Kindesmissbrauch: Wie kann das passieren?

Warum sexueller Kindesmissbrauch jahrelang unbemerkt bleibt, Behörden versagen und Ermittlungen in jedem zehnten Fall scheitern: Drei Punkte für ein vielschichtiges Problem.

Autoren Evke Freya von Ahlefeldt und Naike Juchem

Bei Missbrauchsfälle wie in Münster oder Bergisch-Gladbach kommen immer dieselbe Frage auf: Wie kann das passieren?
Wir haben nur drei Punkte ausgewählt, wohlwissend das dieses Thema ins astronomische geht.

Punkt 1: Die Täter

Die Täter in allen Missbrauchsfällen nutzen die emotionale Bindung zu den Opfer aus. Jahrelang wird im Fall Münster ein Zehnjähriger von seinem Stiefvater sexuell missbraucht – kein Einzelfall, wie die Statistik des BKA zeigt.
„Der Täter ist meist eine Bezugsperson, zu der eine emotionale Bindung besteht, hat häufig eine positiv konnotierte Bindung“, so Astrid Helling-Bakki, Kinderärztin und Geschäftsführerin der Childhood-Stiftung, einer Anlaufstelle für Opfer sexuellen Kindesmissbrauchs.
Die Täter – meist männlich – machten sich die enge Bindung zum Opfer zunutze. Mit Drohungen und Erpressung verhindern sie, dass sich das Kind jemandem anvertraut.
Oft sind die Täter keine Fremden: Bekannte, Verwandte, Nachbarn und sogar Eltern. In den wenigsten Missbrauchsfälle kommen zur Anzeige und dementsprechend auch zu keinem juristischen Verfahren.

„Die Mangelnde Zusammenarbeit von Behörden sind ein Grund, warum Täter oft nicht auffliegen, die Transparenz zwischen den Institutionen Jugendämter, Polizei und Gerichte fehlt. Wie kann es sein, dass die eine Institution von der und der Sache weiß und die andere nicht?“, fragt Helling-Bakki. „Auch müsse der Prozess kinderfreundlicher gestaltet werden. Letztendlich ist es ganz gravierend für das Kindeswohl. Bislang werden Kinder auf dem Polizeirevier verhört oder müssen vor Gericht aussagen – manchmal gar im Beisein des Täters. Wer erwartet, dass ein Kind bei so etwas auch nur ansatzweise eine verlässliche Aussage macht und das Kind gleichzeitig nicht geschädigt wird? Das ist hochgradig traumatisierend.“ So Helling-Bakki. „Das Childhood-Haus bringt alle Institutionen sowie Psychologen und Kinderärzte unter einem Dach zusammen. Befragungen werden per Video aufgezeichnet, eine Re-Traumatisierung für das Kind würde somit weitgehend vermieden.“ so weiter Helling-Bakki. „Es fehlt all zu oft an zentralen Anlaufstelle und an fachlich kompetenten Mitarbeiter in Jugendämter.“

Die Childhood-Häuser in Berlin, Heidelberg und Leipzig sind in Deutschland eine bislang einzigartige Einrichtung. Zentrale Anlaufstellen in jedem Bundesland – wie auf Bundesebene mit dem Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs – würden helfen, Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch schneller und kindgerechter aufzuklären.

Punkt 2: Die Beweise und Datensicherung

Im Fall Bergisch Gladbach sind die Ermittler auf weit über 30.000 Spuren gestoßen. Sie beschlagnahmten 30 Terabyte an Daten. „Immense Berge von Durchsuchungsbeschlüssen liegen auf Halde. Wir haben derzeit massiv Personalnot im Bereich der Sachbearbeitung, bei der Bearbeitung von Missbrauchsdarstellungen und auch bei der Bearbeitung des sexuellen Missbrauchs.“ So
Dirk Peglow, stellvertretender Bundesvorsitzender vom Bund Deutscher Kriminalbeamter und Landesvorsitzender in Hessen.

Vielfach können Ermittler
vorliegende Durchsuchungsbeschlüsse gar nicht durchführen, weil sie aufgrund von nicht vorhandenem Personal schlichtweg nicht dazu kommen. Die steigende Zahl der
Datenmengen und der immense
Auswerteaufwand von sichergestellten Missbrauchsabbildungen
verschärfen den Personalmangel.
Aufgrund teils professioneller Verschlüsselung ist speziell ausgebildetes Personal nötig. Um aber Experten aus der Privatwirtschaft dafür zu bekommen, muss das Berufsumfeld attraktiv genug sein.

Das Ausmaß an sexualisierter Gewalt gegen Kinder ist gewaltig hoch. Die WHO geht in einer Untersuchung von 2017 alleine für Deutschland von einer Million betroffener Mädchen und Jungen aus, die sexuelle Gewalt erlebt haben oder erleben. Das sind pro Schulklasse ein bis zwei betroffene Kinder.

Im Jahr 2017 wurden 11.547 Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch bundesweit
erfasst; 6.384 Jugendliche
wurden Opfer sexueller Straftaten. Bei 647 Fällen ging es um den Missbrauch Schutzbefohlener, also unter Ausnutzung von (auch beruflicher) Stellung und Vertrauensverhältnis. 6.512 mal wurden die Straftatbestände der Verbreitung, des Erwerbs und Besitzes oder der Herstellung von Kinderpornografie aktenkundig.

Die traurige Realität in den vielen Missbrauchsfällen zeigt, dass jeder zehnte Fall an fehlenden Daten und Beweise scheitert.
62.000 Hinweise auf sexuellen Kindesmissbrauch in Deutschland bekam das Bundeskriminalamt im Jahr 2019. In bislang 21.600 Fällen begann man zu ermitteln.
„In jedem zehnten Fall konnten allerdings keine weiteren Ermittlungen zur Identifizierung durchgeführt werden, weil die Daten bei den Providern nicht vorhanden waren. Mit der
Vorratsdatenspeicherung könnten mehr Täter überführt
werden.“ So Peglow.
Im besten Fall ertappen die Ermittler die Täter auf frischer Tat vor dem PC, um an die Beweisdaten zu kommen.

Punkt 3: Die Urteil der Justiz und wie mit Pädophilen umgehen.

Viele Straftaten werden zum Leid der Opfer und deren Angehörigen auf Bewährung ausgesetzt und stoßen bei der Bevölkerung zunehmend auf Unverständnis.
Hinzukommt das viele Opfer sich erst nach Jahren trauen über ihren Missbrauch zu sprechen. Da leider auch für sexualisierte Gewalt eine Verjährungsfrist besteht, haben Opfer kaum ein Anrecht auf eine Anklage, geschweige auf eine Verurteilung ihrer Peiniger. In diesem Fall ist der Gesetzgeber gefordert. Je schwerer ein Delikt mit Strafe bedroht ist, desto länger kann es im Strafrecht geahndet werden. Für Straftaten aus dem Bereich des sexuellen Kindesmissbrauchs kommen Verjährungsfristen zwischen fünf und 20 Jahren (bei Missbrauch mit Todesfolge 30 Jahre) in Betracht.

Für gewöhnlich beginnt im Strafrecht die Verjährung mit der Beendigung der Tat. Eine Ausnahme stellt der Beginn der Verjährung von schweren Sexualstraftaten dar. Dort ruht die Verjährung nach der Gesetzesänderung vom Januar 2015 bis zur Vollendung des 30. Lebensjahres, § 78b Abs. 1 Nr. 1 StGB. Dies gilt auch für Taten, die vor dem Zeitpunkt des Inkrafttretens der Gesetzesänderung begangen wurden, jedoch nur dann, wenn diese noch nicht nach der alten Rechtslage verjährt waren. Im deutschen Recht kann für eine Tat, die einmal verjährt ist, die Verjährungsfrist nicht mehr rückwirkend wieder aufleben.

Die rechtsverbindliche Ermittlung der Verjährungsfrist von sexuellem Missbrauch ist nur im Einzelfall möglich. Die Entscheidung trifft die jeweilige Staatsanwaltschaft oder das Strafgericht.

Im Fall Münster waren den Behörden die pädophilen Neigungen des Hauptbeschuldigten bekannt. Er war bereits zweimal auf Bewährung verurteilt worden.
„Erfahrungsgemäß ist es häufig so, dass nicht der komplette, vorhandene Handlungsspielraum ausgenutzt wird, rein rechtlich gesehen“, antwortet die psychologische Psychotherapeutin Sarah Allard, auf die Frage nach härteren Strafen. Sie ist therapeutische Leiterin der Behandlungsinitiative Opferschutz (BIOS-BW), behandelt Menschen mit pädophilen Neigungen und erstellt Gutachten.
„Bei verurteilten Straftätern müssten Therapiemaßnahmen bereits während der Haft und nicht erst danach angeboten werden, meint Allard. „Natürlich möchten sie nicht wieder in Haft und werden sich hüten, in der ersten Zeit nochmal eine Straftat zu begehen. Aber das Problem, diese Störung, bleibt bestehen.
Pädophilie muss nicht zwingend zu einer Tat führen. 80 Prozent der Täter empfänden sexuelle Befriedigung auch mit Erwachsenen, könnten aber keine Beziehungen zu Erwachsenen aufbauen.“ So Allard.
Diese Tätergruppe sei gut behandelbar. Die anderen 20 Prozent der Täter sind „kernpädophil“. Eine Therapie ist schwieriger, kann Betroffenen jedoch Bewältigungsstrategien aufzeigen. Das Problem: Die meisten Betroffenen suchen erst dann Hilfe, wenn sie aufgeflogen sind oder die Polizei schon ermittelt. Bis dahin vergehen oft Jahre. Teils ist die Scham zu groß, teils werden sie selbst von Therapeuten abgewiesen.

Das Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“ bietet deutschlandweit ein kostenloses und durch die Schweigepflicht geschütztes Behandlungsangebot für Menschen, die therapeutische Hilfe suchen, weil sie sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen und darunter leiden.

Im Rahmen der Therapie erhalten die betroffenen Personen Unterstützung, um mit ihrer pädophilen oder hebephilen Neigung leben zu lernen, diese zu akzeptieren und in ihr Selbstbild zu integrieren. Ziel ist es, sexuelle Übergriffe durch direkten körperlichen Kontakt oder indirekt durch den Konsum oder die Herstellung von Missbrauchsabbildungen im Internet (sogenannte Kinderpornografie) zu verhindern.

Evke Freya von Ahlefeldt und
Naike Juchem, 31. Oktober 2020

Quelle: Alexandra Hawlin, BKA, BIOS-BW, BMJV, Caritas, Childhood-Stiftung, UBSKM, weisser-ring, WHO

http://www.childhood-haus.de
http://www.weisser-ring.de
http://www.hilfe-missbrauch.de
http://www.save-me-online.de

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Über evkefreyavonahlefeldt

Ich bin Evke Freya von Ahlefeldt, meine beiden Vornamen sind so alt wie mein Nachname. Sie gehen bis ins 12. Jahrhundert zurück. Oft werden meine Vornamen der nordischen oder niederländischen Sprache zugeordnet. Dem ist nicht so. Es sind alte germanische Namen. Früher wünschte ich mir einen "normale" Namen. Ab der Teenager Zeit fand ich meine Namen richtig cool. Meine Freunde nennen mich Evke oder im französischen Ive. Frankreich ist ein gutes Stichwort. Nach meinem Abi an einem Gymnasium in Hildesheim, wollte ich erstmal die Welt entdecken. Hildesheim zählt nicht gerade zu den Metropolen dieser Welt - auch wenn es zu den ersten größeren Besiedelungen des Germanischen Reichs gehört und auf 5700 v Chr. datiert wird, ist es nicht der Nabel der Welt. Nun reiste ich mit dem Abi in der Tasche in die große weite Welt. Mit einem Pappschild stand ich an der Bundesstraße und lies mich überraschen wohin es mich treiben / fahren wird. Da mein Reiseziel mit "Ich will weg" doch sehr weit ausgelegt werden konnte, fuhr mich der Zufall in Gestalt von einem älteren und sehr charmanten Herrn nach Dänemark zu seiner Tochter. Es ging für mich nach vier Tagen weiter nach Schweden und dann nach Olso. Von Oslo brachte mich mein Pappschild nach Trondheim. Ich erlebte die Weite und eine unglaubliche Schönheit der Natur. Ich war in Norwegen verliebt und wollte dort sogar zum studieren bleiben. Da ich für die Einschreibung an der NTNU, der Norwegian University of Science and Technology, zu spät war, blieben mir noch ein paar wunderschöne Tage in einer grandiosen Stadt. Paris ruft Jede andere hätte bei der Zusage der Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne - eine Universität für Rechts- und Politikwissenschaften, Wirtschafts- und Managementwissenschaften sowie Geisteswissenschaften, einen Luftsprung gemacht - ich kaufe mir einen Joint und ein 6er Pack Bier. Da es mit den Vorstellungen meiner Zukunft und dem daraus resultierenden Studium meiner Eltern und derer meinen Vorstellung doch erhebliche Differenz gab und ich keinen Bock auf Stress, Joints und Bier in den nächsten Jahren hatte, flog ich von paradiesischen Trondheim nach Hannover. Hildesheim hat selbst nach 7700 Jahren noch keinen Flugplatz - dafür alte Rosen. Dies nur am Rande. Drei Semester waren mir an der Uni schwer gefallen. Ob es am Gras, Alkohol oder diesem unglaublich trockenen Stoff von Politik- oder Wirtschaftswissenschaften lag, mag ich jetzt nicht zu beurteilen. Irgendwie würde ich das Studium beenden und dann ab nach Norwegen. Nun lebe ich schon seit 19 Jahren in Paris. Ich zeigte damals einen guten (Wider)-Willen und irgendwann hatte meine Eltern ein Einsehen, dass man mir auch mit dem Hammer den Lehrnstoff ins Hirn hätten schlagen können, ich hätte es nicht begriffen - oder gewollt. Ob jene Einsicht an dem doch erheblichen alkoholischen Leergut, dem süßlichen Geruch in meiner Studentenbude oder dem völligen Desinteresse für dieses Studium lag, mag ich nicht zu beurteilen. So studierte ich an der gleichen Uni dann Kunst und Archäologie. Ich schaffe sogar ohne Gras und Alkohol (manchmal) meinen Master Abschluss. An der Uni drückte mir jemand einen Flyer von "Action contre la faim" (Aktion gegen den Hunger) in die Hand und ich wurde auf diese Truppe neugierig. So klopfte ich ein paar Tage später bei denen an die Tür und wir waren sofort auf einer Wellenlänge. Zwei Wochen später engagierte ich mich ehrenamtliche bei der coolen Gruppe. Nach dem Studium arbeitete ich als Kunstrestauratorin und mir gefiel diese Arbeit. Die Mischung aus Geschichte, Archäologie und Kunst war und ist faszinierend. Neben der Arbeit brachte ich mich bei Action contre la faim immer mehr ein und war auch mit einer Gruppe im Sudan, Kongo und Mali im Einsatz für humanitäre Hilfe. Durch Zufall las ich 2010 eine Stellenanzeige von UNICEF Paris. Noch während des Vorstellungsgespräch kündigte ich telefonisch meinen Job. UNICEF ist eine andere Welt Durch meine Erfahrung bei Action contre la faim konnte ich die neuen Aufgaben verknüpfen und sogar verbinden. Schließlich arbeiten wir alle für das gleiche Ziel. Bei UNICEF lag und liegt mein Einsatzgebiet in so gut wie allen Ländern westlich der Sahara. 2015 wurde mir die Leitung vom UNICEF Büro in Paris übertragen und so konnte und kann ich mit meinen ehemaligen Kollegen von Action contre la faim noch enger zusammenarbeiten. Das Wirtschaftsstudium hatte doch ein paar Vorteile. Wir sind in Paris 15 Mitarbeiter_innen und planen, organisieren alles um Hilfsprojeke von der UN / UNECA ( UN -Wirtschaftskommission für Afrika), für UNICEF, UNHCR oder andere Unterorganisationen. Dies hört sich jetzt alles sehr spektakulär und fantastisch an - ist es nicht! Die Realität ist gefährlich, erschütternd und oft ein Alptraum. Um irgendwie selbst psychisch damit klar zukommen, nehme ich mir die Auszeit um mit meinem Pferd einen oder mehrere Tage im Nirgendwo zu sein. Evke Freya von Ahlefeldt, Paris, 12. Juli 2021

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