Im Namen der Religion

Autoren Naike Juchem und Nila Khalil

Keine der großen Weltreligionen wird mehr gehasst als der Islam.
Woher kommt dieser Hass gehen Muslime in der westlichen Welt? Die Antwort ist ganz einfach: Fundamentalisten.
Kriege und Terror im Namen der Religion gehen tausende Jahre vor Christi Geburt zurück. So weit möchte ich nun aber nicht ausholen und beginne mit den Kreuzzügen um 1095 n.Chr.
Die ersten Kreuzzüge wurden von der Lateinischen Kirche gegen muslimische Staaten im Nahen Osten geführt. Diese Kriege wurden aus strategischen, religiösen und wirtschaftlichen Motive zwischen 1095/99 und dem 13. Jahrhundert geführt. Oft durch und mit fanatischer Grausamkeit gekennzeichnet.
Im 16. und 17. Jahrhundert waren es die Hugenottenkriege und der Dreißigjährige Krieg typische Beispiele für die Religionskriege.
Fundamentalismus ist also kein neuzeitliches Phänomen. Es wird dank Fernsehen, Radio, Zeitungen und Internet in den letzten Jahrzehnten nur mehr wahrgenommen. Auch hat sich in mehr als 4000 Jahren nichts an Grausamkeit gegen Menschen geändert. Bewusst habe ich die Grausamkeit gegen Menschen andern Glaubens weggelassen, denn wie schon zu den Religioneskriegen im Mittelalter geht es oft gegen das eigene Volk. Die neuzeitliche Geschichte ist voll mit Zeitzeugnisse.
Woher kommt nun aber der extreme Hass gegen den Islam?
Fast 2 Milliarden Menschen mit muslimischen Glauben sind nicht alle Fundamentalisten oder ewig gestrige verbohrte Menschen. Fundamentalisten sind immer nur ein minimaler Teil der Gesellschaft. Ob nun Religion oder Faschismus.

Die Boulevardzeitungen der Welt suggerieren den Menschen ein anderes Bild und so bleiben die Schlagzeilen im Gedächtnis.
Wir alle erinnern uns an den 7. und 9. Januar 2015. Innerhalb weniger Tage töteten drei Attentäter 17 Menschen. Zwei Männer mit Automatikwaffen stürmten die Büros des Satiremagazins Charlie Hebdo in Paris. Anlass für den Angriff war die Veröffentlichung einer Karikatur des Propheten Mohammed. Ein weiterer Angreifer nimmt Geiseln in einem jüdischen Supermarkt. Die Polizei tötete alle drei Täter. Die Terroristen hatten ihre Sympathie zum „Islamischen Staat“ und der Terrorgruppe Al-Qaida bekundet.

Am 13. November 2015 erschütterte der nächste Terroranschlag Paris. An mehreren Orten in Paris und Saint-Denis gab es am Abend und in der Nacht verschiedene koordinierte Terroranschläge. 130 Menschen starben und Hunderte wurden durch Selbstmordattentäter und Massenschießereien, in der Nähe des Stade de France und bei einem Konzert im Bataclan Club verletzt. Auch dafür reklamierte der IS diese Taten für sich.

Am 19. Dezember 2016 gab es einen Angriff mit einem LKW auf einen Weihnachtsmarkt in Berlin. Der IS bekannte sich wenig später zu der Tat, bei der 12 Menschen starben und 62 verletzt wurden.
Der Täter wurde am 23. Dezember in der Nähe von Mailand von italienischen Polizeibeamten getötet, als er sich mit Waffengewalt einer Personenkontrolle entziehen wollte.
Am 1. Januar 2017 gab es einen Terroranschlag in einem bekannten Istanbuler Nachtclub. Im Reina wurde 10 Jahre zuvor der Grundstein meiner Stiftung gelegt. 39 Menschen kamen bei diesem Anschlag uns Leben. Auch hier proklamierte der IS die Tat für sich.

London, Brüssel, Mailand, Madrid, Berlin, Nizza, Straßburg sind nur einige der Städte wo der Terror zu schlug. Afghanistan, Ägypten, Marokko, Malaysia, Thailand, Sudan, Nigeria und so weiter. Selbst Neuseeland ist vor Fundamentalisten nicht sicher.
Sobald die Boulevardzeitungen wieder einen Terroranschlag mit fetten Buchstaben titeln, wird das Gebrüll nach Abschiebung, höhere Grenze oder gar der Gebrauch von Waffen an den Grenze laut. Jene Menschen die vor all dem Terror aus ihren Heimatländer fliehen, sind keine Islamisten oder Fundamentalisten. Natürlich verstecken sich unter all diesen Flüchtlinge auch der Abschaum der Menschheit. Bei einem Anschlag von einem, zwei oder mehreren Attentäter müssen tausende Menschen einen immer größer werdenden Fremdenhass und Rassismus erleiden.
Dem Mob mangelt es an Wissen, denn aus Angst wird Wut, aus Wut wird Hass und die Dummheit ist die Lunte zum Pulverfass.

Wer sind diese Fundamentalisten?

Was der braune Mob auf der einen Seite ist, sind die islamistischen Fundamentalisten auf der anderen Seite. Es sind Menschen die entweder keinen hohen Bildungsstand oder sogar Abitur und ein Studium begonnen bzw. abgeschlossen haben. Die Perspektivlosigkeit bringt beide Lager auf einen Nenner. Die Täter sind sozial ausgegrenzte Menschen und stehen oft am Rand der Gesellschaft. Sie kommen in automatisch in sozial schwache Kreise und plötzlich ist ein Wir-Gefühlt da. Ihnen werden skurrile Meinungen oder Texte vorgetragen. Dies ist die erste Stufe der Manipulation. Ob nun Hitlers „Mein Kampf“ oder der Koran zitiert wird, ist das gleiche. Das Feindbild wurde erschaffen und muss nun bekämpft werden.
Auch hier sind die Parallelen gleich: der böse Westen mit seiner freiheitlichen Kultur und auf der anderen Seite sind es die Regierungen, Flüchtlinge oder Homosexuelle.

Woher nun aber die Faszination für den Dschihad?

Stufen der Rekrutierung und Radikalisierung
Sie beschreiben den Prozess des Anwerbens für eine Terrororganisation und die zunehmende Gewalt- und Tötungsbereitschaft. Beide Prozesse haben sowohl intrapsychische Motivationen als auch interpersonale und kollektive Faktoren. Die letzteren bestehen aus Gruppenprozessen, Ideologie, Gegenkultur und den sozialen Medien. Da ist gerade das Internet bestens geeignet und zeigte dies auch immer wieder bei Recherchen von Polizei oder Journalisten.
Der Prozess der Rekrutierung und Radikalisierung vollzieht sich meist über einen längeren Zeitraum und in mehreren Stufen. Dabei spielt das Internet eine zentrale Rolle: »Die professionellen und gezielt kulturell gestalteten Botschaften des IS finden über das Internet und soziale Medien insbesondere unter Jugendlichen große Verbreitung. Der erste Einstieg mit »Offline-Kommunikation« geschieht sehr unterschiedlich, je nachdem, über welchen Weg die Rekrutierung stattfindet. Dies wird bei der Rekrutierung von Mithäftlingen im Gefängnis ganz anders erfolgen als bei deutschen muslimischen Staatsbürgern mit Migrationshintergrund. Wenn bereits eine muslimische Glaubensrichtung vorliegt, geschieht der Weg der Rekrutierung nicht selten über Moschee-Gemeinden, Imame oder Prediger. Eine wichtige Rolle bei der Rekrutierung spielen Kontakte zu Gleichaltrigen in der Schule, bei Arbeitskollegen oder Freizeitaktivitäten. In selteneren Fällen geschieht die Rekrutierung zufällig über eine Person, die Vorbildfunktion hat und sich bereits einer islamistischen Gruppe angeschlossen hat, z. B. ein Sporttrainer. Bereits diese Aufzählung zeigt, dass die Wege des ersten Einstiegs und der Rekrutierung sehr heterogen sind. Nach dem ersten Einstieg vollzieht sich nach Analysen der
Terrorismus Expertin, Douna Bouzar, die Rekrutierung und Radikalisierung meist in vier Etappen:
1.) Isolierung von der Familie und dem sozialen Umfeld
2.) Auslöschung der Individualität
3.) Verbundenheit mit der radikalen Ideologie
4.) Entmenschlichung

In der ersten Phase gehen die Rekrutierer sehr gezielt und geschickt auf die individuellen Sehnsüchte der jungen Menschen ein. Für die einen ist es die gemeinsame Eroberung der Welt, das Engagement für eine gute Sache, die Flucht aus der westlichen Konsumwelt oder utopische Paradiesvorstellungen nach einem möglichen Selbstmordattentat oder Märtyrertod.
In der zweiten Etappe werden die Gemeinsamkeiten der »islamischen Familie« betont und gleichzeitig die Abkehr von alten Gewohnheiten gefordert. Die Zugehörigkeit zum Islamischen Staat oder Islamischen Glaubens wird glorifiziert als Teilhabe am wahren Islam, als geistige Erneuerung und als die Verheißung einer neuen Identität. Es wird suggeriert, dass man bald wertvolles Mitglied der erhabenen und erlauchten islamischen Welt des neuen Kalifats sei.
In der dritten Etappe wird das Gefühl der Zugehörigkeit zum IS oder anderen Gruppierungen noch stärker betont und immer mehr hervorgehoben, dass man nun im Besitz der alleinigen Wahrheit sei, dass man auserwählt und anderen Ungläubigen überlegen sei.
In der vierten Etappe wird die Abgrenzung der Andersgläubigen, Ungläubigen oder nicht Zugehörigen massiv radikalisiert. Es existieren dann nur noch Beziehungen innerhalb der islamistischen Gruppe. Überlegenheit und Auserwähltheit werden immer wieder betont. Zunehmend wird verbreitet, dass es ein Recht und sogar eine Pflicht sei, Andersdenkende oder »Ungläubige« zu töten (so Jürgen Todenhöfer in seinem Buch: Inside IS 2015.) Gewalt wird banalisiert und das gemeinsame Anschauen von Enthauptungsvideos wird zur alltäglichen Unterhaltung.
Die finale Radikalisierung erfolgt schließlich mit der Ausreise in den Irak oder nach Syrien in das Herrschaftsgebiet des IS. Dort wird in Ausbildungscamps das Handwerk des Tötens gelernt. Im Gruppenerlebnis mit anderen tötungswilligen Männern nehmen Verrohung und Grausamkeit zu und die von Natur aus vorherrschende Tötungshemmung schwindet.

Die Komplexität der Psychologie

Die empirische Forschung zur Psychologie des Terrors hat einen erheblichen Nachholbedarf. Es gibt psychologische Studien aus anderen Terrorformen, z. B. der RAF und Einzelfallanalysen. Es gibt jedoch keine empirischen prospektiven Studien zu psychologischen Faktoren bei Dschihadisten. Ein Modellprojekt wurde in den Jahren 2004 bis 2008 als Kooperation zwischen der Universität Duisburg-Essen (Rhein-Ruhr-Institut für Sozialforschung und Politikberatung) und dem Bundeskriminalamt (Forschungsstelle Terrorismus/Extremismus) durchgeführt. Die Gesamtstudie versuchte einen Vergleich von rechtsorientierten, linksorientierten und islamistisch orientierten Extremisten/Terroristen. Die Ergebnisse waren ernüchternd. Trotz hoher Fördermittel konnten die Forscher nicht die geplanten Stichprobengrößen rekrutieren. Letztlich wurden nur 6 islamistische Terroristen in die Studie eingeschlossen, während immerhin 26 rechtsradikale Terroristen rekrutiert werden konnten. Ein Forschungsdesiderat für die Zukunft wäre eine Kooperation von »Dschihad-Beratungsstellen« und psychologischen Forschern. Die Jugendlichen, die dort wegen islamistischer Radikalisierung beraten werden, könnten prospektiv psychologisch untersucht werden. Da diese Beratungsstellen jedoch erst seit kurzer Zeit bestehen, wäre dies durchaus ein aussichtsreiches psychologisches Forschungsfeld über Motivation und subjektive Handlungsbegründung von Dschihadisten.
Boualem Sansal ist gebürtiger Algerier, promovierter Volkswirt und erfolgreicher Schriftsteller. 2011 wurde ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. Zu den Motiven der IS Dschihadisten, äußerte er sich 2015 wie folgt: „Die Jugend ist desorientiert und sucht nach einem Sinn des Lebens. Diese Lücke füllt die Religion aus. Sie bietet Visionen, politisches Engagement und eine Moral. Diese Zutaten zusammengenommen machen den Islamismus so faszinierend, dass sich inzwischen sogar Christen, Atheisten und Juden unter den Islamisten finden.“ Eine ähnliche Deutung publizierte der Berliner Soziologe Hans-Peter Müller bereits ein Jahr zuvor: „Der Islamische Staat und sein Kalifat sind das größte muslimische Sinnaufladungsprogramm der jüngeren Geschichte. Was für ein grandioses Projekt und welch phantastische Verheißung. Die Entstehung eines islamischen Großreiches an Euphrat und Tigris, wo die Zivilisation ihren Ausgang nahm, ist ein Versprechen, das frustrierte und orientierungslose Muslime weltweit ansprechen muss.“
Eine Arbeitsgruppe vom Deutschen Jugendinstitut DJI (Maruta Herding, Joachim Langner und Michaela Glaser) hat sich sehr differenziert zum komplexen psychologischen Motivationsbündel der deutschen Dschihadisten geäußert. Die Vielzahl der Einzelmotive lassen sich in drei Gruppen zusammenfassen:
1.) Da die Mehrzahl der IS-Kämpfer Jugendliche und junge Erwachsene sind, betont die Autorengruppe zuerst die alterstypischen Entwicklungsaufgaben und »jugendphasentypische Aspekte«. Dazu gehören die Ablösung von der Familie, die soziale Neuorientierung und die Entwicklung einer eigenen Identität. Viele junge Menschen dieser Altersgruppe haben erhebliche Probleme mit der Identitätskonstitution und der Sinnfindung. Gerade hier setzen die Rekrutierer des IS an: Sie bieten Sinnstiftung und versprechen eine starke Identität und sogar eine Überlegenheit der islamistischen Gemeinschaft.

2.) Ein weiterer Motivationsstrang sind die verbreiteten jugendlichen Bedürfnisse nach „action“,( Nervenkitzel, Protest und Provokation. In der psychologischen Forschung wird dies oft als »sensation seeking« zusammengefasst. Neugier, Abenteuerlust und entsprechende Persönlichkeitsmerkmale verstärken diesen Trend.

3.) Ein großer Teil der Dschihadisten stammt aus prekären Familien- und Lebensverhältnissen. Sie waren frustriert, fühlten sich gescheitert oder hatten gravierende biographische Krisen hinter sich. Scheidungen der Eltern, Selbstmordversuche der Mutter, Schulabbrüche, ungewollte Schwangerschaften (es gibt auch weibliche Dschihadistinnen), oder Enttäuschungen durch gute Freunde sind hier häufige Krisensituationen.
Die hier zitierten Experten stimmen darüber ein, dass Sinnfindung und Identitätskonstitution zentrale psychologische Faktoren sind. Dies ist der finale oder prospektive Aspekt der Motivation.

Motivationsfaktoren, die in der Vergangenheit ihre Ursache haben, sind prekäre Familienverhältnisse, Krisen und gescheiterte Lebensentwürfe. In den BKA- und BfV-Studien spiegelt sich dies meist in der »kriminellen Vorgeschichte«. Die umfangreichsten Datensätze zu soziobiographischen Merkmalen, die oben aufgeführt wurden, gehen überwiegend auf den Verfassungsschutz und das Bundeskriminalamt zurück. Sie sammelten vorhandene Daten von Jugendämtern, Polizei- und Gerichtsakten und anderen verfügbare Quellen.
Persönlich untersucht und erforscht haben sie die »Zielpersonen« meistens nicht, erst wenn sie als Rückkehrer aus dem Dschihad verhaftet wurden. Diese machen allerdings einen geringen Prozentsatz aus. Alle anderen bleiben forschungsstrategisch im Dunkeln und verweisen auf alle methodischen Probleme, die Dunkelfeldanalysen in der Kriminologie haben.

Autoren: Naike Juchem und Nila Khalil, 19. November 2020

Quellen:
– BKA Berichte über deutsche Dschihadisten im IS
– Verfassungsschutz Bericht von 2014 bis 18
– Journal für Psychologie
– Deutschen Jugendinstitut DJI
– Boualem Sansal