Erinnerungen an den 11. September 2001

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Der 11. September 2001

Autorin Nila Khalil

Ich saß in Stuttgart im Büro und prüfte Rechnungen der Firma, im Radio lief SWR3 und dann kam die Meldung von New York. Ich sah zu meiner Kollegin und konnte das eben gehörte nicht glauben. Immer öfter kamen Meldungen: noch ein Flugzeug, noch mehr Todesopfer, noch ein Flugzeug….

Am Abend sah ich mit meinen Eltern die Nachrichten in der ARD und wir konnten dies alles nicht glauben!

In den folgenden Tagen kamen immer neuere Meldungen über den Terroranschlag. Plötzlich war Afghanistan die „Achse des Bösen“ und  man wollte einen Terror bekämpfen, den die CIA aufgebaut hatte. Halleluja, wie gut man doch sehr schnell ein Feindbild in die Welt brachte: Afghanistan, Bin Laden, Taliban…. Mein Vater sagte nach einiger Zeit, als es immer deutlicher wurde, Bin Laden sei der Anführer und Afghanistan die Quelle des Terrors, dass dies nicht wahr sei. Immer und immer wieder sagte er, Bin Laden sei kein afghane.

Die Operation Enduring Freedom begann

Als die ersten Meldungen kamen, „Man sei in Afghanistan einmarschiert um den Terror zu bekämpfen, bekam ich Angst um meine Eltern (meine Leiblichen) in Afghanistan. Unsere Verwandten in Deutschland berichteten von Kämpfe in Kandahar, Masar-e Scharif, Bagram und auch Gardez. Ich war krank vor Sorge um meine Eltern. Meine Chefin in Stuttgart stellte mich frei und hatte Tränen in den Augen, wenn ich ihr aus den afghanischen Medien berichtete.  Die Operation Enduring Freedom brachte noch mehr Terror hervor. Terror wurde gegen die Bevölkerung und Soldaten des ISAF Einsatzes geführt.

Der Terror nahm mir meine Eltern

2005 kam die Nachricht, mein Vater sei von der Taliban getötet worden. Ich schrie und weinte nur noch. „Ich muss nach Afghanistan. Ich muss nach Hause!“ , schrie ich meine Tante und Onkel an. Sie sprachen mit mir und versuchten mich zu beruhigen. Mein Entschluss stand fest. Am gleichen Abend rief ich meine Chefin an und drei Tage später war ich in Kabul. Im Krieg, in einer anderen Zeit. Meine Mutter hatte diesen Autobombenanschlag auf einem Marktplatz in meiner Heimatstadt schwerst traumatisiert überlebt und ich kümmerte mich um sie, so gut es eben unter den Umständen möglich war. Eineinhalb Jahre später nahm sie sich das Leben.

Krieg gegen Terror

Nun ist dieser Anschlag auf WTC 19 Jahre her und die „paar“ Toten Menschen in New York haben das zigfache an Todesopfer, Flüchtlinge, Obdachlose, Armut und Zerstörung gebracht. Warum? Wofür?

Viele Zivilisten kamen in den letzten 19 Jahren ums Leben. Die Operation Enduring Freedom hatte außer Chaos und Terror noch mehr Chaos und Terror gebracht.

14 Jahre lebte ich im Krieg und Terror und habe in all den Jahren viele Opfer gesehen und frage mich, wer zündet eine Kerze für die ermordeten Kinder, Frauen und Männern seitens der USA an? Niemand will etwas von den Gräueltaten der glorreichen CIA oder Special Forces an Zivilisten in Afghanistan wissen. Wir sind ja die Börsen. So einfach ist es nicht!

Mein Beileid gilt allen Opfer und Hinterbliebenen in einem Sinnlosen Krieg gegen Terror oder Terror gegen Krieg.

Nila Khalil, komm. Vorsitzende von Afghan Women’s Network, Mitglied bei UNAMA Afghanistan und der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen in Genf.

Den Haag, 11. September 2020.