Afghanistan steht vor einem Wirtschaftsbankrott

Zentralbank in Kabul

Das Geld ist alle und dies zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt: der Winter steht vor der Tür.

Autorinnen Nila Khalil und Samira Ansary

Die afghanische Zentralbank hat in den Wochen, bevor die Taliban die Kontrolle über das Land übernahmen, den größten Teil ihrer Bargeldreserven in US-Dollar aufgebraucht. Dies geht aus einer Bewertung hervor, die für die internationalen Geberländer für Afghanistan erstellt wurde und die sowieso schon aktuelle Wirtschaftskrise nun noch weiter verschärft.

In einem zweiseitigen Bericht, der Anfang September von hochrangigen internationalen Wirtschaftsvertretern für die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds (IWF) verfasst wurde, steht, dass die schwere Bargeldknappheit des Landes bereits Moante vor der Übernahme durch die Taliban begann.

In dem Bericht wird kritisiert, wie die frühere Führung der Zentralbank in den Monaten vor der Eroberung durch die Taliban mit der Krise umgegangen sei und warum eine ungewöhnlich hohe Zahl an US-Dollar versteigern und darüber hinaus Geld von der Zentralbank in Kabul in Zweigstellen der Provinzen gebracht wurde. In dem Bericht an die Weltbank und IWF steht: „Die Devisenreserven in den Tresoren der Zentralbank in Kabul sind erschöpft, die Zentralbank kann die Bargeldanforderungen nicht erfüllen und die Hauptursache des Problems ist die Misswirtschaft der Zentralbank vor der Machtübernahme durch die Taliban.“

Korruption hat kein Gewissen

Shah Mehrabi, der Vorsitzende des Prüfungsausschusses der Zentralbank, der die Bank vor der Übernahme durch die Taliban mit beaufsichtigt hatte, verteidigte das Vorgehen der Zentralbank und erklärte, sie habe versucht, einen Ansturm auf die afghanische Landeswährung zu verhindern. Es ist schon sehr bezeichnend, dass gerade solche Personen wie Mehrabi nach dem Sturz der Regierung noch im Amt sind.

Das Ausmaß der Bargeldknappheit ist mittlerweile in alle Städten von Afghanistan zu sehen, wo die Menschen stundenlang Schlange stehen, um ihre Ersparnisse in Dollar abzuheben, obwohl sie nur eine begrenzte Menge abheben können. Oder auch auf Märkte, wo die Menschen ihr bisschen Hab und Gut gegen etwas Geld verkaufen.

Seit fast zwei Jahrzehnten hat die Wirtschaft unter den Folgen der innerstaatlichen Instabilität zu leiden. Die Folgen sind verheerend. Viele Jungen ab 10 Jahre versuchen als Tagelöhner etwas Geld für die Familien zu beschaffen und somit können sie nicht weiter zur Schule gehen. Aus dieser Armut resultiert ein Analphabetismus, der mittlerweile weit über der Hälfte der Bevölkerung liegt.

In den letzten Monaten haben sich die Preise für Grundnahrungsmittel erneut um ein vielfaches verteuert. Gleichzeitig haben
durch die Machtübernahme der Taliban viele Menschen ihre Arbeit verloren. Millionen von Menschen stehen angesichts des nahenden Winters vor einer humanitäre Katastrophe. Ich hatte im Januar 2020 schon darüber berichtet und die aktuelle Wirtschaftskrise gepaart mit der Taliban als „Regierung“ macht es für die Menschen nicht einfacher.

Alleine der UN fehlen 1 Milliarde US-Dollar, um die Menschen in Afghanistan über den Winter zu bringen.
Auch wenn die Taliban sich als moderat hinstellt, sind sie es nicht. Faktisch werden sich Hilfsorganisationen bei der aktuellen Gefahrenlage durch die Taliban wohl kaum an Humanitärer Hilfe beteiligen. So wird es diesen Winter die ärmsten der Armen treffen. Die Menschen haben zum einen kein Geld für Lebensmittel und für Gas, bzw. andere Brennstoffe kein Geld.

Es kommt kein Geld mehr

Unter der Regierung Ghani war die Zentralbank auf Bargeldlieferungen in Höhe von 249 Millionen US-Dollar angewiesen. Dieses Geld wurde alle drei Monate in Kisten mit gebundenen 100 US-Dollar-Noten geliefert und in den Tresoren der Zentralbank und im Präsidentenpalastes gelagert.

Dieser Geldstrom ist nun versiegt, da ausländische Regierungen zur Zeit noch nicht direkt mit den Taliban verhandeln. In Anbetracht der Not von Millionen Menschen, muss es sehr bald eine Lösung geben – ob man nun will oder nicht.

Afghanistan steht vor einem Staatsbankrott

Die Zentralbank, die eine Schlüsselrolle in Afghanistan spielt, weil sie die Hilfsgelder von der EU und der USA verteilt, erklärte am Mittwoch, sie habe einen Plan zur Deckung des Devisenbedarfs des Landes ausgearbeitet – nannte jedoch keine Einzelheiten. Der Mangel an einer stabilen Währung macht es den Taliban schwer, ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen, einschließlich der Bezahlung von Strom oder der Auszahlung von Gehältern an Regierungsangestellte, Universitäts Professoren, Ärzte und und und. Diese Menschen, die Afghanistan dringend braucht, werden schon seit Monaten nicht mehr bezahlt.

Die Auslandsreserven Afghanistans in Höhe von rund 9 Milliarden US-Dollar wurden eingefroren, als die Taliban Kabul erobert hatten, und die Zentralbank nur noch über die Bargeld in ihren Tresoren verfügte.

Dem Bericht zufolge versteigerte die Zentralbank zwischen dem 1. Juni und dem 15. August 1,5 Milliarden Dollar an lokale Devisenhändler, was als auffallend hoch bezeichnet wurde. Am 15. August hatte die Zentralbank ausstehende Verbindlichkeiten in Höhe von 700 Mio. US-Dollar und 50 Mrd. Afghanis (569 Mio. US-Dollar) gegenüber den Geschäftsbanken. Dies ist einer der Hauptgründe für die nun leeren Kassen im Land.

Nach vorliegenden Berichten hatte die
afghanische Zentralbank Auktionen für den Devisenhandel angemeldet, aber da ging es um einen Betrag von fast 1,5 Milliarden Dollar. Tatsächlich verkaufte die Zentralbank Betrag  lediglich 714 Millionen US-Dollar an Devisenhändler.

Wo ist das Geld?

Der Bericht stellt auch die Entscheidung der Zentralbank in Frage, einen Teil ihrer Reserven in Provinzfilialen verlagern zu haben, was ein sehr hohes Risiko für die Banken darstellte.

Ende 2020 seien rund 202 Millionen US-Dollar in Filialen in den Provinzen des Landes aufbewahrt worden – obwohl zum damaligen Zeitpunkt schon dreiviertel der Provinzen unter der Kontrolle der Taliban waren.
Im Jahr 2019 waren es lediglich 12,9 Millionen US-Dollar, die in den Filialen aufbewahrt wurden.

In dem Bericht heißt es weiter, dass:
„Einiges an Geld in den Provinzfilialen verloren gegangen sei,“ (gestohlen trifft es wohl besser)“, ohne aber genaue Höhe des Verlustes an Geld anzugeben.

Der ehemalige Leiter der Zentralbank, Ajmal Ahmady, der das Land am Tag nach dem Sturz der Regierung durch die Taliban verließ, reagierte bis zum jetzigen Zeitpunkt auf keine E-Mails oder anderen Nachrichten von den Wirtschaftsvertretern für die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds.

Ahmady erklärte in den letzten Wochen auf Twitter, er habe sein Bestes getan, um die Situation zu meistern, und machte für etwaige Liquiditätsengpässe und des Einfrierens vom Zentralbankvermögen ausländische Regierungen dafür verantwortlich.

In seinen Erklärungen sagte er, dass die Zentralbank die Wirtschaft vor dem Fall von Kabul gut geführt habe und das kein Geld von einem Reservekonto gestohlen worden sei. Weiter teilte er mit: „das er sich schlecht fühle, weil er Mitarbeiter zurückgelassen habe.“  Ahmady müsse um seine Sicherheit fürchten, daher habe er sich abgesetzt.

Nila Khalil und Samira Ansary, Kodling. 2. Oktober 2021

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Über Nilakhalil

Mein Name ist Nila. Ich wurde 1980 in Afghanistan geboren. Als der Krieg der Sowjets bereits 10 Jahre dauerte und die Lebensverhältnisse immer schlechter wurden, bin ich im Frühjahr 1990 mit Verwandten, ohne meine Eltern, sie hatten das Geld für ihre Flucht nicht, nach Deutschland geflohen. Die Flucht ging über den Iran, Türkei, Bulgarien, Rumänien, Österreich bis schließlich nach Deutschland. Ich erlebte als Kind Tod, Gewalt, Hass, Hunger und Angst. Zu Beginn unserer Flucht trat mein Cousin auf eine Landmine und wurde buchstäblich wenige Meter neben mir zerfetzt. Der Krieg und aufkommende Terror der links und rechts von uns tobte, ließ uns nur Nachts wandern. Die Gefahr aufgegriffen zu werden, war zu groß. Flüchtigslager im Iran Im Iran lebten wir zwei Wochen in einem Flüchtigslager mit vielen anderen Afghanen. Zu viel Gewalt und zuwenig Toiletten war eine unerträglich Situation. Meine Onkel beschloss, dass es keine Sinn machen würde im Iran auf irgend eine Besserung zu warten. Ein Fahrer mit einem Pickup sollte unsere kleine sieben köpfige Gruppe an die Grenze der Türkei bringen. Nach wenigen Stunden ging das Auto "kaputt" und wir mussten wieder laufen. Heute weiß ich, es war Absicht von dem Fahrer, denn Geld bekam mein Onkel nicht mehr zurück. Humanitäre Hilfe in der Türkei In der Türkei bekamen wir in einer Einrichtung vom Roten Halbmond Lebensmittel und neue Kleider. Meine Tante, dessen Sohn auf die Landmine trat, bekam fürchterliche Bauchschmerzen und musste ins Krankenhaus. Die Blinddarm Operation musste mein Onkel bezahlen. Nach der zweiwöchigen Zwangspause ging es weiter nach Bulgarien. Mal mit dem Bus und wieder weite Strecken zu Fuß. Ich hatte überhaupt kein Zeitgefühl mehr. Schmerzen in den Beinen und Sonnenbrand auf der Haut. In Bulgarien In der Nähe von Sofa wurden wir in ein Gefängnis eingesperrt. Ein feuchtes Kellerloch beschreibt es besser. Mein Onkel bezahlte "Lösegeld" und nach zwei Tagen wurden wir endlich entlassen. Gingen wir durch Ortschaften,  wurden wir beschimpft oder sogar mit Steinen beworfen. Also gingen wir wieder nur Nachts. In Rumänien Rumänien war 1990 das Armenhaus von Europa und das brutale Regime von Ceaușescu war noch überall spürbar. Am Tag hatten wir uns vor der Polizei und Bevölkerung versteckt und fast jede Nacht sind wir gelaufen. Immer auf der Hut vor der Polizei oder anderen Autos. In Österreich Im September sind wir in Österreich angekommen und ich musste völlig entkräftet und abgemagert in ein Spital. Ich hatte selbst zum weinen keine Kraft mehr. Ich konnte nicht mehr und wollte auch nicht mehr weiter. Mein Onkel und seine Frau hatte in Afghanistan studiert und konnten mehrer Sprachen. Mit dem Behörden wurde verhandelt, dass wir nach Deutschland zu unseren Verwandten durften. Unsere Verwandten die ich gar nicht kannte, kamen aus Stuttgart, Bochum und Oberhausen uns abholen. Ich sollte zu Mila und Milad Faani  nach Stuttgart. Beide sind 1980 mit mitte 20 schon geflohen. Als wir in Salzburg über die Grenze fuhren und Mila mir sagte, dass ich nun in Deutschland und in Sicherheit sei, fing ich an zu weinen. In Stuttgart Wangen in der Nätherstraße begann mein neues Leben. Am Nachmittag saßen alle im Haus bei Mila und Milad und sprachen sehr viel. Ich hörte den Gesprächen bei warmen Kakao und Käsekuchen zu. Vieles konnte ich damals nicht begreifen, oder wollte es auch nicht. Die erste Nacht im eigenen Bett war für mich eine Wohltat. Mila schlief bei mir und hielt mich fest. "Ich bin nicht deine Mutter, werde aber mein Bestes geben. Dies verspreche ich dir." Mila hatte in Afghanistan BWL studiert und arbeitete seit 1981 bei Mercedes-Benz in der Verwaltung. Milad hatte Maschinenbau studiert und war bei Mercedes-Benz Vorarbeiter. Milad hatte bei Mercedes als Fließbandarbeiter angefangen und Ende der 80er seinen Meisterbrief gemacht. Beide erzogen mich in einem freien, liberalen und weltoffen Denken, wofür ich ihnen heute noch sehr dankbar bin. Mila und eine pensionierte Lehrerin aus der Nachbarschaft unterrichteten mich in deutsch. Ich musste eine völlig neue Schrift, Sprache und Kultur lernen. Im Frühjahr 1991 musste ich bei der Jugendbehörde einen Eignungstest machen, um festzustellen für welche Schule ich geeignet sei. Ich konnte auf die Realschule. Dort blieb ich auch und machte meine Mittlere Reife. Nach der Schule lernte ich Bürokauffrau und arbeitete auch in diesem Beruf. Ich sparte Geld um meine Eltern nach Deutschland zu holen. Ich hatte bereits den deutschen Pass und wollte über die Familiezuführung dies erreichen. Der Alptraum Im Sommer 2005 kam ein Anruf aus Afghanistan und Milad wurde mitgeteilt, dass mein Vater bei einem Bombenanschlag ums Leben gekommen war. 12 Personen seien bei diesem Terroranschlag getötet worden. Die Leiche von meinem Vater sei bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Als mir Mila und Milad dies mitteilten, schrie und heulte ich: "Ich muss zurück nach Afghanistan! Ich muss!" Alles reden von den beiden brachte nichts. Am nächsten Morgen rief ich meine Chefin an und sagte ihr von meinem Entschluss. Drei Tage später saß ich im Flugzeug auf dem Weg nach Kabul. Raus aus dem Paradies, hinein in den Krieg. Da stand ich nun mit meinen 25 Jahren in einem Land, dass nicht meine Heimat war. Meine Mutter überlebte schwerst traumatisiert diesen Anschlag und ich kümmerte mich um sie so gut es unter den Umständen möglich war. Durch Zufall traf ich Shabnam, meine ehemalige Lehrerin, in der Stadt und sie hatte nach unserem Gespräch die absurde Idee, dass ich Lehrerin werden sollte. "Du bist ein kluges Mädchen und so etwas braucht diese Stadt." Mein Beruf war schon besiegelt ohne das ich gefragt wurde. Shabnam hatte Anfang der 70er in Deutschland Lehramt studiert und sie brachte mir all ihr Wissen bei. So wurde ich im Herbst 2005 Lehrerin an einer Mädchenschule in dem Land, aus dem ich 15 Jahre zuvor geflohen war. Von einer Freundin hörte ich von einem Frauenhaus in den Bergen zu Pakistan und fuhr eines Tages mit meinem alten Datsun dieses Haus suchen. Was ich vorfand war mehr ein großes Gebäude das irgendwie nach einem Haus aussah. Tristesse auf dem gesamten Gelände und Mädchen die durch Zwangsheirat traumatisiert waren, vegetierten vor sich hin. Der Leiterin des Frauenhauses erzählte ich von meiner Wunsch, den Mädchen und jungen Frauen etwas Bildung beizubringen. Svea war von der Idee begeistert und so fuhr ich alle zwei Wochen die fast 100 Kilometer zu dem Frauenhaus um den Mädchen die Grundformen von lesen und schreiben beizubringen. Im Sommer 2006 wurde ich von meinen Lehrerkolleginnen als Direktorin der Schule einstimmig vorgeschlagen und so nahm ich die neuen Herausforderungen an. Neben all dem pflegte ich noch meine Mutter und wusste oft nicht, wie ich überhaupt noch an sie ran kommen könnte. Sie war oft sehr apathisch und starrte ins Leere. Oft weinten wir zusammen und ich wusste keinen Rat mehr. Im Herbst 2006 fand ich sie eines Morgens tot im Bett - sie hatte den Freitod gewählt. Nun war ich ganz alleine. Mein Geld in einer Keksdose und den deutschen Pass vor mir auf dem Tisch, brachten mich zum zweifeln. Ich hatte das Privileg um in wenigen Stunden das Land verlassen zu können. Mein Verstand schrie: geh. Mein Herz sagte: bleib. Ich hatte plötzlich eine Verantwortung die ich nie wollte. Ich hatte Kolleginnen die an mich glaubten. Ich unterrichtete Kinden in der Schule und im Frauenhaus, die an mich glaubten. Die Zufälle im Leben Im Frühjahr 2007 traf ich in meiner Stadt einen deutschen, der sich die Projekte von Deutschland anschauen wollte, die ab 1968 in Gardez gebaut wurden. Unter anderem auch meine Schule. Mit ihm, einem Kamerateam aus Australien und einer Journalistin aus den USA fuhr ich in das Frauenhaus in die Berge in der Nähe von Pakistan. Er war der Mann, der den Stein ins rollen brachte. Seine Kontakte aus früheren Jahren in der Humanitären Hilfe in Kambodscha und Thailand waren der Grundstein für eine Hilfsorganisationen die in meinem Beisein in Istanbul gegründet wurde. In vier Tagen wurde etwas geschaffen, von dem ich nie zu träumen gewagt hätte. Ich wurde die Direktorin einer Stiftung, die sich um zwangsverheiratete und misshandelte Mädchen kümmert und von Anfang an über eine unglaubliche Summe Geld verfügte. Durch Zufall trafen wir einen Major der US Armee im PRT ( Provincial Reconstruction Teams) Khost und in ihm fand ich und wir einen Menschen der an das Frauenhaus glaubte. Major Roger Juarez stellte Soldaten für uns ab, die halfen das Frauenhaus etwas bewohnbarer zu machen. Roger schickte zwei Militär Ärztinnen an das Frauenhaus und sorge auch dafür, dass dringende Operationen von den Mädchen im Camphospital durchgeführt wurden. Mit dem unglaublich vielen Geld der neuen Stiftung wurde ein Frauenhaus nach meinen Vorstellungen an einem geheimen Ort gebaut. Auch da war Roger der Chef und nach seinem Architekten Plan wurde das erste Frauenhaus unserer Stiftung quasi aus dem Boden gestampft. Wir wurden auf drängen von Roger auch vom PRT in Gardez mit sehr viel Hilfe unterstützt. Ich kann sagen, dass mir die US Armee in vielen vielen Bereichen tatkräftige Unterstützung gab und ich lernte Menschen und keine Soldaten kennen. Im April 2007 wurde ich auf nicht gerade legalen Weg Mutter von einem 12-jährigen Mädchen. Mit ihr hatte ich viele Probleme durch ihre traumatische Erlebnisse. Die ersten Schritte in die Politik Ab 2010 ging es für mich in die Lokalpolitik. Ich wollte mich nie politisch engagieren, sah aber ein, dass ich diesen Schritt gehen musste um voran zukommen. Mit einem jungen und engagierten Team in der Schule in Gardez ging es nun auch auf politischer Ebene voran. Wir wurden als die Speerspitze der neuen Frauenbewegung in Afghanistan gesehen. Schnell sprach sich in den Kreise von Dr. Sima Samar herum, was wir bewegten. Sima brachte mich zu UNAMA und plötzlich war ich bei der größten Institution der Welt: der UNO. Ich schaffte mich vom einfachen Mitglied der UNAMA hoch bis zur Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen in Genf. Als ehemaliges Flüchtlingskind zur Bürokauffrau und dann Lehrerin bis hin zur Menschenrechtlerin ist ein Weg, den ich nie zu träumen gewagt hätte. Durch meinen Ehrgeiz und mein Auftreten selbst vor der Regierung in Afghanistan machte ich mir nicht nur Freunde. Es war zum Teil Lebensgefährlich was ich tat. So entschloss ich mich der Vernunft zu beugen und wurde bei Veranstaltungen oder Fahrten zu anderen Terminen von einem Bodyguard begleitet. Neben meinem Bodyguard gehörte die Beschusshemmende Weste zum Alltag wie der Lippenstift oder die High Heels. Da ich nun eine Tochter hatte, wurde ich von meinen Team aus der Schusslinie geholt und war nur noch bei Veranstaltungen die räumlich gesichert wurden. Der Terror kam sehr nah Im August 2016 wurde ich zum Ziel der Taliban. Mein Fahrer fuhr in einen Hinterhalt der Taliban und wenn ich kein gepanzertes Auto gehabt hätte, wären wir im Kugelhagel gestorben. Mein Freund und Bodyguard tat das, wofür er ausgebildet wurde und so verloren vier Kämpfer der Taliban an jenem Tag ihr Leben. Die Sicherheit von meiner Tochter stand immer an oberster Stelle und so schaffte ich sie wenige Tage später nach Europa. Amira kam in eine Einrichtung in der Flüchtlingskinder ohne Eltern untergebracht sind und machte in den Niederlande ihre Ausbildung als Erzieherin. In den letzten Jahren war ich mit meiner Tochter immer wieder auf Urlaub in Deutschland bei meinen Eltern (Mila und Milad) oder in dem Niederlande. Da ich und Amira den Gründer jener Einrichtung seit 2007 kennen und wir auch sehr eng zusammen arbeiten, war es ein logischer Schritt, dass meine Tochter in die Niederlande ging. In meinem drei Monate "Urlaub" im Frühjahr und wieder im Herbst, arbeitete ich dann auch in und von den Niederlande aus. Dr. Erik de Joost wollte mir 2016 schon die Leitung seiner Einrichtung übertragen. Ich lernte ab. Meine Arbeit war in Afghanistan. Dort wurde ich gebraucht. Trotz des Terror gegen mich, ging ich zurück um das zu tun was ich kann: kämpfen. Das Leben geht andere Wege Im Dezember 2019 kam ich wieder auf "Urlaub" in die Niederlande und wollte nur drei Monate bleiben. Mein Leben war für die Rechte der Mädchen in Afghanistan zu kämpfen vorgesehen. Also ging es am 4. März 2020 mit einem Linienflug von Schiphol über Istanbul zurück nach Kabul. Das ich 48 Stunden später mit einem Mädchen das lebendig verbrannt werden sollte, mit einem Ambulanzjet in Rotterdam wieder landen würde, war mir am 4. März nicht bewusst. Vom Ministerie van Volksgezondheid wurde mir am 9. März per sofort die Vormundschaft für jenes Kind übertragen. Ich musste über Operationen, Leben oder Tod entscheiden. Der März war für mich der Alptraum. Meine Eltern kamen am 13. März von Stuttgart nach Den Haag und ich bin ihnen für die wohl schwerste Zeit in meinem Leben sehr dankbar. Zurück nach Afghanistan war nicht mehr möglich. Ich hatte die Verantwortung für ein Kind, dass ab dem 6. März bis zum 13. August im künstlichen Koma lag. Meine Heimat im Herzen war immer Stuttgart gewesen. In Gardez hatte ich 14 Jahre nur gewohnt und gearbeitet. Wo ist also meine Heimat? Durch die Umstände von Lenara bin ich die nächsten Jahre an die Niederlande und die Klinik gebunden. So kaufte ich mir an Ostern ein Haus in der Nähe von Den Haag. Dr. Erik de Joost und seine Tochter Marpe wollten, dass ich nun endlich die Leitung der Einrichtung übernehmen sollte. In langen Gesprächen mit meinen Eltern, mit Erik, Linda und Marpe de Joost und meinem Team in Afghanistan gab ich nach. Und so bin ich seit dem 1. April die Leiterin einer seit 27 Jahren bestehenden Einrichtung für traumatisierte und sozialschwache Kinder in der Nähe von Den Haag. Meine Arbeitstage haben in der Regel 16 bis 18 Stunden und all die vielen Probleme in Afghanistan, mit Lenara und die Bürokratie in den Niederlanden und Europa sind ungleiche Gegner für mich. Mit schwerem Herzen gab ich zum 1. April die Leitung der Mädchenschule in Gardez und der Frauenhäuser ab. In 13 Jahren hat sich ein Netzwerk von 46 Frauenhäuser gebildet. 6 dieser Häuser sind in meinem Privatbesitz und drei aus Sicherheitsgründen außerhalb von Afghanistan. Ich gab mein Lebenswerk an Freunde ab. Ich bin immer noch die Chefin, wenn ich auch die Leitung nur noch kommissarisch habe. Das Corona Jahr Das Jahr 2020 hätte turbulenter nicht sein können. In meinem Leben passte auf einmal nichts mehr zusammen und die Arbeit und Sorgen wurde nicht weniger,  auch wenn ich 36 Stunden arbeiten würde. Auf einer Freizeit mit 20 Jugendlichen aus unserer Einrichtung, traf ich in Juli auf dem Ijsselmeer eine weiter persönliche Veränderung - ich gab die Leitung und den Ersten Vorsitz des Netzwerkes Afghan Women's zum 1. September 2020 ab. Meine ganze Kraft gilt meinen beiden Töchter und mit der Leitung der Kinder- und Jugendeinrichtung habe ich mehr als genügend Aufgaben, was meinen Arbeitstag nicht gerade weniger macht. Noch eine Anmerkung: Ich bin zwar in einem muslimischen Land geboren, habe aber sonst mit dem Islam nichts zu tun. Ich mag Weihnachten und Käsespätzle sehr. Nila Khalil, Den Haag, 17. November 2020

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