Der IStGH klagt die Taliban an

Das Vetorecht von China und Russland könnte eine Anklage des Internationalen Strafgerichtshofs gegen die Taliban blockieren.

Autoren Nila Khalil und Samira Ansary

Der neue Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs, Karim Khan, hat das Gericht gebeten, eine Untersuchung der mutmaßlichen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die von den Taliban und den Anhängern des Islamischen Staats in Afghanistan seit 2003 begangen wurden, wieder aufzunehmen.

Dies ist eine große Herausforderung für den britischen Juristen Khan, denn die globale Machtpolitik der USA, China und Russlands legen bei Anklagen gegen die Menschlichkeit oft ihr Vetorecht ein.

IStGH – den USA, China und Russland ein Dorn im Auge

Karim Khan hat die bisherige Chefanklägerin, Fatou Bensouda aus Gambia, Mitte Juni 2021 abgelöst. Er wurde für eine Amtszeit von neun Jahren gewählt.

Khan wird sein Amt in einer kritischen Zeit für das Gericht antreten. Es steht unter großem politischen Druck wegen geplanten 

Ermittlungsverfahren zu Kriegsverbrechen in Palästina und in Afghanistan. Dadurch wären auch Prozesse gegen Militärs aus Israel oder den USA möglich. Den Grundlagenvertrag des Tribunals, das sogenannte Römische Statut, haben 123 Staaten ratifiziert. Die USA gehören dem IStGH – ebenso wie Russland und China – nicht an und haben ihn wiederholt scharf attackiert. Ermittlungen des Strafgerichtshofs gegen US-Bürger lehnt Washington als „illegitim“ ab.

Der neuste Schritt von Karim Khan zeigt die Entschlossenheit, das Völkerrecht nicht nur zur Untersuchung vergangener, sondern auch aktueller Verbrechen gegen die Menschlichkeit anzuwenden. Der Internationale Strafgerichtshof mit Sitz in Den Haag hat den Taliban über die afghanische Botschaft in den Niederlanden mitgeteilt, dass er beabsichtigt, eine Untersuchung wieder aufzunehmen.

Bereit im Frühjahr 2018 reichte die Chefanwältin aus dem Netzwerk von Nila Khalil, Samira Ansary, dutzende Beweise an Menschenrechtsverletzungen persönlich bei Fatou Bensouda ein. Durch die Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen zwischen den USA und der Taliban, im September 2019, wurden frühere IStGH-Untersuchung im April 2020 ausgesetzt, nachdem die damalige afghanische Regierung von Ashraf Ghani darum gebeten hatte, Zeit zu erhalten, um in Zusammenarbeit mit den IStGH-Anwälten Beweise zu sammeln.

Da die Nationlarmee von Afghanistan am 16. August gegen die Taliban kapitulierte und Ashraf Ghani sich ins Exil abgesetzt hat, wird es täglich schwieriger Beweise und Dokumente der Verbrechen gegen die Menschlichkeit der Taliban und andere Terrorgruppen zu sichern.

Khan kündigen auf einer Pressekonferenz in Den Haag mit: „Das es keine Aussicht mehr auf eine echte und wirksame innerstaatliche Untersuchung der Verbrechen in Afghanistan gibt. Sein Vorschlag sieht vor, mutmaßliche Kriegsverbrechen, die von den USA und der afghanischen Armee begangen wurden, zwar nicht als vorrangig einzustufen, aber nicht fallen zu lassen, da sie nicht fortgesetzt werden.

Die derzeitige De-facto-Kontrolle des afghanischen Territoriums durch die Taliban und ihre Auswirkungen, auch auf die Strafverfolgung und die Justiz in Afghanistan, stellen eine grundlegende Änderung der Innenpolitischen Umstände dar. Die Schwere, das Ausmaß und der anhaltende Charakter der Taliban und des Islamischen Staates – zu deren Terroranschläge auf Zivilisten, gezielte außergerichtliche Hinrichtungen, die Verfolgung von Frauen und Mädchen und Verbrechen gegen Kinder, muss schnellstmöglich gehandelt werden, bevor es zu weiterer Eskalation kommt. Eines der Kriterien für die Entscheidung, ob die ins Stocken geratenen Ermittlungen wieder aufgenommen werden sollen, hängt davon ab, inwieweit innerstaatliche Rechtsmittel zur Verfügung stehen.

In seiner Stellungnahme sagt Khan, dass der IStGH für seine Ermittlungen nicht verpflichtet sei, sich ein Urteil über die De-jure- oder De-facto-Regierung des Landes zu bilden. Er sagt auch, dass es keine Institution innerhalb oder außerhalb des Landes gibt, die seiner Ansicht nach legitimerweise eine weitere Verschiebung der IStGH-Untersuchung beantragen kann.

Es besteht Hoffnung zur Anklage

Eines der Verbrechen, das wahrscheinlich untersucht wird, ist das Selbstmordattentat am 26. August 2021 auf dem Flughafen von Kabul, zu dem sich der Islamische Staat in der Provinz Chorasan bekannte.

Letztes Jahr gaben die Richter des IStGH einem Antrag der Staatsanwaltschaft statt, eine umfassende Untersuchung gegen Afghanistan wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen einzuleiten, die nach 2003 begangen wurden.

Der Staatsanwalt wurde zunächst von einer unteren Kammer abgewiesen, die der Meinung war, dass eine Untersuchung nicht „im Interesse der Justiz“ sei. Da der Staatsanwalt dem zuständige IStGH-Gremium mit ausreichend Dokumentationen überzeugen konnte, intervenierte die afghanische Regierung im April 2020 mit einem Antrag auf Vertagung, um das Verfahren auszusetzen, mit dem Argument: „Einige der Verbrechen am besten im Inland untersuchten zu lassen. Der Antrag, der der afghanischen Regierung das Recht gab, einen Aufschub zu beantragen, war nicht dazu gedacht, eine Lücke in der Straflosigkeit zu schaffen oder die ‚goldene Stunde‘ zu vergeuden, sobald die Bedingungen für die Eröffnung einer Untersuchung erfüllt seien.

Da unter anderem auch in diesem Fall Verbrechen nach Artikel 5: Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und Völkermord; weiterhin begangen wurden, hatte das hinauszögern seitens der nun regierenden Taliban den Anschein, man lässt vieles im Sand verlaufen.

In belegbaren Dokumenten, die dem IStGH von der Staatsanwaltschaft in Den Haag vorgelegt wurden, ist ganz klar die Glaubwürdigkeit gegeben. In den geheimen Dokumenten, ist eindeutig belegt, dass die Taliban Tausende von Gefangenen, die mit Al-Qaida und IS-Terrorgruppen in Verbindung stehen, aus der Hafteinrichtungen des Luftwaffenstützpunkts Bagram entlassen haben.

Nach Sichtung der Daten und Dokumente, kann die Staatsanwaltschaft, wie auch der IStGH davon ausgehen, dass die Taliban jetzt und in Zukunft Verbrechen nach Artikel 5 nicht ernsthaft untersuchen werden.

Auch die britische Organisation: Coalition for Genocide Response (Koalition für die Bekämpfung des Völkermordes) begrüßte die neuerliche Anklage, denn auch sie befürchten, dass in den nächsten Monaten die Gefahr von Gräueltaten, einschließlich des Völkermordes an Ethnien der Hazara größer wird.

In einer privaten Email schrieb Ewelina U. Ochab, Mitbegründerin der Coalition for Genocide Response: „Das Mandat des IStGH, hochrangige Täter zu verfolgen, wenn Staaten nicht in der Lage oder nicht willens sind, ist eines, das konsequent und ohne Furcht oder Bevorzugung angewandt werden sollte, und als solches darf es nicht die Verbrechen anderer mutmaßlicher Täter in der Region vernachlässigen, einschließlich der Staatsangehörigen von Nichtvertragsstaaten, die sich zum betreffenden Zeitpunkt in Afghanistan aufhielten.“

Das Vetorecht verhindert Aufklärung

Im Jahr 2015 war der IStGH nicht in der Lage, die Aktionen des IS in Syrien zu untersuchen, da eine Anklage nach dem Völkerrecht durch den UN-Sicherheitsrat erfolgen musste. Da es zur damaligen Zeit Anklagen seitens des IStGH gegen Truppen von Präsident Baschar al-Assad ging, legte Russland sein Veto ein. Womit der gesamte Antrag auf Völkermord gegen den IS und Syrien von Russland im Weltsicherheitsrat blockiert wurde.

Nun bleibt abzuwarten, wie sich Russland und China in Afghanistan engagieren werden und sie eventuell von ihrem Vetorecht gebraucht machen werden, um dem IStGH erneut eine Anklage gegen Terroristen zu Blockieren.

Nila Khalil und Samira Ansary, Kodling, 28. September 2021

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Über Nilakhalil

Mein Name ist Nila. Ich wurde 1980 in Afghanistan geboren. Als der Krieg der Sowjets bereits 10 Jahre dauerte und die Lebensverhältnisse immer schlechter wurden, bin ich im Frühjahr 1990 mit Verwandten, ohne meine Eltern, sie hatten das Geld für ihre Flucht nicht, nach Deutschland geflohen. Die Flucht ging über den Iran, Türkei, Bulgarien, Rumänien, Österreich bis schließlich nach Deutschland. Ich erlebte als Kind Tod, Gewalt, Hass, Hunger und Angst. Zu Beginn unserer Flucht trat mein Cousin auf eine Landmine und wurde buchstäblich wenige Meter neben mir zerfetzt. Der Krieg und aufkommende Terror der links und rechts von uns tobte, ließ uns nur Nachts wandern. Die Gefahr aufgegriffen zu werden, war zu groß. Flüchtigslager im Iran Im Iran lebten wir zwei Wochen in einem Flüchtigslager mit vielen anderen Afghanen. Zu viel Gewalt und zuwenig Toiletten war eine unerträglich Situation. Meine Onkel beschloss, dass es keine Sinn machen würde im Iran auf irgend eine Besserung zu warten. Ein Fahrer mit einem Pickup sollte unsere kleine sieben köpfige Gruppe an die Grenze der Türkei bringen. Nach wenigen Stunden ging das Auto "kaputt" und wir mussten wieder laufen. Heute weiß ich, es war Absicht von dem Fahrer, denn Geld bekam mein Onkel nicht mehr zurück. Humanitäre Hilfe in der Türkei In der Türkei bekamen wir in einer Einrichtung vom Roten Halbmond Lebensmittel und neue Kleider. Meine Tante, dessen Sohn auf die Landmine trat, bekam fürchterliche Bauchschmerzen und musste ins Krankenhaus. Die Blinddarm Operation musste mein Onkel bezahlen. Nach der zweiwöchigen Zwangspause ging es weiter nach Bulgarien. Mal mit dem Bus und wieder weite Strecken zu Fuß. Ich hatte überhaupt kein Zeitgefühl mehr. Schmerzen in den Beinen und Sonnenbrand auf der Haut. In Bulgarien In der Nähe von Sofa wurden wir in ein Gefängnis eingesperrt. Ein feuchtes Kellerloch beschreibt es besser. Mein Onkel bezahlte "Lösegeld" und nach zwei Tagen wurden wir endlich entlassen. Gingen wir durch Ortschaften,  wurden wir beschimpft oder sogar mit Steinen beworfen. Also gingen wir wieder nur Nachts. In Rumänien Rumänien war 1990 das Armenhaus von Europa und das brutale Regime von Ceaușescu war noch überall spürbar. Am Tag hatten wir uns vor der Polizei und Bevölkerung versteckt und fast jede Nacht sind wir gelaufen. Immer auf der Hut vor der Polizei oder anderen Autos. In Österreich Im September sind wir in Österreich angekommen und ich musste völlig entkräftet und abgemagert in ein Spital. Ich hatte selbst zum weinen keine Kraft mehr. Ich konnte nicht mehr und wollte auch nicht mehr weiter. Mein Onkel und seine Frau hatte in Afghanistan studiert und konnten mehrer Sprachen. Mit dem Behörden wurde verhandelt, dass wir nach Deutschland zu unseren Verwandten durften. Unsere Verwandten die ich gar nicht kannte, kamen aus Stuttgart, Bochum und Oberhausen uns abholen. Ich sollte zu Mila und Milad Faani  nach Stuttgart. Beide sind 1980 mit mitte 20 schon geflohen. Als wir in Salzburg über die Grenze fuhren und Mila mir sagte, dass ich nun in Deutschland und in Sicherheit sei, fing ich an zu weinen. In Stuttgart Wangen in der Nätherstraße begann mein neues Leben. Am Nachmittag saßen alle im Haus bei Mila und Milad und sprachen sehr viel. Ich hörte den Gesprächen bei warmen Kakao und Käsekuchen zu. Vieles konnte ich damals nicht begreifen, oder wollte es auch nicht. Die erste Nacht im eigenen Bett war für mich eine Wohltat. Mila schlief bei mir und hielt mich fest. "Ich bin nicht deine Mutter, werde aber mein Bestes geben. Dies verspreche ich dir." Mila hatte in Afghanistan BWL studiert und arbeitete seit 1981 bei Mercedes-Benz in der Verwaltung. Milad hatte Maschinenbau studiert und war bei Mercedes-Benz Vorarbeiter. Milad hatte bei Mercedes als Fließbandarbeiter angefangen und Ende der 80er seinen Meisterbrief gemacht. Beide erzogen mich in einem freien, liberalen und weltoffen Denken, wofür ich ihnen heute noch sehr dankbar bin. Mila und eine pensionierte Lehrerin aus der Nachbarschaft unterrichteten mich in deutsch. Ich musste eine völlig neue Schrift, Sprache und Kultur lernen. Im Frühjahr 1991 musste ich bei der Jugendbehörde einen Eignungstest machen, um festzustellen für welche Schule ich geeignet sei. Ich konnte auf die Realschule. Dort blieb ich auch und machte meine Mittlere Reife. Nach der Schule lernte ich Bürokauffrau und arbeitete auch in diesem Beruf. Ich sparte Geld um meine Eltern nach Deutschland zu holen. Ich hatte bereits den deutschen Pass und wollte über die Familiezuführung dies erreichen. Der Alptraum Im Sommer 2005 kam ein Anruf aus Afghanistan und Milad wurde mitgeteilt, dass mein Vater bei einem Bombenanschlag ums Leben gekommen war. 12 Personen seien bei diesem Terroranschlag getötet worden. Die Leiche von meinem Vater sei bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Als mir Mila und Milad dies mitteilten, schrie und heulte ich: "Ich muss zurück nach Afghanistan! Ich muss!" Alles reden von den beiden brachte nichts. Am nächsten Morgen rief ich meine Chefin an und sagte ihr von meinem Entschluss. Drei Tage später saß ich im Flugzeug auf dem Weg nach Kabul. Raus aus dem Paradies, hinein in den Krieg. Da stand ich nun mit meinen 25 Jahren in einem Land, dass nicht meine Heimat war. Meine Mutter überlebte schwerst traumatisiert diesen Anschlag und ich kümmerte mich um sie so gut es unter den Umständen möglich war. Durch Zufall traf ich Shabnam, meine ehemalige Lehrerin, in der Stadt und sie hatte nach unserem Gespräch die absurde Idee, dass ich Lehrerin werden sollte. "Du bist ein kluges Mädchen und so etwas braucht diese Stadt." Mein Beruf war schon besiegelt ohne das ich gefragt wurde. Shabnam hatte Anfang der 70er in Deutschland Lehramt studiert und sie brachte mir all ihr Wissen bei. So wurde ich im Herbst 2005 Lehrerin an einer Mädchenschule in dem Land, aus dem ich 15 Jahre zuvor geflohen war. Von einer Freundin hörte ich von einem Frauenhaus in den Bergen zu Pakistan und fuhr eines Tages mit meinem alten Datsun dieses Haus suchen. Was ich vorfand war mehr ein großes Gebäude das irgendwie nach einem Haus aussah. Tristesse auf dem gesamten Gelände und Mädchen die durch Zwangsheirat traumatisiert waren, vegetierten vor sich hin. Der Leiterin des Frauenhauses erzählte ich von meiner Wunsch, den Mädchen und jungen Frauen etwas Bildung beizubringen. Svea war von der Idee begeistert und so fuhr ich alle zwei Wochen die fast 100 Kilometer zu dem Frauenhaus um den Mädchen die Grundformen von lesen und schreiben beizubringen. Im Sommer 2006 wurde ich von meinen Lehrerkolleginnen als Direktorin der Schule einstimmig vorgeschlagen und so nahm ich die neuen Herausforderungen an. Neben all dem pflegte ich noch meine Mutter und wusste oft nicht, wie ich überhaupt noch an sie ran kommen könnte. Sie war oft sehr apathisch und starrte ins Leere. Oft weinten wir zusammen und ich wusste keinen Rat mehr. Im Herbst 2006 fand ich sie eines Morgens tot im Bett - sie hatte den Freitod gewählt. Nun war ich ganz alleine. Mein Geld in einer Keksdose und den deutschen Pass vor mir auf dem Tisch, brachten mich zum zweifeln. Ich hatte das Privileg um in wenigen Stunden das Land verlassen zu können. Mein Verstand schrie: geh. Mein Herz sagte: bleib. Ich hatte plötzlich eine Verantwortung die ich nie wollte. Ich hatte Kolleginnen die an mich glaubten. Ich unterrichtete Kinden in der Schule und im Frauenhaus, die an mich glaubten. Die Zufälle im Leben Im Frühjahr 2007 traf ich in meiner Stadt einen deutschen, der sich die Projekte von Deutschland anschauen wollte, die ab 1968 in Gardez gebaut wurden. Unter anderem auch meine Schule. Mit ihm, einem Kamerateam aus Australien und einer Journalistin aus den USA fuhr ich in das Frauenhaus in die Berge in der Nähe von Pakistan. Er war der Mann, der den Stein ins rollen brachte. Seine Kontakte aus früheren Jahren in der Humanitären Hilfe in Kambodscha und Thailand waren der Grundstein für eine Hilfsorganisationen die in meinem Beisein in Istanbul gegründet wurde. In vier Tagen wurde etwas geschaffen, von dem ich nie zu träumen gewagt hätte. Ich wurde die Direktorin einer Stiftung, die sich um zwangsverheiratete und misshandelte Mädchen kümmert und von Anfang an über eine unglaubliche Summe Geld verfügte. Durch Zufall trafen wir einen Major der US Armee im PRT ( Provincial Reconstruction Teams) Khost und in ihm fand ich und wir einen Menschen der an das Frauenhaus glaubte. Major Roger Juarez stellte Soldaten für uns ab, die halfen das Frauenhaus etwas bewohnbarer zu machen. Roger schickte zwei Militär Ärztinnen an das Frauenhaus und sorge auch dafür, dass dringende Operationen von den Mädchen im Camphospital durchgeführt wurden. Mit dem unglaublich vielen Geld der neuen Stiftung wurde ein Frauenhaus nach meinen Vorstellungen an einem geheimen Ort gebaut. Auch da war Roger der Chef und nach seinem Architekten Plan wurde das erste Frauenhaus unserer Stiftung quasi aus dem Boden gestampft. Wir wurden auf drängen von Roger auch vom PRT in Gardez mit sehr viel Hilfe unterstützt. Ich kann sagen, dass mir die US Armee in vielen vielen Bereichen tatkräftige Unterstützung gab und ich lernte Menschen und keine Soldaten kennen. Im April 2007 wurde ich auf nicht gerade legalen Weg Mutter von einem 12-jährigen Mädchen. Mit ihr hatte ich viele Probleme durch ihre traumatische Erlebnisse. Die ersten Schritte in die Politik Ab 2010 ging es für mich in die Lokalpolitik. Ich wollte mich nie politisch engagieren, sah aber ein, dass ich diesen Schritt gehen musste um voran zukommen. Mit einem jungen und engagierten Team in der Schule in Gardez ging es nun auch auf politischer Ebene voran. Wir wurden als die Speerspitze der neuen Frauenbewegung in Afghanistan gesehen. Schnell sprach sich in den Kreise von Dr. Sima Samar herum, was wir bewegten. Sima brachte mich zu UNAMA und plötzlich war ich bei der größten Institution der Welt: der UNO. Ich schaffte mich vom einfachen Mitglied der UNAMA hoch bis zur Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen in Genf. Als ehemaliges Flüchtlingskind zur Bürokauffrau und dann Lehrerin bis hin zur Menschenrechtlerin ist ein Weg, den ich nie zu träumen gewagt hätte. Durch meinen Ehrgeiz und mein Auftreten selbst vor der Regierung in Afghanistan machte ich mir nicht nur Freunde. Es war zum Teil Lebensgefährlich was ich tat. So entschloss ich mich der Vernunft zu beugen und wurde bei Veranstaltungen oder Fahrten zu anderen Terminen von einem Bodyguard begleitet. Neben meinem Bodyguard gehörte die Beschusshemmende Weste zum Alltag wie der Lippenstift oder die High Heels. Da ich nun eine Tochter hatte, wurde ich von meinen Team aus der Schusslinie geholt und war nur noch bei Veranstaltungen die räumlich gesichert wurden. Der Terror kam sehr nah Im August 2016 wurde ich zum Ziel der Taliban. Mein Fahrer fuhr in einen Hinterhalt der Taliban und wenn ich kein gepanzertes Auto gehabt hätte, wären wir im Kugelhagel gestorben. Mein Freund und Bodyguard tat das, wofür er ausgebildet wurde und so verloren vier Kämpfer der Taliban an jenem Tag ihr Leben. Die Sicherheit von meiner Tochter stand immer an oberster Stelle und so schaffte ich sie wenige Tage später nach Europa. Amira kam in eine Einrichtung in der Flüchtlingskinder ohne Eltern untergebracht sind und machte in den Niederlande ihre Ausbildung als Erzieherin. In den letzten Jahren war ich mit meiner Tochter immer wieder auf Urlaub in Deutschland bei meinen Eltern (Mila und Milad) oder in dem Niederlande. Da ich und Amira den Gründer jener Einrichtung seit 2007 kennen und wir auch sehr eng zusammen arbeiten, war es ein logischer Schritt, dass meine Tochter in die Niederlande ging. In meinem drei Monate "Urlaub" im Frühjahr und wieder im Herbst, arbeitete ich dann auch in und von den Niederlande aus. Dr. Erik de Joost wollte mir 2016 schon die Leitung seiner Einrichtung übertragen. Ich lernte ab. Meine Arbeit war in Afghanistan. Dort wurde ich gebraucht. Trotz des Terror gegen mich, ging ich zurück um das zu tun was ich kann: kämpfen. Das Leben geht andere Wege Im Dezember 2019 kam ich wieder auf "Urlaub" in die Niederlande und wollte nur drei Monate bleiben. Mein Leben war für die Rechte der Mädchen in Afghanistan zu kämpfen vorgesehen. Also ging es am 4. März 2020 mit einem Linienflug von Schiphol über Istanbul zurück nach Kabul. Das ich 48 Stunden später mit einem Mädchen das lebendig verbrannt werden sollte, mit einem Ambulanzjet in Rotterdam wieder landen würde, war mir am 4. März nicht bewusst. Vom Ministerie van Volksgezondheid wurde mir am 9. März per sofort die Vormundschaft für jenes Kind übertragen. Ich musste über Operationen, Leben oder Tod entscheiden. Der März war für mich der Alptraum. Meine Eltern kamen am 13. März von Stuttgart nach Den Haag und ich bin ihnen für die wohl schwerste Zeit in meinem Leben sehr dankbar. Zurück nach Afghanistan war nicht mehr möglich. Ich hatte die Verantwortung für ein Kind, dass ab dem 6. März bis zum 13. August im künstlichen Koma lag. Meine Heimat im Herzen war immer Stuttgart gewesen. In Gardez hatte ich 14 Jahre nur gewohnt und gearbeitet. Wo ist also meine Heimat? Durch die Umstände von Lenara bin ich die nächsten Jahre an die Niederlande und die Klinik gebunden. So kaufte ich mir an Ostern ein Haus in der Nähe von Den Haag. Dr. Erik de Joost und seine Tochter Marpe wollten, dass ich nun endlich die Leitung der Einrichtung übernehmen sollte. In langen Gesprächen mit meinen Eltern, mit Erik, Linda und Marpe de Joost und meinem Team in Afghanistan gab ich nach. Und so bin ich seit dem 1. April die Leiterin einer seit 27 Jahren bestehenden Einrichtung für traumatisierte und sozialschwache Kinder in der Nähe von Den Haag. Meine Arbeitstage haben in der Regel 16 bis 18 Stunden und all die vielen Probleme in Afghanistan, mit Lenara und die Bürokratie in den Niederlanden und Europa sind ungleiche Gegner für mich. Mit schwerem Herzen gab ich zum 1. April die Leitung der Mädchenschule in Gardez und der Frauenhäuser ab. In 13 Jahren hat sich ein Netzwerk von 46 Frauenhäuser gebildet. 6 dieser Häuser sind in meinem Privatbesitz und drei aus Sicherheitsgründen außerhalb von Afghanistan. Ich gab mein Lebenswerk an Freunde ab. Ich bin immer noch die Chefin, wenn ich auch die Leitung nur noch kommissarisch habe. Das Corona Jahr Das Jahr 2020 hätte turbulenter nicht sein können. In meinem Leben passte auf einmal nichts mehr zusammen und die Arbeit und Sorgen wurde nicht weniger,  auch wenn ich 36 Stunden arbeiten würde. Auf einer Freizeit mit 20 Jugendlichen aus unserer Einrichtung, traf ich in Juli auf dem Ijsselmeer eine weiter persönliche Veränderung - ich gab die Leitung und den Ersten Vorsitz des Netzwerkes Afghan Women's zum 1. September 2020 ab. Meine ganze Kraft gilt meinen beiden Töchter und mit der Leitung der Kinder- und Jugendeinrichtung habe ich mehr als genügend Aufgaben, was meinen Arbeitstag nicht gerade weniger macht. Noch eine Anmerkung: Ich bin zwar in einem muslimischen Land geboren, habe aber sonst mit dem Islam nichts zu tun. Ich mag Weihnachten und Käsespätzle sehr. Nila Khalil, Den Haag, 17. November 2020

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