Archiv des Autors: Nilakhalil

Über Nilakhalil

Mein Name ist Nila. Ich wurde 1980 in Afghanistan geboren. Als der Krieg der Sowjets bereits 10 Jahre dauerte und die Lebensverhältnisse immer schlechter wurden, bin ich im Frühjahr 1990 mit Verwandten, ohne meine Eltern, sie hatten das Geld für ihre Flucht nicht, nach Deutschland geflohen. Die Flucht ging über den Iran, Türkei, Bulgarien, Rumänien, Österreich bis schließlich nach Deutschland. Ich erlebte als Kind Tod, Gewalt, Hass, Hunger und Angst. Zu Beginn unserer Flucht trat mein Cousin auf eine Landmine und wurde buchstäblich wenige Meter neben mir zerfetzt. Der Krieg und aufkommende Terror der links und rechts von uns tobte, ließ uns nur Nachts wandern. Die Gefahr aufgegriffen zu werden, war zu groß. Flüchtigslager im Iran Im Iran lebten wir zwei Wochen in einem Flüchtigslager mit vielen anderen Afghanen. Zu viel Gewalt und zuwenig Toiletten war eine unerträglich Situation. Meine Onkel beschloss, dass es keine Sinn machen würde im Iran auf irgend eine Besserung zu warten. Ein Fahrer mit einem Pickup sollte unsere kleine sieben köpfige Gruppe an die Grenze der Türkei bringen. Nach wenigen Stunden ging das Auto "kaputt" und wir mussten wieder laufen. Heute weiß ich, es war Absicht von dem Fahrer, denn Geld bekam mein Onkel nicht mehr zurück. Humanitäre Hilfe in der Türkei In der Türkei bekamen wir in einer Einrichtung vom Roten Halbmond Lebensmittel und neue Kleider. Meine Tante, dessen Sohn auf die Landmine trat, bekam fürchterliche Bauchschmerzen und musste ins Krankenhaus. Die Blinddarm Operation musste mein Onkel bezahlen. Nach der zweiwöchigen Zwangspause ging es weiter nach Bulgarien. Mal mit dem Bus und wieder weite Strecken zu Fuß. Ich hatte überhaupt kein Zeitgefühl mehr. Schmerzen in den Beinen und Sonnenbrand auf der Haut. In Bulgarien In der Nähe von Sofa wurden wir in ein Gefängnis eingesperrt. Ein feuchtes Kellerloch beschreibt es besser. Mein Onkel bezahlte "Lösegeld" und nach zwei Tagen wurden wir endlich entlassen. Gingen wir durch Ortschaften,  wurden wir beschimpft oder sogar mit Steinen beworfen. Also gingen wir wieder nur Nachts. In Rumänien Rumänien war 1990 das Armenhaus von Europa und das brutale Regime von Ceaușescu war noch überall spürbar. Am Tag hatten wir uns vor der Polizei und Bevölkerung versteckt und fast jede Nacht sind wir gelaufen. Immer auf der Hut vor der Polizei oder anderen Autos. In Österreich Im September sind wir in Österreich angekommen und ich musste völlig entkräftet und abgemagert in ein Spital. Ich hatte selbst zum weinen keine Kraft mehr. Ich konnte nicht mehr und wollte auch nicht mehr weiter. Mein Onkel und seine Frau hatte in Afghanistan studiert und konnten mehrer Sprachen. Mit dem Behörden wurde verhandelt, dass wir nach Deutschland zu unseren Verwandten durften. Unsere Verwandten die ich gar nicht kannte, kamen aus Stuttgart, Bochum und Oberhausen uns abholen. Ich sollte zu Mila und Milad Faani  nach Stuttgart. Beide sind 1980 mit mitte 20 schon geflohen. Als wir in Salzburg über die Grenze fuhren und Mila mir sagte, dass ich nun in Deutschland und in Sicherheit sei, fing ich an zu weinen. In Stuttgart Wangen in der Nätherstraße begann mein neues Leben. Am Nachmittag saßen alle im Haus bei Mila und Milad und sprachen sehr viel. Ich hörte den Gesprächen bei warmen Kakao und Käsekuchen zu. Vieles konnte ich damals nicht begreifen, oder wollte es auch nicht. Die erste Nacht im eigenen Bett war für mich eine Wohltat. Mila schlief bei mir und hielt mich fest. "Ich bin nicht deine Mutter, werde aber mein Bestes geben. Dies verspreche ich dir." Mila hatte in Afghanistan BWL studiert und arbeitete seit 1981 bei Mercedes-Benz in der Verwaltung. Milad hatte Maschinenbau studiert und war bei Mercedes-Benz Vorarbeiter. Milad hatte bei Mercedes als Fließbandarbeiter angefangen und Ende der 80er seinen Meisterbrief gemacht. Beide erzogen mich in einem freien, liberalen und weltoffen Denken, wofür ich ihnen heute noch sehr dankbar bin. Mila und eine pensionierte Lehrerin aus der Nachbarschaft unterrichteten mich in deutsch. Ich musste eine völlig neue Schrift, Sprache und Kultur lernen. Im Frühjahr 1991 musste ich bei der Jugendbehörde einen Eignungstest machen, um festzustellen für welche Schule ich geeignet sei. Ich konnte auf die Realschule. Dort blieb ich auch und machte meine Mittlere Reife. Nach der Schule lernte ich Bürokauffrau und arbeitete auch in diesem Beruf. Ich sparte Geld um meine Eltern nach Deutschland zu holen. Ich hatte bereits den deutschen Pass und wollte über die Familiezuführung dies erreichen. Der Alptraum Im Sommer 2005 kam ein Anruf aus Afghanistan und Milad wurde mitgeteilt, dass mein Vater bei einem Bombenanschlag ums Leben gekommen war. 12 Personen seien bei diesem Terroranschlag getötet worden. Die Leiche von meinem Vater sei bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Als mir Mila und Milad dies mitteilten, schrie und heulte ich: "Ich muss zurück nach Afghanistan! Ich muss!" Alles reden von den beiden brachte nichts. Am nächsten Morgen rief ich meine Chefin an und sagte ihr von meinem Entschluss. Drei Tage später saß ich im Flugzeug auf dem Weg nach Kabul. Raus aus dem Paradies, hinein in den Krieg. Da stand ich nun mit meinen 25 Jahren in einem Land, dass nicht meine Heimat war. Meine Mutter überlebte schwerst traumatisiert diesen Anschlag und ich kümmerte mich um sie so gut es unter den Umständen möglich war. Durch Zufall traf ich Shabnam, meine ehemalige Lehrerin, in der Stadt und sie hatte nach unserem Gespräch die absurde Idee, dass ich Lehrerin werden sollte. "Du bist ein kluges Mädchen und so etwas braucht diese Stadt." Mein Beruf war schon besiegelt ohne das ich gefragt wurde. Shabnam hatte Anfang der 70er in Deutschland Lehramt studiert und sie brachte mir all ihr Wissen bei. So wurde ich im Herbst 2005 Lehrerin an einer Mädchenschule in dem Land, aus dem ich 15 Jahre zuvor geflohen war. Von einer Freundin hörte ich von einem Frauenhaus in den Bergen zu Pakistan und fuhr eines Tages mit meinem alten Datsun dieses Haus suchen. Was ich vorfand war mehr ein großes Gebäude das irgendwie nach einem Haus aussah. Tristesse auf dem gesamten Gelände und Mädchen die durch Zwangsheirat traumatisiert waren, vegetierten vor sich hin. Der Leiterin des Frauenhauses erzählte ich von meiner Wunsch, den Mädchen und jungen Frauen etwas Bildung beizubringen. Svea war von der Idee begeistert und so fuhr ich alle zwei Wochen die fast 100 Kilometer zu dem Frauenhaus um den Mädchen die Grundformen von lesen und schreiben beizubringen. Im Sommer 2006 wurde ich von meinen Lehrerkolleginnen als Direktorin der Schule einstimmig vorgeschlagen und so nahm ich die neuen Herausforderungen an. Neben all dem pflegte ich noch meine Mutter und wusste oft nicht, wie ich überhaupt noch an sie ran kommen könnte. Sie war oft sehr apathisch und starrte ins Leere. Oft weinten wir zusammen und ich wusste keinen Rat mehr. Im Herbst 2006 fand ich sie eines Morgens tot im Bett - sie hatte den Freitod gewählt. Nun war ich ganz alleine. Mein Geld in einer Keksdose und den deutschen Pass vor mir auf dem Tisch, brachten mich zum zweifeln. Ich hatte das Privileg um in wenigen Stunden das Land verlassen zu können. Mein Verstand schrie: geh. Mein Herz sagte: bleib. Ich hatte plötzlich eine Verantwortung die ich nie wollte. Ich hatte Kolleginnen die an mich glaubten. Ich unterrichtete Kinden in der Schule und im Frauenhaus, die an mich glaubten. Die Zufälle im Leben Im Frühjahr 2007 traf ich in meiner Stadt einen deutschen, der sich die Projekte von Deutschland anschauen wollte, die ab 1968 in Gardez gebaut wurden. Unter anderem auch meine Schule. Mit ihm, einem Kamerateam aus Australien und einer Journalistin aus den USA fuhr ich in das Frauenhaus in die Berge in der Nähe von Pakistan. Er war der Mann, der den Stein ins rollen brachte. Seine Kontakte aus früheren Jahren in der Humanitären Hilfe in Kambodscha und Thailand waren der Grundstein für eine Hilfsorganisationen die in meinem Beisein in Istanbul gegründet wurde. In vier Tagen wurde etwas geschaffen, von dem ich nie zu träumen gewagt hätte. Ich wurde die Direktorin einer Stiftung, die sich um zwangsverheiratete und misshandelte Mädchen kümmert und von Anfang an über eine unglaubliche Summe Geld verfügte. Durch Zufall trafen wir einen Major der US Armee im PRT ( Provincial Reconstruction Teams) Khost und in ihm fand ich und wir einen Menschen der an das Frauenhaus glaubte. Major Roger Juarez stellte Soldaten für uns ab, die halfen das Frauenhaus etwas bewohnbarer zu machen. Roger schickte zwei Militär Ärztinnen an das Frauenhaus und sorge auch dafür, dass dringende Operationen von den Mädchen im Camphospital durchgeführt wurden. Mit dem unglaublich vielen Geld der neuen Stiftung wurde ein Frauenhaus nach meinen Vorstellungen an einem geheimen Ort gebaut. Auch da war Roger der Chef und nach seinem Architekten Plan wurde das erste Frauenhaus unserer Stiftung quasi aus dem Boden gestampft. Wir wurden auf drängen von Roger auch vom PRT in Gardez mit sehr viel Hilfe unterstützt. Ich kann sagen, dass mir die US Armee in vielen vielen Bereichen tatkräftige Unterstützung gab und ich lernte Menschen und keine Soldaten kennen. Im April 2007 wurde ich auf nicht gerade legalen Weg Mutter von einem 12-jährigen Mädchen. Mit ihr hatte ich viele Probleme durch ihre traumatische Erlebnisse. Die ersten Schritte in die Politik Ab 2010 ging es für mich in die Lokalpolitik. Ich wollte mich nie politisch engagieren, sah aber ein, dass ich diesen Schritt gehen musste um voran zukommen. Mit einem jungen und engagierten Team in der Schule in Gardez ging es nun auch auf politischer Ebene voran. Wir wurden als die Speerspitze der neuen Frauenbewegung in Afghanistan gesehen. Schnell sprach sich in den Kreise von Dr. Sima Samar herum, was wir bewegten. Sima brachte mich zu UNAMA und plötzlich war ich bei der größten Institution der Welt: der UNO. Ich schaffte mich vom einfachen Mitglied der UNAMA hoch bis zur Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen in Genf. Als ehemaliges Flüchtlingskind zur Bürokauffrau und dann Lehrerin bis hin zur Menschenrechtlerin ist ein Weg, den ich nie zu träumen gewagt hätte. Durch meinen Ehrgeiz und mein Auftreten selbst vor der Regierung in Afghanistan machte ich mir nicht nur Freunde. Es war zum Teil Lebensgefährlich was ich tat. So entschloss ich mich der Vernunft zu beugen und wurde bei Veranstaltungen oder Fahrten zu anderen Terminen von einem Bodyguard begleitet. Neben meinem Bodyguard gehörte die Beschusshemmende Weste zum Alltag wie der Lippenstift oder die High Heels. Da ich nun eine Tochter hatte, wurde ich von meinen Team aus der Schusslinie geholt und war nur noch bei Veranstaltungen die räumlich gesichert wurden. Der Terror kam sehr nah Im August 2016 wurde ich zum Ziel der Taliban. Mein Fahrer fuhr in einen Hinterhalt der Taliban und wenn ich kein gepanzertes Auto gehabt hätte, wären wir im Kugelhagel gestorben. Mein Freund und Bodyguard tat das, wofür er ausgebildet wurde und so verloren vier Kämpfer der Taliban an jenem Tag ihr Leben. Die Sicherheit von meiner Tochter stand immer an oberster Stelle und so schaffte ich sie wenige Tage später nach Europa. Amira kam in eine Einrichtung in der Flüchtlingskinder ohne Eltern untergebracht sind und machte in den Niederlande ihre Ausbildung als Erzieherin. In den letzten Jahren war ich mit meiner Tochter immer wieder auf Urlaub in Deutschland bei meinen Eltern (Mila und Milad) oder in dem Niederlande. Da ich und Amira den Gründer jener Einrichtung seit 2007 kennen und wir auch sehr eng zusammen arbeiten, war es ein logischer Schritt, dass meine Tochter in die Niederlande ging. In meinem drei Monate "Urlaub" im Frühjahr und wieder im Herbst, arbeitete ich dann auch in und von den Niederlande aus. Dr. Erik de Joost wollte mir 2016 schon die Leitung seiner Einrichtung übertragen. Ich lernte ab. Meine Arbeit war in Afghanistan. Dort wurde ich gebraucht. Trotz des Terror gegen mich, ging ich zurück um das zu tun was ich kann: kämpfen. Das Leben geht andere Wege Im Dezember 2019 kam ich wieder auf "Urlaub" in die Niederlande und wollte nur drei Monate bleiben. Mein Leben war für die Rechte der Mädchen in Afghanistan zu kämpfen vorgesehen. Also ging es am 4. März 2020 mit einem Linienflug von Schiphol über Istanbul zurück nach Kabul. Das ich 48 Stunden später mit einem Mädchen das lebendig verbrannt werden sollte, mit einem Ambulanzjet in Rotterdam wieder landen würde, war mir am 4. März nicht bewusst. Vom Ministerie van Volksgezondheid wurde mir am 9. März per sofort die Vormundschaft für jenes Kind übertragen. Ich musste über Operationen, Leben oder Tod entscheiden. Der März war für mich der Alptraum. Meine Eltern kamen am 13. März von Stuttgart nach Den Haag und ich bin ihnen für die wohl schwerste Zeit in meinem Leben sehr dankbar. Zurück nach Afghanistan war nicht mehr möglich. Ich hatte die Verantwortung für ein Kind, dass ab dem 6. März bis zum 13. August im künstlichen Koma lag. Meine Heimat im Herzen war immer Stuttgart gewesen. In Gardez hatte ich 14 Jahre nur gewohnt und gearbeitet. Wo ist also meine Heimat? Durch die Umstände von Lenara bin ich die nächsten Jahre an die Niederlande und die Klinik gebunden. So kaufte ich mir an Ostern ein Haus in der Nähe von Den Haag. Dr. Erik de Joost und seine Tochter Marpe wollten, dass ich nun endlich die Leitung der Einrichtung übernehmen sollte. In langen Gesprächen mit meinen Eltern, mit Erik, Linda und Marpe de Joost und meinem Team in Afghanistan gab ich nach. Und so bin ich seit dem 1. April die Leiterin einer seit 27 Jahren bestehenden Einrichtung für traumatisierte und sozialschwache Kinder in der Nähe von Den Haag. Meine Arbeitstage haben in der Regel 16 bis 18 Stunden und all die vielen Probleme in Afghanistan, mit Lenara und die Bürokratie in den Niederlanden und Europa sind ungleiche Gegner für mich. Mit schwerem Herzen gab ich zum 1. April die Leitung der Mädchenschule in Gardez und der Frauenhäuser ab. In 13 Jahren hat sich ein Netzwerk von 46 Frauenhäuser gebildet. 6 dieser Häuser sind in meinem Privatbesitz und drei aus Sicherheitsgründen außerhalb von Afghanistan. Ich gab mein Lebenswerk an Freunde ab. Ich bin immer noch die Chefin, wenn ich auch die Leitung nur noch kommissarisch habe. Das Corona Jahr Das Jahr 2020 hätte turbulenter nicht sein können. In meinem Leben passte auf einmal nichts mehr zusammen und die Arbeit und Sorgen wurde nicht weniger,  auch wenn ich 36 Stunden arbeiten würde. Auf einer Freizeit mit 20 Jugendlichen aus unserer Einrichtung, traf ich in Juli auf dem Ijsselmeer eine weiter persönliche Veränderung - ich gab die Leitung und den Ersten Vorsitz des Netzwerkes Afghan Women's zum 1. September 2020 ab. Meine ganze Kraft gilt meinen beiden Töchter und mit der Leitung der Kinder- und Jugendeinrichtung habe ich mehr als genügend Aufgaben, was meinen Arbeitstag nicht gerade weniger macht. Noch eine Anmerkung: Ich bin zwar in einem muslimischen Land geboren, habe aber sonst mit dem Islam nichts zu tun. Ich mag Weihnachten und Käsespätzle sehr. Nila Khalil, Den Haag, 17. November 2020

Tjeerd Royaards

Tjeerd Royaards ist ein preisgekrönter niederländischer redaktioneller Karikaturist, der in Amsterdam lebt. Seine Arbeiten wurden bei CNN, The Guardian, Der Spiegel, Le Monde, Courrier international, Ouest-France, Internazoniale und Politico Europe veröffentlicht. Tjeerd ist Chefredakteur von Cartoon Movement, einer globalen Plattform für redaktionelle Cartoons und Comic-Journalismus. Er ist auch im Beirat des Cartoonists Rights Network International.

Tjeerd Royaards zeigt mit seinen Cartoons die Realität dieser Welt. Ob nun Menschenrechtsverletzungen oder Klimawandel

Seine Gedanken zum Klimawandel. Auf unserer Website gibt es zu diesem Thema ein paar sehr gute Beiträge von Evke Freya von Ahlefeldt.

Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte wird in und von vielen Staaten völlig Missachtet.

Die Flüchtlingspolitik von Europa lässt sehr zu wünschen übrig.

Kein Mensch flieht ohne Grund

Nicht nur gegen einen Ball wird getreten – auch gegen Menschenrechte.

Sehnsucht

Freiheit ist für mich sehr wertvoll

Sehnsucht
Von Nila Khalil

Gestern Abend saß ich mit Mynte Damgaard, ich kaufte am 25. August ihr Haus für meine Stiftung, in ihrem Wohnzimmer und sie stellte mir eine Frage, die ich gar nicht so leicht beantworten konnte.
„Was ist für dich Sehnsucht?“


Ich sah diese 79-jährige Frau an und wusste nicht, was ich ihr antworten konnte.
Vor zwei Jahren starb der Mann von Mynte und sie vermisst ihn sehr. Beide hatten vor über 50 Jahren den Hof ihrer Eltern übernommen. Die Landwirtschaft war hart und brauchte Anfang der 70er schon kaum Ertrag. Beiden wurde der Kinderwunsch verwehrt. 1975 bauten sie den Hof in ein Landschulheim um. Über 40 Jahren beherbergen sie tausende Kinder und Jugendliche.
Myntes Sehnsucht waren eigene Kinder und die Nähe zu ihrem Mann, der über 50 Jahre mit ihr das Leben teilte.
Mynte und Olaf hatten Sehnsucht nach einer friedlichen Welt und wollten Kinder ein Zuhause der Leibe und Geborgenheit geben  – wenn auch nicht für ihre eigenen Kinder, so gaben sie diese, wenn auch nur immer für ein paar Wochen, an tausende Kinder weiter. Alles in den beiden Häuser und Anwesen ist mit Liebe gebaut, dekoriert oder geplant gewesen.

Da wir schnellstmöglich eine Unterkunft für einen Teil meiner Mitarbeiterinnen, Mädchen und Frauen brauchten, kam ihr Anwesen wie gerufen.
Als ich mit einem Tross von Menschen am 25. August das Anwesen und Haus sah, spürte ich eine Aura die schwer zu beschreiben ist.
Der Grund von unserem Besuch in diesem Haus war allen klar: Wir kaufen ein Anwesen und Mynte geht mit diesem Geld in ein Altenheim – fertig.
Bei der Besichtigung von dem Anwesen und den anschließenden Gespräche sah ich die Traurigkeit bei dem Verlust ihres Lebenswerk in Myntes Augen.
Kann man jemanden die Wurzeln abhacken, die fünf Jahrzehnte alt sind? Ich hätte die Sehnsucht von Mynte zerstört.
Nun hat Mynte ein Lebenslanges Wohnrecht in ihrem Haus und auch wieder viele Kinder.

Mynte ist eine sehr angenehme Frau, mit einem großen Herz für Kinder. Also für uns und auch für sie war es Glück, dass wir uns gefunden haben.
Beim Tee und Plätzchen erzählte ich Mynte den Beginn meiner „Karriere“ in Afghanistan.
2005 hatte meine ehemalige Lehrerin, Shabnam, die Sehnsucht Bildung für Mädchen in Afghanistan weiter zu bringen. Sie wollte mich unbedingt an meine ehemalige Schule holen, damit ich die damalige Lehrerinnen an der Schule unterstütze. Ich bin und war nie Lehrerin. In Stuttgart hatte ich eine Ausbildung als Bürokauffrau gemacht. Vielleicht war irgendwo tief in mir die Sehnsucht wenigstens ein paar Mädchen Bildung und somit ein etwas besseres Leben zu geben.

In New York

Nun aber zurück zu der Frage von Mynte: Was ist für mich Sehnsucht?

Ist es die Sehnsucht nach meiner Freiheit, die ich mein Leben lang verteidige oder die Sehnsucht nach Frieden in Afghanistan?
Habe ich überhaupt noch Sehnsucht nach meinem Geburtsland?
Ist es die Sehnsucht für eine bessere Welt, die auch Mynte in ihrem Leben antrieb.

Was ist für dich Sehnsucht?“

Heimat? Liebe? Geborgenheit? Ich weiß noch nicht einmal wo meine Heimat ist.
Ohne Frage fühle ich mich in den Niederlanden sehr wohl und werde wohl auch die nächsten Jahre dort leben. Alleine schon wegen Lenara – oder nur wegen Lenara.
Oft stelle ich mir die Frage, was wäre wenn das UKE in Hamburg als erstes die Zusage für ihre Operationen gegen hätte, oder gar eine Spezialklinik in den USA.
Vielleicht ist meine Sehnsucht einfach nur eine Beständigkeit in oder für mein Leben.

Ich habe am Hindukusch gelebt und musste fliehen. Als Kind war meine Sehnsucht der Frieden und die Sicherheit keine Angst mehr zu haben.
In Deutschland hatte ich einen Beruf gelernt und konnte in dem Beruf arbeiten. Meine Sehnsucht waren meine Eltern. Ich hatte bereits einen deutschen Pass und wollte meine Eltern über die Familienzusammenführung nach Deutschland holen.
Der Terror in Afghanistan war schneller als die Behörden in Deutschland. Mir wurde durch einen Autobomben-Anschlag die Sehnsucht regelrecht zerfetzt.

Zurück in Afghanistan gab es keine Sehnsucht. Auf was auch?
Nach dem Suizid meiner Mutter war die Sehnsucht nach Stuttgart wieder da. Gleichzeitig aber auch die Sehnsucht nach Bildung für Mädchen.

Ich war in einem von Krieg und Terror gezeichneten Land und die Sehnsucht nach Frieden und Sicherheit kam nach 16 Jahren wieder zurück.

Mein Team von damals. Der Beginn von allem.

In den darauf folgenden Jahren kämpften ein paar mutige Frauen für die gleiche Sehnsucht nach Frieden und Sicherheit.
Was damals in einem kleinen schäbigen Büro an einer Mädchenschule begann, wurde Jahr für Jahr größer und mehr.

Alle unsere Sehnsucht wurde uns am 16. August genommen. Die Sehnsucht für eine Zukunft zerfiel am Flughafen in Kabul.
Die Sehnsucht auf Frieden wurde im Frühjahr 2020 in Doha zwar unterschrieben – aber uns paar mutigen Frauen war klar, dass dies das Ende jeglicher Hoffnung wird. Leider ist es im August 2021 auch so gekommen.

Nun sind es die gleichen Frauen wie einst in dem schäbigen Schulbüro, die jetzt über 5000 Kilometer entfernt sind und stehen wieder ganz am Anfang der Sehnsucht: Bildung und Sicherheit für Mädchen.

Da saß ich bei einer älteren Dame bei Tee und Gebäck in einem europäischen Land und konnte ihre Frage noch nicht einmal vernünftig beantworten.

Was ist für dich Sehnsucht?“

Meine Sehnsucht ist die Ruhe für mich.
Meine Sehnsucht ist das Vergessen von vielen Erinnerungen.
Meine Sehnsucht ist die Genesung und Gesundheit für Lenara.

Vor fast genau einem Jahr hatte ich Lenara gesagt, dass ich ihre Mutter sein werde und sie niemals wieder nach Afghanistan zurückkehren muss.

Die Sehnsucht nach Ruhe macht irgendwie immer einen großen Bogen um mich.

Irgendwo in Europa

Heute morgen saß ich mit Saina am Strand und erzählte ihr von Europa. Sie fragte mich, warum sie in Europa sei und nicht auch ihre Mutter.
Wie kann ich einem 3-jährigen Kind diese Frage beantworten?
Was sollte ich ihr sagen? Deine Mutter war so klug um dich in Sicherheit zu bringen – oder deine Mutter weiß, dass sie sterben wird.
Wie erklärt man einer 3-jährigen die Politik und Terror?
„Saina, ich bin nicht deine Mutter, ich werde aber mein bestes geben. Dies verspreche ich dir.“
Diese Worte von meiner Mutter sind nun 31 Jahre her und nun wiederhole ich diese bei Saina.

Ich habe in den letzten Wochen alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die Vormundschaft für Saina in den Niederlanden zu erreichen – und somit auch ein ständiges Aufenthaltsrecht.

Saina wird irgendwann Sehnsucht nach der leiblichen Mutter haben und ich weiß zur Zeit nicht, was ich ihr sagen kann.

Amira hat hin und wieder auch Sehnsucht nach ihrer Mutter – nur wird sie ihrer Mutter ins Gericht brüllen wollen.

Ich glaube in all diesem Chaos aus meinem Leben, wird die Sehnsucht auf Beschaulichkeit, Ruhe und Normalität von Jahr zu Jahr größer in mir.

Nila Khalil, 5. Oktober, irgendwo in Europa


Schottland

Schottland – warum Schottland?

By yon bonnie banks and by yon bonnie braes,
Where the sun shines bright on Loch Lomond.
Where me and my true love were ever wont to gae,
On the bonnie, bonnie banks of Loch Lomond.

Oh ye’ll take the high road and I’ll take the low road,
And I’ll be in Scotland afore ye;
But me and my true love will never meet again
On the bonnie, bonnie banks of Loch Lomond.

Wenn Gott diese Welt erschaffen hatte, dann hatte er sich bei Schottland sehr viel Zeit, Liebe und Mühe gegeben.
Ich liebe Schottland.
Die Weiten, die Ruhe und diese unglaublich schöne Landschaft.

Mein Bodyguard ist Franzose und lebt seit Jahren mit einer Frau aus Inverness zusammen. Daher die Einleitung von dem Lied: The Bonnie Banks of Loch Lomond.

Beide habe zwei wunderbare Jungen, bei denen ich und Amira Paten sind.

Meine Beziehung  und Freundschaft zu Marcel geht um vieles weiter, als „nur“ Bodyguard. Er ist ein Teil von meinem Leben und Familie. So auch Haylie Mc Farland (oder auch Bonnie Banks), die Frau von Marcel. Sie war bis vor 9 Jahren für verschiedene Hilfsorganisationen als Medizinische Fachkraft in einigen Ländern in Afrika und Asien im Einsatz – auch in Afghanistan, wenn Marcel bei mir war.


Am 14. August gab es in Haiti ein schweres Erdbeben. Als ich am 16. August mit Marcel auf dem Rückflug von Afghanistan war, packte Bonnie zwei Tage später ihre Tasche und machte sich auf den Weg nach Haiti.
Drei Wochen war sie dort für CARE im Einsatz. Haylie kennt von Kriegsgebieten über Terror bis zu Naturkatastrophen das  ganze Spektrum an Verletzungen. Sie könnte auch eine Operation bei Kerzenlicht durchführen.


In den vielen Jahren wo ich Haylie und Marcel kenne, ist eine wunderbare Freundschaft entstanden. Wenn ich mal wieder kurz am Limit von mir selbst stand und stehe, fliege ich zu ihnen nach Schottland. Dort komme ich zur Ruhe und bekomme auch wieder meinen Akku geladen. Mit Haylie gehe ich gerne stundenlang wandern. Wir beide sind uns in vielen Dingen sehr ähnlich und sie ist die beste Trösterin und Therapeutin für mich.

Als ich im März 2020 die Verantwortung für Lenara übernommen hatte, war Haylie für mich bei vielen Fragen da. Sie kam auch schon dreimal in die Niederlande geflogen, um mir beizustehen und auch mit den Ärzten einiges abzuklären.
Bonnie war auch die letzten zwei Wochen mit ihren Söhne bei mir gewesen und hat tatkräftig mein Team und mich unterstützt. Immerhin hat sie viele Mädchen und Frauen aus unseren Häusern über Jahre betreut und Medizinisch versorgt.

Heute habe ich sie zum Flughafen gefahren und sie fehlt mir jetzt schon sehr.

Nun möchte ich euch ein paar Fotos von diesem wunderschönen Fleckchen Erde zeigen.

Frauenrechte in Afghanistan

Unter dem Taliban-Regime, dass sich ab 1994 in Afghanistan langsam wie ein Geschwür ausbreitete und bis zum Ende ihrer Herrschaft, im Jahr 2001, wurden den afghanischen Frauen ihre Menschenrechte und ihr Würde abgesprochen worden.

Autorin Nila Khalil

Als die internationale Gemeinschaft unter der Führung der USA mit dem Versprechen auf Demokratie, Schutz der Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit nach Afghanistan kam, war die Hoffnung groß, dass sich die Situation der Frauen wieder verbessern würde und sie endlich die gleichen Rechte wie Männer bekämen.
Internationale Organisationen, insbesondere die UN, die Europäische Union und die Entwicklungsagentur der USA, sagten ihre Unterstützung zu, um die Lage der afghanischen Frauen zu verbessern.

Die UNO machte ihre Unterstützung der afghanischen Regierung davon abhängig, dass diese die Rechte der Frauen und ihre stärkere Beteiligung in der Afghanischen Gesellschaft gewährleistete.
Die UN koordinierten diese Hilfen für Frauen und allmählich zeichnete sich eine Verbesserung der Situation ab: Frauen erhielten mehr Zugang zu Bildung und beteiligten sich vermehrt an der Gestaltung von Politik und Gesellschaft. Die unabhängige Menschenrechtskommission Afghanistan, UNAMA ( United Nations Assistance Mission in Afghanistan) wurde gegründet, und die Gleichberechtigung der Frau wurde in der Verfassung Afghanistans festgeschrieben.

Niloofar Rahmani

Mädchen durften wieder in Schulen und Universitäten, Frauen nahmen an Wahlen teil, und fünfundzwanzig Prozent der Sitze des afghanischen Parlaments wurden Frauen zugewiesen. Auch in anderen Bereichen der Politik, der Gesellschaft und der Wirtschaft wurden Frauen aktiv und Arbeits- und Bildungsmöglichkeiten für Frauen nahmen zu.

Im Schlussdokument der Afghanistankonferenz  in Bonn im Dezember 2011 hat die internationale Gemeinschaft bekräftigt, auch nach 2014 und dem Abzug der ISAF-Truppen Afghanistan weiter helfen zu wollen. Bundeskanzlerin Angela Merkel sicherte damals Afghanistan langfristige Hilfe über den Abzug der internationalen Kampftruppen hinaus zu. „Afghanistan kann sich auch nach 2014 auf die Unterstützung der internationalen Staatengemeinschaft verlassen“, sagte Merkel.

Da die UNO, wie auch die NATO ihre militärische Präsenz in Afghanistan zurückschraubte und sich dadurch auch die Hilfen verringerten, erlahmte seitens der UNO, insbesondere der USA, auch das Interesse und die Aufmerksamkeit für den Schutz der sozialen Gerechtigkeit, der Demokratie und der garantierten Beteiligung von Frauen an der Politik.
Auch die Regierung unter Hamid Karsai auch nicht gerade mit Zuverlässigkeit glänzte, erfüllte diese ihre Verpflichtungen gegenüber Frauen nicht, denn die Gesetze und Vorschriften, die zur Sicherung der Frauenrechte eingeführt worden waren, standen lediglich auf dem Papier, wurden jedoch nicht angewandt.
Die Erwartung, dass die UNO und die Regierung Afghanistans die Gleichstellung und die Menschenrechte von Frauen gewährleisten würden, erfüllte sich nicht.
Im Gegenteil – niemand arbeitete ernsthaft an der Erfüllung dieser Verpflichtungen. Es zeigte sich beispielsweise, dass Frauen nur eine symbolische Rolle in der Struktur der afghanischen Regierung innehatten. Inzwischen hat sich, insbesondere aufgrund von wieder zunehmenden Sicherheitsproblemen, Armut, langlebigen Traditionen sozialer Unterdrückung und der Bedrohungen durch die Taliban, den IS und andere extremistische Gruppen, die Lage der afghanischen Frauen wieder verschlechtert, bis hin zu Lebensgefahr, und die Arbeits- und Bildungsmöglichkeiten haben sich verringert und sogar dramatisch verschlechtert.

Nach einer Besichtigung eines Terroranschlag an einer Mädchenschule mit 14 getöteten Mädchen und 3 Lehrerinnen.

Fortsetzung von Krieg und Unsicherheit
Der fortdauernde Krieg und Terror und die insgesamt unsichere Lage hat für Frauen das Leben in vielen Provinzen wo die Taliban wieder die Macht stark erschwert. Die Recherchen von Afghan Women´s Network ergab mit rund 100 Vorfällen in nur 71 Tagen (01.11.2018 – 10.01.2019) ein erschreckendes Bild: In fast allen der 34 Provinzen Afghanistans waren mindestens zwei Vorfälle zu finden. In den unsicheren Teilen des Landes können derzeit Mädchen, wie auch in der Vergangenheit, keine Schulen besuchen; viele Familien erlauben ihren Töchtern nicht, zur Schule zu gehen, weil es zu wenig weibliche Lehrkräfte gibt. Heute, im einundzwanzigsten Jahrhundert, können sechzig Prozent der afghanischen Frauen und Mädchen weder lesen noch schreiben.

Viele Frauen, die in mehreren Provinzen für Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen gearbeitet hatten, mussten ihre Arbeit aufgrund der Sicherheitslage einstellen, oder haben schon in den letzten Jahren im Verborgenen gearbeitet und auch agiert. Darüber hinaus töteten und erschossen die Taliban mehrere Frauen wegen des bloßen Verdachts, mit der Regierung zusammengearbeitet zu haben. Menschenrechtlerinnen leben in Afghanistan unter ständiger Lebensgefahr.

Gewalt gegen Frauen in der Familie und in der Öffentlichkeit
Traditionen sozialer Unterdrückung gibt es heute überall in Afghanistan; immer noch leiden rund drei von vier Frauen unter unterschiedlichen Formen von Gewalt, nicht nur in der Familie, sondern auch in der Gesellschaft – am Arbeitsplatz, an Ausbildungsorten und sogar auf offener Straße. Viele Familien bevorzugen klar die Geburt eines Jungen und sind unglücklich über die Geburt eines Mädchens.

Kinder und Frauen werden zwangsverheiratet oder an ältere Männer verkauft, manchmal werden sie getauscht, gegen Vieh oder gegen die Lösung eines Konfliktes. Frauen und junge Mädchen werden vergewaltigt und Gewalt gegen Frauen wird von manchen im Namen der Religion gerechtfertigt. Polygamie stellt eine weitere Herausforderung für Frauen dar. Ein Mann hat beispielsweise das Recht, mit bis zu vier Frauen gleichzeitig verheiratet zu sein, und diese Frauen besitzen keinerlei Rechte. Viele Fälle von Gewalt gegen Frauen werden mittels informeller Gerichte oder in Stammesversammlungen entschieden. Die Entscheidungen dieser Stammesversammlungen sind unfair und ungerecht, vor aller Augen werden Frauen gesteinigt oder ausgepeitscht. 2015 wurde in der Provinz Ghor eine Frau gesteinigt, obwohl sie kein Verbrechen begangen hatte.

Nicht wenigen Frauen werden durch ihre Ehemänner Ohren und Nasen abgeschnitten. Viele Frauen  suchen in den Frauen- und Schutzhäusern der wenigen Internationalen oder auch privaten Organisationen Zuflucht vor dieser immer stärker um sich greifenden Gewalt. In vielen Provinzen sind die Täter dieser Gewaltakte mächtige Männer, Kriegsherren, Regierungsbeamte oder Parlamentsabgeordnete, und die Regierung sieht sich nicht in der Lage, sie zu verhaften und oder zu bestrafen.
Basierend auf Zahlen von UNAMA wurden im Jahr 2017 rund 3800 Fälle von Gewalt gegen Frauen registriert; 19 der betroffenen Frauen haben sich selbst verbrannt.

Natasha war eine Mitarbeiterin von mir

2018 nahm die Zahl der Verbrechen weiter zu und lag bei knapp 4200. Im vergangen Jahr blieb die Zahl auf gleich hohem Niveau. Menschenrechtsorganisationen können durch die instabile Lage in vielen Regionen gar keine Hilfe, bzw. Registrierungen vornehmen und so liegt die Zahl der tatsächlichen Opfer um ein vielfaches höher.
Die sehr lasche Verfolgung der Behörden, lässt somit eine Straffreiheit für die Männer zu und ist als Hauptgrund für die Zunahme dieser Gewalt zu nennen.
Selbst in Kabul sind Frauen und Mädchen nicht vor körperlicher Gewalt sicher. Als Beispiel hierfür sei der Mord an Farkhunda genannt. Dieses Mädchen wurde vor 2015 von Dutzenden Männern brutal getötet und verbrannt – nur wenige Kilometer entfernt vom Präsidentenpalast und vor den Augen von Sicherheitskräfte.
Dieser Vorfall spiegelt die Tragweite der Tragödie wider, mit der afghanische Frauen konfrontiert sind. Zwar wurden mehrere Personen im Zusammenhang mit diesem Mord verhaftet, jedoch gingen sie letztendlich straffrei aus. Frauen und Mädchen sind selbst an ihrem Arbeitsplatz oder an den Universitäten nicht sicher. Sie werden auf dem Arbeitsmarkt und in Bildungseinrichtungen von Männern auf unterschiedliche Arten belästigt und aufgefordert, illegitime Dinge zu tun; es gibt keinerlei Gesetze zur Unterstützung von Frauen in diesen Bereichen.

Die Erfolge der afghanischen Frauen und deren mangelnde Anerkennung
Menschenrechtsaktivistinnen haben in den letzten Jahren bedeutende Erfolge in Afghanistan und über die Grenzen Afghanistans hinaus erzielen können, sie haben nationale und internationale Preise gewonnen und damit der Welt ein anderes Gesicht von Afghanistan gezeigt, als das von Krieg und Gewalt. Doch die Beteiligung von Frauen an der politischen Entscheidungsfindung ist immer noch verschwindend gering.
Trotz positiver Errungenschaften im Leben der afghanischen Frauen beschränken sich der Fortschritt und die Entwicklungsmöglichkeiten von Frauen in vielerlei Hinsicht auf Worte und Slogans. Zahllose Gesetze, Programme und Strategien wurden entwickelt, um die Stellung der afghanischen Frau zu stärken, doch deren Umsetzung war weniger erfolgreich. Immer wieder wurden diese Maßnahmen ignoriert.

Es ist offensichtlich, dass Frauenrechte in Afghanistan nur eine symbolische Rolle spielen, diese Doppelmoral und die frauenfeindlichen Einstellungen zeigen sich an folgendem Beispiel: Hamid Karsai hatte dem Parlament zwölf Ministeramtskandidaten zur Aussprache des Vertrauens präsentiert; das Parlament hat daraufhin den elf männlichen Kandidaten das Vertrauen ausgesprochen, Nargis Nehan aber, die als einzige Frau als Ministerin für Bergbau und Erdöl vorgeschlagen war, wurde abgelehnt.
Dies zeigt, dass in allen drei Organen der afghanischen Regierung Frauenfeindlichkeit herrscht und nach wie vor politische Entscheidungen auf der Grundlage gefällt werden, die männliche Dominanzkultur zu erhalten. In all den Jahren konnte keine einzige Frau Mitglied des Obersten Gerichtshofs von Afghanistan werden, stets lehnte das Parlament die Mitwirkung von Frauen in dieser Institution ab; Frauen gelten in Afghanistan immer noch als Menschen zweiter Klasse.

Ein Teil von meinem Team

Die allgemein unsichere Lage, das Versagen der afghanischen Regierung bei der Gewährleistung von Sicherheit für Frauen, die Einschränkungen und verschiedenen Arten von Diskriminierung sind Gründe dafür, dass Frauen nicht in der Lage sind, in Frieden in Afghanistan zu leben, und sich gezwungen sehen, allein oder mit der Familie in andere Länder zu gehen, insbesondere nach Europa, um dort Asyl zu beantragen.

Afghanische Frauen, die in Europa Asyl suchen, und der Albtraum der Flucht

Im Gespräch mit Dr. Idah Nabateregga von TERRE DES FEMMES sprach die Vorsitzende von Afghan Women´s Network, Nila Khalil im Dezember 2019 über die Europäische Asylanträge von Afghanischen Frauen.
„Es ist nicht einfach für afghanische Frauen und Mädchen, nach Europa zu kommen. In der Regel sind sie viele Risiken eingegangen, um mit ihren Familien in europäische Länder zu gelangen. Viele der Frauen und jungen Mädchen haben auf dem Weg entweder ihr Leben oder ihre Kinder und Familien verloren, sie wurden eingesperrt und mussten niederträchtiges Verhalten und abscheuliche sexuelle Belästigungen von Grenzsoldaten und Schmugglern erdulden. Zwar ist es auch für Männer nicht einfach, auf illegalem Wege zu reisen, doch für Frauen ist es noch einmal schwieriger. Aber trotz all dieser Gefahren und Probleme auf den Fluchtrouten haben afghanische Asylsuchende weniger Chancen auf Asyl als Asylsuchende aus anderen Ländern. Afghanische Asylsuchende dürfen bis zu dem Zeitpunkt, an dem ihnen Asyl gewährt wird, keine Sprachkurse besuchen. Zwar steht ihnen eine Unterkunft zur Verfügung, sie werden finanziell versorgt und genießen Schutz, doch sehen sie sich mit mentalen und psychischen Problemen konfrontiert.“

In den Lagern und an den Orten, wo Geflüchtete leben, finden sich viele Beispiele für diese Art von Problemen. Eine afghanische Flüchtlingsfrau in Hessen, die von Oktober 2017 bis Mai 2019 in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht war, sprach bei einem Treffen im Januar 2020 mit der Vorsitzenden von Afghan Women´s Network.

„In Afghanistan hatte ich viele Probleme in der Familie und durfte nicht draußen arbeiten. Mein Mann und ich wollten an einem Ort leben, an dem wir in Frieden und wir selbst sein konnten und wo wir in Sicherheit sind. Also sind wir Richtung Europa aufgebrochen, ohne zu wissen, dass wir mit unserem Leben spielten. Stundenlang waren wir auf gefährlichen Routen zu Fuß in Richtung Bulgarien unterwegs. Mein Mann und ich wurden mit anderen Männern und Frauen von bulgarischen Grenzsoldaten festgenommen. Diese Grenzsoldaten folterten uns und brachten uns anschließend in ein Gefängnis, wo wir zusammen mit gefährlichen Gefangenen eingesperrt wurden.
Sie haben uns mehrere Tage lang nichts zu essen gegeben und uns so schlimm behandelt, dass ich es nicht aussprechen kann. Nachdem wir aus dem Gefängnis entlassen worden waren, sind wir nach Deutschland gelangt. Leider wurde unser Asylantrag abgelehnt und wir sollten nach Bulgarien zurückgeschickt werden. Ich war eineinhalb Jahre in einem Krankenhaus für geistige Gesundheit, aber ich kann keinen geistigen Frieden finden.“ (Anm.: Das Gespräch ging über mehrere Stunden und was jetzt geschrieben ist, ist die Quintessenz von diesem Interview)

Afghanische Frauen in Europa und Gewalt in der Familie
Abgesehen von mentalen und psychischen Gesundheitsproblemen erleben afghanische Frauen und Mädchen in vielen europäischen Ländern, insbesondere in Deutschland sexuelle und auch häusliche Gewalt. Nach Quellen deutscher Medien wurden allein 2017 zwei afghanische Frauen in den Städten Frankfurt und Herzogenrath von ihren Ehemännern getötet.

Gewalt ereignete sich auch in einem Flüchtlingslager in Schwerin, wo im November 2017 eine afghanische Frau durch einen iranischen Mann vergewaltigt wurde. Gemäß der Aussage eines Verteidigers von Frauenrechten in Frankfurt leben einige afghanische Familien hier nach denselben traditionellen Vorstellungen wie in Afghanistan und erlauben ihren Frauen nicht einmal, an Sprachkursen teilzunehmen. Die Hilfsangebote vieler Organisationen und Vereinigungen, die Geflüchtete bei ihren Integrationsbemühungen unterstützen, laufen dann ins Leere.
Ein weiterer schwerer Fall von Gewalt afghanischen Männer ist der Mord an Mia im Dezember 2017.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass Unsicherheit, Ungerechtigkeit, mangelnde Rechtsstaatlichkeit und fehlende Gleichberechtigung der Männer die Hauptgründe dafür sind, dass viele afghanische Frauen in Europa Asyl beantragt haben. Niemand würde ohne die oben genannten Gründe derart viele Risiken eingehen, ohne dazu gezwungen zu sein, niemand würde seinen Geburtsort verlassen und in einem Land mit einer anderen Kultur und Sprache Asyl suchen.
Das Leben in Deutschland, oder deren westlichen Nachbarstaaten, ist nicht einfach, es muss von Null aufgebaut werden und es braucht Zeit, sich der Gesellschaft anzupassen und die neue Sprache und Kultur zu lernen. Angesichts der Situation afghanischer Asylbewerberinnen ist klar, dass diese mehr als manche andere Unterstützung benötigen – von Organisationen, die die Menschenrechte verteidigen, sowie von der deutschen und den europäischen Regierungen.

Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland heißt es, dass alle Menschen in diesem Land die gleichen Rechte haben und dass dieses Land demokratisch regiert wird. Aus diesem Grund erhoffen sich die afghanischen Frauen mehr von der Regierung dieses Landes. Gerade Frauen, die alleine sind oder allein die Verantwortung für ihre ganze Familie tragen, sind auf die Unterstützung der Bundesregierung und von Menschenrechtsorganisationen angewiesen. Geflüchtete Afghaninnen wünschen sich, dass ihre Fälle in Bezug auf die Situation in Afghanistan und die politischen und sozialen Probleme von Frauen in diesem Land überprüft werden.

Nila Khalil, Vorsitzende von Afghan Women´s Network und Mitglied der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen in Genf. Den Haag, 25. April 2020.

„Ich habe meine Kindheit verloren“ – Zwangsehe in Afghanistan

Somaya

„10 Tage vor meiner Abschlussprüfung musste ich
heiraten.“                                                

Heute berichte ich über die Geschichte von Somaya aus Afghanistan,  die mit 13 Jahren verkauft wurde, um eine Zwangsehe einzugehen.

„Wir haben dich gekauft und lassen dich nicht in die Schule.“

Somaya, war 13 Jahre alt und beendete gerade die siebte Klasse. „Ich habe meine Kindheit verloren“, so Somaya in einem Gespräch. Das Mädchen bat ihren neuen Ehemann und ihre Schwiegereltern, dass sie zur Schule zurückkehren dürfe, ihre Bitte wurde jedoch abgelehnt. Sie sei nun Ehefrau und hätte schließlich andere Aufgaben.

Alles Reden brachte nichts, so fing Somaya an zu fluchen und zu schlagen. Lies das Essen verbrennen oder versalzte es so, dass es ungenießbar war. Sie machte alles Erdenkliche falsch was sie nur falsch machen konnte, als Zeichen ihres Protestes.
Vor ihrer Ehe hörte sie von einem Frauenhaus und wie sich dort um Hilfe gekümmert wird. Somaya machte sich nach eineinhalb Jahren Ehe auf den Weg zu dem unbekannten Ort. ( Anm. : Aus Sicherheitsgründen wird der Ort in dem Artikel nicht erwähnt).

Samira Ansary, Mitbegründerin meiner Stiftung

Hoffnung auf ein besseres Leben

In drei Schulen vertraute sie sich Lehrerinnen an, zwei dieser Lehrerinnen konnten ihr genaue Angaben geben. In der letzten Schule wurde nach dem Gespräch sofort Kontakt zu dem Frauenhaus aufgenommen und noch am gleichen Tag wurde Somaya von einer Mitarbeiterin abgeholt und in Sicherheit gebracht.

Am nächsten Tag setzte Samira Ansary, einer Fachanwältin aus dem Team von Nila Khalil, die Scheidung und gleichzeitig eine Strafanzeigen gegen den Vater auf.

Nach monatelangen Kämpfen willigte der Ehemann schließlich der Scheidung zu. Somaya lebt jetzt mit ihrer Mutter und ihrem Bruder zusammen. Im Frauenhaus wurde ihr neben Unterricht auch das Nähen beigebracht. Mit Finanzieller Unterstützung von dem Frauenhaus konnte der heute 15 jährigen Somaya und ihrer Familie eine Existenz ermöglicht werden. Nun ist sie stolz auf ihre Arbeit als Näherin.

Das gesetzliche Mindestalter für Eheschließungen in Afghanistan beträgt 16 Jahre. Internationale Menschenrechtsorganisationen definieren jede Ehe mit einem Partner, der jünger als 18 Jahre ist, als Kinderehe. 2017 hat die afghanische Zentralregierung einen Aktionsplan gegen die Kinderheirat auf den Weg gebracht. „Die Öffentliche Arbeit von Menschenrechtlern und wirtschaftlicher Stärkung spielen eine wichtige Rolle bei der Eindämmung der Praxis von Kinderehen.“ Sagte Dr. Sima Samar, Leiterin der unabhängigen afghanischen Menschenrechtskommission (AIHRC) im Gespräch mit der Direktorin des Frauenhauses, Nila Khalil. „Wenn die AIHRC eine Beschwerde über die Eheschließung von Kindern erhält, dann können wir durch Behörden eingreifen“, so Dr. Samar weiter.

Besserung durch positive Öffentlichkeitsarbeit

Untersuchungen zufolge nimmt die Unterstützung der Afghanen für eine vorzeitige Eheschließung ab, selbst in relativ armen ländlichen Gebieten wie zum Beispiel in der Provinz Bamyan, berichtete die Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health im vergangenen Jahr. Die Forscher befragten über 1.000 Mädchen im Alter von 12- bis 15 Jahren und halb so viele Eltern in einigen Provinzen von Afghanistan. „Drei Viertel dieser Jugendlichen waren noch in der Schule und unverheiratet. Und obwohl drei Viertel der Eltern nie eine Schulbildung hatten, waren über 90% der Meinung, dass ihre Kinder die Sekundarschule abschließen sollten. Etwa 40% von ihnen gaben an, dass die Ehe bis nach dem Schulabschluss/ Abitur warten sollte.“ Sagte der leitende Autor der Studie, Dr. Robert Blum, im Gespräch. „Einstellungswandel bedeutet an und für sich keine Verhaltensänderung. Dies ist wirklich eine grundlegende Veränderung für ein Land mit einer neuen Generation.“ So Blum weiter.

Im Interview mit der leitenden Direktorin des Frauenhauses im Dezember 2019 erzählt Somaya ihre Geschichte:

„Ich heiße Somaya und mein Vater heißt Aminallah. Ich war in der siebten Klasse und 10 Tage vor meiner Abschlussprüfung musste ich heiraten. Meine Schwiegereltern ließen mich nicht zur Schule gehen. Ich bestand darauf, dass ich zur Schule gehen wollte. Aber meine Schwiegereltern sagten: „Wenn du zur Schule gehen würdest, wer würde die Hausarbeit erledigen?“ Sie sagten mir: „Wir haben dich gekauft und lassen dich nicht in die Schule.“ Immer wenn ich sagte, ich möchte zur Schule gehen, schlugen mich meine Schwiegereltern und mein Ehemann und sagten mir: „Du kannst nicht zur Schule gehen.“ Mein Mann war jung und unreif und seine Eltern ermutigten ihn, mich zu schlagen, erniedrigen und beleidigen. Ich habe mich nie bei meinem Vater oder bei irgendjemandem beschwert. Ich habe damit gelebt. Meine Schwiegereltern sind Analphabeten. In einem kleinen, schäbigen Haus lebten sie mit 15 Menschen. Meine Schwiegereltern zahlten meiner Familie 250.000 Afghani (circa 2900€) als Mitgift.
Aber im Gegenzug, Allah als mein Zeuge, gab mein Vater fast 300.000 Afghani für Gegenstände für ihre Wohnung aus. Er kaufte mir Goldschmuck, Bettwäsche und Kleidung. Meine Schwiegereltern traten und schlugen mich, aber sie peitschten mich nie, denn das hätte Spuren auf meinem Körper hinterlassen. Sie schlugen und beschimpften mich bei jedem Fehler den ich machte. Ich habe meine Kindheit verloren. Ich habe die Schule geliebt und bin sehr gerne zur Schule gegangen. Aber sie ließen mich nicht, so suchte ich Hilfe. Ich hörte von einem Haus in dem es Frauen gut geht. Ich sollte auf den Markt Lebensmittel kaufen gehen und hatte Geld für eine Busfahrkarte, so lief ich weg. Sechs Monate später kam mein Vater ins Gefängnis, er wurde zu zwei Jahren Haft verurteilt. Meine Schwiegereltern und Mann wurden im Sommer diesen Jahres zu einer Strafe von 500.000 Afgani verurteilt und aufgefordert meine Mitgift auszuliefern. Ich bin jetzt geschieden. Mein Mann und meine Schwiegereltern leben ihr Leben, und ich lebe mein Leben. Ich nähe Kleidung mit meiner Mutter. Wir sind jetzt die Ernährer. Mein Vater hat nie gearbeitet. Mein Leben ist besser, besonders jetzt, wo mein Vater nicht hier ist. Ich hatte in der Vergangenheit viele Probleme, nun wird es aber immer besser. Wir bezahlen unsere Ausgaben mit dem Geld, das wir durch Nähen verdienen. Für jedes Kleid bekommen wir zwischen 1500 und 3000 Afghani ( 17 – 35 €.). Unsere Straße hat fünf bis sechs Schneider, aber weil wir arm sind und nicht viel verlangen, haben wir viele Kunden. Im Moment habe ich nicht entschieden, ob ich wieder zur Schule gehen soll. Lehrerinnen von Afghan Network kommen am Nachmittag vorbei und machen mit mir Unterricht. So lerne ich trotz der Arbeit auch noch für die Schule.“

Nila Khalil, Vorsitzende von Afghan Women’s Network und Mitglieder der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen in Genf.
Den Haag, 7. Januar 2020

Der falsche Glauben mit Nationalismus und Rassismus die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

KZ Dachau

Seit einer Woche erleben wir über sämtliche Medien die eskalierende Gewalt in den USA. Hervorgerufen durch den Tod an dem Afroamerikaner George Floyd.
Mit wachsender Sorge sehe ich in den letzten Jahren wie der Nationalsozialismus und Rassismus immer weiter in die Öffentlichkeit getragen wird und viele Rechtspopulisten diesen immer weiter anfeuern. In den Niederlanden wird nach Deutschland geschaut und die Wahlergebnisse der AfD gefeiert.
Die Niederlande sind seit 2015 mit rechtspopulistischen Parteien konfrontiert. Zu erst mit Pim Fortuyns von der LPF, dann mit Geert Wilders „Partei für die Freiheit“.

Nun aber der Reihe nach.
Den Haag, anno 2018. Die Niederlande sind aus der EU ausgetreten und haben ihre Grenzen hermetisch geschlossen. Muslimen wird der Zutritt verwehrt. Der Bau von Moscheen ist verboten, ebenso der Koran. Die Polizei hat Razzien durchgeführt, um das Buch in allen muslimischen Haushalten aufzuspüren und zu entfernen. Wer unbedingt ein Kopftuch tragen will, muss dafür eine kopvoddentax zahlen, eine „Schädelfetzensteuer“. Aus den weitaus meisten Asylbewerberheimen sind Haftanstalten geworden, in denen männliche Flüchtlinge und Immigranten einsitzen, denen vor dem Schließen der Grenzen noch die Einreise gelungen war. Die rechtspopulistische Regierung in Den Haag will die Mütter und Töchter des Landes vor muslimischen Testosteronbomben schützen und einen angeblich drohenden „Sex-Jihad“ verhindern.

So hätten die Niederlande zukünftig aussehen können, wäre die ebenso europa- wie islamfeindliche „Partei für die Freiheit“ PVV (Partij voor de Vrijheid) von Geert Wilders bei der Wahl im März 2017 an die Macht gekommen. Denn diese Forderungen hatte er im niederländischen Parlament immer wieder gestellt; sie finden sich auch im Parteiprogramm der PVV wieder.

Dieses Schreckensszenario hat sich zum Glück nicht bewahrheitet. Im März 2019 wurde die Partei des niederländischen Ministerpräsidenten Mark Rutte, die rechtsliberale VVD, bei den Provinzwahlen im Land überraschend geschlagen. Es siegte eine Partei, die bei den letzten Provinzwahlen nicht einmal gegründet war und sich mit dieser Wahl ihren Platz unter den neuen europäischen Rechten sichert: Forum voor Democratie (FVD).
Diese erst 2016 gegründete rechtspopulistische Partei, geführt von Thierry Baudet, ist auf Anhieb die stärkste Kraft geworden und überholt damit sowohl die Regierungsparteien als auch die rechte Konkurrenz von Geert Wilders und seiner PVV.
Soweit mal eine kleine Einordnung der Parteienlandschaft in den Niederlanden.

Am 13 April 1985 hat Danuta Danielsson eine jüdisch-polnische Frau, deren Mutter in ein Konzentrationslager im Zweiten Weltkrieg verschleppt wurde, mit ihrer Handtasche in Växjö, Schweden, einen lokalen Neo Nazi getroffen. Die Neo-Nazis wurden anschließend aus der Stadt vertrieben und eine Statue wurde zu ihrer Ehre gemacht. Vor 34 Jahren lehrte uns Danielsson die Menge an Respekt, die dem Faschismus gegeben werden muss: Keine.

Wir sehen den Anstieg von Rechtspopulisten in Frankreich, Österreich, Polen, Italien und Ungarn. Die neuen Höhenflüge solcher Parteien resultiert sehr oft aus Unkenntnis der Menschen  und die gleichsame Verbreitung von Fake News via Sozialen Netzwerken. Mit vielem sind die Menschen überfordert und schnappen alles auf, was ihnen Angst macht oder sie nicht zuordnen können/ wollen. Die Boulevardpressen in Europa tun ihr bestes dafür, dass dies auch so bleibt. Europa hat seit 75 Jahren Frieden und eine Stabilität erreicht, die in vielen Ländern der Welt mit Neid betrachtet wird. Leider ist diese Sicherheit und Stabilität durch immer neueres anfeuern von Nationalismus gefährdet und Menschen mit einer anderen Hautfarbe, Herkunft und Religion werden öffentlich angegriffen, verfolgt und sogar ermordet. Den Einwohnern in Europa ist offensichtlich nicht mehr bewusst, in welch einem Zustand Europa nach dem zweiten Weltkrieg war!

Ich kam als 10 jährige 1990 aus Afghanistan und bin damals vor Krieg und Terror geflohen und habe die Schrecken von eben jenen Krieg hautnah erlebt. All jene die seit Jahren auf die Straßen gehen um lauthals gegen Ausländer, Flüchtlinge und Migranten ihren Hass öffentlich zeigen, die Häuser anzünden und sogar noch weiter gehen und Menschen umbringen, möchte ich sagen: Nationalismus und Rassismus TÖTET!
Haben die Staaten der Europäische Union nicht genug Leid mit dem Aufstieg der NSDAP erlebt? Wollen so viele in jene Zeit von 1933 zurück? Wer Krieg erleben möchte, kann dies doch gerne mal in Syrien, Irak oder Afghanistan erleben. Ich lebte von 2005 bis 2019 im Krieg und Terror und wünsche dies niemandem. Es ist leicht in einem sicheren Land mit all den Vorzügen von Infrastruktur zu leben um andere Menschen zu wünschen, sie sollen doch bitte in ihre Heimat zurückkehren. Wohin? Viele Länder die einst weiter Entwickelt waren als Europa wurde und werden täglich zerbombt. Kein Mensch flieht ohne Grund!

Ich bin nur ein Flüchtling, die in jungen Jahren nach Deutschland gekommen ist und sich so gut es ging auch in dieses Land integriert hat. In der Schule lernte ich natürlich auch die Zeit des zweiten Weltkrieg und wollte mehr über diese dunkelste Epoche von Europa wissen. Ich bemühte mich die Deutsche Geschichte im Dritten Reich zu begreifen. Nicht nur in Bücher, auch Lebendig. Mein damaliger Lehrer, Norbert Dellinger, war dafür sehr offen und ist mit mir und seiner Familie zu einigen Orten und auch Konzentrationslagern gefahren. Norbert war ein guter Lehrer und hat mir, und seiner Tochter, die im gleichen Alter war wie ich, so einiges außerhalb der Schule und dem Lehrplan gezeigt. Vielleicht war Norbert es, der mich zu einer Kämpferin für Menschenrechte gemacht hat. Er schmunzelt immer, wenn ich ihm dies sage.

KZ Dachau

Mit Norbert und seiner Familie fuhr ich 1996 in das Konzentrationslager nach Dachau um die Geschichte zu begreifen. Auch wusste ich, dass Dachau kein „Vernichtungslager“ war wir zum Beispiel Auschwitz. Trotzdem haben sich die Erlebnisse von damals mir ins Gedächtnis gebrannt und so war ich vor sechs Jahren mit Amira und meinen Eltern nochmals in Dachau. Ich fand es wichtig, dass auch Amira diese Geschichte begreift und auch warum ich mich seit Jahren so für Menschenrechte einsetzte.
In den letzten 15 Jahre wurde der Drang nach Gerechtigkeit der Menschen und Völker in mir so stark, dass ich es sogar bis zur größten Internationalen Regierungsorganisation der Welt geschafft habe und ein klein wenig mit meinen Gedanken und Erlebnisse in Referaten und Publikationen auf Menschenrechtsverletzungen und den Anstieg von Nationalismus und Rassismus einem doch breiten Publikum vorstellen kann.

Nila Khalil, Den Haag am 2. Juni 2020.

Der Alltägliche Rassismus

Ich möchte nun meine Erlebnisse zum Alltäglichen Rassismus schreiben.

Am 2. November sprach ich mit Jolien van de Wiel, sie ist seit dem 13. August die Therapeutin von Lenara. Jolien ist so alt wie ich und durch die noch vielen Operationen bei Lenara werden wir die nächsten Jahre oft zusammen sein. Ich mag Jolien und wir beide sind in kurzer Zeit gute Freundinnen geworden.

Autorin Nila Khalil

Wir kamen am 2. November auf die Präsidentenwahl in den USA zusprechen und den Rassismus den der noch amtierenden 45. Präsident der USA so gerne befeuert.
Nun, ich bin eine afghanin mit einem deutschen Pass und lebe in den Niederlanden. Rassismus erlebe ich an meiner Person kaum noch. Dies liegt vielleicht daran, dass ich als deutsche angesehen werde. Ich frage auch nicht nach. Rassismus erlebe ich aber an meinen Kindern, also die von der Kinder- und Jugendeinrichtung, fast täglich. Die Blicke einiger Menschen sagen mehr als tausend Worte.
Wenn ich mit einem oder mehreren Kindern aus Eritrea in die Stadt oder wo hin auch immer gehe, sehe ich die Blicke der Leute. Es ist die Hautfarbe die offensichtlich die Menschen stört. Wir haben auch muslimische Kinder in unserer Einrichtung und wenn Jugendliche Mädchen ein Hijab tragen, ist dies ihr gutes Recht. Ich / wir schreiben den Kinder keine Religion vor.

Nun zu einem Erlebnis, dass zeigt wie sehr der Rassismus in den Köpfen vieler Menschen ist – ob nun gewollt oder ungewollt.
Vor zwei Wochen war ich mit meiner Tochter Amira und Teline, eine Mitarbeiterin von mir, in einem Café in Delft. Teline ist seit 27 Jahren in den Niederlande. Auch sie kam als Flüchtlingskind aus Afghanistan und hat fast gleiche Fluchtgeschichte wie ich. Teline ist drei Jahre älter als ich und könnte meine Schwester sein – im Geiste sind wir es auch.
Seit 13 Jahren ist sie bei Erik de Joost in der Einrichtung für den Beriebsablauf und Dolmetscherin tätig. Ich kenne Teline seit ihrem ersten Tag in der Einrichtung.
Unsere Zusammenarbeit war in all den Jahren sehr kollegial und freundlich. Sie arbeitete in den Niederlanden und ich in Afghanistan. Seit dem 1. April 2020 bin ich ihre Chefin, was unserer Freundschaft kein Hindernis darstellt.
Wir drei saßen also in dem Café bei Kaffee und Kuchen. Wir sprachen in paschtu über belangloses. Durch Corona hat man in den Cafés und Restaurants einen großen Abstand zu den anderen Besucher. Körperliche Distanz nennt man dies. Für Ohren gilt dies nicht! Zwei Tische neben uns saßen zwei ältere Damen und ich merkte, dass deren Ohren immer länger wurden und beide über uns sprachen. Wir drei können ja auch niederländisch und sprachen auf paschtu über jenes, was beide älteren Damen über uns so erzählen.
Es kamen dann die Sprüche wie immer: Islam, Ausländer, Schmarotzer….. das übliche eben.
Woher die beiden älteren Damen auf die Religion kamen, erklärte sich uns nicht. Keine von uns trug ein Hijab und keine hat den muslimischen Glauben. Das wir „Ausländer“ sind, ist in vielleicht durch die Hautfarbe zu erkennen, mehr auch nicht. Teline hat einen niederländischen Pass, Amira die niederländische Daueraufenthaltsgenemigung und ich einen deutschen Pass. Schmarotzer konnten wir uns beim besten Willen nicht erklären, denn wir waren vernünftig gekleidet.
Teline sah uns beide an, nahm tief Luft und rollte mit den Augen.  Sie fing an auf niederländisch zu sprechen und dies extra etwas lauter. Ich sagte ihr, „lass gut sein. Lass die Damen in ihrem Glauben.“ Teline schüttelte den Kopf. „Nee Nila, ik laat het niet goed zijn. Ik ben een burger van dit land. (Nein Nila, ich lasse es nicht gut sein. Ich bin eine Bürgerin dieses Landes.) Teline dreht sich zu den beiden Damen und sprach diese offen an, warum sie auf diese Haarsträubende Meinung über uns kommen würde. „Kijk naar ons! Lijken we op parasieten? Lijken we op moslims? Alleen omdat we in een andere taal spreken, wil nog niet zeggen dat we zijn wat u wilt dat we zijn. We werken met z’n drieën in Nederland en we betalen onze belasting en je pensioen.“ (Schauen Sie uns an! Sehen wir wie Schmarotzer aus? Sehen wir wie Muslime aus? Nur weil wir uns in einer anderen Sprache unterhalten,  sind wir nicht das, was Sie gerne hätten. Wir drei arbeiten in den Niederlanden und wir bezahlen unsere Steuern und Ihre Rente.)
Völlig konsterniert sahen uns die beiden älteren Damen an und bekamen einen hoch roten Kopf.

Nun eine Geschichte, die schon sehr lange zurück liegt und trotzdem noch im Kopf ist.

Als ich 1990 nach Deutschland kam war alles fremd für mich. Die Umgebung, die Sprache, die Kultur. Meine damalige Tante Mila und Onkel Milad, nach 30 Jahren „Tocher“ von beiden, kann ich mittlerweile von meinen Eltern sprechen, sind 10 Jahre früher aus Afghanistan geflohen. Beide kam 1980 nach Deutschland. Mein Vater arbeitete nach der Ankunft in Deutschland bei Mercedes am Fließband, wurde Vorarbeiter, machte 1987 seinen Meisterbrief als Werkzeugbauer und bekam 2003 (zum 50.Geburtstag) eine Stelle in der Prototypen Entwicklung bei Mercedes-Benz.
Mila, meine Mutter, hatte in Afghanistan BWL studiert und auch dort bis zu ihrer Flucht gearbeitet. In Stuttgart war sie ab 1981 bei Merzedes in der Verwaltung. Also nichts mit Sozialschmarotzer oder Pack.

Mit mir sprachen beide deutsch und brachten mir auch sehr viel bei. So wurde ich im Herbst 1990 von meiner Mutter und einer pensionierten Lehrerin aus der Nachbarschaft in deutsch unterrichtet. Im Frühjahr 1991 musste ich beim Jugendamt und der Schulaufsicht einen Eignungstest machen, für welche Schule ich geeignet war. Ich konnte auf die Realschule gehen.

Ich kann mich noch sehr gut an meine Schulzeit erinnern. Es war 1993. Ich war schon zwei Jahre an der Realschule in Stuttgart und bekam zufällig im Lehrerzimmer eine Unterhaltung mit, wo eine Mutter sich über mich ausgelassen hatte. Ihre Tochter kam, durch Umzug bedingt, nach den Osterferien bei uns in die Klasse und eben jene Mutter äußerte sich bei meinem Klassenlehrer über mich: „Sie haben ja ein Flüchtlingskind in der Klasse. Ist dies für die Klassenleistung nicht hinderlich?“ Als ich dies hörte, setzte für einen Augenblick mein Herz aus. Mein Klassenlehrer, Herr Dellinger, zu dem ich heute noch Kontakt habe, erklärte der besorgten Mutter, dass ich keineswegs das Leistungniveau senken würde und er es sich verbiete, dass sie so über mich denken würde.
Am gleichen Tag, nach der großen Pause, wurde von meinem Klassenlehrer in der Klasse klar gestellt, dass alle Mitschüler an dieser Schule, Schüler der Linden Realschule seien und es keinen Unterschied geben wird und er dies auch nicht dulde.
Ich wusste wer die Tochter von jener Mutter war und brauchte lange um mit ihr zu reden. Täglich sah ich Susanne in der Klasse, auf dem Pausenhof oder im Leistungskurs. Wie gehe ich damit um? Soll ich es ignorieren oder soll ich sie fragen; es klar stellen? Es tat mir im Herz weh und ich wusste nicht was ich machen sollte.
Da ich mit der Tochter von meinem Klassenlehrer befreundet war und dies immer noch bin, war ich früher sehr oft bei ihnen zu Hause. In den Sommerferien sprach ich Norbert, also Herr Dellinger, darauf an. Über zwei Monate trug ich diese Worte mit mir und wusste nicht mit wem ich sonst hätte reden können. Natürlich wussten es meine Eltern und sagten: ich soll mir dies nicht so zu Herzen nehmen.
Mit Norbert sprach ich darüber und er war traurig, dass ich zwei Monate diesen Schmerz mit mir versuchte auszumachen. Zwei Tage später rief mich Norbert an und fragte, ob ich mit Yvonne, seiner Tochter, ins Schwimmbad möchte. Ich sagte zu und Norbert kam mich abholen. Wir fuhren nicht ins Schwimmbad, sondern zu ihm nach Hause und er hatte jene Mutter mit Tochter zu sich bestellt. Im Garten erklärte er den beiden von unserer Unterhaltung, von vor zwei Tagen und wie weh mir dies tat. Susanne, die Tochter, entschuldigte sich sofort und die Mutter war etwas pikiert über diese Konfrontation. Ich erzählte beiden meine Flucht aus Afghanistan über den Iran, Türkei, Bulgarien, Rumänien, Österreich bis nach Deutschland. Wie und was ich auf dieser Flucht erlebt hatte und wie ich mich, was ich hoffte, in Deutschland integriert zu haben. Das hatte gesessen! Seit jener Zeit wurde ich in der Schule nie wieder als Flüchtling oder Ausländer bezeichnet.

In der Schule waren damals auch Kinder von türkischen Eltern, die meisten in Deutschland geboren, also nichts mit Ausländer. Ich war die Exotin. Afghanistan war den meisten in den 90er kein Begriff. „Ein Land von da hinten“, hörte ich oft. Den Dialekt lernt man als Kind am schnellsten. Da i in Schduagard gewohnt hänn, lernde i des schwäbisch no vor däm Hochdeidsch. Dies war am Anfang unglaublich schwierich. I kannde die schwäbische Wördr füe viele Gegenschdänd, abr ned die Hochdeidsche. Moi Ufsädze vo damals wara scho der Brüller.

Da ich heute immer noch hin und wieder an meiner ehemaligen Schule bin, folgt ein Text den meine Tochter bei unserem letzten Besuch im Februar 2020 geschrieben hat.

https://naike-juchem.com/2021/10/18/mit-mama-zu-besuch-in-ihrer-ehemaligen-schule/

Stuttgart

Wie es als Teenager so ist, geht man auch gerne shoppen. In einem Geschäft von C&A war ich mit einer deutschen Freundin, die einen afro-amerikanischen Vater hatte (muss ich hier leider erwähnen), beim aussuchen und anschließend anprobieren von jenen Kleider. Ich stand in der Umkleidekabine und wollte die Kleider anprobieren. Eine Mitarbeiterin von C&A riss den Vorhang auf und brüllte mich an, „Hier wird nix klaud!“ Fassungslos und nur in Unterwäsche sah ich die Frau an. Auf meine Erklärung hin, dass ich jene Teil gerne anprobieren möchte, kam von der Mitarbeiterin nochmals gleiches gebrüll. Die umstehenden Leute schauten natürlich in Richtung der Umkleidekabine. Mir war dies mega peinlich und unter den Augen der Mitarbeiterin zog ich meine Kleider an.
Dieses Erlebnis ist nun 25 Jahre her und wenn ich heute noch in ein Geschäft gehe, denke ich an diesen Vorfall. Ein Geschäft von C&A habe ich seit jenem Tag nie wieder betreten.

Nun noch ein Vorfall von alltäglichen Rassismus.

Vor drei Jahren bin ich mit meiner Tochter, sie war damals 22 Jahre alt, in Stuttgart gelandet und wie so üblich steht man in der Schlage vor dem Zoll. Neben uns stand ein Ehepaar dass ich um mitte 50 schätzte. Ich hielt die Pässe von mir und meiner Tochter in der Hand und der Mann sah nur den afghanischen Pass meiner Tochter. Zu seiner Frau sagte er, „wie können sich die Ausländer einen Flug leisten, die handeln bestimmt mit Opium.“ Bei dem gehörten rieß meine Tochter die Augen auf. Die Frau nickte ihm zu und setzte noch einen drauf. „Die haben bestimmt auf der Bordtoilette die Burkas gegen die Miniröcke getauscht.“ In den Augen von Amira sah ich schon ihren kampfgeist. Ich sprach auf paschtunisch zu ihr, „mal schauen, wo dieses Schauspiel noch hinführt. Bleibt ruhig.“
Die Frau stichelte weiter, „hast du gesehen, die haben sogar Markenkleider an.“ (Wir beide mögen Kleider von Esprit) „Das sind Kopien, da wo die herkomme wird alles kopiert.“ (Welch eine Scharfsinnige Analyse). Amira blies hörbar die Luft aus.
Endlich waren wir an der Reihe und ich gab der Zollbeamtin unsere Pässe. Der Blick der Beamtin fiel auf die vielen Stempel in meinem deutschen Reisepass. Freundlich sagte diese, „Sie sind ja eine richtige Globetrotterin.“ Ich sagte ihr, dass ich bei der Menschenrechtskommission der UN sei und durch den Job eben auch sehr viel unterwegs. Ich sagte der freundliche Beamtin, dass ich mit meiner Tochter in Genf bei UNICEF war.“ Ein leichter Blick nach rechts zu dem Ehepaar musste ich mir geben. Amira sagte zu den beiden Herrschaften, „ist schon blöd, wenn die Vorurteile so schnell zusammen fallen. Im übrigen hatte meine Mutter in ihrem Leben noch nie eine Burka getragen. Schönen Tag noch.“

Wir beide gingen grinsend zur Gepäckausgabe und jenes Ehepaar hielt einen maximalen Abstand zu uns und stand auf der gegenüber liegenden längsseite, wie geprügelte Hunde.

Nila Khalil, Den Haag, 18. November 2020

Wie lange sind wir Flüchtlinge

Ich las gestern bei Kalle Khalil seine Gedanken zu dieser Frage und seit dem lässt mich diese Frage nicht los.

Autorin Nila Khalil

Heute Morgen rief ich nach Luxemburg an und stellte gleiche Frage an Leon. Seine Antwort war:
„Hues du ze vill Gras gefëmmt?“ (Hast du zu viel Gras geraucht?)
„Bis jetzt noch in einem ertäglichen Rahmen. Ist aber auch die falsche Antwort.“ „Du kënnt zimlech fréi moies ganz scheene Froen stellen. Ech hunn keng Sorsch um daad gemacht und wäert ma och keng Sorsch doriwwer maache. Du, ech, mir sinn Mënsch. Punkt.“ (Ich habe mir keine Gedanken darüber gemacht und werde sie mir auch nicht machen. Du, ich, wir sind Menschen. Punkt.)
Trotzdem sprach ich noch fast eine Stunde mit Leon und sagte ihm, was er seit unserer letzten Unterhaltung noch nicht wusste.

Mit Rebecca traf ich mich heute um 11 Uhr in Rotterdam an der Brandwonden Klinik. Sie war schon auf dem Parkplatz als ich kam. Ihre Begrüßung war eine andere als die zwei Monate zuvor. Sie drückte mich fest und ihre Augen hatten wieder ein Strahlen. Sie würde sich auf morgen freuen, wenn sie mit den Kindern zu uns nach Den Haag kommen kann und sie würde gerne zwei Wochen bleiben. Dies hatten wir gestern schon besprochen.

Gemeinsam gingen wir in die Klinik und es war auch für mich heute ein anderes Gefühl. Die Prozedur in der Intensievstation war ja auch immer die gleiche und das Umziehen in diese furchtbaren grünen Kleider war auch anders wie sonst. Zurück ins Stationszimmer und unser Outfit kontrolieren lassen. Ich schaute mir das EEG von Lenara der letzten eineinhalb Tage an. Die neuenTöne und Musik aus Schottland und Irland scheinen Lenara zu gefallen. Die EEG Kurven zeigten eine Veränderung. Kann auch sein, dass sie solche Töne gar nicht kannt und ihr Gehirn mehr „Arbeit“ braucht um diese zu verarbeiten.
Im Zimmer von Lenara las ich das nächste Kapitel aus Peter Pan, Wendys Geschichte.
Ich sprach wieder so einiges mit ihr. Wie das Wetter gestern war, was mein Vater am Abend gegrillt hatte und wie ich den gestrigen Tag verbracht hatte.
Heute will ich aber nicht über Lenara schreiben, sondern über jene Frage von Kalli.

Wie lange sind wir Flüchtlinge?

Um kurz vor 15 Uhr war ich im Umkleideraum und auch Rebecca kam kurze Zeit später in den Raum. Sie sagte noch, dass sie gestern lange mit ihren Eltern und Schwiegereltern gesprochen hatte und sie alle die Entscheidung begrüßten, dass Rebecca für eine Zeit nach Den Haag ginge. Auch habe sie mit der Klassenlehrerin von Luuk gesprochen und sie würde mich am Montag bezüglich des Schulunterrichts anrufen. „Sehr gut. Es freut mich, dass du meine Hilfe annimmst. Nun hätte ich aber auch eine Frage an dich.“
„Graag. Natuurlijk. Vraag het me.“
„Wie lange bin ich Flüchtling?“
Rebecca sah mich an, als ob in diesem Augenblick ein UFO landen würde.
„Je meent het nu niet meer! (Du meinst es jetzt nicht ernst!)“
„Doch! Es ist eine Frage über die ich nun seit Stunden nachdenke.“
Rebecca schüttelte immer wieder den Kopf.
„Nee, du bischt doch niet an Fluchtling. Du wonscht doch hier bij ons.“

Mit zwei großen Tassen Kaffee saßen wir wieder in unser Nische und erzählte ihr meine Gedanken.
„Ich kann mich noch sehr gut an meine Schulzeit erinnern. Es war 1993. Ich war schon fast 3 Jahre an der Realschule in Stuttgart und bekam zufällig im Lehrerzimmer eine Unterhaltung mit, wo eine Mutter sich über mich ausgelassen hatte. Ihre Tochter kam, durch Umzug bedingt, nach den Osterferien bei uns in die Klasse und eben jene Mutter bezeichnete mich bei meinem Klassenlehrer: „Sie haben ja ein Flüchtlingskind in der Klasse. Ist dies für die Klassenleistung nicht hinderlich?“ Als ich das hörte, setzte für einen Augenblick mein Herz aus. Mein Klassenlehrer, Herr Dellinger, zu dem ich heute noch Kontakt habe, erklärte der besorgten Mutter, dass ich keineswegs das Leistungniveau senken würde und er es sich verbiete, dass sie so über mich denken würde.“
Rebecca schaute mich mit offenem Mund an und war nicht in der Lange etwas zu sagen.
„Am gleichen Tag, nach der großen Pause, wurde von meinem Klassenlehrer dies in der Klasse klar gestellt, dass alle Mitschüler in dieser Schule, Schüler der Linden Realschule seien und es keinen Unterschied geben wird. Ich wusste wer die Tochter von jener Mutter ist, und brauchte lange um mit ihr zu reden. Täglich sah ich Susanne in der Klasse, auf dem Pausenhof, im Leistungskurs. Wie gehe ich damit um? Soll ich es ignorieren oder soll ich sie fragen; es klar steellen? Rebecca, wie geht man als 13 jährige damit um, wenn du als ein Mensch angesehen wirst, der den Klassenspiegel senkt?“
„Ik weet het niet. Ik vind het heel verdrietig om dit van je te horen. (Ich weiß es nicht. Es macht mich sehr traurig dies von dir zu hören.)
„Es tat auch mir im Herz weh. Da ich mit der Tochter von meinem Klassenlehrer befreundet war und dies immer noch bin, war ich früher sehr oft bei ihnen zu Hause. In den Sommerferien sprach ich Norbert, also Herr Dellinger, darauf an. Über zwei Monate trug ich diese Worte mit mir und wusste nicht mit wem ich sonst hätte reden können. Natürlich wussten es meine Eltern und sie sagten: „Lass sie laufen, du bist besser als sie.“ Das brauchte mich nicht viel weiter, denn die Worte blieben in meinem Kopf. Mit Norbert sprach ich darüber und er war traurig, dass ich zwei Monate diesen Schmerz mit mir versuchte auszumachen.“
„Nila, het spijt me zo.“ (Das tut mir so leid.)
„Zwei Tage später rief mich Norbert an und fragte, ob ich mit Yvonne, seiner Tochter, ins Schwimmbad möchte. Ich sagte zu und Norbert kam mich abholen. Wir fuhren nicht ins Schwimmbad, sondern zu ihm nach Hause und er hatte jene Mutter mit Tochter zu sich bestellt. Im Garten erklärte er den beiden von unserer Unterhaltung, von vor zwei Tagen, und wie weh mir das tat. Susanne, die Tochter entschuldigte sich sofort und die Mutter war noch etwas pikiert über diese Konfrontation. Ich erzählte beiden meine Flucht aus Afghanistan über den Iran, Türkei, Bulgarien, Rumänien, Österreich nach Deutschland. Wie und was ich auf dieser Flucht erlebt habe und wie ich mich, was ich hoffte, in Deutschland integriert zu haben. Das hatte gesessen! Seit jener Zeit wurde ich nie wieder als Flüchtling bezeichnet.“


Fassungslos sah mich Rebecca an.
„Nila, du bist eine unglaublich starke Frau. Ich hatte gestern sehr lange mit meinen Eltern über dich gesprochen und habe ihnen auch gesagt, dass du aus Afghanistan stammst, in Deutland gelebt hast und die letzten Jahre in Afghanistan unglaublich viel aufgebaut und erreicht hast. Ich hörte den Respekt und die Anerkennung heraus und es ist nicht ein negatives Wort über dich gefallen. Geen negatief woord!“
„Du hast mich ihnen ja beschrieben. Dann mal anders herum, wie hast du mich die ersten Male wahrgenommen, als wir uns hier begegent sind und wir uns nur kurz begrüßt hatten?“
„Dat is een schöne vrouw. Die heeft ook veel te lijden.“ (Die auch viel Leid zu tragen hat.)
„Jetzt lass doch mal mein Aussehn weg.“
„Äh, hoe moet ik je zien?“ (Äh, wie soll ich dich sehen?)
„Wie du mich eben wahrgenommen hast.“
„Als een mooie vrouw.“
„Rebecca, dass meine ich nicht! Hast du mich als Ausländerin oder Muslime gesehen?“
„Nee. Wie kommst het darauf? In de Nederland wonen veel mensen uit veel landen.“

So ging die Unterhalung weiter und es war für mich nicht die Antwort auf meine Frage oder nicht die richtige Antwort.

Ich selbst sehe mich als einen weltoffenen, liberalen, etwas klugen Menschen. Ich habe nichts mit einem Glauben zu tun und renne auch nicht jeder Meinung sofort hinter her. In Deutschland wurde ich in den Jahren von 1990 bis 2005 selten als Flüchtling gesehen, eher als eine Ausländerin. Das ist heute auch mit dunkelhäutigen so, die in Deutschland geborne sind.

Anmerkung: Laut Amnesty International gilt folgende definition: Farbige/farbig ist ein kolonialistischer Begriff und negativ konnotiert. Eine Alternative ist die Selbstbezeichnung People of Color (PoC, Singular: Person of Color). Begriffe wie „Farbige“ oder „Dunkelhäutige“ lehnen viele People of Color ab. Die Initiative „der braune mob e. V.“schreibt: „Es geht nicht um ‚biologische‘ Eigenschaften, sondern gesellschaftspolitische Zugehörigkeiten.“ Um das deutlich zu machen, plädieren sie und andere dafür, die Zuschreibungen Schwarz und Weiß groß zu schreiben.* Eine alternative Schreibweise ist, weiß klein und kursiv zu schreiben.
Möchte meine Gedanken schon im Polítical Corréctness schreiben.
Anmerkung: Für mich hat sich noch nie die Frage nach der Hautfarbe gestellt und käme mir auch etwas blöd vor einen maximalpigmentierten Menschen mit: „Hallo PoC, wie geht es dir?“ anzureden.
Phu, ich merke die Frage mit der Hautfarbe bringt mich doch ganz schön ins schlingern.

Nun zurück zu der einen Frage, bevor meine Gedanken weiter ausufern.

Die letzten 14 Jahren in Afghanistan war ich die Deutsche, obwohl ich in Afghanistan geboren bin. Die ersten Jahre wurde ich immer als: “Nila die Deutsche, die dies und jenes nun hier vor hat aufzubauen, organisieren“; oder um was es auch immer mit der Vorstellungen meiner Person ging.

Seit Dezember bin ich in den Niederlanden und da ich anfangs nur auf Besuch dort war, wurde ich bei Treffen mit Politer oder Behörden als: “Frau Nila Khalil, Menschenrechtlerin aus Afghanistan“; vorgestellt. Da wurde plötzlich mein Beruf, obwohl er dies nicht ist, mit vorgestellt. Bin ja eigentlich nur Bürokauffrau.
Seit März hat sich einiges in der Anrede geändert und ich stelle mich selbst vor mit: Nila Khalil.
Dies bin ich auch im Krankenhaus, auf der Bank oder bei den Nachbarn.

Nachbarn: Gutes Stichwort. Meine Eltern sind seit dem 13. März in Den Haag und hatten ja auch schon Kontakt mir den Nachbarn und sie haben sich immer als Mila oder Milad Faani aus Stuttgart vorgestellt. Die Nachbarn fragten nach dem Nachnamen und es wurden denen gesagt, dass dieser aus Afghanistan stamme. Hier wurden sie nun gefragt, warum sie aus Stuttgart nach Den Haag kommen. Also ist Afghanistan völlig außenvor.

Nun habe ich mir den Kopf frei geschrieben und bin immer noch nicht schlauer, aber der Gedanke nach dem, wie lange ich Flüchtling bin, ist für einige Zeit aus meinem Hirn.

Nila Khalil, Den Haag 2. Mai 2020

Zwangsheirat ist Vergewaltigung auf Lebenszeit

Zwangsheirat ist Vergewaltigung auf Lebenszeit. Weltweit wird jede fünfte minderjährige Frau zwangsverheiratet.

Autorin Nila Khalil

Nach Angaben von UNICEF gibt es 650 Millionen Mädchen und Frauen, die in einer Zwangsehen leben. Jährlich werden geschätzte 12 Millionen Mädchen zwangsverheiratet.

Die Zahl ist in den letzten Jahren zwar auf 10 Millionen gesunken, trotzdem spricht diese Zahl eine eindeutige Sprache. In den Zwangsehen ist Perversion sehr weit verbreitet, es gibt keinerlei Aufklärung in der Sexualität. Frauen haben nach der Meinung und Religion von dem Mann keine Rechte und werden dann auch so behandelt. Mädchen und Frauen haben in den muslimischen Ländern nicht die gleiche Stellung wie ein Mann und sind in deren Augen auch nichts wert.

Eine Zwangsheiratung ist Vergewaltigung auf Lebenszeit!

Die Perversion geht über das sexuelle noch weiter. Mädchen und Frauen werden wie Leibeigene behandelt und es ist völlig in Ordnung was der Mann mit „seiner“ Frau macht. Sklavenhaltung in einem Käfig, tägliche Vergewaltigung oder sogar Totschlag ist erlaubt. Hat ein Mann genügend Geld, kauft er sich für ein paar Hundert Euro, ein paar Schafe oder etwas Land wieder eine neue Frau.

Ich bin die Direktorin von sechs Frauenhäuser in Afghanistan, in denen Zwangsverheiratete Mädchen Schutz bekommen und wir auch für diese Kinder die Scheidungen vorbringen. Oft dauert es Jahre, bis es zu einer Scheidung kommt und so lange leben diese Mädchen in ständiger Angst und Lebensgefahr. Ich schreibe nun zwei Schicksale von Mädchen in unserer Einrichtung.  Die Geschichten beider Mädchen werden auch so in einem Buch stehen, das eine Freundin von mir schreibt.

Die ist nicht Ellaha

Ellaha wurde von ihrem Vater vor vier Jahren verkauft. Ihr Preis waren Fünfzig Schafe und eine kleine Ackerfläche. Ihr Mann war schon alt, hatte graue Haare und vor ihr schon drei Frauen geheiratet und diese umgebracht.

Sie wurde wie ein Hund an einer Kette gehalten und wurde auch schwanger von ihrem Mann. Eines Tages sei die Nachbarin vorbei gekommen und sie hätte ihr etwas zu trinken gegeben, später sei das Kind tot auf die Welt gekommen. Bei der zweiten Schwangerschaft hätte ihr Mann sie so fest in den Bauch getreten, dass sie sehr viel Blut verloren hatte und auch dieses Kind. Nach dem ihr Mann sie wieder vergewaltigte, hatte er vergessen die Tür von ihrem Raum richtig zu verriegeln. In jener Nacht ist sie weggelaufen. Sie wusste nicht wo hin und lief mehrere Tage ohne Schuhe, nur mit ihrem Kleid und Umhang bekleidet durch die Berge. Es war Oktober. Der erste Schnee war gefallen.

Als sie völlig erschöpft und unterkühlt an der Straße lag fand sie ein Mann mit einem Esel und nahm sie mit zu sich nach Hause. Aus Angst das er sie auch Missbrauchte oder noch schlimmer, zu ihrem Mann zurück bringen würde, denn er bekäme bestimmt Finderlohn für sie, sei sie trotz der Unterkühlung weglaufen und wollte lieber in den Bergen sterben.

Ellaha machte eine Pause, zog ihre Socken aus und alle Anwesenden in dem Raum sahen Füße die schwarzbraun waren. Geschundenes Fleisch, zwei Zehen am linken und eine Zeh am rechten Fuß waren nicht mehr da. Blasen und Beulen bis weit über die Knöchel. Ellaha zog von ihrem Kleid den rechten Arm hoch und auch dort waren schwarze Flecken vom Kältebrannt auf der Haut.

„Mein Gott, was Menschen alles erleben können wir uns gar nicht vorstellen“ sagte Sabine leise zu Hannes.

Ellaha erzählt weiter, dass sie nur durch Zufall von Svea gefunden wurde sonst wäre sie in den Bergen an Unterkühlung gestorben.

Svea hatte mit einem Anwalt nun schon den dritten Versuch unternommen, dass sie endlich geschieden wird, aber ihr Mann erscheine nie vor Gericht und auch die Gespräche mit den Stammesältesten haben bis heute nicht gebracht. Ihr Mann habe schließlich ein “Vermögen“ für sie bezahlt und will sie zurück haben. Solange sie nicht geschieden ist, kann sie auch das Haus nicht verlassen und wenn, dann nur mit einer Burka, damit sie nicht erkannt wird. Sie lebe zwar jetzt in Sicherheit aber trotzdem sei sie gefangen.

Zu ihrer Familie will sie nicht zurück, weil ihr Vater in der Schuld von ihrem Mann stehe und sein Gesicht nicht verlieren möchte und Ellaha wieder ausliefern würde. Sie hoffe nur, dass sie bald geschieden würde oder ihr Mann stirbt damit sie dann endlich frei sei.Hannes sah zu John und Gregory die neben ihm standen und die Geschichte von Ellaha filmten, alle waren fassungslos von dem, was dieses Mädchen erzählte.

Behar war neunzehn Jahre alt und sehr verschüchtert, auch sie möchte erzählen wie es ihr ergangen war.

Sie wurde von ihrem Stiefvater für 30000 Afghani, 400 Euro, verkauft, weil der Vater keine Arbeit hatte und er für vier Frauen in seinem Haus sorgen musste, dies aber nicht konnte oder wollte.

Als Nila dies übersetzt hatte, stockte jedem der Atem. „In Afghanistan ist ein Mann, der keinen Sohn hat, nicht so viel wert. Daher werden oft die Mädchen verkauft“ , so Nila weiter.

Behars Schwester wurde ein Jahr vor ihr Verkauft und sie Überlebte die Misshandlungen von ihrem Mann nicht. Behars Mann war eigentlich ihr Schwager. Nach vier Jahren Ehe und schon einem Fluchtversuch, bei dem ihr Mann ihr später mit Benzin die Beine anzündete und sie lebendig verbrennen wollte, habe sie sich beim Löschen die Arme und Hände verbrannt.

Nach langer Zeit mit allen Erniedrigungen, die folgten, floh sie das zweite mal aus dem Haus, als ihr Mann zu einer Stammesversammlung war. Auch sie sei tagelang unterwegs gewesen und wusste, wenn diese Flucht nicht gelinge, sie diese nicht überleben würde.

Eine US Militär Kolonne habe sie abseits der Straße gefunden und in einem Hospital behandelt. Auf dem Stützpunkt war ein Arzt der von dem Frauenhaus wusste und so kam sie in dieses Haus und möchte eigentlich nur noch sterben. Denn sie habe trotz der Salbe immer viele Schmerzen und sie schäme sich für ihre Haut.

Soweit ein sehr kleiner Auszug aus dem Buch.

Kinderehen in Afghanistan

In Afghanistan ist es verboten Mädchen unter 12 Jahren zu verheiraten und trotzdem wird es getan. Oft sind die Mädchen erst 10 Jahre alt!Viele Männer und Stammesälteste berufen sich bei einer Hochzeit, die gegen alle Menschenrechteverstößt, auf den Koran in dem steht, dassMohammed einst eine neun Jährigen geheiratet hat. Mohammed lebte 571 bis 632 nach Christus.

Wenn ich 600 nach Christus annehme, sind es immerhin 1419 Jahre bis zum Dezember 2019. Wer in diesen 1419 Jahren noch nicht begriffen hat, dass sich die Welt weiter gedreht hat, steht etwas weit in der Intelligenz zurück.

Zwangsehen gibt es nicht nur in der islamischen Welt. Auch in Europa, Afrika, Asien und Lateinamerika sind solche Ehen zu finden.Selbst den deutschen Behörden sind Kinderehen bekannt! In einer Zwangsehe dürfen Mädchen und Frauen keine Schule mehr besuchen, keine Ausbildung machen und auch sonst nicht am Gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Es ist ein Leben in ständiger Angst und Isolation. Den Mädchen wird alles verwehrt um ein Leben in Würde oder Selbstbestimmung zu führen. Sie sind in der Abhängigkeit von den Mann. Die Mädchen können nie richtig schreiben und lesen lernen und nur ihr bisschen Wissen an ihre Kinder weitergeben. So bleibt folglich auch die Bildung der Familie immer auf dem untersten Stand stehen. Bekommt die Frau ein oder zwei Mädchen, ist deren Leben auch schon vorprogrammiert.

Nila Khalil, Den Haag, 22. Dezember 2019

Die Bilderkriegerin

Sarajewo habe sie die Kamera beiseite gelegt, um Verletzte ins Krankenhaus zu fahren, weil sie über die Vereinten Nationen noch an Kraftstoff gekommen wären. Erst hinterher dachte sie: „Du hast ja gar keine Fotos.“
So schrieb der „Spiegel“ über sie in einem Interview
.

Sterbender bosnischer Soldat, Sarajevo, Bosnien, 21. November 1994 © Anja Niedringhaus/EPA.

Ein Nachruf an Anja Niedringhaus

Es muss im Jahr 2011 oder 12 gewesen sein, als ich in der Stadt Khost (oder Chost) eine Frau angerempelt hatte.
Sie kam von rechst aus einer kleinen Marksstraße raus und ich drehte mich on diesem Moment nach links und stieß mit einer Frau zusammen. Sofort entschuldige ich mich bei ihr „Endschuldigung,’s dud mir leid. I han sie gar ned gseha.“

Die Frau in Jeans und Hijab sah mich mit großen Augen an und stand regungslos vor mir. „Excuse me, I’m sorry. I didn’t see her at all“ , sagte ich nun auf Englisch, denn offenbar verstand die Frau koi Schwäbisch.

„Alles ist gut. Ich bin nur geschockt, hier jemand aus Deutschland zu treffen.“ Bei diesen Worten staunte ich nicht schlecht.
Fast zeitgleich kam die Frage: „was machen Sie hier?“ Wir lachten gleichzeitig, weil auch jeder die Frage der anderen beantworten wollte.
Wir luden uns auch gleichzeitig zu einem Tee ein.

In einem kleinen Restaurant unweit vom Busbahnhof saß ich dieser Frau gegenüber und sah ihre aufmerksamen Augen.

Sie stelle sich mir vor und ich muss zugeben, dass ich bis dato noch nichts von Anja Niedringhaus gehört – aber gesehen hatte.
Ich sah sie ahnungslos an und so sagte mir Anja, dass sie im September 2009 die Erste war, die Fotos nach dem ISAF-Raketenangriff bei Kundus machte. Dieser Luftangriff, bei dem über 90 Zivilisten uns Leben gekommen waren, wurde damals in Deutschland heftigst diskutiert.

Natürlich kannte ich dieses Fotos. Sie gingen schließlich wie ein Lauffeuer um die Welt. Ich hörte Anja aufmerksam und gebannt zu, was sie in Sarajevo, Belgrad oder Falludscha erlebte.

Eine Frau die die Realität von Krieg und Terror in Bilder festhält, erzählte mir von sinnlosen Kriegen und Opfer. Anja zeigte mir Fotos, von denen ich einige kannte. Nun kannte ich auch die Hintergründe zu diesen Fotos.

„Warum tust du dies? Warum bringst du dich so in Gefahr?“ Fragte ich sie.
„Warum tue ich dies? Um den Menschen begreiflich zu machen, wie Böse diese Welt ist und das wir für den Frieden kämpfen müssen und nicht für den Krieg. Warum tust du dies?“ „Wir müssen für die Freiheit von Mädchen kämpfen und nicht für den Krieg“, war meine Antwort.

Anja war eine unerschrockene Frau, die für ihre Fotos aus dem Irak 2005 sogar mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde.
Sie fotografierte die Welt auf ihre bekannte Weise und Blick durch die Kamera.

Anja starb am 4. April 2014 durch Kugeln aus einer AK47, die ein Afghanischer Polizei gezielt auf sie abfeuerte.
Anja wurde aus Dummheit und einem völlig falschen Glaube brutal ermordet.

Nila Khalil. 15. Oktober 2021

Frei wie ein Adler

Dieses Foto ist kein Photoshop

Frei wie ein Adler

Frauen die sich ganz bewusst
gegen eine feste Partnerschaft
entscheiden, haben keineswegs
zwangsläufig Angst vor Männern,
deren Zuneigung oder Nähe.

Frauen die sich bewusst gegen eine feste Partnerschaft entscheiden, haben auch keineswegs zwangsläufig eine
Missbrauchserfahrung oder ein
Trauma in einer Beziehung
oder ihrer Kindheit erlitten.

Frauen die im 21. Jahrhundert Angst vor Männer oder einer Beziehung haben, sind oft in Kindesalter durch die Hölle gegangen haben Folter und Qualen erlebt.

Sie tragen Narben auf der Seele von Gewalt, Unterdrückung oder jeglicher Missachtung der Menschenrechte. Ja, auch Frauen haben Rechte!

Mag sein das es Männer auf dieser Welt gibt, denen die Religion „Heilig“ ist und nach außen einen ehrbaren Mann zeigt und innerlich diese
schlimmer als jedes Tier sind.

Frauen wissen, dass heute auch viele Männer überzogene oder viel schlimmer – mittelalterliche Vorstellungen in eine
Partnerschaft einbringen wollen, und sie haben weder die Lust noch die Energie Liebe, Nähe oder Zuneigung diesem Mann zu geben.

Frauen tragen die Verantwortung für die emotionale Harmonie wie auch die Balance in einer Partnerschaft.
Darauf haben viele Frauen heute aber keinen Bock mehr und geben einen Scheiß darauf, als die „bessere Hälfte des Mannes“ angesehen zu werden.

Sie haben keinen Bock auf Besitzansprüche, Eifersuchts-Szenarien
oder für ihn parat zu stehen, wenn er es möchte.
Frauen haben keine Lust dem Mann „zu Dienen“ wenn es ihm passt – am besten dann für den Sex. Da will er der Herrscher über das „sanfte“ Geschlecht sein.
Im Haushalt bleibt die schwerste Arbeit an dem „sanften“ Geschlecht hängen.

Kochen, putzen, waschen, bügeln für den Herr im Haus
Dienen, befriedigen und ihm Kinder zeugen.
Fuck off!

Frauen können heute gut für sich selbst sorgen, manchmal sogar viel besser als wenn sie den Mann noch mitversorgen müssen oder sollen.

Frauen die sich bewusst gegen eine feste Partnerschaft entscheiden, sind in keinster Weise verkorkst- sie haben in der Vergangenheit oft vieles mehr geleistet.

Frauen kämpfen mit der Waffe der Klugheit und ihrem Willen für ihr Leben und für ihren Gleichstand in der Gesellschaft.
Sie haben im 21. Jahrhundert andere Ideen, Pläne und Wünsche die sie erfüllen möchten.

Männer die mit ihnen eine Partnerschaft wollen, haben plötzlich Angst vor der Kraft der Frau. Sie haben Angst vor einem stärken Mut und Willen als er diesen hat. Da fängt die Spirale der Gewalt und Einschränkungen wieder an.

Liebe geht unterschiedliche Wege.
Nicht immer brauchen Frauen heute dafür noch feste Beziehungen.
Aber dies und jenen Text werden wohl auch nur überwiegend Frauen verstehen, die auf diese Weise leben-  und dies ganz bewusst.

Nila Khalil, Gardez, im November 2019

Meine Heimat

Wo ist meine Heimat?


Aufgewachsen in 2200 Meter Höhe am Hindukusch kannte ich nur diese Gegend als meine Heimat.
Aufgewachsen in einem Krieg kannte ich nur die Geräusche von Panzer, Raketen und Gewehre.
Aufgewachsen in Not, Angst und Armut kannte ich nur diese Heimat.
Geflohen aus dieser Heimat.

Aufbruch in eine neue Heimat.
Die Flucht brachte Angst, Not, Geräusche von Gewehren und den Tod.
Als 10-jährige wollte ich nicht mehr laufen, keine Angst mehr haben, keine Not mehr erleben.

Ich wollte sterben.

Als 10-jährige in ein Land zu kommen, dass ich nie kannte, war für mich befremdlich.
Als 10-jährige in einem Haus zu schlafen dessen Bewohner ich nicht kannte, war Angst.

Die Geräusche von Krieg waren weg und trotzdem da.
Fremde Verwandte gaben mir Liebe, Geborgenheit und Sicherheit.
Fremde Menschen gaben mir die Chance weiter in die Schule gehen zu können.
Fremde Menschen lernten mit mit eine fremde Sprache.
Fremden Menschen gaben mir einem Ausbildungsplatz.
Das fremde Land wurde meine Heimat.

Meine Heimat wurde mir Fremd.
Im Frühjahr 2005 wurde mir meine Heimat fremd und doch so bekannt.
Geräusche von Panzer, Raketen und Gewehren waren wieder da.
Die Angst kam zurück, wenn ich nachts die Decke über den Kopf schlug und nicht mehr leben wollte.
Fremde Menschen brachten mich an die Schule zurück. Fremde Menschen waren für mich da. Fremde Menschen glaubten an meine Stärke. Fremde Menschen gaben mir eine Tochter

Fremde Menschen schossen auf mich.
Fremde Menschen trieben mich mit meiner Tochter erneut zur Fluch.
Freunde nahmen meine Tochter in einem fremden Land auf. Erneut eine fremde Sprache lernen.

Meine Heimat brauchte mich
Zwischen den Welten der Heimat musste ich mich entscheiden. Ich entschied für die Heimat meiner Geburt.
Die Liebe zu meiner Heimat ließ mich wachsen und auch wenn die Geräusche von Krieg da waren, hatte ich keine Angst mehr.
Meine Heimat brachte mir eine zweite Tochter, die niemals ihrer Heimat sehen wird.
Ein fremdes Land wurde meine neue Heimat.

Am Montag, wenige Kilometer von meiner Heimat entfernt, wusste ich, dass ich dieser Heimat für immer den Rücken kehren werde.
Nun bin ich wieder in einem fremden Land und erfahre von fremden Menschen Hilfe, Geborgenheit und Sicherheit.

Meine Heimat wurde Deutschland und ich habe vielen Menschen für diese Heimat zu danken.
Meine Heimat wurden die Niederlande und ich habe mich endgültig entschieden.
Ich führer dies fort, was ich kann und wofür ich mein Lebenlang kämpfe: für die Freiheit und Menschenrechte.

Nila Khalil, Vojens Sogn, 22. August 2021

Dies ist das Mädchen

Dies ist das Mädchen

Dies ist das Mädchen, dass wegen deiner Angst nicht zur Schule gehen durfte.


Dies ist das Mädchen, dem du Säure ins Gesicht geschüttest hast.


Dies ist das Mädchen, dass nicht in die Schule gehen konnte, weil ihr sie gesprengt habt.


Dies ist die Frau, der ihr den Zutritt zur Universität verweigert habt.

Dies ist die Frau, die mit einer Hand kämpft und mit der anderen tröstet.

Dies ist ein unschuldiger Mensch, der angesichts tausender Probleme täglich eine Barriere hat.
Dies sind Frauen, die täglich diese Welt besser machen.
Dies sind Frauen, die Probleme, Trauer, Kummer und Schmerzen gewöhnt sind.

Dies sind gebildete Frauen, die Afghanistan dringend braucht und ihr verjagt habt.

Meinen tiefsten Respekt für diese Kämpferinnen der Welt.

Amira Khalil, 3. September 2021

Out of the Dark

Im Frühsommer 1995 erblickte ich in der Provinz Paktia, in Afghanistan, das Licht dieser Welt. Ich war die Erstgeborene von Aliyah und Rahman Dehwar. Ich wuchs in einem kleinen Haus aus Lehm mit zwei Zimmer auf. Es war ein einfaches ärmliches Leben das die Familie führte.

Mein Vater war Tagelöhner und arbeitete mal hier mal dort. Er war nicht sehr gebildet und konnte nicht richtig lesen und schrieben. Meine Mutter war zu Hause und kümmerte sich im mich. Am Tag ging sie mehrmals Wasser in einen Bach holen, der circa einen Kilometer vor dem Haus entfernt an dem kleinen Ort vorbei floss. Sie backte Brot auf einem Lehmofen vor dem Haus oder wusch die wenigen Kleider die wir hatten. Am Nachmittag ging sie Holz suchen für den Ofen oder für Vorrat in der kalten Jahreszeit

Im Herbst 1997 bekam ich eine Schwester, ihr Name war Safia. Als ich ungefähr 3 Jahre alt war, konnte ich viel mehr mit meiner Schwester spielen. Wir spielten mit Dinge die ich im oder am Haus fand. Ich durfte nie alleine das Hoftor aufmachen oder auf der anderen Seite der Mauer spielen. Ich verstand nicht warum. Wenn ich fragte, wurde mir immer gesagt, dort sind böse Menschen.

Mit vielleicht vier Jahren ging ich mit meiner Mama zum Bach Wasser holen oder am Nachmittag Holz sammeln. Ich hatte immer Angst vor den bösen Menschen und wusste nicht wer jetzt böse war und warum. War es der alte Mann, der einen kleinen Laden im Ort hatte, bei dem meine Mutter Mehl, Weizen oder Gemüse kaufte oder die Person, dessen Gesicht ich nie sah, weil sie eine Burka trug

Das neue Jahrtausend

Ein neues Jahrtausend wurde gefeiert und in diesem Jahr ging ich in eine Schule.
Es war ein kleines Haus bei uns im Ort. Ich und andere Mädchen wurden von einer älteren Frau dort unterrichtet. Wir lernten Zahlen und Buchstaben. Uns wurden Geschichten von früher aus Afghanistan erzählt, die uns so unglaublich vorkamen. Wir Mädchen kannten dieses Land so gar nicht. Jeden Tag lehrte die Frau uns etwas neues. Wir konnten bald unsere Namen schreiben und auch die Wörter von Gegenstände. Ich weiß noch sehr genau, als ich meine Mutter fragte, ob sie ihren Namen schreiben könne und sie Nein sagte. Ich schrieb “Mama Aliyah“ mit einem Stock in den Lehmboden an unserem Haus. Sie schaute sich die Zeichen lange an, nahm mich in den Arm und weinte.

Jahre ging es so, dass ich täglich meiner Mama und Schwester im Hof oder im Haus auf den Boden etwas geschrieben habe oder auch gerechnet. Ich war so stolz, das ich etwas konnte, wofür in der Familie niemand in der Lage war. Die Lehrerin gab mir andere Aufgaben als den Mädchen links, rechts oder vor mir in der Klasse. Wenn meine Freundin links neben mir nicht weiter wusste half ich ihr und erklärte ihr warum welche Zahlen diese oder jene Summer ergaben. Mir machte das lernen sehr viel Spaß.

Wenn wir am Nachmittag Wasser oder Holz nach Hause brachten, hatte ich die Holzstücke gezählt. Ich hatte meine Holzstücke immer gezählt und täglich die Zahl an der Wand korrigiert. In der kalten Zeit, wenn wir in dem Haus vor einer Blechtonnen saßen, die unser Ofen war, korrigierte ich die Zahlen, wenn ein oder zwei Holzstücke auf das Feuer gelegt wurden. Im Winter war es sehr kalt in unserem Haus und ich fror fast jede Nacht. Meine Schwester lag immer ganz nah bei mir und so hielten wir uns gegenseitig warm.

Bis morgens das Wasser warm war um sich halbwegs zu waschen, verging eine ganze Weile. Oft waren an kalten Tagen auch keine Schule und so vergingen die Tage sehr langsam und Eintönig.
Mein Vater hatte ein Fahrrad, ich wollte auch immer ein Fahrrad haben. Da ein Fahrrad ein Vermögen kostete, blieb dies immer nur ein Traum. Im stehen bin ich mit dem Fahrrad von meinem Vater im Hof immer im Kreis gefahren. Mit acht oder neun Jahren durfte ich mit dem Fahrrad an den Bach fahren um Wasser zu holen. Links und recht am Hinterreifen montierte mein Vater zwei große gelbe Kunststoff Kanister und so fuhr ich am Nachmittag zwei oder dreimal an den Bach Wasser holen. Ich war sehr stolz, dass ich Fahrrad fahren durfte und fuhr weiter aus dem Ort um an eine andere Stelle das Wasser zu holen. Das Mehrgewicht an Wasser war mir egal, ich konnte Fahrrad fahren.

Mit meiner Mutter musste ich nach der Schule Brot backen, Reis kochen, Gemüse putzen oder schälen. Neben der Schule, Wasser holen, Holz sammeln und kochen wurden meine Tage auch länger. Bei jeder Gelegenheit zählte ich dies oder das. 8 Möhren, 3 Zwiebeln, 34 Rosinen.

Ich war vielleicht zehn Jahre als, ich ein neues rotes dickes Baumwollkleid bekommen habe. Das Kleid gefiel mir, weil es warm hielt und mit seinen grünen und schwarzen Streifen sah es sehr schön aus. An einem Tag wurde ein kleines Fest gefeiert. Jemand brachte ein Rubab mit. Es wurde gesungen und es gab sogar einen kleinen Hammel, der im Hof auf einem Grill gebraten wurde. Wir hatten in den ganzen Jahren kaum ein solches Essen und an ein Fest mit Musik konnte ich mich auch nicht erinnern. Männer und Frauen aus der Nachbarschaft waren da. Die Frauen und wenigen Mädchen die auf dem Fest waren, bedienten die Männer mit Tee, Tabak oder Essen. Die Frauen sprachen mit mir und freuten sich, das ich heute heiraten würde. Heiraten? Ich wusste das meine Mutter und mein Vater verheiratet waren. Sie waren doch viel älter als ich. Wen sollte ich heiraten und warum? Mir wurde eine Burka über mein Kleid gezogen und ich diesem Augenblick dachte ich, ich ersticke. Die Musik hörte sich anders an und ich sah kaum noch etwas durch den gelochten Stoff vor meinen Augen. Mir wurde meine Freiheit, mein Leben genommen. Ich fing an zu weinen und meine Mutter und die Frauen sagten mir, dass ich nicht weinen muss, ich sei ja nun eine Frau.

Ich wurde bei Musik und Gesang einem Mann vorgestellt, den ich noch nie bei uns gesehen hatte. Er war älter, als mein Vater. Er hatte einen schwarzen Vollbart und die Haare unter seiner Pakol Mütze war schon dünner. Mehr konnte ich durch den Schleier nicht sehen. Ich zitterte am ganzen Körper und trotz der Hitze war mir sehr kalt. Nach dem Fest sollte ich mit dem Mann gehen. Ich weinte und konnte dies alles nicht mehr begreifen. Auf seinem Motorrad fuhr ich mit dem Mann, sein Name war Milad Gandapur, einige Zeit bis wir irgendwann an einem Haus waren. Ich hatte Angst vor dem Motorrad, Angst vor der Geschwindigkeit, Angst vor dem Mann.

Into the dark

Im Sommer 2005 betrat ich das erste Mal ein mir fremdes Haus. Es war etwas größer als das meiner Eltern, aber auch schäbiger. Im Haus roch es unangenehm und ich fühlte mich überhaupt nicht wohl, als ich den ersten Schritt in dieses Haus tat. Besser gesagt in dieses Haus gezerrt wurde. Milad Gandapur zog mir die Burka aus und es wurde mir noch kälter. Er streichelte mich und sagte immer wieder wie schön ich sei. Bei jedem Streicheln ging ich einen Schritt zurück. Irgendwann schlug ich mit dem Kopf und Rücken an eine Wand. Ich konnte nicht mehr fliehen. Der Mann streichelte mich immer weiter, immer fester. Er küsste mich und ich schlug wieder mit dem Kopf gegen die Wand. „Hör auf! Bitte hör auf! Lass mich in Frieden! Bitte hör auf!“ Ich flehte ihn an, er soll mich doch bitte in Ruhe lassen. Er griff mir irgendwo hin, wo mich noch nie jemand zuvor berührt hatte. Ich zitterte und mir wurde immer kälter. Er küsste mich und packte mir mit seinen Hand in den Unterleib.

Was in dieser Nacht passierte kann ich jetzt, 15 Jahre später, immer noch nicht schreiben. Wenn ich noch vor Stunden dachte, eine Burka nahm mir das Leben, ich hatte mich getäuscht! Milad Gandapur nahm mir mein Leben und brachte mir unglaubliche Schmerzen.

Der Alptraum von dieser Nacht wollte nicht enden und um mich war es nur noch dunkel und kalt. Der Körpergeruch von dieser Person war für mich widerlich und ich hatte das Gefühl mich ständig übergeben zu müssen. In mir, mit mir passiert etwas, das ich heute als Seelischen Supergau beschreibe.
Am Morgen musste ich meine Pflicht als Ehefrau aufnehmen. Kochen, putzen,- soweit man dies in einer solchen Hütte bezeichnen konnte.
Zum Wasser holen gehen, musste ich die Burka anziehen. Ich schleppte unter diesem fürchterlichen Stoff das Wasser fast doppelt so weit, wie bei meinen Eltern. Ich durfte von diesem Tag an auch nicht mehr in die Schule. „Frauen brauchen nichts zu lernen “ sagte mir ständig dieser Mann.

Mein Leben war wie in einem Gefängnis. Mit zwei, drei oder vier anderen Frauen musste ich Wasser holen oder Holz sammeln gehen und durfte mich auch sonst nur im Haus oder im Hof aufhalten. Die Stunden am Tag vergingen nicht und in den Nächten erst recht nicht. Ich war nur noch eine Hülle meiner selbst.
Ich schrieb Buchstaben und Wörter in dem Boden, wenn ich das Essen kochen musste oder sonst nichts zu tun hatte. Ich hatte Angst was ich gelernt hatte wieder zu vergessen. Sobald der Mann nach Hause kam, verwischte ich meine Wörter im Boden. Wenn er es doch sah, schlug er mich und brüllte „Du musst nicht schreiben können.“

Wenn ich mit den anderen Frauen Holz sammeln war, zählte ich die Schritte, ich zählte die Bäume oder die Häuser die links von unserm Haus waren. Ich musste mich beschäftigen um nicht verrückt zu werden. Die Gespräche von den Frauen kannte ich mit der Zeit alle. Immer der gleiche Ablauf, immer die gleichen Erzählungen. Ich fing irgendwann an, laut zu zählen. Die Schritte, die Bäume, die Häuser, das Holz. Die Frauen fragten mich, was ich mache und wofür. Ich erklärte das ich zähle und für was zählen gut ist. Langsam gab es mit den Frauen auch mal andere Gespräche. Wir zählten Schritte, Bäume, Holz…. Auf den Feldern schrieb ich Wörter in den Lehmboden: Baum, Holz, Haus, Amira. Die Frauen wollten auch wissen wie ihr Name aussah, wenn er geschrieben ist. So schrieb ich: Mina, Nasanin oder Wafa auf den Boden. Ich erklärte den Buchstaben für ein M, ein I, ein N und ein A.

Kleine Lichtblicke machten mein Leben etwas besser

Kleine Lichtblicke waren es, die mich über den Tag retteten. Die Frauen fingen an, mir Fragen zu stellen woher ich komme und warum ich schreiben und zählen kann. Ich sagte den Frauen, dass meine Mutter wollte, dass ich klug werde. Sie wollte immer das ich lerne. Sie war stolz, wenn ich Wörter oder Sätze auf den Boden schrieb. Ich brachte ihr bei, wie sie ihren Namen schrieb und wie mein Vater sein Name war.

Die täglichen Märsche zum Bach wurden immer besser und oft musste ich etwas lesen, was die Frauen zu Hause gesehen hatten und niemand wusste was dort stand. Briefe von Behörden konnte ich zum Großteil lesen und ihnen dann sagen, was in den Briefen stand und warum wo welche Zahl steht und was jenes Schreiben bedeutete. Die meisten Männer konnten auch nicht lesen und nahmen oft die Briefe mit zu Stammesälteste oder jemand der jemand kannte, der lesen konnte. Die Frauen hatten plötzlich einen Vorteil, sie wussten schon lange vor den Männern was in den Briefen stand. Langsam wurde ich von den anderen Frauen respektiert und es entstanden kleinere Freundschaften.
Das Leben als Ehefrau war nicht meine Welt. Dienen, putzen, kochen, gehorsam sein. Selbst ein Glas Tee konnte der Mann sich nicht selbst holen. Jeden Tag spürte ich mehr Hass gegen den Mann. Jeden Tag, wenn er wieder seine Lust an mir ausließ hasste ich ihn mehr. War ich nicht gehorsam, wurde ich von dem Mann geschlagen. Irgendwann fing er an mit Sand auf mein Essen zu werfen, wenn ich mal wieder nach seiner Meinung ungehorsam war. Ich kochte für den Mann und er behandelte mich wie Dreck. War die Hütte nicht sauber, wurde ich geschlagen. Was sollte ich in einem Lehmhaus auch viel sauber machen? Alles war sowieso falsch und geschlagen wurde ich dann auch.

Die nächste Stufe der Hölle begann

Nach einem langen Winter kam seine Mutter zu uns ins Haus. Sie war eine von Grund auf böse Frau und schimpfte den ganzen Tag mit mir. Ich musste für sie Brei kochen, denn mit ihren wenigen schwarzen verfaulten Zähne konnte sie nicht alles essen. Da sie nun im Haus wohnte, bekam ich weniger zu essen. Wenn ich mal das Glück hatte und mehr kochen konnte, schlug die Alte mir unter den Teller oder der Mann warf nur aus Spaß Lehm in mein Essen. Wenn die Alte mir das Essen auf den Boden warf und der Teppich wurde schmutzig, wurde ich geschlagen. Stunden verbrachte ich damit den alten abgetragenen Teppich sauber zu machen. Ich konnte auch nicht mehr schreiben und zählen, wenn die Alte in der Nähe war. Sie beobachtete mich ständig oder schikanierte mich. Ständig sagte sie, ich soll ihr doch ein Enkel bringen. Ich wusste nun, warum sie dies immer und immer wieder sagte. Die Alte ging mehrmals die Woche zu einer anderen Frau und kam mit ihr zurück. Sie war auch alt und hatte Warzen im Gesicht. Ich hatte Angst vor ihrem Gesicht. Mit ihr musste ich dann in den nächsten oder übernächsten Ort gehen um Gemüse, Obst oder Mehl zu kaufen.

Auf dem Rückweg musste ich ihren Einkauf auch tragen. Ich sprach kaum ein Wort mit dieser Frau. Sie war genau so böse die die Alte. Sie fragte mich vieles und ich gab keine Antwort. Sie wollte vieles von mir wissen und trotzdem gab ich keine Antwort. Mit einem Stock schlug sie mir ins Genick und auf den Rücken um Antworten zu bekommen. „Du kannst mich totschlagen, ich werde dir nichts sagen!“ Brüllte ich sie an. Natürlich wurde auch dies der Alten gesagt und am Abend und in der Nacht bekam ich von dem Mann die Strafe für mein Ungehorsam.
So vergingen die Tage in meinem Gefängnis und ich wollte nicht mehr leben. Ich konnte nicht mehr leben. Schmerzen, Gewalt, Schläge und dies jeden Tag.

Der Weg in meine Freiheit oder Tod

Es wurde Frühling, die Alte lag mit Fieber im Haus und ich sollte Wasser an den Bach holen gehen um ihr Fieber zu senken. Nasanin ging an jenem Tag mit mir Wasser holen. Mit Nasanin konnte ich endlich wieder reden. Ich heulte und erzählte ihr von den letzten Monaten. Unter den Pappeln am Bach nahm sie mich in die Arme und weinte mit mir. Im fließendem Wasser von dem Bach wusch ich mich endlich wieder richtig und Nasanin sah, trotz des Kleides, das ich an hatte, dass ich sehr dünn war. In der Sonne saßen wir an den Pappeln und sie erzählte mir, dass es ein Haus geben würde, wo sich um Frauen gekümmert würde. Ich müsste nach Süden laufen und nach dem vierten Ort müsste ich nach Westen Richtung Spera gehen. Wenn ich am Berg einen Ort sah, sollte ich in dem nächsten Ort nach einem Haus suchen, wo ein Tor in gelb mir weißen Streifen sei. Was mir in diesem Moment Nasanin sagte, war der Weg in meine Freiheit oder Tod.

Als wir vor unserem Ort waren nahm Nasanin mich in die Arme, sie hob die Burka hoch und gab mir einen Kuss. „Möge Allah dich beschützen, mein Kind.“ Dies waren die letzten Worte von ihr. Ich ging am Bach entlang und über die Felder die zu den nächsten Ortschaften führten. Mir war nicht klar, wie gefährlich dieser Weg war, denn ich wusste nichts von Minen in Felder. Ich lief den ganzen Tag und sobald ich etwas hörte legte ich mich auf die Erde und versteckte mich. Nach der zweiten Ortschaft versteckte ich mich nicht mehr, denn unter dieser fürchterlichen Burka erkannte mich niemand. Trotzdem blieb mir bei jedem Geräusch von einem Motorrad das Herz stehen. Wenn der Mann mich so weit vom Haus entfernt finden würde, er würde mich umbringen.

Into the light

Der Tag näherte sich der Nacht und ich versteckte mich auf einem Feld wo eine Herde Hammel stand. Die Tiere gaben mir in der Nacht Wärme. Ich streichelte die Tiere und redete mit ihnen.
Am Morgen ging ich noch einige Zeit nach Süden, bis ich einen Wegweiser nach Spera sah. Ich konnte zu meinem Glück lesen. Jeden Schritt den ich weiter nach Westen ging um so mehr weinte ich.

Unter der Burka lief mir der Schweiß über den Rücken. Ich sah den Ort am Berg und wusste jetzt nicht, ob Nasanin diesen Ort meinte. Der geheime Ort kam in Sichtweite und ich hoffte, dass dies auch der Ort sei. Langsam und ängstlich ging ich durch diesen Ort um das gelbe Tor mir den weißen Strichen zu suchen. Ich sammelte hier und da Holz oder klaute aus den Gärten, die keine Mauer hatten etwas Gemüse.

Ich wollte als Fremde nicht ausfallen. Ich ging durch jede Straße, an jedem Haus vorbei und sah das gelbe Tor. War es das richtige? Immer wieder ging ich durch den Ort bis ich mir sicher war, es gab in dem ganzen Ort kein zweites Tor mit weißen Streifen.
Mit meinem Gemüse und etwas Holz unter dem Arm stand ich vor dem Tor und lauschte ob ich etwas hörte. Ich hörte Stimmen von Mädchen. Leise, aber ich hörte sie. Mit all einem Mut und Verzweiflung klopfte ich an das Tor. Ich hörte einen kleinen Schieber in der Tür sich öffnen und sah das Gesicht von einem Mädchen. Ich hob meine Burka hoch sodass das Mädchen mein Gesicht sah. Sie nickte mir zu und öffnete das Tor. Schnell ging ich in den Hof und weinte nur noch.

Das Mädchen führte mich in einen Raum, der die Küche war und gab mir Reissuppe zu essen. Ich bekam Brot und etwas Fleisch. Seit Tagen hatte ich nichts richtiges mehr gegessen und war dankbar für jedes Stück Brot.
Eine ältere Frau kam zu mir und sprach sehr langsam mit mir. Auch sie stellte mir viele Fragen, ich antwortete freiwillig. Sie zeigte mir einen Platz wo ich mich ausruhen konnte. Mit einer Decke legte ich mich an die kühle Wand von dem Raum und meine Gedanken konnte ich gar nicht mehr einordnen. Alles war verschwommen. Zwei, drei Mädchen kamen zu mir und sprachen mit mir. Sie müssten in meinem Alter gewesen sein. Trotz meiner Kopfschmerzen begriff ich, dass es noch andere Mädchen so ergangen ist wie mir.

Nach Jahren keine Gewalt erlebt

Die erste Nacht ohne Gewalt war für mich eine Erholung und langsam schlief ich ein. Hier an diesem Ort mir vielen anderen Mädchen fühlte ich mich sicher. Seit ich mein Elternhaus verlassen musste, fühlte ich wieder so etwas wie Geborgenheit.
Seit zwei Jahren hatte ich nicht mehr so gut und friedlich geschlafen. In dieser Nacht fiel der Teufel von mir ab. All das Böse wich von mir. Ich sah noch das mit Furchen und Pusteln überzogene Gesicht der Alten und dachte an ihre Wadenwickel. Ich brachte ihr kein Wasser mehr und hörte im Traum wie sie nach mir brüllte. Ich sah den Mann voller Zorn gegen alles treten und auch er fluchte laut. Dann wurde es dunkel und ich schlief ein. Ob durch Erschöpfung oder Müdigkeit, kann ich 13 Jahre später immer noch nicht beantworten.

Der Tag begann und ich war immer noch sehr schwach. Ein Mädchen brachte mir einen Teller Reissuppe und Brot. Ich konnte noch nicht einmal mehr richtig aufstehen. Mit dem Rücken zur Wand saß ich da mit meinem Brot und dem Teller. Das Mädchen hieß Rahja und streichelte mich. Auch Rahja wurde Vergewaltigt und hatte sogar einen Schwangerschaftsabbruch. Noch eine gebrochene Seele!

Ich wollte aufstehen, konnte es aber nicht. Meine Beine waren ohne Kraft und Gefühl. Ich legte mich in meine Ecke und deckte mich zu.
Ich hörte Stimmen und Sprachen die ich noch nie gehört hatte. Ich hatte Angst vor dem was ich nicht verstand.

Eine kleine blonde Frau kam langsam auf mich zu und reichte mir ihre Hand. Ich sah noch nie eine Frau mit solchen Haaren. Sie sprach mit mir in einer Sprache die ich nicht verstand. „Doktor. Doktor“ war das einzige was ich verstand. Sie berührte mich so sanft und langsam, wie ich noch nie berührt wurde. Sie fühlte meine Brust ab, streichelte mir über den Rücken und Arme. Sie sprach mit mir was sie tat. Ich verstand es nicht. Sie zeigte mir Nadeln und an ihrem Arm zeigte sie mir, was sie bei mir machen wollte. Schlimmer wie all die Gewalt die ich erlebte konnte es kaum werden.

Sie steckte mir eine Nadel in den Arm und Rahja sollte einen Beutel festhalten aus dem Flüssigkeit in meinen Arm lief. Ab dann war alles nur noch verschwommen und ich bekam nur noch mit, dass ich in einem Auto war. Eine Frau aus Afghanistan, die keinen Hijab oder Burka trug, war bei mir und hielt mich fest. Ich sah ihr schönes Gesicht und ihre sanften Augen. Sie sprach sehr ruhig und langsam mit mir.
Die blonde Frau war auch im Auto. Sie hörte mein Herz ständig ab und drückte hier und da an meinem Körper. Auf einmal war nichts mehr da. Keine Gedanken, keine Geräusche – nichts.

Ein neues Leben beginnt

Ich weiß nur von anderen, wie ich die nächsten eineinhalb Tage verbrachte.
Im Schlaf spürte ich Wärme an meiner Hand. Ich spürte Energie, Liebe und Kraft. Als ich die Augen etwas öffnen konnte, sah ich einen großen Mann mit einem schmalen Gesicht und die Augen von einem Engel. Ich erinnere mich auch daran, dass ich kurze Zeit später das schöne Gesicht der Frau sah, die mich im Auto festgehalten hatte. Langsam wurde mir klar, wo ich bin und was all diese Leute bei mir machen. Ich war in Sicherheit.

Die Tage die folgten, werde ich nicht schreiben brauchen, denn die sind schon geschrieben.

Ich danke Naike und Nila für eure Zeit mit mir meine Worte zu schreiben. Ich danke euch für die Tränen mit mir und eure Bedingungslose Liebe.
Ich danke Nila für all die Jahre die du als Mutter für mich da bist.
Ich danke Marcel der über mein Leben wachte und nun seit vielen Jahren mein Patenonkel ist.
Ich danke Naike für all die Jahre der Freundschaft, Liebe und des Vertrauens.
Ich danke meinen Großeltern in Deutschland, die mich wie ihr eigenes Kind angenommen haben.
Ich danke Erik und Linda de Joost für eure Liebe und Fürsorge in den Niederlanden.
Ihr beide und eure Tochter wurdet ein Familie für mich in einem fremden Land.

Ihr alle habt mir ein Leben geschenkt, dass ich niemals hätte leben können. Ihr alle seit immer für mich da. Ihr seit die ganzen Jahre mit mir durch die Hölle der Aufarbeitung gegangen.

Amira Khalil, im Februar 2020



Eindrücke einer Reise die für viele unvergesslich sein wird.

Plattboot Nirwana

Hurra ich lebe noch!

Ich bin 15 Seemeilen, also knapp 30 Kilometer mit dem Schnellboot zur „Nirwana“ gefahren (geflogen, gehüpft) worden. Für mich war es eine gefühlte Entfernung bis zum Mond.
Johann, der Skipper von dem Motorangetriebenen Flummi, fragte ob ich es eilig hätte um auf die „Nirwana“ zu kommen. „Phuuu, wat betekent haast? Rijd gewoon. De Nirvana is niet voor Groenland.“ (Was bedeutet Eile? Fahr einfach. Die Nirvana wird nicht vor Grönland sein.) Ich täusche mich!

Fast 30 Kilometer in dem Schnellboot, kann man mit einer Horde Kinder in einer Hüpfburg vergleichen. „Johann, moet het ding zo stuiteren? We komen ook met
minder gas aan.“ ( Muss das Ding so hüpfen? Wir kommen auch mit weniger Gas an.) „Nila, dat is een Speedboot.“

Was hatte Johann für ein Glück das ich meine Arme brauchte um mich festzuhalten! „Godverdomme Nederlands!“ Was hatte ich Glück, dass Johann eine Hand am Lenkrad und eine am Gashebel hatte.
„Johann, rijd nu langzamer, anders doorbreken we de geluidsbarrière!“
(Fahr jetzt langsamer, sonst durchbrechen wir die Schallmauer!) Hätte ich nicht sagen sollen! Ich wusste gar nicht, dass der Motorangetriebene Flummi noch schneller konnte.
Eine weiter Diskussion mit Johann war nicht Zielführend – also konzentrierte ich mich auf einen Punkt am Horizont.

Auf dem Ijsselmeer waren viele Boote unterwegs. Motorboote, Segelboote und eben auch Speedboote. Wellen mochte Johann gerne und er lies es sich nicht nehmen, JEDE Welle seitlich oder frontal zu nehmen.
„Nila, wat is er met je? Wees niet zo krap. Het is leuk.“ (Nila, was ist los mit dir? Sei nicht so verkrampft. Es macht doch Spaß.)

Nach einer gefühlten umrundung des Äquators kam endlich die „Nirwana“ in Sicht und plötzlich konnte ein Speedbood auch slowly.

Als wir näher kamen, stieg der Geräuschpegel auf der „Nirwana“ in einen Bereich wo jeder F-14 Tomcat Düsenjet ein Fliegenfurz dagegen ist. Die 20 Kinder und Jugendliche brüllten sich die Seele aus dem Leib. Sie winkten und hüpften, als ob sie mich Jahre nicht gesehen hätten.

Das Einbooten von einem schaukel Boot auf ein anderes schaukel Boot muss man gewöhnt sein!
Während ich von dem Gummiboot auf das Holzboot umstieg, kam mir ein Gedanke der mir das Herz für einen Augenblick stehen ließ: Was ist, wenn wir in dieser Gruppe, oder die beiden nachfolgenden Gruppen ein paar Kinder oder Jugendliche Ausbooten müssen? Alptraum! Immerhin sind die Kinder zum Teil schwerst traumatisiert.

Hafen von Hoorn

Auf der „Nirwana“
Ich kenne dieses Segelschiff, als sie im Hafen von Enkhuizen lag und ich mir dieses wunderschöne Schiff aus dem Jahr 1910 vor Wochen schon angeschaut hatte.

Johann machte sein Boot Steuerbord, also rechts, längsseits fest und kam an Bord. War ein Fehler! Die erste Klatsche hatte er schon mal in Form von einem Boxhieb gegen den Oberarm kassiert.
Die Kindern umringten mich und alle sprachen durcheinander. Was ich verstanden hatte, schien jedes Kind diesen Segeltörn, jetzt schon nach 3 Stunden auf dem Wasser, als den absoluten Wahnsinn anzusehen. Kinder ihr wisst noch nicht alles!

Mit Irene Toxopeus, der Eignerin und Skipperin von der „Nirwana“ und mit Johann besprach ich meine Bedenken, wenn wir ausbooten müssen. Irene versicherte mir, dass sie dafür gerüstet sei und spezielle Gurte und Sicherheitswesten an Bord hätte. Johann erklärte ich noch, dass er einen solchen Fahrstil auf keinen Fall machen dürfe. „Nila, ik ben niet dom! Als je had gezegd dat je zou vertragen, had ik het ook gedaan.“ (Nila, ich bin nicht dumm! Hättest du gesagt ich soll langsamer fahren, hätte ich es auch gemacht.)
Der zweite Boxhieb hatte er sich definitiv verdient.

Nun bin ich fast 7 Stunden auf der „Nirwana“ und es scheint kein Zeitgefühl zu geben. Ich kenne einen solchen Segeltörn ja schon und trotzdem ist es ein prickeln im Bauch. Das Holz, das Wasser und die Luft zu riechen ist traumhaft.
Nun mache ich für heute Schluss und genieße mit Rebecca bei einem Glas Wein den Sonnenuntergang auf dem Ijsselmeer.

Sonnenuntergang auf dem Ijsselmeer

Die ersten 24 Stunden auf einem Segelboot

Text von Amira Khalil

Am 53.184572 Breitengrad und 4.968178 Längengrad
Seit gestern Morgen sind wir mit 20 Kinder und Jugendlichen, 6 Betreuer und einer Chefin auf dem Ijsselmeer auf Fahrt. Unser Clipper ist 110 Jahre alt und man spürt die Geschichte und die Seele der „Nirwana“ auf jedem Quadratmeter an Bord. Alleine dieser Charme macht diese Reise schon unvergesslich.

Wir haben 9 Doppelkabinen und 2 Vierer-Kajüten, 3 Toiletten und 3 Duschen an Bord. Alles ist wunderschön und man fühlt sich in ein anderen Zeit versetzt.
Nachdem gestern die Kabinen und Kajüten aufgeteilt, das Gepäck verstaut und sich jeder die „Nirwana“ angeschaut hatte, gab es von Irene Toxopeus, der Skipperin, nochmals eine Einweisung wie wir diese am Freitag schon theoretisch bei uns in der Einrichtung besprochen hatten. Sicherheit geht vor und jeder muss dies auf den 32 Meter Länge und 6,5 Meter Breite an Bord wissen. Rouven erklärte noch einmal die Regeln an Bord und wer welche Aufgaben übernehmen kann oder möchte. Da ich schon öfter auf einem Segelboot war, wurde am Freitag entschieden, dass ich als Betreuerin bei der ersten Gruppe dabei bin. Mit meiner Freundin und Kollegin Marieke, mit Tahmineh und mit Anjana und Elly aus der Verwaltung sind wir für 18 Kinder und Jugendlichen die Betreuer an Bord. Rebecca, eine Freundin von Mama, und ihre beiden Kinder sind auch dabei.

Leinen los um 10.27 Uhr

Mit dem Hilfsmotor steuerte Irene die „Nirwana“ aus dem Hafen von Hoorn Richtung Nordost auf das Ijsselmeer. Die Kinder winkten links und rechts vom Boot den Leuten zu die sie sahen. Ist links und rechts überhaupt richtig? Backbord und Steuerbord passt auf jeden Fall.
Bis zur Ausfahrt vom Hafen wurde jeder Möve, jedem Boot und jeder Person zugewunken und gerufen. Die Kinder hatten jetzt schon ihren Spaß und wissen nicht, was sie die nächsten 5 Tage noch alles erleben werden. Erik, Marpe und Nila haben sich so einiges an Überraschungen ausgedacht.

Das Mittagessen fiel – wie schon zu erwarten, sehr dürftig aus, den es gab zu viel zu entdecken und bestaunen, sodass für Essen keine Zeit blieb.
Gegen 13 Uhr wurde es langsam ruhiger auf der „Nirwana“ und fast alle lagen auf Deck in der Sonne. Das rauschen vom Wind in den Segeln und das Wasser hören, welches gegen den Bug schlug, brachte die Kinder in einen dösenden Zustand – mich auch.

Es ist ein unbeschreibliches Gefühl auf einem Segelboot über das Wasser zu gleiten. Der leichte Seegang, die Luft und die Ruhe kann man kaum in Worte fassen.

Um 14 Uhr kam Anjana zu mir und sagte, dass meine Mutter auf dem Weg zur „Nirwana“ sei und in den nächsten Minuten eintreffen würde. Dies sprach sich auf dem Clipper sehr schnell herum und so wurde Ausschau nach Nila in allen Himmelsrichtungen gehalten. Zafira sah Nila als erstes und in Bruchteilen von Sekunden waren alle Kinder auf der Steuerbordseite um ihr zuzuwinken und rufen. Brüllen kommt dem wohl näher. Mama hatte Tränen in den Augen als sie auf die „Nirwana“ kam – ich auch.
Nach dem großen Hallo und der Begrüßung wie bei einem Rockstar beruhigten sich alle wieder und Nila hatte Zeit um mit der Skipperin zu reden.

Der Nachmittag war wunderschön mit Gesprächen, sonnen und dösen auf Deck.
Beim Abendessen war – wie zu erwarten, die Meute hungrig wie eine Gruppe Bären nach dem Winterschlaf. Ein Abendessen unter Segeln ist schon eine besondere Atmosphäre.
Nachdem aufräumen und Küchendienst war dieser Tag fast geschafft. Immer noch war jeder von der Weite, Ruhe und Eindrücken geflasht. Ins Bett wollte niemand und so blieben alle noch sehr lange wach.
Gegen 23 Uhr schafften Marieke,Tahmineh und ich die kleinsten aus der Gruppe in ihre Vier-Bett-Kajüte. Die vielen Eindrücke vom Tag waren für sie so viel, dass sie vor Müdigkeit kaum noch die Augen aufhalten konnten. Eines der Kleinen schlief während des Erzählens ein.
Mit Marieke saß ich vorne am Bug mit einer Dose Bier bis weit nach Mitternacht. Auch wenn die Temperatur gestern bei fast 30° lag, auf dem Wasser ist es unglaublich kühl und am Abend sowieso.

Dienstag, 21. Juli 6.20 Uhr

Aufstehen nach dieser Nacht wollte ich gar nicht. Auch wenn ich noch keine 5 Stunden geschlafen hatte und mir dieser wenig Schlaf nichts ausmacht, war ich heute morgen völlig fertig. Die Seeluft ist die besste Schlaftablette der Welt. Das leichte schaukeln des Bootes und das Geräusch wenn das Wasser gegen die Planken schlägt geben ihr übriges.

Vor 7 Uhr fing ich dann mal an meine Horde Kinder zu wecken – was gar nicht leicht war. Die Seeluft nahm so einigen Kinder das Leben aus den Körper.

Tahmineh hatte den Frühdienst in der Küche übernommen und mit vier anderen Kinder das Frühstück vorbereitet. Auch ohne groß einen „Dienstplan“ zu erstellen läuft es an Bord seit gestern Mittag ganz gut.
Mama hatte gestern Abend sehr viel mit Rebecca gesprochen und sie wird sich die nächsten Tage noch weiter mit ihr unterhalten. Nila kann nicht aufhören zu arbeiten, helfen oder denken. Auch wenn sie sagt, sie tut nichts – ist es gelogen. Na ja, ich kenne meine Mutter schon lange genug und macht auch wenig Sinn mit ihr darüber zu reden.
Dann lassen wir uns heute überraschen, wohin der Wind uns treib bis wir Trockenfahren.
Ups, habe ich schon etwas verraten?

Mittwoch 22. März

„Wer einen Menschen rettet, rettet die Welt.“ Dieser Satz stand in dem Buch „Schindlers Liste“ von Thomas Keneally.

Erholung tut gut und die Welt muss nun fünf Tage ohne mich auskommen.
Heute ist Mittwoch der 22. Juli 2020 und eigentlich würde ich heute Nachmittag meinen Kurzurlaub auf der „Nirwana“ beenden, um im Hamsterrad der Bürokratie, Probleme und der nie enden wollenden Arbeit weiter zu machen. Es ist mir jetzt auch völlig egal! Die Welt dreht sich die nächste Woche genau so wie heute.
Meine Gedanken sind natürlich bei Lenara und ich bin hin und her gerissen. Darf ich sie fünf Tage alleine lassen oder bin ich zu egoistisch?
Gestern Abend rief mich Professor de Friese an und berichtete mir von der letzten Operation an ihrem rechten Bein und das alles sei gut verlaufen sei. Er sagte mir auch, dass Lenara durch die Operation sowieso mehr sediert sei und es keinen Unterschied mache, ob ich bei ihr sei oder nicht – rationales Denken von einem Mediziner. Ich als Mutter denke mit dem Herz. Mein Verstand sagt mir aber auch, dass ich nicht permanent am Limit leben und arbeiten kann. Also werde ich nun bis Freitag auf der „Nirwana“ bleiben, um mal wieder zu mir zu kommen. Ich sprach gestern Abend mit meiner Tochter über eben jene Entscheidung und sie war mehr als glücklich darüber.

Heute Morgen rief ich nach Rotterdam in die Klinik an und sprach lange mit der Stationsleiterin Paula. Paula sagte mir die aktuellen Werte und Befunde von Lenara und dass sie sich die nächsten Tage zu Lenara setzten würde. Da ich mittlerweile eine recht ordentliche Sammlung an Musik und auch meinen Gedanken auf USB Stick’s in der Klinik habe, hat Lenara genügend Abwechslung bis ich am Samstag wieder bei ihr bin. „Nila, je kunt na vijf dagen op het Ijsselmeer Lenara zoveel vertellen en denk aan jezelf. Ik zal bij Lenara zijn en met haar praten. We zijn vrienden en ik help je graag.“ (Nila, nach fünf Tagen auf dem Ijsselmeer kannst du Lenara so viel erzählen und denke nun auch mal an dich. Ich werde bei Lenara sein und mit ihr reden. Wir sind Freunde und ich helfe dir gerne.)

Nun aber der Reihe nach.

Den Montagnachmittag hatte ich mit dem Abenteuer Speedboot schon geschrieben.
Am Montagabend hatte ich noch sehr lange mit Rebecca gesprochen und bin froh, dass sie sich die letzten zweieinhalb Monate sehr positiv entwickelt hat.
Rebecca lernte ich im März in der Spezialklinik in Rotterdam kennen, da ihr Mann durch einen Säureunfall seit Dezember dort behandelt wird. Rebecca war im April noch ziemlich fertig und stand haarscharf vor einer tiefen Depression. Ich bot ihr Ende April an, doch zu uns in die Einrichtung zu kommen, damit sie Zeit für sich findet und ihre beiden Kinder trotzdem versorgt sind. Ich bin keine Psychologin. Ich kann zwar einiges an Qualifikationen nachweisen, aber mehr auch nicht. Ich handle nach meinem Verstand und Herz. Marpe war der Schlüssel zum Erfolg und Rebecca fand in ihr eine sehr gute Psychologin. Vom ganzen Team wurde Rebecca viel geholfen und sie sah auch eine andere Umgebung. Sie ist gelernte Buchhalterin und hat sich in der Verwaltung auch gut eingebracht. Da sie nicht nach einer Zeitvorgabe arbeiten muss, konnte sie ihre, freiwillige, Arbeit so erledigen wie sie es konnte oder kann.
Menschen eine Perspektive oder Chance ohne Arbeitsleistungsvorgaben zu geben, kenne ich seit vielen Jahren und fahre mit meinem Führungsstil ganz gut damit. Erfolge sehe ich immer wieder in dem, wie ich meine Mitarbeitermotivation umsetze.
Im Mai unterhielt ich mich sehr lange mit einer Freundin aus Deutschland über Depressionen und deren Folgen, Verlauf oder auch Behandlung. Ich muss ehrlich gestehen, ich hatte Angst vor dem was ich im April angefangen hatte und nicht wusste ob ich in meiner Naivität Rebecca eine gute Hilfestellung geben könnte. Was mir Nicole damals sagte, stellte mich vor eine große Herausforderung. Mit Marpe besprach ich meine Sorgen bezüglich Rebecca.

Willkommen im Team

Wie schon geschrieben, war oder ist Marpe der Schlüssel zum Erfolg. In den letzten zehn Wochen merkte ich bei Rebecca eine sehr gute und positive Entwicklung bei ihr und der Montagabend mit einer Flasche Wein auf der „Nirwana“ irgendwo im nördlichen Ijsselmeer tat uns beiden sehr gut. Die Gespräche waren Belanglos oder unserer beider Gedanken um ihren Mann, beziehungsweise Lenara.
„Nila, ik wil voor je werken.“ ( Nila, ich möchte für dich arbeiten.) Ich wusste in dem Moment nicht was ich Rebecca darf
sagen sollte. Vor fünf Jahre bauten sie und Marten ein Haus in Hoofddorp, dass gute 50 Kilometer von Den Haag entfernt liegt. „Of ik nu 35 kilometer naar het werk rij in Amsterdam of 47 kilometer naar Den Haag. Waar zit het verschil?“ (Ob ich 35 Kilometer zur Arbeit in Amsterdam oder 47 Kilometer nach Den Haag fahre. Wo ist der Unterschied?) „En het is ook dichter bij Rotterdam.“ (Und näher nach Rotterdam ist es auch.) Wo sie recht hat, hat sie recht. Da sie und ihre beiden Kinder sowieso bei uns in der Einrichtung wohnen und die Kinder sich wohlfühlen passt es ganz gut.
„Willkommen im Team, Liebes.“

Dienstag, 21. Juli kurz vor 6 Uhr

„Wer einen Menschen rettet, rettet die Welt.“ Mit diesen Gedanken lag ich in meiner Koje und genoss das leichte schaukeln der „Nirwana“. Durch das geöffnete Bullauge roch der neue Tag nach frische und das leise schlagen der Wellen gegen die Planken der „Nirwana“, war eine Symphonie der Sinne.
Meine Tochter wurde wach und ich erzählte ihr von dem gestrigen Einstellungsgespräch.
Gegen 7 Uhr wurde der Geräuschpegel auf dem Boot lauter – die Meute wurde wach! Mit einem zufriedenen Lächeln ging ich in eine der drei Duschen an Bord.

In dem geräumigen und sehr Geschmackvollen Innenraum der „Nirwana“ hatte Tahmineh mit vier Kinder das Frühstücksbuffet aufgebaut. Ich war mega stolz auf meine Kinder. Fast alle Kinder waren auf Deck um dort zu frühstücken. Mir war es noch etwas frisch, so setzte ich mich in die Rundeck auf der Backbordseite und schaute aus meiner Ecke dem gewusel zu.

Tahmineh fragt, ob sie sich zu mir setzen dürfe. Natürlich. „Nila, ich habe immer noch keine Nachricht von der Uni bekommen.“ Ich nickte. Tahmineh hatte im Frühjahr ihre Abiturprüfungen bei mir im Büro geschrieben. Durch Corona war und ist dieses Jahr alles nicht normal. Tahmineh möchte Lehramt studieren und gerade wegen oder durch Corona hat sie sich für diesen Berufswunsch entscheiden. Im April war dieser Berufswunsch bei ihr, und auch bei Djamila, sehr konkret geworden. Irgendwie hat die Corona Pandemie auch etwas gutes.
„Tahmineh, mach dir keine Sorgen, du und Djamila könnt und werdet bei uns arbeiten bis wir alle Klarheit haben ,wie es überhaupt weitergeht. Mehr an praxis könnt ihr jetzt für das Studium nicht lernen.“ Tahmineh sah mich völlig ungläubig an, bei dem was ich ihr sagte. „Ich hatte am Freitag bei der Vorstellung zu dieser Freizeit schon gesagt, dass diese alles bisher dagewesene in den Schatten stellt und ihr noch so einige Überraschungen erleben werdet. Sag bitte noch nichts zu Djamila. Dies macht Marpe die nächsten Tage, wenn sie mit der zweiten Gruppe an Bord ist.“ Mit einem überglücklichen Lächeln nickte sie.

Mit Irene, der Skipperin, besprach ich den Tag und wann wir ungefähr Trockenfahren werden.

Die Wattwanderung

Im Steuerstand zeigte mir Irene den jetzigen Standort der „Nirwana“. Wir lagen 10 Seemeilen (18,5 Kilometer) südlich vor Vlieland und wollten weiter nach Norden Richtung Hollum auf Ameland. Nach der Nautischenkarte waren es noch 8,6 Seemeilen (10 Kilometer) bis zu dem Punkt, wo Irene bei der Ebbe sein wollte. Also los, Segel auf!

Rouven, Amira und Elly setzte mit den größeren Kindern die Segel und mir fiel ganz spontan das Lied „Piraten“ von Kasalla ein. Internet an und schnell das Lied gesucht.
Heyo! Hey Hey Ho!
Heyo! Hey Hey Ho!
Heyo! Hey Hey Ho!
Heyo! Hey Hey Ho!

Mit dem Wind in den Segeln ging es auf zum nächsten Abenteuer.

Um kurz nach 9 Uhr erreichen wir den Punkt, den mir Irene auf der Karte zeigte. Die Ebbe machte sich schon bemerkbar und Irene fuhr die „Nirwana“ langsam trocken. Mit einem Peilstab wurde nach der Tiefe vom Wasser geschaut. Immer langsamer wurde die Fahrt und die Kinder, die keine Ebbe und Flut kannten, kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Amira, Marieke und Tahmineh machten noch kurz Schulunterricht und erklärten Ebbe, Flut und dass das Wattenmeer der Nordsee das größte zusammenhängende europäische Feuchtgebiet und mit Abstand größte Wattenmeer der Welt ist.
Noch eine halbe Seemeile konnte Irene fahren, dann war kaum noch Wasser unter dem Kiel.
Rouven erklärte allen an Bord, dass wir gleich ins Watt gehen würden und was es dort für Gefahren und auch einzigartige Flora und Fauna zu entdecken gäbe.
Die Ungeduld stieg schneller als die Ebbe ablaufen konnte.

Endlich war es soweit und die ersten Schritte in eine unbekannte Welt begannen.
Ungläubig wurden wir gefragt, wann das Wasser kommt, kommt es wieder? Ängstliche Blicke nach allen Seiten, wenn plötzlich das Wasser kommen würde. Rouven erklärte alles sehr ruhig und mit seiner Erfahrung machte diese Wattwanderung mega Spaß.
Was es plötzlich alles zu entdecken gab: Krebse, Seesterne, Muscheln und Wattwürmer. Millionen von Kleinsttieren leben auf einen Kubikmeter Watt. Tahmineh hatte offensichtlich von uns allen im Biologieunterricht am besten aufgepasst und übernahm kurzerhand einen sehr praktischen und coolen Unterricht. Was war und bin ich so stolz auf meine Kinder.

Nach fast vier Stunden durch das Watt wandern kam die „Nirwana“ in Sicht und plötzlich gingen die Kinder immer langsamer. „Wie, jetzt schon zurück?“
An der „Nirwana“ angekommen, grinste Irene breit und gab jedem der Kinder eine große Plastiktüte für ihre Meeresschätze. Man soll gar nicht glauben, was alles in eine Jackentasche hinein passt.

Mit dem Entfernungsmesser zeigte mir Irene wo wir heute Abend ankern werden. 10,8 Seemeilen (20 Kilometer) lagen vor der „Nirwana“, um vom Süden Amelands auf die nördliche Seite unseres Nachtlager zu kommen.

Auf zu neuen Ufern

Die „Nirwana“ schwamm sich frei und Irene drehte das Boot mit dem Hilfsmotos in den Wind. Ahoi zum Segel hissen. Mit vereinten Kräften – ich nicht, durfte ja von meiner Tochter nichts arbeiten, wurde das Hauptsegel gehisst.
Die „Nirwana“ nahm Fahrt Richtung Westen auf.

Nach einer guten Stunde Fahrt wurde es auf Deck immer ruhiger. Die Wattwanderung war für einige sehr erschöpfend. In welche Richtung ich an Deck auch schaute, sah ich zufriedene Gesichter. Die Kinder haben diesen Segeltörn mehr als verdient. Mal abwarten, was meine Abenteurer noch so erleben werden.

Um 18.25 Uhr lief die „Nirwana“ vor Stichting, unserem heutigen Etappenziel, auf. Nun musste die Chefin doch mal ran. Ich sagte der Besatzung das es nun an Land gehe und jeder seinen Rucksack mitnehmen sollte. Wie zu erwarten, sah ich in fassungslose und fragende Gesichter.
„Wie, sind wir schon am Ende der Reise?“,
„Warum müssen wir von Bord?“
Nein, die Reise ist nicht vorbei. Wir haben noch eine Etappe vor uns, erklärt ich meinen Abenteurern.

Der Fußmarsch von einem knappen Kilometer schafften wir – trotz tausender Fragen an mich, locker und als der Campingplatz in Sichtweite kam, hörten auch die Fragen auf.

Erik und seine Frau Linda hatten mit Esmee und Luna, zwei der Küchenangestellten aus unserer Einrichtung, schon das Grillfeuer vorbereitet. Nun wurden den vier von zwanzig Kinder und Jugendlichen gleichzeitig alles bis jetzt erlebte, bis ins kleinste Detail erzählt.

Amira, Marieke und Tahmineh hatten es schwer die Kinder zu beruhigen, um ihnen ihre Schlafplätze für die nächsten zwei Tage zuzuordnen. Eine Herde Büffel schien einfacher unter Kontrolle zu bringen.

Da das Ijsselmeer nicht gerade riesig ist und wir irgendwie auf fünf Tage Abenteuer kommen mussten, buchten wir sechs Zelte, Zelthäuser oder wie immer man diese Unterkunft nennt.

Ich ging am frühen Abend mit Erik in die Dünen, um mit ihm allein zu sein. Er sollte schon die personelle Veränderung mit Rebecca erfahren.
„Nila, du bist die Chefin. Du führst und lenkst. Marpe und ich haben dir die Leistung übertragen, weil wir wissen, du bist die beste dafür.“
So ging es dann noch eine Weile weiter. Ich möchte mich nicht erhöhen oder Selbstdarstellerich sein.
Mit dem Blick auf dem Sonnenuntergang waren die Gespräche mit Erik eine Wohltat. In den letzten dreizehn Jahren wurde er ein fester Bestandteil von Amira und mir in unserem Leben. Wie die Zeit vergeht! Amira ist nun vier Jahre in den Niederlanden und Erik, wie auch Linda de Joost, wurden die neuen Großeltern von ihr.

Stichting, Mittwoch 22. Juli

Der Morgen erwachte ganz anders als der gestrige. Auch wenn ich die Seeluft roch, es war nicht so, wie auf dem Schiff.
Ich war schon vor der Meute wach und ging in das Küchenzelt um Esmee und Luna bei den Vorbereitungen zum Frühstück zu helfen – so war der Plan. Meine Tochter gab natürlich die Nichtabeitesanweisung meiner Person an Esmee und Luna weiter und so blieb mir nur meine Tasse Kaffee mit der ich mich vor das Zelt setzte und die Möven bei ihrem Flug über den Campingplatz zu beobachten. Linda und Rebecca kamen vom joggen zurück.
Joggen um diese Uhrzeit und bei dieser Hitze (Frau braucht schließlich eine Ausrede), war mir dann doch zu stressig. Ich beschloss für mich selbst, dass joggen Arbeit ist und ich diese bis Freitag nicht machen darf. Punkt. Ich muss ja schon Prioritäten setzen.
Linda ist 73 Jahre alt und eine Powerfrau durch und durch. Sie ist, wie ihr Mann, Medizinerin und war in den Anfangsjahren mit Erik in Westafrika für Ärzte ohne Grenzen in Einsatz. Nun leite ich eine Einrichtung, die beide vor 27 Jahren in einem alten Haus in der Nähe von Den Haag gegründet hatten. Heute sind es drei Häuser mit über 30 festangestellten Mitarbeiter und nochmal so viele ehrenamtliche Helfer.

„Nila, waarom was je niet aan het joggen?“ Da waren nun meine Probleme. Ich konnte ja schlecht das Argument mit der Hitze vorbringen. „Mijn Ischias doet pijn“. Die Blicke von Linda und Rebecca sagte mir, dass dieses Argument nicht sehr fundiert war. Da auch keine Nachfragen kam, beließ ich es dabei.

Beim Frühstück stellten Erik und ich der Gruppe den heutigen Tag vor. Es waren Fahrradtouren mit Besichtigung der Insel, Pferdetouren und den Nachmittag zur freien Verfügung geplant. Der Abend blieb noch geheim.
Da wir Kinder von 6 bis 12 Jahren in der Gruppe haben, ist ein Ausritt auf Pferden nicht zu empfehlen. Amira, Anjana, Marieke und Tahmineh waren bei der Gruppe, die reiten wollten als Betreuerinnen dabei.
Erik, Linda, Rebecca und ich als Betreuer für die Fahrradgruppe. „Ik dacht dat je Ischias pijn doet.“ (Ich dachte dein Ischias tut weh.) War der Seitenhieb von Linda. Verdammte Falle.


Fünf Stunden fuhren wir mit den Räder kreuz und quer auf Ameland herum. Hier und da etwas besichtigt, dort ein Eis gegessen und im Norden von Ameland in den Dünen gelegen. Auf dem Rückweg nochmals Eis gegessen. Erik zeigte sich sehr Spendabel auf unserer kleinen Fahrradtour. Er hatte offensichtlich viel Spaß und Freude an dieser doch außergewöhnlichen – und auch sehr teuren, Freizeit.
Am späten Nachmittag lagen Elly, Linda, Rebecca und ich am Strand:  Mädelsnachmittag.
Erik spielte mit einigen Kindern auf dem Campingplatz Volleyball. Wollte ich eigentlich auch spielen, aber mein Ischias…..

Mit geschlossenen Augen genoss ich den Wind, die Sonne und die Ruhe am Strand. Letztgenannte war mit dem Anrücken der Meute per Pferd nicht zu überhören. Wie Könige saßen alle auf ihren Pferden und auch dieser Gruppe schien der Tag zu gefallen.

Lagerfeuer und Europäische Politik am Strand von Stichting.

Um 18 Uhr waren alle, bis auf Erik, aus der Gruppe an den sechs Zelten. Jeder tat etwas oder auch nichts. Ich musste mich wieder zu letzteren zählen. Geplant war für diesen Abend ein Lagerfeuer am Strand. Wie es in vielen Ländern von Europa so üblich ist, ist vieles was früher normal war heute verboten.
Mit Luna besprach ich heimlich, durfte ja nichts arbeiten, den Plan B: Grillen am Zeltplatz und eben dort das Feuer machen. Erik hatte in seinem Anhänger alles dabei was für ein Lagerfeuer gebraucht wurde. Sogar ein großes Fass für die Asche mit nach Hause zu nehmen.

Um kurz vor 19 Uhr kam Erik endlich zur Gruppe und hatte den Bürgermeister von Ballum im Schlepptau. Herr Stoel wollte sich ein Bild von der Gruppe mache.
Erik vermied es nicht, mich als Chefin der Einrichtung vorzustellen und auch gleich meinen Beruflichen Werdegang und meine damalige Flucht aus Afghanistan nach Stuttgart aufzuführen. Da ich mit einem kühlen Bier vor dem Küchenzelt saß, konnte Herr Stoel Alkohol und Muslima nicht so recht zuordnen. Ich sagte ihm, dass ich zwar in einem muslimischen Land geboren wurde, aber sonst auch nichts mit dieser Religion zu schaffen habe. Dies schien Herr Stoel doch sehr imponiert zu haben. Er stimmt unserem Vorhaben mit dem Lagerfeuer am Strand zu.
Da dies dann endlich geklärt war, wurde der Anhänger von Erik an den Pkw gekoppelt und auf ging es zum Strand. Die Gruppe folgte mir und Herrn Stoel zum Strand.
Die letzten 100 Meter mussten wir das Holz, Tisch, Besteck, Teller und Getränke tragen. Bei der Meute von Kinder war dies gar kein Problem. So viel Holz wie jeder tragen wollte, hätten wir bis Weihnachten ein Lagerfeuer machen können.
Die Jungs schaufelten ein etwas größeres Loch in den Sand und jeder suchte noch Steine für die Feuerstelle.
Endlich brannte das Feuer und mit einem Schlag sah jeder gebannt in die Flammen.

Herr Stoel ist Wirtschaftswissenschaftler und ein sehr netter und angenehmer Mann. Da Erik ihm meinen Lebenslauf erzählte, wollte er von mir die Lage in Afghanistan wissen. So erzählte ich ihm meine Erfahrungen in den letzten Jahren und auch die Sorge mit dem Abzug der NATO und US Truppen ab 2021. Wie schon zu erwarten, war er über meine objektive Beurteilung von Afghanistan mehr als geschockt. Dies gehört nun nicht hierher.

Der Abend mit Feuer, Wurst, Hähnchenschenkel und Stockbrot war sehr schön und die Kinder sprachen wieder von den Erlebnissen der letzten Tage.
Für das was Herr Stoel nur kurz vorbei schauen wollte, war es ein doch sehr langes „kurz“.
Es war fast Mitternacht, bis wir uns auf den Weg zum Campingplatz machten. Ich trug die sechsjährige Rondek auf meinem Arm. Sie kommt aus dem Irak und hatte vor zwei Jahren beide Elternteile auf der Flucht verloren. Ihre Geschichte erzählt ich Leo ( Herr Stoel), mittlerweile waren wir beim du. Leo sah und begriff an diesem Abend die Probleme der Flüchtlinge und die Haltung der Europäischen Politik an der Basis.

Donnerstag, 23. Juli viel zu früh

Mit einem leichten Kater wurde ich als letzte wach und schaffte mich wie in Trance in das kleine Badezimmer in meinem Zelthaus. (Ich nenne es jetzt mal so)
Der Abend mit Leo und uns aus der Leitung und Betreuung war doch sehr lange und die alkoholischen Kaltgetränke waren wohl etwas zu viel für mich. Ich konnte meinen Zustand / Kater ja noch auf den Ischias schieben.

Nach dem Frühstück war noch Zeit für gemeinsame Spiele auf dem Campingplatz, bis es zum Aufbruch auf die „Nirwana“ ging. Da wir bei Flut auslaufen mussten, war die Abreise vom Campingplatz auf 12 Uhr gelegt.

Auf der „Nirwana“ wurde wieder mit Spannung auf die Flut gewartet. Da wir erst am Freitagmittag im Hafen von Hoorn sein wollten drehte Irene das Boot nach Norden und wir fuhren nördlich an der Insel Schiermonnikoog vorbei. Es war ein herrlicher Tag auf dem Wasser und ich genoss jede Sekunde. 11 nautische Meilen vor Borkum ankerten wir für diese Nacht

Logbucheintrag Nummer 7

Der Weltraum (Das Ijsselmeer). Unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2200 ( noch nicht ganz). Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise (Segelboot „Nirwana“), das mit seiner 400 (29) Mann starken Besatzung fünf Jahre (Tage) lang unterwegs ist (war), um neue Welten zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen (nicht gefunden). Viele Lichtjahre (Seemeilen) von der Erde (Festland) entfernt dringt die Enterprise („Nirwana“) in Galaxien (Wattmeer) vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.“

Die Reise um neue Welten zu erforschen, neigt sich dem Ende.
Heute morgen bin ich sehr wehmütig in meiner komfortablen Koje aufgestanden und wollte die Zeit so gerne zurück drehen. Ich hatte Momente erlebt, die so nie wieder kommen werden. Zwanzig, zum Teil traumatisierte Kinder und Jugendliche erlebten eine unvergessliche Reise auf einem 110 Jahre alten Segelboot.
Meine Kinder kamen an Grenzen und sind darüber hinaus gewachsen. Teamarbeit zeigte, wie weit Kinder und auch Erwachsene gehen können.
Bei der Planung und Vorbereitung für diese Freizeit waren wir oft mit vielen Fragen konfrontiert und hatten für all diese Fragen oder Situationen einen Plan B. Jede Eventualität wurde zig mal durchgesprochen und immer wieder abgeklärt. Zum Glück musste nicht einmal Plan B greifen.
Die Kinder und Jugendliche haben sich mehr als Vorbildlich verhalten. Mit der Skipperin und zwei Tassen Kaffee auf Deck wurde mir von Irene das große Lob dieser Gruppe ausgesprochen, was ich auch sehr gerne weitergab.

Nach dem Frühstück, aufräumen und Rucksäcke packen, blieben noch circa vier Stunden bis zum einlaufen in Hoorn. Um den Kindern den Abschied nicht all zu schwer zu machen, wollten Amira, Marieke und Tahmineh noch ein bisschen Schulunterricht machen. Was die Mädels im Kopf hatten, konnte und wollte ich nicht Nein sagen.
Die drei teilten die Kinder auf und so war Amira mit ihrer Gruppe auf der Steuerbordseite, Marieke achtern und Tahmineh Backbord. Wie Amira Unterricht gestalten kann, weiß ich all zu gut, ich war ihr ja eine gute Lehrerin. Ich setzte mich zu der Gruppe von Tahmineh und sah ein ehemaliges Flüchtlingskind aus dem Irak bei seiner Arbeit zu. Tahmineh hat nicht nur ein hervorragendes Abitur geschrieben, sie hat definitiv ihre Berufung gefunden. Ich war und bin unglaublich stolz auf sie.

Wir haben in der Einrichtung die Möglichkeit eine junge und engagierte Generation zu etablieren und ich bin irgendwie mit dieser Corona Pandemie zufrieden. Man muss das positive sehen.
Hakim hatte auch sein Abitur geschrieben und möchte BWL studieren. Auch er kann bei uns arbeiten, solange wir bezüglich den Uni’s überhaupt nichts wissen.
Jamal macht eine Ausbildung als Schreiner und durch Corona konnte er nicht in seinen Lehrbetrieb und übernahm in der Einrichtung den Hausmeister Job. Mal schauen wie dies in einem Jahr aussieht, wenn er seine Lehre beendet hat.
Adnan lernt Heizungs- und Sanitärbauer und zeigte die letzten Monate so einiges an seinem Können. Durch unseren eigenen Werkraum konnte er Aufgaben von seinem Meister oft mit Bravour erledigen und wird nach seiner Lehre vom Betrieb übernommen.
Elvedin, er kommt aus Syrien, ist fertig mit seiner Lehre als Koch und konnte durch die Corona Kriese nicht übernommen werden. Am Tag seiner Prüfung bekam er von mir einen Arbeitsvertrag. Da Elvedin in einem Hotel der gehobene Gastronomie lernte, bekommen wir nun Mahlzeiten, deren Wörte ich nicht aussprechen kann.
Die 17 jährige Yana aus Syrien lernt in unserer Einrichtung Erzieherin und hat nun ihr erstes Jahr hinter sich. Sie lernte sehr schnell mit Problemen umzugehen und fand auch Lösungsvorschläge.
Lisianne aus den Niederlanden ist nächstes Jahr  mit der Ausbildung als Erzieherin fertig und auch sie brachte sich wochenlang in der ersten Quarantänezeit 24 Stunden voll ein.
Mit Amira, Djamila, Marieke und Tahmineh kommt eine junge und sehr kluge Generation an Erzieherinnen und Lehrerinnen ins Haus, die noch vieles verändern werden und auch können.

Bei all den schönen Entwicklungen und Vorhersagen muss auch ich mich der Realität stellen und eigentlich müsste ich schon lange in Afghanistan sein. Mit jedem Tag an dem das Jahr 2021 näher kommt, um so mehr Angst habe ich um mein Lebenswerk. Lebenswerk hört sich mit 40 Jahren etwas blöd an, aber es ist so. 15 Jahre harte Arbeit, unglaubliche Energie und auch Lebensgefahr stehen auf dem Spiel. Dieser Plan B kostet eine Unsumme an Geld und trotzdem habe ich für mein Team und all die Mädchen und Frauen in Afghanistan keine Sicherheitsgarantien. „Wer einen Menschen rettet, rettet die Welt.“ Ich habe im Mai eine Mitarbeiterin bei einem Terroranschlag verloren und mit dieser Schuld muss ich klar kommen. Nichts habe ich gerettet. Im schlimmsten Fall alles verloren.

„Und die See wird allen neue Hoffnung bringen, so wie der Schlaf die Träume bringt daheim.“
Rebecca kam zu mir und setzte sich gegenüber. Sie sagte nichts, denn sie weiß mittlerweile dass es besser ist nichts zu sagen, wenn ich diesen: zorgen kijken (Sorgenblick), habe. Sie versucht mich zu verstehen und kann es nicht zuordnen, dass ich mich in Lebensgefahr begebe will. Von wollen ist keine Rede – ich muss.

Mit Ungeduld warte ich darauf, dass Lenara aus dem künstlichen Koma kommt und ich endlich mit ihr reden kann. So reden, dass sie mir auch antworten kann. Was ich ihr sagen werde, wird sie überhaupt nicht verstehen und ich weiß nicht, ob ich bei dieser Reise nach Afghanistan noch lebend nach Hause komme. Wo ist mein Zuhause? Afghanistan schon lange nicht mehr. Deutschland war es und auch dort sind nicht mehr meine Wurzeln. In den Niederlanden wollte ich neu anfangen und bin bis jetzt noch nicht in mein Haus eingezogen.
Auch wenn ich Rebecca vor Wochen schon erzählte hatte, wer mich nach Afghanistan begleiten wird, kennt sie diese Person nur aus meinen Erzählungen. Ich vertraue ihm seit Jahren mein Leben an. Er war immer dann zur Stelle, wenn es mal wieder richtig brenzlig wurde.
Der zorgen kijken ist schon gerechtfertigt, aber nicht so, dass ich keinen Ausweg sehen würde. Ich bin klug genug um alles abzuwägen und berechnen, nur Terror kann ich nicht berechnen. Terror ist feige und unberechenbar, meine Schritte sind bis ins kleinste abgestimmt und auf die größtmöglichste Sicherheit meiner Person gerichtet.

Ich weiß immer noch nicht in welchem Umfang das Gehirn von Lenara geschädigt ist, und mache mir schon wieder Gedanken die zwei Schritte weiter sind. Bei einem kognitiven Hirnschaden in Grad III kann es sein, dass sie gar nichts mehr weiß und sie in der Lernphase von einem Baby sein wird. Einem Neugeborenen kann ich schlecht die politischen Zusammenhänge in einem fernen Land erklären.
Ich sah mit leeren Augen Rebecca an und ihr freundliches lächeln zeigte mir, dass sie diese Freizeit genoss und für sie auch unglaublich wichtig war. Welche Hürden werden wir beide noch nehmen müssen?
„Und die See wird allen neue Hoffnung bringen, so wie der Schlaf die Träume bringt daheim.“ Rebecca nickte und hielt meine Hand fest.

Es war an der Zeit meiner Crew noch meinen Dank über die letzten fünf Tage mitzuteilen. Ich war und bin unglaublich stolz auf diese kleine Mannschaft und sah auch, wie wichtig dieses kleine Abenteuer für sie war. Wie es nach den Ferien weitergeht weiß niemand. Wenn neue Corona Fälle an Schulen auftreten, werden diese auch sofort wieder geschlossen werden. Also werden wir wohl selbst den Schulunterricht weiterführen. Wir haben die Kinder bis hier hin gebracht, also schaffen wir auch den Rest. Die Kinder haben dies positiver aufgenommen als ich dachte. Wer will schon in ein altes verstaubtes Schulsystem zurück, wenn man auch auf ganz andere Weise lernen kann und noch Spaß dabei hat.

Um kurz nach 11 Uhr lief die „Nirwana“ ins Ijsselmeer ein, wir hatten noch 27 nautische Meilen bis zum Hafen von Hoorn. Zwei Stunden hatten wir noch an Bord von diesem wunderschönen Schiff. Der Blick auf das Meer tat gut. Die allbekannte Ruhe vor dem Sturm, gab mir wieder Kraft für alles ungewisse was noch kommen mag. Die kleine Rondek lag in meinem Arm und erzählte mir ihre Eindrücke von dieser Reise. Den Blick von einem Kind zu erfahren, ist etwas völlig anderes als die eigene Wahrnehmung. Sie zeigte mir ihre beachtliche Sammlung an Muscheln, Seeigel und zwei Seesterne. Sie schenkte mir zwei große Muscheln. Eine für mich und eine für Lenara.

Nach und nach kamen alle Kinder zu mir und bedankten sich für diese Reise. Ich sagte ihnen, dass ich nicht alleine dafür verantwortlich bin und viele Menschen die euch lieben tagelang dies alles planten.

Der Hafen von Hoorn
Kurz vor Hoorn wurden die Segel eingeholt. Rouven gab nur noch die Anweisungen, alles andere machte die Crew selbst. Taue legen und Knoten binden hatten meine kleinen und großen Seemänner schließlich gelernt. Es war ein gewusel und trotzdem geordnet. Mit welcher Disziplin diese Arbeit gemacht wurde, erstaunte mich schon sehr. In diesen fünf Tagen hat sich ein Team gebildet, dass bereit ist für die nächsten Abenteuer.
Mit dem schnellen Auto von meiner Tochter fuhr ich mit Rebecca die 120 Kilometer nach Rotterdam in die Klinik. Ich musste zu Lenara.

Dies wird eine andere Geschichte sein.

Nila Khalil, Den Haag 25. Juli 2020.

Der Reale Alptraum

Luftrettung aus Luxemburg

Wo fange ich an?

Dienstag, 3. März, Schiphol, 14 Uhr.
Ich fahre mit meiner Tochter von Den Haag zum Flughafen Schiphol. Die Gespräche sind wie immer bei einem Abschied: wir sprachen über die letzten drei Monate und was wir zwei Ulknudeln für einen Spaß hatten. Amira war traurig, dass ich zurück fliege. Verständlich, ging mir doch auch so. Ich musste zurück wegen der Arbeit. In drei Monaten Abwesenheit hat sich doch so einiges angesammelt. Natürlich habe ich ein gutes Team von über 30 Frauen und ein paar Männer,  die oft an und über ihre eigenen Grenzen gehen. Ich kann mich auf meine Mitarbeiter verlassen, trotzdem bin ich die Chefin und kann oder muss Entscheidungen treffen, die eben an mir hängen bleiben.

Beim Warten nach den Check-in mit Cappuccino und Kuchen raste die Zeit bis zum Boarding nur so. Ich drückte Amira und gab ihr einen Kuss. „Maus, wir sehen uns doch bald wieder.“

Meine Gedanken waren zerstreut. Was habe ich vergessen in Den Haag zu tun? Wie setzte ich die Ideen von Amira und ihren Kollegen in Afghanistan um?
Die neusten Nachrichten von BBC an der Grenze zu Europa machen mir Sorgen.
Wie soll ich im April mein Referat für den Word Human Right Council aufbauen? Seit Januar schreibe ich an diesem Referat und täglich könnte ich den Entwurf in die Tonne treten!
Mir ging der immer noch nicht fertig geschrieben Artikel über Genitalverstümmelung wieder durch den Kopf.

Das Boarding fing an und mein bisschen Handgepäck war schnell verstaut. Ich schnallte mich an und schaute Gedankenverloren aus dem Fenster. Irgendwie bekam ich ein schlechtes Gewissen, wenn man in Zeiten von Klimaschutz, Tierwohl und Wir-müssen-die-Welt-retten etwas über Flug, Fleisch oder Mode sagt, kommt dies bei einigen Mitmenschen einem Suizid gleich. Na gut, ich fliege nach Afghanistan, ich bin vor 30 Jahren die Strecke gelaufen – soll mir erst mal einer nach machen. Dann bin ich eben eine der jenigen die für alles Schlechte auf dieser Welt verantwortlich ist.

Neben mich setzte sich eine junge Frau in vielleicht meinem Alter, mit ihrer Tochter die so um die 11 Jahre alt sein konnte. Es gab eine kurze Begrüßung und ich schaute wieder aus dem Fenster.
Ich fliege in die Türkei! Die beiden neben mir auch. Es ist sehr unwahrscheinlich das sie vorher aussteigen. Mir kamen Zwangsehen und Genitalverstümmelung in den Sinn. Habe ich jetzt schon Paranoia! Ich schloss die Augen und das Flugzeug rollte an. Goodbye Europe.

Nach einer dreiviertelstunde nahm ich mein Tablet und wollte etwas tun – nur was? Ich las die Informationen von Sandra über ihr Hilfsprojek in Gambia und sah instinktiv zu dem Mädchen neben mir. Das Mädchen sah mich an und lächelte. „Ich werde bald eine Frau“ ,sagte es zu mir. PARANOIA! „Ich heiße Nesrin und Sie?“ Fragte sie mich auf Deutsch. Mein Tablet war auf Deutsch eingestellt. „Nila. Hallo Nesrin.“ Nesrin sah auf mein Tablet und sah die Fotos von Sandra aus Gambia. „Wo ist das?“ „Nesrin, lass die Frau in Ruhe. Du störst sie.“ Waren die Worte von der Mutter. „Unsinn. Nesrin stört mich nicht.“

Ich erklärte ihr die Fotos und was es damit auf sich hatte. Nesrin hörte aufmerksam zu. „Was haben die für Blätter vor sich?“ Fragte sie mich. „Dies sind Verträge. Diese Verträge garantieren den Kindern, dass sie in die Schule gehen müssen und nicht vor der Volljährigkeit verheiratet und auch nicht gewaltsam operiert werden dürfen.“
Die Mutter schaute mich mit großen Augen an. „Wie kommen Sie auf ein solches Thema? Entschuldigung, ich heiße Melek.“ Ich erklärte den beiden welchen Beruf ich habe und für welche Organisationen ich arbeite. Melek wollte auf einmal so vieles darüber wissen. „Willst du es dir noch mal überlegen?“ Ging es mir durch den Kopf. Verdammte Paranoia – oder doch nicht?

Melek wurde in Deutschland geboren und hält auch nicht viel von Traditionen und Religionen. Welcome in the club.
Na gut, ich lege mein Tablet weg und erklärte den beiden womit ich als Menschenrechtlerin mein Geld verdiene. Warum ich zurück nach Afghanistan fliege und was ich die letzten drei Monate in Europa gemacht habe.
Melek und Nesrin flogen in die Türkei, weil der Opa gestorben sei und nun sich jemand um die Beerdigung und alles andere kümmern müsste. So hatten wir auf dem Flug eine doch sehr angenehme und freundliche Unterhaltung.

Ankunft Istanbul-Atatürk Flughafen

Dienstag um kurz vor 21 Uhr ladete die Boeing 767 auf dem Istanbuler Flughafen. Am Zoll gab es Kontrolle auf COVID-19. Negativ. „Natierlich negadiv! I han gnügend Kässchbädzle gessa.“ Mit meiner schwäbischen Impfung auf das Coronavirus konnte der Beamte nichts anfangen, Melek lachte sich schlapp.
Nach einer guten halbe Stunde warten auf die Koffer verabschiedeten wir uns.
Ich ging zum nächsten Terminal.

Das Check-in war schnell erledigt. Ich setzte mich auf einer der Sitzreihen und legte meine Beine auf den kleinen Koffer. Dann rief ich Amira an und sagte ihr, dass ich nun in Istanbul sei Um 22.20 Uhr rief ich Naike an und bedanke mich für die schöne Zeit bei ihr. Ich versucht etwas die Augen zuzumachen.

Um 23.15 Uhr ging ich zum Gate. Die Zeit schien irgendwie stehen geblieben zu sein. Die Uhr an der Wand zeigte 23.22 Uhr. Nochmal sitzen, warten und irgendwie entspannen. Bald bin ich zu Hause. Ich machte die Augen auf und die Uhr zeigte 23.28 Uhr. Irgendwie hatte ich den Zeitsprung bis 23.45 Uhr überlebt.

Das Boarding begann

Heimat ich komme! Was esse ich als erstes wenn ich zu Hause bin? Verdammt, Kühlschrank ist ja leer. Egal – gehe ich in Gardez eben zu Ava mich selbst einladen.
Das Flugzeug rollte an. Es ging nach Hause – oder da wo ich eben wohne. Meine Heimat im Herz ist Schduddgard.
Am Wochenende gibts Käsespätzle mit 7 Kilo Käse. Schöner Traum.

Ich versuchte zu schlafen. Im sitzen kaum möglich. Auch wenn der Flieger nicht voll war, kann man sich kaum richtig auf eine Sitzreihe legen. Wer zum Teufel baut einen solchen Käse?

Irgendwann brachte eine Stewardess das Frühstück. Es war nicht berauschend, aber immerhin konnte ich etwas essen. Mama hätte frische Laugeweggle, Wurschd, Marmelade ond Käs gbrachd. So schaute ich auf Plastik verpacktes Lebensmittel. Plastik! Da war doch was! Ich bin ein Umweltsünder.

Landeanflug auf Kabul

Time to Destination 1.30 hour.

Der Landeanflug auf den Hamid Karzai International Airport in Kabul begann.

Heute in Kabul noch kurz ein Meeting mit Freundinnen zum Weltfrauentag abhalten und dann mit dem nächsten Flieger ab nach Hause – SCHLAFEN. Ach nee – erst essen.

Ich schaltete mein Handy an um Ava anrufen und mich selbst zum essen einzuladen. Das Telefon hört gar nicht mehr auf zu klingen. Ständig kamen Nachrichten: Google Mail von Janina. Bing, bing, bing. Googel Mail von Zoja. Bing, bing, bing. Sprachbox Nachricht von Liah. Bing, bing, bing….

Habe ich etwas verpasst? Das Handy hörte gar nicht mehr auf mit Mitteilungen.

Die wenigen Leute um mich herum schauten schon genervt. Ich schaltete den Ton aus. Wo fange ich jetzt an wen anzurufen? Mariam rief in diesem Augenblick an. Ich kenne sie seit vielen Jahren, sie leitet ein Frauenhaus in der Provinz Parwan. Was mir Mariam sagte, zog mir den Boden unter den Füßen weg! „Mariam, bitte nochmal. Langsam und ruhig.“ Die Worte von Mariam hämmerten sich mir ins Hirn wie mit einem Presslufthammer. „Ich bin gleich bei dir“ , waren meine Worte nach dem sie mir einen Alptraum schilderte.

Taxistand am Flughafen in Kabul

In zügigen Schritten ging ich zum nächsten Taxi und gab dem Fahrer die Adresse von Mariam. Ich gab dem Fahrer 20 US-Dollar mit der Bitte doch zügig und am besten mit Schallgeschwindigkeit zur angegebenen Adresse zu fahren.
Zwanzig Minuten vor der Ankunft schrieb ich Mariam, wann ich an ihrem Haus sei.

Mariam stand mit ihrem Wagen schon an der Straße als ich mit dem Taxi vor fuhr. Ich sofort in ihr Auto um zu einer geheimen Adresse zufahren, wo sie ihr Frauenhaus hat. Mariam war völlig aufgelöst und kaum noch fähig zu fahren. „Halte an! Ich fahre weiter.“ In noch keinen 10 Sekunden hatten wir die Plätze getauscht und ich mit Vollgas zu ihrer Einrichtung. Immer wieder sagte mir Mariam das gleiche. Mein Hirn setzte bei ihren Worten aus!

An der Adresse angekommen, ging es im Laufschritt in ihren kleinen Medizinischen Raum. Mariam riss die Tür auf und was ich in diesem Augenblick sah, werde ich niemals wieder vergessen!
Sarah und Leandra, zwei Mitarbeiterinnen von Mariam, standen Fassungslos neben einem Körper, wo die Haut an Rücken und Beinen verbrannt war. Madina, eine Ärztin und Freundin von uns war auch im Raum. Ihr Blick zu mir sagte mehr als Tausend Worte. Ein Geruch stieg mir in die Nase, den ich nicht beschreiben kann und auch nicht will. Ich wurde mit Informationen über das was ich sah bombardiert.
Ich sah immer noch diesen verbrannten Körper und hatte das Gefühl, jemand drückt mir mein Hirn zusammen. „Verbrennungsgrad II a, II b und III“ sagte Madina zu mir. Wir sprachen auf Englisch, wir wollten dem Kind nicht noch mehr zumuten. Auch wenn das Kind sediert war, musste es nicht alles mitbekommen. Mir war sofort klar, in Afghanistan gibt es keine Klinik und keine Ärzte die dafür auch nur annähernd ausgebildet sind.
Ich musste aus diesem Raum.

Die Zeit läuft gegen uns

Im Büro von Mariam rief ich Ava aus meinem Team an und bat um sofortige Unterstützung. Die Zeit läuft. Ich sagte Ava, was wie wann gebraucht wird.
Ava, Janina und Zoja machten sich wenige Minuten später auf den Weg zum Flughafen in Gardez, um mit einem Kleinflugzeug nach Kabul zu kommen.

Ich rief Erik in Den Haag an und schilderte ihm vor welchem Problem ich stehe. Irgendwie konnte ich, trotz zitternder Hand, noch ein paar Fotos von dem Mädchen machen um diese Erik zu schicken. Fünf Minuten später rief er mich an und stellte mir medizinische Fragen, die ich zusammen mit Madina beantworten konnte.
Mittlerweile kamen noch drei Mitarbeiterinnen von Mariam ins Büro. Wir mussten uns aufteilen um voran zukommen.

Im Büro von Mariam schrieb ich Fragen, Punkte und Situation auf ein Whiteboard. Nach 10 Minuten war klar, wir brauchen Helfer für all diese Aufgaben.
Mariam griff sofort zum Telefon um Freunde und Bekannte anzurufen. Ich rief Zoja an, sie sollte sich mit dem Stiftungsrat in Verbindung setzen, wir brauchen schnell verdammt viel Geld! Dann rief ich eine Freundin von Afghan Women’s Network in der Provinz Daikondi an. Auch sie leitet ein Frauenhaus und hat ein gutes Team. Über Skype verteilte ich die Aufgaben an mein Team in Gardez und das von Kiana in Daikondi.

Wo gibt es überhaupt Hilfe?

Der nächste Schritt war das Internet um zu schauen wo es überhaupt Kliniken für solche Verbrennungen gab. Alles was igendwie in diese Richtung ging, gab es nur in Australien, USA und Deutschland.
In Europa war es jetzt früh am Morgen etwas um die 5 Uhr. Ich rief wieder Erik an und teilte ihm Status mit. Er würde sich sofort mit Amira, Anjana und Elly in den Niederlanden nach Kliniken umschauen.

Ich rief in eine Klinik nach Bochum an, die laut Internet für solche Verbrennungen geeignet sei.
Ich hatte die Zentral am Telefon und erklärte um was es ging. Endlich wurde ich weitergeleitet. Wieder musste ich einem Arzt alles erklären. Ich ließ mir die Mail Adresse der Klinik geben und schicke sofort die Fotos von dem Kind. Während dem Gespräch schaute sich der Arzt die Fotos an und sagte mir, dass die Klinik dafür ausgerichtet sein. Super passt. Warum aber Afghanistan? Also nochmal erklären. 
„Aha, Soso, Jaja. Kompliziert.“ Welchen Trottel habe ich da am Telefon! Kostenzusage?  „Weiß ich noch nicht! Ist am laufen! Machen Sie sich über Geld keine Sorgen! Ich brauche klare Ansage und diese zügig.“ Wieder nur herumgeeier.

Mittlerweile kamen vier Freunde von Mariam ins Büro. Aufgabenverteilung für Transport nach Irgendwo. Transport zum Flughafen sichern. Wann – noch nicht bekannt.
Ich rief nach Ludwigshafen in die BG Klinik an. Gleiches geeier wie in Bochum. Im gleichen Moment bekam ich die Nachricht vom Zoja auf mein Laptop: Geld kein Problem. Bis jetzt schon über ein viertel Million US-Dollar. Zeitgleich kam die Mail der Kostenzusage aus Dänemark auf mein Laptop. Ich schickte sofort die Kostenzusage nach Bochum und Ludwigshafen weiter. Von beiden Kliniken bekam ich immer noch keine konkrete Antwort.
Amira rief an und gab den Status aus den Niederlanden durch. Aaliya saß neben mir und notierte alles, was meine Tochter mir sagte.

Nächster Versuch im UKE in Hamburg. Nochmals gleiche Litanei herunter gespult. Endlich sprach ich mit einem Doktor, der offensichtlich wusste was er tat. Er gab auch Tipps um vor Ort das schlimmste zu verhindern: das Austrocknen der Haut! Verdammt, da hatte keiner dran gedacht. Alles was er mir sagte, notierte ich.
Neue Aufgabenverteilung: ein Fahrer sollte sich auf den Weg zum Flughafen nach Kabul machen und mein Team abholen. Zwei sollten sich auf den Weg in Krankenhäuser und Apotheken machen,  und alles besorgen was der Arzt aus Hamburg mir sagte.

Der Transport nach Irgendwo war auch noch nicht geklärt.
Anruf von Malika aus Kabul. Sie hörte von dem Problem und bot sofort ihre Hilfe an. Sie sollte in Kabul noch Medikamente und Spezielleverbände für die Wunden besorgen.
Nun waren wir in halb Afghanistan vernetzt. Alles nur erdenkliche wurde in Erwägung gezogen. Anrufen, Erklären, Mails schreiben, besorgen, planen. Im Büro von Mariam waren fünf Mitarbeiterinnen schon mit Hochdruck daran beschäftigt.

Die Zeit läuft uns davon! Krisensitzung. Wie machen wir weiter? Gibt es ein weiter oder soll eine Lösung her, die Madina, Mariam und ich schon seit Stunden im Kopf hatten, aber nicht aussprachen: Tod durch Überdosis Methadon!

Ich setze mich seit 15 Jahren für die Rechte der Frauen ein. Leite seit 13 Jahren sechs Frauenhäuser, eine Mädchenschule und bin Menschenrechtlerin. Jetzt stehe ich zwischen meinem Verstand und der Realität zwei Zimmer weiter.

Ich rief nochmals ins UKE nach Hamburg angerufen. Ich sprach mit Doktor Kürster über den Status von Lenara und auch welche „Option“ wir in Betracht ziehen würden. Nach einem Gespräch von circa einer dreiviertelstunde sagte er etwas zu mir, was ich niemals vergessen werde: „Was achten Sie mehr, dass Leben oder den Tod? Ist ein Mensch mit einer Behinderung oder Krankheit weniger wert zu leben?“ „Ich achte das Leben und jeder Mensch ist gleich wert zu leben“ ,war meine Antwort. „Dann tun Sie alles, was in ihrer Macht steht.“
Ich übersetze das Gespräch im groben und im Raum und via Skype hörte man nur das Summen der Computer.
Was machen wir nun? Ene Mene Muh? Die Zeit rannte gerade so weg und wir hatten nichts erreicht.

9 Uhr Ortszeit.

Mein Team traf ein und ich besprach mit meinen Freundinnen die zwei Möglichen des weitermachen oder beenden.
Ava nahm mich in den Arm und fing an zu weinen „Nila, du sagtest vor 13 Jahren schon, dass wir oft an unsere Grenzen kommen werden und darüber hinaus wachsen werden. Wir überschreiten jetzt die Grenze und wir werden wachsen!“
Ava hatte recht.
Okay. Let’s go. Next step.

Madina rief zwei Kolleginnen von sich im Krankenhaus an und bat sie um Hilfe. Lenara sollte für einen Transport nach Irgendwo vorbereitet werden.
Janina kümmerte sich unterdessen mit einem Team von vier anderen Frauen und zwei Männer um ein Visa für Lenara. Also irgendwie ein Foto von dem Kind machen.

Janina ist in ihrem Job als Anwältinein Ausnahmetalent und kümmerte sich um Dokumente und setze sich schon mit den Botschaften aus Deutschland, Niederlande und USA auseinander. Noch wusste niemand wo die Reise hinführen wird.

Von Erik kam um 14 Uhr Ortszeit das Okay einer Spezialklinik für Verbrennungen in Rotterdam. Also sich auf die Niederlande konzentrieren. Erik bekam vom Stiftungsrat gleiche Mail mit der Kostenübernahme wie ich.
Wieder musste meine Tochter ran und alles was Janina sagte, gab Amira der Niederländischen Botschaft in Kabul weiter. Die Telefonkonferenz von Afghanistan nach den Niederlande und zurück nach Afghanistan lief auf Hochtouren. Ich war stolz auf meine Maus!
Erik machte Zeitgleich Druck beim Bürgermeister von Den Haag und anderen Politiker. Es wurde ein Visum zugesichert.

Die Luftrettung

Die Klinik war nun gesichert. Wie aber dieses Kind von Afghanistan so schnell wie möglich nach Rotterdam schaffen?
Der Transport mit der Luftrettung
war soweit endlich geklärt – aber nur in Europa!
Auch da wurde sehr viel telefoniert. Von der Luftrettung aus Luxemburg wurde ein Flug bis in die Ukraine zugesichert.
Ich rief einen Freund in den USA an und gab den Status durch, bevor er die Augen geöffnet hatte – blöde Zeitverschiebung. Malcolm würde sich sofort an die Arbeit machen.

Mittlerweile war es weit nach 16 Uhr in Kabul und ich wusste nicht, wie lange ich schon wach war. Um 17.30 Uhr war soweit alles geklärt. Die Wunden von Lenara nach Vorgaben von Dr. Kürster behandelt. Da Lenara sediert war, konnte vieles ohne ihr größere Schmerzen zu verursachen, einiges an der verbrannten Haut behandelt werden.
Ein Team von weit über 30 Personen auf drei Kontinenten lief immer noch auf Hochtouren. Das Team um Janina kümmerte sich um alles was an Dokumente für den Flug und Lenara gebraucht wurde.

Um 17.43 Uhr kam die Auftragsbestätigung der Luftrettung aus Luxemburg auf mein Laptop. 46 Seiten umfasste diese Zusage.
Zoja hat Englisch studiert und las die 46 Seiten schneller, als ich schreiben konnte. Wieder Arbeitsaufteilung um die erforderlichen Punkte so schnell wie möglich abzuhaken.

Ein Notarzt aus Luxemburg rief an und konnte nicht glauben, dass ich Deutsch sprach. Zoja kann auch Deutsch! So wurden die Punkte, die wir zeitlich gar nicht schaffen konnten besprochen und auch von der Leitstelle in Luxemburg notiert. Die Leitstelle würde diese oder jene Genehmigung für uns erstellen lassen. Dem Notarzt gab ich noch den Status von Lenara durch und er versicherte, dass er morgen früh in Charkiw/ Ukraine sei. Ich sagte ihm die Abflugzeit von Kabul aber nicht wisse mit welches Flugzeug ich kommen werde. „Et wäert net eng flësseg Nosschuel sinn“ ( Es wird keine Fliegende Nussschale sein.) War die Antwort von dem Notarzt.

Der Abend wurde immer später und mir dröhnte der Kopf wie ein Triebwerk von einem Jumbojet. Die Aufgaben waren soweit alle abgearbeitet. Janina und ihr Team waren immer noch voll beschäftigt mit mailen, scannen und telefonieren.

Ich rief meine Tochter in den Niederlanden an und gab den aktuellen Status durch.
Janina reichte mir eine Anklageschrift gegen den Ehemann, die Eltern von Lenara und Unbekannt. „Damit sind wohl auch jene gemeint, die der Hochzeit zugestimmt haben?“ Janina nickte mir zu „Nila, ich bin es so leid! Wir werden diesen Fall öffentlich machen! Es muss endlich mal Schluss sein.“
Ich sah den Empfänger dieser Schriften und war unglaublich stolz auf meine Freundin.

Madina sprach schon seit eineinhalb Stunden mit mir, dass ich doch endlich schlafen sollte. Ich verwies immer noch auf Punke die nicht geklärt seien. Ava sagte in einem nicht gerade freundlichen Ton, dass sie mir jetzt die Leitung entziehen würde, wenn ich nicht langsam mal an mich denken würde! Mit der Drohung und einem Kebab in ihrer Hand nahm ich dann doch ihren Rat an. Madina gab mir eine leichte Schlaftablette.
Mit Kebab und Cola legte ich mich im zweiten Stock in ein Zimmer um zur Ruhe zu kommen. Ich rief Amira an und muss wohl während des Gesprächs eingeschlafen sein. Soviel zu „leicher“ Schlaftablette.

4 Uhr Ortszeit. 60 Kilometer vom Flughafen Kabul entfernt.

Ich wurde von Ava geweckt und machte mich noch schnell etwas frisch. Im Haus war das komplette Krisenmanagement schon wach – oder immer noch.
Ein Freund von Mariam kam mit einen Kleinbus. Der Raum zwischen dem Fahrersitz und erste Reihe in Bus wurde mit Decken und einer Matratze aufgebaut, sodass Lenara weich liegen konnte. Auf dem Bauch und Gesicht hat sie zum Glück keine Verbrennungen. Mit vier Leuten trugen wir sie auf einer Trage in den Bus. Die zwei Ärztinnen, Dunya und Farah, Janina, Zoja, ich und Idris der Fahrer, machten uns auf den Weg zum Flughafen.

Die Flugzeugkennnummer, Flugroute, Genehmigung und alles was wir brauchten, druckte Janina in der Nacht noch aus. Zum Glück hat sie Zugriff auf mein Laptop und konnte die Mails aus den USA beantworten.

Am Flugplatz ging die Kontrolle sehr zügig. Janina kann in ihrer Rolle als Anwältin ganz schön fordernd sein.
Mit einem Begleitfahrzeug ging es zum Parkplatz wo unser Flugzeug stand.
Die schmale und steile Treppe in den Airbus A318 erwies sich als Problem für eine Trage mit einem Kind drauf. Zwei Mechaniker kamen zu Hilfe und so schafften vier Männer Lenara ins Flugzeug.
Im vorderen Bereich nach dem Cockpit legten wir alles an Decken hin, was wir im Auto hatten. Es begann eine Diskussion mit den beiden US Piloten, weil wir Lenara nicht anschnallen konnten. Janina, Zoja und ich texteten die Jungs dermaßen zu, bis sie endlich ihr Okay gaben.

Ich verabschiedete mich von Janina und Zoja. Beide hatten heute in Kabul noch einiges vor. Die zwölfseitige Anklageschrift wollten sie persönlich dem obersten Richter von Afghanistan aushändigen.

Es war 6 Uhr als die Turbinen des Airbus A318 hochliefen.

Starterlaubnis checken, beim Tower anmelden und rollen.
Um 6.11 Uhr hob der A318 mit Ziel Charkiw in der Ukraine ab. Ich sprach mit Lenara was nun kommt, wo es hin geht und wer alles bei ihr ist.
Die Ärztinnen Dunya und Farah überwachten den Puls, Herz und Atmung von Lenara. Sie lag in einer Alu-Schutzfolie auf dem Boden und weinte. Weiter Schmerzmittel ohne Hightechgeräte sind äußerst schwer zu dosieren. Also, hopp oder top. Noch einmal Schmerzmittel verabreichen.

Die Zeit des Nichtstun war für mich das schlimmste. Also auf ins Cockpit und mit den Piloten reden. Ich fragte den Co-Piloten „How long is it until arrival? How long the distance to the destination?“ Die Antwort war nicht sehr erbauend. „Kann die Kiste auch schnell? The plane doesn’t fly faster?“ Wenn Blicke am frühen Morgen töten könnten! „Let’s go! Faster.“
Der Pilot erzählte mir etwas von Flugrouten, Flughöhe, Flugverkehr und Gesetzte und so ein Zeugs. „Des mog älles sai, nur gib Gas. Ihr wolld do koi Leiche im Flugzeug.“ Schwäbisch känned die Jungs a ned. Ich zeigte den beiden die Fotos von Lenara – dies half. Faster Boys!

Meine Gedanken rasten nur so durch mein Hirn. Die Worte von Dr. Kürster hallten in meinen Ohren und ich weinte.
In meinem Leben hatte ich mir noch nie diese Fragen stellen müssen. Ich schämte mich dafür. Was ist für Lenara Erlösung? Darf ich diese Frage überhaupt stellen?

How long is it until arrival?

„How long is it until arrival? How long the distance to the destination?“.„We are about to leave Turkmenistan’s airspace. After 1579 kilometers to the airport Charkiw.“ Die Hälfte! Die Hälfte sind wir erst geflogen!
Der Pilot bat mich das ich mich zu ihnen setzten sollte. Mason war in meinem Alter, der Co-Pilot, Gavin, war fünf Jahre jünger. Ich erzählte den beiden den Alptraum der letzten 24 Stunden. Immer wieder fragte ich die Zeit bis zur Destination. 927 Kilometer. Es wird weniger!

Ich ging zu Lenara und sprach langsam mit ihr. Das Mädchen bekam in den letzten 48 Stunden so viele Medikamente, dass es zum Glück kaum vieles wahr nahm.
Ein Mädchen von 11 Jahren lag in einem Flugzeug eingehüllt in einer Thermofolie und kämpfe um sein Leben.
Hilflos und Wortlos sah ich zu Dunya. Auch ihr Blick war weit von allem Verständnis. Garvin kam zu uns und sagte „Time to Destination in 36 minutes.“ „Danke Gavin.“ Ich hob die Alu-Schutzdecke hoch um Gavin die perversion der Menschheit an einem Kind zu zeigen.

Mason meldete das Flugzeug beim Tower an und sagte mir, das Flugzeug aus Luxemburg sei schon da. Hallelujah!
Der Boden kam näher und Mason setzte den A318 so sanft auf, dass man es kaum merkte Boden unter den Räder zu haben. Der Tower gab die Position zum parken an. Ich sah den Learjet aus Luxemburg und musste weinen.
„Lenara, die Hälfte hast du geschafft.“

Gavin öffnete die Tür und klappte die Treppe aus und ich sofort aus dem Flieger. Ein Mittelgroßer Mann kam auf mich zu.
„Ich bin Leon, wir hatten bestimmt gestern telefoniert.“ Ich nickte „Hatten wir. Nila. Hallo Leon.“
Mit Leon und Frederik, einem zweiten Notarzt ging es wieder rein ins Flugzeug. Dunya und Farah sagen den beiden alles, was über den Status von Lenara wichtig war.

Beamte vom Zoll, zwei Ärzte und vier Männer von der Flughafen Feuerwehr kamen ans Flugzeug.
Die Luxemburger Notärzte hatten Lenara erst einmal untersucht und einige Geräte angeschlossen.
Ich kümmerte mich mit den Beamten vom Zoll um die Papiere. Die Beamten konnten kein Englisch und ich kein Russisch. Jarina hatte zum Glück alle Dokumente in vier Sprachen ausgefertigt. Zum Glück habe ich solch wunderbare Menschen in meinem Team. Mit einem Berg von Dokumenten saßen wir im Flugzeug und klärten alles ab. Henry, der Pilot aus Luxemburg, hatte auch noch einiges an Dokumente dabei.

Die Übergabe von Lenara dauert länger als geplant. Der Herzkreislauf war bei ihr nicht besonders stabil. Die Luxemburger Notärzte legten Kanülen, Infusionen und gaben Lenara nochmals Spritzen.
Die beiden Ärzte aus der Ukraine konnten wenig tun. Sie dokumentierten den Gesundheitszustand von Lenara für ihr Ministerium oder was auch immer.

Ich rief Amira an und gab Status durch. Endlich war Lenara soweit sediert und stabil um in das andere Flugzeug zu tragen. Die Feuerwehrmänner halfen die Trage aus dem A318 zu schaffen und rein in den Learjet. Leon und Frederik schlossen EKG und noch so einiges an Kabel und Geräte an.
Henry sah ungeduldig zu Leon und wartete auf das GO.
Endlich war Lenara für den Weiterflug bereit.
Henry meldete sich bein Tower an und noch keine zwei Minuten später rollte der Learjet zur Startbahn.

Luftrettung aus Luxemburg

Take off um 12.43 Uhr

Henry sagte mir, dass er Rotterdam anfliegen werde. Leon schickte das Übergabeprotokoll an die Leitstelle nach Luxemburg. Ich rief noch schnell Erik an und er sagt mir, dass Lenara noch am gleichen Abend operiert werden würde.

Der Learjet war doch erheblich kleiner als der A318. So konnte ich mich von meinem Sitz nicht all zu viel bewegen und sah die ganze Zeit auf Lenara.
Leon lenkte mich ab und fragte mich sehr viel. „Warum kannst du so gut Deutsch?“ War die dritte Frage von ihm. Ich erzählte Frederik und Leon meine Geschichte von vor 30 Jahren und was ich nun beruflich mache.

Ambulanzjet Learjet 45

Immer wieder sah ich auf Lenara und hoffte das sie die letzten 2000 Kilometer noch schafften würde. Leon sprach offen mit mir und auch die Möglichkeiten einer Heilung. Ich frage ihn, wie er die andere Option für Lenara sah, er sei schließlich Arzt.
„Du und ich schützen das Leben und da ist jede Anstrengung wichtig. Wir tun was wir können, mehr Macht haben wir noch nicht.“

In all dem Chaos am Morgen dachte ich nicht daran, dass ich auch irgendwann mal Hunger bekomme würde. Die Bordküche im Learjet gab zwei Snickers her – besser als nichts.
Ständig schaute ich auf das EKG an der Wand vor mir und war froh, wenn die Kurve einen Zentimeter höher ging, als die zuvor.

Wir waren über deutschen Luftraum.
Noch keine 1000 Kilometer bis nach Rotterdam.
Ich erzählte Frederik und Leon, dass ich am Dienstagnachmittag erst von Schiphol nach Istanbul und dann weiter nach Kabul geflogen sei. Dies konnten die beiden gar nicht glauben. So erzählt ich ihnen die letzten 24 Stunden.
Henry sagte zwischendurch was unter, links oder rechts von uns für eine Stadt war: Hannover. Osnabrück.
„Wir sind gleich in den Niederlanden“ sagte Henry.
Frederik gab der Leitstelle in Luxemburg den Status von Lenara durch. „Super, ich habe Dr. de Joost an der anderen Leitung“, hörte ich von Henry über den Funk.
„Darf ich mit Erik sprechen?“ Henry winkte mich ins Cockpit und gab mir einen Kopfhörer. Es war schön die vertraute Stimme von Erik zu hören. Er sagte das alles vorbereitet sei und zusätzlich zwei Ärtze in die Klinik kommen würden, die sich auf Säure-Verbrennungen spezialisiert hätten. Ich sprach noch kurz mit Amira und war über ihre Gelassenheit erstaunt. Meine kleine Maus!

Rotterdam The Hague Airport

Um 15.40 Uhr meldete Henry den Learjet
beim Tower an und bekam die Landeposition zugewiesen.
24 Stunden später landete ich wieder in dem Land, wo ich eigentlich erst im Herbst wieder sein wollte.
Durch das Fenster sah ich den Rettungswagen auf den Learjet zukommen. Noch während Henry das Flugzeug langsam zum Parkplatz rollte, wurde bei Lenara alles für die letzten Kilometer vorbereitet.

Ich sah das Follow-Me Auto vom Flughafen und dahinter das Auto von meine Tochter und Erik auf dem Beifahrersitz.
Erik nahm mich in die Arme und ich fing an zu weinen. Amira verstaute mein Handgepäck das einmal um die halbe Welt geflogen war.
Leon übergab das Protokoll von Lenara an einen anderen Notarzt. Ich umarmte Leon und Frederik. Bedankte mich für ihre Arbeit und Leon gab mir sein Handynummer. Er wollte wissen wie es mit Lenara weitergeht. „Wir bleiben bin in Kontakt. Versprochen.“ Ich gab ihm einen Kuss.

Mit Erik und Amira folgten wir dem Rettungswagen. Ich hörte die Sirenen und sah immer wieder dieses blaue Licht und mit einem Schlag fiel alles von mir ab. Über 30 Menschen auf drei Kontinenten waren verantwortlich für das, was vor uns mit Blaulicht auf den Straßen von Flughafen zur Spezialklinik jagte.

Brandwonden Klinik Rotterdam

In der Klinik angekommen ging es sofort in den OP Bereich. In einem Zimmer in der Rettungsstadion sprach Professor de Friese und zwei weitere Ärzte mit uns, was nun geplant sei. Wenn der Gesundheitszustand von Lenara soweit stabil sei – was anhand von den Protokollen gut aussehe, würden sie Lenara in ein künstliches Koma legen um dem Kind die Schmerzen zu nehmen und um auch Zeit zu gewinnen, die Haut zu regenerieren. Wir würden benachrichtigt werden, sobald Klarheit bestehen würde.
Da Amira am Vortag als Bevollmächtigte Betreuerin für Lenara eingesetzt wurde, würden wir natürlich über alle Schritte informiert werden.

Am Donnerstag Abend um 18.40 Uhr verließen wir das Krankenhaus. Mehr konnten wir jetzt sowieso nicht tun.
Auf dem Weg zu Amira bestellen wir Pizza mit allem und viel! Ich hatte Hunger wie ein Bär.

Um 19.15 Uhr waren wir an der Wohnung von Amira in Den Haag  angekommen und gleichzeitig kam der Pizzabote um die Ecke.

Mit einem Glas Wein und unserer Pizza saßen wir schweigend in der Küche.
„Mama, ich bin sehr stolz auf dich!“ Ich nahm Amira in die Arme und wir beide fingen an zu weinen.

Freitagnacht 2.18 Uhr

Um 2.18 Uhr klingelte das Handy von Amira und Professor de Friese teilte uns mit, dass Lenara in einem künstlichen Koma liege und ihr Gesundheitszustand sehr kritisch sei. Nun würde es Zeit brauchen um ihr eine Überlebenschance zugeben.
Ich rief Madina an und gab ihr den Status von Lenara bekannt. Dann sprach ich mit Janina und sie sagte mir, dass sie auch bei der Staatsanwaltschaft in Kabul war und der Mann von Lenara heute dem obersten Richter von Afghanistan vorgeführt werde. Auch zieht sie eine Strafanzeige von Niederländischer Seite in Betracht, würde sich da aber erst mit der Botschaft in Kabul in Verbindung setzen. Der Strafantrag gegen die Eltern von Lenara sei auch raus.

So weit der Stand am Freitag den 6. März 2020

Ich kann nicht mehr als meinen Dank allen Freunden und Menschen sagen, die für das Leben von Lenara kämpfen und sich weit über ihre Grenzen eingesetzt haben.

Nila Khalil, Den Haag, 6. März 2020

Afghanistan steht vor einem Wirtschaftsbankrott

Zentralbank in Kabul

Das Geld ist alle und dies zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt: der Winter steht vor der Tür.

Autorinnen Nila Khalil und Samira Ansary

Die afghanische Zentralbank hat in den Wochen, bevor die Taliban die Kontrolle über das Land übernahmen, den größten Teil ihrer Bargeldreserven in US-Dollar aufgebraucht. Dies geht aus einer Bewertung hervor, die für die internationalen Geberländer für Afghanistan erstellt wurde und die sowieso schon aktuelle Wirtschaftskrise nun noch weiter verschärft.

In einem zweiseitigen Bericht, der Anfang September von hochrangigen internationalen Wirtschaftsvertretern für die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds (IWF) verfasst wurde, steht, dass die schwere Bargeldknappheit des Landes bereits Moante vor der Übernahme durch die Taliban begann.

In dem Bericht wird kritisiert, wie die frühere Führung der Zentralbank in den Monaten vor der Eroberung durch die Taliban mit der Krise umgegangen sei und warum eine ungewöhnlich hohe Zahl an US-Dollar versteigern und darüber hinaus Geld von der Zentralbank in Kabul in Zweigstellen der Provinzen gebracht wurde. In dem Bericht an die Weltbank und IWF steht: „Die Devisenreserven in den Tresoren der Zentralbank in Kabul sind erschöpft, die Zentralbank kann die Bargeldanforderungen nicht erfüllen und die Hauptursache des Problems ist die Misswirtschaft der Zentralbank vor der Machtübernahme durch die Taliban.“

Korruption hat kein Gewissen

Shah Mehrabi, der Vorsitzende des Prüfungsausschusses der Zentralbank, der die Bank vor der Übernahme durch die Taliban mit beaufsichtigt hatte, verteidigte das Vorgehen der Zentralbank und erklärte, sie habe versucht, einen Ansturm auf die afghanische Landeswährung zu verhindern. Es ist schon sehr bezeichnend, dass gerade solche Personen wie Mehrabi nach dem Sturz der Regierung noch im Amt sind.

Das Ausmaß der Bargeldknappheit ist mittlerweile in alle Städten von Afghanistan zu sehen, wo die Menschen stundenlang Schlange stehen, um ihre Ersparnisse in Dollar abzuheben, obwohl sie nur eine begrenzte Menge abheben können. Oder auch auf Märkte, wo die Menschen ihr bisschen Hab und Gut gegen etwas Geld verkaufen.

Seit fast zwei Jahrzehnten hat die Wirtschaft unter den Folgen der innerstaatlichen Instabilität zu leiden. Die Folgen sind verheerend. Viele Jungen ab 10 Jahre versuchen als Tagelöhner etwas Geld für die Familien zu beschaffen und somit können sie nicht weiter zur Schule gehen. Aus dieser Armut resultiert ein Analphabetismus, der mittlerweile weit über der Hälfte der Bevölkerung liegt.

In den letzten Monaten haben sich die Preise für Grundnahrungsmittel erneut um ein vielfaches verteuert. Gleichzeitig haben
durch die Machtübernahme der Taliban viele Menschen ihre Arbeit verloren. Millionen von Menschen stehen angesichts des nahenden Winters vor einer humanitäre Katastrophe. Ich hatte im Januar 2020 schon darüber berichtet und die aktuelle Wirtschaftskrise gepaart mit der Taliban als „Regierung“ macht es für die Menschen nicht einfacher.

Alleine der UN fehlen 1 Milliarde US-Dollar, um die Menschen in Afghanistan über den Winter zu bringen.
Auch wenn die Taliban sich als moderat hinstellt, sind sie es nicht. Faktisch werden sich Hilfsorganisationen bei der aktuellen Gefahrenlage durch die Taliban wohl kaum an Humanitärer Hilfe beteiligen. So wird es diesen Winter die ärmsten der Armen treffen. Die Menschen haben zum einen kein Geld für Lebensmittel und für Gas, bzw. andere Brennstoffe kein Geld.

Es kommt kein Geld mehr

Unter der Regierung Ghani war die Zentralbank auf Bargeldlieferungen in Höhe von 249 Millionen US-Dollar angewiesen. Dieses Geld wurde alle drei Monate in Kisten mit gebundenen 100 US-Dollar-Noten geliefert und in den Tresoren der Zentralbank und im Präsidentenpalastes gelagert.

Dieser Geldstrom ist nun versiegt, da ausländische Regierungen zur Zeit noch nicht direkt mit den Taliban verhandeln. In Anbetracht der Not von Millionen Menschen, muss es sehr bald eine Lösung geben – ob man nun will oder nicht.

Afghanistan steht vor einem Staatsbankrott

Die Zentralbank, die eine Schlüsselrolle in Afghanistan spielt, weil sie die Hilfsgelder von der EU und der USA verteilt, erklärte am Mittwoch, sie habe einen Plan zur Deckung des Devisenbedarfs des Landes ausgearbeitet – nannte jedoch keine Einzelheiten. Der Mangel an einer stabilen Währung macht es den Taliban schwer, ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen, einschließlich der Bezahlung von Strom oder der Auszahlung von Gehältern an Regierungsangestellte, Universitäts Professoren, Ärzte und und und. Diese Menschen, die Afghanistan dringend braucht, werden schon seit Monaten nicht mehr bezahlt.

Die Auslandsreserven Afghanistans in Höhe von rund 9 Milliarden US-Dollar wurden eingefroren, als die Taliban Kabul erobert hatten, und die Zentralbank nur noch über die Bargeld in ihren Tresoren verfügte.

Dem Bericht zufolge versteigerte die Zentralbank zwischen dem 1. Juni und dem 15. August 1,5 Milliarden Dollar an lokale Devisenhändler, was als auffallend hoch bezeichnet wurde. Am 15. August hatte die Zentralbank ausstehende Verbindlichkeiten in Höhe von 700 Mio. US-Dollar und 50 Mrd. Afghanis (569 Mio. US-Dollar) gegenüber den Geschäftsbanken. Dies ist einer der Hauptgründe für die nun leeren Kassen im Land.

Nach vorliegenden Berichten hatte die
afghanische Zentralbank Auktionen für den Devisenhandel angemeldet, aber da ging es um einen Betrag von fast 1,5 Milliarden Dollar. Tatsächlich verkaufte die Zentralbank Betrag  lediglich 714 Millionen US-Dollar an Devisenhändler.

Wo ist das Geld?

Der Bericht stellt auch die Entscheidung der Zentralbank in Frage, einen Teil ihrer Reserven in Provinzfilialen verlagern zu haben, was ein sehr hohes Risiko für die Banken darstellte.

Ende 2020 seien rund 202 Millionen US-Dollar in Filialen in den Provinzen des Landes aufbewahrt worden – obwohl zum damaligen Zeitpunkt schon dreiviertel der Provinzen unter der Kontrolle der Taliban waren.
Im Jahr 2019 waren es lediglich 12,9 Millionen US-Dollar, die in den Filialen aufbewahrt wurden.

In dem Bericht heißt es weiter, dass:
„Einiges an Geld in den Provinzfilialen verloren gegangen sei,“ (gestohlen trifft es wohl besser)“, ohne aber genaue Höhe des Verlustes an Geld anzugeben.

Der ehemalige Leiter der Zentralbank, Ajmal Ahmady, der das Land am Tag nach dem Sturz der Regierung durch die Taliban verließ, reagierte bis zum jetzigen Zeitpunkt auf keine E-Mails oder anderen Nachrichten von den Wirtschaftsvertretern für die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds.

Ahmady erklärte in den letzten Wochen auf Twitter, er habe sein Bestes getan, um die Situation zu meistern, und machte für etwaige Liquiditätsengpässe und des Einfrierens vom Zentralbankvermögen ausländische Regierungen dafür verantwortlich.

In seinen Erklärungen sagte er, dass die Zentralbank die Wirtschaft vor dem Fall von Kabul gut geführt habe und das kein Geld von einem Reservekonto gestohlen worden sei. Weiter teilte er mit: „das er sich schlecht fühle, weil er Mitarbeiter zurückgelassen habe.“  Ahmady müsse um seine Sicherheit fürchten, daher habe er sich abgesetzt.

Nila Khalil und Samira Ansary, Kodling. 2. Oktober 2021

Der IStGH klagt die Taliban an

Das Vetorecht von China und Russland könnte eine Anklage des Internationalen Strafgerichtshofs gegen die Taliban blockieren.

Autoren Nila Khalil und Samira Ansary

Der neue Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs, Karim Khan, hat das Gericht gebeten, eine Untersuchung der mutmaßlichen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die von den Taliban und den Anhängern des Islamischen Staats in Afghanistan seit 2003 begangen wurden, wieder aufzunehmen.

Dies ist eine große Herausforderung für den britischen Juristen Khan, denn die globale Machtpolitik der USA, China und Russlands legen bei Anklagen gegen die Menschlichkeit oft ihr Vetorecht ein.

IStGH – den USA, China und Russland ein Dorn im Auge

Karim Khan hat die bisherige Chefanklägerin, Fatou Bensouda aus Gambia, Mitte Juni 2021 abgelöst. Er wurde für eine Amtszeit von neun Jahren gewählt.

Khan wird sein Amt in einer kritischen Zeit für das Gericht antreten. Es steht unter großem politischen Druck wegen geplanten 

Ermittlungsverfahren zu Kriegsverbrechen in Palästina und in Afghanistan. Dadurch wären auch Prozesse gegen Militärs aus Israel oder den USA möglich. Den Grundlagenvertrag des Tribunals, das sogenannte Römische Statut, haben 123 Staaten ratifiziert. Die USA gehören dem IStGH – ebenso wie Russland und China – nicht an und haben ihn wiederholt scharf attackiert. Ermittlungen des Strafgerichtshofs gegen US-Bürger lehnt Washington als „illegitim“ ab.

Der neuste Schritt von Karim Khan zeigt die Entschlossenheit, das Völkerrecht nicht nur zur Untersuchung vergangener, sondern auch aktueller Verbrechen gegen die Menschlichkeit anzuwenden. Der Internationale Strafgerichtshof mit Sitz in Den Haag hat den Taliban über die afghanische Botschaft in den Niederlanden mitgeteilt, dass er beabsichtigt, eine Untersuchung wieder aufzunehmen.

Bereit im Frühjahr 2018 reichte die Chefanwältin aus dem Netzwerk von Nila Khalil, Samira Ansary, dutzende Beweise an Menschenrechtsverletzungen persönlich bei Fatou Bensouda ein. Durch die Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen zwischen den USA und der Taliban, im September 2019, wurden frühere IStGH-Untersuchung im April 2020 ausgesetzt, nachdem die damalige afghanische Regierung von Ashraf Ghani darum gebeten hatte, Zeit zu erhalten, um in Zusammenarbeit mit den IStGH-Anwälten Beweise zu sammeln.

Da die Nationlarmee von Afghanistan am 16. August gegen die Taliban kapitulierte und Ashraf Ghani sich ins Exil abgesetzt hat, wird es täglich schwieriger Beweise und Dokumente der Verbrechen gegen die Menschlichkeit der Taliban und andere Terrorgruppen zu sichern.

Khan kündigen auf einer Pressekonferenz in Den Haag mit: „Das es keine Aussicht mehr auf eine echte und wirksame innerstaatliche Untersuchung der Verbrechen in Afghanistan gibt. Sein Vorschlag sieht vor, mutmaßliche Kriegsverbrechen, die von den USA und der afghanischen Armee begangen wurden, zwar nicht als vorrangig einzustufen, aber nicht fallen zu lassen, da sie nicht fortgesetzt werden.

Die derzeitige De-facto-Kontrolle des afghanischen Territoriums durch die Taliban und ihre Auswirkungen, auch auf die Strafverfolgung und die Justiz in Afghanistan, stellen eine grundlegende Änderung der Innenpolitischen Umstände dar. Die Schwere, das Ausmaß und der anhaltende Charakter der Taliban und des Islamischen Staates – zu deren Terroranschläge auf Zivilisten, gezielte außergerichtliche Hinrichtungen, die Verfolgung von Frauen und Mädchen und Verbrechen gegen Kinder, muss schnellstmöglich gehandelt werden, bevor es zu weiterer Eskalation kommt. Eines der Kriterien für die Entscheidung, ob die ins Stocken geratenen Ermittlungen wieder aufgenommen werden sollen, hängt davon ab, inwieweit innerstaatliche Rechtsmittel zur Verfügung stehen.

In seiner Stellungnahme sagt Khan, dass der IStGH für seine Ermittlungen nicht verpflichtet sei, sich ein Urteil über die De-jure- oder De-facto-Regierung des Landes zu bilden. Er sagt auch, dass es keine Institution innerhalb oder außerhalb des Landes gibt, die seiner Ansicht nach legitimerweise eine weitere Verschiebung der IStGH-Untersuchung beantragen kann.

Es besteht Hoffnung zur Anklage

Eines der Verbrechen, das wahrscheinlich untersucht wird, ist das Selbstmordattentat am 26. August 2021 auf dem Flughafen von Kabul, zu dem sich der Islamische Staat in der Provinz Chorasan bekannte.

Letztes Jahr gaben die Richter des IStGH einem Antrag der Staatsanwaltschaft statt, eine umfassende Untersuchung gegen Afghanistan wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen einzuleiten, die nach 2003 begangen wurden.

Der Staatsanwalt wurde zunächst von einer unteren Kammer abgewiesen, die der Meinung war, dass eine Untersuchung nicht „im Interesse der Justiz“ sei. Da der Staatsanwalt dem zuständige IStGH-Gremium mit ausreichend Dokumentationen überzeugen konnte, intervenierte die afghanische Regierung im April 2020 mit einem Antrag auf Vertagung, um das Verfahren auszusetzen, mit dem Argument: „Einige der Verbrechen am besten im Inland untersuchten zu lassen. Der Antrag, der der afghanischen Regierung das Recht gab, einen Aufschub zu beantragen, war nicht dazu gedacht, eine Lücke in der Straflosigkeit zu schaffen oder die ‚goldene Stunde‘ zu vergeuden, sobald die Bedingungen für die Eröffnung einer Untersuchung erfüllt seien.

Da unter anderem auch in diesem Fall Verbrechen nach Artikel 5: Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und Völkermord; weiterhin begangen wurden, hatte das hinauszögern seitens der nun regierenden Taliban den Anschein, man lässt vieles im Sand verlaufen.

In belegbaren Dokumenten, die dem IStGH von der Staatsanwaltschaft in Den Haag vorgelegt wurden, ist ganz klar die Glaubwürdigkeit gegeben. In den geheimen Dokumenten, ist eindeutig belegt, dass die Taliban Tausende von Gefangenen, die mit Al-Qaida und IS-Terrorgruppen in Verbindung stehen, aus der Hafteinrichtungen des Luftwaffenstützpunkts Bagram entlassen haben.

Nach Sichtung der Daten und Dokumente, kann die Staatsanwaltschaft, wie auch der IStGH davon ausgehen, dass die Taliban jetzt und in Zukunft Verbrechen nach Artikel 5 nicht ernsthaft untersuchen werden.

Auch die britische Organisation: Coalition for Genocide Response (Koalition für die Bekämpfung des Völkermordes) begrüßte die neuerliche Anklage, denn auch sie befürchten, dass in den nächsten Monaten die Gefahr von Gräueltaten, einschließlich des Völkermordes an Ethnien der Hazara größer wird.

In einer privaten Email schrieb Ewelina U. Ochab, Mitbegründerin der Coalition for Genocide Response: „Das Mandat des IStGH, hochrangige Täter zu verfolgen, wenn Staaten nicht in der Lage oder nicht willens sind, ist eines, das konsequent und ohne Furcht oder Bevorzugung angewandt werden sollte, und als solches darf es nicht die Verbrechen anderer mutmaßlicher Täter in der Region vernachlässigen, einschließlich der Staatsangehörigen von Nichtvertragsstaaten, die sich zum betreffenden Zeitpunkt in Afghanistan aufhielten.“

Das Vetorecht verhindert Aufklärung

Im Jahr 2015 war der IStGH nicht in der Lage, die Aktionen des IS in Syrien zu untersuchen, da eine Anklage nach dem Völkerrecht durch den UN-Sicherheitsrat erfolgen musste. Da es zur damaligen Zeit Anklagen seitens des IStGH gegen Truppen von Präsident Baschar al-Assad ging, legte Russland sein Veto ein. Womit der gesamte Antrag auf Völkermord gegen den IS und Syrien von Russland im Weltsicherheitsrat blockiert wurde.

Nun bleibt abzuwarten, wie sich Russland und China in Afghanistan engagieren werden und sie eventuell von ihrem Vetorecht gebraucht machen werden, um dem IStGH erneut eine Anklage gegen Terroristen zu Blockieren.

Nila Khalil und Samira Ansary, Kodling, 28. September 2021

Tagebuch der Sorgen

Montag, 16. August 2021

In 11.056 Meter Höhe fliegt der Airbus A330 bei einer Geschwindigkeit von 863 Kilometer pro Stunde gleichmäßig der Sicherheit und neuen Zukunft für 297 Menschen entgegen.

Nach über zwei Stunden hatten meine 36 Mitarbeiterinnen und die 18 Soldaten die Passagiere beruhigt und versorgt.
Nach über zwei Stunden kam auch ich langsam zur Ruhe.
Die Aufarbeitung von den wohl schlimmsten Erfahrungen in meinem Leben lief langsam an.
In der 1.Klasse war ein kleiner Stab von meinen Freundinnen und Mitarbeiterinnen im Gespräch mit ein paar Soldaten und den Beamten von Militärischen Geheimdienst. Wer glaubt, dass dies knallharte Männer sind, täuscht sich sehr. Ich sah die Anteilnahme, Schock und Ohnmacht in ihren Augen – aber auch Respekt für unsere Arbeit, Mut und Leben.

Bei aller Euphorie über die Rettung von 297 Menschen, muss ich der Realität ins Auge sehen.
Wir waren über der Ukraine und aus den Fenster sah man nur Dunkelheit. Es waren noch 1670 Kilometer bis zur Destination.
Ich hatte die dreijährige Saina auf meinem Arm und streichelte ihr den Kopf, während sie unruhig schlief. Mir kamen die Tränen.
Mikkel saß links von mir und sah mich an. „Nila, what’s wrong? Why are you crying?“ „Warum ich weine? Mikkel, ich habe Angst vor dem was auf mich zukommt.“ „Was soll auf dich zukommen?“ „Du hast doch bestimmt in den Medien verfolgt welche Schwierigkeiten den Seenotretter im Mittelmeer gemacht wurde.“ „Yes I know.“ „Ich bin die Chefin von meinen 36 Mitarbeiterinnen und tage die Verantwortung für 261 Menschen. Dieses kleine Mädchen ist das Nachbarskind von Ava. Als es sich abzeichnete, dass Ava nach Europa flieht, übergab ihr die Mutter dieses Kind. Ich halte ein Kind im Arm, welches in wenigen Stunden illegal in ein europäisches Land einreist – ich bin eine Menschenschlepperin. Man kann mich vor dem EuG Anklagen und ich kann meine Akkreditierung bei der UN verlieren.“ „What nonsense are you talking about?“ „Kein Unsinn – die Realität. Du erlebst doch auch den immer mehr aufkommenden Rassismus in Europa.“ „Of course. Wenn du so denkst, bin ich, die Piloten und die Soldaten auch Menschenschlepper. Du hast die Verantwortung für all diese Menschen, dies ist richtig. Glaubst du Jasper würde dir ein Flugzeug zur Verfügung stellen ohne sich über die Folgen bewusst zu sein?“ Ich zog die Schultern hoch. „Jasper ist einer der Ranghöchsten Beamten in unserem Land und ich weiß wie lange ihr euch kennt. Nila, in diesem Augenblick sitzen hunderte Menschen zusammen um alles erdenkliche zuklären. Wir sind illegal mit einer Kampftruppe in einem Land gelandet und es gab Tode. Niemand in Afghanistan weiß woher wir kommen – und dies wird auch so bleiben! Bei diesem Einsatz haben ganz andere Personen das Kommando und die Verantwortung.“ „Mikkel…“ „Nein! Mach dir keine Sorgen! Du hast schon genügend andere Probleme. Wie wird es für dieses hübsche Mädchen weitergehen?“ Ratlos sah ich Mikkel an.

Ich erzählte ihm von meinen Töchter und sah wieder einmal einen Mann mit einer Waffe an der Seite, mit den Tränen ringen.
„Die Mädchen in unseren Häuser fangen ab 11 Jahren an. Was diese kleinen Seelen schon erlebt haben, geht oft über die menschliche Vorstellungskraft hinaus. Männer benutzen und behandeln Mädchen – ihre Frauen, wie Dreck. Dies rechtfertigen sie mit ihrem Glauben und Traditionen. Ich habe in den letzten 14 Jahren einen Menschenverachtenden „Glauben“ an Folter, Missbrauch und Verstümmelung gesehen, dokumentiert und angezeigt – wobei letzteres all zu oft ins Leere gelaufen ist. Wir haben junge Frauen Schutz gegeben, die nun so alt wie meine älteste Tochter sind – oder sogar älter, die niemals ohne Hilfe leben können, denn die seelischen Vergewaltigungen haben diese Menschen gebrochen und gezeichnet. Saina ist drei Jahre alt und zum Glück wird ihr dieses Schicksal erspart bleiben. Farishta und Sahrisa sind vier und fünf Jahre alt. Die Mutter von Farishta ist vor sechs Wochen an einer Blinddarm Entzündung gestorben und Samira nahm das Kind zu sich. Sahrisas Vater war Soldat und ist in einem Einsatz gegen die Taliban gefallen. Die Mutter ist seit dem Frühjahr nicht auffindbar – ob sie noch lebt kann niemand sagen. In Afghanistan verschwinden täglich Kinder, Frauen und Männer. Die Oma brachte Sahrisa in eines unserer Frauenhäuser in einer anderen Provinz.“ „Wie hältst du dies alles aus?“ „Mikkel, ich weiß es nicht. Ich habe auch langsam keine Kraft mehr. Jeden Morgen wenn ich aufstehe, weiß ich, dass an diesem Tag wieder ein Kind verheiratet, gefoltert oder missbraucht wird und ich kann nichts dagegen tun“

Nach Mitternacht auf einer Militärbasis irgendwo in Europa

Dienstag, 17. August 2021

27 Minuten nach Mitternacht landete der Airbus A330 auf einer Militärbasis in Europa. An Bord waren 297 Kinder, Jugendliche und Erwachsene, denen man die Strapazen der letzten Wochen und Stunden ansah.
Sofort kamen Ärzte und Sanitäter ins Flugzeug, um sich einen Überblick über den Gesundheitszustand der Passagiere zu machen. Mein Mitarbeiterinnen bestätigten, dass alle Mädchen und Frauen auf COVID-19 negativ getestet seien. Lediglich Aafia, eine Mitarbeiterin aus meinem Team, und vier Mädchen würde man wegen ihres schlechten Gesundheitszustand – infolge von Stress, Mangelernährung und psychischer Belastungen zur Beobachtung gerne ins Krankenhaus bringen.
Die gesundheitliche Kontrolle alle Passagiere verlief sehr zügig und professionell.

Ein Leutnant aus der Kommandantur sagte mir, man habe den Standort zur Unterbringung der Mädchen und Frauen geräumt. Lediglich ein Viertel der Personen müsste in einer Turnhalle schlafen. Man hätte diese aber in kleine Räume mit je vier Betten abgetrennt.
Im Flugzeug sortierten wir die Kinder und Frauen auf die Anzahl der Betten in den drei Wohnblöcken, bzw. Turnhalle auf.
Da die meisten meiner Mitarbeiterinnen Englisch können, war die Kommunikation mit den Hilfskräften und Soldaten kein Problem.

Mit drei Bussen wurden die Kinder und Frauen zu den Unterkünften gefahren.
Der erste Schwung mit 120 Personen war losgefahren und es wurde leiser im Flugzeug.
Mit dem Staatsminister und anderen Beamten saß ich in der 1.Klasse, die bis auf Marcel und Mikkel leer war. Wir besprachen das weitere Vorgehen für den Tag. Ohne Stress und Zeitplan würde man nun Schritt für Schritt gehen.

Mit Saina auf dem Arm verließ ich mit Samira, Farishta, Ava und Zoja das Flugzeug in einer Gruppe Militärs und Beamten als letzte.
Uns fuhr der Bus in den 1. Wohnblock.
Es war 2.15 Uhr als wir ankamen. In dem Block waren Dutzende Menschen damit beschäftigt, die Kinder und Erwachsene in den Schlafräumen zu versorgen. Es waren Plüschtiere und Boxen mit Hygieneartikel verteilt und in den Schlafräumen war das grelle Licht abgedunkelt.

Unsere beiden Schlafräumen waren im zweiten Stock in dem Gebäude, und auch dort war das Licht abgedunkelt.
Mit Saina, Samira und Farishta bezog ich einen Raum mit zwei Stockbetten am Ende des Flures. Ich legte Saina unten ins Bett und hielt ihre kleine Hand fest.
„Jasper, danke für alles. Ich weiß nicht wie ich euch allen jemals danken kann.“ „Alles kommt im Leben wieder zurück. Der Notfallplan war allen bekannt und jeder wusste sich darauf einzustellen. Die Plüschtiere und das bisschen Ambiente hast du Frederice zu verdanken, sie kommt heute Vormittag vorbei.“

Es war fast 3 Uhr als ich völlig übermüdet mit Saina im Arm einschlief.

Mein Smartphone riss mich um kurz vor 7 Uhr aus dem Schlaf. „Ich bin mit Opa auf dem Weg zu dir.“ Ohne eine Antwort geben zu können, war das Gespräch auch schon beendet. Meine Tochter macht immer klare Ansagen und eine Diskussion nach dem Warum, Wieso und Weshalb macht sowieso keinen Sinn. Meine Durchsetzungskraft muss sich irgendwie auf wundersame Weise auf sie vererbt haben.

Ein neuer Tag beginnt

Ich hatte mir Militärkasernen immer für Trostlose Gebäude und mit Gemeinschaftsduschen vorgestellt. Hier hatte jeder Schlafraum ein eigenes Bad und mit den drei Blumenstöcke in Form von kleinen Yucca Palmen auf der Fensterbank und dem leicht gelblichen Anstrich, sah dies mehr nach Jugendherberge aus.


Nachdem ich mich geduscht hatte, musste ich Saina die Morgentoilette in Europa erklären. Alles wiederholt sich im Leben, dachte ich mir, als ich Saina duschte, ihr die Haare wusch und ihr richtiges Zähneputzen erklärte.

Samira saß an dem kleinen Tisch in unerer Herberge und studierte einen Schnellhefter mit allen wichtigen Informationen. Alles war in vier Sprachen und sogar bildlich abgedruckt. Welche Faben die Ausweisschilder mit Schlüsselband der Mitarbeiter und Helfer hatten.
– Gelb für Ärzte und Sanitäter
– Rot für das Kriesenintervitions Team und Psychologen
– Grün für Helfer
– Blau für Küchenangestellte

Ein Plan von den Gebäuden, Kantine, Feldküche, Waschräume, Toilette, Erste-Hilfe-Stadion, Treffpunkte und und und war detailliert und farblich aufgeführt.
Alles war durchdacht und organisiert.
Wenn ich an das unorganisierte Chaos in Deutschland im August und September 2015 denke, liegen hier Welten dazwischen.

Wir vier gingen um halb Neun in das Offizierkasino zum Frühstücken.
An einigen Tischen saßen Helfer und Psychologen zusammen. Dank der Umhänger konnte man diese Person leicht erkennen.
Das Frühstück war zu meinem Erstaunen sehr afghanisch geprägt: Eier mit Sucuk (Rohwurst besteht meist aus Rindfleisch, Kalb oder Lamm), Tomaten, Gurken, Oliven und Joghurt, sowie Butter, Honig und Weizenbrötchen. Tee, Wasser und Kaffee gab es natürlich auch.
Der Leutnant von der Nacht kam auf uns zu und bat uns, an einen der schon besetzten Tische mitzukommen.
Wir wurden sehr freundlich begrüßt und es wurde gefragt, ob alles zu unserer Zufriedenheit sei. „Ein Service in einem Hotel könnte nicht besser sein“, sagte ich in die Runde.
Der Leutnant händigte uns weiße Namensschilder aus. So wussten nun alle, wie wir heißen und wer Mitarbeiter in meinem Team ist.

Eine große, sehr elegante Frau betrat das Offizierkasino und kam geradewegs auf mich zu. Frederice Petersen musste ich Samira nicht vorstellen, sie kannten sich schon seit Jahren. Die Umarmung war herzlich und tat mir gut. Frederice ist 12 Jahre älter als ich und eine unglaubliche Schönheit. Ob diese von Natur gegeben ist, oder an dem Knäckebrot liegt, vermag ich nicht zu beurteilen. Frederice hat spanische Vorfahren und ihr südländiches Temperament mit nordischer Gelassenheit ist ein Widerspruch in einer Person. Da die Personen am Tisch diese Frau nicht kannten, stelle ich sie der Gruppe vor. Die Frau von einem der Ranghöchsten Beamten im Land kannten die Personen am Tisch bis dato nicht – oder nur aus den Zeitschriften.

Das Offizierkasino füllte sich langsam mit meinen Freundinnen und Mädchen. Da der Leutnant mir einen ganzen Packen an Umhänger gab, verteilte ich diese an meine Mitarbeiterinnen.

Nach dem Frühstück ging ich mit Samira, Frederice und einigen Helfer und Psychologen in die anderen Gebäude und auch in die Turnhalle, um nach dem rechten zu schauen. Vor der Sporthalle war ein großes Zelt aufgebaut, in dem es das gleiche Frühstück gab wie im Offizierkasino. Da man versuchte die Gruppen gleichzeitig zu versorgen, wurde aus mangel an Platzgründen eben jenes Versorgungszelt aufgebaut.

Die Helfer, Soldaten und Psychologen waren für das Wohl der Mädchen und Frauen sehr bemüht, leider scheiterte vieles an der Sprachbarriere. Wir lernen seit Jahren die Mädchen auch in Englisch in der Schule, bzw. Frauenhäuser. Dies ist aber wie bei allen Kinder – das eine lernt besser als das andere. Zoja hatte Deutsch Studiert, so können einige der Mädchen auch diese Fremdsprache – mal mehr oder weniger gut.
Es gibt ein paar Mädchen und Frauen, die sind mit den Fremdsprachen richtig gut.
Bei denen es nicht so gut geht, wird sich schon irgendwie verständigen. Zuneigung braucht keine Sprache – man spürt diese.

Ein Unteroffizier zeigte uns eine Mobilewaschstation in der 10 Waschmaschinen und 10 Trockner standen. Bei der Flughafenfeuerwehr war ein Raum mit Berge an Kleidung eingerichtet.
Anisia, Lamis und Malika organisierten die Gruppen für die Kleiderkammer. Je 20 Mädchen und Frauen konnten sich neu einkleiden. Ob aus Angst oder Scharmgefühl nahmen sich die Mädchen nur zwei oder drei Teile an neuer Kleidung.
Frederice konnte sich dieses zurückhaltende Verhalten nicht anschauen und kramte eifrig in den Kleiderbergen – die sogar nach Größen sortiert waren, herum und reichte den Mädchen und Frauen jenes T-Shirt, Pulli, Bluse, Hose oder Kleid. „Nein, dies passt nicht zu dir. Hier nimm dies. Passt super zu deinen Augen. Nee, dies steht dir nicht. Hier diese Hose ist perfekt für dich.“
Wie schon geschrieben: südländiches Temperament.
Bis zum späten Nachmittag waren die Mädchen und Frauen neu eingekleidet.

Helfer, Psychologen und Soldaten spielten mit den Kindern. Ob in den Aufenthaltsräumen oder draußen.
Es wurde alles versucht und unternommen, damit keine Hektik entstand. Sanitäter und Ärzte schauten hier und da nach den Kindern und Frauen. Ob bei Mikado, Lotti Karotti, Spitz pass auf oder Mensch ärgere dich nicht.

Die Kinder kamen zur Ruhe, spielten und lachten. Dieses ganze Konzept war durchdacht und strukturiert. Wohlgemerkt, es waren erst 24 Stunden vergangen, als die Entscheidung fiel, dass wir alle Kinder und Frauen auf einmal ausfliegen werden.

Am Nachmittag traf meine Tochter und mein Vater ein. Amira wurde von vielen der älteren Mädchen und Frauen begrüßt. Sie hatten Amira seit vier Jahren nicht mehr gesehen. Amira hatte noch Tahmineh und Yana als Verstärkung mitgemacht.
Beide sind ehemalige Flüchtlingskinder und leben bei uns in Den Haag in der Einrichtung.
Tahmineh stammt aus dem Irak und ist hochintelligent. Sie hatte im Frühjahr 2020 in meinem Büro ihr Abitur geschrieben.
Tahmineh konnte mit viel Anlaufschwierigkeiten – durch Corona, erst dieses Jahr mit dem Studium für Lehramt anfangen.
Die 19-jährige Yana stammt aus Syrien und lernt Erzieherin bei uns in Den Haag.
Mit Amira, Djamila, Marieke, Tahmineh und Yana kommt eine junge und sehr kluge Generation an Erzieherinnen und Lehrerinnen in unsere Einrichtung, die noch vieles verändern werden und auch können.

Amira und Yana sind neben ihrem Beruf als Erzieherin noch im Team der Psychologen, und vielleicht gerade durch ihre Erlebnisse in ihrer Jugend sind sie so etwas wie Vertrauenspersonen für die Kinder und Jugendlichen.
Tahmineh und Yana können zwar kein – oder wenig Dari, bzw. Paschto. Sie können beide gutes Englisch und sind somit auch eine Unterstützung der Helfer. Es gibt bei manchen Dingen zwischen den Kulturen doch so einige Hindernisse und da ist es gut, wenn es genügend Menschen zur Übersetzung, bzw. Kommunikation gibt.

Mit den Frauen aus meinem Team und den fast doppelt so vielen Helfer, herrschte an diesem Nachmittag schon eine angenehme Balance.
Mein Vater verschaffte sich erstmal einen Überblick auf dem Areal. Mit zwei Gefreiten sammelte er Wäsche ein und erklärte Lamis und Linh die Waschmaschinen und deren Programme.
Lamis und Linh kennen meinen Vater nicht und waren sehr verwundert, dass ein Mann aus Afghanistan eine solche Arbeit macht und dazu noch die Handhabung von Waschmaschinen kennt. Es folgte eine längere Diskussion über seine Sicht bei der Gleichstellung von Mann und Frau.

Amira traf sich mit drei Psychologen und vier Helferinnen und gab schon mal die Richtung vor, wie wir (sie) in Den Haag mit den Kindern und Jugendlichen umgehen. Ja ja, meine Tochter fackelt nicht lange.

Ein Gefreiter kam verschüchtert auf mich zu und fragte, ob Ballspielen erlaubt sei.
„Natürlich können meine Mädels Fußball und Volleyball spielen.“
Aus einem anfänglichen gekicke mit ein paar Erwachsenen und Mädchen, wurde ein richtiges Fußballspiel. Nur hatten meine Mädchen dies mit der Mannschaftsstärke nicht so ganz verstanden. Wir waren 10 Erwachsene gegen 50 oder 60 Kinder.
Bei diesem Spiel ist mir nach wenigen Minuten aufgefallen, dass dieses Spiel etwas völlig anderes wahr.
Ich suchte im laufen, rempeln, abwehren und schießen, mit den Augen am Spielfeldrand nach Samira. Ich sah sie bei meinem Vater stehen und sie weinte – sie hatte es auch gemerkt.

Nach einer haushohen Niederlage gegen eine Armee Mädchen saß ich mit meinen Mitspieler, Helfer, Psychologen und Soldaten auf dem Spielfeld und analysierten das Spiel.
Ich stellte die erste Frage. Als Antwort kam der Spaßfaktor, die Bewegung, die Überzahl des Gegners, das gigantische Torverhältnis und und und.
Dies waren alles die falschen Antworten. Amira sagte es: „sie lachten, brüllten und schrieen.“ Genau das war es! Hier waren die Kinder frei und hatten keine Angst mehr.

Unsere Häuser waren in Afghanistan gut versteckt und getarnt. Mal weit abseits von Ortschaften oder sogar mitten in Städte. Wir hatten Tiere, Gärten, Spielplätze und sogar Turnräume. Bei all dem waren die Mädchen immer leise gewesen. Es bestand immer die Gefahr durch Kinderlärm entdeckt zu werden. Hier war keine Gefahr mehr.
Der Gefreite Benjamin hatte mit seiner zögerlichen Idee ein Ventil geöffnet, wofür ich ihm einen dicken Kuss gab.

Eines meiner 6 Frauenhäuser

Nach einem Tag, an dem soviel geschafft wurde, war es für mich Zeit zum aufbrechen. Den Tag über versuchte ich den mir schon angekündigten Termin zu verdrängen. Um 18.30 fuhr eine schwarze Limousine am 1. Wohnblock vor. Ich verabschiedete mich von meinem Vater, Amira und Saina, mit den Worten: „zum Frühstück bin ich wieder da.“

Zu meinem Erstaunen saß Frederice im Fond der Limousine. Jasper auf dem Beifahrersitz und ein Personenschützer steuerte den Mercedes S600.
Unser Ziel war ein geheimes Treffen gute eineinhalb Autostunden entfernt.
Es ist verständlich, dass ich die Unterhaltung im Fahrzeug und auch die Unterhaltung mit einflussreichen Personen an einem geheimen Ort nicht schreiben werde.

Spät am Abend saß ich mit Frederice und Jasper bei einem Wein in ihrem  Wohnzimmer. Frederice sprach, wie auch schon auf der Fahrt, den Gedanken an, eines der Mädchen zu adoptieren. In all den Jahren hatte ich mir darüber keine Gedanken gemacht und weiß gar nicht, wie ich dies entscheiden könnte. Natürlich wäre es für eines der Mädchen der wohl größte Glücksgriff in dessen Leben. Nur welches Mädchen sollte es sein? Das schönste, klügste oder jüngste? Das mit den „wenigsten“ seelischen Schmerzen?

Ich kenne Frederice und Jasper nun schon 14 Jahren und weiß, dass beide diesen Wunsch nicht auf dem Weg zum Einkaufen beschlossen haben. „Wie stehen Jette und Liva dazu?“ Fragte ich sie. Jette ist Anfang 30 und Liva so alt wie Amira, also 26 Jahre. „Die Kinder sind groß und stehen zu unsere Entscheidung“ , war die Antwort von Frederice.
Ich wollte und konnte an diesem Abend keine Entscheidung treffen. Dies müssen sowieso andere. Wobei wohl kaum ein Jugendamt Mitarbeiter die Lebensverhältnisse und Kontoauszüge der Petersens in Frage stellen würde.

Diese Nacht fand ich schwer in den Schlaf. Mir gingen tausend Dinge im Kopf herum. Warum bekomme immer ich solche Klötze vor die Füße geworfen? Es gibt viele Prominente, die Kinder aus sehr armen Verhältnisse adoptiert haben. Muss ich nun Nicole Kidman, Angelina Jolie oder Diane Keaton anrufen und fragen: „Hey, Mädels, wie läuft es bei euch mit euren Adoptivkinder?“

Mittwoch 18. August

Am späten Vormittag kam ich mit dem Staatsminister und dessen Frau auf dem Luftwaffenstützpunkt an. Wir drei machten einen großen Rundgang über das Areal und sahen, dass alles super lief. Es war eine Mischung von einem sehr großen Familienfest oder einer kleinen Dorfkirmes – nur dass es für den Fortbestand für diese Kirmes noch sehr sehr viele Gespräche geben wird.

Nach dem Mittagessen war eine Sitzung in dem großen Raum unterhalb des Tower mit wichtigen Menschen aus Politik, Justiz und Militär angesetzt. Da Janina, Samira und Zoja mit zu den Gründungsmitglieder der Stiftung zählen waren sie selbstverständlich bei diesem Treffen dabei. So auch mein Bodyguard. Denn er war aktiv bei diesem Einsatz dabei gewesen.

Meine Angst, dass ich als Menschenschlepperin angeklagt werden könnte, wurde am Vorabend schon ausgeschlossen. Bei dem neuerlichen Treffen wurde dies angesprochen und auch nach der Rechtslage von Staatsanwälten erörtert. Da man mir keine Bandenmäßige Aktivität in Menschenhandel vorwerfen könne – weil ich aus einer Notlage heraus gehandelt habe, würde die Staatsanwaltschaft auf eine Anklagen verzichten.
Mir fiel ein Stein vom Herzen als dies von einem Mitarbeiter aus dem Justizministerium unterschrieben wurde.

Der nächste Punkt war, dass es für Farishta, Sahrisa und Saina keine Dokumente ihrer Geburt gab. In diesem drei Fällen würde die seit 2019 bestehende EU-Apostillen-Verordnung in einem Fachgremium beraten werden, wie man diesen Kinder helfen könnte. Da eine Beschaffung der original Dokumente zur Zeit – und auch in absehbarer Zeit nicht möglich wäre. Da Farishta bei Samira bleiben werde und diese auch schon eine Adoption beantragt habe, würde es von Seiten des Sozial- und Innenministerium keine Bedenken geben. Gleiches würde auch bei Janina und Sahrisa zutreffen.
Samira und Janina haben einen genehmigten Asylantrag für die Niederlande, da ich beide gerne in meiner Nähe hätte und sie beide auch eine Kapazität in juristischen Angelegenheiten sind. Nun bleibt zu klären, wie die Niederlande mit den beiden Kinder verfahren wird. Natürlich laufen hierfür seit gestern Gespräche mit den Behörden und Ministerien in den Niederlanden.
Es kam wie es kommen musste: es wurde auch Saina angesprochen. Sehr viele Blicke in dem Raum fielen auf mich. Ich erkläre die Situation mit Lenara und dass ich mich zur Zeit nicht in der Lage sehe, ein weiteres Kind anzunehmen. Ich aber sicher sei, dass es für sie eine akzeptabele Lösung gäbe.

Nun kam der Militäreinsatz zur Sprache.
Der Gruppe wurde zuerst die Lage im Flugzeug – also in Termez, anhand den Aufzeichnungen der Satellitenbilder und Einsatzplan erklärt und gezeigt. Dann folgten Videos der Body-Cam’s der Soldaten, bzw. die Aufnahmen von Steen aus dem Flugzeug. Ich sah erneut, wie quasi live mehrere Männer gezielt getötet wurden. Mit leichtem Blick durch die Gruppe sah ich bei einigen Frauen und Männern geschockte Blicke, wenn ein 12,7 Millimeter Geschoss in einen Körper einschlug. Für mich waren diese Bilder nicht grausam, furchtbar oder schlimm. Es wurden Taliban Kämpfer aus bis zu 1100 Metern Entfernung erschossen – nicht mehr und nicht weniger. Meine Freundinnen und ich sahen auf den Bildschirmen eine Genugtuung, Befriedung oder Gerechtigkeit. Kein Mitleid oder Mitgefühl über den Tod von diesen Terroristen.

Ich weiß nicht ob man – oder ich, durch all die Jahre an Krieg und Terror abgestumpft ist oder ob der persönliche Hass gegen diesen Abschaum der Menschheit eine kleine Erlösung an Wiedergutmachung der Narben auf der Seele ist. Mir bereiten solche Bilder – wenn das Blut aus dem Körper spritzt, keine schlaflosen Nächte.

Durch die doch sehr große Entfernung könne man keine biometrische Abgliche mit Datenbanken von anderen Geheimdiensten machen. Ich glaube es ist auch nicht gewünscht, denn niemand weiß – und sollte auch schon gar nicht wissen, dass wir in Afghanistan waren.

Großes Lob gab es bei der Evakuierung selbst. Da diese sehr zügig verlief. Auch wurde das disziplinierte Verhalten der Mädchen und Frauen sehr gelobt und auch das Paarweise laufen zum Flugzeug bekam großen Zuspruch. Bei vielen Punkten in diesem Notfallplan war maßgeblich mein Bodyguard beteiligt.
Auch ihm wurde für die absolut richtige Entscheidung, bei der schnellen Planung, Organisation und Evakuierung vor Ort gedankt.

Nach über sieben Stunden Beratung und Analyse wurde von Ranghohen Beamten aus verschiedenen Ministerien dies als geheimer Anti-Terror Einsatz Einstimmig abgehackt. Der seit 6 Jahren bestehende Notfallplan kam zu den Akten und somit war der Fall abgeschlossen.

„Und die See gibt ihnen neue Hoffnung, wie die Nacht ihnen neue Träume bringt.“

Ich wollte an diesem Abend alleine sein – was bei über 600 Personen auf einem Luftwaffenstützpunkt nicht gerade leichte ist. Ich fuhr mit dem Auto meiner Tochter von Stützpunkt und fuhr planlos in der Gegend herum. Nach einiger Zeit war ich an der See. Es wurde langsam dunkel, als ich am Strand saß. Tausend Fragen und Sorgen gingen mir durch den Kopf.
In Afghanistan war es nun fast Mitternacht und ich las erschütternde Mails auf meinem Smartphone. Hilfeschreie von Freundinnen und Hiobsbotschaften von befreundeten Journalisten. Was kann ich dagegen tun?
297 Mädchen und Frauen habe ich gerettet. Was ist dies für eine geringe Zahl in anbetracht von tausenden deren Leben, die in diesem Moment gefährdet sind?

Ich hatte viele Jahre Polizisten, Beamten und Soldaten vertraut und nun ist alles zerstört – das Vertrauen sowieso. Wie konnte es so weit kommen, dass sich Soldaten kampflos den Terroristen ergeben hatten? Sie sind trotzdem der Feind der Taliban. Jeder der sich in den letzten 20 Jahren gegen die Taliban stellte, ist nun in Lebensgefahr. Ranghohe Polizisten sind mit ihren Familien untergetaucht. Soldaten verbrannten ihre Uniformen, damit die Taliban sie nicht ermordet.
In Afghanistan herrscht Anarchie und die Welt zuckt mit den Schultern.

„Und die See gibt ihnen neue Hoffnung, wie die Nacht ihnen neue Träume bringt“, sagte einst Christoph Kolumbus. Die Nacht bringt seit Jahrzehnten Alpträume und die neue Hoffnung ist vor wenigen Tagen gestorben.

Ich bin nun 41 Jahre alt und sehe mein Geburtsland das zweimal ins Chaos stürzen und kann nichts dagegen tun. Fanatische Muslime erklärten der westlichen Welt den Krieg. Wer Mohammed beleidigt, beleidigt knapp 3 Milliarden Muslime. So? Warum bringen Muslime andere Muslime um? Warum kommen muslimische Länder nicht an die Weltspitze von Technologien, Bildung und Frieden? Warum haben Männer in den muslimischen Länder eine solche Angst vor Frauen? Eure Mutter ist auch eine Frau!

Mittwoch 19. August
Happy Birthday mein Engel

Der Morgen erwachte, wie die Nacht begann – mit Sorgen.
Ich wurde im oben Bett von dem Stockbett wach und hörte meine Tochter im Bett unter mir. Sie sprach leise mit Saina über Europa. Alles wiederholt sich im Leben dachte ich bei mir.

„Guten Morgen mein Engel. Ich wünsche dir alles gute zu deinem Geburtstag“, sagte ich, als ich die Leiter von meinem Bett herunter kam. Ich nahm Amira in den Arm und drückte sie fest an mich. Wir beide wissen, dass der heutige Tag nicht ihr Geburtstag ist. Vor 14 Jahren wählte ich für sie diesen Tag, weil es der Unabhängigkeitstag von Afghanistan ist. Nach 14 Jahren steht der heutige Tag in Afghanistan nicht mehr für Unabhängigkeit. Amira sagte mir ihr Geburtstagswunsch. Ich hatte mir so etwas schon gedacht. Ich erkläre ihr die Rechtslage in den Niederlanden und ich nicht wisse, ob ich zur Zeit eine gute Mutter sein kann.

Meinen Eltern war der Geburtstagswunsch von Amira bekannt und beide waren natürlich auf der Seite ihrer Enkelin. Also machte es keinen Sinn, mit ihnen zu diskutieren. Mein Herz würde sofort dieses schöne kleine Mädchen mit nach Hause nehmen um ihm ein Elternhaus zu geben, wie es dies in Afghanistan niemals möglich wäre. Mein Verstand sagt mir, dass ich mehr als genug Probleme mit Lenara, mit der Einrichtung in Den Haag und der jetzigen Situation vor Ort habe.

Die alltägliche Besprechung stand nach dem Frühstück an. Es mussten Lösungen für die Menschen auf dem Luftwaffenstützpunkt gefunden werden.
Für 14 Mädchen und Frauen und drei Freundinnen aus meinem Team wird die neue Heimat die Niederlande sein. Dies war auch so geplant und auch organisiert.
Zwei von drei Kleinkinder sind schon bei den Behörden in Den Haag gemeldet. Auch liegen für meine drei Mitarbeiterinnen unbefristete Arbeitsverträge den Behörden vor.
Für 180 Personen waren vor eineinhalb Jahren schon Aufenthaltsanträge für ein Europäisches Land angefertigt worden und auch soweit bewilligt.
Der Knackpunkt sind nun aktuell 100 Menschen deren Asyl- und Aufenthaltensrecht für Australien genehmigt wurden, und die jetzt Notgedrungen in Europa gestrandet sind. Der letze Punkt ist der Verbleib von Saina.

Auch wenn der Notfallplan seit 6 Jahren bekannt war, muss man nun auf die Schnelle Unterkünfte für diese Mädchen und Frauen finden. Dies muss auch sozialökologisch vertretbar sein. Auch müssen Gebäude gefunden werden, wo man die Kinder unterrichten kann. An staatlichen Schulen ist zur Zeit nicht zu denken, denn die Mädchen müssten in der ersten Klasse Grundschule anfangen.
Auch wenn dies Mädchen im pubertierenden Alter – oder älter sind, kann man sie nicht in die Klassen der Altersstufen stecken.
Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man 180 oder 280 Mädchen und Frauen regional unterbringt oder im ganzen Land verstreut.
Der australische Botschafter, Damien Miller, ist zur Zeit in Oslo und wurde schon am Montag über den Fall informiert. Die Botschaft würde sich zeitnah – was auch immer dies heißen mag, darum kümmern.

Via Internet wurde auch mit dem Stiftungsrat die Idee besprochen eine gleichwertig Einrichtung, wie in Den Haag, aufzubauen. Selbst wenn man morgen solche Gebäude finden würde, braucht es für den Umbau mindestens zwei Jahre.

Nach wieder vielen Stunden der Diskussion und Organisation rauchte mir der Kopf. Auch wenn bei diesem Meeting über 50 Personen anwesend waren, wurde bei fast allen Punkten nach meiner Meinung gefragt. Schlussendlich sah ich für die Zukunft nur eine Lösung: das gleiche Prinzip wie in Afghanistan, bzw. in den Niederlande noch einmal aufzubauen.
Für eine Übergangslösung hatte auch ich keinen Rat. Also stand alles wieder auf Anfang.

Am Abend fuhr Marcel, mein Papa, Amira und ich in ein spanisches Restaurant. In all diesem Chaos wollte ich mit meiner Tochter wenigstens etwas Geburtstag feiern.

Donnerstag 20. August

Um kurz nach 7 Uhr klopfte Marcel an die Tür von unserem Schlafraum. Er hatte sich über das Internet schon einige Immobilien ausgesucht, die für uns in Frage kommen würden. Auch er favorisierte die Lösung mit dem Aufbau von Heimen für die Mädchen und Frauen. Er zeigte Amira, Samira und mir die Fotos von einem Landwirtschaftliche Betrieb, ein Pferdehof, ein ehemaliges Landschulheim, ein Gewerbegebiet, ein Haus mit einer großen Künstlerwerkstatt und sogar ein Museum.

Marcel war für den ersten Neubau in Afghanistan maßgeblich beteiligt und wenn er sich Gedanken machte, waren diese auch nicht aus der Luft gegriffen oder gar utopisch. Damals ging es um ein Gelände, welches maximalen Schutz bieten würde, abgelegen und trotzdem gut erreichbar war. Mein erstes Frauenhaus plante und zeichnete eine US-Major.
Mir tut es im Herz weh, nicht zu wissen, was nun mit diesem Gebäude geschieht. Wohnen Taliban Kämpfer in dem Haus oder haben sie es in ihrem Wahn schon gesprengt?
Nun ist eine ganz andere Situation. Wir müssen für eine bekannte Zahl an Menschen dauerhafte Unterkünfte beschaffen. Angenommen es bleibt bei „nur“ 180 Mädchen und Frauen, bräuchte es mindestens drei Gebäude – vier wären besser.
Ich sah die Preise, für die Gebäude, die Marcel ausgewählt hatte und fragte, welche Währung dies sein. „Euro“ war die Antwort. „Ein Haus mit 643 Quadratmetern Wohnfläche kostet die Hälfte von meinem Haus in der Nähe von Den Haag? Ein Pferdehof für eine Million Euro mit einem Grundstück von 30.000 Quadratmetern? Kann ich kaum glauben?“ „Wir haben immer noch eine Pandemie und zur Zeit sind die Zinsen sehr niedrig. Und mal ehrlich, wer würde in der jetzigen Zeit einen Pferdehof kaufen?“
Marcel hatte selbstverständlich auch schon mehrer Seiten der KfW Bank ausgesruckt, wo Förderprogramme für energieeffizientes Bauen und Modernisieren aufgeführt waren. Und darüber hinaus die Kreditnehmer profitieren würden und sogar einen Teil der Schuld erlassen bekommen.
Marcel ist nicht nur ein hervorragender Bodyguard, er ist auch unglaublich klug und kann wahnsinnig schnell denken.

Samira und ich können eine solche Lösung nicht alleine entscheiden. Natürlich hatte Marcel schon seine Idee auch den anderen Mitgliedern aus dem Stiftungsrat mitgeteilt.
Durch die Zeitverschiebung kam aus Australien schon ein positives Signal. In den USA war es noch zu früh um ein Feedback zu bekommen.

Nach dem Frühstück stand das nächste Meeting an, bei dem die Idee von Marcel in der Runde von Beamten, meinem kompletten Team und dem Stiftungsrat – zum Teil via Internet, diskutiert wurde. Eine Summe 6 Millionen Euro stand im Raum.

Eine Mitarbeiterin aus dem Innenministerium sagte, dass für eine
Übgangslösung eine ältere Liegenschaft vom Heer in Betracht gezogen werden könnte. Diese könnte bereits Mitte bis Ende September bezogen werden.
Am Ende der Stundenlangen Ausarbeitung wurde das nächste Meeting für diesen Punkt auf Montag verlegt.

Freitag, 21. August

Saina schlief in meinem Arm ein und ich müsste mich auch irgendwann entscheiden. Kann ich überhaupt diesem Kind eine gute Mutter sein wenn in – was ich hoffe, einem Jahr Lenara aus dem Krankenhaus kommt? Meine Eltern leben seit Frühjahr dauerhaft in meinem Haus und ich weiß, dass sie alles nur erdenkliche für Saina tun werden. Problem war der Platz in meinem Haus. Ich kaufte dieses Haus, um ein Behindertengerechtes Zimmer und Bad für Lenara zu haben. Nun müsste aus meinem Arbeitszimmer ein Kinderzimmer werden. Dies wäre nach Aussage von meinem Vater natürlich das kleinste Problem.

Am Abend sprach ich lange mit meiner Mutter und einen Satz hat sich mir ins Gedächtnis gebrannt. „Nila, ich kenne dich so gar nicht! Bist du so rational im Denken geworden?“ Bin ich dies? Habe ich mich in der letzten Zeit so verändert? Wenn ja, was hab mich verändert?

Ich sah bei dem wenigen Licht, dass von draußen durch den Vorhang schien, nach links zu Samira und Farishta. Farishta lag eng im Arm von Samira und beide sahen so friedlich aus.
Farishta wird eine unglaublich intelligente und taffe Mutter bekommen. Mit aller Wahrscheinlichkeit würde Farishta Jura studieren und in die gleiche Richtung wie ihre Mutter gehen. Wir Erwachsene sind der Spiegel der Kinder.

Nach dem aufstehen kümmerte sich Amira sehr fürsorglichen um Saina. Die Morgentoilette wurde für Saina in den wenigen Tagen selbstverständlich. Saina hatte ein sehr gutes Vertrauen zu Amira bekommen. Amira kann definitiv mit Kinder umgehen. Sie wäre die perfekte Schwester.

Mit Marcel und meinen Vater ging ich auf dem Sportgelände joggen und sprach meine Entscheidung bezüglich Saina an. Wie zu erwarten war, waren beide mit meiner Entscheidung einverstanden. Marcel werde selbstverständlich die Patenschaft übernehmen. Mein Vater hatte Tränen in den Augen. Also musste nun auch das Familienministerium in den Niederlande über meinen Entschluss informiert werden. Da mein Name und Arbeit durch Lenara dem Ministerium bekannt ist, wird dies wohl die kleinst Hürde in der Europäischen Bürokratie und Rechtslage sein.

Am Vormittag rief ich einen befreundeten Staatsanwalt an und teilte ihm meinen Entschluss mit. Er würde sich um alles weitere kümmern, wenn ich ihm alle bis jetzt bekannte Daten und Informationen über Saina schicken würde.
Auf seinen Rat hin, sollte ich auch das Familienministerium informieren, nicht das sich ein paar Beamte übergagen fühlen und sich quer stellen.
Ich rief die Leiterin der Fachabteilung in Den Haag an und teilte ihr meine Entscheidung mit. Ihr schickte ich den gleichen Inhalt als Mail, wie wenige Minuten zuvor an den Staatsanwalt.

Am Nachmittag bekamen wir Besuch von einem Imam aus der Hauptstadt, der dort ein Islamik Center leitet. Die Teamleiterinnen von mir waren bei diesem Gespräch dabei. Da nicht nur ich mit dem Islam auf Kriegsfuß stehe, musste ich dem Imam, Waseem Hussain, erstmal meine Haltung gegenüber dieser Religion erklären. Zu meinem Erstaunen sah Hussain dies ein und versicherte uns, dass an seiner Moschee ein solcher Glauben nicht gewünscht und schon gar nicht gefördert wird. Alles, bis auf das Gebet, würde in der Landessprache gesprochen.
„Schau Nila, vor vielen Jahren haben sie gesagt: Lernt die Sprache, dann gehört Ihr zu uns. Also haben die Leute begonnen, die Sprache zu lernen. Dann haben sie gesagt: Nein, Ihr braucht erst Arbeit. Also haben sich die Leute Arbeit gesucht. Dann hieß es: Nein, Ihr braucht auch eine gute Ausbildung. Also jedes Mal, wenn die Leute die Bedingungen erfüllt haben, um sich zu integrieren, haben sie die Bedingungen geändert. Dies ist ein Problem der Muslime in Europa.“

Ich sagte ihm wie wir in Den Haag dies handhaben. Natürlich sind die meisten Kinder – und junge Erwachsene Muslime. Wir haben aber auch Kinder andere Konfessionen in der Einrichtung und halten an einem Ökumenischen Gottesdienst fest. Auch müssen die Mädchen keinen Hijab tragen, denn da berufe ich mich auf die Sure 2 Vers 256. In dem es heißt: Es gibt keinen Zwang in der Religion. Oder in Sure 33, Vers 59 heißt es: Frauen sollten in der Öffentlichkeit „etwas von ihrem Überwurf“ über sich ziehen. Es wird aber nicht geschrieben, welcher Teile des Körpers verdeckt werden soll und ob dies auch die Haare betrifft. Also steht es den Mädchen und Frau frei, wie sie sich kleiden.

Ava, Janina, Samira und Zoja sagten, wie sie es in Afghanistan in den letzten Jahre hielten. Lediglich bei Aufenthalten außerhalb der Häuser, kleideten sich die Mädchen und Frauen nach der Islamischen Kleiderordnung. Janina lehnte kategorisch eine vorgegebene Kleiderordnug für die Mädchen und Frauen ab. Gerade in Europa sei es ohnehin für Muslime schwierig, was ja auch Waseem Hussain bestätigte. Ein Stück Stoff kann und darf nicht über einen Glauben bestimmen.
Ich merke, dass die Versuche von Hussain den Islam zu rechtfertigen bei modern denkenden Frauen auf mehr Widerstand traf, als er es sich vielleicht im Vorfeld dachte.
Er würde uns gerne zu einem Besuch in der Moschee einladen und auch beim nächsten Freitagsgebet unsere Situation ansprechen und um Spenden für uns bitten. Dieser Punkt traf bei Samira voll ins Schwarze. „Wir haben 14 Jahre ohne Spenden von Religiösen Einrichtungen gelebt, und werden dies auch in Zukunft so handhaben.“
Samira ist in ihrem Beruf als Anwältin ein Ausnahmetalent, in der Zwischenmenschlichen Beziehung fehlt ihr oft die Kontenance. Zoja griff sofort ein und würde sich auf einen Besuch der Moschee freuen, um zu sehen, wie er in Europa den Islam predigt.

Samstag, 22  August

Um den Kinder und Frauen das Land zu zeigen, in dem sie sich zur Zeit befinden, wurde eine Bustour mit 6 Bussen organisiert. Drei der Busse waren Doppestockbusse. Natürlich wollten viel Kinder oben an der Frontscheibe sitzen.
Amira, mein Vater und ich teilten uns in drei Busse auf und machten die Reiseführer. Da auch Janina, Samira und Zoja hin und wieder in Europa waren, konnten auch sie einiges in den anderen drei Bussen erzählen.

Unser Ziel war das Meer. Da ich mit dem Rücken in Fahrtrichtung stand, konnte ich die Mädchen und Frauen im Untergeschoss von dem Bus beobachten, wie sie sich die Landschaft, Dörfer und Städte anschauten.
So ähnlich nahm ich 1990 auch Deutschland war. Ich kann mich an so vieles erinnern, was ich damals links und rechts der Autobahn oder in und um Stuttgart sah.

An unserem Ziel angekommen, war für alle der Blick auf die See überwältigend. Sand wurde in den Händen gerieben und dieser fühlte sich so ganz anders an, als in Afghanistan.
„Und die See gibt ihnen neue Hoffnung, wie die Nacht ihnen neue Träume bringt“ , sagte ich im Arm von meinem Vater und hatte Tränen in den Augen. Wortlos gab mein Vater mir einen Kuss. Wir beide verstehen uns ohne viele Worte.

Es gingen 300 Menschen an einem Stand in einem Fremden Land spazieren und alle hatten eine Flucht hinter sich.
Als Betreuer der Gruppen fuhren einige Helfer und auch Psychologen mit. Frederice und Jasper waren auch dabei. Ich sprach zu den Psychologen, dass sie jegliche Art von Therapien machen können, wenn die Basis nicht gebaut ist, wird es kaum Erfolge geben. Hier an diesem Strand erlebeten die Mädchen und Frauen Ruhe, Sicherheit und Freiheit. Dies ist die Basis um ein normales Leben – irgendwann, führen zu können. Es braucht Jahre – wenn nicht gar Jahrzehnte bis die Narben auf der Seele verheilt sind.

Abschalten bei einem guten Wein

Nach einem herrlichen Tag am Meer, saß ich mit Amira, meinem Vater, Marcel, fast allen Frauen aus meinem Team, Frederice und Jasper, einigen Helferinnen und zwei Psychologinnen im Offizierkasino bei Wein, Käse und Oliven.
Samira erzählte Smilla und Mille, die beiden Psychologinnen und den anderen in der Runde, welche Traumata die meisten Mädchen und Frauen haben. Wie zu erwarten, konnten sie sich dies nur im Ansatz vorstellen. Dunya, Janina, Lamis und Linh zeigten einige Fotos aus ihren Dokumentationen aus den anderen Häusern von uns.
Die Helferinnen und Psychologinnen gaben seit Dienstagnacht ihr Bestes, um zu helfen und zu unterstützen. Für diese Leistungen muss ich auch mal ein ganz großes Dankeschön aussprechen.

Sonntag, 23. August

Um 10.30 Uhr trafen sich alle 297 Personen in einem Flugzeughangar, um die vergangene Woche zu analysieren und auch alle auf den neusten Stand zu bringen.
Uns in der Leitung ist es wichtig, dass wir Transparenz zeigen – oder auch Dinge besprechen, die verbessert werden könnten.
Samira gab einen kurzen Abriss der letzten Tage und was wie geplant oder schon in den Vorbereitungen sei.
Die älteren Mädchen und junge Frauen, die keine Mitarbeiterinnen von uns sind, fühlen sich gelangweilt. Sie wollen helfen – etwas tun und arbeiten.
Die jüngeren Mädchen fanden alles prima, möchten aber gerne weiter lernen.

Nach dem Mittagessen trafen wir uns in der Kommandantur um über die Wünsche der Mädchen und Frauen zu beraten.
Dunja gab eine Liste heraus, auf der die Arbeit und Tätigkeiten der Frauen standen, die in Afghanistan für den Betriebsablauf der Häuser zuständig waren. Den Köchen und Küchenpersonal wäre eine Unterstützung sehr recht. Denn auch sie kamen nach einer Woche bei so vielen unbekannten Mahlzeiten an ihre Grenzen. 27 Frauen wurden so schon von der Liste gestrichen.
Lamis würde 10 Frauen für die Wäscherei abstellen. Nochmals 10 Namen auf der Liste weniger.
37 junge Frauen von 145 war zwar ein Lichtblick, aber nicht befriedigend. Ein Leutnant hatte die Idee, dass man den anderen Frauen doch einen Sprachkurs anbieten könnte. Wie? Wer sollte dies tun? Es müsste jemand sein, der die Landessprache und Paschto kann.
Blöder Einfall. Wurde dem Leutnant dann auch bewusst. Er meinte es ja nur gut.
Frederice sagte frei heraus was sie dachte, „Die Botschaft von Afghanistan soll sich mal bewegen.“ Ihr Mann schüttelte energisch den Kopf, „Nicht gut! Gar nicht gut! Die brauchen nicht zu wissen wo wir am Montag waren.“ Marcel blies vor Erleichterung hörbar die Luft aus.
Der Leutnant brachte einen neuen Gedanken in die Runde. Er würde die Standortverwaltung fragen, ob sie nicht eine Verwendung für ein paar Frauen hätte.
Dies wäre mal wieder ein kleiner Schritt für ein paar Frauen zu beschäftigen.
Dieser Vorschlag brachte auch große Zustimmung.
Samira sah mich denken und wusste es, ohne das ich es aussprach. „Dann ruf an und frag ihn.“ Ich rief Waseem Hussain an und fragte ihn, ob in seiner Moschee auch Männer oder Frauen aus Afghanistan wären. Acht Frauen und neun Männer wären aus Afghanistan in seiner Gemeinde. Ich sagte ihm, vor welchem Problem wir aktuell standen und ob es eventuell zwei oder drei Personen gäbe, die sich als Lehrer_innen für einen Sprachkurs zur Verfügung stellen würden.
Er würde mich zurück rufen.

Ein zivilangestellter der Standortverwaltung kam kurze Zeit später in den Raum und meinte, dass es durchaus einige Arbeiten für die Frauen gäbe. Die Wohnblöcke und Turnhalle könnten einige Frauen sauber halten. Er drückte sich sehr gepflegt aus, denn er wollte diese Arbeiten nicht herabstufen. Er könnte sich diese Aufgabe für 20 Frauen vorstellen.  5 Pro Wohnblock und 5 für die Turnhalle.
Wäre besser als gar nichts. Also konnten wir nochmals 20 Frauen von der Liste abziehen.
Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen.

Bei allem Denken und Überlegen fiel sonst niemand mehr etwas ein.

Am frühen Abend rief Waseem Hussain an und sagte, dass er zwei Frauen hätte, die in Afghanistan Lehrerinnen waren, aber seit Jahren nicht mehr in dem Beruf gearbeitet hätten, weil sie in Europa keine Zulassung für ihr Studium und Beruf bekamen. Er gab mir deren Handynummern und ich rief sofort an.

Maryam Rawan, ist mit ihrem Mann vor 7 Jahren aus Afghanistan geflohen. Bei einem Anschlag der Taliban wurde vor 9 Jahren ihrer Tochter getötet. Sie konnte nicht mehr in Afghanistan bleiben. Zu groß war der Schmerz, die Angst und Trauer. Sie würde uns sehr gerne helfen, so hätte sie endlich eine Aufgabe. Sie würde morgen schon vorbeikommen. Auch hätte sie mit Zeina Karimi gesprochen und auch sie würde helfen. Zeina stand auch auf meinem Zettel. Janina und Samira hörten bei dem Gespräch mit uns sagten, „wir kommen heute schon zu euch.“

Mit dem schnellen Auto meiner Tochter fuhr ich die 120 Kilometer zu Maryam in einer dreiviertel Stunde.
Zu unserem Erstaunen sahen wir, dass Maryam in unserem Alter war. Zeina war 49 Jahre alt. Sie kam kurz vor uns am Haus von Maryam an. Es gab eine kurze Vorstellung und wir waren von der ersten Sekunde auf einer Linie.
Bei Tee und Qabuli Palau (Reis mit Lammfleisch und Rosinen) schilderten wir unser Problem. Dies war sehr schnell besprochen und wir hatten zwei Lehrerinnen im neuen Team.
Maryams Mann, Rahimi, sei Architekt mit einem kleinen Büro und zwei Angestellten. Als er dies beim Essen sagte, fiel Janina die Gabel aus der Hand. Ich konnte gar nicht so schnell denken, wie Janina sprach. Ich rief Marcel an, er sollte mir seine Fotos von den Gebäuden schicken, die er ausgesucht hatte. Rahimi stand völlig auf dem Schluch und wusste gar nicht um was es ging. Es dauerte eine Zeit, bis er verstanden hatte, warum wir alle in diesem Land sind. Die Fotos von Marcel klären auf, was unser nächstes Problem war.

Nach dem Essen wurde sehr viel persönliches geredet und unser erster Eindruck passte auf die drei immer mehr. Es flossen so einige Tränen an dem was sie in Afghanistan erlebt hatten. Es gibt wohl kaum eine Familie in Afghanistan oder im Exil, die von Krieg und Terror verschont wurde.

Rahimi kam gegen Mitternacht zu uns Frauen und sagte, welche Gebäude er als Optionen sehen würde. Das Landschulheim, das Haus mit der großen Künstlerwerkstatt und der Pferdehof.
Der ehemalige Landwirtschaftliche Betrieb hätte ein schönes und großes Haus, Scheune und Viehstall. Aber die Umbauarbeiten von einem Viehstall in ein Wohnblock würden in keiner Relation stehen. Ich sagte ihm, dass ein Pferdestall auch umgebaut werden müsste. „Richtig. Dieses ganze Anwesen ist jetzt 15 Jahre alt. Was ich auf den Fotos sehe, ist dies alles sehr hochwertig und gepflegt.“ Hochwertige ist auch der Kaufpreis von einer Million Euro. „Das Haus hat schon 10 Zimmer auf 360 Quadratmetern Wohnfläche und ein Grundstück von 30.000 Quadratmetern. Man könnte dieses Land verpachten oder bebauen. Lasst uns die Gebäude anschauen, dann kann man immer noch entscheiden.“
Da Rahimi im Internet die Grundpläne der Gebäude fand, hatte er Notizen und Skizzen beigefügt, wie er es sich vorstelle. Das Noch-Museum und der Gewerbebetrieb waren sehr groß und recht Preiswert. Allerdings waren bei beiden Gebäude die Decken sehr hoch und um dort Zwischendecken einzuziehen, sah er als utopisch an. Machbar schon – aber viel zu teuer. Na gut – er ist der Fachmann.
Rahimi würde sich um eine Zeitnahe Ortsbesichtigung kümmern.

Montag, 24. August

Wie schon am Donnerstag besprochen wurde, war heute das nächste Meeting bezüglich einer Übergangslösung für die Mädchen und Frauen. Bis zum Nachmittag konnten wir in einem kleinen Team schon die Punkte sammeln, die wir bis dato wussten.

Um kurz nach 8 Uhr trafen Maryam und Zeina auf dem Militärstützpunkt ein. Sie brannten regelrecht danach loslegen zu können.
Also ging Samira und ich mit ihnen zur Kommandantur, um nach Räumen zu fragen, die wir als Klassenzimmer benutzen können.
In jedem Wohnblock war ein Schulungsraum, bei der Feuerwehr konnten wir einen Raum bekommen. Vier Räume! Wie sollte man so viele Mädchen und Frauen in diese vier Räumen packen?
Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen.

Die Sporthalle konnte nicht genutzt werden, da diese am Montag als Schlafunterkunft Zweckentfremdet wurde.
Schlussendlich fanden wir noch drei Räume in den Garagen der Standortverwaltung. Mit diesen 7 Räumen konnte man arbeiten -‚wenn man Material hätte. In den drei Schulungsräume und bei der Feuerwehr waren Tische, Stühle, Tafeln und sogar Multimedia vorhanden.
Tische und Stühle wären für die drei Garagen kein Problem.
Ich rief Frederice an und schilderte das nächste Problem: Tafeln, Hefte und Stifte. Sie würde sich sofort darum kümmern.

Im Offizierkasino war mein komplettes Team versammelt. Da Anisia und Soma in Gardez schon für den gesamten Betriebsablauf zuständig waren, hatten sie auch hier alle Personenbezogene Punkte unter sich. Sie wussten wer in der Küche arbeitet oder für die Wäscherei zuständig ist. Beide hatten seit Mittwoch auch ein eigenes Büro. So konnten beide in wenigen Minuten einen Plan für alle Klassen, Räume und Lehrerinnen erstellen.
Ein Leutnant aus der Kommandantur konnte diese professionelle Geschwindigkeit von Anisia und Soma gar nicht glauben.

Nach dem Plan von Anisia und Soma wurden alle Mädchen und Frauen auf die Räume aufgeteilt. Im Team wurde besprochen, dass wir Englisch, Mathematik, ein freiwählbares Fach der Lehrerinnen: wie etwa Geografie, und eben den Sprachkurs abhalten werden. Der Einfachheit halber werden die Lehrerinnen die Klassenräume wechseln.
Auf dem Luftwaffenstützpunkt war ein gewusel wie in einem Bienenstock. Es wurden geräumt, Tische hin und her geschoben und Stühle zusammen getragen.

Samira, ich und der Major vom Stützpunkt sahen diesem Treiben aus dem Fenster von unserem Schlafraum zu. Mittlerweile war dieser Raum auch unser Büro und Besprechungsraum geworden.
Zoja ist die Chefin der Finanzen und war mit Marcel, Frank aus den USA und Erik aus den Niederlande via Skype an einer Ausarbeitung über ein Finanzierungskonzert beschäftigt.

Der Major zog einen Stuhl heran und setzte sich in der Runde dazu. Ihm war es nicht recht, dass Kinder in einer Garage unterrichtet würden. Ich zeigte ihm Fotos von Schulen in Afghanistan, wo die Wände zerschossen waren. Fenster mit Folie notdürftig repariert und es keine Möbel gab. „Oh my God“ „Ja. Glauben Sie mir, jede Garage oder Kellerraum in Europa ist der reinste Luxus. Die Garagen sind hell, trocken und warm – mehr braucht es nicht.“ „Ich muss euch doch mal etwas sagen. Als ich vor einer Woche den Anruf von Herrn Petersen bekam, mit der Bitte den Stützpunkt zu räumen und eine Infrastruktur für 300 Mädchen und Frauen aufzubauen, dachte ich, hier bricht das große Chaos aus. Was ihr in den wenigen Tagen auf die Beine gestellt habt, verdient den allergrößten Respekt. Ohne Chaos habt ihr alles unglaublich schnell organisiert. Frauen helfen wo auch immer es geht. Ihr habt Ordnung in der Struktur bei allem was hier geleistet wurde und wird. Ihr habt zwei migrierte Lehrerinnen rekrutiert. Nun die Klassenräume. Jetzt seid ihr an einem Finanzierungskonzert beschäftigt. Also, wenn ihr einen Job wollt, hier in der Kommandantur könnte ich euch sehr gut gebrauchen.“ Samira grinste breit. „Wir haben alle einen Job. Leider noch ein paar Probleme die wir lösen müsse.“ Der Major nickte Samira zu. „Egal was ihr braucht, ich werde alles tun, um euch zu unterstützen. Ich weiß, dass Sie mit Frau Khalil in die Niederlande gehen werden. Auch weiß ich, dass 100 von euch nach Australien gehen werden. Solche Kapazitäten wie Sie es sind, bräuchten wir dringend. Sie alle sind Kriesenerfahren, professionell in der Struktur von hunderten Menschen und wissen worauf es ankommt. Im Militärischendienst wären Sie sofort an der Spitze der Leitung.“

Bis zum Mittagessen waren die Klassenräume und Garagen eingerichtet. Lediglich die Tafeln für die provisorischen Klassenräume in den drei großen Garagen fehlten.
Frederice rief mich an, als Samira, der Major und ich die Inspektionstour machten.
Sie hatte bei einem Großhändler zwei Karton mit DIN A4 Hefte und fünf Karton mit Schulmäppchen, wie wir diese alle aus der Grundschule kennen, für alle Mädchen und Frauen gekauft. Die Tafeln würden morgen geliefert werden.

Um 14 Uhr begann das Meeting um eine Übergangslösung für die Mädchen und Frauen zu finden.
Vom Innenministerium kamen zwei Frauen, wobei ich eine schon kannte, und zwei Männer. Der Regionsrat (sowas wie Ministerpräsident von einem Bundesland in Deutschland) war mit vier Mitarbeiter eingetroffen. Der Staatsminister mit Frau, der Major und dann mein kleines Team mit: Anisia, Soma, Samira, Janina, Marcel, Zoja und Ava.

Als erstes erklärte Samira die Struktur von unseren Häuser in Afghanistan.
Jasper stellte den Stiftungsrat vor und auch, dass dieser aus Steuerlichen Gründen seit 14 Jahren in diesem Land eingetragen, und er und seine Frau auch seit dieser Zeit im Vorstand seien.
Anisia stelle die aktuelle Lage auf dem Luftwaffenstützpunkt vor und Marcel sprach die Überlegungen von eigenen Immobilien an und wo bis zum jetzigen Zeitpunkt die Finanzierung stand.
Das was alles von unserer Seite.

Ein Mitarbeiter von Regionsrat fügte an, dass er vom Innenministerium über eine Lösung mit einer Liegenschaft vom Heer informiert wurde – und es auch eine solche gäbe. Diese Liegenschaft wäre in dieser Region und somit wäre der Regionsrat dafür zuständig. Ob diese nach den Vorgaben vom Innenministerium bis Mitte oder Ende September bezugsfertig wäre, könnte er nicht garantieren.
Diese Aussage brachte den Major zum grinste. Er erklärte mit welchem Volldampf (original Wortlaut) auf diesem Stützpunkt eine funktionierende Infrastruktur aufgebaut wurde. Gerne könnte man sich davon selbst überzeugen.

Der Major übernahm bei diesem Meeting die Leitung und hielt jedem Argument entgegen. Er lies nicht locker, bis alle der Meinung waren, man sich doch selbst ein Bild davon machen möchte.

Der ganze Tross fing im ersten Wohnblock an, wo Shazia, Ayesha, Shindara, Tuyaara und Metra am putzen waren. Sie wurden von der Standortverwaltung mit allem versorgt, was sie für diese Arbeit brauchten.
Ayesha sah die Gruppe von Menschen kommen und wurde star vor Angst. Ava ging sofort zu ihr und hielt sie fest. Auf die Fragenden Blicke der Gruppe sage ich, „Ayesha ist jetzt 26 Jahre alt. Ihr wurde mehrfach das Bein gebrochen. Sie wurde von ihrem Mann jahrelang in einem Käfig eingesperrt und hundertfach vergewaltigt. Ihr Mann starb eines Nachts im Bett neben ihr und sie brauchte zwei Tage, bis sie sich aus dem Käfig befreien konnte. Ihr Bein konnten die Ärzte in Afghanistan nicht mehr richten. Ayesha wird durch diese Traumata nie alleine leben können. Man kann ihr auch sonst wenig Aufgaben geben, weil sie psychisch am Ende ist. Sie redet nicht viel und sitzt manchmal stundenlang apathisch in einer Ecke. Unsere Gruppe hat ihr jetzt sehr viel Angst gemacht. Daher ist Ava sofort zu ihr. Es kann sein, dass Ayesha nun wieder in ein Loch fällt und sie zusammenbricht.“
Ich sah in Fassungslose Gesichter.

Die Gruppe ging noch in das Klassenzimmer, wo Dunya mit einer Gruppe von Mädchen, die über 16 Jahren waren, Englischunterricht machte. Erstaunte Blicke von fast allen aus der Gruppe. Der Major lies es sich nicht nehmen, seine Einschätzung von uns allen als positive Bestätigung zu sehen.

Den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen von Innenministerium und auch vom Regionsrat reichten die zwei Punkte. Sie brauchten und wollten keine weitere Bestätigung. Also entschied man, dass man die knapp 50 Kilometer zu der Liegenschaft fahren werden, um sich vor Ort einen Eindruck zu machen.

Samira und ich fuhren im Auto von Jasper und Frederice mit. Jasper sagte uns, dass sich Australien in Bezug auf die Asyl- und Aufenthaltsanträge quer stellt. Sein Stab wäre aber in Verhandlungen für eine positive Lösung. „Soll heißen?“ „Nila. Lass uns mal machen. Was die Damen und Herren von Innenministerium persönlich gesehen haben, kommt uns zugute.“

Ein Convoy von mehreren Fahrzeugen fuhr vor dem ehemaligen Wachhaus vor und zwei Männer von einem privaten Security Dienst waren sehr erstaunt.
Jasper, der Major, die eine Frau vom Innenministerium und ein Mitarbeiter von Regionsrat klärten die Männer auf.

Der Tross folgte dem Sicherheitsmann auf seinem Fahrrad zum ersten Wohnblock.
An der Straße und Bürgersteig wuchs das Unkraut. Die Grünflächen links und rechts der Straße wurde schon lange nicht mehr gemäht.
Am ersten Wohnblock angekommen, hatte der Sicherheitsmann etwas Probleme die Tür auszuschließen. Staub und Dreck lag an der Tür.
Im Gebäude roch es etwas modrig. Im Flur stand ein Tisch, etwas Gerümpel und Rohre von einer Lüftung oder so was ähnliches.
Dieses Gebäude hatte mit dem auf dem Luftwaffenstützpunkt gar nichts gemeinsam. Im Erdgeschoss waren circa 10 Räume. Drei konnten Büros oder Zugführerraum gewesen sein. Dann ein kleiner Raum, der eine Art Wache war. Die übrigen Zimmer waren die Stuben der Unteroffiziere. Im zweiten und dritten Stock waren 14 Zimmer der Mannschaften, ein großer Wasch- und Duschraum und ein Raum mit 7 Toilettenkabinen. In einigen Schlafräumen standen 6 bis 8 Stockbetten und Spinde. In anderen nur 4 Betten oder nur Spinde.
Es sah so aus, als ob sich einige Leute an dem Inventar bedient hatten.

Da die anderen Wohnblöcke auch so aussahen, rechnete ich bei 30 Schlafräumen mal 6 Personen. So bräuchten wir zwei Wohnblöcke. Wäre super.
Ich sprach meine Rechnung an und sofort wurde diese verworfen. „Die Gebäude müssen sowieso unterhalten werden, dann kann man auch drei Wohnblöcke beziehen.“  Das diese Aussage von einem Mitarbeiter des Regionsrats kam, erstaunte mich. „Positive Lösung“, sagte Jasper leise und grinste mich an.

Das Offizierkasino auf dem Gelände war größer als das auf dem Luftwaffenstützpunkt. Hier wurden früher bei weitem mehr Soldaten versorgt. Dies würde für unsere Verpflegung völlig ausreichen.

Beim Rundgang über das Gelände wurde besprochen, wer für die Instandsetzung welche Aufgaben hätte und das man sich diese Woche schon an die Arbeit machen würde. Da wir über eine beachtliche Zahl an Frauen verfügten, würden wir uns um die Sauberkeit der drei Wohnblöcke und Offizierkasino selbst kümmern.
Es wurde auch beschlossen, dass man die Schlafräume zu je 4 Mädchen oder Frauen belegen möchte. Auch würden je vier Räume im Erdgeschoss als Klassenzimmer genutzt werden.
Frederice würde sich um Großhändler für Essen und Getränke kümmern.

Dienstag, 25. August

Mit Marcel, meinem Vater, Zoja und Samira trafen wir uns mit Jasper und Rahimi um 8.30 Uhr an dem ehemaligen Schullandheim. Das Gebäude machte auf den ersten Blick einen guten Eindruck.
Die Eigentümerin war eine ältere, sehr nette Frau. Ihr Mann sei vor zwei Jahren gestorben und sie könne dieses Haus nicht mehr bewirtschaften. Schweren Herzens hatte sie sich vor einem Jahr entschlossen, dass Haus zu verkaufen. Sie könne keinen Kinder mehr eine Freizeit bieten und würde mit dem Geld von dem Verkauf der Immobilie sich ein Apartment in einem Mehrgenerationenhaus kaufen.
Jasper erklärte ihr den Grund, warum wir dieses Haus in Betracht ziehen würden. Die Frau konnte dies alles gar nicht glauben.
Bei dem Rundgang sahen wir ein sehr gepflegtes Anwesen und wir könnten ohne viel Umbauarbeiten 74 Mädchen und Frauen sofort unterbringen. Dieses Haus ist perfekt für uns. Alles ist da. Küche, Geschirr und Möbel. Selbst im Wohnhaus könnten vier Mitarbeiterinnen wohnen. Vieles an Einrichtung würde im Haus zurück bleiben.
Jasper hatte sogar schon einen Vorvertrag vorbereitet. Er füllte die Namen, Adresse, Kaufpreis und andere relevante Daten aus. Als die Frau das Briefpapier mit dem Wasserzeichen sah, staunte sie nicht schlecht.

Auf der Fahrt zur nächsten Immobilie, lies mich der Gedanke nicht los, dass die Frau doch weithin in dem Haus wohnen könnte. Wenn sie ihr lebenlang Kinder- und Jugendfreizeiten machte, wäre sie eine große Ergänzung für uns. Dann könnten wir dieses Haus auch auf Mietbasis kaufen. Über meine Idee würde sich der Stiftungsrat Gedanken machen. Ich halte mich bewusst aus solchen Dingen raus. Dies sollen die entscheiden, die es können und dafür zuständig sind.

Der Pferdehof war die nächste Adresse. Das ganze Anwesen konnte man locker zur gehobenen Klasse zuordnen – auch der Preis. 10 Zimmer hatte das Wohnhaus! Wer putzt die Hütte, ging es mir durch den Kopf als wir im Haus waren. Die Immobilie wurde 2006 gebaut und hat zwei riesige Ställe, ein Doppelstöckiges Gästehaus mit 60 Zimmer und ein Großküche. Der Innenhof ist groß und in der Mitte ist ein kleiner Park mit Bäumen, Wiese und Bänke.
Rahimi und Marcel maßen die zwei Ställe aus. Dort könnte man locker je 30 Zimmer, mit Nassmodule (vorgefertigte kleine Badezimmer mit Toilette) einbauen.

Bei dieser Größe von den Gebäuden  brauchten wir die dritte Immobilie nicht mehr anzuschauen. Rahimi schätze die Umbauarbeiten auf 500.000 Euro.

Das Landschulheim könnte sofort bezogen werden. Das Gästehaus von dem Pferdehof auch. Das Wohnhaus wäre ab Januar 2022 bezugsfertig.
Wenn wir das Gästehaus mit je drei Personen belegen, bräuchte man noch nicht einmal die Ställe umzubauen. Wenn die 100 Personen, wie geplant nach Australien gehen, reicht der Platz locker aus. Dann müsste man doch noch die dritte Immobilie anschauen, weil diese doch erheblich billiger ist, als dieser Pferdehof.
Auf meine Frage, warum wir nicht auch in Erwägung ziehen sollten, die Gebäude der Liegenschaft zu mieten oder kaufen, wurde mir gesagt, dass die Gebäude zu alt und zu unwirtschaftlich seien.

Jasper sagte in die Runde, dass sein Stab dabei sei, die Asyl- und Aufenthaltsanträge für die 100 Person, die nach Australien gehen sollten / wollten, nun auf dieses Land genehmigt werden. Samira, Zoja und mir kamen die Tränen. „Ich, wie auch Mary, möchten euch in eurer Gemeinschaft erhalten. Ihr alle habt zu viel erlebt und da sollte man euch nicht trennen. Was gestern von den Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen vom Ministerium gesehen wurde, hatte sich gestern bis Mitternacht noch sehr weit herumgesprochen.“
Ich umarmte Jasper und gab ihm einen Kuss.

Da wir nun schneller als erwartet zwei perfekte Immobilien gefunden haben, brauchen wir die Gebäude der Liegenschaft nicht mehr.
Mit Hochdruck wurde am gleichen Abend an einem Finanzierungskonzert für den Pferdehof gearbeitet. Das Landschulheim war für die Finanzierung das kleinste Problem. Diese Immobilie kann sofort gekauft werden.

Im Jahr als die Freiheit am Hindukusch verloren ging

Taliban enter outskirts of Kabul as US begins embassy evacuation“

Autorin Nila Khalil

Am Sonntagnacht klingelte mein Notfall Telefon. „Kabul fällt!“  Dies waren die Worte von meiner Freundin und langjährige Weggefährtin Samira Ansary.
Mit einem Schlag war ich hellwach. Der Tag X traf mich am 15. August 2021 um 1.12 Uhr. „Ich komme“ ,war meine Antwort.

Ich rief meinen Bodyguard an – der in Schottland lebt und sagte ihm: „es geht los.“
Der schwerste Gang war an die Schlafzimmertür meiner Eltern, sie leben seit einem Jahr bei mir im Haus in Den Haag. Ohne ein Wort zu sagen, sah meine Mutter mich mit Tränen in den Augen an. Sie wusste das es soweit war.

Die nächsten Anrufe galten jenen Personen die seit 6 Jahren auf einem Notfallplan stehen.

Um 2 Uhr fing in drei Länder auf drei Kontinenten und Australien eine Organisation an zu laufen, die 1000 mal durchgesprochen wurde. Gleichzeitig telefonierte ich mit Freunden in Afghanistan um überhaupt einen Überblick der Lage vor Ort zu bekommen. Mein Mailfach füllte sich in wenigen Minuten. Meine Eltern lasen die Mails und druckten die wichtigsten aus. Alle Mails wurden an die andere Personen weitergeleitet – sofern sie diese nicht schon hatten.

Gegen 5 Uhr kamen Erik, Linda, Marpe de Joost und meine Tochter in mein Haus, um sich einen Überblick via Internet in Afghanistan zu verschaffen. Im Fernsehen kamen auf den Afghanischen Sender fast die gleichen Meldungen. Egal welche Seiten wir im Internet sahen – sie zeigten fast alle das gleiche.

Um 6.17 Uhr kam die Nachricht von meinem Bodyguard: bin auf dem Weg.
Um 6.23 Uhr kam die Nachricht von einem, ich nenne ihn mal, Staatsminister, „bis heute vormittag hast du ein Flugzeug.“

Afghanistan Ende Juli

Die Meldungen von dem Vorrücken der Taliban in immer mehr Städte und Provinzen machte mir und meinem Team in Afghanistan große Angst. Mit meinem Team wurde beschlossen, dass wir alle Mädchen und Frauen aus unseren 6 Häuser ruhig und unauffällig zusammen ziehen. Bei knapp 300 Mädchen und Frauen, die an geheimen Orten leben, ist dies gar nicht so einfach.
Aus eben jenen Sicherheitsgründen der Gefahr, der Taliban ausgeliefert zu sein, sind diese geschundenen und zwangsverheitaten Mädchen und junge Frauen räumlich getrennt. Diese nun alle an einem zentralen Ort, ist äußerst gefährlich. Zumal zwei unserer Frauenhäuser in einer Provinz sind, wo die Taliban seit Wochen sehr präsent ist.

Mein Team hatte es hinbekommen unauffällig die beiden Häuser zu räumen, um die Mädchen, Frauen und Mitarbeiterinnen in meine Heimatstadt zu bringen – wo unsere Zentrale, Schule und ein weiteres Frauenhaus von uns ist.

Ab Mitte der ersten Woche im August
wurden mit allen Beteiligten der 40-seitige Notfallplan täglich via Telefon und Video besprochen. Alle wussten es passiert etwas – nur nicht wann.

Time to say goodbye

Im Mai 2020 schrieb ich nach einem Terroranschlag in meiner Heimatstadt, 5000 Kilometer entfernt mein Testament.
Am Sonntagmorgen legte ich den Schnellhefter mit meinem Willen – wenn mir etwas passieren sollte, auf den Esszimmertisch in meinem Haus. Es brauchte keine Diskussionen über meine Entscheidung, denn die gab es in letzten Monaten mehr als genug.

Um 7.30 Uhr fuhr Marpe mich die wenigen Kilometer zu dem kleinen Flugplatz „The Hague Airport“ nach Den Haag.
An einem abgesprochen Treffpunkt traf ich Joris, den Piloten, der mich in ein europäisches Land, welches ich hier nicht nennen werde, fliegen soll, um dort meinen Bodyguard und eben jenes Flugzeug für nach Afghanistan zu treffen.

Marpe war sehr gefasst, auch wenn wir beide Tränen in den Augen hatten. „Al het beste, mijn engel“, sagte sie unter Tränen.

Schweigend ging ich mit Joris zu seiner Cessna 172, die mich zu einer Militärbasis in einem europäischen Land fliegen soll.
Nach dem Check und Anmelden, rollte Joris los und wenig später spürte ich den Boden nicht mehr.

Kurs in einen Alptraum

Die Schönheit von meiner Wahlheimat nahm ich kaum wahr. Meine Gedanken waren klar und trotzdem lief vor meinen Augen ein Film ab, bei dem mir kalt wurde.
Ich musste mich irgendwie ablenken und scrollte auf meinem Smartphone herum.
Auf Facebook wurde mir ein Beitrag vom  „The Guardian“ angezeigt: Taliban enter outskirts of Kabul as US begins embassy evacuation.

Ihr Feiglinge! Versteckt euch in dem best abgesichertsten Gebäude in Afghanistan und packen die Koffer.

US Botschaft in Kabul

Der Flug über die Nordsee war sehr eintönig und mir gingen zig Wie- Warum-Wieso-Fragen durch den Kopf. Joris machte gar keine Anstalten für ein Gespräch – er wusste wohin ich fliegen muss.

Um kurz nach 10 Uhr war die kleine Cessna in der Nähe der Militärbasis. Ich sah ein riesengroßes Flugzeug auf dem Rollfeld stehen und sagte zu Joris: „Dit wordt waarschijnlijk mijn taxi.“
Joris bekam vom Tower die Landeposition mitgeteilt. Die kleine Cessna rollte auf einen Hanger zu, wo eine beachtliche Gruppe an Menschen stand.
Das Kleinflugzeug kam zum stehen, da kam auch schon ein kleine Gruppe von Menschen auf die Cessna zu. Drei der Leute kannte ich: meinen Bodyguard, den Staatsminister von dem Land, in dem ich jetzt war und der Außenminister.

Marcel umarmte mich fest und gab mir einen Kuss auf die Wange „Ich bin bei dir. Alles wird gut.“ Ich streichte sein schönes Gesicht „ich weiß.“
Der Staatsminister drückte mich fest an sich und wuschelt mir die Haare – macht er immer. Der Außenminister reichte mir die Hand und sah mich offen an „Sie wissen was sie tun?“ Ich nickte „Ja! Weiß ich. Jasper auch.“

In einem sehr großen Raum unterhalb vom Tower wurden mir noch einige Personen aus der Gruppe vorgestellt. Militärs, die drei Piloten, Leute vom Geheimdienst, Beamte und Politiker.
Neueste Bilder und Informationen aus Afghanistan wurden der Gruppe gezeigt und die aktuelle Lage analysiert.
Eine Frau aus dem Innenministerium hatte zwei Ordner mit den Namen bei sich, die Asyl in eben jenem Land bekommen werden, die als erste Gruppe einreisen werden. 107 Namen. Ich kenne von jedem dieser Namen den Lebenslauf.
Im zweite Ordner waren die Namen derer 87 Personen die als letztes eingeflogen würden. Wovon dieser Liste 17 Personen in Zukunft in den Niederlande leben werden. 90 Mädchen und junge Frauen und 10 Mitarbeiter aus meinem Team werden diese Woche Australien als neue Heimat haben.

Die Piloten und ein Major gaben der Gruppe die Flugroute bekannt und das nach Anweisung des Militärs eine Landung in Usbekistan vorgenommen werde.
Ich erkläre den circa 50 Personen in dem Raum noch einmal den Notfallplan und wie der Status aktuell vor Ort sei.

Um 15.30 war alles analysiert, diskutiert und erklärt. Mit einem Bus fuhr mein Bodyguard, ich, 18 Soldaten, die Piloten und vier Männer vom Militärischen Geheimdienst an den Airbus A330.

An Bord zwischen dem Cockpit und der 1. Klasse standen eine Unmenge an Koffer und Taschen. Dies waren zweifellos die Waffen und Ausrüstung der Soldaten, vom Geheimdienst und von Marcel.

Das Flugzeug rollte um 16.17 Uhr zur Startbahn mit Ziel Afghanistan. Mit einem Schlag wurde mir klar, ich werden meine Heimatstadt wahrscheinlich nie wieder sehen werden.

Termez, Usbekistan

Termez Usbekistan

Auf dem Flug lenkte ich mich ab und sprach sehr viel mit Marcel. Er zeigte mir die neusten Foto von seiner Familie und wie stolz er auf seine beiden Söhne sei. Seine Frau, eine wunderschöne Frau mit den wohl schönsten rötlichen Haaren die ich je gesehen habe, lächelte auf dem Hochglanzfoto mich an.
Die Erinnerungen an die Urlaube, oder Kurztrips, bei ihnen in Schottland taten mir gut und lenken etwas von meiner Angst ab.
Marcel ist ein eiskalter Killer und trotzdem ein Mensch mit einem sehr guten, herzlichen und fürsorglichen Charakter. Nur seine Frau kennt seinen „Beruf“.

Mittlerweile war ich schon 18 Stunden wach und fand keine Ruhe in mir. Ich nahm den Ordner mit dem Notfallplan und las wieder die Punkte durch. Mittlerweile könnte ich den Text auch rückwärts auswendig sagen. Marcel hielt meine Hand und sagte immer wieder, dass alles gut werde. Die 18 Soldaten seien ausgebildete Elite-Kampfsoldaten und Scharfschützen. Sie wären für meine und unsere Sicherheit abgestellt – immerhin ein kleiner Trost.

Die Bordküche war prall gefüllt und wir konnten Essen und Trinken was wir wollten. Es gab nur keinen Platzservice durch eine Stewardess – und so etwas nennt man dann 1. Klasse.
Also ging ich die drei Reihen nach vorne in die Bordküche und machte mir Hähnchenfleisch in pikanter Chili-Sojasauce mit Reis warm. Bis das Essen warm war, aß ich ein Stück Apfelstreuselkuchen und trank einen Kaffee dabei.

Zwei der Männer vom Militärischen Geheimdienst, die vor mir saßen, kamen auch an die Bordküche und schauten nach dem Menüplan. Einer der beiden nahm das gleiche wie ich und der andere machte sich Pasta mit Tomaten-Auberginensauce warm.
„Would you like a can of cola?“ Fragte mich der eine. „With pleasure.“ „I’m Mikkel and he’s Steen.“ Hello, i am Nila.“ „I know.“
Bei Kuchen und Kaffee standen wir in der Küche und Mikkel fragten mich sehr viel über Afghanistan. Ich sagte das, was ich schon mein Lebenlang kenne und weiß. Da meine Einschätzung und deren Analyse übereinstimmten, wurde ich von Steen gefragt, ob ich nicht besser das Ressort wechseln möchte. Ich schüttelte den Kopf und erzählte von den Frauenhäuser und meiner Arbeit in den letzten 14 Jahren in Afghanistan.

Nach und nach füllte sich der Bericht an der kleinen Bordküche. Wir hatten sehr angenehme Gespräche bei einem vorzüglichen Rotwein.

Der Landeanflug auf eine NATO Militärbasis in Usbekistan begann.
Das Flugzeug rollte zu einer Parkposition und wurde kurze Zeit später betankt.
Die Männer vom Militärischen Geheimdienst telefonierten wie wild und ich merkte, dass etwas nicht stimmte. Marcel sah mich wortlos an.

In der anderen Bordküche, hinter der 1. Klasse, und erste Reihe links und recht dahinter war ein Chaos an PC’s, Drucker und Kabel.
Ich stand in der Gruppe und sah Dokumente vom Geheimdienst. Uns wurde die chaotische Lage in Kabul aufgezeigt.
Nach deren Meldungen hätte die Armee keinen Widerstand geleistet und alle Flüge wären eingestellt.
Mikkel reichte mir zwei Seiten, auf denen ein Alptraum zu lesen war. Ich konnte dies nicht glauben. „I can’t believe this! Is that really true?“ „Yes. it’s true.“

Ich stehe einen Steinwurf von der Grenze zu Afghanistan und 450 Kilometer Luftlinie von meiner Heimatstadt entfernt, und muss solche Nachrichten erst einmal verarbeiten.
Was nun? Es gibt kein Vertrauen mehr zu Menschen, denen ich jahrelang vertraut hatte. Ranghohe Polizisten und Militärs könnten jetzt unsere Feinde sein.
Müssen wir so kurz vorm Ziel aufgeben?

Es wurden wieder aktuelle Satellitenbilder ausgewertet und die Nachricht, dass sich die Armee kampflos ergeben hätte, war nun der größte Risikofaktor. Mit einem Jumbojet auf einem Flughafen zu landen, der unter Kontrolle von Terroristen sein wird, wird dies ein Himmelfahrtskommando.
Ich rief Samira an und fragte nach dem aktuellen Status in der Stadt. „Die „Party“ ist in Kabul. Hier ist es noch ruhig. Wir haben alle Angst, aber noch ist es ruhig.“ Da Samira Englisch sprach, musste ich das Gespräch für die Gruppe nicht übersetzen. Es wurde nochmals wie wild telefoniert und niemand konnte oder wollte eine Entscheidung treffen.

Der Kapitän von dem Flugzeug sagte, dass es nicht besser werden würde, wenn wir noch länger warten. In Europa wurde heftig diskutiert. Der Staatsminister fragte mich, wie schnell alle Mädchen und Frauen am Flughafen sein können. Samira sagte in zweieinhalb Stunden. Ich fragte den Staatsminister nochmal: „hast du eben Alle gesagt?“ „Ja. Alle! Wir können für einen weiteren Flug nicht garantieren und ich lasse dich nicht in dem Land zurück.“

Notfallplan 2.0

Alles was in den letzten 6 Jahren geplant wurde, konnte ich jetzt in die Tonne treten.
„Ich habe zu lange gewartet. Wir hätten vor Wochen schon Evakuieren müssen.“
Mikkel wedelte mit den zwei Blätter, die ich kurz zuvor gelesen hatte. „Niemand konnte dies ahnen. Also gibt dir jetzt nicht die Schuld! Wir sind hier und es wird eine Lösung geben.“
In weniger als 10 Minuten war klar, dass es nur eine Landung geben wird.
„Wir müssen weit weg von der Aufmerksamkeit auf dem Flughafen diese Aktion durchführen“, sagte Marcel in einem militärischen Befehlston. „That means?“ Fragte der Kommandant der Spezialeinheit. „Hinten! Am Ende vom linken Rollfeld. Da ist Schutz für die Mädchen und niemand rechnet damit.“

Satellitenbilder vom Militärischen Geheimdienst wurden ausgedruckt und besprochen. Jeder Meter auf dem Flughafen wurde analysiert. Wo bleibt das Flugzeug stehen? Von wo müssen wir landen? Wie und wo kann man das Flugzeug drehen? Muss das Flugzeug bei der Evakuierung zuerst gedreht werden?
Wo ist Schutz für die Mädchen und Frauen bis wir da sind? Wie weit ist es von diesem oder jenem Punkt, bis zum Flugzeug, zum Flughafengebäude oder oder oder.
Es wurde gerechnet, skizziert, notiert und diskutiert.

Der Co-Pilot rechnete die Länge der Startbahn. Am Ende der beiden Rollbahnen war noch eine Querverdindung zur anderen Piste. Je nach Windverhältnisse werden Flughäfen aus verschiedenen Richtungen angeflogen. Es ist völlig normal, dass die Flugzeug drehen um zum Terminal oder eben Startbahn zu kommen. Wir werden unter diesen Umständen nicht ans Terminal können. Also bleibt eine Evakuierung nur über die Notfalltreppen am Flugzeug.
Der Kapitän sagte, „Wir kommen von der anderen Seite! So tief und kurz es geht. Rollen bis zum Ende der Startbahn, sammeln die Kinder ein und dann einmal links herum und Abflug.“
Es gab keine andere Option um – hoffentlich, sicher und schnell zu starten.

Termez, Usbekistan

Es wurde entschieden, dass wir drei der vier Notfalltüren auf der rechten Seite benutzen und wie ohne Chaos – aber sehr zügig das Flugzeug beladen wird. Ich schickte die Satellitenbilder und einen Sitzplan vom Flugzeug mit allen Skizzen und Notizen an Samiras Mail Adresse. Sie mussten dies den Mädchen und Frauen erklären – wie; war mir in diesem Moment egal. Die Mädchen haben noch nie ein Flugzeug gesehen und von innen schon gar nicht.

Die Piloten zeigten den Soldaten wo die Notfalltreppen am Flugzeug sind und wie diese funktionierten. Eine Hühnerleiter mit aufklappbarem Geländer trifft wohl besser zu.

Die Kampfsoldaten und Marcel besprachen ihren Einsatz bei der Landung, wie sie das Flugzeug absichern werden und wer außerhalb welche Aufgabe hatte.
9 Scharfschützen, 10 Elite-Soldaten und zwei Männer vom Militärischen Geheimdienst gegen eine unbekannte Zahl von Terroristen. Mikkel und Steen waren für das Filmen aus dem Flugzeug verantwortlich.

Marcel sprach ein weiteres Problem an. Wir waren nicht mehr genug Leute, um an den Türen und im Flugzeug für Ordnung zu sorgen. Einer der Piloten erklärten sich bereit, dass er an die zweite Türen gehen würden. Ich sollte an Tür 3. Mikkel würde an die vierte Tür gehen.

Die Scharfschützen würden das Flugzeug absichert. Ein Scharfschütze an der ersten Tür direkt hinter dem Cockpit. Dort war die 1.Klasse, da diese von uns schon besetzt war, konnte diese Tür auch nicht zur Evakuierung benutzt werden.
Vier Scharfschützen wären an den Türen vom Gepäckraum. Zwei außerhalb des Flugzeugs auf der rechten Seite um das Flugzeug nach hinten abzusichern. Der letze und Marcel draußen auf der linken Seite.
Da meine Mädchen und Mitarbeiterinnen von links kommen werden, waren sie abgesichert.
Ich sprach meine Angst in der Gruppe an, wenn es zu einem Schusswechsel kommen sollte, könnten die Kinder Panik bekommen.
„Nila, don’t worry, we are trained for this.“ Der Kommandant der Spezialeinheit erklärte mir noch einmal die Positionen der Scharfschützen und wer welche Aufgabe bei der Evakuierung hatte.

Die Internationale Flugbehörde in Kanada und für Europa, in Paris, waren schon seit Sonntagmorgen über diesen Flug – der keine offizielle Kennung hatte, informiert.
Der Flug wurde nun von Termez nach Multan in Pakistan, als Frachtflug registriert. Bei den afghanischen Behörden wurde eine Überfluggenehmigung beantragt und diese wurde auch bewilligt. Lediglich der Luftraum über Kabul sei gesperrt. Also muss das Flugzeug einen Bogen fliegen, und nah an dem chinesischen Luftraum bleiben.
Auf den Luftkarten zeigt uns der Co-Pilot die genannte Flugroute und grinste „A minute before we landing, they don’t know we’re coming.“

Wir standen schon fast 5 Stunden in Termez und die Zeit lief gegen uns. Ich rief Samira an und sie bestätigte, das in einer Stunde alle am Flugplatz seien. Dieses Gespräch hörte unter anderem auch der Staatsminister in Europa und er gab grünes Licht.

Der Kapitän sagte über die Lautsprecher, wie er anfliegen werden und das dies etwas unangenehm für den Magen werden könnte. Er würde dies nun beim Start schon mal vorführen.

45 Minuten bis zur Freiheit

Der A330 rollte an und mit einem unglaublichen Schub jagte die Maschine über die Startbahn. Es dauerte wirklich nur Sekunden und ich hatte das Gefühl als ob ich senkrecht in den Himmel geschossen werde. Wenige Augenblick später dachte ich, ich falle – trotz Sicherheitsgurt, nach rechts aus meinem Sitz. Jegliche Achterbahn ist ein Ponyhof gegen einen solchen Start.

„We’ll be landing in 45 minutes. Down, in, out. The pilots leave the engines on. Everything has to happen very quickly.“ Eine klare Ansage vom Kommandant der Spezialeinheit.
Die Männer zogen ihre Schutzwesten und Helme an. Die Waffen wurden klar gemacht und die Body-Cam’s gecheckt.
Die Koffer der Waffen und alles was nicht mehr gebraucht wurde, kam im Heck vom Flugzeug in einen Raum, wo die Kojen für die Crew sind. Jeder Sitzplatz wird bei diesem Flug gebrauch. Eigentlich sollte man meinen, dass ein so großes Flug eine ganze Ortschaft aufnehmen könnte, und jetzt zählte jeder Platz.

Die Gruppen für den Außeneinsatz setzte sich im Flugzeug in den Bereich der Türen. Ich setzte mich in die zweite Reihe an meiner Tür. Marcel setzte sich neben mich.
Wenn man 1.Klasse gewöhnt ist, kommt einem die Economy Claas wie ein Hühnerkäfig vor.

Es waren noch 28 Minuten bis zur Landung. Mir schlug das Herz bis zum Hals. Marcel hatte sein Gewehr auf dem Schoß liegen. Mir gingen Bilder von der Erstürmung der Landshut durch den Kopf und sah die Panzer auf dem Rollfeld stehen. Ich sprach meine Gedanken laut aus. „Nila, niemand weiß das wir kommen. Es gibt keinen Flugverkehr. Warum sollen die Panzer auf das Rollfeld stellen?“ Wo er recht hatte, hatte er recht.

17 Minute bis zur Landung.

Über die Lautsprecher wurde nochmals gesagt, wie wir meine Mädchen und Mitarbeiterinnen ins Flugzeug schaffen müssen. Ich zählte die Reihen, die für mich zuständig waren. Von Reihe 25 bis 32.
Wie kann ich dies Kenntlich machen? Wenn 300 Menschen in Panik in ein Flugzeug stürmen, wird der sowieso schon enge Raum noch kleiner.
In dieser Sekunde kam mir die Idee: die Gepäckklappen über den Sitzen.
Ich schnallte mich ab, zwängte mich an Marcel vorbei und öffnete die Klappen hinter unserer Sitzreihe. Dann lief ich den Gang richtig Cockpit. Bei Reihe 25 öffnete ich links und recht die Klappen. Das gleiche auf dem anderen Gang der Mittleren Sitzgruppe. Ich lief den Gang hoch zu Mikkel und tat bei Reihe  32 das gleiche. „Was machst du?“ Fragte Mikkel. Ich erkläre ihm mein Vorhaben. „Sehr gut. So könnten wir vielleicht ohne größeres Chaos das Flugzeug laden.“

Noch 12 Minuten bis zur Landung.

Ich setze mich neben Marcel und er gab mit einen Kuss „Klasse Idee.“
„10 minutes until landing“, kam es über die Lautsprecher.
„Stellen Sie den Sitz in eine aufrechte position, klappen Sie den Tisch nach unten, wir wünschen Ihnen….“ auf diese Ansage einer Stewardess wartete man bei diesem Flug vergebens. Jeder wusste was er zu tun hatte. Mein Puls war extrem hoch und ich hatte Angst. Im Flugzeug waren Männer die wussten was sie taten. Dies gab mir dann doch etwas Sicherheit.

Anflug auf Gardez

„5 minutes until landing.“

Bei einem normalen Linienflug sieht man schon lange die Landschaft durch die Fenster – hier war immer noch der Himmel zu sehen. Wir waren so kurz vorm Ziel immer noch über den Wolken.
„3 minutes to landing. Now it gets uncomfortable.“
Das Flugzeug legte sich wie beim Start in eine Steilkurve nach links und gleichzeitig nach unten. Ich dachte, mir schlägt jemand die Faust in den Magen.
Es ging in einer gefühlten Schallgeschwindigkeit durch die Wolken.
Jetzt erst sah ich den Hindukusch. „Die Freiheit wird am Hindukusch verteidig…“ sagte einst ein deutscher Politiker. Welche Freiheit?

Der Boden kam unglaublich schnell näher und die Bremsklappen zeigten ihre Wirkung. Durch mein Fenster sah ich meine Heimatstadt näher kommen und mit einem Ruck setzte das Flugzeug auf und sofort bremsten die Reifen diese gewaltige Masse ab.
Nun waren wir im Taliban-Land gelandet und die Zielscheibe meiner Feinde.

Aus meinem Fenster sah ich Häuser und Bauten weit vom Flugfeld entfernt. Ich versuchte jeden Zentimeter zu erfassen. Von wo kommen die Taliban? Schießen sie schon? Wo ist Samira und die Kinder?
Das Flugzeug rollte und rollte immer weiter vom Flughafengebäude weg.
Ich presse mein Gesicht gegen das Fenster um nach vorne zu schauen. Von rechts müssen die Kinder bald kommen. Wie weit ist diese verdammte Rollbahn?
Das Flugzeug bremsten sehr stark ab.
Im Augenwinkel sah ich Menschen laufen.
„Stop!“ Brüllte ich durch das Flugzeug. „Stop!“
Das Flugzeug stand noch nicht, da wurden schon die Türen aufgemacht. Noch im rollen betätigte ein Soldat den Schalter um die Treppe auszufahren.

Das Flugzeug stand

Ab jetzt ging alles in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit. Die Spezialeinheit stürmte mit Marcel aus dem Flugzeug. Ich sah wie die Scharfschützen unter dem Flugzeug auf die anderen Seite liefen.
Die anderen Soldaten liefen den Kinder entgegen. Im laufen zeigen die Soldaten auf die drei Notleitern. Hand in Hand rannten zwei Kinder oder Erwachsene auf das Flugzeug zu. Diese Maßnahme haben wir schon 1000 mal durchgeführt. Seit Jahren machen wir so einen Teil von Bewegungsport. Jetzt wissen die älteren Frauen und Kinder – die schon länger bei uns sind, warum wir dies immer und immer wieder trainiert haben.
Wenn Menschen in Panik sind, und dann stürzen, kann es sein, dass die Person die auf dem Boden liegt, es gar nicht mehr auf die Füße schafft oder sogar tot getreten wird.

Ich hörte Schüsse. Wusste nicht wo und von wem. Die ersten Mädchen hatten die Leiter erreicht. „Hoch, hoch, hoch!“ Brülte ich. Die Frauen und Mädchen kannten eine solche Leiter gar nicht. Ängstlich bewegte sich Marwa die Stufen hoch. „Komm hoch! Schau nicht nach unten! Sieh mich an! Kommt hoch! Schneller!“ Ich zog Marwa ins Flugzeug und sagte, wo sie sich hinzusetzen sollte.
Nach und nach kamen die Mädchen und Frauen die Leiter hoch. „Rein, rein, rein“, schrie ich gegen den Lärm der Turbinen an.
Ich hörte wieder das geschossen wurde. Ich zog zwei weite Mädchen ins Flugzeug, die bei der Höhe der Leiter Angst bekam. „Kommt rein! Ihr braucht keine Angst. Sofort nach links auf die andere Seite. Los, los, los.“

Ich hörte meinen Namen rufen und sah Ava mit einem Kind auf dem Arm. Sie hatte zwei große Taschen links und rechts an sich hängen, und noch das Kind auf dem Arm! Ich lief die steile Treppe herunter und packte das Kind.
Janina hatten einen großen Rucksack auf dem Rücken und ein Kind an der Hand. Der Rucksack schien sehr schwer zu sein, denn sie kam kaum die Treppe hoch. „Lass das Kind los! Lass das Kind los!“ Brüllte ich.
Ich packte das Kind am rechten Arm und zog es die Treppe hoch. „Janina, schmeiß den Rucksack in die Bordküche und schaff Ordnung im Flugzeug! Alle Sitze von außen nach innen besetzen.“

Ich sah auf den letzten 300 Meter zum Flugzeug niemand mehr laufen, also scheinen alle am oder im Flugzeug zu sein. Ich hörte im Flugzeug wie Ava und Zoja die Kinder zählten. „Rein, rein, rein!“ schrie ich nach draußen. An meiner Treppe waren noch etwa 20 Mädchen und Frauen, als die Turbinen hochliefen. Hinter den Mädchen und Frauen sicherten die Soldaten ab. Es fielen wieder Schüsse.
5 Mädchen standen noch an der Treppe. Marcel kam gelaufen und schoss links am Flugzeug vorbei. Hinter uns hörte ich Schüsse.
Bei Mikkel waren noch 5 Frauen an der Treppe. Ich schrie: „hier her. Komm zu mir!“
Wieder fielen Schüsse. Mina stand wie angewurzelt auf der vierten Stufe. „Komm hoch! Komm hoch!“ Schrie ich. Ein Soldaten hinter ihr drückte sie die Leiter hoch. Ich griff nach der Hand von Mina und zerrte sie ins Flugzeug. Marcel kam mit einem Soldaten als letztes die steile Leiter hoch und packte im gleichen Augenblick die schwere Tür und zog sie zu sich. Die Leiter bewegt sich hoch, als das Flugzeug rollte.
Ich hörte im Flugzeug das Kommando „Go, go, go.“

Das Flugzeug fuhr die wenigen Meter auf der Querverdindung und beschleunigte in Richtung Flughafengebäude.
„Ready for take off“ , kam es durch die Lautsprecher. Die Soldaten und meine Mitarbeiterinnen schnallten noch Kinder und Frauen an. Ich war in der Mitte der Sitzreihen fertig. Noch drei Reihen am Fenster musste ich machen. Das Flugzeug wurde immer schneller.
„Attention, attention. We take off, we take off“, war die Durchsage über die Lautsprecher.

Marcel zog mich am Arm zu sich und  schubste mich in eine Sitzreihe links von mir. „Auf den Boden! Halte dich fest.“
In diesem Moment war das Flugzeug in der Luft. Der Geräuchspegel im Flugzeug war sehr laut. Die Kinder und Erwachsene hatte Angst. Mit vollem Schub ging es fast senkrecht in den Himmel. Der Druck im Kopf und Ohren war gewaltig.
„Nila, Nila!“ Schrieen die drei Mädchen in deren Sitzreihe ich auf dem Boden lag. „Alles ist gut. Habt keine Angst.“
Es ging immer weiter nach oben. Ich lag mit dem Bauch auf dem Boden und packte mit beiden Händen die Sitzhalterung der vorderen Reihe.
Das Flugzeug schoss immer weiter in den Himmel und mir schnitt das Aluminium von der Sitzhalterung in die Hand. Links drücken mir die Beine von zwei Mädchen in die Rippen.

Nach ein paar Minuten hörte ich „Save. We are over the airspace of Pakistan“ über die Lautsprecher. Ich fing an zu weinen. Wir haben es tatsächlich geschafft. Wir sind in Sicherheit. „Nila, come into the cockpit, please“ , sagte der Flugkapitän.
Ich quetschte mich vom Boden auf den Knien aus der Sitzreihe.
Auf dem Weg nach vorne sah ich verängstigte Kinder und Frauen. Mein Team und die Soldaten an Bord kümmerten sich um sie. Samira kam auf mich zu und weinte „Wir haben es geschafft.“ Ich umarmte meine Freundin „Ja.Wir haben es geschafft. Danke für alles.“

Im Cockpit wurde mir ein Telefonhörer gereicht. Am Telefon war der Staatsminister und langjähriger Freund von mir. Ich sagte ihm, „alles ist gut. Wir sind auf dem Heimweg. Drei Kleinkinder die nicht auf den Listen stehen, sind noch an Bord. Ich kann dir erst mehr sagen, wenn ich einen Überblick in dem Chaos habe.“

Ordnung schaffen im Chaos

Um nun Ruhe in das Flugzeug zubekommen, bat ich nach dem Mikrofon für die Lautsprecher. Steen zeigte mir den Hörer, den die Stewardessen immer benutzten um zu erklären, wo die Schwimmwesten sind und was man alles beachten muss.

Ich erkläre den Mädchen und Frauen, wo dieser Flug hingehen wird und wir non Stop fliegen werden. Wo die Toiletten im Flugzeug sind und wie man diese benutzt. Wir haben schließlich einen langen Flug vor uns. Wer Schmerzen oder Übelkeit hat, sollte sich bitte melden.

Elite-Soldaten als „Saftschubse“

Nach zwei Stunden hatten wir das Chaos und die Angst der Mädchen und Frauen im Griff und sie mit Getränken versorgt. Da wir vor dem Start eine kurze Einweisung in das bedienen der Bordküchen bekamen, konnten wir auch das Essen warm machen. Wie die Flugbegleiter_innen dies gleichzeitig für alle Passagiere hinbekommen, ist mir ein Rätsel. Wir machten es so gut es ging. Mein Team und einige Soldaten verteilen das Essen.

In der 1.Klasse saß ich direkt hinter dem Cockpit mit Ava, Janina, Samira und Zoja auf dem Boden. Vor uns die Männer vom Militärischen Geheimdienst, Marcel und der Kommandant der Spezialeinheit.
Wir besprachen jetzt den Einsatz. Steen wollte uns „Mädels“ die Filmaufnahmen nicht zeigen. Janina sagte ihm die passende Antwort: „Die „Mädels“ haben schon schlimmeres gesehen.“
Was wir sahen, werde ich nicht schreiben, denn dies sind Aufnahmen vom Geheimdienst. Die Auswertungen werden nun wahrscheinlich noch einige Tage dauern.

Janina öffnete ihren Rucksack, zog drei Festplatten heraus und sagte trocken: „diese Auswertungen werden Jahre brauchen.“ Ich sah Janina fragend an. „Nila, du glaubst doch nicht, dass wir all unsere Daten zurücklassen. Wir haben sämtliche Festplatten ausgebaut und alles andere verbrannt oder zerstört.“ Ihr kamen die Tränen. „Alles wofür wir gelebt haben, existiert nicht mehr.“

Das Fazit der Freiheit

Es mag sein, dass ich als Heldin gefeiert werde – dies bin ich nicht!
Ich habe durch jahrelange Freundschaften und Zusammenarbeit ein unglaublich starkes Team an meiner Seite. Auch habe ich vor vielen Jahren durch Zufälle die vielleicht richtigen Menschen getroffen, um aus einer alten Schule und einem heruntergekommen Haus, einen Grundstein für mein Leben zu legen.

Vieles habe ich mit wunderbaren Menschen in den letzten Jahren geschafft und aufgebaut. Immerhin hatten wir ein Netzwerk von 46 Frauenhäuser in Afghanistan und Pakistan.

Vor 31 Jahren wurde ein 10-jähriges Mädchen gezwungen seine Heimat und Eltern zu verlassen. Eine Flucht in Angst, Gewalt, Entbehrungen und Tod zu erleben, wünscht man niemand.

14 Jahre lebte dieses verängstigtes Kind in einem fremden Land bei einer fremden Tante und Onkel. Mir wurde von beiden sehr viel mit auf den Weg gegeben, wofür ich meinen heutigen Eltern für immer dankbar sein werde.

In den letzten 16 Jahren verlief mein Leben nicht gerade lustig. 2005 kam mein Vater bei einem Autobombenanschlag ums Leben. Ich flog damals von Deutschland zurück ins Chaos aus Krieg und Terror.

Eineinhalb Jahre nach dem Tod von meinem Vater, fand ich eines morgens meine Mutter tot in ihrem Bett – sie hatte sich das Leben genommen. Ihr Trauma von diesem Heimtückischen Anschlag hatte sie nicht verkraften.
Die Taliban nahm mir das zweimal meine Eltern.

Die Taliban wollten mich schon 2017 töten. Feige aus dem Hinterhalt hatten sie auf mein Auto geschossen. Die Quittung waren 4 erschossen Kämpfer der selbst ernannten Gotteskrieger.

Meine Tochter schaffte ich wegen diesen Terroristen 5000 Kilometer weit in Sicherheit  – ich kam zurück und stellte mich dem Terror entgegen.

Nun habt ihr Gotteskäpfer wieder ein ganzen Land als Geisel und eure Worte sind nur Lügen.

Ihr zeigt dieser Welt euren menschenverachtenden „Glauben“ und seid nur mir euren Waffen stark.
Auch diesmal habe ich aus privater Rache gegen euch, meine Stärke gezeigt!

Das kleine Flüchtlingskind von einst, kam mit Kampfsoldaten und einem Flugzeug mitten in euer Reich um wenigstens ein paar Zeitzeugen eurer Grausamkeit zu retten.

Durch euch habe ich meine Heimat, meine Kindheit und Eltern verloren.
Durch mich haben wieder einmal ein paar von euch das Leben verloren.

Quid pro quo

Nila Khalil, im Jahr als die Freiheit am Hindukusch verloren ging

Erinnerungen an den 11. September 2001

Der 11. September 2001

Autorin Nila Khalil

Ich saß in Stuttgart im Büro und prüfte Rechnungen der Firma, im Radio lief SWR3 und dann kam die Meldung von New York. Ich sah zu meiner Kollegin und konnte das eben gehörte nicht glauben. Immer öfter kamen Meldungen: noch ein Flugzeug, noch mehr Todesopfer, noch ein Flugzeug….

Am Abend sah ich mit meinen Eltern die Nachrichten in der ARD und wir konnten dies alles nicht glauben!

In den folgenden Tagen kamen immer neuere Meldungen über den Terroranschlag. Plötzlich war Afghanistan die „Achse des Bösen“ und  man wollte einen Terror bekämpfen, den die CIA aufgebaut hatte. Halleluja, wie gut man doch sehr schnell ein Feindbild in die Welt brachte: Afghanistan, Bin Laden, Taliban…. Mein Vater sagte nach einiger Zeit, als es immer deutlicher wurde, Bin Laden sei der Anführer und Afghanistan die Quelle des Terrors, dass dies nicht wahr sei. Immer und immer wieder sagte er, Bin Laden sei kein afghane.

Die Operation Enduring Freedom begann

Als die ersten Meldungen kamen, „Man sei in Afghanistan einmarschiert um den Terror zu bekämpfen, bekam ich Angst um meine Eltern (meine Leiblichen) in Afghanistan. Unsere Verwandten in Deutschland berichteten von Kämpfe in Kandahar, Masar-e Scharif, Bagram und auch Gardez. Ich war krank vor Sorge um meine Eltern. Meine Chefin in Stuttgart stellte mich frei und hatte Tränen in den Augen, wenn ich ihr aus den afghanischen Medien berichtete.  Die Operation Enduring Freedom brachte noch mehr Terror hervor. Terror wurde gegen die Bevölkerung und Soldaten des ISAF Einsatzes geführt.

Der Terror nahm mir meine Eltern

2005 kam die Nachricht, mein Vater sei von der Taliban getötet worden. Ich schrie und weinte nur noch. „Ich muss nach Afghanistan. Ich muss nach Hause!“ , schrie ich meine Tante und Onkel an. Sie sprachen mit mir und versuchten mich zu beruhigen. Mein Entschluss stand fest. Am gleichen Abend rief ich meine Chefin an und drei Tage später war ich in Kabul. Im Krieg, in einer anderen Zeit. Meine Mutter hatte diesen Autobombenanschlag auf einem Marktplatz in meiner Heimatstadt schwerst traumatisiert überlebt und ich kümmerte mich um sie, so gut es eben unter den Umständen möglich war. Eineinhalb Jahre später nahm sie sich das Leben.

Krieg gegen Terror

Nun ist dieser Anschlag auf WTC 19 Jahre her und die „paar“ Toten Menschen in New York haben das zigfache an Todesopfer, Flüchtlinge, Obdachlose, Armut und Zerstörung gebracht. Warum? Wofür?

Viele Zivilisten kamen in den letzten 19 Jahren ums Leben. Die Operation Enduring Freedom hatte außer Chaos und Terror noch mehr Chaos und Terror gebracht.

14 Jahre lebte ich im Krieg und Terror und habe in all den Jahren viele Opfer gesehen und frage mich, wer zündet eine Kerze für die ermordeten Kinder, Frauen und Männern seitens der USA an? Niemand will etwas von den Gräueltaten der glorreichen CIA oder Special Forces an Zivilisten in Afghanistan wissen. Wir sind ja die Börsen. So einfach ist es nicht!

Mein Beileid gilt allen Opfer und Hinterbliebenen in einem Sinnlosen Krieg gegen Terror oder Terror gegen Krieg.

Nila Khalil, komm. Vorsitzende von Afghan Women’s Network, Mitglied bei UNAMA Afghanistan und der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen in Genf.

Den Haag, 11. September 2020.

Weltfrauentag

Der 8.März ist der Weltfrauentag

Autorin Nila Khalil

Schön das an diesem Tag, außer am Valentinstag, Muttertag oder Weihnachten ( als Geschenk meinst ein Küchengerät) gedacht wird. Die Idee des Internationalen Frauentages stammt von Clara Zetkin (1858 – 1933), einer Ikone der proletarischen Frauenbewegung. Die deutsche Sozialistin schlug auf der Zweiten Sozialistischen Frauenkonferenz am 27. August 1910 in Kopenhagen die Einführung eines solchen Tages vor.

In 110 Jahren hat sich das Bild der Frauen in sehr kleinen Schritten geändert- oder ging sogar Lichtjahre zurück!

Da ich beim Rückwärtsgehen bin, fange ich auch gleich mit der Islamischen Ländern dieser Welt an. Es waren alles mal Weltoffene, tolerante und liberale Länder. Dann meinten so einige westliche Länder Kriege führen zu müssen und die Fundamentalisten krochen aus ihren Löchern und brachten für Frauen nur noch Nachteile. Schulen wurden nur noch für Jungen gedultet. Frauen brauchen keine Bildung! Frauen sollen Kinder bekommen und kochen. Reicht. Ach ja, die Höhle noch putzen.

Gerade im Islam ist die Stellung der Frau auf einem Historichen Tiefpunkt. Um es gleich vorweg zu nehmen, ich verurteile KEINE Religion, denn auch Frauenrechte waren in der Christlichen Gesellschaft und westlichen Ländern auch lange nicht da, wo sie heute sind.Nur, Leben wir im 21. Jahrhundert und man könnte sich schon mal so langsam von einem überalterten Weltbild befreien.In den islamischen Ländern beinhaltet das Familienrecht heute zahlreiche die Frauen diskriminierende Bestimmungen, da das Familienrecht auf einem hierarchischen Rollenverständnis von Mann und Frau basiert. Zwar wurden in den letzten Jahren in diversen muslimischen Ländern verschiedene Reformversuche unternommen. Doch diese wurden von konservativen Kräften oft als Angriff auf das islamische Recht und seine Werte zurückgewiesen, und so bleibt das Familienrecht bis heute Gegenstand kontroverser Debatten um kulturelle, rechtliche und religiöse Identität.

Die Islamisierung in Afghanistan, Irak, Iran, Syrien oder Türkei, um nur einige der Länder zu nennen, erschwert eine Reform des Familienrechts und somit auch die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau zusätzlich.Die Ehe im Islam ist ein Vertrag zwischen Mann und Frau. Dieses Verständnis gilt eigentlich auf der ganzen Welt als Ehe; und eine Einwilligung von beiden Seiten ist grundsätzlich erforderlich.

Die Heiratsfähigkeit wird im klassisch-islamischen Recht mit der Pubertät erreicht. Allerdings gibt es verschiedene Ansichten darüber, wann dieses Alter erreicht ist. Das positive Recht, dazu später mehr, kann ein höheres Alter vorsehen. Die Altersschranken vor allem für Mädchen bleiben in vielen islamischen Staaten jedoch tief und geht mitunter auf ein Alter von 10 Jahren der Mädchen aus. Auch wenn das positive Recht ein höheres Heiratsalter vorsieht, bleibt eine Ehe, die bereits zuvor nach islamischem Recht geschlossen wurde, oftmals gültig. Somit bleiben Kinderehen weiterhin möglich. Arrangierte Ehen sind in den Städten und gut florierenden Provinzen der Länder in dem der Islamische Glaube vorherrschend ist, seltener geworden, in ländlichen Gebieten jedoch immer noch oft praktiziert.

In Artikel 16 Absatz 2 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte steht: Die Ehe darf nur auf Grund der freien und vollen Willenserklärung der zukünftigen Ehegatten geschlossen werden. Zwangsverheiratung ist und bleibt eine Form von Gewalt im Namen der Ehe.

Um es gleich vorweg zu nehmen, Zwangsehen gibt es NICHT nur in de Islamischen Welt. Darauf habe ich in anderen Texten auch schon öfter hingewiesen. Täglich erlebe Frauen auf dieser Welt Gewalt und Diskriminierung!Täglich werden die Rechte und Gleichberechtigung der Frauen mit Füßen getreten.

Täglich werden Frauen im 21. Jahrhundert noch versklavt, zwangsverheiratete, gefoltert, ermordet und ihren Rechten beraubt!

Die patriarchalische Gesellschaft sieht Frauen als Feinde oder Gefährlich an. In Religionen werden Frauen nicht gleichgestellt in der Wirtschaft schon gar nicht. Frauen leisten oftmals weit aus mehr als der Gegenpart der Gattung Homo sapiens. Nun kommen gleich vielen Bilder von „Unterentwickelte“ Länder in den Sinn, wo Frauen auf ihren Köpfen Wasserkanister tragen. So weit muss man gar nicht! Frauenwahlrecht gibt es auch Deutschland erst seit 100 Jahren. Das Gleichberechtigungsgesetz von Frau und Mann ist in Deutschland auch noch nicht so lange.

Gewalt gegen Frauen ereignet sich weltweit täglich und in verschiedenen Kontexten. Es werden dazu psychische, physische und sexuelle Gewalt gerechnet. Die WHO benennt Gewalt gegen Frauen als eines der größten Gesundheitsrisiken für Frauen weltweit. In den vergangenen Jahrzehnten stieg die Sensibilität bezüglich Gewalt gegen Frauen stark an, was zu einer sich verringernden Dunkelziffer führte. In jüngster Zeit förderten auch Social Media-Bewegungen wie #MeToo diese Entwicklung.

Gewalt gegen Frauen und Mädchen stellt die häufigste Menschenrechtsverletzung weltweit dar.

Einem Bericht der UN zufolge wird mindestens eine von drei Frauen weltweit im Laufe ihres Lebens geschlagen, vergewaltigt oder ist auf andere Weise Gewalt ausgesetzt! Vom 25. November, der Tag gegen Gewalt an Frauen, bis zum 10. Dezember, dem Tag der Internationalen Menschenrechte, gab sehr viele Kundgebungen und Veranstaltungen um auch auf dieses Thema aufmerksam zu machen. Die „Orange Days“ fanden 2019 in 70 Länder der Welt statt.Jeder Mensch sollte die gleichen Rechte haben und dazu gehören auch Frauen. Bereits1993 wurde auf der Menschenrechtsweltkonferenz in Wien festgelegt, dass die volle und gleichberechtigte Teilhabe von Frauen am politischen, bürgerlichen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben, auf nationaler, regionaler und internationaler Ebene, und die Beseitigung aller Formen der Diskriminierung aufgrund des Geschlechts vorrangige Ziele der internationalen Gemeinschaft sind.Historisch betrachtet wird die Frauenbewegung und somit der „Frauenkampf“ in drei Wellen unterteilt.

Die erste Welle, die Mitte des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts datiert wird, setzte sich für das Frauenwahlrecht, Erwerbstätigkeit und das Recht auf Bildung für Frauen ein. Die zweite Welle in den Sechziger Jahren kämpfte unter anderem für sexuelle Selbstbestimmung, das Recht auf Abtreibung sowie Verhütung und gegen feste Frauenbilder. Die dritte Welle in den Neunziger Jahren steht für ein facettenreicheres Bild von „Weiblichkeit“, sexuelle Ausrichtung im Allgemeinen und die neue Rolle des Mannes.

Wo stehen wir heute?

In Zeiten, wo Gewalt und Vergelatigung an Frauen „Salonfähig“ ist, brauchte es noch sehr lange, bis wir da angekommen sind, wo am 27. August 1910 eigentlich der Grundgedanke FÜR die Rechten der Frauen geboren wurde. Nachfolgend mal einige Punkte, was erreicht wurde:

  • 1921 ist das Jahr, seit dem der Weltfrauentag am 8. März gefeiert wird
  • Short hair, don’t care: Kurze Haare sorgen in den 20ern für Freiheit auf Frauenköpfen
  • Lichtblick der 30er Marlene Dietrich macht Hosenanzüge salonfähig.
  • 1946 Bauch frei! In Frankreich wird der Bikini erfunden.
  • 1958 Das Gleichberechtigungsgesetz tritt in Kraft, ohne echte Verbesserungen im Alltag. Ausnahme: Frauen dürfen ohne Genehmigung ihres Mannes Auto fahren.1962 Frauen dürfen ein eigenes Bankkonto eröffnen.
  • 1960er Mit dem Mini beginnt eine neue Ära. Alice Schwarzer wird bei uns zur Symbolfigur des Feminismus. In den USA verbrennen Aktivistinnen ihre BHs.
  • 1971 374 Frauen – darunter Romy Schneider und Senta Berger – bekennen im Magazin Stern: „Wir haben abgetrieben!“
  • 1974/75 Frauenzentren, Frauenbuchläden und Frauenkneipen werden eröffnet. Ab den 80ern werden „Frauenthemen“ auch von „normalen“ Buchhandlungen und Verlagen entdeckt.
  • 1976 In Berlin öffnet das erste „Haus für geschlagene Frauen“.
  • 1976 Männer dürfen den Nachnamen ihrer Frau annehmen.
  • 1977 Das Eherecht schafft die „Hausfrauenehe“ ab. Bis dato war die Frau „zur Haushaltsführung verpflichtet“. Berufstätig durfte sie nur mit Einverständnis des Mannes sein und wenn sie ihre „familiären Verpflichtungen nicht vernachlässigt“. Auch das Scheidungsrecht wird reformiert. In diesem Jahr spricht der Deutsche Presserat erstmals eine Rüge wegen Sexismus aus.
  • 1978 Für Vergewaltigungsopfer wird ein Notruf eingerichtet.1970er Feministische Lehre und Forschung kommt an die Unis.
  • 1980 Das Gesetz zur Gleichbehandlung am Arbeitsplatz wird im Bundestag verabschiedet.
  • 1985 Der Begriff Gender-Mainstreaming fällt zum ersten Mal: Ungleichbehandlung aller Gender in allen Bereichen soll verhindert werden.
  • 1986 Das erste Bundesfrauenministerium wird eingerichtet.
  • 1990 Zeigt her eure Unterwäsche! Madonnas Cone Bra wurde legendär.1993 Heide Simonis wird die erste Ministerpräsidentin.
  • 1994 Frau und Mann dürfen nach der Heirat beide ihre Nachnamen behalten.1997 Endlich ist Vergewaltigung in der Ehe als Straftat zu ahnden. Der Bundestag beschließt dies mit überwältigender Mehrheit.
  • 1998 „Sex and the City“ läuft in den USA an: Weibliche Sexualität wird serientauglich.
  • 2001 Der erste Girls’ Day findet bei uns statt! Die Zeitschrift „Emma“ hatte den Töchter-Tag gegen die „typischen Frauenberufe“ lange gefordert.
  • 2001 In Deutschland wird die „eingetragene Partnerschaft“ Gesetz und die Rechte homosexueller Paare werden gestärkt.
  • 2003 Die Sicherheitsverwahrung von Sexualstraftätern kann nachträglich angeordnet werden.
  • 2005: Angela Merkel wird die erste Bundeskanzlerin.2006 Der Bundestag beschließt das Elterngeld.
  • 2006 Die Bibel in „geschlechtergerechter Sprache“ erscheint.
  • 2010 Die Deutsche Telekom führt die Frauenquote ein und entfacht damit die Diskussion um Frauen in Führungspositionen neu.
  • 2013 Die Aufschrei-Debatte über Alltagssexismus in Deutschland.
  • 2016 In DAX-Unternehmen gilt nun eine Frauenquote von 30 Prozent.
  • 2016 wird das Sexualstrafrecht reformiert: Nein heißt Nein! Auch wenn Frauen es „nur“ sagen
  • 2017 Weltweit gehen beim Women’s March am Tag nach Trumps Amtseinführung Hunderttausende auf die Straße.
  • 2017 dürfen homosexuelle Paare bei endlich heiraten und die Bräute dürfen sich jetzt küssen!
  • 2017 Zahlreiche Frauen beschuldigen den Filmproduzenten Harvey Weinstein der sexuellen Belästigung und Vergewaltigung. #MeToo und die Time’s-Up-Bewegung bringen das Thema sexualisierte Gewalt zurück auf die Tagesordnung.
  • 2018 Island setzt sich als erstes Land zum Ziel, bis 2022 den Gender Pay Gap vollständig zu schließen.
  • 2019 Diskussion um den Frauenanteil in unserem Bundestag.
  • 2020 Menstruationsartikel gelten nicht mehr als Luxus.

Nila Khalil, Den Haag, 8. März 2020

Das Friedensabkommen von Doha

Ich versuche nun das Friedensabkommen von Doha mal etwas einzuordnen

Autorin Nila Khalil

Ich habe eine Flut von Mails bekommen und musste über viele Stunden die alle erst lesen, dann übersetzten und zusammen geschrieben.

Zwei wichtige Dokumente für den Beginn eines afghanischen Friedensprozesses wurden unterzeichnet. Das Doha-Abkommen zur Friedenssicherung in Afghanistan und eine gleichzeitige bilaterale Erklärung zwischen den USA und Afghanistan. Die beiden Dokumente zusammen sollen die Tür für innerafghanische Friedensgespräche öffnen, dh zwischen der Taliban und der Islamischen Republik Afghanistan am 10. März.

Die Erklärung der Taliban, die Gewalt nach dem Ende der Woche der „Reduzierung der Gewalt“ am 2. März nicht niedrig zu halten; ihre anhaltende Weigerung, mit der afghanischen Regierung zu sprechen; die Weigerung der Regierung, Gefangene freizulassen, die die USA den Taliban mitgeteilt hatten, und der innenpolitische Konflikt nach den Wahlen in Kabul stellt jeweils ein erhebliches Hindernis für den geplanten Beginn der Gespräche dar.

Das „Doha-Abkommen“ Das am 29. Februar 2020 in Katars Hauptstadt Doha unterzeichnete „Abkommen zur Friedenssicherung in Afghanistan“ der USA und der Taliban bezeichnet sich selbst als zwei der „vier Teile“ dessen, was ausmachen wird ein zukünftiges „umfassendes Friedensabkommen“ für Afghanistan: Garantien der Taliban, Afghanistan nicht von Al-Qaida und ähnlichen Gruppen nutzen zu lassen, um die USA und ihre Verbündeten zu bedrohen und US- und andere ausländische Truppen abzuziehen.

Die Unterzeichner dieses Abkommens: Der US-Afghanistan-Gesandte Zalmay Khalilzad und der stellvertretende Vorsitzende der Taliban für politische Angelegenheiten, Mullah Abdul Ghani, besser bekannt als Mullah Baradar. Es wurde von US-Außenminister Mike Pompeo und Ministern und Top-Diplomaten aus fast 30 anderen Ländern bezeugt, aber nicht von jemandem aus der afghanischen Regierung oder einem anderen Vertreter der Islamischen Republik Afghanistans.

Das Doha-Abkommen ist als „die ersten beiden Teile“ eines „umfassenden Friedensabkommens“ vorhanden.

Die beiden Hauptteile des Doha-Abkommens sind: Garantien, Durchsetzungsmechanismen und Ankündigung eines Zeitplans für den Abzug aller ausländischen Streitkräfte aus Afghanistan“; angegeben als „alle Streitkräfte der Vereinigten Staaten, ihrer Verbündeten und Koalitionspartner, einschließlich aller nicht diplomatischen Zivilpersonen, privaten Sicherheitsunternehmen, Ausbilder, Berater und Hilfspersonal. Garantien und Durchsetzungsmechanismen, die verhindern, dass eine Gruppe oder Einzelperson den Boden Afghanistans gegen die Sicherheit der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten nutzt. Sie werden als Mitglieder der Taliban und „jede Gruppe oder Einzelperson, einschließlich al-Qaida“, angegeben.

Die erste Garantie bezieht sich auf eine große Forderung der Taliban, die behaupten, dass die Anwesenheit von US-amerikanischen und anderen ausländischen Truppen, die sie als „Besatzung“ bezeichnen, der Hauptgrund für den anhaltenden Krieg in Afghanistan ist. Die zweite Garantie legt die Maßnahmen fest, die die Taliban ergreifen müssen, um ein großes Sicherheitsbedenken der USA auszuräumen. Der US-Rückzug soll schrittweise erfolgen, und nur die zweite und letzte Phase sind zustandsabhängig. Erstens werden die USA 135 Tage nach der Unterzeichnung des Abkommens, dh bis Mitte Juli 2020, ihre Truppenzahlen auf 8.600 (derzeit 12-13.000) reduziert und sich vollständig von fünf Militärbasen zurückgezogen haben. NATO-Verbündete und andere Koalitionskräfte werden ebenfalls proportional reduziert.

Am Ende der zweiten Phase, die neuneinhalb Monate dauert, dh bis Ende April 2021, werden die USA den Rest ihrer Truppen abgezogen haben, aber nur „mit dem Engagement und den Maßnahmen in Bezug auf die Verpflichtungen der Taliban zum Teil 2 dieser Vereinbarung. Teil 2 befasst sich mit Bedrohungen der Sicherheit der USA und ihrer Verbündeten durch die Taliban, Al-Qaida und andere Gruppen. Darüber hinaus sieht das Doha-Abkommen vor, dass „innerafghanische Verhandlungen“, dh die echten afghanischen Friedensgespräche, am 10. März 2020 beginnen. Dies ist zehn Tage nach der Unterzeichnung des Abkommens. Dies ist eine Bestimmung, die ebenfalls als in einer früheren Vereinbarung enthalten gemeldet wurde. Entwurf der Vereinbarung, die bereits im September 2019 fast unterzeichnet wurde. Das Abkommen nennt zwei Ziele für diese Verhandlungen: Einen „dauerhaften und nachhaltigen Waffenstillstand“ und ein „Abkommen über die künftige politische Roadmap Afghanistans“.

Diese Vereinbarung legt den Taliban nur wenige Verpflichtungen auf.

Die Taliban hat sich verpflichtet, „keinem ihrer Mitglieder, anderen Einzelpersonen oder Gruppen, einschließlich Al-Qaida, zu erlauben, den Boden Afghanistans zu nutzen, um die Sicherheit der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten zu bedrohen“. Die Taliban setzen sich auch ausdrücklich dafür ein, dass freigelassene Gefangene die Sicherheit der USA und ihrer Verbündeten nicht gefährden dürfen. Die Hoffnung, dass die US-Verbündeten Afghanistan umfassen könnten, also die afghanische Regierungstruppen und Zivilisten, die in von der Regierung kontrollierten Gebieten leben, wurde durch die Wiederaufnahme der Gewalt gegen afghanische Streitkräfte durch die Taliban am Tag nach der Unterzeichnung des Abkommens zunichte gemacht. Die Verpflichtungen der Taliban gegenüber Al-Qaida und anderen Gruppen umfassen: „eine klare Botschaft senden“, dass sie „keinen Platz in Afghanistan haben.“ Verhinderung von Rekrutierung, Schulung und Spendenbeschaffung, die Mitglieder der Taliban anweisen, nicht mit ihnen zusammenzuarbeiten, keine Visa, Pässe oder andere Dokumente zur Verfügung zu stellen, die ihnen die Einreise nach Afghanistan ermöglichen.

Mit Asyl- oder Aufenthaltssuchenden in Afghanistan so umzugehen, dass diese Personen keine Bedrohung für die USA und ihre Verbündeten darstellen. Es gibt keine Bestimmung, die die Taliban verpflichtet, ausländische Kämpfer zu übergeben oder zu vertreiben. In der Tat wird der Begriff „ausländische Kämpfer“ überhaupt nicht verwendet. Vielmehr werden sie als solche bezeichnet, die eine Bedrohung für die USA und ihre Verbündeten darstellen. Einzelheiten darüber, wie die Verpflichtungen der Taliban überwacht und überprüft würden, fehlen in der Vereinbarung völlig! Es könnte in das Friedensabkommen aufgenommen worden sein, was Pompeo als die zwei „militärische Umsetzungsdokumente“ bezeichnete, die klassifiziert wurden, um „unsere Soldaten zu schützen“. Nur der US-Kongress habe Zugang zu ihnen, sagte er auf einer Pressekonferenz am 1. März 2020 in Washington DC.

Ein Bericht der Washington Post vom 28. Februar, der auf einem Interview mit General Austin „Scott“ Miller, dem Kommandeur der US-Truppen und der NATO Resolute Support Mission, basiert, zeigte, dass das US-Militär eine Art „Hotline“ mit den Taliban eingerichtet hatte, die es bereits gegeben hatte verwendet, um dringende Botschaften zu übermitteln, um Verstöße in der Woche zur Reduzierung von Gewalt zu beheben, die am 28. Februar 2020 endete. Eine solche Vereinbarung könnte verwendet werden, um Bedenken beider Seiten hinsichtlich der Bedrohung der US-Sicherheit durch Taliban oder andere Gruppen oder des Abzugs von US-Truppen auszuräumen. Im Gegensatz zu den Verpflichtungen der Taliban enthält das Abkommen neben dem Abzug ihrer Truppen noch viel mehr Verpflichtungen für die USA, obwohl alle die USA wirklich nur dazu verpflichten, das Angebot zur Erreichung verschiedener Ziele zu suchen oder zu beantragen. Die USA haben zugestimmt:Sie arbeiten mit um „allen relevanten Seiten“ an einem Plan zur Freilassung von bis zu 5.000 Taliban-Gefangenen und bis zu 1.000 Gefangenen der „anderen Seite“ (der Wortlaut ist seltsam, was darauf hinweist, dass dies möglicherweise nicht nur Afghanen betrifft, die von den Taliban gehalten werden, sondern möglicherweise auch ausländische Geiseln – oder es ist eine Möglichkeit zu vermeiden, die Regierungstruppen zu benennen, da die Taliban die afghanische Regierung nicht anerkennen) bis zum 10. März, dem „ersten Tag der innerafghanischen Verhandlungen.“

Der nächste Punkt ist die Aufhebung der Sanktionen gegen Taliban-Mitglieder, wenn die innerafghanischen Gespräche beginnen. Die USA werden ihre eigenen Sanktionen überprüfen, um sie bis zum 27. August 2020 aufzuheben und „diplomatische Zusammenarbeit mit anderen Mitgliedern des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen und Afghanistans“ aufzunehmen, um die UN-Sanktionen bis zum 29. Mai 2020 aufzuheben. Suche nach „positiven“ Beziehungen zu den Taliban und der neuen afghanischen islamischen Regierung nach der Ansiedlung, wie durch den innerafghanischen Dialog und die Verhandlungen bestimmt.

Suche nach wirtschaftlicher Zusammenarbeit für den Wiederaufbau eines Afghanistan nach der Besiedlung nicht in die inneren Angelegenheiten Afghanistans eingreifen und die Anerkennung und Billigung des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen für dieses Abkommen beantragen. Staatssekretär Pompeo sagte in seiner Pressekonferenz am 1. März auch, dass es keine „Nebengeschäfte“ gebe. Die US-afghanische ErklärungDer Titel der „Gemeinsamen Erklärung der Islamischen Republik Afghanistan und der Vereinigten Staaten von Amerika zur Friedenssicherung in Afghanistan“ vom 29. Februar 2020, in der die IRoA das Doha-Abkommen „zur Kenntnis nimmt“, spiegelt sich in der Verwendung ähnlicher Formulierungen wider und Konzepte, dass es als Kontext zum US-Taliban-Abkommen betrachtet werden muss.

Das Abkommen wurde notwendig, weil sich die Taliban weigerten, direkte Kontakte zu Regierungsbeamten aufrechtzuerhalten, und die USA einen Weg finden mussten, die afghanische Regierung trotz dieser Tatsache an Bord zu bringen. In der Erklärung heißt es: Das Abkommen zwischen den Vereinigten Staaten und den Taliban ebnet den Weg für innerafghanische Verhandlungen über eine politische Einigung und einen dauerhaften und umfassenden Waffenstillstand. Die Islamische Republik Afghanistan bekräftigt ihre Bereitschaft, an solchen Verhandlungen teilzunehmen, und ihre Bereitschaft, einen Waffenstillstand mit den Taliban abzuschließen.

Bezeichnenderweise bezieht sich diese Erklärung nicht auf den 10. März 2020 als das Datum, bis zu dem die innerafghanischen Friedensgespräche beginnen sollten. Es heißt lediglich, dass beide Seiten sich verpflichten, „die Voraussetzungen für eine politische Einigung“ und einen „dauerhaften, nachhaltigen Waffenstillstand“ zu schaffen. Die Vereinbarung scheint jedoch einen schnellen Zeitplan vorzusehen. Zum Beispiel hat sich die IRoA verpflichtet, mit dem UN-Sicherheitsrat zusammenzuarbeiten, um Mitglieder der Taliban zu entfernen, wenn die innerafghanischen Verhandlungen beginnen, und mit dem Ziel, dies bis zum 29. Mai 2019 nach Abschluss einer „Rahmenvereinbarung“ und eines „dauerhaften und umfassenden“ Waffenstillstands. Diese Bestimmung über eine Rahmenvereinbarung ist interessant.Es spiegelt den Ansatz des US-Gesandten Khalilzad wider, mit den Taliban zu verhandeln.

Im Januar 2019 erzielte er erstmals eine Rahmenvereinbarung mit den Taliban, in der die Tagesordnung für die Verhandlungen festgelegt und beide Parteien zu Gesprächen verpflichtet wurden. In einer zweiten Phase, von Januar 2019 bis Februar 2020, verhandelten beide Parteien die Einzelheiten der bereits vereinbarten Tagesordnungspunkte. Die US / IRoA-Erklärung greift einen Großteil des Doha-Abkommens auf, obwohl der Wortlaut häufig unterschiedlich ist.Ein umfassendes und in der Erklärung auch nachhaltig Friedensabkommen, das aus vier „miteinander verbundenen und unabhängigen“ Teilen besteht.Ein zweiphasiger Abzug der US-Truppen, der zweite auf Bedingungen beruhend und vertrauensbildende Maßnahmen wie ein Gefangenenaustausch und die Streichung von Taliban von UN-Sanktionen. Verpflichtung der USA, positive Beziehungen zu Afghanistan aufrechtzuerhalten und die Androhung von Gewalt gegen Afghanistan nicht zu nutzen.

Die afghanische Regierung verpflichtet sich hauptsächlich, sich den geplanten innerafghanischen Friedensgesprächen anzuschließen, ein Ziel, das sie ohnehin lange angestrebt hatte! Es übernimmt auch die Verpflichtung, Al-Qaida, das lokale islamische Staatsunternehmen, ISKP und andere terroristische Gruppen auf seinem Boden zu bekämpfen, auch durch die Herstellung oder den Vertrieb von Betäubungsmitteln. Im Gegensatz dazu gibt es im Abkommen zwischen den Taliban und den USA keinen Hinweis auf eine andere terroristische Gruppe außer Al-Qaida oder Betäubungsmittel.

Die USA verpflichten sich ferner zu: Weiterhin die afghanischen Sicherheitskräfte und andere Regierungsinstitutionen zu unterstützen und nach Finanzmitteln für sie suchen. Regionalen Konsens für eine politische Lösung in Afghanistan herstellen und sich nicht in afghanische innere Angelegenheiten eingreifen.Die USA bieten auch an, die Anti-Terror-Operationen gegen Al-Qaida, ISKP und „andere internationale Terroristengruppen“ fortzusetzen, wenn die Islamische Republik Afghanistan dies wünscht, im Einklang mit den gegenseitigen Verpflichtungen im Rahmen bestehender Sicherheitsabkommen.

Beide Seiten betonen die „besondere Bindung“ zwischen den USA und den afghanischen Sicherheitskräften, die in den Jahren ihres gemeinsamen Kampfes geknüpft wurden. Sie drücken auch ihr Engagement für ihre Investitionen in den Aufbau der afghanischen Institutionen aus, die zur Schaffung demokratischer Normen und der Rechte der Bürger erforderlich sind und für die Förderung des sozialen und wirtschaftlichen Fortschritts. Die USA bekräftigen ferner, dass sie die Islamische Republik Afghanistan als souveränen UN-Mitgliedstaat anerkennen. Dies liest sich wie eine Zusicherung, dass das Doha-Abkommen keine quasi-diplomatische Anerkennung der Taliban als legitime oder sogar parallele Regierung darstellt – daher die umständliche Formel, die im Abkommen des „Islamischen Emirats Afghanistan“ verwendet wird, das von den Vereinigten Staaten nicht anerkannt wird Staaten als Staat und bekannt als die Taliban.

Die IEA ist die Selbstbezeichnung der Taliban und drückt ihre Position aus, dass sie immer noch die legitime Regierung des Landes sind, die durch eine ihrer Ansicht nach illegale militärische Intervention gestürzt wurde. Die US-Intervention wurde vom UN-SC sanktioniert.Während die USA dies nicht anerkennen Die Taliban „als Staat“ haben die Bewegung als politische Einheit und Partei des Konflikts in Afghanistan anerkannt. Dies hat bereits aufeinanderfolgende Regierungen in Kabul verärgert, beginnend mit der Einrichtung des politischen Büros der Taliban im Jahr 2013 in Doha, wobei zunächst die IEA-Insignien und die Flagge verwendet wurden. Problematische Lücken und offene FragenDas auffälligste Merkmal des Abkommens von Doha ist, wie sehr es die afghanische Regierung und die IRoA aus dem Weg räumt und wie viel es daher einem diplomatischen Sieg der Taliban gleichkommt.

Dies trotz der gleichzeitig abgegebenen US-afghanischen Erklärung, die viele Erklärungen enthält, die Kabul versichern sollen, dass die US-Unterstützung fortgesetzt wird. Bei näherer Betrachtung sehen diese Unterstützungsbekundungen jedoch eher schwach aus. Die USA scheinen Verbündete finanziell zu belasten, beispielsweise die Finanzierung der afghanischen Streitkräfte, und haben Ghani bislang nicht offiziell als Wahlsieger 2019 anerkannt, was seine Position gegenüber den Taliban in den geplanten Gesprächen gestärkt hätte. Es wurde nur „bemerkt“, dass er zum Gewinner erklärt wurde und die neue Regierung aufforderte, inklusiv zu sein und die Bestrebungen aller Afghanen widerzuspiegeln. Die Erklärung und das Abkommen enthalten vier Details, die die Position der afghanischen Regierung weiter schwächen: Erstens haben die USA nicht angekündigt, ihren Truppenabzug erst dann abzuschließen, wenn ein Friedensabkommen abgeschlossen ist!

Erstens: Der Abschluss des Rückzugs, ist nur an die Verpflichtungen der Taliban gemäß Teil 2 des Abkommens gebunden, der sich mit Bedrohungen der Sicherheit der USA und ihrer Verbündeten durch die Taliban, Al-Qaida und ähnliche Gruppen befasst. Verteidigungsminister Esper nannte die 14-monatige Frist in einem Fernsehinterview am Tag der Unterzeichnung der Vereinbarung. Darüber hinaus bestand er über eine Stellungnahme in der Washington Post am 1. März darauf, dass der Rückzug von Fortschritten beim innerafghanischen Friedensabkommen abhängig sei. Dies wird jedoch weder in der Vereinbarung noch in der Erklärung erwähnt. Was das Abkommen betrifft, können die USA mit innerafghanischen Gesprächen und laufenden innerafghanischen Konflikten abreisen.

Zweitens: Schien die Bestimmung, dass die afghanische Regierung vor Beginn der innerafghanischen Friedensgespräche „bis zu 5.000“ Taliban-Gefangene freigelassen hat, nicht mit der Regierung vereinbart worden zu sein. Dem zuzustimmen würde bedeuten, dass die afghanische Regierung ihren einzigen starken Verhandlungschip mit den Taliban verschenkt, noch bevor die Gespräche beginnen. (Die Taliban haben diese Bestimmung als Freilassung aller ihrer Gefangenen gelesen, siehe diesen Medienbericht.) Drittens: Sieht das Abkommen nicht die künftige direkte Rolle der afghanischen Regierung vor. Es heißt nur, dass „afghanische Seiten“ an Gesprächen mit den Taliban teilnehmen sollten. In der Zwischenzeit bestand Sher Abbas Stanakzai von den Taliban in einem Interview am 29. Februar in Doha darauf, dass „es heute keine Regierung in Afghanistan gibt“, weil „die Regierungen Kabuls nicht anerkannt wurden weil sie„ Marionetten “sind.

Die Wahlen wurden nicht transparent abgehalten, und die öffentliche Wahlbeteiligung war recht gering. Viertens: Ist es ein Blickfang, dass das Abkommen zwischen den USA und den Taliban die USA und ihre Verbündeten schützt, nicht jedoch die afghanische Bevölkerung, Regierung oder Sicherheitskräfte vor Bedrohungen durch die Taliban und terroristische Gruppen wie Al-Qaida. Die USA haben dagegen eine für die Taliban äußerst günstige Einigung erzielt. Abdul Salam Za’if, ehemaliger Taliban-Diplomat, der nach seiner Inhaftierung in Guantánamo nach Kabul zurückkehrte (er betrachtet sich immer noch als Mitglied der Bewegung und verwendet „wir“ für die Taliban), sagte in einem Interview in Doha, wo er an der Unterzeichnung teilnahm Zeremonie, dass „alle“ ihre Forderungen erfüllt worden waren. Es war daher nicht verwunderlich, dass die Taliban die Unterzeichnung des Abkommens als „Tag des Sieges“ feierten.

Der Taliban-Führer Mawlawi Hebatullah Akhunzada verwendete den Begriff auch in einer Erklärung vom 29. Februar, die auf der Website der Taliban veröffentlicht wurde. Er sagte, die im Abkommen mit den USA verankerte „Beendigung der Besetzung Afghanistans“ sei ein „Sieg. Ein anderer Teil seiner Erklärung hat viele in der afghanischen Öffentlichkeit besonders geärgert, nämlich als er all jenen, die sich gegen die Taliban ausgesprochen hatten, Vergebung und Verzeihung anbot: „Jeder, der an Feindseligkeiten gegen das Islamische Emirat teilnahm oder Vorbehalte gegen das Islamische Emirat hat, ist vergeben und begnadigt für alle vergangenen Handlungen.“

Hadi Marifat, Exekutivdirektor der afghanischen Organisation für Menschenrechte und Demokratie, nannte dies eine Beleidigung, der Taliban-Führer hätte stattdessen „seine Opfer um Vergebung bitten“ sollen. Viele offene FragenEs gibt auch einige offene Fragen zu beiden Dokumenten, wie zum Beispiel: Was würde mit dem bestehenden bilateralen US-afghanischen Sicherheitsabkommen geschehen, das im Oktober 2014 unterzeichnet wurde und normalerweise unter dem Akronym BSA bekannt ist. Würde der Abzug des nicht-diplomatischen Zivilpersonals, privater Sicherheitsunternehmen, Ausbilder, Berater und des Personals der unterstützenden Dienste der amerikanischen und anderer Streitkräfte sowie der Streitkräfte anderer Nationen auch ausländische Geheimdienste, insbesondere CIA-Paramilitärs, abdecken? Die Taliban setzen ihren Kampf gegen die afghanischen Regierungstruppen fortUnmittelbar nach der Unterzeichnung des Abkommens töteten die Taliban jede Illusion, dass die einwöchige „Reduzierung der Gewalt“, die am 28. Februar endete, aber für den Tag der Unterzeichnung in Doha verlängert wurde, zumindest bis zum Beginn des Abkommens andauern könnte innerafghanische Friedensgespräche.

Am 1. März hatte Präsident Ghani seine Absicht angekündigt, die Reduzierung der Gewalt zumindest bis dahin aufrechtzuerhalten. Auch das US-Militär und die US-Diplomaten haben den Eindruck erweckt, dass, wie General Miller am 27. Februar sagte, „die Taliban ihre Angriffe nach der Woche der Reduzierung der Gewalt weiter reduzieren werden“, einschließlich der Angriffe auf afghanische Regierungstruppen. Aber Stanakzai sagte: Basierend auf dem Abkommen wird der Krieg zwischen dem Islamischen Emirat Afghanistan und den USA ab morgen (1. März) auf Null fallen, was bedeutet, dass sie keine Angriffe aufeinander inszenieren werden, sondern wenn es um den Krieg zwischen den Taliban und den USA geht Die Regierungstruppen von Kabul (Begriff, den die Taliban für die afghanische Regierung verwenden) benötigen ein neues Abkommen, das in den innerafghanischen Gesprächen erörtert wird.

Am Abend des 2. März bestätigte der Taliban-Sprecher Zabihullah Mujahed gegenüber AFP, dass: Die Reduzierung der Gewalt ist jetzt beendet und unsere Operationen werden normal fortgesetzt. Gemäß dem Abkommen (US-Taliban) werden unsere Mudschaheddin keine ausländischen Streitkräfte angreifen, aber unsere Operationen gegen die Regierungstruppen von Kabul werden fortgesetzt. Der Terror geht weiterKleine Kämpfe und andere Vorfälle ereigneten sich tatsächlich am Tag nach der Unterzeichnung des Abkommens. Zu den am 1. und 2. März gemeldeten Vorfällen gehörten: Kämpfe in Zabul. Ein Attentat auf einen Militäroffizier der Regierung in Kandahar.Berichte über die Entführung von 50 Zivilisten im von den Taliban kontrollierten Bezirk Chak in der Provinz Maidan Wardak.

Die Detonation einer Motorradbombe bei einem Fußballspiel in Nader Shah Kot, Provinz Khost, bei dem drei Zivilisten getötet wurden.Es war nicht sofort klar, ob dies die einzigen Vorfälle waren, die am 1. und 2. März stattfanden, ob die Taliban hinter einigen oder allen von ihnen steckten oder ob sie die Anzahl der Sicherheitsvorfälle bereits auf ein höheres Niveau als bei der Reduzierung von erhöht hatten Gewaltwoche.

Berichten zufolge hatte das afghanische Innenministerium am 3. März in den vergangenen 24 Stunden 33 Taliban-Angriffe in 16 Provinzen mit sechs Toten und 14 Verwundeten gezählt! Das ist deutlich mehr als in der Woche der „Reduzierung der Gewalt“, liegt aber immer noch 50 bis 60 Prozent unter dem üblichen Durchschnitt! Am Tag der Unterzeichnung des Abkommens von Doha wurden vier Polizisten getötet und ein fünfter verletzt, was der Polizeisprecher von Kandahar, Jamal Nasir Barakzai, als „ferngesteuerte“ Landminenexplosion im Bezirk Mianeshin in der Provinz Kandahar bezeichnete. Barakzai sagte, die Polizisten hätten einen Kontrollposten in der Gegend mit Lebensmittel versorgt. Während der Woche der Reduzierung der Gewalt waren Menschen in einer Reihe von Provinzen, aus die Straßen gegegen um ihre Forderung nach einem dauerhaften Waffenstillstand und Frieden zu demonstrieren. Die Ankündigung der Taliban, in den Krieg zurückzukehren, und diese ersten Angriffe, insbesondere gegen die Fußballspieler und Anhänger in Khost, haben möglicherweise bereits die Hoffnungen derer zunichte gemacht, die jetzt Frieden fordern. Hindernisse für die laufenden Gespräche.a) Freilassung der Gefangenen.

Das erste unmittelbar umstrittene Thema ist die Freilassung von Gefangenen, die im US-Taliban-Abkommen vorgesehen ist, bevor die Gespräche am 10. März beginnen und in der US-afghanischen Erklärung vager formuliert sind: Um die Voraussetzungen für eine politische Einigung und einen dauerhaften, nachhaltigen Waffenstillstand zu schaffen, wird die Islamische Republik Afghanistan an einer von den USA unterstützten Diskussion mit Vertretern der Taliban über vertrauensbildende Maßnahmen teilnehmen, um zu prüfen, ob eine erhebliche Anzahl von Gefangenen freigelassen werden kann beide Seiten. Die Vereinigten Staaten und die Islamische Republik Afghanistan werden das IKRK um Unterstützung bitten, um diese Diskussion zu unterstützen. Es scheint offensichtlich, dass Khalilzad den Taliban die Freilassung von Gefangenen versprochen hatte, ohne die Zustimmung von Präsident Ghani zu erhalten.

Ghani hatte bereits am 20. Februar mehr als eine Woche vor der Unterzeichnung des Doha-Abkommens klargestellt, dass dieses Thema Teil der Verhandlungen der afghanischen Regierung mit den Taliban sein muss. Auf einer Pressekonferenz in Kabul am 1. März bekräftigte er, dass er „keine Verpflichtung“ zur Freilassung von 5.000 Gefangenen eingegangen sei, dass die Freilassung von Häftlingen „nicht im Bereich der USA liege. Nur die afghanische Regierung hat diese Autorität.“ Er sagte, das Thema „könnte in die Tagesordnung der innerafghanischen Gespräche aufgenommen werden“, könne aber nicht „eine Voraussetzung für Gespräche“ sein. Anstelle des fast sofortigen Gefängnisaustauschs, der in der Vereinbarung vorgesehen ist, ist in der Erklärung kein Zeitplan festgelegt.

Vielmehr wird der Gefängnisaustausch als Beispiel für eine „vertrauensbildende Maßnahme“ angeführt, bei der die USA Gespräche zwischen der afghanischen Regierung und den Taliban führen sollen. Zu diesem Zweck hatte Ghani vor der Unterzeichnungszeremonie ein sechsköpfiges Verhandlungsteam nach Doha geschickt. Die Taliban sagten, sie hätten sich geweigert, die Gruppe zu treffen. Am 2. März sagte ein Sprecher des Präsidenten, das Team habe „Kontakt“ mit den Taliban aufgenommen. Am 3. März bestätigte Suhail Shahin, der Sprecher des Doha-Büros der Taliban, dies indirekt, bestand jedoch darauf, dass sich nur „die für die Gefangenen auf beiden Seiten zuständigen Behörden treffen könnten, um die Freilassung der Gefangenen zu erörtern“. Die Gefangenenfrage gibt Ghani die Möglichkeit, die Taliban, die sich bisher geweigert haben, direkt mit Vertretern der Regierung zu verhandeln, dazu zu bringen, sich offiziell mit der Regierung zusammenzusetzen und nicht nur mit Einzelpersonen in ihren privaten Funktionen, wie dies der Fall war während des innerafghanischen Dialogs im Juli 2019 in Doha.Wenn Kabul die Taliban nicht dazu bringen kann, die Regierung als mindestens ein Element des Verhandlungsteams der anderen Seite zu akzeptieren, würde dies den Taliban von Beginn der Friedensgespräche an die Oberhand geben.

Die Taliban würden nur einer heterogenen Delegation gegenüberstehen, die die Verwaltung nicht vertritt. Noch schädlicher wäre es, wenn die Taliban ein Veto einlegen könnten, wer ein „akzeptables“ Mitglied der Kabuler Delegation ist, wie dies auch für das Doha-Treffen im Juli 2019 der Fall war. Stanekzai hat klargestellt, dass wie im Abkommen zwischen den USA und den Taliban festgelegt, die innerafghanischen Gespräche am 10. März erst beginnen würden, „sobald 5.000 unserer Geiseln freigelassen wurden. Wenn die Gefangenen nicht rechtzeitig freigelassen werden, werden sich die innerafghanischen Gespräche verzögern.“ b) Wohin ein Kabul-Verhandlungsteam? Nur noch eine Woche bis zum angeblichen Beginn der afghanischen Friedensgespräche, sind die beiden Regierungschefs der Nationalen Einheit, die in der Praxis seit langem praktisch nicht mehr existieren, Ashraf Ghani und Dr. Abdullah, jetzt im Streit darüber, wer gewann die Präsidentschaftswahl im September 2019.

In den letzten Tagen hat das Ghani-Lager darauf bestanden, dass er die Wahl gewonnen hat, basierend auf dem Urteil der Unabhängigen Wahlkommission vom 18. Februar. Abdullah hat nicht eingeräumt, eine Haltung, die irgendwie durch das Versäumnis der meisten Regierungen gestützt wird, Ghani zu seiner zweiten Amtszeit zu gratulieren. Das Ghani-Lager versuchte, Abdullah an Bord zu bringen, indem es Abdullah eine Rolle als Leiter des IRoA-Verhandlungsteams anbot, dessen Mitglieder von dem geplanten Beginn der innerafghanischen Gespräche nominiert werden müssen. Es bot jedoch keine exekutive Regierungsrolle an und hat sich geweigert, eine neue Version der National Unity Government (NUG) in irgendeiner Form zu akzeptieren. Abdullah hat in keiner Weise eine öffentliche Erklärung zu diesem Angebot abgegeben, außer dass es zu diesem Thema keine Kontakte zum Palast gab und dass die Bemühungen zur Bildung eines Verhandlungsteams beschleunigt werden, sobald der US-Chefunterhändler Zalmay Khalilzad Kabul besucht. Dass Abdullah, im Gegensatz zu den meisten anderen Schwergewichts-Politikern an der Zeremonie zur gemeinsamen Erklärung der USA und Afghanistans am 29. Februar in Kabul teilnahm, könnte als versöhnlicher Schritt angesehen werden. Er hat jedoch klargestellt, dass seine Anwesenheit keine Anerkennung dafür darstellt, dass Ghani die Wahl gewonnen hat. Während einer separaten Pressekonferenz erklärte er, dass er als Teil der NUG anwesend sei. Wahrscheinlicher war seine Anwesenheit darauf ausgelegt, weiterhin gute Beziehungen zu den USA zu gewährleisten.

Bisher scheinen die beiden politischen Lager zumindest in dieser Frage eine gemeinsame Sprache gefunden zu haben, dass Gespräche mit den Taliban eng mit der Verteidigung dessen verbunden sind, was beide heute als „republikanisches System“ bezeichnen, wie es in der aktuellen Verfassung verankert ist. Es gibt jedoch keinen Hinweis darauf, dass sie sich getroffen haben, um ein Team oder eine Verhandlungslinie zu erörtern, oder dass entweder Ghani oder Abdullah Maßnahmen ergriffen haben, um die Beteiligung einer breiteren afghanischen Gesellschaft sicherzustellen, die von der organisierten Zivilgesellschaft vertreten wird und Frauen als Schlüssel darstellt Komponente im Verhandlungsteam. Es gibt in der Tat keine Anzeichen dafür, dass sie die Notwendigkeit einer engen Koordinierung bei der Verteidigung der demokratischen und Menschenrechte der afghanischen Bürger, wie sie im gegenwärtigen afghanischen Rechtssystem verankert sind, zumindest vollständig berücksichtigt haben. Wenn diese beiden Führer keinen für beide Seiten akzeptablen Kompromiss zwischen der Regierung und dem Verhandlungsteam erzielen, würde dies eindeutig jede IRoA-Delegation in Gesprächen mit den Taliban in hohem Maße untergraben. c) drohende Einweihungen Für die Zeit der Unterzeichnung der Erklärung schien der Streit zwischen Abdullah und Ghani über den Präsidenten in einen Waffenstillstand geraten zu sein, da die beiden Rivalen die Pläne für ihre Einweihungszeremonien am 26. Februar 2020 verschoben hatten, vermutlich aufgrund des Drucks der USA.

Nun scheint Ghani zumindest einen neuen Termin im Tagebuch zu haben, den 9. März 2020, am Tag vor Beginn der Friedensgespräche. Mitglieder des Lagers Ghani scheinen jedoch zu glauben, dass das Datum nicht in Stein gemeißelt ist, zumal sich die Gemeinsame Erklärung nicht darauf bezieht. Die jüngste Haltung der US-Regierung zum Streit um das Präsidentenamt ist nicht klar. Ein am 26. Februar von US-Gesandter Khalilzad veröffentlichter Tweet, der besagt, dass „der Wahlprozess abgeschlossen ist, Präsident Ghani, als erklärter Gewinner“, wurde weithin als Anerkennung von Ghanis Sieg in Kabul interpretiert. Es war jedoch weit entfernt von den üblichen offiziellen Glückwünschen, die neu gewählte Präsidenten erhalten hatten, keine große Gewissheit darüber zu haben, dass Washington seinen Anspruch unterstützt. Fazit Mit ihrer Zustimmung zu den Taliban haben die USA die afghanische Regierung und die Republik weiter untergraben und den Taliban einen diplomatischen Sieg beschert. Darüber hinaus hängt die Vereinbarung jetzt an einem sehr dünnen Faden.

Khalilzads offensichtlicher Doppelhandel, den Taliban mitzuteilen, dass ihre Gefangenen befreit werden würden, ohne dass Ghani diesbezüglich eine Einigung erzielt, droht die innerafghanischen Gespräche von Anfang an zu untergraben. Seine Zustimmung zu den Forderungen der Taliban an die Gefangenen würde Kabuls einzige starke Karte als Gegenleistung für das Versprechen, Gespräche aufzunehmen, wegnehmen. Es ist nicht verwunderlich, dass Ghani den Freilassungen nicht zugestimmt hat, obwohl dies ihn in eine noch prekärere Lage brachte, da er das Risiko eingeht, die USA, den wichtigsten Geldgeber und militärischen Unterstützer seiner Regierung, zu bekämpfen. Dieses jüngste Beispiel der USA, die die afghanische Regierung untergraben, war nicht das erste: Die Wahlen wurden auch durch Khalilzads Rede von einer „Übergangsregierung“ beschädigt, und das Fehlen jeglicher ausdrücklicher Unterstützung für wichtige Verfassungsinstitutionen im Abkommen ist ebenfalls besorgniserregend. Am wichtigsten ist, dass die USA vor langer Zeit ihren ursprünglichen Ansatz aufgegeben haben, dass „nichts vereinbart wird, bis alles vereinbart ist“, als sie beschlossen, die beiden Themen der Gespräche zwischen der Taliban- und der afghanischen Regierung und einen dauerhaften Waffenstillstand in die Zeit nach ihrer Entfernung zu verbannen ( der Hauptfeind der Taliban). Darüber hinaus sollen seine Verpflichtungen dazu führen, dass afghanische Regierungstruppen oder Zivilisten ungeschützt bleiben.

Der Rückzug begann „heute“, teilte Trump der amerikanischen Öffentlichkeit am 1. März mit, und der Befehl zum Beginn des Rückzugs wurde am 2. März erteilt. In der Zwischenzeit haben die Taliban beschlossen, ihre „Reduzierung der Gewalt“ nicht über die Unterzeichnung des Abkommens hinaus auszudehnen. Afghanen sehen sich nun der unangenehmen Aussicht gegenüber, dass der „Dschihad“ der Taliban nur andere Afghanen anspricht, fast alle Mitmuslime. Dies war der eigentliche Charakter der meisten Kriegsanstrengungen der Taliban seit dem Ende 2014 abgeschlossenen ISAF-Rückzug. jetzt ist es offiziell geworden.

Die USA haben unterdessen die Wahl, ob sie sich an die im Doha-Abkommen festgelegte Bedingung halten oder nicht, wenn sie über ihren Truppenabzug entscheiden. Vor dem Hintergrund der Entscheidung der Taliban, die Angriffe auf afghanische Regierungstruppen und möglicherweise zivile Regierungsanlagen, jedoch nicht auf US-amerikanische oder andere ausländische Ziele, wieder aufzunehmen, begann das umstrittene Problem des Gefangenenaustauschs und die innenpolitischen Turbulenzen zwischen den Lagern Ghani und Abdullah in Kabul innerafghanische Friedensgespräche innerhalb der geplanten zehn Tage erscheinen zunehmend unwahrscheinlich. Nur drei Tage nach der Unterzeichnung des Doha-Abkommens und der gemeinsamen US-afghanischen Erklärung wird bereits geklärt, was geschehen muss, bevor sich afghanische Parteien zusammensetzen können, um über den Frieden zu diskutieren. Das mag geklärt werden, aber anscheinend nicht ohne Zugeständnisse von Ghani oder den Taliban oder beidem an Gefangene. In der Zwischenzeit widerspricht die Wiederaufnahme der Taliban-Angriffe dem Geist des Doha-Abkommens. Die geringe Hoffnung und Dynamik, die durch die siebentägige Reduzierung der Gewalt in diesem gewalttätigsten Konflikt der Welt geschaffen wurde, ist möglicherweise bereits verloren gegangen.

Nila Khalil, Vorsitzende von Afghan Women’s Network und Mitglied der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen in Genf. 16. April 2020

Afghanische Kriegsverbrechen vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag

Afghanische Kriegsverbrechen vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag

Autorin Nila Khalil

Die afghanische Regierung verhindert einen weiteren Versuch eine Untersuchung des IStGH gegen Kriegsverbrechen ab den Jahr 2003 zu verhindern.

Die afghanische Regierung hat beim IStGH einen Antrag gestellt, die Ermittlungen des IStGH in Afghanistan aufzuschieben, da inländische Ermittlungen zu mutmaßlichen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit auf afghanischem Boden stattfinden. Sie argumentiert, dass die IStGH Untersuchungen nicht erforderlich seien. Dieser Antrag wurde gestellt, nachdem die Berufungskammer des Internationalen Strafgerichtshofs der Staatsanwaltschaft des IStGH im März 2020 die Zuständigkeit für diese Verbrechen übertragen hatte. Um ihre Behauptung zu beweisen, belegte die afghanische Regierung 151 untersuchte Fälle und bittet um einen Aufschub bis zum 12. Juni 2020, um weitere Informationen und Unterlagen zu diesen Fällen einzureichen. Die Staatsanwaltschaft des IStGH akzeptierte den Antrag.

Die Chefanklägerin Fatou Bensouda vom IStGH teilte den Richtern der Vorverfahrenskammer am 15. April 2020 mit, dass die afghanische Regierung einen Antrag auf Aufschub ihrer Untersuchung von Fällen gestellt habe. Die Anfrage erfolgte als Antwort auf die Mitteilung der Staatsanwaltschaft an Afghanistan und andere relevante Staaten über die Entscheidung der Berufungskammer des IStGH, eine Untersuchung mutmaßlicher Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu genehmigen, die seit dem 1. Mai 2003 auf afghanischem Gebiet begangen wurden. Die Untersuchung umfasst auch begangene Verbrechen in CIA Gefängnisse in Polen, Rumänien und Litauen, die seit dem 1. Juli 2002 einen Zusammenhang mit dem Krieg in Afghanistan haben, die sogenannten „außerordentlichen Überstellungen“ der CIA von „Krieg gegen den Terror“ -Häftlingen durch diese Staaten.

In ihrem Antrag stellt die afghanische Regierung die Annahme des IStGH in Frage, dass sie keine echten Ermittlungen durchführt. Die Regierung gibt an, dass sie „Staatsangehörige oder andere Personen in diesem Zuständigkeitsbereich“ untersucht oder untersucht hat, die angeblich Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben.

Die Ermittlungen und Verfahren… decken Vorwürfe von Verbrechen ab, die von afghanischen Streitkräften, den Taliban und anderen terroristischen Gruppen und internationalen Streitkräften begangen wurden. Die mutmaßlichen Verbrechen, die von den afghanischen Behörden untersucht wurden oder werden, umfassen sowohl Kriegsverbrechen als auch Verbrechen gegen die Menschlichkeit, einschließlich Luftangriffen auf Zivilisten, Angriffe auf Zivilisten und ziviles Eigentum, Tötung und Verletzung von Zivilisten, Inhaftierungen und Folter sowie Zerstörung von zivilen Einrichtungen.

Die Regierung bestätigt 151 Fälle für diese Behauptung. Dazu gehören 33 Fälle von Kriegsverbrechen und drei Fälle von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, an denen Mitglieder der Taliban und angeschlossene Gruppen beteiligt waren. 26 Fälle von Kriegsverbrechen gegen die afghanischen Nationalen Sicherheitskräfte (ANSF) und internationale Streitkräfte; vier Kriegsverbrechen und drei Verbrechen gegen die Menschlichkeit, an denen Mitglieder des Islamischen Staates für die Provinz Khorasan beteiligt waren, und 47 Fälle von Folter im Gefängnis Pul-e Charkhi (dem größten des Landes), im Internierungslager Bagram, im Internierungslager Kabul und in den Haftzentren der Nationalen Direktion für Sicherheit (Inlandsgeheimdienst) in Kabul und anderen Provinzen. Darüber hinaus wurden 30 Kriegsverbrechen und fünf Verbrechen gegen die Menschlichkeit untersucht, bei denen die Identität der Täter derzeit nicht bekannt ist.

Zu den Verbrechen, die Mitgliedern der Taliban zugeschrieben werden, gehören Mord, Folter, brennende Zivilisten, Geiselnahme, Selbstmordattentate, Zwangsheirat von Frauen und Vergewaltigung von Kindern. Zu den Fällen gegen die ANSF gehören die Begehung von Mord, Verletzungen, Tötungen von Zivilisten (von Mitgliedern des NDS begangen) und die Zerstörung von Zivilobjekten. Luftangriffe auf zivile Häuser und Objekte in den Provinzen Kapisa, Nangrahar und Badghis sind die Verbrechen, die der von internationalen Truppen unterstützten afghanischen Luftwaffe zugeschrieben werden („Resolute Support Mission Forces“). Verbrechen, die gegen Mitglieder der IS untersucht werden, sind Selbstmordattentate, bei denen Zivilisten getötet und Schulen gewaltsam gestürmt wurden.

Von diesen 151 Fällen räumt die Regierung ein, dass nur 28 vor Gericht gestellt wurden oder zu einer Verurteilung der Täter geführt haben. Die verbleibenden 123 Fälle werden untersucht und / oder Haftbefehle gegen Verdächtige wurden an die afghanische Nationalpolizei (ANP) und Inlandsgeheimdienst gerichtet. In der Anfrage an den IStGH wurde nicht angegeben, ob Verdächtige in diesen 123 Fällen festgenommen wurden.

Die afghanische Regierung gab keine näheren Angaben zu den Fällen, sagte jedoch, sie werde vor dem 12. Juni 2020 zusätzliche Informationen und unterstützende Materialien vorlegen, die „sowohl die Vergangenheit als auch die aktuelle nationale Untersuchung“ abdecken. Die Regierung bat um mehr Zeit mit der Begründung, dass die Covid-19-Pandemie Schwierigkeiten beim Sammeln wesentlicher Dokumente und Materialien für den Antrag verursacht habe. Der Antrag der afghanischen Regierung wird gemäß Artikel 18 des IStGH gestellt. Es soll das Prinzip der Komplementarität stärken, wonach das Gericht wirksame innerstaatliche Ermittlungen in Bezug auf Kriegsverbrechen aufnimmt. Sobald die IStGH-Richter eine Untersuchung genehmigt haben, muss der Staatsanwalt die zuständigen Staaten informieren, die dann 30 Tage Zeit haben, um zu reagieren. Die afghanische Regierung hat daraufhin Artikel 18 Absatz 2 verwendet, um einen Aufschub zu beantragen, sowie Regel 53 der Geschäftsordnung des IStGH.

Artikel 18 Absatz 2 lautet:

Innerhalb eines Monats nach Erhalt dieser Mitteilung kann ein Staat den Gerichtshof darüber informieren, dass er seine Staatsangehörigen oder andere in seinem Zuständigkeitsbereich befindliche Personen in Bezug auf Straftaten untersucht oder untersucht hat, die Straftaten gemäß Artikel 5 darstellen können und sich auf die bereitgestellten Informationen beziehen in der Mitteilung an die Staaten.

Grundsätzlich heißt es in diesem Absatz, dass ein Vertragsstaat des Statuts, in diesem Fall Afghanistan, das Recht hat, die Zulässigkeit bestimmter Fälle, jedoch nicht der gesamten Untersuchung, anzufechten, indem er Beweise vorlegt, die entweder „seine Staatsangehörigen oder andere in seinem Zuständigkeitsbereich“ nachweisen können.; Werden untersucht oder wurden im Inland untersucht. Wenn dies zutrifft, wäre der IStGH nicht für die Fälle dieser Personen zuständig, wenn sie Gegenstand einer innerstaatlichen Untersuchung oder Strafverfolgung sind.Auf Ersuchen dieses Staates verschiebt der Staatsanwalt die Untersuchung dieser Personen durch den Staat, es sei denn, die Vorverfahrenskammer beschließt auf Antrag des Staatsanwalts, die Untersuchung zu genehmigen.

Dies bedeutet, dass der Staatsanwalt, wenn er den Antrag eines Staates auf Aufschub erhält und davon überzeugt ist, dass glaubwürdige Ermittlungen stattfinden, jede Untersuchung gegen diese Personen aufschiebt. Wenn der Staatsanwalt nicht von den Forderungen des Staates überzeugt ist, kann er eine gerichtliche Genehmigung einholen, um die Untersuchung fortzusetzen.

Die Kernbotschaft dieser Delegationen und von Präsident Ghani war, dass die afghanische Regierung bereit ist, die mutmaßlichen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu untersuchen, aber Zeit braucht, um ihre nationalen Kapazitäten aufzubauen. Ziel war es, den Staatsanwalt des IStGH davon zu überzeugen, keine Genehmigung bei der Untersuchungskammer einzuholen.

Um ihre nationalen Kapazitäten zu verbessern, hat die afghanische Regierung einige praktische Schritte unternommen, um ihre Absicht zur Verfolgung von Kriegsverbrechen zu demonstrieren, indem sie beispielsweise Straftaten gemäß Artikel 5 in ihr überarbeitetes Strafgesetzbuch aufgenommen hat, das 2018 in Kraft trat. Die einrichtung der International Crimes Investigation Unit (ICIU) innerhalb der Struktur ihrer Generalstaatsanwaltschaft zur Untersuchung von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit und durch die Übersetzung in seine Landessprachen (Dari und Paschtu) und die Veröffentlichung im Amtsblatt im Jahr 2018.

Diese Schritte wurden als Argumente verwendet, um die Position der afghanischen Regierung zu verteidigen, dass sie ihren Untersuchungsverpflichtungen sowohl dem IStGH nachgekommen ist und nationales Recht, wie in seiner Erklärung widergespiegelt, die während der Berufungsverhandlungen beim IStGH im Dezember 2019 vorgelegt wurde. Dies sind zwar Schritte zu mehr Rechenschaftspflicht bei Kriegsverbrechen in Afghanistan, aber sie reichten aus mehreren Gründen nicht aus, um sie dem IStGH zu demonstrieren dass die Regierung bereit und in der Lage war, Ermittlungen aufzunehmen und strafrechtlich zu verfolgen.Erstens: Existiert das 2007 vom afghanischen Parlament verabschiedete und seit 2008 geltende „Amnestiegesetz“ immer noch.

Das Gesetz sieht diejenigen straflos vor, die seit 1978 Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben ( habe schon darüber berichtet), auch für solche Verbrechen, die angeblich nach dem 1. Mai 2003 begangen wurden und unter die zeitliche Zuständigkeit des IStGH fallen. Ähnliche Bedenken hinsichtlich der Straflosigkeit wurden im Zusammenhang mit der Initiative zur Freilassung von Taliban-Gefangenen im Zusammenhang mit den laufenden Friedensbemühungen geäußert.

Zweitens: Dies ist das erste Mal in der Geschichte, dass diese Bestimmungen (ein Aufschubantrag) der IStGH-Kernrechtsdokumente verwendet wurden. Daher gibt es keine offiziellen Leitlinien oder Interpretationen. Eine eingehende Prüfung dieser Bestimmungen zeigt jedoch, dass der Staatsanwalt den Antrag der afghanischen Regierung auf der Grundlage der sogenannten „Komplementaritätsschwellen“ prüfen muss, wobei das Gericht die Fähigkeit und Bereitschaft eines Staates beurteilt, die am meisten verantwortlichen Personen zu untersuchen Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Sinne von Artikel 5 des Statuts.

Die Staatsanwaltschaft muss dies auf der Grundlage der vom Staat vorgelegten Beweise beurteilen, die sie auch überprüfen müsste, ob sie echt sind. Die „verantwortungsvollsten Personen“ könnten diejenigen sein, die eine Schlüsselrolle bei der Politikgestaltung und der Anordnung oder Verurteilung der mutmaßlichen Verbrechen gespielt haben. Während des Prüfungsverfahrens könnte die Staatsanwaltschaft prüfen, ob die von der afghanischen Regierung vorgelegten Fälle gegen die „verantwortungsvollsten“ Täter gerichtet sind, die ihre Ermittlungen implizieren könnten, und ob die Verdächtigen auf die Begehung derselben Art von Verhalten untersucht werden, die sie tun würde wahrscheinliches Ziel. Daher erwähnte die Staatsanwaltschaft in ihrer Mitteilung vom 15. April, dass sie nach Erhalt der versprochenen Informationen und unterstützenden Materialien entscheiden wird, ob diese Materialien den „Umfang“ ihrer Untersuchung beeinflusst oder nicht.Bevor die Staatsanwaltschaft des IStGH 2017 ihren Antrag bei der Vorverfahrenskammer auf Genehmigung einer Untersuchung in Afghanistan einreichte, übermittelte die afghanische Regierung der Staatsanwaltschaft Einzelheiten zu 15 Fällen.

Die Fälle, die von afghanischen Institutionen untersucht wurden, betrafen Verbrechen afghanischer Soldaten, Mitglieder des Haqqani-Netzwerks (habe im November schon darüber berichtet) und Mitglieder von Milizgruppen. Mit Ausnahme von Anas Haqqani und Hafez al-Rashid, zwei hochrangigen Mitgliedern des Haqqani-Netzwerks, die 2019 bei einem Gefangenentausch freigelassen wurden, waren die anderen Täter unauffällige Personen, und ihre kriminellen Handlungen stellten keine Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar.

Andere Versuche, das Gericht mit seinen Straßanträge aufzuschieben.

Dies ist nicht das erste Mal, dass die afghanische Regierung versucht, die IStGH-Untersuchungen in Afghanistan zu verhindern. Seit ihrer ersten direkten Kommunikation mit dem IStGH im Jahr 2016 hat die afghanische Regierung immer erklärt, dass die Gerechtigkeit der Opfer von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Zusammenhang mit den Afghanistan-Konflikten Teil ihrer innenpolitischen Agenda ist. Bevor der Staatsanwalt in Den Haag die Erlaubnis der Vorverfahrenskammer einholte, im November 2017 eine Untersuchung einzuleiten, entsandte die afghanische Regierung mindestens vier Delegationen, um IStGH-Beamte persönlich zu treffen. Präsident Ashraf Ghani traf Fatou Bensouda zweimal, auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2017 und auf der UN Generalversammlung in New York im September 2017.

Die Kernbotschaft dieser Delegationen und von Präsident Ghani war, dass die afghanische Regierung bereit war, die mutmaßlichen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu untersuchen, aber Zeit brauchte, um ihre nationalen Kapazitäten aufzubauen. Ziel war es, den Staatsanwalt des IStGH davon zu überzeugen, keine Genehmigung bei der Untersuchungskammer einzuholen. Deßweiteren verfügt die International Crimes Investigation Unit der afghanischen Regierung, die mit der Untersuchung von Kriegsverbrechen beauftragt war, über sehr begrenzte Kapazitäten in Bezug auf Quantität und Qualität. Die 22 Mitarbeiter haben fast keine Berufserfahrung im internationalen Strafrecht oder in der Dokumentation internationaler Verbrechen, einem hochspezialisierten und komplexen Rechtsgebiet. Die Einheit hat noch keinen Fall vor einem Gericht eingereicht. Auch wurde noch keine Maßnahemen ergriffen ein Gericht zu autorisieren, an das diese Einheit ihre Fälle vorbringen kann.

Zum nächsten erfordert die Untersuchung von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit Schutzmechanismen für Opfer und Zeugen, die auch noch von keinem afghanischen Gesetz vorgesehen sind. Angesichts der gegenwärtigen politischen Turbulenzen in Afghanistan wäre es realistisch für die afghanische Regierung eine Herausforderung, die politische Stärke zu haben, frühere oder derzeitige Beamte auf höchster Ebene zu verfolgen, die möglicherweise die Verantwortung auf Befehlsebene für Kriegsverbrechen tragen.

Was die Anfrage an den IStGH nicht abdeckt.

Unter den 151 Fällen, die die afghanische Regierung in ihrem Aufschubantrag dargelegt hat, deckt keiner die mutmaßlichen Verbrechen ab, die den Streitkräften der Vereinigten Staaten oder ihrer Central Intelligence Agency (CIA) im Antrag der IStGH Staatsanwaltschaft auf eigene Ermittlungen zugeschrieben wurden. Die afghanische Regierung hat mit den USA, der NATO und anderen ausländischen Regierungen Abkommen über den Status der Streitkräfte unterzeichnet, die ihnen das ausschließliche Recht einräumen, ihre eigenen Soldaten zu verfolgen (Text des Abkommens mit der NATO, Artikel 11 werde ich noch schreiben).Nach einer zehnjährigen Voruntersuchung wurde der Antrag der Staatsanwaltschaft in Den Haag im November 2017 bei der Vorverfahrenskammer und im Dezember 2019 bei der Berufungskammer eingereicht. Auf der Grundlage dieser Inhalte ermächtigten die Richter der Berufungskammer sie, eine Untersuchung in Afghanistan einzuleiten. In dem Antrag wurden die US-Streitkräfte und die CIA sowie die Taliban und ihre angegliederte Gruppe (das Haqqani-Netzwerk) und die afghanischen nationalen Sicherheitskräfte, insbesondere die NDS, als die wichtigsten mutmaßlichen Gruppen bei der Begehung von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschheit genannt.

In Aktennummer 187 des Antrags heißt es:

Die verfügbaren Informationen bieten eine vernünftige Grundlage für die Annahme, dass Angehörige der US-Streitkräfte in der Zeit seit dem 1. Mai 2003 Kriegsverbrechen wie Folter und grausame Behandlung, Verbrechen gegen die persönliche Würde sowie Vergewaltigung und andere Formen begangen haben sexueller Gewalt. In der Zeit seit dem 1. Juli 2002 haben Mitglieder der CIA die Kriegsverbrechen der Folter und grausamen Behandlung begangen; Verbrechen über die persönliche Würde; und Vergewaltigung und andere Formen sexueller Gewalt. (Anm.: Zusammenfassung)

Aufgrund dieser Anschuldigungen nahmen die USA eine feindliche Position gegenüber hochrangigen IStGH Mitarbeitern ein, einschließlich der Staatsanwaltschaft und der Richter. Die USA argumentierten, dass der IStGH nicht für US-Bürger zuständig sei, da die USA das Römische Statut nicht unterzeichnet hätten. Der Staatsanwalt in Den Haag argumentierte, dass der IStGH zuständig sei, da die US-Bürger Kriegsverbrechen auf dem Territorium Afghanistans begangen hätten, das Vertragsstaat des IStGH ist. Da die USA jedoch jegliche Zuständigkeit des IStGH für ihre Bürger ablehnen, haben sie beim IStGH keinen Antrag auf Aufschub gestellt. Der Antrag der afghanischen Regierung deckt keine mutmaßlichen Fälle ab, die US-Bürgern zugeschrieben werden. Daher wird die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen in Fällen fortsetzen, die Angehörige der CIA und der US-Streitkräfte betreffen.

In der Anfrage der afghanischen Regierung werden keine Verbrechen der Hezb-e Islami unter der Führung von Gulbuddin Hekmatyar oder Al-Qaida erwähnt, die beide seit dem 1. Mai 2003 als am afghanischen Konflikt beteiligte Gruppen genannt werden. Hekmatyar und die afghanische Regierung haben 2017 Frieden geschlossen, im selben Jahr, als die IStGH Staatsanwaltschaft ihren Antrag einreichte. Seitdem wurden ihm oder seiner Partei keine Verbrechen zugeschrieben. Die Staatsanwaltschaft in Den Haag stellte in ihrem Antrag klar, dass diese Gruppen derzeit nicht im Mittelpunkt ihrer Ermittlungen stehe. Der Umfang ihrer Untersuchung ist jedoch im Allgemeinen nicht begrenzt. Wenn sie während ihrer Ermittlungen Beweise dafür findet, dass eine dieser Gruppen Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen hat, die so schwerwiegend sind, wie es der IStGH im Zusammenhang mit anderen Parteien im Krieg nach 2003 angestrebt hat, kann sie gegen Mitglieder dieser Gruppen ermitteln.

Die Staatsanwaltschaft sagt auch, dass der IS derzeit kein Schwerpunkt ihrer Ermittlungen ist, obwohl der Antrag der afghanischen Regierung auf Aufschub sieben Fälle gegen Mitglieder der IS umfasst. Seit 2017 hat der IS jedoch die Verantwortung für viele Angriffe gegen Zivilisten übernommen, insbesondere gegen Mitglieder der Sikh- und Schiitengemeinschaften. Der jüngste Angriff erfolgte am 25. März 2020 gegen einen Sikh-Tempel in Kabul, bei dem 26 Menschen starben. Als Reaktion auf den Angriff gab die afghanische Regierung am 4. April 2020 bekannt, dass der IS – Führer Mawlawi Abdullah Orakzai und 19 Mitglieder seiner Führung in der Provinz Kandahar festgenommen wurden. Bisher wurden keine Nachrichten über die Ermittlungen gegen sie gemeldet.

Nachdem der Inlandsgeheimdienst die Verhaftung von Orakzai veröffentlicht hatte, rief das pakistanische Außenministerium den afghanischen Botschafter Atif Mashal nach Pakistan. Durch ihn bat Pakistan Afghanistan, Orakzai zur „weiteren Untersuchung“ an Pakistan auszuliefern. Der Antrag wurde von der afghanischen Regierung am 11. April 2020 abgelehnt. Laut der Erklärung des pakistanischen Außenministeriums war Orakzai „an Aktivitäten gegen Pakistan in Afghanistan beteiligt“. Orakzai besitzt die pakistanische Staatsbürgerschaft, aber als Führer des IS hat er Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit auf afghanischem Boden begangen. Nach internationalem Recht, einschließlich des Römischen Statuts und afghanischen Gesetzen einschließlich des afghanischen Strafgesetzbuchs, fällt die Untersuchung von Verbrechen auf afghanischem Boden unter die Zuständigkeit der afghanischen Staatsanwaltschaft und Justiz.

Was passiert als nächstes

Die Chefanklägerin Fatou Bensouda betonte in ihrer Mitteilung an die Vorverfahrenskammer, dass sie bis zum 12. Juni 2020 warten werde, um weitere Informationen von der afghanischen Regierung zu erhalten, und dann „nur prüfen könne, ob die Informationen auch Auswirkungen auf eigene beabsichtigte Untersuchungen habe oder nicht“. Sie fügte hinzu, dass zu diesem Zeitpunkt und aufgrund des Ausbruchs von Covid-19 ihre Ermittlungen ausgesetzt sind und sie „keine aktiven Ermittlungsmaßnahmen in Bezug auf den Umfang der Anfrage der afghanischen Regierung ergreife“.

Die afghanische Regierung muss bis zum 12. Juni viel beweisen, um glaubwürdige Ermittlungen gegen Kriegsverbrechen gegen Einzelpersonen auf höchster Ebene zu beweisen, die die Notwendigkeit einer Untersuchung des IStGH zunichte machen könnten. Wenn die darin enthaltenen Informationen nicht ausreichen, um die Staatsanwaltschaft zu überzeugen, wird sie die Genehmigung der Vorverfahrenskammer einholen, um ihre Ermittlungen fortzusetzen. In dieser Situation haben beide Parteien (der Staatsanwalt und die afghanische Regierung) das Recht, gegen jede Entscheidung der Richter Berufung einzulegen. Wenn die Staatsanwaltschaft jedoch überzeugt ist, wird sie die Untersuchung der einschlägigen Fälle gemäß Artikel 18 Absatz 3 verschieben, der „sechs Monate nach dem Datum der Stundung oder zu einem beliebigen Zeitpunkt, zu dem es stattgefunden hat, von der Staatsanwaltschaft überprüft werden kann wesentliche Änderung der Umstände aufgrund der mangelnden Bereitschaft oder Unfähigkeit des Staates, die Untersuchung tatsächlich durchzuführen.“

Da der Aufschubantrag eines Staates auf bestimmte Fälle beschränkt ist, die den gezielten Fällen des Staatsanwalts ähneln könnten, könnte der Staatsanwalt die Fälle untersuchen, die der Antrag der afghanischen Regierung nicht abdeckt. Selbst wenn die afghanische Regierung dieses Argument gewinnt, was schon eine Herausforderung darstellt, ist es für die afghanische Regierung wahrscheinlich zu spät, die gesamte IStGH Untersuchung in Afghanistan zu verhindern.

Nila Khalil, Den Haag 20. Mai 2020

Die buddhistischen Statuen im Bamiyan Tal

Autorin Nila Khalil

Die tragische Geschichte von den einzigartigen buddhistischen Statuen in Bamiyan Tal Die Buddha-Statuen von Bamiyan waren einst die größten stehenden Buddha-Statuen der Welt. Sie befanden sich bis zur Zerstörung durch die Taliban im März 2001 im 2500 Meter hoch gelegenen Tal von Bamiyan, das sich im Zentrum von Afghanistan befindet und von der UNESCO als Weltkulturerbe gelistet ist.

Der Tag an dem die Seele starb, war am 12. März 2001, da sprengten die Taliban auf Anordnung von Mullah Omar, Anführer der Taliban und damaliger de facto Staatschef Afghanistans, die Buddha-Statuen von Bamiyan in die Luft. Zuvor hatten die Taliban über nahezu einen Monat erfolglos versucht, die Buddhas durch Beschuss mit Panzern, Geschützen und Raketen zu zerstören. Die beiden größten und bekanntesten dieser Statuen waren 53 bzw. 35 m hoch. Daneben waren eine ganze Reihe von weiteren, kleineren Buddha-Statuen in die dortigen Felsklippen eingearbeitet.

Sie waren historische Zeugnisse einer dort etwa vom 3. bis zum 10. Jahrhundert praktizierten, und in ihrer Art einzigartigen buddhistischen Kunst. Es gibt Bestrebungen, die Statuen wieder aufzubauen. Hierzu wurden auch Hilfsgelder zugesichert, ohne dass jedoch ein konkreter Beschluss gefasst wurde. Da die Taliban seit Jahren wieder auf dem Vormarsch sind, ist mit einem Wiederaufbau in naher Zukunft nicht mehr zurechnen. Wie kamen die Buddhas ins Bamiyan-Tal? Durch die Geostrategischelage von Bamiyan an einer der Haupthandelsrouten vom Nahen Osten nach China und Indien hatte das Tal bereits in der Antike eine große Bedeutung.

Die Handelskarawanen trugen sowohl zum kulturellen als auch zum materiellen Wohlstand der Region bei, der den Bau der riesigen Statuen erst ermöglichte. Entlang dieser Handelsstraßen waren in Zentralasien eine Reihe unterschiedlich großer Siedlungen entstanden. Unter der Herrschaft der Kuschana-Dynastie festigte sich der Buddhismus langsam in der Region. Zwischen dem 2. und 4. Jahrhundert n. Chr. entstanden dort eine Reihe von buddhistischen Stupas, Tempel und Klosterstätten. Im Bamiyan-Tal war eines der größeren Kloster- und Tempelanlagen und beherbergte im 6. Jahrhundert mehrere tausend buddhistische Mönche.

Der Zeitpunkt, an dem in Bamiyan der Buddhismus einzog, wird zwischen dem 2. und 4. Jahrhundert n. Chr. angenommen. Im 8. Jahrhundert geriet Bamiyan unter islamische Herrschaft. Dennoch konnte sich der Buddhismus noch etwa zwei Jahrhunderte in dieser Region halten. In der Felswand, aus der die großen Statuen herausgearbeitet worden waren, befanden sich auch aus dem Fels gegrabene Höhlen, in denen die Mönche wohnten, und Gebetshallen mit reichhaltigen Wandmalereien. Rund um die Figuren wurden Gänge und Galerien geschaffen.

Ein japanisches Archäologen-Team schätzte die Zahl der Wohnhöhlen auf rund 900. Terror macht selbst vor Kunst und Kultur nicht Halt. Mit der Verdrängung des Buddhismus durch den Islam verloren die Statuen an Bedeutung und wurden zum Ziel von Zerstörungen, da die Darstellung menschlicher Figuren nicht erwünscht waren. So verloren die Statuen zuerst ihren Schmuck, dann die Gesichter und Hände. Die Statuen wurden in den letzten Jahrhunderte mehrfach beschädigt. Insbesondere die Geschlechtsteile der Skulpturen sollen Ende des 19. Jahrhunderts auf Befehl von Abdur Rahman Khan mit Artillerie beschossen worden sein, als seine Truppen im Rahmen der Feldzüge in Hazarajat einmarschierten.

1824 wurde Bamiyan von den ersten Europäern besucht. Der deutsche Oberleutnant Oskar von Niedermayer, fertigte 1916 die ersten beiden Lichtbilder der Statuen an. Für seine Verdienste bei seiner Nahost Expedition wurde von Niedermayer am 5. September 1916 mit der Verleihung des Ritterkreuzes in den Militär-Max-Joseph-Orden aufgenommen. Damit verbunden war die Erhebung in den persönlichen Adel und er durfte sich ab diesem Zeitpunkt Ritter von Niedermayer nennen. 1930 begannen französische Archäologen mit Forschungs- und Freilegungsarbeiten sowie Notsicherungen, um dem Verfall der Statuen entgegen zu wirken.

Mitte Juni 1938 besuchte der deutsche Schriftsteller Hans-Hasso von Veltheim das Bamiyan-Tal und veröffentlichte 1951 in seinen „Tagebüchern aus Asien“ einen ausführlichen Bericht über jene Anlage. Von Veltheim fand die Gesichter der beiden Buddhas bis zur Oberlippe abgehauen vor und vermutete aufgrund der sorgfältigen Bearbeitung, dass buddhistische Gläubige selbst beim Ansturm der Horden von Dschingis Khan, im Jahre 1222, die Gesichter entfernt haben könnten, um die verehrten Statuen nur verstümmelt in die Hände der Mongolen fallen zu lassen.

Die Zeit der Kriege und Terror Vor dem Einmarsch der Roten Armee in Afghanistan, im Jahre 1979, war Bamiyan ein Touristenziel aus aller Welt. Während der folgenden Kriege war das Plateau oberhalb der bis zu 100 Meter hohen Felswand mit den Statuen ein immer wieder umkämpfter strategisch wichtiger Ort, von dem aus das südlich gelegene Tal kontrolliert werden konnte. So befanden sich dort nacheinander Stellungen der sowjetischen Truppen, der Mudschahedin und schließlich der Taliban. Die Höhlen wurden als Munitionsdepots verwendet.

Im September 1998 zerstörten die Taliban den bis dahin noch vorhandenen Teil des Kopfes des kleineren Buddha. Dabei wurden die darüber befindlichen Reste an Wandmalereien ebenfalls weitgehend zerstört. Am 12. März 2001 sprengten Taliban-Milizen auf Anordnung von Mullah Mohammed Omar die Statuen. Zusätzlich zu den beiden großen Statuen wurden auch eine der kleineren, sitzenden Buddha-Statuen und die etwa 10 Meter hohe Statue im benachbarten Kakrak-Tal gesprengt. Für die Zerstörung der Statuen brauchten die Taliban vier Tage. Dieser Akt wurde als ein performativer Ikonoklasmus gedeutet, der sich letztlich auch gegen das als westlich wahrgenommene Konzept des Kulturerbes gerichtet habe. Die Zerstörung konnte trotz vielfältiger Interventionen der UNO, westlichen- und islamischen Regierungen nicht verhindert werden. Neben den Statuen von Bamiyan wurden auch fast alle buddhistischen Ausstellungsstücke des Museums in Kabul zerstört, die einen unwiederbringlichen Schatz an buddhistischer Kunst darstellten.

Tausendjährige Spurensuche nach Taliban

Mit den ISAF Einsatz der US geführten Militär Allianz, konnte ein Team von Archäologen unter der Leitung von Professor Zemaryalai Tarzi, von der Universität Kabul, der in den 1970er-Jahren die Statuen inklusive deren Fresken umfangreich restauriert hatte, im Jahr 2002 mit Ausgrabungen im Bamiyan-Tal wieder begonnen werden. Den vermuteten dritten großen Buddha zu finden, war ebenfalls ein Ziel dieses Projekts. Die Archäologen stützten sich bei ihrer Suche auf die Überlieferung Xuanzangs, nach der sich dieser Buddha innerhalb der Mauern eines östlich der Stadt Bamiyan gelegenen buddhistischen Mönchsklosters befinden sollte. Im Jahr 2006 war sich Tarzi nach an mehreren Orten durchgeführten Ausgrabungen sicher, das richtige Kloster in einer Entfernung von etwa 1,5 Kilometern gefunden zu haben. Aufgrund der Größe dieses Tempelkomplexes mahnte er allerdings zu Geduld. Die Ausgrabungen würden weiter fortgesetzt werden.

Mitte 2008 wurde der Fund einer weiteren Statue, nämlich einer 19 Meter großen Darstellung eines schlafenden Buddhas, bekanntgegeben. Die meisten Teile dieser Statue waren jedoch praktisch nicht mehr vorhanden, während deren Hals, Schultern, Teile des rechten Armes und deren Kopfkissen gefunden werden konnte. Während die Suche nach dem 300 Meter großen Buddha im Jahr 2009 weiter im Gange war, hatten die Archäologen bereits mehrere Klosterstätten freigelegt und außerdem auch Ausgrabungsarbeiten bei der großen Stupa Bamiyans durchgeführt. Neben Tarzis Team führen auch japanische Archäologen Ausgrabungen im Bamiyan-Tal durch. Die Angst vor einem Kollateralschaden Mit dem Abzug der US und Nato Truppen ab 2021 wächst die Angst vor einem archäologischen Kollateralschaden durch die blinde Wut der Taliban. Was die Gotteskrieger 2001 schon einmal schafften zu zerstören, wird diese wohl kaum davon abhalten 20 Jahre archäologische Arbeit und Forschung binnen Tage zu zerstören.

Nila Khalil, Den Haag, 22. Oktober 2020