
Patricia’s Geheimnis
Die Liebeserklärung
Die Zeit zwischen den Wochenenden verging immer schneller. Unter der Woche
telefonierten beide über Stunden miteinander und Patricia erzählte, dass am Freitagabend ihr Vater aus Kambodscha nach Hause kommt und sie sich sehr freuen würde, dass er zu ihrem Geburtstag zu Hause sei.
Den Vater hat Hannes nur auf Fotos gesehen und aus Erzählungen von Franziska und Patricia konnte er sich ein Bild von ihm machen.
Da Hannes nun regelmäßig nach Thionville kam, war Cleo auch nicht mehr so stürmisch, um bei jeder Ankunft von ihm das halbe Auto zu zerlegen. Trotzdem kam Cleo ihn immer direkt begrüßen, wenn Hannes mit dem Wagen vorfuhr.
Patricia kam die große Steintreppe herunter gesprungen und im Lauf sprang sie Hannes an. Sie schlung ihr Beine um seine Hüfte und legte ihre Arme um sein Hals „Mon chérie, ich liebe dich“ und gab ihm einen dicken Kuss.
Es war schön diese Frau fest halten zu können. Ihre Art, ihr Duft, ihre Liebe waren einzigartig – sie war einzigartig.
„Oh, mon chérie. Maman ist zum Bahnhof nach Metz gefahren, heute kommt mein Vater. Dann lernt ihr euch endlich kennen. Ich habe in den letzten Telefonaten so viel von dir erzählt“ „Oh, ich hoffe nicht nur angenehmes und gutes.“
Für diesen Satz wurde er mal wieder geboxt.
Eine halbe Stunde nach der Ankunft von Hannes, kamen die Eltern von Patricia vorgefahren. Patricia sprang wie ein Flummi am Wohnzimmerfenster auf und ab. Als sie den Wagen ihrer Mutter in die Einfahrt einbiegen sah, stürmte sie aus dem Raum. Hannes war erst an der Haustür, da war Patricia schon unten auf dem Hof.
Als ihr Vater aus das Auto stieg, umarmte Patricia ihn fest. Nachdem Patricia diese überaus freudige Begrüßung beendet hatte, stelle sie Hannes ihrem Vater vor. Sie sprang immer noch wie ein Flummi auf und ab.
Bernhard ging auf die fünfzig zu. Er war schmal und gute zehn Zentimeter größer als Hannes. Er hatte braune kurze Haare mit leichtem grauem Ansatz und er sah müde aus.
Hannes wollte die Familie alleine lassen und ging mit Cleo spazieren.
Nach dem Abendessen saß die Familie im Wohnzimmer zusamen. Bernhard erzählte von Kambodscha, seinen Projekte und das er nun für einige Zeit zu Hause sei. Patricia sagte, dass sie nach seinem Urlaub mit ihrem Vater nach Kambodscha gehen werde. Sie möchte nicht sofort studieren. Hannes merkte an den Blicken von Bernhard und Franziska, dass irgend etwas nicht stimmte. Patricia hat ein Geheimnis, welches sie Hannes immer noch verschwieg.
„Soll ich euch mal alleine lassen? Ich denke, ihr drei habt etwas zu klären.“ Franziska schaute Hannes ratlos an „Bleib! Es betrifft auch dich“ sagte sie und schaute ihren Mann an. „Nein. Ich komme nun schon einige Zeit hier her – und komme auch sehr gerne. Aber etwas verschweigt mir Patricia. Ich möchte sie nicht kompromittieren. Entweder hat sie das Vertrauen zu mir, oder nicht. Ich bin oben im Zimmer.“
Cleo lag der Länge nach bei ihm auf der Couch und hatte seinen Kopf auf dem linken Oberschenkel von Hannes liegen und schnarchte wie ein Bär. Patricia kam ins Zimmer. Sie zog den Sessel näher zur Couch und setzte sich Hannes gegenüber. Sie sah ihn lange an und Hannes sah sie denken.
„Liebst du mich?“ Fragte sie.
„Diese Frage hatten wir schon einmal. Und um sie wieder zu beantworten: ja. Ja, ich liebe dich.“ „Kannst du dich erinnern, wie ich am Bostalsee und auf dem Weg nach Avignon war? Weißt du noch, wie ich sagte, die Liebe ist wie eine Autobahn? Sie geht hoch und runter, rechts und links.“ Hannes nickte „Gerade noch so. Könnte aber in 40 Jahren etwas verblasst sein. Patricia, nun eiere nicht hier herum. Sag, was los ist – oder lass es.“ Sie nahm seine beide Hände, nahm tief Luft und schaute ihm in die Augen „Ich bin krank.“
Patricia wartete auf eine Reaktion von ihm. Er sah sie weiter ganz ruhig an und Hannes wartete auf den nächsten Teil ihrer Ansage.
„Ich habe Leukämie…“
In diesem Augenblick dachte er, dass ihm jemand den Boden unter den Füßen weg zieht.
Hannes stieß hörbar die Luft aus „Ok. Jetzt verstehe ich die Reaktion von deiner Mutter, von vor Wochen. Jetzt verstehe ich auch deine Aufgedrehtheit. Du hast Angst, etwas zu verpassen und packst alles in den einen Moment.“ „Oui.“ „Gut. Dann hätten wir dies nun geklärt.“
Patricia sah Hannes irritiert an „Ich verstehe dich nicht.“ „Patricia, es ändert nichts an meiner Liebe zu dir. Es kann irgendwann mal kompliziert werden – muss es aber nicht. Wir wissen jetzt doch gar nicht wie und wann diese Krankheit wieder ausbricht. Wenn es soweit ist, bin ich für dich da. Genau so wie gestern, heute und morgen!“ Tränen liefen ihr übers Gesicht. Er nahm sie fest in den Arm, küsste ihre Stirn.
Die Nacht war mal wieder sehr kurz. Dafür der Sex sehr lange, angenehmer und vielleicht auch besser.
Gegen 7 Uhr war Hannes wach. Patricia lag mal wieder quer im Bett und ihr Kopf auf seiner Brust. Sie lagen in einem Fußballfeld großen Bett und trotzdem hatte er keinen Platz. Hannes streichelte die hellbraunen Haare von Patricia, ihr Gesicht und ihren zierlichen Körper. Patricia war ohne Frage eine Schönheit und jeder Zentimeter von ihr war begehrenswert. Hannes wollte nicht aufstehen, er wollte diesen Moment genießen. Beim Anblick von ihrem nackten Körper fiel ihm ein, dass er immer noch kein Geburtstagsgeschenk für sie hatte. Was sollte er ihr nur kaufen? Sie hat so vieles. Kitsch fand er doof. Blumen?Blumen waren Kitsch oder buntes Gemüse. Parfüm? Hatte sie mehr als eine Drogerie im Regal stehen. Ein Gutschein für irgendwas fand er sehr unpersönlich und einfallslos. Cleo würde sich über einen Knochen freuen. Hund müsste man sein. Wie mit einen Hammer ins Hirn geschlagen kam ihm die Idee.
Singing for world peace
Beim Frühstück sagte er zu Maurice, dass er mit ihm reden müsste.
Im Garten erzählte Hannes, was er heute Abend vor hatte und ob dies mit seiner Hilfe umsetzbar sei.
Maurice hob die Hand und sie gaben sich ein High five.
„Hannes, du bist ne echt coole Socke. Ich helfe dir. Bekommen wir hin. Gib mir ne Stunde Zeit. Dann sag ich dir Bescheid.“
Maurice stand auf und ging ins Haus. An der Küchentür drehte er sich zu Hannes um „Du bist voll cool.“
Bernhard kam mit zwei Tassen Kaffee zur Sitzgruppe in den Garten und reichte Hannes eine Tasse. Bernhard setzte sich ihm gegenüber „Hannes, wie du gestern Abend reagiert hast, zeigt Größe und deinen Charakter. Dafür möchte ich dir danken. Ich hoffe ihr beide habt es geklärt.“
Hannes nickte „Dankeschön. Ja, wir haben es geklärt. Von meiner Seite wird sich die Zuneigung und Liebe zu deiner Tochter nicht ändern. Ich war vorher in sie verliebt und werde es auch in Zukunft sein. Ich bin für sie da. Dies verspreche ich dir. Patricia hat den Wunsch nach Kambodscha zu gehen und ich soll mit. Ich weiß nicht wie dies überhaupt funktionieren soll und kann.“ „Gut das du es ansprichst. Franziska hat mir etwas gesagt und ich bin daraus nicht ganz schlau geworden. Erzähl du es mir bitte.“ „Okay. Wo fange ich an? Es wird wohl etwas länger dauern um dir meine Gedanken zu erzählen.“
Bernhard lächelte „Ich habe Zeit.“
„Also gut. Mit vierzehn las ich ein Buch von Peter Scholl-Latour „Der Tod im Reisfeld“ und ich war gefesselt von diesem Buch. Ab da an hatte ich alles nur erdenkliche über Scholl-Latour gekauft oder gesammelt. Interviews von ihm aus dem STERN oder Spiegel in Klarsichtfolie abgeheftet, Diskussionsrunden mit ihm im Fernsehen habe ich förmlich aufgesaugt. Ich bewundere heute noch diesen Mann. In der Schule hatte ich mich bei außenpolitischen Themen immer sehr gut eingebracht. Außenpolitik ist groß und kann vieles verändern. Sie kann für ein besseres miteinander der Staaten sorgen und Frieden und Sicherheit stabilisieren.“ An dem Blick von Bernhard zu urteilen, war dieser von seinen Worten erstaunt, überrascht oder begeistert. Da saß ein junger Mann im Garten und textete einen erfahrenen Mann aus der humanitären Hilfe mit außenpolitischen Sachfragen und den daraus resultierenden Entscheidungen zu.
Patricia kam zu ihnen und setzte sich links neben Hannes. Sie hielt seine Hand fest und hörte aufmerksam zu, was Hannes ihren Vater erzählte .
„Bernhard, ich bin der festen Überzeugung, dass durch Bildung die Spirale der Armut durchbrochen werden kann – zumindest im kleinen. Der Analphabetismus kann auf dieser Welt nie besiegt werden – nur verringert. Natürlich sind Kriege ein großes Problem für eine Fortführung der Bildung. Es gibt aber genügend Länder auf der Welt, wo kein Krieg ist und die Menschen trotzdem keine – oder sehr geringe Bildung erfahren. Schau nach Malaysia, Indien, Bangladesch oder Philippinen. Bestes Beispiel ist doch Kambodscha. Du bist dort. Ich habe darüber gelesen dass die Rote Khmer ein Genozid an über zwei Millionen Menschen verübt hatte.
All die Menschen die dem Regime nicht passten wurden brutal ermordet. Ob Künstler, Intellektuelle oder Oppositionelle. Die Rote Khmer hat sich durch ihren Wahn in kürzester Zeit ins Mittelalter katapultiert. Ich schätze, dass es eine, vielleicht sogar zwei Generationen braucht, bis die Menschen in Kambodscha wieder lesen und schreiben können.“
Bernhard nickte hin und wieder bei dem, was Hannes ihm sagte. Er sah seine Tochter an und dann wieder zu Hannes. „Es geht mir nicht darum dass ein Kind „Die Glocke“ von Schiller lesen kann. Es geht um deren Rechte! Wer keine Verträge, keine Gesetze oder Grundrechte lesen kann, bleibt in der Abhängigkeit – und dies sein Leben lang. Was nützen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, wenn diese Menschen noch nicht einmal wissen das es so etwas gibt?“
Franziska kam aus der Küche und brachte noch eine Thermoskanne Kaffee mit. Sie nahm neben Bernhard platz.
„Mein Wunsch ist eine bessere Welt. Mir ist klar, dass durch lesen und schreiben das Leid, der Hunger und die Kriege nicht beendet werden – es gibt aber die Chance dazu. Bildung ist wichtig für eine bessere Zukunft von Menschen. Wenn es nur ein weiteres Prozent der heutigen Weltbevölkerung schafft, lesen und schreiben zu können, sind wir auf einem – vielleicht, besseren Weg in die Zukunft.“ Hannes sah zu Patricia und an ihrem Gesichtsausdruck merkte er, dass sie seine genannten Zahlen im Kopf ausrechnete.
„Natürlich ist diese Zahl utopisch.“
Patricia boxte ihn und er grinste sie an.
„Es wird noch nicht einmal 0,003 Prozent sein“ Hannes schaute Patricia hämisch an.
„Zur Zeit leben ungefähr 5,3 Milliarden Menschen auf dieser Welt. Wo und wann hört es auf? 1970 waren es fast zwei Milliarden Menschen weniger. In elf Jahren haben wir ein neues Jahrtausend. Bildung und Hunger müssen oder sollen auf diesem Planeten bekämpft werden, wenn wir eine vernünftige Zukunft für uns alle und nachfolgende Generationen haben möchten. So weit zu meinen Gedanken.“
Bernhard, Franziska und Patricia brauchten einen Moment um seine Worte sacken zu lassen.
Bernhard sah zu seiner Frau und dann zu Patricia. Er nickte anerkennend in die kleine Runde am Gartentisch „Tout le respect, Hannes. Ich hatte ein völlig falsch Bild von dir.“
Patricia gab ihm voller Stolz einen Kuss. „Was du sagst, zeigt mir, dass du dir viele Gedanken machst und auch wirklich gute Argumente vorbringst. Wenn ich deine Worte und Gedanken richtig verstehe, hast du keine Schlagwörter wie: „Singing for world peace“ oder „Light a candle for the poor people“, im Kopf. Du willst an der Basis Veränderung für Menschen.“
Hannes nickte ihm zu „Ja. Ja, Bernhard, ich möchte den Menschen an der Basis helfen. Es nützt niemanden etwas, wenn man mit bunten Banner durch die Straßen läuft. Es werden mit solchen Aktionen zwar auf Missstände hingewiesen, aber es braucht auch Menschen, die es vor Ort umsetzen. Ich würde dann besser die Schlagwörter:“Work for world peace“ nennen.“
Vorbereitung für Patricia’s Geburtstagsgeschenk
Maurice kam aus der Küchentür in den Garten „Hannes, könntest du mir bitte wieder am Moped helfen? Das Ding spinnt mal wieder.“
Hannes nickte und verstand die Nachricht. Hannes entschuldigte sich und stand auf. Er gab Patricia einen Kuss und sagte, dass er kurz mit Maurice weg müsste.
Im Feuerwehrhaus in der Rue Charlemagne, stelle Hannes seine Idee den fünf anwesenden Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr vor. Er erkläre wie er sich dies vorstellte und ob dies überhaupt so schnell umsetzbar sei. Christophe Duquenne , einer der Feuerwehrkameraden sagte ihm, dass er eine Werbeagentur hätte und dies kein Problem sei. Er sollte doch mit ihm in deine Firma fahren.
„Excellent. C’est vraiment génial“ sagte Hannes. Er fragte den Zugführer, was ihn deren Einsatz kosten würde. Guisberth Loiseau lächelte und meinte, drei Kisten Bier wären ausreichend.
„Merci beaucoup, Guisberth. Wir sehen uns später. Au revoir.“
Hannes folgte Christophe in ein kleines Gewerbegebiet im Westen von Thionville. In dessen Werkstatt war die Farbe für den Hintergrund doch nicht so einfach zu klären.
Christophe zeigte ihm einen unglaublich dicken Ordner mit seinen bisherigen Aufträge und Hannes war nun völlig am Ende mit seinem Latein. Er sah eine Arbeit für eine Discothek. Dort war ein Himmelsbild mit Sternen und Planeten zu sehen. Hannes dachte sofort an das Deckengemälde von Cassiopaia.
„Christophe, dies sieht echt cool aus.“ Hannes erzählte ihm von dem Sternenbild in Patricia’s Zimmer.
„Naja, Cassiopaia bekomme ich auf die schnelle nicht hin, aber den Hintergrund vom dem Foto habe ich noch. Was ich noch da habe, sollte reichen.“ „Cool.“
Christophe ging in sein Lager und kam kurze Zeit später mit dem zurück, was er noch hatte. Er zeigte es Hannes und sagte auch gleich, wie es es sich vorstellt.
„Super! Du machst das schon. Merci beaucoup.“
Hannes legte 300 France auf den Tisch „Reicht dies für deine Arbeit?“
Christophe schüttelte den Kopf „Nimm das Geld. Ist schon in Ordnung. Du bist echt cool. Ich kenne Patricia flüchtig und weiß von ihrer Krankheit. Wenn ich dir mit meiner Arbeit diesen Gefallen tun kann, dann mache ich es sehr gerne.“ „Merci beaucoup.“
Der unendliche Weg zur Küche
Hannes fuhr zurück in die Rue du Coteau. Die Vorbereitungen für Patricia’s Party müssten nun angegangen werden. Als er in die Einfahrt fuhr, sah er ein Auto mit SÜW Kennzeichen.
Ach du liebe Güte, nun sind auch noch Oma und Opa aus Deutschland gekommen.
Hannes ging die breite Steintreppe hoch und fingerte den Haustürschlüssel aus der Hosentasche. Er war gerade dabei diesen in das Türschloss zu stecken, als die Tür aufgerissen wurde, ob man einen Einbrecher verjagen wollte. Es fehlte nur noch das obligatorische Nudelholz.
„Bist du der Hannes aus Deutschland?“
„Ja.“ „Ich bin die Oma von Patricia.“ „Aha.“ Warum überrascht mich dies nun nicht? Dachte er bei sich.
„Bonjour Madame“ Hannes reichte ihr die Hand. Auf französisch hörte es sich schöner an, als auf deutsch „Guten Tag, Oma“ zu sagen.
„Du kannst ruhig deutsch mit mir reden.“ „Schön.“
Er versuchte sich an der älteren und etwas korpulenten Frau vorbei zu zwängen. Dieses unterfangen war gar nicht so einfach. Machte er einen Schritt nach links, ging ihrer sofort nach rechst. „Entschuldigung,… ich müsste mal vorbei. Ich bin in diesem Haus bekannt.“ „Ja, ich habe schon so vieles von dir gehört. Da sagte ich heute morgen zu meinem Günther – Günther, wir müssen heute nach Frankreich fahren. Da müssen wir hin. Ich muss doch den zukünftigen Mann von unserer Enkelin sehen.“ „Mon dieu! Aha.“ Wo verdammt war der Hund wenn man ihn brauchte?
„Also, dass ist ja schön, dass ich dich endlich kennenlerne…“
Hört der Flur den nie auf?
„Ich habe extra noch zwei Kuchen gebacken. Ich hätte gerne noch eine Torte gebacken, aber bei der langen Fahrt, setzt sich alles so durch und sieht dann nicht mehr schön aus.“ „Ja ja, verstehe ich. Pudding, Sahne und Biskuit sind nicht immer kompatibel.“
Warum hilft mir niemand? Dachte Hannes
„Wir bleiben bis morgen hier. Ist ja so weit zu fahren.“„Ja, ja.“
Endlich war die Küche erreicht.
Am Küchentisch saß Franziska mit einer Tasse Kaffee und grinst breit.
„Excusez moi s’il vous plait, Madame.“
„Hach sei doch ned eh so fährmlich. Med miehr kannsde normal schwätze“ sagte Oma. Franziska kamen die Tränen vor lachen. Hannes war not amused „Würde ich ja. Ich komme aber nicht zu Wort. Ich entschuldige mich, ich möchte auf die Toilette.“
Raus aus diesem Alptraum.
Hannes ging mit schnellem Schritt dieTreppe hoch und sofort ins Zimmer von Patricia. Cleo pennte auf der Couch. Es war kein Verlass auf den Hund. Hannes setzte sich zu ihm auf die Couch und streichelte seinen Kopf „Komm du noch mal zu mir und willst einen Baum geworfen haben. Du treulose Tomate.“
Hoffentlich war Patricia’s Zimmer neutraler Boden und Oma beschränkt ihr Territorium auf die Küche.
„Mon chérie?“ „Oui?“ „Komm bitte ins Bad.“ Patricia stand vor dem riesigen Spiegelschrank und hatte ein hautenges schwarzen Minikleid an. Ihre hellbraunen Haare, die ihr weit über die Schultern hingen standen im Kontrast zu diesem pechschwarzen bisschen Stoff. Sie war geschminkt wie ein Model. Der Lidschatten und Makeup an den Augen brachten ihre sowieso schon schönen Augen noch mehr zum Ausdruck. In ihren schwarzen Pumps mit guten 12 cm Absatz war sie plötzlich ein gutes Stück größer.
„Mein Gott!“ Mehr konnte in diesem Moment nicht sagen.
„Très bien. Mehr wollte ich gar nicht hören.“
Er küsste sie lange „Mein Gott, bist du schön.“ „Merci beaucoup. Kannst du heute Abend ausziehen.“
Nach einer guten halben Stunde mit ihr im Bad, konnte er sich dieser wunderschöne Frau entziehen.
Hannes wollte doch endlich im Garten bei den Vorbereitungen zum Geburtstag helfen. Um nicht in das territoriale Hoheitsgebiet von Oma zu kommen, wählte er den Weg über den Gesindeflur nach draußen. Einziges Problem waren die 2 Meter ungeschützter Raum von dem Ende der Treppe bis um die Ecke der Halle. Von der Küche hatte man einen guten Blick dorthin. Nach dieser Ecke, hätte er eine reelle Chance die Tür zum Gesindeflur zu erreichen.
Cleo lag immer noch der Länge nach auf der Couch und pennte. Auf ihn war heute kein Verlass.
Hannes öffnete die Tür von Patricia’s Zimmer um nun seinen Plan in die Tat umzusetzen. Er ging leise die Treppe herunter und horchte ob das Hoheitsgebiet noch in der Küche lag. Très bien. Die Chancen standen gut, sein Vorhaben umzusetzen. Er ging den zweiten Bogen der Wendeltreppe herunter, als er hörte, dass sich das Hoheitsgebiet in der Küche verlagerte. Er musste nur noch zwölf Stufen schaffen. Die Chancen standen gut. Sechs Stufen. Drei Stufen. Hannes blieb stehen und lauschte. Er hörte Oma und Franziska in der Küche streiten. Er stand links dicht an der Wand und rechnete Meter pro Sekunde bis zu dem Punkt, wo er in Sicherheit wäre. Jetzt oder nie, sagte er sich und steuerte mit langem Schritt die letzten drei Stufen und viereinhalb Meter an.
„Hannes…“ hörte er eineinhalb Meter vor der Freiheit, Oma in die Halle rufen.
Angriff ist die beste Verteidigung. Hannes drehte sich um und ging auf die Küche zu „Ich kann jetzt nicht. Muss draußen helfen und den Grill anzünden. Sorry.“
Der Angriff fiel in sich zusammen „Wir essen doch erst einmal Kuchen! Wir grillen doch mittags um zwei Uhr kein Fleisch!“ „Es gibt Spanferkel. Das braucht so lange“ mit einem schnellen Blick auf Franziska, die heute irgendwie ein Dauergrinsen hatte, nahte die Freiheit durch die Gartentür der Küche.
An der Sitzgruppe saßen Bernhard und Günter bei einem Bier.
Günter war ein schmaler Mann, mit Halbglatze und Hornbrille. Er begrüßt Hannes freundlich „Hallo Hannes, schön dich kennenzulernen. Ich bin Günther. Franziska und Bernhard haben schon viel gutes über dich erzählt.“
Gut oder angenehm? Kam es ihm in den Sinn. „Hallo Günther.“
„Magst du auch ein Bier?“ Fragte Bernhard. „Gerne. Ich möchte gleich anfangen im Gartenhaus etwas Platz zu schaffen und noch dekorieren. Ich denke das dies zum feiern für den Abend besser ist als draußen. Ich weiß nicht wie frisch es heute Abend wird.“ „Gute Idee. Ich helfe dir gleich. Wo ist Maurice überhaupt? Der lässt sich heute gar nicht blicken.“ „Nee, lass nur. Bin gleich fertig. Ich hatte am Freitag schon einiges aus dem Gartenhaus in die Garage geschafft. Ist nicht so viel Arbeit. Ich brauche zum dekorieren auch nicht all zu lange.“ Hannes nahm einen kräftig Schluck Bier aus der Flasche und ging in Richtung Gartenhaus.
„Netter Junge.“ Hörte Hannes von Günter, als er 4 Meter weg war.
Im Esszimmer war alles für Kaffee und Kuchen gedeckt. Gleich würden die Freunde von Patricia kommen. Hoffentlich genug, damit das territoriale Hoheitsgebiet von Oma eingeschränkt werden konnte.
In der Küche machte er sich am Kaffeevollautomaten noch eine Tasse Kaffee. Er stand mit dem Rücken an der Anrichte, den Kopf gegen den Hängeschrank gelehnt und genoss den Duft von frischem Kaffee vor sich in der Tasse.
Franziska kam in die Küche „Anstrengend, ich weiß. Hast du aber sehr gut gemeistert. Auch wenn ich Bauchweh vor lachen hatte.“ „Du hast die Begrüßung von deiner Mutter mitbekommen?“ Fragte Hannes erstaunt.
„Natürlich. Ich hätte brüllen können vor lachen.“
Franziska machte sich eine Tasse Cappuccino und schaute ihn an „Du bist schon etwas ganz besonderes – schön das du hier bist“ sie streichelte ihm die Wange „gehst du nicht zu Patricia?“ „Deine Mutter ist bei ihr. Wenn ich da noch aufschlage, kannst du Kaffee und Kuchen für heute vergessen.“ „Wo ist Maurice überhaupt? Er ist doch vor Mittag mit dir weggefahren.“
„Ich hab ihn zu einem Kumpel nach Yutz gefahren. Die wollten etwas an dessen Moped reparieren.“ „Okay. Yutz? Da wohnt Francis. Ich sollte mal anrufen. Maurice könnte langsam mal nach Hause kommen.“
Lieber Gott, nein! „Die schrauben bestimmt noch am Moped. Er wird schon bald kommen.“ „Du hast recht. Er wird bald kommen.“
Hannes sprach ein Stoßgebet gen Himmel.
Hannes schaute von der Anrichte auf die Treppe und sah Patricia wie sie mit ihrer Oma die Treppe herunter kam. Was für ein Anblick! Eine Königin hat nicht diese Anmut wie Patricia, dachte er und stelle die Kaffeetasse ab und ging ihnen entgegen. Auf halber Treppe trafen sie sich. Patricia hakte sich bei ihm unter und gab ihm einen Kuss. Gemeinsam gingen sie die Treppe herunter. Hannes fühlte sich als ob er sie zum Traualtar führen würde. „Hach, dass ess joh, wie wenna se in die Kerrsch fiehrt.“ Oma war wohl auch geistig mit Hannes verbunden.
Franziska stand an der Ecke zwischen der Küche und Treppe. Es sah so aus, als ob sie sich eine Träne wegwischte.
Deplatziert bei Kaffee und Kuchen
Im Esszimmer nahmen die drei Frauen platz. Hannes stellte sich bewusst in den Erker um Abstand zu halten.
„Aei me Bub setzt dich doch eh nähwa misch.“ „Danke, ich schaue, wann die Freunde von Patricia kommen.“ Hoffentlich bald, dachte er.
Zehn Minuten später fuhren zwei Autos in die Einfahrt. Er erkannte Cosima, Jasmin, Laura, Nathalie und Yvonne.
„Dein Besuch kommt. Ich geh ihnen die Tür aufmachen.“
Hannes begrüßte die Freundinnen von Patricia und bat sie ins Esszimmer. Die Freundinnen begrüßten Franziska und Oma. Hannes ging in den Garten um Bernhard und Günter zu rufen. Beide saßen unter dem Sonnenschirm und tranken noch – oder wieder Bier.
„Möchtest du noch ein Bier?“ Fragte Bernhard. „Gerne.“ Hannes setzte sich zu den Männern in den Schatten.
Es dauerte nicht lange, da wurde Hannes von Oma gerufen: Er sollte doch ein Stück Kuchen essen kommen. Das Feuer für das Spanferkel kann auch alleine brennen.
Bei Spanferkel und Feuer schauten Bernhard und Günter fragend zu Hannes. Er zog die Schultern hoch „Längere Geschichte“ und folgte dann gehorsam dem Aufruf von Oma.
Zum Glück waren im Esszimmer drei Stühle Sicherheitsabstand zu Oma. Hannes saß gegenüber Cosima. Ihre Eltern kamen vor Jahren aus dem Iran nach Frankreich und sie sah wie ein Engel aus – ein Engel aus dem Orient. Cosima war mit Abstand die schönste Frau, die er je gesehen hatte. Lange pechschwarze Haare, eine leicht gebräunte Haut und kastanienfarbene Augen. Sie war genau so schmal wie Patricia, aber gute 15 Zentimeter größer. Ein absolutes Supermodel.
Cosima sah ihn die ganze Zeit immer wieder lange an. Wusste sie nicht mehr, wo sie sich zuerst getroffen hatten? Er sah, dass sie sich mit ihm unterhalten möchte, sie fand aber irgendwie keinen Anfang. Er traute sich nicht, diese Schönheit in der absoluten Perfektion anzusprechen.
Die aufgeblasene Jasmin saß rechts neben ihm und ignorierte ihn völlig. Sie hielt sich für den Nabel der Welt. Ihr Vater war Professor im Krankenhaus und sie zu blöd ein Pflaster zu kleben. Sex, Drugs and Rock’n Roll konnte sie am besten. Wobei bei ihr noch Stupid hinzukam. Das Sprichwort: dumm fickt gut, konnte man ihr nicht von der Hand weisen.
Laura saß links neben Cosima. So konnte er diese von sich selbst überzeugte doofen Nuss beobachten. Als Tocher von einem der größten Bauunternehmen in der Region, zeigte sie den Reichtum ihrer Vater, mit ihren teuren Designerklamotten. Hannes merke, wie auffällig oft sie ständig ihren linken Arm bewegt, nur um ihre GUCCI Armbanduhr zu zeigen. Selbst Cosima verdrehte bei diesem Gehabe die Augen.
Als alle von dem Kuchenbuffet satt waren, beschloss man in den Garten zu gehen. Das Wetter war an diesem Tag sehr sonnig, aber nicht zu heiß wie noch vor Tagen.
Bernhard und Günter saßen immer noch beim Bier.
„Möchtest du noch ein Bier?“
„Gerne.“
Oma brachte Günter zwei Stücke Kuchen. Da die Frage nach Kuchen für Bernhard von ihm verneint wurde, bekam er trotzdem ein Stück Kirchsahne.
Die Jugend machte es sich in dem Gartenhaus bequem. Getränke aller Art hatte Hannes dort schon bereit gestellt – dummerweise keinen Champagner für Jasmin und Laura. Immerhin hatte Laura drei Flaschen Champagner von Moèt et Chandon in ihrem Auto. Hannes war sich nicht sicher, ob eine der drei Flaschen tatsächlich als Geschenk für Patricia gedacht war, oder Laura mit dieser Edelmarke nur angeben wollte. Konnte auch sein, dass sie dieses Gesöff brauchte um ihr Level zu halten.
Laura’s Dekadenz zeigte sich, als Hannes im Ess- und Wohnzimmerschrank der Lefévre’s nur banale Weingläser fand.
Er nahm kurz neben Patricia platz und hörte den Mädels zu, was wer wie wo studieren würde oder möchte. Hannes kam sich in dieser eloquenten Clique sehr deplatziert vor. So nahm er an den Gesprächen wenig bis gar nicht teil. Er bekam das Gefühl nicht los, dass er irgendwie übersehen wurde. Dies konnte auch reine Absicht sein. Er passte eben nicht in die Liga der Doktoren, Richter, Rechtsanwälte und Unternehmerstöchter. So verhielt er sich unauffällig und geräuschlos neben Patricia.
Mädels, was seid ihr für Kleingeister! Patricia könnt ihr alle nicht das Wasser reichen – trotz ihrer Leukämie. Dies würde er diesen aufgeblasenen Hühner am liebsten sagen wollen.
Bernhard kam ins Gartenhaus und begrüßte die Freundinnen von Patricia.
„Meine Damen, mein Herr, heute ist der 19. Geburtstag meiner Tochter. Bei ihrer Geburt war ich dabei gewesen. Ich sah sie in den Jahren aufwachsen. Die Zeit verging sehr schnell. Die ersten Geburtstage im Prinzessinnen Design. Dann gab es eine Geburtstagsfeier auf einem Ponyhof – und auch Geburtstage auf der Kinderkrebsstadion im Krankenhaus.“
Bernhard machte eine Pause und sah in die Runde der Gäste.
„In all den Jahren haben sich die Gespräche geändert. Vom Traumprinz zu Pferderassen über die Zukunft bis hin zu dem wo und was man nun studieren möchte.“
Bernhard machte erneut eine Pause und sah die Freundinnen von Patricia an „Meine Tochter möchte nicht studieren – nicht sofort. Sie möchte nach meinem Heimaturlaub mit mir nach Kambodscha gehen. Natürlich war es ein Schock für mich, als ich ihren Entschluss hörte. Als Eltern wünscht man sich nur das beste für seine Kinder. Nun – ich kann nicht mehr über sie bestimmen. Ich kann sie aber unterstützen. Dies werde ich auch tun. Patricia und Hannes werden ab dem kommenden Jahr in der humanitären Hilfe in Kambodscha arbeiten.“
Patricia sprang von der Bank auf und umarmte ihren Vater. Hannes konnte die eben gesprochene Worte kaum fassen.
Bernhard drehte sich zu Hannes um, kopfte ihm auf die Schulter und ging aus dem Gartenhaus.
Auf einmal waren ganz andere Gespräche im Gartenhaus. Neid, Freude und auch Unverständnis hielten sich die Waage.
Cosima sah Hannes mit ihren wunderschönen Augen erschrocken an „Du gehst mit?“
Bevor er antworten konnte, tat es Patricia „Ja, er geht mit. Auf dem Weg vom Bostalsee nach Fréjus habe ich einen Mensch kennengelernt, der einen unglaublichen Weitblick, Charakter und Herz hat, dass ich mich so sehr in ihn verliebt habe.“
Patricia nahm mit diesem Satz den anderen den Wind aus den Segeln. Sie setzt sich auf seinen Schoß, legte die Arme um ihn, wuschelte seine Haare und gab ihm einen dicken Kuss „Mon chérie, mit dir gehe ich ans Ende dieser Welt.“ „Mädels, ich verlasse ungern die Party, ich müsste doch mal das Feuer anmachen, damit wir später grillen können.“
Hannes hob Patricia hoch, gab ihr einen Kuss und ging aus dem Gartenhaus.
Bernhard winkte Hannes zu „Hannes, komm mal bitte.“
Er setzte sich zu Bernhard und Günter an den Gartentisch.
„Noch ein Bier?“ „Nee, lass mal. Mein Hirn dreht sich schon genug.“ „Hannes, nun kennst du meine Entscheidung. Wenn du dies möchtest, reden wir in aller Ruhe darüber.“ „Danke. Bernhard. Sehr sehr gerne.“
Als Hannes am Grill stand, fiel ihm ein, er hätte Brennholz von zu Hause mitzubringen können. Na ja, muss es auch mit schnöder Holzkohle gehen. Es gab für den Abend kein Schwenkbraten aus dem Hunsrück.
Karlson auf dem Dach
Mit der Zeit kamen noch andere Geburtstagsgäste. Tanten, Onkeles, Cousin und Cousinen von Bernhards Seite. Auch kamen noch ein paar Jungs und Mädels aus der Klasse von Patricia. Ein etwas kräftiger Junge, mit rotblonden gelockten Haaren und rundlichem Gesicht kam zu ihm an den Grill. Karlson auf dem Dach, dachte Hannes beim erste Anblick von dem Jungen.
„Du bist also der coole Typ aus Deutschland über den so viel geredet wird? Ich bin Claude.“ „Oui, je suis Hannes d’Allemagne. Bonjour Claude“ und reichte ihm die Hand.
Claude kam näher und sagte leiser „Die Schnäpfen da drin, zerreißen sich in der Stadt das Maul über dich. Was ich über dich gehört habe, finde ich cool!“ „Merci beaucoup. Ich weiß, ich passe nicht in diese Liga der Highsociety.“ „Ich auch nicht. Ich gehe mir ein Bier holen, willst du auch eins?“ „Oui.“
Am Feuer unterhielten sich Claude und Hannes. Claude passte wirklich nicht in diese Schulklasse. Er trug keine Marken- oder Designerklamotten. Er war sehr bodenständig, ruhig und hatte Ansichten, die Hannes teilen konnte. Claude kam auch nur auf den Geburtstag um sich selbst ein Bild von dem deutschen zu machen. Diese Art gefiel Hannes: Nicht zu urteilen über jemanden den man nicht kannte.
Cosima kam an den Grill und fing an, mit Hannes sprechen „Salut Hannes, die Ansage von Bernhard ist wahrlich eine Überraschung.“ „Oh ja, dass ist es. Ich hatte erst heute Vormittag mit Bernhard darüber gesprochen.“ „Ich finde es schön, dass du Patricia glücklich machst.“ „Merci beaucoup Mademoiselle.“
Das Geburtstagsgeschenk
Maurice kam auf Hannes zu und klopfte ihm auf den Rücken „Komm bitte mit vor’s Haus, dein Geburtstagsgeschenk steht in der Einfahrt.“
Claude und Cosima sahen fragend zu Maurice und Hannes.
Hannes entschuldigte sich bei beiden und ging mit Maurice an den Geburtstagsgästen vorbei, um von der Rückseite des Hauses über den Rasen zur Einfahrt zu kommen.
In der Einfahrt stand die Drehleiter der Feuerwehr von Zug III aus Thionville.
„Très bien. Ich danke dir, Maurice.“
Hannes ging ins Gartenhaus und bat Patricia mit ihm zu kommen. Hand in Hand gingen sie durch den Garten ums Haus auf die Einfahrt zu. Patricia sah das Feuerwehrauto und die 20 Meter hohe Drehleiter. Vom Ende der Leiter, bis fast auf den Boden, hing ein Banner mit einem Sternenhimmel als Hintergrund und in leucht Farbe stand
L’amour est comme l’autoroute
Elle monte et descend.
A propos des ponts
gauche et droite
mais toujours sur le but aussi
Je t’aime
Die Liebe ist wie die Autobahn
Sie geht hoch und runter
Über Brücken
Links und rechts.
Aber immer auf das Ziel zu.
Ich liebe dich
Patricia weinte bei diesen Worten. Sie nahm Hannes in die Arme und sagte mit Tränen in der Stimme „Je t’aime Tu es fou!“
„Ich dich auch Prinzessin. Ich bin nicht verrückter als du. Es ist zwar kein Flugzeug, dafür konnte ich den Banner organisieren. Leider ist das Sternbild der Cassiopeia so schnell nicht verfügbar gewesen.“ „Mon chérie, es ist auch so perfekt und einmalig.“
Da alle Gäste sehen sollten, was Hannes für ein Geschenk hatte, schaltete Guisberth die Sirene und das Blaulicht an. Es dauerte nicht lange bis alle Gäste und auch Nachbarn in der Einfahrt standen. Großes Geklatsche, Umarmungen und Tränen machten die Runde.
Franziska sagte ihren Eltern was auf dem Banner stand. Sie nahm Hannes in die Arme und weinte. Mit Tränen im Gesicht sagte sie „Danke Hannes. Dies ist die schönste Liebeserklärung.“
Durch dieses Geburtstagsgeschenk kamen nun auch die Nachbarn und Feuerwehrmänner mit in den Garten und schlagartig stieg die Gästezahl auf das dreifach an.
Um 3.30 Uhr lagen beide im Bett. Der Kopf von Hannes drehte sich. Die Geburtstagsfeier ging noch sehr lange.
Patricia küsste und streichelte seinen Bauch. Sie setzte sich im Reitersitz auf ihn und wuschelte seine Haare.
„Patricia, ich habe Kopfschmerzen.“ „Wer trinken kann, kann auch bumsen.“ „Du hörst nie auf, bis du das bekommen hast, was du willst. Du bist wie Cleo.“ „Oui. Nur musst du bei mir den Stock nicht wegwerfen. Ich hab ihn schon in der Hand.“
Die Drehleiter in der Einfahrt
Völlig verkatert stand Hannes in der Küche am Kaffeevollautomaten. Es war ungewöhnlich ruhig im Haus. Auch Oma war nicht zu hören. Sein Bauchgefühl sagte ihm, dass etwas nicht stimmte. Hannes öffnete die Tür zum Wohnzimmer und bekam einen Schlag. Durch das Fenster sah er die Drehleiter der Feuerwehr in der Einfahrt stehen. Ach du liebe Güte! Waren die Feuerwehrmänner so besoffen, dass sie ihr Auto vergessen hatten mitzunehmen?
Im Erker stehend, sah er einen Pulk an Menschen in der Einfahrt die er nicht kannte. Hannes sah Oma. Sie hatte ihr territoriales Hoheitsgebiet auf den Hof vorm Haus verlagert. Sie erklärte jedem der es wissen wollte – oder nicht, dass dies von dem deutsche Freund ihrer Enkelin sei. Hannes sah sich die Szenerie an und schüttelte den Kopf.
Patricia stand plötzlich hinter ihm und knabberte an seinem rechten Ohr „Merci, chérie. So etwas gibt es nie wieder. Schau dir die vielen Menschen und Nachbarn an, sie fotografieren deine Liebeserklärung.“
Maurice kam ins Wohnzimmer, grüßte beide und stellte sich neben Hannes.
„So etwas gab es in Thionville noch nie. Die Leute sind völlig aus dem Häuschen. Du bist schon sehr cool.“ „Ich hab dir und deinen Kameraden zu danken. Ohne euch hätte ich dies nicht hinbekommen. Vielen Dank für eure Hilfe.“ „Für dich jederzeit wieder, mein Freund. Für dich jederzeit wieder.“
Mit der zweiten Tasse Kaffee saßen Hannes und Patricia in der Küche. Franziska kam durch den Garten herein, im Anhang ihre Mutter.
„Bonjour Hannes, bonjour Liebes. Dein Geschenk ist der Höhepunkt in der Straße. Ich hatte nie an deiner Liebe zu Patricia gezweifelt. Natürlich machte ich mir große Sorgen, wie du dich verhalten würdest, wenn du erfährst, dass sie Leukämie hat.“ Hannes nahm die Hand von Patricia, schaute sie, Franziska und Oma an „Nun wisst ihr es“ er küsste Patricia auf die Wange „wo ist Bernhard eigentlich?“ „Noch im Bett. War bei ihm wohl doch etwas viel Alkohol. Hannes, es war die coolste Geburtstagsfeier die ich erlebt habe. Dankeschön.“ „Aei mei Bub, willste denn ned noch eh Stick Kuche esse? De kannst joh ned nur Kaffee trinke. Gugge mohl doh. Jetz ess mohl eh Stick“ an Patricia gewandt sagte Oma „Kind, du kannst doch nicht nach Kambodscha gehen! Geh auf die Schule. Lerne. Studiere was gutes.“
„Oma! Ich habe genug gelernt um zu wissen, dass es wichtigeres gibt als Bücher zu lesen und Volkswirtschaft zu studieren. Hannes hatte vor Wochen klare, wichtige und gute Worte gesagt, dass ich anfing mein Leben zu überdenken. Dies habe ich getan.“
Oma sah Patricia völlig entgeistert an und suchte Unterstützung bei ihrer Tochter „Franziska, jetzt saach doch aach mohl was!“
Franziska sah ihre Mutter böse an „Was? Mama, was-soll-ich-sagen? Hast du vergessen, was draußen an dem Feuerwehrauto hängt? Die beide sind alt genug um zu wissen, was sie wollen. Ich vertraue Hannes. Ich weiß, dass er immer auf Patricia aufpassen wird. Er hat uns gestern seine Gedanken gesagt. Dafür hat er von mir, wie auch von Bernhard, den allergrößten Respekt. Wann und was Patricia studiert, ist ihre Sache. Sie sind jung. Lass sie in die Welt ziehen und ihre Erfahrungen machen.“
Franziska’s Ansage an ihre Mutter war laut und deutlich. Trotzdem fing Oma wieder an über die Zukunft von Patricia zu streiten.
„Komm“ sagte Patricia zu Hannes „ich kann und will mir dies nicht weiter anhören.“
Mit Cleo gingen sie über die Flure von Thionville. Am Waldrand saßen sie auf einer Bank. Patricia saß auf dem Schoß von Hannes. Sie hatte ihren Oberkörper an seinem liegen und ihr Kopf auf seiner rechten Schulter.
„Was war das gestern Abend mit Cosima?“ „Was?“ „Ich hatte schon mitbekommen, dass sie dich angebaggert hat.“ „Was!? Ich hatte mit ihr am Grill unterhalten. Mehr nicht. Claude, war cool. Das ist so ein richtiger Kumpel. Netter Typ.“ „Jetzt lenk nicht ab!“ „Patricia, ich lenke nicht ab! Ich habe mich mit Cosima unterhalten – mehr nicht. Mir war und ist nicht bewusst, dass sie mich angebaggert hat.“ „Nein?“ „Nein!Patricia, was soll dies nun? Ich hatte aus Anstand mit ihr gesprochen. Genauso wie mit Jasmin und Yvonne.“ „So? Cosima ist hübsch.“ „Ja. Das ist sie. Ohne Frage. Ich habe noch nie eine solch schöne Frau gesehen. Am Bostalsee sah ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Frau aus dem Iran. Cosima hatte am Grill etwas von, – wie glücklich du mit mir bist und das sie sich für dich freut, gesagt. Wo war da nun ein Flirt oder anbaggern?“ „Ich habe beim Kaffee und Kuchen schon ihre Blicke zu dir gesehen und im Gartenhaus. Plötzlich stand sie bei dir am Grill.“ „Plötzlich? Patricia mal ganz ehrlich, das Geschwafel von Laura und Jasmin kann kein Mensch nüchtern ertragen. Was sollte das mit dem Moèt et Chandon? Unsere Flasche Saint-Émilion hat mit Abstand mehr gekostet als ihr Champagner. Um auf auf Cosima zurück zu kommen, möchte ich dir sagen, dass ich der Meinung bin, Cosima könnte eine Karriere als Model machen und alle Schauspieler, Musiker und Millionäre würden sich vor ihr auf den Boden legen. Ist dir vielleicht schon einmal der Gedanke gekommen, dass sie einsam ist? Vielleicht wird sie körperlich berührt oder erfüllt. Soll mir aber auch egal sein, ob sie geistig erfüllt wird. Ist vielleicht mal ein Blickpunkt wert.“
Patricia sah ihn an und er sah, dass sie am denken war. Nach einiger Zeit nickte sie „Dies wird es wohl sein. Ich habe mit ihr noch nie darüber gesprochen.“
Hannes nickte „Sie ist vielleicht neidisch oder gar eifersüchtig auf unsere Liebe, aber sie macht auf mich einen vernünftigen Eindruck. Bei den Gesprächen mit deinen Freundinnen im Gartenhaus hab ich mich sehr zurück gehalten. Am liebsten hätte ich dieser Laura und Jasmin gesagt was ich von ihnen halte.“ „Und was?“ „Dass sie dir das Wasser nicht reichen können. Selbst mit deiner Leukämie nicht.“ „Mon chérie, je t’aime.“ „Sei doch ehrlich, die beiden kamen doch nur wegen mir. Nur um zu sehen, was ich für einer bin. Der Typ gehört nicht zur Oberschicht und zur Elite!
Es lag mir auf der Zuge die doofe Nuss von Laura zu fragen, ob ihr Moèt et Chandon von der Resterampe ist oder sie mit ihrer GUCCI Uhr bei der Zeitansage anfangen möchte zu arbeiten, weil sie so oft auf ihre Uhr schaute. Sie sagen, dass sie deine Freundinnen sind, hinter deinem und meinem Rücken reden sie. Dein Vater hat diesen möchtegern Tussis ganz schön den Wind aus den Segeln genommen. Ich hätte gerne dieser Unternehmerstochter von Jasmin ins Gesicht gesagt, was sie für eine aufgeblasene doofe Nuss sie ist. Es war dein Geburtstag und ich habe meine Worte geschluckt. Ich wollte die Party nicht sprengen. Daher bin ich raus an den Grill gegangen.“ „Merci. Du bist ein Schatz.“
„Patricia, wir gehören zusammen, so wie der rechte und linke Fahrstreifen der Autobahn.“ „Oui, chérie.“
Cleo kam aus dem Wald und zog und zerrte ein Teil Richtung Bank, welches um Längen größer und schwerer war, als der letzte Baum. Patricia sah Hannes an.
„No. No Madame.“
Klartext an Oma
Zum Mittagessen wurden die Reste vom Vortag warm gemacht oder gegrillt. Die Familie saß im Garten. Bernhard war wieder unter den Lebenden und sah noch etwas verkatert aus. Franziska und Oma hatten sich ausgestritten – oder das Thema beendet. Günter war sowieso ruhig und hielt ein Auge auf das noch nicht fertige Grillgut.
Oma saß versetzt schräg gegenüber von Hannes. Er sah, dass ihr Kopf qualmte. Sie aber nicht wusste, wie oder was sie jetzt sagen sollte.
„Was ist los? Was geht dir durch den Kopf?“ Fragte er Oma frei heraus.
Völlig pikiert sah sie ihn an „Seit ich von Patricia’s Entscheidung weiß, kann ich nicht mehr schlafen.“
Franziska verdrehte die Augen und schlug mit den flachen Händen auf die Tischplatte
„Meine Güte, Mama! Jetzt ist doch mal Schluss damit.“
In Hannes stieg die Wut hoch „Du kannst seit Patricia’s Entscheidung nicht mehr schlafen? Gut, es war nur eine Nacht! Ich habe Wochen nicht geschlafen! Ich habe mir Gedanken gemacht, dass diese Familie eine andere Liga ist und ich nur das Kind vom Dorf. In der Schule war ich der Klassenclown gewesen. Ich komme nie an die Klugheit von Patricia heran. Trotzdem habe ich mich in sie verliebt, als wir auf meine absurde Idee vom Bostalsee an die Côte d’Azur gefahren sind. In Avignon hatten wir übernachtet. Ich wollte in dem kleinen Motel zwei Zimmer für die Nacht buchen – Patricia eines. Bei Rosè Wein und Käseplatte saßen wir auf einem Balkon, der die Größe von diesem Gartentisch hatte. Ich hatte bis dahin Patricia noch nicht einmal angefasst. Ich wollte mich nicht verlieben – war es aber bereits. Jene Nacht war für mich ein Alptraum. Da lag eine so schöne Frau neben mir im Bett und ich warte die Distanz. Ich sah wie sich ihre Brust beim schlafen hebte und senkte. Dies war die reinste Erotik. Sie atmen zu hören war Erotik. Ihr ganzer Körper ist Erotik. Ich spreche nicht von Sex.“
Patricia boxte ihn gegen den Oberarm.
„Ich bin fast wahnsinnig geworden nur bei dem Anblick von ihr. Am Morgen auf dem Central Platz von Avignon, mit einem wunderbaren Blick auf den Papstpalast war es geschehen. Ich nahm zaghaft ihr Hand. Selbst wenn ich ab da an wusste, es wird nur ein kurzer Flirt, habe ich mich darauf eingelassen. In Fréjus hatten wir durch Zufall eine Unterkunft gefunden, die eine Mischung aus Kirche, Museum und Palast war. Trotzdem war es ein kleines Häuschen. Der Mann von dem Haus hatte uns eine Flasche Saint-Émilion von 1943 geschenkt, welche bestimmt mehr als 1000 France kostete. Am Strand hatten wir den Wein getrunken. In unserem Zimmer in der Rue Jean Bacchi wurden wir von tausend verschiedenen Farben geweckt. Diese Tage sind in meiner Seele – für immer! Als Patricia mir endlich sagte, dass sie krank ist, habe ich den wohl größten Liebesbeweis gezeigt. Hier am Tisch habe ich Bernhard versprochen, dass ich immer für Patricia da sein werde. Ich liebe sie heute genau so wie gestern und morgen. Patricia ist kein kleines Kind mehr! Sie ist unglaublich klug und taff. Wenn es ihre Entscheidung ist, anderen Menschen zu helfen – dann ist dies so! Und dies ist auch nicht verhandelbar! Bernhard will mir helfen in seine Firma zu kommen. Ich bin bereit. Ich denke, dass Franziska und Bernhard meine Gedanken für Hilfe an Menschen euch schon unterbreitet haben und ich es nicht wiederholen muss. Patricia kann in Frankreich genau so krank werden, wie an jedem anderen Ort dieser Welt. Wenn dies irgendwann so kommen wird, bin ich für sie da. Liebe endet nicht am Krankenbett.“
Franziska hatte die Augen geschlossen und Hannes sah ihre Tränen. Bernhard war völlig regungslos und sah Hannes mit einem offenen und klaren Blick an. Günther nickte mit dem Kopf und Oma brauchte eine Weile um die Worte auf sich wirken zu lassen.
„Neben mir sitzt eine Frau, mit der ich mein Leben teilen will und werde! Ja, ich weiß was du denkst. Im alter von neunzehn Jahren sagt man so vieles. „Ich will dich heiraten“ und zwei Wochen später ist die große Liebe Geschichte. Über diese Zeit sind wir schon hinaus. Ich werde eine solche Frau wie Patricia niemals wieder finden. Sie erfüllt mich in ihrer Art, mit ihrem denken und tun. Wir sind vom Paradies in Fréjus über die Autobahn zurück gefahren und sind beide am Ziel angekommen. Das Ziel ist unser Leben. Unsere Zukunft. Ob nun krank oder nicht. Ich hoffe, dass du nun wieder schlafen kannst.“
Patricia legte ihre Arme um ihn „Tu es mon prince, mon chérie.“ „Das war Klartext“ wiederholte Franziska die Worte ihrer Tochter und schaute ihre Mutter an.
Cleo bellte. Hannes sagte, dass er mit dem Hund nun eine Runde gegen werde. Wenigstens war jetzt auf Cleo verlass. So konnte er der Familie Zeit zum nachdenken geben.
Die wenigen hundert Meter bis er auf den Wiesen um Thionville war, wurde er von vielen Nachbarn gegrüßt. Durch die Aktion mit dem Feuerwehrauto war Hannes Schlagartig bekannt.
Die Vorbereitungen in Deutschland
Am Dienstagabend rief Patricia an und sagte, dass sie mit ihrem Vater am Vortag in Reims in seiner Firma waren. Hannes sollte es doch einrichten, um mit ihnen für ein Vorstellungsgespräch nach Reims zu fahren.
„Wow, dass geht aber schnell. Ich werde für die nächste Woche Urlaub einreichen.“ „Oh, mon chérie. Très bien. Komm eine Woche zu mir. Ich muss dir umbedingt noch etwas zeigen, dass wird dich umhauen!“ „Ich hoffe, dass es kein positiver Schwangerschaftstest ist!“
„Und wenn?“ „Müssten wir uns auf einen Namen für das Kind einigen. Da ich deinen Dickkopf kenne, wird es schwierig werden einen Kompromiss zu finden!“ „Vous avez de la chance d’être en Allemagne!“ „Ich weiß. Daher sage ich es auch aus sichere Entfernung, sonst würdest du mich jetzt wieder boxen.“ „Puis attend. Mon chérie. Puis attend.“
Am Donnerstag hatte Hannes einen Termin bei seinem Hausarzt im Nachbarort vereinbart. Er wollte sich über Impfungen informieren und was gegebenenfalls geimpft werden müsste. Sein Hausarzt war vor einigen Jahren für Ärzte ohne Grenzen in Kenia gewesen. In seiner Praxis hingen viele Fotos, Bilder und Skulpturen von der Zeit in seinem Einsatz. Jürgen, sein Hausarzt, der auch der Zwillingsbruder von dem Keyboarder John Lord von Deep Purple sein konnte, würde sofort verstehen, was und warum Hannes welche Impfungen bräuchte.
Hannes hatte den letzten Termin an diesem Tag bekommen, so war sehr viel Zeit zum reden – auch privates. Immerhin kannte der Arzt ihn schon von klein auf. Hannes sprach auch die Leukämie von Patricia an und seine Bedenken mit den Impfungen bei ihr.
Jürgen kannte die humanitäre Hilfe an der Basis und auch welche Risiken es bezüglich Malaria und Hepatitis gab. Da die Zeit eventuell doch sehr knapp sei, wollte Jürgen so schnell wie möglich mit den Basisimpfungen anfangen.
Im privaten Wohnzimmer saß er mit dessen Frau und Hannes erzählte beiden seine Gedanken, wie er diese bereits Bernhard und Franziska sagte. Gabi, die Frau von Jürgen, begrüßte diese Entscheidung sehr und Jürgen würde ihm über den Ärztebund noch einige Sachbücher besorgen.
Géographie ist nicht unsere Stärke
Der Weg von der Nahe nach Thionville fuhr sich immer besser. Die anfängliche „wahnsinns“ Entfernung, wurde mit der Zeit zum Katzensprung. Er fand mit der Zeit auch immer mal andere Wege die er fahren konnte, wenn zu viel Berufsverkehr oder Stau war.
Es war vieles selbstverständlich geworden. Er klingelte nicht mehr, er hatte seit längerem einen Haustürschlüssel und fühlte sich auch zu Hause. Er kaufte ein, half im Haushalt mit oder schraubte am Moped von Maurice, wenn dieser mal wieder Probleme mit dem Ding hatte. Seine Wäsche wurde gewaschen und gebügelt. Es wurde zu Normalität. Sein französisch wurde auch immer besser.
Hannes schloss die Haustür auf und ging ins Haus.
Er hörte niemand und und rief „Bonjour. Hallo?“
Keine Antwort.
Er schaute in die Küche. Dort war auch niemand. Hannes ging die Treppe hoch ins Zimmer von Patricia. Auch sie war nicht da. Cleo bellte nicht. Sollte das ganze Haus ausgeflogen sein?
Er ging wieder hinunter in die Küche und sah seinen Freund: den Kaffeevollautomaten.
Hannes nahm eine Espressotasse von der Ablage und wartete bis die Maschine seinen Espresso fertig hatte. Dann ging er in Richtung Wohnzimmer. Jetzt hörte er Cleo im Esszimmer bellen. Auf alles gefasst, dass Cleo ihn wieder mit seiner Masse anspringen werde und die Erdanziehungskraft ihr übriges tat, öffnete er vorsichtig die Tür.
Die Familie saß im Halbkreis am Tisch. Neben der Gruppe stand die Staffelei von Franziska. Gut, sie hat wieder angefangen zu malen, dachte er. Auf dem Tisch stand eine große Torte und ein in Geschenkpapier verpackter Gegenstand. „Bonjour, ihr lieben. Warum gebt ihr mir keine Antwort? Was macht der Rat der Weisen im Esszimmer? Habe ich etwas verpasst?“
Patricia kam auf ihn zu und gab ihn einen Kuss. Nach dem Kuss boxte sie ihn „Das war für mein Dickkopf vom Dienstag. Ja, du hast etwas verpasst. Setz dich und mach dein Geschenk auf.“ „Geschenk?“
Franziska gab ihm ein Stück Torte und grinste. Was ging hier vor sich? Alle waren sehr amüsiert.
Das Geschenk war eine Feuerwehr Drehleiter aus Spritzguss im Maßstab 1:32. Hannes sah etwas Ratlos in die Runde. Franziska stand auf und drehte die große Leinwand um.
Auch du liebe Güte! Es war ein eineinhalb Quadratmeter großes Foto aus der Regional Zeitung. Die Drehleiter mit dem Banner von ihm in der Einfahrt. Dazu noch ein Text von einer achtel Seite.
Maurice klopfte ihm auf die Schulter „Ich habe dir doch gesagt sowas gab es in Thionville noch nicht.“
„Mon chérie, du bist in ganz Lothringen bekannt.“ „Denke ehr nur in Thionville.“ „Géographie ist nicht unsere Stärke. Oh, mon chéri.“
Am Abend wurde geredet was letzten Montag in Reims besprochen wurde und das am Montag alle zusammen wieder nach Reims fahren würden. Hannes sagte, dass er schon bei seinem Arzt war und am Donnerstag die erste Impfung gegen Malaria bekommen hätte. Auch wurde Blut abgenommen um die exakten Blutwerte zu bestimmen um dann zu sehen, was noch geimpft werden müsste. Er verschwieg seine Bedenken bezüglich Patricia’s Leukämie.
Es war ein schöner Familienabend. Man trank Wein, spielte Brettspiele und hatte gute Gespräche.
Die Liebeserklärung in der Bäckerei
Mit dem Fahrrad von Patricia fuhr er am Samstag morgen zum Bäcker. Ein unscheinbarer Laden von außen, aber Backwaren, für die das Wort Grandios nicht im Ansatz passte! Er war schon öfters bei diesem Bäcker einkaufen. Das Brot und Baguette wurde in einem Holzbackofen gebacken. Für Hannes war es das beste Brot in ganz Frankreich.
Er stellte das Fahrrad an den Blumenkübel vorm Haus ab und ging in den Laden. Der Duft von Holz, Feuer und Brot war einmalig.
„Bonjour Madame, Strasser. Je voudrais un four à pain, deux Bague…“ weiter konnte er nicht sprechen, denn links an der Wand vor der Theke hing das Foto aus der Zeitung. Frau Strasser sagte „Eine schönere Liebeserklärung hättest du nicht machen können“
Wow, sind wir beim du? Dachte er bei sich. „Ich kenne Patricia schon viele Jahre. Als Kind war sie lange in Metz im Krankenhaus. Wie sehr hatte das kleine Mädchen um sein Leben gekämpft. Lange wusste man nicht ob sie ihren 12. Geburtstag überlebt. Dann kommst du und machst ihr einen solchen Liebesbeweis. Das Foto war in allen Zeitungen in Lothringen, sogar in einer Boulevard Zeitung.“ „Mon dieu!“
Vorwärts ist keine Richtung, sondern eine Lebenseinstellung
Nach dem Frühstück beschloss Patricia, dass sie nach Metz shoppen gehen wollte.
Hannes war einverstanden. Die 30 Kilometer entfernte Stadt war auch sehr schön.
Patricia fuhr mit ihrem Opel Corsa über die Autobahn. An der Abfahrt Metz Centre rauschte sie vorbei.
„Äh, Madame, du bist gerade an der Abfahrt vorbei geflogen.“ „Non. J’ai changé d’avis.“ „Was hast du dir anders überlegt?“ „Wir fahren nach Nancy.“ „Na dann. Fahren wir eben 60 Kilometer weiter.“
Nancy ist für seine Spätbarock- und Jugendstilarchitektur bekannt. Einige dieser wunderschönen Sehenswürdigkeiten stammten aus der Zeit als Nancy noch die Hauptstadt der Herzöge von Lothringen war. Die Hauptattraktion ist zweifellos der Place Stanislas aus dem 18. Jahrhundert. Dieser Platz mit seinen vergoldeten, schmiedeeisernen Toren und Rokoko-Brunnen befindet sich neben verzierten Palästen und Kirchen in der historischen Altstadt.
Hand in Hand schlenderten sie durch die Straßen der Altstadt und gingen in Boutiquen. Patricia hatte schnell – im Verhältnis zu anderen Frauen, eingekauft. Zwei Paar Schuhe, wovon eines Stiefel waren. Jenes Paar Stiefel erklärte sich Hannes nicht. In ein paar Wochen würde sie in Kambodscha kaum Stiefel brauchen, soll mal ein Mann die Frauen verstehen. Dann noch eine Jeans, zwei Röcke – die verdammt kurz waren, ein mintfarbenes Kleid und noch ein paar Accessoires.
Im Herbst am Rhein-Marne-Kanal mit Kaffee in einem Pappbecher zu sitzen, war sehr schön. Der leichte Nebel auf dem Kanal, die bunt werdende Bäume und der Geruch von dem feuchten Boden war beruhigend für die Seele.
Patricia lehnte an seiner Schulter und streichelte sein Oberschenkel „Schatz?“ „Oui, chérie.“ „Als ich heute morgen beim Bäcker war, sagte mir Frau Strasser, dass du als Kind lange im Krankenhaus warst und niemand wusste, ob du deinen nächste Geburtstag erleben wirst.“ „Oui. Es war eine schlimme Zeit. Als Kind nicht spielen zu können oder dürfen. Ich hatte kaum Besuch gehabt. Wenn, dann nur durch eine Glasscheibe getrennt. Chemotherapien und Operationen bestimmten mein Leben. Es wurde besser und dann kamen neue Medastasen. Zeitweise wurde ich mit extra Sauerstoff beatmet. Ich hatte keine Kraft mehr zum essen. Keine Kraft mehr um aufzustehen. Ich konnte manchmal noch nicht einmal die Augen öffnen und das reden fiel mir schwer. Es stimmt, die Ärzte gaben mir wenig Chance zum leben. Mein Körpergewicht war in einem äußerst kritischen Zustand. Es wurde befürchtet das bald Organversagen eintreten könnte.“ Sie sah Hannes an und weinte „Meine Oberarme konnte ich mit zwei Finger umklammern. Ich war nur noch Haut und Knochen. Ich habe gebetet das ich essen kann und dadurch zunehme würde. Alles was ich gegessen hatte kam kurze Zeit später wieder raus. Ich wurde darauf hin künstlich ernährt.“
Hannes verfolgte die Worte von Patricia regungslos. Er sah sie an, und suchte nach Worten „Es reicht. Lass gut sein. Bitte. Ich habe genug gehört.“
Patricia legte ihren Kopf auf auf seine Schulter und er streichelte ihren Kopf.
„Mon chérie?“ „Ja.“ „Vorwärts ist keine Richtung, sondern eine Lebenseinstellung. Wenn ich eines im Krankenhaus gelernt habe, dann dies. Ich hatte die Jahre danach existiert, aber nicht gelebt. Du hast mir Leben gegeben. Mit deiner Verrücktheit und wie du bist. Am Tag als deine Liebeserklärung in der Zeitung war, stand bei uns das Telefon nicht mehr still.“
„Wow! Schatz, darf ich dich endlich fragen?“ „Bien sûr.“ „Das Sternbild der Cassiopeia wird nach der Wissenschaft der Astrologie immer leuchten. Ist dies der Grund, warum dieses Bild an deiner Decke ist?“
Patricia nickte „Ja, chérie. Dieses Bild wünschte ich mir zu meinem 12. Geburtstag. Es hing bei mir im Krankenzimmer. Mein Onkel hatte Ende der 70er dieses Foto in Kanada aufgenommen. Als ich aus dem Krankenhaus kam, sah ich dieses Bild an meiner Decke. Jean Patrice Boudéely, ein bekannter Airbrush Künstler aus Saint-Dizier hat das Foto von meinem Onkel an die Decke gemalt. Ich wollte eigentlich nur das Foto von meinem Onkel haben, was meine Eltern daraus gemacht haben, hast du gesehen. Übrigens ist es keinem meiner Freunde aufgefallen, dass es das Sternbild von Cassiopeia ist – soviel zu Abitur.