Mein Beruf als Erzieherin

Mein Beruf als Erzieherin

Von Amira Khalil

Ich arbeite seit fast fünf Jahren als Erzieherin in einer privaten Einrichtung für Flüchtlingskinder und Kinder aus Sozialschwachen Familien in den Niederlanden.
Im Oktober 2019 habe ich meine Ausbildung als Staatlich Anerkannte Erzieherin in den Niederlanden abgeschlossen. Der Umgang mit Kinder und das Lernen mit Kinder habe ich vor 14 Jahren schon bei meiner Mama und ihrem Team in Afghanistan gesehen und auch gelernt. So war es für mich klar, dass ich einen Beruf in dieser Richtung auch machen werde und will.

Durch die instabile politische Lage in Afghanistan und die Arbeit und Engagement von meiner Mama, musste sie mich im August 2016, nach einem gezielten Terroranschlag auf sie, in Sicherheit bringen und so kam ich nach Deutschland zu meinen Großeltern.
Ich weiß noch sehr genau wie wir abends in Stuttgart vor der Tür meiner Großeltern standen und Mama den wahren Grund unseres “Besuchs“ verheimlichte. Nachrichten sind schneller als ein Flugzeug und so wussten meine Großeltern bescheid.
Nila wollte nicht, dass ich zurück nach Afghanistan komme und in Deutschland hatte ich für den Moment auch keine Perspektive. Noch in der Nacht rief Mama in die Niederlande an und sprach mit Dr.Erik de Joost über meine Zukunft.  Am nächsten Morgen fuhren wir schon nach Den Haag.
Meine Mutter, wie auch ich, kennen Erik schon seit 2007. Mama arbeite seit dieser Zeit eng mit Erik zusammen. So war Erik, seine Frau Linda und dieTochter Marpe  für mich keine fremden Menschen.

Nila und Oma blieben zwar drei Monate bei mir in Den Haag und trotzdem hatte ich Angst und den Verlust von Nila getrennt zu sein, wenn sie wieder nach Afghanistan zurück fliegen wird. Der Feind war zwar bei dem gezielten Terroranschlag um vier Terroristen weniger – aber nicht besiegt.

Die Trennung von Nila fiel mir die ersten Monate sehr schwer. Ich sah zwar die Chance für ein anderes Leben, hatte aber Angst davor, weil ich nur Afghanistan kannte.
Mama hatte zwar in den letzten Jahren immer wieder mit mir Urlaub in Europa gemacht und so war mir die Kultur und das Leben in Europa nicht fremd. Meine Großeltern leben seit 1980 in Deutschland und auch aus diesem Grund war ich mit Mama immer wieder für ein paar Wochen in Deutschland.

Mama hat mich ab 2007 in Deutsch unterrichtet und ihre Freundin auf Englisch. Ich hatte unglaubliches Glück Menschen um mich zu haben, die mir in mein neues Leben geholfen haben und weiß auch, eine solche Chance gibt es nur einmal im Leben. Ich lernte an der Schule von meiner Mutter alles was ich heute weiß und kann – so auch Unterrichtsgestaltung und Menschlichkeit. Nila wurde ein Vorbild für mich und ich bewunderte sie immer mehr, je mehr ich von und über ihre unermüdliche Arbeit an Kinder und Menschen erfuhr.

Mein Leben in Den Haag
Mein bis vor zwei Jahren Chef und jetzige Chefin kenne ich, bzw. meine Mutter schon seit 14 Jahren. Dr. Erik de Joost hatte vor über 26 Jahren mit einem Haus für Flüchtlingskinder in der Nähe von Den Haag angefangen und in den letzten Jahren wurde die Einrichtung immer größer, sodass es aktuell drei Häuser sind. Der Grundgedanke von Dr. de Joost ist immer noch der gleiche: Kinder helfen, unterstützen und fördern. Seine Tochter, Marpe de Joost, hatte bis April 2020 die Leitung dieses Internats. Ab April 2020 ist Nila die Chefin der Einrichtung und somit auch meine Chefin – was zwischen uns beiden nicht immer von Vorteil ist, was auf meine Krankheit zurück zuführen ist. Immerhin lässt sie mich in Ruhe (manchmal) und stimmt auch meinen und der Vorschläge meiner Kolleginnen und Kollegen zu.

Ich bekam mit Erik, Linda und Marpe eine neue Familie. Linda de Joost wurde meine neue Großmutter und gab mir unglaublich viel Liebe und Unterstützung. Erik wurde mein neuer Opa und auch er gab mit Sicherheit und Liebe, die weit über jedes Maß hinaus ging und geht.

Durch schlimme Misshandlungen in meinem früheren Leben leide ich an Marasmus und brauche seit Jahren alle sechs bis acht Wochen eine spezial Elektrolytlösung. Ohne diesen „Treibstoff“ würde ich trotz ausreichenden Essen verhungern. Da Erik mein Chef war und meinen Gesundheitszustand als Mediziner sehr gut kennt, fuhren wir für ein paar Tage weg oder segelten einen Tag oder Wochenende auf der Nordsee, wenn mein psychischer Akku leer wurde / wird. Auch wenn ich sehr viel Arbeite und dies gerne mache, werde ich von Zeit zu Zeit aus dem Verkehr gezogen. Erik sagt immer, er würde es an meinen Augen sehen, wenn es Zeit für eine Pause ist.

Marpe ist im Denken und Handeln gleich mit Nila und so bekam ich quasi noch eine Mutter und Freundin in einem fremden Land.

Meine Großeltern aus Stuttgart kamen sehr oft zu Besuch und auch von ihnen erfahre ich heute noch eine Bedingungslose Liebe und Unterstützung.

Die verzweifelte Angst

Ich war in Sicherheit und brauchte keine Angst mehr vor Krieg und Terror zu haben. Dafür wurde meine Angst um Nila immer größer. Hörte ich von einem Anschlag in Afghanistan, rief ich sofort Mama an! Wenn sie nicht ans Telefon konnte oder keinen Empfang hatte, begann in meinem Kopf ein Alptraum. Diese Ungewissheit machte mich sehr oft fertig und ich fiel in ein sehr tiefes Loch. Es brauchte manchmal Stunden bis ich mich wieder beruhigen konnte. Selbst wenn Nila 20 Minuten später anrief und sagte, wo sie sei oder war. Wenn Nila in Indien, Malaysia, New York oder wo auch immer auf einem Kongress für Menschenrechte war, betete ich dafür, dass dieser nie zu Ende gehen sollte.
Ich bin nicht so stark wie Nila, die immer das durchsetzt was sie will und auch mit ihren Forderungen gegen die Regierung in Afghanistan vorgeht – und somit nicht nur Freunde hat.
Soweit die Einleitung, warum ich in den Niederlanden bin.

Meine Arbeit als Erzieherin

Wie ich schon geschrieben habe, arbeite ich in einer private geführten Einrichtung für Kinder und Jugendliche. Wir betreuen in der Regel über 70 Kinder und Jugendliche. Aktuell sind 52 Kinder und Jugendliche stationär in der Einrichtung. Die Kinder wohnen einzeln, zu zweit oder zu dritt in einem Zimmer oder kleinem Appartement. Es kommt auf das Alter der Kind an. Unsere jüngsten sind 5 Jahre alt, die ältesten 20 Jahre. Alle Kinder die stationär bei uns sind, haben keine Eltern mehr oder es wird vom Internationalen Roten Kreuz oder anderen Organisationen europaweit nach denen gesucht.
Die Kinder und Jugendliche in unserer Einrichtung kommen aus Afghanistan, Eritrea, Iran und Syrien.

Wir unterrichten die Kinder in der Niederländischen Sprache und unser Lehrplan orientiert sich an allen Sekundarstufe des Schulsystems in den Niederlanden. Wir sind darüber hinaus auch zertifiziert, sodass unsere Zeugnisse in allen Schulen oder auch Berufsschulen anerkannt sind.
Die Kinder und Jugendliche die noch nicht so gut die Sprache können oder erst seit kurzem bei uns sind, unterrichten wir selbst. Die die schon länger in den Niederlanden sind, gehen auf öffentliche Schulen oder machen eine Ausbildung.

Zu meinen Kollegen und Kolleginnen gehören 36 hauptberufliche und 30 ehrenamtliche Mitarbeiter.
Von Erzieherinnen, Lehrer und Lehrerinnen,
Psychologen, bis zu den Küchenangestellte sind wir eine bunte Truppe aus vier Nationen.
Yana ist 17 Jahre und kommt aus Syrien. Sie hat im August letzten Jahres mit der Ausbildung zur Erzieherin angefangen.
Lisianne aus den Niederlanden ist 21 Jahre alt und ist diesen Monat mit ihrer Ausbildung als Erzieherin fertig.
Marieke kommt auch aus den Niederlanden, ist so alt wie ich und hatte mit mir im gleichen Jahr die Abschlussprüfung gemacht.
Die anderen Kolleginnen und Kollegen sind alle älter wir. Diese Mischung passt super zusammen und wir haben auch ein sehr gutes freundschaftliches Verhältnis zu einander.

Mein Beruf macht mir sehr viel Spaß und ich habe auch so manche Freiheiten in dem was ich mache.
Diese Freiheiten hatte ich schon bevor Nila die Leitung übernahm. So leite ich seit vier Jahren eine Photo-Workshop und habe seit drei Jahren auch einen Profifotografen im Team. Mit einem unserer Kleinbusse fahre ich mit meiner Gruppe durch die Niederlande und mache praktischen Unterricht und Freizeit mit den Kinder und Jugendlichen in einem.
Erik, wie auch Marpe, kennen die Führung und Struktur von Nila in ihren Frauenhäuser und Schule in Afghanistan und beide wissen, dass ich damit groß geworden bin. So bin ich neben meinem Beruf auch noch im psychologischen Team unseres Internats – denn niemand von meinen Kolleginnen und Kollegen, außer Djamila, Tahmineh und Yana kennt die Umstände von Krieg, Terror und Flucht besser als wir.

Kindern Schutz und eine Perspektive zu geben ist das eine, mit Traumata von eben jenen Umständen durch Krieg, Terror und Flucht umzugehen – und auch zu verstehen, ist das andere.

Marpe hat ihre Doktorarbeit in Psychologie geschrieben und kennt durch die Reisen und Aufenthalte nach Afghanistan, Syrien oder andere Kriegsgebieten zwar die Umstände, aber doch nicht so, als wenn man damit aufgewachsen ist oder es die letzten Jahre nicht anders erlebt hat. So haben Yana und ich für diese Kinder und Jugendliche doch einen anderen Stellenwert als nur Erzieherinnen. Dies weiß jeder in der Leitung der Einrichtung und so sind wir beide „junges Gemüse“ auch im Team der drei hauptberuflichen
Psychologen.

Da Erik seit Beginn an, kein Sertralin oder Paroxetin, also Medikamente für posttraumatischen Belastungsstörung einsetzte, ist es oft nicht leicht, die Kinder oder Jugendliche auf den Boden zurück zu holen. Schlimm wird es, wenn Nachts die Alpträume kommen. Da kommen auch wir Betreuer schon mal an unsere Grenzen.
Ich habe selten Nachtschichten, da ich als Erzieherin und Lehrerin eingesetzt bin, aber auch gerne den Kolleginnen in den anderen Teams aushelfe und somit ein doch breites Spektrum an Aufgaben machen kann und darf. Leider sieht meine Chefin die freiwillige Mehrarbeit nicht immer so gerne und so gibt es bei den Khalils hin und wieder etwas Stress.

Die ADHS-Feuerwehr

„Problemkinder“ werden in der Gesellschaft schnell mit einem Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) abgetan und zu oft mit Medikamenten „ruhig gestellt“. Die Probleme mit der Impulsivität und zusätzlich starker körperlicher Unruhe – der Hyperaktivität, sind es, was den Kindern oft ein „normales“ Leben kaum ermöglicht.
Am Tag ist dies für uns Betreuer weniger ein Problem. Wir lassen die Kinder sich auspowern. Dafür haben wir einen Sportraum, ähnlich einer kleinen Turnhalle, in der Einrichtung. Wenn zum Beispiel in meiner Klasse ein oder zwei Kinder an ihre Grenzen kommen und wir als Betreuer dies merken, packen wir die Kinder und trennen sie sofort von der Klasse. Oft reicht dann nur eine halbe Stunde Fußball spielen oder Turnen am Barren oder Reck. Auf unserem Gelände haben wir auch eine Sandbahn und die Kinder können laufen oder springen. Da diese Kinder sowieso in der Einrichtung leben, ist es völlig egal, wann sie den Lernstoff oder Hausaufgaben machen.

Wir haben einen Werkraum in dem mit Holz oder Ton gearbeiteten werden kann. Auch haben wir eine extra Küche für die Kinder und so lernen die Kinder vernünftig mit Lebensmitteln umzugehen oder auch zu kochen. So kommt es vor, dass die Köche oder Köchinnen auf einmal die Lehrer sind.
Dieses ganze Konzept wurde vor 12 Jahren von Nila übernommen und in den Niederlanden perfektioniert, da bei uns auch Jungen in der Einrichtung sind, kam ein Werk- und Sportraum dazu.
Wir können und werden auf Medikamente verzichten und aus „Problemkinder“ werden auf ganz einfache Weise Kinder, die lernen mit ihren traumatischen Erfahrungen umzugehen.

In dem Text „Eindrücke einer unvergesslichen Reise“ kann man lesen, wie und was wir mit unseren Kindern auch sonst noch unternehmen.

Ich wäre nie da, eo ich heute bin

Mein neues Leben, welcheds im April 2007 begonnen hatte, und die Arbeit in den Niederlanden, hätte ich niemals ohne Nila erreicht.
Da meine Mutter nun durch nicht gerade glücklichen Umständen in den Niederlanden ist und dies auch dauerhaft sein wird, brauche ich weniger Angst zu haben, dass ihr in Afghanistan etwas passiert. Auch weiß ich, wenn der Zeitpunkt X kommt, Nila mit ihrem Bodyguard binnen 24 Stunden später in Afghanistan sein wird. Diese Angst ist nun seit Mai 2020 fast täglich im Kopf und ich muss die Entscheidung von meiner Mama akzeptieren.

Amira Khalil, Den Haag, 19. August 2020

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Über Amira Khalil

Mein Name ist Amira, ich bin 1995 in Afghanistan geboren und seit 2016 lebe und arbeite ich in Den Haag für eine Organisation die sich um Flüchtlingskinder, Migranten und Kinder aus Sozialschwachen Familien kümmert. Ich habe in den Niederlanden eine Ausbildung als Erzieherin gemacht  und bin in meinen Beruf sehr glücklich. Zum einen habe ich sehr viele Freiheiten bei dem wie ich Unterricht gestalte oder mich in unserm psychologischen Team einbringe. Auch kann ich in mehreren Schichten arbeiten und habe so andere Aufgaben bei der Nachtschicht. Wenn die Kinder Nachts Alpträume bekommen, ist die etwas völlig anderes als wenn ich am Vormittag das Alphabet lerne. Meine Aufgaben in der Einrichtung sind sehr vielseitig. So betreue und lernen ich die Kinder die Sprache. Auch kann ich mich therapeutisch und psychologisch einbringen. So leite ich einen Photoworkshop und bin mit einer Gruppe von Kindern und Jugendlichen in vielen Orten und Regionen der Niederlande unterwegs. Durch oder wegen der Flucht der Kinder haben sie viele Traumata die wir in einem Team aus Erziehern, Lehrer und Psychologen aufarbeiten. Meine Mutter hatte bis zum 16. August (an dem Tag hat das Militär vor der Taliban kapituliert) in Afghanistan eine Mädchenschule und sechs eigene Frauenhäuser für zwangsverheiratete und misshandelte Mädchen. Seit April 2020 ist sie die Leiterin unsere Einrichtung und somit auch meine Chefin - was nicht immer von Vorteil ist. Da auch ich einen eigenen Wille habe, rasseln wir beide hin und wieder schon mal zusammen. Nila wurde 2007 meine Mutter und ich kann mir keinen besseren Menschen als Mama wünschen. Ob meine leiblichen Eltern noch leben, ist mir ziemlich egal. Sie hatten mich mit 10 Jahren verheiratet und ich erlitt zwei Jahre die Hölle in dieser "Ehe". Ich bin damals mit letzter Kraft weggelaufen und mir war klar, dass es meine Freiheit oder mein Tod werden könnte. Nach den offiziellen Unterlagen stab ich im März 2007. Diesen Schritt musste Nila (und ein paar andere Mensch) gehen, damit ich leben konnte. Mir wurde ab 2007 mit der Arbeit, Engagement und Weitblick, vieles mit auf den Weg gegeben. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Im August 2016 wurde meine Mama zur direkten Zielscheibe der Taliban und hätte sie keinen Bodyguard und gepanzertes Auto gehabt, wäre ich Vollwaise. Drei Tage nach diesem Anschlag sind wir im Stuttgart bei meinen Großeltern (ist ja auch nicht wahr) gelandet.  Einen Tag später war ich in den Niederlanden. Wir sind eine nicht verwandte Familie und trotzdem sind wir diese. Mein Opa und Oma sind die liebsten Menschen auf dieser Welt und seit März 2020 leben sie auch in den Niederlanden. Bildung ist für mich sehr wichtig, denn nur mit Bildung können wir diese Welt verbessern / verändern. Bildung ist der Schlüssel um aus Armut und Abhängigkeit zu kommen. Die Spirale der Armut und Analphabetismus geht im 21. Jahrhundert weiter nach unten und führt somit zu immer größeren Konflikten. Um nun Irritationen entgegenzuwirken, warum ich so gut Deutsch kann, möchte ich dies noch erklären. Nila lebte 15 Jahre in Deutschland und so wurde ich von ihr in / auf deutsch unterrichtet. Durch die Arbeit von meiner Mutter und deren Freundinnen / Kolleginnen lernte ich auch in frühen Jahren schon Englisch. Groeten uit het mooie Den Haag Amira

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