3 Der Ritt auf der Kanonenkugel

Teil II Kapitel 3

Der Ritt auf der Kanonenkugel


Dienstag, 16. Januar 1990. Um 7.20 Uhr kamen die Vororte von Phnom Penh in Sicht. Durch die Stadt ging es um diese Uhrzeit noch recht zügig. Hannes kannte noch die Strecke ins Distrikt Sangkat Tuek L’ak Ti Muoy. In diesem Distrikt war das Büro der UN. Trotzdem gab Frau Lefèvre die Anweisungen „Die nächste Straße rechst, dann zweite links, über die Brücke, danach gleich rechts.“ „Wenn du jetzt noch sagst, in welchem Gang ich die Kurve fahren soll und mit welcher Geschwindigkeit, melden wir uns als Rallye Team beim WRC an.“ „Cool. Machen wir. Wer macht den Beifahrer, wenn ich das Auto fahre…?“ Er sah sie an und zog die Augenbrauen hoch „…wir sind schon ein gutes Team. Mit dir würde ich auch noch Rallye fahren lernen.“

Der Diensthabende Soldat an der Wache fragte nach dem Grund des Besuches. Er machte seinen Job sehr Pflichtbewusst und verweigerte die Einfahrt. Patricia fackelte nicht lange und rief Hattie an. Sie erklärte ihr die Situation an der Wache und reichte einen Augenblick später das Telefon an den Soldaten weiter. Nach 20 Sekunden rollte der Pickup auf den Hof der UN Kaserne in Phnom Penh.
Am dritten Gebäude, wo das Büro von UNICEF war, stand Hattie bereits vor der Tür. Kurze Begrüßung und sofort aus Phnom Penh raus.

Hannes fuhr wesentlich schneller die N1 als Asger noch vor einer Woche. Bei dieser Geschwindigkeit, brauchte er einen guten Beifahrer. Patricia redete mit Hattie, trotzdem achtete sie auf den Verkehr und sagte, was sie rechts auf oder an der Straße sah, was bei dieser Geschwindigkeit gefährlich sein könnte. So konnte Hannes sich viel mehr auf den linken Straßenrand konzentrieren. Zügig rauschte der Pickup an allem vorbei was sich an Fahrzeuge auf der Straße bewegte.

In Svay Rieng fuhren sie noch schnell zum Hotel um Asger und Bernhard abzuholen. Über den Asphalt von der 334 fuhr Hannes auch wesentlich schneller als die ersten Male. An der Kreuzung zur Baustelle, blieb er stehen und stellte den Kilometerzähler auf Null. Nun fuhr er die immer schlechter werdende Piste Richtung Wald. Vorbei an Zuckerrohr- und Maisfelder. Dann ging durch ein kleines Waldgebiet, danach kam gleich die erste Ortschaft Kampang Rou.
„Willkommen im Mittelalter oder wie Asger es treffend sagte „Zombie Land“. Asger saß, durch seine Größe bedingt, auf dem Beifahrersitz. Hannes blieb nach ein paar Baracken stehen. „Meine Damen und Herren, nun beginnt die Besichtigung von dem ersten Ort.“
Einige der Hunde bellten aus sicherer Entfernung die Ausländer an. Hühner suchten im Sand und Dreck nach etwas essbarem. Es lag ein Geruch von Fäkalien, Verwesung und Müll in der Luft. Hattie und den beiden Männer sah man den Ekel im Gesicht stehen. Patricia und Hannes gingen auf eine Hütte zu, bei der sie gestern schon waren. Ein dürrer, gebeugter Mann mit Pusteln im Gesicht, begrüßt die beiden freundlich. Obwohl Hattie zwei Meter hinter Hannes stand, hörte er, wie sie beim Anblick von dem Mann die Luft einzog. Patricia fragte, ob er sagen könnte in welchem Haus Menschen leben und wie viele Kinder. Er ging ein paar Schritte auf die Mitte der Piste, dabei zog er sein rechtes Bein nach. Er zeigte die Piste Richtung Süden auf die Hütten, wo Leute wohnten und Hütten die leer standen. Gleiches tat er in die andere Richtung. Der Mann ging die Piste einige Schritte nach Süden und zeigte von dieser Abzweigung nach Osten mit dem Finger auf die bewohnten Hütten. Bei all den Ausführungen von ihm machte Patricia sich Notizen. „Schatz, komm lass uns hier hoch gehen, die Straße kennen wir nicht.“ Hannes nickte. Er drehte sich zu den drei Begleitern um und winkte ihnen zu, sie sollten mit kommen. An der zweiten Hütte saß eine schwangere Frau im Schatten. Vor ihr in einer Hängematte lag ein Kind von etwas 2 Jahren mit einem aufgedünsteten Bauch. Patricia sagte der Frau, dass sie Ärzte aus Europa seien und ob sie sich das Kind anschauen dürfen. Die Frau nickte Patricia zu. Als die anderen drei neben Patricia standen, musste sie schlucken „Ich tippe auf Aszites.“ Asger schaute Patricia fragend an.„Wasserbauch. Dies kann von Leberzirrhose oder Herzschwäche kommen. Asger, ich kenne viele medizinische Bücher. Ich bin keine Ärztin, es liegt aber die Vermutung nah.“ Hattie entwisch ein „Oh my God.“


Zwei Hütten weiter konnte Hannes einen Blick in das innere werfen. Es war dunkel, dreckig und es stank fürchterlich „Hattie, die Menschen brauchen Hilfe! Schnell.“
„Sehe ich! Ich traue mich nicht Fotos zu machen. Tricia, ich habe so etwas noch nie gesehen!“ „Keiner von uns hat so etwas gesehen. Wie und warum dies überhaupt möglich ist, wäre die nächste Frage. Hannes sagte gestern schon, dass die Fäkalien und Müll so schnell wie möglich weg müssen. Darüber hatten wir gestern Abend im Hotel eine nicht gerade konstruktive Unterhaltung.“ Sie sah dabei Asger offen ins Gesicht. Patricia ließ sich von niemand die Butter vom Brot nehmen! „Was Hannes sagte, war alles richtig. Nur, wer soll dies bezahlen?“ Sagte Bernhard nochmals zu seiner Tochter. „Papa, ob der große Bagger nun auf dem Feld Gräben in Schneckengeschwindigkeit aushebt oder hier ist und nützliches tun. Was wollt ihr mit den sechs Männer auf eurer Baustelle erreichen? Bis diese Projekte fertig sind, haben wir ein neues Jahrtausend! Wir haben uns die Mühe gemacht und den Maßstab der Pläne mit dem der Wirklichkeit verglichen. Es passt nichts zusammen. Wie kannst du etwas genau abrechnen, was gar nicht planbar ist?“


Bernhard nahm sein Mobiltelefon und wählte die Nummer von Stephane Dilbert. Es dauerte eine Weile bis er ans Telefon ging. In Frankreich war es kurz vor 7 Uhr. Bernhard erklärte ihm die Situation vor Ort, wie auch sein berechtigter Einwand über die Kosten. Patricia war unterdessen mit Hattie die Straße weiter gegangen um sich wertete Notizen zu machen. Bernhard rief seine Tochter zurück „Wir fangen an! Stephane schaut, was er heute erreichen kann.“ „Merci beaucoup, Papa. Hannes – bring den Bagger. Allons.“ „Jawohl Chefin. Asger, fahr mich zum Bagger. Fahr bitte nach Svay Rieng und kauf noch ein 200 Liter Fass und bring bitte 400 Liter Diesel mit. Bis du wieder hier bist, wird Patricia mit der Dokumentation von dem Ort fertig sein.“ Bernhard ging mit zum Pickup. Auf den fragenden Blick von Hannes, sagte er „Ich fange an den Ort zu vermessen. So hat jeder eine Sinnvolle Arbeit.“

Endlich kam die Ortschaft in Schicht. Das gequietsche von den Ketten war reinste Folter für seine Ohren. Kettenbagger sind für ein 5 Kilometer lange Strecken zu fahren gar nicht gebaut. In Svay Rieng musste er sich nach Fett und Öle für die Maschine erkundigen. Auch wenn dieser Bagger neu war, der Sand in der Luft machte die Beweglichkeit, bei mangelndem Fett in den Gelenkbolzen nicht besser und die Luftfilter müssten auch öfter getauscht werden.

Zwischen den letzten Bäumen von dem Wald und dem Anfang der Ortschaft drehte er das Kettenfahrwerk vom Bagger nach rechts. Die Lehmfläche neben der Piste war wenig bewachsen. Die paar Bäume drückte er mit dem großen Baggerlöffel nach links zur Erde, sodass die Wurzeln aus dem Boden hoch kamen. Mit den riesigen Löffel packte er die Bäume an der Wurzel, drehte den Oberwagen um 110°, machte den Ausleger so lang dieser war und mit einer schnellen Öffnung vom Löffel flogen die Bäume gute 5 Meter weiter. Mit der Länge vom Ausleger waren es fast 12 Meter die die Bäume vom Bagger weg lagen. Er drehte den Oberwagen wieder zurück. Nun stach er mit den riesigen Löffel zweimal nebeneinander in den Lehmboden und hatte somit fast 3,60 Meter in der Breite abgesteckt. Noch etwas nach links. Nun hatte er 4 Meter. Passt. Hannes wollte die Grube 4 x 4 Meter mit eine Tiefe von 2,5 Meter graben.


Ein Loch graben war nicht das Problem, nur wohin mit 40 Kubikmeter Erde? Im Ort könnte er die Erde gut gebrauchen. Hannes konnte und wollte aber nicht ständig mit dem Bagger hin und her fahren. Er bräuchte einen Lkw. Darüber würde er sich später Gedanken machen. Nun war das ausheben der Grube erst einmal Vorrangring. Bei der Größe von dem Bagger, war diese kleine Grube in wenigen Minuten ausgehoben. Hannes drehte den Oberwagen und fuhr in Richtung Piste zurück. Asger stand schon mit dem Pickup dort. Er kam auf die Grube zu, sah das Loch, schaute Hannes ungläubig an und schüttelte den Kopf „Sag mal, wie schnell arbeitest du? Du hast auch die Piste bis zum Ort erheblich besser gemacht. Wie hast du dies geschafft? „Normales Tempo. Ich habe schon lange kein Bagger gefahren, sonst wäre ich schon lange fertig. Komm, lass uns das Ding tanken.“ Während die eingebaute elektronische Pumpe am Bagger die zwei Fässer mit Diesel leer zog, sagte er zu Asger „Es würde Sinn machen einen LKW zu organisieren. Der Müll aus dem Ort können wir schlecht mit dem Pickup hier in die Grube fahren. Die Erde die ich ausgebaggert habe, könnten wir im Ort gebrauchen. Jetzt zeige ich dir, wie ich diese Folterstraße in einen etwas besseren Zustand bekommen habe.“

Hannes fuhr von seinem Weg auf die Piste, drehte das Kettenfahrwerk nach rechts, legte den gewaltigen Löffel flach auch die Straße und drückte so die Schlaglöcher zu. Wenn es zu viele Löcher oder Buckel waren, fuhr er ein paar Meter zurück, stellte den Oberwagen dann etwas nach rechts und fuhr vorwärts. 26 Tonnen drückten schon ganz schön auf die Erde. So wurde diese Piste endlich fahrbar. Je näher der Bagger dem Ort kam, umso mehr bellten die Hunde dieses Monstrum an. Ein ganzer Pulk an Hunde kläffte vor, neben und hinter dem Bagger.
An dem Abzweig im Ort blieb er stehen und schaltete den Motor aus. Das gekläffe der Hunde wurde sofort weniger. „Siehste Asger, so habe ich die Piste etwas besser gemacht. Es wäre mit einem Böschungslöffel noch einfacher und schneller. Na ja, man kann nicht alles im Leben haben.“
Patricia kam mit Hattie auf sie zu. Sie reichte Hannes drei DIN A4 Blätter mit ihren Notizen. Er las was sie geschrieben hatte und sah sie mit offenem Mund an „Meine Güte! Dies liest sich wie ein Horrorbuch!“ Er gab Asger die Blätter. Beim letzten Blatt schüttelte auch er den Kopf. „Wie schon gesagt, ich bin keine Ärztin, ich weiß nicht ob alles richtig ist, es sind auch vieles nur Vermutungen.“ „Kommt Kinder, ich habe Essen und Getränke mitgebracht…“ sagte Asger „…wo ist dein Vater?“ „Merci beaucoup. Ich weiß es nicht. Ich denke das er auf der anderen Seite vom Ort ist.“


Im Schatten von ein paar Bäumen saßen die vier und aßen Hähnchen Suppe und tranken lau warmes Wasser aus Plastikflaschen. Hannes konnte dieses Wasser nicht trinken, schwüle Hitze und noch solches Wasser. Widerlich.
An einem Haus stand ein großer Tonkrug, er fragte, ob er dort Wasser bekommen könnte. Mit gekühltem Wasser in seiner Plastikflasche ging er zurück zu den drei. Fragende Blicke von denen. „Geschichte, Liebes, Geschichte. Nicht alles aus dem Mittelalter ist schlecht.“ „Lass mich mal trinken.“ Patricia stand auf, ging zu dem großen Tonkrug, schütte ihr Wasser hinein und füllte auch ihre Flasche mit kühlem Wasser. „Nun wissen wir was heute Abend als erstes zum einkaufen ansteht.“ Bernhard kam zwischen zwei Hütten vor und auf die Gruppe zu. Sein Hemd klebte ihm am Körper. Er setzte sich zu den vier in den Schatten. Patricia reichte ihn gleich eine Flasche mit gekühltem Wasser. Er trank und trank, bis die Flasche leer war. „Das war gut, wo hast du dieses kühle Wasser her?“ „Frag Hannes“ gab sie ihrem Vater als Antwort. Bernhard sagte, dass sich Stephane gemeldet hätte und grünes Licht gab. Er schaute die Piste in Richtung Wald und dann zu Asger „Was ist mit der Straße passiert?“ „Frag Hannes“ sagte Asger. Bernhard sah zu Hannes und schüttelte den Kopf „Du bist schon ein Phänomen!“ Patricia gab Hannes einen Kuss und wuschelte seine Haare „Mein Phänomen“ und gab ihm noch einen Kuss.
„Also gut, ich sehe schon ein paar Veränderungen. Asger, Hannes, kommt bitte mit. Ich habe drei Punkte gesetzt die ich als Klärgruben vorgesehen habe. Drei, weil die Topografie von dem Ort es ohne Pumpen sonst nicht möglich macht.“

Patricia wollte nun endlich weiter in die nächsten Ortschaften. Jetzt, gleich und sofort. Bernhard zeigte noch die drei Stellen, die er markierte. Hannes sah sich um „An zwei Stellen komme ich von hier mit dem Bagger nicht hin. Das Ding ist zu breit um zwischen den Hütten durch zu fahren. Hundert Meter weiter würde es gehen, nur sind da vorne einige große Bäume im Weg. Ich muss zurück und dann hinter dem Ort durch fahren. Mit dem Kettenfahrwerk ist das kein Problem. Eventuell die 26 Tonnen könnten auf dem schrägen Boden rutschen.“ „Okay, du schaffst dies hier sowieso alleine, dann könnte Asger mit uns in die anderen Ortschaften fahren.“ „Nee, Bernhard, ich bleibe hier. Ich denke, dass ein alter Seebär noch so einiges von dieser jungen Landratte lernen kann.“

Zurück am Bagger fuhr Hannes ein paar Meter auf der Hauptstraße weiter Richtung Süden. Er drehte den Oberwagen nach rechts und zog mit dem Baggerlöffel den Müll und Unrat zwischen zwei Hütten vor an die Piste. Hattie machte ein paar Fotos, in dem direkten Vergleich sah man erst einmal, wie klein diese Hütten waren oder wie groß die Schaufel von dem Bagger.
Gleiches machte er am der nächsten Hütte und bei den zwei Hütten auf der anderen Seite. Mit dem Löffel zog er den Müll und Unrat auf einen Haufen. Stelle den Löffel hoch und schob den Haufen vor dem Bagger her über die Einfahrt der Abgehenden Piste von rechts. An den nächsten Hütten tat er gleiches, bis ein doch ordentlicher Haufen Müll auf der Straße lag. Zwischen zwei anderen Hütten war eine Senke. Dort drückte er mit dem Baggerlöffel seitlich alles hinein und konnte nun die Schaufel fast voll machen. Mittlerweile war der ganze Ort auf den Beinen. Patricia sagte den Bewohner was hier passierte und das sich um Hilfe für die Einwohner gekümmert wird.
Sie kam über die Kette zu ihn an die Fahrerkabine und gab ihm einen Kuss „Ich bin so unglaublich stolz auf dich.“

Patricia fuhr mit Hattie und ihrem Vater in die nächsten Ortschaften. Hannes und Asger fuhren Richtung Norden aus dem Ort zu der ersten Grube. Der Bagger wurde von Hunden und eine Traube von Menschen begleitet. An der Grube angekommen, erklärte Hannes wofür diese nun sei. Fast 2 Kubikmeter Müll lagen nun in dieser Grube. Hannes stieg vom Bagger und stand neben Asger an dem Loch „Asgar, hier hast du dein Müllauto.“ Der Seebär nickte anerkennend „Dich hätten wir vor eineinhalb Jahren schon gebraucht. Hannes, es tut mir wirklich leid, was ich gestern Abend zu dir gesagt habe.“ Hannes sah zu diesem Hünen auf „Was hattest du gesagt?'“ Asger grinste und schlug im seine rechte Pranke gegen die Schulter.

Patricia war mit dem Pickup an der Furt angekommen, wo es hoch nach Samlei ging. „Schatz, bist du dir sicher, dass du mit dem Auto hier hoch willst? Das wird nichts!“ „Papa, lass mich mal machen. Ich war gestern hier hoch gekommen, dann kann ich dies heute auch noch.“ Sie betätige die Schalter und Knöpfe am Auto, wie Hannes es ihr erklärte und fuhr den steilen langen Hang auch so hoch, wie Hannes es zu ihr sagte. Der Pickup schaukelt nach links und rechts, fuhr in dem Hang nochmals kleine Hügel hoch, dass man im Pickup ein Gefühl hatte, als ob dieser sich Rückwärts überschlagen würde. Der Wald kam immer näher und ab da an wurde die Piste etwas besser.
Die Hütten kamen in Sichtweite. Patricia stelle das Auto dort ab, wo sie Tags zuvor schon parkte. Fast gleichzeitig von Hattie und ihrem Vater kam die Frage an sie. „Woher kannst du so Auto fahren?“ Voller Stolz sagte sie „ Ich hatte einen sehr guter Lehrer gehabt. Papa, ich habe so unglaublich viel von Hannes gelernt, dass ich mir mit meinem Abitur richtig doof vorkomme.“
Patricia rief wieder drei mal in den Ort, dass die Ärzte aus Europa da seien. Da dieser Ort viel kleiner war, waren die Frauen mit ihrer dokumentarischer Arbeit auch viel schneller fertig. Patricia und Hattie halfen Bernhard noch bei der Vermessung von dem Ort. Patricia sagte zu den Einwohner, dass bald Hilfe kommen werde.
Die Achterbahn Piste ging es genau so runter wie hoch. Die drei wurden in dem Pickup ganz schön durch geschaukelt.


Da Patricia in den beiden Ortschaften im Tal auch die Situation der Menschen dokumentieren wollte, lief das gleiche Prozedere ab wie in Kampang Rou und Samlei. Nach zwei Stunden war dies erledigt und Patricia zeigte einem jungen Mann in Khum Nhour die Karte und fragte was die beiden anderen Punkte links der Piste für Ortschaften seien. „Der erste Ort ist Thmei. Der zweite in Richtung Kampong Rou ist Tnaot.“ „Dankeschön. Wie kommen wir dort hin?“ „Fahrt hier aus dem Ort Richtung Kampong Rou. An der ersten Abbildung nach links. Da geht es nach Sama. Auf der halben Strecke geht es rechts den Berg hoch und durch den Wald. Ihr könnt auch hier vom Tal nach Thmei fahren. Da ist der Weg aber sehr schlecht.“ „Schlechter als nach Samlei?“ Der junge Mann zog die Schultern hoch. „Okay. Danke. Wir kommen wir nach Tnaot?“ „Auf dem Berg geht ein Weg dort hin. Du musst nicht mehr ins Tal zurück fahren.“ Diese Aussage von dem Mann war für Patricia höchst erfreulich. So hätte sie eine Ab- und Auffahrt gespart. Patricia bedankte sich wieder bei dem Mann und versprach das bald Hilfe kommen weder. Der Mann hatte Tränen in den Augen.

Nach Stunden kamen sie wieder nach Kampang Rou. Patricia hörte hinter den ersten Hütten schon den Bagger. Von der Piste ging die Gruppe zu Fuß dem Geräusch des Baggers nach. Dort wo sie losgegangen waren, war noch sehr viel Müll. Hinter den Hütten roch es unangenehm nach Fäkalien. Hattie macht ab und an Fotos von der Situation, die sie sah. Hinter einigen Hütten sah es noch viel schlimmer aus als rechts oder links von diesen. „Mein Gott, Tricia, ich kann dies hier alles nicht glauben. Als du mich angerufen hattest, konnte ich mir ein Bild darüber machen – dachte ich! Es ist um Welten schlimmer was ich sehe. Ich werde sofort zusehen, dass medizinische Hilfe kommt. Durch die vielen Fotos, wird es schon eine Möglichkeit geben Gelder bereit zu stellen.“ „Hattie, ich danke dir. Meine Befürchtung ist, dass es in diesem ganzen Gebiet so sein wird. Dies ist mit uns vier Personen gar nicht machbar. Papa was sollen wir tun?“ Sie weinte. Bernhard sah Wort- und Ratlos seine Tochter und Hattie an.


Die drei kamen am Bagger an. Hannes hatte noch ein paar Schaufeln zu baggern, dann war er auch mit der letzten Klärgrube fertig. Patricia winkte ihm zu. Hannes wusste was sie wollte. Er stellte den Oberwagen leicht nach rechts, sodass die kleine Patricia den bekannten Weg über die Kette zu ihm in die Kabine kommen konnte. Sie saß auf seinem Schoß und bediente die Hebel, so wie er es ihr beigebracht hatte. Es klappte ganz gut, nur war kaum etwas im Löffel, als sie den Ausleger aus vier Metern tiefe hoch hob. Er nahm ihre Hände und drückte ihre gegen die Hebel nach vorne, links, rechts, zurück, vorne, nach hinten, links, rechts und nach vorne. Dies machten sie noch viermal, dann war auch diese Grube fertig. Er sagte ihr, wie sie nun den Oberwagen stellen sollte und wie der Ausleger abgelegt wurde. Dann zeigte er ihr noch, wie sie den Motor abstellte. „Feierabend, ma Chérie. Für heute haben wir alle genug gearbeitet.“ Er gab ihr einen Kuss. „Sag mal Tricia, du hast wirklich vor nichts Angst“ sagte Hattie voller Respekt und Bewunderung als Patricia die Kette herunter sprang. „Nee, Hattie. Ich habe gelernt zu vertrauen und du siehst, wo mich dies schon hingebracht hat. Ich würde auch ein Flugzeug fliegen, wenn Hannes es mir erklären würde. Kannst du Flugzeug fliegen?“ Er zog die Schultern hoch „Motor hat es ja.“

Asger fuhr zurück zum Hotel. Auf der Fahrt wurde über die Erlebnisse vom Tag gesprochen. Helfen möchte und wollte jeder. Die Ohnmacht vor dieser schier endlosen Aufgabe quälte alle.
Zwei Straßen vor dem Hotel sollte Asger anhalten. Patricia kaufte fünf große Tonkrüge mit je 15 Liter Fassungsvermögen. Nun wurde auch das lauwarme Wasser Problem auf den Fahrten und auf den Baustellen gelöst.

Die angenehme kühle Luft im Hotel war ein Hochgenuss an Erfrischung nach den vielen Stunden bei dieser drückenden schwülen in Kampang Rou. Die drei Frauen in der Küche gaben sich wirklich alle Mühe für eine Abwechslung bei den Mahlzeiten. In einem Land wo vieles Mangelware war, machten diese drei Frauen einen wirklich guten Job. Am Abend gab es gebratenes Hähnchen mit Erdnusssoße und Gemüse. Dazu Literweise kühles Wasser mit Wassermelonen Stücke. In jedem Getränk, dass man in Kambodscha bestellte, waren gefühlte 100 Eiswürfel in einem Glas. Patricia erklärte den Frauen vor einigen Tag, sie sollten für die Eiswürfel zuerst das Wasser abkochen. Die Trinkwasser Qualität war nicht gerade die beste in Kambodscha. Daher gibt es Wasser fast nur in Plastikflaschen. Über den daraus resultierenden Müll macht sich niemand Gedanken. Dies ist ein Problem, mit dem dieses Land zu kämpfen hat. Müll! Überall liegen Berge von Müll. In den Städten wird dieser zwar in gewissen Abständen abtransportiert, trotzdem liegt an jeder Straße, an jedem Haus oder vor jedem kleineren Geschäft Müll.

Nach dem Abendessen saß die Gruppe in dem Büro von ODHI im zweiten Stock des Hotels und jeder versuchte seine Gedanken einzuordnen.
Das Büro war früher ein ganz normales Hotelzimmer. Durch die Schreibtische, Aktenschränke, Kopierer, Fax, Computern und sonstigen Inventar, war der Raum für fünf Personen doch sehr beengt. Patricia und Hattie saßen auf einem Schreibtisch und die Männer je auf einem Bürostuhl.

Da saßen nun fünf Menschen, die den Entschluss der Hilfe gefasst hatten. Fünf Weltverbesserer gegen fünf Ortschaften irgendwo in den kambodschanischen Wälder nahe der Grenze zu Vietnam. Der Plan mit den Handschriftlichen Notizen von Hannes hing an Wand, wo die anderen Bau- und Gebietspläne hingen. Die Notizen von Patricia hielt jeder in Form von Kopien in der Hand.
„Wir brauchen vernünftige Karten. Mit diesen Angaben können wir gar nichts anfangen. Wenn ich den Punkt von der Baustelle nach Kampang Rou und weiter bis nach Khsaetr rechne, weiß ich nicht, ob wir gestern nicht schon in Vietnam waren. Noch besteht zwischen Kambodscha und Vietnam ein gespanntes Verhältnis. Ich möchte keine Internationale Konflikte ausrufen, wenn wir einen Illegalen Grenzübertritt machen.“ Asgar und Bernhard nickten ihm zu. „Da muss ich dir Recht geben, zumal die Rote Khmer südlich von dieser Grenze noch sehr stark agiert.“ Hannes nickte und sah zu Patricia „Die Menschen haben Angst. Dies hatten wir gestern in Samlei sehr deutlich gesehen. Erst als Patricia rief, dass wir Ärzte aus Europa sind, trauten sich die Menschen aus ihren Hütten. Daher brauchen wir verlässliche Karten. Nicht auszudenken, wenn jemand von unserem Team eine Diplomatische Krise auslöst – wenn auch ungewollt. Nun lasst uns lieber Gedanken machen, wie wir Anfangen können zu helfen.“


Es wurde in alle Richtungen gedacht. Notizen gemacht, darüber geredet und wieder verworfen. Sollte dies nun alles an fehlenden Händen scheitern? Die Kosten für den Einsatz, Material und medizinische Versorgung würden schon von irgendwelchen Organisationen bezahlt werden. Das Problem war einzig und allein zu wenig Leute für dieses Mammut Projekt. „Das Militär!“ Alle schauten Asger mit großen Augen an „Kambodscha hat das größte Militär in Südostasien. Das Militär hat Personal, Baumaschinen und Lkw. Es besteht nun kein akuter Verteidigungsfall gegen Thailand oder Vietnam. Die Soldaten sind aber da.“ „Super Idee. Wirklich, Asgar, eine super Idee, nur wie bekommt man das Militär nun zur Humanitären Hilfe?“ Asgar sah Ratlos in die Runde und zog die Schultern hoch „Tut mir leid. So weit hatte ich nun nicht gedacht.“ „Nein, nein. So verkehrt ist dein Gedanke gar nicht. Wir brauchen nur einen Ansatzpunkt für deine Idee“ sagte Bernhard. „Hattie, du bist doch bei UN. Wie wäre es mit den UN Blauhelm Soldaten?“ „Tricia, du bist auch bei der UN. Schon vergessen?“ Patricia nickte „ich weiß nicht, wie lange es dauert, bis eine UN Resolution oder Mandat erstellt ist. Ein Entwurf für ein Mandat geht über viele Tische. Bis dies genehmigt ist, ist es für viele dieser Menschen schon zu spät.“ Wieder Ratlosigkeit und Stille im Raum.


Bernhard war die ganze Zeit schon am schreiben und immer wieder hatte er seine Notizen verworfen. Dann sah er in die Runde „Wir brauchen mehr Informationen. Wir sind nur kleine Lichter, ich weiß das es letztes Jahr in Paris eine Konferenz für Kambodscha gab. Teilnehmer waren, neben den kambodschanischen Parteien, der Sonderbeauftragte der UN, der Generalsekretär Javier Pérez de Cuéllar, und Vertreter von 17 Nationen. Es ging dabei um die Waffenruhe und Waffenstillstand auszuhandeln, nicht um das was wir nun hier machen. Hattie, hast du irgendwelche Informationen, die für uns nützlich sein können? Wir müssten nach Phnom Penh und dort mit den Verantwortlichen zu reden.“ Hannes meldete sich zu Wort „Bernhard, ich denke du hast recht. Wir brauchen Informationen und die sehr schnell. Ich will auch die Idee von Asger nicht verwerfen, immerhin sind wir hier in einem Gebiet wo es noch viele Sympathisanten der Roten Khmer gibt. Wie würde die Hilfe vom Militär aufgenommen werden? Ich habe keine Lust in die Linie von Konfliktparteien zu kommen.“ „Ma Chérie, warum sollte es zu Konflikten kommen? Die Soldaten würden doch nur helfen?“ „Patricia, willst du über diese Brücke gehen? Bei allem Respekt, was du und Hattie heute dokumentiert habt, bei allem was wir heute angefangen haben, ist es ein Ritt auf der Kanonenkugel. Dein Vater hat recht, wir brauchen Informationen! Asger, du warst einer der ersten Helfer in Kambodscha, du hast mehr Erfahrung als wir. Was kannst du uns noch sagen?“ „Hannes, was soll ich sagen? Ich hatte bis gestern noch nicht einmal die Ahnung von dem, was ich heute gesehen habe! Ich bin auf jeden Fall weiter dabei. Selbst wenn morgen de Groot und Bernasconi kommen, sind wir nicht genug Leute. Wir brauchen Leute zum Helfen und davon mehr als genug. Von dem medizinischen Notstand ganz zu schweigen! Was Patricia dokumentiert hat, reicht aus, um ein Mittelständisches Krankenhaus bis unters Dach zum bersten voll zu belegen. Auch wenn wir schnell arbeiten, brauchen wir bestimmt eine Woche für den Kanal in Kampang Rou. Ich sah Hannes heute bei der Arbeit zu, er kann verdammt schnell mit dem Bagger arbeiten, trotzdem bringen Klärgruben nicht über Nacht die Wundersame Heilung von diesen Menschen. Médecins Sans Frontières habe ich in Thailand gesehen, hier noch nicht. Hat die UN keine Ärzte in Phnom Penh?“ „Auch wenn ich bei der UN arbeite, weiß ich nicht alles. Ich habe erst letzten Sommer dort angefangen. Was ich heute gesehen habe und was ihr hier redete, ist für mich alles neu. Laureen Thompson und ich sind doch nur für die Koordination für UNICEF zuständig.“


„Leute, wir brechen jetzt hier ab. Wir kommen ohne Unterstützung, ohne Informationen nicht weiter. Die einzige Optionen die ich sehe: wir fragen das Militär hier in Svay Rieng. Wir bleiben, solange wir nicht mehr wissen in der Region. Ob wir nun auf der Kanonenkugel reiten oder ob es ein Kinderkarussell wird, wir haben angefangen und ziehen dies jetzt auch durch. Jeder brachte unglaublich gute Ansatzpunkte ein. Wir haben genügend zum denken und zum handeln noch viel mehr.“ Sagte Hannes zum Abschluss in die Runde.

Patricia und er lagen noch lange wach im Bett. Beide konnten nicht schlafen, die Bilder von den Menschen waren in die Gehirne eingebrannt. „Prinzessin, bitte tu mir den Gefallen und besorge dir Mundschutz und Handschuhe. Hast du mal darüber nachgedacht, dass eventuell diese Menschen auch Malaria haben könnten?“ „Ma Chérie, ich weiß das du dir viele Gedanken um mich machst, ich habe alle Impfungen die es nur geben kann. Mein Blutbild sah im Dezember sehr gut aus. Wirklich! Ich bin nicht Lebensmüde!“ Er nahm sie in die Arme, streichelte ihr wunderschönes Gesicht. Sie war so zart. Er spürte beim Streicheln ihre Rippen fühlte ihre Beckenknochen. Es war um ihn geschehen, er wollte diese Frau jetzt lieben. Beim Sex verschwammen die Bilder der letzten zwei Tage.
Völlig erschöpft lagen sie in einem Zimmer am Ende der Welt. Die Lamellen der Klimaanlage bewegten sich hoch und runter. Wenn die kühle Luft auf ihre nackten Körper traf, wurde es ihnen für zwei Sekunden kalt. Sie sah ihn mit ihren braunen Augen an, dieser Blick von ihr, war Erotik pur. Sie griff ihm in den Schoß, knabbert an seinem Ohr „Komm, nochmal!“

Die Nacht war mal wieder sehr kurz für sie beide. Er dachte schon an die Fahrt nach Phnom Penh zum Flughafen. Danach fielen ihm die Augen zu.
Patricia kam nass aus der Dusche, setzte sich auf seinen Schoß und streichelte sein Brust „Ma Chérie, du musst aufstehen!“ „Lass mich schlafen bis dieser Alptraum vorbei ist.“ „Er fängt wahrscheinlich erst an!“ Er öffnete die Augen, sah sie an und nickte. „Wenn wir schon dabei sind, der Ritt auf der Kanonenkugel hat mir sehr gut getan.“ Sie legte sich auf ihn und küsste ihn lange. Welch wunderbare Momente dachte er im Halbschlaf. So zärtlich geweckt zu werden. Sie setzte sich auf, boxte ihn links und rechts in die Seite. „Steh auf du altes Murmeltier. Allons, auf mit dir.“ „Kannst du mich nicht wecken wie andere Frauen dies auch tun?“ „Wie? Wie andere Frauen dies auch tun? Hast du noch andere neben mir?“ Sie boxte nun richtig fest. „Gott bewahre! Du bist schon anstrengend genug!“ „Was soll das nun wieder?“ „Du sollst mich nicht immer boxen, vom Küssen werde ich auch wach.“ „Das merke ich! Du liegst immer noch im Bett.“ Er zog sie zu sich, küsste und streichelte ihren nackten Körper „So hatte ich mir das wecken vorgestellt. “ „Oh, okay! Merke ich mir.“ Er hob sie auf die linke Seite und stand auf „Du lässt mir ja doch keine Ruhe.“


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