Eindrücke einer Reise die für viele unvergesslich sein wird.

Plattboot Nirwana

Hurra ich lebe noch!

Ich bin 15 Seemeilen, also knapp 30 Kilometer mit dem Schnellboot zur „Nirwana“ gefahren (geflogen, gehüpft) worden. Für mich war es eine gefühlte Entfernung bis zum Mond.
Johann, der Skipper von dem Motorangetriebenen Flummi, fragte ob ich es eilig hätte um auf die „Nirwana“ zu kommen. „Phuuu, wat betekent haast? Rijd gewoon. De Nirvana is niet voor Groenland.“ (Was bedeutet Eile? Fahr einfach. Die Nirvana wird nicht vor Grönland sein.) Ich täusche mich!

Fast 30 Kilometer in dem Schnellboot, kann man mit einer Horde Kinder in einer Hüpfburg vergleichen. „Johann, moet het ding zo stuiteren? We komen ook met
minder gas aan.“ ( Muss das Ding so hüpfen? Wir kommen auch mit weniger Gas an.) „Nila, dat is een Speedboot.“

Was hatte Johann für ein Glück das ich meine Arme brauchte um mich festzuhalten! „Godverdomme Nederlands!“ Was hatte ich Glück, dass Johann eine Hand am Lenkrad und eine am Gashebel hatte.
„Johann, rijd nu langzamer, anders doorbreken we de geluidsbarrière!“
(Fahr jetzt langsamer, sonst durchbrechen wir die Schallmauer!) Hätte ich nicht sagen sollen! Ich wusste gar nicht, dass der Motorangetriebene Flummi noch schneller konnte.
Eine weiter Diskussion mit Johann war nicht Zielführend – also konzentrierte ich mich auf einen Punkt am Horizont.

Auf dem Ijsselmeer waren viele Boote unterwegs. Motorboote, Segelboote und eben auch Speedboote. Wellen mochte Johann gerne und er lies es sich nicht nehmen, JEDE Welle seitlich oder frontal zu nehmen.
„Nila, wat is er met je? Wees niet zo krap. Het is leuk.“ (Nila, was ist los mit dir? Sei nicht so verkrampft. Es macht doch Spaß.)

Nach einer gefühlten umrundung des Äquators kam endlich die „Nirwana“ in Sicht und plötzlich konnte ein Speedbood auch slowly.

Als wir näher kamen, stieg der Geräuschpegel auf der „Nirwana“ in einen Bereich wo jeder F-14 Tomcat Düsenjet ein Fliegenfurz dagegen ist. Die 20 Kinder und Jugendliche brüllten sich die Seele aus dem Leib. Sie winkten und hüpften, als ob sie mich Jahre nicht gesehen hätten.

Das Einbooten von einem schaukel Boot auf ein anderes schaukel Boot muss man gewöhnt sein!
Während ich von dem Gummiboot auf das Holzboot umstieg, kam mir ein Gedanke der mir das Herz für einen Augenblick stehen ließ: Was ist, wenn wir in dieser Gruppe, oder die beiden nachfolgenden Gruppen ein paar Kinder oder Jugendliche Ausbooten müssen? Alptraum! Immerhin sind die Kinder zum Teil schwerst traumatisiert.

Hafen von Hoorn

Auf der „Nirwana“
Ich kenne dieses Segelschiff, als sie im Hafen von Enkhuizen lag und ich mir dieses wunderschöne Schiff aus dem Jahr 1910 vor Wochen schon angeschaut hatte.

Johann machte sein Boot Steuerbord, also rechts, längsseits fest und kam an Bord. War ein Fehler! Die erste Klatsche hatte er schon mal in Form von einem Boxhieb gegen den Oberarm kassiert.
Die Kindern umringten mich und alle sprachen durcheinander. Was ich verstanden hatte, schien jedes Kind diesen Segeltörn, jetzt schon nach 3 Stunden auf dem Wasser, als den absoluten Wahnsinn anzusehen. Kinder ihr wisst noch nicht alles!

Mit Irene Toxopeus, der Eignerin und Skipperin von der „Nirwana“ und mit Johann besprach ich meine Bedenken, wenn wir ausbooten müssen. Irene versicherte mir, dass sie dafür gerüstet sei und spezielle Gurte und Sicherheitswesten an Bord hätte. Johann erklärte ich noch, dass er einen solchen Fahrstil auf keinen Fall machen dürfe. „Nila, ik ben niet dom! Als je had gezegd dat je zou vertragen, had ik het ook gedaan.“ (Nila, ich bin nicht dumm! Hättest du gesagt ich soll langsamer fahren, hätte ich es auch gemacht.)
Der zweite Boxhieb hatte er sich definitiv verdient.

Nun bin ich fast 7 Stunden auf der „Nirwana“ und es scheint kein Zeitgefühl zu geben. Ich kenne einen solchen Segeltörn ja schon und trotzdem ist es ein prickeln im Bauch. Das Holz, das Wasser und die Luft zu riechen ist traumhaft.
Nun mache ich für heute Schluss und genieße mit Rebecca bei einem Glas Wein den Sonnenuntergang auf dem Ijsselmeer.

Sonnenuntergang auf dem Ijsselmeer

Die ersten 24 Stunden auf einem Segelboot

Text von Amira Khalil

Am 53.184572 Breitengrad und 4.968178 Längengrad
Seit gestern Morgen sind wir mit 20 Kinder und Jugendlichen, 6 Betreuer und einer Chefin auf dem Ijsselmeer auf Fahrt. Unser Clipper ist 110 Jahre alt und man spürt die Geschichte und die Seele der „Nirwana“ auf jedem Quadratmeter an Bord. Alleine dieser Charme macht diese Reise schon unvergesslich.

Wir haben 9 Doppelkabinen und 2 Vierer-Kajüten, 3 Toiletten und 3 Duschen an Bord. Alles ist wunderschön und man fühlt sich in ein anderen Zeit versetzt.
Nachdem gestern die Kabinen und Kajüten aufgeteilt, das Gepäck verstaut und sich jeder die „Nirwana“ angeschaut hatte, gab es von Irene Toxopeus, der Skipperin, nochmals eine Einweisung wie wir diese am Freitag schon theoretisch bei uns in der Einrichtung besprochen hatten. Sicherheit geht vor und jeder muss dies auf den 32 Meter Länge und 6,5 Meter Breite an Bord wissen. Rouven erklärte noch einmal die Regeln an Bord und wer welche Aufgaben übernehmen kann oder möchte. Da ich schon öfter auf einem Segelboot war, wurde am Freitag entschieden, dass ich als Betreuerin bei der ersten Gruppe dabei bin. Mit meiner Freundin und Kollegin Marieke, mit Tahmineh und mit Anjana und Elly aus der Verwaltung sind wir für 18 Kinder und Jugendlichen die Betreuer an Bord. Rebecca, eine Freundin von Mama, und ihre beiden Kinder sind auch dabei.

Leinen los um 10.27 Uhr

Mit dem Hilfsmotor steuerte Irene die „Nirwana“ aus dem Hafen von Hoorn Richtung Nordost auf das Ijsselmeer. Die Kinder winkten links und rechts vom Boot den Leuten zu die sie sahen. Ist links und rechts überhaupt richtig? Backbord und Steuerbord passt auf jeden Fall.
Bis zur Ausfahrt vom Hafen wurde jeder Möve, jedem Boot und jeder Person zugewunken und gerufen. Die Kinder hatten jetzt schon ihren Spaß und wissen nicht, was sie die nächsten 5 Tage noch alles erleben werden. Erik, Marpe und Nila haben sich so einiges an Überraschungen ausgedacht.

Das Mittagessen fiel – wie schon zu erwarten, sehr dürftig aus, den es gab zu viel zu entdecken und bestaunen, sodass für Essen keine Zeit blieb.
Gegen 13 Uhr wurde es langsam ruhiger auf der „Nirwana“ und fast alle lagen auf Deck in der Sonne. Das rauschen vom Wind in den Segeln und das Wasser hören, welches gegen den Bug schlug, brachte die Kinder in einen dösenden Zustand – mich auch.

Es ist ein unbeschreibliches Gefühl auf einem Segelboot über das Wasser zu gleiten. Der leichte Seegang, die Luft und die Ruhe kann man kaum in Worte fassen.

Um 14 Uhr kam Anjana zu mir und sagte, dass meine Mutter auf dem Weg zur „Nirwana“ sei und in den nächsten Minuten eintreffen würde. Dies sprach sich auf dem Clipper sehr schnell herum und so wurde Ausschau nach Nila in allen Himmelsrichtungen gehalten. Zafira sah Nila als erstes und in Bruchteilen von Sekunden waren alle Kinder auf der Steuerbordseite um ihr zuzuwinken und rufen. Brüllen kommt dem wohl näher. Mama hatte Tränen in den Augen als sie auf die „Nirwana“ kam – ich auch.
Nach dem großen Hallo und der Begrüßung wie bei einem Rockstar beruhigten sich alle wieder und Nila hatte Zeit um mit der Skipperin zu reden.

Der Nachmittag war wunderschön mit Gesprächen, sonnen und dösen auf Deck.
Beim Abendessen war – wie zu erwarten, die Meute hungrig wie eine Gruppe Bären nach dem Winterschlaf. Ein Abendessen unter Segeln ist schon eine besondere Atmosphäre.
Nachdem aufräumen und Küchendienst war dieser Tag fast geschafft. Immer noch war jeder von der Weite, Ruhe und Eindrücken geflasht. Ins Bett wollte niemand und so blieben alle noch sehr lange wach.
Gegen 23 Uhr schafften Marieke,Tahmineh und ich die kleinsten aus der Gruppe in ihre Vier-Bett-Kajüte. Die vielen Eindrücke vom Tag waren für sie so viel, dass sie vor Müdigkeit kaum noch die Augen aufhalten konnten. Eines der Kleinen schlief während des Erzählens ein.
Mit Marieke saß ich vorne am Bug mit einer Dose Bier bis weit nach Mitternacht. Auch wenn die Temperatur gestern bei fast 30° lag, auf dem Wasser ist es unglaublich kühl und am Abend sowieso.

Dienstag, 21. Juli 6.20 Uhr

Aufstehen nach dieser Nacht wollte ich gar nicht. Auch wenn ich noch keine 5 Stunden geschlafen hatte und mir dieser wenig Schlaf nichts ausmacht, war ich heute morgen völlig fertig. Die Seeluft ist die besste Schlaftablette der Welt. Das leichte schaukeln des Bootes und das Geräusch wenn das Wasser gegen die Planken schlägt geben ihr übriges.

Vor 7 Uhr fing ich dann mal an meine Horde Kinder zu wecken – was gar nicht leicht war. Die Seeluft nahm so einigen Kinder das Leben aus den Körper.

Tahmineh hatte den Frühdienst in der Küche übernommen und mit vier anderen Kinder das Frühstück vorbereitet. Auch ohne groß einen „Dienstplan“ zu erstellen läuft es an Bord seit gestern Mittag ganz gut.
Mama hatte gestern Abend sehr viel mit Rebecca gesprochen und sie wird sich die nächsten Tage noch weiter mit ihr unterhalten. Nila kann nicht aufhören zu arbeiten, helfen oder denken. Auch wenn sie sagt, sie tut nichts – ist es gelogen. Na ja, ich kenne meine Mutter schon lange genug und macht auch wenig Sinn mit ihr darüber zu reden.
Dann lassen wir uns heute überraschen, wohin der Wind uns treib bis wir Trockenfahren.
Ups, habe ich schon etwas verraten?

Mittwoch 22. März

„Wer einen Menschen rettet, rettet die Welt.“ Dieser Satz stand in dem Buch „Schindlers Liste“ von Thomas Keneally.

Erholung tut gut und die Welt muss nun fünf Tage ohne mich auskommen.
Heute ist Mittwoch der 22. Juli 2020 und eigentlich würde ich heute Nachmittag meinen Kurzurlaub auf der „Nirwana“ beenden, um im Hamsterrad der Bürokratie, Probleme und der nie enden wollenden Arbeit weiter zu machen. Es ist mir jetzt auch völlig egal! Die Welt dreht sich die nächste Woche genau so wie heute.
Meine Gedanken sind natürlich bei Lenara und ich bin hin und her gerissen. Darf ich sie fünf Tage alleine lassen oder bin ich zu egoistisch?
Gestern Abend rief mich Professor de Friese an und berichtete mir von der letzten Operation an ihrem rechten Bein und das alles sei gut verlaufen sei. Er sagte mir auch, dass Lenara durch die Operation sowieso mehr sediert sei und es keinen Unterschied mache, ob ich bei ihr sei oder nicht – rationales Denken von einem Mediziner. Ich als Mutter denke mit dem Herz. Mein Verstand sagt mir aber auch, dass ich nicht permanent am Limit leben und arbeiten kann. Also werde ich nun bis Freitag auf der „Nirwana“ bleiben, um mal wieder zu mir zu kommen. Ich sprach gestern Abend mit meiner Tochter über eben jene Entscheidung und sie war mehr als glücklich darüber.

Heute Morgen rief ich nach Rotterdam in die Klinik an und sprach lange mit der Stationsleiterin Paula. Paula sagte mir die aktuellen Werte und Befunde von Lenara und dass sie sich die nächsten Tage zu Lenara setzten würde. Da ich mittlerweile eine recht ordentliche Sammlung an Musik und auch meinen Gedanken auf USB Stick’s in der Klinik habe, hat Lenara genügend Abwechslung bis ich am Samstag wieder bei ihr bin. „Nila, je kunt na vijf dagen op het Ijsselmeer Lenara zoveel vertellen en denk aan jezelf. Ik zal bij Lenara zijn en met haar praten. We zijn vrienden en ik help je graag.“ (Nila, nach fünf Tagen auf dem Ijsselmeer kannst du Lenara so viel erzählen und denke nun auch mal an dich. Ich werde bei Lenara sein und mit ihr reden. Wir sind Freunde und ich helfe dir gerne.)

Nun aber der Reihe nach.

Den Montagnachmittag hatte ich mit dem Abenteuer Speedboot schon geschrieben.
Am Montagabend hatte ich noch sehr lange mit Rebecca gesprochen und bin froh, dass sie sich die letzten zweieinhalb Monate sehr positiv entwickelt hat.
Rebecca lernte ich im März in der Spezialklinik in Rotterdam kennen, da ihr Mann durch einen Säureunfall seit Dezember dort behandelt wird. Rebecca war im April noch ziemlich fertig und stand haarscharf vor einer tiefen Depression. Ich bot ihr Ende April an, doch zu uns in die Einrichtung zu kommen, damit sie Zeit für sich findet und ihre beiden Kinder trotzdem versorgt sind. Ich bin keine Psychologin. Ich kann zwar einiges an Qualifikationen nachweisen, aber mehr auch nicht. Ich handle nach meinem Verstand und Herz. Marpe war der Schlüssel zum Erfolg und Rebecca fand in ihr eine sehr gute Psychologin. Vom ganzen Team wurde Rebecca viel geholfen und sie sah auch eine andere Umgebung. Sie ist gelernte Buchhalterin und hat sich in der Verwaltung auch gut eingebracht. Da sie nicht nach einer Zeitvorgabe arbeiten muss, konnte sie ihre, freiwillige, Arbeit so erledigen wie sie es konnte oder kann.
Menschen eine Perspektive oder Chance ohne Arbeitsleistungsvorgaben zu geben, kenne ich seit vielen Jahren und fahre mit meinem Führungsstil ganz gut damit. Erfolge sehe ich immer wieder in dem, wie ich meine Mitarbeitermotivation umsetze.
Im Mai unterhielt ich mich sehr lange mit einer Freundin aus Deutschland über Depressionen und deren Folgen, Verlauf oder auch Behandlung. Ich muss ehrlich gestehen, ich hatte Angst vor dem was ich im April angefangen hatte und nicht wusste ob ich in meiner Naivität Rebecca eine gute Hilfestellung geben könnte. Was mir Nicole damals sagte, stellte mich vor eine große Herausforderung. Mit Marpe besprach ich meine Sorgen bezüglich Rebecca.

Willkommen im Team

Wie schon geschrieben, war oder ist Marpe der Schlüssel zum Erfolg. In den letzten zehn Wochen merkte ich bei Rebecca eine sehr gute und positive Entwicklung bei ihr und der Montagabend mit einer Flasche Wein auf der „Nirwana“ irgendwo im nördlichen Ijsselmeer tat uns beiden sehr gut. Die Gespräche waren Belanglos oder unserer beider Gedanken um ihren Mann, beziehungsweise Lenara.
„Nila, ik wil voor je werken.“ ( Nila, ich möchte für dich arbeiten.) Ich wusste in dem Moment nicht was ich Rebecca darf
sagen sollte. Vor fünf Jahre bauten sie und Marten ein Haus in Hoofddorp, dass gute 50 Kilometer von Den Haag entfernt liegt. „Of ik nu 35 kilometer naar het werk rij in Amsterdam of 47 kilometer naar Den Haag. Waar zit het verschil?“ (Ob ich 35 Kilometer zur Arbeit in Amsterdam oder 47 Kilometer nach Den Haag fahre. Wo ist der Unterschied?) „En het is ook dichter bij Rotterdam.“ (Und näher nach Rotterdam ist es auch.) Wo sie recht hat, hat sie recht. Da sie und ihre beiden Kinder sowieso bei uns in der Einrichtung wohnen und die Kinder sich wohlfühlen passt es ganz gut.
„Willkommen im Team, Liebes.“

Dienstag, 21. Juli kurz vor 6 Uhr

„Wer einen Menschen rettet, rettet die Welt.“ Mit diesen Gedanken lag ich in meiner Koje und genoss das leichte schaukeln der „Nirwana“. Durch das geöffnete Bullauge roch der neue Tag nach frische und das leise schlagen der Wellen gegen die Planken der „Nirwana“, war eine Symphonie der Sinne.
Meine Tochter wurde wach und ich erzählte ihr von dem gestrigen Einstellungsgespräch.
Gegen 7 Uhr wurde der Geräuschpegel auf dem Boot lauter – die Meute wurde wach! Mit einem zufriedenen Lächeln ging ich in eine der drei Duschen an Bord.

In dem geräumigen und sehr Geschmackvollen Innenraum der „Nirwana“ hatte Tahmineh mit vier Kinder das Frühstücksbuffet aufgebaut. Ich war mega stolz auf meine Kinder. Fast alle Kinder waren auf Deck um dort zu frühstücken. Mir war es noch etwas frisch, so setzte ich mich in die Rundeck auf der Backbordseite und schaute aus meiner Ecke dem gewusel zu.

Tahmineh fragt, ob sie sich zu mir setzen dürfe. Natürlich. „Nila, ich habe immer noch keine Nachricht von der Uni bekommen.“ Ich nickte. Tahmineh hatte im Frühjahr ihre Abiturprüfungen bei mir im Büro geschrieben. Durch Corona war und ist dieses Jahr alles nicht normal. Tahmineh möchte Lehramt studieren und gerade wegen oder durch Corona hat sie sich für diesen Berufswunsch entscheiden. Im April war dieser Berufswunsch bei ihr, und auch bei Djamila, sehr konkret geworden. Irgendwie hat die Corona Pandemie auch etwas gutes.
„Tahmineh, mach dir keine Sorgen, du und Djamila könnt und werdet bei uns arbeiten bis wir alle Klarheit haben ,wie es überhaupt weitergeht. Mehr an praxis könnt ihr jetzt für das Studium nicht lernen.“ Tahmineh sah mich völlig ungläubig an, bei dem was ich ihr sagte. „Ich hatte am Freitag bei der Vorstellung zu dieser Freizeit schon gesagt, dass diese alles bisher dagewesene in den Schatten stellt und ihr noch so einige Überraschungen erleben werdet. Sag bitte noch nichts zu Djamila. Dies macht Marpe die nächsten Tage, wenn sie mit der zweiten Gruppe an Bord ist.“ Mit einem überglücklichen Lächeln nickte sie.

Mit Irene, der Skipperin, besprach ich den Tag und wann wir ungefähr Trockenfahren werden.

Die Wattwanderung

Im Steuerstand zeigte mir Irene den jetzigen Standort der „Nirwana“. Wir lagen 10 Seemeilen (18,5 Kilometer) südlich vor Vlieland und wollten weiter nach Norden Richtung Hollum auf Ameland. Nach der Nautischenkarte waren es noch 8,6 Seemeilen (10 Kilometer) bis zu dem Punkt, wo Irene bei der Ebbe sein wollte. Also los, Segel auf!

Rouven, Amira und Elly setzte mit den größeren Kindern die Segel und mir fiel ganz spontan das Lied „Piraten“ von Kasalla ein. Internet an und schnell das Lied gesucht.
Heyo! Hey Hey Ho!
Heyo! Hey Hey Ho!
Heyo! Hey Hey Ho!
Heyo! Hey Hey Ho!

Mit dem Wind in den Segeln ging es auf zum nächsten Abenteuer.

Um kurz nach 9 Uhr erreichen wir den Punkt, den mir Irene auf der Karte zeigte. Die Ebbe machte sich schon bemerkbar und Irene fuhr die „Nirwana“ langsam trocken. Mit einem Peilstab wurde nach der Tiefe vom Wasser geschaut. Immer langsamer wurde die Fahrt und die Kinder, die keine Ebbe und Flut kannten, kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Amira, Marieke und Tahmineh machten noch kurz Schulunterricht und erklärten Ebbe, Flut und dass das Wattenmeer der Nordsee das größte zusammenhängende europäische Feuchtgebiet und mit Abstand größte Wattenmeer der Welt ist.
Noch eine halbe Seemeile konnte Irene fahren, dann war kaum noch Wasser unter dem Kiel.
Rouven erklärte allen an Bord, dass wir gleich ins Watt gehen würden und was es dort für Gefahren und auch einzigartige Flora und Fauna zu entdecken gäbe.
Die Ungeduld stieg schneller als die Ebbe ablaufen konnte.

Endlich war es soweit und die ersten Schritte in eine unbekannte Welt begannen.
Ungläubig wurden wir gefragt, wann das Wasser kommt, kommt es wieder? Ängstliche Blicke nach allen Seiten, wenn plötzlich das Wasser kommen würde. Rouven erklärte alles sehr ruhig und mit seiner Erfahrung machte diese Wattwanderung mega Spaß.
Was es plötzlich alles zu entdecken gab: Krebse, Seesterne, Muscheln und Wattwürmer. Millionen von Kleinsttieren leben auf einen Kubikmeter Watt. Tahmineh hatte offensichtlich von uns allen im Biologieunterricht am besten aufgepasst und übernahm kurzerhand einen sehr praktischen und coolen Unterricht. Was war und bin ich so stolz auf meine Kinder.

Nach fast vier Stunden durch das Watt wandern kam die „Nirwana“ in Sicht und plötzlich gingen die Kinder immer langsamer. „Wie, jetzt schon zurück?“
An der „Nirwana“ angekommen, grinste Irene breit und gab jedem der Kinder eine große Plastiktüte für ihre Meeresschätze. Man soll gar nicht glauben, was alles in eine Jackentasche hinein passt.

Mit dem Entfernungsmesser zeigte mir Irene wo wir heute Abend ankern werden. 10,8 Seemeilen (20 Kilometer) lagen vor der „Nirwana“, um vom Süden Amelands auf die nördliche Seite unseres Nachtlager zu kommen.

Auf zu neuen Ufern

Die „Nirwana“ schwamm sich frei und Irene drehte das Boot mit dem Hilfsmotos in den Wind. Ahoi zum Segel hissen. Mit vereinten Kräften – ich nicht, durfte ja von meiner Tochter nichts arbeiten, wurde das Hauptsegel gehisst.
Die „Nirwana“ nahm Fahrt Richtung Westen auf.

Nach einer guten Stunde Fahrt wurde es auf Deck immer ruhiger. Die Wattwanderung war für einige sehr erschöpfend. In welche Richtung ich an Deck auch schaute, sah ich zufriedene Gesichter. Die Kinder haben diesen Segeltörn mehr als verdient. Mal abwarten, was meine Abenteurer noch so erleben werden.

Um 18.25 Uhr lief die „Nirwana“ vor Stichting, unserem heutigen Etappenziel, auf. Nun musste die Chefin doch mal ran. Ich sagte der Besatzung das es nun an Land gehe und jeder seinen Rucksack mitnehmen sollte. Wie zu erwarten, sah ich in fassungslose und fragende Gesichter.
„Wie, sind wir schon am Ende der Reise?“,
„Warum müssen wir von Bord?“
Nein, die Reise ist nicht vorbei. Wir haben noch eine Etappe vor uns, erklärt ich meinen Abenteurern.

Der Fußmarsch von einem knappen Kilometer schafften wir – trotz tausender Fragen an mich, locker und als der Campingplatz in Sichtweite kam, hörten auch die Fragen auf.

Erik und seine Frau Linda hatten mit Esmee und Luna, zwei der Küchenangestellten aus unserer Einrichtung, schon das Grillfeuer vorbereitet. Nun wurden den vier von zwanzig Kinder und Jugendlichen gleichzeitig alles bis jetzt erlebte, bis ins kleinste Detail erzählt.

Amira, Marieke und Tahmineh hatten es schwer die Kinder zu beruhigen, um ihnen ihre Schlafplätze für die nächsten zwei Tage zuzuordnen. Eine Herde Büffel schien einfacher unter Kontrolle zu bringen.

Da das Ijsselmeer nicht gerade riesig ist und wir irgendwie auf fünf Tage Abenteuer kommen mussten, buchten wir sechs Zelte, Zelthäuser oder wie immer man diese Unterkunft nennt.

Ich ging am frühen Abend mit Erik in die Dünen, um mit ihm allein zu sein. Er sollte schon die personelle Veränderung mit Rebecca erfahren.
„Nila, du bist die Chefin. Du führst und lenkst. Marpe und ich haben dir die Leistung übertragen, weil wir wissen, du bist die beste dafür.“
So ging es dann noch eine Weile weiter. Ich möchte mich nicht erhöhen oder Selbstdarstellerich sein.
Mit dem Blick auf dem Sonnenuntergang waren die Gespräche mit Erik eine Wohltat. In den letzten dreizehn Jahren wurde er ein fester Bestandteil von Amira und mir in unserem Leben. Wie die Zeit vergeht! Amira ist nun vier Jahre in den Niederlanden und Erik, wie auch Linda de Joost, wurden die neuen Großeltern von ihr.

Stichting, Mittwoch 22. Juli

Der Morgen erwachte ganz anders als der gestrige. Auch wenn ich die Seeluft roch, es war nicht so, wie auf dem Schiff.
Ich war schon vor der Meute wach und ging in das Küchenzelt um Esmee und Luna bei den Vorbereitungen zum Frühstück zu helfen – so war der Plan. Meine Tochter gab natürlich die Nichtabeitesanweisung meiner Person an Esmee und Luna weiter und so blieb mir nur meine Tasse Kaffee mit der ich mich vor das Zelt setzte und die Möven bei ihrem Flug über den Campingplatz zu beobachten. Linda und Rebecca kamen vom joggen zurück.
Joggen um diese Uhrzeit und bei dieser Hitze (Frau braucht schließlich eine Ausrede), war mir dann doch zu stressig. Ich beschloss für mich selbst, dass joggen Arbeit ist und ich diese bis Freitag nicht machen darf. Punkt. Ich muss ja schon Prioritäten setzen.
Linda ist 73 Jahre alt und eine Powerfrau durch und durch. Sie ist, wie ihr Mann, Medizinerin und war in den Anfangsjahren mit Erik in Westafrika für Ärzte ohne Grenzen in Einsatz. Nun leite ich eine Einrichtung, die beide vor 27 Jahren in einem alten Haus in der Nähe von Den Haag gegründet hatten. Heute sind es drei Häuser mit über 30 festangestellten Mitarbeiter und nochmal so viele ehrenamtliche Helfer.

„Nila, waarom was je niet aan het joggen?“ Da waren nun meine Probleme. Ich konnte ja schlecht das Argument mit der Hitze vorbringen. „Mijn Ischias doet pijn“. Die Blicke von Linda und Rebecca sagte mir, dass dieses Argument nicht sehr fundiert war. Da auch keine Nachfragen kam, beließ ich es dabei.

Beim Frühstück stellten Erik und ich der Gruppe den heutigen Tag vor. Es waren Fahrradtouren mit Besichtigung der Insel, Pferdetouren und den Nachmittag zur freien Verfügung geplant. Der Abend blieb noch geheim.
Da wir Kinder von 6 bis 12 Jahren in der Gruppe haben, ist ein Ausritt auf Pferden nicht zu empfehlen. Amira, Anjana, Marieke und Tahmineh waren bei der Gruppe, die reiten wollten als Betreuerinnen dabei.
Erik, Linda, Rebecca und ich als Betreuer für die Fahrradgruppe. „Ik dacht dat je Ischias pijn doet.“ (Ich dachte dein Ischias tut weh.) War der Seitenhieb von Linda. Verdammte Falle.


Fünf Stunden fuhren wir mit den Räder kreuz und quer auf Ameland herum. Hier und da etwas besichtigt, dort ein Eis gegessen und im Norden von Ameland in den Dünen gelegen. Auf dem Rückweg nochmals Eis gegessen. Erik zeigte sich sehr Spendabel auf unserer kleinen Fahrradtour. Er hatte offensichtlich viel Spaß und Freude an dieser doch außergewöhnlichen – und auch sehr teuren, Freizeit.
Am späten Nachmittag lagen Elly, Linda, Rebecca und ich am Strand:  Mädelsnachmittag.
Erik spielte mit einigen Kindern auf dem Campingplatz Volleyball. Wollte ich eigentlich auch spielen, aber mein Ischias…..

Mit geschlossenen Augen genoss ich den Wind, die Sonne und die Ruhe am Strand. Letztgenannte war mit dem Anrücken der Meute per Pferd nicht zu überhören. Wie Könige saßen alle auf ihren Pferden und auch dieser Gruppe schien der Tag zu gefallen.

Lagerfeuer und Europäische Politik am Strand von Stichting.

Um 18 Uhr waren alle, bis auf Erik, aus der Gruppe an den sechs Zelten. Jeder tat etwas oder auch nichts. Ich musste mich wieder zu letzteren zählen. Geplant war für diesen Abend ein Lagerfeuer am Strand. Wie es in vielen Ländern von Europa so üblich ist, ist vieles was früher normal war heute verboten.
Mit Luna besprach ich heimlich, durfte ja nichts arbeiten, den Plan B: Grillen am Zeltplatz und eben dort das Feuer machen. Erik hatte in seinem Anhänger alles dabei was für ein Lagerfeuer gebraucht wurde. Sogar ein großes Fass für die Asche mit nach Hause zu nehmen.

Um kurz vor 19 Uhr kam Erik endlich zur Gruppe und hatte den Bürgermeister von Ballum im Schlepptau. Herr Stoel wollte sich ein Bild von der Gruppe mache.
Erik vermied es nicht, mich als Chefin der Einrichtung vorzustellen und auch gleich meinen Beruflichen Werdegang und meine damalige Flucht aus Afghanistan nach Stuttgart aufzuführen. Da ich mit einem kühlen Bier vor dem Küchenzelt saß, konnte Herr Stoel Alkohol und Muslima nicht so recht zuordnen. Ich sagte ihm, dass ich zwar in einem muslimischen Land geboren wurde, aber sonst auch nichts mit dieser Religion zu schaffen habe. Dies schien Herr Stoel doch sehr imponiert zu haben. Er stimmt unserem Vorhaben mit dem Lagerfeuer am Strand zu.
Da dies dann endlich geklärt war, wurde der Anhänger von Erik an den Pkw gekoppelt und auf ging es zum Strand. Die Gruppe folgte mir und Herrn Stoel zum Strand.
Die letzten 100 Meter mussten wir das Holz, Tisch, Besteck, Teller und Getränke tragen. Bei der Meute von Kinder war dies gar kein Problem. So viel Holz wie jeder tragen wollte, hätten wir bis Weihnachten ein Lagerfeuer machen können.
Die Jungs schaufelten ein etwas größeres Loch in den Sand und jeder suchte noch Steine für die Feuerstelle.
Endlich brannte das Feuer und mit einem Schlag sah jeder gebannt in die Flammen.

Herr Stoel ist Wirtschaftswissenschaftler und ein sehr netter und angenehmer Mann. Da Erik ihm meinen Lebenslauf erzählte, wollte er von mir die Lage in Afghanistan wissen. So erzählte ich ihm meine Erfahrungen in den letzten Jahren und auch die Sorge mit dem Abzug der NATO und US Truppen ab 2021. Wie schon zu erwarten, war er über meine objektive Beurteilung von Afghanistan mehr als geschockt. Dies gehört nun nicht hierher.

Der Abend mit Feuer, Wurst, Hähnchenschenkel und Stockbrot war sehr schön und die Kinder sprachen wieder von den Erlebnissen der letzten Tage.
Für das was Herr Stoel nur kurz vorbei schauen wollte, war es ein doch sehr langes „kurz“.
Es war fast Mitternacht, bis wir uns auf den Weg zum Campingplatz machten. Ich trug die sechsjährige Rondek auf meinem Arm. Sie kommt aus dem Irak und hatte vor zwei Jahren beide Elternteile auf der Flucht verloren. Ihre Geschichte erzählt ich Leo ( Herr Stoel), mittlerweile waren wir beim du. Leo sah und begriff an diesem Abend die Probleme der Flüchtlinge und die Haltung der Europäischen Politik an der Basis.

Donnerstag, 23. Juli viel zu früh

Mit einem leichten Kater wurde ich als letzte wach und schaffte mich wie in Trance in das kleine Badezimmer in meinem Zelthaus. (Ich nenne es jetzt mal so)
Der Abend mit Leo und uns aus der Leitung und Betreuung war doch sehr lange und die alkoholischen Kaltgetränke waren wohl etwas zu viel für mich. Ich konnte meinen Zustand / Kater ja noch auf den Ischias schieben.

Nach dem Frühstück war noch Zeit für gemeinsame Spiele auf dem Campingplatz, bis es zum Aufbruch auf die „Nirwana“ ging. Da wir bei Flut auslaufen mussten, war die Abreise vom Campingplatz auf 12 Uhr gelegt.

Auf der „Nirwana“ wurde wieder mit Spannung auf die Flut gewartet. Da wir erst am Freitagmittag im Hafen von Hoorn sein wollten drehte Irene das Boot nach Norden und wir fuhren nördlich an der Insel Schiermonnikoog vorbei. Es war ein herrlicher Tag auf dem Wasser und ich genoss jede Sekunde. 11 nautische Meilen vor Borkum ankerten wir für diese Nacht

Logbucheintrag Nummer 7

Der Weltraum (Das Ijsselmeer). Unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2200 ( noch nicht ganz). Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise (Segelboot „Nirwana“), das mit seiner 400 (29) Mann starken Besatzung fünf Jahre (Tage) lang unterwegs ist (war), um neue Welten zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen (nicht gefunden). Viele Lichtjahre (Seemeilen) von der Erde (Festland) entfernt dringt die Enterprise („Nirwana“) in Galaxien (Wattmeer) vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.“

Die Reise um neue Welten zu erforschen, neigt sich dem Ende.
Heute morgen bin ich sehr wehmütig in meiner komfortablen Koje aufgestanden und wollte die Zeit so gerne zurück drehen. Ich hatte Momente erlebt, die so nie wieder kommen werden. Zwanzig, zum Teil traumatisierte Kinder und Jugendliche erlebten eine unvergessliche Reise auf einem 110 Jahre alten Segelboot.
Meine Kinder kamen an Grenzen und sind darüber hinaus gewachsen. Teamarbeit zeigte, wie weit Kinder und auch Erwachsene gehen können.
Bei der Planung und Vorbereitung für diese Freizeit waren wir oft mit vielen Fragen konfrontiert und hatten für all diese Fragen oder Situationen einen Plan B. Jede Eventualität wurde zig mal durchgesprochen und immer wieder abgeklärt. Zum Glück musste nicht einmal Plan B greifen.
Die Kinder und Jugendliche haben sich mehr als Vorbildlich verhalten. Mit der Skipperin und zwei Tassen Kaffee auf Deck wurde mir von Irene das große Lob dieser Gruppe ausgesprochen, was ich auch sehr gerne weitergab.

Nach dem Frühstück, aufräumen und Rucksäcke packen, blieben noch circa vier Stunden bis zum einlaufen in Hoorn. Um den Kindern den Abschied nicht all zu schwer zu machen, wollten Amira, Marieke und Tahmineh noch ein bisschen Schulunterricht machen. Was die Mädels im Kopf hatten, konnte und wollte ich nicht Nein sagen.
Die drei teilten die Kinder auf und so war Amira mit ihrer Gruppe auf der Steuerbordseite, Marieke achtern und Tahmineh Backbord. Wie Amira Unterricht gestalten kann, weiß ich all zu gut, ich war ihr ja eine gute Lehrerin. Ich setzte mich zu der Gruppe von Tahmineh und sah ein ehemaliges Flüchtlingskind aus dem Irak bei seiner Arbeit zu. Tahmineh hat nicht nur ein hervorragendes Abitur geschrieben, sie hat definitiv ihre Berufung gefunden. Ich war und bin unglaublich stolz auf sie.

Wir haben in der Einrichtung die Möglichkeit eine junge und engagierte Generation zu etablieren und ich bin irgendwie mit dieser Corona Pandemie zufrieden. Man muss das positive sehen.
Hakim hatte auch sein Abitur geschrieben und möchte BWL studieren. Auch er kann bei uns arbeiten, solange wir bezüglich den Uni’s überhaupt nichts wissen.
Jamal macht eine Ausbildung als Schreiner und durch Corona konnte er nicht in seinen Lehrbetrieb und übernahm in der Einrichtung den Hausmeister Job. Mal schauen wie dies in einem Jahr aussieht, wenn er seine Lehre beendet hat.
Adnan lernt Heizungs- und Sanitärbauer und zeigte die letzten Monate so einiges an seinem Können. Durch unseren eigenen Werkraum konnte er Aufgaben von seinem Meister oft mit Bravour erledigen und wird nach seiner Lehre vom Betrieb übernommen.
Elvedin, er kommt aus Syrien, ist fertig mit seiner Lehre als Koch und konnte durch die Corona Kriese nicht übernommen werden. Am Tag seiner Prüfung bekam er von mir einen Arbeitsvertrag. Da Elvedin in einem Hotel der gehobene Gastronomie lernte, bekommen wir nun Mahlzeiten, deren Wörte ich nicht aussprechen kann.
Die 17 jährige Yana aus Syrien lernt in unserer Einrichtung Erzieherin und hat nun ihr erstes Jahr hinter sich. Sie lernte sehr schnell mit Problemen umzugehen und fand auch Lösungsvorschläge.
Lisianne aus den Niederlanden ist nächstes Jahr  mit der Ausbildung als Erzieherin fertig und auch sie brachte sich wochenlang in der ersten Quarantänezeit 24 Stunden voll ein.
Mit Amira, Djamila, Marieke und Tahmineh kommt eine junge und sehr kluge Generation an Erzieherinnen und Lehrerinnen ins Haus, die noch vieles verändern werden und auch können.

Bei all den schönen Entwicklungen und Vorhersagen muss auch ich mich der Realität stellen und eigentlich müsste ich schon lange in Afghanistan sein. Mit jedem Tag an dem das Jahr 2021 näher kommt, um so mehr Angst habe ich um mein Lebenswerk. Lebenswerk hört sich mit 40 Jahren etwas blöd an, aber es ist so. 15 Jahre harte Arbeit, unglaubliche Energie und auch Lebensgefahr stehen auf dem Spiel. Dieser Plan B kostet eine Unsumme an Geld und trotzdem habe ich für mein Team und all die Mädchen und Frauen in Afghanistan keine Sicherheitsgarantien. „Wer einen Menschen rettet, rettet die Welt.“ Ich habe im Mai eine Mitarbeiterin bei einem Terroranschlag verloren und mit dieser Schuld muss ich klar kommen. Nichts habe ich gerettet. Im schlimmsten Fall alles verloren.

„Und die See wird allen neue Hoffnung bringen, so wie der Schlaf die Träume bringt daheim.“
Rebecca kam zu mir und setzte sich gegenüber. Sie sagte nichts, denn sie weiß mittlerweile dass es besser ist nichts zu sagen, wenn ich diesen: zorgen kijken (Sorgenblick), habe. Sie versucht mich zu verstehen und kann es nicht zuordnen, dass ich mich in Lebensgefahr begebe will. Von wollen ist keine Rede – ich muss.

Mit Ungeduld warte ich darauf, dass Lenara aus dem künstlichen Koma kommt und ich endlich mit ihr reden kann. So reden, dass sie mir auch antworten kann. Was ich ihr sagen werde, wird sie überhaupt nicht verstehen und ich weiß nicht, ob ich bei dieser Reise nach Afghanistan noch lebend nach Hause komme. Wo ist mein Zuhause? Afghanistan schon lange nicht mehr. Deutschland war es und auch dort sind nicht mehr meine Wurzeln. In den Niederlanden wollte ich neu anfangen und bin bis jetzt noch nicht in mein Haus eingezogen.
Auch wenn ich Rebecca vor Wochen schon erzählte hatte, wer mich nach Afghanistan begleiten wird, kennt sie diese Person nur aus meinen Erzählungen. Ich vertraue ihm seit Jahren mein Leben an. Er war immer dann zur Stelle, wenn es mal wieder richtig brenzlig wurde.
Der zorgen kijken ist schon gerechtfertigt, aber nicht so, dass ich keinen Ausweg sehen würde. Ich bin klug genug um alles abzuwägen und berechnen, nur Terror kann ich nicht berechnen. Terror ist feige und unberechenbar, meine Schritte sind bis ins kleinste abgestimmt und auf die größtmöglichste Sicherheit meiner Person gerichtet.

Ich weiß immer noch nicht in welchem Umfang das Gehirn von Lenara geschädigt ist, und mache mir schon wieder Gedanken die zwei Schritte weiter sind. Bei einem kognitiven Hirnschaden in Grad III kann es sein, dass sie gar nichts mehr weiß und sie in der Lernphase von einem Baby sein wird. Einem Neugeborenen kann ich schlecht die politischen Zusammenhänge in einem fernen Land erklären.
Ich sah mit leeren Augen Rebecca an und ihr freundliches lächeln zeigte mir, dass sie diese Freizeit genoss und für sie auch unglaublich wichtig war. Welche Hürden werden wir beide noch nehmen müssen?
„Und die See wird allen neue Hoffnung bringen, so wie der Schlaf die Träume bringt daheim.“ Rebecca nickte und hielt meine Hand fest.

Es war an der Zeit meiner Crew noch meinen Dank über die letzten fünf Tage mitzuteilen. Ich war und bin unglaublich stolz auf diese kleine Mannschaft und sah auch, wie wichtig dieses kleine Abenteuer für sie war. Wie es nach den Ferien weitergeht weiß niemand. Wenn neue Corona Fälle an Schulen auftreten, werden diese auch sofort wieder geschlossen werden. Also werden wir wohl selbst den Schulunterricht weiterführen. Wir haben die Kinder bis hier hin gebracht, also schaffen wir auch den Rest. Die Kinder haben dies positiver aufgenommen als ich dachte. Wer will schon in ein altes verstaubtes Schulsystem zurück, wenn man auch auf ganz andere Weise lernen kann und noch Spaß dabei hat.

Um kurz nach 11 Uhr lief die „Nirwana“ ins Ijsselmeer ein, wir hatten noch 27 nautische Meilen bis zum Hafen von Hoorn. Zwei Stunden hatten wir noch an Bord von diesem wunderschönen Schiff. Der Blick auf das Meer tat gut. Die allbekannte Ruhe vor dem Sturm, gab mir wieder Kraft für alles ungewisse was noch kommen mag. Die kleine Rondek lag in meinem Arm und erzählte mir ihre Eindrücke von dieser Reise. Den Blick von einem Kind zu erfahren, ist etwas völlig anderes als die eigene Wahrnehmung. Sie zeigte mir ihre beachtliche Sammlung an Muscheln, Seeigel und zwei Seesterne. Sie schenkte mir zwei große Muscheln. Eine für mich und eine für Lenara.

Nach und nach kamen alle Kinder zu mir und bedankten sich für diese Reise. Ich sagte ihnen, dass ich nicht alleine dafür verantwortlich bin und viele Menschen die euch lieben tagelang dies alles planten.

Der Hafen von Hoorn
Kurz vor Hoorn wurden die Segel eingeholt. Rouven gab nur noch die Anweisungen, alles andere machte die Crew selbst. Taue legen und Knoten binden hatten meine kleinen und großen Seemänner schließlich gelernt. Es war ein gewusel und trotzdem geordnet. Mit welcher Disziplin diese Arbeit gemacht wurde, erstaunte mich schon sehr. In diesen fünf Tagen hat sich ein Team gebildet, dass bereit ist für die nächsten Abenteuer.
Mit dem schnellen Auto von meiner Tochter fuhr ich mit Rebecca die 120 Kilometer nach Rotterdam in die Klinik. Ich musste zu Lenara.

Dies wird eine andere Geschichte sein.

Nila Khalil, Den Haag 25. Juli 2020.

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Über Nilakhalil

Mein Name ist Nila. Ich wurde 1980 in Afghanistan geboren. Als der Krieg der Sowjets bereits 10 Jahre dauerte und die Lebensverhältnisse immer schlechter wurden, bin ich im Frühjahr 1990 mit Verwandten, ohne meine Eltern, sie hatten das Geld für ihre Flucht nicht, nach Deutschland geflohen. Die Flucht ging über den Iran, Türkei, Bulgarien, Rumänien, Österreich bis schließlich nach Deutschland. Ich erlebte als Kind Tod, Gewalt, Hass, Hunger und Angst. Zu Beginn unserer Flucht trat mein Cousin auf eine Landmine und wurde buchstäblich wenige Meter neben mir zerfetzt. Der Krieg und aufkommende Terror der links und rechts von uns tobte, ließ uns nur Nachts wandern. Die Gefahr aufgegriffen zu werden, war zu groß. Flüchtigslager im Iran Im Iran lebten wir zwei Wochen in einem Flüchtigslager mit vielen anderen Afghanen. Zu viel Gewalt und zuwenig Toiletten war eine unerträglich Situation. Meine Onkel beschloss, dass es keine Sinn machen würde im Iran auf irgend eine Besserung zu warten. Ein Fahrer mit einem Pickup sollte unsere kleine sieben köpfige Gruppe an die Grenze der Türkei bringen. Nach wenigen Stunden ging das Auto "kaputt" und wir mussten wieder laufen. Heute weiß ich, es war Absicht von dem Fahrer, denn Geld bekam mein Onkel nicht mehr zurück. Humanitäre Hilfe in der Türkei In der Türkei bekamen wir in einer Einrichtung vom Roten Halbmond Lebensmittel und neue Kleider. Meine Tante, dessen Sohn auf die Landmine trat, bekam fürchterliche Bauchschmerzen und musste ins Krankenhaus. Die Blinddarm Operation musste mein Onkel bezahlen. Nach der zweiwöchigen Zwangspause ging es weiter nach Bulgarien. Mal mit dem Bus und wieder weite Strecken zu Fuß. Ich hatte überhaupt kein Zeitgefühl mehr. Schmerzen in den Beinen und Sonnenbrand auf der Haut. In Bulgarien In der Nähe von Sofa wurden wir in ein Gefängnis eingesperrt. Ein feuchtes Kellerloch beschreibt es besser. Mein Onkel bezahlte "Lösegeld" und nach zwei Tagen wurden wir endlich entlassen. Gingen wir durch Ortschaften,  wurden wir beschimpft oder sogar mit Steinen beworfen. Also gingen wir wieder nur Nachts. In Rumänien Rumänien war 1990 das Armenhaus von Europa und das brutale Regime von Ceaușescu war noch überall spürbar. Am Tag hatten wir uns vor der Polizei und Bevölkerung versteckt und fast jede Nacht sind wir gelaufen. Immer auf der Hut vor der Polizei oder anderen Autos. In Österreich Im September sind wir in Österreich angekommen und ich musste völlig entkräftet und abgemagert in ein Spital. Ich hatte selbst zum weinen keine Kraft mehr. Ich konnte nicht mehr und wollte auch nicht mehr weiter. Mein Onkel und seine Frau hatte in Afghanistan studiert und konnten mehrer Sprachen. Mit dem Behörden wurde verhandelt, dass wir nach Deutschland zu unseren Verwandten durften. Unsere Verwandten die ich gar nicht kannte, kamen aus Stuttgart, Bochum und Oberhausen uns abholen. Ich sollte zu Mila und Milad Faani  nach Stuttgart. Beide sind 1980 mit mitte 20 schon geflohen. Als wir in Salzburg über die Grenze fuhren und Mila mir sagte, dass ich nun in Deutschland und in Sicherheit sei, fing ich an zu weinen. In Stuttgart Wangen in der Nätherstraße begann mein neues Leben. Am Nachmittag saßen alle im Haus bei Mila und Milad und sprachen sehr viel. Ich hörte den Gesprächen bei warmen Kakao und Käsekuchen zu. Vieles konnte ich damals nicht begreifen, oder wollte es auch nicht. Die erste Nacht im eigenen Bett war für mich eine Wohltat. Mila schlief bei mir und hielt mich fest. "Ich bin nicht deine Mutter, werde aber mein Bestes geben. Dies verspreche ich dir." Mila hatte in Afghanistan BWL studiert und arbeitete seit 1981 bei Mercedes-Benz in der Verwaltung. Milad hatte Maschinenbau studiert und war bei Mercedes-Benz Vorarbeiter. Milad hatte bei Mercedes als Fließbandarbeiter angefangen und Ende der 80er seinen Meisterbrief gemacht. Beide erzogen mich in einem freien, liberalen und weltoffen Denken, wofür ich ihnen heute noch sehr dankbar bin. Mila und eine pensionierte Lehrerin aus der Nachbarschaft unterrichteten mich in deutsch. Ich musste eine völlig neue Schrift, Sprache und Kultur lernen. Im Frühjahr 1991 musste ich bei der Jugendbehörde einen Eignungstest machen, um festzustellen für welche Schule ich geeignet sei. Ich konnte auf die Realschule. Dort blieb ich auch und machte meine Mittlere Reife. Nach der Schule lernte ich Bürokauffrau und arbeitete auch in diesem Beruf. Ich sparte Geld um meine Eltern nach Deutschland zu holen. Ich hatte bereits den deutschen Pass und wollte über die Familiezuführung dies erreichen. Der Alptraum Im Sommer 2005 kam ein Anruf aus Afghanistan und Milad wurde mitgeteilt, dass mein Vater bei einem Bombenanschlag ums Leben gekommen war. 12 Personen seien bei diesem Terroranschlag getötet worden. Die Leiche von meinem Vater sei bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Als mir Mila und Milad dies mitteilten, schrie und heulte ich: "Ich muss zurück nach Afghanistan! Ich muss!" Alles reden von den beiden brachte nichts. Am nächsten Morgen rief ich meine Chefin an und sagte ihr von meinem Entschluss. Drei Tage später saß ich im Flugzeug auf dem Weg nach Kabul. Raus aus dem Paradies, hinein in den Krieg. Da stand ich nun mit meinen 25 Jahren in einem Land, dass nicht meine Heimat war. Meine Mutter überlebte schwerst traumatisiert diesen Anschlag und ich kümmerte mich um sie so gut es unter den Umständen möglich war. Durch Zufall traf ich Shabnam, meine ehemalige Lehrerin, in der Stadt und sie hatte nach unserem Gespräch die absurde Idee, dass ich Lehrerin werden sollte. "Du bist ein kluges Mädchen und so etwas braucht diese Stadt." Mein Beruf war schon besiegelt ohne das ich gefragt wurde. Shabnam hatte Anfang der 70er in Deutschland Lehramt studiert und sie brachte mir all ihr Wissen bei. So wurde ich im Herbst 2005 Lehrerin an einer Mädchenschule in dem Land, aus dem ich 15 Jahre zuvor geflohen war. Von einer Freundin hörte ich von einem Frauenhaus in den Bergen zu Pakistan und fuhr eines Tages mit meinem alten Datsun dieses Haus suchen. Was ich vorfand war mehr ein großes Gebäude das irgendwie nach einem Haus aussah. Tristesse auf dem gesamten Gelände und Mädchen die durch Zwangsheirat traumatisiert waren, vegetierten vor sich hin. Der Leiterin des Frauenhauses erzählte ich von meiner Wunsch, den Mädchen und jungen Frauen etwas Bildung beizubringen. Svea war von der Idee begeistert und so fuhr ich alle zwei Wochen die fast 100 Kilometer zu dem Frauenhaus um den Mädchen die Grundformen von lesen und schreiben beizubringen. Im Sommer 2006 wurde ich von meinen Lehrerkolleginnen als Direktorin der Schule einstimmig vorgeschlagen und so nahm ich die neuen Herausforderungen an. Neben all dem pflegte ich noch meine Mutter und wusste oft nicht, wie ich überhaupt noch an sie ran kommen könnte. Sie war oft sehr apathisch und starrte ins Leere. Oft weinten wir zusammen und ich wusste keinen Rat mehr. Im Herbst 2006 fand ich sie eines Morgens tot im Bett - sie hatte den Freitod gewählt. Nun war ich ganz alleine. Mein Geld in einer Keksdose und den deutschen Pass vor mir auf dem Tisch, brachten mich zum zweifeln. Ich hatte das Privileg um in wenigen Stunden das Land verlassen zu können. Mein Verstand schrie: geh. Mein Herz sagte: bleib. Ich hatte plötzlich eine Verantwortung die ich nie wollte. Ich hatte Kolleginnen die an mich glaubten. Ich unterrichtete Kinden in der Schule und im Frauenhaus, die an mich glaubten. Die Zufälle im Leben Im Frühjahr 2007 traf ich in meiner Stadt einen deutschen, der sich die Projekte von Deutschland anschauen wollte, die ab 1968 in Gardez gebaut wurden. Unter anderem auch meine Schule. Mit ihm, einem Kamerateam aus Australien und einer Journalistin aus den USA fuhr ich in das Frauenhaus in die Berge in der Nähe von Pakistan. Er war der Mann, der den Stein ins rollen brachte. Seine Kontakte aus früheren Jahren in der Humanitären Hilfe in Kambodscha und Thailand waren der Grundstein für eine Hilfsorganisationen die in meinem Beisein in Istanbul gegründet wurde. In vier Tagen wurde etwas geschaffen, von dem ich nie zu träumen gewagt hätte. Ich wurde die Direktorin einer Stiftung, die sich um zwangsverheiratete und misshandelte Mädchen kümmert und von Anfang an über eine unglaubliche Summe Geld verfügte. Durch Zufall trafen wir einen Major der US Armee im PRT ( Provincial Reconstruction Teams) Khost und in ihm fand ich und wir einen Menschen der an das Frauenhaus glaubte. Major Roger Juarez stellte Soldaten für uns ab, die halfen das Frauenhaus etwas bewohnbarer zu machen. Roger schickte zwei Militär Ärztinnen an das Frauenhaus und sorge auch dafür, dass dringende Operationen von den Mädchen im Camphospital durchgeführt wurden. Mit dem unglaublich vielen Geld der neuen Stiftung wurde ein Frauenhaus nach meinen Vorstellungen an einem geheimen Ort gebaut. Auch da war Roger der Chef und nach seinem Architekten Plan wurde das erste Frauenhaus unserer Stiftung quasi aus dem Boden gestampft. Wir wurden auf drängen von Roger auch vom PRT in Gardez mit sehr viel Hilfe unterstützt. Ich kann sagen, dass mir die US Armee in vielen vielen Bereichen tatkräftige Unterstützung gab und ich lernte Menschen und keine Soldaten kennen. Im April 2007 wurde ich auf nicht gerade legalen Weg Mutter von einem 12-jährigen Mädchen. Mit ihr hatte ich viele Probleme durch ihre traumatische Erlebnisse. Die ersten Schritte in die Politik Ab 2010 ging es für mich in die Lokalpolitik. Ich wollte mich nie politisch engagieren, sah aber ein, dass ich diesen Schritt gehen musste um voran zukommen. Mit einem jungen und engagierten Team in der Schule in Gardez ging es nun auch auf politischer Ebene voran. Wir wurden als die Speerspitze der neuen Frauenbewegung in Afghanistan gesehen. Schnell sprach sich in den Kreise von Dr. Sima Samar herum, was wir bewegten. Sima brachte mich zu UNAMA und plötzlich war ich bei der größten Institution der Welt: der UNO. Ich schaffte mich vom einfachen Mitglied der UNAMA hoch bis zur Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen in Genf. Als ehemaliges Flüchtlingskind zur Bürokauffrau und dann Lehrerin bis hin zur Menschenrechtlerin ist ein Weg, den ich nie zu träumen gewagt hätte. Durch meinen Ehrgeiz und mein Auftreten selbst vor der Regierung in Afghanistan machte ich mir nicht nur Freunde. Es war zum Teil Lebensgefährlich was ich tat. So entschloss ich mich der Vernunft zu beugen und wurde bei Veranstaltungen oder Fahrten zu anderen Terminen von einem Bodyguard begleitet. Neben meinem Bodyguard gehörte die Beschusshemmende Weste zum Alltag wie der Lippenstift oder die High Heels. Da ich nun eine Tochter hatte, wurde ich von meinen Team aus der Schusslinie geholt und war nur noch bei Veranstaltungen die räumlich gesichert wurden. Der Terror kam sehr nah Im August 2016 wurde ich zum Ziel der Taliban. Mein Fahrer fuhr in einen Hinterhalt der Taliban und wenn ich kein gepanzertes Auto gehabt hätte, wären wir im Kugelhagel gestorben. Mein Freund und Bodyguard tat das, wofür er ausgebildet wurde und so verloren vier Kämpfer der Taliban an jenem Tag ihr Leben. Die Sicherheit von meiner Tochter stand immer an oberster Stelle und so schaffte ich sie wenige Tage später nach Europa. Amira kam in eine Einrichtung in der Flüchtlingskinder ohne Eltern untergebracht sind und machte in den Niederlande ihre Ausbildung als Erzieherin. In den letzten Jahren war ich mit meiner Tochter immer wieder auf Urlaub in Deutschland bei meinen Eltern (Mila und Milad) oder in dem Niederlande. Da ich und Amira den Gründer jener Einrichtung seit 2007 kennen und wir auch sehr eng zusammen arbeiten, war es ein logischer Schritt, dass meine Tochter in die Niederlande ging. In meinem drei Monate "Urlaub" im Frühjahr und wieder im Herbst, arbeitete ich dann auch in und von den Niederlande aus. Dr. Erik de Joost wollte mir 2016 schon die Leitung seiner Einrichtung übertragen. Ich lernte ab. Meine Arbeit war in Afghanistan. Dort wurde ich gebraucht. Trotz des Terror gegen mich, ging ich zurück um das zu tun was ich kann: kämpfen. Das Leben geht andere Wege Im Dezember 2019 kam ich wieder auf "Urlaub" in die Niederlande und wollte nur drei Monate bleiben. Mein Leben war für die Rechte der Mädchen in Afghanistan zu kämpfen vorgesehen. Also ging es am 4. März 2020 mit einem Linienflug von Schiphol über Istanbul zurück nach Kabul. Das ich 48 Stunden später mit einem Mädchen das lebendig verbrannt werden sollte, mit einem Ambulanzjet in Rotterdam wieder landen würde, war mir am 4. März nicht bewusst. Vom Ministerie van Volksgezondheid wurde mir am 9. März per sofort die Vormundschaft für jenes Kind übertragen. Ich musste über Operationen, Leben oder Tod entscheiden. Der März war für mich der Alptraum. Meine Eltern kamen am 13. März von Stuttgart nach Den Haag und ich bin ihnen für die wohl schwerste Zeit in meinem Leben sehr dankbar. Zurück nach Afghanistan war nicht mehr möglich. Ich hatte die Verantwortung für ein Kind, dass ab dem 6. März bis zum 13. August im künstlichen Koma lag. Meine Heimat im Herzen war immer Stuttgart gewesen. In Gardez hatte ich 14 Jahre nur gewohnt und gearbeitet. Wo ist also meine Heimat? Durch die Umstände von Lenara bin ich die nächsten Jahre an die Niederlande und die Klinik gebunden. So kaufte ich mir an Ostern ein Haus in der Nähe von Den Haag. Dr. Erik de Joost und seine Tochter Marpe wollten, dass ich nun endlich die Leitung der Einrichtung übernehmen sollte. In langen Gesprächen mit meinen Eltern, mit Erik, Linda und Marpe de Joost und meinem Team in Afghanistan gab ich nach. Und so bin ich seit dem 1. April die Leiterin einer seit 27 Jahren bestehenden Einrichtung für traumatisierte und sozialschwache Kinder in der Nähe von Den Haag. Meine Arbeitstage haben in der Regel 16 bis 18 Stunden und all die vielen Probleme in Afghanistan, mit Lenara und die Bürokratie in den Niederlanden und Europa sind ungleiche Gegner für mich. Mit schwerem Herzen gab ich zum 1. April die Leitung der Mädchenschule in Gardez und der Frauenhäuser ab. In 13 Jahren hat sich ein Netzwerk von 46 Frauenhäuser gebildet. 6 dieser Häuser sind in meinem Privatbesitz und drei aus Sicherheitsgründen außerhalb von Afghanistan. Ich gab mein Lebenswerk an Freunde ab. Ich bin immer noch die Chefin, wenn ich auch die Leitung nur noch kommissarisch habe. Das Corona Jahr Das Jahr 2020 hätte turbulenter nicht sein können. In meinem Leben passte auf einmal nichts mehr zusammen und die Arbeit und Sorgen wurde nicht weniger,  auch wenn ich 36 Stunden arbeiten würde. Auf einer Freizeit mit 20 Jugendlichen aus unserer Einrichtung, traf ich in Juli auf dem Ijsselmeer eine weiter persönliche Veränderung - ich gab die Leitung und den Ersten Vorsitz des Netzwerkes Afghan Women's zum 1. September 2020 ab. Meine ganze Kraft gilt meinen beiden Töchter und mit der Leitung der Kinder- und Jugendeinrichtung habe ich mehr als genügend Aufgaben, was meinen Arbeitstag nicht gerade weniger macht. Noch eine Anmerkung: Ich bin zwar in einem muslimischen Land geboren, habe aber sonst mit dem Islam nichts zu tun. Ich mag Weihnachten und Käsespätzle sehr. Nila Khalil, Den Haag, 17. November 2020

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