Muss ich erst sterben um zu leben

Muss ich erst sterben um zu leben

Ein Auszug aus mehreren Kapitel die den Beginn von meinem Leben beschreiben

Montag, 19. März 2007

Vor einem Tag kam ein Neuzugang, ein vielleicht 13-jähriges Mädchen mit Hypertrophie – starke Unterernährung in das Frauenhaus. Das völlig entkräftete Kind lag auf einer alten Matratze, in der linken Ecke von dem Schlafraum. Dieses Kind war so stark abgemagert, dass es schon in einem Lebensbedrohlichen Zustand war.

Emily kam mit ihrer Einschätzung über jenes Kind zu Hannes und sah ihn sehr besorgt an „Ich kann eine Lungeninfektion nicht mehr ausschließen. Zudem besteht die Gefahr des plötzlichen Herztodes. Ich haben ihr sofort eine Infusion mit Elektrolytlösungen gelegt. Ich kann dir nicht sagen, ob das Mädchen die nächsten 24 Stunden überlebt.“
Roger sah Fassungslos Emily und Hannes an und entschied, dass dieses Kind sofort ins PRT gefahren werde sollte. Hannes nickte „Okay, Abfahrt jetzt! Emily und die Kleine in mein Auto. Nila, komm du bitte mit, du musst mit dem Kind reden. Oliver, kommt ihr nach, wenn ihr hier fertig seid. Roger, bist du bereit?“ Der Major nickte Hannes zu. „Okay, dann Attacke auf nach Khost.“

Hannes fuhr den Armoured ans absolute Limit – so wie er es oft genug auf den Trainingsstrecken für dieses Auto lernte. Mit seinen fast 600 PS jagte er den Armoured über die engen Straßen in Richtung Khost.
„Roger, schau du bitte auf die rechte Seite und sag mir, was in 200 Meter gefährlich sein könnte. Nila, halte das Kind gut fest, es kann sein, dass ich oft stark bremsen muss. Rede mit ihr! Halte das Kind irgendwie wach. Wenn es ins Koma fällt, könnte es dies nicht überleben.“

Roger rief ins PRT nach Khost an und gab die Anweisungen, die Emily ihm sagte, den Ärzten im PRT-Hospital weiter.
Hannes raste mit voller Konzentration Richtung Khost.
Bremsen, schnelle Überholmanöver, bremsen und wieder Vollgas. Der gepanzerte Armoured jagte an alten Pickup’s, Bussen oder Fahrräder die Hühnerkäfigen auf dem Gepäckträger hatten vorbei.
Der Gegenverkehr kam oft bedrohlich nah oder wisch so weit aus, dass selbst ein Containerschiff noch Platz gehabt hätte hindurch zu fahren.
Immer wieder musste Hannes ausweichen, bremsen und Vollgas geben. Die unbändige Kraft des Armoured drückte die Insassen für zwei Sekunden in die Sitze, wenn Hannes wieder Vollgas gab.

An der kommenden Abbiegung ging es die nächsten 18 Kilometer über Sandpisten. Mit 163 km/h jagte der Armoured über die 5 Meter breite Piste. Zwei Mopeds waren 150 Meter vor ihnen. Es kam eine leichte links Kurve, Hannes merkte wie das Heck vom Auto in der Kurve nach rechts in Richtung der zwei Mopeds rutschte. Gegenlenken, kurz vom Gas um dann wieder Vollgas zu geben. Trotz dem Gewicht von über 4 Tonnen, die der Armoured hatte, merkte jeder den unglaublichen Schub, wenn Hannes das Gaspedal durch drückte – selbst auf Sand!

„Ich spüre Herzrhythmusstörungen auftreten. Fange mit Fremdbeatmung durch Sauerstoff an“ ,sagte Emily von der Rückbank. „Okay. Roger, wir kommen zu einer ungünstigen Zeit in Khost an, mach etwas! Soldaten sollen Straßen sperren oder blockieren, ich brauche freie Straßen. Lass dir etwas Einfallen, schnell!“
Roger tat, was Hannes ihm sagte und rief den Diensthabenden First Leutnant im PRT an.

Ein Mopedtaxi kam ihnen in 200 Meter Entfernung auf der Sandpiste entgegen, Hannes sah wie der Fahrer um sein Leben fürchtend nach rechts von seinem Sitz in ein Getreidefeld sprang. Im Abstand von 15 Zentimeter rauschte der schwarze Armoured an dem Dreirädrigen Taxi mit 150 km/h vorbei.

„Herzstillstand! Beginne mit Reanimation. Nila, halte ihren Körper gut fest, ich möchte ihr nicht noch die Rippen brechen.“

In 500 Meter sah Hannes einen Lkw fahren. Sechs Autos und ein Bus fuhren hinter dem Lkw auf der Piste. Die Piste war zu schmal um zu überholen. Hupen brachte sowieso nichts, weil dies in Afghanistan jeder tat. Diesen Sinn, oder Unsinn konnte er nicht verstehen. Der Lkw fuhr mit 40 km/h vor ihnen her. Hannes schaute sich das Gelände links neben der Piste an, so weit er dies sehen konnte.
„In zweihundert Meter wird die Böschung flacher. Was macht die Reanimation?“ Er lenkte das Auto weiter nach links an die aufsteigende Böschung. Der Abstand wurde immer weniger, bis er nur noch ein paar Zentimeter parallel zur Böschung fuhr.
„Was macht die Reanimation..?“
„Moment!“ Er fuhr immer noch wenige Zentimeter parallel zur Böschung. „Emily!“
„Atmung wieder da. Go!“ „Okay. Leute, festhalten. Es wird etwas holprig.“

Hannes lenkte den Armoured einen Meter die Böschung hoch, als das Heck auf gleicher Höhe war, gab er Vollgas. Steine, Büsche und Wurzeln schlugen gegen die gepanzerte Bodenplatte und Karosserie. Kleinere Büsche und Hecken flogen über die Motorhaube oder links am Auto vorbei. Die Fahrer der Autos hupten und gestikulierten wild mit den Armen, als der Armoured schräg an ihnen vorbei jagte. Eineinhalb Minute später war er wieder auf der Piste. Wegen dem losen Untergrund links an den Reifen von der Böschung und der feste Untergrund der Piste rechts, zog der Wagen nach dem Überholmanöver nach rechts. Hannes lenkte den Armoured kurz nach links, bremsen und gab wieder Vollgas.

Noch 20 Minuten bis Khost.
Ein Pickup mit Personen auf der Ladefläche kam ihnen entgegen. Links und rechts von dem Wagen hingen Hühnerkäfige. Die Menschen auf dem Pickup duckten sich und die Hühner flatterten wie wild, als der Außenspiegel von dem Land Rover 10 Zentimeter unterhalb der Käfige vorbei rauschte. 

Das Telefon von Roger klingelte und kurze Zeit später sagte er „die Soldaten haben die Ringstraße gesperrt.“ „Super, danke.“
Die Tachonadel ging an die 180 km/h Marke. Immer wieder kamen leichte Kurven, bei denen der Armoured jedes mal quer rutschte. Im Rückspiel sah man eine riesige Staubwolke.

„In 200 Meter rechts 8-10 Hammel an der Straße“, sagte Roger.
Hupen schien die Tiere nicht zu interessieren. Hannes musste eine Vollbremsung machen und der Armoured rutschte quer über den Sand.
Gegenlenken, bremsen, hupen – den Hammel völlig egal.
Die Böschung  auf der linken Seite war steiler, als die vorherige. „Festhalten!“ Mit 80 km/h fuhr der Armoured schrägt an den Hammel vorbei. Geröll von der Böschung schlug mit einer unglaublichen Lautstärke gegen die Karosserie.
„Noch drei Kilometer, dann kommt wieder Asphalt. Ist bei euch alles gut?“ Da Hannes von seinen Begleiter keine Antwort bekam, gab er noch etwas mehr Gas.
Die Abbiegung nach rechts, steuerte er mit 100 km/h an. Kurz vor dem Asphalt bremste Hannes das Auto so stark ab, dass dieses am Heck nach links ausbrach. Gegenlenken nach rechts und wieder gegenlenken nach links. Das Auto rutsche quer zum Asphalt. Der Winkel passte jetzt und Hannes gab Vollgas. Mit über 200 km/h rasten die fünf die Vierspurige abschüssige Straße auf Khost zu.

15 Kilometer waren es jetzt noch bis zur Ringstraße. 221 km/h zeigte die Nadel im Tacho an. Alles rauschte in Bruchteilen von Sekunden am Auge vorbei. Fahrzeuge auf der linken Straßenseite wurden zwischen der Sandpiste, Bäume und Sträucher, die die beiden Straßen trennte, überholt. Die Bäume und Sträucher auf der linken Seite waren oftmals keine 20 Zentimeter vom Außenspiegel entfernt. Immer wieder schlugen Steine, Büsche oder Müll gegen die Karosserie. Rechts war oft zwischen den Pkw, Busse oder Lkw auch nicht mehr Platz. Es find an sich zu stauen.
Noch drei Kilometer bis zur Ringstraße. Hannes musste auf die rechte Seite neben der Fahrbahn. Die Sandpiste war dort in einem schlechteren Zustand, aber wenn der Verkehr erst einmal stand, hatte Hannes keine Chance mehr auf die Ringstraße zu kommen.
Rechst von ihm fuhren Autos, Mopeds und Lkw. Im Rückspiel sah er den Abstand zu dem Autos rechst neben sich. „Passt.“ Er zog den Armoured nach rechts durch die gerade mal Einen Meter breitere Lücke, als der Armoured war, über die zwei Fahrspuren.
Der Armoured kam in einem zu steilen Winkel vom Asphalt auf den Sand und Schotter der Piste. Sofort lenkte Hannes nach links, das Heck war noch nach rechts im rutschen, als er schon das Lenkrad ganz nach rechts drehte. Nochmal stark gegenlenken und Vollgas. Bei diesem Manöver hatte der gepanzerte Armoured gar keine Zeit um weiter nach rechts zur rutschen. Die fast 600 PS sorgten so schnell für Vortrieb, dass es für das Auto nur eine vorgegebene Richtung gab.

Hannes sah zwei Humvees auf der rechten Seite der Straße als Vollsperrung stehen. 500 Meter waren es noch bis zur Ringstraße. „Verdammt, die Humvees stehen falsch! Nila, halte das Kind fest!“ Der Armoured schlug immer wieder in Löcher von der Piste ein. Die ersten Zelten und Buden aus Plastikplanen von den Händler an der Piste waren noch wenige Meter entfernt. Hannes hupte. Menschen und Hunde rannten nach rechts und links. In einem Abstand von weniger als einen halben Meter, schoss der Armoured mit 137 km/h an Menschen, stehende Mopeds, Karren, Zelte und Ware vorbei.

Durch den unebenen Untergrund hatte Nila es schwer, das Kind fest zu halten. Hannes sah nun besser die zwei Humvees auf der Straße stehen. Einer stand zu weit auf der Fahrbahn, die er brauchte. Die Soldaten sprangen zur Seite.
Vollbremsung. Scharf nach rechts lenken, das Heck vom Auto rutsche links über den Sand. Vor dem Auto waren immer noch Verkaufsstände, an denen der Armoured schräg vorbei rutschte. Schnell nach links lenken, sofort wieder nach rechts. Der Asphalt war noch viereinhalb Meter entfernt, das Auto rutsche immer noch quer über den Sand auf einen tieferliegenden Kanaldeckel zu. „Festhalten, es holpert gleich.“

Um nicht die Achse abzureißen, musste Hannes ganz nach links lenken, er ließ die Bremse los damit die Reifen drehten konnten, die Vorderachse knallte 30 Zentimeter hinunter auf den Kanaldeckel. Der Armoured machte einen Schlag nach links und eine Sekunde später gab es einen Schlag auf die rechte Seite. Der Humvee war nur noch eineinhalb Meter entfernt. Hannes gab Vollgas, er hatte den Winkel den er brauchte um auf den Asphalt der Ringstraße zu kommen.

5 Kilometer war nun die vierspurige Ringstraße. Trotz der Sperrung fuhren ein paar Busse, Autos, Mopeds und Fahrräder auf der Straße. Menschen waren auf oder an der Straße zu Fuß oder mit Karren unterwegs. Die Tachonadel war bei 118 km/h. Häuser, Händler, Fußgänger rauchten nur so am Auge vorbei.
Ein Moped kam in 30 Meter mit drei Personen links auf die Fahrbahn. Der Fahrer schaute gar nicht nach rechts, was sich ihm mit 100 km/h hupend näherte. Im letzten Augenblick sah der Mopedfahrer nach rechts, erschrak sich so sehr, als etwas großes schwarzes an ihm vorbei rauschte, dass er mit seinem Moped und den zwei Mitfahrer umfiel.

In 60 Meter stand rechts ein Bus, Menschen liefen über die Straße zum Bus. Da er nichts wusste, ob Menschen auch von rechts kommen, zog er das Auto ganz nach links auf einen Karren mit Gemüse zu. Der Mann mit dem Karren winkte und ruderte wie wild mit den Armen, aus Panik lief er nach links weg.

Noch 7 Minuten bis zum PRT.
„Erneute Fremdbeatmung“ sagte Emily. Hannes musste bald auf die andere Seite vom Kanal. Er sah die Kreuzung auf der linken Seite in 200 Meter und zog das Auto ganz nach rechts, bis auf wenige Zentimeter an den Fahrbahnrand. Menschen sprangen in Panik über die Waren der Händler um sich in Sicherheit zu bringen. Er bremste kurz vor der Kreuzung so stark ab, dass das Heck vom Auto nach rechst ausbrach. Gegenlenken, bremsen, gegenlenken – dies alles in Bruchteilen von Sekunden. Nun hatte er den passenden Winkel für die Kanalbrücke. „Festhalten!“

Beim Überfahren von der Brücke, hob für eine Sekunde das 4 Tonnen schwere Fahrzeug ab. Sofort lenke Hannes nach rechts. Das Heck rutschte beim aufsetzten auf den Asphalt nach links. Gegenlenken und wieder Vollgas.

Die Straße war auf dieser Seite vom Kanal schmäler. Autos, Busse, Bäume, Händler und die Mauer vom Kanal ließen ihm gerade mal drei Meter Platz. Mit 158 km/h rauschte der Armoured durch die 3 Kilometer lange Gasse.
„Noch 5 Minuten bis zum PRT“, war die Ansage von Hannes. Roger nickte und drückte die Schnellwahltaste auf seinem Telefon und sagte dem leitenden Offizier die Uhrzeit bis zum Eintreffen. „Alle ist vorbereitet“, sagte er nach dem kurzen Gespräch. „Danke, Roger. Emily, gib mir Status.“ „Herzfrequenz sehr unregelmäßig, Atmung setzte dreimal aus. Augenflimmern. Puls sehr schwach – unter 40, seit einer Minute nicht mehr ansprechbar!“
Hannes jagte mit 203 km/h aus der Stadt raus.
Das PRT kam in Sichtweite.
Noch 1 Kilometer. Die Tachonadel zeigte 215 km/h an. 400 Meter vor den Barrieren zum Camp bremste er auf 100 km/ h ab. 50 Meter waren es noch bis zu den Barrieren. Hannes steuerte dreimal so schnell wie üblich auf die 3 Meter hohen und 2 Meter breiten Betonwände zu. Wenige Zentimeter waren links, rechts, links zwischen Fahrzeug und Betonwand noch Platz.

Alle Soldaten in Champ waren bei der Einfahrt weit genug weg und in Sicherheit. Auf dem Gelände sah er rechts hinter den Wohncontainer schon zwei Ärzte vor dem Hospital stehen.
Der Wagen stand noch nicht, da hatte Emily schon die Tür auf. Packte das Kind und rannte mit den Kollegen in das PRT-Hospital. Hannes hörte noch, was Emily den Ärzten über den Status von dem Kind sagte.


Auf der kleinen Intensivstation lag ein Körper von einem, vielleicht, 13-jährigen Kind, der so schmal und zierlich war, als sei er von einem 8-jährigen Mädchen. Viele Geräte blinkten, piepsten oder zeigten das sie an waren. Mehrere Infusionen hingen an zwei Ständer neben dem Bett.

Emily kam ins Zimmer uns schaute in die Runde „Noch sehr kritisch…“ sie schluckte ihre Tränen herunter „…wenn sie diese Nacht überlebt, hat sie gute Chancen.“
„Was ist mit ihrem Gehirn?“ „Hannes, ich weiß es nicht. Auf der Fahrt hierhin, hatte sie zeitweise nicht selbst geatmet. Durch sofortiges Handeln mit Sauerstoff, könnte ich ein Hirnschaden ausschließlich – wohlgemerkt: könnte! Ich weiß es aber nicht! Lass uns bis morgen abwarten. Wir alle haben getan was nur möglich war.“
„Danke mein Engel.“


Geschlossen ging am Abend das Team zum Camp-Hospital, Major Roger Juarez ging auch mit. Roger hatte eine Bibel dabei.
Die Sanitäts-Soldaten grüßte Roger, als er mit der Gruppe ins Hospital kam.
Emily ließ sich von Arzt den aktuellen Befund geben. Sie kontrollierte die Geräte am Bett, fühlte den Puls, schaute dem Kind in die Augen, drückte und fühlte am Brustkorb, Arme und Beine.
Wortlos sah Roger zu Hannes und Nila. Die Tochter von Roger konnte im gleichen Alter sein wie dieses Mädchen. Noch wusste niemand ihren Namen, ihr Alter und wo sie herkam.
Marcel legte ein Stofftier, eine Tigerente,  zwischen den Kopf und ihren linken Arm. Marcel hielt ihre Hand fest und streichelte ihren Kopf – das war eine große Geste.

Roger las aus der Bibel im Matthäusevangelium. Schweigsam hörte jeder der Predigt von Roger zu.
Nach einer Stunde konnte Hannes nicht mehr. Er konnte nicht weiter auf diesen so stark geschwächten Körper schauen.

Nila ging mit Hannes an diesem Abend noch einmal ins Camp-Hospital. Marcel und Sabine saßen bei dem Kind. Marcel hielt die kleine Hand fest und streichelte es immer wieder. „Und?“ Fragte Hannes und sah zu Sabine. „Ihr Herzrhythmus normalisiert sich langsam. Nun hat sie schon die fünfte Infusion. Wenn Marcel sie los lässt, verändert sich ihr Herzrhythmus. Sie spürte, dass jemand da ist. Ich bleibe hier bei Marcel.“
Nila sprach auf Paschto mit dem Kind, in der Hoffnung, dass es noch keinen kognitiven Hirnschaden hatte. Hannes konnte nichts mehr tun, als nur noch zu hoffen und warten.
„Sabine, ruf mich an, wenn du es für nötig hältst.“ „Natürlich. Versuch zu schlafen. Hannes, du hast alles getan was du konntest. Mir ist bekannt, wie schnell du gefahren bist und das die Soldaten dir den Weg frei gemacht haben. Mehr ging nicht! Warte bis morgen. Roger war kurz vor euch hier gewesen.“

Dienstag, 22. März 2007
Kurz vor 6 Uhr klingelte sein Handy. Wie von einer Tarantel gestochen sprang Hannes aus dem Bett.
„Ich höre…“ Sabine rief an, sie sagte, dass das Mädchen die Augen geöffnet hat. „Ich bin in zwei Minuten da.“

Hannes stürmte aus der Tür seiner Unterkunft und  rannte zum Hospital. Er rannte so schnell er konnte. Edwin Moses hätte neben ihm alt ausgesehen.
Er riss die Tür vom Hospital auf, stürmte an drei verdutzt schauenden Soldaten vorbei und war in exakt zwei Minuten bei Sabine im Krankenzimmer.
Mit hochgezogenen Augenbrauen sah sie ihn an.

Hannes ging langsam ans Krankenbett. Das Kind sah ihn an. Es konnte noch nicht sprechen. Auf Paschto fragte er, wie es ihr geht. Ihre Augen bewegten sich. Ihm kamen die Tränen.
Nila kam ins Krankenzimmer „Wie guad, dess du wenigschdens Underhosa an haddeschd.“ Sie reichte ihm ein T-Shirt und Hosen. Sabine und Marcel grinsten sich an.
„Wie war die Nacht mit ihr?“ Fragte er Marcel. „Könnte ich dich auch fragen.“ Sabine grinste breit und knuffte Marcel in die Rippen. „Ab zwei Uhr ging das EKG so langsam in den grünen Bereich. Bis jetzt hat sie die siebte Infusion. Ihr Puls kommt langsam höher – ist jetzt bei 52. Jede halbe Stunde wurde es einen Schlag mehr.  Die Blutzirkulation ist im Aufbau. Ich merke es an ihren Finger und Zehen. Ich würde auf jeden Fall noch weitere Elektrolytlösungen geben.“ „Danke, Marcel.“

Nila sprach auf Paschto mit ihr, langsam bewegte das Kind seinen Kopf. Sie schaute zu Marcel und nickte leicht. Marcel drückte ihre Hand etwas fester und ihm kamen die Tränen. Wie hatte sich dieser Mann verändert. Hannes war sehr stolz auf seinen Freund. Er stellte sich hinter Marcel und legte ihm die Hand auf die Schulter „Je suis très fier de toi. Mon Ami.“ „Ich habe dir zu danken. Du hast mich verändert“, sagte der wohl beste Scharfschütze und Bodyguard auf diesem Planeten zu ihm.

Nila sprach mit dem Kind und sagte ihr wo es jetzt sei, wie die letzten 17 Stunden waren und das es keine Angst haben muss. Nila versprach ihm, dass es nie wieder zu seinem Mann zurückkehren wird.  Ein leichtes Lächeln huschte über das Gesicht von dem Kind.

Ein Ordonnanzoffizier brachte Frühstück für die vier ins Krankenzimmer.
Nila redete und redete mit dem Kind. Je mehr sie sprach umso mehr veränderte sich die Gesichtsfarbe von dem Mädchen. Leben kam zurück in diesen geschundenen Körper. Gott sei dankt.

Im Camp-Hospital saß Hannes links neben dem Bett bei dem Mädchen. Ein Gerät wurde schon ausgeschaltet. Es ging aufwärts.
Hannes gab Nila die drei Kinderbücher und sagte ihr, sie solle dem Kind die Fotos in den Büchern zeigen. Hoffentlich erkannte es die Bilder, die dort abgebildet waren.
„Woher haschd du diese Bücher?“
„Soldaten haben nicht nur Schokolade auf Patrouillenfahrten dabei – auch Bücher, Malbücher, Buntstifte und Spielzeug. Deeskalierende Maßnahmen nennt man so etwas. Ich hoffe bei Gott, dass es einen Ball oder Hund erkennt.“
Nila schlug das Vorschulbuch mit gemalten Bilder auf. Es waren Symbole die jeder kennt: Haus, Baum, Ball, Kamel, Hund, Katze, Maus…

Hannes beobachtete das Kind – seine Augen, Gesicht und Gestik. Musste das Kind bei solchen Symbolen zu lange denken, erkennt es Farben oder lag schon ein hypoxischer Hirnschaden vor? Das Mädchen sah ihn an und er hielt die kleine Hand fest. Ihre Augen bewegten sich zu Nila, dann zu ihm und wieder zu Nila. Sie wollte etwas sagen. Was aus ihrem Mund kam, konnte Nila nicht verstehen. Nila fragte, ob es die Worte wiederholen könnte – gleiches Resultat.
„Nila, lass gut sein. Durch die Intubation von gestern, ist ihr Kehlkopf geschwollen. Es soll einfach nur nicken, ob es die Symbole kennt.“
Das kleine Mädchen nickte bei den ersten Symbole, die Nila ihr zeigte. Hannes zeigte ihr drei Finger. Es sollte dreimal mit dem Kopf nicken – konnte es. Fünf Finger – konnte es auch. Immerhin konnte das Mädchen zählen.
Nila frag, ob sie ihre Zehen, Beine oder Arme bewegen könnte. Es waren minimale Bewegung zu sehen. Dieses Kind hatte gar keine Kraft mehr.

Ein Sanitäter schloss eine weitere Infusion an. Nila sagte dem Kind, was und wofür dies sei.

Nach 26 Stunden hatte sich der Gesundheitszustand wesentlich verbessert. Nila sprach mit dem Kind und sagte ihm, was Hannes vor einer halben Stunde ihr unterbreitete. Dem Kind kamen die Tränen. Sie konnte reden, wenn auch sehr leise. Ihr Name war Amira. Amira, die Prinzessin. Es wusste auch wie alt es war und woher es kam. Nila schrieb alles auf, was Amira über sich sagen konnte. Hannes strich Amira über den Kopf „Alles wird gut. Versprochen.“

Zurück im Hospital traute er seinem Augen nicht. Amira saß auf ihrem Bett. Nila hielt sie fest – trotzdem konnte sie schon sitzen. Was für ein Fortschritt! Hannes entfernte den Schlauch für die Infusion und die Saugknöpfe vom EKG. 

Er besorgte einen Rollstuhl und fuhr Amira einige Türen weiter ins Bad, damit Nila sie duschen konnte. Der Schweiß, Staub und Dreck der auf ihr war, musste endlich runter.
Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis die beiden aus der Dusche kamen. Jetzt sah er zum ersten mal, wie schön Amira war. Ihre dunklen Augen hatten endlich einen anderen Glanz – nicht mehr so matt, wie noch vor Stunden. Ihr schmales Gesicht mit dem etwas vorstehenden Kinn, sah so wunderschön aus. Ihre Wangenknochen standen extrem raus. Mit der Gewichtszunahme würde dies in der nächsten Zeit sich auch ändern.

Noch war Amira nur Haut und Knochen, und selbst die kleinste Größe an Kleider, die Hannes in der Kleiderkammer vom PRT organisierte, waren ihr zu groß. Immerhin noch besser, als die Lumpen die sie an hatte.
Er fragte einen Arzt, ob Amira das Hospital verlassen könnte. Er wollte ihr das PRT zeigen und vielleicht am Shop eine Coca-Cola trinken. Der Arzt wusste von der medizinischen Notfall-Ausbildung von Hannes und stimmte seinem Wunsch zu.

Mit dem Rollstuhl fuhr er Amira durch das Camp. Sie fuhren zu Roger ins Büro, zur Kantine und er zeigte Amira seine Unterkunft.

Nach der Führung durch das PRT saßen die drei vor dem Camp-Shop. Amira wollte Eis und Schokolade essen. Im Shop war sie von dem Angebot an Süßigkeiten, Essen und Getränken überwältigt. Hannes kaufte ihr Softeis und eine Handvoll Schokoriegel. „Jedzd überdreib mol ned. Es müssa koi 15 Schokoriegle sein“, sagte Nila und verdrehte die Augen bei dem Anblick von einem Berg an Süßigkeiten.

Mittwoch, 23. März 2007

Gleich nach dem Aufstehen gingen sie beide zu Amira ins Hospital. Als Amira beide sah, lachte sie. Sie lachte das erste Mal seit sie im PRT war.

Nila fuhr sie im Rollstuhl nochmals zum duschen. Dieses Mal waren sie schneller zurück.

Dem Diensthabenden Arzt sagte er, dass Amira mit zum Frühstück in die Kantine kommt und danach in die Stadt fahren werde, um Kleider für sie zu kaufen.
Der Arzt zeigte ihm den neusten Befund von den Blutwerten. Die Medikamente, die Amira bekam, zeigten erste Wirkung.
Da er den Arzt nicht sagen konnte, wann sie zurück sein werden, gab der Arzt ihm Medikamente mit und sagte, wann Amira welche nehmen sollte.

Stolz wie ein König schob Hannes den Rollstuhl vom Hospital zur Kantine.
Nila erklärte Amira das Essen, welches sie nicht kannte. Amira wollte Rührei mit Speck, Brot, Marmelade und Erdnussbutter.
Roger setzte sich zu den dreien an den Tisch. Seine Uniform mit all den Abzeichen und Symbole imponierte Amira sehr. Nila erklärte ihr, wer dieser Mann sei.
Der Gesichtsausdruck von Amira veränderte sich, als sie den Umschlag auf dem Tisch liegen sah, den Roger zu Hannes schob. Hannes sah zu Amira und schob den ungeöffneten Umschlag zu ihr. Sie sah ihn erschrocken an. Er nickte ihr zu. Sie sah Nila an und auch sie nickte.
Mit ihren schmalen Finger öffnete Amira den Umschlag. Amira sah fragen auf zu Nila, als sie das Dokument in ihren Händen hielt. Nila erklärte Amira dieses Dokument und um alles weitere würde sie und Hannes sich kümmern. Amira kamen die Tränen. Hannes nahm ihre kleine Hände „Alles wird gut. Wir versprechen es dir!“

Mit dem Rollstuhl fuhr er Amira zum Armoured. Jetzt erst sah er die „Kampfspuren“ von Schotter, Steine und Büsche von den fahrten über die Böschungen an dem 450.000 € teuren Wagen.
Hannes sah Nila und zog die Schultern hoch „Na ja, dafür wurde die Kiste schließlich gebaut.“
Er hob Amira aus dem Rollstuhl in das große Auto. Durch den Befund aus dem  Hospital wusste er, wie schwer – oder leicht, sie war.
Nila setzte sich rechts neben Amira auf die Rückbank und erklärte ihr das Fahrzeug und dessen Sinn. Nun erfuhr Amira auch, welchen Beruf Hannes hatte.

Auf zum shopping

Vom PRT ging es in die Stadt. Sie wollten im Zentrum von Khost in ein großes Kaufhaus fahren. Nila erzählte Amira mit welcher Geschwindigkeit sie vor zweieinhalb Tage über diese Straße gerast seien. Hannes sollte auf die Zahlen am Tachographen zeigen, damit Amira sich dies überhaupt vorstellen konnte.

Auf der Einfahrt zum Parkplatz von dem Shoppingcenter zeigte Hannes seine offizielle Dokumente von der Regierung über seine Person und Status, wie auch seinen Berechtigungsschein zum tragen einer Waffe in allen öffentlichen Gebäuden in Afghanistan. Kontrolliert wurde ein solches Fahrzeug sowieso nicht, denn die Wachmänner wussten, wer mit solchen Autos gefahren wurde. Ihm wurde ein Parkplatz in der Nähe vom Eingang zugewiesen.

Den Wachmänner am Eingang zeigte er wieder seinen Ausweis. Die Wachleute waren immer froh, wenn solche Personenschützer im Gebäude waren, sie kannten deren Ausbildung und Unterstützung im Ernstfall.

Das Shoppingcenter war riesig und es gab auch so gut wie alles zu kaufen. Computer, Laptop, Telefone, Fernseher, Kleider, Lebensmittel, Möbel von und in allen Preisklassen. Nila schien solche Gebäude zu kennen, sie bewegte sich völlig normal vorbei an den vielen Geschäften und deren Ware. Amira war noch nie in so einem Gebäude gewesen. Wer kein Geld oder ordentliche Kleidung hatte, bekam keinen Zutritt.

„Nila, wir sind hier um für Amira und für dich zu kaufen. Was immer ihr wollt – kauft es.“ Sie sah ihn wieder mit diesem – ich möchte nicht betteln Blick an. Er gab ihr 80.000 Afghani – umgerechnet 850 €. „Nimm dieses Geld und kauf! Wenn es nicht reicht, ich habe noch. Nein, keine Diskussion! Für euch beginnt ein neues Leben und dazu gehören auch vernünftige Kleider. Geht zum Friseur, wenn ihr wollt. Du bist jetzt Direktorin, meine schwäbische Schupfnudel.“

Sie gingen an Kleidergeschäfte vorbei, die Mode aus Afghanistan und Europa im Schaufenster hatten.
„Wir sollten zuerst Amira einkleiden, damit sie vernünftig aussieht.“ Hannes nickte Nila bei diesem Vorschlag zu.
In einem Geschäft mit westlicher Mode kauften sie Jeans, Blusen, T-Shirts und Unterwäsche.
Amira kam mit Nila aus der Umkleidekabine. Sie hatte Jeans, ein weißes T-Shirt und eine rote Bluse an. Nila kämmte ihr die Haare. Amira war kaum wieder zu erkennen. Nun war sie wirklich eine Prinzessin! In diesem Geschäft kaufte Nila zwei große Taschen mit Kleider für sie beide. Hannes bezahlte mit der Kreditkarte. „I han do Geld von dir bkomma.“ „Ich weiß. Lass mich nur machen.“

Das nächste war ein Schuhgeschäft. Amira kannte keine Sneaker oder Turnschuhe. Dort wurden fünf Paar Schuhe für sie gekauft. Nila kaufe sich drei Paar, wovon eines schwarze High Heels waren. 
Auf der gegenüberliegenden Seite von dem Technik Shop sah er eine Buchhandlung. Dort gab es sogar Bücher in Englischer, Deutscher und Französischer Sprache. Hannes kaufte ein Dutzend Bücher in der Buchhaltung. Kinderbücher, einen Weltatlas, ein Fotobuch von Europa und ein Buch über Tiere. Mit seinem Einkauf ging er zum Friseur zurück.

Erstaunt sah er auf Nila und Amira und stellte sich die Frage, wann die beiden Friseurinnen endlich mit ihrer Arbeit beginnen würden.
Er legte Amira das Buch über Europa auf den Schoß und zeigte ihr, wo er früher einmal gelebt hatte. Nila sah den Stapel an Bücher und schüttelte den Kopf „Du bisch mordsmäsich verrückt.“

Es wurde Nachmittag und Hannes bekam langsam Hunger. Er fragte Nila, wann denn mit einem Ergebnis des Friseur Besuchs zu rechnen sei. Ihre Antwort war die gleiche, wie vor 10 Minuten, 15 Minuten, 30 Minuten: gleich.
Gleich – war dann doch eine Zeitangabe die ihm sehr missfiel. Er gab Amira ihre Medikamente, setzte sich neben sie und erklärte in dem Europa-Buch die abgebildeten Fotos: Neuschwanstein bei Füssen, der Markusplatz in Venedig, die Sagrada Família in Barcelona, der Buckingham Palace in London, Notre Dame in Paris und noch so vieles mehr.
Amira lachte ihn an, wenn er bei seinen Ausführungen mit den Händen alles  bildlich darstellte.
Bei der Sagrada Família, sagte er ihr den vollständigen Katalanischen Namen: Basílica i Temple Expiatori de la Sagrada Família. Welche Farben die Fenstern hatten. Wie wunderschön die Krypta sei und wie oft er in diesem Gebäude mit Gott gesprochen hatte und das vielleicht in 15 Jahren diese Kirche fertig gebaut wäre.
Amira verstand kein Wort von ihm und trotzdem erzählte er ihr so viel. Immer wieder streichelte er ihr über den Arm oder ihre Wange.

Nila stand neben ihm „Wir sind fertig.“ Er sah sie an und ihm blieb für kurze Zeit die Luft weg. Ihre langen Haare hatte eine bräunliche Farbe – Nuancen Nougat, bekommen und waren jetzt leicht gewellt. Ihr Make-up war dezent und trotzdem auffallend, ihre Wimpern und Augenbrauen wurden gefärbt, das Make-up an ihren Augen war der Hammer. Durch verschiedene Farben, waren ihre kastanienbraunen Augen wie ein Schuss auf den Mond. Sie stand in ihren Blue-Jeans mit einer hellbraun karierten Bluse vor ihm. Sie sah aus wie eine Königin. Er bewegte die Lippen, es kamen aber keine Worte über diese. Sie grinste, kam einen Schritt auf ihn zu und gab ihm einen Kuss.

Bei Amina wurden die Haare bis auf Schulterlänge gekürzt und stufig geschnitten. Auch sie war leicht geschminkt. Durch die Farben sah man nun ihre Wangenknochen nicht mehr so extrem vorstehen. Mit ihren weißen Turnschuhe, Jeans, dem weißen T-Shirt und ihrer offen stehende roten Bluse, sah sie aus wie eine von Millionen Teenager in Europa. Nichts erinnerte an das Mädchen, dass er vor dem Tod rettete, dreckig und in Lumpen auf dem Rücksitz seines Autos lag.
Er gab ihr einen Kuss auf die Stirn und musste sich seine Tränen weg wischen. Sie nahm seine rechte Hand und streichelte diese. Es sah, dass sie nun ordentliche Fingernägel mit einem roten Nagellack hatte. Nila zeigte ihm auch ihre Hände, super schöne Maniküre, der Nagellack war Pfirsich.

In dem Shoppingcenter gab es verschiedene Restaurants. Sie gingen in das teuerste. Nila und Amina wurden wie Königinnen behandelt.
Eine riesige Platte an Essen wurde aufgetischt. Typische Reisgerichte wie, Chalau und Palau. Ein Qorma Eintopf, verschiedene Salate, Essiggemüse, Joghurt und frisches Brot kamen auf den Tisch. Als Getränk gab es Dookh, ein erfrischendes Joghurt-Getränk mit Gurken und Minze.
Amira lernte schnell, sie saß aufrecht am Tisch und konnte sich benehmen. Sie schaute zwar immer wieder zu Nila oder zu den Nachbartische, wie sie sich beim essen verhielten. Für ein Kind, dass bis vor drei Stunden noch nicht einmal die Existenz eines solches Gebäude kannte – lernte Amira sehr schnell.

Nach dem sehr guten Essen gingen sie noch durch das Kaufhaus. Amira hatte so vieles noch nicht gesehen. Sie Fragte Nila, was dies oder jenes sei. Hannes hätte ihr alles gekauft, was sie wollte oder nicht kannte.
An einem Geschäft wurden Fahrräder verkauft. Sie wollte immer ein Fahrrad haben, ihr Vater hätte eines gehabt. Es gab in dem Geschäft viele Modelle vom einfachen Fahrrad über Mountainbike bis hin zu sehr teuren Rennräder.
Amira war von einem Rennrad sehr angetan. Ein 26″ Rad mit etwas breiteren Reifen und konischen Rahmen gefiel ihr sehr gut. Amira hatte Geschmack. Das Rad hatte 24 Gänge, einen breiten leicht gebogenen Lenker. Der Rahmen war leucht-grün mit schwarzen schmalen Streifen. Die Felgen hatten die gleiche Farbe mit schwarzen Streifen in der Felgenausbuchtung. Dieses Rad sah sehr edel aus.
Hannes hob Amira auf den Sattel, noch kam sie mit ihren Füßen nicht auch den Boden. Sie wird aber wachsen.
Nila sah den Preis und sofort begann eine Diskussion. „Nila, nicht der Preis entscheidet, sondern Amira!“
Amira sah Nila an und ihre Augen verloren ihr leuchten. Hannes konnte sich gegen jegliche Diskussion von Nila durchsetzen. Ein Punkt für ihn.

Zurück im PRT-Hospital

Amira sollte immer noch langsam machen. Nila sortierte die neue Kleider ordentlich in den Spind und legte die Bücher auf einen Tisch neben das Bett.
Ein Sanitäter kam ins Zimmer um Amira Blut zu entnehmen. Infusion brauchte sie keine mehr, sie konnte mittlerweile essen. Es war zwar noch nicht viel – aber immerhin.
Amira lag auf dem Bett  Links neben ihr lag
die Tigerente und rechts hielt sie den kleinen Stoffhund fest. Nila fragte sie, wie sie sich fühlte und ob ihr etwas weh tat oder sie sonstige Schmerzen hätte. Amira ging es gut.

Vor dem Hospital stand das grüne Monster-Fahrrad. Dieses Fahrrad war der absolute Hammer. Die Farbe von dem Rahmen konnte man wahrscheinlich vom Mond aus sehen.
Hannes schob das Rad ins Krankenzimmer und wollte es Amira unbedingt vorführen. Also musste ihr Bett von der Wand weg. Er rollte das Bett diagonal in den Raum. Die Stühle stellte er auf den Tisch und schob diesen nach rechts in die Ecke.
Nun fuhr er mit dem Fahrrad im Kreis durch das Krankenzimmer um Amira herum. Sie lachte und freute sich so sehr.

Nichts auf dieser Welt ist schöner, als wenn Kinder lachen. Nach der achten Runde musste er aufhören, ihm wurde schwindelig. Amira und Nila lachten Tränen, als er versuchte vom Rad zu steigen.
Nila hielt ihm am Arm fest. Er legte seine Arme um sie und küsste diese wunderschöne Frau. Amira klatschte. Sofort sah Hannes sie an. Erschrocken schaute Amira zu ihm. „Mach dies noch einmal! Mach es nochmal!“ Amira klatschte wieder in die Hände. „Versuch nun bitte deine Beine zu bewegen.“ Leicht konnte sie ihre Beine anheben.
Es ging voran! Er gab ihr einen Kuss auf die Stirn „Du schaffst das. Alles wird gut, meine Prinzessin.“

Nila setzte sich zu Amira auf das Bett. Sie wollte mit ihr angefangen zu üben, was Amira in der Schule gelernt hatte und was sie konnte. Sie war nur bis zum Ende der Grundschule in eben jener Schule. Amira konnte rechnen, schreiben und auch lesen.
9Mit Nila als Lehrerin, konnte für Amira etwas in Erfüllung gehen, wo von Millionen Kinder in Afghanistan träumten.

Sein Handy klingelte – es war Samira. Sie wollte mit Nila wegen der Schule reden. Hannes gab das Telefon weiter.
Er sah in den Augen von Amira, dass sie dem Telefongespräch folgte. Noch wusste sie nicht, was ihre zukünftige Mutter für einen Beruf hatte und in welcher Position sie war.

Das Gespräch zwischen Nila und Samira ging sehr lange.
Hannes wollte sich um die neusten Blutwerte von Amira erkundigen.
Ihre Werte wurden immer besser. In zwei Tagen könnte sie das Krankenhaus verlassen.

Zurück im Zimmer, telefonierte Nila immer noch. Amira hatte sich in der Zwischenzeit ein Buch vom Tisch genommen und blättere darin. Es war das Fotobuch von Europa. Sie zeigte auf verschiedene Fotos und Hannes sollte ihr sagen, was dies für ein Gebäude oder jene für Landschaft sei.

Sie lachte, wenn er mit seinen Händen ihr diese Fotos erklärte. Beim Foto vom Ätna erklärte er, dass dies ein Vulkan sei und dieser 3300 Meter hoch ist und die Berge von Khost in Richtung Osten, doppelt so hoch seien. Bei der Darstellung mir seinen Händen von einem Vulkanausbruch mit Feuer und Lava, mussten Amira wieder lachen. Er sah zu Nila, die immer noch am Telefon war, dass sie ihn beobachtete und grinste.
Beim Atomium in Brüssel wurde es doch etwas schwieriger. Wie sollte er einen chemisch nicht weiter teilbaren Baustein der Materie beschreiben? Marie Sklodowska Curie könnte dies ganz locker.
Sie kamen auf die Seiten der Flüsse. Dort konnte er ihr wieder vieles bildlich darstellen: Rhein, Donau, Themse, Bosporus oder Seine. Bei dem Bild von der Seine in Paris kamen ihm die Tränen. Amira wusste nicht was sie falsch gemacht hatte.
„Du hast nichts falsch gemacht, mein Engel. Es sind die Erinnerungen.“ Nila hörte kurz auf zu telefonieren und sagte etwas auf Paschto zu Amira, sie nickte und blättere weite.
Es kam das Kapitel mit den Landschaften. Die Lofoten in Norwegen. Hannes erzählte ihr, dass diese als die schönste Inselgruppe der Welt gelten. Der Geirangerfjord in Norwegen, Umbrien in Italien oder die La Mancha in Spanien. Hannes erzählte ihr von dem Ritter Don Quijote und seinem weltklugen Knappen Sancho Panza. Amira lachte wieder, als er ihr aus diesem Weltklassiker von Miguel de Cervantes die Abenteuer von Don Quijote darstellte.

Nila hatte nach einer gefühlten Ewigkeit das Telefongespräch beendet.
Es wurde Zeit zum Abendessen. Amira wollte mit dem Fahrrad zur Kantine fahren.
„Also gut, versuchen wir es.“
Vor dem Hospital setzte Hannes Amira vorsichtig auf das Fahrrad. Nila stützte sie rechts, er links. Durch den Freilauf der Pedale, musste Amira ihre Beine nicht bewegen. Mit den Händen an der Lenkstange schoben sie Amira über den Platz vom PRT. Da sie keinen Rollstuhl dabei hatten, probierte Amira zu gehen.

Hannes hielt sie links am Arm fest und Nila rechst. Einen Schritt ging sie nach vorne. Der zweite Schritt. Sie taumelte bei jedem Schritt – wollte aber weiter gehen. Eine Soldatin hielt ihnen die Tür zur Kantine auf. Als sie drei Meter in dem Raum waren, fingen Soldaten an zu klatschen. Erst nur eine Handvoll, es wurde bei jedem Schritt mehr. Irgendwann standen alle Soldaten von ihrenTischen auf und klatschen, pfiffen und jubelten Amira zu. Dies sind Momente die immer im Herzen bleiben. Diese Anteilnahme von unbekannten Menschen war unglaublich.

Auf dem Rückweg versuchte sie in die Pedale zu treten. Dies war dann doch etwas viel für sie. Umstehende Soldaten feuerten sie an. Sie versuchte es noch einmal. Eine Runde schaffte sie schon. Es wurde geklatscht und gejubelt. Eine ganze Traube an Menschen begleitete sie zum Hospital. Hannes merkte, dass Amira auf dem Fahrrad immer sicherer wurde und ließ sie los. Er ging ein paar Zentimeter vor sie und klatsche ihr zu. Die letzten Zehn Meter fuhr sie alleine!

Amira ging an der Hand von Nila Schritt für Schritt in ihr Zimmer ins Hospital. Überglücklich nahm er Amira in die Arme und drehte sich mit ihr dreimal um die eigene Achse.

Um 6.30 Uhr war er im Krankenzimmer.

Amira schlief mit ihren zwei Stofftiere im Arm. Sie sah so anders aus – so friedlich und wunderschön. In den letzten Tagen fiel so vieles von ihr ab. Sie brauchte keine Angst mehr vor einem Mann zu haben und fand Vertrauen zu Menschen. Sie fing an zu leben und zu lachen.
Hannes stand an ihrem Bett und die Wut über ihren Ehemann kam in ihm hoch „Sag mir, wer dir dieses Leid angetan hat und ich schlage ihm den Schädel ein.“

Er sah, wie sie atmete, wir ihre schmale Brust sich hebte und senkte. War sie bald seine Tochter? Würde sie dies überhaupt wollen? Er dachte an ihren Patenonkel. Ein eiskalter Killer auf ihrer Geburtstagsfeier, der den Kindern zeigt, wie man mit einem Luftgewehr auf Dosen oder Luftballons schießt. Er stellte sich sein Team bei einer Schulabschlussfeier vor. Eine Ärztin die ihr bei 150 km/h über eine Sandpiste das Leben rettete. Ein Bodyguard der ihr das Auto reparierte, ein Scharfschütze der ihr jedes elektronische Geräte so installierte, dass sie den Funkkontakt der ISS abhören könnte.
„Prinzessin, du hättest die besten Menschen dieser Welt um dich!“
Sie öffnete ihr Augen. Als sie ihn sah, lächelte sie. Er beugte zu ihr, streichelte ihr Gesicht und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.

Amira wollte aufstehen und Hannes half ihr aus dem Bett. Sie konnte nun alleine stehen. Er führte sie zur Toilette. Schritt für Schritt ging es für sie immer besser. Kurz vor der Tür ließ er sie los. Sie schaffte drei Schritte alleine, drehte sich um und lächelte ihn an.

Bis zur Dusche wollte er sich nicht alleine gehen lassen, lies sie aber auf dem Weg dorthin immer wieder los. Es wurden immer mehr Schritte und ihr Gang wurde sicherer.

In der Zeit, die Amira duschte, las er ihren letzten Befund und schüttelte den Kopf. Ein Kind das Haarscharf vor dem Tod stand und nun einen solchen positiven Bericht. Wenn sie gestorben wäre, hätte er sich wahrscheinlich bei Svea vergessen. Sie hatte für ihr Fehlverhalten eine saftige Abmahnung bekommen und nun war Nila die Chefin. Ihr Gehalt lag dreimal höher, als das vom Polizeichef in Gardez! Wo wird die Karriere von Nila enden? Mit ihrer jetzigen Position, Gedanken und Mut könnte sie in die Politik gehen.

Mit dem Rennrad fuhr Amira langsam zur den Wohncontainer. Nila lag noch im Bett, als beide in den Raum traten. Amira wusste nicht, was sie nun tun sollte. Hannes nahm ihre Hand und führte sie ins Zimmer und ging ans Bett. Er kniete sich, strich Nila die Haare aus dem Gesicht und küsste sie liebevoll wach. Amira sah eine solche Situation bestimmt das erste mal in ihrem Leben. Nila öffnete ihre Augen, streckte sich und legte ihre Arme um seinen Hals. Sie zog ihn zu sich und küsste ihn. Sie drehte den Kopf zu Amira und lächelte ihr zu „So ist Liebe zwischen Mann und Frau.“ 
Nila stand auf und ging zu Amira „Guten Morgen, mein Engel“ und gab ihr einen Kuss.

Gemeinsam gingen sie Frühstücken.
Amira fuhr mit dem Rennrad ganz alleine bis zur Kantine. Die Soldaten auf dem Platz klatschen ihr wieder zu.
Am Frühstückstisch kam Roger zu ihnen. Er war sichtlich gerührt über diese unglaubliche Veränderungen von Amira. Die Haare, Kleider und vor allem ihr Gesundheitszustand.
Nach dem Frühstück fuhr Amira mit dem Rennrad langsam los. Hannes beschleunigte seinen Schritt und zeigte ihr, wo sie hin lenken sollte. Das bremsen war noch nicht ihr Ding. Hannes drückte ihr im schnellen Schritt leicht die Hand zu. Nun wurde das Fahrrad langsamer. Er erklärte ihr wie sie bremste und welche der beiden Bremsen für welches Rad sei.
Er half ihr vor dem großen Zelt der Instandsetzung vom Rad, nahm ihre Hand und ging mit ihr an den Militär Fahrzeugen vorbei, die im Zelte standen. Hinten links in einer Ecke stand das andere Monster-Fahrrad. Sie schaute ihn mit einem fragenden Blick an. „Das ist Mama ihr Rad.“
Nila kam zu ihnen und sah das zweite Rennrad „Du bisch scho verrückt!“ „Du brauchst doch auch ein Fahrrad.“ Er stieg auf das orange-blaue Rennrad und fuhr an den beiden vorbei zum Ausgang von der Instandsetzung.
„Komm Amira, wir fahren ein Rennen.“
Das Rad war schon sein Geld wert. Alles ging leicht und schnell. Die Übersetzung der Gangschaltung war sehr gut und schnell abgestimmt. Trotz den breiten Reifen fuhr sich dieses Rad sehr leicht. Es war hervorragend ausbalanciert. Das Rennrad war eine richtige Rennmaschine, so wie diese auch im Profisport eingesetzt werden – nur eben nicht mit diesen breiten Reifen.
Hannes war am Ende von Camp angelangt, drehte und fuhr Amira entgegen. Gemeinsam fuhren sie langsam durch das Camp. An den Wachtürmen vorbei, rüber zu den Wohncontainer, runter zur Kantine, auf den nächsten Wachturm zu und einmal quer über den Platz zur Instandsetzung zurück. Ein Sergeant schwenkte die Zielflagge. Großer Applaus von den Streckenzuschauer. Tour de France im PRT

Hannes hatte Angst, dass sich Amira überanstrengte, er wollte sicherheitshalber ein EKG bei ihr machen lassen.
Das Ergebnis von dem EKG war äußerst zufriedenstellend. Morgen würden sie nach Hause fahren.
Amira wollte nochmal eine Runde mit dem Rennrad fahren.
Eineinhalb Stunden fuhren beide kreuz und quer durch das Camp. Amira hat sehr viel Spaß, wenn einige Soldaten neben ihr her liefen und sie anfeuerten.

Die Rennräder standen an der Wand vom Camp-Shop. Im Schatten saßen die drei bei Coca-Cola und Softeis. Hannes zeigte Amira auf seinem Laptop, was die Tour de France war. Nun verstand sie auch warum die Männer und Frauen sie so anspornten.

Sie konnte gar nicht genug bekommen. Immer wieder wollte sie rauf aufs Rad und noch eine Runde fahren. Hannes ließ sie nun alleine fahren. „Hast du keine Angst, dass sie vom Fahrrad fällt?“ „Nein. Hier sind 300 Soldaten in ihrer Nähe. Schau sie dir doch an, was die alle für ein Spaß haben. Glaub mir, hier ist für Amira zur Zeit der sicherste Ort in ihrem Leben.“

Samstag, 24. März

Amira schlief noch. Sie hatte ihren Kopf auf einem Stofftier liegen. Sie schlief so friedlich.
Nila packte ihre neuen Kleider aus dem Schrank und legte die Kleider für den heutigen Tag parat. Amira wurde wach und sah beide an, sie lächelte.
„Guten Morgen meine Prinzessin.“ Hannes gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Nila sagte ihr, dass sie heute das Hospital verlassen würde und wie der Tag geplant sei.

In der Zeit, die Amira sich duschte und anzog, ließ Hannes sich von dem Oberarzt ihre Akte geben. In nur einer Woche hatte diese an dicke ganz schön zugenommen. Bis auf eine Kopie von dem ersten Schreiben – am Tag ihrer Einlieferung, blieb von Amira nichts zurück. Alles was in der Akte über Amira stand, ist ab jetzt geheim und wird bei Hannes in den Safe kommen.

Da Amira quasi Namenlos verstarb, genügten wenige Angaben über ihre Person für die örtlichen Behörden.

Nun ging es Gemeinsam zum frühstücken in die Kantine. Amira war gekleidet wie jeder Teenager in Europa: Sneakers, Jeans, weißes Top und darüber das graue ARMY T-Shirt. Dies war ihr viel zu groß. Nila machte links am Bund einen Knoten hinein und zog es ihr recht über die Schulter. Amira sah richtig sexy aus.

Cee saß mit anderen Soldaten beim Frühstück und die drei setzten sich zur Gruppe dazu. Es war ein gutes Gefühl, in mitten all den Soldaten so aufgenommen worden zu sein. In dieser einen Woche waren sie im Camp bekannt und beliebt. Hannes und Nila hatten viele gute Gespräche mit den Soldaten geführt.

Der Armoured rollte um 9.30 Uhr aus dem PRT in Khost. 130 Kilometer waren es bis nach Gardez.
Der Khost-Gardez-Pass war an seinem Scheitelpunkt erreicht. Nun ging es bis Gardez 1700 Höhenmeter nur noch Bergab. Die Weitsicht in dieser Höhe war unglaublich.
Amira wurde auf der Rückbank nervös –
sie kannte diese Gegend. Nila sprach sofort mit ihr und beruhigte sie.
Nila sah Hannes an und schüttelte gleich den Kopf. Sie wusste was er dachte. Amira fing an zu weinen. Hannes stoppte den Wagen an der Piste und schaute Nila tief in die Augen „Ich kann diesen Alptraum hier und heute beenden. Frag sie, ob sie dies möchte! Wir lassen sie entscheiden. Ich kenne jetzt ihre Heimat. Glaub mir, Marcel oder ich werden diesen Mann finden.“
„Hannes…“ „Nein! Sie entscheidet! Rede mit ihr. Amira hat im Shoppingcenter gesehen, für was ich fähig bin. Ich warte draußen auf ihre Entscheidung.“

Nila kam nach 10 Minuten aus dem Auto und sie schüttelte den Kopf.
Im Auto nahm Amira die Hände von Hannes. Sie würde ihr lebenlang nicht vergessen, was er bereit war für sie zu tun. Sie möchte nicht, dass er wegen ihr einen Menschen tötet. „Okay Prinzessin, ich akzeptiere deine Entscheidung.“

Gardez. Im Büro von Nila

Hannes wollte gerne noch etwas diesen sieben Frauen sagen, Nila sollte es übersetzten. „Ihr sieben Frauen werdet ein Teil von etwas sein, dass es in Afghanistan noch nicht gibt. Ihr werdet an eure persönlichen Grenzen kommen. Wachst aber darüber hinaus, wenn ihr seht welchen Erfolg eure Arbeit hat. In Kambodscha konnten wir ganze Dörfer von einer Mitarbeit für Nachhaltigkeit überzeugen. Ihr seid sieben Frauen und werdet es schaffen. Nila ist die Direktorin von einem Projekt das es de facto noch gar nicht gibt, aber schon jetzt auf drei Kontinenten bekannt gemacht wird.“

Als Nila fertig übersetzt hatte, dauerte es einen Moment bis die Worte wirkten. Samira und Anisia waren die ersten die nickten. Plötzlich kamen Vorschläge was man wie verbessern oder ausprobieren könnte. Hannes gab Nila eine Kuss „Dein Team wächst zusammen.“
Amira verfolgte dies alles aus der Ecke von dem Büro ihrer zukünftigen Mutter mit voller Konzentration. Hannes dachte, dass sie es jetzt verstanden hatte, wie sich ihr neues Leben verändern kann. Es wäre kein Schritt in ein neues Leben – es wäre ein Quantensprung!

Bei Nila zu Hause half Samira die Kleider und Schuhe von Amira einzuordnen. Samira kannte das Geheimnis von Amira und würde auch als Anwältin zur Verfügung stehen, um dieses Vorhaben zu vollenden.
Gemeinsam stellte man noch ein paar Möbel im Wohnzimmer um. Amira würde ein eigenes kleines Zimmer bekommen. Die Frauen machten schon Pläne, wie sie dies bewerkstelligen könnten.

Hannes baute die zwei Fahrräder zusammen und fuhr mit Amira durch die Stadt. Mit der Beschusshemenden Weste unter seinem Hemd, kam er schnell an seine Grenze, was die Atemluft anbelangte. Er hatte sich bei einer Höhe von 2300 Meter ganz schön vertan.
Amira und Hannes fielen mit den beiden Raketenfahrräder im Stadtbild von Gardez auf, wie Pinguine am Nordpol. Zum einen kosteten die zwei Fahrräder mehr Geld, als die Menschen in einem Straßenzug an Monatslohn zur Verfügung hatten und zum anderen waren es die Komplementären Farben der Räder. Wenigstens etwas Farbe in dieser Stadt dachte er, wenn sich die Leute nach ihnen umdrehten.

Hannes wollte zu Shabnam fahren um mit ihr zu reden, über das was mit Nila und Samira besprochen wurde.

Bei Shabnam ließ er sich auf einen Plastikstuhl fallen und wollte nur noch sterben! Er kam sich vor, als ob er mit einem Klapprad den Col du Galibier hochgefahren sei. Obwohl dieser Berg noch 200 Meter niedriger war als Gardez. Hannes zählte sich nun zur Elite des Radrennsports – auch wenn er nur 8 Kilometer durch Gardez gefahren war.

Amira sah ihn sehr besorgt an. Keuchend und nach Luft ringend, sagte er zu ihr „Tour de France.“ Sie lachte.

Shabnam fragte und fragte. Irgendwann war wieder genug Luft in der Lunge um auch endlich zu antworten. Er sagte ihr, was er mit ihr vor hätte und ob sie dem zustimmen würde. Natürlich würde sie dies machen wollen. Der zweite Punkt war Amira. Shabnam sollte schon die Wahrheit kennen. „Du bist ein guter Mensch.“

Shabnam erzählte Amira von den Begegnungen mit Hannes und dessen Team im Februar und was diese fremden Menschen ihr Gutes taten. Amira nahm die Hände von Hannes und sah ihn lange an „Du bist für mich der beste Mann auf der Welt.“ Er gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Lass uns zurück zu deiner Mutter fahren.“ Als Shabnam ihr dies übersetze, lächelte Amira und nickte.

Endlich war das Etappenziel erreicht. Nila und Samira sahen sich fragend an, als er bei ihr zu Hause auf dem dicken Teppich der Länge nach lag und nach Luft rang.
Diese dünne Bergluft war für seine sportlichen Höchstleistungen ein ungleicher Gegner.
Amira erzählte, dass sie bei Shabnam waren. Sie erzählte und erzählte. So viel hatte Shabnam doch gar nicht gesagt – sehr kurios!

Nila musste ihm helfen seine Beschusshemende Weste auszuziehen. Sport am Limit fordert nun mal sein Tribut. Er legte die Waffe auf den Tisch und ging duschen.
Duschen war gut, auch wenn das Wasser nur lauwarm war. Nila war schon viel von Deutschland gewöhnt. Sie hatte so vieles, von dem viele Menschen in Afghanistan nur träumen konnten. Ein Wasserboiler, Waschmaschine, Gasheizung, Möbel und so vieles mehr.

Nach dem duschen wollten die Frauen essen gehen. Nila und Samira verstanden sich wirklich sehr gut. Es freute ihn, dass bei ihnen so viel passte.
Hannes war von seiner sportlichen Höchstleistung im Profiradsport dermaßen geschafft, er wollte eigentlich nur noch auf die Couch. Die Frauen wollen in ein Restaurant. Also gut, fuhren sie in ein Restaurant in der Stadt.

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Über Amira Khalil

Mein Name ist Amira, ich bin 1995 in Afghanistan geboren und seit 2016 lebe und arbeite ich in Den Haag für eine Organisation die sich um Flüchtlingskinder, Migranten und Kinder aus Sozialschwachen Familien kümmert. Ich habe in den Niederlanden eine Ausbildung als Erzieherin gemacht  und bin in meinen Beruf sehr glücklich. Zum einen habe ich sehr viele Freiheiten bei dem wie ich Unterricht gestalte oder mich in unserm psychologischen Team einbringe. Auch kann ich in mehreren Schichten arbeiten und habe so andere Aufgaben bei der Nachtschicht. Wenn die Kinder Nachts Alpträume bekommen, ist die etwas völlig anderes als wenn ich am Vormittag das Alphabet lerne. Meine Aufgaben in der Einrichtung sind sehr vielseitig. So betreue und lernen ich die Kinder die Sprache. Auch kann ich mich therapeutisch und psychologisch einbringen. So leite ich einen Photoworkshop und bin mit einer Gruppe von Kindern und Jugendlichen in vielen Orten und Regionen der Niederlande unterwegs. Durch oder wegen der Flucht der Kinder haben sie viele Traumata die wir in einem Team aus Erziehern, Lehrer und Psychologen aufarbeiten. Meine Mutter hatte bis zum 16. August (an dem Tag hat das Militär vor der Taliban kapituliert) in Afghanistan eine Mädchenschule und sechs eigene Frauenhäuser für zwangsverheiratete und misshandelte Mädchen. Seit April 2020 ist sie die Leiterin unsere Einrichtung und somit auch meine Chefin - was nicht immer von Vorteil ist. Da auch ich einen eigenen Wille habe, rasseln wir beide hin und wieder schon mal zusammen. Nila wurde 2007 meine Mutter und ich kann mir keinen besseren Menschen als Mama wünschen. Ob meine leiblichen Eltern noch leben, ist mir ziemlich egal. Sie hatten mich mit 10 Jahren verheiratet und ich erlitt zwei Jahre die Hölle in dieser "Ehe". Ich bin damals mit letzter Kraft weggelaufen und mir war klar, dass es meine Freiheit oder mein Tod werden könnte. Nach den offiziellen Unterlagen stab ich im März 2007. Diesen Schritt musste Nila (und ein paar andere Mensch) gehen, damit ich leben konnte. Mir wurde ab 2007 mit der Arbeit, Engagement und Weitblick, vieles mit auf den Weg gegeben. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Im August 2016 wurde meine Mama zur direkten Zielscheibe der Taliban und hätte sie keinen Bodyguard und gepanzertes Auto gehabt, wäre ich Vollwaise. Drei Tage nach diesem Anschlag sind wir im Stuttgart bei meinen Großeltern (ist ja auch nicht wahr) gelandet.  Einen Tag später war ich in den Niederlanden. Wir sind eine nicht verwandte Familie und trotzdem sind wir diese. Mein Opa und Oma sind die liebsten Menschen auf dieser Welt und seit März 2020 leben sie auch in den Niederlanden. Bildung ist für mich sehr wichtig, denn nur mit Bildung können wir diese Welt verbessern / verändern. Bildung ist der Schlüssel um aus Armut und Abhängigkeit zu kommen. Die Spirale der Armut und Analphabetismus geht im 21. Jahrhundert weiter nach unten und führt somit zu immer größeren Konflikten. Um nun Irritationen entgegenzuwirken, warum ich so gut Deutsch kann, möchte ich dies noch erklären. Nila lebte 15 Jahre in Deutschland und so wurde ich von ihr in / auf deutsch unterrichtet. Durch die Arbeit von meiner Mutter und deren Freundinnen / Kolleginnen lernte ich auch in frühen Jahren schon Englisch. Groeten uit het mooie Den Haag Amira

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