Out of the Dark

Im Frühsommer 1995 erblickte ich in der Provinz Paktia, in Afghanistan, das Licht dieser Welt. Ich war die Erstgeborene von Aliyah und Rahman Dehwar. Ich wuchs in einem kleinen Haus aus Lehm mit zwei Zimmer auf. Es war ein einfaches ärmliches Leben das die Familie führte.

Mein Vater war Tagelöhner und arbeitete mal hier mal dort. Er war nicht sehr gebildet und konnte nicht richtig lesen und schrieben. Meine Mutter war zu Hause und kümmerte sich im mich. Am Tag ging sie mehrmals Wasser in einen Bach holen, der circa einen Kilometer vor dem Haus entfernt an dem kleinen Ort vorbei floss. Sie backte Brot auf einem Lehmofen vor dem Haus oder wusch die wenigen Kleider die wir hatten. Am Nachmittag ging sie Holz suchen für den Ofen oder für Vorrat in der kalten Jahreszeit

Im Herbst 1997 bekam ich eine Schwester, ihr Name war Safia. Als ich ungefähr 3 Jahre alt war, konnte ich viel mehr mit meiner Schwester spielen. Wir spielten mit Dinge die ich im oder am Haus fand. Ich durfte nie alleine das Hoftor aufmachen oder auf der anderen Seite der Mauer spielen. Ich verstand nicht warum. Wenn ich fragte, wurde mir immer gesagt, dort sind böse Menschen.

Mit vielleicht vier Jahren ging ich mit meiner Mama zum Bach Wasser holen oder am Nachmittag Holz sammeln. Ich hatte immer Angst vor den bösen Menschen und wusste nicht wer jetzt böse war und warum. War es der alte Mann, der einen kleinen Laden im Ort hatte, bei dem meine Mutter Mehl, Weizen oder Gemüse kaufte oder die Person, dessen Gesicht ich nie sah, weil sie eine Burka trug

Das neue Jahrtausend

Ein neues Jahrtausend wurde gefeiert und in diesem Jahr ging ich in eine Schule.
Es war ein kleines Haus bei uns im Ort. Ich und andere Mädchen wurden von einer älteren Frau dort unterrichtet. Wir lernten Zahlen und Buchstaben. Uns wurden Geschichten von früher aus Afghanistan erzählt, die uns so unglaublich vorkamen. Wir Mädchen kannten dieses Land so gar nicht. Jeden Tag lehrte die Frau uns etwas neues. Wir konnten bald unsere Namen schreiben und auch die Wörter von Gegenstände. Ich weiß noch sehr genau, als ich meine Mutter fragte, ob sie ihren Namen schreiben könne und sie Nein sagte. Ich schrieb “Mama Aliyah“ mit einem Stock in den Lehmboden an unserem Haus. Sie schaute sich die Zeichen lange an, nahm mich in den Arm und weinte.

Jahre ging es so, dass ich täglich meiner Mama und Schwester im Hof oder im Haus auf den Boden etwas geschrieben habe oder auch gerechnet. Ich war so stolz, das ich etwas konnte, wofür in der Familie niemand in der Lage war. Die Lehrerin gab mir andere Aufgaben als den Mädchen links, rechts oder vor mir in der Klasse. Wenn meine Freundin links neben mir nicht weiter wusste half ich ihr und erklärte ihr warum welche Zahlen diese oder jene Summer ergaben. Mir machte das lernen sehr viel Spaß.

Wenn wir am Nachmittag Wasser oder Holz nach Hause brachten, hatte ich die Holzstücke gezählt. Ich hatte meine Holzstücke immer gezählt und täglich die Zahl an der Wand korrigiert. In der kalten Zeit, wenn wir in dem Haus vor einer Blechtonnen saßen, die unser Ofen war, korrigierte ich die Zahlen, wenn ein oder zwei Holzstücke auf das Feuer gelegt wurden. Im Winter war es sehr kalt in unserem Haus und ich fror fast jede Nacht. Meine Schwester lag immer ganz nah bei mir und so hielten wir uns gegenseitig warm.

Bis morgens das Wasser warm war um sich halbwegs zu waschen, verging eine ganze Weile. Oft waren an kalten Tagen auch keine Schule und so vergingen die Tage sehr langsam und Eintönig.
Mein Vater hatte ein Fahrrad, ich wollte auch immer ein Fahrrad haben. Da ein Fahrrad ein Vermögen kostete, blieb dies immer nur ein Traum. Im stehen bin ich mit dem Fahrrad von meinem Vater im Hof immer im Kreis gefahren. Mit acht oder neun Jahren durfte ich mit dem Fahrrad an den Bach fahren um Wasser zu holen. Links und recht am Hinterreifen montierte mein Vater zwei große gelbe Kunststoff Kanister und so fuhr ich am Nachmittag zwei oder dreimal an den Bach Wasser holen. Ich war sehr stolz, dass ich Fahrrad fahren durfte und fuhr weiter aus dem Ort um an eine andere Stelle das Wasser zu holen. Das Mehrgewicht an Wasser war mir egal, ich konnte Fahrrad fahren.

Mit meiner Mutter musste ich nach der Schule Brot backen, Reis kochen, Gemüse putzen oder schälen. Neben der Schule, Wasser holen, Holz sammeln und kochen wurden meine Tage auch länger. Bei jeder Gelegenheit zählte ich dies oder das. 8 Möhren, 3 Zwiebeln, 34 Rosinen.

Ich war vielleicht zehn Jahre als, ich ein neues rotes dickes Baumwollkleid bekommen habe. Das Kleid gefiel mir, weil es warm hielt und mit seinen grünen und schwarzen Streifen sah es sehr schön aus. An einem Tag wurde ein kleines Fest gefeiert. Jemand brachte ein Rubab mit. Es wurde gesungen und es gab sogar einen kleinen Hammel, der im Hof auf einem Grill gebraten wurde. Wir hatten in den ganzen Jahren kaum ein solches Essen und an ein Fest mit Musik konnte ich mich auch nicht erinnern. Männer und Frauen aus der Nachbarschaft waren da. Die Frauen und wenigen Mädchen die auf dem Fest waren, bedienten die Männer mit Tee, Tabak oder Essen. Die Frauen sprachen mit mir und freuten sich, das ich heute heiraten würde. Heiraten? Ich wusste das meine Mutter und mein Vater verheiratet waren. Sie waren doch viel älter als ich. Wen sollte ich heiraten und warum? Mir wurde eine Burka über mein Kleid gezogen und ich diesem Augenblick dachte ich, ich ersticke. Die Musik hörte sich anders an und ich sah kaum noch etwas durch den gelochten Stoff vor meinen Augen. Mir wurde meine Freiheit, mein Leben genommen. Ich fing an zu weinen und meine Mutter und die Frauen sagten mir, dass ich nicht weinen muss, ich sei ja nun eine Frau.

Ich wurde bei Musik und Gesang einem Mann vorgestellt, den ich noch nie bei uns gesehen hatte. Er war älter, als mein Vater. Er hatte einen schwarzen Vollbart und die Haare unter seiner Pakol Mütze war schon dünner. Mehr konnte ich durch den Schleier nicht sehen. Ich zitterte am ganzen Körper und trotz der Hitze war mir sehr kalt. Nach dem Fest sollte ich mit dem Mann gehen. Ich weinte und konnte dies alles nicht mehr begreifen. Auf seinem Motorrad fuhr ich mit dem Mann, sein Name war Milad Gandapur, einige Zeit bis wir irgendwann an einem Haus waren. Ich hatte Angst vor dem Motorrad, Angst vor der Geschwindigkeit, Angst vor dem Mann.

Into the dark

Im Sommer 2005 betrat ich das erste Mal ein mir fremdes Haus. Es war etwas größer als das meiner Eltern, aber auch schäbiger. Im Haus roch es unangenehm und ich fühlte mich überhaupt nicht wohl, als ich den ersten Schritt in dieses Haus tat. Besser gesagt in dieses Haus gezerrt wurde. Milad Gandapur zog mir die Burka aus und es wurde mir noch kälter. Er streichelte mich und sagte immer wieder wie schön ich sei. Bei jedem Streicheln ging ich einen Schritt zurück. Irgendwann schlug ich mit dem Kopf und Rücken an eine Wand. Ich konnte nicht mehr fliehen. Der Mann streichelte mich immer weiter, immer fester. Er küsste mich und ich schlug wieder mit dem Kopf gegen die Wand. „Hör auf! Bitte hör auf! Lass mich in Frieden! Bitte hör auf!“ Ich flehte ihn an, er soll mich doch bitte in Ruhe lassen. Er griff mir irgendwo hin, wo mich noch nie jemand zuvor berührt hatte. Ich zitterte und mir wurde immer kälter. Er küsste mich und packte mir mit seinen Hand in den Unterleib.

Was in dieser Nacht passierte kann ich jetzt, 15 Jahre später, immer noch nicht schreiben. Wenn ich noch vor Stunden dachte, eine Burka nahm mir das Leben, ich hatte mich getäuscht! Milad Gandapur nahm mir mein Leben und brachte mir unglaubliche Schmerzen.

Der Alptraum von dieser Nacht wollte nicht enden und um mich war es nur noch dunkel und kalt. Der Körpergeruch von dieser Person war für mich widerlich und ich hatte das Gefühl mich ständig übergeben zu müssen. In mir, mit mir passiert etwas, das ich heute als Seelischen Supergau beschreibe.
Am Morgen musste ich meine Pflicht als Ehefrau aufnehmen. Kochen, putzen,- soweit man dies in einer solchen Hütte bezeichnen konnte.
Zum Wasser holen gehen, musste ich die Burka anziehen. Ich schleppte unter diesem fürchterlichen Stoff das Wasser fast doppelt so weit, wie bei meinen Eltern. Ich durfte von diesem Tag an auch nicht mehr in die Schule. „Frauen brauchen nichts zu lernen “ sagte mir ständig dieser Mann.

Mein Leben war wie in einem Gefängnis. Mit zwei, drei oder vier anderen Frauen musste ich Wasser holen oder Holz sammeln gehen und durfte mich auch sonst nur im Haus oder im Hof aufhalten. Die Stunden am Tag vergingen nicht und in den Nächten erst recht nicht. Ich war nur noch eine Hülle meiner selbst.
Ich schrieb Buchstaben und Wörter in dem Boden, wenn ich das Essen kochen musste oder sonst nichts zu tun hatte. Ich hatte Angst was ich gelernt hatte wieder zu vergessen. Sobald der Mann nach Hause kam, verwischte ich meine Wörter im Boden. Wenn er es doch sah, schlug er mich und brüllte „Du musst nicht schreiben können.“

Wenn ich mit den anderen Frauen Holz sammeln war, zählte ich die Schritte, ich zählte die Bäume oder die Häuser die links von unserm Haus waren. Ich musste mich beschäftigen um nicht verrückt zu werden. Die Gespräche von den Frauen kannte ich mit der Zeit alle. Immer der gleiche Ablauf, immer die gleichen Erzählungen. Ich fing irgendwann an, laut zu zählen. Die Schritte, die Bäume, die Häuser, das Holz. Die Frauen fragten mich, was ich mache und wofür. Ich erklärte das ich zähle und für was zählen gut ist. Langsam gab es mit den Frauen auch mal andere Gespräche. Wir zählten Schritte, Bäume, Holz…. Auf den Feldern schrieb ich Wörter in den Lehmboden: Baum, Holz, Haus, Amira. Die Frauen wollten auch wissen wie ihr Name aussah, wenn er geschrieben ist. So schrieb ich: Mina, Nasanin oder Wafa auf den Boden. Ich erklärte den Buchstaben für ein M, ein I, ein N und ein A.

Kleine Lichtblicke machten mein Leben etwas besser

Kleine Lichtblicke waren es, die mich über den Tag retteten. Die Frauen fingen an, mir Fragen zu stellen woher ich komme und warum ich schreiben und zählen kann. Ich sagte den Frauen, dass meine Mutter wollte, dass ich klug werde. Sie wollte immer das ich lerne. Sie war stolz, wenn ich Wörter oder Sätze auf den Boden schrieb. Ich brachte ihr bei, wie sie ihren Namen schrieb und wie mein Vater sein Name war.

Die täglichen Märsche zum Bach wurden immer besser und oft musste ich etwas lesen, was die Frauen zu Hause gesehen hatten und niemand wusste was dort stand. Briefe von Behörden konnte ich zum Großteil lesen und ihnen dann sagen, was in den Briefen stand und warum wo welche Zahl steht und was jenes Schreiben bedeutete. Die meisten Männer konnten auch nicht lesen und nahmen oft die Briefe mit zu Stammesälteste oder jemand der jemand kannte, der lesen konnte. Die Frauen hatten plötzlich einen Vorteil, sie wussten schon lange vor den Männern was in den Briefen stand. Langsam wurde ich von den anderen Frauen respektiert und es entstanden kleinere Freundschaften.
Das Leben als Ehefrau war nicht meine Welt. Dienen, putzen, kochen, gehorsam sein. Selbst ein Glas Tee konnte der Mann sich nicht selbst holen. Jeden Tag spürte ich mehr Hass gegen den Mann. Jeden Tag, wenn er wieder seine Lust an mir ausließ hasste ich ihn mehr. War ich nicht gehorsam, wurde ich von dem Mann geschlagen. Irgendwann fing er an mit Sand auf mein Essen zu werfen, wenn ich mal wieder nach seiner Meinung ungehorsam war. Ich kochte für den Mann und er behandelte mich wie Dreck. War die Hütte nicht sauber, wurde ich geschlagen. Was sollte ich in einem Lehmhaus auch viel sauber machen? Alles war sowieso falsch und geschlagen wurde ich dann auch.

Die nächste Stufe der Hölle begann

Nach einem langen Winter kam seine Mutter zu uns ins Haus. Sie war eine von Grund auf böse Frau und schimpfte den ganzen Tag mit mir. Ich musste für sie Brei kochen, denn mit ihren wenigen schwarzen verfaulten Zähne konnte sie nicht alles essen. Da sie nun im Haus wohnte, bekam ich weniger zu essen. Wenn ich mal das Glück hatte und mehr kochen konnte, schlug die Alte mir unter den Teller oder der Mann warf nur aus Spaß Lehm in mein Essen. Wenn die Alte mir das Essen auf den Boden warf und der Teppich wurde schmutzig, wurde ich geschlagen. Stunden verbrachte ich damit den alten abgetragenen Teppich sauber zu machen. Ich konnte auch nicht mehr schreiben und zählen, wenn die Alte in der Nähe war. Sie beobachtete mich ständig oder schikanierte mich. Ständig sagte sie, ich soll ihr doch ein Enkel bringen. Ich wusste nun, warum sie dies immer und immer wieder sagte. Die Alte ging mehrmals die Woche zu einer anderen Frau und kam mit ihr zurück. Sie war auch alt und hatte Warzen im Gesicht. Ich hatte Angst vor ihrem Gesicht. Mit ihr musste ich dann in den nächsten oder übernächsten Ort gehen um Gemüse, Obst oder Mehl zu kaufen.

Auf dem Rückweg musste ich ihren Einkauf auch tragen. Ich sprach kaum ein Wort mit dieser Frau. Sie war genau so böse die die Alte. Sie fragte mich vieles und ich gab keine Antwort. Sie wollte vieles von mir wissen und trotzdem gab ich keine Antwort. Mit einem Stock schlug sie mir ins Genick und auf den Rücken um Antworten zu bekommen. „Du kannst mich totschlagen, ich werde dir nichts sagen!“ Brüllte ich sie an. Natürlich wurde auch dies der Alten gesagt und am Abend und in der Nacht bekam ich von dem Mann die Strafe für mein Ungehorsam.
So vergingen die Tage in meinem Gefängnis und ich wollte nicht mehr leben. Ich konnte nicht mehr leben. Schmerzen, Gewalt, Schläge und dies jeden Tag.

Der Weg in meine Freiheit oder Tod

Es wurde Frühling, die Alte lag mit Fieber im Haus und ich sollte Wasser an den Bach holen gehen um ihr Fieber zu senken. Nasanin ging an jenem Tag mit mir Wasser holen. Mit Nasanin konnte ich endlich wieder reden. Ich heulte und erzählte ihr von den letzten Monaten. Unter den Pappeln am Bach nahm sie mich in die Arme und weinte mit mir. Im fließendem Wasser von dem Bach wusch ich mich endlich wieder richtig und Nasanin sah, trotz des Kleides, das ich an hatte, dass ich sehr dünn war. In der Sonne saßen wir an den Pappeln und sie erzählte mir, dass es ein Haus geben würde, wo sich um Frauen gekümmert würde. Ich müsste nach Süden laufen und nach dem vierten Ort müsste ich nach Westen Richtung Spera gehen. Wenn ich am Berg einen Ort sah, sollte ich in dem nächsten Ort nach einem Haus suchen, wo ein Tor in gelb mir weißen Streifen sei. Was mir in diesem Moment Nasanin sagte, war der Weg in meine Freiheit oder Tod.

Als wir vor unserem Ort waren nahm Nasanin mich in die Arme, sie hob die Burka hoch und gab mir einen Kuss. „Möge Allah dich beschützen, mein Kind.“ Dies waren die letzten Worte von ihr. Ich ging am Bach entlang und über die Felder die zu den nächsten Ortschaften führten. Mir war nicht klar, wie gefährlich dieser Weg war, denn ich wusste nichts von Minen in Felder. Ich lief den ganzen Tag und sobald ich etwas hörte legte ich mich auf die Erde und versteckte mich. Nach der zweiten Ortschaft versteckte ich mich nicht mehr, denn unter dieser fürchterlichen Burka erkannte mich niemand. Trotzdem blieb mir bei jedem Geräusch von einem Motorrad das Herz stehen. Wenn der Mann mich so weit vom Haus entfernt finden würde, er würde mich umbringen.

Into the light

Der Tag näherte sich der Nacht und ich versteckte mich auf einem Feld wo eine Herde Hammel stand. Die Tiere gaben mir in der Nacht Wärme. Ich streichelte die Tiere und redete mit ihnen.
Am Morgen ging ich noch einige Zeit nach Süden, bis ich einen Wegweiser nach Spera sah. Ich konnte zu meinem Glück lesen. Jeden Schritt den ich weiter nach Westen ging um so mehr weinte ich.

Unter der Burka lief mir der Schweiß über den Rücken. Ich sah den Ort am Berg und wusste jetzt nicht, ob Nasanin diesen Ort meinte. Der geheime Ort kam in Sichtweite und ich hoffte, dass dies auch der Ort sei. Langsam und ängstlich ging ich durch diesen Ort um das gelbe Tor mir den weißen Strichen zu suchen. Ich sammelte hier und da Holz oder klaute aus den Gärten, die keine Mauer hatten etwas Gemüse.

Ich wollte als Fremde nicht ausfallen. Ich ging durch jede Straße, an jedem Haus vorbei und sah das gelbe Tor. War es das richtige? Immer wieder ging ich durch den Ort bis ich mir sicher war, es gab in dem ganzen Ort kein zweites Tor mit weißen Streifen.
Mit meinem Gemüse und etwas Holz unter dem Arm stand ich vor dem Tor und lauschte ob ich etwas hörte. Ich hörte Stimmen von Mädchen. Leise, aber ich hörte sie. Mit all einem Mut und Verzweiflung klopfte ich an das Tor. Ich hörte einen kleinen Schieber in der Tür sich öffnen und sah das Gesicht von einem Mädchen. Ich hob meine Burka hoch sodass das Mädchen mein Gesicht sah. Sie nickte mir zu und öffnete das Tor. Schnell ging ich in den Hof und weinte nur noch.

Das Mädchen führte mich in einen Raum, der die Küche war und gab mir Reissuppe zu essen. Ich bekam Brot und etwas Fleisch. Seit Tagen hatte ich nichts richtiges mehr gegessen und war dankbar für jedes Stück Brot.
Eine ältere Frau kam zu mir und sprach sehr langsam mit mir. Auch sie stellte mir viele Fragen, ich antwortete freiwillig. Sie zeigte mir einen Platz wo ich mich ausruhen konnte. Mit einer Decke legte ich mich an die kühle Wand von dem Raum und meine Gedanken konnte ich gar nicht mehr einordnen. Alles war verschwommen. Zwei, drei Mädchen kamen zu mir und sprachen mit mir. Sie müssten in meinem Alter gewesen sein. Trotz meiner Kopfschmerzen begriff ich, dass es noch andere Mädchen so ergangen ist wie mir.

Nach Jahren keine Gewalt erlebt

Die erste Nacht ohne Gewalt war für mich eine Erholung und langsam schlief ich ein. Hier an diesem Ort mir vielen anderen Mädchen fühlte ich mich sicher. Seit ich mein Elternhaus verlassen musste, fühlte ich wieder so etwas wie Geborgenheit.
Seit zwei Jahren hatte ich nicht mehr so gut und friedlich geschlafen. In dieser Nacht fiel der Teufel von mir ab. All das Böse wich von mir. Ich sah noch das mit Furchen und Pusteln überzogene Gesicht der Alten und dachte an ihre Wadenwickel. Ich brachte ihr kein Wasser mehr und hörte im Traum wie sie nach mir brüllte. Ich sah den Mann voller Zorn gegen alles treten und auch er fluchte laut. Dann wurde es dunkel und ich schlief ein. Ob durch Erschöpfung oder Müdigkeit, kann ich 13 Jahre später immer noch nicht beantworten.

Der Tag begann und ich war immer noch sehr schwach. Ein Mädchen brachte mir einen Teller Reissuppe und Brot. Ich konnte noch nicht einmal mehr richtig aufstehen. Mit dem Rücken zur Wand saß ich da mit meinem Brot und dem Teller. Das Mädchen hieß Rahja und streichelte mich. Auch Rahja wurde Vergewaltigt und hatte sogar einen Schwangerschaftsabbruch. Noch eine gebrochene Seele!

Ich wollte aufstehen, konnte es aber nicht. Meine Beine waren ohne Kraft und Gefühl. Ich legte mich in meine Ecke und deckte mich zu.
Ich hörte Stimmen und Sprachen die ich noch nie gehört hatte. Ich hatte Angst vor dem was ich nicht verstand.

Eine kleine blonde Frau kam langsam auf mich zu und reichte mir ihre Hand. Ich sah noch nie eine Frau mit solchen Haaren. Sie sprach mit mir in einer Sprache die ich nicht verstand. „Doktor. Doktor“ war das einzige was ich verstand. Sie berührte mich so sanft und langsam, wie ich noch nie berührt wurde. Sie fühlte meine Brust ab, streichelte mir über den Rücken und Arme. Sie sprach mit mir was sie tat. Ich verstand es nicht. Sie zeigte mir Nadeln und an ihrem Arm zeigte sie mir, was sie bei mir machen wollte. Schlimmer wie all die Gewalt die ich erlebte konnte es kaum werden.

Sie steckte mir eine Nadel in den Arm und Rahja sollte einen Beutel festhalten aus dem Flüssigkeit in meinen Arm lief. Ab dann war alles nur noch verschwommen und ich bekam nur noch mit, dass ich in einem Auto war. Eine Frau aus Afghanistan, die keinen Hijab oder Burka trug, war bei mir und hielt mich fest. Ich sah ihr schönes Gesicht und ihre sanften Augen. Sie sprach sehr ruhig und langsam mit mir.
Die blonde Frau war auch im Auto. Sie hörte mein Herz ständig ab und drückte hier und da an meinem Körper. Auf einmal war nichts mehr da. Keine Gedanken, keine Geräusche – nichts.

Ein neues Leben beginnt

Ich weiß nur von anderen, wie ich die nächsten eineinhalb Tage verbrachte.
Im Schlaf spürte ich Wärme an meiner Hand. Ich spürte Energie, Liebe und Kraft. Als ich die Augen etwas öffnen konnte, sah ich einen großen Mann mit einem schmalen Gesicht und die Augen von einem Engel. Ich erinnere mich auch daran, dass ich kurze Zeit später das schöne Gesicht der Frau sah, die mich im Auto festgehalten hatte. Langsam wurde mir klar, wo ich bin und was all diese Leute bei mir machen. Ich war in Sicherheit.

Die Tage die folgten, werde ich nicht schreiben brauchen, denn die sind schon geschrieben.

Ich danke Naike und Nila für eure Zeit mit mir meine Worte zu schreiben. Ich danke euch für die Tränen mit mir und eure Bedingungslose Liebe.
Ich danke Nila für all die Jahre die du als Mutter für mich da bist.
Ich danke Marcel der über mein Leben wachte und nun seit vielen Jahren mein Patenonkel ist.
Ich danke Naike für all die Jahre der Freundschaft, Liebe und des Vertrauens.
Ich danke meinen Großeltern in Deutschland, die mich wie ihr eigenes Kind angenommen haben.
Ich danke Erik und Linda de Joost für eure Liebe und Fürsorge in den Niederlanden.
Ihr beide und eure Tochter wurdet ein Familie für mich in einem fremden Land.

Ihr alle habt mir ein Leben geschenkt, dass ich niemals hätte leben können. Ihr alle seit immer für mich da. Ihr seit die ganzen Jahre mit mir durch die Hölle der Aufarbeitung gegangen.

Amira Khalil, im Februar 2020



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Über Nilakhalil

Mein Name ist Nila. Ich wurde 1980 in Afghanistan geboren. Als der Krieg der Sowjets bereits 10 Jahre dauerte und die Lebensverhältnisse immer schlechter wurden, bin ich im Frühjahr 1990 mit Verwandten, ohne meine Eltern, sie hatten das Geld für ihre Flucht nicht, nach Deutschland geflohen. Die Flucht ging über den Iran, Türkei, Bulgarien, Rumänien, Österreich bis schließlich nach Deutschland. Ich erlebte als Kind Tod, Gewalt, Hass, Hunger und Angst. Zu Beginn unserer Flucht trat mein Cousin auf eine Landmine und wurde buchstäblich wenige Meter neben mir zerfetzt. Der Krieg und aufkommende Terror der links und rechts von uns tobte, ließ uns nur Nachts wandern. Die Gefahr aufgegriffen zu werden, war zu groß. Flüchtigslager im Iran Im Iran lebten wir zwei Wochen in einem Flüchtigslager mit vielen anderen Afghanen. Zu viel Gewalt und zuwenig Toiletten war eine unerträglich Situation. Meine Onkel beschloss, dass es keine Sinn machen würde im Iran auf irgend eine Besserung zu warten. Ein Fahrer mit einem Pickup sollte unsere kleine sieben köpfige Gruppe an die Grenze der Türkei bringen. Nach wenigen Stunden ging das Auto "kaputt" und wir mussten wieder laufen. Heute weiß ich, es war Absicht von dem Fahrer, denn Geld bekam mein Onkel nicht mehr zurück. Humanitäre Hilfe in der Türkei In der Türkei bekamen wir in einer Einrichtung vom Roten Halbmond Lebensmittel und neue Kleider. Meine Tante, dessen Sohn auf die Landmine trat, bekam fürchterliche Bauchschmerzen und musste ins Krankenhaus. Die Blinddarm Operation musste mein Onkel bezahlen. Nach der zweiwöchigen Zwangspause ging es weiter nach Bulgarien. Mal mit dem Bus und wieder weite Strecken zu Fuß. Ich hatte überhaupt kein Zeitgefühl mehr. Schmerzen in den Beinen und Sonnenbrand auf der Haut. In Bulgarien In der Nähe von Sofa wurden wir in ein Gefängnis eingesperrt. Ein feuchtes Kellerloch beschreibt es besser. Mein Onkel bezahlte "Lösegeld" und nach zwei Tagen wurden wir endlich entlassen. Gingen wir durch Ortschaften,  wurden wir beschimpft oder sogar mit Steinen beworfen. Also gingen wir wieder nur Nachts. In Rumänien Rumänien war 1990 das Armenhaus von Europa und das brutale Regime von Ceaușescu war noch überall spürbar. Am Tag hatten wir uns vor der Polizei und Bevölkerung versteckt und fast jede Nacht sind wir gelaufen. Immer auf der Hut vor der Polizei oder anderen Autos. In Österreich Im September sind wir in Österreich angekommen und ich musste völlig entkräftet und abgemagert in ein Spital. Ich hatte selbst zum weinen keine Kraft mehr. Ich konnte nicht mehr und wollte auch nicht mehr weiter. Mein Onkel und seine Frau hatte in Afghanistan studiert und konnten mehrer Sprachen. Mit dem Behörden wurde verhandelt, dass wir nach Deutschland zu unseren Verwandten durften. Unsere Verwandten die ich gar nicht kannte, kamen aus Stuttgart, Bochum und Oberhausen uns abholen. Ich sollte zu Mila und Milad Faani  nach Stuttgart. Beide sind 1980 mit mitte 20 schon geflohen. Als wir in Salzburg über die Grenze fuhren und Mila mir sagte, dass ich nun in Deutschland und in Sicherheit sei, fing ich an zu weinen. In Stuttgart Wangen in der Nätherstraße begann mein neues Leben. Am Nachmittag saßen alle im Haus bei Mila und Milad und sprachen sehr viel. Ich hörte den Gesprächen bei warmen Kakao und Käsekuchen zu. Vieles konnte ich damals nicht begreifen, oder wollte es auch nicht. Die erste Nacht im eigenen Bett war für mich eine Wohltat. Mila schlief bei mir und hielt mich fest. "Ich bin nicht deine Mutter, werde aber mein Bestes geben. Dies verspreche ich dir." Mila hatte in Afghanistan BWL studiert und arbeitete seit 1981 bei Mercedes-Benz in der Verwaltung. Milad hatte Maschinenbau studiert und war bei Mercedes-Benz Vorarbeiter. Milad hatte bei Mercedes als Fließbandarbeiter angefangen und Ende der 80er seinen Meisterbrief gemacht. Beide erzogen mich in einem freien, liberalen und weltoffen Denken, wofür ich ihnen heute noch sehr dankbar bin. Mila und eine pensionierte Lehrerin aus der Nachbarschaft unterrichteten mich in deutsch. Ich musste eine völlig neue Schrift, Sprache und Kultur lernen. Im Frühjahr 1991 musste ich bei der Jugendbehörde einen Eignungstest machen, um festzustellen für welche Schule ich geeignet sei. Ich konnte auf die Realschule. Dort blieb ich auch und machte meine Mittlere Reife. Nach der Schule lernte ich Bürokauffrau und arbeitete auch in diesem Beruf. Ich sparte Geld um meine Eltern nach Deutschland zu holen. Ich hatte bereits den deutschen Pass und wollte über die Familiezuführung dies erreichen. Der Alptraum Im Sommer 2005 kam ein Anruf aus Afghanistan und Milad wurde mitgeteilt, dass mein Vater bei einem Bombenanschlag ums Leben gekommen war. 12 Personen seien bei diesem Terroranschlag getötet worden. Die Leiche von meinem Vater sei bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Als mir Mila und Milad dies mitteilten, schrie und heulte ich: "Ich muss zurück nach Afghanistan! Ich muss!" Alles reden von den beiden brachte nichts. Am nächsten Morgen rief ich meine Chefin an und sagte ihr von meinem Entschluss. Drei Tage später saß ich im Flugzeug auf dem Weg nach Kabul. Raus aus dem Paradies, hinein in den Krieg. Da stand ich nun mit meinen 25 Jahren in einem Land, dass nicht meine Heimat war. Meine Mutter überlebte schwerst traumatisiert diesen Anschlag und ich kümmerte mich um sie so gut es unter den Umständen möglich war. Durch Zufall traf ich Shabnam, meine ehemalige Lehrerin, in der Stadt und sie hatte nach unserem Gespräch die absurde Idee, dass ich Lehrerin werden sollte. "Du bist ein kluges Mädchen und so etwas braucht diese Stadt." Mein Beruf war schon besiegelt ohne das ich gefragt wurde. Shabnam hatte Anfang der 70er in Deutschland Lehramt studiert und sie brachte mir all ihr Wissen bei. So wurde ich im Herbst 2005 Lehrerin an einer Mädchenschule in dem Land, aus dem ich 15 Jahre zuvor geflohen war. Von einer Freundin hörte ich von einem Frauenhaus in den Bergen zu Pakistan und fuhr eines Tages mit meinem alten Datsun dieses Haus suchen. Was ich vorfand war mehr ein großes Gebäude das irgendwie nach einem Haus aussah. Tristesse auf dem gesamten Gelände und Mädchen die durch Zwangsheirat traumatisiert waren, vegetierten vor sich hin. Der Leiterin des Frauenhauses erzählte ich von meiner Wunsch, den Mädchen und jungen Frauen etwas Bildung beizubringen. Svea war von der Idee begeistert und so fuhr ich alle zwei Wochen die fast 100 Kilometer zu dem Frauenhaus um den Mädchen die Grundformen von lesen und schreiben beizubringen. Im Sommer 2006 wurde ich von meinen Lehrerkolleginnen als Direktorin der Schule einstimmig vorgeschlagen und so nahm ich die neuen Herausforderungen an. Neben all dem pflegte ich noch meine Mutter und wusste oft nicht, wie ich überhaupt noch an sie ran kommen könnte. Sie war oft sehr apathisch und starrte ins Leere. Oft weinten wir zusammen und ich wusste keinen Rat mehr. Im Herbst 2006 fand ich sie eines Morgens tot im Bett - sie hatte den Freitod gewählt. Nun war ich ganz alleine. Mein Geld in einer Keksdose und den deutschen Pass vor mir auf dem Tisch, brachten mich zum zweifeln. Ich hatte das Privileg um in wenigen Stunden das Land verlassen zu können. Mein Verstand schrie: geh. Mein Herz sagte: bleib. Ich hatte plötzlich eine Verantwortung die ich nie wollte. Ich hatte Kolleginnen die an mich glaubten. Ich unterrichtete Kinden in der Schule und im Frauenhaus, die an mich glaubten. Die Zufälle im Leben Im Frühjahr 2007 traf ich in meiner Stadt einen deutschen, der sich die Projekte von Deutschland anschauen wollte, die ab 1968 in Gardez gebaut wurden. Unter anderem auch meine Schule. Mit ihm, einem Kamerateam aus Australien und einer Journalistin aus den USA fuhr ich in das Frauenhaus in die Berge in der Nähe von Pakistan. Er war der Mann, der den Stein ins rollen brachte. Seine Kontakte aus früheren Jahren in der Humanitären Hilfe in Kambodscha und Thailand waren der Grundstein für eine Hilfsorganisationen die in meinem Beisein in Istanbul gegründet wurde. In vier Tagen wurde etwas geschaffen, von dem ich nie zu träumen gewagt hätte. Ich wurde die Direktorin einer Stiftung, die sich um zwangsverheiratete und misshandelte Mädchen kümmert und von Anfang an über eine unglaubliche Summe Geld verfügte. Durch Zufall trafen wir einen Major der US Armee im PRT ( Provincial Reconstruction Teams) Khost und in ihm fand ich und wir einen Menschen der an das Frauenhaus glaubte. Major Roger Juarez stellte Soldaten für uns ab, die halfen das Frauenhaus etwas bewohnbarer zu machen. Roger schickte zwei Militär Ärztinnen an das Frauenhaus und sorge auch dafür, dass dringende Operationen von den Mädchen im Camphospital durchgeführt wurden. Mit dem unglaublich vielen Geld der neuen Stiftung wurde ein Frauenhaus nach meinen Vorstellungen an einem geheimen Ort gebaut. Auch da war Roger der Chef und nach seinem Architekten Plan wurde das erste Frauenhaus unserer Stiftung quasi aus dem Boden gestampft. Wir wurden auf drängen von Roger auch vom PRT in Gardez mit sehr viel Hilfe unterstützt. Ich kann sagen, dass mir die US Armee in vielen vielen Bereichen tatkräftige Unterstützung gab und ich lernte Menschen und keine Soldaten kennen. Im April 2007 wurde ich auf nicht gerade legalen Weg Mutter von einem 12-jährigen Mädchen. Mit ihr hatte ich viele Probleme durch ihre traumatische Erlebnisse. Die ersten Schritte in die Politik Ab 2010 ging es für mich in die Lokalpolitik. Ich wollte mich nie politisch engagieren, sah aber ein, dass ich diesen Schritt gehen musste um voran zukommen. Mit einem jungen und engagierten Team in der Schule in Gardez ging es nun auch auf politischer Ebene voran. Wir wurden als die Speerspitze der neuen Frauenbewegung in Afghanistan gesehen. Schnell sprach sich in den Kreise von Dr. Sima Samar herum, was wir bewegten. Sima brachte mich zu UNAMA und plötzlich war ich bei der größten Institution der Welt: der UNO. Ich schaffte mich vom einfachen Mitglied der UNAMA hoch bis zur Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen in Genf. Als ehemaliges Flüchtlingskind zur Bürokauffrau und dann Lehrerin bis hin zur Menschenrechtlerin ist ein Weg, den ich nie zu träumen gewagt hätte. Durch meinen Ehrgeiz und mein Auftreten selbst vor der Regierung in Afghanistan machte ich mir nicht nur Freunde. Es war zum Teil Lebensgefährlich was ich tat. So entschloss ich mich der Vernunft zu beugen und wurde bei Veranstaltungen oder Fahrten zu anderen Terminen von einem Bodyguard begleitet. Neben meinem Bodyguard gehörte die Beschusshemmende Weste zum Alltag wie der Lippenstift oder die High Heels. Da ich nun eine Tochter hatte, wurde ich von meinen Team aus der Schusslinie geholt und war nur noch bei Veranstaltungen die räumlich gesichert wurden. Der Terror kam sehr nah Im August 2016 wurde ich zum Ziel der Taliban. Mein Fahrer fuhr in einen Hinterhalt der Taliban und wenn ich kein gepanzertes Auto gehabt hätte, wären wir im Kugelhagel gestorben. Mein Freund und Bodyguard tat das, wofür er ausgebildet wurde und so verloren vier Kämpfer der Taliban an jenem Tag ihr Leben. Die Sicherheit von meiner Tochter stand immer an oberster Stelle und so schaffte ich sie wenige Tage später nach Europa. Amira kam in eine Einrichtung in der Flüchtlingskinder ohne Eltern untergebracht sind und machte in den Niederlande ihre Ausbildung als Erzieherin. In den letzten Jahren war ich mit meiner Tochter immer wieder auf Urlaub in Deutschland bei meinen Eltern (Mila und Milad) oder in dem Niederlande. Da ich und Amira den Gründer jener Einrichtung seit 2007 kennen und wir auch sehr eng zusammen arbeiten, war es ein logischer Schritt, dass meine Tochter in die Niederlande ging. In meinem drei Monate "Urlaub" im Frühjahr und wieder im Herbst, arbeitete ich dann auch in und von den Niederlande aus. Dr. Erik de Joost wollte mir 2016 schon die Leitung seiner Einrichtung übertragen. Ich lernte ab. Meine Arbeit war in Afghanistan. Dort wurde ich gebraucht. Trotz des Terror gegen mich, ging ich zurück um das zu tun was ich kann: kämpfen. Das Leben geht andere Wege Im Dezember 2019 kam ich wieder auf "Urlaub" in die Niederlande und wollte nur drei Monate bleiben. Mein Leben war für die Rechte der Mädchen in Afghanistan zu kämpfen vorgesehen. Also ging es am 4. März 2020 mit einem Linienflug von Schiphol über Istanbul zurück nach Kabul. Das ich 48 Stunden später mit einem Mädchen das lebendig verbrannt werden sollte, mit einem Ambulanzjet in Rotterdam wieder landen würde, war mir am 4. März nicht bewusst. Vom Ministerie van Volksgezondheid wurde mir am 9. März per sofort die Vormundschaft für jenes Kind übertragen. Ich musste über Operationen, Leben oder Tod entscheiden. Der März war für mich der Alptraum. Meine Eltern kamen am 13. März von Stuttgart nach Den Haag und ich bin ihnen für die wohl schwerste Zeit in meinem Leben sehr dankbar. Zurück nach Afghanistan war nicht mehr möglich. Ich hatte die Verantwortung für ein Kind, dass ab dem 6. März bis zum 13. August im künstlichen Koma lag. Meine Heimat im Herzen war immer Stuttgart gewesen. In Gardez hatte ich 14 Jahre nur gewohnt und gearbeitet. Wo ist also meine Heimat? Durch die Umstände von Lenara bin ich die nächsten Jahre an die Niederlande und die Klinik gebunden. So kaufte ich mir an Ostern ein Haus in der Nähe von Den Haag. Dr. Erik de Joost und seine Tochter Marpe wollten, dass ich nun endlich die Leitung der Einrichtung übernehmen sollte. In langen Gesprächen mit meinen Eltern, mit Erik, Linda und Marpe de Joost und meinem Team in Afghanistan gab ich nach. Und so bin ich seit dem 1. April die Leiterin einer seit 27 Jahren bestehenden Einrichtung für traumatisierte und sozialschwache Kinder in der Nähe von Den Haag. Meine Arbeitstage haben in der Regel 16 bis 18 Stunden und all die vielen Probleme in Afghanistan, mit Lenara und die Bürokratie in den Niederlanden und Europa sind ungleiche Gegner für mich. Mit schwerem Herzen gab ich zum 1. April die Leitung der Mädchenschule in Gardez und der Frauenhäuser ab. In 13 Jahren hat sich ein Netzwerk von 46 Frauenhäuser gebildet. 6 dieser Häuser sind in meinem Privatbesitz und drei aus Sicherheitsgründen außerhalb von Afghanistan. Ich gab mein Lebenswerk an Freunde ab. Ich bin immer noch die Chefin, wenn ich auch die Leitung nur noch kommissarisch habe. Das Corona Jahr Das Jahr 2020 hätte turbulenter nicht sein können. In meinem Leben passte auf einmal nichts mehr zusammen und die Arbeit und Sorgen wurde nicht weniger,  auch wenn ich 36 Stunden arbeiten würde. Auf einer Freizeit mit 20 Jugendlichen aus unserer Einrichtung, traf ich in Juli auf dem Ijsselmeer eine weiter persönliche Veränderung - ich gab die Leitung und den Ersten Vorsitz des Netzwerkes Afghan Women's zum 1. September 2020 ab. Meine ganze Kraft gilt meinen beiden Töchter und mit der Leitung der Kinder- und Jugendeinrichtung habe ich mehr als genügend Aufgaben, was meinen Arbeitstag nicht gerade weniger macht. Noch eine Anmerkung: Ich bin zwar in einem muslimischen Land geboren, habe aber sonst mit dem Islam nichts zu tun. Ich mag Weihnachten und Käsespätzle sehr. Nila Khalil, Den Haag, 17. November 2020

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