29 Svay Rieng Agro-products Cooprrative

Kapitel 29

Svay Rieng Agro-products Cooprrative

Mit dem SUV von Patricia fuhr Hannes mit seinen drei Begleiter zu den zwei Prototypenfelder. Kosal zog mit den Zähnen von dem großen Baggerlöffel Furchen in die Erde. Auch wenn der Baggerlöffel 1,80 Meter breit war, dauerte diese Arbeit sehr lange. ODHI hatte schließlich Baumaschinen und keine Landwirtschaftlichen Maschinen.

Hannes ging zu dem Radlader und machte gleiche Arbeit wie Kosal mit dem Bagger. Er stellte die Schaufel schräg und fuhr mit dem 926er Caterpillar Radlader rückwärts über den ersten Abschnitt von dem Feld. Die 2,30 Meter breite Schaufen brachte zwar nur einen halben Meter mehr, als Kosal mit dem Bagger – aber immerhin besser als gar nichts. Warum Pich diese Arbeit nicht machte, erklärte sich ihm nicht.
Kosal kam zu Hannes, als er die dritte Bahn anfing zu ziehen. „Borsa mneak del mean ko, ich habe heute morgen Pich gesagt, er sollte dies so machen. Er könnte soweit mit dem Radlader nicht Rückwärts fahren.“  „Was? Welche Antwort willst du nun von mit hören? Kosal, du hast die Bauleitung und setzt die Arbeiter so ein, wie du es für richtig hältst. Wenn Pich dies nicht kann, muss ein anderer eben den Radlader fahren.“

Hannes fragte Sylvie ob sie das Feld in Quadrate zu je 100 x100 Meter einmessen könnte. So hätten die Arbeiter eine Vorstellung, wie sie die Säcke mit der Saat auf einen Hektar verteilten können.
„Wie viel Kilo willst du pro Hektar aussäen?“ „Schwierige Frage. Wenn du sagst, dass der eine Bauer unter 100 Kilo auf einen Hektar aussät, würde ich von der Erfahrung 150 Kilo nehmen.“ „Gut. Du bist die Chefin. Dann sage ich dies den Arbeitern so.“

Um 15 Uhr war das Feld mit dem Bagger und Radlader gepflügt. Sylvie hatte mit Bopda, de Rosa und de Santis fünf Felder mit Messstäbe und Schnur abgesteckt. Aruun, Bajao und Pich schleppten die Zentner schweren Säcke zu den Felder. Asger brachte noch jede Menge Eimer aus dem Baucontainer.
Mit 6 Personen wurden die ersten Zentner Gerste aus Plastikeimern per Hand auf ein Feld am 10. Breitengrad ausgesät.
„Chef, ich habe schon viel in meinem Leben gemacht, aber noch kein Feld mit Gerste eingesät.“ „Asger, nicht nur du. Nicht nur du. Sylvie, wie war das mit dem Studium und den Körnern?“
Sylvie ging mit ihrem grünen Plastikeimer rechts von Asger und Hannes, sie grinste breit und zeigte ihm den Mittelfinger.
„Na, da schleift jetzt aber die gute Erziehung von Théo Morel erheblich.“ „Ja, du mich auch“ gab Sylvie schnippich zurück.

Asger fing an zu singen: „Wir pflügen, und wir streuen den Samen auf das Land. Alle gute Gabe kommt her von Gottes Hand.“ „Asger! Hör auf die Körner zu essen!“
Sylvie und die beiden Italiener brüllten vor lachen.
„Da muss ich dir als Däne dir deutsches Liedgut beibringen.“ „Ich kenne nur: Hoch auf dem gelben Wagen.“
War ein Fehler das Hannes dies sagte. Hoch auf dem gelben Wagen, mit dänischen Akzent gesungen, war schon sehr außergewöhnlich. Asger und Hannes sangen über die Länge von drei Furchen dieses Lied.
De Santis war von diesem musikalischen Hochgenuss der beiden angesteckt und sang: „Old McDonald had a Farm.“
Dieses Lied wurde kurze Zeit später in vier Sprachen gesungen.
Bei der Feldarbeit wurde viel gesungen und gelacht. Wie hatte Hannes sich in den beiden Italienern am Vormittag getäuscht. Beide passten voll und ganz in diese Internationale Gruppe.

Um 16.30 Uhr waren die fünf abgesteckte
Felder eingesät, Kosal hatte auch schon auf zwei Hektar mit dem Baggerlöffel die Furchen zugezogen. Mit welch einem Gefühl Kosal Bagger fuhr, war für Hannes immer wieder faszinierend.

Asger, Sylvie und die beiden Italiener traten neben Hannes und auch sie schauten Kosal zu. De Santis sagte das gleiche was Hannes vor Sekunden dachte. Hannes lächelte und nickte dem Italiener zu.

„Danke für eure Unterstützung. Das Einsäen ging doch schneller als ich dachte.“ „Es hat auch Spaß gemacht. Bei Ihnen ist eine sehr gute Stimmung im Team.“ „Oh ja. Da bin ich auch sehr Stolz darauf. Ich bin Hannes – kein Sie.“ „Paolo. Du bist voll cool.“ De Santis reichte ihm die Hand. Auch de Rosa reichte ihm die Hand. „Ilaria. Solche Leute wie dich bräuchte UNTAC mehr.“ Hannes grinste Ilaria an.
„Das gleiche dachte ich eben auch von euch. Wisst ihr nun, warum ich mit meinen Team mehr erreiche als die große UN? Kommt, wir müssen nach Kampang Rou. Lasst uns dort noch einmal alles schnell besprechen, bevor die Bauern kommen.“

Kurz vor Kampang Rou schlug Sylvie ihn gegen den Oberschenkel. „Halte bitte mal an.“ 
Zu viert standen sie an der Böschung vor dem Wald. „Das Wasser.“ „Was ist damit?“ Fragte Hannes. „Dein Wasser kann mehr als nur ein Wasserrad antreiben.“ „Ich weiß. Ich möchte zwischen dem Wald und Kampang Rou noch einen Fischteich anlegen.“ „Sehr gut. Wie wäre es mit Gemüsefelder?“ „Wo?“ „Wo Wasser ist! Du musst doch nicht nur Felder für Weizen, Gerste oder Mais anlegen.“ „Genial. Dafür gibt es aber bessere Orte. In Khsaetr ist das gleiche Wasserrad wie in Kampang Rou. Dort wäre dein Gemüse besser anzubauen. Kommt, Leute. Die Zeit haben wir noch.“

Hannes fuhr mit seinen Begleitern nach Khsaetr an das Wasserrad und zeigte ihnen die Flächen rechts davon. Auch dieses Grundstück war Brachland.
„Etwas eben gemacht, dann hättest du dein Gemüsefeld. An was für ein Gemüse hast du gedacht?“ „Pak Choi Kohl zum Beispiel. Es ist schnell wachsend und in sechs bis acht Wochen schon zu ernten. Luffa ist ein Schwammkürbis und eine Kletterplanze – auch schnell wachsend. Goabohnen können vielseitig eingesetzt werden, sowohl die jungen Früchte, die reifen Samen als auch die unterirdischen Knollen sind essbar. Die Samen haben einen hohen Nährwert, der sich in etwa mit der Sojabohne vergleichen lässt. Auberginen sind auch möglich. Mit Wasser ist dies doch alles kein Problem. Die steilen Grundstücke könnten wir mit Papaya bepflanzen.“
Hannes sah zu Ilaria und Paolo, beide nickten zustimmend. „Okay. Wir bringen deine Idee später vor. Mit Getreide, Fisch und Gemüse wäre dieses Agrarkollektiv schon sehr gut aufgestellt.“

In der Schule stelle er Ilaria und Paolo den Lehrer Clodette Léglise und Levi Flacks vor.
„Wo ist Patricia?“ „Mit meinem Auto nach Tnaot gefahren. Sie macht Schule in den Bergdörfer, solange sie nun hier ist“ sagte Levi. „Na gut, die Chefin des Hauses ist nicht da, dann fangen wir noch schnell mit dem Brainstorming an. Ich erwarte heute Abend viele Leute und denke, wir sollten in Erwägung ziehen, zwei Klassenräume zu benutzen oder draußen vor der Schule.“ Dabei sah Hannes zu Levi.
„Wir haben draußen Licht, drei Bühnenelemente haben wir schnell aufgebaut. Zwei Tafeln auf die Bühne, zwei Lautsprecher und ihr habt das Publikum zusammen.“ „Gut. Legen wir los. Die Umstände für und zu einem Kollektiv sind euch allen bekannt. Ich habe noch eine junge Frau aus dem Rathaus eingeladen. Ilaria, Paolo, nun kann ich euch sagen, was niemand von UNTAC weiß. Ein Major und seine Frau kommen auch zu dieser Veranstaltung. Der Major zieht seit Jahren die Fäden in dieser Provinz und ich möchte seine Frau als neue Gouverneurin in dieser Provinz haben. Wir führen heute auch noch einen Wahlkampf für Samnang. Samnang Duong hat von mir eine Mail bekommen, in dem Sie die Initiatorin für eben jenes Kollektiv ist und wir im Hintergrund bleiben. Wir geben das Geld, die Maschinen und Erfahrungen an diese Menschen weiter – ohne dass die Bevölkerung merkt, wer dies alles geschaffen hat! Sylvie kennt diese Mail und auch die Antwort von Samnang.“ Paolo grinste breit. „Politik an der Basis und trotzdem im Hintergrund. Sehr gut.“ „Danke. Kommt, wir bauen noch schnell alles auf.“

Mit vereinten Kräften war in weniger als zwanzig Minuten eine Infrastruktur auf dem „Europa Platz“ aufgebaut.
In den letzten Jahren hatte sich die Investition für Lautsprecher, Mikrofone und Bühne bezahlt gemacht. Nicht mehr provisorisch wie einst auf der Ladefläche von einem Pickup.

Um 17.30 Uhr kamen Bourey, Samnang, Rithisak und Yupa ins Lehrerzimmer und begrüßten alle.
Rithisak zeigte den Anwesenden ein Plakat von der neuen Partei. Schüchtern fragte er Hannes, ob es in Ordnung sei, wenn er dies aufhängen dürfte. „Selbstverständlich. Hast du noch mehr davon?“ „Im Auto.“
„Okay. Dann hänge ein paar auf dem Platz auf und auch hier in der Schule.“
Bourey sprach mit Sylvie und den Italienern so viel gutes über Hannes, dass es ihm schon peinlich war. Levi übersetzte alles sehr ausgeschmückt.
„Levi, es reicht. Ich habe schon einen Orden!“ „Ich übersetze nur was Bourey sagt.“ „Ja, ja. Und noch etwas mehr.“

Patricia kam ins Lehrerzimmer und begrüßte alle herzlich. „Ma Chérie, wie weit seid ihr mit den Feldern?“
Hannes sagte ihr den Stand von 16.30 Uhr und sprach auch noch die Idee von Sylvie an. Patricia sah zu Sylvie. „Sehr gut. In Khsaetr ist eine Schule, da bauen wir Pflanzenkunde ein. Gemüse können auch Kinder pflanzen lernen.“ „Prinzessin, So weit hat keiner von uns gedacht.“ „Zum Glück hab ich Abi – nicht wahr, ma Chérie?“ Sie gab ihm einen Kuss und wuschelte seine Haare. „Auf gehts! Die ersten Leute sind schon da. Ich brachte schon zwei Gruppen von Bauern aus Tnaot mit.“

Leise sagte Hannes zu Paolo. „Heitate nie! Sobald die Frau den Ring hat, hast du nichts mehr zu sagen – und Finger weg von Coco Chanel!“ Paolo zog die Augenbrauen zusammen. „Erklärte ich dir am Wochenende. Pssst.“

Der „Europa Platz“ fülte sich schneller, als Hannes es erwartete. Sollten die Asiaten nach drei Jahren Zeitansage von den Europäern doch die Uhr begriffen haben?

Um 18.30 Uhr schätze Asger die Besucherzahl auf 200. Hannes ging ins Lehrerzimmer und sah zu Samnang. „Dein Auftritt!“

Samnang Duong stand am Mikrofon und wartete auf Ruhe. Nach zwei oder drei Minuten wurde es auf dem Platz ruhiger. Vier Gruppen Nachzügler kamen noch auf den Platz, Hannes revidierte seine Gedanken bezüglich der Zeit von Asiaten auf eine Handvoll Asiaten.
Die Gruppe Europäer stand am Eingang von der Schule und hörte den Worten von Samnang zu. Der erste Applaus kam nach fünf Minuten. Samnang Duong erklärte den Bauern die Idee von der Genossenschaft sehr genau und auch verständlich. Die Vision dieses Agrarkollektiv fand sehr großen Applaus. Patricia streichelte den Arm von Hannes „Ich bin so stolz auf dich!“
Die ersten Fragen über die Finanzierung kamen von einem Bauer in der vierten Reihe. Als Samnang die Zahl Eine Milliarde Riel nannte, war auf dem Platz kein Ton mehr zu hören!
„Ma Chérie, du bist dran!“ Er nickte Patricia zu und bat Sylvie mit ihm auf die Bühne zu kommen.
Auf der Bühne stellte er den Zuhörer die Diplom-Agraringenieurin aus Frankreich vor und das ganze Konzept mit Getreide, Gemüse und Fisch, wie auch die Überlegung für Landwirtschaftliche Geräte aus Deutschland zu kaufen. Hannes sprach die zwei Prototypen Felder an und das sich morgen alle Bauern dort einfinden sollten. Sylvie würde ihnen dort die Grundlagen der Agronomie zeigen. Die Brachliegende Felder wurden angesprochen und das Samnang Duong diese für jenes Kollektiv kaufen werde. Jegliche Unterstützung von Seiten der ODHI wurde zugesagt. Immer wieder gab es viel Applaus für die Worte.

Asger brachte die Tafeln auf die Bühne und Sylvie erklärte ihre Grafiken, die Hannes übersetze. Wieder gab es viel Applaus.

Asger erklärte die Situation mit den Grundstücken an der anderen Tafel und bat um Hilfe bei der Zuordnung von ungeklärten Felder. Dies könnte nach der Veranstaltung mit Ihm und Yupa Ngampho im ersten Klassenzimmer geklärt werden.

Hannes sprach die Bauern an, die Maschinen hatten. Auch dort sollte eine Registrierung der Geräte im zweiten Klassenzimmer erfolgen. Er, Levi und Patricia würden dies alles Notieren.

Nun kam der Punkt, der Sprichwörtlich die Spreu vom Weizen trennte: Die Eigenleistung  in Form von Geld oder Arbeit. Hannes fand ganz klare Worte dafür. Nichts sei umsonst, alles Eingebrachte Geld und Leistung würde zurück in die Genossenschaft fließen. Am Wochenende würde ein Plan mit verschiedenen Internationalen Institutionen ausgearbeitet werden. Es wurde wie zu erwarten ruhiger auf dem Platz. Hatte Hannes zu heftige Worte benutzt?

Levi kam auf die Bühne und sprach in seiner gewohnten Oberlehrer Art über Marxismus und das jedes Mitglied in diesem Kollektiv gleichgestellt sei.
Levi konnte einem Inuit einen Kühlschrank verkaufen! Sein Art Dinge Begreiflich zu machen, war die gleiche wie bei Patricia – Lehrer eben.
Viele Zuhörer fingen an zu klatschen bei den Worten von Oberschuldirektor Levi Flacks.
Zum Abschluss sprach nochmals Samnang und versprach alles nur Mögliche zu tun um dieser Provinz zu helfen, sie habe vollstes Vertrauen in die Europäern und rief die bis jetzt geleisteten Projekte ins Gedächtnis der Zuhörer zurück. Punkt für Samnang. Wieder sehr viel Applaus.

Im ersten Klassenzimmer war ein  stärkerer Andrang als erwartet. Rithisak sprang sofort ein und half Flächen zu markieren, beschriften und nummerieren.

Im zweiten Klassenzimmer war es mitunter schwierig irgendein Vehikel oder Konstruktionen in Kategorien
einzuordnen. Es wurde erklärt was wie aussah und für was dieses Dings war. Bei der Spalte Traktoren wussten Levi und Patricia auch nicht immer was sie dort hinschreiben sollten. Alles was kurios schien wurde zu Hannes geschickt. Vieles konnte er sich mit viel Phantasie vorstellen, oft erkannte er nicht was die Beschreibung des Bauern bei einem Traktor oder Gerät auch nur im sehr weitläufig entfernten Sinn sein konnte, was er als Traktor, Pfug oder Grubber kannte.

Alle Adressen wurden aufgenommen um sich vor Ort ein Bild von zusammen geschweißtem Metal zu machen.

Bourey übernahm den Part der Registrierung der Mitglieder. Die Liste für dieses Kollektiv füllte sich sehr langsam. Bei 23 Namen auf der Liste sah, Bourey zu Hannes und zog die Schultern hoch.
„Erwarte noch nicht zu viel, mein Freund.“

In Wahrheit war Hannes sehr traurig über so wenig Zusagen. Samnang erkannte die Lage sofort und sprach in Gruppen zu den Männern und Frauen. Nichts sei heute verbindlich, aber es wäre für alle doch eine Chance auf ein besseres Leben. Der Grundstock sei doch schon in Arbeit. Jeder in der Provinz kenne die Europäer nun schon so lange und sollte ihnen doch auch Vertrauen.
Viele skeptische Blicke von den Bauern. Hannes hörte den Gespräche von den Bauern zu, wenn er sich wieder ein Vehikel für die Feldarbeit vorstellen musste.

Über die Lautsprecher ertönte die Stimme von Kosal. Hannes sah fragend zu Patricia auf seiner linken Seite und zu Bourey auf seiner rechten Seite. Kosal bat alle auf den Platz zu kommen. „Was kommt jetzt?“ Hannes sah geschockt zu Patricia. „Ich weiß es nicht, ma Chérie. Lassen wir uns überraschen. Kommt, wir gehen vor die Tür.“

Kosal stand wie eine Eiche auf der Bühne. Seine Stimme war klar und fest. „Ich bin Kosal Thehary aus Basak und fahre seit über drei Jahren Bagger bei ODHI. Borsa mneak del mean ko, ist mein Chef und der beste Mensch den ich kenne! Durch ihn habe ich guten Lohn und kann mir neue Kleider kaufen. Durch ihn können meine Kinder in die Schule nach Svay Rieng gehen und durch ihn habe ich ein gutes Haus! Ich kenne Borsa mneak del mean ko nun so viele Jahre und nie hat er seine Liebe zu diesem Land und seinen Einwohner verloren. Er macht sich viele Gedanken um unser Volk! Er kämpft mit Gouverneure für gute Verträge, baut Schulen auf und gibt Hunderten Menschen Arbeit! Er hat viele Briefe geschrieben und mit Politiker, Banken und Hilfsorganisationen in Europa gesprochen, um Kapital für eine Genossenschaft zu bekommen! Ist euch die Zahl: Eine Milliarde Riel überhaupt bewusst?“
„Ups. Dies hätte er nicht sagen dürfen“ sagte Patricia in die Gruppe, die am Eingang stand und den Worten von Kosal zuhörte.
„Schaut euch doch mal um was sich in drei Jahren alles verändert hat! Alle Mitarbeiter bei ODHI haben ein besseres Leben als ihr! Ich kann offen sagen, dass ich eine Million Riel im Monat verdiene. Habt ihr auch so viel Geld? Glaube ich nicht! Seht euch doch mal an. Lumpen tragt ihr! Kambodschaner, ich bin böse, wütend und enttäuscht von euch! Die Europäer helfen uns täglich für ein besseres Leben. Sie lernen eure Kindern lesen und schreiben, und dies alles umsonst! Ich muss für meine Kinder bezahlen und die haben nicht so gute Lehrer wie eure Kinder! Ja, schaut ruhig! Die Lehrer sind so gut, dass sie auch noch für das Ministerium in Phnom Penh arbeiten. Die Direktorin fährt sogar in eure Dörfer um den Kindern etwas beizubringen! Keine Schule in Kambodscha macht so etwas! Seht ihr dies nicht? Begreift ihr immer noch nicht, wie viel Glück ihr durch die Europäer habt? Ihr steht vor einem Schulgebäude das schöner ist als die Universität in Svay Rieng. Ihr könnt hier zum Doktor gehen und müsst nicht alles selbst bezahlen! Habt ihr auch nur einmal daran gedacht, wer den Doktor und Medikament bezahlt? 
Was wollt ihr noch? Gestern haben wir zusammen einen Fischteich in Basak ausgemessen, den wir dort bauen werden. Unser Ort könnte dies nie bezahlen! Mein Chef hilft auch diesen Menschen für ein besseres Leben. Die schöne Frau aus Frankreich macht sich viele Gedanken wie ihr bessere Erträge für euer Getreide bekommt und ihr habt nun Angst vor der Zukunft! Wollt ihr alles umsonst und nicht dafür tun? Wo ist euer Stolz? Wo ist euer Wille für eine Veränderung? Ich schäme mich für euch! Alle Bewohner von Kampang Rou, Khum Nhour, Khsaetr, Sama oder Samlei haben die Veränderungen in ihren Orten gesehen. Ihr alle habt schon Wasser in euren Häusern. In meinem Ort wurden wir erst letztes Jahr fertig. Bin ich deswegen traurig? Nein! Ich helfe meinem Land, meinem Volk und der Zukunft von meinen Kindern. Ich bin wütend auf euch, weil ihr lieber im Dreck sitzt und nicht wisst wie ihr eure Kinder ernähren könnt! Hier sind Menschen aus Europa die für eure Zukunft arbeiten und sich viele Gedanken machen und ihr wollt alles haben, aber nichts geben! Ich schäme mich für euch!“

Alle Europäer, die Kosal verstanden hatten, brauchten ein paar Momente um die Rede von ihm sacken zu lassen. Patricia fand als erstes die Worte. „Wow! Das hat gesessen!“ Asger, Clodette, Hannes und Levi stimmten ihr zu.
Kosal kam auf die Gruppe Europäer zu und verbeugte sich nach asiatischer Art vor jedem, drehte sich um und wollte gehen. Hannes packte Kosal am Arm. „Bleib“, mehr konnte er immer noch nicht sagen.

Patricia nahm die Hände von Kosal und gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Danke, Kosal. Danke das du uns so siehst.“ Kosal verbeugte sich erneut vor Patricia. „Du bist ein wunderbarer Mensch. Ihr alle seid wunderbare Menschen. Ich bin sehr stolz auf euch.“

Der Geräuschpegel auf dem Platz wurde wieder lauter. Nun fingen die Diskussionen über Kosals Rede an. Ein Bauer stand nur wenige Meter von ihnen entfernt und rief wütend von wem den nun das Geld für diese Genossenschaft kommt. Patricia nickte Hannes zu. „Dein Auftritt, ma Chérie.“

Hannes stand wieder auf der Bühne und bat um Ruhe. „Das Geld kommt von mit!“ Mit einem Schlag war auf dem „Europa Platz“ kein Geräusch war mehr zu hören. Hannes schaute sich die Menschen vor der Bühne an. Ruhig stand er auf der Bühne und sah in die Gesichter der Menschen vor ihm. Innerlich war er am kochen. Er nahm zwei Mal tief Luft und sprach weiter. „Seit drei Jahren mache ich mir Gedanken, wie ich euer Leben noch verbessern kann. Kosal hat recht, was er euch sagte. Ihr habt Wasser, Medizinische Versorgung, Schulen und bessere Straßen bekommen. Dies alles reicht mir nicht! Ich will die Lebensmittelknappheit und eure Gesundheit verbessern – euch allen ein besseres Leben ermöglichen! So stellte ich meine Idee vielen Hilfsorganisationen vor und habe in nur wenigen Tagen über eine Million US-Dollar auf einem Konto bei der National Bank of Cambodia. Auf der ganzen Welt wird an ein Projekt geglaubt, dass es in dieser Größenordnung noch nie gab! Die Europäer, die heute hier sind glauben an dieses Projekt und unterstützen mich. Ich wurde gefragt ob ich in die Politik gehen möchte um den zukünftigen Gouverneur für die Provinz Svay Rieng zu werden – ich sagte Nein. Frau Samnang Duong denkt wie ich und daher möchte ich sie als Gouverneurin für euch. Wir Europäer unterstützen sie für die Wahl zur Gouverneurin. Sie hilft uns und wir helfen ihr! Was Samnang vorhin mit dem Geld und den Verträgen sagte, waren und sind meine Worte.“ „Und warum lügt sie uns an?“ Rief einer der Bauern in der vierten Reihe. Hannes ballte die Faust und sah den Bauer direkt an. „Samnang lügt nicht! Ich habe gesagt, dass es meine Worte sind, die sie euch gesagt hat – mehr nicht! Um eine solche Idee über Trockenfeldanbau und Agrarkollektiv auch umsetzen zu können, muss man sich auf der Welt und besonders in Kambodscha mit Politik auskennen. Wir Europäer kennen die vielen Zusammenhänge und wir arbeiten besser im Hintergrund als in der Öffentlichkeit. Sag mir bitte, wo Samnang gelogen hat?“ Der Bauer sah nach links und rechts zu seinen Kollegen. Er suchte Unterstützer für seine Meinung, fand aber niemand der ihm zustimme.

„Ihr habt die Karten mit den Grundstücken gesehen. Mit vielen Leuten haben wir dies über Tage zusammen gesucht und ausgewertet. Frau Morel tut alles um für euch Getreide und Gemüse anzubauen. Frau de Rosa und Herr de Santis sind aus Italien und arbeiten für die UN. Sie und ich werden mit der Regierung in Phnom Penh über die Grundstücke verhandeln. Dieses Geld bleibt in der Provinz Svay Rieng. Dies ist meine Bedingungen an die Regierung. Glaubt ihr, diese Verhandlungen werden einfach? Viele Politiker in Kambodscha sind Korrupt und denken nur an sich. Auf diesem Platz gibt es nur eine Handvoll Kambodschaner die die Zusammenhänge von Hilfe, Politik und Wirtschaft verstehen!“ Hannes machte eine Pause, um seinen Worte Nachdruck zu verleihen.

„Der Lehrer Levi Flacks hat euch den Aufbau dieser Genossenschaft erklärt. Am Wochenende weden seine Gedanken mit vielen klugen Köpfen besprochen, wie wir für euch alle eine Gerechtigkeit im Marxismus hinbekommen. Menschen, Politiker, Hilfsorganisationen auf der ganzen Welt glauben an meine Idee und ihr habt Angst das ich – oder wir euch etwas wegnehmen! Es tut mir im Herz weh, dass ihr so wenig Vertrauen zu uns habt! Wenn ihr der Meinung seid, dass Samnang lügt oder wir euch durch dieses Agrarkollektiv benachteiligen wollte – dann sagt es jetzt! Noch bestimme ich über dieses unglaublich viele Geld für diese Genossenschaft. Ich kann auch jetzt und sofort die Idee zu diesem Agrarkollektiv zurück ziehen! Mein Direktor in Frankreich wollte mir zu meiner Hochzeit als Geschenk die Gesamtleistung für Hilfsprojekte in Westafrika geben – ich lehnte dankend ab, weil mein Herz an Kambodscha hängt. Dies kann sich aber auch heute, mit eurem Misstrauen gegen mich ändern und ich kann mit dem Team, dass euch heute meine Idee vorgestellt hat, auch dieses Projekt in Nigeria umsetzen! Es gibt viele Menschen auf dieser Welt die Hilfe brauchen.“

Hannes trat von der Bühne und sah anerkennende Blicke seiner Freunde. Er trat auf Samnang zu und sah sie enttäuscht an. „Samnang, tut mir leid, dass ich die Wahrheit gesagt habe. Ich wollte es nie publik machen.“ „Nun wissen sie es. Meine Haltung wird sich dir und euch gegenüber nicht ändern. Wir haben angefangen und gehen diesen Weg weiter – egal wie nun die Konsequenzen sein werden. Es wäre uns eine große Ehre, wenn wir euch als Mitglieder in der Partei begrüßen dürften.“ „Ich bin dabei“ sagte der Seebär Asger zu Samnang und reichte ihr sein überdimensionale Hand. Patricia und Hannes taten es Asger gleich. „Wir auch“ sagte Patricia.
„Ich kenne das Parteiprogramm noch nicht“ sagte Levi. Rithisak stelle sogleich Levi und Clodette die Agenda von der Partei vor.
An diesem Abend hatte die Partei von Samnang Duong fünf neue Mitglieder. Levi würde sich um eine vernünftige Öffentlichkeitsarbeit und Statuten kümmern.

In den beiden Klassenzimmer saßen sie zusammen und warteten auf die Entscheidungen der Zuhörer. Samnang und Rithisak wollten mit den Leuten reden. Levi verweigerte dies. „Samnang, lasst sie! Sie sollen sich jetzt selbst ihre Meinung bilden. Samnang, ich verstehe dich, du willst jetzt für diese Provinz kämpfen – nur bringt ein Kampf nichts, wenn die Leute nicht bereit sind. Entweder sie kommen von selbst auf dich zu oder nicht.“ Samnang sah enttäuscht zu Levi und nickte leicht.

Bourey packte Hannes am Arm und fragte ob der Monatslohn von Kosal stimmte. „Nein! Er hat fast das doppelte.“ Bourey ries die Augen auf.
„Was soll ich dir sagen? Gute Mitarbeiter bekommen bei uns gutes Geld. Kosal ist einer der besten Baggerfahrer bei uns und mittlerweile auch Vorarbeiter. Mir ist durchaus bewusst, dass viele Kambodschaner Kosals Monatslohn nicht in einem Jahr verdienen.“

Die ersten Bauern kamen an den Tisch von Bourey um sich registrieren zu lassen. Beschämt sahen einige zu Hannes und Samnang.
Jeder der sich registrierte wurde gebeten morgen um 10 Uhr an dem zweiten Prototypen Feld zu sein.
„Samnang, hier hast du deine Kämpfer“ sagte Leve zu ihr, als er die vielen Blätter mit den Namen der Bauern in seiner Hand hielt. „Danke Levi. Du hattest recht.“

Um 21 Uhr war die Veranstaltung zu Ende. Im ersten Klassenzimmer saßen noch alle zusammen um ein Resümee von der Veranstaltung zu ziehen. Auf der Liste der registrierten Bauern standen 158 Namen. Yupa konnte einige neue Zuordnungen der Grundstücke vorbringen. Auf den Blättern von Levi, Patricia und Hannes war großes Chaos bei der Zuordnung von Maschinen und Geräten. Asger las die Notizen bei Ackergeräte und schüttelte den Kopf. Er fragte Patricia was sie den dort aufgeschrieben hätte. Sie zog die Schultern hoch.
„Wir müssen uns vor Ort selbst ein Bild von dieser zwei Meter runden Trommel mit Schaufeln, zwei Räder und Zuggabel machen.“ Hannes nickte dem Vorschlag von Asger zu. Auch er konnte sich bei einigen Notizen nichts vorstellen. Schließlich konnte dieses Ding alles mögliche sein.

Samnang bedankte sich für diese Wahlkampfveranstaltung und fragte, ob sie bei der Ausarbeitung zu dem Kollektiv zugegen sein dürfte.
„Selbstverständlich. Wir wollen uns am Samstag Vormittag im Büro von ODHI in Kâmpóng Trâbêk treffen. Am Abend möchte ich grillen. Rithisak komm du dann auch mit. Yupa ist sowieso schon eingeladen. Wir haben im Büro noch einige Zimmer frei zum übernachten.“

Den beiden Italiener waren die DIN A0 Fotos von Patricia und Hannes aufgefallen, so erklärte Hannes den beiden wie es zu diesen Fotos gekommen war. Ganz erstaunt fragte Ilaria „Du hast den Französischen Verdienstorden bekommen?“ „Ja. Meine Frau, Clodette, Levi und noch drei weitere Personen aus unseren Teams. ODHI wurde auch mehrfach ausgezeichnet.“ „Respekt. Ich dachte, dass ich mit dem UNTAC Einsatz schon viel für andere Menschen mache. Dies ist nichts gegen euch.“ „Ilaria, es geht nicht darum wer wieviel macht, hauptsache es gibt Menschen die  überhaupt etwas machen! Die Not, Elend und Armut ist auf dieser Welt so unglaublich groß. Wir tun was geht und ist trotzdem zu wenig. Ich wollte vorhin nicht so klare Worte sagen, Kosal hat sich aber bei dem Geld versprochen. Nun wissen die Menschen etwas mehr über die Politik. Ich bin mal gespannt wie viele Bauern morgen kommen werde. 158 Namen sind ja auch nicht verbindlich. Wenn die Leute heute nicht begriffen haben um was es geht, ist dieses Projekt vorbei – tut mir leid Sylvie. Wir beide und ein paar Arbeiter können dieses Projekt nicht stemmen.“ „Hannes, ich verstehe deinen Unmut. Clodette hat uns drei dummen Europäer ja sehr gut die Rede von Kosal und dir übersetzt. Wir warten auf Morgen, wenn sie es nicht verstanden haben, braucht es vielleicht noch einmal eine Infoveranstaltung.“ „Noch eine Infoveranstaltung? Levi hat die Struktur dieses Agrarkollektive bis in den Molekularen Bereich erklärt. Hätte er noch weiter ausgeholt, wären wir bei der Entstehung der Erde angekommen!“
Levi lachte und boxte Hannes gegen den Oberarm.
„Ma Chérie, es ist gut jetzt. Ihr habt alles getan was nötig war. Kosals Rede war offen und ehrlich. Niemand von uns hätte dies so deutlich gesagt. Kommt, wir fahren ins Hotel, ich habe Hunger.“ „Hotel ist gut! Wir wollten morgen Vormittag gerne dabei sein, wenn die Bauern kommen“ sagte Ilaria. „Danke. Bei uns im Hotel ist noch Platz. Lasst uns Essen gehen, ich lade euch alle ein.“ „Oh, der Chef ist heute großzügig.“ Hannes boxte Asger. „Und auch enttäuscht. Auf geht’s. Wir machen Schluss für heute.“

Im Hotel bestellte Patricia das Essen für die Freunde und machte auch noch zwei Zimmer für Ilaria und Paolo klar.

Im Büro checkte Hannes noch Mails und Faxe. Von Chenda kamen am Nachmittag noch zwei Dutzend Blätter. Beim überfliegen sah er schon genügend neue Probleme. Coady hatte nicht annähernd eine Vorstellung, was auf sie noch zukommt! Hannes schickte die Faxe an Coady und Stephane weiter.

„Du arbeitest auch viele Stunden“ sagte Paolo, der an der geöffneten Tür zum Büro stand.

„Ja. Ich habe oft sehr lange Tage. Komm doch herein. Im Bad steht eine Notfall Hygienebox, da ist alles drin, was ihr eventuell braucht.“ „Cool. Zahnbürste wäre schon toll.“ „Alles in der Box. Wir haben oft kurzentschlossene Übernachtungen von Freunde oder Kollegen – daher eben die Box.“
Hannes las noch die Mail von Klaus Wiedmann. Dieser Mann war schnell mit seinem Angebot. Fotos von Mähdrescher, Traktoren und Anbaugeräte hatte er auch angehängt.
Sein Mobiltelefon klingelte. „Chenda, ich höre.“ „Nein, Hudson. Chenda braucht etwas ruhe.“ „Hudson, was ist los?“ „Alles gut! Chef – es ist alles gut. Ich gebe dir jetzt den Status der letzten Tage.“
Hudson erzählen von den letzten zwei Tage und bestätigte, dass es die gleichen Verhältnisse sind, wie damals in Kampang Rou. Es gäbe viele kranke Menschen in den Ortschaften. Die Ärzte im Krankenhaus in Kampong Trach hätten keine Mittel um die Menschen zu impfen. Gestern wäre ein Kind gestorben und Chenda hätte dadurch die letzte Nacht nicht geschlafen. Paolo hörte den Ausführungen von Hudson regungslos zu.
„Hudson! Es ist alles gut? Hast du ne Macke? Chenda ist fix und fertig bei dem Tod von dem Kind! Wenn sie an ihre Grenze kommt, brecht ab! Kommt zurück! Ich brauche Chenda noch!“ „Ich mache weiter“ Chenda war nun am Telefon. „Ich habe es dir versprochen. Hudson ist bei mir und hilft mir auch unglaublich viel. Wir schaffen das.“ „Okay. Kommt am Samstag Vormittag ins Büro nach Kâmpóng Trâbêk. Wenn du nicht mehr kannst – brech heute schon ab. Ihr beide habt schon unglaublich viele Informationen mit denen wir arbeiten können. Chenda, du musst mir nichts beweisen! Du hast in den letzten Tagen unglaublich viel gearbeitet. Bitte übertreibe es nicht! Ich weiß wie sehr der Tod von einem Kind im Herzen weh tut. Ich brauche dich als Projektleiterin mit klaren Kopf und keine Chenda mit gebrochenem Herz.“
„Danke Chef. Lass uns bis Freitag hier. Dann kommen wir nach Hause.“ „Okay. Ich schicke jetzt noch eine Mail mit euren Recherche an Reto. Er soll die WHO in Neu Delhi kontaktieren und schon mal 4.000 Ampullen Impfstoff bestellen.“ „Reicht für die beiden Provinzen nicht. Du brauchst das vierfache.“ „Chenda, ich brauche auch Ärzte für die Impfungen. Schreib mir noch bitte die Adressen der Krankenhäuser auf. Chenda, Hudson, ich danke euch.“

Paolo saß immer noch regungslos an dem anderen Schreibtisch „Darf ich fragen um was es geht?“ „Natürlich. Humanitäre Hilfe in ihrem ganzen Spektrum: Armut, Tod, Müll, Unterernährung, Hepatitis E und ganz nebenbei noch um Betrug von weit mehr als zwei Millionen Dollar. Paolo, die Gründung für ein Agrarkollektiv ist ein Kinderkarussell gegen das was mal wieder auf mich zu kommt. Nur weil ich Depp dem Leiter der Weltbank gesagt habe, ich schaue mir seine Sorgenprojekte im Ordner an! Nun haben wir das Ding auch noch an der Backe. Komm wir gehen Essen. Sonst bekomme ich geschimpft. Denk daran – nicht heiraten.“ „Und Finger weg von Coco Chanel, ich weiß.“ „Du lernst schnell. Ist man von Italienern gar nicht gewohnt.“ „Grazie. Mit Coco Chanel spicht du bestimmt von den Kleider, die deine Frau auf den Fotos trägt.“ „Ja. Das blaue Kleid war eigentlich für den Staatsbankett und wurde auch noch das Hochzeitskleid. Die beiden anderen kaufte Patricia selbst. Frag nicht nach dem Preis!“

Paolo grinste ihn an, als beide die Treppe zum Speisesaal herunter gingen. „Du bist voll cool. In der Zeit, die ich in Kambodscha bin, traf ich ausschließlich Vollidioten von UNTAC. Ich verstehe dich nun immer besser, warum du deine Projekte selbst durchziehst.“  „Signor de Santis, du lernt schnell. Ich könnte dich locker bei anderen Organisationen unterbringen.“ „Das ist jetzt nicht nur so ein Spruch?“ „Nein. Wenn du willst, könnte ich dir einen Job bei der Weltbank besorgen. Bei uns könntest du auch arbeiten. Es kommt bald großes auf ODHI zu.“
Paolo sah ihn mit großen Augen an.
„Ein Staudamm Projekt von über 100 Millionen Dollar.“
Paolo blieb im Schritt stehen und sah Hannes ungläubig an. „Erklärte ich dir noch. Paolo, was du mir von deinen Gedanken über die Makroökonomie gesagt hast, wärst du der Mann für mich.“

Zum Glück waren sie nicht die letzten im Speisesaal. Patricia und Sylvie waren noch nicht da. Den Anschiss hatte er sich dann schon mal gespart. Beim warten auf das Essen erzählte Hannes von dem Staudamm Projekt in Kampong Chhnang und den zwei neuen Projekte in den Provinzen Kampot und Takeo. Paolo saugte jedes Wort von Hannes auf.
„Am Wochenende lernst du noch ein paar Ingenieure, Teamleiter und Mitarbeiter von ODHI kennen. Wir sind eine sehr coole Truppe und du würdest dazu passen – Ilaria übrigens auch! Nur müsstet oder solltet ihr noch Khmer lernen. Ohne die Sprache zu können ist es schwierig Dinge voran zu bringen. Dies hat leider bei UNTAC noch keiner begriffen.“
Paolo nickte und sah Hannes nachdenklich an. „Was hast du überhaupt studiert?“ „Nichts! Ich bin Baggerfahrer.“
„Ja, ja. Verarschen kann ich mich selbst.“

Das Essen kam und Frau Lefévre war immer noch nicht zugegen, sie hatte doch das Essen bestellt. Hannes rief von dem Telefon in der Halle auf ihr Zimmer an.
„Wir kommen gleich.“ War die Antwort von einem sehr knappen Telefonat.
Zurück am Tisch erzählte Hannes seinen Aufstieg in der Humanitären Hilfe.
„Das glaube ich jetzt alles nicht!“ Sagte Paolo und Ilaria fast gleichzeitig.
„Fragt den großen Seebär da drüben. Er ist mit Schuld an all dem was ich heute mache.“

Endlich wurde die Runde mit der Anwesenheit von Frau Lefévre und Frau Morel beglückt. Die Gespräche in dieser Internationalen Gruppe wurden auf Khmer, Englisch und Französisch geführt.
Yupa machte an dem Abend einige sehr gute Vorschläge für das Kollektiv. Bourey brachte auch noch Ideen ein und so wurde wieder zuviel über die Arbeit gesprochen. Yupa wäre die ideale Besetzung für das ODHI Büro in Svay Rieng und in der Geschäftsführung von der Genossenschaft. Nur wollte er über sie den Kontakt zum Rathaus nicht abbrechen. Obwohl – wenn Samnang Gouverneurin wäre, stünde der Kontakt ja wieder.

Hannes setzt sich vier Stühle weiter zu Asger und sprach über seine Gedanken zu Yupa mit ihm auf Deutsch. Asger nickte „Das Mädchen ist Top! Sie würde zu uns passen. Sag ihr deine Gedanken. Du hast die Grundstücksfrage doch an UNTAC abgegeben, was willst du noch im Rathaus?“
Hannes verzog dem Mund, er war hin und hergerissen. Er sprach nun seine Gedanken auch bei Ilaria und Paolo an. „Mit den Grundstücken bekommen wir das über UNTAC hin. Mach dir keine Gedanken. Ich bin die Abteilungsleiterin und gebe dir mein Wort.“
Er sprach wieder zu Asger. „Was, wenn Samnang die Wahl nicht gewinnt?“ Nun sah Asger ihn ratlos an.
„Du Yupa – der Chef und ich haben da so ein paar Gedanken….“ Yupa sah zu Asger. Asger zu Hannes „Nun sag was.“ „Ich? Du hast angefangen!“ Asger kratzte sich am Kopf. „Äh, also – ich und der Chef…“  „Ja. Du und der Chef. So weit konnte ich bis jetzt folgen.“ „Also. Wir. Ich und der Chef, habe uns gedacht – mehr der Chef als ich…“ An den zwei Tischen hörte jeder gespannt auf das was irgendwann einmal von Asger ausgesprochen würde. „…Nun könnte ja auch der Chef mal etwas sagen“, dabei sah Asger sehr herausfordernd zu Hannes, der sich gerade erhob. „Mach dir keine Gedanken. Ich geh mir nur ein Bier holen, du hast angefangen. Dann bring es nun auch zu Ende.“ „Äh, ja. Dann muss ich nochmal von vorne anfa…“ „Nicht nötig! Du und der Chef, war schon dreimal der Anfang.“ Alle am Tisch lachten bei dem was Yupa sagte. „…Ja. Genau. Schon dreimal? Sieh mal an!“
Hannes kam mit einer Flasche Bier von der Theke zurück und grinste. „Yupa, was Asger sagen möchte ist ganz einfach:  möchtest du für ODHI arbeiten? Du bist taff, intelligent und engagiert. Meine Bedenken sind nur, wenn du für uns arbeitest, wäre der Kontakt zum Rathaus eingeschränkter. Natürlich wäre bei Samnang für uns alles wieder offen, nur hat sie die Wahl noch nicht gewonnen.“
„Danke Chef“ sagte Asger erleichtert. „Gerne. Vorstellungsgespräche müssen wir beide noch üben, mein großer Seebär. Yupa, wir bräuchten noch so einige gute Mitarbeiter. Rithisak bekomme ich nicht. Da entzieht der Major mir die Freundschaft.“ „Ich kann mich erinnern, dass du schon einige gute Soldaten von mir bekommen hast.“
Hannes verbeugte sich in asiatischer Höflichkeit bei Bourey. „Dies habe ich nicht vergessen, Herr Major. Yupa, wenn morgen die Bauern auf die Felder kommen und wir dieses Agrarkollektiv gründen können, braucht es auch fähige Leute an der Spitze. Du bist aus dieser Provinz und kennst dich aus. Wir, da schließe ich Sylvie mit ein, können einen Grundstock von über einer Million Dollar nicht in die Hände von Bauern geben! Du kennst dieses ganze Konzept und weißt auch welche Macht hinter dir – uns, steht. Ich würde als Aufsichtsrat, wobei es ja keine AG im rechtlichen Sinn geben wird, aber nennen wir es mal Aufsichtsrat, gerne Samnang, Sylvie und Levi sehen.“ „Warum nicht auch du?“ Fragte Levi.
„Ich habe genügend Baustellen!“ „Es ist dein Projekt! Deine Idee! Da willst du dich ausklinken?“ Levi schüttelte den Kopf. „Samnang, sag du deine Meinung. Wenn wir schon diese Aufgaben übernehmen, sollte auch Hannes zu den Verantwortlichen gehören.“ „Levi hat recht. Hannes, es ist dein Projekt. Dein Herzblut. Du solltest auf jeden Fall Mitspracherecht haben. Lass uns morgen auch darüber reden. Die Mitglieder werden es auch so sehen.“
Hannes merkte, dass er gegen Levi und Samnang nicht mehr ankam. Sie wollten ihn im Vorstand sehen. „Bei allem Respekt, bist du dir sicher, dass morgen die Bauern kommen? Wenn es wirklich so kommt, wie wir es theoretisch durchgesprochen haben, hätte diese Genossenschaft einen sehr guten Vorstand und ich würde dann auch dazugehören. Zufrieden?“

Die Übersetzung von Khmer auf Englisch – damit Ilaria, Paolo und Sylvie die Unterhaltung verstanden, war für Clodette und Patricia mittlerweile Nebensache geworden. Es wurde Geplaudert wie beim Kaffeeklatsch mit den Freundinnen.

Es war schon bald wieder Mitternacht bis
Patricia und Hannes im Zimmer ware. „Was ist das?“ Fragte er beim Anblick von dem Chaos in ihrem Zimmer.
„Och, ich habe mit Sylvie etwas herum gespielt. Was hälst du davon?“ „Phu, ja. Wenn ihr meint. Macht doch einen Schritt nach dem anderen, bevor ihr euch über Gemüsefelder und Schulunterricht Gedanken macht. Warte doch erstmal ab, wer heute von den Bauern überhaupt kommt. Mit einer Handvoll Leuten brauche ich nicht anzufangen. Weder im Trockenfeldanbau noch mit dem Agrarkollektiv. Lass uns nun schlafen.“
„Ja, lass uns schlafen.“ „Warum sagst du das so?“  „Was?“ „Lass uns schlafen.“
„Hä? Spreche ich eine andere Sprache als Monsieur?“ „Man kann schlafen sagen und schlafen sagen.“ „Was? Hat sich in den letzten zwei Minuten irgendwie dein Hirn aufgelöst? Wollen wir jetzt eine Diskussion über schlaf halten oder es auch tun?“
„Was?“ „SCHLAFEN!“ „Meine Güte, bist du empfindlich.“
Patricia nahm tief Luft und hatte ihren: ich könnte dich erwürgen Blick in den Augen. Jetzt noch etwas zu sagen, könnte schwerwiegende Folgen nach sich ziehen. So ging er doch lieber duschen und war aus dem Gefahrenbereich von Madame Lefévre.

Patricia kam ins Bad zu ihm in die Dusche und streichelte seinen Rücken. Sie gab ihm einen Kuss auf die Schulter und griff ihm in den Schritt. „Ich will jetzt keine Diskussion über die Konjugation des Verb schlafen führen!“ „Oui Madame.“

Nach einer wieder zu kurzen Nacht klingelte um 6.30 Uhr der Wecker. Verschlafen sagte Patricia „Ma Chérie, dreh die Zeit zurück.“ „Bis wo hin? Beim duschen oder nach den duschen?“ „Egal. Es war beides sehr schön mit dir zu schlafen.“
Immer diese Seitenhiebe von Patricia. Er gab ihr einen Kuss. „Ich liebe dich. Madame Lefévre.“

Um 8 Uhr waren alle im Speisesaal. Asger saß links von Hannes. Ilaria, Paolo und Sylvie saß ihnen gegenüber. Sylvie legte den Kopf zur Seite und sah abwechselnd zu ihm und Patricia.
„Ihr seht irgendwie nicht ausgeschlafen aus.“ „Ich war duschen.“ „So?“ „JA! Und ja, ich hatte mit meiner Frau eine angenehme Nacht. Beim duschen und auch danach. Zufrieden?“ Alle am Tisch grinsten.
„Zuvor hatten wir eine Diskussion über das Verb schlafen.“
Patricia wuschelte ihm die Haare. Sogleich begann eine Diskussion über das Wort schlafen und wie man dies in dänisch, französisch und italienisch auch sagen konnte.
Hannes schüttelte den Kopf. „In welche einem Irrenhaus bin ich hier gelandet?“

Um 8.45 Uhr kam Samnang und Yupa in den Speisesaal. Sie grüßten alle in der Runde. Yupa setzte sich ans Kopfende neben Asger.
„Asger, Hannes, ich habe mir gestern Abend noch Gedanken über euer Angebot gemacht. Ich würde es gerne machen.“  Asger grinste breit und Hannes nickte ihr zu. „Danke. Leute wie dich brauche wir bei ODHI.“ Yupa legte den Kopf zur Seite und sah Hannes an. „Dankeschön. Ich hatte eigentlich den anderen Job gemeint. Du glaubst immer noch nicht an dieses Kollektiv?“ Hannes zog die Schultern hoch und sah sie ratlos an. „In einer Stunde werden wir es wissen.“ Yupa nickte.

Im Büro druckte Hannes noch die Fotos von Klaus Wiedmann aus. Bei den Typenbezeichnungen von den Mähdrescher brauchte er den Rat von jemand, der sich mit solchen Maschinen auskannte.
CLAAS Mercator 75, CLAAS Dominator 85, CLAAS Dominator 48 S, CLAAS Dominator 56, CLAAS Dominator 96 oder CLAAS Dominator 105 waren für ihn Böhmische Dörfer.

Hannes beantwortete die Mail von Klaus Wiedmann und bedankte sich für die Angebote. Er würde sich telefonisch melden, wenn er absehen könnte ob dieses Agrarkollektiv überhaupt zustande kommt.

Gedankenverloren sah Hannes aus den Fenster im Büro.
„Die Bauern kommen!“ Er dreht sich mit dem Bürostuhl um und sah Sylvie in der Tür stehen. Er wusste nicht was er sagen konnte. Sollte seine Idee an der Mutlosigkeit von den Bauern scheitern?

Kosal rief an. „Guten Morgen, Borsa mneak del mean ko, die ersten Bauern sind schon da.“ Hannes nickte Sylvie zu. „Auf geht’s.“

Patricia fuhr ihr Auto, gefolgt von Asger und dem Wagen von Samnang.
Nach der Kreuzung zu Kampang Rou standen nach zwei Minuten schon die ersten Pickup’s an der Seite. Je näher Patricia fuhr, um so mehr Menschen sah Hannes am Bagger von Kosal stehen. Sylvie fasste Hannes von der Rückbank an seine linke Schulter. „Ich habe es dir gesagt – sie kommen.“

Patricia parkte neben dem Bagger. Sie ging auf Kosal zu und gab ihm einen Kuss. „Danke für deine Worte von gestern Abend.“ Kosal verbeugte sich vor Patricia. Kosal sah wortlos zu Hannes. „Auch ich möchte dir danken. Hebe mich bitte hoch, ich möchte mit den Bauern reden.“

Hannes ging in den Baggerlöffel und Kosal hob in zwei Meter in die Höhe. Hannes sah einen Pulk an Menschen unter sich stehen. Kosal stellte den Motor ab und Hannes bat um Ruhe.
„Guten Morgen. Danke, dass ihr so zahlreich erschien seid. Ich bin ehrlich zu euch. Vor einer Stunde hatte ich keine Hoffnung für dieses Projekt! Nun sehe ich euch hier an dem Feld stehen und es zeigt mir, dass ihr offensichtlich doch Vertrauen in uns habt. Wir hatten euch gestern alles gesagt, was es zu sagen gab. Heute wollen wir euch zeigen wie wir die Felder bearbeiten wollen. Wir werden euch zeigen wieviel Saat ihr aussäen müsst und auch welche Maschinen wir kaufen werden. Patricia, bitte verteil die Kopien mit den Fotos der Mähdrescher und Traktoren. Ihr alle könnt ab heute Geschichte für euer Land schreiben! Wir werden etwas schaffen, dass es in Kambodscha noch nie gab! Ich habe sehr Erfahrene Leute im Team und wir ziehen dieses Projekt gemeinsam durch! Niemand von euch wird benachteiligt! Ob ihr nun ein Feld, vier oder auch mehr habt. Ihr alle Arbeitet für eure Zukunft! Wir helfen und unterstützen euch mit Wissen, Geld und Maschinen. Seid ihr dabei?“ Großer Applaus war die Antwort. „Gut. Wir teilen uns jetzt auf. Die Hälfte kommt mit mir zu dem anderen Feld, dort werden wir Weizen einsäen.“

In der Gruppe wurde noch besprochen wer an welchem Feld blieb: Patricia, Ilaria, Sylvie und Kosal blieben an Feld Eins. Asger, Hannes und Paolo gingen den einen Kilometer mit einem Pulk an Menschen zu Feld Zwei. Samnang ging auch mit und sprach mit den Bauern über ihre Kandidatur. Punkt für sie. Diese Bauern hatte sie schon auf ihrer Seite.

Yupa fotografierte wie verrückt. Diese Fotos würden in die Geschichte eingehen. Die Bauern fragten Hannes nach den Maschinen auf den Fotos. Er erklärte ihnen den Sinn und Nutzen solcher Geräte. Tsssss, tssss, tsssss, waren die mit Abstand meist genutzten Wörter bei diesem Fußmarsch.
Am Feld hatte Kosal am Vortag mit den Mitarbeitern schon die Fläche in je einen Hecktar abgesteckt.

Asger und Hannes erklärten wie sie nun die Saat ausbringen und auch wie viel davon auf einen Hektar. Wie er es schon befürchtete, brachten die Bauern viel zu wenig Saat aus. Immer wieder beteuerte er den Bauern, das jene Kilo Zahl von Wissenschaftlern errechnet sei und diese Formel auch in Europa und Nordamerika so gehandelt würde.
In dreier Teams teilten sich Asger, Hannes und Paolo auf. Bewaffnete mit blauen Plastikeimer und Weizensaat gingen sie die Reihen ab. Hektar für Hektar wurde 150 Kilogramm Weizen gesät. Mit Schaufeln und Rechen wurde die Saat mit Erde bedeckt. Der ein oder andere Bauer sagte, dass er einen Plug hätte. Bei den Beschreibungen konnte Hannes sich alles vorstellen – für einen Pflug oder sonstigen Geräte fehlte bei dem ein oder anderen Ding seine Vorstellungskraft. Bei Einachsschlepper wusste er schon was gemeint war. Mit welchen Geräten in Kambodscha gearbeitet wurde, konnte sich in Europa kaum jemand vorstellen.

Gegen Mittag war das Feld bearbeitet und Hannes erklärte den Sinn von Schlangenlinien und Wälle in und an den Felder. Oft sah er in fragende Gesichter. Levi hätte dies um Welten besser erklären können.

Auf dem Rückweg zu der anderen Gruppe waren sehr viele positive Stimmen zu hören. Asger klopfte Hannes auf die Schulter. „Sie haben es begriffen.“ „Ja. Nun kommt der nächste Schritt. Hoffentlich werden sie es auch begreifen.“

Patricia erklärte an ihrem Feld die Idee von Sylvie und ihr, bezüglich den Gemüsefelder in Khsaetr und das sie dies in den Lehrplan der Schulen einfließen lassen wird.
„Ma Chérie, wie wäre ein Gemüsefeld zwischen Weide und Fischteich?“
„Machbar.“ „Très bien. Dann hätten wir dies auch für den Schulunterricht in Kampang Rou.“

Kosal hob Hannes wieder mit dem Bagger in die Höhe.
„Darf ich wieder um eure Aufmerksamkeit bitten!“ Hannes wartete noch einen Moment bevor er weiter sprach. „Ihr habt  nun gesehen, wie wir die Felder bearbeiten wollen und wie viel Kilo Saat gesät werden muss um den Ertrag zu steigern. Meine Frau hat es auch schon angesprochen, dass wir auch Gemüse anpflanzen werden. Einige Felder sind zu schräg um diese später mit dem Mähdrescher abzuernten, da geht die Überlegung auf Papaya Plantagen. Nächste Woche kommt ein Geologe aus Frankreich, mit ihm werden wir die Felder optimieren. Wo Wasser ist, werden wir mit den Baumaschinen für eine ordentliche Bewässerung der Felder sorgen. Wenn es mir gelingt über die Weltbank Wasserpumpen zu bekommen, können wir auch Gemüse in einer völlig neuen Größe anbauen. Durch die große Erdbewegung auf den Feldern wird so einiges an Kubikmetern Erde anfallen. Kosal hat es gestern schon gesagt, dass in Basak ein Fischteich entstehen wird. In Kampang Rou wird noch ein weiterer angelegt, eventuell auch einer in Khsaetr. Andere Ortschaften müssen wir erst die geografische Lage sehen und begutachten. Gestern Abend wurde auch über Personelle Fragen zu dem Agrarkollektiv diskutiert und wir alle kamen zu dem Ergebnis, dass Yupa Ngampho die Leitung bekommen sollte. Samnang Duong wird sich um die Vermarktung der Waren kümmern. Wenn wir in zwei Jahren einen Überschuss an Getreide haben, kann sie als Gouverneurin dieser Provinz auf dem Weltmarkt vernünftige Preise aushandeln. Ihr baut Getreide an und verkauft vielleicht 10, 12 oder sogar 20 Zentner davon, in der Genossenschaft reden wir nicht mehr von Zentner – sondern von Tonnen! Levi Flacks arbeitet als Lehrer in Kampang Rou und im Ministerium in Phnom Penh als Berater. Levi wurde vom Französischen Präsident mit einer Ehrennadel ausgezeichnet. Sylvie Morel hat Agronomie studiert und schreibt über dieses Projekt ihre Doktorarbeit. Ihr seht – ich habe mich für euch um die besten Mitbegründer für eure Zukunft bemüht.“ Hannes machte eine Pause um den Bauern Zeit zum verstehen zu geben.
Asger nutzte die Pause für sich. „Ganz nebenbei ist Boras mneak del mean ko, Träger des französischen Verdienstorden für Humanitäre Hilfe in Kambodscha! Er verhandelt mit der Weltbank, den Präsidenten von Frankreich, Belgien und Deutschland für euch. Er schaffte die Baumaschinen hierher und bemüht sich für Landwirtschaftliche Fahrzeuge. Dies sollte in der Vorstellung der Personen schon erwähnt werden.“
Ein raunen ging durch die Menge bei den Worten von Asger.
„Danke Asger. Es hätte nicht so ausführlich sein gemusst. Gut, weiter in der Gründung zu diesem Agrarkollektivs. Wir werden auch eine Zentrale in der Ebene zwischen Svay Rieng und Kampang Rou mit Büro, Werkstatt, Lagerhallen und Schuppen bauen. Auch werden wir Mechaniker brauchen. Natürlich kann ich viele Geräte in Deutschland kaufen, was wir aber selbst bauen können, sparen wir an Geld und können davon Getreidesamen, Felder, Fische oder andere Dinge kaufen. Ihr seht die großen Baumaschinen von ODHI hier am Feld. Es kommen noch zwei solche Bagger. Mit eurer Hilfe und euren Geräten können wir dieses Jahr noch viele Felder bearbeiten und nächstes Jahr haben wir eine größere Ernte. In dieser großen Gemeinschaft kann sich jeder Einbringen mit dem was er kann. Die älteren unter euch können zum Beispiel die Waren verkaufen, dafür werden wir kleine Hütten an festen Orten aufbauen und alle gleich halten. Jeder soll wissen und sehen wer wir sind. Ein Bild, eine Linie, eine Richtung. Die jüngsten unter euch können sich auf die Feldarbeit konzentrieren. Die Mitglieder mit körperlichen Beeinträchtigungen können Gemüse pflanzen und ernten. Vielleicht schaffen wir es auch eine eigene Mühle zu bauen um so Mehl oder Korn selbst zu vermarkten. Euer eigenes Mehl in den Geschäften der Umgebung wäre doch toll. Oder auch der eigene Fisch in den Geschäften und Restaurants von Svay Rieng. In dieser Gemeinschaft hat jeder Vorteile! Habt ihr dies alle verstanden?“

Nicken, Rufe und Applaus war die Antwort. „Ihr seht, wir haben viel vor um diese Genossenschaft von Anfang an so aufzustellen, dass alles vorhanden sein wird. Wer noch nicht in der Liste von gestern Abend steht, kann sich noch eintragen. Wer dieser Genossenschaft trotz allem nicht beitreten möchte, kann sich streichen. Am Wochenende werden sich kluge Köpfe zusammen setzen und alles was gestern und heute besprochen wurde, nochmals schriftlich zusammenfassen. Meine Frau hat Listen mit den Namen für die Geschäftsführung und den Vorstand bei sich, bitte gebt eure Stimmen dafür ab. Wer Mechaniker kennt oder sich dies selbst zutraut, bitte auch meiner Frau sagen. Zum Schluss möchte ich noch etwas persönliches vorbringen. Auf dieser Idee für euch steht mein Name. Ich bürge für über eine Milliarde Riel! Das war es nun von mir. Danke.“
Mit großem Applaus lies Kosal den Baggerlöffel auf die Erde.

Um den Abstand von all den Menschen zu bekommen, saß Hannes auf dem Reifen vom Bagger im Schatten. Er hatte den Kopf am Oberwagen liegen und die Augen geschlossen. Er hörte wie Samnang nochmals zu den Bauern sprach. Im Kopf ging er die Personen durch, die jetzt schon in seinem Team waren. Dies hatte nichts mehr mit Trockenfeldanbau, ein paar Bagger und eine Handvoll Leuten
zu tun – jetzt ging es um eine Größenordnung von einer ganzen Provinz.

„Starke Rede!“ Er öffnete die Augen und sah Bourey vor sich stehen. „Dein letzter Satz mit der Bürgschaft hat die Leute getroffen. Sie werden dich nicht enttäuschen. Kambodschaner brauchen ab und an einen Tritt in den Hintern. Dir ist bewusst, dass du in gewisser Weise Wahlmanipulation begangen hast?“ „Ja. Ich kann schlecht öffentlich die Wahrheit über Phirun Suoth sagen. Auch kann ich nicht sagen, dass du der heimliche Gouverneur bist.“ „Ich werde dir vom Militär noch Baumaschinen und Lkw geben.“ „Kommt das von dir oder deiner Frau?“ „Von mir. Offiziell von meiner Frau.“ Hannes lachte. „Dann sprichst du von Wahlmanipulation! Bourey, Bourey, wir beide sind schon ganz schön durchgeknallt!“

„Ma Chérie! Komm bitte zu mit!“ Hörte er Patricia rufen. „Na denn, die Chefin ruft.“ Mit Bourey kam er um den Bagger auf Patricia zu. „Oui Madame?“ „Viele Bauern fragen uns wann es los geht.“  „Also nochmal in den Baggerlöffel.“

„Dürfte ich ein letztes Mal eure geschätzte Aufmerksamkeit haben? Danke. Ihr habt gefragt, wann es losgeht. Dies liegt an euch! Ihr seht die Bagger hier und eine Handvoll Arbeiter. Wir können nicht mehr als arbeiten. Ihr habt die Felder mit den roten Fahnen gesehen. Diese Flächen sind nicht zugeordnet und werden in kürze im Grundbuch auf die neue Genossenschaft als Eigentümerin umgeschrieben werden. Diese Flächen müssen wir alle bearbeiten. Wenn ihr Maschinen und Geräte habt, um diese Felder zu bearbeiten – bringt sie hier her. Eure abgeernteten Felder müssen auch bearbeitet werden. Bringt an Leute mit, wen ihr bekommen könnt. Es wird die nächsten Monate ganz schön viel Arbeit auf uns alle zukommen, nur müssen wir jetzt anpacken um von unseren Früchten im nächsten Jahr leben zu können. Samnang bekommt vom Militär noch Baumaschinen zur Verfügung gestellt. Mit unseren, euren und den Maschinen vom Militär schaffen wir dies alles. Ich werde heute noch in Deutschland die Maschinen für dieses Agrarkollektiv bestellen. Damit nicht unsinnige Probleme und Arbeit gemacht wird, sucht euch Leute aus euren Ortschaften aus – die Einteilen und Planen können. Von ODHI sind Asger, Kosal und Odd die Ansprechpartner. In zwei Wochen kommen von ODHI noch zwei oder drei Vorarbeiter hier her. Nun wieder zurück zu der eigentlichen Frage. Morgen früh sollten die Vorarbeiter sich bei Kosal treffen und abzuklären, wo angefangen wird. Setzt Zeichen an die Felder wer aus welchem Ort mit welcher Maschine arbeiten soll. Bis Morgen früh haben wir die Karten auch soweit eingeordnet um zu sehen, was wo angebaut wird. Ein Feld für Papaya oder Auberginen braucht keine Schlangenlinien. Dies ist wirklich nur bei Getreide notwendig. Ist dies soweit klar?“ Alle nickten Hannes zu. „Organisiert euch selbst, so wie ihr es könnt. Bei allen anderen Fragen oder Unstimmigkeiten sind wir da. Ihr habt gesehen, dass die Saat schon da ist. Weite 100 Tonnen wurden von Sylvie bestellt und diese sind auch schon bezahlt! Ende der nächsten Woche sollen die ersten fünfzig Tonnen geliefert werden. Damit ihr eine Vorstellung habt, was 100 Tonnen sind, wir haben heute gerade mal fünfeinhalb Tonnen ausgesät. Sind nun alle Fragen geklärt?“

Nicken von den Zuhörern war die Antwort.

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