Der alltägliche Rassismus

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Autorin Nila Khalil

Ich möchte nun meine Erlebnisse zum Alltäglichen Rassismus schreiben.

Am 2. November sprach ich mit Jolien van de Wiel, sie ist seit dem 13. August die Therapeutin von Lenara. Jolien ist so alt wie ich und durch die noch vielen Operationen bei Lenara werden wir die nächsten Jahre oft zusammen sein. Ich mag Jolien und wir beide sind in kurzer Zeit gute Freundinnen geworden.

Wir kamen am 2. November auf die Präsidentenwahl in den USA zusprechen und den Rassismus den der noch amtierenden 45. Präsident der USA so gerne befeuert.
Nun, ich bin eine afghanin mit einem deutschen Pass und lebe in den Niederlanden. Rassismus erlebe ich an meiner Person kaum noch. Dies liegt vielleicht daran, dass ich als deutsche angesehen werde. Ich frage auch nicht nach. Rassismus erlebe ich aber an meinen Kindern, also die von der Kinder- und Jugendeinrichtung, fast täglich. Die Blicke einiger Menschen sagen mehr als tausend Worte.
Wenn ich mit einem oder mehreren Kindern aus Eritrea in die Stadt oder wo hin auch immer gehe, sehe ich die Blicke der Leute. Es ist die Hautfarbe die offensichtlich die Menschen stört. Wir haben auch muslimische Kinder in unserer Einrichtung und wenn Jugendliche Mädchen ein Hijab tragen, ist dies ihr gutes Recht. Ich / wir schreiben den Kinder keine Religion vor.

Nun zu einem Erlebnis, dass zeigt wie sehr der Rassismus in den Köpfen vieler Menschen ist – ob nun gewollt oder ungewollt.
Vor zwei Wochen war ich mit meiner Tochter Amira und Teline, eine Mitarbeiterin von mir, in einem Café in Delft. Teline ist seit 27 Jahren in den Niederlande. Auch sie kam als Flüchtlingskind aus Afghanistan und hat fast gleiche Fluchtgeschichte wie ich. Teline ist drei Jahre älter als ich und könnte meine Schwester sein – im Geiste sind wir es auch.
Seit 13 Jahren ist sie bei Erik de Joost in der Einrichtung für den Beriebsablauf und Dolmetscherin tätig. Ich kenne Teline seit ihrem ersten Tag in der Einrichtung.
Unsere Zusammenarbeit war in all den Jahren sehr kollegial und freundlich. Sie arbeitete in den Niederlanden und ich in Afghanistan. Seit dem 1. April 2020 bin ich ihre Chefin, was unserer Freundschaft kein Hindernis darstellt.
Wir drei saßen also in dem Café bei Kaffee und Kuchen. Wir sprachen in paschtu über belangloses. Durch Corona hat man in den Cafés und Restaurants einen großen Abstand zu den anderen Besucher. Körperliche Distanz nennt man dies. Für Ohren gilt dies nicht! Zwei Tische neben uns saßen zwei ältere Damen und ich merkte, dass deren Ohren immer länger wurden und beide über uns sprachen. Wir drei können ja auch niederländisch und sprachen auf paschtu über jenes, was beide älteren Damen über uns so erzählen.
Es kamen dann die Sprüche wie immer: Islam, Ausländer, Schmarotzer….. das übliche eben.
Woher die beiden älteren Damen auf die Religion kamen, erklärte sich uns nicht. Keine von uns trug ein Hijab und keine hat den muslimischen Glauben. Das wir
‚Ausländer“ sind, ist in vielleicht durch die Hautfarbe zu erkennen, mehr auch nicht. Teline hat einen niederländischen Pass, Amira die niederländische Daueraufenthaltsgenemigung und ich einen deutschen Pass. Schmarotzer konnten wir uns beim besten Willen nicht erklären, denn wir waren vernünftig gekleidet.
Teline sah uns beide an, nahm tief Luft und rollte mit den Augen.  Sie fing an auf niederländisch zu sprechen und dies extra etwas lauter. Ich sagte ihr, „lass gut sein. Lass die Damen in ihrem Glauben.“ Teline schüttelte den Kopf. „Nee Nila, ik laat het niet goed zijn. Ik ben een burger van dit land. (Nein Nila, ich lasse es nicht gut sein. Ich bin eine Bürgerin dieses Landes.) Teline dreht sich zu den beiden Damen und sprach diese offen an, warum sie auf diese Haarsträubende Meinung über uns kommen würde. „Kijk naar ons! Lijken we op parasieten? Lijken we op moslims? Alleen omdat we in een andere taal spreken, wil nog niet zeggen dat we zijn wat u wilt dat we zijn. We werken met z’n drieën in Nederland en we betalen onze belasting en je pensioen.“ (Schauen Sie uns an! Sehen wir wie Schmarotzer aus? Sehen wir wie Muslime aus? Nur weil wir uns in einer anderen Sprache unterhalten,  sind wir nicht das, was Sie gerne hätten. Wir drei arbeiten in den Niederlanden und wir bezahlen unsere Steuern und Ihre Rente.)
Völlig konsterniert sahen uns die beiden älteren Damen an und bekamen einen hoch roten Kopf.

Nun eine Geschichte, die schon sehr lange zurück liegt und trotzdem noch im Kopf ist.

Als ich 1990 nach Deutschland kam war alles fremd für mich. Die Umgebung, die Sprache, die Kultur. Meine damalige Tante Mila und Onkel Milad, nach 30 Jahren „Tocher“ von beiden, kann ich mittlerweile von meinen Eltern sprechen, sind 10 Jahre früher aus Afghanistan geflohen. Beide kam 1980 nach Deutschland. Mein Vater arbeitete nach der Ankunft in Deutschland bei Mercedes am Fließband, wurde Vorarbeiter, machte 1987 seinen Meisterbrief als Werkzeugbauer und bekam 2003 (zum 50.Geburtstag) eine Stelle in der Prototypen Entwicklung bei Mercedes-Benz.
Mila, meine Mutter, hatte in Afghanistan BWL studiert und auch dort bis zu ihrer Flucht gearbeitet. In Stuttgart war sie ab 1981 bei Merzedes in der Verwaltung. Also nichts mit Sozialschmarotzer oder Pack.

Mit mir sprachen beide deutsch und brachten mir auch sehr viel bei. So wurde ich im Herbst 1990 von meiner Mutter und einer pensionierten Lehrerin aus der Nachbarschaft in deutsch unterrichtet. Im Frühjahr 1991 musste ich beim Jugendamt und der Schulaufsicht einen Eignungstest machen, für welche Schule ich geeignet war. Ich konnte auf die Realschule gehen.

Ich kann mich noch sehr gut an meine Schulzeit erinnern. Es war 1993. Ich war schon zwei Jahre an der Realschule in Stuttgart und bekam zufällig im Lehrerzimmer eine Unterhaltung mit, wo eine Mutter sich über mich ausgelassen hatte. Ihre Tochter kam, durch Umzug bedingt, nach den Osterferien bei uns in die Klasse und eben jene Mutter äußerte sich bei meinem Klassenlehrer über mich: „Sie haben ja ein Flüchtlingskind in der Klasse. Ist dies für die Klassenleistung nicht hinderlich?“ Als ich dies hörte, setzte für einen Augenblick mein Herz aus. Mein Klassenlehrer, Herr Dellinger, zu dem ich heute noch Kontakt habe, erklärte der besorgten Mutter, dass ich keineswegs das Leistungniveau senken würde und er es sich verbiete, dass sie so über mich denken würde.
Am gleichen Tag, nach der großen Pause, wurde von meinem Klassenlehrer in der Klasse klar gestellt, dass alle Mitschüler an dieser Schule, Schüler der Linden Realschule seien und es keinen Unterschied geben wird und er dies auch nicht dulde.
Ich wusste wer die Tochter von jener Mutter war und brauchte lange um mit ihr zu reden. Täglich sah ich Susanne in der Klasse, auf dem Pausenhof oder im Leistungskurs. Wie gehe ich damit um? Soll ich es ignorieren oder soll ich sie fragen; es klar stellen? Es tat mir im Herz weh und ich wusste nicht was ich machen sollte.
Da ich mit der Tochter von meinem Klassenlehrer befreundet war und dies immer noch bin, war ich früher sehr oft bei ihnen zu Hause. In den Sommerferien sprach ich Norbert, also Herr Dellinger, darauf an. Über zwei Monate trug ich diese Worte mit mir und wusste nicht mit wem ich sonst hätte reden können. Natürlich wussten es meine Eltern und sagten: ich soll mir dies nicht so zu Herzen nehmen.
Mit Norbert sprach ich darüber und er war traurig, dass ich zwei Monate diesen Schmerz mit mir versuchte auszumachen. Zwei Tage später rief mich Norbert an und fragte, ob ich mit Yvonne, seiner Tochter, ins Schwimmbad möchte. Ich sagte zu und Norbert kam mich abholen. Wir fuhren nicht ins Schwimmbad, sondern zu ihm nach Hause und er hatte jene Mutter mit Tochter zu sich bestellt. Im Garten erklärte er den beiden von unserer Unterhaltung, von vor zwei Tagen und wie weh mir dies tat. Susanne, die Tochter, entschuldigte sich sofort und die Mutter war etwas pikiert über diese Konfrontation. Ich erzählte beiden meine Flucht aus Afghanistan über den Iran, Türkei, Bulgarien, Rumänien, Österreich bis nach Deutschland. Wie und was ich auf dieser Flucht erlebt hatte und wie ich mich, was ich hoffte, in Deutschland integriert zu haben. Das hatte gesessen! Seit jener Zeit wurde ich in der Schule nie wieder als Flüchtling oder Ausländer bezeichnet.

In der Schule waren damals auch Kinder von türkischen Eltern, die meisten in Deutschland geboren, also nichts mit Ausländer. Ich war die Exotin. Afghanistan war den meisten in den 90er kein Begriff. „Ein Land von da hinten“, hörte ich oft. Den Dialekt lernt man als Kind am schnellsten. Da i in Schduagard gewohnt hänn, lernde i des schwäbisch no vor däm Hochdeidsch. Dies war am Anfang unglaublich schwierich. I kannde die schwäbische Wördr füe viele Gegenschdänd, abr ned die Hochdeidsche. Moi Ufsädze vo damals wara scho der Brüller.

Da ich heute immer noch hin und wieder an meiner ehemaligen Schule bin, folgt ein Text den meine Tochter bei unserem letzten Besuch im Februar 2020 geschrieben hat.

https://m.facebook.com/notes/amira-khalil/mit-mama-zu-besuch-in-ihrer-ehemaligen-schule/132652278283681/?sfnsn=scwspmo&extid=9IFgOVxeLcPT7UEN

Wie es als Teenager so ist, geht man auch gerne shoppen. In einem Geschäft von C&A war ich mit einer deutschen Freundin, die einen afro-amerikanischen Vater hatte (muss ich hier leider erwähnen), beim aussuchen und anschließend anprobieren von jenen Kleider. Ich stand in der Umkleidekabine und wollte die Kleider anprobieren. Eine Mitarbeiterin von C&A riss den Vorhang auf und brüllte mich an, „Hier wird nix klaud!“ Fassungslos und nur in Unterwäsche sah ich die Frau an. Auf meine Erklärung hin, dass ich jene Teil gerne anprobieren möchte, kam von der Mitarbeiterin nochmals gleiches gebrüll. Die umstehenden Leute schauten natürlich in Richtung der Umkleidekabine. Mir war dies mega peinlich und unter den Augen der Mitarbeiterin zog ich meine Kleider an.
Dieses Erlebnis ist nun 25 Jahre her und wenn ich heute noch in ein Geschäft gehe, denke ich an diesen Vorfall. Ein Geschäft von C&A habe ich seit jenem Tag nie wieder betreten.

Nun noch ein Vorfall von alltäglichen Rassismus.

Vor drei Jahren bin ich mit meiner Tochter, sie war damals 22 Jahre alt, in Stuttgart gelandet und wie so üblich steht man in der Schlage vor dem Zoll. Neben uns stand ein Ehepaar dass ich um mitte 50 schätzte. Ich hielt die Pässe von mir und meiner Tochter in der Hand und der Mann sah nur den afghanischen Pass meiner Tochter. Zu seiner Frau sagte er, „wie können sich die Ausländer einen Flug leisten, die handeln bestimmt mit Opium.“ Bei dem gehörten rieß meine Tochter die Augen auf. Die Frau nickte ihm zu und setzte noch einen drauf. „Die haben bestimmt auf der Bordtoilette die Burkas gegen die Miniröcke getauscht.“ In den Augen von Amira sah ich schon ihren kampfgeist. Ich sprach auf paschtunisch zu ihr, „mal schauen, wo dieses Schauspiel noch hinführt. Bleibt ruhig.“
Die Frau stichelte weiter, „hast du gesehen, die haben sogar Markenkleider an.“ (Wir beide mögen Kleider von Esprit) „Das sind Kopien, da wo die herkomme wird alles kopiert.“ (Welch eine Scharfsinnige Analyse). Amira blies hörbar die Luft aus.
Endlich waren wir an der Reihe und ich gab der Zollbeamtin unsere Pässe. Der Blick der Beamtin fiel auf die vielen Stempel in meinem deutschen Reisepass. Freundlich sagte diese, „Sie sind ja eine richtige Globetrotterin.“ Ich sagte ihr, dass ich bei der Menschenrechtskommission der UN sei und durch den Job eben auch sehr viel unterwegs. Ich sagte der freundliche Beamtin, dass ich mit meiner Tochter in Genf bei UNICEF war.“ Ein leichter Blick nach rechts zu dem Ehepaar musste ich mir geben. Amira sagte zu den beiden Herrschaften, „ist schon blöd, wenn die Vorurteile so schnell zusammen fallen. Im übrigen hatte meine Mutter in ihrem Leben noch nie eine Burka getragen. Schönen Tag noch.“

Wir beide gingen grinsend zur Gepäckausgabe und jenes Ehepaar hielt einen maximalen Abstand zu uns und stand auf der gegenüber liegenden längsseite, wie geprügelte Hunde.

Nila Khalil, Den Haag, 18. November 2020