Unaufmerksamkeitsblindheit

Inattentional blindness

Wir sehen und sind trotzdem blind.
Wir nehmen wahr und wissen gar nicht was.
Eindrücke, Bilder und Nachrichten sehen wir permanent mit unseren Augen – und trotzdem nehmen wir dies nicht wahr.

Autorin Naike Juchem

Wer im Straßenverkehr teil nimmt, wir dieses Phänomen kennen: Unaufmerksamkeitsblindheit. Wir sehen ein Verkehrszeichen welches die Geschwindigkeit, Richtung oder Verbote anzeigt. Oft wissen viele Verkehrsteilnehmer nach wenigen Kilometer nicht mehr welche Geschwindigkeit auf dem letzten Schild gestanden hat.

Ähnlich ist es bei Nachrichten im Fernsehen. Man sieht ein Unglück, Terroranschlag oder den Wetterbericht. Sobald die Sendung vorbei ist und der Nachfolgende Film anfängt, weiß man weder noch die Zahl der Opfer oder Stadt, wo jenes Unglück war.

In der immer schneller werdenden Zeit von Eindrücke, Bilder und Nachrichten, kommt das Gehirn nicht mehr mit. Wir versuchen jene Eindrücke zu speichern, merken aber kaum noch, dass wir von den Eindrücken eingeholt werden.

In den Sozialen Netzwerken haben wir unsere Freundschaften in vielen Ländern der Welt. Ein Foto einer Freundin aus Kanada zeigt eine süße kleine Katze. Wir liken dieses Foto oder schicken noch eine Umarmung hinterher.
Ein Freund aus dem Schwarzwald postet im gleichen Moment ein Panoramafoto mit einem herrlichen Sonnenuntergang. Daumen hoch für dieses wunderschöne Bild.
Welche Farben hatte nochmal die Katze?
So etwas nennt man Unaufmerksamkeitsblindheit

Mit der Unaufmerksamkeitsblindheit wird ein Versagen der Wahrnehmung eigentlich auffälliger bzw. gut sichtbarer Objekte bezeichnet. Dieser Mechanismus vom
Gehirn ist für den Mensche überlebenswichtig. Würde diese Masse an Informationen, die von den Sinnen aufgefangen werden, ungefiltert ins Bewusstsein gelangen, würde dort das reinste Chaos herrschen. Die geistige Leistung von dem Gehirn, welches die Aufmerksamkeit steuert, wirkt wie ein Filter.

Das Gehirn filtert automatisch

Was dieser Filter nun durchnässt, ist bei jedem Menschen anders. Dies liegt zum einen am Alter, Hobby oder Beruf der einzelnen Person.
Bei Kleinkinder ist dies besonders stark zu beobachten. Die Kinder sind zum einen in ihrem spielen so beschäftigt, dass sie mitunter schon mal vergessen auf die Toilette zu gehen. Die Kinder nehmen in diesem Moment das spielen viel mehr wahr oder sind in der Phantasie so in ihrer Welt, dass dann schon mal die Hose nass werden kann.
Im Umkehrschluss ist aber auch eine Masse an Spielzeug in allen Formen, Größen und Spielart seit Jahren steigend.
Matchbox, Barbie, LEGO oder Playmobil reicht seit langem schon nicht mehr aus.
An Geburtstagen, Ostern und Weihnachten gibt es Berge an Geschenke. Die Wahrnehmung auf eine kleine Anzahl an Spielzeug ist kaum noch vorhanden. Für kurze Zeit ist es die Holzeisenbahn, Puppenhaus oder Carrara Bahn. Dann wir ein anderes Spielzeug genommen.
So wird die Unaufmerksamkeitsblindheit schon im Kindergarten ausgeprägt.

Synrome der Überlagerung der Wahrnehmung

Was im Kindesalter anfängt, zieht sich wie ein roter Faden durchs Leben. Mittlerweile wird sehr oft ADHS prognostiziert.
Erwachsene mit ADHS haben vor allem Probleme, ihren Alltag oder ihre Arbeit zu organisieren und sich über längere Zeit auf Aufgaben zu konzentrieren. Da durch das allgegenwärtig verfügbare Internet mit seinen Sozialen Netzwerken hinzukommt, wird aus der eigentlichen Aufgabe/Arbeit auch noch das Bedürfnis größer, jene Aufgabe/ Arbeit seinen virtuellen Freunden mitzuteilen.

Die neurobiologische Leistungsgrenze ist erreicht

Unser Gehirn filtert automatisch Eindrücke die bewusste die Wahrnehmung beeinflussen. Ein sehr gutes Beispiel ist das Mädchen im roten Mantel in „Schindlers Liste“ Anfang der 90er Jahre. Ein Film der ausschließlich in Schwarzweiß gedreht wurde, zog fast jeden in den Bann.
Man sah das Getto in Krakau und war schockiert von den Bildern. Nach über einer Stunde Schwarzweiß Bilder stach ein Mädchen, Roma Ligocka, mit einem roten Mantel auf der Leinwand hervor. Das Auge erfasste sofort diese Wahrnehmung und das Gehirn nahm diese plötzliche Veränderung wahr.

Mit dieser kurzen Sequenz zog Steven Spielberg die Zuschauer_innen wieder in den Bann. Am Ende des Films sah man den Leib und Mantel von dem Mädchen auf einem Karren mit Toten Menschen liegen.

Solche prägnante Bilder nehmen wir aber nicht ständig wahr. Da unser Leben aus Bilder besteht, die unser Auge immer nur für einen kurzen Moment wahrnimmt.
Das Auge nimmt nicht wie eine Kamera ununterbrochene Bilder auf, sondern springt zwischen kurzen Fixierungsphasen hin und her – dies sogar mehrmals pro Sekunde. Während eines solchen Sprungs – auch Sakkade genannt, ist das Auge buchstäblich blind. Lediglich die Verarbeitung des bisher Gesehenen wird wahrgenommen und gespeichert.

Im Gehirn treffen pro Sekunde eine Vielzahl von Reizen ein. Um eine Reizüberflutung zu verhindern, filtert  er.
jene Reize aus, die in einem bestimmten Moment für uns sinnvoll sind oder nicht.

Die täglich ansteigende Masse an Reizen, wie zum Beispiel: durch Verkehr, Geräusche, Gerüche, Bilder und Informationen sind in den letzten Jahren überdurchschnittlich gestiegen, sodass unsere neurobiologische Leistungsgrenze erreicht ist und der Filter im Gehirn immer mehr zurück hält, was für uns als nicht so wichtig wahrgenommen wird.
Wenn wir also einen Gang zurück schalten und nicht jedes Katzen- oder Panoramafoto liken, haben wir viel weniger zu filtert und nehmen andere Meldungen viel besser wahr.

Naike Juchem, 27. September 2021

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Über naikejuchem

„Du entscheidest eines Tages oder Tag Eins.“ Mit diesem Satz hat sich am 29. August 2017 mein Leben gravierend geändert. Ich möchte gerne Einiges erklären, um mich nicht ständig zu wiederholen oder zu rechtfertigen. Ich wurde 1970 äußerlich als Junge geboren, innerlich hat die Biologie aber etwas durcheinander gebracht mit meinen Chromosomen. Heute weiß ich anhand von Blut,- und Gentests, dass es so ist. Es kommt halt nicht so oft vor, aber mich hat es erwischt. Ich habe eine Transidentität. Das ist nichts Schlimmes, es ist keine Krankheit – in welchem Sinne auch immer – das hat es schon immer gegeben. Selbst in der Bibel steht bei Paulus an die Korinther in 5,17 oder Galater 3,28 wie auch Epheser 4,23-24 schon etwas über Transgender. In Deutschland gibt es ungefähr 1 Mio. Menschen, denen es genauso geht wie mir. Die Natur geht manchmal kreative Wege und bringt unterschiedliche Menschen hervor: Männer, Frauen, welche, die homosexuell sind, welche, die beide Geschlechter in sich tragen (Intergeschlechtliche), Linkshänder, Rechtshänder, und eben auch welche, die transidentitär sind. Ich habe mir dies nicht ausgesucht, ich bin auf keinem „Trip“, oder laufe einem neuzeitlichen „Genderwahn“ hinterher. Bei einer Transidentität ist man im falschen Körper geboren worden, d.h. das äußere Geschlecht entspricht nicht dem selbst empfundenen Geschlecht – wobei sich dies nicht ausschließlich auf die Sexualität beschränkt, sondern eher dem sozialen Geschlecht und dessen Wahrnehmung entspricht. Wenn man im falschen Körper steckt und es nicht ändern kann, weil man es nicht weiß oder weil es nicht geht, fühlt man sich nicht nur falsch und unglücklich, es führt auch zu tiefen Depressionen, bei nicht wenigen Transidentitären sogar zum Suizid. Das ganze Leben stimmt einfach nicht.  Deshalb konnte ich die letzten Jahrzehnte auch nicht verstehen und einordnen, was mit mir los war, weshalb ich mich nicht richtig gefühlt habe: Ich wusste es nicht. Und in meiner Umgebung wusste auch keiner, dass ich eine Transidentität habe. Nicht nur die Bibel erwähnt transidentitäre Menschen, auch antike Geschichtsschreiber haben von der Existenz solcher Menschen berichtet. Aber erst mit der christlichen Kirche wurden transidentitäre Menschen mit einem absoluten Tabu belegt. Dies ist auch bis in die 70er/80er Jahre des letzten Jahrhunderts weitgehend gesellschaftlich so geblieben und hat die Betroffenen gezwungen, ihre tatsächliche Identität zu verbergen und die Rolle des geborenen Geschlechts anzunehmen. Nun mögen Viele meinen „Ja und? Dann macht man das eben, ist ja auch einfacher so!“. Ich habe über 40 Jahre eine Rolle gespielt, die ich nie war, und es war irgendwann nicht mehr auszuhalten. Ein Schauspieler kann das, solange die Kamera läuft, aber sobald der Film abgedreht ist, geht der Schauspieler nach Hause und ist wieder er selbst. Im echten Leben kann man nicht die ganze Zeit schauspielern, ohne daran zugrunde zu gehen. Es ist auch ein Betrug, ein Betrug an der Familie, an Freunde, an Kollegen ... und ganz besonders an sich selbst. Ich bin erst einmal den Weg der Rolle gegangen und hatte 1998 geheiratet, wurde nach einigen Jahren auch Vater und dachte, dass nun alles gut würde. Wurde es aber nicht. Im Gegenteil: Die Ehe wurde ab 2007 für mich zur Hölle, die 2012 in einer Scheidung endete und mich an den Rand der Existenz brachte. Da stand ich nun, wie man so sagt, vor den Trümmern meines Lebens. Die Ehe kaputt, das Kind weg, die berufliche Existenz im Eimer, Schulden und Probleme und wenig bis gar keine Unterstützung. Also was blieb mir noch? Mein Leben! Da ich von Natur aus eine Kämpferin bin, packte ich 2014 es endlich an, Antworten auf meine Fragen zu suchen. Ich fing an mich zu informieren, um herauszufinden, was mit mir nicht stimmt. Ich habe in dieser Zeit Fachtagungen und Freizeiten, sogar in Luxemburg im Ministerium eine Debatte für und mit Transgender besucht und stellte plötzlich fest, dass ich nicht alleine bin. Das war eine so unglaubliche Befreiung! Am 29. August 2017 wagte ich ein Outing im kleinen Rahmen, um endlich zu wissen, wie meine Freunde auf mich reagieren würden. Zu meiner großen Überraschung und unglaublicher Freude standen diese Menschen positiv zu mir und unterstützen mich bis heute, wie und wo es nur geht. Am 1. Oktober 2017 gab es dann kein Zurück mehr: es war der Tag, die Wahrheit zu sagen, bei meiner Familie und auch öffentlich. Natürlich hatte ich an diesem Tag unglaubliche Angst. Würde ich ab diesem Zeitpunkt nur noch alleine sein? Würde ich Zweifel, Fragen, Ablehnung, Verlust der Arbeit und noch mehr Probleme erfahren? Tausende Gedanken, Pro und Contra, all dies zerrte an meinem Verstand und meiner Seele. Mit diesem Tag wich ein unglaublicher Druck von mir. Meine Seele kam endlich zur Ruhe – ich hatte zu mir gefunden. Ich bin nun viel, viel ausgeglichener und aus heutiger Sicht betrachtet ist nichts von dem eingetroffen, worüber ich mir so viele Gedanken gemacht und befürchtet hatte.

4 Gedanken zu „Unaufmerksamkeitsblindheit

  1. Frank Lindenlaub-Bürschgens

    Eine beeindruckende Lebensgeschichte, die für mich, heterosexueller Mann, nur in Ansätzen zu erfassen ist! Ich bin froh, dass Du Deinen/Sie Ihren Weg gefunden haben und jetzt ein hoffentlich schönes Leben, frei von Zwängen, als Frau leben.

    Gefällt 2 Personen

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    1. naikejuchem Autor

      Dankeschön. Alles ist gut.
      Ich habe ein sehr gefestigtes Umfeld und keinen von meinen Freunden verloren.
      Egal ob von Kindergarten, Schule, Nachbarn, ehemalige Kollegen oder oder oder.
      Nach drei Jahren ist sehr vieles Alltag geworden.

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      Antwort
    2. naikejuchem Autor

      Dankeschön.
      Ich hatte schon immer ein (relativ) freies Leben. Nur konnte oder durfte das richtige Leben nie raus.
      Nach nun über 3 Jahren als Naike ist mein Leben nicht viel anders als vorher. Ich habe die gleichen Freunde und Bekannte und auch sonst hat sich nicht viel geändert.
      Wenn ich vor 20 Jahren gewusst hätte, wie einfach der Schritt in eine seelische Freiheit ist, wäre ich diesen Schritt schon viel früher gegangen.

      Gefällt 1 Person

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