Der Reale Alptraum

Luftrettung aus Luxemburg

Wo fange ich an?

Dienstag, 3. März, Schiphol, 14 Uhr.
Ich fahre mit meiner Tochter von Den Haag zum Flughafen Schiphol. Die Gespräche sind wie immer bei einem Abschied: wir sprachen über die letzten drei Monate und was wir zwei Ulknudeln für einen Spaß hatten. Amira war traurig, dass ich zurück fliege. Verständlich, ging mir doch auch so. Ich musste zurück wegen der Arbeit. In drei Monaten Abwesenheit hat sich doch so einiges angesammelt. Natürlich habe ich ein gutes Team von über 30 Frauen und ein paar Männer,  die oft an und über ihre eigenen Grenzen gehen. Ich kann mich auf meine Mitarbeiter verlassen, trotzdem bin ich die Chefin und kann oder muss Entscheidungen treffen, die eben an mir hängen bleiben.

Beim Warten nach den Check-in mit Cappuccino und Kuchen raste die Zeit bis zum Boarding nur so. Ich drückte Amira und gab ihr einen Kuss. „Maus, wir sehen uns doch bald wieder.“

Meine Gedanken waren zerstreut. Was habe ich vergessen in Den Haag zu tun? Wie setzte ich die Ideen von Amira und ihren Kollegen in Afghanistan um?
Die neusten Nachrichten von BBC an der Grenze zu Europa machen mir Sorgen.
Wie soll ich im April mein Referat für den Word Human Right Council aufbauen? Seit Januar schreibe ich an diesem Referat und täglich könnte ich den Entwurf in die Tonne treten!
Mir ging der immer noch nicht fertig geschrieben Artikel über Genitalverstümmelung wieder durch den Kopf.

Das Boarding fing an und mein bisschen Handgepäck war schnell verstaut. Ich schnallte mich an und schaute Gedankenverloren aus dem Fenster. Irgendwie bekam ich ein schlechtes Gewissen, wenn man in Zeiten von Klimaschutz, Tierwohl und Wir-müssen-die-Welt-retten etwas über Flug, Fleisch oder Mode sagt, kommt dies bei einigen Mitmenschen einem Suizid gleich. Na gut, ich fliege nach Afghanistan, ich bin vor 30 Jahren die Strecke gelaufen – soll mir erst mal einer nach machen. Dann bin ich eben eine der jenigen die für alles Schlechte auf dieser Welt verantwortlich ist.

Neben mich setzte sich eine junge Frau in vielleicht meinem Alter, mit ihrer Tochter die so um die 11 Jahre alt sein konnte. Es gab eine kurze Begrüßung und ich schaute wieder aus dem Fenster.
Ich fliege in die Türkei! Die beiden neben mir auch. Es ist sehr unwahrscheinlich das sie vorher aussteigen. Mir kamen Zwangsehen und Genitalverstümmelung in den Sinn. Habe ich jetzt schon Paranoia! Ich schloss die Augen und das Flugzeug rollte an. Goodbye Europe.

Nach einer dreiviertelstunde nahm ich mein Tablet und wollte etwas tun – nur was? Ich las die Informationen von Sandra über ihr Hilfsprojek in Gambia und sah instinktiv zu dem Mädchen neben mir. Das Mädchen sah mich an und lächelte. „Ich werde bald eine Frau“ ,sagte es zu mir. PARANOIA! „Ich heiße Nesrin und Sie?“ Fragte sie mich auf Deutsch. Mein Tablet war auf Deutsch eingestellt. „Nila. Hallo Nesrin.“ Nesrin sah auf mein Tablet und sah die Fotos von Sandra aus Gambia. „Wo ist das?“ „Nesrin, lass die Frau in Ruhe. Du störst sie.“ Waren die Worte von der Mutter. „Unsinn. Nesrin stört mich nicht.“

Ich erklärte ihr die Fotos und was es damit auf sich hatte. Nesrin hörte aufmerksam zu. „Was haben die für Blätter vor sich?“ Fragte sie mich. „Dies sind Verträge. Diese Verträge garantieren den Kindern, dass sie in die Schule gehen müssen und nicht vor der Volljährigkeit verheiratet und auch nicht gewaltsam operiert werden dürfen.“
Die Mutter schaute mich mit großen Augen an. „Wie kommen Sie auf ein solches Thema? Entschuldigung, ich heiße Melek.“ Ich erklärte den beiden welchen Beruf ich habe und für welche Organisationen ich arbeite. Melek wollte auf einmal so vieles darüber wissen. „Willst du es dir noch mal überlegen?“ Ging es mir durch den Kopf. Verdammte Paranoia – oder doch nicht?

Melek wurde in Deutschland geboren und hält auch nicht viel von Traditionen und Religionen. Welcome in the club.
Na gut, ich lege mein Tablet weg und erklärte den beiden womit ich als Menschenrechtlerin mein Geld verdiene. Warum ich zurück nach Afghanistan fliege und was ich die letzten drei Monate in Europa gemacht habe.
Melek und Nesrin flogen in die Türkei, weil der Opa gestorben sei und nun sich jemand um die Beerdigung und alles andere kümmern müsste. So hatten wir auf dem Flug eine doch sehr angenehme und freundliche Unterhaltung.

Ankunft Istanbul-Atatürk Flughafen

Dienstag um kurz vor 21 Uhr ladete die Boeing 767 auf dem Istanbuler Flughafen. Am Zoll gab es Kontrolle auf COVID-19. Negativ. „Natierlich negadiv! I han gnügend Kässchbädzle gessa.“ Mit meiner schwäbischen Impfung auf das Coronavirus konnte der Beamte nichts anfangen, Melek lachte sich schlapp.
Nach einer guten halbe Stunde warten auf die Koffer verabschiedeten wir uns.
Ich ging zum nächsten Terminal.

Das Check-in war schnell erledigt. Ich setzte mich auf einer der Sitzreihen und legte meine Beine auf den kleinen Koffer. Dann rief ich Amira an und sagte ihr, dass ich nun in Istanbul sei Um 22.20 Uhr rief ich Naike an und bedanke mich für die schöne Zeit bei ihr. Ich versucht etwas die Augen zuzumachen.

Um 23.15 Uhr ging ich zum Gate. Die Zeit schien irgendwie stehen geblieben zu sein. Die Uhr an der Wand zeigte 23.22 Uhr. Nochmal sitzen, warten und irgendwie entspannen. Bald bin ich zu Hause. Ich machte die Augen auf und die Uhr zeigte 23.28 Uhr. Irgendwie hatte ich den Zeitsprung bis 23.45 Uhr überlebt.

Das Boarding begann

Heimat ich komme! Was esse ich als erstes wenn ich zu Hause bin? Verdammt, Kühlschrank ist ja leer. Egal – gehe ich in Gardez eben zu Ava mich selbst einladen.
Das Flugzeug rollte an. Es ging nach Hause – oder da wo ich eben wohne. Meine Heimat im Herz ist Schduddgard.
Am Wochenende gibts Käsespätzle mit 7 Kilo Käse. Schöner Traum.

Ich versuchte zu schlafen. Im sitzen kaum möglich. Auch wenn der Flieger nicht voll war, kann man sich kaum richtig auf eine Sitzreihe legen. Wer zum Teufel baut einen solchen Käse?

Irgendwann brachte eine Stewardess das Frühstück. Es war nicht berauschend, aber immerhin konnte ich etwas essen. Mama hätte frische Laugeweggle, Wurschd, Marmelade ond Käs gbrachd. So schaute ich auf Plastik verpacktes Lebensmittel. Plastik! Da war doch was! Ich bin ein Umweltsünder.

Landeanflug auf Kabul

Time to Destination 1.30 hour.

Der Landeanflug auf den Hamid Karzai International Airport in Kabul begann.

Heute in Kabul noch kurz ein Meeting mit Freundinnen zum Weltfrauentag abhalten und dann mit dem nächsten Flieger ab nach Hause – SCHLAFEN. Ach nee – erst essen.

Ich schaltete mein Handy an um Ava anrufen und mich selbst zum essen einzuladen. Das Telefon hört gar nicht mehr auf zu klingen. Ständig kamen Nachrichten: Google Mail von Janina. Bing, bing, bing. Googel Mail von Zoja. Bing, bing, bing. Sprachbox Nachricht von Liah. Bing, bing, bing….

Habe ich etwas verpasst? Das Handy hörte gar nicht mehr auf mit Mitteilungen.

Die wenigen Leute um mich herum schauten schon genervt. Ich schaltete den Ton aus. Wo fange ich jetzt an wen anzurufen? Mariam rief in diesem Augenblick an. Ich kenne sie seit vielen Jahren, sie leitet ein Frauenhaus in der Provinz Parwan. Was mir Mariam sagte, zog mir den Boden unter den Füßen weg! „Mariam, bitte nochmal. Langsam und ruhig.“ Die Worte von Mariam hämmerten sich mir ins Hirn wie mit einem Presslufthammer. „Ich bin gleich bei dir“ , waren meine Worte nach dem sie mir einen Alptraum schilderte.

Taxistand am Flughafen in Kabul

In zügigen Schritten ging ich zum nächsten Taxi und gab dem Fahrer die Adresse von Mariam. Ich gab dem Fahrer 20 US-Dollar mit der Bitte doch zügig und am besten mit Schallgeschwindigkeit zur angegebenen Adresse zu fahren.
Zwanzig Minuten vor der Ankunft schrieb ich Mariam, wann ich an ihrem Haus sei.

Mariam stand mit ihrem Wagen schon an der Straße als ich mit dem Taxi vor fuhr. Ich sofort in ihr Auto um zu einer geheimen Adresse zufahren, wo sie ihr Frauenhaus hat. Mariam war völlig aufgelöst und kaum noch fähig zu fahren. „Halte an! Ich fahre weiter.“ In noch keinen 10 Sekunden hatten wir die Plätze getauscht und ich mit Vollgas zu ihrer Einrichtung. Immer wieder sagte mir Mariam das gleiche. Mein Hirn setzte bei ihren Worten aus!

An der Adresse angekommen, ging es im Laufschritt in ihren kleinen Medizinischen Raum. Mariam riss die Tür auf und was ich in diesem Augenblick sah, werde ich niemals wieder vergessen!
Sarah und Leandra, zwei Mitarbeiterinnen von Mariam, standen Fassungslos neben einem Körper, wo die Haut an Rücken und Beinen verbrannt war. Madina, eine Ärztin und Freundin von uns war auch im Raum. Ihr Blick zu mir sagte mehr als Tausend Worte. Ein Geruch stieg mir in die Nase, den ich nicht beschreiben kann und auch nicht will. Ich wurde mit Informationen über das was ich sah bombardiert.
Ich sah immer noch diesen verbrannten Körper und hatte das Gefühl, jemand drückt mir mein Hirn zusammen. „Verbrennungsgrad II a, II b und III“ sagte Madina zu mir. Wir sprachen auf Englisch, wir wollten dem Kind nicht noch mehr zumuten. Auch wenn das Kind sediert war, musste es nicht alles mitbekommen. Mir war sofort klar, in Afghanistan gibt es keine Klinik und keine Ärzte die dafür auch nur annähernd ausgebildet sind.
Ich musste aus diesem Raum.

Die Zeit läuft gegen uns

Im Büro von Mariam rief ich Ava aus meinem Team an und bat um sofortige Unterstützung. Die Zeit läuft. Ich sagte Ava, was wie wann gebraucht wird.
Ava, Janina und Zoja machten sich wenige Minuten später auf den Weg zum Flughafen in Gardez, um mit einem Kleinflugzeug nach Kabul zu kommen.

Ich rief Erik in Den Haag an und schilderte ihm vor welchem Problem ich stehe. Irgendwie konnte ich, trotz zitternder Hand, noch ein paar Fotos von dem Mädchen machen um diese Erik zu schicken. Fünf Minuten später rief er mich an und stellte mir medizinische Fragen, die ich zusammen mit Madina beantworten konnte.
Mittlerweile kamen noch drei Mitarbeiterinnen von Mariam ins Büro. Wir mussten uns aufteilen um voran zukommen.

Im Büro von Mariam schrieb ich Fragen, Punkte und Situation auf ein Whiteboard. Nach 10 Minuten war klar, wir brauchen Helfer für all diese Aufgaben.
Mariam griff sofort zum Telefon um Freunde und Bekannte anzurufen. Ich rief Zoja an, sie sollte sich mit dem Stiftungsrat in Verbindung setzen, wir brauchen schnell verdammt viel Geld! Dann rief ich eine Freundin von Afghan Women’s Network in der Provinz Daikondi an. Auch sie leitet ein Frauenhaus und hat ein gutes Team. Über Skype verteilte ich die Aufgaben an mein Team in Gardez und das von Kiana in Daikondi.

Wo gibt es überhaupt Hilfe?

Der nächste Schritt war das Internet um zu schauen wo es überhaupt Kliniken für solche Verbrennungen gab. Alles was igendwie in diese Richtung ging, gab es nur in Australien, USA und Deutschland.
In Europa war es jetzt früh am Morgen etwas um die 5 Uhr. Ich rief wieder Erik an und teilte ihm Status mit. Er würde sich sofort mit Amira, Anjana und Elly in den Niederlanden nach Kliniken umschauen.

Ich rief in eine Klinik nach Bochum an, die laut Internet für solche Verbrennungen geeignet sei.
Ich hatte die Zentral am Telefon und erklärte um was es ging. Endlich wurde ich weitergeleitet. Wieder musste ich einem Arzt alles erklären. Ich ließ mir die Mail Adresse der Klinik geben und schicke sofort die Fotos von dem Kind. Während dem Gespräch schaute sich der Arzt die Fotos an und sagte mir, dass die Klinik dafür ausgerichtet sein. Super passt. Warum aber Afghanistan? Also nochmal erklären. 
„Aha, Soso, Jaja. Kompliziert.“ Welchen Trottel habe ich da am Telefon! Kostenzusage?  „Weiß ich noch nicht! Ist am laufen! Machen Sie sich über Geld keine Sorgen! Ich brauche klare Ansage und diese zügig.“ Wieder nur herumgeeier.

Mittlerweile kamen vier Freunde von Mariam ins Büro. Aufgabenverteilung für Transport nach Irgendwo. Transport zum Flughafen sichern. Wann – noch nicht bekannt.
Ich rief nach Ludwigshafen in die BG Klinik an. Gleiches geeier wie in Bochum. Im gleichen Moment bekam ich die Nachricht vom Zoja auf mein Laptop: Geld kein Problem. Bis jetzt schon über ein viertel Million US-Dollar. Zeitgleich kam die Mail der Kostenzusage aus Dänemark auf mein Laptop. Ich schickte sofort die Kostenzusage nach Bochum und Ludwigshafen weiter. Von beiden Kliniken bekam ich immer noch keine konkrete Antwort.
Amira rief an und gab den Status aus den Niederlanden durch. Aaliya saß neben mir und notierte alles, was meine Tochter mir sagte.

Nächster Versuch im UKE in Hamburg. Nochmals gleiche Litanei herunter gespult. Endlich sprach ich mit einem Doktor, der offensichtlich wusste was er tat. Er gab auch Tipps um vor Ort das schlimmste zu verhindern: das Austrocknen der Haut! Verdammt, da hatte keiner dran gedacht. Alles was er mir sagte, notierte ich.
Neue Aufgabenverteilung: ein Fahrer sollte sich auf den Weg zum Flughafen nach Kabul machen und mein Team abholen. Zwei sollten sich auf den Weg in Krankenhäuser und Apotheken machen,  und alles besorgen was der Arzt aus Hamburg mir sagte.

Der Transport nach Irgendwo war auch noch nicht geklärt.
Anruf von Malika aus Kabul. Sie hörte von dem Problem und bot sofort ihre Hilfe an. Sie sollte in Kabul noch Medikamente und Spezielleverbände für die Wunden besorgen.
Nun waren wir in halb Afghanistan vernetzt. Alles nur erdenkliche wurde in Erwägung gezogen. Anrufen, Erklären, Mails schreiben, besorgen, planen. Im Büro von Mariam waren fünf Mitarbeiterinnen schon mit Hochdruck daran beschäftigt.

Die Zeit läuft uns davon! Krisensitzung. Wie machen wir weiter? Gibt es ein weiter oder soll eine Lösung her, die Madina, Mariam und ich schon seit Stunden im Kopf hatten, aber nicht aussprachen: Tod durch Überdosis Methadon!

Ich setze mich seit 15 Jahren für die Rechte der Frauen ein. Leite seit 13 Jahren sechs Frauenhäuser, eine Mädchenschule und bin Menschenrechtlerin. Jetzt stehe ich zwischen meinem Verstand und der Realität zwei Zimmer weiter.

Ich rief nochmals ins UKE nach Hamburg angerufen. Ich sprach mit Doktor Kürster über den Status von Lenara und auch welche „Option“ wir in Betracht ziehen würden. Nach einem Gespräch von circa einer dreiviertelstunde sagte er etwas zu mir, was ich niemals vergessen werde: „Was achten Sie mehr, dass Leben oder den Tod? Ist ein Mensch mit einer Behinderung oder Krankheit weniger wert zu leben?“ „Ich achte das Leben und jeder Mensch ist gleich wert zu leben“ ,war meine Antwort. „Dann tun Sie alles, was in ihrer Macht steht.“
Ich übersetze das Gespräch im groben und im Raum und via Skype hörte man nur das Summen der Computer.
Was machen wir nun? Ene Mene Muh? Die Zeit rannte gerade so weg und wir hatten nichts erreicht.

9 Uhr Ortszeit.

Mein Team traf ein und ich besprach mit meinen Freundinnen die zwei Möglichen des weitermachen oder beenden.
Ava nahm mich in den Arm und fing an zu weinen „Nila, du sagtest vor 13 Jahren schon, dass wir oft an unsere Grenzen kommen werden und darüber hinaus wachsen werden. Wir überschreiten jetzt die Grenze und wir werden wachsen!“
Ava hatte recht.
Okay. Let’s go. Next step.

Madina rief zwei Kolleginnen von sich im Krankenhaus an und bat sie um Hilfe. Lenara sollte für einen Transport nach Irgendwo vorbereitet werden.
Janina kümmerte sich unterdessen mit einem Team von vier anderen Frauen und zwei Männer um ein Visa für Lenara. Also irgendwie ein Foto von dem Kind machen.

Janina ist in ihrem Job als Anwältinein Ausnahmetalent und kümmerte sich um Dokumente und setze sich schon mit den Botschaften aus Deutschland, Niederlande und USA auseinander. Noch wusste niemand wo die Reise hinführen wird.

Von Erik kam um 14 Uhr Ortszeit das Okay einer Spezialklinik für Verbrennungen in Rotterdam. Also sich auf die Niederlande konzentrieren. Erik bekam vom Stiftungsrat gleiche Mail mit der Kostenübernahme wie ich.
Wieder musste meine Tochter ran und alles was Janina sagte, gab Amira der Niederländischen Botschaft in Kabul weiter. Die Telefonkonferenz von Afghanistan nach den Niederlande und zurück nach Afghanistan lief auf Hochtouren. Ich war stolz auf meine Maus!
Erik machte Zeitgleich Druck beim Bürgermeister von Den Haag und anderen Politiker. Es wurde ein Visum zugesichert.

Die Luftrettung

Die Klinik war nun gesichert. Wie aber dieses Kind von Afghanistan so schnell wie möglich nach Rotterdam schaffen?
Der Transport mit der Luftrettung
war soweit endlich geklärt – aber nur in Europa!
Auch da wurde sehr viel telefoniert. Von der Luftrettung aus Luxemburg wurde ein Flug bis in die Ukraine zugesichert.
Ich rief einen Freund in den USA an und gab den Status durch, bevor er die Augen geöffnet hatte – blöde Zeitverschiebung. Malcolm würde sich sofort an die Arbeit machen.

Mittlerweile war es weit nach 16 Uhr in Kabul und ich wusste nicht, wie lange ich schon wach war. Um 17.30 Uhr war soweit alles geklärt. Die Wunden von Lenara nach Vorgaben von Dr. Kürster behandelt. Da Lenara sediert war, konnte vieles ohne ihr größere Schmerzen zu verursachen, einiges an der verbrannten Haut behandelt werden.
Ein Team von weit über 30 Personen auf drei Kontinenten lief immer noch auf Hochtouren. Das Team um Janina kümmerte sich um alles was an Dokumente für den Flug und Lenara gebraucht wurde.

Um 17.43 Uhr kam die Auftragsbestätigung der Luftrettung aus Luxemburg auf mein Laptop. 46 Seiten umfasste diese Zusage.
Zoja hat Englisch studiert und las die 46 Seiten schneller, als ich schreiben konnte. Wieder Arbeitsaufteilung um die erforderlichen Punkte so schnell wie möglich abzuhaken.

Ein Notarzt aus Luxemburg rief an und konnte nicht glauben, dass ich Deutsch sprach. Zoja kann auch Deutsch! So wurden die Punkte, die wir zeitlich gar nicht schaffen konnten besprochen und auch von der Leitstelle in Luxemburg notiert. Die Leitstelle würde diese oder jene Genehmigung für uns erstellen lassen. Dem Notarzt gab ich noch den Status von Lenara durch und er versicherte, dass er morgen früh in Charkiw/ Ukraine sei. Ich sagte ihm die Abflugzeit von Kabul aber nicht wisse mit welches Flugzeug ich kommen werde. „Et wäert net eng flësseg Nosschuel sinn“ ( Es wird keine Fliegende Nussschale sein.) War die Antwort von dem Notarzt.

Der Abend wurde immer später und mir dröhnte der Kopf wie ein Triebwerk von einem Jumbojet. Die Aufgaben waren soweit alle abgearbeitet. Janina und ihr Team waren immer noch voll beschäftigt mit mailen, scannen und telefonieren.

Ich rief meine Tochter in den Niederlanden an und gab den aktuellen Status durch.
Janina reichte mir eine Anklageschrift gegen den Ehemann, die Eltern von Lenara und Unbekannt. „Damit sind wohl auch jene gemeint, die der Hochzeit zugestimmt haben?“ Janina nickte mir zu „Nila, ich bin es so leid! Wir werden diesen Fall öffentlich machen! Es muss endlich mal Schluss sein.“
Ich sah den Empfänger dieser Schriften und war unglaublich stolz auf meine Freundin.

Madina sprach schon seit eineinhalb Stunden mit mir, dass ich doch endlich schlafen sollte. Ich verwies immer noch auf Punke die nicht geklärt seien. Ava sagte in einem nicht gerade freundlichen Ton, dass sie mir jetzt die Leitung entziehen würde, wenn ich nicht langsam mal an mich denken würde! Mit der Drohung und einem Kebab in ihrer Hand nahm ich dann doch ihren Rat an. Madina gab mir eine leichte Schlaftablette.
Mit Kebab und Cola legte ich mich im zweiten Stock in ein Zimmer um zur Ruhe zu kommen. Ich rief Amira an und muss wohl während des Gesprächs eingeschlafen sein. Soviel zu „leicher“ Schlaftablette.

4 Uhr Ortszeit. 60 Kilometer vom Flughafen Kabul entfernt.

Ich wurde von Ava geweckt und machte mich noch schnell etwas frisch. Im Haus war das komplette Krisenmanagement schon wach – oder immer noch.
Ein Freund von Mariam kam mit einen Kleinbus. Der Raum zwischen dem Fahrersitz und erste Reihe in Bus wurde mit Decken und einer Matratze aufgebaut, sodass Lenara weich liegen konnte. Auf dem Bauch und Gesicht hat sie zum Glück keine Verbrennungen. Mit vier Leuten trugen wir sie auf einer Trage in den Bus. Die zwei Ärztinnen, Dunya und Farah, Janina, Zoja, ich und Idris der Fahrer, machten uns auf den Weg zum Flughafen.

Die Flugzeugkennnummer, Flugroute, Genehmigung und alles was wir brauchten, druckte Janina in der Nacht noch aus. Zum Glück hat sie Zugriff auf mein Laptop und konnte die Mails aus den USA beantworten.

Am Flugplatz ging die Kontrolle sehr zügig. Janina kann in ihrer Rolle als Anwältin ganz schön fordernd sein.
Mit einem Begleitfahrzeug ging es zum Parkplatz wo unser Flugzeug stand.
Die schmale und steile Treppe in den Airbus A318 erwies sich als Problem für eine Trage mit einem Kind drauf. Zwei Mechaniker kamen zu Hilfe und so schafften vier Männer Lenara ins Flugzeug.
Im vorderen Bereich nach dem Cockpit legten wir alles an Decken hin, was wir im Auto hatten. Es begann eine Diskussion mit den beiden US Piloten, weil wir Lenara nicht anschnallen konnten. Janina, Zoja und ich texteten die Jungs dermaßen zu, bis sie endlich ihr Okay gaben.

Ich verabschiedete mich von Janina und Zoja. Beide hatten heute in Kabul noch einiges vor. Die zwölfseitige Anklageschrift wollten sie persönlich dem obersten Richter von Afghanistan aushändigen.

Es war 6 Uhr als die Turbinen des Airbus A318 hochliefen.

Starterlaubnis checken, beim Tower anmelden und rollen.
Um 6.11 Uhr hob der A318 mit Ziel Charkiw in der Ukraine ab. Ich sprach mit Lenara was nun kommt, wo es hin geht und wer alles bei ihr ist.
Die Ärztinnen Dunya und Farah überwachten den Puls, Herz und Atmung von Lenara. Sie lag in einer Alu-Schutzfolie auf dem Boden und weinte. Weiter Schmerzmittel ohne Hightechgeräte sind äußerst schwer zu dosieren. Also, hopp oder top. Noch einmal Schmerzmittel verabreichen.

Die Zeit des Nichtstun war für mich das schlimmste. Also auf ins Cockpit und mit den Piloten reden. Ich fragte den Co-Piloten „How long is it until arrival? How long the distance to the destination?“ Die Antwort war nicht sehr erbauend. „Kann die Kiste auch schnell? The plane doesn’t fly faster?“ Wenn Blicke am frühen Morgen töten könnten! „Let’s go! Faster.“
Der Pilot erzählte mir etwas von Flugrouten, Flughöhe, Flugverkehr und Gesetzte und so ein Zeugs. „Des mog älles sai, nur gib Gas. Ihr wolld do koi Leiche im Flugzeug.“ Schwäbisch känned die Jungs a ned. Ich zeigte den beiden die Fotos von Lenara – dies half. Faster Boys!

Meine Gedanken rasten nur so durch mein Hirn. Die Worte von Dr. Kürster hallten in meinen Ohren und ich weinte.
In meinem Leben hatte ich mir noch nie diese Fragen stellen müssen. Ich schämte mich dafür. Was ist für Lenara Erlösung? Darf ich diese Frage überhaupt stellen?

How long is it until arrival?

„How long is it until arrival? How long the distance to the destination?“.„We are about to leave Turkmenistan’s airspace. After 1579 kilometers to the airport Charkiw.“ Die Hälfte! Die Hälfte sind wir erst geflogen!
Der Pilot bat mich das ich mich zu ihnen setzten sollte. Mason war in meinem Alter, der Co-Pilot, Gavin, war fünf Jahre jünger. Ich erzählte den beiden den Alptraum der letzten 24 Stunden. Immer wieder fragte ich die Zeit bis zur Destination. 927 Kilometer. Es wird weniger!

Ich ging zu Lenara und sprach langsam mit ihr. Das Mädchen bekam in den letzten 48 Stunden so viele Medikamente, dass es zum Glück kaum vieles wahr nahm.
Ein Mädchen von 11 Jahren lag in einem Flugzeug eingehüllt in einer Thermofolie und kämpfe um sein Leben.
Hilflos und Wortlos sah ich zu Dunya. Auch ihr Blick war weit von allem Verständnis. Garvin kam zu uns und sagte „Time to Destination in 36 minutes.“ „Danke Gavin.“ Ich hob die Alu-Schutzdecke hoch um Gavin die perversion der Menschheit an einem Kind zu zeigen.

Mason meldete das Flugzeug beim Tower an und sagte mir, das Flugzeug aus Luxemburg sei schon da. Hallelujah!
Der Boden kam näher und Mason setzte den A318 so sanft auf, dass man es kaum merkte Boden unter den Räder zu haben. Der Tower gab die Position zum parken an. Ich sah den Learjet aus Luxemburg und musste weinen.
„Lenara, die Hälfte hast du geschafft.“

Gavin öffnete die Tür und klappte die Treppe aus und ich sofort aus dem Flieger. Ein Mittelgroßer Mann kam auf mich zu.
„Ich bin Leon, wir hatten bestimmt gestern telefoniert.“ Ich nickte „Hatten wir. Nila. Hallo Leon.“
Mit Leon und Frederik, einem zweiten Notarzt ging es wieder rein ins Flugzeug. Dunya und Farah sagen den beiden alles, was über den Status von Lenara wichtig war.

Beamte vom Zoll, zwei Ärzte und vier Männer von der Flughafen Feuerwehr kamen ans Flugzeug.
Die Luxemburger Notärzte hatten Lenara erst einmal untersucht und einige Geräte angeschlossen.
Ich kümmerte mich mit den Beamten vom Zoll um die Papiere. Die Beamten konnten kein Englisch und ich kein Russisch. Jarina hatte zum Glück alle Dokumente in vier Sprachen ausgefertigt. Zum Glück habe ich solch wunderbare Menschen in meinem Team. Mit einem Berg von Dokumenten saßen wir im Flugzeug und klärten alles ab. Henry, der Pilot aus Luxemburg, hatte auch noch einiges an Dokumente dabei.

Die Übergabe von Lenara dauert länger als geplant. Der Herzkreislauf war bei ihr nicht besonders stabil. Die Luxemburger Notärzte legten Kanülen, Infusionen und gaben Lenara nochmals Spritzen.
Die beiden Ärzte aus der Ukraine konnten wenig tun. Sie dokumentierten den Gesundheitszustand von Lenara für ihr Ministerium oder was auch immer.

Ich rief Amira an und gab Status durch. Endlich war Lenara soweit sediert und stabil um in das andere Flugzeug zu tragen. Die Feuerwehrmänner halfen die Trage aus dem A318 zu schaffen und rein in den Learjet. Leon und Frederik schlossen EKG und noch so einiges an Kabel und Geräte an.
Henry sah ungeduldig zu Leon und wartete auf das GO.
Endlich war Lenara für den Weiterflug bereit.
Henry meldete sich bein Tower an und noch keine zwei Minuten später rollte der Learjet zur Startbahn.

Luftrettung aus Luxemburg

Take off um 12.43 Uhr

Henry sagte mir, dass er Rotterdam anfliegen werde. Leon schickte das Übergabeprotokoll an die Leitstelle nach Luxemburg. Ich rief noch schnell Erik an und er sagt mir, dass Lenara noch am gleichen Abend operiert werden würde.

Der Learjet war doch erheblich kleiner als der A318. So konnte ich mich von meinem Sitz nicht all zu viel bewegen und sah die ganze Zeit auf Lenara.
Leon lenkte mich ab und fragte mich sehr viel. „Warum kannst du so gut Deutsch?“ War die dritte Frage von ihm. Ich erzählte Frederik und Leon meine Geschichte von vor 30 Jahren und was ich nun beruflich mache.

Ambulanzjet Learjet 45

Immer wieder sah ich auf Lenara und hoffte das sie die letzten 2000 Kilometer noch schafften würde. Leon sprach offen mit mir und auch die Möglichkeiten einer Heilung. Ich frage ihn, wie er die andere Option für Lenara sah, er sei schließlich Arzt.
„Du und ich schützen das Leben und da ist jede Anstrengung wichtig. Wir tun was wir können, mehr Macht haben wir noch nicht.“

In all dem Chaos am Morgen dachte ich nicht daran, dass ich auch irgendwann mal Hunger bekomme würde. Die Bordküche im Learjet gab zwei Snickers her – besser als nichts.
Ständig schaute ich auf das EKG an der Wand vor mir und war froh, wenn die Kurve einen Zentimeter höher ging, als die zuvor.

Wir waren über deutschen Luftraum.
Noch keine 1000 Kilometer bis nach Rotterdam.
Ich erzählte Frederik und Leon, dass ich am Dienstagnachmittag erst von Schiphol nach Istanbul und dann weiter nach Kabul geflogen sei. Dies konnten die beiden gar nicht glauben. So erzählt ich ihnen die letzten 24 Stunden.
Henry sagte zwischendurch was unter, links oder rechts von uns für eine Stadt war: Hannover. Osnabrück.
„Wir sind gleich in den Niederlanden“ sagte Henry.
Frederik gab der Leitstelle in Luxemburg den Status von Lenara durch. „Super, ich habe Dr. de Joost an der anderen Leitung“, hörte ich von Henry über den Funk.
„Darf ich mit Erik sprechen?“ Henry winkte mich ins Cockpit und gab mir einen Kopfhörer. Es war schön die vertraute Stimme von Erik zu hören. Er sagte das alles vorbereitet sei und zusätzlich zwei Ärtze in die Klinik kommen würden, die sich auf Säure-Verbrennungen spezialisiert hätten. Ich sprach noch kurz mit Amira und war über ihre Gelassenheit erstaunt. Meine kleine Maus!

Rotterdam The Hague Airport

Um 15.40 Uhr meldete Henry den Learjet
beim Tower an und bekam die Landeposition zugewiesen.
24 Stunden später landete ich wieder in dem Land, wo ich eigentlich erst im Herbst wieder sein wollte.
Durch das Fenster sah ich den Rettungswagen auf den Learjet zukommen. Noch während Henry das Flugzeug langsam zum Parkplatz rollte, wurde bei Lenara alles für die letzten Kilometer vorbereitet.

Ich sah das Follow-Me Auto vom Flughafen und dahinter das Auto von meine Tochter und Erik auf dem Beifahrersitz.
Erik nahm mich in die Arme und ich fing an zu weinen. Amira verstaute mein Handgepäck das einmal um die halbe Welt geflogen war.
Leon übergab das Protokoll von Lenara an einen anderen Notarzt. Ich umarmte Leon und Frederik. Bedankte mich für ihre Arbeit und Leon gab mir sein Handynummer. Er wollte wissen wie es mit Lenara weitergeht. „Wir bleiben bin in Kontakt. Versprochen.“ Ich gab ihm einen Kuss.

Mit Erik und Amira folgten wir dem Rettungswagen. Ich hörte die Sirenen und sah immer wieder dieses blaue Licht und mit einem Schlag fiel alles von mir ab. Über 30 Menschen auf drei Kontinenten waren verantwortlich für das, was vor uns mit Blaulicht auf den Straßen von Flughafen zur Spezialklinik jagte.

Brandwonden Klinik Rotterdam

In der Klinik angekommen ging es sofort in den OP Bereich. In einem Zimmer in der Rettungsstadion sprach Professor de Friese und zwei weitere Ärzte mit uns, was nun geplant sei. Wenn der Gesundheitszustand von Lenara soweit stabil sei – was anhand von den Protokollen gut aussehe, würden sie Lenara in ein künstliches Koma legen um dem Kind die Schmerzen zu nehmen und um auch Zeit zu gewinnen, die Haut zu regenerieren. Wir würden benachrichtigt werden, sobald Klarheit bestehen würde.
Da Amira am Vortag als Bevollmächtigte Betreuerin für Lenara eingesetzt wurde, würden wir natürlich über alle Schritte informiert werden.

Am Donnerstag Abend um 18.40 Uhr verließen wir das Krankenhaus. Mehr konnten wir jetzt sowieso nicht tun.
Auf dem Weg zu Amira bestellen wir Pizza mit allem und viel! Ich hatte Hunger wie ein Bär.

Um 19.15 Uhr waren wir an der Wohnung von Amira in Den Haag  angekommen und gleichzeitig kam der Pizzabote um die Ecke.

Mit einem Glas Wein und unserer Pizza saßen wir schweigend in der Küche.
„Mama, ich bin sehr stolz auf dich!“ Ich nahm Amira in die Arme und wir beide fingen an zu weinen.

Freitagnacht 2.18 Uhr

Um 2.18 Uhr klingelte das Handy von Amira und Professor de Friese teilte uns mit, dass Lenara in einem künstlichen Koma liege und ihr Gesundheitszustand sehr kritisch sei. Nun würde es Zeit brauchen um ihr eine Überlebenschance zugeben.
Ich rief Madina an und gab ihr den Status von Lenara bekannt. Dann sprach ich mit Janina und sie sagte mir, dass sie auch bei der Staatsanwaltschaft in Kabul war und der Mann von Lenara heute dem obersten Richter von Afghanistan vorgeführt werde. Auch zieht sie eine Strafanzeige von Niederländischer Seite in Betracht, würde sich da aber erst mit der Botschaft in Kabul in Verbindung setzen. Der Strafantrag gegen die Eltern von Lenara sei auch raus.

So weit der Stand am Freitag den 6. März 2020

Ich kann nicht mehr als meinen Dank allen Freunden und Menschen sagen, die für das Leben von Lenara kämpfen und sich weit über ihre Grenzen eingesetzt haben.

Nila Khalil, Den Haag, 6. März 2020

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Über Nilakhalil

Mein Name ist Nila. Ich wurde 1980 in Afghanistan geboren. Als der Krieg der Sowjets bereits 10 Jahre dauerte und die Lebensverhältnisse immer schlechter wurden, bin ich im Frühjahr 1990 mit Verwandten, ohne meine Eltern, sie hatten das Geld für ihre Flucht nicht, nach Deutschland geflohen. Die Flucht ging über den Iran, Türkei, Bulgarien, Rumänien, Österreich bis schließlich nach Deutschland. Ich erlebte als Kind Tod, Gewalt, Hass, Hunger und Angst. Zu Beginn unserer Flucht trat mein Cousin auf eine Landmine und wurde buchstäblich wenige Meter neben mir zerfetzt. Der Krieg und aufkommende Terror der links und rechts von uns tobte, ließ uns nur Nachts wandern. Die Gefahr aufgegriffen zu werden, war zu groß. Flüchtigslager im Iran Im Iran lebten wir zwei Wochen in einem Flüchtigslager mit vielen anderen Afghanen. Zu viel Gewalt und zuwenig Toiletten war eine unerträglich Situation. Meine Onkel beschloss, dass es keine Sinn machen würde im Iran auf irgend eine Besserung zu warten. Ein Fahrer mit einem Pickup sollte unsere kleine sieben köpfige Gruppe an die Grenze der Türkei bringen. Nach wenigen Stunden ging das Auto "kaputt" und wir mussten wieder laufen. Heute weiß ich, es war Absicht von dem Fahrer, denn Geld bekam mein Onkel nicht mehr zurück. Humanitäre Hilfe in der Türkei In der Türkei bekamen wir in einer Einrichtung vom Roten Halbmond Lebensmittel und neue Kleider. Meine Tante, dessen Sohn auf die Landmine trat, bekam fürchterliche Bauchschmerzen und musste ins Krankenhaus. Die Blinddarm Operation musste mein Onkel bezahlen. Nach der zweiwöchigen Zwangspause ging es weiter nach Bulgarien. Mal mit dem Bus und wieder weite Strecken zu Fuß. Ich hatte überhaupt kein Zeitgefühl mehr. Schmerzen in den Beinen und Sonnenbrand auf der Haut. In Bulgarien In der Nähe von Sofa wurden wir in ein Gefängnis eingesperrt. Ein feuchtes Kellerloch beschreibt es besser. Mein Onkel bezahlte "Lösegeld" und nach zwei Tagen wurden wir endlich entlassen. Gingen wir durch Ortschaften,  wurden wir beschimpft oder sogar mit Steinen beworfen. Also gingen wir wieder nur Nachts. In Rumänien Rumänien war 1990 das Armenhaus von Europa und das brutale Regime von Ceaușescu war noch überall spürbar. Am Tag hatten wir uns vor der Polizei und Bevölkerung versteckt und fast jede Nacht sind wir gelaufen. Immer auf der Hut vor der Polizei oder anderen Autos. In Österreich Im September sind wir in Österreich angekommen und ich musste völlig entkräftet und abgemagert in ein Spital. Ich hatte selbst zum weinen keine Kraft mehr. Ich konnte nicht mehr und wollte auch nicht mehr weiter. Mein Onkel und seine Frau hatte in Afghanistan studiert und konnten mehrer Sprachen. Mit dem Behörden wurde verhandelt, dass wir nach Deutschland zu unseren Verwandten durften. Unsere Verwandten die ich gar nicht kannte, kamen aus Stuttgart, Bochum und Oberhausen uns abholen. Ich sollte zu Mila und Milad Faani  nach Stuttgart. Beide sind 1980 mit mitte 20 schon geflohen. Als wir in Salzburg über die Grenze fuhren und Mila mir sagte, dass ich nun in Deutschland und in Sicherheit sei, fing ich an zu weinen. In Stuttgart Wangen in der Nätherstraße begann mein neues Leben. Am Nachmittag saßen alle im Haus bei Mila und Milad und sprachen sehr viel. Ich hörte den Gesprächen bei warmen Kakao und Käsekuchen zu. Vieles konnte ich damals nicht begreifen, oder wollte es auch nicht. Die erste Nacht im eigenen Bett war für mich eine Wohltat. Mila schlief bei mir und hielt mich fest. "Ich bin nicht deine Mutter, werde aber mein Bestes geben. Dies verspreche ich dir." Mila hatte in Afghanistan BWL studiert und arbeitete seit 1981 bei Mercedes-Benz in der Verwaltung. Milad hatte Maschinenbau studiert und war bei Mercedes-Benz Vorarbeiter. Milad hatte bei Mercedes als Fließbandarbeiter angefangen und Ende der 80er seinen Meisterbrief gemacht. Beide erzogen mich in einem freien, liberalen und weltoffen Denken, wofür ich ihnen heute noch sehr dankbar bin. Mila und eine pensionierte Lehrerin aus der Nachbarschaft unterrichteten mich in deutsch. Ich musste eine völlig neue Schrift, Sprache und Kultur lernen. Im Frühjahr 1991 musste ich bei der Jugendbehörde einen Eignungstest machen, um festzustellen für welche Schule ich geeignet sei. Ich konnte auf die Realschule. Dort blieb ich auch und machte meine Mittlere Reife. Nach der Schule lernte ich Bürokauffrau und arbeitete auch in diesem Beruf. Ich sparte Geld um meine Eltern nach Deutschland zu holen. Ich hatte bereits den deutschen Pass und wollte über die Familiezuführung dies erreichen. Der Alptraum Im Sommer 2005 kam ein Anruf aus Afghanistan und Milad wurde mitgeteilt, dass mein Vater bei einem Bombenanschlag ums Leben gekommen war. 12 Personen seien bei diesem Terroranschlag getötet worden. Die Leiche von meinem Vater sei bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Als mir Mila und Milad dies mitteilten, schrie und heulte ich: "Ich muss zurück nach Afghanistan! Ich muss!" Alles reden von den beiden brachte nichts. Am nächsten Morgen rief ich meine Chefin an und sagte ihr von meinem Entschluss. Drei Tage später saß ich im Flugzeug auf dem Weg nach Kabul. Raus aus dem Paradies, hinein in den Krieg. Da stand ich nun mit meinen 25 Jahren in einem Land, dass nicht meine Heimat war. Meine Mutter überlebte schwerst traumatisiert diesen Anschlag und ich kümmerte mich um sie so gut es unter den Umständen möglich war. Durch Zufall traf ich Shabnam, meine ehemalige Lehrerin, in der Stadt und sie hatte nach unserem Gespräch die absurde Idee, dass ich Lehrerin werden sollte. "Du bist ein kluges Mädchen und so etwas braucht diese Stadt." Mein Beruf war schon besiegelt ohne das ich gefragt wurde. Shabnam hatte Anfang der 70er in Deutschland Lehramt studiert und sie brachte mir all ihr Wissen bei. So wurde ich im Herbst 2005 Lehrerin an einer Mädchenschule in dem Land, aus dem ich 15 Jahre zuvor geflohen war. Von einer Freundin hörte ich von einem Frauenhaus in den Bergen zu Pakistan und fuhr eines Tages mit meinem alten Datsun dieses Haus suchen. Was ich vorfand war mehr ein großes Gebäude das irgendwie nach einem Haus aussah. Tristesse auf dem gesamten Gelände und Mädchen die durch Zwangsheirat traumatisiert waren, vegetierten vor sich hin. Der Leiterin des Frauenhauses erzählte ich von meiner Wunsch, den Mädchen und jungen Frauen etwas Bildung beizubringen. Svea war von der Idee begeistert und so fuhr ich alle zwei Wochen die fast 100 Kilometer zu dem Frauenhaus um den Mädchen die Grundformen von lesen und schreiben beizubringen. Im Sommer 2006 wurde ich von meinen Lehrerkolleginnen als Direktorin der Schule einstimmig vorgeschlagen und so nahm ich die neuen Herausforderungen an. Neben all dem pflegte ich noch meine Mutter und wusste oft nicht, wie ich überhaupt noch an sie ran kommen könnte. Sie war oft sehr apathisch und starrte ins Leere. Oft weinten wir zusammen und ich wusste keinen Rat mehr. Im Herbst 2006 fand ich sie eines Morgens tot im Bett - sie hatte den Freitod gewählt. Nun war ich ganz alleine. Mein Geld in einer Keksdose und den deutschen Pass vor mir auf dem Tisch, brachten mich zum zweifeln. Ich hatte das Privileg um in wenigen Stunden das Land verlassen zu können. Mein Verstand schrie: geh. Mein Herz sagte: bleib. Ich hatte plötzlich eine Verantwortung die ich nie wollte. Ich hatte Kolleginnen die an mich glaubten. Ich unterrichtete Kinden in der Schule und im Frauenhaus, die an mich glaubten. Die Zufälle im Leben Im Frühjahr 2007 traf ich in meiner Stadt einen deutschen, der sich die Projekte von Deutschland anschauen wollte, die ab 1968 in Gardez gebaut wurden. Unter anderem auch meine Schule. Mit ihm, einem Kamerateam aus Australien und einer Journalistin aus den USA fuhr ich in das Frauenhaus in die Berge in der Nähe von Pakistan. Er war der Mann, der den Stein ins rollen brachte. Seine Kontakte aus früheren Jahren in der Humanitären Hilfe in Kambodscha und Thailand waren der Grundstein für eine Hilfsorganisationen die in meinem Beisein in Istanbul gegründet wurde. In vier Tagen wurde etwas geschaffen, von dem ich nie zu träumen gewagt hätte. Ich wurde die Direktorin einer Stiftung, die sich um zwangsverheiratete und misshandelte Mädchen kümmert und von Anfang an über eine unglaubliche Summe Geld verfügte. Durch Zufall trafen wir einen Major der US Armee im PRT ( Provincial Reconstruction Teams) Khost und in ihm fand ich und wir einen Menschen der an das Frauenhaus glaubte. Major Roger Juarez stellte Soldaten für uns ab, die halfen das Frauenhaus etwas bewohnbarer zu machen. Roger schickte zwei Militär Ärztinnen an das Frauenhaus und sorge auch dafür, dass dringende Operationen von den Mädchen im Camphospital durchgeführt wurden. Mit dem unglaublich vielen Geld der neuen Stiftung wurde ein Frauenhaus nach meinen Vorstellungen an einem geheimen Ort gebaut. Auch da war Roger der Chef und nach seinem Architekten Plan wurde das erste Frauenhaus unserer Stiftung quasi aus dem Boden gestampft. Wir wurden auf drängen von Roger auch vom PRT in Gardez mit sehr viel Hilfe unterstützt. Ich kann sagen, dass mir die US Armee in vielen vielen Bereichen tatkräftige Unterstützung gab und ich lernte Menschen und keine Soldaten kennen. Im April 2007 wurde ich auf nicht gerade legalen Weg Mutter von einem 12-jährigen Mädchen. Mit ihr hatte ich viele Probleme durch ihre traumatische Erlebnisse. Die ersten Schritte in die Politik Ab 2010 ging es für mich in die Lokalpolitik. Ich wollte mich nie politisch engagieren, sah aber ein, dass ich diesen Schritt gehen musste um voran zukommen. Mit einem jungen und engagierten Team in der Schule in Gardez ging es nun auch auf politischer Ebene voran. Wir wurden als die Speerspitze der neuen Frauenbewegung in Afghanistan gesehen. Schnell sprach sich in den Kreise von Dr. Sima Samar herum, was wir bewegten. Sima brachte mich zu UNAMA und plötzlich war ich bei der größten Institution der Welt: der UNO. Ich schaffte mich vom einfachen Mitglied der UNAMA hoch bis zur Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen in Genf. Als ehemaliges Flüchtlingskind zur Bürokauffrau und dann Lehrerin bis hin zur Menschenrechtlerin ist ein Weg, den ich nie zu träumen gewagt hätte. Durch meinen Ehrgeiz und mein Auftreten selbst vor der Regierung in Afghanistan machte ich mir nicht nur Freunde. Es war zum Teil Lebensgefährlich was ich tat. So entschloss ich mich der Vernunft zu beugen und wurde bei Veranstaltungen oder Fahrten zu anderen Terminen von einem Bodyguard begleitet. Neben meinem Bodyguard gehörte die Beschusshemmende Weste zum Alltag wie der Lippenstift oder die High Heels. Da ich nun eine Tochter hatte, wurde ich von meinen Team aus der Schusslinie geholt und war nur noch bei Veranstaltungen die räumlich gesichert wurden. Der Terror kam sehr nah Im August 2016 wurde ich zum Ziel der Taliban. Mein Fahrer fuhr in einen Hinterhalt der Taliban und wenn ich kein gepanzertes Auto gehabt hätte, wären wir im Kugelhagel gestorben. Mein Freund und Bodyguard tat das, wofür er ausgebildet wurde und so verloren vier Kämpfer der Taliban an jenem Tag ihr Leben. Die Sicherheit von meiner Tochter stand immer an oberster Stelle und so schaffte ich sie wenige Tage später nach Europa. Amira kam in eine Einrichtung in der Flüchtlingskinder ohne Eltern untergebracht sind und machte in den Niederlande ihre Ausbildung als Erzieherin. In den letzten Jahren war ich mit meiner Tochter immer wieder auf Urlaub in Deutschland bei meinen Eltern (Mila und Milad) oder in dem Niederlande. Da ich und Amira den Gründer jener Einrichtung seit 2007 kennen und wir auch sehr eng zusammen arbeiten, war es ein logischer Schritt, dass meine Tochter in die Niederlande ging. In meinem drei Monate "Urlaub" im Frühjahr und wieder im Herbst, arbeitete ich dann auch in und von den Niederlande aus. Dr. Erik de Joost wollte mir 2016 schon die Leitung seiner Einrichtung übertragen. Ich lernte ab. Meine Arbeit war in Afghanistan. Dort wurde ich gebraucht. Trotz des Terror gegen mich, ging ich zurück um das zu tun was ich kann: kämpfen. Das Leben geht andere Wege Im Dezember 2019 kam ich wieder auf "Urlaub" in die Niederlande und wollte nur drei Monate bleiben. Mein Leben war für die Rechte der Mädchen in Afghanistan zu kämpfen vorgesehen. Also ging es am 4. März 2020 mit einem Linienflug von Schiphol über Istanbul zurück nach Kabul. Das ich 48 Stunden später mit einem Mädchen das lebendig verbrannt werden sollte, mit einem Ambulanzjet in Rotterdam wieder landen würde, war mir am 4. März nicht bewusst. Vom Ministerie van Volksgezondheid wurde mir am 9. März per sofort die Vormundschaft für jenes Kind übertragen. Ich musste über Operationen, Leben oder Tod entscheiden. Der März war für mich der Alptraum. Meine Eltern kamen am 13. März von Stuttgart nach Den Haag und ich bin ihnen für die wohl schwerste Zeit in meinem Leben sehr dankbar. Zurück nach Afghanistan war nicht mehr möglich. Ich hatte die Verantwortung für ein Kind, dass ab dem 6. März bis zum 13. August im künstlichen Koma lag. Meine Heimat im Herzen war immer Stuttgart gewesen. In Gardez hatte ich 14 Jahre nur gewohnt und gearbeitet. Wo ist also meine Heimat? Durch die Umstände von Lenara bin ich die nächsten Jahre an die Niederlande und die Klinik gebunden. So kaufte ich mir an Ostern ein Haus in der Nähe von Den Haag. Dr. Erik de Joost und seine Tochter Marpe wollten, dass ich nun endlich die Leitung der Einrichtung übernehmen sollte. In langen Gesprächen mit meinen Eltern, mit Erik, Linda und Marpe de Joost und meinem Team in Afghanistan gab ich nach. Und so bin ich seit dem 1. April die Leiterin einer seit 27 Jahren bestehenden Einrichtung für traumatisierte und sozialschwache Kinder in der Nähe von Den Haag. Meine Arbeitstage haben in der Regel 16 bis 18 Stunden und all die vielen Probleme in Afghanistan, mit Lenara und die Bürokratie in den Niederlanden und Europa sind ungleiche Gegner für mich. Mit schwerem Herzen gab ich zum 1. April die Leitung der Mädchenschule in Gardez und der Frauenhäuser ab. In 13 Jahren hat sich ein Netzwerk von 46 Frauenhäuser gebildet. 6 dieser Häuser sind in meinem Privatbesitz und drei aus Sicherheitsgründen außerhalb von Afghanistan. Ich gab mein Lebenswerk an Freunde ab. Ich bin immer noch die Chefin, wenn ich auch die Leitung nur noch kommissarisch habe. Das Corona Jahr Das Jahr 2020 hätte turbulenter nicht sein können. In meinem Leben passte auf einmal nichts mehr zusammen und die Arbeit und Sorgen wurde nicht weniger,  auch wenn ich 36 Stunden arbeiten würde. Auf einer Freizeit mit 20 Jugendlichen aus unserer Einrichtung, traf ich in Juli auf dem Ijsselmeer eine weiter persönliche Veränderung - ich gab die Leitung und den Ersten Vorsitz des Netzwerkes Afghan Women's zum 1. September 2020 ab. Meine ganze Kraft gilt meinen beiden Töchter und mit der Leitung der Kinder- und Jugendeinrichtung habe ich mehr als genügend Aufgaben, was meinen Arbeitstag nicht gerade weniger macht. Noch eine Anmerkung: Ich bin zwar in einem muslimischen Land geboren, habe aber sonst mit dem Islam nichts zu tun. Ich mag Weihnachten und Käsespätzle sehr. Nila Khalil, Den Haag, 17. November 2020

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