27 Die Grundlage der Agronomie


Die Grundlage der Agronomie
„Das Studium ist etwas komplizierter als ein paar Körner auf den Boden zu werfen.“

Mit Sylvie fuhr er die Piste 334 nach Kampang Rou und zeigte ihr die Felder mit dem Mais. Sylvie nickte und verstand seine Sorgen. An der Kreuzung nach Kampang Rou fuhr Hannes nach rechts zu Bauabschnitt 3 und zeigte ihr dort die Weizenfelder, die links und rechts der Sandpiste lagen.
„Dieses Problem ist in vielen Ländern der Welt so. Daher ist deine Idee mit dem Trockenfeldanbau gar nicht so blöd. In deinem Dossier hast du auf dieses Buch von Professor Luke Greenwich hingewiesen, natürlich habe ich mir dieses Buch besorgt. Oft wird aber nur von kleinen Flächen gesprochen und die Fotos zeigen meinst nur einzelne Olivenbäume.“
„Das ist Richtig. Ich sah in Argentinien und Nigeria aber mehr Parallelen zu Kambodscha als in Spanien oder Italien.“
„Dem stimme ich zu. Wie willst du aber solch große Flächen bearbeiten?“ „Mit Bagger.“ „Schön. Wo nimmst du die her?“ „Wirst du gleich sehen. ODHI hat über 70 eigene Bagger, Radlader und Planierraupen in Kambodscha – an Material fehlt es nicht. Wir hatten 1990 begriffen, dass es ohne eigene Baumaschinen nicht funktioniert. Wir waren zu abhängig von den Unternehmer mit ihrem Schrott. Alles ging zu langsam und überhaupt nichts war planbar. Bei 200 Kilometer Hauptwasserleitung muss ja irgendwie ein Tagesziel erreicht werden können. Oft waren es nur 200 Meter. Mittlerweile sind wir bei zweieinhalb Kilometer in den Ebenen! Da vorne ist ein Bagger von uns. Der Fahrer ist schon in meinem neuen Team.“

Hannes parkte unweit von Kosal und ging mit Sylvie auf den Bagger zu. Er stellte ihm Sylvie vor.
„Tsssss, tsssss, tsssss.“ Kam es von Kosal als er Sylvie mit ihrer atemberaubenden Figur sah. Hannes grinste. „Kosal, Kosal, dass sage ich auf der Weihnachtsfeier deiner Frau! Dann kannst du neben deinem Teppichboden noch ein Bett in deinen Bagger bauen.“
Hannes knuffte Kosal gegen die Schulter.
Kosal zeigte ihm seine Arbeit der letzten Tag und wann er wo mit dem Bagger sein wollte. Er beschwerte sich auch darüber, dass die Männer und Frauen zu langsam beim verlegen der Wasserleitung seien. „Kosal, es ist alles gut! Wir sind voll im Zeitplan. In drei Wochen werden wir diese Arbeiten einstellen und das neue Projekt beginnen. Mach dir bitte Gedanken wo wir den Erdaushub hinfahren können. Geh mal von einer viertel Million Kubikmeter Erde aus.“
Hannes erklärte ihm wie genau er sich dieses Projekt und Arbeit vorstellte. Kosal nickte oft und bat beide mit zu kommen.

Zu dritt gingen sie über brachliegende Felder, die links und rechst der Sandpiste lagen. Kosal hatte an einem Feld schon einen Wall von gut einem Meter Höhe auf der Länge von einem Feld angelegt. Hannes sah zu Sylvie und nickte anerkennend. „Kosal, so ungefähr habe ich es mir vorgestellt. Wir müssen die Felder durch den Wind schützen und gleichzeitig dafür sorgen, dass Wasser in die Felder kommt.“ „Dann ziehe ich einen Graben vor dem Wall.“ „Dafür müssen wir aber das Gelände vermessen. Du siehst mit dem Auge das Gefälle auf dieser Länge nicht genau. Dein Ansatz ist völlig richtig und ich sehe auch du denkst mit.“ „Borsa mneak del mean ko, ich weiß deine Sorge um unser Volk. Du bist ein guter Mensch und ich möchte dich unterstützen.“
Hannes wuschelte die Haare von Kosal. „Was hat er gesagt?“ Hannes sah ganz erstaunt zu Sylvie. „Ich kann kein Khmer. Wenn ich auf deine Frage von heute Morgen nicht genickt hätte, hätte ich wohl auch die volle Dröhnung abbekommen –  sorry.“
Hannes lachte und knuffte Sylvie gegen den Oberarm. „Du gefällst mir. Dein Verhalten zeigt, dass du schnell denken kannst.“
Also wiederholte Hannes das Gespräch mit Kosal.

„Sylvie, dieses Feld von Kosal ist nun der Prototyp für dieses Projekt. Wir können die Wälle nicht höher ziehen, dann werden die Schenkel zu weit und die Flächen kleiner. Nun ist deine Fachkompetenz gefragt, wie wir es schaffen die Felder gleichmäßig zu bewässern. Es macht wohl kaum einen Sinn, wenn eine Seite vom Feld trocken ist und auf der anderen Seite die Frucht im Wasser versinkt. Wir können aber auch nicht alle Felder mit einem Gefälle von einem Prozent anlegen, damit das Wasser quasi von oben über das komplette Feld läuft.“ „Leuchtet mir ein, du kannst ja schlecht ganz Kambodscha begradigen. Wenn wir in Regelmäßigen Abständen Furchen in die Felder ziehen, bekommen die Pflanzen schon ihr Wasser. Der Boden ist ja nicht so Tonhaltig das alles an Leben nicht wachsen kann. Es wächst jetzt ja auch – nur eben viel zu wenig. Die Erträge sind schon sehr bescheiden. Im Norden von Kambodscha ist ein andres Klima und auch andere Vegetation, von daher ist deine Idee in dieser trockenen Provinz absolut richtig.“ „Durch Furchen wird aber die Ackerfläche wieder kleiner.“ „Hannes, ein Furche muss kein Binnenkanal sein! Es reichten wenige Zentimeter. Ein Meter Breit und auch nur zwanzig Zentimeter tief ist ausreichend. Durch das Wasser im Boden können die Pflanzen besser wachsen, der eine Meter fällt bei einem höheren Ertrag doch gar nicht auf.“ „Ein Meter nicht. Aber einen Meter mal hundert Meter schon.“ „Ich muss dir doch mal die Grundlage der Agronomie erklären. Zur Agronomie zählt auch die Biodiversität sowie Nutzungsdynamik von Felder und Pflanzen – was du mit deinem Trockenfeldanbau umsetzen möchtest. Durch die angewandte wissenschaftliche Forschung zielt die Agronomie auch auf den Naturschutz, die agrarische Landnutzung und die Unterstützung von Ökologischen und Nachhaltigen agrarischer Nutzungskonzepte.“ „Aha. Wow! Sorry, wenn ich dir nicht im Ansatz folgen konnte.“ „Ja, dass Studium ist etwas komplizierter als ein paar Körner auf den Boden zu werfen. Es umfasst auch noch die Betriebs- und Volkswirtschaft.“
„Sylvie, wenn du so klug bist, warum kommst du jetzt auf mich? Dieses Trockenfeldanbau Buch ist doch schon älter und auch kein Geheimnis. Ich erfinde auch das Rad nicht neu!“ „Richtig. Nur gibt es niemand auf der Welt, der dieses Projekt so groß aufziehen und umsetzen will! Natürlich machen sich viele kluge Menschen Gedanken, wie man den Hunger auf der Welt beenden kann, du hast deine Gedanken geschrieben und auch sehr gut erläutert! Geh mal davon aus, dass in nächster Zeit noch so einige Agrarwissenschaftler dich besuchen werden. Dein Dossier geht auf der Welt schneller rund, als du dies ahnst!“ „Wow. War nicht beabsichtigt. Ich will den Menschen hier in der Region helfen.“ „Ich weiß. Du schriebst in deinem Dossier auch immer nur von diesem Gebiet und wie du die Lage der Menschen siehst und diese verbessern willst. Dein Dossier macht dich sehr sympathisch! Du schreibt nicht trocken und ausschließlich nur auf Fakten bezogen. Bei dir ließt jeder deine Menschlichkeit.“ „Danke. Dann lass uns nun an die Arbeit gehen, wenn bald schon eine Armee von Agronomen ins Disneyland kommen, muss ich ja etwas vorweisen können. Ich brauche das Nivelliergerät und den Laser hier. Blöd, dass mein Auto in Thailand steht. Ich hoffe Asger hat sein Zeug hier auf der Baustelle.“ „Mit welchem Auto sind wir gefahren?“ „Das von meiner Frau. Ich habe gleiches Modell. Da wir gemeinsam von Thailand hierher gefahren sind und auch wieder gemeinsam zurück fahren werden, macht es wenig Sinn, wenn jeder mit seinem Auto 800 Kilometer von Nakhon Ratchasima nach Svay Rieng fährt.“

Auf der Baustelle von Asger war das Nivelliergerät und auch der Laser in einem Baucontainer, in dem noch so einiges an Werkzeug und kleineren Maschinen stand. Mit einem Stock zeichnete Hannes ein Viereck in den Sand und schaufelte an eine Seite Sand hin – der den Wall von Kosal darstellte, dann gab er den Stock an Sylvie weiter. Sie schaufelte an die gegenüberliegende Seite noch Sand und zog mit dem Stock zwei Bahnen einmal längs durch das Quadrat. „Wind kommt nicht nur von einer Seite.“ „Ja, Frau Diplom-Agraringenieurin. Ich bin nur Baggerfahrer.“
„Quatscht. Du vergleichst nur die Fotos aus dem Buch. In Lanzarote kommt der Wind nur von der Meerseite, hier in der Ebene aus Westen und Osten. Hannes – für das das du keine Agronomie studiert hast, sind deine Gedanken mit den Wällen und Schlangenlinien brillant! Lass uns das eine Feld vermessen und schon mal so anlegen wie wir es eben gezeichnet haben. Okay“? Hannes nickte.

Er bat noch vier Arbeiter und Kosal mit dem Bagger mitzukommen. Das ausgesuchte Feld hatte ein Gefälle von 1,75% auf 486 Meter Länge. Also 8,5 Meter Höhenunterschied. In der Breite von 313 Meter war das Gefälle 0,58%, was einem Höhenunterschied von 1,81 Meter entsprach.
Bei 180 Meter setzte Hannes den ersten Messpunkt an, dann bei 340 Meter den nächsten. Nun wurde die Länge von 486 in einer Linie abgesteckt. Sylvie ging an der Linie vorbei und bei 127 Meter ging sie 5 Meter hoch, bei 254 Meter ging sie 10 Meter runter. Bei 381 Meter wieder 10 Meter hoch und lies die Schnur auf die Linie bei 468 Meter auf der Geraden – also auf Null auslaufen. Hannes bat Aruun, Bajao, Bopha und Odd alle 50 Meter einen Messstab an der Schnur vorbei zu stecken. Nach einer viertelstunde sah die Strecke wie ein Slalomparcours aus.
„Wenn dein Baggerfahrer nun an der Linie vorbei eine Furt gegen das Gelände herstellt, wird das Wasser zurück gehalten.“ „Diese zwei Linien sollen für das ganze Feld ausreichen?“ „Pflanzen sind nicht dumm! Die ziehen Wasser aus der Erde das der Mensch nicht sieht. Ja, diese zwei Furchen reicht völlig aus.“

Was Hannes nun sah und von Sylvie hörte, wusste er schon lange.
„Sylvie,?“„Hmmmm?“ „Ich glaube, ich muss dir etwas zeigen. Ich stehe jetzt auf diesem Feld wie ein dummer Junge neben dir.“
Sie sah Hannes fragend an und wusste nicht was er meinte.
„Ich zeige es dir in Kampang Rou. Nach deiner Fachkenntnis sollen die zwei Linien für einen höheren Ertrag an Weizen, Gerste oder was auch immer ausreichend sein? Wenn mir dieses Projekt nicht gelingt, habe
ich eine Million US-Dollar versenkt! Diese Angst schwebt auch noch über mir. Sylvie, noch habe ich einen positiven Namen in der Branche. Ich kann mir mit diesem Projekt aber auch mein eigenes Grab schaufeln.“
Sylvie nahm seine Hände und sah ihn fest an. „Glaubst du, in der Humanitären Hilfe gibt es nicht auch Fehler? Wir sind alle nur Menschen. Es gibt Organisationen, da wurde und wird noch viel mehr Geld verbrannt! Du gibst dein Bestes, du hoffst auf eine Ertragssteigerung und planst etwas das noch nie einer vor dir in Kambodscha – und schon gar nicht in dieser Größenordnung auf der Welt gemacht hat. Alleine dieser Gedanke bringt dir den größten Respekt ein! Ich bin jetzt da und helfe dir zu deinem Erfolg.“ „Unser! Liebe Sylvie – unser Erfolg. Ich werde einen Pulk an Menschen dabei haben und diese auch immer erwähnen. Mein Erfolg ist nur so gut, wie die Menschen um mich herum. Schau dir Kosal an! Ich lernte ihn vor drei Jahren auf einem Uralten Bagger kennen. Er hatte schmutzige und löchrige Kleider an, heute siehst du einen gepflegten Mann der sich im Vorfeld für dieses Projekt schon einige Gedanken machte. Keine Sekunde bereue ich den per Handschlag geschlossenen Arbeitsvertrag. Die Kambodschaner sind nicht alle dumm und faul! Sie können aber nur so gut arbeiten wie es ihr Material oder Wissen zulässt. In Kampang Rou und Khsaetr wurden in einem Team aus Kambodschaner, einem Niederländer und einem Schweizer; zwei Wasserräder gebaut, die es so nicht wieder auf dieser Welt gibt! Die Leute können und wollen schon etwas tun. Wenn man sie dann noch etwas fördert, wachsen sie über sich hinaus. Du lernst noch einige Kambodschaner aus unserer Firma kennen und wirst diese Menschen lieben lernen. Komm, wir fahren nach Kampang Rou zu meiner Frau.“

Auf dem Weg nach Kampang Rou erzählte Hannes kurz von Chenda und ihrem Auftrag und von Chankrisna und Nhean.
Auf dem „Europa Platz“ zeigte er Sylvie das Wasserrad und die Infrastruktur.
„Wow! Respekt! Davor zieht jeder den Hut vor euch. Ist dies die berühmte Lefévre School?“ Fragte Sylvie als sie den Blick von dem Wasserrad auf das Gebäude auf dem Platz lenkte. „Ja. Dies ist die Schule von meiner Frau. Ich bin auch sehr stolz auf den Hochbauer, der dieses Gebäude plante, organisierte und baute.“
Sylvie sah ihn fragend an und so erzählte er ihr den Lebenslauf von Dhani Mathieu. Sylvie nickte ihm anerkennend.
„Sylvie, vor diesem Mann habe ich den allergrößten Respekt und ziehe meinen Hut! Mit recht hat er den Ordre national du Mérite verdient. Das Haus auf der linken Seite an der Einfahrt hat er auch gebaut. Dort wohnt er und seine Freundin. Dhani ist zur Zeit in der Provinz Oddar Meanchey. In der Ortschaft Chong Kal baut er für Patricia eine weitere Schule auf.“
Sylvie schüttelte immer wieder den Kopf bei dem was Hannes erzählte.
„Nicht ein viertel von dem was ich heute gesehen und gehört habe, ist anderen Organisationen bekannt. Du kannst mit recht Stolz auf diese Mitarbeiter sein.“ „Bin ich und ODHI auch! So Stolz das alle kambodschanischen Mitarbeiter diesen Monat einen halben Monatslohn als Bonus bekommen haben. Bei uns wird auch Sonntags nicht gearbeitet. Am Samstag hatten wir auf diesen Platz ein sehr großes Fest für die Mitarbeiter und nebenbei noch unsere Hochzeit gefeiert. Ich habe jetzt schon geplant, dass am 18. Dezember für dieses Jahr Schluss ist mit der Arbeit. Wir arbeiten weniger Tage und in den heißen Monaten auch nicht in der Mittagszeit – trotzdem arbeiten wir schneller und effizienter, als jede Firma und Organisation in Kambodscha. Unsere positive Personalführung brachte uns in nur drei Jahren an die Spitze.“
Sylvie nickte ihm immer wieder zu. „ODHI hat in der Branche einen hervorragenden Namen. Das kann ich dir sagen. Mit Neid schauen viele nach Reims. Natürlich durch den Ordre national du Mérite noch viel mehr. Vielleicht bekommt „Action contre la Faim“ auch einmal diesen Orden.“ „Sylvie, es ist nur ein Stück Metall und eine Urkunde. Unterstützung wäre mir lieber. Natürlich bin ich dankbar über die Hilfe von Frankreich für die Schulen, die Medizinische Hilfe und auch, dass uns im Außenministerium zugehört wurde. Selbst François Mitterrand nahm sich Zeit nach der Verleihung des Ordens um mit uns zu sprechen. Da war keine Politik oder Gehabe, es waren ernste Fragen, besorge Blicke und Anteilnahme. Er möchte über die Botschaft von Phnom Penh weitere Informationen haben, trotzdem ist es ein einsamer Kampf. Das du nun da bist erleichtert mir vieles.“

Gemeinsam gingen sie in den Klassenraum wo Levi und Patricia den Kindern Geschichte lehrten. Thema war: Angkor. Hannes sagte leise um welches Thema es ging und fragte Sylvie ob sie schon in Angkor gewesen sei. Sylvie verneinte. „Da müssen wir unbedingt hin! Vielleicht fällt uns da noch eine gute Idee ein.“
Hannes erzählte ihr von der größten Stadt der Welt im 10. Jahrhundert und wie Kambodscha damals an Reichtum und Wohlstand wuchs.
„Ich müsste nun aber noch Sangkhum bürsten. Bleibst du hier oder kommst du mit?“ „Ich gehe mit dir.“

Als Hannes auf der Weide nach Sangkhum rief, fing Sylvie laut an zu lachen.
„Jetzt erklärt sich mir einiges. Ich wollte eben nicht fragen.“ „Sangkhum, dies ist Diplom-Agraringenieurin Sylvie Morel. Sie hilft mir, damit du im nächstes Jahr auch etwas mehr Futter bekommst. Oh, Süße – dein Fell sieht aus! Diese Woche wird Madame noch mal richtig geschrubbt!“

Sylvie ging um Sangkhum und streichelte die Blesse, Hals und Rücken. Sie schaute sich ihre Ohren, Zähne und Hufen an. Strich mehrmals an ihren Beinen herunter und drückte unterhalb und oberhalb der Kniegelenke. In diesem Moment war Hannes klar – sie kannte Rinder.
„Ein sehr schönes Brahman Rind! Wunderschön ihr hell- mittelgraues Fell. Super gepflegt und gesund. Ihre Widerristhöhe könnte noch zehn Zentimeter höher sein und auch ihr Gewischt wäre bei 20 Kilo mehr immer noch im Rahmen. Ich schätze sie auf vier Jahre.“ „Sangkhum wurde im Herbst 89 geboren. Ich achte schon sehr auf sie. Du kennst dich mit Rinder aus?“ „Ja. Meine Eltern und meine zwei älteren Brüder bewirtschaften einen Hof mit 200 Rinder. Aubrac, Blonde d’Aquitaine, Charolais, 10 Schottische Hochlandrinder, einigen Schweine, Schafe und was sonst alles zu einem Landwirtschaftlichen Betrieb gehört. Alles Ökologisch! Keine Antibiotika oder Kraftfutter. Kein Stall wo auf wenige Quadratmeter die Rinder eingepfercht sind. Sie vermarkten vieles selbst. Getreide, Mehl, Milch, Eier und auch das Fleisch. Ich gehe mal stark davon aus, dass Sangkhum nicht geschlachtet wird.“ „Niemals! Das habe ich auch schriftlich vereinbart. Ich wollte mal einen Tierarzt aufsuchen, der nach Sangkhum und Sraleanh schaut. Ob es in Kambodscha so etwas über gibt?“
„Was willst du bei einem Tierarzt? Dein Rind ist Kerngesund. Keine Parasiten in den Augen und Ohren. Die Hufen sind sauber und auch sehr gepflegt. Die Zähne sind in Einwandfreien Zustand. Gekalbt hat sie noch nicht?“ „Nein. Ich habe Angst, dass ihr bei der Geburt etwas passiert.“
„Was soll ihr passieren?“ „Weiß nicht. Kalb liegt falsch im Mutterbauch oder was auch immer. Ich hatte noch nie ein Rind.“ „Wie? Das musst du mir nun erklären.“

Mit Sylvie und Sangkhum ging er über die Weide an der Furt vorbei bis oberhalb an die Quelle und erzählte ihr, wie er zu diesem Rind gekommen war. Sangkhum lag links neben ihm im Schatten und hatte ihren schweren Kopf auf seinen Oberschenkel liegen. „Was heißt Sangkhum?“ „Hoffnung. Sraleanh heißt Liebe.“ „Schöne Namen.“ „Hoffnung und Liebe brauchen die Menschen in diesem Land. Sraleanh ist das Rind von Clodette Léglise, es steht am zweiten Baum links neben dem Kalb. Clodette ist Lehrerin im Team von Patricia.“ „Ist Sangkhum oft bei dir?“ „Wenn ich in Kampang Rou bin fast ständig. Wir gehen auch hin und wieder spazieren oder sie schläft auf meinen Beinen.“ „Super! Dein Rind ist so was von Gesund! Es bewegt sich viel, hat einen wunderschönen Stall und viel Platz zum Abliegen. Schatten und frisches Wasser. Das Paradies für ein Rind. Rinder wollen es bequem haben, daher schläft sie mit ihrem Kopf auf deinen Beinen. Wenn du mit ihr spazieren gehst, ist es das beste was es für Rinder gibt – wissen wenige. Rinder können bis zu vierzig Kilometer am Tag laufen. Ich kann dir sagen, du machst alles richtig.“ „Danke für diese Informationen. Ich dachte schon, ich quäle Sangkhum wenn ich mit ihr bis nach Sama – also sechs Kilometer laufe.“ „Bei weitem nicht! Du könntest mit ihr bis nach Svay Rieng laufen, dass würde ihr nichts ausmachen.“ „Nee, lass mal. Ich kenne mich und weiß das Sangkhum am Ende auf dem Sofa liegen würde.“
Sylvie brüllte vor lachen.

Am Ohr kraulend von Sangkhum erzählte Hannes von dem Beginn in Kampang Rou, der Furt, dem „Europa Platz“ und der Infrastruktur in dem Ort.
„Nur mal zum Verständnis, was hast du studiert?“ „Nichts. Ich war in der Schule der Klassenkasper. Ich habe eine Handwerkliche Lehre im Tiefbau gemacht und bin nun in Kambodscha und helfe einigen Menschen für ein besseres Leben.“
„Okay. Wer hat dein Dossier geschrieben?“
„Ich. Bei schwierigen Fragen hilft mir Patricia. Sie ist Hochintelligent. Hat das bestes Abi ihres Jahrgangs gemacht und lehrt nun Kinder in tropischen Wälder. Sie war an der Uni in Metz eingeschrieben und wollte Humanwissenschaft und Volkswirtschaft studieren. Seit Dezember 90 ist eine Schule nach ihr benannt!“
Sylvie sah Hannes völlig konsterniert an. „…Was? Habe ich etwas falsches gesagt?“
„Nein. Ich las dein Dossier und war bis vor einer Minute der Meinung, du hast irgend etwas im Landwirtschaftlichen Bereich studiert.“ „Nö. Ich bin nur Baggerfahrer.“ Sylvie knuffte ihn gegen den rechten Oberarm. „Hannes, jemand der eine solche Weide mit Furt, Bäumen, Wasserbremsen und nun Trockenfeldanbau schafft, hat ein unglaubliches Verständnis für Natur. Du siehst wie hoch Getreide stehen sollte und erahnst den Ertrag. Das du den Ertrag nicht errechnen kannst ist doch völlig in Ordnung. Selbst Agronomen können dies nie genau errechnen – Baggerfahrer!“ „Mal eine andere Frage, wo schläfst du überhaupt?“ „Weiß ich noch nicht. Noch stehen meine beiden Koffer im Rathaus in Svay Rieng.“ „Okay. Ich sage Asger bescheid. Bei uns im Hotel sind einige aus dem Team. Wir wohnen zur Zeit auch wieder dort.“

„Hallo Chef, du bis ja pünktlich wie die Eisenbahn. Ich habe vor zwei Minuten von Gaston deine Aufgaben bekommen.“
„Darum rufe ich nicht an. Im Rathaus steht das Gepäck von Sylvie, bring es bitte mit ins Hotel.“ „Klar doch. Wir sind mit der Karte durch. Und bei euch so?“ „Sehr gut, noch einen Schritt weiter. Danke. Wir haben heute angefangen ein Prototypen Feld anzulegen. Dazu später mehr. Bis heute Abend.“

In der Schule saß Patricia mit Stacey in dem kleinen Lehrerzimmer und las in drei Ordner vom Bildungsministerium.
„Salut Prinzessin, hallo Stacey, ich möchte euch Frau Sylvie Morel vorstellen. Sie ist Diplom-Agraringenieurin und will mir bei meinem neuen Projekt helfen.“ „Sylvie. Hallo, Patricia. Ich habe viel Gutes von dir gehört. Schön dich endlich persönlich zu treffen.“ „Hallo Sylvie, das freut mich doch. Schön das du Hannes helfen willst. Wie kommst du auf uns?“ „Ich bin von „Action contre la Faim“ und kam im Mai über UNTAC nach Kambodscha. Ich habe heute erst deinen Mann kennengelernt.“ „“Action contre la Faim“! Früher nie etwas davon gehört und nun ständig. Wir waren im Mai zu Hause in Thailand. Hannes flog danach wegen der Arbeit nach Deutschland und dann waren wir im Juni drei Wochen in Frankreich.“ „Ich weiß. Meinen Glückwunsch zum Ordre national du Mérite.“ „Danke. Siehst du eine Chance für Hannes sein Trockenfeld Projekt?“
„Absolut! Deswegen habe ich ihn wochenlang in Kambodscha gesucht. Dein Mann hat etwas vor, von dem Millionen Menschen in vielen Ländern dieser Welt profitieren könnten. Er braucht nur etwas Hilfe – dafür bin ich da.“

Patricia lächelte und sah ganz stolz zu ihm. „Ma Chérie, wir müssten am Wochenende nach Kâmpóng Trâbêk. Ich muss am Samstag Vormittag mit Levi ins Ministerium nach Phnom Penh. Oder bleibst du in Svay Rieng?“ „Kein Problem. Cees kommt sowieso von Norden, dann kann er auch ins Büro kommen. Dann könnte Coady auch noch vorbei kommen. Wir könnten dann unsere Gedanken über ein Agrarkollektiv in der Gruppe viel leichter besprechen. Marxismus aus dem Buch ist etwas anderes als es praktisch umzusetzen. Was sagt Levi dazu?“ „Rede mit ihm, er macht gleich Schulschluss. Ich habe den Kindern gesagt, dass am Mittwoch um 18 Uhr ein Treffen der Eltern in der Schule ist.“ „Sehr gut. Bis dahin sind wir mit dem Prototypen Feld fertig und mit den Grundbesitz auch einen Schritt weiter.“

Sylvie schaute sich die ganze Zeit die DIN A0 Fotos von Paris an, die im Lehrerzimmer an den Wänden hingen. Hannes erzählte ihr, wie es zu diesen Fotos gekommen war.
„Ihr seid ja mal voll cool!“ „Danke. Die Idee stammte von Ivette, der Chauffeurin.“ „Ma Chérie, das Foto aus dem Park hätte ich gerne zu Hause im Wohnzimmer.“
Hannes schaute zerknirscht zu Patricia. „Ich weiß das du auf allen Fotos bescheuert aussiehst. Trotzdem möchte ich dieses Foto.“ Sylvie riss bei dem Satz von Patricia die Augen auf. „Patricia! Wie kannst du so etwas sagen? Ihr beide seid sehr elegant gekleidet!“ „Sag dies meinem Mann. Er denkt immer, er sieht aus wie ein Pinguin.“
Und wieder stand es Zwei zu Eins. Irgendwie fand Hannes keine Mehrheit für seine Meinung und Ablehnung zu diesem Smoking.

Levi kam ins Lehrerzimmer und sagte ihm, wie er den Marxismus in der Praxis sah. „Es hat keinen Sinn mehr, die Frage zu stellen, wieweit die Lehre von Marx und Engels heute noch theoretisch gültig und praktisch anwendbar ist. Alle Versuche, die marxistische Lehre als Ganzes und in ihrer ursprünglichen Funktion als Theorie der sozialen Revolution der Arbeiterklasse wiederherzustellen, sind heute reaktionäre Utopien.“ „Levi, ich will keine Revolution der Arbeiterklasse hervorbringen! Ich möchte die Menschen in diesem Kollektiv gleichstellen.“ „Marx seine Theorie oder Gedanken war: wer etwas besitzt, hat Macht über andere. Besitz- und Machtverhältnisse waren für ihn entscheidend, alles andere wollte er nur davon ableiten. Er teilte die Gesellschaft nach der ökonomischen Rolle in Klassen ein.“ „Ja, Proletarier aller Länder vereinigt euch, ich weiß. Du hast es angesprochen, wer wird der Besitzer der Ackerflächen sein, wer bezahlt was oder wieviel? Das sind viel mehr mein Gedanken. Ich möchte keinen Kommunismus oder Maoismus einführen. Die negativen Auswirkungen kennen alle hier in diesem Raum.“ „Hannes, ich weiß es nicht! Wenn du über eine Stiftung die Felder finanzierst und die Mitglieder dieser Genossenschaft ihren Teil abgeben um damit ihre Schulden abbezahlen, könnte es gerecht werden. Wohlgemerkt: könnte. Rede mit deinem Freund von der Weltbank.“
Hannes sah Ratlos in die Runde. „Was sagt Frau Diplom-Agraringenieurin dazu?“ „Ich bekomme dies alles nur am Rand mit. Lass uns doch erst einmal die Ausarbeitung von Gaston und Pompeur lesen. Ich kann aber so weit schon folgen, dass du den Menschen mit Ackerflächen eine Grundlage geben möchtest. Die Idee ist super!“

Um 17 Uhr waren Asger, Hannes und Sylvie im Büro in Svay Rieng und konnten 60% der Felder soweit zuordnen. Yupa hatte viele Ausdrucke mit Einwohnerzahlen der Bewohner in den angegebenen Ortschaften vorbereitet. So konnte Sylvie die Menge der geforderten Erträge berechnen. Asger und Hannes berechneten die Flächen die laut der Karte brach lagen – die Puzzlearbeit begann von vorne. An die große Wand wurden nun alle Ortschaften aufgelistet, die Namen der bekannten Besitzer Numerisch der Karte zugeordnet und auch an die Wand geheftet. Die nächsten Spalten wurden die Einwohnerzahlen von Yupa aufgeschrieben, die Einwohner mit Grundbesitz und die Einwohner ohne Grundbesitz. In und um Kampang Rou wurden die Namen gestrichen, die Mitarbeiter bei ODHI waren.
Wieder entstand ein Chaos aus Strichen, Punkten, Linien und Notizen. Sylvie schaute vom Monitor auf und fragte, wer bei diesem Chaos an der Wand noch durchblicke.
„Der Chef! Ich bin vor einer dreiviertelstunde schon ausgestiegen“ sagte Asger abwinkend.
Patricia kam mit gegrilltem Fisch und Gemüse ins Büro. „Ich habe euch etwas zu essen gemacht. Ihr könnt doch nicht nur arbeiten. Kommt, nun macht mal eine Pause. Ma Chérie, es reicht auch langsam! Wir haben schon 21 Uhr.“ „Ja, dann esst ihr etwas und macht Feierabend.“
Patricia sah ihn böse an. „Nein! Du auch! Es reicht jetzt! Du hast dieses Projekt auf ein Jahr geplant und willst in einer Woche alles erreichen!“ „Patricia! Claude kommt bald.“ „Ich habe dies noch in Erinnerung. Du kannst aber nicht ständig von früh bis spät arbeiten. Ich weiß wie dir dieses Projekt am Herzen liegt – es geht aber nicht schneller, wenn du mit Gewalt alles in zwei Tagen machen willst. Asger, Sylvie, sagt ihr doch auch mal etwas.“
Asger zog die Schultern hoch und Sylvie sah sie schweigend an.
„Du hast ja recht. Wir machen für heute Schluss.“

In dem Moment ging das Fax an und die ersten Dokumentationen von Chenda kamen an. Eine Minute später klingelte das Mobiltelefon von Hannes.
„Hallo Chenda, deine Blätter kommen gerade durch. Ich ruf dich gleich zurück. Ich muss mir erst einen Überblick verschaffen.“

10 Seiten mit Fotos und Notizen lagen auf dem Schreibtisch. Alle drei im Büro schauten zu Hannes und warteten auf eine Reaktion vom ihm.
Patricia kam um den Tisch und überflog die 10 Seiten. „Neue Probleme?“ Er nickte „Neue Probleme! Chenda ist erst seit Sonntag in Kampong Trach und was ich jetzt schon sehe wird ein Alptraum! Asger, schau dir nur die drei Fotos von den Pumpenhäuser an.“ „Und nun?“ Fragte Asger. „Hudson muss sofort zu Chenda. Am Wochenende kommt Coady nach Kâmpóng Trâbêk, wir müssen wahrscheinlich alles neu rechnen und am Wochenende zwei Projekte planen und koordinieren. Sylvie, ich bräuchte dich auch im Hauptbüro.“ „Chef, du kannst dich auch nicht teilen.“ „Stimmt. Dafür kommst du ja auch mit nach Kâmpóng Trâbêk. Du, Cees, Levi und Sylvie plant soweit das Trockenfeld Projekt und auch mit jeglichen Optionen für eine Genossenschaft. Ich werde mich mit Chris, Coady und Fiede so weit alles von Chenda auswerten. In drei Tagen haben Chenda und Hudson noch so einiges an Infomaterial für uns. Asger – mir läuft die Zeit davon! Übernächstes Wochenende landete Claude in Bangkok. Morgen möchte ich mit Sylvie an dem Prototypen Feld weiter machen. Du könntest mit ein paar deiner Mitarbeiter alle Felder an den Pisten die brach liegen schon markieren. Kauf Latten oder Kanthölzer die sechs Meter lang sind und kennzeichnet sie oben mit roter Fahne. Wenn Cees den Personenkorb mitbringt, sind wir hoch und sehen alles etwas besser.“

Patricia erzählte währenddessen Sylvie von den Problemen in den Provinzen Kampot und Takeo und auch wie es im Januar 1990 im Kampang Rou aussah.

Hannes rief Hudson an und sagte ihm er müsste Morgenfrüh schnellstmöglich nach Kampong Trach zu Chenda fahren. Hannes erklärte ihm auch warum.
„Hudson, ich schicke die Faxe von Chenda ins Büro nach Kâmpóng Trâbêk, dann hast du schon einen kleinen Überblick. Ruf Chenda an, wo ihr euch Morgen treffen könnt. Lass dir von Eliane noch zwei Millionen Riel geben.“ „Okay, Chef. Ich fahre jetzt los. Ich schlafe in einem der freien Zimmer im Büro.“ „Wie du willst. Pass auf dich auf. Bevor ich es vergesse, am Wochenende bin ich im Büro. Wir planen das Agrarkollektiv und wir werden eure Recherche und Informationen auswerten.“

Als Hannes das Telefon zu Seite legte, schlug Patricia mit der flachen Hand auf den Tisch.
„Ma Chérie, jetzt esse doch auch mal. Die Probleme werden da durch nicht weniger.“ Patricia hatte mal wieder recht, die Probleme sind mit oder ohne Abendessen die gleichen. Appetit hatte er eigentlich jetzt nicht mehr. Links neben dem Fisch und Gemüse lagen die Faxe von Chenda, rechts die Ausfertigung von Gaston und Pompeur. Hannes hatte für diesen Tag keine Lust mehr die Ausfertigung zum lesen.

Um 23 Uhr kam Patricia mit Sylvie ins Büro. Asger und Hannes saßen beim Bier vor dem Chaos an der Wand das Hannes ihm nochmals erklärt hatte.
„Sylvie, laut dieser Karte haben wir fast fünfzig Hektar Brachland von der Kreuzung der Pisste 334 nach Westen. Um Kampang Rou sind es etwas über zehn Hektar. Was wäre der ungefähre Ertrag dieser Flächen an Weizen?“ „In der modernen Landwirtschaft hat man heute einen Ertrag von sieben Tonnen Weizen pro Hektar. Bei dem jetzigen Stand der Felder geh mal von fünf Tonnen aus. Wenn wir es geschickt anstellen, könnte bei diesem Klima zwei Mal geerntet werden. Du kannst aber nicht mit Gewalt immer nur säen, der Boden braucht auch eine Pause.“ „Ist mit auch klar. Dreihundert Tonnen Weizen wären dann realistisch und wie viele Menschen kann dann ein Hektar ernähren?“ „Die Faustregel ist 100  Menschen pro Hektar im Jahr. Rechne lieber mal mit 80 Menschen.“
Hannes schaute auf die Ausdrucke von Yupa auf denen die Einwohnerzahl der Umgebung stand. Sylvie wusste was er am rechnen war. „Hannes, du sagtest nur die Hektar der Brachflächen! Ohne Probleme kannst du kannst ganz locker von 4.000 Menschen ausgehen, vielleicht auch von 5.000. Ich weiß was du denkst! Du kannst mit diesen neuen Flächen nicht ganz Kambodscha ernähren! Deine Frau kann mit ihren 9 Lehrer auch keine Million Kinder unterrichten.“
Hannes sah in die Gesichter der drei im Raum und war sehr niedergeschlagen. „Danke. Sylvie, ich habe an einem Tag mit dir sehr viel gelernt. Schön, dass du da bist. Feierabend für heute.“

Patricia lag links im Bett neben ihm und hatte ihren Kopf auf seiner Brust liegen. Ihre Berührungen waren so zart, ihre Hände angenehm warm und weich. Er wollte so gerne an etwas anderes denken, immer wieder sah er die Faxe von Chenda und die vielen Notizen an der Wand. Was hatte er doch für einen Scheiss-Job! Mit 16 Jahren wollte er die Welt retten. Gutes tun und jedem Menschen helfen. Von Sylvie wurde er brutal in die Realität geholt. 4.000 Menschen sind bei weitem nicht die Welt! Ein Fliegenschiss war es, was er half. Ein Tropfen Wasser im Ozean. Diese Ohnmacht setzte ihm so zu, dass jeder Atemzug ihm im Herz weh tat. Patricia war über seinen Gedanken eingeschlafen und lag mal wieder quer im Bett. Er beobachtete ihren schmalen Körper wie sich ihre Brust hob und senkte. Ein unglaublich intelligenter Geist in einem Atemberaubenden Körper lag dicht neben ihm. „Patricia Lefévre, willst du mich heiraten“ – waren seine Worte am zweiten Advent 89, nun war diese Schönheit seine Frau auf immer und ewig. Schon begann die nächste Runde Achterbahnfahrt! Für alle Fragen und Probleme fand er irgendwie eine Antwort und Lösung – auf Leukämie nicht!

Hannes streichelte ihren schönen warmen Körper, ihr Gesicht, ihre Haare und nahm jeden Zentimeter ihrer Schönheit auf. Die kleine Falte an ihrem linken Auge und die Narben von den Operationen sah er noch ganz leicht. Wie viele Narben hatte er die letzten Jahre auf seine Seele bekommen? Für was nur? Um Gutes zu tun, um anderen zu beweisen, was für ein weiches Herz er hatte oder weil er viel zu naiv war?
Wie klein war einst seine Welt am Fuße vom Hunsrück. Keine Gedanken um Marasmus, Mangelernährung, Nahrungsmittel Knappheit, Hepatitis-C oder Analphabetismus. Schöne kleine Welt. Wie wird Claude mit all dem nächste Woche zurecht kommen? Claude wusste schon so einiges von ihnen, real war es aber ein anderer Maßstab. Er musste mit ihm reden bevor Claude nächste Woche in Bangkok landen würde.

Er sah auf die Uhr am Bett. 1:23 zeigte das Display an. Patricia schlief fest mit ihrem Kopf auf seiner Brust. Hannes streckte sich so gut er konnte und fingerte das Mobiltelefon vom Nachttisch. Blöde Idee, wenn die Finger ein paar Zentimeter zu kurz waren. Etwas leicht den Oberkörper bewegen, Finger strecken – reichte nicht. Nochmals das gleiche, er wollte Patricia nicht wecken und bewegte sich in Zeitlupe. Beim dritten Versuch war er mit der Fingerspitze am Telefon. Verdammt! Neuer Versuch. Das Display zeigte 1:29. „Ich gewinne gegen die Zeit“ sagte er dem Wecker. 1:32. Um 1:33 hatte er das Telefon mit seinen Finger Stück für Stück zu sich gezogen. Der Innere Triumph gegen die Uhr war ihm jetzt eine Genugtuung.

„Bonsoir Hannes, was ist los?“ Hörte er die verschlafene Stimme von Claude.
Hannes erzählte Claude von seinen Problemen mit dem Trockenfeldanbau, die Probleme in der Provinz Kampot und eben seine Bedenken, wie Claude damit umgehen würde.
„Hannes, Hannes, du machst dir zu viele Gedanken! Ich habe gesagt ich komme – dann ist das auch so! Du hast so viele Probleme zu lösen, ich bin das kleinste – E
ehrlich! Ich schätze deine Sorgen um mich. Du bist ein wahrer Freund.“
Das Display zeigte 2:47 als er sich von Claude verabschiedete. Bald war die Nacht vorbei und er fand keinen Schlaf

Hannes wurde wach, als Patricia aus dem Bad kam. „Guten Morgen, ma Chérie, wann bist du eingeschlafen?“ „Es war schon fast vier Uhr.“
Patricia kam zu ihm ins Bett und streichelte sein Gesicht. „Du bist ein wunderbarer Mann der sich viele Gedanken um andere macht. Du kannst aber mit Gewalt nicht alles erreichen! Schau auch mal zurück. Was hat sich durch dich schon alles verändert! Alle Menschen in der Provinz kennen und achten dich! Du hast mit Sylvie eine sehr kompetente Frau in deinem Team, Asger und Cees helfen dir, Bourey, Coady, Claude und Stephane unterstützen dich. Was willst du noch? Wenn ein Hektar Getreide nur so viel Ertrag bringt, wie es die Natur vorgibt, dann kannst du doch nicht mehr erwarten. Du siehst jetzt nur die Zahl 4.000. Viertausend ist zu 5 Milliarden gering, du und ich können aber nicht gleichzeitig auf der ganzen Welt helfen! Geh jetzt duschen, wir gehen zusammen frühstücken. Soll Stacey und ich wieder mit Levi fahren?“ „Wäre gut. Ich brauche dein Auto.“

Das Frühstück in der kleinen Gruppe tat ihm gut. Den Tag mit netten Menschen zu beginnen war für ihn immer wieder Ansporn für so vieles. Stacey fragte ob sie bei Hannes bleiben könnte um auch dort zu filmen. In einem Feld buddeln und gefilmt zu werden sah er jetzt nicht als spektakulär an. „Wenn du willst, kannst du auch mit uns fahren. Ich muss noch für eine Stunde ins Büro, danach können wir fahren.

Was nur als Provisorium in einem der Gästezimmer gedacht war, war nun schon seit fünf Jahren das Büro von ODHI in Svay Rieng.
Die Platzverhältnisse waren mit all der Technik, zwei Schreibtische, einem Schrank und Regal mit und für Ordner und Unterlagen, einem weiteren Schreibtisch am Fenster und vier Stühle mehr als nicht akzeptabel.
Auf einen der Drehstühle saß Hannes und schaute sich das Chaos an der Wand an. Hier und da waren noch Flächen als nicht zugeordnet zu sehen, selbst diese würden nicht mehr viel bringen. Auf dem Regal lagen noch Kopien von der UNI aus Beauvais. Hannes hing noch eine Geographische Karte links neben das geordnete Chaos an der Wand. Er betrachtete die Karte und zeichnete gleiche Linien und Punkte, wie auf seiner Karte in Thailand ein.
Immer wieder schüttelte er den Kopf. Richtung Kor An Doeuk kam nach Süden das Gebirge. Weiter nach Osten machte auch keinen Sinn, da kam bald das Truong-Son-Gebirge.

Er rief Martin Bödner an und fragte nach einer der zwei großen Caterpillar D8 Planierraupen von dessen Baustelle in Koun Kriel.
„Kannst du haben. Ich rufe Vibol an. Er soll heute mit dem Tieflader kommen. Brauchst du auch den Fahrer?“ „Ist er gut?“ „Ja. Kann mit der Maschine recht gut umgehen.“ „Recht gut reicht nicht. Martin, ich brauche die besten Männer für dieses Projekt. Der Fahrer soll mal mitkommen, wenn nicht muss ich Chankrisna holen. Ich muss sehr schnell arbeiten, damit die Felder eingesät werden können. Daher auch die großen Bagger und nun noch die Raupe. Kosal hatte in den letzten Tagen angefangen ein Feld zu bearbeiten, gestern hatte ich mit einer Agraringenieurin das Feld vermessen und abgesteckt, wenn ich mit der Raupe die Felder etwas begradigen kann, wäre es super. Mal was anderes, du kommst doch aus Thüringen, kannst du mir etwas über Agrarkollektive erzählen?“

Martin erzählte ihm, wie er unter der Herrschaft der SED die verschiedenen Kollektive empfand.
Sylvie klopfe an die Tür. „Komm rein. Ich bin gleich fertig mit telefonieren.“ Hannes hörte Martin weiter zu und es brachte ihn kaum weiter. Er wollte ja keinen Kommunismus einführen.

„Noch eine andere Karte?“ Fragte Sylvie, als Hannes das Gespräch mit Martin beendet hatte und zeigte auf die 100 Jahre alte Geographische Karten an der Wand. „Ja. Ich suche noch irgendwie nach Flächen die eventuell in Betracht genommen werden könnten – da ist aber nicht mehr viel.“ „Hannes, was du planst ist schon gewaltig groß! Wir bekommen dein Projekt umgesetzt, da bin ich mir sicher und der Ertrag wird gut sein. Bitte glaub doch du einfach mal an dich!“ „Das mach ich doch. Ich denke daran was ist, wenn ich dieses Projekt versemmele?“ „Hast du ne Macke? Du wirst dieses Projekt nicht versemmeln! Und um dir die Wahrheit zu sagen, ich werde über dein Trockenfeld- Projekt meine Dissertation schreiben.“
„Was!?“ „Ja. Ich will und werde dir helfen damit wir den Hunger auf dieser Welt etwas entgegensetzen können.“ „Ich fühle mich geehrt, wenn du deine Doktorarbeit über dieses Projekt schreibst. Meine Praxis und deine Theorie wären ein Quantensprung für die dritte Welt.“ „Schön, dass du es endlich begriffen hast!“

Eines der Telefone auf dem anderen Schreibtisch klingelte, es war Coady. „Guten Morgen Hannes, ich habe deine Faxe und E-Mail bekommen. Schöne Bescherung! Ich kann schon mal das UN Hochkommissariat einschalten, auch werde ich CIVPOL informieren. Die haben sogar in Kampot eine Polizeistation. „Coady, nein! Warte! Die sollen bitte noch alle die Füße stillhalten! In drei Wochen sind wir fertig, dann kann die Polizei und UN anrücken mit was auch immer sie wollen. Wir treffen uns am Samstag im Büro. Tu mir  bitte einen Gefallen und mach dir schon mal Gedanken über dieses Agrarkollektiv – du kannst ja deine Bank fragen. Ich werde am Samstag gegen Abend grillen. Ich mache Schwenkbraten und Kartoffeln. Da freut sich deine Frau.“ „Ihr und euer Schwängbroaten.“
„Schwenk, mit e. Ihr US-Amerikaner werdet niemals unsere Kultur verstehen.“
„Schwengbroaten.“ „So ähnlich. Sag lieber BBQ. Wir sehen uns am Wochenende.“

Sylvie grinste bei der Unterhaltung mit Coady, die sie über den Lautsprecher mit hörte. „Wer ist er?“ Fragte sie nach dem Gespräch. „Der Chef der Weltbank in Kambodscha. Du Lernst ihn am Wochenende kennen. Seine Frau kommt aus Deutschland – beide sind super nett. Am Samstag hatte Coady und ich nach über drei Jahren Differenzen endlich unser Kriegsbeil begraben. Komm, wir fahren auf die Baustelle. Ich erzähle dir die Story auf der Fahrt.“

Nach der Kreuzung von der 334 nach Westen war Asger und vier Mitarbeiter aus dessen Team schon dabei die Felder zu markieren. In 6 Meter Höhe war eine 1 Quadratmeter große rote Fahne aus Plastikfolie zu sehen. Sylvie fragte, warum die Fahne so hoch hing.
„Ich hoffe du bist Schwindelfrei. Wir werden aus 30 Meter Höhe die Felder Abstecken und Einmessen.“ „Wie kommst du auf diese Höhe?“ „Mit einem Kranbagger der in diesem Bauabschnitt vier Kilometer weiter noch an einem Puppenhaus im Einsatz ist. Aus der Höhe sehen wir die Topographie noch besser um vielleicht noch ein paar Gräben ziehen zu können. Wenn Frau Doktorand schon eine Dissertation über dieses Projekt schreibt, dann kannst du dies auch sehr ordentlich machen. Wenn du Unterlagen brachst, sag bescheid.“ „Danke. Mit deiner Idee, den Baumaschinen von ODHI und meinem Wissen, zeigen wir der Welt wer wir sind.“

Hannes sah bei diesen Worten Sylvie fragend an. „Kann es sein, dass du einen Connar Lennhardt von der UN Food and Agriculture Organisation kennst?“ Sylvie nahm tief Luft und nickte leicht. „Ich war zwei Mal bei ihm Büro. Das erste Mal Ende Mai und dann zwei Tage nach der Erscheinung von deinem Dossier. Hätte ich dich vorher schon getroffen, ich hätte ihm den Ordner mit deiner Idee um die Ohren geschlagen!“

Hannes erzählte ihr von Lennhardts Schreiben an die Weltbank. „Oh man, das tut weh. Tut mit echt leid. Lass diesen Idioten rennen, du hast bei weitem mehr drauf! Dein Projekt wird vielen Menschen helfen.“ „Unser. Sylvie, es wird unser Projekt.“
Sylvie gab ihm einen Kuss auf die Wange.

An dem Prototypen Feld war Kosal schon am baggern um die Furt so anzulegen wie Sylvie es sagte.
Stacey filmte die arbeit von Kosal. Kosal zog mit dem Baggerlöffel die Furt an der Schnur vorbei. Nach einigen Metern musste er immer wieder aufhören um die Erde wegzunehmen. Er dachte soweit mit und baute die Erde am Anfang vom Feld in die Senke ein. Die Arbeit kostete viel Zeit, weil er ständig am hin und her fahren war. Ein Lkw musste bald auf die Baustelle. Noch waren es nur 120 Meter zu fahren, die zweite Furche wurde der Weg schon doppelt so weit.

Mit dem Laser und Nivelliergerät maßen Bajao, Hannes, Odd und Sylvie das Feld ein  Über 15 Hektar war dieses Feld groß. Hannes rechnete im Kopf den Ertrag für dieses Feld aus. Sylvie stand neben ihm am Nivelliergerät und knuffte ihm gegen den Arm. „Ich weiß was du am rechnen bist.“ „Ist gut! Ich höre auf zu rechnen. Mal eine andere Frage, ich sah hier noch keinen Mähdrescher. Wie ernten die Menschen die Frucht?“ „Wie früher bei uns auch, von Hand Abschneiden und dann Dreschen.“ „Hmm, wäre der Ertrag höher, wenn man dies mit einem Mähdrescher machen würde?“ „Ohne Frage! Schneller, einfacher und mehr Ertrag.“ „Gibt es eine Alternative zu einem Mähdrescher?“ „Auch wenn ich eine Doktorarbeit schreibe, weiß ich nicht alles.“ „Dann schreibst du die falsche Doktorarbeit. Frag doch bitte dein Vater oder deine Brüder. Wir können den Menschen nicht nur Ackerflächen stellen, es sollten auch Maschinen sein. Wenn es eine Alternative zu einem Mähdrescher gibt und wir so etwas kaufen und dann  noch einen Traktor, Pflug und Anhänger dazu, könnte der Mähdrescher oder wie man auch immer ein solches Ding dann nennt, im Lohn eingesetzt werden und auch darüber wieder Geld in die Genossenschaft fließen, dann hätten diese Menschen einen Grundstock.“
Sylvie sah ihn nachdenklich an. „Super Idee. Wie willst du es finanzieren?“ „Ich habe jetzt eine dreiviertel Million US-Dollar auf dem Konto. Da sollte doch ein Traktor und Anbauteile bezahlt werden können.“
„Okay. Ich werde mal meinen Vater fragen.“ Hannes reichte Sylvie sein Mobiltelefon. „Warten ist bei dir ein Fremdwort. Ich rufe an. Du gibst ja sonst doch keine Ruhe.“ Hannes grinste breit.

Sylvie fragte ihren Vater nach eben besprochenen Geräten und wurde ihr auch beständig, dass es so etwas gäbe. Sie reichte das Telefon zurück. „Rede du mit meinem Vater, du weißt und verstehst besser was er sagt.“
Théo Morel erklärte ihm alles bis ins kleinste über Mähdrescheranhänger, welche Firmen so etwas bauten – aber solche Anhänger seit Jahren nicht mehr gebaut würden. Gebraucht wären solche Anhänger bestimmt noch irgendwo zu beziehen, seien dann aber auch schon alles sehr alte Geräte. Er sagte ihm auch, was an Grundstock für Feldanbau gebraucht wird. Hannes gab Théo seine Internet Adresse, damit er ihm weitere Informationen schicken konnte.
Nach einer Stunde Gespräch mit dem Vater von Sylvie war er um Welten schlauer.

Beim Mittagessen saßen Bajao, Kosal, Odd, Stacey, Sylvie, er und einige andere Mitarbeiter im Schatten der Bäume und aßen Klebereis und Papaya Salat. Der erste Bissen Papaya Salat von Sylvie sprach Bände.
„Ist scharf. Ich weiß – du gewöhnst dich daran.“ Mit hochrotem Kopf brachte Sylvie gerade noch sechs Wörter heraus. „Hannes! Mir brennt das Gesicht weg!“ „Quatscht. Auf einer Skala von normal bis scharf – ist dies lächerlich! Es ist bei diesen Temperaturen wirklich das beste Essen. Bei Bajao steht Chilisoße, wenn du die an den Klebereis machst – fällst du um. Ich esse nur ganz wenig Chilisoße mit Klebereis, dann ist es super erträglich.“

In der Mittagspause erzählte Hannes von dem Gespräch mit Théo und er überlegte solche Landwirtschaftliche Geräte zu kaufen.
„Tsssss, tsssss, tsssss.“ „Genau. Kosal, wenn ich so etwas kaufe, brauche ich Fahrer die mit solchen Geräten umgehen können. Wenn du jemand kennst, sag mir bescheid. Morgen ist in der Schule in Kampang Rou ein Treffen um über all dies zu reden.“

Beim Mittagessen fragte Odd, warum die beiden Frauen auf der Baustelle seien. Hannes erklärte es ihm. Respektvolle Blicke und Verbeugungen von seinen drei Mitarbeitern waren die Antwort. Hannes sagte auch den beiden Frauen über was er eben geredet hatte.
„Ihr versteht euch alle sehr gut.“ „Ja. Sylvie ich kann mit Stolz sagen, dass wir sehr gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben und ich auch diese Gemeinschaft sehr schätze. Wir drei geben mit dem gemeinsamen Essen den Kambodschaner mehr Solidarität als Tausend Worte. Stacey, wenn du mal einen Bagger filmen möchtest, der wie ein Wohnzimmer eingerichtet ist, musst du mit Kosal gehen.“
Stacey schaute auf den Bagger, der nur wenige Meter von ihrem Schattigen Platz entfernt stand und konnte nicht glauben, dass der Bagger drei Jahre alt sei.
„Kannst du ruhig glauben. Ich habe den Bagger selbst gekauft. Kosal ist mitunter einer der beste Baggerfahrer in der Firma.“ Hannes übersetzte seine Worte auf Khmer und Kosal war stolz und auch etwas verlegen.
„Borsa mneak del mean ko, ich mache nur meine Arbeit.“ „Ich weiß. Die aber so gut, dass du bald einen neuen Bagger bekommst.“ „Verstehe ich jetzt nicht.“ „Für die neuen Projekte in Kampot und Takeo werden neue Baumaschinen gekauft. Ich gebe lieber die neuen Bagger den Mitarbeiter, wo ich weiß sie achten auf ihr Material. Du kannst dir aussuchen was du willst, Mobilbagger oder Kettenbagger.“
„Mobilbagger ist gut, fährt sich ruhiger als Kettenbagger. Ich will nicht mehr tauschen.“ „Verstehe ich nur zu gut. Mit dem Mobilbagger kannst du auch öfter nach Hause fahren.“
Kosal sah Hannes völlig entgeistert an.
„Ist schon in Ordnung. Du hast deinen Garten und Grundstück sehr schön angelegt.“ Hannes wuschelte die Haare von Kosal.
„Entschuldigung, ich dachte du schimpfst mit mir.“ „Quatscht! Warum sollte ich schimpfen? Wir haben doch die Maschinen und Werkzeuge. Wenn ihr fragt, sagen Asger oder ich nicht Nein. Wenn du Erde brauchst, kannst du dir auch ein paar Touren nach Hause fahren lassen. Ich weiß noch nicht wohin mit dem ganzen Aushub.“ „Wenn wir bei mir im Ort einen Fischteich anlegen könnten wie in Kampang Rou?“
Hannes rechnete die Kubikmeter für einen solchen Teich schnell im Kopf. 6.400 Kubikmeter Erde weniger irgendwo hinzufahren – wo er noch nicht wusste wohin, war eine gute Option. Er sah zu Kosal und nickte. „Lass uns die Stelle dafür aufmessen. Dann hat dein Ort bald seinen eigenen Fischteich. Auf geht’s. Wir fahren Aufmessen!“ Zu den beiden Frauen sagte er, wo es nun hin ginge.

Mit 5 Personen, Laser, Nivelliergerät, Messlatte und zwei Bund Messstäbe ging es nach Basak, in den Ort wo Kosal wohnte. Nach einer viertelstunde geholper über Felder und Pisten war der Ort errichtet. Kosal lotste ihn durch den Ort. Hannes sah schon das Haus von Kosal. Wie schön hatte sich dieses kleine Anwesen in den letzten Jahren verändert! Ohne Übertreibung konnte Kosals Haus zu dem schönsten im Ort gezählt werden.

300 Meter nach dem Haus von Kosal fuhr Hannes links in eine schmale Straße und nach zwei Minuten war er an der Stelle die Kosal meinte.
Eine große Senke lag vor ihnen mit einem Rinnsal an Wasser. Trotz des Monsun lief kaum Wasser in dem Graben – merkwürdig.

Hannes stellte das Nivelliergerät an die Piste und den Laser rechts daneben. Bajao, ging mit Kosal in die Richtung zu einem Wäldchen. Hannes schaute auf das Display vom Laser und bei 256 Meter rief er Bajao zu, er solle den Messstab setzen und zurück kommen. Bei 146 Meter sollte Bajao den nächsten Messpunkt setzen. Sylvie stellte den Laser an den letzten Messpunkt und Bajao ging nach Westen bis auf dem Display 189 Meter zu lesen war. Nach wenigen Minuten war auch der letzte Messpunkt gesetzt. Das Rechteck war soweit fertig. Nun mussten noch die Holzlatten in den Boden geschlagen werden.
Kosal stellte die Messlatte auf die eingeschlagenen Latten und Sylvie schrieb Zahlen auf die Latten, die Hannes ihr zurief und machte einen Strich unterhalb der Messlatte. Bajao und Odd schlugen unterdessen alle 30 Meter die Latten in den Boden, Kosal stellte die Messlatte obendrauf und Sylvie schrieb. In weniger als einer Stunden war das Feld abgesteckt und vermessen. Fast 10.000 Kubikmeter Erde konnten später dort hin gefahren werden. Sylvie stand neben Hannes und schüttelte den Kopf. „Wie schnell du denken kannst ist beachtlich! Wie schnell du arbeiten kannst auch.“ „Danke. Humanitäre Hilfe kann so klein sein. Mit diesem Teich können die Menschen Fische einsetzen und haben die Möglichkeit auch mal Fisch zu essen und müssen nicht alles kaufen gehen. Ich zeichne noch einen Plan, damit Kosal sieht wie der Teich werden soll.“

Im Haus von Kosal aßen sie noch Melonen und Nam Wa Bananen. Sie saßen auf dem Boden und sprachen über dies und das.
Stacey und Sylvie kannten diese kleinen Bananen nicht. So erzählte Hannes ihnen etwas über diese Ur-Banane.
„Die Nam Wa Bananen zählen zu den Ur-Bananen und werden gerade mal 10 Zentimeter lang. Sie haben einen Geschmack der auch nach Bananen schmeckt. Die Bananen in Europa werden unreif gepflückt und per Kühlschiff über den Atlantik geschafft.“ „Stimmt!“ Sagte Sylvie. „Ich habe noch nie solch intensiven Geschmack von Bananen gegessen.“

Das Haus von Kosal war einfach gebaut – aber trotzdem chic und ordentlich. Es stand ungefähr eineinhalb Meter vom Boden erhöht und hatte folglich einen Holzboden. Die Wände waren aus gleichem Holz, der Dach aus Zementziegel und drei der vier Räume hatten Fenster.
Nach dem Raum, der das Haupt- oder Wohnzimmer ist, ging es sechs Stufen runter in die Küche – also eine Küche nach asiatischem Standard: Ein Gaskocher, ein oder zwei Schränke und eine Schüssel wo man das Geschirr spülte.
Bei Kosal stand ein großer Kühlschrank, Waschmaschine, zwei Schränke, ein Tisch als Ablage oder Arbeitsplatte, ein Vierplatten-Gasherd und eine Spülen. Der Boden war aus Betonsstrich und sogar mit Fliesen belegt.
Links der Küche war das Bad. Das Interieur war eine Hocktoilette, eine gemaute und geflieste Wanne, in der das Wasser für die Toilette oder Dusche gesammelt wurde. Das ganze Bad war gefliest und hatte sogar einen großen Plastikschrank für Hygieneartikel und Badutensilien.
Trotz der Einfachheit war das Haus gemütlich und für kambodschanische Verhältnisse unglaublich sauber.

Kosal hatte zwei Kinder: eine Tochter 8 Jahre und einen Sohn 11 Jahre alt. Die Kinder gingen nach Svay Rieng auf eine Höhere – in Deutschland würde man Privat Schule sagen. Mit Stolz zeigte Kosal die Schulfotos seiner Kinder. Sie hatten ordentliche Schuluniformen und Schuhe an.
„Erst seit ich bei ODHI arbeite, können meine Kinder dauerhaft in die Schule gehen – vorher fehlte das Geld. Ich möchte, meinen Kindern ein besseres Leben ermöglichen – daher auch die andere Schule.“
Hannes übersetzte das Gespräch für Stacey und Sylvie. Beide wussten nicht was sie sagen sollten.
„Die Mitarbeiter von ODHI bekommen gutes Geld. In Deutschland wäre es der Lohn von einem Minijob – hier ist es über das doppelte was sonst ein Arbeiter verdient. Wir haben auch die Verantwortung für Menschen! Als wir vor Jahren mit einer Handvoll Leuten anfingen war es schwierig für unsere Arbeit Mitarbeiter zu finden, mittlerweile hat sich herum gesprochen was ODHI ist, für was wir stehen und wie gut unsere Mitarbeiter behandelt und auch bezahlt werden. Das wir jetzt bei Kosal im Haus sitzen, zeigt meine Verbundenheit zu ihm. Kosal fuhr früher einen Bagger der mehr Schrott als Bagger war. Wäre in der Fahrerkabine ein Hydraulikschlauch geplatzt, er hätte dies bei dem heißen Öl nicht überlebt! Bei uns steht der Menschen und die Sicherheit ganz oben.“
Sylvie nickte im anerkennend zu. „Ich hatte es dir gestern schon gesagt: ODHI hat einen exzellenten Namen in der Branche, dies kann und werde ich auch immer bestätigen.“ „Danke.“

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