23 Die Weltbank und das Kriegsbeil

Die Weltbank und das Kriegsbeil

Da steh‘ ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor!

Mittwoch 30. Juni 93

Am Vormittag fing Hannes an Brot zu backen. Er wollte seine Bestellungen für Asger, Eliane, Nolan und Thore fertig machen. Gaanchana kam um 8.30 Uhr vorbei und half bei der Zubereitung von dem Teig. Patricia packte derweil zwei Koffer für die nächsten zweieinhalb Wochen.

Mit frischem Kaffee für die Bäcker kam Patricia auf die Terrasse. „Ma Chérie, dein Brot riecht voll lecker! Hast du genügend gebacken?“ „Bis jetzt ein halbes Dutzend. Der Rest ist noch im Ofen. Gaanchana kann später noch zwei Brote mit nach Hause nehmen.“ „Wie hast du die nächsten zweieinhalb Wochen geplant? Wenn wir beide nach Kampang Rou fahren, könnte ein Auto zu Hause bleiben. Oder brauchst du dein Auto?“ „Wir fahren morgen früh mit deinem Auto. Ich muss Morgen zu Nolan nach Samraong und noch zu Cees. Dann könntest du von Samraong nach Chong Kal fahren und deine Arbeit machen, ich komme mit Nolan zu dir und am Nachmittag fahren wir weiter nach Phnom Penh. Ob ich am Donnerstag noch mit Coady reden kann, weiß ich nicht. Ich sagte ihm, Donnerstag oder Freitag treffen wir uns.“ Patricia nickte. „Also schlafen wir in Kâmpóng Trâbêk?“ „Ja. Bis zum Samstag. Dann geht es weiter nach Svay Rieng.“
Gaanchana hörte Kopfschüttelnd der Unterhaltung zu. „Wenn ich dies von euch beiden höre, habt ihr schon einen wahnsinnigen Job. Hier arbeiten, dort schlafen, dahin fahren, an einem anderen Ort schlafen. Ich beneide euch wirklich nicht.“ „Liebes, es ist unser Leben. Wir wollten Menschen helfen und haben uns dafür sehr Eingesetzt, durch UNTAC wurde unser Radius nun fast ganz Kambodscha, dies war uns damals nicht klar. Wir haben jetzt das Haus in Khorat und nicht in Phnom Penh – so müssen wir leider viel fahren. Normalerweise sind wir seit Anfang des Jahres im Nordosten von Kambodscha und nicht all zu weit weg von zu Hause. Hannes kann sein Trockenfeldanbau-Projekt aber nur in den Provinzen machen, die eben auch trocken sind. Also müssen wir nach Osten an die Grenze zu Vietnam.“ „Wahnsinn. Wo schläfst du eigentlich wenn du in Chong Kal in der Schule bist?“ „Bei einem Arbeitskollegen von Hannes in Samraong. Thore hat ein großes Haus gekauft, da haben wir beide ein Zimmer. In Svay Rieng haben wir immer noch unser Zimmer im Hotel, weil Hannes zu oft an diesem Bauabschnitt ist, oder ich auch mal wieder nach Kampang Rou in die Schule muss. Wenn ich in Phnom Penh im Ministerium oder bei UNICEF bin, schlafe ich in Kâmpóng Trâbêk im unserem Apartment.“
„Ein Leben aus dem Koffer. Ich möchte mit euch nicht tauschen.“ Patricia zog die Schultern hoch. „C’est la vie! Nun werden wir wahrscheinlich bis zum Jahresende in Kampang Rou bleiben – also im Hotel in Svay Rieng schlafen.“ „Was ich die letzte Woche von euch alles mitbekommen habe, konnte ich mir nie vorstellen. Ich wusste nicht, dass Humanitären Hilfe so viel Arbeit bedeutet.“ „Liebes, dies wussten wir vor vier Jahren auch nicht. Mein Vater war zwar in der Humanitären Hilfe – aber nicht auf der Ebene, auf der wir nun sind –  Freiwillig oder Unfreiwillig. Wir haben angefangen Menschen zu helfen und dann können wir jetzt nicht aufhören. Natürlich müsste Hannes dieses neue Projekt nicht machen, er suchte aber drei Jahre nach eine Lösung um Menschen zu helfen, nun wird es wohl Trockenfeldanbau sein und da werde ich ihn jetzt nicht bremsen!“

Patricia gab ihm einen Kuss und wuschelte seine Haare. „Ich würde gerne nach eurem Haus schauen, wenn ihr so lange weg seid. Ich kann nicht nur zu Hause sitzen, Thomas versteht dies nicht! Ich hatte auch in Deutschland gearbeitet, es war zwar nur ein kleiner Job, ich hatte aber etwas zu tun und mein eigenes Geld.“ „Liebes, gerne. Wenn wir nach Hause kommen, haben wir einen oder sogar zwei Tage nur arbeit im und um das Haus. Einkaufen, waschen, putzen, bügeln, den Rasen mähen und was sonst noch alles gemacht werden muss. Wenn du dies möchtest, würdest du uns viel Arbeit abnehmen.“ Gaanchana nickte Patricia zu. „Ich würde euch so gerne helfen. Ich will auch kein Geld dafür! Ich mag euch und möchte etwas Beschäftigung haben.“ Patricia schüttelte sofort den Kopf. „Wer arbeit, bekommt auch Geld! Dann komm, ich zeige dir das ganze Haus.“
Patricia und Gaan gingen ins Haus und Hannes sah schon einen Alptraum an Diskussionen mit Thomas vor sich, wenn Gaanchana nach ihrem Haus schauen würde. Sie beide hätten wesentlich weniger Arbeit, da stimmte er Patricia zu.

Donnerstag, 1. Juli 93, 4.45 Uhr

Nach dem Frühstück mit herzhaftem Brot und gutem Kaffee, fuhr Patricia aus dem Kon Sombat Village durch das menschenleere Khorat auf die Nationalstraße 24 in Richtung Smach. Dort war der Grenzübergang zwischen Thailand und Kambodscha.
Auf der Nationalstraße 24 war um diese Uhrzeit kaum Verkehr, so konnte Patricia ihre gewohnte Geschwindigkeit fahren.

Um 6.30 Uhr war die Grenze mit wenig Aufwand passiert. Pässe vorzeigen, Stempel rein und weiter. Kein Vorzeigen mehr von Visa, Arbeitserlaubnise oder Fahrzeugpapiere.
Die Umstellung von Links- auf Rechtsverkehr war in den letzten Jahren für beide selbstverständlich geworden.

In Samraong fuhr Patricia vor das Haus von Thore. Als beide ausstiegen, stand Thore Lindqvist schon an der Haustür und grüßte mit seiner dunklen Stimme die beiden. „God morgon kära. Frukosten är klar.“ „Hej Thore, wir haben schon gefrühstückt“ sagte Patricia und gab dem großen bärtigen Mann aus Schweden einen Kuss auf die Wange. „Das ist bestimmt schon drei Stunden her.“ Mit dem Blick auf Hannes sagte er weiter „Dein Mann hat die Arme voll mit Brot. Hej Chef, trevligt att träffas igen.“ „Hej Thore, ich freue mich auch dich zu sehen.“

Im Esszimmer saßen Channary, die Freundin von Thore, Mareile und Nolan. Bei einem Internationalen Frühstück aus schwedischem Havregrynsgröt, ein Grießbrei mit Apfelmus, getrocknetem Fisch, Käse, Marmelade, Reisbrei, Knäckebrot und dem Brot von Hannes sprach er sein neues Projekt an.
„Ich würde dir gerne helfen“ waren die ersten Worte von Nolan, als Hannes geendet hatte. „Nolan, ich weiß! Ich kann aber mein ganzes Team nicht von dem Wasserbau abziehen. Ihr habt ohne mich schon genügend Arbeit.“ „Hannes, bitte! Ich habe bei dir unglaublich viel gelernt und werde auch bei dem Trockenfeld-Projekt einiges lernen. Bitte, lass mich in dieses Team.“
Hannes sah ratlos zu Thore und Mareile. „Ich übernehme das Team von Nolan. Die zwei Bauabschnitte liegen nah zusammen, dies ist kein Problem.“ „Thore, dass ist sehr lieb von dir, bedenke bitte, ich brauche auch Cees. Er hat geologisch einiges drauf.“ Thore nickte. „Ich bin nicht von Anfang an bei euch und trotzdem merke ich diese Zusammenarbeit von allen. Diese Teamarbeit habe ich vorher noch nie erlebt und kann mit stolz sagen, ein Teil von euch sein zu können ist ein gutes Gefühl. Mach du dein Projekt, ich halte mit Martin die Stellung. Wenn uns Arthur noch einen Mann für Cees gibt, schaffen wir das.“

Hannes sah zu Patricia und dann in die Runde am Tisch. „Okay. Macht keinen Sinn zu protestieren. Mareile, was sagst du?“
„Nolan hat entschieden. Wir haben in Siam Reap genau so viel medizinische Notwendigkeit wie in Kampang Rou. Du weißt, dass Reto sofort mit dir geht. Ich rede heute mit ihm, dass wir in den nächsten Wochen die Zelte in Siam Reap abbrechen werden und mit euch nach Kampang Rou gehen werden.“

Nach dem Frühstück fuhr Hannes mit Nolan zu dessen Bauabschnitt und war über die Geschwindigkeit von dem Team begeistert. Der Nichtskönnende und mit Selbstzweifeln geplagte Nolan gab es nicht mehr!
„Nolan, ich bin sehr stolz auf dich! Ich habe dir vor drei Jahren gesagt, dass ich dir helfen werde und habe mein Wort gehalten.“ „Ich weiß. Du und Mareile habt aus mir einen anderen Menschen gemacht. Ich wollte sowieso mit dir reden, wir wollen uns ein Haus bauen – wissen aber nicht wo.“ „Cool. Mir war irgendwie klar, dass du nicht mehr nach Belgien zurückkehren willst. Wo? Schwierige Frage. Bei uns war damals die politische Lage in Kambodscha noch sehr unsicher. Dafür müssen wir nun viel fahren und sind nicht immer zu Hause. Was soll ich dir raten? Siam Reap, Phnom Penh, Battambang oder Kâmpóng Trâbêk? Im Hauptbüro sind noch zwei Apartments frei, nur seid ihr dann auch viel zu weit von eurem Gebiet entfernt. Nehmt ihr etwas das zentral liegt, dann werden die Wege nicht all zu weit. Steuerlich habt ihr beide mit einem Wohnsitz in Kambodscha viele Vorteile. Da kannst du auch mal mit Juliette in der Firma telefonieren, sie kennt sich super aus und macht für viele von uns die Steuererklärungen.“ „Und Thailand? Bei euch im Village ist es sehr schön.“
„Thailand ist das Problem mit den Konten, dann brauchst du ständig Baht und Riel und überlege dir, was wir für Kilometer fahren. Was nützt uns das schöne Haus, wenn wir oft nur am Wochenende zu Hause sind – oder für Wochen gar nicht. Ich wollte das dritte Bauprojekt eben aus diesem Grund leiten, um auch mal zu Hause sein zu können. Von Svay Rieng fahren wir einen Tag bis nach Khorat, von Samraong drei Stunden.“ „Hmmm, alles nicht so einfach.“
Hannes zog die Schultern hoch. „Nee. Es kommt darauf an, was ihr wollt. Abschalten von all dem Chaos in Kambodscha, Abends zu Hause sein, viel fahren, ein Leben aus dem Koffer und oft irgendwo anderes schlafen oder lieber das eigene Bett.“
Ratlos sah Nolan zu Hannes. „Ich bin jetzt nicht viel schlauer als vorher.“ „Ich weiß! Ich kann dir aber wirklich nicht weiterhelfen, so gerne ich es würde. Arthur hat ein Haus in Battangbang, Gust und Arjen haben Apartments in Poipet. Eliane und Fiete ihr Apartment im Hauptbüro, die gehen die Treppen herunter und sind auf der Arbeit. Rouven hat eine Freundin und wohnt bei ihr in der Nähe von Kâmpóng Trâbêk. Roman und seine Freundin wohnen in Phnom Penh, Dhani hat ein Haus in Kampang Rou und baut 600 Kilometer entfernt für Patricia eine weitere Schule am anderen Ende von Kambodscha auf. Dies ist auch blöd für ihn. Asger möchte sein Haus in Chon Buri verkaufen, er will nun näher an die Grenze zu Kambodscha. Er muss jedesmal nach Hause fliegen, auch er sprach schon von Khorat. Wir alle haben ein Zigeunerleben, können aber auf unsere Freundschaften stolz sein und haben immer die Möglichkeit bei jemanden zu schlafen oder wohnen – zum Glück! Wenn Patricia im nächsten Jahr mehr für das Bildungsministerium arbeitet, kann sie in Kâmpóng Trâbêk in unserem Apartments wohnen und am Wochenende von Phnom Penh nach Khorat fliegen. Wenn wir jetzt wieder nach Kampang Rou gehen, macht es überhaupt keinen Sinn, am Wochenende nach Hause zu fahren. Rede am Samstag mit den anderen, vielleicht haben die eine bessere Lösung für dich. Was möchte den Mareile?“ „Sie möchte nach Thailand. Seit sie euer Haus gesehen hat, möchte sie auch ein so schönes Haus haben. Ich kann ihr dies nicht bieten.“
Hannes riss die Augen auf. „Wieso denn das nicht? Du weißt, wer dieses Haus gebaut hat und ich wüsste niemand, der dir nicht hilft, du kannst auch ein solch schönes Haus in Kambodscha bauen. In Thailand könnte Mareile mit aller Wahrscheinlichkeit sofort im Krankenhaus in Khorat arbeiten, nur bist du dann in Kambodscha. Arbeitet ihr beide in Kambodscha, braucht ihr hier ein Apartment, schlaft bei Freunde oder im Hotel.“ „Das möchten wir nicht mehr. Thore und Channary sind super nett, es ist aber nicht zu Hause.“ Hannes nickte. „Verstehe ich. Daher haben wir das Apartment in Kâmpóng Trâbêk. Patricia geht jetzt wieder mit nach Kampang Rou und so schlafen wir wieder im Hotel. Nolan, ich weiß wirklich keinen Rat für euch. Wir haben keine festen Arbeitsplätze und müssen irgendwie das beste daraus machen. ODHI ist in Kambodscha mittlerweile die Nummer Eins, ich kann nicht sagen, welche Projekte in Zukunft noch kommen und schon gar nicht wo.“ „Wie ich mich entscheide, wird es falsch sein.“
Die Enttäuschung war bei Nolan heraus zu hören. „Falsch würde ich jetzt nicht sagen, ob es das Optimum wird, ist die Frage. Du kannst dir auch eine andere Arbeit suchen und hättest dann einen festen Arbeitsplatz.“ Nolan schüttelte energisch den Kopf. „Nein! Die Arbeit hier ist Abwechslungsreich, interessant und wir helfen Menschen. Wie ich schon sagte, du hast mich verändert. Du bist ein super Mentor.“ „Danke. Komm, lass uns zu dem Käseroller fahren, ich müsste heute noch nach Phnom Penh zur Weltbank.“

Bei Cees in Krasang lief es nicht so gut, wie es geplant war. Viele Felsen brachten den Zeitplan völlig aus dem Rahmen. Mit zwei Hydraulikhämmer musste oft auf der ganzen Länge gearbeitet werden. Trotz der Größe der Bagger kamen die Hydraulikhämmer an ihre Grenzen und schafften an manchen Tagen nur Zweihundert Meter Graben. Hannes las die Bauprotokolle und schüttelte resigniert den Kopf.
„Jetzt hast du hier zwei 26 Tonnen Bagger und kommst nicht voran. Stell dir dieses Projekt mit dem Schrott von früher vor. Da würdest du am Tag eine Stiellänge von einem Besen schaffen! Wie weit gehen diese Felsen?“ „Dreiviertel der Strecke! Auf der anderen Seite bei Martin ist es nicht viel besser.“ Ratlos sah Hannes zu seinen beiden Kollegen. „Zwischen unserem Bagger Typ und der nächsten Größe gibt es nichts mehr. Der 245er Caterpillar ist ein Bagger mit über 60 Tonnen Einsatzgewicht. Was nun?“ Frage Hannes. Cees zog die Schultern hoch. „Gute Frage. Weiter machen, so schnell oder langsam wie es eben geht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir für einen so großen Bagger weitere Verwendung haben werden.“ „Noch nicht. Vielleicht aber bald.“ Cees und Nolan sahen Hannes mit fragendem Blick an.
„Es ist ein Staudamm bei Kampong Chhnang geplant. Stephane möchte in einer ARGE dieses Projekt betreuen. Nur mit der Kompetenz von ODHI und ohne viel Aufwand.“

Hannes erklärte Cees und Nolan was Stephane ihm über dieses Projekt sagte.

„Ein Staudamm! Ist das nicht eine Nummer zu groß für uns?“ Dabei sah Cees Hannes offen an. „Gleiche Fragte stellte ich ihm auch. Daher nur unsere Kompetenz in der Sprache, der Geographie und Ethnologie, der politischen Lage und in der allgemeinen Erfahrung der letzten Jahre in Kambodscha, vielleicht auch mit ein paar Baumaschinen von uns. Gute Leute haben wir in allen Bereichen. Wie lange mussten wir früher auf Material warten oder schon Monate früher bestellen? Eliane und Roman haben die letzten Jahre ganz schön gekämpft um alles am Laufen zu halten und nun sind unsere Bestellungen fast immer Zeitnah an den Baustellen. Die Firmen sahen und sehen, dass wir ein zuverlässiger Partner sind und die Lieferanten haben sich umgestellt. Sie haben investiert und Leute eingestellt, diese Veränderungen ist auch irgendwie ein Teil Humanitärer Hilfe. All dies macht sich seit fast zwei Jahre für uns bezahlt. Wir hätten bei diesem Staudamm-Projekt einen klaren Heimvorteil – da muss ich Stephane recht geben, auch wenn wir beide oft unterschiedlicher Meinung sind.  Nolan möchte auch in dieses Team.“ „Cool. Freut mich. Nur nimmt du dir aus diesem Bauprojekt deine eigene Leute weg. Hannes, ist das gut?“ „Gleiches sagte auch Patricia. Thore übernimmt Nolans Team, Arjen oder Arthur sollen für dich einen Teamleiter abstellen.“
„Okay. Wann geht’s los?“ „Am 18. Juli landet der Geologe aus Frankreich in Bangkok. Mit Bourey muss ich die Landverhältnisse klären. Gleiches auch in und um Kampang Rou. Für drei Monate hätte ich bis jetzt Geld – vielleicht auch für vier. Wenn alles glatt läuft sind wir Ende des Monats, Anfang August schon am baggern. Da ich viel vorhabe, brauche ich dich in dem Team. Du kennst dich geologisch und geografisch sehr gut aus. Eigentlich wollte ich Kosal als Baggerfahrer. Nun ist Nolan dabei, dann bräuchte ich Kosal nicht. Ich und Nolan auf den Bagger, Claude und du für die Geologie und zwei Hilfsarbeiter von Asger für die Vermessung.“
Cees schüttelte den Kopf. „Du kannst bei einem solchen Projekt nicht selbst Bagger fahren. Asger wird dir keinen Mann geben! Du glaubst doch nicht, dass er sich dieses Projekt mit dir nehmen lässt. Ich weiß, dass du mit einem Minimalteam dies machen möchtest und auch wenig Geld ausgeben willst, glaub mir – du wirst keine Zeit zum baggern haben! Die Jungs sind aber da. Wo nimmt du die Bagger her?“
„Der eine steht bei Kampang Rou und der andere müsste ich jetzt aus Battambang abziehen. Geplant war einer von dir. Wenn ich diese Felsen sehe, kann ich bei dir keinen großen Bagger abziehen. Es wird nur mit Kettenbagger möglich sein und dafür brauche ich die Größten. Eingeplant habe ich bis jetzt zwei Lkw von uns.“

Das Mobiltelefon von Hannes klingelte. Patricia fragte wo er sei, er hätte schließlich heute noch einen Termin. „Prinzessin, komm nach Krasang zu Cees mich abholen. Ich habe Coady gesagt, dass ich am Donnerstag oder Freitag vorbei komme.“
Wie versteinert stand Cees vor Hannes als er den letzten Satz von ihm hörte. „Du triffst dich mit Coady Levis? Der, der unser Wasserrad verspottete hatte? Der, der damals sich weigerte die Pumpe zu bezahlen? Der, der…“ „Ja! Ja, genau der. Die Weltbank hat mir eine viertel Million Dollar zugesagt. Ich müsste schon mit Coady reden, wenn ich das Geld bekomme. Umd ob du es glaubst oder nicht, er kommt am Samstag auf die Party. Coady rief mich vor eineinhalb Wochen an, er sah sein Fehler ein und möchte nun endlich das Kriegsbeil begraben. Cees, ich weiß wie blöd diese Situation ist, nur muss ich betteln für Geld! Es gibt kein Humanitäres Konto auf das wir alle zugreifen können wie wir wollen und das auch nie leer wird. Klinken putzen, betteln und immer irgendwie auf das Beste hoffen. Dies alles macht echt keinen Spaß! Ihr seht immer nur, dass ich weg bin. Was für Gespräche und Verhandlungen ich in Phnom Penh, Svay Rieng, Prey Veng, Oddar Meanchey oder auch in Paris führe, seht ihr alle nicht! Ich habe kein Urlaub, wie oft angenommen wird. Wir sind am 21. Juni in Bangkok gelandet, zwei Tage später hatte ich schon Arbeitstage von sechzehn Stunden. ODHI will etwas von mir, die UN nervt manchmal auch ganz schön. Was ich euch beiden über das Trockenfeld-Projekt gesagt habe, habt ihr hier am Pickup verstanden, die Mitarbeiter der UN raffen das nicht! Für gleiches Projekt musste ich für die UN ein Dossier schreiben. Ausführlich mit Grafiken, Ertragsberechnung, Kostenaufstellung, Querverweise und all solch ein Käse. Dann kommt eine Fragenkatalog aus New York von einem Mann, der offensichtlich nicht besseres zu tun hat, als nach der Niederschlagsberechnung, Sonnenstunden oder Temperaturunterschiede von Januar bis Mai oder von Juli bis Oktober zu fragen. Was soll ich an Sonnenstunden in einem Subtropischen Land schreiben? Ich bin froh, dass Patricia mir oft hilft. Sie ist schon Hochintelligent und hat auch öfter ihre Probleme mit dem was ich schreiben muss – nur um etwas Geld zu bekommen. Ganz nebenbei baue ich die Infrastruktur für UNICEF auf, auch da muss ich zusehen das ich Geld bekomme, Teams finden, wo nehme ich welche Baumaschinen weg oder welche Firma bekommt den Zuschlag, wer kümmert sich um das Material? Dann möchte der Französische Präsident nebenbei noch Informationen über unsere Projekte. Es ist alles toll, wen Hannes mittlerweile so kennt – nur muss ich dafür verdammt viel arbeiten! Das Trockenfeld-Bauprojekte habe ich auf ein Jahr mit einer Million Dollar geplant, finanziert ist bis jetzt, was ich hoffe, ein Viertel! Wie soll ich planen, wenn ich nicht weiß ob es noch Geld gibt? Wo fangen wir mit dem Geld an? In der Ebene bei Svay Rieng, in den Gegend um Kor An Doeuk oder in Kampang Rou? Wie viele Hektar kann ich überhaupt planen? Wie viele Baumaschinen oder Leute kann ich einsetzten? Eine Million hört sich sehr viel an, ist aber auch schnell weg, wenn ich Lkw anmieten muss oder noch Baumaschinen brauche.“

Cees verzog den Mund, sah zu Nolan und dann zu Hannes. „Tut mir leid. Du hast ja recht, wir wissen dies alles nicht. Ich glaube, uns allen ist nicht bewusst was für einen Job du machst.“
Hannes nahm tief Luft und musste seine Wut beherrschen. „Ich wollte diesen Job nie haben, ihr habt ihn mir aufgedrückt!“ Cees und Nolan sahen zu Boden. „Entschuldigung. So weit hatte vor drei Jahren keiner gedacht.“ Hannes nickte. „Ich weiß. Daher seid ihr Teamleiter und macht Arbeit, die ich auch noch machen müsste. Ich bin sehr stolz auf euch alle, ich bin auch sehr dankbar für diese Freundschaften und dieses Miteinander. Aus diesem Grund ist ODHI das, was wir jetzt sind! Dafür wurden wir mit dem Ordre national du Mérite ausgezeichnet.“

Patricia meldete sich mit einer Staubwolke an.
„Die Chefin kommt. Jungs, wir sehen uns am Samstag. Ich muss nun schauen, ob ich noch etwas Geld erbetteln kann.“

Phnom Penh , Donnerstag 15 Uhr

Das Büro der Weltbank in Phnom Penh war in einem Zehnstöckigen Gebäude im Distrikt Khan Doun Penh.
„Kommst du mit?“ Frage Hannes als Patricia vor dem Gebäude parkte. „Non. Ich fahre zu Hattie. Wir treffen uns später.“

Hannes ging die Treppe hoch in den obersten Stock von dem Gebäude. Er hätte auch mit dem Fahrstuhl fahren können, so sah er mehr – oder besser den Mekong durch die großen Fenstern im Treppenhaus. Dieser Fluss faszinierte ihn immer wieder auf’s neue. Mit welcher unbändiger Kraft dieser Fluss sich den Weg ins Meer bahnte, war mehr als Atemberaubend. Gegen den Mekong sind die Flüsse in Europa ein Abziehbild. Wenn bei Hochwasser schon Nebenflüsse ihre Fließrichtung ändern, ist die Kraft vom Mekong mit nichts auf dieser Welt vergleichbar!

Die Empfangsdame der Bank erwartete ihn und rief ihren Chef an. Hannes ging den Gang weiter durch und las auf der rechten Seite an der letzten Tür:

Dr.Coady Levis,MBM
Office Manager World Bank
South East Asia.
Main Area Cambodia

Eine Sekunde später stand Coady in der Tür und begrüßte ihn freundlich.
„Hallo Hannes, schön dich zu sehen, du siehst etwas geschafft aus.“ „Hallo Coady, ich bin seit zwei Uhr auf den Beinen. Es ist ein langer Ritt von Nakhon Ratchasima nach Phnom Penh.“
Gemeinsam taten sie in das sehr elegante Büro im obersten Stockwek der Weltbank. „Darf ich dir Chris Peters vorstellen. Er ist Ingenieur und Gutachter für Wasser- und Brunnenbau.“
Ein schmaler Afroamerikaner reichte lächelnd Hannes die Hand. „Chris Peters, schön, den Mann endlich zu treffen, über den so vieles erzählt wird.“ „Hannes. Hallo. Ich hoffe nicht allzu viel negatives“ dabei sah er zu Coady. „Nein! Nein! Nichts negatives. Ich habe Chris erzählt, was du in Kambodscha schon Aufgebaut hast“ , beschwichtigte Coady sogleich. „Na gut. Dann hätte ich zu Beginn eine Frage: warum ein Gutachter?“ „Chris prüft unteranderem Bauprojekt auf ihre Effizienz.“
Hannes sah beide skeptisch an und wusste nicht, wo nun dieses Gespräch hinführen würde. „Coady, sollte ich irgend etwas wissen? Noch haben wir das Kriegsbeil nicht begraben.“
Chris konnte mit dem letzten Satz nichts anfangen und sah Coady fragend an.
„Nein Hannes. Bei ODHI läuft alles glatt und geordnet. Es gibt aber so einige Unregelmäßigkeiten bei zwei anderen Organisationen. Chris ist hier, weil ich euch beide bekannt machen wollte. Er und seine Frau würden am Samstag mit auf die Party kommen. Hannes, ich möchte das du und Chris euch drei Projekte in Angkor Chey, Damnak Chang’aeur und Kampong Trach anschaut.“
Hannes schüttelte den Kopf. „Ich bin weder Gutachter noch Ingenieur. Ich fahre Bagger, vermesse Wasserleitungen und versuche Menschen zu helfen.“
Coady sah zu Chris und dann zu Hannes. Er schlug eine blaue Mappe auf, die vor ihm auf dem Walnussholz Schreibtisch lag und blätterte in dem Ordner. Er sah wieder zu Hannes und Chris und las: „Projektleiter im Wasserbau bei Organisation de développement et de secours pour l’humanité et les i Infrastructures in Reims.
School Project Manager for Cambodia, Department of Construction and Infrastructure, bei der UN in Phnom Penh. Träger des Französischen Nationalordens für besondere Verdienste im Humanitären und Zivilen Bereich. Hannes, da steht nichts von Bagger fahren.“ „Sieh mal an, was die Weltbank alles weiß.“
Coady nickte ihm zu. „Die Bank weiß noch mehr. Hannes, jede Bank hat eine Ratingliste ihrer Kunden – auch die Weltbank. Wir haben zudem noch Ratinglisten über Staaten.“ „Was hat deine überaus gut informierte Akte nun mit mir zu tun? Ich dachte wir reden über Trockenfeldanbau und ein bisschen Geld.“
„Darüber reden wir auch noch. Hannes, ich bin Banker und ich sehe Zahlen. Ich kann mir in meiner Position auch so einiges Vorstellen – wie zum Beispiel Projekte oder Arbeit gemacht werden müssen und sollten.“ Hannes grinste. „Bei einem Wasserrad hattest du so deine Probleme.“ „Ja! Hatte ich und zum tausendsten Mal entschuldigte ich mich dafür. Bitte schau dir die Unterlagen von diesen drei Projekte an und sag mir deine Meinung dazu. Wir haben den Verdacht, dass dort Unsummen an Gelder verschwendet werden und oder Betrug vorliegt.“ „Vom gesunden Menschenverstand her würde ich sagen, dass in über der Hälfte eurer Projekte Geld verbrannt wird. Nochmal: ich bin kein Ingenieur oder Gutachter. Wenn Betrug vorliegt – oder der Verdacht, solltest du Interpol einschalten und keinen Baggerfahrer. Oder ist diese Forderung eine Bedingung für deine versprochene viertel Million Dollar?“ „Quatscht. Ich habe dir dies zugesagt weil ich dir vertraue. In diesem blauen Ordner steht nicht ein negatives Wort über dich oder ODHI. Wenn ein Betrug bei den beiden anderen Organisationen vorliegt, könnte ODHI diese Projekte weiterführen.“
Hannes schüttelte sofort den Kopf. „So einfach ist das auch nicht! Wir arbeiten mit unseren Teams schon am Limit und haben mittlerweile genügend Projekte. Meinst du, der Ordensträger schüttelt sich Mitarbeiter aus dem Ärmel? Ich möchte in drei Wochen mit dem Trockenfeld Projekt beginnen, die Menschen brauchen Lebensmittel! Wann soll ich nach deinen drei Sorgenprojekten schauen? Ich müsste mindestens eine Woche für dich einplanen. Faktor Zeit ist bei mir ein großes Problem. Ich weiß von einem Staudamm Projekt in Kampong Chhnang, da möchte mein Chef sich an einer ARGE beteiligen und weiß gar nicht, ob wir die Kapazität an Personal stellen können.“
Coady nickte anerkennend. „Okay, ihr wisst schon von diesem Projekt. Die Angebote von Europäischen Baufirmen habe ich. Wie stellt sich dein Chef diese Mitarbeit vor?“

Hannes sah Coady und Chris an. Er schaute aus dem Panorama-Fenster auf den Mekong. Durfte Hannes die Gedanken von Stephane an die Weltbank weitergeben? Er sah erneut zu Chris und Coady und wusste nicht was er jetzt sagen konnte oder durfte. Coady durchbrach das Schweigen in seinem Büro.

„Hannes, ich verstehe deine Loyalität. Würde ich dir nicht diese gleiche Loyalität zeigen, hätte ich dir meine Bedenken der anderen zwei Organisationen nicht gesagt.“ Hannes nickte. „Ja, du hast recht. Ich gehe davon aus, dass wir drei in diesem Raum uns Vertrauen sollten und können.“ Die beiden Männer nickten im zu.

Hannes sagte den beiden warum Stephane an dem Staudamm dabei sein möchte. Coady begrüßte diese Idee sehr, denn er schätze die Arbeit von ODHI außerordentlich.

Nachdem dies soweit alles besprochen war, nahm der Büroleiter der Weltbank einen anderen Ordner von seinem Schreibtisch. „Jetzt kommt dein Projekt.“ Wieder blätterte er in dem Ordner und reichte einen zusammen gehefteten Block an Papier zu Hannes.
Hannes sah erstaunt zu Coady. „Wie kommst du an mein Dossier von der UN?“
„Die Bank weiß vieles. Die Bank ist ein Teilbereich von der UN und diese lässt auch Projekte prüfen, bevor sie Geld gibt. Dein Dossier ist gut! Es ist schlüssig erklärt und man kann den Bedarf für dieses Projekt erkennen und du hast sehr menschlich geschrieben.“

Coady legte vier weitere Blätter auf den Walnussholz Tisch. Hannes sah den Schreiben an, dass dies von der UN Food and Agriculture Organisation in Kambodscha war. Beim lesen schüttelte Hannes immer wieder den Kopf und musste sich beherrschen, dass er die Blätter nicht zeriss. Wortlos sah er zu Coady. Innerlich brüllte er seine Wut über dieses Schriftstück heraus. Hannes musst in Bruchteilen von Sekunden seine Worte überdenken.
„Was soll dieser Unsinn? Welche Pfeife hat dieses Schreiben aufgesetzt?“ Sein Blutdruck war bei seinen Worten extrem hoch, trotzdem versuchte er ruhig zu bleiben.
„Der Büroleiter von Food and Agriculture, hier in Phnom Penh“ sagte Coady und er sah Hannes offen in die Augen. Hannes holte tief Luft, er musste sich beherrschen bevor er weiter sprach.
„Der Mann kennt den Unterschied zwischen Hafer und Mais?“ Coady lege den Kopf zur Seite und sprach in seiner gewohnten Freundlickeit weiter. „Was soll ich darauf antworten? Nicht jeder bei der UN ist für den Job geeignet, den er oder sie macht.“
Hannes nickte Coady zustimmend zu. „Offensichtlich! Dieser Connar Lennhardt kann sich dazu zählen. Also gibt es nicht mehr Geld für mich? Müssen noch mehr Menschen an Unterernährung erkranken oder sterben, bis sich einige bemühen mal etwas helfen zu wollen? Wie kann dieser Connar Lennhardt noch ruhig schlafen? Ich versuche Menschen zu helfen damit sie sich selbst ernähren können oder der Ertrag von Getreide auf einfachste Weise auch lohnenswert wird. Dann kommt ein solcher Vollpfosten daher und schreibt Schwachsinn zu meinem Dossier!“
Coady nahm die Hände hoch. „Hannes, es ist alles gut! Bitte beruhige dich wieder. Hier ist meine Antwort auf sein Schreiben.“

Hannes las die drei Seiten, die Coady ihm reichte. „Danke. Den goldenen Teppich hättest du aber nicht ausrollen brauchen.“ „So sehe ich dich. Ich achte dich sehr und hier kommt noch ein kleines Bonbon obendrauf.“ Nochmal reichte Coady einige Blätter über den Tisch. „Welthungerhilfe? Einhunderttausend Dollar?“ Coady nickte. „Für unser Kriegsbeil. Ich finde deine Idee gut und habe mit deinem Namen bei einigen Hilfsorganisationen angefragt. Es macht schon ein Unterschied welcher Stempel und Unterschrift auf einem Bettelbrief steht. Hier ist die Liste der Organisationen die ich noch angeschrieben habe.“
Hannes las Namen, die er zum Teil noch nie gehört hatte: British Nutrition Foundation, Brot für die Welt, Care, Global Food Foundation, Malteser International, Misereor, Oxfam, Plan, World Vision.

„Wow! Die Hälfte kenne ich gar nicht.“ Coady grinste. „Es gibt sehr große Hilfsorganisationen auf der Welt. Wenn die, die ich angeschrieben habe fünfzig Tausend Dollar überweisen, hast du fast deine Million.“ „Coady, ich weiß gar nicht was ich sagen soll. Danke. Danke für deine Hilfe.“
Wieder grinste er Hannes an. „Du kannst oder musst noch vieles lernen um in der Humanitären Hilfe weiter zu kommen. Du kennst dich in dieser Landschaft noch nicht aus und hältst dich dann nur an die, die du kennst. Du musst auf das Schreiben von der UN Food and Agriculture Organisation nichts geben. Lass diesen Lennhardt rennen, vielleicht merkt er irgendwann, wer du bist. Als ich dich anrief und dir die Zusage gab, rief mich zuvor eine Frau Walker von UNICEF an. Wir hatten ein sehr angenehmes Gespräch über dich. Vieles wusste ich bis dato nicht von dir, was ich jetzt weiß zeige ich dir mit diesen Schreiben an andere Organisationen und meinen allergrößten Respekt für dich.“ „Danke für dieses Vertrauen. Meine Frau ist zur Zeit bei Hattie Walker. Sie beide waren von der ersten Minute auf einer Linie.“ „Auch dies weiß ich. Was deine Frau leistet verdient den gleichen Respekt. Ich freue mich auf Samstag sie kennenzulernen, meine Frau übrigens auch. Zurück zu deinem Projekt. Wohin soll ich dir das Geld überweisen?“
„Auf ein Konto der National Bank of Cambodia, dort gibt es ein Treuhandkonto. Der Treuhänder ist mein Chef und der neue Direktor von ODHI, Stephane Dilbert. Ich möchte aus gutem Grund nichts mit Geld zu tun haben, Transparenz ist mir wichtig. Nicht auszudenken, wenn mir Verschwendung oder Veruntreuung vorgeworfen wird.“
Coady schüttelte sofort energisch den Kopf. „Hannes, es geht nichts gegen dich!“
„Alles gut! Ich hatte vor einer Woche mit Stephane schon darüber gesprochen, da kannte ich Chris und deine drei Ordner noch nicht. Wie du schon sagtest, ODHI hat einen guten Namen und dies soll auch so bleiben! Ich habe auch Feinde in diesem Land und wie schnell ist etwas behauptet und ich muss es umständlich beweisen. Von daher gleich eine gerade Linie. Gerne können wir auch dich als Treuhänder einsetzen, mir ist nur wichtig das es geordnet ist. Natürlich verfüge ich über ein Budget von weit mehr als zwei Million Dollar im Monat, aber dies sind Projekte von ODHI. Bei dem Trockenfeld Projekt steht mein Name auf dem Dossier.“
Chris und Coady nickten ihm anerkennend zu.
„Nun gib mir deine Sorgenprojekte. Ich muss mir dies aber alles in Ruhe durchlesen. Chris, wie lange bist du in Kambodscha?“ „Noch eine ganze Weile. Wir sollten aber in den nächsten zwei Monaten uns diese drei Projekte anschauen, Coady hat vorsorglich den Geldhahn etwas zu gedreht.“ „Okay, dann muss ich mich nicht in den nächsten zwei Wochen überschlagen.“ „Nein, musst du nicht. Es ist nicht akut. Wenn wir Betrug oder Veruntreuung feststellen, wird sich sowieso das Hochkommissariat der UN einschalten.“
Hannes wiegte den Kopf nach links und rechts. „Ist es überhaupt rechtens, wenn ich von einer anderen Organisation dies prüfe? Wenn ich sage, es liegt Betrug vor um diese zwei Organisationen zu verdrängen um einen eigenen Vorteil für uns herauszuziehen.“
Coady schüttelte den Kopf. „Ich kann mich erinnern, dass du sagtest, ihr seid mit euren Teams schon am Limit und auch keine neuen Projekte braucht.“ „Ja, waren meine Worte.“ „Dann wiederhole ich nochmal deine Worte: ich denke, dass wir drei uns in diesem Raum vertrauen sollten und können.“

Kâmpóng Trâbêk,Donnerstag 20 Uhr

In ihrem Apartment in Kâmpóng Trâbêk lag Patricia auf der Couch, sie hatte ihre Beine auf denen von Hannes und las in den Dokumenten, die Coady ihm gegeben hatte.

Hannes war am Telefon mit Stephane und erzählte ihm von dem Treffen in der Weltbank und welche Organisationen Coady für das Trockenfeld Projekt schon angeschrieben hatte, auch von den zwei anderen Organisationen erzählte er ihm.

„Stephane, ich habe Angst das dies aus dem Ruder läuft. Ich bin kein Ingenieur um dies alles auf seine Richtigkeit zu prüfen.“
„Schick mir Morgen mal alles zu was du hast, ich schau mir dies mal an. Ich hätte nie gedacht, dass Monsieur Levis so ein Typ ist.“ „Ich auch nicht. Er lobte sehr oft ODHI und war auch recht angetan von deiner Idee mit der ARGE. Mit ihm hätten wir einen guten Partner auch in den wirtschaftlichen Bereichen – mehr geht wohl nicht mehr.“ „Stimmt. Ich würde für das Staudamm Projekt sowieso nach Kambodscha kommen, dann lerne ich ihn auch kennen. Au revoir Hannes.“

Es klopfte an der Tür. Es war Eliane und Fiede.
„Wir wollten euch zur Hochzeit gratulieren, euch beide trifft man selten zusammen an. Ich wollte euch Salz und Brot schenken, ich kann aber schlecht Hannes sein eigenes Brot schenken.“
Patricia grinste. „Liebes, dass ist doch kein Problem. Kommt, lasst uns Wein trinken.“

Eliane freute sich sehr über die spontane Hochzeit, sie wollte so vieles über Paris wissen.
Hannes und Fiede saßen in der kleinen Küche und sprachen über die Unterlagen von Coady. Als Hochbauingenieur hatte Fiede doch erheblich mehr und schneller den Durchblick als Hannes.
„Wie lange kannst du die Unterlagen behalten?“ „Ich habe mit Chris Peters vereinbart, dass wir in den nächsten zwei Monaten uns diese Projekte anschauen werden. Ich habe ja schließlich noch andere Arbeit zu machen.“ „Ja. Das ist gut. So kann ich mich auch in die Ordner einlesen. Wie kam Levis dazu dir die Ordner zu geben oder überhaupt dies anzusprechen?“
Hannes zog die Schultern hoch. „Vertrauen? Ich war auch sehr überrascht! Immerhin war unsere Beziehung die letzten Jahre nicht sonderlich gut. Vielleicht ist es jetzt auch sein Zeichen um das Kriegsbeil zu begraben.“ „Kriegsbeil?“

Hannes erzählte Fiede von der Ablehnung des Geldes für das Wasserrad und die Pumpe von vor drei Jahren. Er zeigte Fiede auch den Ordner zu dem Trockenfeld- Projekt.
„Mein lieber Hannes, dies hier ist aber weit mehr als eine Entschuldigung!“ „Ich weiß. Coady bat mich um den Gefallen die drei Projekte zu prüfen. ODHI ist in Kambodscha in allen Bereichen sehr gut aufgestellt, nun könnte auch noch der Bereich Wirtschaft dazu kommen.“
„Absolut. Du hast den Fuß in der richtigen Tür. Dies kann nur von Vorteil aller unsere Projekte sein. Ich würde Levis gerne mal  treffen.“ „Am Samstag triffst du ihn in Kampang Rou auf der Party. Ich habe ihn und seine Frau vor eineinhalb Woche schon eingeladen. Ein Fest ist immer die bessere Grundlage als ein Konferenzraum. Vor drei Jahren war das erste Fest in Kampang Rou der Grundstein für die Freundschaft zu Major Bourey Duong, durch ihn hat sich vieles in Prey Veng und Oddar Meanchey ermöglicht.“

Patricia rief aus den Wohnzimmer, dass sie nun genug mit der Arbeit beschäftigt wären.
„Ma Chérie, und bring noch bitte eine Flasche Wein mit.“ Fiede grinste „Hast deine Chefin gehört.“

Trotz des schon sehr langen Tag, war die Zeit mit Eliane und Fiede äußerst angenehm. Fiede erzählte warum er und sein Bruder sich entschlossen hatten nach Kambodscha zu gehen und er seinen Schritt nicht bereute und in Eliane die neu Liebe gefunden habe.
Hannes und Patricia nickten ihnen zu. „Manchmal muss man weit gehen um das Glück zu finden. Nolan hat Mareile getroffen, Dhani ist mit Kannitha zusammen, Thore mit Channary und dein Bruder hat auch eine Frau aus Kambodscha. Lassen wir uns überraschen was noch alles kommt. Unsere Feste werden schon bedingt durch die neuen Partnerschaften immer größer.“ „Warum aber immer in Kampang Rou und nicht zentral in Kambodscha?“ Fragte Fiede. „Dort sind unsere Wurzeln. Dort hatten sich im Januar 1990 eine Handvoll Menschen aus fünf Nationen getroffen und mit erheblichen Startschwierigkeiten ist das entstanden, was ODHI heute ist. Du kamst erst im letzten Jahr hinzu und weißt vieles nicht, Eliane hatte von hier aus vieles gar nicht mitbekommen.“

Patricia erzählte von den ersten Tage und Wochen in Kampang Rou, Eliane kamen die Tränen bei so manchen Fotos die Patricia zeigte. Fiede sah völlig geschockt immer wieder zu Hannes und Patricia als auch er die Fotos von früher sah.
„Aus diesem Grund Kampang Rou. Wir alle hatten unter Hochdruck gearbeitet um den Menschen zu helfen. Wie schnell Hannes mit dem Bagger gearbeitet hatte um den Müll aus dem Ort zu schaffen und Klärgruben baggerte war schon Atemberaubend. Im wahrsten Sinn des Wortes.“

Freitag 2. Juli 1993  7.10 Uhr

Beim Frühstück blätterte Patricia in dem Ordner für das Trockenfeld -Projekt.
„Was ich hier lese, ist für dich eine große Auszeichnung! Die meisten Hilfsorganisationen kenne ich gar nicht.“
„Ich auch nicht. Coady wird schon wissen was er tut. Wenn diese Organisationen uns unterstützen, ist das Projekt finanziert. Es war schon gut, dass ich Munny bescheid sagte, er soll Sangkhum nach Kampang Rou bringen.“
Patricia gab ihm einen Kuss. „Du und deine Kuh. Das Schreiben von diesem Lennhardt ist unterirdisch. Ich werde dies heute Laureen zeigen.“ „Prinzessin, lass es gut sein. Ich brauche die UN nicht um weiter zu kommen. Es ist ganz gut, dass ich damals nicht ganz zur UN gegangen bin.“ „Ma Chérie, du hast einigen Einfluss bei der UN, ich würde das Gespräch mit dem Büro von Food and Agricultur suchen, du bist kein kleiner Junge der sich einen solchen Schwachsinn gefallen lassen muss.“ „Der klügere gibt nach. Prinzessin, ich habe Leute die zu mir stehen, da ist dieser Connar Lennhardt eine kleine Leuchte. Lass ihn in seinem Höhenflug der Arroganz.“
Patricia sah ihn traurig an und schüttelte den Kopf. „Deine Entscheidung. Warum machst du dich immer so klein? Was machst du heute noch?“ „Ich bin den ganzen Tag hier im Büro und später rufe ich noch Stephane an. Ich schreibe auch noch den Rest der persönlichen Texte der Teamleiter für Morgen. Ich kenne die Männer doch etwas besser als Stephane. Kauf bitte noch Fisch und Gemüse für heute Abend. Sollen wir Eliane und Fiede einladen?“ „Gute Idee.“

Eine Laudatio zu schreiben war kein Problem, für einige Teamleiter erwies es sich dies doch schwieriger als gedacht. Er konnte ja schlecht Eliane um Rat bitten. Büroarbeit war etwas, von dem Hannes sich gerne distanzierte, seine kluge Frau hätte schnell die Texte geschrieben. Nun saß der Projektleiter über dem nächsten weißen Blatt Papier. “Da steh‘ ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor!“

Nach der sechsten Tasse Kaffee kamen ihm die Gedanken. Auf einmal hatte er einen Anfang und die Worte kamen ihm gerade so in den Sinn, sollte eine Überdosis Koffein verantwortlich für seine Hochleistungs-Hirnaktivität sein?
Endlich hatte er alle Texte zu den Teamleiter geschrieben. Beim nochmaligen lesen musste er bei so einigen Sätze schmunzeln und Erinnerungen kamen hoch. Wie klein war damals ihre Welt in der Provinz Svay Rieng.

Fiede kam mit zwei Ordner von Coady in sein Büro, sein Blick sprach Bände.
„Coady hat recht! Lies dir die Seiten durch, die ich markiert habe und die passenden Bauprotokolle. Da passt einiges nicht zusammen. Ich habe nach den zwei Organisationen recherchiert, kommt mir nicht alles sehr seriös vor.“ „Fiede, wir hatten vor drei Jahren auch eklatante Probleme mit den Baumaschinen, der Tagesleistung und den Mitarbeiter. Wir sollten nicht gleich verurteilen.“ „Dann lies!“

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