25 Kâmpóng Trâbêk / Kampang Rou

Teil II Kapitel 25 

Kâmpóng Trâbêk / Kampang Rou

„Das dau eh Pälzer bescht macht dich noch sympathischer.“

Samstag 3. Juli 93

Kurz vor 5.30 Uhr war Hannes wach, er stand in der Küche von ihrem Appartement mit einer Tasse Kaffee am Fenster. Es war noch dunkel in Kambodscha. Hier und da sah er Licht in den Häuser und Hütten von Kâmpóng Trâbêk. Ein paar Hähne krähten um die Wette, zwei Motorräder lärmten auf der Straße vorbei, ein Hund bellte. Der Vorteil an der Dunkelheit war: man sah das Chaos in diesem Land nicht. Der Nachteil an der Dunkelheit: die Alpträume kamen zurück.
Patricia kam verschlafen in die Küche und legte ihre Arme um seine Taille. Sie küsste ihn auf seine rechte Wange.
„Ma Chérie, an was denkst du?“ „Die Bilder und die Angst kommen zurück!“
Sie streichelte seine Wange und hielt seine Hand fest.
„Als ich damals bei Arthur war und in Shheu Teal diese geistig behinderte Frau mit ihrem toten Kind in den Armen sah, gab es mir ein Stich ins Herz und dieses Bild brannte sich mir ins Gedächtnis. Ich dachte, ich hätte dieses Bild vergessen. Patricia, nun beginnt der gleiche Alptraum von vorne! Ein Arzt aus dem Ärzteteam von Hongkong, die damals über die WHO nach Kor An Doeuk kamen, sagte mir, dass dieses Kind schon mindestens seit eine Woche tot sei! Diesen Geruch von der Verwesung bekomme ich nicht mehr aus dem Kopf!“
Patricia fing an zu weinen.
„Ich brauche für mein Trockenfeld-Projekt keine so große Bagger, ich will nur diese Größe, weil ich Angst vor Minen habe. Bei solch schweren Kettenbagger wird der Schaden gering sein. Wir wissen immer noch nicht, ob noch Minen von der Roten Khmer irgendwo liegen. Wir wissen immer noch nicht, ob alle Massengräber gefunden wurden. Sei doch ehrlich, bis jetzt hatten wir alle Glück das nichts und niemand etwas passiert ist. Ich habe letzte Woche die Ausarbeitung von UNTAC für die nächsten Wahlen gelesen, welche Vollidioten schreiben solche Texte? Sind diese Autoren überhaupt in Kambodscha oder kennen die nur ein Distrikt in Phnom Penh? Ich muss Bourey fragen, ob er jemand in den Provinzen Kampot und Takeo kennt. Ich könnte auch über UNTAC anfragen, ich weiß aber jetzt schon, dass dies nicht Zielführend sein wird. Wir haben über Bourey in Oddar Meanchey und Siam Reap mehr erreicht als alle von UNTAC zusammen! Wie ich damals schon zu Laureen sagte, es wird nur eine Unsumme an Geld verbrannt. Wo wärst du heute mit deinen Schulen, wenn ich damals ganz zur UN gegangen wäre? Laureen kann mir Titel geben wie sie will, es läuft auf anderen Wegen doch viel besser.“ „Ja, du hast so recht. Durch dich läuft alles besser.“
„Unsinn! Ich bin nicht so stark wie ihr alle meint, ich bin kein Motor. Patricia, ich habe Angst um unsere Mitarbeiter und Freunde!“ Patricia drehte sich zu ihm um und umarmte Hannes.
„Dies weiß jeder in der Firma. Und du bist der Motor! Du bist aber auch nur ein Mensch der täglich sich um hunderte Probleme kümmern muss. Sind Probleme in Oddar Meanchey gelöst, kommen jetzt neue in Angkor Chey, Damnak Chang’aeur und Kampong Trach dazu. Was ich gestern an der Wand sah und an Mails las, da bräuchte ich Tage um dies zu verstehen. Dein Denken in solchen Dimensionen ist mehr als beachtlich! Du bist ein guter Mensch, ich liebe dich für so viele Kleinigkeiten an und in dir. Ich geh Chenda rufen, damit sie mit uns frühstücken kann.“

Hannes hörte ein Auto vorfahren. Aus dem Küchenfenster sah er Coady und Chris aus dem Wagen steigen. Patricia kam mit Chenda den Flur herunter.
„Prinzessin, wir bekommen Besuch. Schau bitte, dass noch vier Personen Platz am Frühstückstisch haben.“

Hannes ging die Treppe herunter durch den Flur, an den Büros vorbei auf den Eingang zu. Coady kam mit seinem Gefolge die Stufen hoch.
Eine mittelgroße Frau mit kurzen braunen Haaren musste die Frau von Coady sein. „Hello and good morning, nice to see you. I am Hannes.“ „Hallo Hannes, Melanie. Sie känne Deutsch medd mir reden.“
Hannes sah verwundert diese schmale Frau mit Saarländischen Dialekt an. Die andere Frau, eine afroamerikanische, mittelgroße Frau musste dann die Frau von Chris sein.
„Hello and good morning, nice to see you. I am Hannes.“ „Stacey, nice to meet you.“
„Kommt herein, wir wollten gerade frühstücken.“ „Macht euch wegen uns keine Umstände.“ „Coady, es sind keine Umstände, unser Haus und Wohnung steht für alle offen. Kommt mit hoch. Wir haben unser Apartment im zweiten Stock.“

Die Tür von Hannes seinem Büro stand offen und Coady sah die große Karte mit all ihren Strichen, Punkte und Notizen an der Wand und blieb an der Tür stehen. „Dein Büro?“ Hannes nickte. „Darf ich?“ „Natürlich Schau dir deine drei Ordner mal an.“
Hannes schaltete das Licht im Büro an und erklärte den vier, was Chenda und er am Vortag gearbeitet hatten. Coady sah ihn mit großen Augen an und schüttelte den Kopf.
„Kann ich kaum glauben! Wo hast du so viele Informationen her?“ „Nicht nur die Weltbank weiß viel – auch ich“ er knuffte Coady gegen den Oberarm. „Kommt nun hoch zum Frühstückstisch. Ich erklärte euch alles in Ruhe.“

Beim eintreten ins Appartement sagte Melanie. „Wow! Sehr chic bei euch.“
„Danke, es ist eine kleine Anlehnung an unser Haus in Thailand“
Hannes stelle Chenda und Patricia  der Gruppe vor und verschwieg es nicht, dass Chenda die Projektleiterin für das noch geplante Projekt in Kampot und Takeo werde. Coady gab Chenda die Hand mit den Worten „Ich denke wir werden öfter zusammen arbeiten. Ich freue mich auf Sie.“
Hannes grinste bei dem Satz von Coady, er sah zu Patricia die ihm zunickte. Chenda war in dem Moment etwas geschockt. „Dankeschön. Noch ist es ja nicht so weit.“ Coady grinste breit. „Ich wäre mir da nicht so sicher. Wenn Ihr Chef dies schon sagt, wird er sich schon etwas dabei gedacht haben. Weltbank hin oder her, ich bin Coady.“ „Chenda. Danke Coady.“

„Kommt setzt euch doch bitte an den Tisch“ Patricia gab mal wieder ganz souverän die Gastgeberin.
„Melanie, ich hörte vorhin einen starken Saarländischen Dialekt.“ „Ich komme aus Saarbregge.“ „Die Welt ist ein Dorf! Patricia kommt aus Thionville und ich vom Naheland.“
Schon war ein Thema am Tisch und  es wurde über die Heimat gesprochen.
Beim Frühstück kam man in der Runde auf den Beruf von Stacey zu sprechen, sie sei freie Journalistin. Hannes sah zu Patricia und beide grinsten sich an. Da Stacey nur am Rande die Arbeit von Patricia mitbekommen hatte, war auch bei den beiden auf einmal ein Gespräch über Ideen für eine Dokumentation am Tisch. Coady und Chris sprachen mit Chenda. Sie sagte beiden, was Hannes ihr am Vortag für einen Auftrag gegeben hatte.
Melanie und Hannes sprachen in ihrer Muttersprache.
Mit Menschen aus fünf Nationen am Tisch zu sitzen, war für Patricia und Hannes immer wieder die Bestätigung, dass sie sich 1990 richtig entschieden hatten. Die Abende mit Eliane und Fiede, die Freunde und Mitarbeiter in ihren Teams waren es, was ihren Job so Einmalig machte. Menschen aus so vielen Nationen und Kulturen waren ihre Freunde und nichts auf dieser Welt konnte dies ausgleichen.

„Saach mohl, eich simmeliere schunn die ganz Zeid, wo hascht dau dat Brot e loh her? Dat es joh mohl voll lecker“ „Danke. Ich backe selbst.“
Melanie sah Hannes an, als ob er sagte, er sei der Kaiser von China.
„In Thailand haben wir ein Backhaus. Ich backe die Brote, Brötchen, Baguette oder Croissants alle in einem Holzbackofen.“
„Guud, allähn dat ist schon genial. Dat Brot e loh ist frisch wie vom Bäcker, eich kann mir nedd vorstellen, dass dau die Naachd in Thailand warscht un host dat Brot geback.“ „Nö, dass Brot ist vom Mittwoch. Ein Freund und Bäcker aus Frankreich gab mir vor Jahren ein paar Rezepte und so einige gute Tipps. Ich mache in neuen Teig altes Brot hinein. Ist kaum zu glauben, aber dadurch bleibt Brot länger frisch. Melanie, wir können alles andere an Kulturen annehmen, aber ohne gutes Brot ist die Welt für uns Deutsche nur schwarzweiß.“
„Absolut. Wie essed bei dir mit Grumbiere?“ „Geht eigentlich. Ich habe schon manchmal Heißhunger auf Bratkartoffeln, Klöße oder einfach nur gekochte Kartoffeln. Schlimm ist es bei Schwenkbaren, der muss schon etwas öfter auf dem Grill liegen.“

Der Blick von Melanie bei der Schilderung von Idar-Obersteiner Schwenkbaren war unbeschreiblich! Wenn sich Rheinland – Pfälzer und Saarländer nicht immer grün sind, beim Grillen, der Saarländer sagt: schwenke, sind sie sich einig.
„Ihr könnt gerne mal über ein Wochenende zu uns nach Khorat kommen, dies hat jetzt nichts mit dem vielleicht neuen Projekt zu tun. Es ist einfach nur, weil ich euch beide sympathisch finde. Wir können Brot backen und Fleisch grillen. Fern der Heimat dies trotzdem genießen.“ „Sehr sehr gerne. Da fährt man aber bestimmt lange bis zu euch?“ „Nakhon Ratchasima hat einen respektablen Flugplatz. In einer Viertelstunde sind wir von Flugplatz in unserem Village. Von Phnom Penh gibt es eine regelmäßige Flugverbindung zu fast allen Flugplätze in Thailand. In einer Stunde ist man die Strecke von Phnom Penh nach Khorat geflogen.

Um kurz vor 9 Uhr spülten die Frauen das Geschirr. Die Männer waren im Büro und besprachen nochmals die Geografische Karte an der Wand.

Im Auto von Patricia verstaute Hannes das Gepäck für die nächsten zwei Wochen. Stacey fuhr bei Patricia mit, so konnten beide über ihre Idee für eine Dokumentation weiter reden. Hannes und Chenda fuhren bei Coady, Chris und Melanie mit. Auch dort wurde von Kâmpóng Trâbêk bis Svay Rieng über die zukünftigen Projekte gesprochen. Aus den Gesprächen mit Coady war ganz klar zu hören, dass ODHI diese Projekte fortführen würde. Immer wieder kam die Begeisterung für den Notfallplan zur Sprache.

Hannes fielen die vielen bunten Reisebusse auf der N1 in Richtung Svay Rieng auf. Wie vom Blitz getroffen sah er den nächsten Bus vor dem Auto fahren, wenn alle Mitarbeiter nach Kampang Rou kamen, würde der Ort aus allen Nähten platzen! Immerhin hatte ODHI mittlerweile 650 Mitarbeiter in Kambodscha. Darüber hatte er sich gar keine Gedanken gemacht. Coady sah zu Hannes auf den Beifahrersitz und merkte das er am denken war.
„Was geht dir durch den Kopf?“ „Phu, Notfallplan 2.0″
Hannes sagte den Mitfahrer seine Gedanken bezüglich der Zahl der Mitarbeiter von ODHI und die Platzverhältnisse auf dem „Europa Platz“ in Kampang Rou. Mit dem „Europa Platz“ konnten die anderen Personen wenig anfangen und um die fragenden Blicke zu beantworten erklärte er die Herkunft von dem Namen. Nachdem Hannes dies alles erläutert hatte, sah Coady ihn mit großen Augen an.
„Coady, die Bank weiß nicht alles von mir.“ „Merke ich gerade. Mensch, wir hätten schon viel früher das Kriegsbeil begraben sollen.“
Mit diesem Satz konnte Chenda und Melanie nichts anfangen, so musste Coady die ersten Differenzen der beiden erklären.
„Ja ja, das Wasserrad! Wirst du heute in einer Präzision erleben, wie du ein solches Wasserrad noch nie gesehen hast! Fahr bitte die nächste Straße rechts rein, wir sind bald da.“

Coady fuhr auf die 334 an den Maisfeldern vorbei, trotz des Monsun hatte der Mais nicht die Höhe, wie er eigentlich haben sollte. Er schüttelte den Kopf beim Anblick der Felder.
„Was ist los?“ „Coady, schau dir links und rechst die Felder an, der Mais steht nicht hoch genug. Hier werde ich mit dem Trockenfeldanbau beginnen. Die ganze Region ist unglaublich trocken. Gleich kommt eine Kreuzung, da musst du rechst abbiegen.“ „Jetzt sehe ich was du in deinem Dossier geschrieben hast. Hannes, ich habe in meinem Beruf noch nie ein solch menschliches Dossier gelesen! Wenn ich dir sage, dass ich Tränen in den Augen hatte – ist es nicht gelogen!“ Melanie nickte ihm von der Rückbank zu „Es stimmt! Ich hatte es auch gelesen, daher wollte ich dich auch unbedingt kennenlernen. Das dau eh Pälzer bescht macht dich noch sympathischer.“

Links am Feld stand ein 214er Caterpillar Mobilbagger. Asger war schon weit gekommen, in der Zeit wo Hannes in Europa war.
Den Berg hoch kam links und rechts der Wald. Ein 225er Kettenbagger und 926er Radlader standen rechst der Piste am Graben, dieser Bauabschnitt mit der Wasserleitung würde bald fertig sein.
„Hier steht mein Bagger“ sagte Hannes. „Habt ihr eigene Baumaschinen? Ich wüsste keine Hilfsorganisation die so etwas hat.“ „Ja., haben wir. Sogar richtige. Wir haben in Kambodscha siebzig eigene Baumaschinen und zehn Lkw. Kein Firlefanz – richtige Baumaschinen von Caterpillar und Lkw aus Schweden. In Westafrika haben wir fast die gleiche Anzahl an Maschinen und Lkw. Coady, wir hatten 1990 mit Schrott von Unternehmer aus Kambodscha angefangen und es ging nichts voran. Dauernd war etwas anderes kaputt. Planen konnte man gar nichts. Die Leute waren kaum motiviert und alles ging nur sehr schleppend voran. Dann sagte mein Chef, ich soll Bagger kaufen gehen. Für fast eineinhalb Millionen Dollar kaufte ich ein Dutzend Bagger bei Caterpillar in Thailand. Wir haben die größten Mobilbagger von Caterpillar und bei den Kettenbagger ist die nächste Größe der 245er mit 60 Tonnen Einsatzgewicht. Mit Spielzeug brauchst du in den Bergen kein Graben zu ziehen oder Fundamente baggern.“

Hannes sah schon die ersten Reisebusse im Ort stehen. „Links kommt gleich der „Europa Platz“, fahr bitte die nächste Straße links hinein. Wir stellen das Auto bei Sangkhum ab.“
Nach der Abbiegung standen noch drei Busse auf der Straße Richtung Khsaetr. Diese Feier würde wohl alles bis jetzt dagewesene in den Schatten stellen. Der Wagen von Frau Lefévre stand schon an der Weide.
„Stell dich neben das Auto von Patricia.“

Hannes stieg aus dem Wagen und ging gleich in Richtung der Weide. Einmal rief er den Namen von Sangkhum, da kam sie auch schon aus dem Stall.
„Süße, dein Fell sieht aus! Es wird Zeit, dass ich mich wieder um dich kümmere. Du konntest ja nicht mit ins Flugzeug. Ich hätte dir gerne Paris gezeigt.“
Hannes drehte sich leicht nach rechts und sah in vier fragende Gesichter.
„Die Bank weiß nicht alles von mir. Darf ich euch meine Kuh Sangkhum vorstellen.“ Hannes öffnete das Gatter zur Weide und Sangkhum kam sofort auf ihn zu. Er knuddelte das Rind und gab ihr einen Kuss auf ihre Blesse.
„Komm, meine Maus, wir gehen spazieren.“

Gemeinsam ging die Gruppe zum „Europa Platz“ und immer noch standen die Münder offen. Hannes erzählte von Sangkhum und knuddelte sie immer wieder.
Auf dem „Europa Platz“ waren bestimmt schon 200 Personen die fast alle Hannes grüßten. Einige konnten ihn gar nicht kennen, da er nicht an jedem Bauabschnitt war oder sein konnte. Mit Sangkhum im Gefolge war Hannes auf einen Schlag bekannt.

Rechts vor der Schule war eine Bühne aufgebaut, auf der eine Band den Soundcheck machte. Links neben der Schule stand das große Zelt von UNICEF, dann kam ein Zelt vom Militär in dem schon Vorbereitungen für das Essen gemacht wurden. Dann drei Grills auf denen sich zwei Schweine und ein Ochse drehten. Zwei Feldküchen vom Militär waren im Einsatz und standen schräg vor den Grills. Zwei Dutzend Leute waren an und um diesen Platz beschäftigt.

Weiter nach links kam das Toilettenhaus und von dort Richtung Schule stand nochmal ein Militärzelt in dem eine Cocktailbar aufgebaut war!

Durch die riesige Plane über dem „Europa Platz“ hatte der nun leicht einsetzende Regen eine sehr angenehme Frische um diese Uhrzeit. Überall standen Tische in kleinen Gruppen auf dem Platz.
Weit über 400 Meter bunte und weiße Lampen säumten den ganzen Platz in 4 Meter Höhe. Es sah aus wie auf einem Überdachten Kirmesplatz. Es fehlte nur noch die Schießbude und der Zuckerwatten-Stand.
Frauen, Männer und auch Kinder aus dem Ort bedienten die Gäste mit Getränken.

„Leute, hier auf diesem Platz sind unsere Wurzeln! Hier begann der kleine Hannes seinen Traum zu leben.“
Melanie war hin und weg von diesem Platz und dem ganzen gewusel an Menschen „Lefévre School?“ Kam es ehrfurchtsvoll von Melanie.
„Ja. Die erste Schule nach dem Genozid der Roten Khmer in diesem Gebiet. Der Hochbauer baute uns zu Weihnachten 1990 die Schule, als Geschenk mit dem Namen von Patricia.“
Coady sah fassungslos zu Hannes.
„Die Bank weiß wirklich nicht alles! Hannes – warum hast du dies nie gesagt?“
Hannes zog die Schultern hoch. „Kommt, ich zeige euch das Wasserrad und die Mittelalterliche Hightech Pumpe.“
Coady biss sich auf die Lippen und Hannes knuffte ihn grinste gegen den Oberarm.

An dem Wasserrad war noch ein Aggregat angeschlossen, dass offensichtlich den Strom für all die Technik und Licht gab.
„Unglaublich! Was ich hier sehe ist unglaublich! Wie weit schafft das Wasserrad das Wasser zu pumpen?“ „12 Kilometer in der Ebene – ohne Getriebe! Die Leistung von dem Wasserrad ist gigantisch. Ich konnte damals das Newtonmeter nicht errechnen, hätte ich dies machen können, wäre eine noch größere Pumpe im Einsatz. Trotzdem haben wir auf der kompletten Strecke einen respektablen Wasserdruck. Ludgar, der Ingenieur von der Pumpenfirma in Deutschland, konnte nicht glauben, dass wir diesen Druck ohne das eingebaute Getriebe schafften. Heute versorgen zwei Wasserräder und zwei Baugleiche Pumpen dieses ganze Gebiet – mit den drei Siedlungen auf den Bergen mit Wasser. Über eineinhalb Tausend Menschen haben durch diese zwei Räder fließendes Wasser und natürlich auch Abwasser in ihren Häuser!“ „Zum tausendsten Mal, Entschuldige ich mich bei dir“
Coady klopfte Hannes auf die rechte Schulter.
„War jetzt schon zweimal mehr. Coady, es ist vorbei und vergessen. Du siehst für was ODHI steht und was wir in der Lage sind zu schaffen. Ohne zu übertreiben behaupte ich, wir haben die besten Mitarbeiter auf dieser Welt! Egal ob Baggerfahrer, Hilfsarbeiter, Teamleiter oder Ingenieure. Nur habe ich für deine drei Sorgenprojekte noch keine Mitarbeiter.“

Cees und Luan kamen auf die Gruppe zu und stellten sich vor. Luan hatte zwei Schaufeln in der Hand.
„Ich gehe davon aus, Sie sind der Mann von der Weltbank.“ Coady nickte, Cees und Luan grinsten breit. Irgend etwas hatten die beide im Schilde. Luan reichte Coady und Hannes jeweils eine Schaufel.
„Dann begrabt euer Kriegsbeil.“
Hannes legte den Kopf schief und sah beide an.
„Keine Angst Chef, dass Beil haben wir natürlich auch.“
Hannes sah zu Coady und schüttelte den Kopf.
„Ich revidierte meine Meinung über meine Mitarbeiter. Sie sind auch ganz schön Durchgeknallt.“

Unter großem Applaus von der kleinen Gruppe gruben Coady und Hannes ein Loch in der Nähe vom Wasserrad aus. „Tiefer!“ Hannes nahm Tief Luft, schaute Luan böse an und schaufelte noch 30 Zentimeter tiefer. Bei fast einem Meter meinte Cees, dass dies nun doch eine respektable Tiefe wäre um ein Kriegsbeil Würdevoll zu begraben.

Bei so vielen Menschen auf dem Platz brachte Hannes Sangkhum zurück zur Weide. Coady ging mit ihnen.
„Ich hatte den richtigen Eindruck von dir! Hannes, wenn du die drei Projekte haben willst – sag es!“ „Mach mal langsam. Lass Chenda erst einmal dort hinfahren und alles dokumentieren. Ich habe keine Leute! Bagger kaufen ist kein Problem – Mitarbeit zu bekommen schon. Lass mich später mit den Teamleiter reden, du kannst auch gerne dabei sein. Nun ist es ja sicher das ODHI die Projekte bekommt. Noch etwas zu den Pumpen in den Bauabschnitten. Sie sind viel zu klein. Hätten die zwei Organisationen sich das Geld der Differenz zwischen Bestellung und Abrechnung eingesteckt wäre es wohl kaum jemand aufgefallen. Wenn am Ende kaum Wasser aus den Leitungen gekommen wäre, hätte man ewig nach dem Fehler gesucht. Erst die Anzahl der Pumpen brachte euch doch auf den Plan – richtig?“ „Ja. Richtig. Wie kommst du darauf, dass die Pumpen zu klein sind?“ „Ludgar Möller, der Ingenieur in Deutschland, ist ein cooler Typ. Er baute uns die Pumpen für das Wasserrad- was auch für diese Firma einmalig war. Da ich durch andere Bauprojekte öfter bei ihm in Deutschland war, kenne ich die Typenbezeichnungen. Unser Wasserrad schafft viermal mehr Leistung!“

Im Stall bürstete Hannes noch schnell das Fell von Sangkhum. Natürlich war auch Sraleanh sofort bei ihm und wollte auch gebürstet werden. Nun erzählt Hannes wie er zu diesen zwei Kühen kam und das Sraleanh jetzt Clodette Léglise gehörte. Coady folgte dieser Geschichte, als ob Hannes soeben die Relativitätstheorie neu entdeckte.
„Ja Coady, ich habe nicht umsonst den Namen Borsa mneak del mean ko.“
Coady lachte laut auf. „Der Mann mit der Kuh. Du bist schon ein cooler Typ!“

Zurück auf dem „Europa Platz“ konnte Hannes nun auch Coady die Schule zeigen. Im ersten Klassenraum war Patricia in ihrem Element – sie lernte noch mit einigen Kinder. Melanie saß im Raum und war von Patricia völlig in den Bann gezogen. Stacey filmte in der Klasse. Adelina und Leatitia kamen auf ihn zu und umarmten ihn. Hannes stellte die Lehrerinnen dem Büroleiter der Weltbank vor.

„Na, mein Freund, wieder in der Heimat?“ Reto stand neben ihm und nahm ihn in die Arme.
„Reto! Schön dich zu sehen. Darf ich dir Coady Levis, Leiter der Weltbank in Kambodscha vorstellen. Wir haben später noch eine Besprechung, ich hätte dich gerne dabei. Noch sind nicht alle Teamleiter da.“
Reto nickte anerkennend zu Hannes und Coady. „Der kleine Hannes und die Weltbank. Hallo Herr Levis, Dr. Reto Lamesch. Reto ist ausreichend.“
„Coady. Hallo Reto.“ „Unser kleiner Hannes hat sich ganz schön gemausert. Coady, ich habe vor ihm den allergrößten Respekt!“ Reto wuschelte die Haare von Hannes und erzählte von ihrer Freundschaft.

Hannes ging zu den Teamleiter, die er auf dem Platz sah und sagte ihnen, dass er heute noch eine Besprechung ansetzen möchte.
Asger war nirgends zu sehen. Er, der den kürzesten Weg hatte war nicht da. Hannes ahnte nichts Gutes. Am Eingang zum
„Europa Platz“ hielten noch drei weitere Reisebusse. Er sah Thore, Matteo, Martin und Rasmus. Diese Teams kamen von Samraong, ganz im Norden von Kambodscha und hatten gute 600 Kilometer Fahrt hinter sich.

Um 13.20 Uhr kamen nochmals Busse. Es waren die Teams von Arjen, Arthur, Gues und Morten aus Battambang, Poipet und Udong.
Levi und Clodette kamen mit Hattie und Laureen.
So langsam waren alle da. Asger und Dhani fehlten. Bedenklich! Hannes nahm sein Mobiltelefon und wählte die Nummer von Asger. Das Telefon war ausgeschaltet. Er wählte die Nummer von Dhani. Freizeichen. Sehr gut! Minutenlang hörte er nur ein Tuten. Doch nicht gut. Er ging zu Kannitha, schließlich war ihr Haus direkt am „Europa Platz“. Wie hatte sich diese Bude in ein schönes kleines Haus verwandelt. Dhani hatte für sie beide ein schönes ordentliches Haus gebaut.
„Hallo Kannitha, kannst du mir sagen wo Dhani ist?“ „Äh, der kommt gleich.“ „Okay, sitzt bestimmt noch in der Badewanne, heute ist ja Samstag.“ „Hä?“ „Alles gut! Er kommt ja gleich.“
Kannitha wusste etwas und sagte es nicht. Bedenklich! Zwei Verrückte aus seinem Team konnte er schon mal ausschließen, die hatten schließlich schon ihren Spaß gehabt.

Asger und Dhani kamen mit Mareile und Nolan in ihren Pickup’s vorgefahren und schleppten riesige Kisten in das UNICEF Zelt.
„Schön, dass ihr da seid, ich müsste eine Besprechung mit allen Teamleiter machen.“ „Hallo Chef, wäre noch eine halbe Stunde Zeit?“ Hannes nickte Asger zu.

Auf der Bühne sprach Hannes ins Mikrofon und bat alle Teamleiter, Chenda, Chris, Coady und Reto in 30 Minuten in den zweiten Klassenraum zu kommen.

An die Tafel schrieb Hannes die Punke, die später angesprochen wurden. Chenda kam in die Klasse und schaute etwas besorgt. „Was quält dich?“ „Es scheint offensichtlich zu sein, dass wir die Projekte weiterführen.“ „Ja. ODHI hat in einem Stall am 10. Breitengrad das Go bekommen.“ „Kann ich dafür überhaupt die Projektleitung machen? Ich bin doch noch so jung.“ „Dein Alter spielt keine Rolle. Mir wurde im gleichen Alter die Gesamtleistung übertragen. Du bist nicht alleine! Ich sorge dafür, dass du die besten Männer bekommst. Du wirst Teamarbeit auf dem höchsten Level erleben!“

Langsam füllte sich der Klassenraum mit den Teamleiter. Reto stand neben Hannes an der Tafel. „Kampot und Takeo? Ein neues Projekt?“ „Bei einem Projekt wäre ich Entspannter, ein großer Berg Problem
steht vor mir. Reto, es beginnt von vorne! Ich erklärte es gleich.“

Um 14.15 Uhr waren alle gewünschten Personen in dem Klassenzimmer eingetroffen.
„Herzlich willkommen zu einem sehr spontanen Meeting. Die letzten Wochen waren für mich und ODHI sehr turbulent –  dazu aber später mehr. Nun geht es um einen Notfallplan für die Provinzen Kampot und Takeo. Chenda Sompheap wird die Projektleitung für etwas übernehmen, dass keiner hier in dem Raum bis jetzt kennt. ODHI bekam von der Weltbank das Go Wasser- und Hochbau-Projekte in und um Angkor Chey, Damnak Chang’aeur und Kampong Trach zu übernehmen. Übernehmen deshalb, weil es bei diesen Projekten um Betrugsfälle von weit über eine Million Dollar geht! Ab Montag wird Chenda Sompheap für eineinhalb Wochen alles nur Erdenkliche vor Ort Dokumentieren und Recherchieren was für diesen Notfallplan erforderlich ist. Sobald wir in einem kleinen Team alles Ausgewertet haben, legen wir los. Viele heutige Teamleiter kennen die Situation vor der wir 1990 in und um Kampang Rou standen. Eure Erfahrungen sind- und werden in den zwei Provinzen gebraucht. Schnell, Zuverlässig und Zielführend!
Bis jetzt werden nur die zwei Organisationen und ein Subunternehmer getauscht und durch ODHI ersetzt. Alle bestehende Verträge der beiden Organisationen werden Zeitnah und per sofort gekündigt und durch ODHI ersetzt werden. Wenn noch Projektleiter ausgetauscht werden müssen, habe ich ein Problem! Daher ist nun meine Frage an euch, wer aus euren Teams kann und wird Chenda unterstützen? Wenn ihr Mitarbeiter habt, die Bagger fahren, Abwasserleitungen verlegen können oder auch als Vorarbeiter und Teamleiter brauchbar sind, gebt uns im Büro bescheid. Nach jetzigem Stand ist ein Start in den drei Ortschaften zu Beginn vom August vorgesehen. Durch Aussage von Chenda sieht es mit Müll, Fäkalien und Krankheiten in diesem Gebiet genau so aus wie einst hier. Ich werde mich wieder um Militärische Unterstützung bemühen. Sobald wir bessere Aufklärung über den Gesundheitszustand der Menschen vor Ort haben, möchte ich schnellstmöglich ein oder zwei Ärzteteams von der WHO in diesem Gebiet haben – Reto, dies geht an dich. Ich kann mich bei diesen Projekten wenig einbringen, weil ich mit einem anderen Team hier in der Provinz Svay Rieng ein noch nie dagewesenes Projekt in Kambodscha starten werde. Habt ihr bis hierhin Fragen?“

Arjen meldete sich zu Wort. „Wie sieht es mit Baumaschinen auf den Baustellen aus?“ „Ich weiß von Caterpillar Thailand, dass dort fünf 215er Kettenbagger im Einsatz sind. Baujahr ist 1991.“ „Gut. Wenn dort überwiegend nur Schrott steht?“ „Sind in zwei Tagen Fabrikneue Bagger auf den Baustellen. Diese Zusage habe ich schriftlich von Natthathida Aningaen, der Verkäuferin von Caterpillar in Rayong bekommen. Durch unsere zwei eigene Sattelzüge können wir ohne Probleme 225er Kettenbagger von Rayong aus selbst transportieren. Ich werde auch vier eigene Lkw brauchen, zwei für mein Projekt und zwei für Chenda. Kümmert euch um Subunternehmer, wenn ihr auf euren Baustellen Lkw braucht. Bagger bekommen wir schneller geliefert, als die Lkw aus Schweden.“ „Wie lang sind die Hauptwasserleitungen?“ „Die Länge ist noch nicht ganz klar, da wir überhaupt nicht wissen ob die Bauprotokolle stimmen. Nach den Karten gehe ich von circa 200 Kilometer Hauptleitung aus. Die zwei Provinzen sind zum Glück nicht all zu groß.“
Rasmus Nyström meldete sich. „Wie ist es mit dem Hochbau?“ „Die Leitung hat Fiede Verhoeven übernommen. Was an Hochbauer gebraucht wird wissen wir noch nicht. Es wäre schön, wenn die Hochbauer aus jedem Team einen oder zwei Mann bereitstellen könnten. Bis jetzt wissen wir, dass alle zwölf gelieferten Pumpen viel zu klein sind. Ob wir tauschen können für andere Standorte und wie groß die Pumpenhäuser sind, wissen wir auch noch nicht. Wichtig und vorrangig wird die Entsorgung von Müll und Fäkalien in den Ortschaften sein, daher auch die eigenen Lkw. Wir haben gute Erfahrungen mit einem zentralen Platz in Kampang Rou und Kor An Doeuk gemacht und werden auch in diesen zwei Provinzen gleiches Aufbauen, genauso mit Müll- und Klärgruben. All unser Wissen von vor dreieinhalb Jahren können und werden wir schnell und effizient einsetzen um das zu tun was wir alle wollen: Menschen helfen. Ich danke euch.“
Asger meldete sich zu Wort. „Chef, ich gehe mit Chenda. Ich bin von Anfang an dabei und helfe ihr die Infrastruktur aufzubauen.“ „Das ist lieb von dir. Asger, du hast hier noch genügend Arbeit.“ „Du bist doch wieder da.“ „Richtig. Nur plane ich ein Projekt, bei dem ich nicht sagen kann wie es wird. Eine Million Dollar habe ich für eine Bauzeit von einem Jahr veranschlagt, die Hälfte an Geld ist schon da. Ein Geologe aus Frankreich kommt mir helfen. Cees, Kosal und Nolan sind bereits im Team. Von dir bräuchte ich noch Hilfsarbeiter für die Vermessungen.“ „Was ist das für ein Projekt?“ „Trockenfeldanbau.“

Sehr viele fragende Blicke in dem Raum. Coady kam nach vorne und stellte dieses Projekt anhand des Dossiers von Hannes vor. Seine eigene Worte vom Büroleiter der Weltbank zu hören, war ein Maßstab den Hannes so gar nicht kannte. Coady sprach über dieses Projekt mit einem Herzblut, als ob er dieses selbst geplant hatte.
„Da war ich wohl zu schnell mit meiner Entscheidung.“ „Asger, noch ist nichts entschieden. Auch du kannst dich nicht teilen. Ich möchte, dass Chenda die volle und absolute Unterstützung von ODHI erfährt, wer nun mit ihr geht müssen wir nicht über das Knie brechen. Ich sagte Coady schon, dass wir zur Zeit keine Mitarbeiter abstellen können. Ich bin mir aber guter Dinge, dass ihr eine Lösung findet.“
Hudson Rhys stand auf. „Ich gehe mit Chenda. Hannes, es wäre mir eine große Ehre die Infrastruktur dort aufzubauen. Nun habe ich die Chance dir zu zeigen, was ich in all den Jahren bei dir gelernt habe.“
Hannes sah diesen großen schmalen Mann mit seinen Tattoos und mittlerweile 6 Millimeter langen Haaren an. Er wusste nicht was er diesem mehrfach Vorbestraften Engländer sagen konnte. „Hudson, du musst mir nichts beweisen! Du hast selbst bewiesen, dass du dich ändern kannst und dies auch sehr erfolgreich getan hast. Herzlich willkommen im Team von Chenda. Sind sonst noch Fragen?“
Schweigen oder Kopfschütteln bei den Anwesenden im Saal. „Gut. Dann ist dieses Meeting beendet. Ich danke für eure Unterstützung. Später werde ich an alle Mitarbeiter noch etwas sagen.“

Adelina stand in der Tür und winkte Hannes zu. „Deine Frau möchte, dass du zu ihr kommst.“
Er folgte Adelina in die kleine Krankenstation, dort waren Leatitia und Hattie dabei Patricia zu schminken und ihr die Haare zu frisieren. Patricia hatte ihr rotes Chanel Minikleid an.
„Ma Chérie, es wird Zeit für andere Kleider, wir haben heute noch etwas vor.“ „Ja, da war doch was. Muss ich mich dafür extra umziehen?“
Wenn Blicke töten könnten, wäre Patricia am 3. Juli 93 Witwe geworden.

In dem Smoking fühlte er sich wie ein Aufgeplusterter Pfau. Was tat er nicht alles um des Ehefriedens.
Natürlich musste Adelina, Leatitia und Hattie an ihm herum ziehen und zoppeln – aus diesem Grund hasste er diesen Anzug. Smoking! Warum nicht einfach Jeans und ein Baumwoll Hemd? Nein ein Ozeanblauer Smoking musste es sein. Wobei Wasser gar keine Farbe hat! Die Lichtstrahlen der Sonne legen eine weite Strecke zurück und durch das feuchte Element werden diesen dann immer mehr grüne und rote Lichtanteile absorbiert. Die blaue Farbe aus dem Spektrum des Lichtstrahls wird hingegen reflektiert, also vom Wasser sozusagen zurückgeworfen. Nun eine Diskussion über Ozeanblau zu führen käme einem Selbstmord gleich.

Patricia sah in ihrem Kleid und dem roten Hut wie ein Engel aus – er wie ein Pinguin. Auch diese Gedanken behielt er für sich.

Gemeinsam gingen sie Hand in Hand aus der kleinen Krankenstation durch den Flur der Lefévre School rechts zum Ausgang. Die Leute die sie sahen verstummten und senkten ehrfurchtsvoll die Köpfe.

Vier Stufen waren es auf die Bühne vom „Europa Platz.“ „Hast du die Briefe, Ehrennadeln und Urkunden?“ Fragte Patricia leise. „Natürlich! Liegen in einer Kiste am Schlagzeug.“
Hannes nahm die fünf Urkunden vom Französischen Außenministerium aus der kleinen Kiste und stellte sich links neben Patricia ans Mikrofon.

Ohne etwas zu sagen, wurde es auf dem Platz sehr schnell still. Hannes schätzte die Zuschauer auf weit über 400 Personen. Patricia nahm tief Luft und im gleichen Augenblick kamen ihr die Tränen.
Alle warteten auf ihre Worte.
„Liebe Freunde aus so vielen Nationen, wir beide haben euch etwas mitzuteilen. Anfangen möchte ich mit einem sehr großen Dankeschön an mein Lehrerteam. Euch haben viele Kinder in dieser Region zu danken, dass deren Zukunft eine bessere werden kann. In Paris wurde mir der Ordre national du Mérite verliehen. Ein Orden an dem ihr beteiligt seid. Im Außenministerium wurde mir zugehört was ich über euch erzählte. Adelina Tabari, als junge und engagierte Lehrerin in Deutschland hattest du es wegen deinem Glauben schwer einen Job zu finden. Was du mir und Hannes vor dreieinhalb Jahren über deinen erlebten Rassismus erzähltest – tat uns im Herzen weh! Als junge Muslima von einer toleranten und eigentlich weltoffenen Gesellschaft wegen einem Hijab ausgegrenzt, wolltest und konntest du diesem Druck nicht mehr aushalten. In Kambodscha hat sich in drei Jahren niemand an deinem Glauben, Aussehen oder Kleidung gestört! Mit Stolz überreiche ich dir stellvertretend vom Französischen Präsidenten, François Mitterrand, die Ehrennadel und Urkunde für besondere Verdienste deiner Unterstützung im Aufbau der Schulen in der Region Kampang Rou. Adelina komm bitte auf die Bühne.“
Adelina weinte, seit Patricia ihr die Laudatio hielt. Patricia steckte ihr unter Tränen die goldene Ehrennadel an. Großer Applaus von über 400 Menschen ging an Adelina Tabari.

„Clodette Léglise, im Namen des Französischen Präsidenten überreiche ich auch dir die goldene Ehrennadel. Was du in  Jahren an Mobbing erlebt hast, können wir uns gar nicht vorstellen. Um so mehr freut mich deine unglaubliche Veränderung in den letzten drei Jahren. Mobbing kann Menschen zerstören! Freundschaft, Vertrauen und Teamwork können Menschen aufbauen. Natürlich auch die Liebe von Sraleanh zu dir. Clodette Léglise, bitte komm auf die Bühne.“
Clodette weinte und war kaum in der Lage alleine zu gehen. Levi kam mit ihr Arm in Arm auf die Bühne. Auch hier war wieder großer Beifall. „Clodette Léglise, dieser Applaus ist für dich. Für deinen Mut und Liebe in deinem Herzen.“

Patricia machte eine Pause bevor sie weiter sprach. „Levi Flacks – wenige kennen deinen Lebenslauf. Ich habe noch die Worte von meinem Mann im Ohr, als ihr beide euch das erste Mal unterhalten hattet. Levi, im Namen des Französischen Präsidenten überreiche ich auch dir die goldene Ehrennadel für deine Arbeit an der Schule und an einer neuen Bildungspolitik in Kambodscha. Levi, die Arbeit mit dir im Ministerium macht mir unglaublich viel Spaß. Du bist ein wunderbarer Kollege und Freund. Mit Stolz überreiche ich auch dir die Ehrennadel von Frankreich.“

Immer mehr Leute erhoben sich von ihren Plätzen und klatschen minutenlang.
„Leatitia de Perrin, auch dir möchte ich meinen Dank aussprechen. Unermüdlich hast du Khmer gelernt um dein Wissen an Kinder schnellstmöglich weiterzugeben. Du hast das ganze Team mitgezogen und immer wieder neue Ideen eingebracht. Dein erster Schultag als Lehrerin am 10. Breitengrad war am 28. Mai 1990 in einem Militärzelt in Khsaetr. An diesem Tag kam mein Mann zu mir nach Thmei und hatte Tränen in den Augen. An diesem Tag wurde mit Hilfe von Frankreich der Grundstein für zwei Schulen in der Region Kampang Rou gelegt. Im Namen des Französischen Präsidenten, François Mitterrand, überreiche ich dir die goldene Ehrennadel für deinen Einsatz an Kinder. Leatitia de Perrin, bitte komm auch du zu uns auf die Bühne.“
Auf dem Weg zur Bühne wurde Leatitia von Kinder aus ihrer Klasse umarmt.
Mittlerweile standen alle Kinder aus den Schulen vor der Bühne und jubelten ihren Lehrer zu.
„Leatitia ich bin stolz deine Freundin sein zu können. Herzlichen Glückwunsch Liebes.“

Patricia ging einen Schritt nach rechts um das Mikrofon an Hannes zu übergeben. Der Applaus wollte gar nicht Enden.

„Freunde, Mitarbeiter…“ Immer noch wurde geklatscht. Hannes trat einen Schritt vom Mikrofon zurück. Nach Minutenlangem Beifall versuchte er einen nächsten Versuch.
„Freunde, Mitarbeiter von ODHI….“ er sah ratlos zu Patricia, denn es wurde immer noch geklatscht. Hannes hob die Hände hoch.
„Freunde! Bitte. Bitte lasst mich auch noch etwas sagen.“
Der Applaus wurde weniger. Nach einer halben Minute fing er nochmal an zu reden. „Freunde, Mitarbeiter von ODHI, auch ich möchte mich an dieser Stelle bedanken. Danke, an alle Mitarbeiter für euren Einsatz an Menschen. Danke für euer Vertrauen in mich. Mit Stolz kann ich euch mitteilen, dass wir als private Hilfsorganisation mit dem Ordre national du Mérite für besondere Verdienste im Zivilen und in der Humanität ausgezeichnet wurden! Leider habe ich vom Französischen Präsidenten nicht so viele Ehrennadeln und Urkunden bekommen, wie meine Frau. Daher hat sich die Direktion entschieden, jedem Teamleiter eine kleine Anerkennung in Form von zweieinhalbtausend France zu überweisen. Selbstverständlich wird auch ein Bonus an alle kambodschanische Mitarbeiter überwiesen. Ihr bekommen die hälfte von eurem Monatslohn als Sonderzahlung auf euer Konto. Heute Morgen wurde von der National Bank of Cambodia alle Überweisungen ausgeführt.“

Großer Applaus auf dem Platz.
„Wenn ich könnte, würde ich jedem von euch diesen Orden verleihen. Ich sehe dahinter Kosal sitzen. Kosal Thehary, du hast mit einem Uralten Bagger versucht deine Arbeit Gewissenhaft zu machen, du konntest es nur so gut, wie die Maschine es erlaubte. Mit einem neuen Bagger habe ich einen Mann bei seiner Arbeit beobachtet und war oft sprachlos! Dein Teppichboden und Girlanden im Bagger sind recht Einmalig, du achtest auf deinen Bagger besser als auf deine Frau!“
Großes Gelächter auf dem Platz. „Die Arbeit mit dir ist sehr angenehm und immer wieder erfrischend. Rechts versteckt sehe ich Nhean Boodguhy sitzen. Einst beim Militär nur einer von vielen Soldaten. In Kampang Rou zeigte Nhean sein Können mit Baumaschinen. Nhean war damals der erste Baggerfahrer für den 225er Caterpillar. Chankrisna Komphat auch dich sehe ich. Deine damalige Arbeit mit dem Grader brachte eine neue Ära der Infrastruktur in dieses Gebiet. Ich weiß noch sehr genau, wie ängstlich du am Anfang warst. Heute gibt es keine Baumaschine die du nicht bedienen kannst! Ich sehe Nolan Desmet hier vorne. Auch dir gebührt mein Dank. Ich lernte dich als einen Menschen mit gebrochenen Rückgrat kennen, heute bist du Teamleiter im Samraong. Ich sehe Dr. Reto Lamesch, Dr. Liun Schneider und Mareile Iten. Euch haben hunderte Menschen zu danken! Euer Einsatz an Menschen ist beispiellos und gebührt die allergrößte Hochachtung!“ Alle Leute auf dem Platz erhoben sich und klatschen Minutenlang.
Hannes verbeugte sich mehrmals vor diesem Ärzteteam. „Danken möchte ich Cees de Groot und Luan Bernasconi für ihre Ideen und Mut auch mal neue Wege zu gehen, auch wenn ich durch euch die ein oder andere schlaflose Nacht hatte. Asger, der Seebär. Unser Start war nicht gerade freundlich. Heute habe ich einen Mann an meiner Seite, dem ich blind vertrauen kann. Ihr alle habt bewiesen, was Freundschaft, Teamgeist und Menschlichkeit bewegen kann! Durch euch alle wurde ODHI zu einer der größten privaten Hilfsorganisationen in Europa und die Nummer Eins in Kambodscha – und wir werden weiter wachsen! Chenda Sompheap ist die neue Projektleiterin in den Provinzen Kampot und Takeo. ODHI hat in diesen zwei Porvinzen neue Projekte bekommen. Leider fehlen noch gute Mitarbeiter für diese Bauprojekte, eure Teamleiter werden es euch genau erklären.“
Bei diesen Worte von Hannes wurde der Applaus noch lauter, als zuvor.
„Bitte lasst mich nun zum Schluss kommen. Ihr alle habt in den letzten Jahren an meinen Traum geglaubt, der rechts von dieser Bühne steht. Die erste Schule nach dem Genozid der Roten Khmer bekam durch Dhani Mathieu eine Form. Dhani Mathieu, im Namen des Französischen Präsidenten möchte ich dir die goldene Ehrennadel für den Bau von Schulen in Kambodscha überreichen. Dhani, komm bitte auf die Bühne. Der Applaus gilt dir.“
Dhani kam mit Tränen in den Augen auf die Bühne und umarmte Hannes. „Ich danke dir mein Freund! Hannes, ich danke dir für alles!“
Hannes wischte sich die Tränen weg. „Dhani Mathieu, mit meinem allergrößten Respekt für deine Arbeit, Leistung und Engagement überreiche ich dir diese Urkunde und goldene Ehrennadel.“
Minutenlang wurde den Ausgezeichneten Personen zugeklatscht.

Asger kam auf die Bühne, reichte jedem die Hand und verbeugte sich vor jedem. Er ging zum Mikrofon. „Bei all den Auszeichnungen die heute verliehen wurden, möchte ich trotzdem erwähnen, dass wir auch zum feiern hier sind. Für alle die es nicht wissen: unser Chef hatte vor drei Wochen in Paris geheiratet.“
Wieder schallte sehr viel und auch lauter Applaus über den Platz.

Die Hochzeitsfeier fand im Zelt von UNICEF statt. Das Innere vom Zelt war mit Orchideen, Palmen und Blumen in unglaublich vielen Farben übersät. Die sonst üblichen Plastiktische und Stühle waren alle mit rotem Stoff bezogen. Das weiße Zelt, der rote Stoff und dieses Meer an Blumen gab dem Auge ein Bild von unglaublicher Noblesse.
An den Wänden hingen Fotos im Format DIN A0 von Patricia und Hannes aus den Zeitschriften von Paris. Dazwischen immer wieder Orchideen, Blumengirlanden, Gestecke oder Palmen.
Eine dreistöckige Hochzeitstorte stand rechts auf einem Tisch der mit Blumen fast vollständig bedeckt war. Frischer angenehmer Duft von Blumen lag im Zelt – so muss es im Paradies riechen, dachte Hannes.

Patricia und Hannes standen am Eingang von dem Zelt und beide fehlten die Worte. Clodette kam auf sie zu. „Kommt herein, dies ist für eure Hochzeit.“ „Danke Liebes, ich habe so etwas schönen noch nicht gesehen! Ihr seid alle so lieb zu uns. Vielen Dank.“

Alle Freunde und engeren Kollegen waren im Zelt. Sie klatschen immer mehr, mit jedem Schritt den beide in dieses Arrangement von Tausenden an Blumen gingen. Mareile zeigte auf die große Hochzeitstorte. „Ihr solltet die Hochzeitstorte anschneiden, bei dieser Temperatur hält der Kuchen nicht all zu lange.“

Hand in Hand schnitten sie die Torte an und beide hatten Tränen in den Augen. Als Tortenheber diente eine Maurerkelle.
Ihr Hochzeitsbuffet in Paris war schon atemberaubend, hier in den Tropischen Wälder von Kambodscha mit ihren Freunden zu feiern stand der Feier von Paris in nichts nach.

Der Kuchen war außerordentlich lecker. Normalerweise kann man in Asien kein Kuchen essen. Die Süße von Torten ist schon ekelhaft. Dagegen schmeckt die gigantisch pappsüße Limonade wie Mineralwasser! Diese Torte hat niemand aus Kambodscha gebacken – soviel war klar.

An dem eigentlichen Brautplatz saß jeder – nur nicht das Brautpaar. Hannes und Patricia waren an jedem Tisch in dem Zelt. Immer wieder kamen Gespräche von und über Paris. Die Story mit dem Bodyguard Ivette war mit Abstand das Highlight an diesem Nachmittag.

Bourey stellte dem Brautpaar seine Frau, Samnang, vor. Samnang war eine kluge und taffe Frau die auch so einiges an Fragen an Patricia und Hannes hatte. Bei so manchen Fragen von ihr sah Hannes zu Bourey. Nun wusste er auch aus welcher Ecke die ein oder andere Idee kam. Bourey wusste was er dachte und zog die Schultern hoch – aber so, dass es seine Frau nicht sah. Hannes grinste und nickte.
Mit Bourey unterhielt sich Hannes sehr lange über die neuen Probleme in Kampot und Takeo. Auch stelle er ihn Coady und Chris vor. In dem mitgebrachten Buch über Trockenfeldanbau konnte Bourey sich nun besser ein Bild von dem machen, was Hannes geplant hatte. Wieder sprach Coady das Dossier von Hannes an und Bourey was sichtlich schwer beeindruckt von dieser Idee.

Hannes stellte Chenda den Offizier Duy vor und bat Rithisak bei den neuen Probleme in den Provinzen Kampot und Takeo sie mit allem zu informieren, um schnellstmöglich eine Infrastruktur aufbauen zu können.

Der Abend war sehr schön. Es wurde getanzt, gelacht und sehr viel gegessen. Die Männer und Frauen die für die Verpflegung für so viele Menschen zuständig waren, gaben ihr Bestes.
Die Band spielte Popmusik oder auch Folklore aus Kambodscha. Bei Englischen Titel haperte es schon mal -sonst waren die vier jungen Männer und zwei Frauen sehr gut.

Hannes war an diesem Abend überall auf dem Platz und in den Zelten unterwegs, er sprach mit Kosal über das neue Projekt und das er ihn als Baggerfahrer bräuchte. Er beobachtet hin und wieder Menschen, die er nun schon über drei Jahre kannte und sah so viele Veränderungen an diesen Menschen. Humanitäre Hilfe kann so klein sein und trotzdem großes bewirken. Immer wieder wurde er auch von den Kinder angesprochen, wo denn Sangkhum sei. Trotz dieser Anzahl von so vielen Menschen auf dem Platz, wusste er immer wo sein Frau war – dort wo ein Pulk an Kinder herum sprang.

Bei Vanilla-Colada oder Kokos-Ananas-Cocktails hatte das Brautpaar in der Cocktailbar sehr angenehme Gespräche mit Freunde und Kollegen. Coady kam den ganzen Abend über nicht mehr aus dem Stauen heraus „Wen du alles kennst, ist unglaublich. Der Major scheint ein guter Mann zu sein.“ „Ist er auch! Ohne ihn wäre ich nicht so weit gekommen. Heute ist durch UNTAC die Lage in diesem Land  etwas besser als noch vor dreieinhalb Jahren. Mit blieb damals nur der Gouverneur oder eben das Militär.“

Hannes erzählte Coady und Chris von dem Wurm Phirun Suoth und die vielen Probleme in all den Jahren.

Weit nach Mitternacht fuhr Patricia mit dem Anhang von Coady, Hattie, Nolan und noch ein paar Autos und Pickup´s nach Svay Rieng ins Hotel. Es wurde im Hotel beschlossen, dass man sich um die Mittagszeit wieder in Kampang Rou treffen möchte. Es war immerhin noch genügend an Essen und Getränken vorhanden.

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