Tagebuch der Sorgen

Montag, 16. August 2021

In 11.056 Meter Höhe fliegt der Airbus A330 bei einer Geschwindigkeit von 863 Kilometer pro Stunde gleichmäßig der Sicherheit und neuen Zukunft für 297 Menschen entgegen.

Nach über zwei Stunden hatten meine 36 Mitarbeiterinnen und die18 Soldaten die Passagiere beruhigt und versorgt.
Nach über zwei Stunden kam auch ich langsam zur Ruhe.
Die Aufarbeitung von den wohl schlimmsten Erfahrungen in meinem Leben lief langsam an.
In der 1.Klasse war ein kleiner Stab von meinen Freundinnen und Mitarbeiterinnen im Gespräch mit ein paar Soldaten und den Beamten von Militärischen Geheimdienst. Wer glaubt, dass dies knallharte Männer sind, täuscht sich sehr. Ich sah die Anteilnahme, Schock und Ohnmacht in ihren Augen – aber auch Respekt für unsere Arbeit, Mut und Leben.

Bei aller Euphorie über die Rettung von 297 Menschen, muss ich der Realität ins Auge sehen.
Wir waren über der Ukraine und aus den Fenster sah man nur Dunkelheit. Es waren noch 1670 Kilometer bis zur Destination.
Ich hatte die dreijährige Saina auf meinem Arm und streichelte ihr den Kopf, während sie unruhig schlief. Mir kamen die Tränen.
Mikkel saß links von mir und sah mich an. „Nila, what’s wrong? Why are you crying?“ „Warum ich weine? Mikkel, ich habe Angst vor dem was auf mich zukommt.“ „Was soll auf dich zukommen?“ „Du hast doch bestimmt in den Medien verfolgt welche Schwierigkeiten den Seenotretter im Mittelmeer gemacht wurde.“ „Yes I know.“ „Ich bin die Chefin von meinen 36 Mitarbeiterinnen und tage die Verantwortung für 261 Menschen. Dieses kleine Mädchen ist das Nachbarskind von Ava. Als es sich abzeichnete, dass Ava nach Europa flieht, übergab ihr die Mutter dieses Kind. Ich halte ein Kind im Arm, welches in wenigen Stunden illegal in ein europäisches Land einreist – ich bin eine Menschenschlepperin. Man kann mich vor dem EuG Anklagen und ich kann meine Akkreditierung bei der UN verlieren.“ „What nonsense are you talking about?“ „Kein Unsinn – die Realität. Du erlebst doch auch den immer mehr aufkommenden Rassismus in Europa.“ „Of course. Wenn du so denkst, bin ich, die Piloten und die Soldaten auch Menschenschlepper. Du hast die Verantwortung für all diese Menschen, dies ist richtig. Glaubst du Jasper würde dir ein Flugzeug zur Verfügung stellen ohne sich über die Folgen bewusst zu sein?“ Ich zog die Schultern hoch. „Jasper ist einer der Ranghöchsten Beamten in unserem Land und ich weiß wie lange ihr euch kennt. Nila, in diesem Augenblick sitzen hunderte Menschen zusammen um alles erdenkliche zuklären. Wir sind illegal mit einer Kampftruppe in einem Land gelandet und es gab Tode. Niemand in Afghanistan weiß woher wir kommen – und dies wird auch so bleiben! Bei diesem Einsatz haben ganz andere Personen das Kommando und die Verantwortung.“ „Mikkel…“ „Nein! Mach dir keine Sorgen! Du hast schon genügend andere Probleme. Wie wird es für dieses hübsche Mädchen weitergehen?“ Ratlos sah ich Mikkel an.

Ich erzählte ihm von meinen Töchter und sah wieder einmal einen Mann mit einer Waffe an der Seite, mit den Tränen ringen.
„Die Mädchen in unseren Häuser fangen ab 11 Jahren an. Was diese kleinen Seelen schon erlebt haben, geht oft über die menschliche Vorstellungskraft hinaus. Männer benutzen und behandeln Mädchen – ihre Frauen, wie Dreck. Dies rechtfertigen sie mit ihrem Glauben und Traditionen. Ich habe in den letzten 14 Jahren einen Menschenverachtenden „Glauben“ an Folter, Missbrauch und Verstümmelung gesehen, dokumentiert und angezeigt – wobei letzteres all zu oft ins Leere gelaufen ist. Wir haben junge Frauen Schutz gegeben, die nun so alt wie meine älteste Tochter sind – oder sogar älter, die niemals ohne Hilfe leben können, denn die seelischen Vergewaltigungen haben diese Menschen gebrochen und gezeichnet. Saina ist drei Jahre alt und zum Glück wird ihr dieses Schicksal erspart bleiben. Farishta und Sahrisa sind vier und fünf Jahre alt. Die Mutter von Farishta ist vor sechs Wochen an einer Blinddarm Entzündung gestorben und Samira nahm das Kind zu sich. Sahrisas Vater war Soldat und ist in einem Einsatz gegen die Taliban gefallen. Die Mutter ist seit dem Frühjahr nicht auffindbar – ob sie noch lebt kann niemand sagen. In Afghanistan verschwinden täglich Kinder, Frauen und Männer. Die Oma brachte Sahrisa in eines unserer Frauenhäuser in einer anderen Provinz.“ „Wie hältst du dies alles aus?“ „Mikkel, ich weiß es nicht. Ich habe auch langsam keine Kraft mehr. Jeden Morgen wenn ich aufstehe, weiß ich, dass an diesem Tag wieder ein Kind verheiratet, gefoltert oder missbraucht wird und ich kann nichts dagegen tun“

Nach Mitternacht auf einer Militärbasis irgendwo in Europa

Dienstag, 17. August 2021

27 Minuten nach Mitternacht landete der Airbus A330 auf einer Militärbasis in Europa. An Bord waren 297 Kinder, Jugendliche und Erwachsene, denen man die Strapazen der letzten Wochen und Stunden ansah.
Sofort kamen Ärzte und Sanitäter ins Flugzeug, um sich einen Überblick über den Gesundheitszustand der Passagiere zu machen. Mein Mitarbeiterinnen bestätigten, dass alle Mädchen und Frauen auf COVID-19 negativ getestet seien. Lediglich Aafia, eine Mitarbeiterin aus meinem Team, und vier Mädchen würde man wegen ihres schlechten Gesundheitszustand – infolge von Stress, Mangelernährung und psychischer Belastungen zur Beobachtung gerne ins Krankenhaus bringen.
Die gesundheitliche Kontrolle alle Passagiere verlief sehr zügig und professionell.

Ein Leutnant aus der Kommandantur sagte mir, man habe den Standort zur Unterbringung der Mädchen und Frauen geräumt. Lediglich ein Viertel der Personen müsste in einer Turnhalle schlafen. Man hätte diese aber in kleine Räume mit je vier Betten abgetrennt.
Im Flugzeug sortierten wir die Kinder und Frauen auf die Anzahl der Betten in den drei Wohnblöcken, bzw. Turnhalle auf.
Da die meisten meiner Mitarbeiterinnen Englisch können, war die Kommunikation mit den Hilfskräften und Soldaten kein Problem.

Mit drei Bussen wurden die Kinder und Frauen zu den Unterkünften gefahren.
Der erste Schwung mit 120 Personen war losgefahren und es wurde leiser im Flugzeug.
Mit dem Staatsminister und anderen Beamten saß ich in der 1.Klasse, die bis auf Marcel und Mikkel leer war. Wir besprachen das weitere Vorgehen für den Tag. Ohne Stress und Zeitplan würde man nun Schritt für Schritt gehen.

Mit Saina auf dem Arm verließ ich mit Samira, Farishta, Ava und Zoja das Flugzeug in einer Gruppe Militärs und Beamten als letzte.
Uns fuhr der Bus in den 1. Wohnblock.
Es war 2.15 Uhr als wir ankamen. In dem Block waren Dutzende Menschen damit beschäftigt, die Kinder und Erwachsene in den Schlafräumen zu versorgen. Es waren Plüschtiere und Boxen mit Hygieneartikel verteilt und in den Schlafräumen war das grelle Licht abgedunkelt.

Unsere beiden Schlafräumen waren im zweiten Stock in dem Gebäude, und auch dort war das Licht abgedunkelt.
Mit Saina, Samira und Farishta bezog ich einen Raum mit zwei Stockbetten am Ende des Flures. Ich legte Saina unten ins Bett und hielt ihre kleine Hand fest.
„Jasper, danke für alles. Ich weiß nicht wie ich euch allen jemals danken kann.“ „Alles kommt im Leben wieder zurück. Der Notfallplan war allen bekannt und jeder wusste sich darauf einzustellen. Die Plüschtiere und das bisschen Ambiente hast du Frederice zu verdanken, sie kommt heute Vormittag vorbei.“

Es war fast 3 Uhr als ich völlig übermüdet mit Saina im Arm einschlief.

Mein Smartphone riss mich um kurz vor 7 Uhr aus dem Schlaf. „Ich bin mit Opa auf dem Weg zu dir.“ Ohne eine Antwort geben zu können, war das Gespräch auch schon beendet. Meine Tochter macht immer klare Ansagen und eine Diskussion nach dem Warum, Wieso und Weshalb macht sowieso keinen Sinn. Meine Durchsetzungskraft muss sich irgendwie auf wundersame Weise auf sie vererbt haben.

Ein neuer Tag beginnt

Ich hatte mir Militärkasernen immer für Trostlose Gebäude und mit Gemeinschaftsduschen vorgestellt. Hier hatte jeder Schlafraum ein eigenes Bad und mit den drei Blumenstöcke in Form von kleinen Yucca Palmen auf der Fensterbank und dem leicht gelblichen Anstrich, sah dies mehr nach Jugendherberge aus.


Nachdem ich mich geduscht hatte, musste ich Saina die Morgentoilette in Europa erklären. Alles wiederholt sich im Leben, dachte ich mir, als ich Saina duschte, ihr die Haare wusch und ihr richtiges Zähneputzen erklärte.

Samira saß an dem kleinen Tisch in unerer Herberge und studierte einen Schnellhefter mit allen wichtigen Informationen. Alles war in vier Sprachen und sogar bildlich abgedruckt. Welche Faben die Ausweisschilder mit Schlüsselband der Mitarbeiter und Helfer hatten.
– Gelb für Ärzte und Sanitäter
– Rot für das Kriesenintervitions Team und Psychologen
– Grün für Helfer
– Blau für Küchenangestellte

Ein Plan von den Gebäuden, Kantine, Feldküche, Waschräume, Toilette, Erste-Hilfe-Stadion, Treffpunkte und und und war detailliert und farblich aufgeführt.
Alles war durchdacht und organisiert.
Wenn ich an das unorganisierte Chaos in Deutschland im August und September 2015 denke, liegen hier Welten dazwischen.

Wir vier gingen um halb Neun in das Offizierkasino zum Frühstücken.
An einigen Tischen saßen Helfer und Psychologen zusammen. Dank der Umhänger konnte man diese Person leicht erkennen.
Das Frühstück war zu meinem Erstaunen sehr afghanisch geprägt: Eier mit Sucuk (Rohwurst besteht meist aus Rindfleisch, Kalb oder Lamm), Tomaten, Gurken, Oliven und Joghurt, sowie Butter, Honig und Weizenbrötchen. Tee, Wasser und Kaffee gab es natürlich auch.
Der Leutnant von der Nacht kam auf uns zu und bat uns, an einen der schon besetzten Tische mitzukommen.
Wir wurden sehr freundlich begrüßt und es wurde gefragt, ob alles zu unserer Zufriedenheit sei. „Ein Service in einem Hotel könnte nicht besser sein“, sagte ich in die Runde.
Der Leutnant händigte uns weiße Namensschilder aus. So wussten nun alle, wie wir heißen und wer Mitarbeiter in meinem Team ist.

Eine große, sehr elegante Frau betrat das Offizierkasino und kam geradewegs auf mich zu. Frederice Petersen musste ich Samira nicht vorstellen, sie kannten sich schon seit Jahren. Die Umarmung war herzlich und tat mir gut. Frederice ist 12 Jahre älter als ich und eine unglaubliche Schönheit. Ob diese von Natur gegeben ist, oder an dem Knäckebrot liegt, vermag ich nicht zu beurteilen. Frederice hat spanische Vorfahren und ihr südländiches Temperament mit nordischer Gelassenheit ist ein Widerspruch in einer Person. Da die Personen am Tisch diese Frau nicht kannten, stelle ich sie der Gruppe vor. Die Frau von einem der Ranghöchsten Beamten im Land kannten die Personen am Tisch bis dato nicht – oder nur aus den Zeitschriften.

Das Offizierkasino füllte sich langsam mit meinen Freundinnen und Mädchen. Da der Leutnant mir einen ganzen Packen an Umhänger gab, verteilte ich diese an meine Mitarbeiterinnen.

Nach dem Frühstück ging ich mit Samira, Frederice und einigen Helfer und Psychologen in die anderen Gebäude und auch in die Turnhalle, um nach dem rechten zu schauen. Vor der Sporthalle war ein großes Zelt aufgebaut, in dem es das gleiche Frühstück gab wie im Offizierkasino. Da man versuchte die Gruppen gleichzeitig zu versorgen, wurde aus mangel an Platzgründen eben jenes Versorgungszelt aufgebaut.

Die Helfer, Soldaten und Psychologen waren für das Wohl der Mädchen und Frauen sehr bemüht, leider scheiterte vieles an der Sprachbarriere. Wir lernen seit Jahren die Mädchen auch in Englisch in der Schule, bzw. Frauenhäuser. Dies ist aber wie bei allen Kinder – das eine lernt besser als das andere. Zoja hatte Deutsch Studiert, so können einige der Mädchen auch diese Fremdsprache – mal mehr oder weniger gut.
Es gibt ein paar Mädchen und Frauen, die sind mit den Fremdsprachen richtig gut.
Bei denen es nicht so gut geht, wird sich schon irgendwie verständigen. Zuneigung braucht keine Sprache – man spürt diese.

Ein Unteroffizier zeigte uns eine Mobilewaschstation in der 10 Waschmaschinen und 10 Trockner standen. Bei der Flughafenfeuerwehr war ein Raum mit Berge an Kleidung eingerichtet.
Anisia, Lamis und Malika organisierten die Gruppen für die Kleiderkammer. Je 20 Mädchen und Frauen konnten sich neu einkleiden. Ob aus Angst oder Scharmgefühl nahmen sich die Mädchen nur zwei oder drei Teile an neuer Kleidung.
Frederice konnte sich dieses zurückhaltende Verhalten nicht anschauen und kramte eifrig in den Kleiderbergen – die sogar nach Größen sortiert waren, herum und reichte den Mädchen und Frauen jenes T-Shirt, Pulli, Bluse, Hose oder Kleid. „Nein, dies passt nicht zu dir. Hier nimm dies. Passt super zu deinen Augen. Nee, dies steht dir nicht. Hier diese Hose ist perfekt für dich.“
Wie schon geschrieben: südländiches Temperament.
Bis zum späten Nachmittag waren die Mädchen und Frauen neu eingekleidet.

Helfer, Psychologen und Soldaten spielten mit den Kindern. Ob in den Aufenthaltsräumen oder draußen.
Es wurde alles versucht und unternommen, damit keine Hektik entstand. Sanitäter und Ärzte schauten hier und da nach den Kindern und Frauen. Ob bei Mikado, Lotti Karotti, Spitz pass auf oder Mensch ärgere dich nicht.

Die Kinder kamen zur Ruhe, spielten und lachten. Dieses ganze Konzept war durchdacht und strukturiert. Wohlgemerkt, es waren erst 24 Stunden vergangen, als die Entscheidung fiel, dass wir alle Kinder und Frauen auf einmal ausfliegen werden.

Am Nachmittag traf meine Tochter und mein Vater ein. Amira wurde von vielen der älteren Mädchen und Frauen begrüßt. Sie hatten Amira seit vier Jahren nicht mehr gesehen. Amira hatte noch Tahmineh und Yana als Verstärkung mitgemacht.
Beide sind ehemalige Flüchtlingskinder und leben bei uns in Den Haag in der Einrichtung.
Tahmineh stammt aus dem Irak und ist hochintelligent. Sie hatte im Frühjahr 2020 in meinem Büro ihr Abitur geschrieben.
Tahmineh konnte mit viel Anlaufschwierigkeiten – durch Corona, erst dieses Jahr mit dem Studium für Lehramt anfangen.
Die 19-jährige Yana stammt aus Syrien und lernt Erzieherin bei uns in Den Haag.
Mit Amira, Djamila, Marieke, Tahmineh und Yana kommt eine junge und sehr kluge Generation an Erzieherinnen und Lehrerinnen in unsere Einrichtung, die noch vieles verändern werden und auch können.

Amira und Yana sind neben ihrem Beruf als Erzieherin noch im Team der Psychologen, und vielleicht gerade durch ihre Erlebnisse in ihrer Jugend sind sie so etwas wie Vertrauenspersonen für die Kinder und Jugendlichen.
Tahmineh und Yana können zwar kein – oder wenig Dari, bzw. Paschto. Sie können beide gutes Englisch und sind somit auch eine Unterstützung der Helfer. Es gibt bei manchen Dingen zwischen den Kulturen doch so einige Hindernisse und da ist es gut, wenn es genügend Menschen zur Übersetzung, bzw. Kommunikation gibt.

Mit den Frauen aus meinem Team und den fast doppelt so vielen Helfer, herrschte an diesem Nachmittag schon eine angenehme Balance.
Mein Vater verschaffte sich erstmal einen Überblick auf dem Areal. Mit zwei Gefreiten sammelte er Wäsche ein und erklärte Lamis und Linh die Waschmaschinen und deren Programme.
Lamis und Linh kennen meinen Vater nicht und waren sehr verwundert, dass ein Mann aus Afghanistan eine solche Arbeit macht und dazu noch die Handhabung von Waschmaschinen kennt. Es folgte eine längere Diskussion über seine Sicht bei der Gleichstellung von Mann und Frau.

Amira traf sich mit drei Psychologen und vier Helferinnen und gab schon mal die Richtung vor, wie wir (sie) in Den Haag mit den Kindern und Jugendlichen umgehen. Ja ja, meine Tochter fackelt nicht lange.

Ein Gefreiter kam verschüchtert auf mich zu und fragte, ob Ballspielen erlaubt sei.
„Natürlich können meine Mädels Fußball und Volleyball spielen.“
Aus einem anfänglichen gekicke mit ein paar Erwachsenen und Mädchen, wurde ein richtiges Fußballspiel. Nur hatten meine Mädchen dies mit der Mannschaftsstärke nicht so ganz verstanden. Wir waren 10 Erwachsene gegen 50 oder 60 Kinder.
Bei diesem Spiel ist mir nach wenigen Minuten aufgefallen, dass dieses Spiel etwas völlig anderes wahr.
Ich suchte im laufen, rempeln, abwehren und schießen, mit den Augen am Spielfeldrand nach Samira. Ich sah sie bei meinem Vater stehen und sie weinte – sie hatte es auch gemerkt.

Nach einer haushohen Niederlage gegen eine Armee Mädchen saß ich mit meinen Mitspieler, Helfer, Psychologen und Soldaten auf dem Spielfeld und analysierten das Spiel.
Ich stellte die erste Frage. Als Antwort kam der Spaßfaktor, die Bewegung, die Überzahl des Gegners, das gigantische Torverhältnis und und und.
Dies waren alles die falschen Antworten. Amira sagte es: „sie lachten, brüllten und schrieen.“ Genau das war es! Hier waren die Kinder frei und hatten keine Angst mehr.

Unsere Häuser waren in Afghanistan gut versteckt und getarnt. Mal weit abseits von Ortschaften oder sogar mitten in Städte. Wir hatten Tiere, Gärten, Spielplätze und sogar Turnräume. Bei all dem waren die Mädchen immer leise gewesen. Es bestand immer die Gefahr durch Kinderlärm entdeckt zu werden. Hier war keine Gefahr mehr.
Der Gefreite Benjamin hatte mit seiner zögerlichen Idee ein Ventil geöffnet, wofür ich ihm einen dicken Kuss gab.

Eines meiner 6 Frauenhäuser

Nach einem Tag, an dem soviel geschafft wurde, war es für mich Zeit zum aufbrechen. Den Tag über versuchte ich den mir schon angekündigten Termin zu verdrängen. Um 18.30 fuhr eine schwarze Limousine am 1. Wohnblock vor. Ich verabschiedete mich von meinem Vater, Amira und Saina, mit den Worten: „zum Frühstück bin ich wieder da.“

Zu meinem Erstaunen saß Frederice im Fond der Limousine. Jasper auf dem Beifahrersitz und ein Personenschützer steuerte den Mercedes S600.
Unser Ziel war ein geheimes Treffen gute eineinhalb Autostunden entfernt.
Es ist verständlich, dass ich die Unterhaltung im Fahrzeug und auch die Unterhaltung mit einflussreichen Personen an einem geheimen Ort nicht schreiben werde.

Spät am Abend saß ich mit Frederice und Jasper bei einem Wein in ihrem  Wohnzimmer. Frederice sprach, wie auch schon auf der Fahrt, den Gedanken an, eines der Mädchen zu adoptieren. In all den Jahren hatte ich mir darüber keine Gedanken gemacht und weiß gar nicht, wie ich dies entscheiden könnte. Natürlich wäre es für eines der Mädchen der wohl größte Glücksgriff in dessen Leben. Nur welches Mädchen sollte es sein? Das schönste, klügste oder jüngste? Das mit den „wenigsten“ seelischen Schmerzen?

Ich kenne Frederice und Jasper nun schon 14 Jahren und weiß, dass beide diesen Wunsch nicht auf dem Weg zum Einkaufen beschlossen haben. „Wie stehen Jette und Liva dazu?“ Fragte ich sie. Jette ist Anfang 30 und Liva so alt wie Amira, also 26 Jahre. „Die Kinder sind groß und stehen zu unsere Entscheidung“ , war die Antwort von Frederice.
Ich wollte und konnte an diesem Abend keine Entscheidung treffen. Dies müssen sowieso andere. Wobei wohl kaum ein Jugendamt Mitarbeiter die Lebensverhältnisse und Kontoauszüge der Petersens in Frage stellen würde.

Diese Nacht fand ich schwer in den Schlaf. Mir gingen tausend Dinge im Kopf herum. Warum bekomme immer ich solche Klötze vor die Füße geworfen? Es gibt viele Prominente, die Kinder aus sehr armen Verhältnisse adoptiert haben. Muss ich nun Nicole Kidman, Angelina Jolie oder Diane Keaton anrufen und fragen: „Hey, Mädels, wie läuft es bei euch mit euren Adoptivkinder?“

Mittwoch 18. August

Am späten Vormittag kam ich mit dem Staatsminister und dessen Frau auf dem Luftwaffenstützpunkt an. Wir drei machten einen großen Rundgang über das Areal und sahen, dass alles super lief. Es war eine Mischung von einem sehr großen Familienfest oder einer kleinen Dorfkirmes – nur dass es für den Fortbestand für diese Kirmes noch sehr sehr viele Gespräche geben wird.

Nach dem Mittagessen war eine Sitzung in dem großen Raum unterhalb des Tower mit wichtigen Menschen aus Politik, Justiz und Militär angesetzt. Da Janina, Samira und Zoja mit zu den Gründungsmitglieder der Stiftung zählen waren sie selbstverständlich bei diesem Treffen dabei. So auch mein Bodyguard. Denn er war aktiv bei diesem Einsatz dabei gewesen.

Meine Angst, dass ich als Menschenschlepperin angeklagt werden könnte, wurde am Vorabend schon ausgeschlossen. Bei dem neuerlichen Treffen wurde dies angesprochen und auch nach der Rechtslage von Staatsanwälten erörtert. Da man mir keine Bandenmäßige Aktivität in Menschenhandel vorwerfen könne – weil ich aus einer Notlage heraus gehandelt habe, würde die Staatsanwaltschaft auf eine Anklagen verzichten.
Mir fiel ein Stein vom Herzen als dies von einem Mitarbeiter aus dem Justizministerium unterschrieben wurde.

Der nächste Punkt war, dass es für Farishta, Sahrisa und Saina keine Dokumente ihrer Geburt gab. In diesem drei Fällen würde die seit 2019 bestehende EU-Apostillen-Verordnung in einem Fachgremium beraten werden, wie man diesen Kinder helfen könnte. Da eine Beschaffung der original Dokumente zur Zeit – und auch in absehbarer Zeit nicht möglich wäre. Da Farishta bei Samira bleiben werde und diese auch schon eine Adoption beantragt habe, würde es von Seiten des Sozial- und Innenministerium keine Bedenken geben. Gleiches würde auch bei Janina und Sahrisa zutreffen.
Samira und Janina haben einen genehmigten Asylantrag für die Niederlande, da ich beide gerne in meiner Nähe hätte und sie beide auch eine Kapazität in juristischen Angelegenheiten sind. Nun bleibt zu klären, wie die Niederlande mit den beiden Kinder verfahren wird. Natürlich laufen hierfür seit gestern Gespräche mit den Behörden und Ministerien in den Niederlanden.
Es kam wie es kommen musste: es wurde auch Saina angesprochen. Sehr viele Blicke in dem Raum fielen auf mich. Ich erkläre die Situation mit Lenara und dass ich mich zur Zeit nicht in der Lage sehe, ein weiteres Kind anzunehmen. Ich aber sicher sei, dass es für sie eine akzeptabele Lösung gäbe.

Nun kam der Militäreinsatz zur Sprache.
Der Gruppe wurde zuerst die Lage im Flugzeug – also in Termez, anhand den Aufzeichnungen der Satellitenbilder und Einsatzplan erklärt und gezeigt. Dann folgten Videos der Body-Cam’s der Soldaten, bzw. die Aufnahmen von Steen aus dem Flugzeug. Ich sah erneut, wie quasi live mehrere Männer gezielt getötet wurden. Mit leichtem Blick durch die Gruppe sah ich bei einigen Frauen und Männern geschockte Blicke, wenn ein 12,7 Millimeter Geschoss in einen Körper einschlug. Für mich waren diese Bilder nicht grausam, furchtbar oder schlimm. Es wurden Taliban Kämpfer aus bis zu 1100 Metern Entfernung erschossen – nicht mehr und nicht weniger. Meine Freundinnen und ich sahen auf den Bildschirmen eine Genugtuung, Befriedung oder Gerechtigkeit. Kein Mitleid oder Mitgefühl über den Tod von diesen Terroristen.

Ich weiß nicht ob man – oder ich, durch all die Jahre an Krieg und Terror abgestumpft ist oder ob der persönliche Hass gegen diesen Abschaum der Menschheit eine kleine Erlösung an Wiedergutmachung der Narben auf der Seele ist. Mir bereiten solche Bilder – wenn das Blut aus dem Körper spritzt, keine schlaflosen Nächte.

Durch die doch sehr große Entfernung könne man keine biometrische Abgliche mit Datenbanken von anderen Geheimdiensten machen. Ich glaube es ist auch nicht gewünscht, denn niemand weiß – und sollte auch schon gar nicht wissen, dass wir in Afghanistan waren.

Großes Lob gab es bei der Evakuierung selbst. Da diese sehr zügig verlief. Auch wurde das disziplinierte Verhalten der Mädchen und Frauen sehr gelobt und auch das Paarweise laufen zum Flugzeug bekam großen Zuspruch. Bei vielen Punkten in diesem Notfallplan war maßgeblich mein Bodyguard beteiligt.
Auch ihm wurde für die absolut richtige Entscheidung, bei der schnellen Planung, Organisation und Evakuierung vor Ort gedankt.

Nach über sieben Stunden Beratung und Analyse wurde von Ranghohen Beamten aus verschiedenen Ministerien dies als geheimer Anti-Terror Einsatz Einstimmig abgehackt. Der seit 6 Jahren bestehende Notfallplan kam zu den Akten und somit war der Fall abgeschlossen.

„Und die See gibt ihnen neue Hoffnung, wie die Nacht ihnen neue Träume bringt.“

Ich wollte an diesem Abend alleine sein – was bei über 600 Personen auf einem Luftwaffenstützpunkt nicht gerade leichte ist. Ich fuhr mit dem Auto meiner Tochter von Stützpunkt und fuhr planlos in der Gegend herum. Nach einiger Zeit war ich an der See. Es wurde langsam dunkel, als ich am Strand saß. Tausend Fragen und Sorgen gingen mir durch den Kopf.
In Afghanistan war es nun fast Mitternacht und ich las erschütternde Mails auf meinem Smartphone. Hilfeschreie von Freundinnen und Hiobsbotschaften von befreundeten Journalisten. Was kann ich dagegen tun?
297 Mädchen und Frauen habe ich gerettet. Was ist dies für eine geringe Zahl in anbetracht von tausenden deren Leben, die in diesem Moment gefährdet sind?

Ich hatte viele Jahre Polizisten, Beamten und Soldaten vertraut und nun ist alles zerstört – das Vertrauen sowieso. Wie konnte es so weit kommen, dass sich Soldaten kampflos den Terroristen ergeben hatten? Sie sind trotzdem der Feind der Taliban. Jeder der sich in den letzten 20 Jahren gegen die Taliban stellte, ist nun in Lebensgefahr. Ranghohe Polizisten sind mit ihren Familien untergetaucht. Soldaten verbrannten ihre Uniformen, damit die Taliban sie nicht ermordet.
In Afghanistan herrscht Anarchie und die Welt zuckt mit den Schultern.

„Und die See gibt ihnen neue Hoffnung, wie die Nacht ihnen neue Träume bringt“, sagte einst Christoph Kolumbus. Die Nacht bringt seit Jahrzehnten Alpträume und die neue Hoffnung ist vor wenigen Tagen gestorben.

Ich bin nun 41 Jahre alt und sehe mein Geburtsland das zweimal ins Chaos stürzen und kann nichts dagegen tun. Fanatische Muslime erklärten der westlichen Welt den Krieg. Wer Mohammed beleidigt, beleidigt knapp 3 Milliarden Muslime. So? Warum bringen Muslime andere Muslime um? Warum kommen muslimische Länder nicht an die Weltspitze von Technologien, Bildung und Frieden? Warum haben Männer in den muslimischen Länder eine solche Angst vor Frauen? Eure Mutter ist auch eine Frau!

Mittwoch 19. August
Happy Birthday mein Engel

Der Morgen erwachte, wie die Nacht begann – mit Sorgen.
Ich wurde im oben Bett von dem Stockbett wach und hörte meine Tochter im Bett unter mir. Sie sprach leise mit Saina über Europa. Alles wiederholt sich im Leben dachte ich bei mir.

„Guten Morgen mein Engel. Ich wünsche dir alles gute zu deinem Geburtstag“, sagte ich, als ich die Leiter von meinem Bett herunter kam. Ich nahm Amira in den Arm und drückte sie fest an mich. Wir beide wissen, dass der heutige Tag nicht ihr Geburtstag ist. Vor 14 Jahren wählte ich für sie diesen Tag, weil es der Unabhängigkeitstag von Afghanistan ist. Nach 14 Jahren steht der heutige Tag in Afghanistan nicht mehr für Unabhängigkeit. Amira sagte mir ihr Geburtstagswunsch. Ich hatte mir so etwas schon gedacht. Ich erkläre ihr die Rechtslage in den Niederlanden und ich nicht wisse, ob ich zur Zeit eine gute Mutter sein kann.

Meinen Eltern war der Geburtstagswunsch von Amira bekannt und beide waren natürlich auf der Seite ihrer Enkelin. Also machte es keinen Sinn, mit ihnen zu diskutieren. Mein Herz würde sofort dieses schöne kleine Mädchen mit nach Hause nehmen um ihm ein Elternhaus zu geben, wie es dies in Afghanistan niemals möglich wäre. Mein Verstand sagt mir, dass ich mehr als genug Probleme mit Lenara, mit der Einrichtung in Den Haag und der jetzigen Situation vor Ort habe.

Die alltägliche Besprechung stand nach dem Frühstück an. Es mussten Lösungen für die Menschen auf dem Luftwaffenstützpunkt gefunden werden.
Für 14 Mädchen und Frauen und drei Freundinnen aus meinem Team wird die neue Heimat die Niederlande sein. Dies war auch so geplant und auch organisiert.
Zwei von drei Kleinkinder sind schon bei den Behörden in Den Haag gemeldet. Auch liegen für meine drei Mitarbeiterinnen unbefristete Arbeitsverträge den Behörden vor.
Für 180 Personen waren vor eineinhalb Jahren schon Aufenthaltsanträge für ein Europäisches Land angefertigt worden und auch soweit bewilligt.
Der Knackpunkt sind nun aktuell 100 Menschen deren Asyl- und Aufenthaltensrecht für Australien genehmigt wurden, und die jetzt Notgedrungen in Europa gestrandet sind. Der letze Punkt ist der Verbleib von Saina.

Auch wenn der Notfallplan seit 6 Jahren bekannt war, muss man nun auf die Schnelle Unterkünfte für diese Mädchen und Frauen finden. Dies muss auch sozialökologisch vertretbar sein. Auch müssen Gebäude gefunden werden, wo man die Kinder unterrichten kann. An staatlichen Schulen ist zur Zeit nicht zu denken, denn die Mädchen müssten in der ersten Klasse Grundschule anfangen.
Auch wenn dies Mädchen im pubertierenden Alter – oder älter sind, kann man sie nicht in die Klassen der Altersstufen stecken.
Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man 180 oder 280 Mädchen und Frauen regional unterbringt oder im ganzen Land verstreut.
Der australische Botschafter, Damien Miller, ist zur Zeit in Oslo und wurde schon am Montag über den Fall informiert. Die Botschaft würde sich zeitnah – was auch immer dies heißen mag, darum kümmern.

Via Internet wurde auch mit dem Stiftungsrat die Idee besprochen eine gleichwertig Einrichtung, wie in Den Haag, aufzubauen. Selbst wenn man morgen solche Gebäude finden würde, braucht es für den Umbau mindestens zwei Jahre.

Nach wieder vielen Stunden der Diskussion und Organisation rauchte mir der Kopf. Auch wenn bei diesem Meeting über 50 Personen anwesend waren, wurde bei fast allen Punkten nach meiner Meinung gefragt. Schlussendlich sah ich für die Zukunft nur eine Lösung: das gleiche Prinzip wie in Afghanistan, bzw. in den Niederlande noch einmal aufzubauen.
Für eine Übergangslösung hatte auch ich keinen Rat. Also stand alles wieder auf Anfang.

Am Abend fuhr Marcel, mein Papa, Amira und ich in ein spanisches Restaurant. In all diesem Chaos wollte ich mit meiner Tochter wenigstens etwas Geburtstag feiern.

Donnerstag 20. August

Um kurz nach 7 Uhr klopfte Marcel an die Tür von unserem Schlafraum. Er hatte sich über das Internet schon einige Immobilien ausgesucht, die für uns in Frage kommen würden. Auch er favorisierte die Lösung mit dem Aufbau von Heimen für die Mädchen und Frauen. Er zeigte Amira, Samira und mir die Fotos von einem Landwirtschaftliche Betrieb, ein Pferdehof, ein ehemaliges Landschulheim, ein Gewerbegebiet, ein Haus mit einer großen Künstlerwerkstatt und sogar ein Museum.

Marcel war für den ersten Neubau in Afghanistan maßgeblich beteiligt und wenn er sich Gedanken machte, waren diese auch nicht aus der Luft gegriffen oder gar utopisch. Damals ging es um ein Gelände, welches maximalen Schutz bieten würde, abgelegen und trotzdem gut erreichbar war. Mein erstes Frauenhaus plante und zeichnete eine US-Major.
Mir tut es im Herz weh, nicht zu wissen, was nun mit diesem Gebäude geschieht. Wohnen Taliban Kämpfer in dem Haus oder haben sie es in ihrem Wahn schon gesprengt?
Nun ist eine ganz andere Situation. Wir müssen für eine bekannte Zahl an Menschen dauerhafte Unterkünfte beschaffen. Angenommen es bleibt bei „nur“ 180 Mädchen und Frauen, bräuchte es mindestens drei Gebäude – vier wären besser.
Ich sah die Preise, für die Gebäude, die Marcel ausgewählt hatte und fragte, welche Währung dies sein. „Euro“ war die Antwort. „Ein Haus mit 643 Quadratmetern Wohnfläche kostet die Hälfte von meinem Haus in der Nähe von Den Haag? Ein Pferdehof für eine Million Euro mit einem Grundstück von 30.000 Quadratmetern? Kann ich kaum glauben?“ „Wir haben immer noch eine Pandemie und zur Zeit sind die Zinsen sehr niedrig. Und mal ehrlich, wer würde in der jetzigen Zeit einen Pferdehof kaufen?“
Marcel hatte selbstverständlich auch schon mehrer Seiten der KfW Bank ausgesruckt, wo Förderprogramme für energieeffizientes Bauen und Modernisieren aufgeführt waren. Und darüber hinaus die Kreditnehmer profitieren würden und sogar einen Teil der Schuld erlassen bekommen.
Marcel ist nicht nur ein hervorragender Bodyguard, er ist auch unglaublich klug und kann wahnsinnig schnell denken.

Samira und ich können eine solche Lösung nicht alleine entscheiden. Natürlich hatte Marcel schon seine Idee auch den anderen Mitgliedern aus dem Stiftungsrat mitgeteilt.
Durch die Zeitverschiebung kam aus Australien schon ein positives Signal. In den USA war es noch zu früh um ein Feedback zu bekommen.

Nach dem Frühstück stand das nächste Meeting an, bei dem die Idee von Marcel in der Runde von Beamten, meinem kompletten Team und dem Stiftungsrat – zum Teil via Internet, diskutiert wurde. Eine Summe 6 Millionen Euro stand im Raum.

Eine Mitarbeiterin aus dem Innenministerium sagte, dass für eine
Übgangslösung eine ältere Liegenschaft vom Heer in Betracht gezogen werden könnte. Diese könnte bereits Mitte bis Ende September bezogen werden.
Am Ende der Stundenlangen Ausarbeitung wurde das nächste Meeting für diesen Punkt auf Montag verlegt.

Freitag, 21. August

Saina schlief in meinem Arm ein und ich müsste mich auch irgendwann entscheiden. Kann ich überhaupt diesem Kind eine gute Mutter sein wenn in – was ich hoffe, einem Jahr Lenara aus dem Krankenhaus kommt? Meine Eltern leben seit Frühjahr dauerhaft in meinem Haus und ich weiß, dass sie alles nur erdenkliche für Saina tun werden. Problem war der Platz in meinem Haus. Ich kaufte dieses Haus, um ein Behindertengerechtes Zimmer und Bad für Lenara zu haben. Nun müsste aus meinem Arbeitszimmer ein Kinderzimmer werden. Dies wäre nach Aussage von meinem Vater natürlich das kleinste Problem.

Am Abend sprach ich lange mit meiner Mutter und einen Satz hat sich mir ins Gedächtnis gebrannt. „Nila, ich kenne dich so gar nicht! Bist du so rational im Denken geworden?“ Bin ich dies? Habe ich mich in der letzten Zeit so verändert? Wenn ja, was hab mich verändert?

Ich sah bei dem wenigen Licht, dass von draußen durch den Vorhang schien, nach links zu Samira und Farishta. Farishta lag eng im Arm von Samira und beide sahen so friedlich aus.
Farishta wird eine unglaublich intelligente und taffe Mutter bekommen. Mit aller Wahrscheinlichkeit würde Farishta Jura studieren und in die gleiche Richtung wie ihre Mutter gehen. Wir Erwachsene sind der Spiegel der Kinder.

Nach dem aufstehen kümmerte sich Amira sehr fürsorglichen um Saina. Die Morgentoilette wurde für Saina in den wenigen Tagen selbstverständlich. Saina hatte ein sehr gutes Vertrauen zu Amira bekommen. Amira kann definitiv mit Kinder umgehen. Sie wäre die perfekte Schwester.

Mit Marcel und meinen Vater ging ich auf dem Sportgelände joggen und sprach meine Entscheidung bezüglich Saina an. Wie zu erwarten war, waren beide mit meiner Entscheidung einverstanden. Marcel werde selbstverständlich die Patenschaft übernehmen. Mein Vater hatte Tränen in den Augen. Also musste nun auch das Familienministerium in den Niederlande über meinen Entschluss informiert werden. Da mein Name und Arbeit durch Lenara dem Ministerium bekannt ist, wird dies wohl die kleinst Hürde in der Europäischen Bürokratie und Rechtslage sein.

Am Vormittag rief ich einen befreundeten Staatsanwalt an und teilte ihm meinen Entschluss mit. Er würde sich um alles weitere kümmern, wenn ich ihm alle bis jetzt bekannte Daten und Informationen über Saina schicken würde.
Auf seinen Rat hin, sollte ich auch das Familienministerium informieren, nicht das sich ein paar Beamte übergagen fühlen und sich quer stellen.
Ich rief die Leiterin der Fachabteilung in Den Haag an und teilte ihr meine Entscheidung mit. Ihr schickte ich den gleichen Inhalt als Mail, wie wenige Minuten zuvor an den Staatsanwalt.

Am Nachmittag bekamen wir Besuch von einem Imam aus der Hauptstadt, der dort ein Islamik Center leitet. Die Teamleiterinnen von mir waren bei diesem Gespräch dabei. Da nicht nur ich mit dem Islam auf Kriegsfuß stehe, musste ich dem Imam, Waseem Hussain, erstmal meine Haltung gegenüber dieser Religion erklären. Zu meinem Erstaunen sah Hussain dies ein und versicherte uns, dass an seiner Moschee ein solcher Glauben nicht gewünscht und schon gar nicht gefördert wird. Alles, bis auf das Gebet, würde in der Landessprache gesprochen.
„Schau Nila, vor vielen Jahren haben sie gesagt: Lernt die Sprache, dann gehört Ihr zu uns. Also haben die Leute begonnen, die Sprache zu lernen. Dann haben sie gesagt: Nein, Ihr braucht erst Arbeit. Also haben sich die Leute Arbeit gesucht. Dann hieß es: Nein, Ihr braucht auch eine gute Ausbildung. Also jedes Mal, wenn die Leute die Bedingungen erfüllt haben, um sich zu integrieren, haben sie die Bedingungen geändert. Dies ist ein Problem der Muslime in Europa.“

Ich sagte ihm wie wir in Den Haag dies handhaben. Natürlich sind die meisten Kinder – und junge Erwachsene Muslime. Wir haben aber auch Kinder andere Konfessionen in der Einrichtung und halten an einem Ökumenischen Gottesdienst fest. Auch müssen die Mädchen keinen Hijab tragen, denn da berufe ich mich auf die Sure 2 Vers 256. In dem es heißt: Es gibt keinen Zwang in der Religion. Oder in Sure 33, Vers 59 heißt es: Frauen sollten in der Öffentlichkeit „etwas von ihrem Überwurf“ über sich ziehen. Es wird aber nicht geschrieben, welcher Teile des Körpers verdeckt werden soll und ob dies auch die Haare betrifft. Also steht es den Mädchen und Frau frei, wie sie sich kleiden.

Ava, Janina, Samira und Zoja sagten, wie sie es in Afghanistan in den letzten Jahre hielten. Lediglich bei Aufenthalten außerhalb der Häuser, kleideten sich die Mädchen und Frauen nach der Islamischen Kleiderordnung. Janina lehnte kategorisch eine vorgegebene Kleiderordnug für die Mädchen und Frauen ab. Gerade in Europa sei es ohnehin für Muslime schwierig, was ja auch Waseem Hussain bestätigte. Ein Stück Stoff kann und darf nicht über einen Glauben bestimmen.
Ich merke, dass die Versuche von Hussain den Islam zu rechtfertigen bei modern denkenden Frauen auf mehr Widerstand traf, als er es sich vielleicht im Vorfeld dachte.
Er würde uns gerne zu einem Besuch in der Moschee einladen und auch beim nächsten Freitagsgebet unsere Situation ansprechen und um Spenden für uns bitten. Dieser Punkt traf bei Samira voll ins Schwarze. „Wir haben 14 Jahre ohne Spenden von Religiösen Einrichtungen gelebt, und werden dies auch in Zukunft so handhaben.“
Samira ist in ihrem Beruf als Anwältin ein Ausnahmetalent, in der Zwischenmenschlichen Beziehung fehlt ihr oft die Kontenance. Zoja griff sofort ein und würde sich auf einen Besuch der Moschee freuen, um zu sehen, wie er in Europa den Islam predigt.

Samstag, 22  August

Um den Kinder und Frauen das Land zu zeigen, in dem sie sich zur Zeit befinden, wurde eine Bustour mit 6 Bussen organisiert. Drei der Busse waren Doppestockbusse. Natürlich wollten viel Kinder oben an der Frontscheibe sitzen.
Amira, mein Vater und ich teilten uns in drei Busse auf und machten die Reiseführer. Da auch Janina, Samira und Zoja hin und wieder in Europa waren, konnten auch sie einiges in den anderen drei Bussen erzählen.

Unser Ziel war das Meer. Da ich mit dem Rücken in Fahrtrichtung stand, konnte ich die Mädchen und Frauen im Untergeschoss von dem Bus beobachten, wie sie sich die Landschaft, Dörfer und Städte anschauten.
So ähnlich nahm ich 1990 auch Deutschland war. Ich kann mich an so vieles erinnern, was ich damals links und rechts der Autobahn oder in und um Stuttgart sah.

An unserem Ziel angekommen, war für alle der Blick auf die See überwältigend. Sand wurde in den Händen gerieben und dieser fühlte sich so ganz anders an, als in Afghanistan.
„Und die See gibt ihnen neue Hoffnung, wie die Nacht ihnen neue Träume bringt“ , sagte ich im Arm von meinem Vater und hatte Tränen in den Augen. Wortlos gab mein Vater mir einen Kuss. Wir beide verstehen uns ohne viele Worte.

Es gingen 300 Menschen an einem Stand in einem Fremden Land spazieren und alle hatten eine Flucht hinter sich.
Als Betreuer der Gruppen fuhren einige Helfer und auch Psychologen mit. Frederice und Jasper waren auch dabei. Ich sprach zu den Psychologen, dass sie jegliche Art von Therapien machen können, wenn die Basis nicht gebaut ist, wird es kaum Erfolge geben. Hier an diesem Strand erlebeten die Mädchen und Frauen Ruhe, Sicherheit und Freiheit. Dies ist die Basis um ein normales Leben – irgendwann, führen zu können. Es braucht Jahre – wenn nicht gar Jahrzehnte bis die Narben auf der Seele verheilt sind.

Abschalten bei einem guten Wein

Nach einem herrlichen Tag am Meer, saß ich mit Amira, meinem Vater, Marcel, fast allen Frauen aus meinem Team, Frederice und Jasper, einigen Helferinnen und zwei Psychologinnen im Offizierkasino bei Wein, Käse und Oliven.
Samira erzählte Smilla und Mille, die beiden Psychologinnen und den anderen in der Runde, welche Traumata die meisten Mädchen und Frauen haben. Wie zu erwarten, konnten sie sich dies nur im Ansatz vorstellen. Dunya, Janina, Lamis und Linh zeigten einige Fotos aus ihren Dokumentationen aus den anderen Häusern von uns.
Die Helferinnen und Psychologinnen gaben seit Dienstagnacht ihr Bestes, um zu helfen und zu unterstützen. Für diese Leistungen muss ich auch mal ein ganz großes Dankeschön aussprechen.

Sonntag, 23. August

Um 10.30 Uhr trafen sich alle 297 Personen in einem Flugzeughangar, um die vergangene Woche zu analysieren und auch alle auf den neusten Stand zu bringen.
Uns in der Leitung ist es wichtig, dass wir Transparenz zeigen – oder auch Dinge besprechen, die verbessert werden könnten.
Samira gab einen kurzen Abriss der letzten Tage und was wie geplant oder schon in den Vorbereitungen sei.
Die älteren Mädchen und junge Frauen, die keine Mitarbeiterinnen von uns sind, fühlen sich gelangweilt. Sie wollen helfen – etwas tun und arbeiten.
Die jüngeren Mädchen fanden alles prima, möchten aber gerne weiter lernen.

Nach dem Mittagessen trafen wir uns in der Kommandantur um über die Wünsche der Mädchen und Frauen zu beraten.
Dunja gab eine Liste heraus, auf der die Arbeit und Tätigkeiten der Frauen standen, die in Afghanistan für den Betriebsablauf der Häuser zuständig waren. Den Köchen und Küchenpersonal wäre eine Unterstützung sehr recht. Denn auch sie kamen nach einer Woche bei so vielen unbekannten Mahlzeiten an ihre Grenzen. 27 Frauen wurden so schon von der Liste gestrichen.
Lamis würde 10 Frauen für die Wäscherei abstellen. Nochmals 10 Namen auf der Liste weniger.
37 junge Frauen von 145 war zwar ein Lichtblick, aber nicht befriedigend. Ein Leutnant hatte die Idee, dass man den anderen Frauen doch einen Sprachkurs anbieten könnte. Wie? Wer sollte dies tun? Es müsste jemand sein, der die Landessprache und Paschto kann.
Blöder Einfall. Wurde dem Leutnant dann auch bewusst. Er meinte es ja nur gut.
Frederice sagte frei heraus was sie dachte, „Die Botschaft von Afghanistan soll sich mal bewegen.“ Ihr Mann schüttelte energisch den Kopf, „Nicht gut! Gar nicht gut! Die brauchen nicht zu wissen wo wir am Montag waren.“ Marcel blies vor Erleichterung hörbar die Luft aus.
Der Leutnant brachte einen neuen Gedanken in die Runde. Er würde die Standortverwaltung fragen, ob sie nicht eine Verwendung für ein paar Frauen hätte.
Dies wäre mal wieder ein kleiner Schritt für ein paar Frauen zu beschäftigen.
Dieser Vorschlag brachte auch große Zustimmung.
Samira sah mich denken und wusste es, ohne das ich es aussprach. „Dann ruf an und frag ihn.“ Ich rief Waseem Hussain an und fragte ihn, ob in seiner Moschee auch Männer oder Frauen aus Afghanistan wären. Acht Frauen und neun Männer wären aus Afghanistan in seiner Gemeinde. Ich sagte ihm, vor welchem Problem wir aktuell standen und ob es eventuell zwei oder drei Personen gäbe, die sich als Lehrer_innen für einen Sprachkurs zur Verfügung stellen würden.
Er würde mich zurück rufen.

Ein zivilangestellter der Standortverwaltung kam kurze Zeit später in den Raum und meinte, dass es durchaus einige Arbeiten für die Frauen gäbe. Die Wohnblöcke und Turnhalle könnten einige Frauen sauber halten. Er drückte sich sehr gepflegt aus, denn er wollte diese Arbeiten nicht herabstufen. Er könnte sich diese Aufgabe für 20 Frauen vorstellen.  5 Pro Wohnblock und 5 für die Turnhalle.
Wäre besser als gar nichts. Also konnten wir nochmals 20 Frauen von der Liste abziehen.
Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen.

Bei allem Denken und Überlegen fiel sonst niemand mehr etwas ein.

Am frühen Abend rief Waseem Hussain an und sagte, dass er zwei Frauen hätte, die in Afghanistan Lehrerinnen waren, aber seit Jahren nicht mehr in dem Beruf gearbeitet hätten, weil sie in Europa keine Zulassung für ihr Studium und Beruf bekamen. Er gab mir deren Handynummern und ich rief sofort an.

Maryam Rawan, ist mit ihrem Mann vor 7 Jahren aus Afghanistan geflohen. Bei einem Anschlag der Taliban wurde vor 9 Jahren ihrer Tochter getötet. Sie konnte nicht mehr in Afghanistan bleiben. Zu groß war der Schmerz, die Angst und Trauer. Sie würde uns sehr gerne helfen, so hätte sie endlich eine Aufgabe. Sie würde morgen schon vorbeikommen. Auch hätte sie mit Zeina Karimi gesprochen und auch sie würde helfen. Zeina stand auch auf meinem Zettel. Janina und Samira hörten bei dem Gespräch mit uns sagten, „wir kommen heute schon zu euch.“

Mit dem schnellen Auto meiner Tochter fuhr ich die 120 Kilometer zu Maryam in einer dreiviertel Stunde.
Zu unserem Erstaunen sahen wir, dass Maryam in unserem Alter war. Zeina war 49 Jahre alt. Sie kam kurz vor uns am Haus von Maryam an. Es gab eine kurze Vorstellung und wir waren von der ersten Sekunde auf einer Linie.
Bei Tee und Qabuli Palau (Reis mit Lammfleisch und Rosinen) schilderten wir unser Problem. Dies war sehr schnell besprochen und wir hatten zwei Lehrerinnen im neuen Team.
Maryams Mann, Rahimi, sei Architekt mit einem kleinen Büro und zwei Angestellten. Als er dies beim Essen sagte, fiel Janina die Gabel aus der Hand. Ich konnte gar nicht so schnell denken, wie Janina sprach. Ich rief Marcel an, er sollte mir seine Fotos von den Gebäuden schicken, die er ausgesucht hatte. Rahimi stand völlig auf dem Schluch und wusste gar nicht um was es ging. Es dauerte eine Zeit, bis er verstanden hatte, warum wir alle in diesem Land sind. Die Fotos von Marcel klären auf, was unser nächstes Problem war.

Nach dem Essen wurde sehr viel persönliches geredet und unser erster Eindruck passte auf die drei immer mehr. Es flossen so einige Tränen an dem was sie in Afghanistan erlebt hatten. Es gibt wohl kaum eine Familie in Afghanistan oder im Exil, die von Krieg und Terror verschont wurde.

Rahimi kam gegen Mitternacht zu uns Frauen und sagte, welche Gebäude er als Optionen sehen würde. Das Landschulheim, das Haus mit der großen Künstlerwerkstatt und der Pferdehof.
Der ehemalige Landwirtschaftliche Betrieb hätte ein schönes und großes Haus, Scheune und Viehstall. Aber die Umbauarbeiten von einem Viehstall in ein Wohnblock würden in keiner Relation stehen. Ich sagte ihm, dass ein Pferdestall auch umgebaut werden müsste. „Richtig. Dieses ganze Anwesen ist jetzt 15 Jahre alt. Was ich auf den Fotos sehe, ist dies alles sehr hochwertig und gepflegt.“ Hochwertige ist auch der Kaufpreis von einer Million Euro. „Das Haus hat schon 10 Zimmer auf 360 Quadratmetern Wohnfläche und ein Grundstück von 30.000 Quadratmetern. Man könnte dieses Land verpachten oder bebauen. Lasst uns die Gebäude anschauen, dann kann man immer noch entscheiden.“
Da Rahimi im Internet die Grundpläne der Gebäude fand, hatte er Notizen und Skizzen beigefügt, wie er es sich vorstelle. Das Noch-Museum und der Gewerbebetrieb waren sehr groß und recht Preiswert. Allerdings waren bei beiden Gebäude die Decken sehr hoch und um dort Zwischendecken einzuziehen, sah er als utopisch an. Machbar schon – aber viel zu teuer. Na gut – er ist der Fachmann.
Rahimi würde sich um eine Zeitnahe Ortsbesichtigung kümmern.

Montag, 24. August

Wie schon am Donnerstag besprochen wurde, war heute das nächste Meeting bezüglich einer Übergangslösung für die Mädchen und Frauen. Bis zum Nachmittag konnten wir in einem kleinen Team schon die Punkte sammeln, die wir bis dato wussten.

Um kurz nach 8 Uhr trafen Maryam und Zeina auf dem Militärstützpunkt ein. Sie brannten regelrecht danach loslegen zu können.
Also ging Samira und ich mit ihnen zur Kommandantur, um nach Räumen zu fragen, die wir als Klassenzimmer benutzen können.
In jedem Wohnblock war ein Schulungsraum, bei der Feuerwehr konnten wir einen Raum bekommen. Vier Räume! Wie sollte man so viele Mädchen und Frauen in diese vier Räumen packen?
Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen.

Die Sporthalle konnte nicht genutzt werden, da diese am Montag als Schlafunterkunft Zweckentfremdet wurde.
Schlussendlich fanden wir noch drei Räume in den Garagen der Standortverwaltung. Mit diesen 7 Räumen konnte man arbeiten -‚wenn man Material hätte. In den drei Schulungsräume und bei der Feuerwehr waren Tische, Stühle, Tafeln und sogar Multimedia vorhanden.
Tische und Stühle wären für die drei Garagen kein Problem.
Ich rief Frederice an und schilderte das nächste Problem: Tafeln, Hefte und Stifte. Sie würde sich sofort darum kümmern.

Im Offizierkasino war mein komplettes Team versammelt. Da Anisia und Soma in Gardez schon für den gesamten Betriebsablauf zuständig waren, hatten sie auch hier alle Personenbezogene Punkte unter sich. Sie wussten wer in der Küche arbeitet oder für die Wäscherei zuständig ist. Beide hatten seit Mittwoch auch ein eigenes Büro. So konnten beide in wenigen Minuten einen Plan für alle Klassen, Räume und Lehrerinnen erstellen.
Ein Leutnant aus der Kommandantur konnte diese professionelle Geschwindigkeit von Anisia und Soma gar nicht glauben.

Nach dem Plan von Anisia und Soma wurden alle Mädchen und Frauen auf die Räume aufgeteilt. Im Team wurde besprochen, dass wir Englisch, Mathematik, ein freiwählbares Fach der Lehrerinnen: wie etwa Geografie, und eben den Sprachkurs abhalten werden. Der Einfachheit halber werden die Lehrerinnen die Klassenräume wechseln.
Auf dem Luftwaffenstützpunkt war ein gewusel wie in einem Bienenstock. Es wurden geräumt, Tische hin und her geschoben und Stühle zusammen getragen.

Samira, ich und der Major vom Stützpunkt sahen diesem Treiben aus dem Fenster von unserem Schlafraum zu. Mittlerweile war dieser Raum auch unser Büro und Besprechungsraum geworden.
Zoja ist die Chefin der Finanzen und war mit Marcel, Frank aus den USA und Erik aus den Niederlande via Skype an einer Ausarbeitung über ein Finanzierungskonzert beschäftigt.

Der Major zog einen Stuhl heran und setzte sich in der Runde dazu. Ihm war es nicht recht, dass Kinder in einer Garage unterrichtet würden. Ich zeigte ihm Fotos von Schulen in Afghanistan, wo die Wände zerschossen waren. Fenster mit Folie notdürftig repariert und es keine Möbel gab. „Oh my God“ „Ja. Glauben Sie mir, jede Garage oder Kellerraum in Europa ist der reinste Luxus. Die Garagen sind hell, trocken und warm – mehr braucht es nicht.“ „Ich muss euch doch mal etwas sagen. Als ich vor einer Woche den Anruf von Herrn Petersen bekam, mit der Bitte den Stützpunkt zu räumen und eine Infrastruktur für 300 Mädchen und Frauen aufzubauen, dachte ich, hier bricht das große Chaos aus. Was ihr in den wenigen Tagen auf die Beine gestellt habt, verdient den allergrößten Respekt. Ohne Chaos habt ihr alles unglaublich schnell organisiert. Frauen helfen wo auch immer es geht. Ihr habt Ordnung in der Struktur bei allem was hier geleistet wurde und wird. Ihr habt zwei migrierte Lehrerinnen rekrutiert. Nun die Klassenräume. Jetzt seid ihr an einem Finanzierungskonzert beschäftigt. Also, wenn ihr einen Job wollt, hier in der Kommandantur könnte ich euch sehr gut gebrauchen.“ Samira grinste breit. „Wir haben alle einen Job. Leider noch ein paar Probleme die wir lösen müsse.“ Der Major nickte Samira zu. „Egal was ihr braucht, ich werde alles tun, um euch zu unterstützen. Ich weiß, dass Sie mit Frau Khalil in die Niederlande gehen werden. Auch weiß ich, dass 100 von euch nach Australien gehen werden. Solche Kapazitäten wie Sie es sind, bräuchten wir dringend. Sie alle sind Kriesenerfahren, professionell in der Struktur von hunderten Menschen und wissen worauf es ankommt. Im Militärischendienst wären Sie sofort an der Spitze der Leitung.“

Bis zum Mittagessen waren die Klassenräume und Garagen eingerichtet. Lediglich die Tafeln für die provisorischen Klassenräume in den drei großen Garagen fehlten.
Frederice rief mich an, als Samira, der Major und ich die Inspektionstour machten.
Sie hatte bei einem Großhändler zwei Karton mit DIN A4 Hefte und fünf Karton mit Schulmäppchen, wie wir diese alle aus der Grundschule kennen, für alle Mädchen und Frauen gekauft. Die Tafeln würden morgen geliefert werden.

Um 14 Uhr begann das Meeting um eine Übergangslösung für die Mädchen und Frauen zu finden.
Vom Innenministerium kamen zwei Frauen, wobei ich eine schon kannte, und zwei Männer. Der Regionsrat (sowas wie Ministerpräsident von einem Bundesland in Deutschland) war mit vier Mitarbeiter eingetroffen. Der Staatsminister mit Frau, der Major und dann mein kleines Team mit: Anisia, Soma, Samira, Janina, Marcel, Zoja und Ava.

Als erstes erklärte Samira die Struktur von unseren Häuser in Afghanistan.
Jasper stellte den Stiftungsrat vor und auch, dass dieser aus Steuerlichen Gründen seit 14 Jahren in diesem Land eingetragen, und er und seine Frau auch seit dieser Zeit im Vorstand seien.
Anisia stelle die aktuelle Lage auf dem Luftwaffenstützpunkt vor und Marcel sprach die Überlegungen von eigenen Immobilien an und wo bis zum jetzigen Zeitpunkt die Finanzierung stand.
Das was alles von unserer Seite.

Ein Mitarbeiter von Regionsrat fügte an, dass er vom Innenministerium über eine Lösung mit einer Liegenschaft vom Heer informiert wurde – und es auch eine solche gäbe. Diese Liegenschaft wäre in dieser Region und somit wäre der Regionsrat dafür zuständig. Ob diese nach den Vorgaben vom Innenministerium bis Mitte oder Ende September bezugsfertig wäre, könnte er nicht garantieren.
Diese Aussage brachte den Major zum grinste. Er erklärte mit welchem Volldampf (original Wortlaut) auf diesem Stützpunkt eine funktionierende Infrastruktur aufgebaut wurde. Gerne könnte man sich davon selbst überzeugen.

Der Major übernahm bei diesem Meeting die Leitung und hielt jedem Argument entgegen. Er lies nicht locker, bis alle der Meinung waren, man sich doch selbst ein Bild davon machen möchte.

Der ganze Tross fing im ersten Wohnblock an, wo Shazia, Ayesha, Shindara, Tuyaara und Metra am putzen waren. Sie wurden von der Standortverwaltung mit allem versorgt, was sie für diese Arbeit brauchten.
Ayesha sah die Gruppe von Menschen kommen und wurde star vor Angst. Ava ging sofort zu ihr und hielt sie fest. Auf die Fragenden Blicke der Gruppe sage ich, „Ayesha ist jetzt 26 Jahre alt. Ihr wurde mehrfach das Bein gebrochen. Sie wurde von ihrem Mann jahrelang in einem Käfig eingesperrt und hundertfach vergewaltigt. Ihr Mann starb eines Nachts im Bett neben ihr und sie brauchte zwei Tage, bis sie sich aus dem Käfig befreien konnte. Ihr Bein konnten die Ärzte in Afghanistan nicht mehr richten. Ayesha wird durch diese Traumata nie alleine leben können. Man kann ihr auch sonst wenig Aufgaben geben, weil sie psychisch am Ende ist. Sie redet nicht viel und sitzt manchmal stundenlang apathisch in einer Ecke. Unsere Gruppe hat ihr jetzt sehr viel Angst gemacht. Daher ist Ava sofort zu ihr. Es kann sein, dass Ayesha nun wieder in ein Loch fällt und sie zusammenbricht.“
Ich sah in Fassungslose Gesichter.

Die Gruppe ging noch in das Klassenzimmer, wo Dunya mit einer Gruppe von Mädchen, die über 16 Jahren waren, Englischunterricht machte. Erstaunte Blicke von fast allen aus der Gruppe. Der Major lies es sich nicht nehmen, seine Einschätzung von uns allen als positive Bestätigung zu sehen.

Den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen von Innenministerium und auch vom Regionsrat reichten die zwei Punkte. Sie brauchten und wollten keine weitere Bestätigung. Also entschied man, dass man die knapp 50 Kilometer zu der Liegenschaft fahren werden, um sich vor Ort einen Eindruck zu machen.

Samira und ich fuhren im Auto von Jasper und Frederice mit. Jasper sagte uns, dass sich Australien in Bezug auf die Asyl- und Aufenthaltsanträge quer stellt. Sein Stab wäre aber in Verhandlungen für eine positive Lösung. „Soll heißen?“ „Nila. Lass uns mal machen. Was die Damen und Herren von Innenministerium persönlich gesehen haben, kommt uns zugute.“

Ein Convoy von mehreren Fahrzeugen fuhr vor dem ehemaligen Wachhaus vor und zwei Männer von einem privaten Security Dienst waren sehr erstaunt.
Jasper, der Major, die eine Frau vom Innenministerium und ein Mitarbeiter von Regionsrat klärten die Männer auf.

Der Tross folgte dem Sicherheitsmann auf seinem Fahrrad zum ersten Wohnblock.
An der Straße und Bürgersteig wuchs das Unkraut. Die Grünflächen links und rechts der Straße wurde schon lange nicht mehr gemäht.
Am ersten Wohnblock angekommen, hatte der Sicherheitsmann etwas Probleme die Tür auszuschließen. Staub und Dreck lag an der Tür.
Im Gebäude roch es etwas modrig. Im Flur stand ein Tisch, etwas Gerümpel und Rohre von einer Lüftung oder so was ähnliches.
Dieses Gebäude hatte mit dem auf dem Luftwaffenstützpunkt gar nichts gemeinsam. Im Erdgeschoss waren circa 10 Räume. Drei konnten Büros oder Zugführerraum gewesen sein. Dann ein kleiner Raum, der eine Art Wache war. Die übrigen Zimmer waren die Stuben der Unteroffiziere. Im zweiten und dritten Stock waren 14 Zimmer der Mannschaften, ein großer Wasch- und Duschraum und ein Raum mit 7 Toilettenkabinen. In einigen Schlafräumen standen 6 bis 8 Stockbetten und Spinde. In anderen nur 4 Betten oder nur Spinde.
Es sah so aus, als ob sich einige Leute an dem Inventar bedient hatten.

Da die anderen Wohnblöcke auch so aussahen, rechnete ich bei 30 Schlafräumen mal 6 Personen. So bräuchten wir zwei Wohnblöcke. Wäre super.
Ich sprach meine Rechnung an und sofort wurde diese verworfen. „Die Gebäude müssen sowieso unterhalten werden, dann kann man auch drei Wohnblöcke beziehen.“  Das diese Aussage von einem Mitarbeiter des Regionsrats kam, erstaunte mich. „Positive Lösung“, sagte Jasper leise und grinste mich an.

Das Offizierkasino auf dem Gelände war größer als das auf dem Luftwaffenstützpunkt. Hier wurden früher bei weitem mehr Soldaten versorgt. Dies würde für unsere Verpflegung völlig ausreichen.

Beim Rundgang über das Gelände wurde besprochen, wer für die Instandsetzung welche Aufgaben hätte und das man sich diese Woche schon an die Arbeit machen würde. Da wir über eine beachtliche Zahl an Frauen verfügten, würden wir uns um die Sauberkeit der drei Wohnblöcke und Offizierkasino selbst kümmern.
Es wurde auch beschlossen, dass man die Schlafräume zu je 4 Mädchen oder Frauen belegen möchte. Auch würden je vier Räume im Erdgeschoss als Klassenzimmer genutzt werden.
Frederice würde sich um Großhändler für Essen und Getränke kümmern.

Dienstag, 25. August

Mit Marcel, meinem Vater, Zoja und Samira trafen wir uns mit Jasper und Rahimi um 8.30 Uhr an dem ehemaligen Schullandheim. Das Gebäude machte auf den ersten Blick einen guten Eindruck.
Die Eigentümerin war eine ältere, sehr nette Frau. Ihr Mann sei vor zwei Jahren gestorben und sie könne dieses Haus nicht mehr bewirtschaften. Schweren Herzens hatte sie sich vor einem Jahr entschlossen, dass Haus zu verkaufen. Sie könne keinen Kinder mehr eine Freizeit bieten und würde mit dem Geld von dem Verkauf der Immobilie sich ein Apartment in einem Mehrgenerationenhaus kaufen.
Jasper erklärte ihr den Grund, warum wir dieses Haus in Betracht ziehen würden. Die Frau konnte dies alles gar nicht glauben.
Bei dem Rundgang sahen wir ein sehr gepflegtes Anwesen und wir könnten ohne viel Umbauarbeiten 74 Mädchen und Frauen sofort unterbringen. Dieses Haus ist perfekt für uns. Alles ist da. Küche, Geschirr und Möbel. Selbst im Wohnhaus könnten vier Mitarbeiterinnen wohnen. Vieles an Einrichtung würde im Haus zurück bleiben.
Jasper hatte sogar schon einen Vorvertrag vorbereitet. Er füllte die Namen, Adresse, Kaufpreis und andere relevante Daten aus. Als die Frau das Briefpapier mit dem Wasserzeichen sah, staunte sie nicht schlecht.

Auf der Fahrt zur nächsten Immobilie, lies mich der Gedanke nicht los, dass die Frau doch weithin in dem Haus wohnen könnte. Wenn sie ihr lebenlang Kinder- und Jugendfreizeiten machte, wäre sie eine große Ergänzung für uns. Dann könnten wir dieses Haus auch auf Mietbasis kaufen. Über meine Idee würde sich der Stiftungsrat Gedanken machen. Ich halte mich bewusst aus solchen Dingen raus. Dies sollen die entscheiden, die es können und dafür zuständig sind.

Der Pferdehof war die nächste Adresse. Das ganze Anwesen konnte man locker zur gehobenen Klasse zuordnen – auch der Preis. 10 Zimmer hatte das Wohnhaus! Wer putzt die Hütte, ging es mir durch den Kopf als wir im Haus waren. Die Immobilie wurde 2006 gebaut und hat zwei riesige Ställe, ein Doppelstöckiges Gästehaus mit 60 Zimmer und ein Großküche. Der Innenhof ist groß und in der Mitte ist ein kleiner Park mit Bäumen, Wiese und Bänke.
Rahimi und Marcel maßen die zwei Ställe aus. Dort könnte man locker je 30 Zimmer, mit Nassmodule (vorgefertigte kleine Badezimmer mit Toilette) einbauen.

Bei dieser Größe von den Gebäuden  brauchten wir die dritte Immobilie nicht mehr anzuschauen. Rahimi schätze die Umbauarbeiten auf 500.000 Euro.

Das Landschulheim könnte sofort bezogen werden. Das Gästehaus von dem Pferdehof auch. Das Wohnhaus wäre ab Januar 2022 bezugsfertig.
Wenn wir das Gästehaus mit je drei Personen belegen, bräuchte man noch nicht einmal die Ställe umzubauen. Wenn die 100 Personen, wie geplant nach Australien gehen, reicht der Platz locker aus. Dann müsste man doch noch die dritte Immobilie anschauen, weil diese doch erheblich billiger ist, als dieser Pferdehof.
Auf meine Frage, warum wir nicht auch in Erwägung ziehen sollten, die Gebäude der Liegenschaft zu mieten oder kaufen, wurde mir gesagt, dass die Gebäude zu alt und zu unwirtschaftlich seien.

Jasper sagte in die Runde, dass sein Stab dabei sei, die Asyl- und Aufenthaltsanträge für die 100 Person, die nach Australien gehen sollten / wollten, nun auf dieses Land genehmigt werden. Samira, Zoja und mir kamen die Tränen. „Ich, wie auch Mary, möchten euch in eurer Gemeinschaft erhalten. Ihr alle habt zu viel erlebt und da sollte man euch nicht trennen. Was gestern von den Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen vom Ministerium gesehen wurde, hatte sich gestern bis Mitternacht noch sehr weit herumgesprochen.“
Ich umarmte Jasper und gab ihm einen Kuss.

Da wir nun schneller als erwartet zwei perfekte Immobilien gefunden haben, brauchen wir die Gebäude der Liegenschaft nicht mehr.
Mit Hochdruck wurde am gleichen Abend an einem Finanzierungskonzert für den Pferdehof gearbeitet. Das Landschulheim war für die Finanzierung das kleinste Problem. Diese Immobilie kann sofort gekauft werden.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Afghanistan, Nila Khalil am von .

Über Nilakhalil

Mein Name ist Nila. Ich wurde 1980 in Afghanistan geboren. Als der Krieg der Sowjets bereits 10 Jahre dauerte und die Lebensverhältnisse immer schlechter wurden, bin ich im Frühjahr 1990 mit Verwandten, ohne meine Eltern, sie hatten das Geld für ihre Flucht nicht, nach Deutschland geflohen. Die Flucht ging über den Iran, Türkei, Bulgarien, Rumänien, Österreich bis schließlich nach Deutschland. Ich erlebte als Kind Tod, Gewalt, Hass, Hunger und Angst. Zu Beginn unserer Flucht trat mein Cousin auf eine Landmine und wurde buchstäblich wenige Meter neben mir zerfetzt. Der Krieg und aufkommende Terror der links und rechts von uns tobte, ließ uns nur Nachts wandern. Die Gefahr aufgegriffen zu werden, war zu groß. Flüchtigslager im Iran Im Iran lebten wir zwei Wochen in einem Flüchtigslager mit vielen anderen Afghanen. Zu viel Gewalt und zuwenig Toiletten war eine unerträglich Situation. Meine Onkel beschloss, dass es keine Sinn machen würde im Iran auf irgend eine Besserung zu warten. Ein Fahrer mit einem Pickup sollte unsere kleine sieben köpfige Gruppe an die Grenze der Türkei bringen. Nach wenigen Stunden ging das Auto "kaputt" und wir mussten wieder laufen. Heute weiß ich, es war Absicht von dem Fahrer, denn Geld bekam mein Onkel nicht mehr zurück. Humanitäre Hilfe in der Türkei In der Türkei bekamen wir in einer Einrichtung vom Roten Halbmond Lebensmittel und neue Kleider. Meine Tante, dessen Sohn auf die Landmine trat, bekam fürchterliche Bauchschmerzen und musste ins Krankenhaus. Die Blinddarm Operation musste mein Onkel bezahlen. Nach der zweiwöchigen Zwangspause ging es weiter nach Bulgarien. Mal mit dem Bus und wieder weite Strecken zu Fuß. Ich hatte überhaupt kein Zeitgefühl mehr. Schmerzen in den Beinen und Sonnenbrand auf der Haut. In Bulgarien In der Nähe von Sofa wurden wir in ein Gefängnis eingesperrt. Ein feuchtes Kellerloch beschreibt es besser. Mein Onkel bezahlte "Lösegeld" und nach zwei Tagen wurden wir endlich entlassen. Gingen wir durch Ortschaften,  wurden wir beschimpft oder sogar mit Steinen beworfen. Also gingen wir wieder nur Nachts. In Rumänien Rumänien war 1990 das Armenhaus von Europa und das brutale Regime von Ceaușescu war noch überall spürbar. Am Tag hatten wir uns vor der Polizei und Bevölkerung versteckt und fast jede Nacht sind wir gelaufen. Immer auf der Hut vor der Polizei oder anderen Autos. In Österreich Im September sind wir in Österreich angekommen und ich musste völlig entkräftet und abgemagert in ein Spital. Ich hatte selbst zum weinen keine Kraft mehr. Ich konnte nicht mehr und wollte auch nicht mehr weiter. Mein Onkel und seine Frau hatte in Afghanistan studiert und konnten mehrer Sprachen. Mit dem Behörden wurde verhandelt, dass wir nach Deutschland zu unseren Verwandten durften. Unsere Verwandten die ich gar nicht kannte, kamen aus Stuttgart, Bochum und Oberhausen uns abholen. Ich sollte zu Mila und Milad Faani  nach Stuttgart. Beide sind 1980 mit mitte 20 schon geflohen. Als wir in Salzburg über die Grenze fuhren und Mila mir sagte, dass ich nun in Deutschland und in Sicherheit sei, fing ich an zu weinen. In Stuttgart Wangen in der Nätherstraße begann mein neues Leben. Am Nachmittag saßen alle im Haus bei Mila und Milad und sprachen sehr viel. Ich hörte den Gesprächen bei warmen Kakao und Käsekuchen zu. Vieles konnte ich damals nicht begreifen, oder wollte es auch nicht. Die erste Nacht im eigenen Bett war für mich eine Wohltat. Mila schlief bei mir und hielt mich fest. "Ich bin nicht deine Mutter, werde aber mein Bestes geben. Dies verspreche ich dir." Mila hatte in Afghanistan BWL studiert und arbeitete seit 1981 bei Mercedes-Benz in der Verwaltung. Milad hatte Maschinenbau studiert und war bei Mercedes-Benz Vorarbeiter. Milad hatte bei Mercedes als Fließbandarbeiter angefangen und Ende der 80er seinen Meisterbrief gemacht. Beide erzogen mich in einem freien, liberalen und weltoffen Denken, wofür ich ihnen heute noch sehr dankbar bin. Mila und eine pensionierte Lehrerin aus der Nachbarschaft unterrichteten mich in deutsch. Ich musste eine völlig neue Schrift, Sprache und Kultur lernen. Im Frühjahr 1991 musste ich bei der Jugendbehörde einen Eignungstest machen, um festzustellen für welche Schule ich geeignet sei. Ich konnte auf die Realschule. Dort blieb ich auch und machte meine Mittlere Reife. Nach der Schule lernte ich Bürokauffrau und arbeitete auch in diesem Beruf. Ich sparte Geld um meine Eltern nach Deutschland zu holen. Ich hatte bereits den deutschen Pass und wollte über die Familiezuführung dies erreichen. Der Alptraum Im Sommer 2005 kam ein Anruf aus Afghanistan und Milad wurde mitgeteilt, dass mein Vater bei einem Bombenanschlag ums Leben gekommen war. 12 Personen seien bei diesem Terroranschlag getötet worden. Die Leiche von meinem Vater sei bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Als mir Mila und Milad dies mitteilten, schrie und heulte ich: "Ich muss zurück nach Afghanistan! Ich muss!" Alles reden von den beiden brachte nichts. Am nächsten Morgen rief ich meine Chefin an und sagte ihr von meinem Entschluss. Drei Tage später saß ich im Flugzeug auf dem Weg nach Kabul. Raus aus dem Paradies, hinein in den Krieg. Da stand ich nun mit meinen 25 Jahren in einem Land, dass nicht meine Heimat war. Meine Mutter überlebte schwerst traumatisiert diesen Anschlag und ich kümmerte mich um sie so gut es unter den Umständen möglich war. Durch Zufall traf ich Shabnam, meine ehemalige Lehrerin, in der Stadt und sie hatte nach unserem Gespräch die absurde Idee, dass ich Lehrerin werden sollte. "Du bist ein kluges Mädchen und so etwas braucht diese Stadt." Mein Beruf war schon besiegelt ohne das ich gefragt wurde. Shabnam hatte Anfang der 70er in Deutschland Lehramt studiert und sie brachte mir all ihr Wissen bei. So wurde ich im Herbst 2005 Lehrerin an einer Mädchenschule in dem Land, aus dem ich 15 Jahre zuvor geflohen war. Von einer Freundin hörte ich von einem Frauenhaus in den Bergen zu Pakistan und fuhr eines Tages mit meinem alten Datsun dieses Haus suchen. Was ich vorfand war mehr ein großes Gebäude das irgendwie nach einem Haus aussah. Tristesse auf dem gesamten Gelände und Mädchen die durch Zwangsheirat traumatisiert waren, vegetierten vor sich hin. Der Leiterin des Frauenhauses erzählte ich von meiner Wunsch, den Mädchen und jungen Frauen etwas Bildung beizubringen. Svea war von der Idee begeistert und so fuhr ich alle zwei Wochen die fast 100 Kilometer zu dem Frauenhaus um den Mädchen die Grundformen von lesen und schreiben beizubringen. Im Sommer 2006 wurde ich von meinen Lehrerkolleginnen als Direktorin der Schule einstimmig vorgeschlagen und so nahm ich die neuen Herausforderungen an. Neben all dem pflegte ich noch meine Mutter und wusste oft nicht, wie ich überhaupt noch an sie ran kommen könnte. Sie war oft sehr apathisch und starrte ins Leere. Oft weinten wir zusammen und ich wusste keinen Rat mehr. Im Herbst 2006 fand ich sie eines Morgens tot im Bett - sie hatte den Freitod gewählt. Nun war ich ganz alleine. Mein Geld in einer Keksdose und den deutschen Pass vor mir auf dem Tisch, brachten mich zum zweifeln. Ich hatte das Privileg um in wenigen Stunden das Land verlassen zu können. Mein Verstand schrie: geh. Mein Herz sagte: bleib. Ich hatte plötzlich eine Verantwortung die ich nie wollte. Ich hatte Kolleginnen die an mich glaubten. Ich unterrichtete Kinden in der Schule und im Frauenhaus, die an mich glaubten. Die Zufälle im Leben Im Frühjahr 2007 traf ich in meiner Stadt einen deutschen, der sich die Projekte von Deutschland anschauen wollte, die ab 1968 in Gardez gebaut wurden. Unter anderem auch meine Schule. Mit ihm, einem Kamerateam aus Australien und einer Journalistin aus den USA fuhr ich in das Frauenhaus in die Berge in der Nähe von Pakistan. Er war der Mann, der den Stein ins rollen brachte. Seine Kontakte aus früheren Jahren in der Humanitären Hilfe in Kambodscha und Thailand waren der Grundstein für eine Hilfsorganisationen die in meinem Beisein in Istanbul gegründet wurde. In vier Tagen wurde etwas geschaffen, von dem ich nie zu träumen gewagt hätte. Ich wurde die Direktorin einer Stiftung, die sich um zwangsverheiratete und misshandelte Mädchen kümmert und von Anfang an über eine unglaubliche Summe Geld verfügte. Durch Zufall trafen wir einen Major der US Armee im PRT ( Provincial Reconstruction Teams) Khost und in ihm fand ich und wir einen Menschen der an das Frauenhaus glaubte. Major Roger Juarez stellte Soldaten für uns ab, die halfen das Frauenhaus etwas bewohnbarer zu machen. Roger schickte zwei Militär Ärztinnen an das Frauenhaus und sorge auch dafür, dass dringende Operationen von den Mädchen im Camphospital durchgeführt wurden. Mit dem unglaublich vielen Geld der neuen Stiftung wurde ein Frauenhaus nach meinen Vorstellungen an einem geheimen Ort gebaut. Auch da war Roger der Chef und nach seinem Architekten Plan wurde das erste Frauenhaus unserer Stiftung quasi aus dem Boden gestampft. Wir wurden auf drängen von Roger auch vom PRT in Gardez mit sehr viel Hilfe unterstützt. Ich kann sagen, dass mir die US Armee in vielen vielen Bereichen tatkräftige Unterstützung gab und ich lernte Menschen und keine Soldaten kennen. Im April 2007 wurde ich auf nicht gerade legalen Weg Mutter von einem 12-jährigen Mädchen. Mit ihr hatte ich viele Probleme durch ihre traumatische Erlebnisse. Die ersten Schritte in die Politik Ab 2010 ging es für mich in die Lokalpolitik. Ich wollte mich nie politisch engagieren, sah aber ein, dass ich diesen Schritt gehen musste um voran zukommen. Mit einem jungen und engagierten Team in der Schule in Gardez ging es nun auch auf politischer Ebene voran. Wir wurden als die Speerspitze der neuen Frauenbewegung in Afghanistan gesehen. Schnell sprach sich in den Kreise von Dr. Sima Samar herum, was wir bewegten. Sima brachte mich zu UNAMA und plötzlich war ich bei der größten Institution der Welt: der UNO. Ich schaffte mich vom einfachen Mitglied der UNAMA hoch bis zur Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen in Genf. Als ehemaliges Flüchtlingskind zur Bürokauffrau und dann Lehrerin bis hin zur Menschenrechtlerin ist ein Weg, den ich nie zu träumen gewagt hätte. Durch meinen Ehrgeiz und mein Auftreten selbst vor der Regierung in Afghanistan machte ich mir nicht nur Freunde. Es war zum Teil Lebensgefährlich was ich tat. So entschloss ich mich der Vernunft zu beugen und wurde bei Veranstaltungen oder Fahrten zu anderen Terminen von einem Bodyguard begleitet. Neben meinem Bodyguard gehörte die Beschusshemmende Weste zum Alltag wie der Lippenstift oder die High Heels. Da ich nun eine Tochter hatte, wurde ich von meinen Team aus der Schusslinie geholt und war nur noch bei Veranstaltungen die räumlich gesichert wurden. Der Terror kam sehr nah Im August 2016 wurde ich zum Ziel der Taliban. Mein Fahrer fuhr in einen Hinterhalt der Taliban und wenn ich kein gepanzertes Auto gehabt hätte, wären wir im Kugelhagel gestorben. Mein Freund und Bodyguard tat das, wofür er ausgebildet wurde und so verloren vier Kämpfer der Taliban an jenem Tag ihr Leben. Die Sicherheit von meiner Tochter stand immer an oberster Stelle und so schaffte ich sie wenige Tage später nach Europa. Amira kam in eine Einrichtung in der Flüchtlingskinder ohne Eltern untergebracht sind und machte in den Niederlande ihre Ausbildung als Erzieherin. In den letzten Jahren war ich mit meiner Tochter immer wieder auf Urlaub in Deutschland bei meinen Eltern (Mila und Milad) oder in dem Niederlande. Da ich und Amira den Gründer jener Einrichtung seit 2007 kennen und wir auch sehr eng zusammen arbeiten, war es ein logischer Schritt, dass meine Tochter in die Niederlande ging. In meinem drei Monate "Urlaub" im Frühjahr und wieder im Herbst, arbeitete ich dann auch in und von den Niederlande aus. Dr. Erik de Joost wollte mir 2016 schon die Leitung seiner Einrichtung übertragen. Ich lernte ab. Meine Arbeit war in Afghanistan. Dort wurde ich gebraucht. Trotz des Terror gegen mich, ging ich zurück um das zu tun was ich kann: kämpfen. Das Leben geht andere Wege Im Dezember 2019 kam ich wieder auf "Urlaub" in die Niederlande und wollte nur drei Monate bleiben. Mein Leben war für die Rechte der Mädchen in Afghanistan zu kämpfen vorgesehen. Also ging es am 4. März 2020 mit einem Linienflug von Schiphol über Istanbul zurück nach Kabul. Das ich 48 Stunden später mit einem Mädchen das lebendig verbrannt werden sollte, mit einem Ambulanzjet in Rotterdam wieder landen würde, war mir am 4. März nicht bewusst. Vom Ministerie van Volksgezondheid wurde mir am 9. März per sofort die Vormundschaft für jenes Kind übertragen. Ich musste über Operationen, Leben oder Tod entscheiden. Der März war für mich der Alptraum. Meine Eltern kamen am 13. März von Stuttgart nach Den Haag und ich bin ihnen für die wohl schwerste Zeit in meinem Leben sehr dankbar. Zurück nach Afghanistan war nicht mehr möglich. Ich hatte die Verantwortung für ein Kind, dass ab dem 6. März bis zum 13. August im künstlichen Koma lag. Meine Heimat im Herzen war immer Stuttgart gewesen. In Gardez hatte ich 14 Jahre nur gewohnt und gearbeitet. Wo ist also meine Heimat? Durch die Umstände von Lenara bin ich die nächsten Jahre an die Niederlande und die Klinik gebunden. So kaufte ich mir an Ostern ein Haus in der Nähe von Den Haag. Dr. Erik de Joost und seine Tochter Marpe wollten, dass ich nun endlich die Leitung der Einrichtung übernehmen sollte. In langen Gesprächen mit meinen Eltern, mit Erik, Linda und Marpe de Joost und meinem Team in Afghanistan gab ich nach. Und so bin ich seit dem 1. April die Leiterin einer seit 27 Jahren bestehenden Einrichtung für traumatisierte und sozialschwache Kinder in der Nähe von Den Haag. Meine Arbeitstage haben in der Regel 16 bis 18 Stunden und all die vielen Probleme in Afghanistan, mit Lenara und die Bürokratie in den Niederlanden und Europa sind ungleiche Gegner für mich. Mit schwerem Herzen gab ich zum 1. April die Leitung der Mädchenschule in Gardez und der Frauenhäuser ab. In 13 Jahren hat sich ein Netzwerk von 46 Frauenhäuser gebildet. 6 dieser Häuser sind in meinem Privatbesitz und drei aus Sicherheitsgründen außerhalb von Afghanistan. Ich gab mein Lebenswerk an Freunde ab. Ich bin immer noch die Chefin, wenn ich auch die Leitung nur noch kommissarisch habe. Das Corona Jahr Das Jahr 2020 hätte turbulenter nicht sein können. In meinem Leben passte auf einmal nichts mehr zusammen und die Arbeit und Sorgen wurde nicht weniger,  auch wenn ich 36 Stunden arbeiten würde. Auf einer Freizeit mit 20 Jugendlichen aus unserer Einrichtung, traf ich in Juli auf dem Ijsselmeer eine weiter persönliche Veränderung - ich gab die Leitung und den Ersten Vorsitz des Netzwerkes Afghan Women's zum 1. September 2020 ab. Meine ganze Kraft gilt meinen beiden Töchter und mit der Leitung der Kinder- und Jugendeinrichtung habe ich mehr als genügend Aufgaben, was meinen Arbeitstag nicht gerade weniger macht. Noch eine Anmerkung: Ich bin zwar in einem muslimischen Land geboren, habe aber sonst mit dem Islam nichts zu tun. Ich mag Weihnachten und Käsespätzle sehr. Nila Khalil, Den Haag, 17. November 2020

Ein Gedanke zu „Tagebuch der Sorgen

  1. aloisweinzetl

    Ein zu Herzen gehender Bericht über eine große Leistung.
    297 Menschen hatten das Glück, von dir und deiner Gruppe, in eine friedlichere Welt gebracht zu werden. Dieses Fußballspiel muss ein emotionaler Moment gewesen sein. Aber auch als diese Menschen das Meer gesehen haben.
    Ich kann meine Gefühle nicht so ganz in Worte zusammenfassen, aber mir sind die Tränen sehr stark in den Augen gekommen.
    Eine Glanzleistung ist euch gelungen.

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