Teil II 19 Paris, Rue Benjamin Franklin

„Très élégant, sexy et un rêve pour votre corps.“ Ein Traum für Ihren Körper und ein Alptraum für mein Konto!

Mittwoch,  2. Juni 1993

Um 21.11 Uhr rollte der TGV in den Gare du Nord ein, Hannes konnte die letzten eineinhalb Stunde nicht mehr zusammenhängend denken. Er fühlte sich ohne Patricia so hilflos und verloren. Von Stephane wurde er förmlich überrollt. Bernhard musste es gewusst haben und sagte ihm nichts. Niemand bekommt einen Orden, wenn er Schulen baut! Ein Hotel für was; wenn die Verleihung erst in über einer Woche ist? Wie sollten sie morgen von Paris zurück nach Thionville kommen? Fuhr der TGV überhaupt nach Metz? Auf was hatte er sich hier eingelassen?

Mit seinem „Diplomadenkoffer“ war er nun in Paris auf dem drittgrößten Bahnhof der Welt und stand auf Bahnsteig 14. Er musste sich erst einmal orientieren. Wo verdammt war der Ausgang? Sollte er warten bis die Reisenden etwas weniger wurden, um einen besseren Überblick zu bekommen? Würde auf dem größten Bahnhof in Europa wahrscheinlich etwas schwierig  werden.

Sein Mobiltelefon klingelte. Eine Frau von einem Abholdienst fragte wo er sei.                                                  „Bonsoir Madame, ich bin auf Bahnsteig 14 und kann Ihnen nicht sagen, ob am Anfang, in der Mitte oder am Ende. Ich warte auf einer Bank auf Sie. Rechts von mir ist ein Snickers-Automat in der Dimension von einem Flugzeugträger. Rufen Sie mich gerne wieder an, wenn Sie mich nicht finden sollten. Ich weiß noch nicht einmal in welcher Richtung der Ausgang ist.“

Es dauerte keine fünf Minuten, da stand eine schmale gutaussehende blonde Frau in einem dunkelblauen Kostüm vor ihm. Sie konnte im gleichen Alter sein wie er.
Der Engel vom Gare du Nord stellte sich ihm als Ivette Dalmasso vor.
Mit ihr ging er Rolltreppen herunter, durch ewig lange Gänge, Fahrstuhl hoch, wieder ein Gang, rechts um die Ecke den Gang herunter durch eine Bahnhofshalle die wirklich die Dimension von einem Flugzeugträger hatte.

Auf dem Vorplatz standen unzählige Taxen. Ivette ging nach links zu einer reservierten Parkflächen.
Hannes setzte sich in der Mercedes S600 Limousine vorne zu Ivette. Auf den wenigen Meter vom Parkplatz auf die Hauptstraße sagte Hannes zu Ivette „Das Verkehrschaos in Paris ist dem in Phnom Penh gleich. Die Menschen sind alle so getrieben. Von mir aus kannst du ganz entspannt fahren, ich habe es nicht mehr eilig.“
Ivette fragte warum er ausgerechnet Phnom Penh ansprach. Hannes erzählte von seiner Arbeit in Kambodscha.
„Warum bist du in Paris?“ „Ich bekomme den Ordre national du Mérite verliehen.“ Ivette sah langsam zu ihm herüber und Hannes sah ihren fragenden Blick „Das ist jetzt ein Scherz?“ „Ich wünschte es wäre einer! Ich habe keine Ahnung was mich die nächsten Tage noch erwartet. Mein Freundin ist heute Nachmittag in Bangkok ins Flugzeug gestiegen und wird morgen Früh auf den Charles du Gaulle landen. Am 11. Juni würde uns dieser Orden verliehen werden, mehr weiß ich nicht.“ „Der Ordre national du Mérite ist eine Auszeichnung für Großartige Verdienste.“ „Weiß ich mittlerweile auch. Meine Freundin hat den Orden verdient – nicht ich. Ich habe nur Schulen gebaut, sie bringt Kinder in Kambodscha lesen und schreiben bei.“

Trotz der späten Stunde war der Verkehr im Zentrum von Paris sehr zähfließend und so stelle Ivette viele Fragen und Hannes erzählte ihr von den letzten drei Jahren in Kambodscha.

In der 35 Rue Benjamin Franklin, im 16. Arrondissement war das Hôtel Eiffel Trocadéro. Ein schönes Gebäude mit einer leicht barocken Architektur.
Ein Page trug ihm den Koffer zur Rezeption.
„Bonsoir Madame, für mich scheint ein Zimmer für eine Nacht gebucht zu sein.“ „Bonsoir Monsieur. Non, Monsieur. Für Sie und Madame Lefévre ist ein Zimmer bis zum 16. Juni gebucht. Möchten Sie noch etwas essen?“ „Non, Madame. Schnaps wäre mir lieber.“ „Die Minibar ist gefüllt oder im Erdgeschoss in der Lounge.“
„Merci, es war ein Scherz. Trotzdem danke.“

Hannes folgte dem Page zu den Aufzügen. Im vierten Stockwerk angekommen, fiel ihm ein, dass er alle möglichen Währungen in seinem Portemonnaie hatte, aber keine France – hervorragend! Hannes entschuldigte sich bei dem Page und würde ihm morgen Geld für seine Aufmerksamkeit geben.

Hannes war von dem Haus Lefévre schon einiges an Luxus gewöhnt, dieses Hotel war um das vielfache mehr.
Der Page öffnete die Zimmertür von 421 und Hannes dachte, er sitzt im falschen Film. Der Blick auf die Balkontür und Fenster gab das Panorama vom Eiffelturm frei. Das Zimmer war eine Luxus Suite. Das Bett hatte gleiche Quadratmeter Größe wie ihr Bad im Hotel in Svay Rieng. Im Bad war Marmor verbaut wie Hannes es noch nicht gesehen hatte.

Er stand auf dem Balkon von seinem Zimmer, der Eiffelturm zum greifen nah und hatte Tränen in den Augen. In siebeneinhalb Stunden würde Patricia erst landen. Er fühlte sich so hilflos ohne sie. Mit einer Flasche Rosé saß er auf dem Balkon, schaute auf den Eiffelturm und hörte dem Lärm der Stadt zu. Vom vielen denken hatte er Kopfschmerzen.

Um 4.23 Uhr saß er immer noch auf dem kleinen, sehr geschmackvollen Balkon in der 35 Rue Benjamin Franklin. Drei Minuten später wählte er die Nummer von Stephane. Nach einer gefühlten Ewigkeit hörte er die verschlafene Stimme von Stephane „Hannes, was ist los?“ „Ich kann nicht mehr denken! Stephane, ich kann das nicht! Ich kann keinen Ordner bekommen.“ „Bitte beruhige dich erst einmal. Lass uns später in alle Ruhe darüber reden. Warum kannst du keinen Orden bekommen?“ „Ich bin kein Franzose.“
Hannes hören Stephane einatmen „Dies ist deine einzigste Sorge? Hannes, wir kommen alle nächsten Mittwoch nach Paris. Es gibt am Mittwochnachmittag ein Treffen im Außenministerium, dort wird jeder Schritt erklärt wie es am Freitag im Élysée-Palast abläuft. Tröste dich, auch ich bin aufgeregt. Patricia ist gleich bei dir, von der Uhrzeit würde ich sagen, sie ist bereits über Europa. Macht euch ein paar schöne Tage in Paris, ihr habt es mehr als verdient. Ich geh nochmal ins Bett. Ich rufe dich gegen 11 Uhr an. Nina hat alles geplant für euch. Legt für ein paar Tage die Füße hoch.“

„Entschuldigung, Stephane“  „Für was?“ „Na ja, für den Feigling-Chef. Es tut mir leid. Nina hatte mir bei dem Herrenausstatter einiges gesagt was ich nicht wusste.“ „Sehr schön. Vor drei Jahren sagte ich, ich passe auf dich auf und dies mache ich auch. Versuch nun noch etwas zu schlafen. Salut mein Freund.“

Die Sehnsucht nach Patricia

Um 6.42 Uhr klingelte sein Mobiltelefon  und eine Sekunde später nahm er das Gespräch an.
„Salut Prinzessin, wo bist du?“ „Eben aus dem Flugzeug gestiegen. Hannes – was ist hier los? Ich bekam letzte Woche von Nina ein Fax in dem stand ich soll dir nicht sagen dass ich komme. Gestern rief sie mich an und sagte mir etwas vom Ordre national du Mérite. Hannes!?“ „Ja. Ich kann dir auch nicht mehr sagen, als das was du weißt. Du fehlst mir so!“ „Ich bin gleich bei dir, mon chérie.“

Bei Kaffee und Croissant saß Hannes in der Lobby vom Hôtel Eiffel Trocadéro und starrte auf die Eingangstür. Jede Autotür die er zuschlagen hörte, hoffte er auf Patricia.
Endlich sah er ihre Silhouette durch das Glas der Eingangstüren. Sofort sprang er aus dem Sessel und rannte ihr entgegen. Einen Schritt schaffe sie ins Hotel, als er sie umarmte und anfing zu weinen.
„Mon chérie, du bist ja völlig fertig! Wann hast du das letzte Mal geschlafen?“ „Von Sonntag auf Montag.“ „Meine Güte! Jetzt beruhige dich erst einmal, ich bin ja nun da. Wir reden später mit Stephane. Komm, lass uns frühstücken.“

Der Zimmerservice brachte ein Frühstück auf Zimmer 421 das locker für eine Großfamilie gereicht hätte. Auf dem Balkon zu frühstücken, mit Blick auf den Eiffelturm war grandios. Patricia war endlich da und sein Hirn konnte langsam wieder denken.
„Das Zimmer ist der Hammer! Diese Aussicht ist mit Geld nicht zu bezahlen. Chérie, nun können wir endlich das machen, was du im Sommer 89 gesagt hattest.“ „Oui, Madame Lefévre. Wenigstens etwas gutes an Paris.“
Patricia kam um den Tisch, setzte sich auf seinen Schoß und küsste ihn lange „Hör auf zu denken, dies tun andere für uns. Ich kenne dich so gar nicht!“ „Prinzessin, wie soll ich als Deutscher einen französischen Orden bekommen? Warum bekomme ich einen Orden? Dir gehört die Ehrenmedaille am goldenen Band verliehen. Ich habe nicht viel getan.“ Patricia gab ihm wieder einen Kuss „Ich weiß. Du tust nie etwas. Alles kommt nur von dir und du merkst es gar nicht. Jetzt lass uns diesen Moment genießen. Ich möchte gleich mit dir in dieses Schwimmbad von Badewanne.“

Patricia legte ihren Kopf auf seine rechte Schulter und umarmte ihn fest „Je t’aime pour toujours. Ich liebe dich auf immer. Wie war es bei Nescha?“
Hannes erzählte ihr von diesen unglaublichen sechs Tagen in München. „Du bist ein wunderbarer Mensch, alleine dafür gehört dir ein Orden verliehen.“

Das Wasser in der Wanne tat ihm gut. Patricia tat ihm gut und langsam entspannte er sich. Nun konnte er einschlafen. Mit Patricia lag er in diesem Fußballfeld großen Bett und mit einem Schlag fielen die Gedanken und Anspannungen der letzten 18 Stunden von ihm ab.

Er wurde wach, als Patricia am telefonieren war, sie sprach mit Stephane. Sie sah ihn von dem großen Sessel aus an und warf ihm einen Kuss zu.
„Oui, Stephane. Oui, ich gebe es so weiter. Au revoir.“
Patricia kam zu ihm ins Bett und streichelte seinen Bauch und gab ihm einen Kuss an den Hals „Du hast ja wenigstens etwas geschlafen. So, ich weiß nun alles von Stephane. Die Organisation und wir bekommen den Ordre national du Mérite, für die Leistungen in Kambodscha wegen der Schulreform, den Aufbau der Schulen in Kampong Rou und Khsaetr sowie in den Provinzen Prey Veng und Oddar Meanchey. Ich bekomme Stellvertretend für Adelina, Clodette, Leatitia und Levi diesen Orden. Natürlich bekommen auch Sie eine Urkunde und eine Ehrennadel. Du bekommst den Orden für deinen unermüdlichen Einsatz für Kinder, für deine Infrastruktur bei ODHI und für deine Arbeit bei UNICEF. ODHI bekommt den Orden für ihr Engagement in der Bildung für Kinder und den Schulaufbau. Auch dort wird die Leistung von Dhani gewürdigt. Meine Eltern kommen nächste Woche auch nach Paris. Dem Französischen Botschafter in Kambodscha ist unsere Arbeit bekannt und er hatte dieses Gesuch an das Außenministerium eingereicht. Also – wir alle werden für deinen Traum geehrt. Hannes – mehr geht nicht mehr! Ich bin unglaublich stolz auf dich! Um 13.30 Uhr werde ich am Hotel abholen, ich soll mir ein Kleid aussuchen.“ „Wow. Dann wirst du auch zu so einem Kleiderguru gefahren. Mein Anzug kostete schon so viel wie ein Einfamilienhaus.“ „Nun übertreibt nicht immer so! Nina sagte mir bereits wie chic du in dem Smoking aussiehst. Komm, lass uns die Zeit bis 13 Uhr mit sinnvollem nutzen.“

Paris. Die Stadt der Liebe. Liebe in einer Suite mit Blick auf den Eiffelturm war schon etwas besonderes, zumal Frau Lefévre beim Sex nie genug bekommen konnte.

Kleiderguru in der  31 Rue Cambon

Um 13.15 Uhr saßen beide in der wunderschönen Lobby bei einem Cappuccino und warteten auf den Fahrer. Ivette kam zur Tür herein und geradewegs auf sie zu. Sie stellte sich Patricia vor, sah zu Hannes und nickte ihm zu „Sie ist es Wert.“ Bei dem Satz grinste sie beide an. Was mag nun kommen, ging es ihm durch den Kopf.

Bei der Fahrt zu einem unbekannten Modeguru setzte sich Hannes zu Patricia in den Fond der Mercedes Limousine. „Ich weiß von Hannes, welche Auszeichnung Sie bekommen werden. Dafür haben Sie meinen größten Respekt.“ „Danke. Patricia reicht aus.“ „Okay, nochmal Hallo, Patricia. Weißt du wo ich dich hinfahren soll?“ „Non Madame.“ „In die 31 Rue Cambon.“
Fragende Blicke von beiden. „Coco Chanel.“
Patricia war seit vier Jahren für einen Augenblick wie gelähmt „So viel zu deinem Modeguru.“

Die Fahrt ins 1. Arrondissement von Paris führte an der Seine vorbei. Rechts kam die Pont de l’Alma, geradeaus immer noch den Blick auf den Eiffelturm. Am Fontaine des Mers bog Ivette links ab. Auf der linken Seite kam der Place de la Concorde und man konnte etwas später den Champs-Élysées Garden sehen.
„Wenn ihr nun diese Straße herunter schaut, kommt etwas weiter auf der linken Seite der Élysée-Palast.“ „Danke Ivette dass du mich daran erinnert hast. Ich hatte es vor einer Stunde erfolgreich verdrängt.“ Ivette sah in den Rückspiegel und grinste „Ihr beide seid voll cool. Wenn ihr eine richtige Stadtführung machen möchtet, würde ich euch sehr gerne fahren. Darf ich fragen wie alt ihr seid?“ „Beide 23. Danke, Ivette. Ich möchte diese Stadt schon mal richtig Erleben, nur heute nicht. Ich hatte einen langen Flug hinter mir und mein Schatz hat nur den 11. Juni im Kopf. Er sollte unbedingt auf andere Gedanken kommen, dies hatte im Hotel ja schon für eine Stunde funktioniert.“
Ivette grinste breit in den Rückspiegel zu Patricia. Frauen – kann kein Mann verstehen.
Ivette fuhr direkt vor die Boutique von Coco Chanel in der 31 Rue Cambon. „Ich warte hier auf euch.“ „Wenn du mit in die Boutique möchtest, kannst du dies gerne tun. Monsieur kann ich in stylischen Dinge nicht fragen.“ „Männer – kann keine Frau verstehen. Ich parke den Wagen und komme gleich.“

Hannes ging vor und hielt Patricia die Tür auf. Beim Eintreten in die Boutique kam er sich vor, wie in einer anderen Welt. Eine gebogene Freitreppe stach ins Auge. Eine überaus elegant gekleidete Frau kam auf Patricia zu.
„Madame Lefévre, herzlich willkommen bei Coco Chanel. Monsieur, herzlich willkommen. Da ich den Anlass kenne, sollten wir auch gleich jene Kleider in Farbe und Variation anschauen, die diesem Anlass angebracht sind.“
Ivette kam zur Tür herein und wurde auch herzlich begrüßt. Zu dritt folgten sie der Dame die gebogene Freitreppe hinauf in den zweiten Stock. Hannes schaute mit einem leichten Blick auf Ivette und dann an die Kleider, die er links von sich sah. Sollte Ivette Kundin in dieser Boutique sein?
Die Verkäuferin ging zielstrebig auf ein Wand zu, an der Dutzend Kleider in allen Längen, Farben und Variationen hingen. Ein Kleid war schöner als das andere. Aus dem Augenwinkel sah Hannes an einem Kleid in pfirsich ein Preisschild, auch ohne Abitur konnte er den Preis in Mark umrechnen. So viel zum Einfamilienhaus.
Die Verkäuferin nahm ein schwarzes Kleid mit silbernen Hauchfeinen Fäden von dem Kleiderbügel und hielt es Patricia vor. Das Kleid war für sie etwas zu lang.
„Madame Lefévre, möchten Sie dieses Kleid anprobieren?“ Der Satz hatte die charmante Verkäuferin noch nicht ausgesprochen, da eilte Patricia schon auf die Umkleidekabinen zu.

Als sie mit dem bodenlangen Kleid mit Spitzen in gleicher Farbe am Oberteil und den Spaghettiträger aus der Umkleidekabine kam, setzte bei Hannes für einen Augenblick das Herz aus.
„Et? Comment je regarde?“ Fragte Patricia und drehte sich vor ihm um. „Wie du aussiehst? Ja,… wow… chic.“ „Männer!“ Kam es zeitgleich von Patricia und Ivette.

Die Verkäuferin steckte den Stoff ab der am Boden lag. Raffte hier und da etwas und zog ihr am Rücken das Kleid noch etwas enger.
„Mein Gott, bist du eine Schönheit“ brachte Hannes von dem überwältigenden Anblick von Patricia gerade noch hervor.
„Merci beaucoup, mon chérie.“
Die nette Dame brachte eine Schärpe in der gleichen Farbe und legte sie Patricia über die rechte Schulter. Sie befestigte mit ein paar Nadeln den Stoff auf der rechten Seite an der Schulter und zog die Schärpe diagonal nach links unten. Wieder steckte sie mit ein paar Nadeln den Stoff ab und die Schärpe hing links an ihrem Bein herunter. Sie trat zwei Meter zurück und schaute sich ihre Arbeit an.
„Wenn wir rechst am Bein den Saum bis über ihr Knie auftrennen, kommt ihre schöne Figur noch besser zur Geltung.“
Patricia drehte sich zu der riesigen Spiegelwand und schaute sich an. Sie drehte sich leicht nach links, dann nach rechts und wieder nach links.
Hannes stand wie versteinert vor dieser Schönheit „Meine Güte! Madame, ich möchte ungern Ihre überaus hervorragende Fachkompetenz unterbrechen, aber könnten Sie mir bitte, ungefähr sagen in welchem Preissegment dieses Kleid zur Zeit liegt?“ „Monsieur, machen Sie sich keine Sorgen, mein Limit ist noch lange nicht erreicht.“ „Ihres nicht, aber vielleicht meines.“
Patricia sah ihn mit einem Blick an, der Menschen töten konnte. 
„Das Kleid wird schon bezahlt. Ich darf Ihnen aber den Namen nicht nennen.“ Fragende Blickte bei Hannes und Patricia. „Madame Lefévre, möchten Sie noch ein anderes Kleid anprobieren? Auswahl ist genügend da.“ „Mon chérie, was meinst du?“ „Deine Entscheidung. Wir haben bis zum 10. Juni Zeit. Ich finde dieses schwarze Kleid wunderschön.“ „Monsieur, es ist mitternachtsblau.“ „Was schwarz alles für Namen hat.“
Patricia boxte ihn gegen den Oberarm.
„Madame, bitte trennen Sie den Saum auf. Chérie, ich bräuchte auch passende Schuhe für dieses Kleid.“ „Ich hatte so etwas schon befürchtet. In Thailand hast du siebzig Paar Schuhe stehen. Soll ich mal kurz welche holen fliegen?“ Patricia antwortete auf seine Frage mit einem weiteren Boxhieb.
„Okay, war dann wohl die falsche Frage.“ „Madame Lefévre, sagen Sie mir Ihre Schuhgröße, dann können Sie auch hier Schuhe anprobieren.“
Die Verkäuferin entschuldigte sich und ging durch eine Tür auf der anderen Seite und sprach mit jemand, welche Schuhe, Größe und Farbe für dieses Kleid gewünscht waren.

Die Verkäuferin zeichnete mit Kreide einige Punkte auf dem Kleid an und steckte hier und da noch ein paar Nadeln an den Stoff.
Patricia wurde eine Art Bademantel gereicht, damit sie das Kleid ausziehen konnte.
Mit dem mitternachtsblauen Kleid in der Hand, entschuldigte sich die Frau und ging in einen anderen Raum. Ivette kam mit einem roten Minikleid um die Ecke und reichte es Patricia „Zieh dies bitte mal an.“

Patricia kam mit diesem rot von Stoff aus der Umkleidekabine und Hannes dachte, es zieht ihm jemand den Boden unter den Füßen weg. Patricia drehte sich schwungvoll vor der riesigen Spiegelwand und sah ihn fordernd an. „….“ Hannes konnte gerade noch atmen, zum sprechen war er bei diesem Anblick nicht in der Lage.
Ivette brachte noch einen Hut in der gleichen Farbe. Patricia schaute in den Spiegel und dann zu ihm „Et?“ Fragte sie ihn. Hannes bewegte wieder nur den Mund, es kamen nochmals keine Worte über seine Lippen. „Très bien, mon chérie“ Patricia gab ihm einen Kuss.
Hannes fand langsam wieder die Fassung „Prinzessin, wo und wann willst du dieses Kleid anziehen? Das Kleid kostete mehr Geld, als die Bewohner von Kampong Rou, Khsaetr, Sama und Thmei zusammen nicht haben.“ „Mag sein. Ich arbeite nächstes Jahr für das Bildungsministerium und mehr für UNICEF, da wird es schon Gelegenheiten geben dieses Kleid anzuziehen.“
Aus der Erfahrung wusste er, es machte keinen Sinn mit Patricia eine Diskussion über den Nutzen und Zweck von diesem unglaublich teuren Stück Stoff zu führen. Ivette war unterdessen fleißig am nicken, sie musste es ja nicht bezahlen. Aus dem Einfamilienhaus wurde schnell eine Reihenhaus Siedlung.

Die Verkäuferin kam zurück und blieb im Schritt stehen, auch ihr blieb für einen Moment die Luft weg „Madame Lefévre, dieses Kleid ist perfekt für Sie! Belle. Très élégant, sexy et un rêve pour votre corps.“ Ein Traum für Ihren Körper und ein Alptraum für mein Konto, wollte Hannes gerade sagen, als Patricia der Meinung war, diese paar Quadratzentimeter Stoff zu kaufen.
Wer auch immer der Geldgeber für das erste Kleid war wusste nicht welche Auswirkungen ein Besuch bei Coco Chanel auf das Hirn von Frauen hatte. Die finanzielle Auswirkungen würden auf dem nächsten Kontoauszug beim Mann einen Schockzustand bis Weihnachten nach sich ziehen! Finger weg von Drogen, Schuhe, Handtaschen und Coco Chanel!

Hannes kam langsam aus seiner geistigen Schockstarre heraus, als er Patricia wieder in dem mitternachtsblauen Kleid vor ihm sah. Er hatte in diesem Augenblick das Bild von ihr, als sie 1989 an ihrem Geburtstag mit ihrer Oma die Treppe herunter kam. Damals war er schon hin und weg beim Anblick dieser Schönheit. Was nun vor ihm stand, war atemberaubend. Ein Schuss in einer Rakete die mit Schallgeschwindigkeit aus der Galaxie katapultiert wurde.
Von der Galaxie M31 ging es eine Minute später mit astronomischer Geschwindigkeit zurück auf die Erde, denn drei Frauen brachten in dem Moment zwei Dutzend Schuhkarton in den zweiten Stock der 31 Rue Cambon. Alptraum 2.0 begann.

„Mädels, ich möchte ungern die Party verlassen, ich bräuche nun einen doppelten Espresso.“ „Monsieur,
selbstverständlich bekommen Sie bei uns auch einen Espresso. Ich sage sofort der Kollegin Bescheid.“
Es dauerte nicht lange und eine junge Frau, wahrscheinlich das Lehrmädchen, fragte nach den Wünschen der Kunden. Augenblicke später kam sie mit Espresso, zwei Latte Macchiato und Croissants zurück.

Patricia probierte ein Paar High Heels nach den anderen an. Bei dem gefühlten eintausendsten Paar war die Entscheidung endlich getroffen. Très bien! Nun kam noch das rote Kleid. Da Rot nicht in der Bestellung aufgeführt war, hatte sich Patricia für schwarze High Heels entschieden. Wo der Unterschied zwischen mitternachtsblau und schwarz war, traute er sich nicht zu fragen. Alptraum 2.0 ging in die Verlängerung.

Das mitternachtsblaue Kleid wurde nochmals abgesteckt und hier und da gezupft und gezogen. Soweit war es nun in seiner absoluten Vollendung. Nun ging es an die Schärpe. Gleiches nochmal: Abstecken, zupfen und ziehen. Hannes sah
wie hypnotisiert Patricia in diesem Traum von Kleid. Er musste es ja nicht bezahlen. Wo war überhaupt dieses Preislimit? Alptraum 3.0.
Die Imaginäre Rechnung war vom Einfamilienhaus über Reihenhaus Siedlung nun bei einem Stadtviertel angelangt.

Wie in Trance folgte er der kleinen Gruppe von Frauen zur Kasse.
„Dies macht dann 21.800 France, Madame Lefévre.“ Hörte er die Verkäuferin sagen. Hannes rechnete im Kopf den Preis um. 6500 Mark für ein Paar Schuhe, einen Hut und ein Kleid. Patricia zahlte freudig mit der Kreditkarte – es war ihr gemeinsames Konto.
„Erde an Monsieur, wir sind fertig.“ „Oui, Madame. Ich war kurz in der Galaxie M31.“ Die sechs Frauen schauten ihn an, als ob er unter Drogen stehen würde.
„Madame, dürfte ich bei diesem astronomischen Preis fragen, was die mitternachtsblaue Garderobe kostet?“ „Natürlich, Monsieur. So wie Madame Lefévre das Kleid haben möchte, sind wir bei 38.000 France.“ Bei dem genannten Preis sackte Hannes der Puls ab „Ist dieses noch in dem uns unbekannten Kreditlimit?“ „Absolut!“ „Au revoir, Madame.“

Auf dem Balkon in der Rue Benjamin Franklin

Auf der Rückfahrt vom 1. Arrondissement zum Hôtel Eiffel Trocadéro im 16. Arrondissement hatte Patricia ihren Kopf auf seiner rechten Schulter liegen. Sie hielt seine Hand fest und gab ihm einen Kuss auf die Wange „Mon chérie, ich bin glücklich. Ich bin stolz auf dich, du hast dich sehr tapfer in der Boutique gehalten. Je t’aime.“ „Prinzessin, mein Hirn dampft vom denken! Wer um alles in der Welt, ist der Geldgeber für dein Kleid und meinen Smoking?“ „Es wird der Zeitpunkt kommen, wo wir es erfahren werden.“ „Ivette, weißt du irgend etwas?“ „Non. Ich wurde von Madame Dupont für euch bis zum 16. Juni gebucht. Ich weiß nur die Fahrten, die ich mit euch machen werde: Zum Außenministerium, zum Élysée-Palast und am Sonntag zum Staatsbankett.“ „WAS!?“ Kam es gleichzeitig von beiden aus dem Fond der Limousine. Ivette grinste in den Rückspiegel „Ich denke, ihr wisst vieles nicht, was euch noch erwartet. Ich finde es toll. Ich habe solche Fahrgäste wie euch beide noch nicht gefahren. Ihr seid dermaßen cool, nett und sympathisch. Dies gibt es sehr selten.“ „Merci beaucoup. Du bist auch cool. Dürfen wir dich zum essen einladen? Oder lässt dies dein Fahrplan nicht zu?“ „Wow. Danke. Wie schon gesagt, ich war heute nur für dich gebucht. Ich sag nur meinem Vater Bescheid, damit er weiß wo das Auto ist.“ „Ist es eure Firma?“ Fragte Hannes.
„Ja. Mein Großvater hatte mit einem Taxi angefangen. Es wurden später 35 Taxen. Mein Vater und ich leiten seit fünf Jahren die Firma. Wir haben alles umstrukturiert und nun sechs solcher Autos. Der Markt ist kaputt und ständig hatten wir Probleme mit den Fahrer. Gute Fahrer sind sehr selten. Ich wollte nie Taxi fahren. Im Studium hatte ich bei meinem Großvater gejobbt, dann kam der plötzliche Tod von ihm und so fahre ich nun Taxi.“ „Naja, ein Mercedes S600 ist schon etwas mehr als ein Taxi“ gab Hannes als Antwort.

Patricia bestellte an der Rezeption Fischplatten und lieblichen Weißwein auf Zimmer 421. Auf dem Balkon konnte man besser reden, als im Restaurant.
„Wow! Was für ein Zimmer! Ich kenne in dem Hotel nur die Lobby und das Restaurant. Das hier ist chic! Genießt diese Zeit zusammen“ sagte Ivette beim eintreten in die Suite.

Hannes öffnete seinen Koffer um Patricia das Zaumzeug für Sangkhum zu zeigen und Ivette sah den Aufkleber „Diplomatengepäck“ auf dem Koffer. „Dein Aufkleber auf dem Koffer könnte an einigen Flughäfen für Problem sorgen.“
Hannes schüttelte den Kopf „Ivette, dies ist kein Aufkleber. Der Aufdruck ist eingebrannt. Wir beide haben einen diplomatischen Status.“ Ivette sah fragend zu Patricia. „Ja. Ist so. Hannes erzählt dir keinen Unsinn. Wir wohnen in Thailand und arbeiten in Kambodscha. Der Grenzübertritt war oft ganz schön nervend. Wir beide arbeiten auch für die UN. Aber lassen wir dies jetzt. Lasst uns den Wein und Fisch genießen.“

In den Gesprächen stellte sich heraus, dass Ivette zwei Jahre älter war als sie beide. Es waren angenehme Themen an diesem Abend. Natürlich kam aus Neugierde von Ivette auch Kambodscha und Thailand zur Sprache.
Ivette erzählte von einigen ihrer Fahrgäste. Von Schauspieler, Künstler, Models und möchtegern Neureiche, die vor der Kamera lächeln und ohne Kameras die Menschen in ihrem Umfeld wie Dreck behandeln.
„Es gibt auch sehr nette Stars die mit einem reden oder sehr großzügiges Trinkgeld geben. Meist haben all die neuen Stars oder überhebliche Neureiche Allüren an sich, dass du nur noch kotzen möchtest. Die alten Stars, die von ganz unten angefangen haben – oder dort wieder waren, sind die besten Kunden. Freundlich, nett und höflich. Eigentlich ganz normale Leute.“ „Ivette, würdest du am Samstag nach Beauvais fahren und einen Freund von uns abholen und was würde mich diese Fahrt kosten?“
Patricia wusste an wen Hannes dachte. Ivette sah ihn fragend an. So erzählte er ihr von der Freundschaft zu Claude.
„Wegen unserer Freundschaft. Er hatte kein schönes Elternhaus. Ich möchte ihm auch etwas Gutes tun.“ „Wow! Du bist sehr menschlich. Dann wunderst du dich, dass du den Ordre national du Mérite bekommst? Ich mache es für euch umsonst. Ehrlich. Ihr seid so tolle Menschen. Lasst uns morgen eine Stadtrundfahrt machen, am Wochenende ist Paris mit Touristen vollgestopft. Ist das in Ordnung für euch?“ „Ist es. Liebes, plane für am Wochenende mal eine Location ein, in der ein Billardtisch steht. Ich kenne meine beiden Männer. Du bist natürlich auch Eingeladen.“

Donnerstag, 3. Juni

Es war kurz nach 5 Uhr, als Hannes wach wurde. Ihm gingen zuviele Fragen durch den Kopf, auf die er gerne Antworten hätte.
Er drehte sich nach rechts und sah Patricia beim schlafen zu. Irgendwie schienen die Ereignisse, die noch kommen werden, sie völlig entspannt zu lassen.
Patricia öffnete ihre Augen und sah ihn verschlafen an „Was ist nun schon wieder?“ „Nichts Prinzessin. Ich kann nur nicht mehr schlafen. Ich sollte Claude anrufen und ihm sagen, dass er sich am Wochenende nichts vornimmt.“ Patricia schaute auf die Uhr und dann zu Hannes „Jetzt? Um viertel nach fünf?“ „Nein! Natürlich nicht. Ich habe ja nur gesagt, dass ich in anrufen sollte.“ „Très bon. Ich hätte nie gedacht, dass ihr beide euch mal so nah stehen würdet. Claude hat sich gegenüber der Schule sehr verändert. Ich denke, dies liegt auch viel an dir liegt. Ich bin froh über eure Freundschaft, auch die Freundschaft zu Cosima, Jasmine oder Yvonne finde ich toll. Ich rufe heute Yvonne an. Ich möchte auch mit ihr wieder reden.“

Die Stadtrundfahrt mit den VIP’s

Um kurz nach 6 Uhr brachte der Zimmerservice das Frühstück. Beide saßen auf dem kleinen Balkon und hörten, wie die Stadt erwachte.
„Willst du mich verarschen!?“ Waren die Worte von Claude, als Hannes den Grund von seinem Anruf nannte. „Nein! Wir sind in Paris und ich möchte mit dir Billard spielen. Ich schick doch nur ein Taxi zu dir.“ „Du bist echt verrückt! Ich kann auch die 80 Kilometer mit dem Zug kommen.“
„Claude, nochmals, Nein! Ein Taxi kommt dich abholen. Ein Zimmer besorge ich dir auch noch. Wir sehen uns am Samstag in Paris.“

An der Rezeption fragte Hannes nach einem Zimmer und war auf einen Betrag in exorbitanter Höhe eingestellt. Zu seiner Verwunderung war ein Zimmer in dem Hotel gar nicht so teuer. Die Madame an der Rezeption gab ihm noch einige Rabatte.
Als er in die Suite kam, war Patricia mit Yvonne am telefonieren. Mit Blick auf die Stadt und einer Tasse Kaffee hörte er mit einem Ohr zu. Patricia reichte ihm das Telefon und er sprach auch noch lange mit Yvonne. Im Hintergrund hörte er Louise spielen, sie war nun zweieinhalb Jahre alt. Wie die Zeit verging. Yvonne studierte nach der Babypause weiter an der Universität in Dijon Medizin und würde nächste Woche zu ihnen nach Paris kommen und selbstverständlich Louise mitbringen.

Es klopfte an der Tür, ein Page brachte den Smoking. Patricia betrachtete den Anzug und war hin und weg.
„Zieh an. Zieh ihn an!“ „Es reicht, wenn ich das Ding nächsten Mittwoch anziehen muss.“ „Das Ding!? Zieh ihn bitte an. Bitte, bitte, bitte, bi…“ „Ja! Ich zieh ihn an.“
Patricia zupfte hier und da an ihm herum. Das Hemd nicht zu weit in die Hose, die Hose nicht zu weit hoch und die Ärmel etwas aus dem Jackett. Endlich war sie zufrieden. Sie hüpfte wie ein Flummi vor ihm herum. „Oui, oui, oui. C’est chic!“ „Ich kommen mir vor wie ein Pinguin.“ „Pinguin? Boeuf stupide! Du bist unglaublich elegant und sexy. Uhhhhhh. Du machst mich ganz wuschig. Ich muss Mama anrufen. Das muss ich ihr erzählen. Uhhhhhh.“ „Meine Güte, dass ist ein schwarzer Anzug.“ „Monsieur, dies ist ein Smoking in ozeanblau.“ „Was schwarz alles für Namen hat.“

Patricia erzählte ihrer Mutter nun bis ist kleinste, wie dieser Smoking aussah, wie elegant und sexy Hannes aussah, wie wuschig sie beim Anblick dessen wurde. Dies alles erzählte sie hüpfend auf dem Balkon.

Um 10 Uhr klingelte das Haustelefon. Die Fahrerin sei da. „Très bien. Sie soll bitte hoch kommen“ waren die Worte von Patricia.
Ivette sah Hannes in seinem ozeanblauen Smoking und blies die Luft aus „Wow! Chic. Ich hätte da eine Idee, wir machen eine VIP Stadtrundfahrt. Hannes im Smoking und du in deinem roten Kleid.“ „Wie VIP Stadtrundfahrt?“„Lass dich überraschen. In dem Smoking siehst du aus wie ein Star. Kommt, ich mache mit euch eine Stadtrundfahrt wie ihr sie niemals wieder bekommen werdet.“
Hannes schaute etwas zerknirscht die beiden Frauen an. „Jetzt komm! Sonst fahr ich deinen Freund nicht abholen.“ „Du Biest.“
In der Garderobe von einem roten Minikleid und einem ozeanblauen Smoking betraten Patricia und Hannes die Lobby vom Hôtel Eiffel Trocadéro. Gefolgt von allen Blicken der Gäste und Angestellten gingen sie auf den Ausgang zu.
Ivette hielt Patricia die Tür zum Fond der Limousine auf und verbeugte sich leicht. Hannes war im Begriff die Tür auf der anderen Seite des Wagens zu öffnen. „Wage es nicht! Du bist ein Star!“

Ivette schaute über ihre Schulter nach hinten zu ihnen „So, ihr lieben, nun zeige ich euch was ich kann. Wir fangen im Louvre an. Geht mal davon aus, dass ihr morgen bereits in den Boulevard Blätter dieser Welt abgebildet sein werdet.“

Ivette fuhr auf die Sperrfläche in der Rue de Rivoli. „Dies ist der Vorteil von einem Mercedes S600. Da kann ich so etwas schon mal machen.“
Die schwarze Limousine rollte langsam über den Vorplatz am Louvre auf den Eingang zu. Eine Gruppe Touristen drehten sich zu dem Wagen um.
Ivette öffnete wieder mit einer leichten Verbeugung die Tür „Madame Lefévre.“ Mit einer leichten Handbewegung zeigte sie auf den Eingang. Bei Hannes tat sie das gleiche.
Ivette ging zum Eingang und stellte im perfekten englisch die Herrschaften Lefévre und sich als deren Bodyguard der Herrschaften an der Kasse vor. Im Übereifer winkte der junge Mann an der Kasse die Gäste durch.
Ivette ging immer ein paar Schritte hinter ihnen durch die Hallen vom Louvre. Touristen drehten sich um, um heimlich oder ganz offensiv Fotos von den Besucher zu machen. Ivette stellte sich immer so gekonnt, dass die Kameras der Touristen freien Blick hatten. Eine Touristen fotografierten sie heimlich, indem sie sich plötzlich umdrehten und rein zufällig den Auslöser der Kamera drücken. Andere wiederrum fotografierten sie bewusst. Patricia achtete dabei auf eine sehr elegante Haltung. Hannes wollte am liebst jenen Paparazzio sagen, dass sie eine Lehrerin und einen Baggerfahrer fotografieren.

Die Kunstwerke im Louvre waren mitunter schon gewaltig und beeindruckend. Manches verstanden alle drei nicht, wo dort Kunst zu erkennen war. Trotzdem gilt der Louvre als eines der bekanntesten Museen der Welt und beherbergt das wohl berühmteste Gemälde dieser Welt: Die Mona Lisa von Leonardo Da Vinci.
Vor der Mona Lisa stehend sagte Hannes ganz unverblümt „Also Prinzessin, mir gefällt das Bild von Peter besser. Dies ist ein Kunstwerk in seiner nicht vollendeten Vollkommenheit.“ Patricia nickte und sie erzählte Ivette von diesem unglaublich schönen Bild von ihr.

Nach zwei Stunden Kunst Betrachtung und tausende Fotos von ihnen, verließen sie die Bühne der Öffentlichkeit.

Ivette fuhr von der Rue de Rivoli die 4 Kilometer zum Place Charles de Gaulle, dort wo der Arc de Triomphe de l’Étoile steht. Ivette fuhr bewusst langsam um den größten Torbogen der Welt und hielt ausschau nach einem geeigneten Parkplatz. Zwei Gendarmen, welche mit ihren Motorräder auf der Sperrfläche von dem Arc de Triomphe standen, sahen die schwarze Limousine und signalisierten zum anhalten. Ivette rollte langsam auf der Sperrfläche auf die Motorräder zu. Als sie ausstieg nickte sie den beiden Gendarmen zu.
Auch hier wurde sich nach der Limousine umgedreht oder Touristen, die links und rechts vom Wagen standen, warteten gebannt auf die Insassen jener Limousine, die so nah an diesen Touristen Hotspot fahren durfte.
Hannes öffnete nun selbst die Tür und so konnte er in die Gesichter der Menschen sehen, als Patricia durch die wieder sehr elegante Bewegung von Ivette aus dem Fond der Limousine ausstieg. Für den Moment war Patricia die Hauptattraktion auf dem Place Charles de Gaulle.

Der größte Torbogen der Welt so nah zu sehen, war schon beeindruckend.
„Kennt ihr die Geschichte von dem Arc de Triomphe de l’Étoile?“ Fragte Ivette. „Annähernd.“ „Okay. Napoleon gab den Bau 1806 in Auftrag, um seinen Sieg über die Schlacht von Austerlitz in Stein meißeln zu lassen. Der Baubeginn zog sich aber in die Länge. So konnte erst 1808 das Fundament fertig begaut werden.1810 waren die 4 mächten Pfeiler erst 1 Meter hoch. Als Napoleon Prinzessin Marie-Louise heiratete, ließ es eine Attrappe vom Arc de Triomphe aus Holz und Gips auf diesem Platz erreichen. Als Napoleon 1814 abdankte, wurden auch die Bauarbeiten eingestellt. Erst 18 Jahre später wurde das Bauwerk von König Louis-Philippe I. eingeweiht. Unter diesem 50 Meter hohen Bauwerk befindet sich die Gedenkstätte “Grab des unbekannten Soldaten”, welches an die Kriegstoten des Ersten Weltkriegs erinnern soll und die niemals identifiziert wurden.“

Langsam gingen sie durch den Torbogen und schauten sich die riesigen Tafeln mit den Namen der gefallen Soldaten an.
Patricia und Hannes erzählte Ivette von den geschätzen 18.000 Menschen, welche in Phnom Penh im sogenannten S-21 Gefängnis hingerichtet wurden. Ivette sah beide fassungslos an.
Hannes nickte langsam „Ivette, wir stehen hier vor riesigen Tafeln und können es kaum begreifen, dass in Europa im Ersten Weltkrieg circa 9 Millionen Menschen gefallen sind. In Kampang starben in 3 Jahre, 8 Monate und 20 Tagen circa zweieinhalb Millionen Menschen. Es gibt auch Schätzungen welche von circa 3 Millionen Menschen ausgehen. Für all diese in einem sinnlosen Wahn getötet Menschen gibt es keine so pompöse Gedenkstätte.“
Hannes sah, dass sie wieder von Touristen oder Paparazzio fotografiert wurden. Sie sprachen über Tod, Krieg und Leid und offensichtlich hatten andere Menschen nichts besseres zu tun, als sie zu fotografieren.

Ivette fuhr über die Cours Albert 1er an der Seine vorbei. Nach wenigen Minuten sah er auf dem anderen Seineufer die Quai d’Orsay, die Adresse vom Außenministerium. Es ging an der wunderschönen Steinbrücke Pont Nouf vorbei, wo man schon von weitem die bronzene Statue von Heinrich IV sehen konnte.
Ivette fuhr über die Pont Notre-Dame auf die Insel in der Seine.
„Mon chérie, hier wolltest du im Sommer 89 hinfahren und dem Klang der Glocken lauschen.“ „Ja, dies hatte ich gesagt.“

Ivette wusste die Vorzüge von ihrem „Taxi“, denn auch an der Kathedrale Notre-Dame konnte sie quasi vor der Haustür parken.

Die Kathedrale Notre-Dame ist ein wunderschönes Bauwerk, mit dessen Bau bereits im 12. Jahrhundert begonnen wurde und erst 200 Jahre später fertig gestellt wurde. Die Fensterrosen in den bunten Kirchenfenstern erinnerten beide
sofort an Fréjus. „Tausend Farben sind auch ein rot.“ „Oui, mon chérie.“
Das Innere dieser Kathedrale war für Hannes beeindruckenden und automatisch wurde er langsamer. Dieses Bauwerk hatte eine unglaubliche Wirkung auf ihn.
Patricia erzählte Ivette von dem wunderschönen Haus in der Rue Jean Bacchi in Fréjus und das sie in Thailand einiges aus diesem Haus nachgebaut haben.
„Und ich dachte, ich zeige euch etwas einmaliges“ kam es leicht resigniert von Ivette.
„Liebes, dass tust du. Nur hatten wir vor vier Jahren dieses unglaubliche Glück Peter zu treffen. Nichts auf dieser Welt kann diesem kleinen Haus gerecht werden – selbst Notre-Dame nicht!“

Nach dem Besuch von Notre-Dame fuhr Ivette noch ins 5. Arrondissement zum Place du Panthéon. Ursprünglich wurde das Panthéon zwischen 1764 und 1790 als Kirche erbaut, seit der Französischen Revolution von 1789 bis 1799 dient das Panthéon als Ruhmes- und Begräbnisstätte verschiedener französischer Berühmtheiten. Zu den bekanntesten gehören der Philosoph Voltaire, die Schriftsteller Jean-Jacques Rousseau, Alexandre Dumas und Victor Hugo sowie die bedeutensde Physikerin und Nobelpreisträgerin Marie Skłodowska Curie.
Vor dem Grab von Marie Curie blieb Hannes lange stehen. Er hatte vor ihrem Leben, Wissen und Arbeit den allergrößten Respekt. Er streichte sanft die Grabstätte von einer der bemerkenswertesten Frauen des 19. Jahrhunderts.
Eines der Highlights im inneren des Panthéons ist das Foucaultsche Pendel das die Erdrotation nachweist.
„Ach schau, deine Erdrotation“ und Patricia gab ihm einen Kuss.

Zum Abschluss fuhr Ivette die knapp 2 Kilometer zum Jardin du Luxembourg Park. Der Park hat eine beachtliche Fläche von 26 Hektar und mit seinen 106 Statuen, den monumentalen Medici-Brunnen und der Orangerie, gehört dieser ehmals königlicher Schlosspark zu den schönsten Parkanlagen der Welt.
Ganz nach der Etikette legte Patricia ihren Arm auf den von Hannes und im majestätischen Schritt gingen sie durch die Parkanlage. Ivette gab nochmals den Bodyguard zum besten. Natürlich wurden auch dort wieder Fotos von den unbekannten VIP Stars aus Thionville und dem Naheland gemacht.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s