16 Ein Traum wird Realität.

Teil II Kapitel 16
Kampang Rou, Kambodscha

Ein Traum wird Realität.
Weihnachten am 10. Breitengrad bei 30° Celsius.
„Man kann auch 500 Millionen Dollar an die Wand fahren!“

Clodette sah nun Sangkhum live und konnte es immer noch nicht glauben, wie Hannes mit diesem Rind sprach, knuddelte und schmuste.
„Clodette, du kannst mit ihr genau so knuddeln, wie mit Cleo. Glaub mir. Sie ist nur größer und schwerer – aber sonst wie ein Hund. Wirst du alles noch erleben.“ Zaghaft berührte Clodette das Fell von Sangkhum. „Du brauchst keine Angst zu haben, Sangkhum ist eine ganz liebe Maus.“
Nach ein paar Minuten zaghaften Berührungen, streichelte Clodette das Rind immer mehr. Die Blesse, den Hals und Rücken. Der Blick von Clodette beim streicheln von Sangkhum war unbeschreiblich. Das Vertrauen auf beiden Seiten war auf einmal da. Was musste Clodette Narben auf der Seele haben? Dachte Hannes.
„Hannes, ich danke dir! Ich danke dir für diesen Moment.“ „Du musst nicht mir danken, du streichelst nicht mich.“ Sie knuffte ihn gegen den Oberarm. „Es war für mich die richtige Entscheidung, mit euch nach Kambodscha zu gehen. Ich danke euch so sehr. Wann ist Sangkhum wieder hier?“ „Immer wenn ich da bin. Du kannst sie täglich besuchen. Die nächste Straße links hoch kommt nach 200 Meter die Weide. Sraleanh ist auch dort, sie ist aber nicht so zutraulich wie Sangkhum. Komm, wir gehen zur Weide und bringen Sangkhum zurück.“

Bei Kannitha kaufte er noch drei Mangos. Er gab Clodette eine Mango und teilte  seine mit Sangkhum.
„Es ist unglaublich, wie du mit diesem Rind umgehst. Die Mango ist voll lecker.“ „Ich hatte mich im Januar irgendwie in Sangkhum verliebt und sie zwei Tage später gekauft und nun ist es meine Kuh. Wäre es an dem Tag ein Hund gewesen, hätte ich jetzt einen Hund. Durch oder wegen Sangkhum haben die Menschen uns angefangen zu vertrauen. Von daher habe ich wohl alles richtig gemacht. Ich war mit ihr mehrmals bei Patricia in der Schule, die Kinder sollen auch lernen, wie man mit Tieren umgeht. Da oben ist Sraleanh.“  Sagte Hannes als sie an der Weide angekommen waren.

Clodette ging mit Hannes die Weide hoch zu Sraleanh. Die älteren Rinder gingen gleich ein paar Meter weiter weg. Sraleanh kam auf Clodette zu, blieb eineinhalb Meter vor ihr stehen und legte ihren Kopf zur Seite.
„Gib ihr ein Stück Mango.“ Clodette tat, was Hannes sagte. Das Rind kam noch einen Schritt näher. „Das glaub ich nicht. Gib ihr die Mango, hab keine Angst vor ihr.“ Sangkhum stupste ihn so fest, dass er fast hingefallen wäre.
„Meine Güte, du bekommst dein Leckerli. Sind wir heute wieder zickig?“
Clodette streichelte ganz sanft die Seite von Sraleanh, dann den Hals, die Blesse und wieder den Hals. Sie sprach mit dem Rind. Clodette sah zu Hannes, er nickte. „Sie mag dich.“ „Offensichtlich. Sraleanh heißt Liebe –  richtig?“ „Ja. Ich nannte die beiden Rinder Hoffnung und Liebe. Ich D
denke, dass dies überhaupt kein Fehler war…“ Clodette weinte. „…Ich gehe mal davon aus, dass vor Sraleanh die neue Besitzerin steht.“ „Ich hab mir so sehr ein Tier gewünscht, selbst ein Vogel durfte ich nicht in meiner Wohnung halten, soll es nun ein Rind werden?“ „Was spricht dagegen? Ich wollte sowieso einen kleinen Stall bauen, dann wird er eben etwas größer. Sangkhum wird an Altersschwäche sterben, dies habe ich schriftlich. Ich bezahle für Sangkhum Unterhalt, obwohl dies Quatsch ist, die Rinder fressen doch nur Gras und der Mais der Aanyia kauft, fressen auch die anderen Rinder. Ist aber völlig egal. Dieser Herde geht es gut und dies ist mir sehr wichtig.“ „Das sehe ich. Die Weide ist ein Paradies.“ „Danke. Die Furt und Erdwälle hab ich mit dem Bagger gemacht. Die Bäume standen im Wald vor dem Ort.“ Clodette schüttelte den Kopf. „Du bist eine Nummer für sich.“

Im Speisesaal im Hotel in Svay Rieng wurde in dem Teams besprochen wir es nun weiter gehen sollte.
„Reto, ich danke dir und deinem Team, dass ihr wieder bei uns seid. Leider ist mein Plan für eine Schule für Patricia nicht aufgegangen. Ihr braucht zwei Zelte – die sollt ihr auch weiterhin haben. Ich habe das gleiche wie in Kampang Rou steht noch auf dem Pickup und am Sonntag bringt mir Rithisak noch ein Zelt vom Militär. Patricia und ihr Team waren bei dem Gespräch von UNICEF dabei. Es war nicht dass, was ich erwartet hatte. Am Montag weiß ich von Stephane ob er Geld aufgetrieben hat. Nun seid ihr gefragt wie es weiter geht und wo Schulen gebaut, aufgeschlagen werden sollen. Vorweg noch eines: Bernhard, Patricia und ich hatten uns für Kampang Rou und Khsaetr geeinigt. So weit der Stand der Dinge von mir.“
„Können wir das neue Zelt auch noch nach Kampang Rou stellen?“ „Prinzessin, dies sollte kein Problem sein.“ „Danke, ma Chérie. Ich möchte gerne das Große Zelt in Kampang Rou haben. Dann bleibt uns das jetzige Zelt vom Militär, dies würde ich nach Thmei stellen. Dann haben wir die zwei Siedlungen Thmei und Tnaot auf den Bergen rechts der Seite abgedeckt. Könntest du noch ein Zelt besorgen?“
„Sollte kein Problem sein, seit der Party im März bin ich mit Major Duong, per du.“
„Très bien! Besorge noch bitte ein Zelt. Wir bauen die zwei Zelte nach Khsaetr. Levi würde eine Klasse in Kampang Rou leiten und da er mit Abstand die meiste Erfahrung im Beruf hat, sollte Clodette bei ihm bleiben – sie fühlt sich noch nicht sicher genug, um alleine zu arbeiten. Sie braucht noch etwas Zeit – diese soll sie auch bekommen. Adelina und Leatitia leiten zwei Klassen in Khsaetr. Da ich nun ein richtiges Auto habe, würde ich die Siedlungen in den Bergen nehmen. Reto und sein Team wollen in einem Turnus zwischen der Provinz Svay Rieng und Siam Reap wechselt, dann haben wir in Kampang Rou genügend Kapazität. Asger, wo würdest du den Platz für die Zelte in Khsaetr sehen?“ „Erste Piste rechts rein. Nach hunderfünfzig Meter ist links ein Platz, da steht eine alte und verlassene Hütte. Die Bewohner sind seit Jahren nicht mehr zurück gekommen.“ „Okay. Ma Chérie, mach den Platz für die Zelte fertig. In Thmei müssen wir einen Platz suchen. Dies sollte wohl kein Problem sein. Kommen am Montag Zusagen über Gelder könnt ihr euch in den Bauteams Gedanken machen, wer die Schulen baut, da bin ich raus. Ist dies okay für alle?“
Alle Anwesenden in dem Speisesaal nickten Patricia zu.
„Hannes wurde von UNICEF im März großspurig versprochen, dass wir fünf Zelte und auch Tische und Stühle bekommen. Das Resultat ist ein Zelt, dreißig Stühle und die Hälfte an Tische. Ich bräuchte auch Tische und Stühle für nach Thmei.“ „Dann gehen wir noch kaufen“ sagte Asger sofort. „Asger, dass ist lieb von dir, nur ist ODHI dafür nicht zuständig. Stephane hat weitaus mehr getan als er musste. Hannes und ich habe auch schon genügend Geld von unserem privat Konto bezahlt, es sollte irgendwann auch mal gut sein.“ „Patricia, du hast völlig recht, es ist nicht eure Aufgabe euer Geld auszugeben um euren Traum voran zu bringen. Lass uns von dem Geld von Stephane noch die paar Stühle und Tische kaufen. Irgendwann wird ja auch mal Geld von der UN kommen. Wir alle helfen und unterstützen euch, dies wisst ihr auch. Es soll jetzt nicht an dem Geld für Mobiliar fehlen – wenn doch, kaufe ich euch das Mobiliar.“
Patricia sah zu Hannes und zog die Schultern hoch, Asger hatte recht. „Chef, was meinst du?“ „Asger, ich enthalte mich. Ich kann schlecht das Geld von unsere Firma für meine eigene Zwecke benutzen. Entscheidend ihr im Team und so wird es gemacht.“

Einstimmig wurde beschlossen, dass das Geld von ODHI benutzt werden sollte. „Patricia, Hannes, ich weiß wie schwer euch dies alles fällt, auch weiß jeder hier im Raum, dass ihr die Wochen in Frankreich nicht faul gewesen seid. Ihr tut etwas und packt es an. Jeder sieht eure Kraft, wir machen es jetzt so und sehen dann mal weiter. Vielleicht können wir bald richtige Schulen bauen.“ „Danke Asger. Ich bräuchte noch Tafeln.“ Wie aus dem Gewehr geschossen sagte Luan, dass er diese bauen werde. Hannes und Patricia sahen ihn fragend an. „Holzplatten und diese schwarz lackieren. Dann hast du deine Tafel.“

Am Samstag wurden Stühle, Tische, Holz und Lack gekauft. Die Männer waren gar nicht mehr zu bremsen. Hannes und Nolan machten den Platz in Khsaetr soweit klar, dass Rithisak am Sonntag vernünftig die zwei Zelte aufstellen konnte. Mit dem Radbagger nach Thmei zu fahren, war nicht Möglich, zu steil und sandig war die Piste, so musste der große Caterpillar Kettenbagger ran.
Hannes ließ den Bagger auch gleich dort stehen, so konnte mit den Vorarbeiten für Wasser- und Abwasserleitungen begonnen werden. Mit so vielen Baumaschinen war es endlich möglich, besser zu planen und gleichzeitig an mehreren Stellen anzufangen. Zweiter Pluspunkt: es konnten wieder über zwei Dutzend Männer und Frauen im Gebiet Kampang Rou eingestellt werden die nun Arbeit und Lohn hatten. Auch an den beiden anderen Projekten wurden in den letzten Wochen Dutzende Mitarbeiter eingestellt. Langsam wuchs der Personlstand von ODHI in Kambodscha auf über 100 Mitarbeiter an.

Am 28. Mai 1990 wurde am 10. Breitengrad in der Provinz Svay Rieng nach fast zehn jähriger Zwangspause, der erste Reguläre Schulunterricht in den Ortschaften Kampang Rou, Khsaetr und Thmei von fünf europäischen Lehrer aufgenommen.
Hannes stand mit Tränen in den Augen in dem Zelt von Adelina in Khsaetr und sah seinen Traum von fünfzehn Kinder und einer jungen Muslima real vor sich, als sein Mobiltelefon klingelte.
„Salut Hannes, wo erreiche ich dich gerade?“ Hannes sagte Stephane wo er gerade sei.
„Weinst du?“ „Oui, Monsieur Dilbert.“ Hannes sagte was er in diesem Moment mit seinen Augen sah.
„Okay. Ich kann dich verstehen. Dann wird dich meine Nachricht jetzt umhauen. Du kannst bauen! Es gibt nur eine Bedingung.“ Hannes hielt die Luft an. „Stephane, nun halt mich nicht länger hin. Welche Bedienung?“ „Es muss ein Schulfach Französisch sein.“ „Dies sollte das kleinste Problem sein. Alle Lehrer können Französisch und drei kommen aus Frankreich. Nun sag endlich.“ „Du bekommst 400.000 France.
… Hannes…?“ 
Bei dieser Zahl von Stephane sackte Hannes der Puls ab. „Ja. Ich bin da. Désolé. Mein Hirn hatte kurz ausgesetzt. Das sind 120000 Mark. Wahnsinns.“
„Verständlich. Das Außen- und Bildungsministerium geben das Geld. Daher die eine Bedingung. Der Plan von Dhani Mathieu wurde als hervorragend angenommen. Am Ende der Woche ist das Geld bei dir. Kannst du die Projekte dokumentieren?“ Hannes nickte geistesabwesend. „Selbstverständlich. Du bekommst Fotos und Bauprotokolle. In welchem Zeitraum?“ „Zwei Monate wäre gut.“ „Kein Problem. Stephane, ich weiß nicht wie ich dir danken kann.“ „Setz‘ du deinen Traum um, ich unterstütze dich.“
„Merci beaucoup.“

Hannes ging durch das Zelt auf Adelina zu. Er nahm die Hand von ihr und sah in ihre schönen Kastanienbraunen Augen. Mit der linken Hand wichte er sich die Tränen weg.
„Gute Nachrichten aus Frankreich. Wir fangen an zu bauen. Ich muss jetzt zu Patricia.“ Adelina gab ihm einen Kuss und nickte.

Mit dem Pickup fuhr er die steile Piste nach Thmei hoch, er konnte immer noch nicht glauben, was Stephane ihm vor einer Viertelstunde sagte.
Mit Tränen in den Augen ging er in das Zelt von Patricia, er nahm sie in die Arme und konnte nichts sagen. Patricia küsste ihn. „Ma Chérie, was ist los?“ „400.000 France!“ Patricia kamen im gleichen Augenblick die Tränen. „Ma Chérie, ich habe immer an dich geglaubt.“ „Ich muss mich um die Bauplätze kümmern, es muss nun alles ins Grundbuch eingetragen werden und muss Dhani Bescheid sagen, er soll die Baustoffe organisieren. Mit den Jungs reden, dass wir ein Team für den Hochbau zusammen stellen. Ich hab noch etwas zu tun.“ „Oui, dafür bist du der Chef. Je t’aime, ma Chérie. Je t’aime.“

Die Woche war mitunter ganz schön stressig. Von einer Schule träumen, war etwas anderes als eine zu bauen. Mit Dhani war er zwei Tage unterwegs um Lieferanten für alle Baustoffe zu finden.

Das Gesicht von Gouverneur Phirun Suoth, war für Hannes eine Genugtuung, als er ihm die Geldzusage von den beiden Ministerien vorlegte. Für die Grundstücke hatte Suoth eine Preisvorstellung, die Hannes nicht teilte. Ruhig und gelassen führte er mit Suoth die Verhandlung, innerlich wollte er diesem korrupten Wurm die Zähne einschlagen. Am Ende kaufen Hannes für den symbolischen Wert von 1.000 Kambodschanischen Riel den „Europa Platz“ in Kampang Rou und ein Gelände in Khsaetr.

Mit der Geldzusage und den Unterlagen vom Grundbuch fuhr Hannes auf direktem Weg zur Kaserne. Dem Unteroffizier im Gebäude vom Major sagte er, Borsa mneak del mean ko möchte zu Major Duong.
Hannes war noch nicht im Büro vom Major, als er das Gespräch eröffnete.
„Hallo Bourey, ich habe gute Nachrichten für dich. Nächste Woche beginnt deine Infrastruktur.“ Hannes zeigte Bourey seinen Vertrag von UNICEF, die Geldzusage aus Frankreich und das Grundbuch. Bourey drückte ihm die Hand so fest, dass Hannes dachte, ein Panzer fährt gerade über seine Hand.
Er sagte Bourey auch von den schwierigen Verhandlungen mit Suoth und was er ihm am liebsten ins Gesicht gesagt hätte. Bourey grinste breit. „Hannes, du solltest bei der nächsten Wahl zum Gouverneur antreten.“ „Lass mal. Ich habe genug zu tun.“ „Ich habe dies ernst gemeint.“ „Ich auch. Ich schätze dein Vertrauen in mich. Dein Gouverneur braucht jetzt zuerst Maurer, Hilfsarbeiter und Zimmermänner.“ „Zwei Maurer kenne ich. Sie wohnen in Mukh Da, dreißig Kilometer in entgegengesetzter Richtung.“ „Ist doch egal. Rede mit ihnen. Die können ihre Hütten auch in Kampang Rou aufbauen. Arbeit und Lohn ist auf die nächsten Jahre gesichert. Es gibt noch genügend Pumpenhäuser und Schulen zu bauen. Bourey, Infrastruktur ist auch den Menschen eine gesicherte Existenz zu geben. Ich halte mein Wort.“ „Das weiß ich. Ich rede mit den beiden Männer und lass es dich über Rithisak wissen, Gouverneur Hannes.“ Hannes zeigte Bourey die Faust und verabschiedete sich vom Major.

Juli 1990
Durch die ihm übertragene Gesamtleistung war Hannes oft im Büro in Kâmpóng Trâbêk und hatte von dort einen erheblich kürzeren Weg nach Phnom Penh – zum Leidwesen von Laureen oder auch UNICEF. Es wurden im Juni Gelder auf ein Konto bei der National Bank of Cambodia überwiesen. Auf sein Drängen hin, wurde Stephane Dilbert der Treuhänder. Endlich fing es auch von der Seite der UN an zulaufen. Geld war da, aber immer noch keine Lehrer. Die Arbeitsweise dieser Organisation konnte Hannes nicht immer begreifen.

Auf den Baustellen im Tiefbau war durch den Monsun schon mal eine Zwangspause von drei Tagen. Dank der Idee mit dem Zentralen Bauplatz von Dhani, konnten die Männer und Frauen dort die Schalungen für die Pumpenhäuser vorbereiten. Dhani blieb im Team von Asger und hatte mit anfänglich einer Handvoll Maurer und Hilfsarbeiter angefangen die Schule in Kampang Rou zu bauen, schnell sprach sich in der Gegend herum, was an Arbeiter gebraucht wurde und so hatte Dhani Anfang Juli eine Kolonne von zwei Dutzend Arbeiter.
Im Januar stand Hannes mit ein paar Männer vor der Ohnmacht von Chaos, Krankheiten, Perspektivlosigkeit und bittersten Armut. Ein Halbes Jahr später bekamen über hundert Männer und Frauen Lohn für ihre Arbeit. Frauen schaufelten Sand, Kies und Zement für Beton zusammen, trugen Steine zu den Maurer oder banden Eisenmatten für Bodenplatten zusammen.

Samstag, 28. Juli 1990
Hannes kam gegen Mittag in Kampang Rou an und sah sein Traum auf dem „Europa Platz“ wachsen. Die zwei Zelte für die Schweizer wurden Kurzerhand an die Piste hoch zur Weide verlegt.
„Na Chef, bist du zufrieden?“ Hannes sah Dhani Mathieu, den ehemaligen Obdachlosen an und wusste gar nicht was er sagen sollte. „Dhani, dich schickte der Himmel zu mir.“ „Würde es eher umgekehrt sehen“ und knuffte Hannes gegen den Oberarm. „Wie auch immer. Ich bin unglaublich stolz auf dich. Siehst du, nun hast du wieder deine Firma. Ich bin beeindruckt wie du die Männer und Frauen eingearbeitet hast.“ „Es sind wirklich gute Männer und Frauen dabei. Denen ich absolut nichts beibringen konnte, machen Hilfsarbeiten. Könntest du in zwei Wochen mit dem Bagger den zweiten Dach aufbauen? Bis dahin steht das Fundament und die Betonpfeiler für den zweiten Teil.“
„Natürlich. Wann meinst du ist die Schule fertig?“ „Ich sag mal so, du bekommst von mir ein großes Weihnachtsgeschenk.“ Hannes nahm Dhani in den Arm. „Ich bin sehr froh mit dir. Mit diesen Teams können wir endlich vernünftig arbeiten. Auf allen drei Abschnitte läuft es super. Der viele Regen bringt nun einiges wieder durcheinander, aber dafür gehen die Vorarbeiten im Hochbau sehr gut voran. Deine Idee mit dem Zentralen Bauplatz war genial. Es ist jetzt wirklich nicht böse gemeint, aber wärst du nicht Obdachlos geworden, hätte ich einen solch fähigen Mann wie dich nicht im Team.“ „Happy end. Ich hab dir mehr zu danken. Du bist wirklich ein cooler Chef. Jeder arbeitet gerne für dich. Nicht nur die Europäer, auch die Kambodschaner. Die sagen dir nicht alles, was ich so mitbekomme. Hannes, jeder hat Respekt vor deinem Alter, deiner Menschlichkeit und deinem Charakter. Du kommst noch groß raus.“
„Möchte ich groß raus kommen? Du redest schon wie Stephane. Ich habe doch ein großes Projekt. Ich war mit dem was ich gemacht habe glücklich. Kannte unser Team und war froh mit den Jungs am Abend ein Bier zu trinken. Nun kenne ich auch alle anderen aus dem Teams und bin auch gerne bei denen. Wir haben drei gute Teamleiter und mittlerweile zwölf Teams, all diese Menschen mag ich sehr. Ich sehe die Veränderung bei Nolan, Nhean, Hudson oder auch Gust. Ich sehe deine Veränderung. Clodette und Levi sind tolle Menschen. Levi hat mich dermaßen geflasht, dieser Mann kommt groß raus! Clodette hat noch zu viel Angst, trotzdem kümmert sich jeder um sie. Das ist Teamarbeit, wie es sein sollte. Egal ob Baggerfahrer, Architekt, Vorarbeiter oder Lehrer, wir sind eine Einheit. Die hattest du noch nicht einmal in deiner kleinen Firma. Stimmts?“ „Da hast du recht. Wir sind eine Einheit und dies hängt auch viel an dir und Patricia. Ihr beide haltet den Laden zusammen. Darauf ist jeder stolz. Ich habe von der großen Party gehört, so etwas bindet auch.“ „Wir machen nochmal eine solche Party. Wie du schon gesagt hast, es bindet zusammen. Ich hatte die Party von meinem Geld bezahlt, Stephane hat mir mehr Geld überwiesen, als die Party gekostet hatte, also gibt es Party Nummer zwei wenn die Schule fertig ist.“

Hannes ging mit Dhani durch den Rohbau der Schule und sah erstaunt zu Dhani.
„Ich dachte bis eben, deine Pläne für die Schulen zu kennen. Warum ist das Fundament hier um gute acht Meter länger?“ „Ist es das?“ Hannes legte den Kopf zur Seite.
„Also gut, wo steht geschrieben das eine Schule nur eine Schule sein muss?“ „Ich kann dir gerade nicht folgen.“ „Reto will in einem regelmäßigen Turnus nach Kampong Rou kommen, ein Zelt ist auf Dauer keine Lösung. Wir bauen noch eine kleine Krankenstation dabei – wenn dies für dich in Ordnung ist.“ „Natürlich. Ich bin so auf meine Schule fixiert, dass ich daran gar nicht gedacht habe. Gerne. Sehr gerne. Bau eine Krankenstation dabei. Das ist es, was ich immer wollte, euch auch selbst entscheiden lassen und Ideen einbringen. Das Wasserrad ist auch daraus entstanden. Wir sind schon eine mega coole Truppe. Nun suche ich mal Frau Lefévre.“ „Sie ist kurz vor dir mit Clodette weggefahren.“ „Okay, dann geh ich Sangkhum bürsten, sie braucht wieder Pflege. Danke auch für den Stall.“

Um 15 Uhr kam Patricia mit Clodette zum Stall gefahren. Hannes hatte Sangkhum und Sraleanh gebürstet. Selbst zwei der größeren Rinder ließen sich diese Massage mittlerweile gefallen. Auch in der Herde wurde das Vertrauen zum Mensch immer besser.
„Ich möchte mal wissen was du deinen Artgenossen erzählst, wenn ich nicht da bin. Mir reicht ein Rindvieh. Wenn du kleiner wärst, könntest du auf die Couch“. sagte Hannes zu Sangkhum, während er ihr die Ohren sauber machte.
„Salut Hannes, ich hätte Sraleanh auch gebürstet. Ich mach es gerne.“ „Ich weiß. Du kannst ihr nach den Hufen schauen, die hab ich noch nicht gemacht.“

Patricia, Hannes und Sangkhum lagen am Waldrand in der Nähe der Quelle. Es regnete Bindfäden und die Luftfeuchtigkeit war erdrückend. Die Bäume waren so dicht, dass trotz diesem Sintflutartigen Regen nichts auf den Boden kam. Sie machten sich Gedanken, wie sie den Schulunterricht weiter betreiben können, ohne ständig von ihrem Geld Hefte und Stifte für mittlerweile fast Hundert Kinder kaufen zu müssen. Humanitäre Hilfe war toll, nur nützt es keinem etwas, immer vom eigenen Geld alles zu kaufen.
Die Eltern der Kinder waren Bettelarm. Natürlich merkte man, dass die Menschen Lohn bekamen und nach und nach ihre Häuser ausbesserten, ein paar neue Hühner kauften oder bei Kannitha einkauften. Nur konnte Hannes keine tausend Menschen im Bau beschäftigen. Dieses Problem musste auch noch gelöst werden. Irgendwie den Menschen eine Grundlage schaffen, von der sie leben konnten und die auch Nachhaltig war.

„Ma Chérie, wir haben so viel erreicht und trotzdem nichts gewonnen.“ Er nickte. Patricia legte ihren Kopf auf seine Schulter. Da saßen zwei Weltverbesserer mit gerade mal 20 Jahren, mit einem Kalb auf den Oberschenkel und schauten dem Regen zu, wie das Wasser durch die Furt ins Tal lief.
„Prinzessin, wie können wir den Kindern schreiben beibringen ohne Hefte zu kaufen?“
Patricia gab ihm einen Kuss. „Ich weiß es nicht.“
Hannes schrieb mit den Fingern „Je t’aime, ma Chérie“ in den feuchten Sand.
„Das ist genial! Das ist es!“ Hannes konnte ihr mal wieder nicht folgen.
„Schön, dass du meine französische Schrift genial findest.“ „Bœuf stupide. Die Kinder müssen schreiben und lesen lernen mit einfachen Worten. Tafeln! Luan hat große Tafeln gebaut, warum nicht kleine Tafeln?“ „Erklärte mir den Unterschied.“
„Jedes Kind kann auf seiner kleinen Tafel schreiben und lesen. Hannes, wir lernen hier völlig neu. Du kannst nichts mit Europa vergleichen. Die Kinder schreiben keine Aufsätze oder lösen Quadratwurzeln. Die Kinder lesen zu Hause nicht Jules Verne, Grass oder Heine. Wenn wir denen das Alphabet und das kleine Einmaleins beibringen, sind wir schon weit gekommen.“ „Tafeln. Ja. Genau. Tafeln können immer wieder benutzt werden. Kreide kostet kaum etwas. Tafeln. Genial! Luan soll Tafeln schneiden und lackieren. Bücher zum lesen und lernen haben wir genug. Sie lesen in den Bücher und können auf den Tafeln schreiben. Keine Hefte und Stifte ständig kaufen.“ „Oui, ma Chérie. Wir sind schon ein gutes Team. Und schon wieder ein Problem gelöst.“ „Ein Problem von einem Dutzend andere.“ „Es wird aber weniger.“ „Ich muss mit Bourey reden, vielleicht fällt ihm etwas zur Nachhaltigkeit ein.“ „War das mit dem Gouverneur von Bourey wirklich ernst gemeint?“ „Absolut. Ich kenne die Art wie dieser Mann denkt. Weißt du überhaupt, dass er mir angedroht hatte, mich aus dem Land zu werfen?“
„WAS?“ Patricia sah ihn Fassungslos mit offenem Mund an.

Hannes erzählte ihr von der Unterhaltung mit ihm am Rand der Party und welche Forderung Bourey damals stellte, die er nicht zusagen könne und werde.
„Dein Rückgrat ist gewaltig“ sagte Patricia, als er ihr von der Unterhaltung erzählte. „Danke. Sagte Bourey auch. Seit dem Tag sind wir per du. Nur müssen wir beide unsere Beziehung geheim halten, daher oft die Unterhaltungen mit Rithisak. Er ist der Mittelsmann. Bourey zieht in dieser Provinz die Fäden und keiner weiß es. Ja Prinzessin, Politik ist nicht immer so einfach. Daher braucht niemand zu wissen, wie Bourey zu uns steht. Du und Rithisak wissen es und dies soll auch so bleiben. Nicht wahr Sangkhum? Du verpetzt mich auch nicht, sonst ist nix mehr mit Mangos!“ „Mir ist dies alles nicht aufgefallen. Warum redest du nicht mit mir darüber?“
Hannes nahm tief Luft und sah ihr in die Augen. „Dir ist auch die politische Lage bewusst, ich weiß durch Bourey sehr viel mehr! Glaub mir, froh über noch mehr Wissen bin ich nicht. Wenn raus kommt, wer uns hilft, wer zu uns steht und was wir noch geplant haben, könnten die Milizen der Rote Khmer Bourey, mich und euch erschießen. Daher habe ich dir dies nicht gesagt.“
Patricia sah ihn Fassungslos an.„Hannes…! Du machst mir Angst!“ „Es ist alles gut! Wir haben das Militär von Svay Rieng und Kor An Doeuk hinter uns. Ist dir noch nicht aufgefallen, dass nun viel öfter Jeeps vom Militär hier durch die Gegend fahren?“ Patricia nickte stumm. „Dies ist unsere Lebensversicherung! Ab und an bekomme ich so von Bourey eine Nachricht übermittelt. Mach dir bitte keine Sorgen, es ist alles gut!“

September 1990
Am 17. September kamen die Pumpen, die Hannes im Mai bei Ludgar bestellt hatte. Die erste Pumpe die montiert wurde, war die Spezialpumpe für das Wasserrad. Dhani hatte in nur zwei Tagen einen ordentlichen Sockel für die Pumpe betoniert. Mit dem Bagger setzte Hannes die 600 Kilo schwere Pumpe auf den Sockel.
Luan und Cees bauten den Antrieb am Wasserrad um. Die Kraftübertagung von der Welle des Wasserrads brauchte man nicht mehr. Ludgar hatte ein Getriebe in das Gehäuse der Pumpe gebaut.

Am 20. September um 14.36 Uhr lief die Pumpe im Beisein von einem Pulk Menschen aus Kampang Rou an. Angetrieben durch ein Wasserrad, von dessen Präzision Hannes immer noch in den Bann gezogen war.
Um 15.23 Uhr hatte das letzte Haus in Kampang Rou fließendes Wasser.
In dem ganzen Ort war jeder auf den Beinen, es war eine Stimmung wie bei der Party im März.
„Danke Chef. Danke für dein Vertrauen.“ „Luan, ich hatte nie daran gezweifelt. Nun wollen wir mal schauen, wie weit die Pumpe es schafft das Wasser zu fördern. Wasser marsch nach Khsaetr. Fahr an den Ortsausgang und mach den Schieber auf. Es ist dein Projekt und war deine Idee gewesen.“ „Du bist der coolste Chef. Danke.“

Um 18.11 Uhr war das Wasser in Khum Nhor und um 18.43 Uhr in Khsaetr. Trotz der Länge von 8 Kilometer war der Wasserdruck in den Häuser respektabel. Hannes rief Ludgar an. „Mahlzeit Ludgar, Wasser läuft! Wir sind jetzt schon bei acht Kilometer in der Ebene. Der Wasserdruck ist hervorragend. Wir machen noch den Schieber nach Sama auf, dann haben wir auf zwölf Kilometer Wasser in der Leitung.“ „Wie läuft das Getriebe?“ „Im Leerlauf!“ „Wie im Leerlauf? Zwölf Kilometer pumpst du das Wasser und hast keine Unterstützung? Du machst einen Scherz.“ „Nein. Ludgar, dass Wasserrad hat einen unglaublichen Drehmoment. Wenn die zwei Teams zum verlegen der Wasserleitungen in den Siedlungen auf den Bergen fertig sind, werden wir das Getriebe brauchen.“ „Ich glaubte dies alles nicht!“ „Ich hatte nie einen Zweifel an meinen Jungs. Dass das Drehmoment  von dem Wasserrad so stark ist, konnte niemand wissen. Ich hatte mit Kampang Rou und Khum Nhor gerechnet, aber nie so weit wie es jetzt schon gepumpt wird. In Khum Nhor wird übermorgen deine zweite Pumpe eingebaut. Dann versorgten die zwei Wasserräder diese Region von sechs Ortschaften mit Wasser, und auch die Siedlungen auf den Bergen! Jetzt sind wir mit einem Wasserrad bei zwölf Kilometer in der Ebene! Was meine Jungs gebaut haben sind Wasserräder paux excellence! Ludgar, die Jungs sind Weltklasse!“

Mit den neuen Mobilbagger war es kein Problem die Pumpen in die Bauwerke der Hauptwasserleitung zu heben und zu installieren. Einzig der Strom fehlte noch. Die Firma die für Stromversorgung zuständig war, war sehr langsam. Sie hatte wesentlich weniger Arbeit als ODHI im Tiefbau und erreichte das Tempo nicht annähernd. Der Projektleiter und die Stromfirma kamen aus Taiwan. Huang Chan hielt den Sonntag als freien Tag für Unsinn, so etwas hätte es noch nie gegeben. Hannes erklärte dieser Hohlbirne die Vorzüge von dem Sonntag und auch die Freizeit am Tag in den heißen Monaten. Er stieß mit dieser Führung seiner Mitarbeiter bei Chan auf völliges Unverständnis. Stephane wollte gerne dieses Bauprojekt übernehmen, Hannes lehnte dies vehement ab.
„Ich kann dich nicht verstehen! Es sind die gleichen Bauabschnitte“ sagte Stephane bei dem letzten Gespräch. „Besorge Vorarbeiter, Mitarbeiter und Bagger, dann legte ich dir deinen Strom zum Nordpol! Ich kann und werde niemand von unseren Teams abziehen. Die jetzige Konstellation aller Teams ist over the top. Ich kann mich erinnern, dass du mal etwas von Jobangebote in Zeitungen gesagt hast.“
„Und wenn du…“ „Auch nicht wenn ich! Ich teile die Teams nicht mehr! Punkt! Stephane, besorg mir drei Dutzend gute Leute. Mehr brauch ich nicht.“ „Fahre mal wieder in ein Obdachlosenheim“ sagte Stephane. „Ganz ehrlich, der Gedanke kam mir auch schon. Diese Männer können nichts mehr verlieren – nur noch gewinnen. Mit Dhani und Levi hatte ich den Jackpot gezogen, ob mir dies wieder gelingt weiß ich nicht. Du könntest mal schauen ob du in einem solchen Heim jemanden findest. Einzige Bedingung: keine Drogen, keine Alkoholiker und nicht kriminell.“ „Lass mich darüber mal schlafen.“

Oktober 1990
Es ging in den Herbst. Wobei „Herbst“ in Südostasien eine andere Definition hat, als in Europa. Der Monsun teilt in zwei Jahreszeiten. Beim Monsun beträgt die Luftfeuchtigkeit schon mal 90%, ist kein Monsun liegt sie unter 50%. Kurz gesagt: entweder es regnet und ist schwül oder es regnet nicht und es ist extrem heiß. Tropisch-feuchtwarm ist es das ganze Jahr. Wenn es “ kalt“ wird, zeigt das Thermometer 26° Celsius an, bei warm schon mal 40° Celsius und mehr.

Hannes war in Kâmpóng Trâbêk im Büro und faxte Fotos und Bauprotokolle von der Schule in Kampong Rou nach Frankreich, auch bekam Stephane die Leistungsberichte vom September der Bauabschnitte gefaxt. Er war stolz auf das was er von Arthur, Asger und Ferdinand las. Ohne Druck und Stress wurde die Leistung um das dreieinhalbfache gesteigert. Die neuen Bagger machten sich bezahlt. Immer wieder schaute er auf die riesigen Karten mit der Topografie an der Wand und hatte nach 10 Monaten immer noch keine Idee, wie er eine Nachhaltige Infrastruktur schaffen konnte.

Eliane kam in sein Büro. „Was ist los mit dir?“ Er zog die Schultern hoch. „Mir fällt nichts ein wie ich die Lage der Menschen verbessern kann.“ „Du hast doch schon so viel getan. Zur Zeit arbeiten 170 Kambodschaner für uns. Die Menschen haben endlich ein geregeltes Einkommen. Was willst du mehr?“ Er sah diese kleine Luxemburgerin hilflose an.
„Ist zu wenig! Eine ganze Region bräuchte Arbeit, Perspektiven und ein Einkommen. In den Städten gibt es viele Kleiderfabriken -besser gesagt: Sklavenfabriken. Eliane, ich habe gesehen unter welchen Menschenunwürdigen Bedingungen die Männer und Frauen – sogar Kinder dort arbeiten. Ich möchte, dass die Menschen frei sind und selbst entscheiden können. Für Ackerbau ist der Boden zu trocken, beim Monsun läuft das Wasser gerade so über die Felder und kaum etwas an Wasser geht in den Boden. Für Viehzucht ist kaum Futter da. Bis Kautschukbäume wachsen, dauert es sieben Jahre. Von der Geologie wäre die Herstellung von Backsteinen möglich, nur wird dann der Wald gerodet um Holzkohle zu gewinnen. Es wird in anderen Provinzen schon massiv Kahlschlag betrieben. Die Menschen zerstören dort ihre eigene Umwelt! Ich habe keine Ahnung was ich machen kann.“ Eliane setzte sich zu ihm und hielt seine Hand. „Du bist der menschlichste Chef den ich jemals hatte. Du denkst an Menschen und willst jedem nur das Beste geben. Kannst du dies überhaupt?“ „Nein. Aber ein Versuch sollte es schon wert sein. Ende der Woche fahre ich nach Svay Rieng, mal sehen ob meine Jungs und Mädels bessere Ideen haben. Meine Frau ist doch so klug, vielleicht hat sie eine Idee. Wann fliegst du nach Hause?“ „Gar nicht. Ich war letztes Jahr wegen der Scheidung zu Hause, was soll ich in Luxemburg?“ „Mit allen denen ich gesprochen habe, fliegt niemand mehr zurück.“ „Und ihr?“
Hannes brauchte lange um diese Frage zu beantworten.
Eliane sah ihn an. „So eine schwierige Frage?“ „Nein! Für Weihnachten und Silvester brauche ich nicht nach Europa zu fliegen…“ „Aber?“
Hannes nahm tief Luft. „Patricia sollte zum Arzt.“ „WAS? Was ist mit ihr? Hannes!“
„Sie… sie hat Leukämie.“ Völlig entsetzt sah Eliane ihn an. Er nickte langsam. „Außer Asger und Nescha weiß es niemand.“

Hannes erzählte Eliane von dem Beginn ihrer Liebe. Am Ende seiner Erzählung weinte sie. „Was ich von dir wusste und wie ich dich sehe, sagte ich dir bereits. Was ich jetzt weiß, ist mit kaum einem Wort zu beschreiben. Dein Herz ist gütiger als alles was es auf dieser Welt gibt! Warum redest du nicht mit Dr. Lamesch? Ihr seid doch Freunde. Er kann doch auch Blutbilder oder Analysen durchführen.“
„Stimmt. Aber ich habe Angst. Angst das die Blutwerte sich verschlechtern.“ „Und du meinst in Frankreich verschlechtert sich das Blutbild nicht?“ Darauf konnte er nicht antworten.

Es war fast Mitternacht als er die Nummer von Reto fertig gewählt hatte. Für die 11 Ziffern brauchte er fast eineinhalb Stunden. Beim zweiten Freizeichen war Reto schon am Telefon.
„Hannes, ich höre. Was ist los?“ „Tut mir leid, dass ich so spät anru…“ „Hat seinen Grund! Was ist passiert?“
Hannes erzählte Reto, was ihn nun schon seit über einem Jahr täglich quälte.
„Da kommst du jetzt erst zu mir? Ich dachte, wir sind Freunde!“ „Eben aus diesem Grund so spät.“ „Hannes, ich rede mit Patricia. Natürlich werde ich ihr Blut untersuchen. Alle nur erdenkliche Relevante Werte werde ich testen lassen. Ich habe den allergrößten Respekt vor euch. Ich erklärte dir nun Leukämie mal ganz genau. Du hast gesagt, dass Patricia schon früh daran erkrankte und hatte auch Stammzellen Operationen. Sie war jung und somit kann die Erkrankung vollständig zurückgedrängt worden sein. Hat dir dies noch niemand gesagt?“ „Doch. Nur manche glauben auch noch an den Weihnachtsmann.“ „Zum Glück bin ich Arzt. Betroffene Patienten mit chronischen Leukämien und myelodysplastischen Syndromen, sind in der Regel von der Diagnosestellung an kontinuierlich in Betreuung. Dies ist Patricia offensichtlich nicht, sonst wäre sie nicht in Kambodscha! Wenn Patricia die Leukämie überwunden und auch eine Stammzelltransplantation hinter sich gebracht hatte, sie auch noch sehr jung war, kann sie mit einer fast normalen Lebenserwartung rechnen. Hast du dies soweit verstanden?“ „Ja Doktor Lamesch, habe ich verstanden.“ „Punkt für dich! Ich werde regelmäßig nach Patricia schauen, dass verspreche ich dir! Sie lebt gesund, isst gerade hier in Kambodscha sehr viel Gemüse, Fisch und Obst. Besser kann es nicht sein. Ehrlich! Gib nicht immer nur Sangkhum Mangos, ab und an auch mal deiner Frau. Hannes, die Ernährung ist wichtig! Das soziale Umfeld ist wichtig. Auch dies könnte für Patricia nicht besser sein. Sie arbeitet, macht sich viele Gedanken und hat Spaß an ihrem Job. All dies ist positiv für eine Krebstherapie. Du kümmerst dich um sie und holst ihr täglich die Sterne vom Himmel. Es ist alles gut. Mach dir bitte nicht täglich dein Hirn kaputt. In zwei Wochen sind wir wieder in Svay Rieng, dann reden wir und ich teste das Blut.“ „Danke mein Freund. Ich bin nun schon viel schlauer. Ich danke dir. Nescha weiß es seit Januar.“ „Sehr gut! Diese Frau wird noch Professorin. Was sie medizinisch jetzt schon drauf hat, ist unglaublich. Nescha könnte eigentlich die ersten drei Semester überspringen. Ich rede auch noch mit ihr. Okay?“ „Natürlich. Sie weiß es schließlich von Patricia. Nochmal herzlichen Dank. Bis in zwei Wochen.“

November 1990
Am 1. November war Hannes in Phnom Penh im Distrikt Sangkat Tuek L’ak Ti Muoy, bei UNICEF und hatte ausnahmsweise mal keinen Streit mit Laureen. Der Manager for ​​Construction and Infrastructure wurde endlich auch in New York und Genf für ernst genommen. Ein kleiner Lichtblick für den Bau von Schulen.
Die UN würde mit Hochdruck an der Umsetzung der Resolution für Kambodscha arbeiten und man sei optimistisch, dass es im neuen Jahr schon mit dem Einsatz los gehen würde.

So optimistisch, wie ihm in März fünf Zelte versprochen wurde? Hannes wollte nicht schon wieder mit Laureen streiten, so behielt er seine Gedanken für sich.

Ein fast 2.000 Seiten dickes Dossier lag vor ihm. Über das Inhaltsverzeichnis las er nur ein Dutzend der weit über 300 Punkte umfassenden Katalog.
„Wer glaubt daran?“ Waren seine Worte, als er das Dossier zuschlug. „Hannes! Das wird eine verdammt große Friedensmission!“ „Schön. Wo steht etwas von Ärzten, Lehrer oder Bauingenieure? Wo steht etwas von Perspektiven schaffen?“
„Hannes! Das wir groß! 500 Millionen Dollar sind für diese Friedensmission geplant.“ „Man kann auch 500 Millionen Dollar an die Wand fahren! Ich kann mich erinnern das ich dir und auch der UN eine Exposé geschrieben habe und ganz klar die Situation der Menschen in der Provinz Svay Rieng dargestellt habe. Auch habe ich ein Exposé von Dr. Lamesch aus medizinisch notwendiger Sicht beigefügt. Ich lese in dieser Kasperle Resolution nur von Frieden sicheren und Aufbau der Zivilenordnung. Macht sich keiner der Mitarbeiter in New York City am East River mal Gedanken warum die Rote Khmer immer noch so viele Anhänger findet? Gebt den Menschen eine Lebensgrundlage und die Rote Khmer löst sich von selbst auf!“ „Du hast ja recht. Warte doch ab wie alles kommt. Es wird auch den Menschen geholfen.“ „Mit Soldaten? Let us surprise.“

Auf dem Weg von Phnom Penh nach Svay Rieng rief Hannes Stephane an, seine Wut musste er nun abbekommen.
„Mein lieber Hannes, da weißt du schon mehr als ich.“ „Stephane, diese Kasperle Resolution ist es nicht wert zu lesen! Es wird nur viel Geld verbrannt und am Ende zuckt jeder mit den Schultern – wir habe ja etwas getan.“ „Abwarten. Kannst du mir dieses Dossier zukommen lassen?“
„Natürlich, es liegt neben mir. Glaub mir, es ist das Porto nicht wert. Ich schicke es dir heute von Svay Rieng zu. Ich fahre die nächste drei Tage wieder Bagger.“
„Warum?“ „Nolan ist schwer verliebt in eine Krankenschwester aus dem Team von Reto Lamesch. Nolan hat sich im April ein Motorrad gekauft und fährt zu ihr nach Siam Reap, wenn das Team nicht in Kampong Rou ist. Ich sagte ihm, er kann morgen früh fahren. Er soll auch mal frei bekommen.“ „Du bist schon ein cooler Chef.“ „Quatsch. Hättest du auch gemacht.“
„Wie ist Nolan sonst so?“ „Gib mir noch ein halbes Jahr, dann ist er Teamleiter für Tiefbau. Der Junge wird! Dies kann an unserem Team oder an Mareile liegen. Mit Nolan hätten wir noch ein Team mehr. Dann hätte ich Asger frei für deine Stromleitungen. Trotzdem fehlen uns Mitarbeiter. Fünf Vorarbeiter zusätzlich. Stephane, ich bräuchte nur noch fünf Vorarbeiter. Dann könnte wir noch vierzig Menschen Arbeit, Lohn und eine Perspektive geben. Warst du schon mal in einem Obdachlosenheim?“ „Oui, Monsieur. Du hattest recht, der Jackpot ist geknackt.“
„Ferdinand wollte zwei ehemalige Kollegen von Bilfinger und Berger fragen. Dann wären unsere Sorgen etwas weniger und du bekommst dein Strom. Dhani baut die Schule in Kampong Rou und hat schon mit den Fundamenten in Khsaetr angefangen. Er ist ein unglaublich guter Hochbauer.“
„Ich denke, wir sollten ihm nun auch mehr Lohn geben.“ „Ja. Ich nannte im April diesen Lohn um überhaupt zu sehen, ob er es wert ist. Bitte gib ihm mehr Lohn – er ist es wert! Am Abend lernt er mit Patricia k
Khmer oder geht für eine Stunde in die Schule, wenn er auf der Baustelle alles im Griff hat.“ „Top Mann“ sagte Stephane anerkennend. „Absolut! Ich lasse nichts auf diesen ehemaligen Obdachlosen kommen. Er hat sich in eine Frau aus Kampong Rou verliebt.“ „Wow. Er wird wohl nicht mehr in die Schweiz zurückkehren. Apropos, wann kommst du nach Frankreich?“
Hannes nahm tief Luft. „Wahrscheinlich gar nicht mehr. Vielleicht mal Urlaub, aber sonst sehen wir keinen Sinn für eine Rückreise. Wir wollen ein Haus in Thailand bauen, Roman würde uns das Haus planen. Du kennst ja Patricia, sie will ans Meer und ich lehne dies vehement ab. Ihr Dickkopf gegen meine Argumente, da gibt es mit dem Standort noch einige Diskussionen zuführen. Au revoir Stephane.“

Endlich wieder zu Hause, wenn es auch nur das Hotel in der ផ្លូវលេខ ២០៥, Straße 205, in Svay Rieng war. Patricia hatte in der letzten Zeit so viel in diesem Zimmer verändert, dass es heimatlich wurde und trotzdem fehlte ihnen irgendwie der Halt, die Wurzeln oder „die Heimat“. Er sollte doch mit ihr nach Thailand fahren und in aller Ruhe nach einem Grundstück suchen. Der Kurzurlaub in Thailand im September zum Geburtstag von Patricia war für Hannes ein Alptraum. Sie waren bei Asger in Chon Buri gewesen, niemals würde er ein Haus dort kaufen oder bauen wollen, wo so viele Sextouristen waren. Never!
Hannes könnte hundert Mal würfeln und immer wieder würde Nakhon Ratchasima heraus kommen. In diese Stadt hatte er sich verliebt.

Nach dem duschen fuhr er Richtung Kampong Rou und schaute sich die Baustellen im Abschnitt 3 an. Seine Zielvorgabe im Hoch- und Tiefbau war fast erreicht. Er sah Kosal in seinem neuen Bagger und winkte ihm zu.
Die Fahrerkabine war geschmückt mit Girlanden, Blumenkränze aus Jasmin – dies hatte etwas mit dem buddhistischen Glauben zu tun. Dem allen nicht genug an
Wohlfühlfaktor. Kosal hatte sogar Teppichboden in seinem Bagger!

„Kosal, ich sehe du bist glücklich mit dem Bagger.“ „Natürlich. So etwas habe ich noch nie gefahren. Da macht die Arbeit richtig Spaß. Danke für alles, Borsa mneak del mean ko.“ „Ich danke dir mein Freund. Du machst gute Arbeit, dein Schwager und Djuna sind auch gute Baggerfahrer. Ich werde ab morgen auch wieder Bagger fahren.“ „Bist du kein Chef mehr?“ Kosal stand kurz vor einem Herzinfarkt. „Doch. Ich kann doch auch als Chef Bagger fahren. Nolan macht Urlaub, ich vertrete ihn. Oder kennst du noch einen oder zwei gute Baggerfahrer? Ich habe schneller einen Bagger gekauft, als einen guten Mann gefunden. Wann war Vaesna das letzte Mal da um die Inspektion zu machen?“ „Erst Anfang vom Monat.“ „Gut, dann bekommt er auch noch sein Geld. Ich fahr noch nach Kampong Rou. Leahaey, Kosal.“
Auf Wiedersehen. Ja, was freute sich Hannes diesen Mann immer zu sehen. Im März lernte er einen Mann in Lumpen kennen, nun hatte er ordentliche Kleider an und Teppichboden im Bagger. Humanitäre Hilfe kann im kleinen so groß sein.

Vaesna hatte am Anfang vom Jahr ein altes Moped, nun hatte er ein Pickup, zwar ein älteres Modell – aber er verdiente Geld. Dafür musste er auch alle Baumaschinen in den Bauabschnitten 2 und 3 warten.
Yeung nung thveu vea chab nih – wird bald erledigen, ließ Hannes nicht zu! Es gab nun klare Ansage und Vorgaben. Er musste den Asiaten ab und an eine klare Marschrichtung vorgeben.

Auf dem „Europa Platz“ nahm die Schule schon sehr viel Gestalt an. In 7 Wochen war Weihnachten. Dhani hatte noch einiges vor.
Die Liebe zu Sangkhum war unverändert. Wie konnte sich ein Mensch so in ein Rind verlieben! Sein ganzes Leben hatte er sich keine Gedanken um eine Kuh gemacht. Im Elternhaus waren Hund, Katzen, Stallhasen und auch Kanarienvögel. Seine Schwester hatte auch mal eine Schildkröte gehabt. Sangkhum fiel dann doch etwas aus dem Rahmen. Im Stall musste er nur die Bürste in die Hand nehmen und Sangkhum kam zu ihm und wusste das sie gebürstet wurde. Von wegen doofe Kuh! Hannes musste nur an ihren Beinen streicheln und sie hob den Fuß hoch, damit er ihre Hufen sauber machen konnte. Mit dem Pickup fuhr er mit Sangkhum oft spazieren oder zu den anderen Bauabschnitte. Während er Vermessungen machte oder Bauprotokolle schrieb, trottete Sangkhum über die Baustellen.
Die Weihnachtsgeschichte fiel ihm ein. Hannes, Patricia und Sangkhum im Stall vor einer Grippe. Ob sein Kinderwunsch jemals erfüllt würde? Bald war Reto da, mit ihm konnte er endlich über alles reden.

Auf dem „Europa Platz“ saß Hannes mit Sangkhum an einer der drei Holzhütten und beobachtete Levi bei seiner Arbeit. Ihm fielen die Worte von Levi ein, als sie sich im April getroffen hatten. Verächtliche Blicke der Menschen, wenn er in den Fußgängerzonen saß und bettelte. In einem Zelt von UNICEF stand jetzt ein Mann, der seinen Beruf liebte und zweifellos auch so einiges konnte. Wie falsch wäre es gewesen, ihn wegen seiner Obdachlosigkeit zu meiden! Hannes war unglaublich stolz auf diesen Mann. Die Gespräche mit ihm über Geschichte und Literatur waren ein Hochgenuss.

Adelina, Leatitia und Patricia kamen vorgefahren. Der Tag ging langsam zu Ende.
Nach Schulschluss ging Clodette noch zu Sraleanh. Diese Frau war nicht mehr wieder zu erkennen, ihr ganzes Erscheinungsbild hatte sich komplett geändert. In seinen Teams gab es kein Mobbing und dies würde er auch niemals zulassen!
„Salut, ma Chérie. Schön, dass du da bist.  Du hast mir sehr gefehlt“ Patricia saß neben ihm. Sie hatte ihren Kopf auf seiner linken Schulter und kraulte Sangkhum den Hals.
„Wann willst du zurück fliegen?“ Verwundert sah er Patricia an. „Warum sollte ich dies?“ „Ich dachte so wegen Weihnachten.“ „Dafür muss ich nicht nach Hause fliegen. Den Stress antun wann wir wo hinfahren sollten, muss ich mir nicht geben. Mit all denen ich bis jetzt gesprochen habe, bleibt jeder hier in Kambodscha. Da machen wir doch lieber eine große Party in Kampong Rou. Stephane sagte mir, ich soll für Essen und Getränke Geld vom Firmenkonto nehmen.“ „Très bien. Dann bleiben wir hier bei unseren Freunden.“ „Oui, Madame Lefévre. Ich habe noch etwas mit dir zu besprechen. Ich hatte die Tage mit Reto telefoniert, er würde dein Blut untersuchen. Ist das in Ordnung für dich?“ „Natürlich. Ich denke, du machst dir mehr Sorgen um mich, als das ich es tue. Schatz, es ist alles gut. Ich vertraue Reto und bin auch froh, dass er dir Leukämie erklärt hat…“ Hannes sah sie fragend an. „…ich weiß über dieses Gespräch von Nescha. Hannes, wir haben gute Freunde.“ „Oui, die haben wir. Komm, wir fahren nach Hause. Es war heute ein langer Tag.“

Weihnachten am 10. Breitengrad bei 30° Celsius.
Am Dienstag den 18. Dezember bekamen Patricia und Hannes ihr Weihnachtsgeschenk. Dhani hatte die erste Schule in der Region um Kampong Rou gebaut und fertig gestellt. Vor ihnen stand sein Traum mit einem blauen Dach. Das Gebäude war in orange gestrichen. Alle Beamten aus dem Distrikt Svay Rieng waren da. Laureen und Hattie von der UNICEF, Vertreter vom MaSoy – dem Bildungsministerium in Kambodscha. Hochrangige Politiker aus Phnom Penh strahlen um die Wette. Auf einmal fand die Prominenz den Weg in die Tropischen Wälder. Auf einmal war die Humanitäre Hilfe der Europäer in allen Zeitungen im Land bekannt.
„Lefévre School“ stand in Buchstaben aus Beton über dem Eingang der Schule. Dies war Dhanis persönliches
Weihnachtsgeschenk an Patricia.

Für Hannes war es ein trauriger Tag, die Menschen die dies alles erst möglich gemacht hatten, wurden gar nicht mehr erwähnt. Aus Anstand gab er und Patricia die Gastgeber.
Nachdem Fotos gemacht wurden, Hände geschüttelt und sich jeder selbst beglückwünscht hatte und dieser Korrupte Wurm von Phirun Suoth mit dem ganzen Tross Kampong Rou verließ, begann die Party!
Die Prominenz braucht an dieser Feier nicht teilzunehmen. Lediglich Laureen und Hattie wussten von der Aftershow Party.
Asger, Cees, Luan und eine Handvoll Kambodschaner hatten am Vormittag in Sama angefangen die Spanferkel zu grillen. Durch das Militär in Svay Rieng bekam Hannes zwei Feldküchen gestellt, auch diese standen in Sama. Diese Party würde um das dreifache Größer werden als die Party im März. Immerhin standen nun über zweihundert Menschen aus der Gehaltsliste von ODHI.
Mit allen Pickup’s und einem Lkw vom Militär wurde das komplette Equipment von Sama auf den „Europa Platz“ gebracht.

Um 14 Uhr war alles an Ort und Stelle.
Alle, die unermüdlich an dieser Schule gearbeitet hatten und an dieses Projekt glaubten waren da. Rithisak und Bourey wurden selbstverständlich auch eingeladen, beide kamen in Zivil.
Nescha hatte wieder die Stereoanlage besorgt, die im März bei der Party schon für gute Stimmung sorgte. Über 200 Mitarbeiter und Freunde feierten zusammen. So langsam realisierten Patricia und Hannes was vor ihnen stand, Freunde und Mitarbeiter umarmten sie, sprachen Glückwünsche aus oder hatten Tränen in den Augen. Diese Worte und Anteilnahme war echt! Da brauchte niemand fröhlich in eine Kamera zu lächeln.

Asger kam auf sie zu. „Direktorin Lefévre, Chef, ich würde mal sagen, dass es Zeit wird etwas zu sagen. Die Leute warten auf euch.“ Beide nickten Asger zu. „Let’s go, ma Chérie.“
Hannes nahm die Hand von Patricia und sie stellten sich auf die Ladefläche von seinem Pickup, Nescha kam mit einem Mikrofon in der Hand zum Pickup gelaufen und reichte es Patricia. Nach einer Minute war die Musik aus.
Patricia fing an zu weinen und über 200 Menschen klatschen ihr zu.
„Merci beaucoup. Liebe Freunde, nun stehe ich das zweite Mal auf einem Pickup und rede zu Menschen, Menschen die ich in ins Herz geschlossenen habe. Ich stehe hier… hier vor einer Schule, …die auf einem Traum von Hannes real wurde… und… und meinen Namen trägt.“ Patricia wichte sich immer wieder die Tränen weg. „Im Sommer 89 lernte ich den günstigen, liebevollsten und mit Abstand menschlichsten Mann in meinem Leben kennen. Sein Traum, Bildung für Kinder, setzte vier Lehrer aus drei Nationen seit dem 28. Mai mit unglaublich viel Liebe, Engagement und Herzblut um. Mit Stolz kann ich sagen, ein Teil von diesem Team sein zu können. Ich kann euch allen gar nicht sagen, wie dankbar, glücklich und überwältigt ich von so vielen Menschen bin. Danke, danke für alles.“
Freunde, Mitarbeiter und Bewohner aus Kampang Rou klatschen minutenlang  Patricia zu und ihr liefen die Tränen gerade so über ihr Gesicht. Patricia reichte das Mikrofon an Hannes weiter.
„Das Mikro in der Hand heißt so viel: nun müsste ich auch noch etwas sagen. Also gut. Wo fange ich an? Wenn ich alles sagen würde, was ich möchte, sind die Spanferkel Holzkohle.“ Alle auf dem Platz lachten. „Ich hatte als Jugendlicher einen Traum, einen Wunsch oder das Bedürfnis in meinem Leben Menschen zu helfen. Vor etwas über einem Jahr wurde dieser Wunsch mir erfüllt, in dem ich in die Humanitäre Hilfe kam. Was sich in einem Jahr alles Ereignete, haben fast alle auf diesem Platz mitbekommen. Ihr habt an mich geglaubt. Ihr habt mich unterstützt, gestärkt und auch schon mal zur Verzweiflung gebracht. Wir sind Menschen aus zehn Nationen, von drei Kontinente, die zusammen lachen, arbeiten, streiten, diskutieren und uns verleiben. Im Januar standen wir mit ein paar Leuten vor einer unglaublichen Ohnmacht an Krankheiten, Müll und Perspektivlosigkeit. In den ersten drei Monate haben so viele Menschen angepackt uns zu helfen. Ich danke auch den Menschen im Hintergrund für ihre Unterstützung, ich danke den Menschen, die an dieser Veränderung teil genommen haben. Im Juni kamen wir mit Verstärkung aus Europa zurück und es ging langsam aufwärts. Die Sorgen um Geldgeber für diese Schule und auch die Schule in Khsaetr waren am 28. Mai vorerst vergessen. In Europa glaubte man an dieses Projekt, man glaube den Menschen die für dieses Projekt stehen! Ihr, Männer und Frauen, die Steine schleppten, Beton anrührten um Stein für Stein für die Zukunft eurer Kinder zu bauen, habt unglaubliches geleistet. Zum Abschluss möchte ich auch die Bauarbeiter an allen drei Bauprojekte nicht vergessen. Wir hatten mit ein paar Bagger angefangen Wasserleitungen zu verlegen. Viel Geld wurde für neue Maschinen ausgegeben und wir haben die Arbeitsleistung um das dreieinhalbfache gesteigert! Dies alles ohne mehr Arbeit, ohne Druck und Stress. Auf diese Leistung bin ich unglaublich stolz und aus diesem Grund wird auch nur noch bis zum 21. Dezember gearbeitet. Im neuen Jahr fangen wir mit der gleichen Freunde und Motivation wieder an. Ihr alle habt bewiesen, dass ihr etwas verändern könnt. Ich bin stolz ein Teil von euch sein zu können. Nun lasst uns essen, trinken und gemeinsam ein Jahr der Veränderung zu feiern.“

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