antike
Hinweise auf die Beschneidung weiblicher Geschlechtsorgane finden sich bereits in der Antike: eine Darstellung im Karnak-Tempel von etwa 1350 v. Chr. zeigt eine Beschneidungsszene. Das erste schriftliche Zeugnis einer weiblichen Genitalbeschneidung ist eine Anklageschrift auf Papyrus aus Ägypten aus dem Jahr 163 v. Chr. Die Menschen im Alten Ägypten glaubten an die Doppelgeschlechtlichkeit des Menschen, welche durch die äußeren Geschlechtsorgane erst sichtbar werde. Erst durch die Entfernung der Vorhaut, beziehungsweise der Klitoris werde das Geschlecht „rein“ und die geschlechtsspezifische und soziale Rollenbildung könne beginnen. Ein Mädchen könne nur die volle Weiblichkeit erlangen, wenn es ihren männlichen Zusatz, die Klitoris, verliere.
Einer ägyptischen Sage zufolge hatte ein Pharao in einer Prophezeiung erfahren, dass ihn ein Junge vom Thron stoßen werde. Daraufhin ließ der Pharao alle Frauen zunähen (Infibulation, auch „pharaonische Beschneidung“ genannt), um sie am Empfangen und Gebären von Kindern zu hindern.
Der Geograph Strabon (64/63 v. Chr. –23n. Chr.) berichtetzum Land Ägypten: „Die Knaben be-schneiden sie, und den Mägden schneiden sie die Schaamlefzen aus.“. Außerdem berichtet Philon von Alexandria, der um die Zeit von Christi Geburt lebte, dass bei den Juden nur die Männer, bei den Ägyptern jedoch Männer und Frauen beschnitten seien. Auch der römische Arzt Galen (129 –ca. 200 n. Chr.) beschreibt eine weibliche Beschneidung der „Nymphe“, worunter er Klitoris und Labienverstand.
400 Jahre nach Galen erläutertder byzantinische Arzt Aëtios von Amida (ca. erste Hälfte des 6. Jahrhunderts n. Chr.) in seinem Buch über Geburtshilfe die Beschneidung einer Klitoris und gibt erstmalig auch eine Begründung für diese Operation: Verschönerung der Optik und Vermeidung der Erregung sexueller Lust. Im 7. Jahrhundert erwähnt der in Alexandria wirkende byzantinische Arzt Paulos von Aegina die Beschneidung junger Mädchen.

Das Mittelalter
Im Mittelalter waren die oben genannten Schriften bekannt. So führt der berühmte mittelalterliche Chirurg, Guy de Chauliac, die weibliche Beschneidung als operative Praxis an. Seine Beschreibungen stützt er hierbei auf die Schriften der arabischen Mediziner Avicenna (980-1037) und Abulcasis (gestorben ca. 1013). Im Canon medicinae von Avicenna wird die Beschneidungder Klitoris explizit empfohlen, insofern diese ein krankhaftes Wachstum aufweise. So könne laut Avicenna eine vergrößerte Klitoris dazu führen, dass der Beischlaf mit dem Mann verhindert werde oder die Frau mit anderen Frauen Geschlechtsverkehr habe.

Frühe Neuzeit
Im Zuge der Renaissance werden viele alte Schriften wiederentdeckt und übersetzt, darunter Bücher zu Körper und Anatomie. Ambroise Paré (1510-1590) schildert in seinem ersten Buchder Anatomie die Klitoris und verweist darauf, dass die Zusammenhänge zwischen Klitoris und Lust von „den Frauen missbraucht werden könne und diese daher zu binden oder zu schneiden seien“. Jean Riolan (ca. 1580-1657) fordert sogar die komplette Entfernung der Klitoris, um so die zügellose weibliche Sexualität zu disziplinieren. Im 18. Jahrhundert wird die Beschneidung von Frauen und Mädchen in Enzyklopädien in unterschiedlichen Artikeln erwähnt und beschrieben. So wird im Chambers Dictionary die Beschneidung der Klitoris analog zur Entfernung der männlichen Vorhaut erwähnt.

19. und 20. Jahrhundert
Auch wenn die weibliche Beschneidung in Europa bereits seit dem Mittelalter bekannt ist, so wird sie jedoch erst im 19. Jahrhundertbis in die 1940er Jahre breiter diskutiert und praktiziert. Klitoridektomien (operative Entfernungen der Klitoris) und andere operative Eingriffe wie Kauterisationen (Abtrennen der sekundären äußeren Geschlechtsorganedurch Hitze) und Infibu-lationen (Verschließung der Genitalöffnung) werden zur Bekämpfung von „weiblichen Leiden“ wie Hysterie, Nervosität, Nymphomanie, Masturbation vorgenommen, um diese zu heilen. Bedeutende Fürsprecher dieser Praktiken sind der Londoner Arzt Isaac Baker Brown, welcher Texte veröffentlicht, in denen er die Klitoridektomie zur Behandlung vorher genannter, nervöser Erkrankungen empfiehlt und der Wiener Gynäkologe Gustav Braun, welcher ebenfalls Klitoridektomien vornimmt, um Vaginismus und Masturbation zu kurieren. Die Verbreitung der Klitoridektomie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lässt sich vermutlich unter anderemim Zusammenhang mit der Anti-Masturbations-Debatte, der Idee der Reflexneurose und der allgemeinen Annahmen über weibliche Sexualitäterklären. So wird Masturbation allgemein als eine Krankheit oder als krankheits auslösend aufgefasst. Weiter nimmt man an, dass die weiblichen Genitalien Neurosen und Störungen, wie z.B. Hysterie, auslösen können. Zudem geht man davon aus, dass das weibliche Sexualverlangen und empfinden grundsätzlich geringer sei als das des Mannes. Zeigt eine Frau ein von dieser Auffassung abweichende Verhalten, gilt dies als krankhafte Nymphomanieund somit als behandlungswürdig. Auch wenn die Klitoridektomie in der Fachwelt des 19. Jahrhunderts in Europa kontrovers diskutiert wird und der Arzt Isaac Brown 1867 seine Entlassung beim „London Surgical Home“ einreicht, wird der Eingriff weiter vorgenommen. Die letztmals bekanntgewordene Klitoridektomie in den USA gibt es 1953 bei einem zwölfjährigen Mädchen.

Gründe für Beschneidungen von Mädchen und Frauen
Die Gründe, die bis heute für Beschneidungen angeführt werden, variieren je nach Region und kulturellem Hintergrund, weisen aber auch Gemeinsamkeiten auf. Tradierte Vorstellungen bis hin zum Aberglauben dienen als Motive für die Genitalbeschneidung, jedoch gibt es auch ökonomische, soziale und psychologische Begründungen.

1. Beschneidung als Initiationsritus

In vielen Ländern wird die Beschneidung seit jeher als Ritus praktiziert, der den Übergang von der Kindheit zur Adoleszenz, vom Mädchen zu Frau beziehungsweise den Übergang in eine neue soziale Rollemarkiert. Zusammen mit der ersten Regelblutung ist die weibliche Genitalverstümmelung also das Ende der Kindheit und die notwendige Adoption von reifen weiblichen Wegen und Verhaltensweisen.
Die Beschneidung, die nicht selten ohne Betäubung vorgenommen wird, wird als eine Art Reifeprüfung interpretiert. Das Verhalten der Frau oder des Mädchens während der Verstümmelung dient dann zur Vorhersage über ihr Auftreten und Verhalten in der Zukunft.

2. Beschneidung als Tradition

Die lange Tradition der Beschneidung hat sich über verschiedene Epochen und religiösen Überzeugungen hinweg gehalten, was ihre tiefe Verwurzelung in den verschiedenen Gesellschaften bezeugt. Dies zeigt sich unter anderem in der Sprache: Im Sudan wird der Ausdruck „Rhalfa“ als übelstes Schimpfwort benutzt und bedeutet „Sohn einer Unbeschnittenen“. Zudem wird die Beschneidungspraxis nicht selten genutzt, um sich von der westlichen Kultur abzugrenzen und sich die eigene „Kultur“ zu bewahren. Eine psychologische Theorie geht außerdem von einem tief im Unterbewusstsein verankerten, primitiven Neidimpuls der älteren Generation aus. Beschneidungen fänden demnach statt, da die eigene Vitalität, Potenz und Fruchtbarkeit abnimmt.

3. Beschneidung aus ökonomischen Gründen

Mit der Beschneidung sind auch ökonomische Motive verbunden: Vor allem in ländlichen Regionen ist die Beschneidung der weiblichen Genitalien eine Grundvoraussetzung für die Verheiratung der Mädchen. Auch richtet sich in manchen Fällen der „Brautpreis“ nach dem Maß der Genitalverstümmelung: je stärker sie ist, desto höher ist er bemessen. Die Beschneidung der Genitalien soll die Jungfräulichkeit der Mädchen sichern, welche somit mittelbar die ökonomische Stellung der Familie im patriarchalischen Systemgewährleistet.

4. Hygienische, gesundheitliche und ästhetische Begründungen

Die Beschneidung, insbesondereder Klitoris, wird in vielen Ländern vordergründig mit gesundheitlichen Folgen begründet. So werden den weiblichen Geschlechtsorganen negative Eigenschaften zugesprochen. Die Klitoris sei giftig, heißt es, und jeder, der mit ihr in Berührung komme, werde gefährdet. Auch wird verbreitet, dass unbeschnittene Frauen keine Kinder gebären könnten oder die Gebärmutter bei Nicht-Infibulierten herausfiele. Auch wird den Betroffenen vermittelt, dass eine Entfernung der Schamlippen und der Klitoris eine hygienische Reinigung vereinfache. Ferner gehe es bei der Reinhaltung der Vagina nicht nur um Gesundheit und Hygiene, sondern außerdem um eine größere Attraktivität für den Mann. Dazu wird die Verstümmelung auch als Heilmittel für Melancholie, Nymphomanie, Hysterie, Irrsinn und Epilepsie sowie Kleptomanie und Neigung zum Schulschwänzen angesehen. In einigen Regionen gelten die äußeren weiblichen Geschlechtsorgane zudem als schmutzig und hässlich, sodass eine vermeintliche Korrektur durch die Verstümmelung stattfindet.

5. Beschneidung aus religiösen Gründen

Da es die Praxis der weiblichen Geschlechtsverstümmelung schon vor der Begründung der mono-theistischen Religionen gab, ist sie entgegen der heute vor allem in der muslimischen Welt verbreiteten Praxis zunächst keiner religiösen Überzeugung zuzuschreiben und kommt sowohl in muslimischwie in christlich-jüdisch geprägten Regionen vor. In den heiligen Schriften des Islam, des Christentums und des Judentums gibt es jedoch keinen Hinweis auf eine gebotene Be-schneidungspraxis von Mädchen und Frauen.
Dennoch sind vor allem in muslimisch geprägten Gesellschaften Versuche einer religiösen Begründung erkennbar. Dabei waren sich die muslimischen Autoritäten jedoch nie ganz einig: „Tatsächlich herrscht jedoch seit der Herausbildung der vier sunnitischen Rechtsschulen im 8. und 9. Jahrhundert aufgrund des geringen religiösen Quellenmaterials zu diesem Thema ein Streit unter den „ulama“ vor, wie die bereits zur Pharaonenzeitin Ägypten praktizierte und damit der sogenannten „Zeit der Unwissenheit“ entstammende Mädchenbeschneidung islamrechtlich zu bewerten sei. Alle vier Rechtsschulen waren sich bezüglich der Verankerung dieses Brauchs im islamischen Recht einig, stritten jedoch über seinen Stellenwert im Leben einer muslimischen Gläubigen. Während die Schafiiten die Mädchenbeschneidung als verpflichtend bezeichneten,stuften die Malekiten, Hanafiten und Hanbaliten sie als empfohlen (sunna) oder freigestellte ehrenvolle Tat (makrama) ein.“ Im November 2006 berieten sich verschiedene hochrangige Religions-und Rechtsgelehrte des Islam, Mediziner und staatliche wie zivilgesellschaftliche Vertreter aus Afrika und Europa an der Azhar-Universität in Kairo über das „Verbotdes Missbrauchs des weiblichen Körpers“ durch Beschneidung. Initiatoren der Konferenzwaren unter anderem der Leiter der deutschen Menschenrechtsorganisation „Target“, Rüdiger Nehberg,sowie dessen Lebensgefährtin, Annette Weber. Beide kämpfen seit Jahren gegen die weibliche Genitalverstümmelung. Die Konferenz verabschiedete schließlich eine Fatwa, die die weibliche Genitalbeschneidung ächtet und an die Muslime appelliert „diesen Brauch in Übereinstimmung mitder Lehre des Islam, die das Zufügen von Schaden am Menschen unterallen Umständen verbietet, zu beenden“. Auch wenn weibliche Genitalverstümmelung in christlichen Gebieten seltener anzutreffen ist und von den Kirchen geächtet wird, sah sich die koptische Kirche in Ägypten noch im Sommer 2017 veranlasst, eine Sensibilisierungskampagne gegen den Brauch zu starten.

6. Kontrolle weiblicher Sexualität und Rollenverständnis

Die Kontrolle des weiblichen Körpers und dessen Sexualität wird als ein allgemein wichtiges Begründungsmuster für die weibliche Genitalverstümmelung betrachtet. Die Beschneidung diene dazu, die Angst vor der weiblichen Sexualität in der patriarchalen Gesellschaft zu bändigen. Dem liege die Befürchtung zu Grunde, die Frau nicht kontrollieren zu können. Einige Beschneidungsformen wie die Infibulation sollen beispielsweise die Treue der Frau sicherstellen und zum Lustgewinn des Mannes beitragen. Die Beschneidung diene dazu, dass die Frau den Vorstellungen gerecht würden, die die Gesellschaft an sie stelle. Ohne Beschneidung könne keine soziale Integration in die Gesellschaft erfolgen. Umgekehrt gelten unbeschnittene Frauen in vielen Regionen Afrikas als nymphoman und promiskuitiv. Man befürchte zerstörerische Konsequenzen für die Familie, weil Frauen sich von der Lust und Sexualität einnähmen ließen und ihren Pflichten nicht mehr nachkämen. Es herrsche die Vorstellung vor, eine Klitoridektomie verhindere die Reibung der Klitoris an der Kleidung und so die permanenten Stimulation der Frau. Außerdem schütze eine Genitalverstümmelung die Frauen vor Vergewaltigungen.

Fazit: Die Genitalverstümmlung stellt eine Verletzung des Menschenrechts auf körperliche Unversehrtheit mit schlimmsten körperlichen und seelischen Folgen dar. Keine kulturelle oder religiöse Tradition kann dies rechtfertigen. Neben akuten können sich auch chronische körperliche Komplikationen oder gravierende psychische und soziale Folgen einstellen.

Naike Juchem, 04. Februar 2020

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Über naikejuchem

„Du entscheidest eines Tages oder Tag Eins.“ Mit diesem Satz hat sich am 29. August 2017 mein Leben gravierend geändert. Ich möchte gerne Einiges erklären, um mich nicht ständig zu wiederholen oder zu rechtfertigen. Ich wurde 1970 äußerlich als Junge geboren, innerlich hat die Biologie aber etwas durcheinander gebracht mit meinen Chromosomen. Heute weiß ich anhand von Blut,- und Gentests, dass es so ist. Es kommt halt nicht so oft vor, aber mich hat es erwischt. Ich habe eine Transidentität. Das ist nichts Schlimmes, es ist keine Krankheit – in welchem Sinne auch immer – das hat es schon immer gegeben. Selbst in der Bibel steht bei Paulus an die Korinther in 5,17 oder Galater 3,28 wie auch Epheser 4,23-24 schon etwas über Transgender. In Deutschland gibt es ungefähr 1 Mio. Menschen, denen es genauso geht wie mir. Die Natur geht manchmal kreative Wege und bringt unterschiedliche Menschen hervor: Männer, Frauen, welche, die homosexuell sind, welche, die beide Geschlechter in sich tragen (Intergeschlechtliche), Linkshänder, Rechtshänder, und eben auch welche, die transidentitär sind. Ich habe mir dies nicht ausgesucht, ich bin auf keinem „Trip“, oder laufe einem neuzeitlichen „Genderwahn“ hinterher. Bei einer Transidentität ist man im falschen Körper geboren worden, d.h. das äußere Geschlecht entspricht nicht dem selbst empfundenen Geschlecht – wobei sich dies nicht ausschließlich auf die Sexualität beschränkt, sondern eher dem sozialen Geschlecht und dessen Wahrnehmung entspricht. Wenn man im falschen Körper steckt und es nicht ändern kann, weil man es nicht weiß oder weil es nicht geht, fühlt man sich nicht nur falsch und unglücklich, es führt auch zu tiefen Depressionen, bei nicht wenigen Transidentitären sogar zum Suizid. Das ganze Leben stimmt einfach nicht.  Deshalb konnte ich die letzten Jahrzehnte auch nicht verstehen und einordnen, was mit mir los war, weshalb ich mich nicht richtig gefühlt habe: Ich wusste es nicht. Und in meiner Umgebung wusste auch keiner, dass ich eine Transidentität habe. Nicht nur die Bibel erwähnt transidentitäre Menschen, auch antike Geschichtsschreiber haben von der Existenz solcher Menschen berichtet. Aber erst mit der christlichen Kirche wurden transidentitäre Menschen mit einem absoluten Tabu belegt. Dies ist auch bis in die 70er/80er Jahre des letzten Jahrhunderts weitgehend gesellschaftlich so geblieben und hat die Betroffenen gezwungen, ihre tatsächliche Identität zu verbergen und die Rolle des geborenen Geschlechts anzunehmen. Nun mögen Viele meinen „Ja und? Dann macht man das eben, ist ja auch einfacher so!“. Ich habe über 40 Jahre eine Rolle gespielt, die ich nie war, und es war irgendwann nicht mehr auszuhalten. Ein Schauspieler kann das, solange die Kamera läuft, aber sobald der Film abgedreht ist, geht der Schauspieler nach Hause und ist wieder er selbst. Im echten Leben kann man nicht die ganze Zeit schauspielern, ohne daran zugrunde zu gehen. Es ist auch ein Betrug, ein Betrug an der Familie, an Freunde, an Kollegen ... und ganz besonders an sich selbst. Ich bin erst einmal den Weg der Rolle gegangen und hatte 1998 geheiratet, wurde nach einigen Jahren auch Vater und dachte, dass nun alles gut würde. Wurde es aber nicht. Im Gegenteil: Die Ehe wurde ab 2007 für mich zur Hölle, die 2012 in einer Scheidung endete und mich an den Rand der Existenz brachte. Da stand ich nun, wie man so sagt, vor den Trümmern meines Lebens. Die Ehe kaputt, das Kind weg, die berufliche Existenz im Eimer, Schulden und Probleme und wenig bis gar keine Unterstützung. Also was blieb mir noch? Mein Leben! Da ich von Natur aus eine Kämpferin bin, packte ich 2014 es endlich an, Antworten auf meine Fragen zu suchen. Ich fing an mich zu informieren, um herauszufinden, was mit mir nicht stimmt. Ich habe in dieser Zeit Fachtagungen und Freizeiten, sogar in Luxemburg im Ministerium eine Debatte für und mit Transgender besucht und stellte plötzlich fest, dass ich nicht alleine bin. Das war eine so unglaubliche Befreiung! Am 29. August 2017 wagte ich ein Outing im kleinen Rahmen, um endlich zu wissen, wie meine Freunde auf mich reagieren würden. Zu meiner großen Überraschung und unglaublicher Freude standen diese Menschen positiv zu mir und unterstützen mich bis heute, wie und wo es nur geht. Am 1. Oktober 2017 gab es dann kein Zurück mehr: es war der Tag, die Wahrheit zu sagen, bei meiner Familie und auch öffentlich. Natürlich hatte ich an diesem Tag unglaubliche Angst. Würde ich ab diesem Zeitpunkt nur noch alleine sein? Würde ich Zweifel, Fragen, Ablehnung, Verlust der Arbeit und noch mehr Probleme erfahren? Tausende Gedanken, Pro und Contra, all dies zerrte an meinem Verstand und meiner Seele. Mit diesem Tag wich ein unglaublicher Druck von mir. Meine Seele kam endlich zur Ruhe – ich hatte zu mir gefunden. Ich bin nun viel, viel ausgeglichener und aus heutiger Sicht betrachtet ist nichts von dem eingetroffen, worüber ich mir so viele Gedanken gemacht und befürchtet hatte.

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