17 „Angkor war vor 1000 Jahren die größte Stadt der Welt!“

Teil II Kapitel 17
Nakhon Ratchasima, Thailand

„Angkor war vor 1000 Jahren die größte Stadt der Welt!“ „Und? Nun ist sie im Urwald zugewachsen.“

April 1993
Patricia und Hannes lebten seit September 91 in Thailand, im Kon Sombat Village in Nakhon Ratchasima – auch Khorat genannt, einer Großstadt im Nordosten von Thailand und hatten dort ein Haus gebaut.
Ihr Village wurde 1990 erst angefangen zubauen und es würden 36 Häuser dort entstehen. In einem Village sind die Häuser in meinst gleicher Farbe und Baustil.

Hannes wollte kein Haus auf dem Land, wo jeder baute wie er wollte, konnte oder Geld hatte, dieses Chaos sah er täglich in allen Dörfer und Städten in Kambodscha und auch Thailand. Der andere Punkt war die Sicherheit. Ein Village wurde bewacht und so konnte der ein oder anderen Wachmann schon mal nach ihrem Haus schauen, wenn sie wieder Wochenlang in Kambodscha waren.
Roman Welter plante und zeichnete ihr Haus nach den Vorgaben von dem Investor und trotzdem gelangte es ihm ein Zweistöckiges Haus mit zwei Erker und einer anderen Dachneigung zu planen, dass dem Investor gerecht wurde und gleichzeitig Einzigartig in diesem Village war. Roman plante das Haus für zwei Bauplätze in der zweiten Straße auf der Ecke. Als Patricia die Pläne sah, war mit einem Schlag das Meer vergessen. Alles in und an diesem Haus war anderst als die schon 14 gebauten Häuser. Fliesen, Holzböden, Zimmer Aufteilung, Türen und Fenster, sogar die Treppe zum zweiten Stock war ein Unikat.
Viele Mitarbeiter aus seinen Teams ließen es sich nicht nehmen an dem Haus mit zu bauen. Asger übernahm kurzerhand die Bauleitung.
Das Haus stand einen Meter höher, als die anderen Häuser und war in Canaria Yellow gestrichen. Der Sockel und die ein Meter hohe Mauer für die Rasenfläche und Terrasse waren aus Sandstein gemauert. Die getönten Fenster passten sehr gut zu dem Haus. Der leicht rote Dach, die zwei Erker und Sandstein Elemente gaben dem Haus eine unglaubliche Eleganz. Vor und neben dem Haus war eine 210 Quadratmeter große Fläche mit Rasen, Blumen, Springbrunnen und Palmen. Rechts vom Rasen war eine 60 Quadratmeter große Terrasse mit Palmen, Carport, einem mit Klinker gemauerten Grill und ein kleines Backhaus. Die zweieinhalb Meter hohe und zehn Meter Lange Mauer zum Nachbargrundstück war aus Sandsteinen gebaut.
Im Haus wurde sehr viel Teakholz und Sandstein verbaut. Die Küche und Esszimmer, die Treppe, das Bad, Wohn- und Schlafzimmer im zweiten Stock waren eine Anlehnung an das Haus von Peter in Fréjus.

Jeder der durch die kleinen Straßen von diesem Village ging oder fuhr, bewunderte dieses Haus. Neuinteressenten für dieses Village wurde immer zuerst ihr Haus gezeigt. Zu Baubeginn gab es drei Häusertypen im Kon Sombat Village, nach Fertigstellung ihres Hauses: vier. Trotzdem blieb ihr Haus ein Unikat.

Was gab es für Diskussionen mit Patricia über ihre neue Heimat. Sie wollte ein Haus am Meer haben, Hannes lehnte dies vehement ab. Zu weit weg von Kambodscha und zu viele Farangs – Ausländer im Allgemeinen. Viele Europäer, hauptsächlich Deutsche, die sich in den Küstenorten aufführten wie König Großkotz. „Schwarzwald Stube“, „Bierstadel“ oder „Beim Jupp“, brauchte er definitiv nicht in Südostasien.
Sie waren bei Asger in Chon Buri zu Besuch gewesen und was Hannes dort erlebte war Fremdschämen pur. In Pattaya, Laem Chabang oder Chon Buri, wollte er noch nicht einmal abgemalt sein. Die höchste Zahl an Prostitution in Thailand und dementsprechend auch die höchste Zahl an Ausländischen Vollidioten. Mit seinen „Landsleuten“ sprach er Französisch oder Englisch, er wollte nichts mit Niveaulosen Sextouristen oder Rentner zu tun haben, die Frauen von oft 40 Jahren jünger an der Hand hatten. In Deutschland gescheiterte Existenzen, in Thailand einen auf dicke Hose machen. Dies waren die Hauptgründe für seinen Entschluss: kein Haus am Meer.

Khon Kaen oder Ayutthaya hätte ihm von der Infrastruktur auch noch gefallen. Nakhon Ratchasima wurde schon im 14. Jahrhundert gegründet und hatte dementsprechend eine Geschichte.
„Du und deine Geschichte. Ist ja schlimm! Wenn du irgendwann mit einem Schaufelschen und Pinsel anfängst und etwas am ausbuddeln bist, wird es komisch!“ „Höre ich da Sarkasmus raus?“
„Nein! Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir in Angkor waren und du irgendwie neben der Spur wardst.“ „Neben der Spur? Patricia, Angkor war vor 1000 Jahren die größte Stadt der Welt!“ „Und? Nun ist sie im Urwald zugewachsen.“ „Diesen Pragmatismus mag ich so an dir.“ „Oui ma Chérie. Ich hab dich lieb.“

Am Ende konnte er doch mit der Infrastruktur von Nakhon Ratchasima punkten: Universität, großes Krankenhaus, Geschäfte in denen es wenigstens alles zu kaufen gab, Flugplatz, Bahnhof und die Nähe zu Kambodscha. Am Ende war Patrica über die Entscheidung für Khorat froh – aber erst bis aufs Messer diskutieren.
Für Hannes war es wichtig, weit vom „Schuss“ zu sein. Von Khorat nach Bangkok waren es gute 250 Kilometer. In diese Gegend vom Isaan verschlug es wenige Farangs. Hin und wieder sah Hannes einen Deutschen mit seiner Thailändischen Frau. Wahrscheinlich stammte die Frau aus diesem Gebiet. Mit diesen Männern konnte er noch etwas vernünftig reden – wenn auch oft er diese skurrilen Typen mied.

Die Nachbarn von ihnen waren reichere Thailänder. Nach und nach entstanden Freundschaften. Das Verhältnis zu ihren direkten Nachbarn, den Chaipatana’s war sehr freundschaftlich und angenehm.
Ganja Chaipatana war 42 Jahre, seine Frau Titaporn 40 Jahre. Narisara, die Tochter  war 19 Jahre alt und Kongphob, der Sohn, 12 Jahre alt.
Ganja war gleich groß wie Hannes, sportlich, schmales Gesicht und die Haare sehr kurz geschnitten. Titaporn war für eine Frau aus Thailand recht groß, sie war nur etwas kleiner als ihr Mann. Sie hatte eine normal schlanke Figur mit halb langen Haaren. Die Tochter hatte fast die gleiche Größe wie ihre Mutter, mit ihrer sehr schmalen Figur, Haaren bis zur Hälfte vom Rücken, sah sie sehr sexy aus. Kongphob war ein normaler Junge am Anfang der Pubertät.

Ganja, hatte eine kleine Schuhfabrik in Nakhon Ratchasima mit 12 Mitarbeiter. Er entwarf eigene Herrenschuhe, die für
asiatische Verhältnisse sehr gut aussahen. Die Vorentwürfe, nähte er zu Hause. Er wollte immer wissen, wie Patricia und Hannes die Schuhe gefielen, wie der Tragekomfort oder die Schuhgröße sei. Ganja brachte ständig neue Schuhe und Hannes musste ihn immer bremsen. Noch nie hatte er so viel Schuhe besessen.

Oft saßen Ganja und Titaporn bei ihnen auf dem Rasen oder Terrasse auf einer der drei Hollywoodschaukeln. Ganja, Patricia und Hannes tranken gerne ein Bier oder Wein zusammen. Patricia und Hannes liebten das „Chang Beer“ aus Kamphaeng Phet.
Ganja und Titaporn kannten gar keinen Wein, so wurde deren Heimweg beim verköstigen von Wein schon mal etwas länger.
Beim BBQ auf der Terrasse gab es immer schöne Gespräche mit den Anatapongs, Chaipatanas, Kriangsaks oder Muangyais.

Die Nachbarn konnten sich Europa gar nicht richtig vorstellen, so mussten Patricia und Hannes ihnen oft über Europa erzählen. Hochinteressant wurde es, wenn Narisara sich zu ihnen setzte und sie sich mal wieder über Schnee unterhielten. Narisara studierte Klimatologie an der Universität in Nakhon Ratchasima. Wie um alles in der Welt, erklärte man jemand, in einem tropischen Land, der noch nie Schnee gesehen hatte, dessen Konsistenz? Patricia war für solche Fragen prädestiniert. Dies war es was sie hundertprozentig konnte: Erklärten, Darstellen und Begreiflich machen. Patricia war die geborene Lehrerin. Volkswirtschaft und Humanwissenschaft wollte sie studieren. Bestimmt wäre sie darin gut gewesen, aber nicht ihre Erfüllung erreicht. Lehren war ihre Passion. Mit unendlicher Geduld, konnte sie so vieles erklären, bis es wirklich auch der letzte begriffen hatte. Hannes war immer wieder erstaunt, wie diese kleine quirlige Person, bei der es immer nur, jetzt, gleich und sofort gab, beim lehren ein völlig anderer Mensch war!

Patricia lenkte mittlerweile den links gelenkten Toyota Land Cruiser Lexus LX sicher durch die Straßen von Nakhon Ratchasima. Thailand hat Rechtsverkehr, da sie aber fast nur in Kambodscha unterwegs waren, kauften sie eben jenes Auto mit Linkslenkung bewusst in Kambodscha.
Am Anfang hatte Hannes unglaublich viel Angst wenn sie das Auto fuhr. Ständig zu weit auf der anderen Straßenseite. Gefährlich wurde es beim Abbiegen, Patricia fuhr immer auf der rechten Seite in eine Straße hinein. Der ein oder andere Mopedfahrer hatte ihr schon die Pest gewünscht. Lustig war es auch, wenn sie durchs offene Fenster auf Thai zurück schimpfte. Fehler zugeben? Patricia? Eher schiebt sich die Sonne zwischen Erde und Mond!
„Du könntest ja wenigstens auf Französisch, Deutsch oder Khmer zurück schimpfen.“ „Warum? Dann verstehen die mich nicht!“ „…..“ Es gab Momente, da fehlten Hannes schlichtweg die Worte.

Nach nun doch schon drei Jahren in Südostasien, war auch Frau Lefévre keine rollende Gefahr mehr für ihre Umwelt.
Der Land Cruiser fiel durch seine Größe, Anbauteile und den Scheinwerfer auf dem Dach im Straßenbild von Südostasien immer auf.
Die Strecke von Khorat nach Svay Rieng war immerhin fast 800 Kilometer lang und bei Nacht oft sehr gefährlich zu fahren, daher auch so viel Licht an dem Auto. Wenn Frau Lefévre in Khorat zum Einkaufen fuhr, waren ihr auf dem Parkplatz von Tesco Lotus oder Big C die Blicke gewiss, die kleine Patricia in einem solchen Monsterauto war schon ein Blickfang.

Hannes war am Vormittag mit dem Motorrad in die Stadt gefahren um auf der Verwaltung ihre neuen Pässe abzuholen. Anfangs war es eine unglaubliche lauferei bis sie die Dokumente für Kambodscha hatten. Über die UN bekamen beide zusätzliche Pässe – was vieles einfacher machte. Der Grenzübertritt war durch die neuen Ausweise kein Problem mehr, die ständigen Verlängerungen der Visa wurde überflüssig. Sie hatten Diplomatenstatus im zweiten Rang, was auch immer dies bedeutete, es brachte einige Vorteile für sie.
Der Bürgermeister von Nakhon Ratschasima hatte sich vor eineinhalb  Jahren eingeschaltet, solch „Hohe“ Mitbürger zu haben, sei ihm eine große Ehre! Hannes wusste nicht, was an Tief- und Hochbau oder Kinder lesen und schreiben beizubringen: großartig oder spektakulär sei. Sollte ihm auch egal sein.
In den letzten Jahren trafen sich Patricia,  Hannes und Sumphap öfter beim grillen bei ihnen zu Hause oder man fuhr gemeinsam mit dem Motorrad zum Picknick.
Sumphap überreicht ihm nun die neuen Pässe mit den Worten: „Txn nī̂ khuṇ dị̂ rạb kār yxmrạb xỳāng pĕn thāngkār nı pratheṣ̄thịy xỳāng t̄hāwr, khrap.“ Hannes nickte, lächelte und wiederholte die Worte von Sumphap „Nun sind wir offiziell in Thailand dauerhaft geduldet. Danke Sumphap. Noch eine Heimat für Heimatslose.“
Nun hatten beide auch thailändische Pässe! Er bedankte sich bei Sumphap,  dass alles so unproblematisch lief und er dessen Arbeit und Engagement in dieser Sache sehr schätze. „Wenn du möchtest, können wir gerne wieder zusammen BBQ machen. Du magst doch so gerne den Schwenkbraten aus dem Hunsrück.“
„Sehr gerne. Ich rede mit Laddawann und rufe dich heute Abend an.“

Auf der Stecke vom Rathaus zurück zu ihrem Haus, sah Hannes auf dem Parkplatz von Tesco Lotus ihren Wagen stehen.
Er fuhr auf den Parkplatz und suchte Patricia in dem Einkaufsmarkt. Von links hörte er sie rufen. Sie saß beim Friseur. „Wow! Prinzessin, du bist wunderschön!“ „Merci beaucoup ma Chérie, ich bin noch nicht fertig.“ „Ich erspare mir jetzt die Frage nach dem warum nicht fertig. Hast du Lust auf Fisch? Ich würde heute Abend gerne grillen. Oder lässt dies deine noch nicht vollendete Frisur nicht zu?“ „Grillen ist cool! Machen wir.“ „Au revoir. Prinzessin.“

Die Obst- Gemüse- und Fischauswahl in Thailand war gigantisch. Der Schlangenkopffisch, auch Plā h̄ạw ngū genannt, sah zwar komisch aus, war aber super lecker. Dazu gedünsteter Kohl und Papaya Salat – Himmlisch.
Hannes sehnte sich nach einem schönen eingelegten Original Idar-Obersteiner Schwenkbraten. Spontan wurde der Fisch auf Morgen verlegt. Also noch zum Metzger.
Die nette Fleischfachverkäuferin hinter der Theke verstand nicht, wie sie nun das Fleisch vom Kamm schneiden sollte. Ein Stück Fleisch von 350 Gramm sollten eigentlich nicht so schwer zum schneiden sein. Jedesmal wenn sie das Messer ansetzte sagte er „Mị̀ ley. Mị̀ ley, khrap. Mị̀ diė khrap!“ Nein. Nicht so, nicht so, nicht richtig.
Die Frau war der Verzweiflung nah. Hannes dachte, bevor die Fleischfachverkäuferin das Schlachtermesser nach ihm wirft, sollte er es doch besser selbst machen. Völlig irritiert sah die Frau ihn an, als er mit vier je 350 Gramm Stücken Fleisch von dannen zog.
So waren eben die Kulturen verschieden. Nun noch Zwiebeln und Kartoffeln kaufen und seine Heimatgefühle waren gestillt. Juhu! Grillen! Der Umstand das es ohne Buchenholz gehen musste, war weit weg von Hunsrück vertretbar.

Freudig ging er auf den Ausgang zu. Er winkte Patricia zu und fuhr nach Hause.

Das Kon Sombat Villagewar in diesem Jahr fertig geworden und nach und wurden auch alle Häuser verkauft. 5 der 35 Häuser in ihrem Village waren noch leer. 36 ging nicht, da sie damals zwei Bauplätze kauften.
Hannes winkte den Wachmann am Eingang zu und fuhr die „Hauptstraße“ durch und dann die zweit Querstraße nach links. Er sah schon ihr Haus, es war das schönste in diesem Village und machte ihn schon etwas stolz.
Er stellte das Motorrad unter das Dach vom Carport und freute sich auf Grillen. Ganja winkte ihm über die Straßenseite zu und fragte ob er mit zum Tennis möchte. ……Tennis! Bei gefühlten 85° Celsius Außentemperatur! Da waren sie wieder: die Unterschiede der Kulturen.

Hannes lud Ganja und Titaporn zum BBQ ein. Ganja konnte nicht glauben, dass ein Stück Fleisch von dieser Größe und Dicke zum Grillen geeignet sei. „Lass dich überraschen.“

Hannes ging in die Küche, die Asger und Cees eigenhändig nach europäischen Standard bauten,. Er schnitt eineinhalb Kilo Zwiebeln und würzte das Fleisch. Es roch im Haus nach Heimat! Nun alles schön einlegen und bis zum Abend durchziehen lassen.

Vor dem Haus auf dem Rasen rechts vom Springbrunnen, lag Hannes auf einer der Hollywoodschaukeln aus Teakholz und las ein auf Englisch geschriebenes Buch von Peter Scholl-Latour, „Adventures in the East: Travels in the Land of Islam“. Er dachte zehn Jahren zurück, als er das erste Buch von Scholl-Latour las, dieser Mann war für ihn der größte Journalist. Wie sehr bewunderte er dessen Arbeit. Mit diesem Mann würde er sich gerne Stundenlang unterhalten wollen. Die „Bravo“ hatte er in seiner Jugend vielleicht dreimal gekauft. Er konnte nicht verstehen, wie andere Jungs in seinem Alter, ihre Zimmer mit „Bravo“ Sammelposter tapezierten oder jedem Trend hinterher liefen. Er kannte früher schon wenig Popstars oder Rockgruppen. Queen, Tina Turner und Westernhagen fand er schon immer cool. Das war seine Musik.

Vor Patricia hatte er eine Freundin, die Geige und Saxophon spielte. Sie fing später an Musik zu studieren. Von Klassischer oder Barockermusik hatte er wenig gewusst. Bei seiner Oma lief im Radio ein solches gedudel. In Saarbrücken war er mit seiner Freundin auf einem Konzert, in dem Orchester sie spielte. Ein ganzes Konzert mit klassischer Musik –  Alptraum! Die erste Viertelstunde war schon sehr anstrengend für ihn. Dann ging es los! Beethoven, Händel und Vivaldi. Schnelle bombastische Musik, dass war genau die Musikrichtung für ihn!
Nach dem Konzert hatte er auf der Aftershow Party richtig coole Gespräche mit den Berufsmusikern geführt. Aus dem Stegreif fingen ein paar Männer und Frauen an, Beethovens 9. oder Händels Wassermusik zu spielen. Hannes konnte noch nicht einmal Blockflöte spielen. Er hatte von diesem Abend an eine ganz andere Sicht über dieses „gedudel“ bekommen.

So lag er mit Scholl-Latour in der Hand, einem Bier aus Kamphaeng Phet auf dem großen Gartentisch aus Teakholz und Beethoven aus der Stereoanlage vor dem Haus und genoss den Tag. Er freute sich schon am Abend Idar-Obersteiner Schwenkbaren zu grillen.

Ein großer kräftiger Mann kam die Straße herunter auf ihn zu – Farang! Der Mann wollte mit aller Wahrscheinlichkeit zu ihm. Hannes sah schon, dass dieser große kräftige Mann die Richtung auf ihn einschlug. „Hello and good day, nice to meet a foreigner here in the village“ sagte der große kräftige Mann mit einem starken Berliner Dialekt. Hannes grüßte auf Englisch zurück. Der große kräftige Mann, stellte sich als Thomas Raabe aus Berlin Charlottenburg vor – immer noch in einem Kauderwelsch von Deutsch und Englisch. So führten sie eine Unterhaltung in eben jener Sprache, was Thomas Raabe nicht immer leicht fiel. Innerlich war Hannes am schreien vor lachen. Thomas fragte ob er ein Bier haben dürfte und setzte sich in den Stuhl ihm gegenüber.
Thomas war am erzählen und erzählen, warum er hier in dem Village vor einem Monat ein Haus kaufte, aus welchem Ort seine Frau kam und das dies dort alles sehr chaotisch sei. Thomas Raabe aus Berlin Charlottenburg redete ohne Pause, er stelle Hannes eine Frage und sprach sofort weiter. Hannes konnte nur mit dem Kopf nicken oder schütteln.

Patricia kam mit dem Toyota SUV um die Ecke gebügelt und zackig in die Einfahrt rein. Schon oft dachte er, dass sie die Nachfolgerin von Michèle Mouton werden könnte. Rallye fahren könnte Patricia auch!

Als sie aus dem Monstrum von Auto ausstieg, sah Hannes das Resultat von ihrem Besuch beim Friseur. Sie hatte ihre langen Haare etwas lockiger und Strähne bekommen.
„Wow!“ sagte Thomas. Hannes dachte in dem gleichen Moment das selbe. Sie grüßte Thomas Raabe auf Französisch und gab Hannes einem Kuss. Patricia stelle sich vor ihm auf „Et? Comment je t’aime bien, ma Chérie?“ „Wie du mir gefällst? Prinzessin, ich bin Sprachlos.“
„Très bien.“ Sie wuschelte seine Haare und zog singend von dannen ins Haus.
„Oh, ihr seid Franzosen?“ „Nicht ganz“ bei dieser Antwort auf Deutsch, kam Thomas Raabe aus Berlin Charlottenburg völlig ins rudern. Es wurde nun Zeit ihn aufzuklären. Nachdem dies geklärt war, sah Thomas etwas verärgert aus.
„Hättest du mir von Anfang an eine Chance gegeben, dass ich auch mal Antworten könnte, hättest du in deinem Englisch-Deutsch dich nicht so abmühen müssen. Nun weißt du es. Mit meiner Frau kannst du auch Deutsch reden.“
Schon erhellte sich das Gesicht von Thomas. „Du hast ja hier ein starkes Stück!“ „Was? Das Auto oder die Frau?“
„Beides!“

Die moderne Telekommunikation war langsam auf dem Vormarsch, so hatten sie einen Computer und auch Internet in ihrem Haus. Diese Technologie war schon revolutionär. Keine Telexe, Faxe oder sehr teure Telefonate zu führen, machte die Kommunikation zwischen Thailand, Deutschland, Frankreich und den USA erheblich einfacher.

Patricia saß im Arbeitszimmer vor dem Computer und schrieb mit ihren Eltern. Bernhard war seit vier Wochen wieder in Thionville. Da Hannes vor Jahren die Gesamtleitung von dem Wasserbauprojekt hatte, kam Bernhard nur sehr sporadisch nach Kambodscha. Oft war Franziska dabei und beide machten Urlaub in dem Haus ihrer Tochter und Schwiegersohn in spe.
Diese unglaublich schöne Frau am Schreibtisch, ließ Hannes alles vergessen. Gott, was für eine Schönheit! Sie liebten sich am Schreibtisch.

„So, nun mach mal Feuer an, jetzt habe ich Hunger.“ „Oui, Madame Lefévre.“ Sehr entspannt und mit Händel aus den Boxen machte der Chef vom Haus in dem von Cees gemauerten und verklingerten Grill Feuer an. Nur das fehlende Buchenholz tat ihm im Herz weh. Grillen auf Holzkohle ist im Hunsrück immerhin eine Todsünde. Patricia brachte, Fleisch, Kartoffeln und Bier aus dem Haus. Sie nahm einen Stuhl, legte ihre Beine auf seine und reichte ihm ein Bier. „Danke für den Wahnsinns Sex, ma Chérie.“

Gegen 18.30 Uhr kamen Titaporn und Ganja die Einfahrt hoch auf die Terrasse. Ganja hatte ein Pappkarton mit 24 Flaschen Chang Beer dabei. Der Abend konnte beginnen. Ungläubig starrten die Chaipatanas auf den Grill und waren der festen Überzeugung, dieses Fleisch wird niemals völlig durch gegrillt werden. Da waren sie wieder: die Unterschiede der Kulturen.

Das Fleisch bekam immer mehr an Farbe und Geruch. Nach zwei Flaschen Bier war das Fleisch auch fertig gegrillt. Patricia hatte auf der Terrasse schon den Tisch gedeckt.
Von dem fertigen Grillfleisch war Ganja fasziniert. Trotzdem waren beide skeptisch ob dies so essbar sei. Patricia schnitt das Fleisch in der Hälfte durch und zeigte ihnen das Grillresultat. Der Moment in dem Ginja und Titaporn das erste Stück Idar-Obersteiner Schwenkbraten aßen – unvergesslich! Die Augen von beiden wurden immer größer!
„Ja, ist schon lecker.“ Lachte Hannes.

Nach und nach kamen immer mehr Nachbarn ans Haus. Hannes brachte noch Gartenstühle aus dem Anbau vom Carport auf die Terrasse. Ganja überschlug sich in der Ausführung von diesem Geschmack an Fleisch. Thomas Raabe kam auch mit seiner Frau vorbei. Es wurde ein sehr geselliger und langer Abend.
Da Ganja allen die Nase über dieses köstlichen Fleisch so lang gemacht hatte, wurde beschlossen, in zwei Tagen eine Nachbarschafts Grillparty zu veranstalten.

Am Samstag morgen fuhr Hannes mit Thomas in die Stadt zum einkaufen. Thomas war sehr froh, dass er mit Hannes Deutsch reden konnte. Thai konnte Thomas auch nur im Ansatz, so war er immer auf die Hilfe seiner Frau angewiesen. Mit Englisch kommt man in Thailand auch nicht sehr weit. Wenn, dann nur in den Touristenzentren, aber auch dort mitunter schwierig. Thailand heißt: Land der Freien. Dies prägte sich durch die Generationen auch so ein. Lernen Thai –  oder du hast ein Problem.

Thomas war sehr überrascht, wie Hannes den Wagen durch Khorat steuerte. Er hätte Angst in Thailand zu fahren. Es hieß, bei einem Unfall wäre immer der Farang Schuld.
„Kann sein, nur muss ich fahren. Ich fahre in Kambodscha über 8.000 Kilometer im Monat. Die Strecke von Khorat nach Svay Rieng, wo meine Frau ihre Schulen hat, sind schon 800 Kilometer. Wenn wir beide nach Svay Rieng fahren, können wir uns abwechseln. Oft steht mein Auto aber in Kâmpóng Trâbêk bei Bauabschnitt 1 und Patricia muss die restlichen 180 Kilometer alleine fahren, du hast ja gesehen wie sie mit dem Ding fährt: wie eine Wildsau. Seit sie weiß, was dieses Auto alles kann, macht sie sich keine Gedanken mehr, ob sie in jene oder welche Ortschaft in Kambodscha hin fahren kann. In dem Gebiet, wo wir arbeiten, sind die Straßen lange nicht so wie in Thailand. Viele Sandpisten, Schlaglöcher und beim Monsun kaum passierbar. Daher auch dieses Auto. Wenn das Auto nicht mehr weiter kommt, geht es zu Fuß schon lange nicht mehr.“ „Ach so.“
Hannes sah verwundert zu Thomas.„Hattest du gedacht, wir brauchen ein solches Auto um anzugeben?“ „Naja, in Thailand sind die Straßen ja nicht so, nun weiß ich warum du dieses Auto hast.“ „Ja, aus eben diesen Gründen dieses Auto. Dies ist die gleiche Variante von Toyota, wie sie auch auf der Rallye Paris-Dakar gefahren wird.“ „Wow! Du hast schon eine tolle Frau! Wie viele Sprachen kann sie?“
„Französisch, ist klar. Deutsch, durch ihre Mutter. Englisch, Latein, Khmer und Thai.“ „Wow! Fünf Fremdsprachen. Du kannst ja auch einige. Da komme ich mir richtig doof vor.“ „Ach was. Ich konnte im Sommer 89 nur ein paar Wörter Französisch, nun habe ich kaum noch Probleme damit. Patricia lernt auch wirklich sehr schnell, sie ist unglaublich intelligent. In Kambodscha ist sie Lehrerin und Chefin von einem Team aus Internationalen Lehrer.“
Thomas wollte nun wissen, was genau die Arbeit von ihr und Hannes sei.
„Respekt, alle Achtung.“ War es was er am Ende sagen konnte. „Wie alt seid ihr?“ „23.“ Stille.

Die nette Fleischfachverkäuferin im Tesco bediente Hannes wieder. Sie fragte ob eine Party gewesen sei, bei dieser Menge an Fleisch.
Sie konnte nicht verstehen, dass vier Personen so viel Fleisch essen konnten. Die neuerliche Bestellung für den Abend, sprengte bei der Fleischfachverkäuferin jegliche Vorstellungskraft! Wie auch vor zwei Tagen, legte Hannes selbst Hand an um die gewünschte Größe, Form und Stückzahl an Fleisch zu bekommen.

Thomas kaufte noch Getränke für den Abend. Bier, Wein, Coca-Cola und Mekong Whisky.
Zu Hause angekommen, wurden die Getränke gekühlt und das viele Fleisch eingelegte. 10 Kilogramm Fleisch einlegen war schon etwas aufwendiger. Thomas war eine große Hilfe beim schneiden der vielen Zwiebeln und war vom Inneren des Hauses völlig in den Bann gezogen.
„Wow, was ihr für ein Haus habt, dass ist ja eine Villa!“ „Nee, dass Elternhaus von Patricia ist eine Villa, da sind wir weit entfernt, trotzdem haben wir ein nettes Haus.“ „Nettes Haus? Ich wusste gar nicht, dass die Thailänder ein solches Haus bauen können.“ „Haben sie auch nicht.“ Hannes sah einen sehr irritierten Blick von Thomas.
„Dieses Haus plante und zeichnete ein Luxemburger. Am Bau waren Männer aus fünf Nationen beteiligt, darunter auch Kambodschaner. Die Küche haben ein Däne und ein Niederländer gebaut, nix aus dem Möbelgeschäft – alles Handarbeit. Die Wände, Bad, Treppe und Böden aus Teakholz und Sandsteinen bauten zwei Schweizer. Die Terrasse, Springbrunnen, Carport und alle Mauern um das Haus wurden von einem Österreicher, Schweizer und Belgier gebaut.“ „Ähh?“ „Alles Leute aus meinen Teams. Nicht nur meine Frau hat Internationale Mitarbeiter – ich auch.“ „Wow. Wie redet ihr alle untereinander?“ „Meist Deutsch oder Französisch. Der Überwiegende Teil unserer Teams kann Deutsch.“

Da es in Thailand schwierig war eine Party zu organisieren und einen gewünschten Beginn zu sagen, wurde vor zwei Tagen beschlossen, um 18 Uhr mit der Party zu beginnen. Um 19.30 Uhr waren dann alle da.
Thomas ging am Nachmittag kurz nach Hause, war aber um 16 Uhr schon wieder da. Ihm fehlte die Unterhaltung auf Deutsch. Gaanchana, die Frau von Thomas, hatte noch zwei riesige Schüsseln Salat gemacht. Einen typisch deutschen Nudelsalat und einen thailändischen „Papaya Pock Pock“, der eigentlich Name von dem Salat ist: Som Tam. Es ist ein Papaya Salat aus knackig grüner Papaya, die man in Streifen schneidet und mit einem Stößel im Mörser zerstampft. Dies alles wird mit einer Menge Chili, Tomaten, Karotten- und Kohlstreifen mit Limetten, Knoblauch, gerösteten Erdnüssen vermengt. Der Salat schmeckt erfrischend, süß-sauer und scharf. Mitunter SEHR scharf!
„Gaan, ich liebe dich! Diesen Salat esse ich fast täglich in Kambodscha“ sagte Hannes als er die riesige Schüssel Salat sah.
In Papaya Pock Pock könnte er sich hinein setzten! Jede Gabel Salat brannte in den Augen und Mund. Das Zeug war so scharf, man könnte damit bestimmt auch Holz abbeizen.

Thomas und Gaanchana waren eine typisch Deutsch-Thailändisches Ehepaar. Er um Jahre älter als sie und wenig ambitioniert die Sprache zu lernen, zu Essen oder etwas von der Kultur anzunehmen – daher auch der Nudelsalat. Gleiches Bild sah Hannes in Pattaya, Chon Buri oder Leam Chabang.
Patricia und er waren nie wählerisch oder hochnäsig zu den Nachbarn oder Menschen gewesen. Nicht in Kambodscha und hier schon gar nicht. Die Thailänder merkten dies nach einem viertel Jahr Nachbarschaft auch, aus diesem Grund waren eben auch Freundschaften entstanden.
Gaanchana war sieben Jahre älter als sie beide und unterhielt sich gerne mit Patricia und Hannes. Es war ihr anzusehen, dass sie in der Ehe nicht glücklich war. Sollte Hannes es mal irgendwann ansprechen? Eigentlich ging ihn diese Ehe nichts an. Auf der anderen Seite wollte er schon die doch offensichtlichen Defizite ansprechen. Heute sowieso nicht.

Der Rasen und die Terrasse war mit 30 Personen ordentlich gefüllt. Solche Partys mochten sie beide sehr gerne. Mit jedem ins Gespräch kommen, Spaß haben, Lachen, gutes Essen und Trinken.
Der Chef vom Haus konnte sich noch nicht so richtig um die Gäste kümmern, denn er war der Grillmeister.
Nach und nach war der Idar-Obersteiner Schwenkbraten fertig gegrillt, die Gäste bedienten sich an Fleisch, Kartoffeln und Papaya Pock Pock. Nudelsalat zählte nicht zu den Highlights des Abends.
Vom Grill aus beobachtete Hannes seine Patricia in ihren Hotpants, dem knappen T-Shirt und dieser wahnsinns sexy Figur, was war sie für ein schöne Frau. Mit einer Bierflasche in der Hand gab sie ganz locker und souverän die Gastgeberin. Wie falsch hatte er vor vier Jahren diese Frau eingeschätzt! Intellektuell, konnte sie alle Anwesenden Gäste in die Tasche stecken. So war sie aber nie! Ohne Frage, wusste sie was sie konnte, zeigte es aber selten. Diese Natürlichkeit hatten ihre Schulfreundinnen alle nicht. Der Papa war ja schließlich Doktor, Richter oder Anwalt! Claude fiel ihm wieder ein. Dieser Typ war wirklich eine Nummer für sich. Gerade dies machte ihre, nun vierjährige Freundschaft aus.
Hannes legte noch fertig gebratenes Fleisch und Kartoffeln auf die Servierplatten. Bei den Kartoffeln musste er schmunzeln, „du Deutsche Kartoffel“ sagte Claude immer zu ihm.

Am Sonntag gegen 10 Uhr saßen Hannes und Patricia im Esszimmer und frühstückten, als sie durch die Fenstern vom Wohnzimmer Thomas die Einfahrt zur Tür hoch kommen sahen.
„Hätte ich nur nicht angefangen mit ihm Deutsch zu reden.“ „Ma Chérie, ist gut, wir sind ja bald wieder weg. Er redet eben gerne.“ „Leider.“
Er klopfte schon an die Tür. „Soll ich rufen, es ist niemand zu Hause?“ Sie boxte ihn gegen den Oberarm. Hannes ging zur Tür und bat Thomas herein.
„Oh, ihr frühstückt. Oh, Brot und Croissant. Wo gibt es dies zu kaufen?“ „Gar nicht. Wir backen selbst. Aus Frankreich habe ich sehr gute Rezepte bekommen, daher auch das kleine Backhaus auf der Terrasse.“
„Aha.“ „Möchtest du mit uns Frühstückten?“ „Gerne.“ „Oh, auch der Kaffee ist gut.“ „Ja, der ist aber im Big C gekauft. Kommt aus Belgien.“ „Ihr beide seid voll cool. Was ihr in eurem Alter alles macht, da hab ich großen Respekt vor.“
„Danke.“ „Wann geht ihr wieder nach Kambodscha?“ „Patricia in der dritten Woche vom Mai, ich fliege zwei Tage vorher erst noch nach Deutschland und komme dann im Juni nach.“ „Lebt ihr eine Fernbeziehung?“ „Ja und nein. Eigentlich sind wir immer zusammen. Da vor drei Jahren Frau Lefèvre und meine Teams meinten, dass ich die Gesamtleitung für ein Wasserbau-Projekt bekommen sollte und dies nun auch in Kambodscha einen erheblich größeren Radius bekommen hatte, muss sie mit dem Umstand leben, dass wir uns auch mal zwei oder drei Wochen nicht sehen.“ „Ma Chérie, ist alles gut. Du hast deinen Job und ich habe meinen Job.“ „Genau Prinzessin. Ab und an tut der Abstand uns beiden auch ganz gut. Selbst wenn ich in Kambodscha bin und beim Bauabschnitt 1 in Kâmpóng Trâbêk im Büro arbeite, fahre ich keine 180 Kilometer nur um in Svay Rieng bei ihr im Hotel zu schlafen.“ „Hotel?“ „Ja, wir sind in Hotels untergebracht. Mittlerweile hat der ein oder andere aus unseren Teams auch ein Haus in Kambodscha oder Thailand. Die meisten aus unseren Teams haben keine Familie in Europa und fliegen gar nicht mehr nach Hause. Sie machen Urlaub bei anderen Mitarbeiter, bauen unser Haus oder bauen an ihrem eigenen Haus. Baumaschinen und gute Mitarbeiter haben wir genügend.“ „Ihr müsst ja alle verdammt viel Geld verdienen.“ „Ja, wir sind alle Millionäre.“ Thomas riss die Augen auf.
„In Südostasien haben wir schon sehr gutes Geld, in Europa wäre es besser als der Durchschnitt. Du hast ja auch ein Haus in Thailand.“ „Ja, aber nicht so ein schönes.“ „Schön ist relativ. Wir arbeiten sehr viel. Viele Wochen die wir weg sind und da wollten wir schon etwas haben um zu entspannen und genießen. Wir beide brauchen kein Meer vor der Hütte, wir wollen es lieber gemütlich. Wenn wir ans Meer wollen, dann machen wir es.“ „Ihr habt schon ein geiles Leben.“
Hannes riss die Augen auf und nahm tief Luft. „Geiles Leben? Thomas, dies hört sich für dich alles geil an, dies ist es aber ganz bestimmt nicht! Wir erleben bitterste Armut, sehen Kinder sterben, bekommen mit wie Kinder verschwinden. Wir haben täglich mit einem Analphabetismus zu kämpfen der ins astronomische geht. Wir sehen Menschen hungern und versuchen Ideen umzusetzen um diesen Menschen Perspektiven zu geben. Von geil sind wir weit weit entfernt! Du hast mir am Donnerstag gesagt, wie schlimm es in dem Ort ist, wo deine Frau herkommt, nun nimm dies mal zehn und dann hast du ungefähr eine Vorstellen von unserer Arbeit und dem Umfeld, in dem wir uns bewegen.“
Patricia stand wortlos auf, ging ins Arbeitszimmer und kam mit Fotos zurück, die nun schon drei Jahre alt waren.
„Bitte. Schau. Hannes hat recht, von geil sind wir weit entfernt.“
Thomas sah sich die Fotos an. Je mehr er sah um so ruhiger wurde er. „Tut mir leid, dass habe ich alles nicht gewusst.“ „Woher auch? Du hast eine Frau aus Thailand geheiratet und willst oder kannst ihre Kultur nicht annehmen, weißt du überhaupt wie weh du Gaanchana damit tust?“ Patricia biss sich auf die Lippen, dies war das Zeichen, dass sie dem nichts zu widersprechen hatte.
„Du kannst in dem Ort nicht wohnen, weil dort alles so schlimm ist? Komm gerne mal mit nach Samlei, Thmei oder Tnaot. Du hast die Fotos gesehen, von den ersten Tagen gibt es keine Fotos, weil keiner sich traute dieses Elend zu fotografieren. Glaub mir, wir haben im zweiten Stock Wände voll mit medizinischen Bücher und Patricia kennt sich schon gut aus damit. Was sie ganz am Anfang gesehen hatte, war ein Alptraum. Sie hatte sich bei der UN um Hilfe gekümmert und war sogar beim US Geheimdienst um Nachrichten an alle Hilfsorganisationen zu schicken, die sie damals kannte. Sie rief mich von Phnom Penh aus an, ich soll zusehen dass bis zu ihrem Eintreffen eine Infrastruktur in Kampang Rou steht. In ihrem Anhang war ein Ärzteteam aus der Schweiz, die unglaublich schnell reagiert hatten und trotzdem sind Menschen – auch Kinder, gestorben.“ „Das wusste ich alles nicht.“ „Ich weiß. Fahr doch mal in die Dörfer und sieh dir an wie die Menschen dort leben. Hier in dem Village ist das Paradies, hinter der Mauer ist das reale Leben der Thailänder. Tu´dir und Gaanchana einen Gefallen und nimm auch nur etwas von ihrer Kultur an. Es wird euch beide weiterbringen. Warum hatten wir gestern eine so große Party? Nicht weil wir reich sind oder das schönste Haus in diesem Village haben. Nein, weil wir die Menschen so nehmen wie sie sind. Ihre Kultur, ihre Bräuche, ihr Essen und ihre Sprache. Du hast gesehen, wie alle unsere Nachbarn auf uns reagieren und wie sie auf dich reagieren. Meinst du, die bekommen nicht mit, dass Gaanchana nicht glücklich ist? Ein Haus für die Frau zu kaufen hat nichts mit Glück und Liebe zu tun. Ich selbst habe eine Ausländerin. Ich musste mich auch in Frankreich erst einmal beweisen, dass ich nicht DER deutsche, DER Andere oder DER Ausländer bin. In nur wenigen Wochen hatte ich dort viele Bekanntschaften und Freundschaften gefunden. Die wirst du in Thailand nicht finden, solange du dich nicht änderst.“

Thomas sah unter sich, er wusste das Hannes mit seinen Worten recht hatte. „Mal eine Frage. Würdest du zwei Obdachlosen Männer eine Chance auf ein neues Leben geben?“ Thomas sah zu Patricia und dann zu ihm. „Warum sollte ich dies, wenn die doch sowieso Obdachlos sind? “
Hannes nickte ruhig, innerlich war er am schreien. „Dieses Haus, dass du als eine Villa bezeichnetest, hat ein ehmaliger Obdachloser gebaut! Der andere Obdachlose ist in seinem Job so gut, dass er mittlerweile für das Bildungsministerium in Kambodscha mitarbeitet. Thomas, beurteile niemals einen Menschen nach dem was er hat oder nicht hat! Patricia und ich haben die wohl unterschiedlichsten Menschen in unseren Teams, wo andere nur vom lesen der Lebensläufe sagen würden: Nein, will ich nicht. Diese Menschen sind unsere Freunde.“

Am Nachmittag lagen beide auf der großen Rundcouch im Wohnzimmer, im zweiten Stock und hörten Vivaldis “Vier Jahreszeiten“.
„Dem hast du aber vorhin ganz schön die Meinung gesagt.“ „War es falsch?“ „Nein! Ich denke, er wird über deine Worte nachdenken. Jetzt verstehe ich dich immer besser, warum du so weit vom Meer weg wolltest. Ich hatte es ja auch in Chon Buri bei Asger gesehen.“
Hannes nickte. „Keiner aus unseren Teams hat auch nur im Ansatz ein solches Denken. Schau, wie glücklich Dhani und Kannitha sind und haben doch auch ein schönes Haus in Kampang Rou gebaut.“
„Stimmt. Dhani hat auch sehr schnell Khmer gelernt. Er war oft bei mir in der Schule.“ „Das meinte ich. Diese Menschen packen etwas an.“ „Apropos anpacken“ Patricia legte sich auf seinen Bauch, zog im das T-Shirt hoch und hatte ihre Hand in seinem Schritt.

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