Kann das Jahr 2020 in die Tonne?

Kann das Jahr 2020 in die Tonnen?

Von Amira Khalil

Viele würden jetzt sofort nicken. SARS-CoV-2 brachte vieles durcheinander und Menschen an den Rand der Verzweiflung.

Wenn ich an die ersten drei Wochen Quarantäne bei uns in der Einrichtung denke, läuft es mir noch kalt den Rücken herunter. Drei Wochen 24 Stunden täglich im Einsatz, brachte mich ganz schön an den Rand meiner Grenze. Ich ging freiwillig in die Quarantäne, weil keiner wusste was und wie es kommt und zum anderen um Mama zu schützen. Sie musste ja alle zwei Tage ins Krankenhaus.
Wir Betreuer hatten uns aufgeteilt, denn wenn jemand krank werden sollte, wir trotzdem einen 24 Stunden Dienst sicherstellen konnten.

Wie hält man 53 Kinder bei Laune? Was wir alles bei uns in den Häuser an Möglichkeiten haben, habe ich schon geschrieben.
Seit vielen Jahren liebe ich die Photographie und leite seit dreieinhalb Jahren einen Photo Workshop bei uns in der Einrichtung. Bildberarbeitung und Entwicklung.
Kaum zu glauben, aber es gibt doch tatsächlich noch 36er Filmrollen. Ein USB Stick in ein Bad aus Entwickler und Fixierer zu legen ist nicht von Vorteil. Also Filmrollen und auch USB Sticks.

Was hat dies nun alles mit Corona zu tun?
Da wir wie ein Internat geführt sind, brauchen die Kinder eine längere Betreuung als nur Schule.
Immer nur Sport, Malen, Unterricht oder lümmeln ist auf Dauer voll blöd.
In kleinen Gruppen bin ich mit einem der 9-sitzer Busse von unserer Einrichtung kreuz und quer durch das Land gefahren und die Kinder und Jugendlichen sollten Fotos machen. Motto: Kreative Motive.

In 7 Monaten haben die Kinder und Jugendlichen gefühlte 20.000 Fotos gemacht.
Mit dem Photograph Jan Bakkers hatten wir ab Juni auch einen Profil zur Hand der alles mögliche an Equipment wie Lichtstrahler, Lichtwannen, Schirme, Reflektor und und und mit brachte. So bauten wir noch ein Photostudio auf, in dem die Kreativität der Kinder kein Ende fand. Es wurden Flaschen, Gläser, Eiswürfel, Gemüse, Bleistifte und alles was irgendwie tragbar war fotografiert.

Was die Kinder für ein Spaß bei dieser Arbeit hatten, war weit mehr als wir es jemals dachten.
Ob wir unterwegs waren, im Photostudio oder Labor.
Ich möchte nun einige Foto der letzten Monate zeigen, die ausnahmslos Kinder und Jugendlichen fotografiert haben.

Wenn zum teil schwerst traumatisiert Kinder solche Fotos machen, haben diese Fotos auch eine Bedeutung. Einen Sinn, warum ausgerechnet dieses Motiv.
Zum jedem Bild steht ein Schicksal von einem jungen Menschen, der in seinem Leben schon so vieles erlebt hat, dass es oft über die Grenze des Verstandes hinaus geht.

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Über Amira Khalil

Mein Name ist Amira, ich bin 1995 in Afghanistan geboren und seit 2016 lebe und arbeite ich in Den Haag für eine Organisation die sich um Flüchtlingskinder, Migranten und Kinder aus Sozialschwachen Familien kümmert. Ich habe in den Niederlanden eine Ausbildung als Erzieherin gemacht  und bin in meinen Beruf sehr glücklich. Zum einen habe ich sehr viele Freiheiten bei dem wie ich Unterricht gestalte oder mich in unserm psychologischen Team einbringe. Auch kann ich in mehreren Schichten arbeiten und habe so andere Aufgaben bei der Nachtschicht. Wenn die Kinder Nachts Alpträume bekommen, ist die etwas völlig anderes als wenn ich am Vormittag das Alphabet lerne. Meine Aufgaben in der Einrichtung sind sehr vielseitig. So betreue und lernen ich die Kinder die Sprache. Auch kann ich mich therapeutisch und psychologisch einbringen. So leite ich einen Photoworkshop und bin mit einer Gruppe von Kindern und Jugendlichen in vielen Orten und Regionen der Niederlande unterwegs. Durch oder wegen der Flucht der Kinder haben sie viele Traumata die wir in einem Team aus Erziehern, Lehrer und Psychologen aufarbeiten. Meine Mutter hatte bis zum 16. August (an dem Tag hat das Militär vor der Taliban kapituliert) in Afghanistan eine Mädchenschule und sechs eigene Frauenhäuser für zwangsverheiratete und misshandelte Mädchen. Seit April 2020 ist sie die Leiterin unsere Einrichtung und somit auch meine Chefin - was nicht immer von Vorteil ist. Da auch ich einen eigenen Wille habe, rasseln wir beide hin und wieder schon mal zusammen. Nila wurde 2007 meine Mutter und ich kann mir keinen besseren Menschen als Mama wünschen. Ob meine leiblichen Eltern noch leben, ist mir ziemlich egal. Sie hatten mich mit 10 Jahren verheiratet und ich erlitt zwei Jahre die Hölle in dieser "Ehe". Ich bin damals mit letzter Kraft weggelaufen und mir war klar, dass es meine Freiheit oder mein Tod werden könnte. Nach den offiziellen Unterlagen stab ich im März 2007. Diesen Schritt musste Nila (und ein paar andere Mensch) gehen, damit ich leben konnte. Mir wurde ab 2007 mit der Arbeit, Engagement und Weitblick, vieles mit auf den Weg gegeben. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Im August 2016 wurde meine Mama zur direkten Zielscheibe der Taliban und hätte sie keinen Bodyguard und gepanzertes Auto gehabt, wäre ich Vollwaise. Drei Tage nach diesem Anschlag sind wir im Stuttgart bei meinen Großeltern (ist ja auch nicht wahr) gelandet.  Einen Tag später war ich in den Niederlanden. Wir sind eine nicht verwandte Familie und trotzdem sind wir diese. Mein Opa und Oma sind die liebsten Menschen auf dieser Welt und seit März 2020 leben sie auch in den Niederlanden. Bildung ist für mich sehr wichtig, denn nur mit Bildung können wir diese Welt verbessern / verändern. Bildung ist der Schlüssel um aus Armut und Abhängigkeit zu kommen. Die Spirale der Armut und Analphabetismus geht im 21. Jahrhundert weiter nach unten und führt somit zu immer größeren Konflikten. Um nun Irritationen entgegenzuwirken, warum ich so gut Deutsch kann, möchte ich dies noch erklären. Nila lebte 15 Jahre in Deutschland und so wurde ich von ihr in / auf deutsch unterrichtet. Durch die Arbeit von meiner Mutter und deren Freundinnen / Kolleginnen lernte ich auch in frühen Jahren schon Englisch. Groeten uit het mooie Den Haag Amira

6 Gedanken zu „Kann das Jahr 2020 in die Tonne?

    1. Amira Khalil Autor

      Dankeschön. Die Fotos haben ausnahmslos Kinder und Jugendliche fotografiert, die zum Teil schwerst traumatisiert sind.
      Die Fotos sagen alle etwas aus.
      Liebe, den Regenbogen, ein Tropfen an einem Bleistift soll die Tränen zeigen, die dieses Mädchen hatte, weil es njchh mehr zur Schule durfte.
      Das Foto mit der Feder und dem Eiswürfel zeigt, die kalten Gefühle von Menschen (Männer).

      Wir hatten, und machen dies immer noch – die Fotos zu analysieren. Dies tun wir erst in der Gruppe der Psychologen und dann mit den Kindern. Wir dokumentieren alle drei Monate ein Bild, Foto, Bastelei, Werkstück oder was auch immer. So sehen wir zum einen die Kreativität der Kinder und wo sie zur Zeit psychisch stehen.

      Eines der Fotos, wo man eine Pusteblume sieht, hat ein 6-jähriges Mädchen aufgenommen. Dieses Mädchen stammt aus dem Iran und hatte vor zwei Jahren auf der Flucht nach Europa seine Eltern verloren. Die Pusteblume steht für die Gedanken an seine Eltern und dass eines der Samen doch irgendwann seine Eltern erreicht.

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      Antwort
      1. Amira Khalil Autor

        Ja. Ich habe eben einen Beitrag zu den einzelnen Fotos geschrieben. Nun ist die Hälfte nicht mehr da.
        So was blödes.

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