Ein kommender Tag scheint länger zu sein als ein vergangenes Jahr.

Nun bin ich 1630 Kilometer von meiner Heimat – also die Niederlande, entfernt und komme endlich zur Ruhe

Ab dem 15. August hatte ich kaum noch geschlafen. Auch wenn ich mir immer wieder für ein paar Stunden eine Auszeit nahm, war in mir nie eine Ruhe.
Die zwei Monate nach dem 17. August forderten alles von mir. Die Gedanken und Sorgen über 297 Mädchen und Frauen wurden auch nicht weniger. Die Gedanken um Lenara sowieso nicht und Saina stellte mich vor neue Aufgaben.

Mitte Oktober kam ich endlich zu Hause an und der erste Weg war nach Rotterdam zu Lenara. Meine Mutter hatte ihr in den zwei Monaten, wo sie in die Klinik fuhr, ihr einiges von dem Einsatz nach Afghanistan und was ich mit meinem Team täglich für Aufgaben hatte, erzählt.
Was sollte ich Lenara außer der Wahrheit noch erzählen? Es wurden Terroristen erschossen und das ich eine wahnsinnige Angst an diesem Tag hatte.

Die letzten 7 Wochen ging es in der Einrichtung hoch und runter. Auch wenn in den Niederlanden die Corona-Maßnehmen gelockert wurden, behielt ich meinen Standpunkt bei. Es waren mit den Jugendlichen nicht immer angenehme Gespräche über deren Meinung und meinen Vorgaben. In der Leitung waren wir uns alle einig, dass wir die Schutzmaßnahmen weiterführen werden.
Wo die Niederlanden nun stehen, kann jeder nachlesen. Es ist erst vorbei, wenn die Inzidenz Zahlen auf einem akzeptablen Wert sind.

Im November flog mich Joris einmal pro Woche nach Dänemark. Ich versuchte zwar die Aufgaben und Lösungen von zu Hause aus zu erledigen, aber vieles geht eben nur vor Ort. Obwohl die Behörden in Dänemark mit dem Umgang via Internet Lichtjahre weiter sind, als die Behörden in den Niederlanden.
Bei meinem letzten Flug, am 30. November, sprach ich mit Joris und Violeta, sie ist seine Frau und flog mit uns, weil beide sich einen schönen Tag machen wollen, bis ich mit meiner Arbeit fertig war, dass ich sehr gerne wieder nach Schottland möchte. Joris sagte, dass er auch dort hin fliegen könnte. Violeta frage warum ausgerechnet Schottland. Ich erzähle beiden über meine Liebe zu diesem Land und das ich schon öfters dort war. Ich sagte ihnen auch, dass ich wohl kurz vor einem Burnout stehe. „Nila, ik snap wat je doet door je gesprekken. Ik heb het de laatste dagen met Violeta over jou gehad. Maar voordat je het niet meer aankunt, trek je aan de noodrem.“ (Nila, ich bekomme durch deine Gespräche mit, was du leistest. Ich sprach die letzten Tage mit Violeta über dich. Bevor du aber nicht mehr kannst, zieh die Notbremse.)
„Joris, Violeta, wenn dies alles so einfach wäre. Ich kann nicht einfach so weg. Ich bin täglich bei Lenara im Krankenhaus. Als ich in Dänemark war, fuhr meine Mutter täglich zu ihr. Durch die neuen Corona-Maßnehmen kann nur noch ich zu Lenara.“
Violeta drehe sich vom Vordersitz der Cessna um. „En wat als je zelf in het ziekenhuis ligt omdat je lichaam het niet meer aan kan? (Und was ist, wenn du selbst im Krankenhaus liegst, weil dein Körper nicht mehr kann?)
Schweigend sah ich Violeta an. Sie hatte recht. Ich denke permanent an andere, aber an mich zu wenig. Die paar Stunden Auszeit tun mir schon gut – ohne Frage, aber dieses elendige Coronavirus macht auch mich langsam mürbe.

Der kleine Flugplatz Sønderborg kam in Sicht und ich wusste, es wird wieder ein langer und anstrengender Tag.
Mit einem Taxi fuhr ich die nächsten 40 Minuten zu einem Anwesen, das zu 25% mir gehört – dies hat Steuerliche Gründe.
Auf der Fahrt hörte ich die Worte von Violeta und machte mir Gedanken, wie und vor allem wann, ich die Notbremse ziehen muss.

Mit Brötchen und Kaffee saß ich bei meinem Team und wir hatten wieder viele Termine. Da auch wir in dieser Corona-Zeit versuchen mit so wenig Menschen wie möglich gleichzeitig in Kontakt zu kommen, haben Anisia und Zoja einen sehr strammen Zeitplan aufgestellt, an den sich auch die Chefin halten sollte. Also bleibt mir meist ein Frühstück mit dem ersten Brainstorming. Ich musste ja auch den Zeitplan von Joris irgendwie beachten, denn wir flogen schließlich auch gute zweieinhalb Stunden zurück.
Als um 15.45 Uhr das vorletzte Meeting beendet war, sprach ich meine Gedanken mit Anisia und Zoja an. Auch ihnen war klar, dass ich schon weit über dem Limit war und sie sagten zu, dass alle wichtigen Termine auf Januar verlegt würden.

Um kurz nach 18 Uhr hob die Cessna 172 von dem kleinen Flugplatz Sønderborg ab. Ich schrieb meiner Mama eine WhatsApp, dass ich gegen 21 Uhr zu Hause sei. Ich grinste als ich die Nachricht abschickte. Da ist man 41 Jahre alt und sagt Mama, wann man nach Hause kommt. Ich kann mich noch erinnern, als meine Mutter vor 25 Jahren sagte: „Nila, komm nicht so spät heim.“  Ich bin froh, dass meine Mutter bei mir ist, sonst würde ich mich nur von Fastfood oder Tiefkühl Pizza ernähren.

Donnerstag 2. Dezember

Meine Tochter kam unerwartet um kurz nach 6 Uhr in mein Haus. Sie sah mich wortlos an, weil ich um diese Urzeit schon mit einem Berg an Arbeit im Wohnzimmer saß. Da mein Büro nun das Kinderzimmer von Saina war, blieb mir nur das Wohnzimmer oder das Gartenhaus. Bei Bodenfrost um 4.30 Uhr hatte ich definitiv keine Lust mich in das kalte Gartenhäuschen zu setzen. Bis die Elektroheizung angenehme Wärme brachte, würde auch bestimmt eineinhalb Stunden dauern.
„Ich habe auf der Nachtschicht schon gesehen, dass du im System online warst.“ Sagte meine Tochter. Verdammte Kontrolle! Ich zog die Schultern hoch. Eine Diskussion mit meiner Tochter über meine und auch ihre Arbeitszeiten wollte ich um diese Uhrzeit nicht führen. Amira ist als Erzieherin eingestellt und hat Arbeitszeiten von 8 bis 16 Uhr – eigentlich. Und keine Spät- oder Nachtschichten. Auch wenn ich die Chefin von meiner Tochter bin, halte ich mich bei dem was sie tut raus. Zum einen macht Amira um Welten mehr Stunden, als sie eigentlich sollte und zum anderen weiß jeder welche Krankheit sie hat – aber auch, welche Kapazität sie in der Einrichtung ist. Aber was soll ich sagen, sie macht ja doch was sie will.
Sind Gene über Luft oder Kaffee übertragbar?

Saina war überglücklich als sie ihre große Schwester umarmte. Amira fragte sie, welche neue Wörter sie auf niederländisch gelernt habe. In den wenigen Wochen, in denen Saina bei mir ist, hat sie schon vieles gelernt. Während Saina ihren Wortschatz vortrug, stellte ich mir die Frage, ob es richtig ist, dass Amira und ich mit Saina niederländisch und deutsch, und meine Eltern deutsch und paschtu mit ihr reden. Ich habe Angst, dass irgendwann ein Bumerang zurück kommt.
Wie die Zukunft in Afghanistan sein wird, kann niemand sagen. Seit Wochen versuche ich die Mutter von Saina zu erreichen. Da durch die Taliban fast alle meine Kontakte abgebrochen sind und ich auch nur noch wenigen Menschen vertrauen kann, ist es fast unmöglich sie zu erreichen.

Mit zwei großen Tassen Kaffee setzte sie sich zu mir. Amira würde heute frei machen, denn sie würde am Vormittag ihren „Akku“ aufladen. Den Dienstplan hätte sie geändert und mit Anjana aus der Verwaltung abgesprochen.
Amira leidet seit 15 Jahren an Marasmus und muss alle 6 bis 8 Wochen eine spezielle Elektrolyse bekommen. Da dies nun endlich auch ihr Hausarzt machen kann, muss sie für die Dauer der Behandlung nicht ins Krankenhaus.
Ihr Körper kann Ballaststoffe nicht mehr vollständig aufnehmen – sie würde trotz Essen verhungern. Seit Jahren hat Amira ihre Krankheit im Griff und weiß wann es für sie Zeit wird ihren „Akku“ zu laden.

Es war schön, fast die ganze Familie zusammen am Frühstückstisch zu sehen. Wie sehr wünschte ich mir, Lenara endlich an diesem Tisch sitzen zu sehen.
Ich sprach meine Gedanken vom Dienstag an, dass ich gerne nach Schottland möchte. Meine Eltern nickten mir zu. Auch ohne es zu sagen, wissen sie wie viel ich täglich arbeite. Ich sprach lediglich meine Gedanken bezüglich Lenara an. Ich möchte sie nicht so lange alleine im Krankenhaus lassen.
„Ich bin immer noch als Bevollmächtigte für Lenara in der Klinik eingetragen. Ich bin geimpft und kann meine Kontakt zu anderen Personen belegen. Mama, ich fahre zu ihr in die Klinik. Ich kann meine Arbeit tauschen und übernehme die Spätschicht.“ „Amira…!“ „Dann mach ich Urlaub. Ich habe über Eintausend Überstunden.“
Mal wieder würde eine Diskussion mit ihr zu nichts führen. Also wäre ich diese Sorgen schon mal los.

Auf dem Weg nach Rotterdam rief ich Samira an und sagte ihr, dass ich ab Dienstag Urlaub machen werde. Das Treffen mit der Ministerin Tamara van Ark, für Familie- Sozisles- und Gesundheit werde wie geplant am Montagvormittag stattfinden.

In den Jahren wo ich in Afghanistan die Leitung und Verantwortung für die Mädchenschule und Frauenhäuser hatte, habe ich festgestellt, dass der Weg nur zu Hans und nicht zu Hänschen zielführend ist – dies ist auch in Europa so.

Nach dem täglichen Corona Test und dem anziehen der sterilen Kleidung, betrat ich das Zimmer von Lenara. Sie hatte vor sich auf einem Tisch einen Leuchtturm aus LEGO Bausteinen gebaut. In dem letzten eineinhalb Jahr hat sich ihr Krankenzimmer sehr verändert. Sie hat eine riesige Kiste an LEGO Bausteinen, Puppen und gemalte Bilder an der Wand. Über ein spezielles Tablet kann sie einen großen Monitor an ihrem Bett bedienen. Sie kann Fernsehen schauen und sogar im Internet surfen. Mit einem Lernprogramm, welches die Schulen in den Niederlanden benutzen, kann sie von der Grundschule bis Sekundärstufe 1 in allen Hauptfächer lernen.

„Hallo mein Engel, hast du einen Leuchtturm gebaut?“ Lenara nickte. „Ich habe ein solches Gebäude gestern Abend im Fernsehen gesehen. Warum heißt dieses Gebäude so?“
Ich erklärte ihr welchen Nutzen ein solches Gebäude in der Seefahrt hatte und immer noch hat. Bis zum Mittagessen unterrichte ich Lenara in Mathe. Meine Angst vor einem kognitiven Schaden, durch die lange Zeit im Koma, hat sich zu Glück nicht bestätigt. Lenara kann rational und logisch denken. Auch wenn sie nun 13 Jahre alt ist, bin ich mit ihr bei dem Lehrstoff in der 5. Klasse. Ich muss mich ständig selbst bremsen, damit ich sie nicht überfordere. Immerhin lernt sie seit Oktober 2020 drei Fremdsprachen.
Ob Lenara jemals in eine Schule gehen kann, ist noch fraglich. Wenn sie im Sommer 2022 – was ich hoffe, aus dem Krankenhaus entlassen werden kann, muss es eine Behindertengerechte Schule sein. Gleichzeitig laufen auch bei uns in der Einrichtung die Bauanträge für den Umbau von Behindertengerechten Toiletten, Türen und Wege.

Die Deutsche Internationale Schule, sowie die Walldorf School im Waalsdorperweg sind oder wären für Lenara mit dem Rollstuhl geeinigt. Im Sommer sprach ich mit der Schulleiterin der Deutschen Schule,
Frau Metz, über Lenara. Ich möchte schon, dass Lenara in eine andere Schule gehen kann. Nur sehe ich bei ihrem Alter und dem Defizit zu dem aktuellen Lehrstoff – welcher auf ihr Alter abgestimmt ist, die größten Probleme. Lenara müsste dann mit ihren 14 Jahren, mindestens zwei Stufen herunter gesetzt werden. Ich kann ihr bis in einem halben Jahr nicht soviel beibringen. Die Test, die ich mit Lenara schreibe sind befriedigend bis gut – aber für die 5. Klasse.
Eric, Marpe und alle anderen in der Einrichtung sind dafür, dass Lenara bei uns unterrichtet wird. Wir sind schließlich zertifiziert und unsere Lehrplan orientiert sich an allen Sekundärstufen in den Niederlanden.

Das Mittagessen wurde gebracht. Da ich bei Lenara im Zimmer war, konnte ich das Essen in Empfang nehmen. Es darf ohne sterile Kleidung niemand den Raum betreten.
Beim Essen erzählte ich Lenara, dass ich mit Saina und meinen Eltern für ein paar Tage nach Schottland möchte und in meiner Abwesenheit Amira zu ihr kommen würde. Lenara grinste mich an und ich wusste nicht, wie ich dies deuten sollte.

Jolien, die Therapeutin von Lenara klopfte an die Tür und winkte auf der anderen Seite der Glasscheibe, dass sie in 5 Minuten kommen werden.

Da Lenara auf dem Rücken auf einem
Spezial Bett liegt, kann sie die Arme, Hände und Zehen bewegen. Bei den Beinen wird es durch die Rücken Operationen problematisch. Damit ihre Muskulatur nicht erschlafft, muss sie täglich Bewegungstherapie machen.

In der Zeit, die Jolien bei Lenara ist, habe ich Zeit etwas zu arbeiten oder telefonieren.
Mit einem Kaffee und Laptop sitze ich im Stationszimmer und bin via Skype mit meinem Team in Den Haag oder einen der beiden neuen Standorte in Dänemark verbunden. Wichtige Punkte werden zeitnah geklärt oder abgearbeitet. Was nicht so akut ist, lege ich meist auf den späten Abend, wenn ich entweder im Büro oder zu Hause bin.

Nach eineinhalb Stunden ist Jolien mit der Therapie fertig und ich übernehme wieder den Schulunterricht mit Lenara. Da heute Donnerstag ist, steht auf unserem Stundenplan Geographie und Englisch. Lenara wollte mehr von Schottland wissen, also suchte ich über das Multimedia Display auf ihrem Lehrncomputer nach Schottland. Zu meinem Erstaunen gab es in der Sekundärstufe 1 kaum etwas über Schottland. So gestaltete ich die zwei folgenden Unterrichtstunden zusammen. Sprich: Geographie auf Englisch. Naja, ich versuchte es. Es ist schwierig, Lenara dies auf Englisch zu erklären, wenn sie die Wörter gar nicht kennt. So wurde es eben ein mix aus vier Sprachen. Es ist verständlich, dass Lenara viele Wörter, Begriffe oder Redewendungen nicht kennt. So erklärte ich ihr dies in paschtu.

Bis zum Abendessen hatten wir den angesetzten Unterricht geschafft und sogar eine kleinen Vokabeltest geschrieben. Da ich am Mittag schon sagte, dass ich länger bei Lenara sei, bekam ich auch ein Abendessen gestellt.
Gemeinsam aßen wir Abendbrot und ich erzählte Lenara von dem Frühstück und wie sehr ich es mir wünschte, dass wir alle gemeinsam an einem Tisch sitzen könnten.
„Mama, ich weiß wie viele Sorgen du hast. Oma hat mir einiges erzählt was du mir nicht sagst. Du arbeitest viel und kümmerst dich täglich um mich. Wenn Amira zu mir kommen kann, freue ich mich auf sie. Ich sehe in deinen trüben Augen (Anm. meine Traurigkeit), auch wenn du dies nicht sagst. Ich habe dir und dem Doktor (Anm. Operationen) mein Leben zu verdanken. Du lernst mit mir und bringst mir so vieles bei. Zu Hause war mein Leben nicht mehr wie ein Stein.( Anm. Lenara meinte damit, dass ihr Leben in Afghanistan nichts wert war.)

Zum erstenmal hatten wir beide ein sehr tiefgründiges Gespräch. Ich weiß nicht, ob Lenara mit meiner Mutter, Jolien oder eventuell mit Paula, der Stationsleiterin, gesprochen hatte.
Auch wenn sie Europa – oder eine andere Welt, nur aus dem Fernsehen, Internet oder ihrem Krankenzimmer kennt, weiß sie mehr, als ich die ganze Zeit dachte. Lenara ist kein dummes Kind.

Auf dem Heimweg hat mich vieles von dem Gespräch nachdenklich gemacht. Ich rief Samira an und erzählte ihr in knappen Sätzen die dreistündige Unterhaltung mit Lenara.
Nach dem neusten Kenntnisstand sind die Eltern von Lenara aus dem Gefängnis entlassen worden, weil die Anklage „haltlos“ sei. War ja klar, dass diese Zottelbärte eine solche Tat als „haltlos“ ansehen. Ich versprach Lenara, dass sie niemals nach Afghanistan zurückkehren muss. Was ist, wenn auch Sie irgendwann ihrer Eltern anbrüllen möchten, was sie ihr antaten?

„Nila, Lenara ist ein sehr kluges Kind. Sie weiß, dass sie durch dich lebt und sie nimmt ihr Schicksal an. Lenara weiß, dass sie irgendwann ein normales Leben führen kann. Sie lässt sich nicht hängen. Sie spielt, lernt und arbeitet bei der Bewegungstherapie mit. Nun macht dir wegen der Schule mal keine Gedanken. Du bist eine klasse Lehrerin. Du hast Jahrelang Kinder unterrichtet. Nun unterrichtest du dein eigenes Kind. Was willst du mehr? Du und ich hatten damals Amira alles das beigebracht was wir wussten. Schau dir Amira an! Sie hat das beste Jahrgangszeugnis gemacht und auch sie unterrichte heute Kinder. Wir alle sind für dich und Lenara da. Nun lass sie aber erst einmal gesund werden, bevor du dir Gedanken um eine Schule machst. Und noch was – deine Mutter hatte Lenara gesagt, was du ihr nie gesagt hast.“
Bei diesen Worten sah ich fassungslos auf das Display im Auto. Samira konnte dies natürlich nicht sehen. „Was?“ „Deine Mutter rief mich mitte September an und fragte nach dir. Ja, auch sie macht sich Sorgen um dich! Du arbeitest von morgens 4 Uhr bis spät in die Nacht. Wie lange willst du dies durchhalten? Wir alle sind in Sicherheit und was wir heute nicht schaffen, machen wir morgen. Wir sind seit Jahren ein eingespieltes Team und haben schon viel schlimmeres geschafft. Wenn du dich jetzt nicht bremst, werden wir es tut. Wo bist du jetzt?“ „Kurz vor Delft. Ich wollte noch im Büro vorb…“
„Nein! Fahr nach Hause. Bitte. Morgen früh geht es weiter. Janina hat ein Protokoll für den Montag mit der Ministerin vorbereitet. Wir alle sind mit der Arbeit durch. Also gibt es für dich nichts zu tun.“
Ich bin schon sehr froh, dass mein Team bei mir ist. Auch wenn es für sie alle der Verlust ihrer Heimat war. Dafür konnte ich ausnahmsweise mal nichts.

„Sweet Home“

Ich fuhr mit dem Auto von meiner Tocher in die Einfahrt und parkte hinter dem Auto von meinem Vater. Ich war überrascht, als ich im Haus noch überall das Licht brennen sah. Meine Eltern sind um diese Uhrzeit eigentlich schon im Bett.
Ich ging den gepflasterten Weg von der Einfahrt zur Haustür. „Sweet Home“ steht auf der Fußmatte die Amira kaufte, als ich endlich im September 2020 das Haus beziehen konnte. Ich bezahlte ab Mai für ein Haus, in dem ich gar nicht wohnen konnte. Dieses Corona macht mich noch wahnsinnig. Erst konnte der Vorbesitzer nicht ausziehen, dann hatten alle Möbelgeschäfte zu und dann war es schwierig Arbeiter für den Umbau zu bekommen. Ohne meinen Vater könnte ich wohl immer noch nicht im „Sweet Home“ wohnen.
Scheiß Corona.

Die Familie saß im Wohnzimmer und schauten eine niederländische Action Serie: „Furia“. In der Serie „Furia“ spielen zwei Protagonisten vier verschiedene Identitäten. Die Helden kämpfen in Oslo und Berlin – und im ländlichen Westen von Norwegen gegen eine furchterregende rechtsextreme Terrorzelle die zerschlagen werden muss.
Ich hatte am 16. August genügend Action live erlebt, da muss ich mir so etwas nicht anschauen.
Ich ging ins Zimmer von Saina und deckte sie ordentlich zu. Sie hat noch einen unruhigen Schlaf. Bei Amira war es damals auch so – bei ihr hielt dies fast 4 Jahre an. Ich hoffe, dass es bei Saina nicht so lange dauert. Mit meinen Eltern wollte ich meine Gedanken über Saina und ihre Mutter nicht diskutieren – nicht heute.

Mit einem Glas Weißwein setze ich mich in einen Sessel zu den anderen dreien. Amira und meinen Eltern saßen auf der großen Couch. Ich beobachtet sie heimlich und schaute immer wieder zum Fernseher.
Meine Eltern haben in dem eineinhalb Jahr, die sie nun bei mir leben, schon sehr viel niederländisch gelernt. Amira ist ein völlig anderer Mensch geworden. Dies mag am Alter liegen oder an der völlig anderen Welt zu Afghanistan. Ich weiß das Amira hochintelligent ist und wäre ihre Kindheit nicht so beschissen verlaufen, sie hätte Abitur gemacht und studiert – oder in Afghanistan sich mit einem Job in einem Supermarkt über Wasser gehalten. Mit 26 Jahren ist sie im Leitungsteam von Psychologen und Bestimmt in einer Kinder- und Jugendeinrichtung mit – und dies alles ohne Abitur und Studium.

„Mama, was hast du?“ Wie in Trance sah ich zu Amira und schüttelte den Kopf. „Nichts mein Engel. Ich war nur etwas abwesend. Ich möchte nächste Woche nach Schottland fliegen und würde Mama und Papa gerne mitnehmen.“ „Cool.“ Sagte Amira.
Ich erzähle von der Unterhaltung mit Joris und Violeta. Meine Eltern sahen mich an, als ob ich ein Verbrechen beichtete.
„Nila! Stell dir mal vor was dies kostet!“ Ich sah meine Mutter an und zog die Schultern hoch. „Mama, der Weg ist der gleiche, ob ich nun mit Saina fliege oder mit euch. Das Flugzeug wird auf die Strecke gebucht und nicht nach Personen. Wo also ist nun das Problem? Du warst zwei Monate täglich bei Lenara und ich möchte mich dafür erkenntlich zeigen. Auch Papa hat hier im Haus viel gearbeitet und ich war dankbar, dass er mit Amira im August nach Dänemark gekommen ist. Ich möchte euch eine Freude machen – und nicht daran denken was der Flug kostet. Mit einem normalen Linienflug wird es nicht unbedingt billiger sein. Am Montag habe ich noch ein Meeting mit meiner Ministerin. Also würden wir am Dienstag morgen fliegen.“ „Cool.“ Sagte Amira nochmal. „Mein Engel, wenn du mit möchtest, kannst du gerne mitfliegen.“
„Nee. Ik zal voor Lenara zorgen.“ (Nein. Ich werde mich um Lenara kümmern.)

Den Haag am Freitagmorgen. Die Personelle Veränderung

Um kurz nach 8 Uhr hatte ich eine Besprechung mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern angesetzt. Es wurde Zeit die inoffizielle Veränderung der Verwaltung und Leitung nun auch offiziell ins Protokoll, bzw. Register zu schreiben.

Da durch nicht glückliche Umstände mein Team aus Afghanistan nun in Europa ist, geht vieles schon bedeutet einfach.
Samira Ansary ist vom ersten Tag dabei und in all den Jahren hat sie mit mir unser Netzwerk aufgebaut und auch geführt. Somit ist es für mich logisch, dass sie ein Geschäftsführungsmandat in Den Haag bekommt. Die weiteren Geschäftsführungsmandate haben: Dr. med. Erik de Joost, Dr. phil. Marpe de Joost und ich.
Dr. jur Janina Huzaifa wird offiziell zum Januar 2022 die Leitung der Rechtsabteilung der Einrichtungen in den Niederlanden und Dänemark leiten. Janina ist als Anwältin ein Ausnahmetalent und kennt die Gesetze über Asyl- und Aufenthaltsrecht fast auswendig.
Zoja Jelani war schon immer die Frau für die Finanzen und wird diese gemeinsam mit Anjana Sandoval und Elly van Toit in den Niederlanden leiten.
Aafia Suhrab, Anisia Wazir und Soma Rasoli waren die letzten Jahre in Afghanistan für den kompletten Betriebsablauf zuständig und dies wir auch in Dänemark so sein. Als Geschäftsführerinnen wird ab Januar 2020 Frederice Petersen, Anisia Wazir und ich ins dänische Register eingetragen werden.
Aafia wird mit Gunnar Bjerregaard die Rechnungs- und Finanzabteilung inne haben.
Gunnar ist der Neffe von Mynte Damgaard, deren Haus wir im September kauften. Er kam Ende August auf uns zu, als er mitbekommen hatte, dass wir das Haus seiner Tante kaufen wollten und er dachte, wir würden Mynte über den Tisch ziehen. In den Gesprächen und Verträge konnten wir ihn davon überzeugen, dass dies nicht der Fall- und schon gar nicht gewollt ist.

Wie immer im Leben sind es die Zufälle, die Menschen zusammen bringt. Gunnar hat Finanzwirtschaft studiert und arbeitet bei einem großen Autozulieferer in Dänemark. Das Unternehmen wurde vor 5 Jahren von einem französischen Konzern zu 91 Prozent übernommen, und wie es immer so ist, zählen Zahlen und oft nicht die Menschen.
Gunnar sah und erkannte im September unsere Arbeit und wird zum 3. Januar 2022 die Finanzabteilung in Dänemark zusammen mit Aafia leiten und uns in den Niederlanden unterstützen. Darüber hinaus hat er noch zwei Mitarbeiter aus seiner Abteilung mitgebracht. Für die Zukunft sind wir in diesem Bereich sehr gut aufgestellt. 

Da wir auch Psychologen in Dänemark brauchen, wird dort die Leitung Mille Kjaer haben. Mille kam im August über Jasper zu uns und sie passt hundertprozentig ins Team. Dunya Azimi und Lamis Khatibi  waren schon vor mir in Gardez an der Schule Lehrerinnen und kennen natürlich über die Jahre die Traumata der Mädchen. Sie werden Mille in der Psychologie unterstützen. Die Sprachbarriere zwischen den Kindern und jungen Frauen zu Mille ist noch etwas schwierig. Da Dunya und Lamis sehr gutes englisch können, klappt dies seit September recht gut.
Die beiden rekrutierten Lehrerinnen aus Afghanistan, Maryam Rawan und Zeina Karimi, haben seit September eine Festanstellung und machen einen klasse Job. Beide sind vor Jahren nach Dänemark geflüchtet und bekamen ihre Ausbildungen als Lehrerinnen nicht anerkannt.

Mit dieser personellen Veränderungen an der Spitze von dem Grundgedanke, den Dr. med. Erik und Dr. med. Linda de Joost vor mehr als 27 Jahren hatten, und mit einem kleinen Haus in der Nähe von Den Haag entstanden ist, sind wir für die Zukunft in der europäischen Flüchtlingspolitik und Hilfe für Kinder und Jugendlichen sehr gut aufgestellt.

Aus einer Handvoll Ehrenamtlichen und Festangestellten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sind wir bei fast 100 Mitarbeitern_innen angelangt.
Als Erik und Marpe de Joost mir bereits 2016 die Leitung der Einrichtung nahelegten und ich diese dankend ablehnte und diese dann doch notgedrungen im April 2020 annahm, wusste ich nicht, was auf mich zu kommen wird. Heute gesehen waren die damaligen Probleme und der Beginn der Corona Pandemie ein Fliegenschiss.

Die Vernunft siegt

Natürlich hatte ich die letzten Wochen mit Erik, Linda und dem Stiftungsrat sehr viele Gespräche über meine Gedanken bezüglich der personellen Veränderungen geführt. Ich habe eineinhalb Jahre am Limit gelebt und gearbeitet. Auf Dauer ist dies kein Zustand, denn ich habe noch zwei Kinder um die ich mich kümmern muss und sollte. Amira wurde schneller erwachsen als ich es mir vorstellte. Die Zeit, wo ich sie quasi alleine in den Niederlanden gelassen haben, tut mir im Nachhinein sehr leid. Die Taliban haben mein Lebenswerk zerstört, für welches ich 14 Jahre unnötig gelebt habe.
Amira ist hochintelligent und dies sage ich nicht, weil ich ihre „Mutter“ bin – sondern weil es so ist. Sie wird in ihrem Leben noch vieles erreichen. Vor zwei Jahren war es Amiras Wunsch für ein Jahr nach Indien zu gehen um dort für „School of Hope“ zu arbeiten. Ich weiß, dass dieser Wunsch immer noch besteht und wenn sie dies machen möchte, ich sie dabei unterstützen werde. Die Zusage von Tim Grandage, dem Gründer dieser NGO, hat Amira schon seit einem Jahr.
Nun habe ich die Personelle Veränderung durchgebracht und werde endlich – bis der nächste Knall kommt, Zeit für mich und meine Familie haben.

Auch uns ist die desolate Situation von Flüchtlingen zwischen Weißrussland und Polen bekannt. Hier laufen auch seit August Verhandlungen mit den Behörden in den Niederlanden und neuerdings auch mit Dänemark. Wenn es uns gelingt wenigstens ein paar dieser Flüchtlinge aufzunehmen, hätten wir wieder ein paar Seelen gerettet.
Die Ablehnende Haltung der europäischen Staaten ist menschenverachtend und nicht hinnehmbar. In Kooperation mit einem Dutzend Organisationen hoffen wir auf eine Einsicht der Regierungen und dem Europarat. Auch wenn die drei Hauptsäulen des Europarats für Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie stehen, ist von diesem Rat doch wenig in der Flüchtlingspolitik zu sehen.
Wie schon geschrieben, die Probleme von einst waren ein Fliegenschiss.

Sonntag 5. Dezember, Brandwonden Klinik Rotterdam

Am Sonntag war ich lange bei Lenara und neben Spielen, Therapie und Lernen erzählte ich ihr von meinem Entschluss, nun noch mehr für sie da zu sein. Ich sagte ihr, dass am Dienstag Amira kommen werde und ich mit Saina, Oma und Opa nach Schottland fliegen werde.
Lenara war keineswegs traurig über das was ich ihr sagte. Sie freut sich riesig, ihre große Schwester wieder zu sehen. Amira würde viel öfter ins Krankenhaus kommen, wenn nicht diese Corona-Maßnahmen wären.

Lenara wurde in einem Spezialbad gewaschen und hatte anschließend noch ihre Bewegungstherapie.
Ich hatte in dieser Zeit mit Professor de Friese gesprochen und er zeigte mir die positiven Heilung der Epidermis und dem subkutanen Fettgewebe der Haut. Noch sei es aber zu früh, um mit absoluter Sicherheit sagen zu können, dass Lenara ihre Ersatzhaut auch annnimmt. Diesen Dämpfer der Hoffnung hätte er sich sparen können. Er setze dann aber auch fort, dass man in drei Monaten eine fast absolute Sicherheit haben werde. Also nochmals Monate der Ungewissheit.

Mit dem Leiter der Neurochirurgie, Dr. van Gastelen, sprach ich über meine Beurteilung der Kognitivität von Lenara und zeigte ihm die Tests, Vokabeln und Ausgabe, die Lenara machte und löste.
Seine ärztliche Begutachtung kam mit den Auswertungen des EEG und meinen Berichten auf einen Nenner.
Die Amplitude und Frequenzen sind bei ihr im normal Bereich. Das EEG wird alle zwei Wochen durchgeführt, um einfach eine Kontrolle der Veränderung zu haben. Einzig die Narkolepsie – also Schlafstörung, zeigt hin und wieder Veränderungen. Dies liegt an dem was Lenara erlebt hat und wird sich wohl kaum in ihrem Leben ändern lassen. Da ist Dr. van Gastelen mit mir einer Meinung.

Wir verglichen explizit die Auswertungen der Narkolepsie in den letzten eineinhalb Jahren und es brachte mir bei diesen Veränderungen die Tränen in die Augen. Welche Alpträume und seelischen Schmerzen Lenara hatte und hat, kann man deutlich sehen. Irgendwann wird die Zeit kommen, dass sie dies alles zu großen Teilen vergessen wird – hoffentlich.

Dr. van Gastelen druckte mit einen Fragebogen von dem renommierten Wissenschaftler Ed Diener aus. Dieners Satisfaction With Life Scale sollte ich mit Lenara ausfüllen. Ich las die Fragen und sah Dr. van Gastelen skeptisch an.
„Dr. van Gastelen, Ihnen ist die Lebensgeschichte von Lenara bekannt. Ich weiß nicht, wie sie auf die Frage: In den meisten Bereichen entspricht mein Leben
meinen Idealvorstellungen – antworten wird. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Lenara auch bei der letzten Frage diese sachlich beantwortet kann oder wird.“
„Frau Khalil, Sie sind eine sehr kluge Frau und unterrichten seit über einem Jahr ein Kind, welches nur seine Muttersprache konnte und auch nicht all zu lange in die Schule gehen konnte. Sie zeigen mit Vokabeltests in niederländischer und deutscher Sprache, die ich mehr als befriedigend beurteile. Ich bin Mediziner und sehe die Veränderungen an Menschen und deren Kognitivität anhand von modernster Technik. Ich möchte Sie bitten, mit mir dieses Experiment zu machen. Lenara wird bei diesen Fragen über das EEG überwacht. Wenn Sie der Meinung sind, Lenara schafft dies nicht, brechen wir das Experiment sofort ab.“ „Okay. Lassen Sie mir bitte noch etwas Zeit zum
Nachdenken. Ich möchte diese Fragen und ihr Experiment mit einer Psychologin absprechen.“

Ich ging auf die Intensivstation um mein Telefon zu holen. Auf dem Weg dorthin las ich die 5 Fragen auf dem Blatt. Ich möchte bei Lenara einen Flashback vermieden und dies daher erst mit Marpe absprechen.

Marpe kannte selbstverständlich diese Satisfaction With Life Scale und sagte mir einiges über diese Studien in den letzen 25 Jahren. Diese Satisfaction With Life Scale beschreibt das Glücksgefühl eines Menschen und diese 5 Fragen sind weltweit die gleichen.

„Wel, of het geluk is voor een meisje dat bijna levend verbrand werd, kan ik betwijfelen. Het is ook geen geluk dat ze al anderhalf jaar in het ziekenhuis ligt.“  (Naja, ob es Glück für ein Mädchen ist, dass fast lebendig verbrannt wurde, mag ich bezweifle. Es ist auch kein Glück, dass sie seit eineinhalb Jahren im Krankenhaus ist.)
„Nila, du sieht das negative bei Lenara. Natürlich ist es für sie kein Glück im Koma und im Krankenhaus zu liegen. Natürlich ist es kein Glück, dass sie weiß, sie wird noch viele Operationen vor sich haben. Es ist aber ihr Glück, dass du für sie da bist. Es ist ihr Glück, dass du ihre Mutter bist. Und es ist ihr Glück, dass sie lebt. Wird dieses Experiment Video überwacht?“
Diese Frage konnte ich Marpe nicht beantworten. Also ging ich wieder zu Dr. van Gastelen. Marpe sprach über mein Telefon mit ihm und sie würde gerne bei diesem Experiment zugeschaltet sein.

Da Marpe live dabei sein werde, sagte ich Dr. van Gastelen zu.
Lenara war mit ihrer Bewegungstherapie fertig und ich musste ihr irgendwie das bevorstehenden Experiment und die Fragen nach Glück erklären. Zu meinem Erstaunen sagte sie sofort zu.
Eine Krankenschwestern legte ihr eine Art Netz mit Sensoren auf den Kopf und schloss die Kabel an verschiedene Geräte an. Eine Kamera wurde auf der anderen Seite der Glasscheibe befestigt, also im Vorraum zu ihrem Zimmer. Über das Telefon war Marpe über Lautsprecher zugeschaltet und ich hörte sie, wie auch Dr. van Gastelen über die Sprechanlage vom Vorraum.
Ich nahm das Blatt mit den Fragen vom Tisch und hatte Bauchweh. Nochmals gingen mit meine Bedenken für ein Flashback durch den Kopf. Dr. van Gastelen zeigte mit dem Daumen nach oben. Ich nickte ihm zu.
„Bist du bereit mein Engel? Wir müssen dieses Experiment nicht machen.“ „Ich bin bereit. Du bist bei mir.“
Ich erklärte ihr nochmals die 7 Antworten und das sie diese nur ankreuzen brauche.

Antwort 1: trifft überhaupt nicht zu
Antwort 2: trifft nicht zu
Antwort 3: trifft eher nicht zu
Antwort 4: teils/ teils
Antwort 5: trifft eher zu
Antwort 6: trifft zu
Antwort 7: trifft vollständig zu

Ich stellte Lenara die erste Frage von dieser SWLS Skala
„In den meisten Bereichen entspricht mein Leben meinen Idealvorstellungen.“
Lenara sah mich an und fragte, ob sie nur mit diesen 7 Punkten antworten kann. Ich sagte ihr, dass es bei diesem Experiment nur um diese Punkte als Antwort gehe. Sie aber auch gerne erklären könne warum sie diese Antwort so gab.
„Okay.“ Sagte Lenara. Also stellte ich die erste Frage nochmal. „In den meisten Bereichen entspricht mein Leben meinen Idealvorstellungen.“ Antwort war 4.
Ich sah mit einem Auge auf die Glasscheibe und Dr. van Gastelen nickte. Ich sah zwar auf dem Monitor rechts von Lenaras Bett die Linien, Kurven und Frequenzen, konnte und kann diese nur bedingt zuordnen.

Frage 2: Meine Lebensbedingungen sind ausgezeichnet. Antwort Lenara: 4
Auch hier sah ich eine Veränderung der Kurven auf dem Monitor. Ich machte eine Pause und sah auf den Monitor, dass Lenara am denken war.
„Möchstest du über diese Frage reden?“ Dabei sah ich wieder leicht nach links zur Glasscheibe und sah Dr. van Gastelen nicken.
„Ich kenne kein anderes Leben. Zuhause war alles feucht und schmutzig und das Wasser war oft kalt. Heute war ich wieder im warmen Wasser und es gefällt mir. Das Essen zuhause war oft das gleiche. Jetzt habe ich anderes Essen und es schmeckt gut.“
Während Lenara dies erzählte, sah ich die Kurven/ Frequenzen auf dem Monitor von dem EEG und auch ihrer Herzfrequenz. Keine der Aufzeichnungen ging in den Negativbereich – also Stresssituationen.

Frage 3: Ich bin mit meinem Leben
zufrieden. Antwort Lenara: 6. „Seit du meine Mama bist, bin ich sehr zufrieden.“
Nun sah ich auch ohne großen Fachkenntnisse die Frequenzen in einen höheren Bericht gehen. Ich drückte ihr die Hand und streichelte mit meinen Handschuhen ihr Gesicht.

Frage 4: Bisher habe ich die wesentlichen
Dinge erreicht, die ich mir für mein
Leben wünsche. Antwort Lenara: „Ich werde gesund und habe eine liebe Familie.“ Sie machte ein Kreuz bei Antwort Nr.6.

Frage 5: Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, würde ich kaum etwas ändern. Antwort Lenara: „Alles.“ „Also Antwort Nummer 7?“ Lenara nickte.

„Danke mein Engel, du hast diese 5 Fragen schon beantwortet.“ „Darf ich noch etwas sagen?“ „Natürlich mein Engel.“ „Ich weiß von Oma welche Sogen du dir machst und wie sehr du dir wüschst, dass ich nach Hause kommen kann. Der Doktor und die Leute im Krankenhaus arbeiten für meine Gesundheit. Sie helfen mir. Du bist immer bei mir und ich sehe dein Herz in deinen Augen (Anm. Lenara meint meine Liebe zu ihr). Ich will auch nach Hause kommen und helfe dem Doktor und Jolien. Niemand kann etwas für meine Schmerzen. Sie helfen mir, damit meine Schmerzen weggehen.“
Dr. van Gastelen machte eine Bewegung mit der Hand und signalisierte mir, dass ich sie weiter reden lassen sollte.
„Mein Engel, die Ärzte in dieser Klinik sind die besten in den Niederlanden und sie alle helfen dir.“ „Ich weiß. Ich sehe meine Beine und bin glücklich. Ich habe noch Erinnerung an meine Beine bevor ich geschlafen habe.“ (Anm. Sie im künstlerischen Koma war.)  Ich streichelte das Gesicht von Lenara. Obwohl ich dies mit den Handschuhen tat, veränderten sich die Kurven auf den Monitoren. Um Bakterielle Infektionen zu vermeiden, kann oder sollte ich – und andere, Lenara nicht mit bloßen Händen anfassen.

„Mama, ich bin glücklich, dass du mich gerettet hast. Du zeigst mir Bilder von dem Land und ich möchte dort überall hin. Hier sind die Häuser schön angemalt und es ist so schön bunt.“ (Anm. Ich zeigte Lenara schon sehr viele Fotos aus den Niederlanden.) „Wir werden dies alles sehen, wenn du aus dem Krankenhaus kommst, dies verspreche ich dir. Leider darf ich keine Blumen in dein Zimmer stellen.“

Es war schon ein größeres Problem Spielsachen zu ihr zu bringen. Die LEGO Bausteinen steril zu bekommen war das kleinste Problem. Bei Plüschtieren wäre dies gar nicht möglich gewesen.
Die Firma Steri-Toys stellt für solche Fälle spezielle Plüschtiere her. Lenara hat einen Hasen und Bären von dieser Firma. Ihr Hase heißt „Sui“ und ihr Bär „Azizam“ übersetzt heißt es: mein Liebling.

Es ist für Kinder auf Intensivstationen schon schlimm genug, wenn sie dann noch nicht einmal ein Kuscheltier haben dürfen, gibt es nichts, an was sie sich halten können.

Mit „Sui“ im Arm sprach Lenara von ihren Träumen und ich musste mir öfter die Tränen wegwischen. Bei allem was sie sagte, wurden keine negativen Strömungen gemessen. Dr. van Gastelen hatte recht, Lenara ist klug und sie weiß mit dem umzugehen, was ihr angetan wurde.

Es war schon spät als ich mich schweren Herzens von Lenara verabschiedete. Sie wünsche uns einen schönen Aufenthalt in Schottland und würde sich auf Amira freuen. Ich sagte ihr, dass ich am Montag Nachmittag noch zu ihr in die Klinik kommen werde.
Ich ging noch ins Stationszimmer um sagte, dass Amira die nächsten Tage kommen werde und auch sie vollständig geimpft sei und ihre Kontakte in den letzten zwei Wochen nachweisen könne.

Ich dreht mich zum gehen um, als das Telefon im Stationszimmer klingelte. Ich ging zur Tür, als der Pfleger meinen Namen sagte und mir den Telefonhörer entgegen hielt. Am Telefon war Dr. van Gastelen. Er wollte mit mir sprechen. Ich sagte ihm, dass ich in sein Büro kommen werde.

Dr. van Gastelen hatte das EEG und das Video ausgewertet und sah mich, nachdem er mir dies alles sagte und gezeigt hatte, offen an. „Und? Wie zufrieden sind sie?“ „Was soll ich Ihnen sagen? Lenara akzeptiert ihr jetziges Schicksal und sie weiß auch, dass es besser wird. Ich sagte ihr den letzten Befund von Professor de Friese. Nach jetzigem Zeitpunkt ist eine weitere Operation nicht geplant. Er könne aber auch erst in drei Monaten eine absolute Gewissheit sagen.“ „Ich weiß. Lenara hat das Herz einer Löwin. Ich sprach nach dem kleinen Experiment mit Frau Dr. Marpe de Joost. Ich habe ihr das Video und auch die Aufzeichnungen vom EEG zwischenzeitlich zukommen lassen. Sie stimmt mit mir überein, dass Lenara sie als Mutter bedingungslos akzeptiert und sie auch liebt.“ „Dankeschön. Was bleibt ihr auch übrig? Lenara wird niemals nach Afghanistan zurückkehren. Meine Abteilungsleiterin für die Rechtsabteilung brachte ihre Eltern ins Gefängnis. Durch die Übernahme der Regierung seitens der Taliban sind diese nicht mehr im Gefängnis. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie nach ihrer Tochter suchen weden. Wenn doch – werden sie niemals auf die Niederlande kommen. Als ich im März 2020 die Vormundschaft für Lenara übernommen hatte, musste ich über ihr Leben bestimmen und welche Operationen gemacht werden. Wenn Lenara diese nicht überleben hätte, wäre es für mich genauso schlimm, als wenn sie mein leibliches Kind wäre. Sie wissen, dass ich ein Haus gekauft habe und dies auch zum Vorteil von Lenara umbauen ließ. Ich werde für Lenara die gleiche Mutter sein, wie für meine älteste Tochter Amira und die jüngste Saina.“
„Saina?“ Dr. van Gastelen sah mich fragend an. So erzählte ich ihm von dem Höllentripp am 16. August.

Auf dem Weg nach Hause rief ich Marpe an und sprach mit ihr über die Aussagen von Lenara.
„Ich hatte dir heute Nachmittag schon gesagt, dass du zu viel das negative siehst. Ich weiß nur zu gut, dass du alles schlechte von Lenara abhalten willst – sie weiß es auch! Sie kennt deine Sorgen, ohne das du es ihr sagst. Bei der zweiten Frage von SWLS sahst du zur Kamera, aber nicht zu Lenara. Ihr Blick auf dich sprach Bände. Nila, Lenara liebt dich und sie ist intelligent genug um zu wissen, welches Glück sie hat. Komm bei mir vorbei und schau dir das Video an. Schau dir ihre Augen und Mimik an. Ich weiß, dass du ihre Hand gehalten hast, aber du siehst auf dem Video mehr. Glaube es mir. Ich sprach vorhin noch lange mit Dr. van Gastelen. Er sah auch die positiven Linien und Frequenzen von Lenara.“ „Ik weet het. Ik heb net Dr. van Gastelen gezien.“ (Ich weiß. Ich habe gerade Dr. van Gastelen gesehen.)

Bei einem Glas Wein sah ich bei Marpe das Video und war doch überrascht, dass ich vieles an der Mimik von Lenara nicht gesehen habe – obwohl ich nur einen halben Meter von ihr entfernt gesessen habe.
„Ab Dienstag ist Amira bei ihr im Krankenhaus.“ „Ich weiß. Amira rief mich heute an. Deine Tochter bereitet sich vor. Lass Amira mal machen. Ich denke für beide wird es ein Befreiungsschlag sein. Sie haben im Grunde das gleiche Schicksal erlebt.“ „Ich will gar nicht wissen, was Amira mit dir gesprochen hat.“ „Wirst du auch nicht erfahren. Fällt unter die ärztliche Schweigepflicht.“ Ich lachte. „Ich weiß wie Amira denkt und wenn sie etwas im Kopf hat, kann ich sie davon nicht abhalten. Ich danke dir für alles. Nun fahre ich nach Hause. Die Nacht ist mal wieder viel zu kurz.“

Dienstag 7.Dezember, Noordhove 5.20 Uhr

Saina lag neben mir im Bett und ich sah ihr beim schlafen zu. Nun wurde ich wieder Mutter und wollte dies gar nicht – naja, passiert der ein oder anderen Frau auch unverhofft. Mit ihren drei Jahren wird Saina bald vieles vergessen haben und ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll.

Nach dem duschen checkte ich noch meine Mails und bereitete schon das Frühstück vor – bis zum Kaffee kochen schaffte ich es noch. Meine Mutter ist die Chefin im Haus und da ist es ein großer Fehler sie bei der Ausführung von ihrem Job zu hintern. Trotzdem umarmte ich meine Mutter, weil sie einfach die beste ist. Auch sie nahm vor 31 Jahren ein Kind an, welches sie nicht kannte und heute dadurch dreifache Großmutter ist. Wir sind schon eine sehr spezielle Familie.

Amira stürmte um 6.30 Uhr ins Haus und brachte gleich auf ihre Art Hektik in diesen schönen Morgen. Ich frage mich immer öfters ob sie dies von mir abgeschaut hat. Ich wollte diese Fragen nun endlich abgeschlossen wissen und fragte meine Mutter. Sie schüttelte den Kopf.
„Noi Nila, du bisch um einiges schläwwl (schlimmer). Bei dir muss älles jedzd ond soford sai. Amira lässchd einem wenigschdens no ebbes mehr Zeid. Wie die Muadr so die Dochdr.“ (Nein Nila, du bist um einiges schlimmer. Bei dir muss alles jetzt und sofort sein. Amira lässt einem wenigstens noch etwas Zeit. Wie die Mutter so die Tochter. )
Naja, dann war dies nun auch geklärt. Meine Mutter und Vater sind eindeutig die Ruhepole in meinem / unserem Leben – zum Glück!
Natürlich bin ich sehr dankbar bei der Unterstützung meiner Eltern in so vielen Dingen. Auch ist deren ruhige Art eine der wohl besten Therapien für Saina.
Kaum hatte ich dies zu Ende gedacht, kam mein Vater mit Saina auf dem Arm die Treppe herunter. Papa ist so stolz auf sein – was eigentlich? Er sieht sich selbst als Opa und somit ist Saina meine Tochter. Punkt.

Um kurz nach 7 Uhr rief Joris an und fragte, wann wir fliegen wollten. Ich sagte ihm, dass wir um 8 Uhr am Flugplatz seien.
Papa verstaute unser Gepäck in Amira Kombi und fragte mich mehrmals nach meiner Laptoptasche.
„Papa, ich mache Urlaub! Ich nehme bewusst meinen Laptop nicht mit.“ „Aber wenn…“ „Logge ich mich über den Laptop oder PC von Marcel ins System ein. Jeder weiß, dass ich in Urlaub fliege. Letztes Jahr hatte ich den Laptop mit in den Urlaub genommen und trotzdem gearbeitet. Nun muss die Welt eine Woche ohne mich auskommen.“
Ich nahm meinen Vater in den Arm und gab ihm einen Kuss. Er meint es ja nur gut mit mir.

An dem kleinen Flugplatz „The Hague Airport“ verabschiedete ich mich von Amira. Sie würde jetzt zu Lenara fahren und ich solle mir keine Sorgen machen. Ich gab Amira einen Kuss und streichelte ihre Haare. „Maus, ich mache mir keine Sorgen. Ich liebe dich.“

In der Cessna 172 setzte sich meine Mutter ins Cockpit zu Joris und war stolz wie eine Königin. Saina ließ ich ans Fenster links neben mir und schnalle sie an. Sie hatte etwas Angst, als Joris den Motor startete. Vor 14 Jahren zeigte Amira die gleiche Reaktion. Alles wiederholt sich im Leben.
Joris stieg langsam auf Dienstgipfenhöhe von 13.000 Fuß (etwas über 3.800 Meter) und flog auf Rotterdam zu, um dann nach rechts abzudrehen mit Kurs Nordwesten auf Norwich. Samira war von der Landschaft in dieser Höhe begeistert und sah die vielen Gebäude, Straßen und den Riesigen Hafen von Rotterdam.
Der Flug über die Nordsee war für die sehr Eintönig. Saina sah mich mit einem Blick an, dem tausend Worte nicht beschreiben können. Ich legte meinen Arm um sie und gab ihr einen Kuss. „Ich liebe dich mein Sonnenschein.“

Großbritannien kam in Sicht und Joris fragte, ob Saina zu ihm ins Cockpit möchte. Bei Oma auf dem Schoß sitzen strahlte sie wie eine Prinzessin. Joris erklärte meinen Mutter und Saina was die vielen Armaturen anzeigten.
Ich setze mich neben meinen Vater und legte meinen Kopf auf seine rechte Schulter. Wie sehr vermisste ich den letzten Jahren diese Nähe. Ohne das ich es wollte, kamen mir die Tränen. Mein Vater drückte mich fester an sich. Wir verstehen uns ohne Worte.

Edinburg kam in Sichtweite und ich sah dieses wunderschöne Stadt nun auch von oben. Es waren noch circa 230 Kilometer bis Inverness. Meine Eltern waren schon seit der letzten Stunde von der Weite unter uns fasziniert. Wartet mal bis ihr die Highlands seht – dachte ich bei mir. Nach 31 Jahren kann ich meinen Eltern endlich so vieles zurückgeben, wofür ich ihnen ewig dankbar bin.

Joris meldete sich um kurz vor 10 Uhr beim Tower INV – Inverness Airport an. Ich sah diese wunderschöne Landschaft immer näher kommen und hatte das Gefühl mit jedem Meter nach unten werde ich ruhiger.

Traumland ich komme

Der Inverness Airport gehört nicht zu den Hotspots der Luftfahrt. Es war wenig los und so konnte Joris sehr dicht ans Terminal fahren. Meine Mutter kam aus dem kleinen Cockpit auf mich zu und hatte Tränen in den Augen. Gern geschehen, Mama.

Nach dem Covid-Test ging es durch die kleine, aber schöne Halle, zum Ausgang. Ich sah schon die große, schmale Gestalt von Marcel und war froh ihn in die Arme nehmen zu können. Marcel hat eine Aura, die ich nach all den Jahren der Freundschaft nicht einordnen kann. Er tötet Menschen ohne Skrupel und kann im nächsten Moment der liebenswerteste und einfühlsamste Mensch dieser Welt sein.

Auf den knapp 15 Minuten Fahrt vom Flugplatz nach Nairn saß Saina auf meinem Schoß und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Gebäude sahen so ganz anders aus, als die die sie aus den Niederlanden kannte.
Marcel fuhr in die Einfahrt von seinem sehr schönen Haus und Haylie stürmte aus der Haustür auf den Wagen zu.
„Latha math, Nila.“ Sagte eine wunderschöne Frau mit Atemberaubend rötlichen Haaren zu mir und fiel mir um den Hals. „Latha math, Bonnie Banks. Nice to see you, my dear.“
Ich lerne Haylie 2007 in Afghanistan kennen, als sie dort im Einsatz als Krankenschwestern war. Haylie ist eine absolute Koryphäe in der Medizin. Wenn es sein müsste, würde sie bei Kerzenlicht einer Herzoperation assistieren.
Durch Lenara haben wir seit März 2020 einen sehr engen Kontakt und wenn ich mich für Maßnahmen oder Operationen entscheiden musste, war sie es, die mir die Schritte der Ärzte erklärte.
Wenn Marcel bei mir in Afghanistan war, war Haylie oft dabei und hatte sich um unsere Mädchen und Frauen gekümmert. Den Chirurgen in Afghanistan macht sie fast alle etwas vor.

Nach einem typisch schottischen Frühstück aus Spiegeleiern, Toast, Bacon, Hash Browns (ist einer Art Kartoffelpfannkuchen), Tattie Scones (Kartoffelbrötchen) und gegrillten Tomaten, fuhren wir in die Innenstadt von Inverness.

Haylie wollte unbedingt für Saina einen original schottischen Kilt kaufen – gibt es auch für Mädchen. Natürlich durfte die original Tartan Weste nicht fehlen. Jegliche Argumente von mir, dass Saina mittlerweile mehr als genügend Kleidung hätte, liefen ins leere.
Als Saina endlich nach der Vorstellung von Haylie gekleidet war, ging es weiter in die Innenstadt. Inverness ist gepflastert mit Souvenirs jeglicher Art von Nessie, dies entging auch Saina nicht. Ich erklärte ihr, dass wir morgen zu Loch Ness fahren werden, um Nessie zu suchen. Es gibt im paschtunichen keine ordentliche Übersetzung für Nessie. Ungeheuer, Drachen oder Monster beschreiben Nessie nicht. Saina hatte Angst und wollte dann doch nicht zu Loch Ness.
Im nächsten Souvenirs Laden sah Saina Plüschtiere von Nessie, die von 12 Zentimeter bis eineinhalb Meter Größe reichten. Da Nessie nicht nach Monster aussah und es dies ja schließlich als Kuscheltier gab, beschloss Samira für sich keine Angst vor Nessie haben zu müssen. Kindliche Logik.

8. Dezember. Das Ungeheuer wird gefüttert

Noch vor dem Frühstück fragte mich Saina, was denn Nessie essen würde, ob Nessie ein Bett und Haus hätte und ob Nessie Freunden hätte.
Was sollte ich einem Kind mit einem überdimensionalen Stofftier im Bett antworten? (Anm.: Auf den Plastikaugen und Plastiknasenspitze von Nessie schläft es sich nicht gut. Auch ist eine Ausziehcouch mit Saina, Nessie und mir an ihrer Kapazität angelangt.)
Ich deckte Nessie das Stofftier zu und sagte Saina, dass Nessie eine schöne Höhle mit eben auch einem sehr großen Bett hätte. Die Freunde wären die anderen Seebewohner. Bei der Frage nach dem Essen musste ich passen.

Am Frühstückstisch stellt Saina nochmals die Frage nach dem Essen von Nessie. Haylie meinte, dass Nessie sehr gerne Haferflocken essen würde. So entschied Saina, dass Nessie von ihr Haferflocken bekommen werde.

Nach dem Frühstück fuhren wir alle zu Loch Ness. Von Inverness ist man in circa 30 Minuten am Chanonry Point. Dort ist ein Leuchtturm, Informationscentrum und ein Delphin Aquarium.
Da auch die beiden Söhne von Haylie und Marcel mit wollten, mussten wir mit zwei Autos fahren. Der Einfachheithalber fuhr ich mit Saina in der „Familiekutsche“ bei Haylie mit und meine Eltern im Sportwagen von Marcel. Obwohl Haylie schon ein sehr großes Auto hat, ist die Hälfte vom Kofferraum mit zwei großen Taschen belegt. Haylie arbeitet für zwei große Hilfsorganisationen und wenn es irgendwo auf der Welt eine größere Katastrophe gibt, ist sie binnen 24 Stunden an jedem Ort dieser Welt. Eigentlich müsste sie gar nicht arbeiten, denn Marcel verdiene vor meiner Zeit – also bevor er mein Bodyguard wurde, sehr viel Geld für die Eliminierung „Feindlicher Objekte“.

Obwohl Haylie recht zügig fuhr, glitt diese wunderschöne Landschaft wie in Zeitlupe an mir vorbei. Wenn Gott die Erde gebaut hat, hat er sich bei Schottland sehr viel Zeit gelassen. In den letzten 10 Jahren war ich schon oft in Schottland gewesen, entweder für ein paar Tage alleine oder eineinhalb Wochen mit Amira und trotzdem hört diese Schönheit und Weite dieser Landschaft nicht auf zu wirken.

Da die erst Vorführung im Delifnarium erst am Nachmittag war, buchten wir uns ein Ausflugsboot um zu Nessie zu fahren.
Samira frage ständig wann wir den endlich bei Nessie seien. Meine Eltern waren von der Schönheit der Landschaft völlig in den Bann gezogen. Auch wenn es im Dezember auf dem Wasser sehr kühl ist, saß ich hinter der kleinen Passagierkabine an der Wand und genoss die frische kühle und angenehme Luft.
Wir fuhren mit dem Boot Richtung Meer und man merkte schon den Seegang.
Sechs Seemeilen über Covesea stoppte der Skipper sein Boot. Wir waren an der Nordsee und fast am Ende von Europa. Weiter nach Nordenwesten kommt nur noch die Färöer Insel und Island. Links vom Boot sah man die Nord West Highlands und recht das offene Meer. Ich hatte Saina auf dem Schoß und sie kuschelte sich an mich. Ich erklärte ihr, wo wir in diesem Augenblick mit dem kleinen Boot seien und wir nun ausschau nach Nessie halten.

Saina fragte mich, ob Nessie kommen würde, wenn sie Haferflocken ins Wasser schmeißen würde. Nach der Fütterung von zwei Packen Haferflocken und eine Tüte mit altem Brot, war das Boot von Möven umlagert, aber Nessie kam war nicht zu sehen.
Ich sagte zu Saina es könnte vielleicht auch daran liegen, dass Nessie lieber Leberwurstbrot mag als Haferflocken.
Nach guten 30 Minuten Aufenthalt drehte der Skipper das Boot und wir fuhren zurück. Für meine Eltern und mich war der Geruch der Nordsee eine Wohltat.

9. Dezember irgendwo in den Highlands

Nach dem Frühstück fuhr ich mit Haylie in die Highlands. Ich brauchte diese Zeit für mich alleine. Mit Haylie kann ich über sehr vieles reden. Wir sind wie Schwester. Sie ist drei Jahre älter als ich und ich kann sagen, dass wir irgendwie Seelenverwandt sind. Drei Stunden wandern mit guten Gesprächen und diese grandiosen Landschaft sind die beste Therapie dieser Welt. Haylie hörte meinen Sorgen zu und hatte auf alles irgendwie eine Antwort.

Je länger ich mit ihr sprach, umso mehr fiel Ballast von meiner Seele. Ich sagte ihr auch von meiner Überlegung, Marcel ins Team zu holen. Da ich mlt aller Wahrscheinlichkeit nie mehr nach Afghanistan zurückkehren kann, wäre er sowieso Arbeitslos. Seine Gedanken und Ideen bei so vielen Konzepten waren immer richtig.
Da saßen wir an einer kleinen Kapelle auf einer 500 Jahren alten Steinbank und ich überlegte, wie ich einen ehemaligen Auftragskiller in ein Kinder- und Jugendprojekt integrieren kann.
Marcel ist kein schlechter Mensch! Ihm wurde als Kind immer gesagt, dass die anderen Menschen böse seien und diese bekämpfen werden müssten. Marcel tötete im vielen Ländern der Welt Menschen – sogar zwei Bodyguards von Joseph Kabila Kabange im Kongo. Er schaffte aber auch drei Kriegsverbrecher aus Jugoslawien vor den Europäischen Strafgerichtshof und er war maßgeblich bei Bau meines ersten Frauenhaus beteiligt.
Ich persönlich achte kaum einen Menschen auf dieser Welt mehr, wie Marcel. Aus einem Menschenhasser wurde ein Menschenfreund – der aber auch sehr gefährlich sein kann. Ich habe ihm über 10 Jahre mein Leben anvertraut und möchte mich nun revanchieren. Haylie meinte, Marcel liebt mich wie seine Schwester und er wird immer für mich da sein.
Wer weiß, was im Leben noch alles auf mich zukommt. Da ist es wichtig, solche Menschen an seine Seite zu wissen.

Nairn, Donnerstagabend

Meine Mutter sollte mal wieder Käsespätzle machen. Da muss eine Frau aus Afghanistan schwäbische Esskuktur nach Schottland bringen. Kann man sich auch nicht ausdenken.
In der wunderschönen Galerie im Dachgeschoss sprach ich mit Marcel über meine Gedanken, die ich am Vormittag schon Haylie sagte. Da er diese Arbeit fast ausschließlich von zu Hause machen könnte, stimmte er sofort zu.

Nach gefühlten 20 Kilo Käsespätzle essen, fuhren meine Eltern, Haylie, Marcel und ich nach Inverness in einen Pub. Die Kinder „parkten“ wir bei den Eltern von Haylie. Saina wurde schon am Dienstag überschwängliche gedrückt und geliebt. Nun im Haus von Haylies Eltern war sie sofort das Nesthäkchen.
Muira und Fergus sind in fast gleichen Alter wie meine Eltern und waren sich am Dienstag schon von der ersten Sekunde an sympathisch. Da meine Eltern sehr gutes
englisch (kein schottisch) können, ist die Kommunikation auch gesichert. Man muss dem Schotten schon genau zuhören, was sie einem auf „englisch“ sagen möchten.

Mit gutem Gewissen konnte ich Saina bei Muria und Fergus lassen, sodass wir einen freien Abend hatten.
In einem sehr schönen und gemütlichen Pub bestelle Marcel gleich für jeden von uns einen Sündhaft teuren Whisky. Die meisten Single Malts werden mit Altersangabe verkauft. Diese fängt meistens bei ca. 8 Jahren an und endet dann irgendwo zwischen 20 und 30 Jahren. Das Mindestalter für Whisky ist 3 Jahre. In den meisten Fällen kann man sagen, dass mit steigendem Alter auch der Preis des Whisky deutlich höher wird. Da ich Whisky mit einem zu hohen Alkoholgehalt nicht mag, bestelle Marcel eine Runde Single Malt dessen Herstellung vor 2010 war. Für das eine Glas Whisky brauchte ich den ganzen Abend. Ich konnte ja schlecht Cola in diesen exorbitant teuren Whisky machen. Dies wäre in dem Pub einem Selbstmord gleich gekommen. Mit Guinness, was ich persönlich sehr mag, weil es leicht im Alkoholgehalt und auch noch lecker ist, hatten wir einen sehr schönen Abend. Meinem Vater hatte das alkoholische Kaltgetränk sehr gut geschmeckt, denn ich habe in all den Jahren meinen Vater noch nie besoffen gesehen. Mit jedem weiteren Guinness und Whisky klappe auch die Verständnis mit den zwei Paaren am Nachbartisch immer besser.

Samstag, 11. Dezember im Wellness Hotel

Nach dem Frühstück sagte mir Haylie, dass sie mich nach Tain in ein Wellness Hotel einladen möchte. Da sie dies bereits am Mittwoch gebucht hatte, konnte ich nicht mehr Nein sagen.
Die eine Stunde Fahrt genoss ich mit wieder grandiosen Bilder dieser Landschaft.
Durch Corona ist auch in Schottland vielen nur mit Buchungen und Tests möglich. Ich kann zwar meine Impfungen nachweisen, trotzdem bestand das Hotel auf einen Test, denn ich freiwillig machte. Die Mitarbeiter möchten sich schließlich auch schützen und gesund bleiben. Wenn ich an die Querdenker im Rest von Europa denke, sind die Schotten mit den Corona Maßnahmen viel lockerer. Es muss so sein – dann macht man dies eben. Schottland hat bis jetzt circa 10.000 Todesfälle zur diesen Virus, wohingegen Großbritannien fast 150.000 Todesfälle hat.

Der Wellnesstag begann mit einem Moorbad, dann Massage, Sauna, schwimmen und relaxen. Nach einem wunderbaren Vital-Mittagessen ging es wieder in die Sauna. Nach der finnisch sauna – also bei 95°, im Freibad zu schwimmen ist unbeschreiblich. Oder wenn man nach einem Saunagang im Winter auf einer Liegewiese ruht und der Schnee fällt, kann ich gar nicht beschreiben. Ich selbst habe eine Sauna am Haus und konnte diese erst einmal benutzen – auch dies wird sich in Zukunft ändern.
Wie immer waren 8 Stunden mit Wellness, Sauna und Massage viel zu schnell vorbei. Da Haylie am Morgen beschlossen hatte, dass wir einen Mädelstag machen, war dieser natürlich mit dem Besuch im Wellness Hotel nicht vorbei.
In Foulis Ferry kehrten wir in ein schönes kleines Restaurant ein. Die schottische Küche ist nicht jedem sein Geschmack. In dem kleinen Restaurant gab es wunderbare Fischgerichte.

Von dem Restaurant hatte man einen wunderbaren Blick auf den Cromarty Firth.
Da wir den ganzen Abend Zeit hatten, bestelle Haylie das Essen für eine Stunde später. Mit Scottish Coffee und einer dicken Decke saßen wir auf der Terrasse und genossen die Zeit bei Gesprächen und dem immer dunkler werdenden Abend.
Haylie fragte mich, wann ich zurück nach Den Haag fliegen werden. Ich wollte eigentlich: nie wiede, antworteten und sofort waren die Sorgen um Lenara wieder da. Bonnie versprach mir, sobald Lenara aus dem Krankenhaus wäre, würde sie zu mir in die Niederlande kommen um mir zu helfen. Viele Gedanken versuche ich immer wieder zu verdrängen. Wie packe ich Lenara von Bett in den Rollstuhl? Wie kann ich sie waschen? Welche Pflege braucht ihre Haut?
Tausende Fragen auf die ich zum Teil nur theoretische Antworten bekommen habe.

Meinen Eltern sagte ich vor einer Woche, dass wir nur für ein paar Tage nach Schottland fliegen werde, und nun möchte ich so schnell nicht zurück.
Mein Smartphone meldete sich und ich sah die täglich Nachricht von Anisia die mir gegen Abend eine Zusammenfassung des Tages schickte. Anisia ist sehr besorgt um mich und schreibt nach jedem Absatz: اندیښنه مه کوه ( mach dir keine Sorgen.)
Es dauerte nicht lange als die Mail von Samira aus den Niederlanden kam. Im Anhang hatte sie ein Schreiben vom Ministerium, in dem stand, dass ein nächster Lockdown bevorsteht.
Dies habe ich im August schon gewusst. Wir sind in der Einrichtung bestens darauf vorbereitet.
Auch meine beste Freundin und Langjährige Weggefährin macht sich Sorgen um mich und endet jede Mail mit dem Satz: Baby, es läuft alles.

Sonntag, 12. Dezember und  26. Dezember 2021

Saina schlief friedlich neben mir und ich streichelte ihre Haare. Auch wenn meine Kontakte in Afghanistan ihre Mutter irgendwie finden würden, ich werde Saina nicht mehr zurück geben. Darf ich einen solchen Anspruch überhaupt stellen? Natürlich würde ich alles versuchen, damit ihre Mutter nach Europa kommen könnte und dann wäre Saina nicht mehr meine Tochter. Was habe ich nur wieder angestellt? Ich kann ein Kind doch nicht auf Raten lieben. Zumal ich gar nicht weiß, wie lange diese Raten dauern.

Amira rief mich an und erzählte von den letzten beiden Tagen mit Lenara. Beide haben offensichtlich sehr viel Spaß zusammen. Auch hier und jetzt verlange ich von Amira vielleicht viel zu viel. Auch wenn sie sagt, sie kümmert sich sehr gerne um Lenara, ist es für eine 26-jährige doch eine riesige Belastung. Warum kann mein Leben nicht ganz normal verlaufen?
Ich sagte Amira, dass ich gerne noch ein paar Tage länger in Schottland bleiben möchte. Sie meinte nur: cool.
Also hatte ich von meiner ältesten Tochter schon mal die Freigabe.
Saina wurde wach und ich gab ihr mein Telefon, damit sie mit ihrer Schwester reden konnte.

Mit Tee saß ich auf der Veranda und genoss den Morgen. Hier an diesem Ort schien die Zeit viel langsamer zu gehen.
Marcel kam vom joggen zurück und gab mir einen Kuss. Marcel ist 56 Jahre alt und hat einen extrem sportlichen, durchtrainierten und sexy Body. Er ist durch und durch ein sehr schöner Mann: groß, schlank, schöne Augen, charmantes Lächeln, klug und eine Aura wie ich sie selten bei einem Menschen gesehen habe. Wenn er einen Raum betritt, weiß jeder das er da ist. Dies kann ich neidvoll anerkennen – schade, dass er verheiratet ist.
Natürlich hatte Marcel in den letzten Jahren schon öfters bei mir im Bett gelegen und mich festgehalten oder getröstet – aber mehr auch nicht. Dies würde und könnte ich Bonnie Banks niemals antun. Sie zählt zu meinen besten Freundinnen. Dies weiß sie auch. Und auch Marcel kennt seinen Platz bei seiner Frau. Auch wenn Marcel der Killer im Haus ist, ich glaube wenn Marcel etwas mit einer anderen Frau hätte, würde Haylie seinen Job übernehmen und ihn unter die Erde bringen. Einen solchen Mann teilt man nicht gerne.

Beim Frühstück fragte ich meine Eltern, wann sie zurück fliegen möchten. Die Zeitangabe: irgendwann – kann man nun sehen wie man möchte. Also bleiben wir bis zu Freitag.
Am Vormittag machten wir uns alle, auch Muira und Fergus, auf zu einen Ausflug in die Nord West Highlands zum Loch Fleet.
Mir tat diese Zeit mit so liebevollen und wunderbaren Menschen gut. Papa hatte Saina auf seinen Schultern sitzen und er war so stolz in seiner Rolle als Opa. Ich glaube es würde ihm das Herz brechen, wenn ich Saina an ihre Mutter zurückgeben müsste.
Die Behörden in den Niederlanden werden einer Adoption erst in zwei Jahren zustimmen. Solange hat Saina bei mir ein Duldungs- und Aufenthaltsrecht. Soll heißen: das kein Jugendamt plötzlich auf die Idee kommen kann Saina in ein Heim zu stecken oder gar auszuweisen. Um den Behörden in Den Haag schon mal zu zeigen, wo der Hammer hängt, war ich mit Janina im Ministerium und wir hatten denen einen Katalog an Gesetze zum Schutz von Minderjährigen vorgelegt.
Heute muss man mit jeglicher Willkür von Behörden rechnen. Bei Lenara sind die Behörden froh, dass sie sich dies nicht antun müssen. Die Kosten für eine Heimunterbringung wäre astronomischen teuer.
Mir wurden zum Umbau meines Hauses 10.000 € bewilligt, damit ich ein Behindertengerechtes Bad bauen konnte. Auch wird sich an einem Spezial Rollstuhl und Bett beteiligt. Als ich im Juli den Kostenvoranschlag sah, blieb mir für einen Augenblick das Herz steht. Durch den Verkauf von dem Haus meiner Eltern in Stuttgart, gaben sie sofort 20.000 € – was bei weitem noch nicht die Hälfte ist! Lenara wird das beste Equipment bekommen, welches zur Zeit auf dem Markt gibt.

Nun komme ich endlich zum Schluss von meinen Gedanken und wünsche euch allen einen guten Start ins neue Jahr.

Nila Khalil,  Den Haag, 26. Dezember 2021

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Über Nilakhalil

Mein Name ist Nila. Ich wurde 1980 in Afghanistan geboren. Als der Krieg der Sowjets bereits 10 Jahre dauerte und die Lebensverhältnisse immer schlechter wurden, bin ich im Frühjahr 1990 mit Verwandten, ohne meine Eltern, sie hatten das Geld für ihre Flucht nicht, nach Deutschland geflohen. Die Flucht ging über den Iran, Türkei, Bulgarien, Rumänien, Österreich bis schließlich nach Deutschland. Ich erlebte als Kind Tod, Gewalt, Hass, Hunger und Angst. Zu Beginn unserer Flucht trat mein Cousin auf eine Landmine und wurde buchstäblich wenige Meter neben mir zerfetzt. Der Krieg und aufkommende Terror der links und rechts von uns tobte, ließ uns nur Nachts wandern. Die Gefahr aufgegriffen zu werden, war zu groß. Flüchtigslager im Iran Im Iran lebten wir zwei Wochen in einem Flüchtigslager mit vielen anderen Afghanen. Zu viel Gewalt und zuwenig Toiletten war eine unerträglich Situation. Meine Onkel beschloss, dass es keine Sinn machen würde im Iran auf irgend eine Besserung zu warten. Ein Fahrer mit einem Pickup sollte unsere kleine sieben köpfige Gruppe an die Grenze der Türkei bringen. Nach wenigen Stunden ging das Auto "kaputt" und wir mussten wieder laufen. Heute weiß ich, es war Absicht von dem Fahrer, denn Geld bekam mein Onkel nicht mehr zurück. Humanitäre Hilfe in der Türkei In der Türkei bekamen wir in einer Einrichtung vom Roten Halbmond Lebensmittel und neue Kleider. Meine Tante, dessen Sohn auf die Landmine trat, bekam fürchterliche Bauchschmerzen und musste ins Krankenhaus. Die Blinddarm Operation musste mein Onkel bezahlen. Nach der zweiwöchigen Zwangspause ging es weiter nach Bulgarien. Mal mit dem Bus und wieder weite Strecken zu Fuß. Ich hatte überhaupt kein Zeitgefühl mehr. Schmerzen in den Beinen und Sonnenbrand auf der Haut. In Bulgarien In der Nähe von Sofa wurden wir in ein Gefängnis eingesperrt. Ein feuchtes Kellerloch beschreibt es besser. Mein Onkel bezahlte "Lösegeld" und nach zwei Tagen wurden wir endlich entlassen. Gingen wir durch Ortschaften,  wurden wir beschimpft oder sogar mit Steinen beworfen. Also gingen wir wieder nur Nachts. In Rumänien Rumänien war 1990 das Armenhaus von Europa und das brutale Regime von Ceaușescu war noch überall spürbar. Am Tag hatten wir uns vor der Polizei und Bevölkerung versteckt und fast jede Nacht sind wir gelaufen. Immer auf der Hut vor der Polizei oder anderen Autos. In Österreich Im September sind wir in Österreich angekommen und ich musste völlig entkräftet und abgemagert in ein Spital. Ich hatte selbst zum weinen keine Kraft mehr. Ich konnte nicht mehr und wollte auch nicht mehr weiter. Mein Onkel und seine Frau hatte in Afghanistan studiert und konnten mehrer Sprachen. Mit dem Behörden wurde verhandelt, dass wir nach Deutschland zu unseren Verwandten durften. Unsere Verwandten die ich gar nicht kannte, kamen aus Stuttgart, Bochum und Oberhausen uns abholen. Ich sollte zu Mila und Milad Faani  nach Stuttgart. Beide sind 1980 mit mitte 20 schon geflohen. Als wir in Salzburg über die Grenze fuhren und Mila mir sagte, dass ich nun in Deutschland und in Sicherheit sei, fing ich an zu weinen. In Stuttgart Wangen in der Nätherstraße begann mein neues Leben. Am Nachmittag saßen alle im Haus bei Mila und Milad und sprachen sehr viel. Ich hörte den Gesprächen bei warmen Kakao und Käsekuchen zu. Vieles konnte ich damals nicht begreifen, oder wollte es auch nicht. Die erste Nacht im eigenen Bett war für mich eine Wohltat. Mila schlief bei mir und hielt mich fest. "Ich bin nicht deine Mutter, werde aber mein Bestes geben. Dies verspreche ich dir." Mila hatte in Afghanistan BWL studiert und arbeitete seit 1981 bei Mercedes-Benz in der Verwaltung. Milad hatte Maschinenbau studiert und war bei Mercedes-Benz Vorarbeiter. Milad hatte bei Mercedes als Fließbandarbeiter angefangen und Ende der 80er seinen Meisterbrief gemacht. Beide erzogen mich in einem freien, liberalen und weltoffen Denken, wofür ich ihnen heute noch sehr dankbar bin. Mila und eine pensionierte Lehrerin aus der Nachbarschaft unterrichteten mich in deutsch. Ich musste eine völlig neue Schrift, Sprache und Kultur lernen. Im Frühjahr 1991 musste ich bei der Jugendbehörde einen Eignungstest machen, um festzustellen für welche Schule ich geeignet sei. Ich konnte auf die Realschule. Dort blieb ich auch und machte meine Mittlere Reife. Nach der Schule lernte ich Bürokauffrau und arbeitete auch in diesem Beruf. Ich sparte Geld um meine Eltern nach Deutschland zu holen. Ich hatte bereits den deutschen Pass und wollte über die Familiezuführung dies erreichen. Der Alptraum Im Sommer 2005 kam ein Anruf aus Afghanistan und Milad wurde mitgeteilt, dass mein Vater bei einem Bombenanschlag ums Leben gekommen war. 12 Personen seien bei diesem Terroranschlag getötet worden. Die Leiche von meinem Vater sei bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Als mir Mila und Milad dies mitteilten, schrie und heulte ich: "Ich muss zurück nach Afghanistan! Ich muss!" Alles reden von den beiden brachte nichts. Am nächsten Morgen rief ich meine Chefin an und sagte ihr von meinem Entschluss. Drei Tage später saß ich im Flugzeug auf dem Weg nach Kabul. Raus aus dem Paradies, hinein in den Krieg. Da stand ich nun mit meinen 25 Jahren in einem Land, dass nicht meine Heimat war. Meine Mutter überlebte schwerst traumatisiert diesen Anschlag und ich kümmerte mich um sie so gut es unter den Umständen möglich war. Durch Zufall traf ich Shabnam, meine ehemalige Lehrerin, in der Stadt und sie hatte nach unserem Gespräch die absurde Idee, dass ich Lehrerin werden sollte. "Du bist ein kluges Mädchen und so etwas braucht diese Stadt." Mein Beruf war schon besiegelt ohne das ich gefragt wurde. Shabnam hatte Anfang der 70er in Deutschland Lehramt studiert und sie brachte mir all ihr Wissen bei. So wurde ich im Herbst 2005 Lehrerin an einer Mädchenschule in dem Land, aus dem ich 15 Jahre zuvor geflohen war. Von einer Freundin hörte ich von einem Frauenhaus in den Bergen zu Pakistan und fuhr eines Tages mit meinem alten Datsun dieses Haus suchen. Was ich vorfand war mehr ein großes Gebäude das irgendwie nach einem Haus aussah. Tristesse auf dem gesamten Gelände und Mädchen die durch Zwangsheirat traumatisiert waren, vegetierten vor sich hin. Der Leiterin des Frauenhauses erzählte ich von meiner Wunsch, den Mädchen und jungen Frauen etwas Bildung beizubringen. Svea war von der Idee begeistert und so fuhr ich alle zwei Wochen die fast 100 Kilometer zu dem Frauenhaus um den Mädchen die Grundformen von lesen und schreiben beizubringen. Im Sommer 2006 wurde ich von meinen Lehrerkolleginnen als Direktorin der Schule einstimmig vorgeschlagen und so nahm ich die neuen Herausforderungen an. Neben all dem pflegte ich noch meine Mutter und wusste oft nicht, wie ich überhaupt noch an sie ran kommen könnte. Sie war oft sehr apathisch und starrte ins Leere. Oft weinten wir zusammen und ich wusste keinen Rat mehr. Im Herbst 2006 fand ich sie eines Morgens tot im Bett - sie hatte den Freitod gewählt. Nun war ich ganz alleine. Mein Geld in einer Keksdose und den deutschen Pass vor mir auf dem Tisch, brachten mich zum zweifeln. Ich hatte das Privileg um in wenigen Stunden das Land verlassen zu können. Mein Verstand schrie: geh. Mein Herz sagte: bleib. Ich hatte plötzlich eine Verantwortung die ich nie wollte. Ich hatte Kolleginnen die an mich glaubten. Ich unterrichtete Kinden in der Schule und im Frauenhaus, die an mich glaubten. Die Zufälle im Leben Im Frühjahr 2007 traf ich in meiner Stadt einen deutschen, der sich die Projekte von Deutschland anschauen wollte, die ab 1968 in Gardez gebaut wurden. Unter anderem auch meine Schule. Mit ihm, einem Kamerateam aus Australien und einer Journalistin aus den USA fuhr ich in das Frauenhaus in die Berge in der Nähe von Pakistan. Er war der Mann, der den Stein ins rollen brachte. Seine Kontakte aus früheren Jahren in der Humanitären Hilfe in Kambodscha und Thailand waren der Grundstein für eine Hilfsorganisationen die in meinem Beisein in Istanbul gegründet wurde. In vier Tagen wurde etwas geschaffen, von dem ich nie zu träumen gewagt hätte. Ich wurde die Direktorin einer Stiftung, die sich um zwangsverheiratete und misshandelte Mädchen kümmert und von Anfang an über eine unglaubliche Summe Geld verfügte. Durch Zufall trafen wir einen Major der US Armee im PRT ( Provincial Reconstruction Teams) Khost und in ihm fand ich und wir einen Menschen der an das Frauenhaus glaubte. Major Roger Juarez stellte Soldaten für uns ab, die halfen das Frauenhaus etwas bewohnbarer zu machen. Roger schickte zwei Militär Ärztinnen an das Frauenhaus und sorge auch dafür, dass dringende Operationen von den Mädchen im Camphospital durchgeführt wurden. Mit dem unglaublich vielen Geld der neuen Stiftung wurde ein Frauenhaus nach meinen Vorstellungen an einem geheimen Ort gebaut. Auch da war Roger der Chef und nach seinem Architekten Plan wurde das erste Frauenhaus unserer Stiftung quasi aus dem Boden gestampft. Wir wurden auf drängen von Roger auch vom PRT in Gardez mit sehr viel Hilfe unterstützt. Ich kann sagen, dass mir die US Armee in vielen vielen Bereichen tatkräftige Unterstützung gab und ich lernte Menschen und keine Soldaten kennen. Im April 2007 wurde ich auf nicht gerade legalen Weg Mutter von einem 12-jährigen Mädchen. Mit ihr hatte ich viele Probleme durch ihre traumatische Erlebnisse. Die ersten Schritte in die Politik Ab 2010 ging es für mich in die Lokalpolitik. Ich wollte mich nie politisch engagieren, sah aber ein, dass ich diesen Schritt gehen musste um voran zukommen. Mit einem jungen und engagierten Team in der Schule in Gardez ging es nun auch auf politischer Ebene voran. Wir wurden als die Speerspitze der neuen Frauenbewegung in Afghanistan gesehen. Schnell sprach sich in den Kreise von Dr. Sima Samar herum, was wir bewegten. Sima brachte mich zu UNAMA und plötzlich war ich bei der größten Institution der Welt: der UNO. Ich schaffte mich vom einfachen Mitglied der UNAMA hoch bis zur Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen in Genf. Als ehemaliges Flüchtlingskind zur Bürokauffrau und dann Lehrerin bis hin zur Menschenrechtlerin ist ein Weg, den ich nie zu träumen gewagt hätte. Durch meinen Ehrgeiz und mein Auftreten selbst vor der Regierung in Afghanistan machte ich mir nicht nur Freunde. Es war zum Teil Lebensgefährlich was ich tat. So entschloss ich mich der Vernunft zu beugen und wurde bei Veranstaltungen oder Fahrten zu anderen Terminen von einem Bodyguard begleitet. Neben meinem Bodyguard gehörte die Beschusshemmende Weste zum Alltag wie der Lippenstift oder die High Heels. Da ich nun eine Tochter hatte, wurde ich von meinen Team aus der Schusslinie geholt und war nur noch bei Veranstaltungen die räumlich gesichert wurden. Der Terror kam sehr nah Im August 2016 wurde ich zum Ziel der Taliban. Mein Fahrer fuhr in einen Hinterhalt der Taliban und wenn ich kein gepanzertes Auto gehabt hätte, wären wir im Kugelhagel gestorben. Mein Freund und Bodyguard tat das, wofür er ausgebildet wurde und so verloren vier Kämpfer der Taliban an jenem Tag ihr Leben. Die Sicherheit von meiner Tochter stand immer an oberster Stelle und so schaffte ich sie wenige Tage später nach Europa. Amira kam in eine Einrichtung in der Flüchtlingskinder ohne Eltern untergebracht sind und machte in den Niederlande ihre Ausbildung als Erzieherin. In den letzten Jahren war ich mit meiner Tochter immer wieder auf Urlaub in Deutschland bei meinen Eltern (Mila und Milad) oder in dem Niederlande. Da ich und Amira den Gründer jener Einrichtung seit 2007 kennen und wir auch sehr eng zusammen arbeiten, war es ein logischer Schritt, dass meine Tochter in die Niederlande ging. In meinem drei Monate "Urlaub" im Frühjahr und wieder im Herbst, arbeitete ich dann auch in und von den Niederlande aus. Dr. Erik de Joost wollte mir 2016 schon die Leitung seiner Einrichtung übertragen. Ich lernte ab. Meine Arbeit war in Afghanistan. Dort wurde ich gebraucht. Trotz des Terror gegen mich, ging ich zurück um das zu tun was ich kann: kämpfen. Das Leben geht andere Wege Im Dezember 2019 kam ich wieder auf "Urlaub" in die Niederlande und wollte nur drei Monate bleiben. Mein Leben war für die Rechte der Mädchen in Afghanistan zu kämpfen vorgesehen. Also ging es am 4. März 2020 mit einem Linienflug von Schiphol über Istanbul zurück nach Kabul. Das ich 48 Stunden später mit einem Mädchen das lebendig verbrannt werden sollte, mit einem Ambulanzjet in Rotterdam wieder landen würde, war mir am 4. März nicht bewusst. Vom Ministerie van Volksgezondheid wurde mir am 9. März per sofort die Vormundschaft für jenes Kind übertragen. Ich musste über Operationen, Leben oder Tod entscheiden. Der März war für mich der Alptraum. Meine Eltern kamen am 13. März von Stuttgart nach Den Haag und ich bin ihnen für die wohl schwerste Zeit in meinem Leben sehr dankbar. Zurück nach Afghanistan war nicht mehr möglich. Ich hatte die Verantwortung für ein Kind, dass ab dem 6. März bis zum 13. August im künstlichen Koma lag. Meine Heimat im Herzen war immer Stuttgart gewesen. In Gardez hatte ich 14 Jahre nur gewohnt und gearbeitet. Wo ist also meine Heimat? Durch die Umstände von Lenara bin ich die nächsten Jahre an die Niederlande und die Klinik gebunden. So kaufte ich mir an Ostern ein Haus in der Nähe von Den Haag. Dr. Erik de Joost und seine Tochter Marpe wollten, dass ich nun endlich die Leitung der Einrichtung übernehmen sollte. In langen Gesprächen mit meinen Eltern, mit Erik, Linda und Marpe de Joost und meinem Team in Afghanistan gab ich nach. Und so bin ich seit dem 1. April die Leiterin einer seit 27 Jahren bestehenden Einrichtung für traumatisierte und sozialschwache Kinder in der Nähe von Den Haag. Meine Arbeitstage haben in der Regel 16 bis 18 Stunden und all die vielen Probleme in Afghanistan, mit Lenara und die Bürokratie in den Niederlanden und Europa sind ungleiche Gegner für mich. Mit schwerem Herzen gab ich zum 1. April die Leitung der Mädchenschule in Gardez und der Frauenhäuser ab. In 13 Jahren hat sich ein Netzwerk von 46 Frauenhäuser gebildet. 6 dieser Häuser sind in meinem Privatbesitz und drei aus Sicherheitsgründen außerhalb von Afghanistan. Ich gab mein Lebenswerk an Freunde ab. Ich bin immer noch die Chefin, wenn ich auch die Leitung nur noch kommissarisch habe. Das Corona Jahr Das Jahr 2020 hätte turbulenter nicht sein können. In meinem Leben passte auf einmal nichts mehr zusammen und die Arbeit und Sorgen wurde nicht weniger,  auch wenn ich 36 Stunden arbeiten würde. Auf einer Freizeit mit 20 Jugendlichen aus unserer Einrichtung, traf ich in Juli auf dem Ijsselmeer eine weiter persönliche Veränderung - ich gab die Leitung und den Ersten Vorsitz des Netzwerkes Afghan Women's zum 1. September 2020 ab. Meine ganze Kraft gilt meinen beiden Töchter und mit der Leitung der Kinder- und Jugendeinrichtung habe ich mehr als genügend Aufgaben, was meinen Arbeitstag nicht gerade weniger macht. Noch eine Anmerkung: Ich bin zwar in einem muslimischen Land geboren, habe aber sonst mit dem Islam nichts zu tun. Ich mag Weihnachten und Käsespätzle sehr. Nila Khalil, Den Haag, 17. November 2020

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