Mit Mama zu Besuch an ihrer ehemaligen Schule.

Mit Mama zu Besuch an ihrer ehemaligen Schule.

Von Amira Khalil

Meine Mama hat seit Jahren ein Freundschaftliches Verhältnis zu ihrem früheren Klassenlehrer von der Realschule an der sie ab 1990 war. Herr Dellinger, der ehemalige Klassenlehrer von Mama, wollte unbedingt, dass sie an die Schule kommt und ein Referat über Menschenrechte hält. Herr Dellinger ist seit einigen Jahren in Pension, hat aber noch engen Kontakt zur Schule, da es einige Projekte und Projektwochen gibt, die er vor Jahren mit aufgebaut hatte: Kinder der Welt, ist eines seiner Projekte.

Die Projekte an der Schule finde ich sehr interessant. So zum Beispiel: Prävention in Medien und Gewalt.
Auch gibt es einen Jugend Auslands Berater für ein FSJ, Schulaufenthalte, Workshops oder Au-pair Angebote von der Schule. An der Schule werden 632 Schüler aus 31 Nationen unterrichtet.

Nun bin ich das erste Mal dabei und erlebe wie nach 24 Jahren immer noch der Name Nila Khalil an der Schule präsent ist. Im Lehrerzimmer ist eine Stimmung zwischen Respekt, Hochachtung und Schock über den Lebenslauf von Mama. Herr Dellinger hatte im Vorfeld schon einiges den Lehrer und Lehrerinnen über Mama erzählt – denn nicht jeder Lehrer kennt sie noch als Schülerin von dieser Schule.
Die Konrektorin, Frau Tokic, las am Vortag das Referat von Mama und wollte statt der Menschenrechte doch lieber den Lebenslauf von Mama den Schüler und Schülerinnen vorstellen.


„Ihr lernt für euch. Macht etwas daraus.“

Nach der ersten Pause trafen sich alle Klassen mit ihren Lehrer in der Schulaula. Mama und ich wurden von der Rektorin, Frau Albrecht, vorgestellt und Mama erzählte ihren Lebenslauf: Als 10-jähriges Mädchen aus Afghanistan geflohen und in Deutschland eine Heimat gefunden. Die 14 Jahre, die sie in Deutschland gelebt hatte. Ihre Arbeit und Engagement seit 2005 in Afghanistan.
Je länger Mama sprach um so ruhiger wurde es in der Aula.
Da stand eine Frau auf der kleinen Bühne und erzählte in einer ruhigen Stimme ihre Lebensgeschichte und auch die Chancen die ihr in Deutschland geboten wurde. Wenn ich in die Runde der Zuhörer schaute, sah ich viele Schüler und Schülerinnen mit dem Kopf nicken.
„Ihr lernt für euch. Macht etwas daraus.“ Waren die letzten Worte von Mama nach ihrer Rede von circa einer dreiviertelstunde.

Herr Dellinger und Frau Albrecht meinten, ich sollte auch noch etwas sagen – war mir doch etwas peinlich. Also erzählte ich kurz mein Leben von 1995 bis 2007 – und das danach. Wie ich begriff, welche Chancen ich durch Nila bekommen hatte und dies durch Willen und Unterstützung auch soweit recht erfolgreich geschafft habe. Ich erzählte noch von meiner Arbeit in den Niederlanden und wie wir dort mit den Kinder und Jugendlichen lernen.

Auch wenn an der Schule Schüler und Schülerinnen aus 31 Nationen unterrichtet werden, sind es gerade 15 Schüler und
Schülerinnen die eine Flucht aus Syrien, Kurdistan und Afghanistan erlebt haben. Zwei Mädchen: Die 10-jährige Alia aus Syrien, die 14-jährige Kira aus Kurdistan und der gleichaltrige Karin aus Afghanistan, stellten sich ihren Mitschüler und Mitschülerinnen vor. Sie erzählten
und über ihre Erlebnisse der Flucht. Kopfschütteln, Fassungslosigkeit und Entsetzen sah ich den Mitschülern und Zuhörerinnen an.

Es klingelte zur großen Pause und nicht so wie sonst, stürmten die Schüler und Schülerinnen raus auf den Pausenhof. Es war ein ruhiges und oft schweigsames aufstehen oder gehen, es hatte ja nicht jeder Schüler einen Sitzplatz in der Aula.
Eigentlich waren nur zwei Doppelstunden für das Referat von Mama eingeplant. Die Rektorin, Frau Albrecht und Konrektorin, Frau Tokic beschlossen noch vor der Pause, dass es danach in diesem Thema weiter gehen sollte.

Im Lehrerzimmer wurde ich von Frau Munz, Frau Blessing und Herr Pollak über meine Arbeit in Den Haag ganz schön gelöchert und ich sah, dass sie immer wieder voller Stolz zu Nila schauten, die mit einer Tasse Kaffee bei ihrem ehemaligen Lehrer und zwei anderen Lehrerinnen saß.

Die vielen Schwierigkeiten von Flüchtlingskinder

Nach der Pause sprach Kira, sie kommt aus Kurdistan, von den Zuständen des Krieges und Terror in ihrer Heimat. Ihre Geschichte war 1:1 derer Kinder und Jugendlichen in unserer Einrichtung in Den Haag. Ich sah bei vielen Schülern und Schülerinnen Tränen in den Augen.
Karim, er kommt aus Afghanistan und ist seit zwei Jahren in Deutschland. Auch er wollte noch auf seine Geschichte eingehen, da er aber Angst hatte, nicht die richtigen Deutsche Wörter zu finden, sprach er auf Deutsch – Paschto und Mama übersetzte die Wörter oder Sätze von ihm auf Deutsch (Schwäbisch).

Es begann eine Gesprächsrunde die Anfänglich sehr zögerlich mit lapidaren Fragen der Mitschüler und Mitschülerinnen begann. Ich glaube es war ihnen unangenehm ihre drei Mitschüler, mich oder Mama direkt anzusprechen. So fragte Mama ganz offen heraus, welche Schwierigkeiten Karim beim lernen der Deutschen Sprache hat. Wie zu erwarten war es das Genitiv und Akkusativ. Ja, dies kenne ich nur all zu gut und musste bei den Antworten von Karim doch sehr grinsen. Es ist mit dem Maskulinum, Feminininum und Neutrum auch nicht so einfach. Hinzukommt die unterschiedliche Schriftform in den Sprachen. Das paschtunische Alphabet umfasst je nach Zählweise 40 bis 44 Buchstaben und basiert auf dem persischen Alphabet, welches wiederum eine modifizierte Form des arabischen Alphabets ist. In Paschto – oder Arabisch, wird von rechts nach links geschrieben. In der deutschen, englischen oder französischen Sprache wird von links nach rechts geschrieben.
Es sind sind solche Kleinigkeiten die viele Mitschüler und Schülerinnen gar nicht sehen – geschweige wissen.
Jedenfalls merkten die Mitschüler, dass Karim nicht dumm ist, er kann diese Grammatik nicht kennen und oft nicht verstehen. Meine Mutter bestätigte dies, dass auch dies für sie damals sehr schwer war.

Jedenfalls kamen auf einmal die Fragen viel schneller und zum Teil auch persönlicher. Das Interesse an den „Anderen“ wurde größer und so stellte sich in dieser Gesprächsrunde heraus, dass es
oft ganz banale Dinge waren, die die Mitschüler und Schülerinnen von Kindesbeinen her kennen, für Flüchtlingskinder oft schon eine Herausforderung  sind.

Als ich und Mama merkten, dass einige Fragen an Alia, Kira und Karim doch sehr persönlich wurden, und wir die drei auch nicht kompromittieren wollten, antwortete ich und erzählte von den Alpträumen der Kinder und Jugendlichen in unserer Einrichtung in Den Haag.
Wieder wurde es sehr ruhig in der Aula und die Mitschüler und Mitschülerinnen begriffen, dass Bilder von Krieg im Fernsehen etwas anders sind, als es selbst erlebt zu haben.

Mein Resümee

Ich möchte jetzt zum Schluss kommen und ein kleines Resümee ziehen.
Wenn Menschen begreifen, was andere erlebt haben, und darüber gesprochen wird, sehen sehr viele die „Ausländer“ auf einmal mit anderen Augen.
Die drei Stunden hatten am Ende das gleiche Resultat gezeigt, wie meine „Het huidige kerstverhaal“ ( Die Weihnachtsgeschichte der Gegenwart), die wir im Dezember 2019 mit sehr großem Erfolg noch dreimal im Januar aufgeführt hatten. Es gab Gespräche um Vorurteile abzubauen und es gab die Möglichkeiten direkte Fragen zu stellen um ein Verständnis des „Anderen“ zu bekommen.
Nur so kann Integration gelingen und Fremdenhass abgebaut werden.

Amira Khalil, Stuttgart 28. Februar 2020

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Über Amira Khalil

Mein Name ist Amira, ich bin 1995 in Afghanistan geboren und seit 2016 lebe und arbeite ich in Den Haag für eine Organisation die sich um Flüchtlingskinder, Migranten und Kinder aus Sozialschwachen Familien kümmert. Ich habe in den Niederlanden eine Ausbildung als Erzieherin gemacht  und bin in meinen Beruf sehr glücklich. Zum einen habe ich sehr viele Freiheiten bei dem wie ich Unterricht gestalte oder mich in unserm psychologischen Team einbringe. Auch kann ich in mehreren Schichten arbeiten und habe so andere Aufgaben bei der Nachtschicht. Wenn die Kinder Nachts Alpträume bekommen, ist die etwas völlig anderes als wenn ich am Vormittag das Alphabet lerne. Meine Aufgaben in der Einrichtung sind sehr vielseitig. So betreue und lernen ich die Kinder die Sprache. Auch kann ich mich therapeutisch und psychologisch einbringen. So leite ich einen Photoworkshop und bin mit einer Gruppe von Kindern und Jugendlichen in vielen Orten und Regionen der Niederlande unterwegs. Durch oder wegen der Flucht der Kinder haben sie viele Traumata die wir in einem Team aus Erziehern, Lehrer und Psychologen aufarbeiten. Meine Mutter hatte bis zum 16. August (an dem Tag hat das Militär vor der Taliban kapituliert) in Afghanistan eine Mädchenschule und sechs eigene Frauenhäuser für zwangsverheiratete und misshandelte Mädchen. Seit April 2020 ist sie die Leiterin unsere Einrichtung und somit auch meine Chefin - was nicht immer von Vorteil ist. Da auch ich einen eigenen Wille habe, rasseln wir beide hin und wieder schon mal zusammen. Nila wurde 2007 meine Mutter und ich kann mir keinen besseren Menschen als Mama wünschen. Ob meine leiblichen Eltern noch leben, ist mir ziemlich egal. Sie hatten mich mit 10 Jahren verheiratet und ich erlitt zwei Jahre die Hölle in dieser "Ehe". Ich bin damals mit letzter Kraft weggelaufen und mir war klar, dass es meine Freiheit oder mein Tod werden könnte. Nach den offiziellen Unterlagen stab ich im März 2007. Diesen Schritt musste Nila (und ein paar andere Mensch) gehen, damit ich leben konnte. Mir wurde ab 2007 mit der Arbeit, Engagement und Weitblick, vieles mit auf den Weg gegeben. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Im August 2016 wurde meine Mama zur direkten Zielscheibe der Taliban und hätte sie keinen Bodyguard und gepanzertes Auto gehabt, wäre ich Vollwaise. Drei Tage nach diesem Anschlag sind wir im Stuttgart bei meinen Großeltern (ist ja auch nicht wahr) gelandet.  Einen Tag später war ich in den Niederlanden. Wir sind eine nicht verwandte Familie und trotzdem sind wir diese. Mein Opa und Oma sind die liebsten Menschen auf dieser Welt und seit März 2020 leben sie auch in den Niederlanden. Bildung ist für mich sehr wichtig, denn nur mit Bildung können wir diese Welt verbessern / verändern. Bildung ist der Schlüssel um aus Armut und Abhängigkeit zu kommen. Die Spirale der Armut und Analphabetismus geht im 21. Jahrhundert weiter nach unten und führt somit zu immer größeren Konflikten. Um nun Irritationen entgegenzuwirken, warum ich so gut Deutsch kann, möchte ich dies noch erklären. Nila lebte 15 Jahre in Deutschland und so wurde ich von ihr in / auf deutsch unterrichtet. Durch die Arbeit von meiner Mutter und deren Freundinnen / Kolleginnen lernte ich auch in frühen Jahren schon Englisch. Groeten uit het mooie Den Haag Amira

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