Helden die niemand kennt

Alexey Ananenko, Boris Baranov und Valery Bezpalov

Helden die niemand kennt

Die Atomkatastrophe vom 26. April 1986 on Tschernobyl ist vielen noch im Gedächtnis.
Alexey Ananenko, Boris Baranov und Valery Bezpalov kennt so gut wie niemand.

Autorin Naike Juchem

Durch eine Kettenreaktion ereignete sich am 26. April 1986 in Block 4 des AKW von Prypjat – besser bekannt unter Tschernobyl, ein Radioaktiver Super-Gau.

Was am 26. April passierte war der größte anzunehmen Unfall in der Nuklearenergie. Es sollte aber nicht das Ende sein.
10 Tage nach dem Unfall in Block 4 des AKW’s Tschernobyl wurde den Ingenieuren klar, dass es eine viel größeren und mit Abstand tödlichere Gefahr gab – eine Kerndampfexplosion.
Bei Kernexplosionen, wie zum Beispiel bei Atombomben werden Temperaturen von über 100 Millionen Kelvin (99.999.726,8° Celsius) erreicht, dagegen haben chemische (TNT) Explosionen eine Temperatur von bis zu einigen tausend Kelvin. Die sehr hohe Temperatur von Atombombenexplosionen ist auch Ursache für die Bildung des uns allen bekannten charakteristischen
Feuerballs. Die Sprengwirkung einer atomaren Explosion wird in der Einheit Kilotonnen oder Megatonnen 
TNT-Äquivalent angegeben. Was der Nachwelt an Sprengwirkung der Atombombe vom 6. und 9. August 1945 von Hiroshima und Nagasaki kennt, wäre bei einer Kerndampfexplosion in Block 4 der Untergang der westlichen Hemisphäre gewesen.
Die Druckwelle hätte zum einen alles Leben und Gebäude in einem Umkreis von mehr als 300 Kilometer zerstört. Auch hätte die ionisierende Direktstrahlung und der folgende Fallout sein übriges in Europa, Asien und Ostafrika getan. Elektrische und elektronische Anlagen und Systeme wären durch den nuklearen
elektromagnetischen Puls zerstört worden.
Fahrzeuge, Flugzeuge und Satelliten wären davon betroffen gewesen. Wir wären von einer auf die andere Sekunde im Mittelalter gewesen – wenn wir dies überhaupt noch überlebt hätten.

Dank dem Einsatz von Alexey Ananenko, Boris Baranov und Valery Bezpalov konnte jene bevorstehenden Katastrophe verhindern werden.

Was wäre wenn es zu einer Kerndampfexplosion gekommen wäre?

Das Kühlsystem des Reaktors 4 war ausgefallen, und unter dem brennenden Kern bildete sich ein riesiges Wasserbecken. Ohne die Möglichkeit den Reaktorkern zu kühlen, wäre es nur eine Frage der Zeit gewesen bis sich der radioaktive Kern in Lava verwandelt hätte.
Die Hitze der Lava hätte den Beton geschmolzen und somit hätte das hochangereichertem Uran das Wasserbecken erreicht. In wenigen als 1 Mikrosekunde (Sekunden 10 hoch 6) hätte es eine Explosion von 3-5 Megatonnen gegeben – die Sprengkraft der Atombombe in  Hiroshima hatte 12.500 Tonnen TNT.  Zum Vergleich: 1 Millionen Tonnen ist eine Megatonne.
Die Explosion in Block 4 hätte zu einer völligen Zerstörung des AKW geführt.

Block 4 des AKW von Prypjat

Der 6. MAI 1986

10 Tage nach der Katastrophe war Pripjat bereits evakuiert und die Brände im Kraftwerk brannten noch immer.
Es wurde von der damaligen Führung
beschlossen, dass ein kleines Team von Männern in das Untergeschoss von Block 4  geschickt werden sollte, um die Ventile des Sprudelbeckens manuell zu öffnen.

Die einzige Möglichkeit dieser Apokalypse entgegen zu wirken, war das öffnen der Schleusen des Sprudelbeckens um das Wasser manuell abzulassen. Zu diesem Zweck beschlossen die Experten, dass Männer benötigt werden, die die Gegebenheiten des Reaktors kannten. Es gab nur ein Problem: jene drei Personen, die zu den Ventilen gehen würden bezahlen diesen Einsatz mit ihrem Leben.

Valery Bezpalov, Boris Baranov und Alexei Ananenko waren jene Männer.
Die Verantwortlichen sagten Alexej Ananenko, dass er hinuntergehen sollte, um die Ventile des Sprudelbeckens zu öffnen. Ananenko und Bezpalov baten den Schichtführer um eine weitere Person, da zwei Ventile geöffnet werden mussten.
Boris Baranov sagte zu, dass er helfen würde.
Mit falschen Strahlungswerten von einem Bereich überhalb des Sprudelbeckens wurden die Männer getäuscht.
Mit Schutzausrüstung, Taschenlampe, Dosimeter und Schraubenschlüssel gingen die drei Männer in den Bereich der Explosion. Sie mussten in völliger Dunkelheit arbeiten, und jede Minute durch das Kniehohe Wasser brachte sie ihrem Untergang näher. Die Männer tasteten sich in der Dunkelheit über riesige Rohren kriechend weiter zu den Ventilen.

Leitstand des AKW von Prypjat. Aufgenommen im August 2014

Die Jahre nach dem Super-Gau

In den Jahren nach der Katastrophe und selbst nachdem der zerstörte Reaktor in einem Stahl- und Betonsarkophag versiegelt worden war, arbeiteten Hunderttausende von Menschen in der Region als Liquidatoren und kämpften darum, die Ausbreitung der ausgetretenen Kontamination einzudämmen.

Die Liquidatoren wurden Anfänglich in dem Kinder-Sommerlager ‚Skazochniy‘ in der Nähe von Pripjat untergebracht. Zu den täglichen Messungen der
Strahlungswerten bekamen die Liquidatoren zusätzlich Jodtabletten.
Nach Jahren des Aufenthalts in jenem Lager, war dieses irgendwann so hoch kontaminiert, dass die Liquidatoren auf Schiffen untergebracht wurden, die aus der gesamten Sowjetunion herangeschafft wurden.

Was bleibt nach Tschernobyl?

Die Explosion des Reaktorkerns in Tschernobyl führte dazu, dass auch Kernbrennstoffe wie Plutonium-239 (Pu-239) und Radionuklide wie Strontium-90 (Sr-90) aus dem Reaktor in die Umgebung der Anlage geschleudert wurden. Der anschließende mehrtägige Brand des Grafits mit Temperaturen von weit über 2000 Grad Celsius transportierte die leichter flüchtigen Radionuklide wie Iod und Cäsium in große Höhen der Atmosphäre, von wo sie sich mit Höhenwinden über große Gebiete bis nach Mittel- und Nordeuropa ausbreiteten. 

Die Nuklidzusammensetzung in den radioaktiven Wolken änderte sich mit der Entfernung zum Reaktor. In unmittelbarer Nähe wurden die weniger flüchtigen Elemente, wie Strontium (zum Beispiel Sr-90) oder Plutonium (zum Beispiel Pu-239), abgelagert. Vor allem Cäsium- und Iod-Isotope wurden dagegen über weite Strecken transportiert. 

Außerhalb der Sperrzone in Tschernobyl wurden Gebiete in Russland, Belarus und der Ukraine mit einem hohen Cäsium-137 (Cs-137) Aktivitätsniveau der obersten Bodenschicht (Größer-gleich 37 Kilobecquerel pro Quadratmeter) als kontaminiert definiert und unterliegen seitdem der sogenannten radiologischen Kontrolle. Das betrifft nach offiziellen Angaben in Belarus eine Fläche von etwa 46.500 Quadratkilometer, in Russland von 57.000 Quadratkilometer und in der Ukraine von 41.800 Quadratkilometer (einschließlich Sperrzone). 

Der Mensch versucht die Elemente zu beherrschen und scheitert all zu oft. In den letzten 35 Jahren gab es immer wieder kleine- und auch größere Unfälle in der Atomenergie. Bei einem ständig steigenden Bedarf an Strom, werden wir mit dem Bewusstsein leben müssen, das hin und wieder Männer wie Alexey Ananenko, Boris Baranov oder Valery Bezpalov braucht, um die Welt zu retten.

Alexej Ananenko präsentiert die prestigeträchtige Auszeichnung „Held der Ukraine“, die ihm im Juli 2019 von Präsident Volodymyr Zelenskyy verliehen wurde.

Boris Baranov starb 2005 an einem Herzinfarkt. Alexei Ananenko und Valery Bezspalov leben noch.

Naike Juchem, 27. November 2021

Quellen
– Bundesamt für Umwelt und Naturschutz und nukleare Sicherheit
– EX UTOPIA.com
– Kernenergie.ch

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Über naikejuchem

„Du entscheidest eines Tages oder Tag Eins.“ Mit diesem Satz hat sich am 29. August 2017 mein Leben gravierend geändert. Ich möchte gerne Einiges erklären, um mich nicht ständig zu wiederholen oder zu rechtfertigen. Ich wurde 1970 äußerlich als Junge geboren, innerlich hat die Biologie aber etwas durcheinander gebracht mit meinen Chromosomen. Heute weiß ich anhand von Blut,- und Gentests, dass es so ist. Es kommt halt nicht so oft vor, aber mich hat es erwischt. Ich habe eine Transidentität. Das ist nichts Schlimmes, es ist keine Krankheit – in welchem Sinne auch immer – das hat es schon immer gegeben. Selbst in der Bibel steht bei Paulus an die Korinther in 5,17 oder Galater 3,28 wie auch Epheser 4,23-24 schon etwas über Transgender. In Deutschland gibt es ungefähr 1 Mio. Menschen, denen es genauso geht wie mir. Die Natur geht manchmal kreative Wege und bringt unterschiedliche Menschen hervor: Männer, Frauen, welche, die homosexuell sind, welche, die beide Geschlechter in sich tragen (Intergeschlechtliche), Linkshänder, Rechtshänder, und eben auch welche, die transidentitär sind. Ich habe mir dies nicht ausgesucht, ich bin auf keinem „Trip“, oder laufe einem neuzeitlichen „Genderwahn“ hinterher. Bei einer Transidentität ist man im falschen Körper geboren worden, d.h. das äußere Geschlecht entspricht nicht dem selbst empfundenen Geschlecht – wobei sich dies nicht ausschließlich auf die Sexualität beschränkt, sondern eher dem sozialen Geschlecht und dessen Wahrnehmung entspricht. Wenn man im falschen Körper steckt und es nicht ändern kann, weil man es nicht weiß oder weil es nicht geht, fühlt man sich nicht nur falsch und unglücklich, es führt auch zu tiefen Depressionen, bei nicht wenigen Transidentitären sogar zum Suizid. Das ganze Leben stimmt einfach nicht.  Deshalb konnte ich die letzten Jahrzehnte auch nicht verstehen und einordnen, was mit mir los war, weshalb ich mich nicht richtig gefühlt habe: Ich wusste es nicht. Und in meiner Umgebung wusste auch keiner, dass ich eine Transidentität habe. Nicht nur die Bibel erwähnt transidentitäre Menschen, auch antike Geschichtsschreiber haben von der Existenz solcher Menschen berichtet. Aber erst mit der christlichen Kirche wurden transidentitäre Menschen mit einem absoluten Tabu belegt. Dies ist auch bis in die 70er/80er Jahre des letzten Jahrhunderts weitgehend gesellschaftlich so geblieben und hat die Betroffenen gezwungen, ihre tatsächliche Identität zu verbergen und die Rolle des geborenen Geschlechts anzunehmen. Nun mögen Viele meinen „Ja und? Dann macht man das eben, ist ja auch einfacher so!“. Ich habe über 40 Jahre eine Rolle gespielt, die ich nie war, und es war irgendwann nicht mehr auszuhalten. Ein Schauspieler kann das, solange die Kamera läuft, aber sobald der Film abgedreht ist, geht der Schauspieler nach Hause und ist wieder er selbst. Im echten Leben kann man nicht die ganze Zeit schauspielern, ohne daran zugrunde zu gehen. Es ist auch ein Betrug, ein Betrug an der Familie, an Freunde, an Kollegen ... und ganz besonders an sich selbst. Ich bin erst einmal den Weg der Rolle gegangen und hatte 1998 geheiratet, wurde nach einigen Jahren auch Vater und dachte, dass nun alles gut würde. Wurde es aber nicht. Im Gegenteil: Die Ehe wurde ab 2007 für mich zur Hölle, die 2012 in einer Scheidung endete und mich an den Rand der Existenz brachte. Da stand ich nun, wie man so sagt, vor den Trümmern meines Lebens. Die Ehe kaputt, das Kind weg, die berufliche Existenz im Eimer, Schulden und Probleme und wenig bis gar keine Unterstützung. Also was blieb mir noch? Mein Leben! Da ich von Natur aus eine Kämpferin bin, packte ich 2014 es endlich an, Antworten auf meine Fragen zu suchen. Ich fing an mich zu informieren, um herauszufinden, was mit mir nicht stimmt. Ich habe in dieser Zeit Fachtagungen und Freizeiten, sogar in Luxemburg im Ministerium eine Debatte für und mit Transgender besucht und stellte plötzlich fest, dass ich nicht alleine bin. Das war eine so unglaubliche Befreiung! Am 29. August 2017 wagte ich ein Outing im kleinen Rahmen, um endlich zu wissen, wie meine Freunde auf mich reagieren würden. Zu meiner großen Überraschung und unglaublicher Freude standen diese Menschen positiv zu mir und unterstützen mich bis heute, wie und wo es nur geht. Am 1. Oktober 2017 gab es dann kein Zurück mehr: es war der Tag, die Wahrheit zu sagen, bei meiner Familie und auch öffentlich. Natürlich hatte ich an diesem Tag unglaubliche Angst. Würde ich ab diesem Zeitpunkt nur noch alleine sein? Würde ich Zweifel, Fragen, Ablehnung, Verlust der Arbeit und noch mehr Probleme erfahren? Tausende Gedanken, Pro und Contra, all dies zerrte an meinem Verstand und meiner Seele. Mit diesem Tag wich ein unglaublicher Druck von mir. Meine Seele kam endlich zur Ruhe – ich hatte zu mir gefunden. Ich bin nun viel, viel ausgeglichener und aus heutiger Sicht betrachtet ist nichts von dem eingetroffen, worüber ich mir so viele Gedanken gemacht und befürchtet hatte.

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