Ist es sexy dünn zu sein?

Ist es exy dünn zu sein?

Von Amira Khalil

Dies wird uns allen in der Werbung vor Augen geführt: Sexy Frauen an der Cocktail-Bar, sexy Frauen im Haushalt, sexy Frauen beim Einkaufen.
Die Models sind perfekt gestylt, um dein neues Kleid, die High Heels oder Spülmittel zu kaufen.
Die neuste Generation der Influencer zielt in gleiche Richtung ab. Aufgestylte junge Frauen erklären dir die neuesten Trends in Essen, Gesundheit, Sport oder Musik.

Alle sind hipp, cool, sexy und bei bester Gesundheit – wirklich?
Dünn ist sexy und dir liegt mit deinem durchtrainierten Körper, den mega-geilen Fingernägel und super-chicen Make up die Welt zu Füßen. Du bist erfolgreich und die Königin auf dem Dancefloor.
Ist es wirklich so?


Nicht jeder Mensch hat einen perfekten Body-Mass-Index. Wir alle sind verschieden und ganz individuell – und dies ist auch gut so!

Nun werden sich einige fragen, die mein Profilfoto sehen: „die Tussi hat mit ihrem Body und Aussehen gut reden.“
Stimmt! Ich bin extrem dünn – aber ob mir dies gefällt, steht nicht auf meinem Foto.

Nun möchte ich dies erklären.
Ich wurde 1995 in Afghanistan geboren und war ein ganz normales Kind. Ich hatte auch bis zu meinem 10. Lebensjahr eine Kindheit, die in Anbetracht von Kriegsspuren und Terror, recht normal verlief.
Mit 10 Jahren wurde ich aus der Armut, Glaube oder Tradition heraus mit einem um Jahrzehnte älteren Mann verheiratet.
Zwei Jahre erlebte ich in dieser „Ehe“ die Hölle auf dieser Welt. Von hundertfacher Vergewaltigung über seelische Misshandlungen war alles dabei. Auch wurde mir aus „Spaß“ das Essen verweigert oder es wurde Sand in mein Teller geworfen.
Nach zwei Jahren der körperlichen und seelischen Folter bin ich geflohen. Wohlwissend wenn ich gefunden werden würde, es meinen Tod bedeutete. Tod war ich eigentlich schon seit zwei Jahren.
Ich fand zwei Tage nach meiner Flucht ein Frauenhaus und bekam dort sofort etwas zu essen. Ich war so geschwächt, dass ich kaum noch essen konnte. Einen Tag später kam zu meinem Glück eine Ärztin in jenes Frauenhaus und ich wurde sofort in ein Militär-Hospital gebracht und mir wurden spezielle Elektrolysen angehängt, um ein Organversagen zu verhindern. Zwei Tage kämpfte ich um mein Leben.

Dies alles ist nun 14 Jahre her und  ich werde alle 6 bis 8 Wochen an meine schlimme Vergangenheit erinnert. In der Folge von meiner Mangelernährung habe ich Marasmus und brauche eben in den genannten Zeitabstände spezielle Elektrolysen. Mein Körper kann nur noch bis zu 80 % Kohlenhydrate und Ballaststoffe aufnehmen. Ich würde trotz essen verhungern!

Seit 2016 lebe ich in den Niederlanden und habe eine Ausbildung als Staatliche Erzieherin gemacht.
In der Berufsschule war ich natürlich die Exotin. Ein Mädchen kommt aus Afghanistan und kann schon die  Niederländische und Deutsche Sprache – dies habe ich meiner Mama zu verdanken. Ich hatte nach kurzer Zeit Freundinnen in der Schule – auch eine etwas korpulente. Wir waren das „Dreamteam“ der Schule, dies sagte natürlich niemand laut. Die Blicke und getuschel reichten. Meine Freundin Mele merkte dies auch und sie fühlte sich auf einmal in meiner Gegenwart deplatziert, und ich mich schuldig. 

Wenn ich mit Mele in der Stadt war, wollte sie auf einmal keine Waffel, Eis oder was auch immer, nicht mehr mit mir essen. Ich merke schon die Veränderungen an Mele und sah auch, dass sie abgenommen hatte und offensichtlich auch noch dabei war.

Ich sagte ihr immer wieder, dass mir ihre Figur egal sei und es mir auf das Herz von einem Menschen ankommt. Sie nickte zwar immer, aber im Kopf kam es bei ihr nicht an.

Es kam eine Zeit, wo Mele mich regelrecht versetzte. Sie hatte plötzlich nach der Schule oder am Wochenende etwas anderes vor.
An einem Samstagnachmittag im November traf ich in einem Café die Eltern von Mele und sprach sie darauf an. Ihre Mutter war geschockt von dem was ich sagte, dass Mele mich nicht mehr treffen möchte und ständig andere Gründe anführte. Ihrer Mutter hatte Mele das Gegenteil gesagt – ich hätte keine Zeit mehr für sie.

Ich fuhr an diesem Nachmittag mit den Eltern von Mele zu ihnen nach Hause und konfrontierte sie mit meiner Anwesenheit.
In ihrem Zimmer hatte sie SlimFast Produkte versteckt. Mele wollte mit diesen SlimFast Produkten aus der Werbung in kürzester Zeit ihr Gewicht um die Hälfte reduzieren und war auch auf dem besten Weg dort hin – sie hatte schon Anfänge von Bulimie. Mele erklärte ihren Durchfall  und das öftere übergeben mit ihrer Periode. Ich zog hörbar die Luft ein und nahm die SlimFast Dose aus ihrem Schrank. „Inulin, Maltodextrin, Sucralose, Natriumcarboxymethylcellulose und so weiter und so weiter. Weißt du überhaupt was all diese Inhaltsstoffe sind?“
Mele und ihre Mutter sahen mich fragend an.
„Inulin ist ein unverdaulicher Zucker. Bei zuviel Sucralose kann es zu sehr unerwünschten Nebenwirkungen wie Blähungen und Durchfall kommen. Also nix mit Periode.“ Beide sahen mich völlig entgeistert an und die Mutter frage, woher ich dies alles wüsste. „Weil ich krank bin! Ich muss auf vieles achten, was ich esse. Würde ich dieses Zeugs zu mir nehmen, wäre es mein sicherer Tod.“

Ich frage Mele was dies soll und warum sie den Kontakt zu mir mied.
„Du bist so sexy dünn. Die Jungs schauen dir alle nach und jeder möchte mit dir gehen.“
Ich konnte diese Worte von ihr gar nicht fassen. „Ist dir schon mal aufgefallen, dass mich die Jungs nicht interessieren?“ Mele nickte und sagte dann „Es wird wohl nicht der richtige dabei gewesen sein.“
Wohl wahr! Ich erzählte Mele und ihrer Mutter meine Zeit als „Ehefrau“ in Afghanistan und welche seelischen Grausamkeiten ich als Mädchen erlebte.

Noch am gleichen Abend sprach ich mit Marpe de Joost, eine langjährigen Freundin meiner Mutter und meine damalige Chefin, über den Mobbing an der Schule und welches Pulver Mele zu sich nahm. Marpes Vater, der zum einen Mediziner ist und zum anderen mein Chef war, erzählte ich auch die Geschichte von Mele und ihrer SlimFast Idee. Erik riss die Augen auf und sagte mir, wie schädlich solche „Wundermittel“ seien.

Marpe ist promovierte Psychologin und war mit meinen Gedanken der Aufklärung und Klarstellung über den Mobbing an der Schule einverstanden.
Mit Marpe, ging ich vor den Weihnachtsferien 2016 in die Schule und erzählte der Klasse meine Lebensgeschichte – die komplette. Wie zu erwarten war, waren meine Schulkameraden bei dem erzählen von meinem Lebenslauf am weinen und wussten dann auch, warum ich so dünn bin und welche Probleme ich alle 6 bis 8 Wochen habe. Auch begriffen meine Schulkameraden was sie der Partnerin vom „Dreamteam“ angetan hatten. Mobbing kann Menschen zerstören!

Mele nahm sich unsere Unterhaltung an jenem Samstag sehr zu Herzen und verzichtet auf die SlimFast Produkte. In den letzten drei Jahren hat Mele einige Kilos abgenommen – aber in einem VERNÜNFTIGEN Maß.

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Über Amira Khalil

Mein Name ist Amira, ich bin 1995 in Afghanistan geboren und seit 2016 lebe und arbeite ich in Den Haag für eine Organisation die sich um Flüchtlingskinder, Migranten und Kinder aus Sozialschwachen Familien kümmert. Ich habe in den Niederlanden eine Ausbildung als Erzieherin gemacht  und bin in meinen Beruf sehr glücklich. Zum einen habe ich sehr viele Freiheiten bei dem wie ich Unterricht gestalte oder mich in unserm psychologischen Team einbringe. Auch kann ich in mehreren Schichten arbeiten und habe so andere Aufgaben bei der Nachtschicht. Wenn die Kinder Nachts Alpträume bekommen, ist die etwas völlig anderes als wenn ich am Vormittag das Alphabet lerne. Meine Aufgaben in der Einrichtung sind sehr vielseitig. So betreue und lernen ich die Kinder die Sprache. Auch kann ich mich therapeutisch und psychologisch einbringen. So leite ich einen Photoworkshop und bin mit einer Gruppe von Kindern und Jugendlichen in vielen Orten und Regionen der Niederlande unterwegs. Durch oder wegen der Flucht der Kinder haben sie viele Traumata die wir in einem Team aus Erziehern, Lehrer und Psychologen aufarbeiten. Meine Mutter hatte bis zum 16. August (an dem Tag hat das Militär vor der Taliban kapituliert) in Afghanistan eine Mädchenschule und sechs eigene Frauenhäuser für zwangsverheiratete und misshandelte Mädchen. Seit April 2020 ist sie die Leiterin unsere Einrichtung und somit auch meine Chefin - was nicht immer von Vorteil ist. Da auch ich einen eigenen Wille habe, rasseln wir beide hin und wieder schon mal zusammen. Nila wurde 2007 meine Mutter und ich kann mir keinen besseren Menschen als Mama wünschen. Ob meine leiblichen Eltern noch leben, ist mir ziemlich egal. Sie hatten mich mit 10 Jahren verheiratet und ich erlitt zwei Jahre die Hölle in dieser "Ehe". Ich bin damals mit letzter Kraft weggelaufen und mir war klar, dass es meine Freiheit oder mein Tod werden könnte. Nach den offiziellen Unterlagen stab ich im März 2007. Diesen Schritt musste Nila (und ein paar andere Mensch) gehen, damit ich leben konnte. Mir wurde ab 2007 mit der Arbeit, Engagement und Weitblick, vieles mit auf den Weg gegeben. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Im August 2016 wurde meine Mama zur direkten Zielscheibe der Taliban und hätte sie keinen Bodyguard und gepanzertes Auto gehabt, wäre ich Vollwaise. Drei Tage nach diesem Anschlag sind wir im Stuttgart bei meinen Großeltern (ist ja auch nicht wahr) gelandet.  Einen Tag später war ich in den Niederlanden. Wir sind eine nicht verwandte Familie und trotzdem sind wir diese. Mein Opa und Oma sind die liebsten Menschen auf dieser Welt und seit März 2020 leben sie auch in den Niederlanden. Bildung ist für mich sehr wichtig, denn nur mit Bildung können wir diese Welt verbessern / verändern. Bildung ist der Schlüssel um aus Armut und Abhängigkeit zu kommen. Die Spirale der Armut und Analphabetismus geht im 21. Jahrhundert weiter nach unten und führt somit zu immer größeren Konflikten. Um nun Irritationen entgegenzuwirken, warum ich so gut Deutsch kann, möchte ich dies noch erklären. Nila lebte 15 Jahre in Deutschland und so wurde ich von ihr in / auf deutsch unterrichtet. Durch die Arbeit von meiner Mutter und deren Freundinnen / Kolleginnen lernte ich auch in frühen Jahren schon Englisch. Groeten uit het mooie Den Haag Amira

4 Gedanken zu „Ist es sexy dünn zu sein?

  1. Jutta

    Liebe Amira,
    deine Lebensgeschichte hat mich tief berührt. Es tut mir im Herzen weh was du in so jungen Jahren schon erleiden musstest und zu wissen, dass es vielen Mädchen in Afghanistan genauso geht. Besonders jetzt nach der Übernahme der Taliban. Es wird noch viel zu wenig getan, um diese Mädchen und Frauen dort herauszuholen und ich kann nicht verstehen warum die Regierungen da nicht eingreifen.
    Ich wünsche dir von ganzem Herzen dass du glücklich wirst und mit dem richtigen Mann oder Frau an deiner Seite vielleicht ein bisschen vergessen kannst, was man dir als Kind angetan hat. Alles liebe.

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    1. Amira Khalil Autor

      Dankeschön.
      Es gibt nach Schätzungen von UNICEF circa 650 Millionen Kinderehen auf der Welt – ich hatte eine davon.
      In dem Beitrag: Out of the dark“, steht meine ganze Geschichte geschrieben.
      Durch meine (nicht leibliche) Mutter Nila, habe ich sehr vieles aufarbeiten können. Die Spuren von Missbrauch sind weg – die Narben werden immer bleiben.

      Natürlich rücken nun die nicht beachtende Menschenrechte durch die Taliban ans Licht der Öffentlichkeit. Die Taliban und die „Traditionen“ waren nie weg!
      Während ich jetzt diese Worte schreibe, erlebt ein weiteres Mädchen die Qualen in einer Kinderehe.

      Solange es nicht genügend Bildung und Aufklärung gibt, werden Männern weiterhin Mädchen vergewaltigen, quälen, foltern und ermorden. Dies alles tun sie an einen Glauben zu einem Kinderfi….

      Es braucht mehr Bildung und Aufklärung für diese Welt. Da aber die Armut und der Analphabetismus immer größer werden, wird es für Millionen von Mädchen und Frauen täglich schlimmer.

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