21 Der Engel im Mitternachtsblauen Kleid

Teil II Kapitel 21

Der Engel im Mitternachtsblauen Kleid

9. Juni 1993
Um kurz vor 10 Uhr trafen Direktor Jean Grizon mit seiner Frau Josephine, der Projektleiter für Südostasien: Stephane Dilbert mit Frau Constance, Nina Dupont die Personalchefin von ODHI und die Eltern von Patricia in der Lobby vom Hôtel du Eiffel Trocadéro ein.

Jean wollte die Besprechung zum heutigen Tag in einem Konferenzraum im Hotel abhalten, Hannes bot die Suite an, schließlich sei diese groß genug.
Der erste Blick von Constance, Franziska, Josephine und Nina galt diesem wunderschönen Mitternachtsblauen Kleid. Auch wurden die Fotos der beiden in den Magazinen und Zeitungen erwähnt und begutachtet. Hannes waren diese Fotos peinlich, weil er sich an den Anblick in seinem Smoking nicht gewöhnen konnte.

Der Artikel von Cosima sei äußerst gut gelungen und auch die Arbeit der ODHI in Kambodscha sehr gewürdigt worden. Jean schwärmte von diesem Artikel in den höchsten Tönen und auch das diese Journalistin sehr gut informiert sei. „Cosima ist die Schulfreundin von Patricia. Letzte Woche hatten wir mit Cosima telefoniert, da der Artikel im „Le Figaro“ überhaupt nichts mit der Arbeit von Patricia zu tun hatte, sagten wir beide Cosima zu, dass sie einen Artikel schreiben kann.“ „Ach so. Nun erklärt sich mir einiges.“ „Jean, hättest du mich gefragt, wüsstest du es. Stephane rief am Samstag an und meinte, ich sollte mir eine Zeitung kaufen. Er sagte auch nicht, dass wir in so vielen Blätter abgebildet sind. Erst als die Chauffeurin uns einen Stapel Zeitungen brachte, konnte ich die Worte von Stephane verstehen. Das ist nun alles Schnee von Gestern, wie läuft heute der Tag ab?“ Diese Frage stellt Hannes an Stephane.

Stephane gab Patricia und Hannes das Protokoll vom Außenministerium in dem die Punkte standen, wie der heutige Tag, der Freitag und Sonntag geplant waren. „Ich habe es mir schlimmer vorgestellt. Wenn sich die Möglichkeit ergibt, würde ich Minister Alain Juppé gerne die Vitas der anderen Preisträger vortragen. Gerne könnt auch ihr dies vortragen, ich finde es wichtig, dass diese fünf Personen zur Sprache kommen.“ „Absolut! Ich würde sagen, dass dies der Direktor machen sollte.“ Bernhard und Hannes nickten Stephane zu.
„Warum nicht ihr? Es sind eure Leute, eure Freunde. Natürlich kann ich dies als Direktor vortragen, von der Basis gesprochen hat es noch etwas mehr Gewicht.“ Feigling-Direktor, dachte Hannes. „Sehen wir dann, wenn es soweit ist.“ Sagte Hannes und grinste Jean an.

Patricia hatte mittlerweile den Traum von Kleid angezogen und jedem in der Suite blieb die Luft weg. Franziska weinte beim Anblick ihrer Tochter, auch Bernhard hatte Tränen in den Augen.

Das Protokoll war besprochen und jeder im Raum hatte Lampenfieber vor dem Termin. Jean sprach noch in die Runde und war sichtlich bewegt. „Diese Auszeichnung für ODHI kann uns als Hilfsorganisation ganz nach oben katapultieren. Wir sind seit Jahren in Kambodscha gut aufgestellt. Durch UNTAC ging es wieder einen Schritt weiter, mit neuen Mitarbeitern und neue Projekte. Die Entscheidung für die eigenen Bagger und Lkw war gut, auch wenn es viel Geld gekostet hatte, so sind wir heute eine Hilfsorganisation mit einer sehr guten Bilanz und überaus großen Infrastruktur an Projekten in Südostasien. Bernhard, Hannes und Stephane, ihr wart maßgeblich an der neuen Struktur in Kambodscha beteiligt, dafür einen großen Dank von mir. Ich hatte eingesehen, dass wir ohne eigenes Equipment nichts anderes gewesen wären als eine Hilfsorganisation von vielen. Gute Ideen, gute Mitarbeiter, tolle Motivation reicht nicht aus um Hilfe, Infrastruktur und Nachhaltigkeit zu verbessern. Auch war die Abhängigkeit von Lokalen Firmen und Unternehmen zu groß und kaum etwas ging voran. Wenn wir es schaffen in Westafrika gleiche Strukturen aufzubauen, könnten wir die Nummer Eins der Welt werden.“ Bei dem letzten Satz sah Jean zu Hannes. „Vergiss es! Wir haben ein Haus in Thailand, da werde ich jetzt nicht in den Sudan oder Nigeria gehen.“
Jean sah hilfesuchend zu Patricia.  „Patricia, im Sudan oder Nigeria könntest du auch Schulen aufbauen. Es wäre ja nur für ein oder zwei Jahre.“ Patricia sah den Direktor von ODHI an, als ob gerade ein Komet einschlug.
„Jean, ich freue mich sehr, welche Erwartungen du an Hannes hast, lass uns erst einmal Luft holen! Wir haben in Kambodscha angefangen und da ist noch genügend Arbeit für uns. Natürlich könnte ich in Westafrika Kinder unterrichten und Hannes die Infrastruktur schaffen. Nun warte erst einmal ab, was der Ordre national du Mérite für euch bringt. Vielleicht kommen in nächster Zeit noch gute Mitarbeiter. Bekannt wird ODHI in sehr kurzer Zeit. Ich habe mit ODHI wenig zu tun und trotzdem arbeiten wir zusammen. Diese Kooperation zwischen euch, UNICEF, UNTAC und einigen Ministerien in Frankreich und Kambodscha ist beispiellos und zeigt wie menschlich die Basis aufgestellt ist.“
Jeder im Raum nickte der Laudatio von Patricia zu.

Um kurz vor 13 Uhr waren alle in der Lobby vom Hôtel du Eiffel Trocadéro, Patricia war der Blickfang in der Lobby. Ivette kam zur Tür herein und umarmte Patricia und Hannes. Der Vater von Ivette stellte sich der Gruppe vor, wie auch ein Mitarbeiter ihrer Firma.

Ivette öffnete wieder sehr elegant die Tür vom Mercedes und ließ Patricia einsteigen. Auch bei Hannes tat sie dies mit ihrer gekonnten Eleganz.
Nina saß vorne im Wagen.
Mit drei Limousinen fuhr die Gruppe von der 35 Rue Benjamin Franklin in die Quai d’Orsay.

„Ihr beide seid das Traumpaar! Soll ich euch anschließend zu einer Kirche fahren?“ Bei diesen Worten blickte Ivette in den Rückspiegel des Wagens. Hannes würde sofort ja sagen. Patricia sah ihn an und hatte Tränen in den Augen. „Je t’aime pour toujours. Ich liebe dich für immer. Ivette, ich möchte Hannes heiraten. Ja! Leider geht dies nicht so einfach, wir müssen auf ein Standesamt.“ „Wenn ihr beide wirklich heiraten wollt, besorge ich euch heute noch einen Standesbeamten.“ Beide sahen sich an und nickten Ivette zu. Nina wischte sich die Tränen weg.

Das Außenministerium in der Quai d’Orsay hatte fast die Ausmaße wie das Schloss in Versailles.
Ivette hielt vor dem Eingang und sofort war ein Gendarm am Wagen um die rechte Tür zu öffnen. Hannes stieg links aus und sah den Gesichtsausdruck des Gendarmen, als er Patricia sah. Stephane kam vom zweiten Wagen und hielt die Einladungen der Personen in der Hand. Der Gendarm nickte ohne auch nur einen Blick auf die Papiere zu werfen.

Zwanzig Stufen führten in das Gebäude, bei jedem Schritt erhöhte sich der Pulsschlag von Hannes. Im Gebäude kam sogleich ein Sekretär von Minister Juppé ihren entgegen und begrüßte die Gruppe. Nach einem kleinen Vorgespräch ging es auch schon in den zweiten Stock von diesem unglaublich großen Gebäude.

Im Büro von Außenminister Alain Juppé waren noch sieben Personen anwesend. Christian Sautter, der Präfekt des Département Paris stellte sich vor, wie auch die anderen Sekretäre und zwei Kommunalpolitiker. Alain Juppé kam hinter seinem Schreibtisch hervor und grüßte jeden der Gäste mit einer leichten Verbeugung. Tolle Geste, dachte Hannes.

Nach der Begrüßung nahmen alle an einem unglaublich langen und breiten Tisch platz. Hannes saß an einem Tisch, an dem Weltpolitik besprochen wurde. Er streichelte die Tischplatte und stellte sich vor, wer wohl dort schon alles gesessen haben mochte. Minister Juppé bemerkte dies und lächelte Hannes zu.

Ein Sekretär wollte das Protokoll für den heutigen Tag, den kommenden Freitag und Sonntag ansprechen, als ihn Minister Juppé unterbrach.
Er sah zu Patricia und dann zu Hannes. „Als erstes möchte ich mich bedanken. Ich möchte mich bei diesen beiden jungen Herrschaften bedanken für Ihren Einsatz an Kinder und für Ihr Engagement der Menschlichkeit. Ich möchte mich bedanken das es junge Mitmenschen gibt, die die Werte der Menschenrechte kennen und auch danach handeln. Gerade in der Jugend sind oft andere Ziele wichtiger als Nächstenliebe. Ich habe vor Ihrer beider Arbeit und Jugend sehr großen Respekt. Als im letzten Jahr ein Schreiben des Botschafters aus Kambodscha uns erreicht hatte, waren viele Mitarbeiter in diesem Haus von dem angegebenen Alter überrascht – auch ich! Es wurde für ein Druckfehler gehalten. Auf Nachfrage an die Botschaft in Phnom Penh wurde uns Ihr Alter bestätigt. Nun sehe ich diese beiden jungen Menschen vor mir und kann Ihnen nur meinen allergrößten Respekt aussprechen.“
Alle Anwesenden an dem Tisch nicken Minister Juppé zu.
Monsieur Christian Sautter hielt auch noch eine kurze Rede, die vom Inhalt gleich war, wie die vom Außenminister.
Nun kam endlich der Sekretär an die Reihe. Er hatte eine lange Rede auf die Organisation gehalten und sei stolz, dass diese sich seit Dreißig Jahren so stark in der Umsetzung für Humanität auf zwei Kontinenten, Bildung an Kinder und darüber hinaus auch noch Infrastrukturen für Menschen schaffe. Dem Außenministerium sei die „Lefévre School“ in Kampong Rou bekannt, wie auch das Engagement von Patricia bei UNICEF.

Patricia saß rechst von Hannes und fing an zu weinen. Die Männer und Frauen am Tisch hielten Patricia’s Reaktion auf eben jene Auszeichnung hin. Als der Sekretär seine Rede beendet hatte, stand eine Mitarbeiterin vom Außenministerium auf, um die Ehrennadeln und Urkunden zu holen, die Orden würden am Freitag vom Staatspräsidenten François Mitterrand überreicht werden.
Patricia fing unter Tränen an zu sprechen. „Sehr geehrter Monsieur Juppé, Monsieur Sautter, sehr geehrte Damen und Herren. Es ist mir und auch allen andere eine große Ehre einen Verdienstorden zu bekommen. Meinem Vater und auch Monsieur Dilbert gilt ein großer Dank. Der Mann, links neben mir, ist und war der Motor um dies überhaupt alles zu erreichen, für das wir heute ausgezeichnet werden. Dieser Mann hat durch seine Menschlichkeit, Menschen aus neun Nationen, die zum Teil schwersten Mobbing ausgesetzt waren, Rassismus durch ihren Glauben erlebten und sogar Obdachlosen eine Perspektive gegeben! Sie alle sind ihm gefolgt und haben ihm vertraut, weil er für eine Menschlichkeit steht, die ich und auch wir selten gesehen haben! Seine Motivation in Kambodscha ganze Ortschaften zu mobilisieren ist beispiellos! Die Lehrer in meinem Team, die vielen Mitarbeiter in den anderen Teams der Organisation de développement et de secours pour l’humanité et les infrastructures, stehen hinter ihm, weil sie alle an ihn glauben! Heute ist für mich und Hannes ein besonderer Tag. Zum einen der Verdienst seiner Arbeit zu würdigen und zum anderen werden wir heute Heiraten.“

Franziska hielt sich in diesem Augenblick die Hand vor den Mund und fing an zu weinen. Sie saß Hannes und Patricia schräg gegenüber und kam um den großen Tisch herum um ihre Tochter zu umarmen, Hannes gab sie einen Kuss auf die Wange.

Da Patricia mit ihren Worten das Protokoll völlig aus dem Rahmen geworfen hatte, gab es erst einmal Glückwünsche von allen am Tisch. Minister Juppé fand als erstes die Worte. „Nun, wenn dies so ist, werden wir die Verleihung der Ehrennadel etwas schneller voran bringen und das Protokoll für heute außer acht lassen.“

Als sich alle vom Tisch erhoben, um die Ehrennadel und Urkunde zu erhalten, wurde Patricia und Hannes von allen nochmals beglückwünscht, gedrückt und geküsst. Franziska sah beide heulend an. „Wann habt ihr diesen Entschluss getroffen?“ „Auf dem Weg von der Rue Benjamin Franklin hier hin.“ „Kind, ich bin so Glücklich.“

Auf den Weg zu den Limousinen fragte Hannes, ob Nina und Stephane Trauzeugen sein könnten. Nina nickte und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Stephane nahm ihn in den Arm. „Natürlich! Hannes, natürlich werden wir dies machen. Ich bin mittlerweile viel von dir gewöhnt und kenne auch deine Geschwindigkeit, aber diesen Entschluss so schnell zu treffen, ist schon sehr einmalig. Wir sind doch nur eine viertel Stunde gefahren.“
„Stephane, diesmal war Patricia diejenige. Ich habe nur Ja gesagt.“

Ivette hatte schon die Tür vom Wagen geöffnet, als sie die Stufen vom Außenministerium herunter kamen.

„Ivette, können wir überhaupt so schnell heiraten?“ „Hannes, ich habe Beziehungen, es war nicht leicht, aber mit euren Pässen, mit der Ehrennadel und der Urkunde für den Ordre national du Mérite, bekommen wir das hin. Ich denke Trauzeugen habt ihr?“ Hannes zeigte auf Nina und Stephane. „Gut. Fahren wir zum Standesamt.“

Die Fahrt von der Quai d’Orsay ins 9. Arrondissement zum Standesamt in die Rue Notre Dame de Lorette, saßen Bernhard und Franziska mit im Wagen. Franziska war immer noch am heulen, da sie in der Mitte vom Fond saß, drückte sie abwechselnd ihre Tochter und Hannes.

Das Standesamt war nur fünf Kilometer von der Quai d’Orsay entfernt, trotzdem brauchte Ivette über eine Viertelstunde um dort hin zu kommen.
„Franziska, Bernhard, darf ich fragen, ob ihr dieses Kleid und den Smoking bezahlt habt?“ Franziska nickte und weinte nun mehr. „Warum?“ Bernhard drehe sich vom Vordersitz um. „Wenn ihr den Schritt nicht von alleine geht, müssen wir nachhelfen.“ Hannes schüttelte den Kopf. „Dafür braucht ihr doch nicht so viel Geld auszugeben!“ Nun weinte auch Patricia.

Das Standesamt war in der Nähe vom Quartier de la Nouvelle Athènes, in einem sehr schönen Barocken Gebäude.
Da Hannes und Patricia keinen Wohnsitz in Paris hatten, war es schon zu erwarten, dass es etwas kompliziert werden könnte so schnell zu heiraten. Durch ihre Pässe von der UN, einen Leumund von Jean Grizon und Stephane Dilbert, die Urkunde vom Außenminister und die bevorstehende Auszeichnung mit dem Ordre national du Mérite, war der Standesbeamte mehr als zufrieden und willigte der Hochzeit zu.
Die fehlenden Unterlagen würden nachgereicht werden, da diese in Thailand waren.
Am 9. Juni 1993 um 16.40 Uhr gaben sich Patricia und Hannes in der Rue Notre Dame de Lorette in Paris das Jawort.

Beim verlassen vom Standesamt lief bei geöffneten Türen der Mercedes Limousine das Lied von Bryan Adams: I Do It for You.
Look into my eyes
You will see
What you mean to me
Search your heart
Search your soul
And when you find me there
You’ll search no more

Don’t tell me it’s not worth tryin‘ for
You can’t tell me it’s not worth dyin‘ for
You know it’s true
Everything I do
I do it for you

Look into your heart
You will find
There’s nothin‘ there to hide
Take me as I am
Take my life
I would give it all
I would sacrifice…

Ivette umarmte Patricia, auch sie weinte. „Patricia, Hannes ich wünsche euch beiden alles Glück dieser Erde. Wo soll ich euch zum feiern hinfahren?“ Patricia zog die Schultern hoch. „Nicht in dem Kleid. Nicht auszudenken, wenn ich mir für Freitag und Sonntag dieses Kleid schmutzig mache.“ Ivette nickte. „Also erstmal zurück ins Hotel?“ „Bitte.“

Um kurz vor 18 Uhr fuhren vor dem Hôtel du Eiffel Trocadéro in der Rue Benjamin Franklin, drei schwarze Mercedes S500 Limousinen vor.
Ein Page öffnete die rechte Tür der Limousine, Patricia und Franziska stiegen aus. Bernhard und Hannes links. Die anderen kamen auch sogleich zum Eingang vom Hotel.
Jean sagte dem Vater von Ivette, dass die Fahrzeuge heute nicht mehr gebraucht würden. „Ivette, Liebes, wenn du möchtest, kannst du gerne bei uns bleiben. Dir haben wir immerhin diese Hochzeit zu verdanken.“

In der Lobby war ein kleiner Sektempfang aufgebaut, als Hannes mit Patricia die Lobby betraten klatschen die Gäste und Angestellte vom Hotel.
Jean ging in schnellen Schritten an dem Brautpaar vorbei und auf den Sektempfang zu. Er reichte dem Hochzeitspaar die Sektgläser.
Als die kleine Hochzeitsgesellschaft ihren Sekt hatte, sprach Jean Grizon in die Runde. „Liebes Brautpaar, liebe Mitarbeiter von ODHI, wir alle kenne mittlerweile die Geschwindigkeit die Hannes seit nun dreieinhalb Jahren vorlegt und nun muss ich in meinem Alter dieser Geschwindigkeit noch mithalten! Liebe Freunde, ich stehe am Höhepunkt meines Lebens! Vor Vierzig Jahren hatte ich die gleichen Gedanken wie unser junger Hannes und seine Patricia. Vieles habe ich erlebt, was mein Leben geprägt hat und mich in meinem Denken, Handeln und Tun auch immer vorwärts brachte. Vor Dreißig Jahren wurde der Grundstein für ein Verein gelegt, der sich Humanitäre Hilfe zur Aufgabe gesetzt hatte. Mit einer Handvoll Freunde hatten wir in einem Hinterhof in Reims angefangen Lebensmitteln zu Sammeln um Menschen in dem Grenzkrieg zwischen Marokko und Algerien, dem Guerre des sables, zu versorgen. Der Shifta-Krieg in Somalia, der Bürgerkrieg im Tschad und noch so einige Konflikte in Westafrika waren Stationen von unserem Verein. Früh erkannten wir, dass nur Lebensmittel für die Menschen nicht ausreichen. Es brauchte Infrastrukturen für eine Nachhaltigkeit. So wurde der Name und die Schwerpunkte vom Verein geändert. Mitte der 80er Jahre betraten meine Frau und ich zum ersten Mal asiatischen Boden und bauten unsere Organisation in Phnom Penh auf. Kambodscha kennt ihr alle, da muss ich nichts groß erzählen. Unsere Organisation wuchs in den letzten Dreißig Jahren immer weiter und die Projekte auch. Heute haben wir eine überaus respektable Anzahl von Mitarbeitern in Südostasien und Westafrika, die uns nun mit zu den größten Hilfsorganisationen in Europa zählen lässt. Wir sind immer noch privat organisiert und darauf bin ich stolz! Nun kam zu meinem Stolz die Hochzeit dazwischen und so wird der heutige Abend ein Jubiläum und eine Hochzeitsfeier. Liebes Brautpaar, da eure Hochzeit doch sehr spontan war, haben Josephine und ich beschlossen, euch diesen Abend zu schenken. Im Anschluss gibt es ein Buffet mit so einigem was die Küche uns zubereitet. Nun lasst uns nicht länger in der Lobby stehen, wir sollten uns in den Saal begeben.“

Der Saal war sehr elegant geschmückt mit vielen Blumen, Kerzen und Dekoration für eigentlich ein Firmenjubiläum. Zwei Page stellten noch eilig einiges um und so wurde der wunderschön arrangierte Tisch zu einer Hochzeitstafel. Patricia wollte sich für den Abend umziehen, Franziska verneinte dies. Solange nicht der Hochzeitswalzer getanzt wurde, sollte sich Patricia auch nicht umziehen. Hochzeitswalzer!
„Prinzessin, ich kann kein Walzer tanzen!“ Sagte Hannes leise zu Patricia. „Mach dir keine Sorgen, ich führe dich.“ Dabei gab sie ihm einen Kuss. Noch war Zeit zum Handeln. Hannes sah flehend zu Nina, sie grinste und nickte. Im Flur vor dem Saal übten sie den Hochzeitswalzer. Nach einer Viertelstunde üben fühlte sich Hannes für diese Herkulesaufgabe gerüstet.

Ivette hatte aus ihrem Auto einige KuschelRock-CDs mitgebracht, so lief eine schöne Hintergrundmusik im Saal bei den Gesprächen.
Patricia wollte vor dem Essen noch den Hochzeitswalzer hinter sich bringen, die Angst um ihr Kleid machte ihr Sorge.
Aus der Stereoanlage erklang der Walzer von Dmitri Schostakowitsch. Hannes nahm die Hand von seiner unglaublich schönen Frau und führte sie an den Tischen und Stehtischen vorbei in den Raum.
Er sah sie an und ein paar Tränen liefen ihm übers Gesicht. „Pour toujours, ma Princesse.“ Sagte er leise. „Oui, für immer. Ma Chérie. Für immer!“
Mit jeder Drehung bei dem Walzer wurde er sicherer und merkte endlich auch, wie Patricia ihn führte. Hannes sah nur noch Patricia und fühlte sich auf einmal wie bei dem Tanz in Kampang Rou vor drei Jahren. Schostakowitsch hatte sich bestimmt etwas dabei gedacht, als er diesen nie endenden Walzer schrieb. Als der Walzer zu Ende war, war auch sofort die Realität wieder da. Patricia gab ihm einen Kuss und verließ den Saal.

Franziska umarmte Hannes. „Ich bin so Glücklich!“ Mehr konnte sie nicht sagen, da sie wieder anfing zu weinen.

Patricia kam in dem Atemberaubenden roten Chanel Kleid zurück. Sofort waren wieder die Gespräche von den VIP’s der letzten Woche das Thema. Ivette erzählte in der Runde die sehr spontane Idee und wie sie die Zeit im Louvre empfand.

Das Essen wurde gebracht. Wobei Essen nicht das Wort war, für diese Köstlichkeiten: Fisch, Rind, Lamm und Strauß. Klöße, Kroketten und unzählige Gemüsesorten. Eine sehr große Auswahl an Salaten. Ein Buffet wurde aufgebaut, dass einer Königstafel gleich war. Ein Koch legte das gewünschte Essen auf die Teller und ein anderer Koch dekorierte diese zu einem Kunstwerk.
Später am Abend brachte der eine Koch, der die Teller zu Kunstwerken verzauberte, noch eine Hochzeitstorte die auch ein Kunstwerk war.

Josephine kam zu dem Hochzeitspaar und gab Patricia einen Umschlag in die Hand. „Dies kommt von Herzen!“ Patricia sah kurz in den Umschlag, schüttelte sofort den Kopf und reichte diesen Josephine zurück. „Es kommt von Herzen!“ Wiederholte sie. „Wir alle haben euch sehr viel zu verdanken. Nehmt dieses Geschenk für eure Hochzeit.“ Josephine umarmte Patricia und streichelte ihr den Rücken. „Du bist ein gutes Mädchen.“ „Merci beaucoup, Josephine.“
Patricia sah zu Hannes und sagte leise „10.000 France!“

Jean stand auf und erhob sein Glas. „Auf das Brautpaar!“ Alle am Tisch erhoben ihre Gläser und im Chor sprachen sie Jean nach.
„Liebe Patricia, lieber Hannes, ich habe euch beide vom ersten Moment an in mein Herz geschlossen. Nun bin ich als Arbeitgeber auch noch auf eurer Hochzeit. Eure Jugend ist so wunderbar. Eure Kraft noch Grenzenlos. Ich bin ein Alter Mann und habe den Höhepunkt mit dem Ordre national du Mérite mehr als erreicht. Die Jugend hat mehr Kraft und Elan als ich, daher ist es Zeit für den Ruhestand. Ich möchte weniger Arbeiten und übergebe meinen Platz des Direktors an Stephane. Bernhard wird der Nachfolger von Stephane und Nina wird Co-Direktorin. Gerne würde ich unserem Bräutigam die Leitung für Westafrika geben, er möchte aber nicht. Dies zeigt mir, wie Bodenständig er ist! Ich respektiere seine Entscheidung und sehe trotzdem eine Zukunft vor ihm, die ihn noch weit bringen wird. Mit stolz kann und werde ich mein Lebenswerk weiterreichen.“

Jeder am Tisch musste das Gesagte von Jean erst einmal verdauen.
„Kinder was ist los mit euch? Nun lasst uns auf diesen Tag feiern, es ich schließlich nicht meine Beerdigung! Ivette, kannst du vielleicht eine Musik besorgen, die diesem Teil des Abends angebracht ist?“
Ivette nickte und kam kurze Zeit später mit einem Stapel CDs Französischer Chansons zurück.
Alle tanzen zu diesen Lieder. Bernhard mit Patricia, Hannes mit Constance, Franziska, Josephine, Ivette und Nina. Es tanze jeder mit jedem. Jean fühlte sich richtig gut, lachte viel und tanzte auffällig oft mit Patricia. Hannes sah auf einmal nicht mehr den Direktor Grizon, sonder mehr den Großvater Jean in ihm.

Um kurz vor 3 Uhr war jeder an einem Punkt um ins Bett zu gehen. Jean verabschiedete alle und man würde sich um 11 Uhr hier im Saal zum Frühstück treffen.

Hannes lag wie erschlagen neben seiner Frau, streichelte ihr wunderschönes Gesicht und schlief auch gleich ein.

Beim Frühstück sah Hannes einen sehr gut gelaunten Direktor. „Jean, ich danke für euer Hochzeitsgeschenk. Ich habe bei so viel Geld ein schlechtes Gewissen.“ Jean nahm Hannes in dem Arm und schüttelte den Kopf. „Brauchst du nicht, mein Sohn! Hannes, was wir Morgen überreicht bekommen, dafür kann ich dir gar nicht oft genug danken. Ich wollte dieses Jahr sowieso meinen Stuhl räumen. Nun wird dies mit dem Ordre national du Mérite belohnt! Größer kann ich nicht in den Ruhestand gehen. Ich bin ja nicht sofort weg, bin immer noch in der Firma – nur etwas weniger. Überlege dir mein Angebot mit Westafrika, ihr seid jung.“ „Danke, Jean. Danke für dein Vertrauen. Ich bin sehr Glücklich mit all den Verrückten in Kambodscha. Wir sind mehr als nur Kollegen! Es würde mir sehr schwer fallen jetzt neu anzufangen. Patricia wechselt nächstes Jahr zur Hälfte ins Bildungsministerium nach Phnom Penh, gib ihr diese Chance.“ Jean nickte „Natürlich. Dies ist auch ein großer Schritt für sie.“

Das Telefon von Jean meldete sich. Es war der Sekretär von Monsieur Juppé, er wollte doch gerne das Protokoll für den Freitag besprechen. Also nochmals ins Außenministerium. Jean bestellte bei Ivette drei Fahrzeuge für 15 Uhr.

Das Telefon! Hannes sollte doch seine Eltern informieren, dass er geheiratet hatte. Wie erklärte er seinen Eltern eine spontane Hochzeit in Paris? „Du, Mama, wollte dir nur sagen ich habe geheiratet.“ „Hallo, ich rufe von Paris aus an. Wir haben geheiratet. Unser Hochzeitsgeschenk ist die Projektleitung in Westafrika.“

Bernhard und Franziska waren in der Suite. Nun hatte Hannes drei verschiedene Ratschläge, wie er das Gespräch beginnen und führen sollte. Er war genauso weit wie vor einer Stunde auch. Bei schwierigen Situationen musste Patricia vor, dafür hatte es sie schließlich geheiratet. Gemeinsam erklärte sie seiner Mutter die Hochzeit und das was morgen und am Sonntag noch zu erwarten war. Hannes fragte, ob sie nach Paris kommen wollten. Immerhin würde der Klassenkasper einen Verdienstorden bekommen. Seine Mutter würde mit dem Vater reden, wenn er von der Arbeit nach Hause kommt und sich wieder bei ihm melden.
„Lief doch besser als gedacht“  sagte Hannnes  erleichtert.
Alle in der Suite nickten ihm zu.

Mit drei Limousinen ging es wieder in die Quai d’Orsay. Der Sekretär von Monsieur Juppé erwartete sie schon, er schien aufgeregter zu sein, als seine Gäste für den morgigen Tag.
In seinem Büro gab er jeden nochmals das Protokoll in dem minutiös alles beschrieben war. Auch nach nochmaligen lesen hat sich an dem Lampenfieber aller nichts geändert. Dann überreichte der Sekretär das Protokoll mit der Gästeliste für den Staatsbankett am Sonntag und bei Hannes setzte für kurze Zeit das Hirn aus. Auf der Liste standen Namen bei denen Hannes warm und kalt wurde: Bundekanzler Helmut Kohl mit Frau Hannelore, Außenminister Klaus Kinkel mit Frau Ursula. Der Premierminister von Belgien, Jean-Luc Dehaene mit Frau Celie Verbeke, Christian Sautter und noch einige Namen aus der Europäischen Politik.
„In all dem Trubel hatten Sie gestern die Urkunden und Ehrennadeln für Ihre Mitarbeiter vergessen. Frau Lefèvre, ich hatte mir die Mühe gemacht und die Lebensläufe – so weit diese möglich waren, angefordert und gelesen. Bemerkenswert! Dürfte ich noch einiges mehr erfahren? Ich bin der Meinung, dass dies auch der Präsident wissen sollte.“ „Merci beaucoup, Monsieur Lambert, dass Sie dies wissen möchten.“

Patricia erzählte die Lebensgeschichten von Adelina Tabari, Clodette Léglise, Leatitia de Perrin und Levi Flacks. Das Leben von Dhani Mathieu erzählte Hannes. Monsieur Lambert hörte sehr aufmerksam zu und man sah ihm oft die Fassungslosigkeit im Gesicht stehen. „Danke für diese Schilderungen. Das Sie diesen Menschen eine solche Chance gaben verdient den wirklich allergrößten Respekt und eigentlich sollten sie den Ordre national du Mérite eine Klasse höher bekommen.“
Da Monsieur Lambert in fragende Gesichter sah, erklärte der die fünf Klassen für den Verdienstorden.
„Danke für Ihre Worte, Monsieur Lambert, ich kann und werde es immer wiederholte, all dies wurde nur von meinem Mann geschaffen. Er hatte diese Leute eingestellt. Er ist in ein Obdachlosenheim in die Schweiz gefahren um Levi Flacks abzuholen und traf dort auch Monsieur Mathieu. Wegen meinem Mann werden nun so viele Menschen ausgezeichnet.“

In 22 Stunden würde Hannes dem Französischen Präsidenten François Mitterrand die Hand geben und von ihm einen Verdienstorden bekommen.

„Ma Chérie, hast du die Liste von den Gästen für den Staatsbankett gesehen? Der Bundeskanzler ist auch da!“ „Ja, es sind auch nur Menschen!“
Es gab Momente, da konnte Hannes dem Pragmatismus von seiner Frau nichts mehr entgegensetzen.

Sein Vater rief an und war von der schnellen Hochzeit sehr überrascht und konnte sich die Verleihung von dem Ordre national du Mérite nicht vorstellen. Hannes erklärte ihm für was diese Auszeichnung stand.
„Wir kommen nach Paris. Ich fahre die Nacht los, dann sind wir morgen früh bei euch.“ Hannes spürte durch das Telefon, wie stolz sein Vater auf ihn war. „Danke Papa. Ich kümmere mich noch um ein Zimmer für euch bis zum Sonntag.“

Ivette machte den Vorschlag, dass der Vater von Hannes sein Auto zu ihr fahren sollte und sie würde die Eltern in die Rue Benjamin Franklin fahren. Hannes rief nach Deutschland an und gab seinem Vater die Adresse und genaue Anfahrt zu Ivette an.

Freitag 11. Juni 1993 6.25 Uhr

Patricia lag mit ihrem Kopf auf seine Brust und streichelte sein Gesicht. „Ma Chérie, du bist so unruhig, was ist los?“ „Was los ist? Patricia, in acht Stunden stehe ich dem Französischen Präsidenten gegenüber!“
„Ja,ich auch.“ „Lässt dies dich alles so kalt?“ „Nein. Ich bin stolz. Stolz auf dich.
Du mein Licht
das scheint in mein Gesicht
ohne das ich nicht mehr kann
denn du bist jetzt mein Mann.“

Patricia gab ihm einen langeb Kuss und ihr kamen die Tränen.
„Schatz, was ist mit dir?“ „Ma Chérie, ich bin nur Glücklich. Glücklich und stolz für den Moment, für das was war und all das was kommen mag. Je t’aime pour toujours.“

Um 7.20 Uhr rief Ivette an und sagte, dass die Eltern von Hannes bei ihr seien. Sie würde gleich losfahren und wäre gegen 8 Uhr am Hotel.

Hannes wartete in der Lobby auf seine Eltern. Kurz nach 8 Uhr fuhr die schwarze Limousine vor.
„Wo ist dein Smoking?“ Begrüßte Ivette Hannes. „Hat noch Zeit. Noch bin ich entspannt. Ivette, könntest du an den Gare du Nord fahren und eine Freundin von uns abholen.“ „Gerne doch.“ Hannes sagte auf welchem Gleis Yvonne ankommen werde und das Ivette sie durch den Kinderwagen erkennen wird.

Der Vater von Hannes umarmte ihn fest „Ich bin so stolz auf dich. Warum hast du von der Verleihung nichts gesagt, als du bei uns warst?“ „Ich hatte es da noch gar nicht gewusst. Du glaubst gar nicht, was wir die letzte eineinhalb Wochen erlebt haben. Wir werden gleich alle zusammen Frühstücken. Dann lernt ihr auch meine beiden Chefs kennen.“
Die Mutter von Hannes hatte Tränen in den Augen, als sie ihren Sohn umarmte. „Du hättest ruhig etwas früher sagen können, dass du heiratest.“ „Mama, konnte ich nicht! Es war auf der Fahrt vom Hotel zum Außenministerium. Die Frau, die euch gebracht hat, sagte am Mittwoch: „ihr seid das Traumpaar, soll ich euch zu einer Kirche fahren?“ Hätte Ivette diesen Satz nicht gesagt, hätten wir auch nicht geheiratet.“

In der Suite wurde auch Patricia sehr herzlich umarmt. Nun konnte Hannes mit den Magazinen auch einiges besser erklären. Seine Eltern schauten die Fotos vom “France Stars“, “Closer“, “Le Figaro“, “Le Journal de France“ und die anderen Zeitungen, in denen sie abgebildet waren. „Unglaublich“ sagte sein Vater. „Ich weiß, hätten wir euch dies erzählt, ohne das ihr nun die Fotos gesehen habt, ihr hättet es uns nicht geglaubt. Kommt lasst uns Frühstücken gehen, die Freundin von Patricia kommt in eineinhalb Stunde.“

Hannes öffnete die Zimmertür, da stand Claude auf der anderen Seite der Tür. Seine Begrüßung war mal wieder typisch für ihn. „Guten Morgen Monsieur Ehrentitel, ich verbeuge mich vor Ihnen.“ „Salut Claude, kein Ehrentitel, es ist nur ein Orden.“ „Nur ein Orden. Entschuldigung, Monsieur-nur-ein-Orden. 58 Millionen Franzosen würden einen Kollaps bei der Verleihung für den Verdienstorden bekommen und für die Deutsche Kartoffel ist es nur ein Orden.“ „Oui. Könnte François Mitterrand fragen, ob er einen Deutschen-Kartoffeln-Orden mal überdenken sollte.“ Claude knuffte ihn gegen den Arm. „Du bist mehr als cool.“

Im Speisesaal stelle Hannes seinen Eltern und Claude nun den Direktor Grizon mit Frau Josephine, den Gebietsleiter für Südostasien, Stephane Dilbert mit Frau Constance und Nina Dupont vor.
Jean, Josephine und Nina saßen den Eltern von Hannes gegenüber und Jean sprach bei Frühstück unentwegt über Hannes, was Nina ins Deutsch übersetzte.

„Jean, ich dachte du wolltest nicht mehr so viel arbeiten?“ Jean schüttelte den Kopf. „Hannes, gibt es für Eltern eine größere Ehre, als wenn ein Direktor so stolz auf seinen Mitarbeiter ist?“
Es machte wenig Sinn der Argumentation von Jean etwas entgegen zu setzten. „Hoffentlich lässt er seine Gedanken über Westafrika weg“ sagte Hannes leise zu Patricia – ließ er nicht.
Seine Eltern sahen Hannes nun völlig konsterniert an. Hannes musste nun irgendwie die Gedanken von Jean etwas revidieren. „Macht euch keine Sorgen, ich bleibe die nächste Zeit in Kambodscha.“

Yvonne kam mit Louise in den Speisesaal. Sie grüßte alle in dem Raum und setzte sich zu Claude, Hannes und Patricia. Hannes nahm die kleine Louise auf seinen Schoss und knuddelte sie. Die Schulfreunde wussten noch nichts von der Hochzeit. Patricia erzählte es beiden, Yvonne fing an zu weinen und Claude war für einen Moment regungslos.

In der Suite machte sich Yvonne an die Haare von Patricia, dafür musste sie das Kleid anziehen. Als die Eltern von Hannes Patricia in diesem unglaublich eleganten Kleid sahen, blieb auch ihnen die Luft weg.

Auf dem Balkon sagte Hannes ihnen, wie teuer dieses Kleid war und Patricia in diesem Kleid ihn geheiratet hatte.
„Mein Sohn, ich kann dies immer noch nicht fassen! Als dein Vater dachte ich, ich kenne dich. Was Herr Grizon über dich sagte, was ich in den Zeitungen gesehen habe und jetzt Patricia in einem Kleid sehe, für das man ein Auto kaufen kann, bin ich mehr als stolz auf dich!“
Claude erzählte von seiner Freundschaft zu Hannes und auch wie stolz er auf seinen Freund war. „Die kleine Louise lebt durch Hannes. Auch darauf können Sie stolz sein.“
Nun musste Hannes auch diese Begegnung von vor drei Jahren an der Saarschleife erzählen. Instinktiv streichelte seine Mutter den Kopf von Louise.

Hannes hatte zwischenzeitlich seinen Smoking angezogen.
„Wie teuer war der Smoking?“ Fragte sein Vater. „Die Hälfte von Patricia’s Kleid. Glaub mir Papa, ich wollte dies nicht. Bernhard und Franziska haben den Anzug bezahlt.“ „Da wird es schwer bei solchen Hochzeitsgeschenken mitzuhalten.“ „Nein! Das ihr heute hier seid ist mehr wert als alles was es auf dieser Welt gibt. Ihr habt mich in meinem Denken geprägt! Mit fünfzehn sprachen wir zu Hause viel über Außenpolitik und wie ihr diese saht, heute drehe ich am Rad dieser Außenpolitik! So viele Gespräche mit euch sind mir im Kopf geblieben. Ja, Mama, ich weiß, in der Schule war ich der Klassenkasper. Ja, ich weiß, wie sehr du dich geschämt hast auf die Elternabende zu gehen. Ich habe viel zu spät erkannt, dass ich Fehler gemacht habe und euch vielleicht zu oft enttäuscht hatte. Als ich euch vor fast vier Jahren erzählte, dass ich in die Humanitären Hilfe gehen möchte, habt ihr dies nicht gleich abgelehnt. Natürlich waren mir euren Sorgen um mich bekannt: der Sohn so weit weg in einem Land in dem noch kein Waffenstillstandsabkommen bestand. Im April 1990 erzählte ich euch von der Projektleitung über 24 Millionen Dollar, heute bestimme ich über das vierfache! Die erste Zeit in Kambodscha war ein Alptraum für uns! Patricia war genau so geschockt wie ich, wir hatten trotzdem angefangen den Menschen irgendwie zu helfen – weil damals schon wunderbare Menschen im Team waren, die uns junge Vögel beschützten. In Asger Joergensen, ein Däne und Hüne von Mann, sah und sehe ich immer noch so viel von dir, Papa. Asger wurde in Kambodscha der Vaterersatz für mich. Ich kann nicht sagen ob ich nach den ersten drei Monaten aufgehört hätte, wäre Asger nicht da gewesen. Als ich damals anrief und du mir früh am Morgen erklärtest wie man wo welche Filter am Bagger wechselt, tatest du dies in deiner gewohnten ruhigen Art. Wenn ich könnte, würde ich euch den Ordre national du Mérite verleihen. Eure Erziehung, das Elternhaus, eure Hilfe und Unterstützung in all den Jahren ist es, für das ich heute diesen Verdienstorden bekomme.“

Claude nickte langsam und Hannes sah, wie ihn diese Worte beschäftigten. Was hatte er jetzt nur gesagt!
„Claude, es tut mir leid, was ich gesagt habe!“ „Nein. Hannes, wir beide kennen die Umstände und das ich heute hier sein kann, habe ich deiner Güte, Menschlichkeit und auch deiner Erziehung zu verdanken. Mein Leben hat sich durch dich verändert. Ich habe durch dich das Studium mit ganz anderen Augen gesehen. Deine Freundschaft ist unbezahlbar und das macht mich sehr stolz.“

Yvonne hatte die Haare von Patricia toupieren und sie dezent und trotzdem sexy geschminkt.
„Mein Gott! Patricia, du bist ein Engel in einem Mitternachtsblauen Kleid.“ „Merci, ma Chérie.“
Die Suite füllte sich langsam mit allen Freunden, auch Ivette, ihr Vater und zwei Fahrer war da. Die Gruppe machte sich unter Lampenfieber auf in den Élysée-Palast. Claude blieb mit Yvonne und Louise in der Suite.

Die Fahrt vom Hotel zum Élysée-Palast verlief sehr ruhig. Für Hannes war diese Ruhe mehr Belastung als Erholung. In den letzten Jahren hatte Hannes viele Gespräche mit Gouverneuren oder Militärs geführt – diese waren aber nicht der Französische Präsident. Auch wenn Monsieur Lambert alles oft genug erklärte – war dies alles theoretisch.
Ivette fuhr am Place de la Concorde vorbei und Hannes hielt die Hand von Patricia fest. Er hatte seine Augen geschlossen und versuchte die Zukunft in den nächsten zwei Stunden irgendwie einzuordnen.
Als Ivette stoppte, wusste er wo sie waren. Das Tor zum Élysée-Palast wurde geöffnet und Ivette rollte langsam über einen unglaublich großen Platz auf den Eingang zu.
Links und recht sah er die Flügel von diesem wunderschönen Palast. König Ludwig XVI, Napoleon, Maria Karolina von Bourbon-Sizilien wohnten in diesem Palast und gleich würde der Dorfjunge aus dem Naheland dieses Gebäude betreten.
Ivette parke unweit vom Eingang als auch schon Monsieur Lambert die Stufen vom Palast ihnen entgegen kam. Er grüßte auf seine freundliche Art jeden aus der Gruppe. Hannes fragte ob seine Eltern bei der Verleihung zugegen sein dürften. „Natürlich. Auch wenn sie nicht in dem Protokoll stehen, wir sind doch keine Unmenschen. Ich weiß wie turbulent die letzten Tagen für Sie waren, es hat ja bald ein Ende“ sagte Lambert und grinste.

Das Innere vom Élysée-Palast war pompös, gewaltig und atemberaubend in einem. Hannes war schon im Schloss Linderhof von Königs Ludwig II aus Bayern gewesen und konnte sich an eine solche Pracht in einem Schloss gar nicht satt sehen, der Élysée-Palast als Amtssitz einer der Mächtigsten Politiker der Neuzeit zu betreten war doch ein anderer Maßstab als eine Touristen Attraktion.
Durch lange, breite Flure folgte die Gruppe Monsieur Lambert durch den Palast.
Patricia schritt wie eine Königin rechst neben ihm durch den Flur – er fühlte sich in seinem Smoking wie ein Pinguin. Nicht daran denken, sagte er sich immer wieder. Nicht daran denken, wie bescheuert du aussiehst.
Monsieur Lambert drehte sich zur Gruppe um und sagte, dass sie nun vor der Tür von François Mitterrand standen. Lambert öffnete die Tür zum Amtszimmer vom Präsidenten. Patricia gab Hannes einen Kuss mit den Worten „Ich liebe dich.“

François Mitterrand stand am Fenster, als die Gruppe den Raum betrat.
Das Amtszimmer war ein Raum in dem der Prunk nur so strotzte! Goldene Möbel und Wände, ein Kronleuchter in einer unvorstellbaren Größe gaben dem Raum eine Anmut die man kaum begreifen konnte.
„Madames et Monsieurs, bienvenue à l’Élysée“ , mit diesen Worten kam der Französische Präsident auf Patricia zu, reichte ihr die Hand und verbeugte sich leicht vor ihr.
„Monsieur le Président“ ,sagte Patricia und auch sie verbeugte sich leicht vor François Mitterrand. Hannes tat es Patricia gleich. Der Händedruck von François Mitterrand war fest und sein Blick sagte mehr als Tausend Worte.
Als der Präsident alle in der Gruppe begrüßte, bat er die Gäste an den sehr großen und pompösen Tisch in deinem Amtszimmer platz zu nehmen.
François Mitterrand blieb am Tisch stehen und schaute in die Runde seiner Gäste.
„Als Präsident von Frankreich ist es mir immer eine große Ehre Menschen für ihr Engagement und ihre Courage auszuzeichnen. Bei Ihnen ist es mir eine noch größere Ehe so junge Menschen für ihren Einsatz an Kinder und Menschlichkeit zu Ehren! Mir ist von Monsieur Lambert vieles bekannt und kann Ihnen alle meine größte Hochachtung aussprechen. Als Politiker möchten auch wir unser Bestes für Menschen geben und arbeiten täglich für unsere Gesellschaft. Ein Staat zu lenken ist nicht immer einfach, Sie lenken in Kambodscha Ortschaften und wissen wie schwierig auch dies schon ist, trotzdem tun Sie und ich dies täglich.“
Bei diesen Worten schaute François Mitterrand Hannes an und nickte ihm zu. „Eine Hilfsorganisation auszuzeichnen, die sich seit mehr als Dreißig Jahre für Menschen einsetzt, zeigt die Not dieser Welt und ist selbst mit dem Ordre national du Mérite kaum zu würdigen. Ihrem Mut und Taten verdanken viele Menschen ihr Leben! Monsieur Grizon, Ihre Bestrebung für humanität ließen andere Menschen Ihnen folgen. Ihr Werk wird an Generationen weiter gegeben und kann Sie mit Stolz erfüllen.“
Die Worte von François Mitterrand zeigten seinen Respekt für die Arbeit von ODHI. Er fragte auch über die Situation vor Ort und war sichtlich berührt bei den Worten von Patricia und Hannes.
„Monsieur le Président, auch wir haben Frankreich zu danken. Ohne die Finanziellenmittel hätten wir vieles nicht umsetzen können. Das es Monsieur Dilbert und Monsieur Grizon gelang sehr schnell Geld für Medizinische Sofortmaßnahmen für viele Menschen zu bekommen, war ein großer Schritt. Der Aufbau von Schulen wurde mit Geld von Frankreich ermöglicht. Monsieur le Président, ich bin der festen Überzeugung, dass wir die Armut auf dieser Welt nur besiegen können, wenn Menschen Bildung erfahren und diese dann auch ihre Rechte kennen. Meine Frau und ihr Team lehren Kinder lesen und schreiben für deren bessere Zukunft. Wenn es auch nur Einhundert Kinder von einer Million sind, können diese Einhundert Kinder Schritte für eine bessere Zukunft aller gehen.“
François Mitterrand nickte in die Runde bei den Worten von Hannes.
„Ich würde gerne über Ihrer Arbeit auf dem laufenden bleiben. Nun sollten wir doch zu dem eigentlichen Grund kommen, warum Sie hier sind.“

Beim anstecken vom Ordre national du Mérite verbeugte sich François Mitterrand nochmals leicht und drückte Hannes wieder sehr fest die Hand.
„Ich freue mich Sie kennenlernen zu dürfen.“ „Merci Monsieur le Président.“

Nach gut zwei Stunden sehr angenehmen und synaptischen Gesprächen mit dem Präsidenten verabschiedete sich die Gruppe. Hannes reichte François Mitterrand nochmals die Hand. Der Präsident grinste mit den Worten „Wir sehen uns am Sonntag wieder.“

Im Hotel Hôtel du Eiffel Trocadéro organisierte Jean wieder den Raum, in dem sie die Hochzeit gefeiert hatten um gemeinsam zu Essen.
Jean stand am Kopfende der Tische und erhob sein Glas. „Freunde und Mitarbeiter von ODHI, ich sagte es schon auf der Hochzeit von Patricia und Hannes, dass ich meinen Höhepunkt mit dem Ordre national du Mérite erreicht habe, die Worte vom Präsidenten für mein Lebenswerk gaben dem Ruhestand noch einen obendrauf. Mit Stolz kann und werde ich meine Arbeit nun anderen Generationen überlassen. Hannes, deine Worte an den Präsidenten, hätte ich nicht besser sagen können! Ich danke euch allen für euren Einsatz an Menschen.“

Der Abend war schön und die Gespräche an den Tischen hatten viele Themen. Die Hauptlast von der Verleihung des National Ordens war weg und so war es ein gemütliches Beisammen sein. Das Fazit über François Mitterrand fiel bei allen sehr knapp aus: Sympathischer Mann.

Am Samstag charterte Jean ein kleines Boot und so machte die Gruppe eine Stadtrundfahrt über die Saine. Im ruhigen Lauf des Wassers zogen die schönsten Museen und Bauwerke von Paris an Ihnen vorüber.
Zu Mittagessen legte das Boot in der Nähe vom Calife an. Hannes sagte seinen Eltern was sie aus der Karte essen sollten oder konnten. Fragende Blicke von beiden.
„Wir waren hier schon mit Ivette essen.“

Nach dem Mittagessen ging die kleine Gruppe zu Notre-Dame. Hannes schob den Sportbuggy mit Louise. Die Blicke von seiner Mutter und Franziska sprachen Bände. Gern würde Hannes sein eigenes Kind durch Paris schieben und ihm die Berühmtesten Bauwerke der Welt zeigen und erklären – so tat es er bei der kleinen Louise.

„Ma Chérie, wie du Louise alles erklärst, könntest du auch die Kinder in Kambodscha unterrichten.“ „Lass mich lieber andere Dinge machen, du hast bessere Lehrer in deinem Team, als ein Baggerfahrer.“ „Ein Baggerfahrer hatte gestern ein wunderbares Gespräch mit dem Französischen Präsidenten geführt! Du weißt das du mehr kannst.“
Patricia hakte sich bei ihm unter und legte ihren Kopf an seine Schulter, als sie vor Notre-Dame standen und er seinen Eltern und der Gruppe die Gründung, Bauzeit und Besonderheit von dieser Kathedrale erzählte.
Gebannt hörte ihm die Gruppe zu, als er das Leben der Menschen im 11. und 13. Jahrhundert beschrieb.
Beim Eintreten in die Kathedrale hielt Franziska ihn am Arm fest. „Ich fühlte bei deinen Erzählungen die Umstände jener Zeit! Wie du uns eben das Mittelalter in Zahlen und Fakten beschrieben hast, so habe ich noch keine Schulstunde gehalten!“
Patricia gab ihm einen Kuss auf die Wange „Ich bin so stolz auf dich, du Baggerfahrer.“

Am Sonntag nach dem Frühstück machte sich Yvonne wieder an die Haare von Patricia. Diesmal kämmte sie ihre Haare auf die linke Seite und machte zwei Zöpfe, die rechten Haare föhnte Yvonne mit einem Lockenstab und gab den Haaren unglaublich viel Volumen.
„Prinzessin, du wirst immer schöner! Am Freitag sahst du schon wie ein Engel aus, mit jedem Schritt, den Yvonne dir die Haare verändert, wirst du noch schöner. Ich fühle mich in dem Anzug so falsch.“
„Quatsch! Hannes du siehst super elegant in diesem Smoking aus, wärst du nicht mit Patricia verheiratet, würde ich dich sofort zum Traualtar schleppen.“ „Sagst du ja nur, damit ich mich nicht wie der Butler James bei Dinner for One fühle.“ „Ma Chérie, der hatte einen Frack an!“ „War der auch Ozeanblau?“ „Yvonne, bitte box ihm mal eine von mir.“ „The same procedure as last week, Miss Patricia. Ich bin eben nicht für solche Kleider. Jeans und T-Shirt sind auch in Ordnung. Diese soll es sogar in Ozeanblau geben. Heute werde ich es noch überleben.“  Patricia verdrehte die Augen. „Mon dieu! Monsieur erleidet ja solche Qualen bei einem Smoking. Der sterbende Schwan in Ozeanblau.“

Es machte keinen Sinn sich mit den beiden Frauen anzulegen, er blieb mit seiner Meinung über den Smoking in der Minderheit. So beschloss Hannes in die Lobby zu gehen und einen Espresso zu trinken.
„Pass auf, dass dich nicht eine Frau vor den Traualtar zerrt.“ Hannes drehte sich in der Tür zu Patricia um. „Dieser Satz musste ja noch kommen.“ „Oui. Hab dich lieb.“

Claude kam ihm im Flur entgegen. „Oh, Monsieur Elégant, wo hin des Weges?“
„Fängst du auch schon so an! Ich geh einen Espresso trinken, kommst du mit oder willst du zu Patricia und Yvonne?“
„Ich sag kurz Hallo, dann komme ich in die Lobby.“

Nina saß in der Lobby bei Constance und Franziska. Die Frauen hatten alle wunderschöne Abendkleider an und tranken Cappuccino. Hannes begrüßte die drei mit einem Handkuss.
„Bonjour Madames.“ „Oh, welch noble Etikette von meinem Schwiegersohn.“
„Merci beaucoup Madame Lefèvre. Ich muss in dem Smoking ja die Etikette einhalten! Ich weiß nicht, wie ich nachher Danielle Mitterrand begrüßen soll.“ „Genau so wie du uns eben auch begrüßt hast“ sagte Nina. „Ich hoffe das es auf dem Staatsbankett nicht nur Champagner zu trinken gibt, ich kann ja schlecht Orangensaft mit Champagner bestellen. Ich kann mich an dieses Kribbelzeugs nicht gewöhnen.“ „Ach Hannes, du machst dir immer viel zu viele Sorgen. Wie aufgeregt warst du vor dem Gespräch mit dem Präsidenten und am Freitag hast du so normal mit ihm gesprochen. Ich bin so stolz auf dich! Wie sehr hast du dich in den letzten vier Jahren verändert! Ich glaube die erste Begegnung mit meiner Mutter war schwieriger als das Treffen mit François Mitterrand.“
Hannes musste lachen. „Ja! Das war ein Erlebnis. Der Weg von der Haustür bis in die Küche wollte nicht mehr enden.“

Franziska erzählte den beiden Frauen von diesem aufeinander treffen an Patricia’s 19.
Geburtstag. Beim zuhören merkte Hannes erst, wie die Zeit verging. Die erste Zeit in Frankreich, die vielen Abschiede unter Tränen und Freitags hatte er auf der Fahrt vom Naheland nach Thionville immer das Gefühl, jemand hält die Zeit fest.

Die Eltern von Hannes kamen in die Lobby um sich zu verabschieden.
„Mein Sohn, ich kann nicht sagen wie Stolz ich auf dich bin. Du hast nie Französisch gelernt und dann sitzt du dem Präsidenten von Frankreich gegenüber und erzählst von eurer Arbeit in Kambodscha. Kommt ihr noch vorbei, bevor ihr wieder nach Asien fliegt?“ „Danke Papa. Ja, wir fliegen am 20. von Frankfurt, da macht es schon Sinn, wenn wir noch für ein oder zwei Tage nach Hause kommen.“
Seine Mutter umarmte ihn, wie sie es selten tat. „Auch ich bin sehr sehr stolz auf dich.“ „Danke Mama. Ich auch auf euch.“
Ein Fahrer von Ivette kam zur Tür herein um die Eltern von Hannes abzuholen. „Wir sehen uns nächste Woche, kommt gut nach Hause. Danke für alles.“

Um 10.30 kam Ivette mit ihrem Vater und einem Fahrer in die Lobby. Es wurde Zeit für die letzte Fahrt zum Élysée-Palast.

Im Innenhof standen schon viele Limousinen. Hannes sah auch sieben Mercedes S500 Limousinen aus Deutschland. Eindeutig die Wagenkolonne vom Bundeskanzler.
Ivette fuhr so weit vor, wie die Gendarmen winkten.
„Ivette, ich denke wir werden anrufen wenn ihr uns abholen sollt. Oder wollt ihr hier warten?“ „Warten macht wenig Sinn. Wir sind ja schnell wieder hier und die Personenschützer sind eine andere Liga als wir Taxifahrer.“ „Aber nicht so cool! Bis später.“

Ein Gendarm öffnete die Tür auf der rechten Seite um Patricia aussteigen zu lassen. Hannes kam von links um den Wagen und nahm seine Frau an der Hand. Jean ging mit Josephine als erstes zum Eingang vom Élysée-Palast, dann Stephane mit Constance, danach Bernhard mit Franziska, Nina ging vor Patricia und Hannes. Bei ihnen schauten einige der Wachleute sehr genau hin, entweder lag es an der unglaublichen Schönheit von Patricia oder an ihrer Jugend. Beide waren mit Abstand die jüngsten Gäste auf diesem Staatsbankett.

Am Eingang zeigte gleich ein Gendarm nach recht. Links den Flur herunter sind sie am Freitag gegangen. Das Gebäude war mit Freitag nicht mehr zu vergleichen. Sehr viele Polizisten und auch Männer und Frauen vom Geheimdienst standen im Flur oder kamen ihnen entgegen.
Jean grüßte jeden der ihnen entgegen kam oder an der Wand stand.

Der Staatsbankett war im rechten Flügel von dem Palast und hatte die fünffache Größe von einer Turnhalle. Nach dem Eingang waren sehr viele Stehtische aufgestellt und im Hintergrund sah man eine Tafel deren Länge ein Binnenschiff locker übertraf.
An den ersten Stehtischen blieb Jean stehen und meinte, dass man hier mal warten würde, wie es weiter ginge. Durch das Protokoll wussten sie, wo ihre Plätze waren, da aber alle Gäste in dem Raum oder an den Tischen standen, war dies wohl das beste für den Moment.
„So Leute, nun sind wir wieder im Élysée-Palast, dann lassen wir uns überraschen was die Küche uns zu bieten hat.“
Alle an den zwei Stehtischen grinsten sich an.
„Jean, deine Gedanken hätte ich jetzt auch gerne“ sagte Hannes und schüttelte den Kopf.
„Prinzessin, da hinten steht der Bundeskanzler und der Außenminister.“
„Ich weiß.“ Patricia sah in deren Richtung und nickte freundlich.
Eine elegant gekleidete Frau kam auf die Gruppe zu und stellte sich als Mitarbeiterin des Außenministerium vor und fragte ob Patricia und Hannes sie zum Bundeskanzler und Außenminister begleiten würden.
„Gerne.“ Bei diesen Worten von Patricia stocke Hannes der Atem.
„Da hat das BKA ja sehr gut recherchiert, damit die wissen wer wir sind“ sagte Hannes leise zu Patricia, als sie auf den Bundeskanzler zugingen.
In dem Protokoll stand ja wirklich alles geschrieben – nur nicht wem man zuerst die Hand gab: der Frau oder dem Bundeskanzler. Super! So viel zur Etikette.

Hannes machte es nach Gefühl, er begrüßte mit einer leichten Verbeugung zuerst Frau Hannelore Kohl, dann den Bundeskanzler. „Herr Bundeskanzler, Dr. Kohl, angenehm sie persönlich kennenzulernen.“ „Gleiches kann ich auch sagen.“ Auch er verbeugte sich leicht. Patricia gab er einen Handkuss.
Gleiches wiederholten beide bei dem Außenminister Kinkel seiner Frau.

„Was Sie in Kambodscha leisten, da sind wir in Deutschland leider weit entfernt. Das kann man nicht anderst sagen. Sie als Deutscher kennen bestimmt die Umstände für den UNTAC Einsatz.“ Hannes nickt dem Bundeskanzler bei dessen Worten zu. „Ja, ich kenne die Umstände mit dem „Out of Area“ Gesetzesentwurf und auch die Bitte des Generalsekretärs der Vereinten Nationen, Dr. Boutros-Ghali, an Deutschland. Mir ist auch das Protokoll der 151. Sitzung des Bundestages zum UNTAC Einsatz bekannt.“
Außenminister Kinkel sah zum Bundeskanzler, zu Patricia und dann zu Hannes. „Da steht ein junger Mensch vor uns, der sich in der Politik sehr gut auszukennen scheint.“ Hannes nickte. „Herr Dr. Kinkel, auch wenn das BKA Ihnen sehr gute Information über meine Person zukommen ließ – weiß das BKA nicht alles von mir. Sie wissen doch am besten wie die Lage in Kambodscha ist und da ich in meiner Person die Verantwortung für über sechshundert Mitarbeiter habe, muss ich mich auch in Politik auskennen. Ich kenne auch die komplette Resolution 745 der UN zu diesem Einsatz.“
Kohl und Kinkel nickten anerkennend.

Hannelore Kohl und Ursula Kinkel wollten die Arbeit von Patricia und ihren Schulen wissen. Patricia beantwortete sachlich und ruhig die ihr gestellten Fragen.

An einem Stehtisch bei Kribbelzeugs und Canapes stand der Dorfjunge im Élysée-Palast und beantwortete die Fragen vom Bundeskanzler und dem Außenminister, wie er die Lage in Kambodscha sah und wie er den Einsatz der Bundeswehr in Phnom Penh einschätzte. „Herr Dr. Kohl, Herr Dr. Kinkel, sehr geehrte Damen und Herren aus dem Bundeskanzleramt und Außenministerium, mit Verlaub, Phnom Penh ist ein Kinderkarussell gegen die fünf Provinzen, in denen wir im Einsatz sind! Natürlich verstehe ich die Haltung und auch die Angst von Deutschland in einem so großen Auslands-Einsatz der Bundeswehr. Die Geschichte die hinter uns liegt sollte irgendwann auch der Vergangenheit angehören! Ich weiß auch, das in Artikel 87 des Grundgesetzes der Auftrag der Bundeswehr zur Landesverteidigung festgeschrieben ist. Es geht in Kambodscha nicht um Verteidigung – es geht um Menschenleben!“
Hannes erzählte von seiner Arbeit in Kampang Rou, wie er es auch am Freitag bei François Mitterrand tat.
In diesem Augenblick kam der Präsident von Frankreich mit seiner Frau zur Gruppe. Im Anhang waren die Eltern von Patricia und die Direktion von ODHI.
François Mitterrand reichte Hannes die Hand mit den Worten „Solche Männer bräuchte Frankreich mehr.“ „Merci beaucoup, Monsieur le Président, Sie wissen schon, dass ich Deutscher bin.“
„Dies kann man ja ändern“ bei diesen Worten grinste er und knuffte Hannes gegen den Oberarm.
Hannes stellt dem Bundeskanzler, wie auch dem Außenminister den Direktor, zukünftigen Direktor, Co-Direktorin und den neuen Leiter für Südostasien den Herren und Frauen in der Runde vor.
Da der Bundeskanzler und Außenminister kein Französisch konnten übersetzte Franziska, Hannes, Nina, Patricia oder auch Bernhard. Je länger die Unterhaltung wurde, um so lockerer wurden alle an den drei Tischen bei den Gesprächen der Deutschen Politiker. Vielleicht lag es auch an der Anwesenheit von François Mitterrand. Seine Art mit den Menschen in dieser Gruppe zu reden, war nicht aufgesetzt. Hannes hatte vom Präsidenten den Eindruck, als ob man mit ihm auch ein Bier in der Kneipe um die Ecken trinken könnte. Auch seine Frau war äußerst charmant. Hannes entging es nicht, dass fast alle Anwesenden in den Saal nach ihnen schauten. Patricia und Hannes waren um Lichtjahre die jüngsten Gäste.

Am Nachbartisch sprachen die Frauen über die Arbeit von Patricia. Danielle Mitterrand fragte nach konkreter Hilfe für die Schulen. Nina und Stephane waren in ihrem Element und erläuterten die Finanzierung der einzelnen Projekte.

Jean-Luc Dehaene, der Premierminister von Belgien, kam auf die Gruppe zu. Bevor er sich vorstellen konnte tat dies schon François Mitterrand. Mitterrand stelle auch gleichzeitig alle nicht bekannten Personen Dehaene vor.
Jean-Luc Dehaene reichte Patricia die Hand mit den Worten „Endlich treffe ich die jungen Menschen, über so vieles Erzählt wird. Meine Gratulation zum Ordre national du Mérite. Die junge und hübsche Direktoren der Lefèvre School in Kambodscha persönlich zu treffen, ist mir eine große Ehre. Wie geht der Bau in der Provinz Oddar Meanchey voran?“ „Merci beaucoup Monsieur Dehaene, zum Jahresende ist der Hochbauer von ODHI mit dem Bau fertig sein. Monsieur Francis Mammout hat Sie schon gut informiert.“ Dehaene nickte Patricia zu. „Wieder eine Schule mehr für dieses gebeutelte Land. Sie kennen Monsieur Mammout?“ Patricia nickte. „Oui, Monsieur. Er ist der Leiter im Rathaus von Oddar Meanchey – ein sehr angenehmer Mann. Monsieur Dehaene, Sie haben recht. Es ist wieder eine Schule mehr – für eine Million Kinder! Ein Tropfen Bildung in einem Meer von Analphabeten!“

Schweigen und traurige Blicke bei den Worten von Patricia.
Patricia erzählte wie schwer es ist auf Hilfe zu hoffen um eine Finanzierung für eine Schule zu bekommen. Sie sagte frei weg ihren Unmut über die UN und auch über UNTAC, dass trotz aller Anstrengungen der Weltgemeinschaft es kaum ein Land für nötig hält Entwicklungshelfer, Ärzte und Lehrer nach Kambodscha zu schicken.
„Madames et Monsieurs, über UNTAC kamen sehr viele Helfer nach Kambodscha, aber viele Köche verderben auch den Brei! Die Hilfe und Unterstützung die gebraucht wird fehlt überall. So hart wie es klingt, in vielen Provinzen hat sich für die Menschen durch UNTAC nichts verbessert! Ich lehre mit einem sehr engagierten Lehrerteam Kinder in Schulen, in Zelten oder auch unter freiem Himmel. ODHI unterstützt mich in sehr vielem, dafür bin ich auch sehr dankbar. Ein Ärzteteam aus der Schweiz ist oft mit uns unterwegs, auch dieses Team arbeitet weit über ihre persönlichen Kräfte hinaus. Wir helfen oft mit den einfachsten Mittel gegen Hunger, Kindersterblichkeit und bitterste Armut. Mein Mann hat es vorhin dem Deutschen Bundeskanzler und dem Außenminister gesagt, dass er die Sicherheitsverantwortung für über sechshundert Mitarbeiter hat. Die Rote Khmer ist im Untergrund immer noch aktiv, wenn die Menschen in Kambodscha eine Perspektive und Zukunft für sich sehen, fällt die Rote Khmer in sich zusammen. ODHI schafft durch ihre Arbeit und Projekte Menschen ein geregeltes Einkommen zu bekommen. All diese Menschen sehen eine Perspektive für sich. Viele Länder geben Geld bei diesen UNTAC Einsatz an der völlig falschen Stelle aus. 500 Millionen Dollar wurden vor Beginn dieser Mission geplant, nun ist es schon das doppelte! Trotzdem kommt bei den Menschen, die es bräuchten nichts an.“

Die Worte von Patricia trafen auf den Punkt. Jean griff das Wort auf und erklärte die Finanzierung von ODHI und auch die Projekte für Nachhaltigkeit.

Es wurde zu Tisch geben.
Gegenüber von Patricia und Hannes saßen ein paar Männer und Frauen aus dem Deutschen Stab vom Außenministerium.
Auch von dort kamen oft Fragen über die Arbeit in Kambodscha. Einerseits war es gut, dass diese Mitarbeiter Fragen stellten, auf der anderen Seite macht es Hannes traurig, dass zu viele gar nicht wussten für was und wie sie Geld geben konnten – oder wo es Sinnlos verbrannt wurde. Der gute Wille von Deutschland mit einem UN Einsatz der Bundeswehr war lobenswert – aber oft die falsche Richtung. Hightech Geräte für ein Mobiles Hospital in Phnom Penh waren an der falschen Stelle. Es brauchten keine zwei Operationscontainer eingeflogen zu werden oder ein Ultraschallgerät für 500.000 Mark, sowie auch keine zwei Beatmungsgeräte. Medizin an der Basis wäre wichtiger gewesen. Hannes erklärte den beiden Frauen ihm gegenüber, was Reto mit einem viertel von dem Geld im Hospital in Svay Rieng und Siam Reap umsetzten konnte. Eine der Frauen aus dem Stab vom Außenministerium fragte ihn ganz offen, was Deutschland an diesem Einsatz falschen machen würde. Die Antwort von Hannes war knapp: Alles!
Patricia sah ihn an und nickte, sie wusste von den Gesprächen mit den Deutschen Soldaten im Hospital in Phnom Penh.

Nach dem Essen von fünf Gängen – wobei man dies auch locker auf eine Mahlzeit hätte herunter streichen können, wollten alle von ODHI die Party verlassen. Es wurde über vieles gesprochen und auch einiges geklärt.

Klaus Kinkel kam im schnellen Schritt auf die Gruppe zu, Hannes wusste das seine Unterhaltung mit der Mitarbeiterin aus dessen Ministerium an ihn weiter getragen wurde.
„Darf ich Sie noch etwas fragen?“
„Selbstverständlich, Herr Dr. Kinkel.“ 
„Warum sind Sie der Meinung das Deutschland zu viele Fehler in Kambodscha macht?“ „Ich weiß nicht ob man es als Fehler betrachten kann. Herr Dr. Kinkel, ich verstehe die Haltung der Bundesrepublik Deutschland wahrscheinlich besser als jeder andere in diesem Raum! Ich weiß, dass Deutschland sich nicht blamieren möchte bei einem der größten Bundeswehr Einsätze im Ausland seit bestehen der Bundesrepublik. Deutschland möchte alles richtig machen mit der Besten Technologie die es in Deutschland gibt. Dies zählt aber am 10. Breitengrad überhaupt nicht. Die Menschen brauchen Nahrungsmittel und Medizinische Versorgung in Kleinigkeiten. Impfen, Antibiotika, Knochenbrüche behandeln oder einfach nur Hustensaft. Es muss kein Ultraschallgerät sein! Der Auftrag von der Bundeswehr in Kambodscha war im Ursprung ein ganz anderer: Die Medizinische Versorgung der UN-Mitarbeiter. Das es nun ausschließlich Kambodschaner sind, die im Hospital von Phnom Penh behandelt werden, haben Sie dem Stabsarzt Dr. Erös zu verdanken! Was die Sanitäts-Soldaten in Phnom Penh leisten, weiß wahrscheinlich keiner in Deutschland. Das diese Männer und Frauen sich für Menschen einsetzen und dies ohne den direkten Befehl von Deutschland, zeigt das diese Soldaten es richtig machen! Schicken Sie Impfampullen und Hustensaft nach Phnom Penh. Ich bin seit 1990 in Kambodscha und verlege Wasserleitungen in mittlerweile fünf Provinzen von Kambodscha, durch die bessere Wasserversorgung ging die Sterblichkeit von Kinder und kranken Menschen um weit über die Hälfte zurück! Hepatitis-C ist immer noch ein großer Faktor an der Sterblichkeit – es wird aber viel weniger. Einfache Mittel sind es, die diesem Land auf die Beine helfen können: Lesen und schreiben lernen, Impfen und eine ordentliche Wasserversorgung. Beim nächsten Einsatz der Bundeswehr, können Sie gerne bei ODHI anfragen, wie man Menschen mit weniger Geld gezielt helfen kann.“ „Ich danke Ihnen für diese Offenheit.“ „Herr Dr. Kinkel, ich erzähle Ihnen gerne wie ich Kambodscha im Januar 1990 kennengelernt habe und vor welcher Ohnmacht wir als kleine Hilfsorganisation standen.“ „Bitte. Lassen Sie uns doch an einen Tisch setzten. Ich würde auch gerne einige Mitarbeiter aus meinem Stab dazu holen.“ „Gerne doch.“

In einer Gruppe von 30 Personen erzählte Hannes und Patricia von ihren Anfängen in Kampang Rou. Die Odyssee für die erste Hilfe über die UN, wie Patricia damals Nachrichten an bekannte Hilfsorganisation über den US- Geheimdienst verschickte, die sofortige Hilfe von Reto und seinem Team, über das Wasserrad bis hin zu den neusten Projekten und die verbundene Infrastruktur für Menschen.

Hannes sah, dass einige der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen am schreiben waren, was sie der Gruppe aus ihrer Sicht sagten.
Darf ich fragen in welcher Position Sie in Kambodscha tätig sind“?  Fragen  ein  Mann aus dem Sekretariat des Außenministerium. Bevor Hannes antworten konnte, sagte Stephane „mein Mitarbeiter ist Projektleiter für Wasserbau in zur Zeit fünf Provinzen von Kambodscha und arbeitet nebenbei als School Project Manager for Construction and Infrastructure für UNICEF. Auf Grund seiner Objektivität konnten wir in den letzten drei Jahren die Mitarbeiterzahl in Kambodscha um über 100 Prozent steigern.“
Patricia blies hörbar die Luft aus.
„Und Sie sind der Meinung, dass Deutschland in Kambodscha alles falsch macht“ , kam es wieder von dem Mitarbeiter aus dem Außenministerium.
„Dies habe ich nie gesagt. Ich sagte, dass der Ansatz falsch ist – nicht die Hilfe. Schauen Sie, Herr…“ „Bernady.“ Hannes nickte. „Deutschland ist lediglich in Phnom Penh tätig, die Landbevölkerung, welche 80 Prozent der Einwohner von Kambodscha ausmacht, ist Bettelarm und hat kaum Zugang zu Medizinischer Versorgung. Es kommt immer noch vor, dass Menschen durch Landminen verstümmelt weden. Diesen Menschen müsste vorrangig Medizinische Sofortmaßnahmen angeboten werden. Auch können Menschen mit fehlenden Gliedmaßen keine Landwirtschaftliche Tätigkeit mehr ausführen – folglich droht der Familie der Verlust ihrer Existenz und somit kommt die Familie noch weiter in die Armut. Die Kinder müssen nun irgendwie den Unterhalt der Familie sichern und arbeiten in den Kleiderfabriken in den Städten, wodurch ein Schulbesuch nicht mehr möglich ist. Folglich bleibt der Analphabetismus extrem hoch und somit auch die Armut. Sie sehen, Herr Bernady, der Kreis schließt sich und somit ist niemand geholfen.“
Gut die Hälfte der Zuhörer und Hörerinnen nickten mit dem Kopf.
Jean-Luc Dehaene stand mit einigen Mitarbeitern aus seinem Büro im Kreis um die vier Tische und hören Hannes.
„Was Sie sagen, kann ich aus den Protokollen von Monsieur Mammout in der Provinz Oddar Meanchey bestätigen. Wir haben auch einige Fehler zu Beginn des UNTAC-Einsatz gemacht. Haben diese aber auch schnell erkannt. Monsieur Mammout nahm vor eineinhalb Jahren Kontakt mit Madame Lefèvre auf, und so kann Belgien mittlerweile drei Schulen in der Provinz Oddar Meanchey nachweisen. Nach den Worten von Madame Lefèvre wird Schule Nummer 4 in diesem Jahr fertig gestellt sein. Ich kann den jungen Herrschaften zustimmen, wenn diese sagen, wir müssen den Analphabetismus bekämpfen um diesem Land auf die Beine zu helfen.“
Die Worte von dem Belgischen Premierminister waren ein Bugschuss in Richtung Bernady.

Zwei Stunden nach dem Essen auf dem Staatsbankett im Élysée-Palast war es an der Zeit ins Hotel zu fahren. Stephane gab dem ein oder anderen Politiker oder Mitarbeiter aus den Ministerien seine Kontaktdaten. Danielle Mitterrand versprach am gleichen Abend noch mit ODHI in den nächsten Tagen in Kontakt zu treten. Auch Jean-Luc Dehaene lies sich die Kontaktdaten von Stephane und Hannes geben. Dehaene wollte sich mit Hannes in den nächsten Tagen in aller Ruhe unterhalten.
Die Delegation aus Deutschland zeigte sich eher zurückhaltend, lediglich fünf Frauen und drei Männer aus dem Stab von Außenminister Kinkel wollte die Adresse von Stephane haben.
Herr Dr. Kinkel bedankte sich für die Offenheit und die Schilderungen von der Basis – immerhin schon mal ein kleiner Schritt, dachte Hannes bei der Verabschiedung.

Im Hôtel du Eiffel Trocadéro saß man noch eine Srunde auf der Suite zusammen und sprach über die doch guten Gespräche an diesem Tag. Hannes bestelle beim Zimmerservice einige Flaschen helles Pelforth Bier auf die Suite.
Der erste Schluck war ein Genuss, auch wenn dieses Bier bei weitem nicht die Krönung der Braukunst entsprach – aber besser als Kribbelzeug.

Patricia und Hannes saßen auf dem kleinen Balkon. Sie hatte ihre Beine auf seinen Oberschenkel liegen und war im Grunde genau so müde wie er. Es war ein unglaublich anstrengender Tag – auch wenn es nur Gespräche waren.
„Prinzessin, du hattest vor dem Essen sehr scharfe Worte gegen alle gerichtet.“ „War dies falsch?“ „Nein. Ich hätte mich nicht getraut so zu sprechen.“ Patricia legte den Kopf zur Seite. „So? Wie war das mit dem vermasselten Bundeswehr Einsatz? Ich würde mal sagen, dass deine Worte Haarscharf an der Gürtellinie waren. Dehaene traf volle Breitseite.“ „Hmmm. Er kann sich als Premierminister auch etwas mehr erlauben als ich kleines Licht.“
Patricia boxte ihm auf den Oberschenkel. Dem kleinen Licht haben heute aber genügend einflussreiche Menschen zugehört. Bei der ersten Frage von Bernady dachte ich schon  – du sagst Baggerfahrer. Zum Glück hatte Stephane vor dir geantwortet.“  „Naja, ich hätte meine Tätigkeit nicht so ausgeschmückt. Lass uns schlafen gehen. Ich möchte jetzt mit der jungen und hübschen Direktoren der Lefèvre School schmusen.“ „Was schmusen bei dir alles für Namen hat.“

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