Der Alltägliche Rassismus

Ich möchte nun meine Erlebnisse zum Alltäglichen Rassismus schreiben.

Am 2. November sprach ich mit Jolien van de Wiel, sie ist seit dem 13. August die Therapeutin von Lenara. Jolien ist so alt wie ich und durch die noch vielen Operationen bei Lenara werden wir die nächsten Jahre oft zusammen sein. Ich mag Jolien und wir beide sind in kurzer Zeit gute Freundinnen geworden.

Autorin Nila Khalil

Wir kamen am 2. November auf die Präsidentenwahl in den USA zusprechen und den Rassismus den der noch amtierenden 45. Präsident der USA so gerne befeuert.
Nun, ich bin eine afghanin mit einem deutschen Pass und lebe in den Niederlanden. Rassismus erlebe ich an meiner Person kaum noch. Dies liegt vielleicht daran, dass ich als deutsche angesehen werde. Ich frage auch nicht nach. Rassismus erlebe ich aber an meinen Kindern, also die von der Kinder- und Jugendeinrichtung, fast täglich. Die Blicke einiger Menschen sagen mehr als tausend Worte.
Wenn ich mit einem oder mehreren Kindern aus Eritrea in die Stadt oder wo hin auch immer gehe, sehe ich die Blicke der Leute. Es ist die Hautfarbe die offensichtlich die Menschen stört. Wir haben auch muslimische Kinder in unserer Einrichtung und wenn Jugendliche Mädchen ein Hijab tragen, ist dies ihr gutes Recht. Ich / wir schreiben den Kinder keine Religion vor.

Nun zu einem Erlebnis, dass zeigt wie sehr der Rassismus in den Köpfen vieler Menschen ist – ob nun gewollt oder ungewollt.
Vor zwei Wochen war ich mit meiner Tochter Amira und Teline, eine Mitarbeiterin von mir, in einem Café in Delft. Teline ist seit 27 Jahren in den Niederlande. Auch sie kam als Flüchtlingskind aus Afghanistan und hat fast gleiche Fluchtgeschichte wie ich. Teline ist drei Jahre älter als ich und könnte meine Schwester sein – im Geiste sind wir es auch.
Seit 13 Jahren ist sie bei Erik de Joost in der Einrichtung für den Beriebsablauf und Dolmetscherin tätig. Ich kenne Teline seit ihrem ersten Tag in der Einrichtung.
Unsere Zusammenarbeit war in all den Jahren sehr kollegial und freundlich. Sie arbeitete in den Niederlanden und ich in Afghanistan. Seit dem 1. April 2020 bin ich ihre Chefin, was unserer Freundschaft kein Hindernis darstellt.
Wir drei saßen also in dem Café bei Kaffee und Kuchen. Wir sprachen in paschtu über belangloses. Durch Corona hat man in den Cafés und Restaurants einen großen Abstand zu den anderen Besucher. Körperliche Distanz nennt man dies. Für Ohren gilt dies nicht! Zwei Tische neben uns saßen zwei ältere Damen und ich merkte, dass deren Ohren immer länger wurden und beide über uns sprachen. Wir drei können ja auch niederländisch und sprachen auf paschtu über jenes, was beide älteren Damen über uns so erzählen.
Es kamen dann die Sprüche wie immer: Islam, Ausländer, Schmarotzer….. das übliche eben.
Woher die beiden älteren Damen auf die Religion kamen, erklärte sich uns nicht. Keine von uns trug ein Hijab und keine hat den muslimischen Glauben. Das wir „Ausländer“ sind, ist in vielleicht durch die Hautfarbe zu erkennen, mehr auch nicht. Teline hat einen niederländischen Pass, Amira die niederländische Daueraufenthaltsgenemigung und ich einen deutschen Pass. Schmarotzer konnten wir uns beim besten Willen nicht erklären, denn wir waren vernünftig gekleidet.
Teline sah uns beide an, nahm tief Luft und rollte mit den Augen.  Sie fing an auf niederländisch zu sprechen und dies extra etwas lauter. Ich sagte ihr, „lass gut sein. Lass die Damen in ihrem Glauben.“ Teline schüttelte den Kopf. „Nee Nila, ik laat het niet goed zijn. Ik ben een burger van dit land. (Nein Nila, ich lasse es nicht gut sein. Ich bin eine Bürgerin dieses Landes.) Teline dreht sich zu den beiden Damen und sprach diese offen an, warum sie auf diese Haarsträubende Meinung über uns kommen würde. „Kijk naar ons! Lijken we op parasieten? Lijken we op moslims? Alleen omdat we in een andere taal spreken, wil nog niet zeggen dat we zijn wat u wilt dat we zijn. We werken met z’n drieën in Nederland en we betalen onze belasting en je pensioen.“ (Schauen Sie uns an! Sehen wir wie Schmarotzer aus? Sehen wir wie Muslime aus? Nur weil wir uns in einer anderen Sprache unterhalten,  sind wir nicht das, was Sie gerne hätten. Wir drei arbeiten in den Niederlanden und wir bezahlen unsere Steuern und Ihre Rente.)
Völlig konsterniert sahen uns die beiden älteren Damen an und bekamen einen hoch roten Kopf.

Nun eine Geschichte, die schon sehr lange zurück liegt und trotzdem noch im Kopf ist.

Als ich 1990 nach Deutschland kam war alles fremd für mich. Die Umgebung, die Sprache, die Kultur. Meine damalige Tante Mila und Onkel Milad, nach 30 Jahren „Tocher“ von beiden, kann ich mittlerweile von meinen Eltern sprechen, sind 10 Jahre früher aus Afghanistan geflohen. Beide kam 1980 nach Deutschland. Mein Vater arbeitete nach der Ankunft in Deutschland bei Mercedes am Fließband, wurde Vorarbeiter, machte 1987 seinen Meisterbrief als Werkzeugbauer und bekam 2003 (zum 50.Geburtstag) eine Stelle in der Prototypen Entwicklung bei Mercedes-Benz.
Mila, meine Mutter, hatte in Afghanistan BWL studiert und auch dort bis zu ihrer Flucht gearbeitet. In Stuttgart war sie ab 1981 bei Merzedes in der Verwaltung. Also nichts mit Sozialschmarotzer oder Pack.

Mit mir sprachen beide deutsch und brachten mir auch sehr viel bei. So wurde ich im Herbst 1990 von meiner Mutter und einer pensionierten Lehrerin aus der Nachbarschaft in deutsch unterrichtet. Im Frühjahr 1991 musste ich beim Jugendamt und der Schulaufsicht einen Eignungstest machen, für welche Schule ich geeignet war. Ich konnte auf die Realschule gehen.

Ich kann mich noch sehr gut an meine Schulzeit erinnern. Es war 1993. Ich war schon zwei Jahre an der Realschule in Stuttgart und bekam zufällig im Lehrerzimmer eine Unterhaltung mit, wo eine Mutter sich über mich ausgelassen hatte. Ihre Tochter kam, durch Umzug bedingt, nach den Osterferien bei uns in die Klasse und eben jene Mutter äußerte sich bei meinem Klassenlehrer über mich: „Sie haben ja ein Flüchtlingskind in der Klasse. Ist dies für die Klassenleistung nicht hinderlich?“ Als ich dies hörte, setzte für einen Augenblick mein Herz aus. Mein Klassenlehrer, Herr Dellinger, zu dem ich heute noch Kontakt habe, erklärte der besorgten Mutter, dass ich keineswegs das Leistungniveau senken würde und er es sich verbiete, dass sie so über mich denken würde.
Am gleichen Tag, nach der großen Pause, wurde von meinem Klassenlehrer in der Klasse klar gestellt, dass alle Mitschüler an dieser Schule, Schüler der Linden Realschule seien und es keinen Unterschied geben wird und er dies auch nicht dulde.
Ich wusste wer die Tochter von jener Mutter war und brauchte lange um mit ihr zu reden. Täglich sah ich Susanne in der Klasse, auf dem Pausenhof oder im Leistungskurs. Wie gehe ich damit um? Soll ich es ignorieren oder soll ich sie fragen; es klar stellen? Es tat mir im Herz weh und ich wusste nicht was ich machen sollte.
Da ich mit der Tochter von meinem Klassenlehrer befreundet war und dies immer noch bin, war ich früher sehr oft bei ihnen zu Hause. In den Sommerferien sprach ich Norbert, also Herr Dellinger, darauf an. Über zwei Monate trug ich diese Worte mit mir und wusste nicht mit wem ich sonst hätte reden können. Natürlich wussten es meine Eltern und sagten: ich soll mir dies nicht so zu Herzen nehmen.
Mit Norbert sprach ich darüber und er war traurig, dass ich zwei Monate diesen Schmerz mit mir versuchte auszumachen. Zwei Tage später rief mich Norbert an und fragte, ob ich mit Yvonne, seiner Tochter, ins Schwimmbad möchte. Ich sagte zu und Norbert kam mich abholen. Wir fuhren nicht ins Schwimmbad, sondern zu ihm nach Hause und er hatte jene Mutter mit Tochter zu sich bestellt. Im Garten erklärte er den beiden von unserer Unterhaltung, von vor zwei Tagen und wie weh mir dies tat. Susanne, die Tochter, entschuldigte sich sofort und die Mutter war etwas pikiert über diese Konfrontation. Ich erzählte beiden meine Flucht aus Afghanistan über den Iran, Türkei, Bulgarien, Rumänien, Österreich bis nach Deutschland. Wie und was ich auf dieser Flucht erlebt hatte und wie ich mich, was ich hoffte, in Deutschland integriert zu haben. Das hatte gesessen! Seit jener Zeit wurde ich in der Schule nie wieder als Flüchtling oder Ausländer bezeichnet.

In der Schule waren damals auch Kinder von türkischen Eltern, die meisten in Deutschland geboren, also nichts mit Ausländer. Ich war die Exotin. Afghanistan war den meisten in den 90er kein Begriff. „Ein Land von da hinten“, hörte ich oft. Den Dialekt lernt man als Kind am schnellsten. Da i in Schduagard gewohnt hänn, lernde i des schwäbisch no vor däm Hochdeidsch. Dies war am Anfang unglaublich schwierich. I kannde die schwäbische Wördr füe viele Gegenschdänd, abr ned die Hochdeidsche. Moi Ufsädze vo damals wara scho der Brüller.

Da ich heute immer noch hin und wieder an meiner ehemaligen Schule bin, folgt ein Text den meine Tochter bei unserem letzten Besuch im Februar 2020 geschrieben hat.

https://naike-juchem.com/2021/10/18/mit-mama-zu-besuch-in-ihrer-ehemaligen-schule/

Stuttgart

Wie es als Teenager so ist, geht man auch gerne shoppen. In einem Geschäft von C&A war ich mit einer deutschen Freundin, die einen afro-amerikanischen Vater hatte (muss ich hier leider erwähnen), beim aussuchen und anschließend anprobieren von jenen Kleider. Ich stand in der Umkleidekabine und wollte die Kleider anprobieren. Eine Mitarbeiterin von C&A riss den Vorhang auf und brüllte mich an, „Hier wird nix klaud!“ Fassungslos und nur in Unterwäsche sah ich die Frau an. Auf meine Erklärung hin, dass ich jene Teil gerne anprobieren möchte, kam von der Mitarbeiterin nochmals gleiches gebrüll. Die umstehenden Leute schauten natürlich in Richtung der Umkleidekabine. Mir war dies mega peinlich und unter den Augen der Mitarbeiterin zog ich meine Kleider an.
Dieses Erlebnis ist nun 25 Jahre her und wenn ich heute noch in ein Geschäft gehe, denke ich an diesen Vorfall. Ein Geschäft von C&A habe ich seit jenem Tag nie wieder betreten.

Nun noch ein Vorfall von alltäglichen Rassismus.

Vor drei Jahren bin ich mit meiner Tochter, sie war damals 22 Jahre alt, in Stuttgart gelandet und wie so üblich steht man in der Schlage vor dem Zoll. Neben uns stand ein Ehepaar dass ich um mitte 50 schätzte. Ich hielt die Pässe von mir und meiner Tochter in der Hand und der Mann sah nur den afghanischen Pass meiner Tochter. Zu seiner Frau sagte er, „wie können sich die Ausländer einen Flug leisten, die handeln bestimmt mit Opium.“ Bei dem gehörten rieß meine Tochter die Augen auf. Die Frau nickte ihm zu und setzte noch einen drauf. „Die haben bestimmt auf der Bordtoilette die Burkas gegen die Miniröcke getauscht.“ In den Augen von Amira sah ich schon ihren kampfgeist. Ich sprach auf paschtunisch zu ihr, „mal schauen, wo dieses Schauspiel noch hinführt. Bleibt ruhig.“
Die Frau stichelte weiter, „hast du gesehen, die haben sogar Markenkleider an.“ (Wir beide mögen Kleider von Esprit) „Das sind Kopien, da wo die herkomme wird alles kopiert.“ (Welch eine Scharfsinnige Analyse). Amira blies hörbar die Luft aus.
Endlich waren wir an der Reihe und ich gab der Zollbeamtin unsere Pässe. Der Blick der Beamtin fiel auf die vielen Stempel in meinem deutschen Reisepass. Freundlich sagte diese, „Sie sind ja eine richtige Globetrotterin.“ Ich sagte ihr, dass ich bei der Menschenrechtskommission der UN sei und durch den Job eben auch sehr viel unterwegs. Ich sagte der freundliche Beamtin, dass ich mit meiner Tochter in Genf bei UNICEF war.“ Ein leichter Blick nach rechts zu dem Ehepaar musste ich mir geben. Amira sagte zu den beiden Herrschaften, „ist schon blöd, wenn die Vorurteile so schnell zusammen fallen. Im übrigen hatte meine Mutter in ihrem Leben noch nie eine Burka getragen. Schönen Tag noch.“

Wir beide gingen grinsend zur Gepäckausgabe und jenes Ehepaar hielt einen maximalen Abstand zu uns und stand auf der gegenüber liegenden längsseite, wie geprügelte Hunde.

Nila Khalil, Den Haag, 18. November 2020

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Allgemein, Nila Khalil und getaggt mit , , am von .

Über Nilakhalil

Mein Name ist Nila. Ich wurde 1980 in Afghanistan geboren. Als der Krieg der Sowjets bereits 10 Jahre dauerte und die Lebensverhältnisse immer schlechter wurden, bin ich im Frühjahr 1990 mit Verwandten, ohne meine Eltern, sie hatten das Geld für ihre Flucht nicht, nach Deutschland geflohen. Die Flucht ging über den Iran, Türkei, Bulgarien, Rumänien, Österreich bis schließlich nach Deutschland. Ich erlebte als Kind Tod, Gewalt, Hass, Hunger und Angst. Zu Beginn unserer Flucht trat mein Cousin auf eine Landmine und wurde buchstäblich wenige Meter neben mir zerfetzt. Der Krieg und aufkommende Terror der links und rechts von uns tobte, ließ uns nur Nachts wandern. Die Gefahr aufgegriffen zu werden, war zu groß. Flüchtigslager im Iran Im Iran lebten wir zwei Wochen in einem Flüchtigslager mit vielen anderen Afghanen. Zu viel Gewalt und zuwenig Toiletten war eine unerträglich Situation. Meine Onkel beschloss, dass es keine Sinn machen würde im Iran auf irgend eine Besserung zu warten. Ein Fahrer mit einem Pickup sollte unsere kleine sieben köpfige Gruppe an die Grenze der Türkei bringen. Nach wenigen Stunden ging das Auto "kaputt" und wir mussten wieder laufen. Heute weiß ich, es war Absicht von dem Fahrer, denn Geld bekam mein Onkel nicht mehr zurück. Humanitäre Hilfe in der Türkei In der Türkei bekamen wir in einer Einrichtung vom Roten Halbmond Lebensmittel und neue Kleider. Meine Tante, dessen Sohn auf die Landmine trat, bekam fürchterliche Bauchschmerzen und musste ins Krankenhaus. Die Blinddarm Operation musste mein Onkel bezahlen. Nach der zweiwöchigen Zwangspause ging es weiter nach Bulgarien. Mal mit dem Bus und wieder weite Strecken zu Fuß. Ich hatte überhaupt kein Zeitgefühl mehr. Schmerzen in den Beinen und Sonnenbrand auf der Haut. In Bulgarien In der Nähe von Sofa wurden wir in ein Gefängnis eingesperrt. Ein feuchtes Kellerloch beschreibt es besser. Mein Onkel bezahlte "Lösegeld" und nach zwei Tagen wurden wir endlich entlassen. Gingen wir durch Ortschaften,  wurden wir beschimpft oder sogar mit Steinen beworfen. Also gingen wir wieder nur Nachts. In Rumänien Rumänien war 1990 das Armenhaus von Europa und das brutale Regime von Ceaușescu war noch überall spürbar. Am Tag hatten wir uns vor der Polizei und Bevölkerung versteckt und fast jede Nacht sind wir gelaufen. Immer auf der Hut vor der Polizei oder anderen Autos. In Österreich Im September sind wir in Österreich angekommen und ich musste völlig entkräftet und abgemagert in ein Spital. Ich hatte selbst zum weinen keine Kraft mehr. Ich konnte nicht mehr und wollte auch nicht mehr weiter. Mein Onkel und seine Frau hatte in Afghanistan studiert und konnten mehrer Sprachen. Mit dem Behörden wurde verhandelt, dass wir nach Deutschland zu unseren Verwandten durften. Unsere Verwandten die ich gar nicht kannte, kamen aus Stuttgart, Bochum und Oberhausen uns abholen. Ich sollte zu Mila und Milad Faani  nach Stuttgart. Beide sind 1980 mit mitte 20 schon geflohen. Als wir in Salzburg über die Grenze fuhren und Mila mir sagte, dass ich nun in Deutschland und in Sicherheit sei, fing ich an zu weinen. In Stuttgart Wangen in der Nätherstraße begann mein neues Leben. Am Nachmittag saßen alle im Haus bei Mila und Milad und sprachen sehr viel. Ich hörte den Gesprächen bei warmen Kakao und Käsekuchen zu. Vieles konnte ich damals nicht begreifen, oder wollte es auch nicht. Die erste Nacht im eigenen Bett war für mich eine Wohltat. Mila schlief bei mir und hielt mich fest. "Ich bin nicht deine Mutter, werde aber mein Bestes geben. Dies verspreche ich dir." Mila hatte in Afghanistan BWL studiert und arbeitete seit 1981 bei Mercedes-Benz in der Verwaltung. Milad hatte Maschinenbau studiert und war bei Mercedes-Benz Vorarbeiter. Milad hatte bei Mercedes als Fließbandarbeiter angefangen und Ende der 80er seinen Meisterbrief gemacht. Beide erzogen mich in einem freien, liberalen und weltoffen Denken, wofür ich ihnen heute noch sehr dankbar bin. Mila und eine pensionierte Lehrerin aus der Nachbarschaft unterrichteten mich in deutsch. Ich musste eine völlig neue Schrift, Sprache und Kultur lernen. Im Frühjahr 1991 musste ich bei der Jugendbehörde einen Eignungstest machen, um festzustellen für welche Schule ich geeignet sei. Ich konnte auf die Realschule. Dort blieb ich auch und machte meine Mittlere Reife. Nach der Schule lernte ich Bürokauffrau und arbeitete auch in diesem Beruf. Ich sparte Geld um meine Eltern nach Deutschland zu holen. Ich hatte bereits den deutschen Pass und wollte über die Familiezuführung dies erreichen. Der Alptraum Im Sommer 2005 kam ein Anruf aus Afghanistan und Milad wurde mitgeteilt, dass mein Vater bei einem Bombenanschlag ums Leben gekommen war. 12 Personen seien bei diesem Terroranschlag getötet worden. Die Leiche von meinem Vater sei bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Als mir Mila und Milad dies mitteilten, schrie und heulte ich: "Ich muss zurück nach Afghanistan! Ich muss!" Alles reden von den beiden brachte nichts. Am nächsten Morgen rief ich meine Chefin an und sagte ihr von meinem Entschluss. Drei Tage später saß ich im Flugzeug auf dem Weg nach Kabul. Raus aus dem Paradies, hinein in den Krieg. Da stand ich nun mit meinen 25 Jahren in einem Land, dass nicht meine Heimat war. Meine Mutter überlebte schwerst traumatisiert diesen Anschlag und ich kümmerte mich um sie so gut es unter den Umständen möglich war. Durch Zufall traf ich Shabnam, meine ehemalige Lehrerin, in der Stadt und sie hatte nach unserem Gespräch die absurde Idee, dass ich Lehrerin werden sollte. "Du bist ein kluges Mädchen und so etwas braucht diese Stadt." Mein Beruf war schon besiegelt ohne das ich gefragt wurde. Shabnam hatte Anfang der 70er in Deutschland Lehramt studiert und sie brachte mir all ihr Wissen bei. So wurde ich im Herbst 2005 Lehrerin an einer Mädchenschule in dem Land, aus dem ich 15 Jahre zuvor geflohen war. Von einer Freundin hörte ich von einem Frauenhaus in den Bergen zu Pakistan und fuhr eines Tages mit meinem alten Datsun dieses Haus suchen. Was ich vorfand war mehr ein großes Gebäude das irgendwie nach einem Haus aussah. Tristesse auf dem gesamten Gelände und Mädchen die durch Zwangsheirat traumatisiert waren, vegetierten vor sich hin. Der Leiterin des Frauenhauses erzählte ich von meiner Wunsch, den Mädchen und jungen Frauen etwas Bildung beizubringen. Svea war von der Idee begeistert und so fuhr ich alle zwei Wochen die fast 100 Kilometer zu dem Frauenhaus um den Mädchen die Grundformen von lesen und schreiben beizubringen. Im Sommer 2006 wurde ich von meinen Lehrerkolleginnen als Direktorin der Schule einstimmig vorgeschlagen und so nahm ich die neuen Herausforderungen an. Neben all dem pflegte ich noch meine Mutter und wusste oft nicht, wie ich überhaupt noch an sie ran kommen könnte. Sie war oft sehr apathisch und starrte ins Leere. Oft weinten wir zusammen und ich wusste keinen Rat mehr. Im Herbst 2006 fand ich sie eines Morgens tot im Bett - sie hatte den Freitod gewählt. Nun war ich ganz alleine. Mein Geld in einer Keksdose und den deutschen Pass vor mir auf dem Tisch, brachten mich zum zweifeln. Ich hatte das Privileg um in wenigen Stunden das Land verlassen zu können. Mein Verstand schrie: geh. Mein Herz sagte: bleib. Ich hatte plötzlich eine Verantwortung die ich nie wollte. Ich hatte Kolleginnen die an mich glaubten. Ich unterrichtete Kinden in der Schule und im Frauenhaus, die an mich glaubten. Die Zufälle im Leben Im Frühjahr 2007 traf ich in meiner Stadt einen deutschen, der sich die Projekte von Deutschland anschauen wollte, die ab 1968 in Gardez gebaut wurden. Unter anderem auch meine Schule. Mit ihm, einem Kamerateam aus Australien und einer Journalistin aus den USA fuhr ich in das Frauenhaus in die Berge in der Nähe von Pakistan. Er war der Mann, der den Stein ins rollen brachte. Seine Kontakte aus früheren Jahren in der Humanitären Hilfe in Kambodscha und Thailand waren der Grundstein für eine Hilfsorganisationen die in meinem Beisein in Istanbul gegründet wurde. In vier Tagen wurde etwas geschaffen, von dem ich nie zu träumen gewagt hätte. Ich wurde die Direktorin einer Stiftung, die sich um zwangsverheiratete und misshandelte Mädchen kümmert und von Anfang an über eine unglaubliche Summe Geld verfügte. Durch Zufall trafen wir einen Major der US Armee im PRT ( Provincial Reconstruction Teams) Khost und in ihm fand ich und wir einen Menschen der an das Frauenhaus glaubte. Major Roger Juarez stellte Soldaten für uns ab, die halfen das Frauenhaus etwas bewohnbarer zu machen. Roger schickte zwei Militär Ärztinnen an das Frauenhaus und sorge auch dafür, dass dringende Operationen von den Mädchen im Camphospital durchgeführt wurden. Mit dem unglaublich vielen Geld der neuen Stiftung wurde ein Frauenhaus nach meinen Vorstellungen an einem geheimen Ort gebaut. Auch da war Roger der Chef und nach seinem Architekten Plan wurde das erste Frauenhaus unserer Stiftung quasi aus dem Boden gestampft. Wir wurden auf drängen von Roger auch vom PRT in Gardez mit sehr viel Hilfe unterstützt. Ich kann sagen, dass mir die US Armee in vielen vielen Bereichen tatkräftige Unterstützung gab und ich lernte Menschen und keine Soldaten kennen. Im April 2007 wurde ich auf nicht gerade legalen Weg Mutter von einem 12-jährigen Mädchen. Mit ihr hatte ich viele Probleme durch ihre traumatische Erlebnisse. Die ersten Schritte in die Politik Ab 2010 ging es für mich in die Lokalpolitik. Ich wollte mich nie politisch engagieren, sah aber ein, dass ich diesen Schritt gehen musste um voran zukommen. Mit einem jungen und engagierten Team in der Schule in Gardez ging es nun auch auf politischer Ebene voran. Wir wurden als die Speerspitze der neuen Frauenbewegung in Afghanistan gesehen. Schnell sprach sich in den Kreise von Dr. Sima Samar herum, was wir bewegten. Sima brachte mich zu UNAMA und plötzlich war ich bei der größten Institution der Welt: der UNO. Ich schaffte mich vom einfachen Mitglied der UNAMA hoch bis zur Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen in Genf. Als ehemaliges Flüchtlingskind zur Bürokauffrau und dann Lehrerin bis hin zur Menschenrechtlerin ist ein Weg, den ich nie zu träumen gewagt hätte. Durch meinen Ehrgeiz und mein Auftreten selbst vor der Regierung in Afghanistan machte ich mir nicht nur Freunde. Es war zum Teil Lebensgefährlich was ich tat. So entschloss ich mich der Vernunft zu beugen und wurde bei Veranstaltungen oder Fahrten zu anderen Terminen von einem Bodyguard begleitet. Neben meinem Bodyguard gehörte die Beschusshemmende Weste zum Alltag wie der Lippenstift oder die High Heels. Da ich nun eine Tochter hatte, wurde ich von meinen Team aus der Schusslinie geholt und war nur noch bei Veranstaltungen die räumlich gesichert wurden. Der Terror kam sehr nah Im August 2016 wurde ich zum Ziel der Taliban. Mein Fahrer fuhr in einen Hinterhalt der Taliban und wenn ich kein gepanzertes Auto gehabt hätte, wären wir im Kugelhagel gestorben. Mein Freund und Bodyguard tat das, wofür er ausgebildet wurde und so verloren vier Kämpfer der Taliban an jenem Tag ihr Leben. Die Sicherheit von meiner Tochter stand immer an oberster Stelle und so schaffte ich sie wenige Tage später nach Europa. Amira kam in eine Einrichtung in der Flüchtlingskinder ohne Eltern untergebracht sind und machte in den Niederlande ihre Ausbildung als Erzieherin. In den letzten Jahren war ich mit meiner Tochter immer wieder auf Urlaub in Deutschland bei meinen Eltern (Mila und Milad) oder in dem Niederlande. Da ich und Amira den Gründer jener Einrichtung seit 2007 kennen und wir auch sehr eng zusammen arbeiten, war es ein logischer Schritt, dass meine Tochter in die Niederlande ging. In meinem drei Monate "Urlaub" im Frühjahr und wieder im Herbst, arbeitete ich dann auch in und von den Niederlande aus. Dr. Erik de Joost wollte mir 2016 schon die Leitung seiner Einrichtung übertragen. Ich lernte ab. Meine Arbeit war in Afghanistan. Dort wurde ich gebraucht. Trotz des Terror gegen mich, ging ich zurück um das zu tun was ich kann: kämpfen. Das Leben geht andere Wege Im Dezember 2019 kam ich wieder auf "Urlaub" in die Niederlande und wollte nur drei Monate bleiben. Mein Leben war für die Rechte der Mädchen in Afghanistan zu kämpfen vorgesehen. Also ging es am 4. März 2020 mit einem Linienflug von Schiphol über Istanbul zurück nach Kabul. Das ich 48 Stunden später mit einem Mädchen das lebendig verbrannt werden sollte, mit einem Ambulanzjet in Rotterdam wieder landen würde, war mir am 4. März nicht bewusst. Vom Ministerie van Volksgezondheid wurde mir am 9. März per sofort die Vormundschaft für jenes Kind übertragen. Ich musste über Operationen, Leben oder Tod entscheiden. Der März war für mich der Alptraum. Meine Eltern kamen am 13. März von Stuttgart nach Den Haag und ich bin ihnen für die wohl schwerste Zeit in meinem Leben sehr dankbar. Zurück nach Afghanistan war nicht mehr möglich. Ich hatte die Verantwortung für ein Kind, dass ab dem 6. März bis zum 13. August im künstlichen Koma lag. Meine Heimat im Herzen war immer Stuttgart gewesen. In Gardez hatte ich 14 Jahre nur gewohnt und gearbeitet. Wo ist also meine Heimat? Durch die Umstände von Lenara bin ich die nächsten Jahre an die Niederlande und die Klinik gebunden. So kaufte ich mir an Ostern ein Haus in der Nähe von Den Haag. Dr. Erik de Joost und seine Tochter Marpe wollten, dass ich nun endlich die Leitung der Einrichtung übernehmen sollte. In langen Gesprächen mit meinen Eltern, mit Erik, Linda und Marpe de Joost und meinem Team in Afghanistan gab ich nach. Und so bin ich seit dem 1. April die Leiterin einer seit 27 Jahren bestehenden Einrichtung für traumatisierte und sozialschwache Kinder in der Nähe von Den Haag. Meine Arbeitstage haben in der Regel 16 bis 18 Stunden und all die vielen Probleme in Afghanistan, mit Lenara und die Bürokratie in den Niederlanden und Europa sind ungleiche Gegner für mich. Mit schwerem Herzen gab ich zum 1. April die Leitung der Mädchenschule in Gardez und der Frauenhäuser ab. In 13 Jahren hat sich ein Netzwerk von 46 Frauenhäuser gebildet. 6 dieser Häuser sind in meinem Privatbesitz und drei aus Sicherheitsgründen außerhalb von Afghanistan. Ich gab mein Lebenswerk an Freunde ab. Ich bin immer noch die Chefin, wenn ich auch die Leitung nur noch kommissarisch habe. Das Corona Jahr Das Jahr 2020 hätte turbulenter nicht sein können. In meinem Leben passte auf einmal nichts mehr zusammen und die Arbeit und Sorgen wurde nicht weniger,  auch wenn ich 36 Stunden arbeiten würde. Auf einer Freizeit mit 20 Jugendlichen aus unserer Einrichtung, traf ich in Juli auf dem Ijsselmeer eine weiter persönliche Veränderung - ich gab die Leitung und den Ersten Vorsitz des Netzwerkes Afghan Women's zum 1. September 2020 ab. Meine ganze Kraft gilt meinen beiden Töchter und mit der Leitung der Kinder- und Jugendeinrichtung habe ich mehr als genügend Aufgaben, was meinen Arbeitstag nicht gerade weniger macht. Noch eine Anmerkung: Ich bin zwar in einem muslimischen Land geboren, habe aber sonst mit dem Islam nichts zu tun. Ich mag Weihnachten und Käsespätzle sehr. Nila Khalil, Den Haag, 17. November 2020

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s