2 Im Zombie Land

Teil II Kapitel 2

Im Zombie Land


Am Montag morgen rief Hattie an, sie wollte sich mit Patricia in Phnom Penh treffen. Passte ganz gut, am Mittwoch müssten, Cees de Groot und Luan Bernasconi, die zwei anderen auf dem Team, am Flughafen abgeholt werden. So konnten sie die 140 Kilometer wunderbar verbinden.
Hannes fuhr auf die Baustelle, er wollte endlich an der Abgemessenen und Abgesteckten Strecke weiter kommen. Auf der Baustelle waren die fünf Männer beschäftigt die Schalung für das Pumpenhaus weiter zu bauen. Der Baggerfahrer war am baggern auf der Strecke die sie gestern Abgesteckt hatten. Wie zu erwarten war seine Arbeit nicht gerade das, was man vernünftig nennen konnte. Hannes zeigte es ihm wieder auf 10 Meter Grabenlänge. Irgendwie schien der Fahrer nicht zu begreifen, was ein Bagger alles konnte.

Stephane Dilbert rief am Vortag im Hotel an und sagte, dass heute ein größerer Bagger auf die Baustelle kommen werde.
Vor Wochen sei in Thailand eben jener Bagger gekauft worden. Der Bagger vor Ort war mit seinen 16 Tonnen Einsatzgewicht für den Bau der Wasserleitung und den dafür vorgesehenen Graben zu klein.
Wenn die Wasserleitungen von der Hauptleitung nach rechst abgehend verlegt werden mussten, brauchte man für diese Topografie ordentliches Gerät. Von der Baustelle waren er oft noch keine 15 Kilometer bis zur Grenze zu Vietnam. Das Geländeprofil war zum Teil sehr hügelig.
Mit dem Pickup fuhr er zu dem Vereinbarten Treffpunkt an der Straße 334, um dort den Lkw mit dem Bagger in Empfang zu nehmen. Eigentlich machte es keinen Sinn, eine Uhrzeit zu vereinbaren, denn dies war in Asien etwas, womit sich die Menschen am wenigsten Gedanken machten. Man ist ja schließlich irgendwann da – oder auch nicht. Also blieb nur das warten. Die Klimaanlage in dem Toyota Pickup gab ihr bestes. Eine Stunde wartete er schon. Es wurde draußen immer wärmer, die Klimaanlage kam langsam an ihre Grenze. Er wollte die Pläne für die nächste Abschnitte studierten und die Länge der benötigten Wasserleitungen berechnen damit Bernhard die Bestellung machen konnte. Im Auto war kein Platz um diese riesigen Pläne auszubreiten. Also raus aus dem Wagen und mit Magneten auf der Motorhaube den Plan fixieren. Trotz der weißen Farbe von dem Auto, glühte die Motorhaube wie eine Kochplatte. Diese Schwüle war unerträglich. Keine fünf Minuten aus dem Auto klebte sein T-Shirt am Körper. Mit Maßschablone errechnete er die gebrauchten Materialien für,…. für welchen Zeitraum? Ihm war auch klar, dass bei dieser Hitze niemals das Tempo erreicht wurde und wird, wie in Deutschland. Er bräuchte eine Motivation für die Arbeiter, dass sie wenigstens regelmäßig zur Arbeit kommen würde um auch etwas leisten zu können.
Eine Staubwolke kam auf ihn zu. Hurra, könnte der Bagger sein. Tatsächlich, Hannes sah einen Bagger hinter dem Fahrerhaus. Mit Spannung sah er dem Fahrzeug entgegen. Was wir nun für ein Spielzeug kommen? Auf den letzten 200 Meter sah er in einer riesigen Staubwolke ein Sattelzug mit Tieflader. Es stand ein Bagger auf dem Tieflader. Ein richtiger Bagger! Ein Caterpillar Kettenbagger 225LC. Die Maschine hatte ein Einsatzgewicht von fast 26 Tonnen. Mit dem Ding konnte man vernünftig arbeiten. Sogar zwei verschiedene Tieflöffel mit, 0,88 m3 und 1,68 m3 waren dabei. Yes, that’s right! Die Freude war nur von kurzer Dauer. Wie kann der Lkw mit dem Tieflader zur Baustelle? Sein Pickup hatte bei der Folterstrecke schon seine Probleme. Der Tieflader würde auf dieser Piste stecken bleiben. Die Fahrbahn war für diesen Sattelzug definitiv nicht geeignet. Normal war es, dass ein Bagger auf einem Dreiachs-Lkw gefahrenen wurde. Wäre bei dem Gewicht von diesem Teil gar nicht möglich gewesen. Hannes fuhr mit dem Lkw Fahrer die Strecke ab, bis wo hin er auf jeden Fall fahren könnte. Zurück am Lkw, erklärte er dem Fahrer, bis wohin er nun fahren sollte. Hannes fuhr zurück zum Hotel. Patricia musste mit, sie sollte den Pickup zur Baustelle bringen, er müsste den Bagger fahren. An der Tankstelle in Svay Rieng kaufte er ein 200 Liter Fass Diesel. Pickup’s sind für alles gut.
Der Lkw war an der vereinbarten Stelle angekommen. Der Fahrer fragte, wer denn nun den Bagger abladen würde. Mit der Antwort von Hannes hatte der Fahrer nicht gerechnet!
Der neue Bagger hatte eine Dieselpumpe in der Nähe vom Tank, so konnten ohne Probleme die 200 Liter Diesel schnell und zügig umgepumpt werden und musste nicht mit 20 Liter Kanister getankt werden.
Per Kette ging nun über die Folterpiste zur Baustelle. Mit dem großen Baggerlöffel machte Hannes während der Fahrt diese Folterpiste zu einer doch erheblich besseren Straße. Er hätte es gerne ordentlicher gemacht, durch den zweiten Löffel, der in dem größeren lag, konnte er nicht so arbeiten, wie gewünscht. Ein Baggerlöffel von einer Tonne, konnte er schlecht bei Patricia auf den Pickup legen.

Endlich war die Baustelle erreicht. Hannes taten von dem Gequietsche der Ketten schon die Ohren weh. Patricia kam gleich zum Bagger „Lass mich bitte mal baggern.“ Wäre ja nicht das Problem gewesen, nur wie sollte die kleine Patricia das Fahrwerk hoch in die Fahrerkabine? Hannes stellte den Oberwagen leicht nach rechts „Geh jetzt vorne die Kette hoch, dies ist für dich einfacher als seitlich über das Fahrwerk.“
Patricia saß auf seinem Schoß und Hannes erklärte ihr nun die zwei Hebel links und rechts am Sitz, die Pedale um die Kette vorwärts oder rückwärts laufen zu lassen und die Schwenkbremse vom Oberwagen. Sie nahm die beiden Hebel in die Hand und machte, was Hannes sagte. Der Bagger schaukelte wie ein Schiff, bei Seestärke 8. „Langsam, ma Chérie, langsam und mit Gefühl. Hydraulik ist sehr empfindlich und reagiert sofort.“ Beim dritten Versuch war es nur noch Seestärke 4. Nach zehn Minuten Schiffschaukel, hatte Patricia den Bogen raus. Diese Frau hatte vor nichts Angst. Gleich aufgeben kam für sie nie in Frage. Sie drückte die beide Pedale nach vorne und der Bagger fuhr in die gewünschte Richtung. Sie drehte den Oberwagen um 180°, drückte die zwei Pedale nach vorne und der Bagger fuhr rückwärts! Ohne das Hannes etwas sagen musste, kam von ihr gleich die Antwort „Ist logisch. Der Bagger steht in die andere Richtung als die Kette.“ „Einfach ausgedrückt – aber richtig. Du musst immer wissen, in welche Fahrtrichtung das Fahrwerk steht. Nun kennst du die Grundbegriffe von dem Bagger, dann buddel doch mal ein Loch.“ Gleichzeitig den linken Hebel nach rechts, der rechte Hebel nach vorne, der linke zurück und der rechte nach rechts. Die war für den Anfang doch etwas viel. Als sie begriffen hatte, was der Bagger bei welcher Hebelbewegung machte, konnte sie auch ein Loch graben. Zwar war der große Baggerlöffel mit einem Teelöffel Erde gefüllt – aber immerhin klappte es. Nach einer Viertelstunde war dann der Löffel dreiviertel voll. Patricia lernte wirklich unglaublich schnell. Die Handvoll Männer auf der Baustelle standen im Halbkreis um den großen Bagger und sahen der kleinen Patricia zu.
„Tsssss, tsssss, tsssss.“ Kam es immer wieder im Kanon von den Männer. „Du kannst besser mit dem Teil arbeiten, als der Baggerfahrer, der den anderen da vorne fährt. Nun kannst du seine Arbeit weiter machen. Nun müssen wir im Plan schauen, wie tief die Wasserleitung weitergeht und wo wir mit welcher Tiefe am letzten Punkt sein müssen.“ „Das ist aber sehr kompliziert.“ „Liebes, nicht komplizierter als baggern. Lass mich arbeiten, fahre du zurück nach Svay Rieng. Dein Vater kann mich gegen Abend abholen kommen. Ich brauch nur noch die Pläne aus dem Auto.“ „Sind dies die ganzen Arbeiter?“ „Ja, ich frage mich, wie wir mit einer Handvoll Bauarbeiter eine Wasserleitung vom 170 Kilometer, die Nebenleitungen und Pumpenhäuser bauen sollen? Entweder die Männer arbeiten an dem Graben oder an dem Bau für die Pumpen. Ich weiß nicht wie ich die Arbeiter motiviert bekomme und wo ich nochmal so viele Arbeiter her bekomme.
Ich kann ja schließlich nicht alles alleine machen.“ „Ich bin nun hier in der Gegend, ich fahre mal in die Dörfer um zu schauen, wie ich dort weiter komme. Wie viele Kinder es überhaupt gibt und welches Alter.“

Hannes bat einen Arbeiter die Grabentiefe zu messen, damit er nicht irgendwann zu tief oder zu hoch kam. Er war ja nur Hobby-Baggerfahrer. Mit dem großen Baggerlöffel ging es sehr zügig voran. Da eigentlich nur 1,50 Breite gebraucht würde, der Baggerlöffel aber 1,80 Meter breit war, war so auch etwas mehr Sicherheit für die Arbeiter im Graben. In Deutschland dürfte er ohne Verbau so etwas gar nicht machen. Daher zog er den letzten halben Meter der Wand nach links und rechts weg. Immer noch ein Alptraum von der Berufsgenossenschaft, aber besser als nichts. Unvorstellbar, wenn der Graben zusammen fällt und ein Mensch lebendig begraben werden würde.
Er korrigierte die Sohle von dem anderen Baggerfahrer wieder. Am liebsten hätte er ihm gesagt, er soll sich zum Teufel scheren. Er brauchte aber die wenigen Arbeiter um überhaupt etwas tun zu können.
Hannes baggerte schneller, als die Männer dieses Tempo gewöhnt waren. Zum einen hat ein so großer Bagger unglaublich viel Kraft und zum anderen konnte er es, trotz das er wenig Bagger gefahren war, besser als der Mann, der meinte Baggerfahrer sein zu wollen.
Nicht übertreiben. Nicht übertreiben, sagte er sich.
Hannes fing an zu singen
„Wer baggert da so spät noch am Baggerloch?
Das ist Bodo mit dem Bagger und der baggert noch.
Ja, wer baggert da so spät noch am Baggerloch?
Das ist Hannes mit dem Bagger und der baggert noch.“

Er kam schneller voran, als er dachte. Wollte auch nicht zu weit den Graben auf baggern, dieser musste später auch wieder verfüllt werden.

Patricia kündigte sich mit einer großen Staubwolke an. 4 Meter neben dem Bagger hielt sie an. Hannes drehte das Fahrwerk nach links und ging über die Kette – mit Schuhen vom Bagger, zu ihr. Wie der Kollege Barfuß über die Kette gehen konnte, blieb ihm ein Rätsel. Patricias Gesicht sah versteinert aus! „Prinzessin, was ist los?“ „Glaubst du nicht! Vergiss alles, was wir bis jetzt in Kambodscha gesehen haben!“ Ihr kamen die Tränen „Fahr mit mir. Schau es dir an. Hannes, … Mittelalter… es ist wie im Mittelalter!“

Patricia fuhr von der Baustelle die Piste Richtung Osten, dann die nächste Kreuzung recht, nach ca. 4 Kilometer kam die erste Ortschaft. Patricia fuhr langsam über die Sandpiste an den… den was… vorbei? Hütten, Baracken, Kaluppen, Katen? Es gibt kein Wort für etwas das schief, kaputt und irgendwie zusammen genagelten einen umbauten Raum auch nur im Ansatz beschreiben kann! Müll und Fäkalien wo er hinsah! Patricia hatte recht, so etwas hatten sie noch nie gesehen. Die Ortschaft war eine Müllhalde.
Unbegreiflich wie so wenig Menschen in dieser Ortschaft so viel Müll haben konnten! Im Umkreis von bestimmt 30 Meter um diesem Ort lagen Plastikfolien, Flaschen, Bleche, Reifen, Ölfässer und Kanister. In den Bäumen ging Plastik das vom Wind weggeweht wurde. „Was schätzt du, wie viel Menschen leben hier?“ „Patricia, wie soll ich dies beurteilen? Von dieser Piste gehen links und rechts insgesamt sieben Wege ab. Was ich hier an Baracken sehr, würde ich diese Zahl mal vier nehmen, könnte auch nur mal drei sein.“ „60 Hütten. Mal drei oder vier Personen pro Hütte. Spekulationen bringen uns nicht weiter. Jemand fragen, wir wenig Sinn machen, da wird keiner hier sein, der rechnen kann. Du musst auch nicht mehr weiter fahren, ich kann mir ein Bild von den anderen Ortschaften machen.“ „Sind auf deinen Plänen diese Ortschaften eingezeichnet?“ „Nein. Nur mit Punkte verstehen, ob die Angaben von der Entfernung stimmten, bezweifle ich. Fahr zurück zum Anfang vom Ort. Wir messen jetzt. Der Maßstab auf den Karten wird ja bestimmt richtig sein. Ich hatte heute morgen die Länge für die Wasserleitungen berechnet.“

Patricia fuhr zurück an die Kreuzung zur Baustelle. Stellte den Kilometerzähler auf Null. Auf dem Plan markierte Hannes den Nullpunkt. „Dann mal los.“ Die Entfernung von der Karte zum Kilometerstand passte nicht annähernd. „Bis Ortsmitte sind es jetzt 5,6 Kilometer. Was sagt dein Plan?“ „3,2 Kilometer. Welchen Faktor soll ich annehmen? Fahr bitte weiter zur nächsten Ortschaft.“ „8,2 Kilometer“ sagte sie in der Mitte der Ortschaft. „Fahr weiter. Laut Maßstab habe ich 5 Kilometer.“ Patricia fuhr weiter „Was sagt der Kilometerzähler?“ „Knapp 13 Kilometer. Wo ist die Grenze?“ „Nach meinem Plan bin ich jetzt bei 7,5 Kilometer.“ Patricia fuhr weiter und Hannes schaute mit einem Auge auf seine Karte und mit dem anderen auf den Kilometerzähler. 17 Zeigte dieser an. 18. Hannes sah links und rechts nur Wälder. Die Zahl 20 kam langsam zum Vorschein. Hannes hatte ein ungutes Gefühl im Bauch „Patricia, es macht keinen weiter zu fahren. Bitte dreh um.“ Er zeigte ihr den Plan, wo sie in diesem Augenblick sein könnten und wo nach seiner Karte die Grenze zu Vietnam war. „Wir sind hier wie in einem Quadrat. Nach Süden geht von dem Ausgangspunkt, wo du den Kilometerstand auf Null drücktest, zur Grenze zu Vietnam zwischen 14 und 17 Kilometer nach rechts. Dann sind es von dem Punkt, wo die Straße 334 aufhört, 25 Kilometer bis zur Grenze nach Osten. Ich kann dir in diesem Augenblick noch nicht einmal sagen, in welchem Land wir sind!“ „Wie?“ „Nix, wie? Nach diesem Plan und das was du an Kilometer gefahren bist, kann ich dir nicht sagen in welchem Land wir jetzt sind. Die Piste ist doch schon seit Kilometer in einem sehr desolaten Zustand. Geht überhaupt eine Piste von hier nach Vietnam oder geht es nur in der Verlängerung von der 334 an die Grenze? Nichts passt zusammen. Laut diesem Plan sind zwischen der ersten und zweiten Ortschaften noch drei weite. Zwei links und eine rechts. Nach der nun linken, müsste bald die Grenze zu Vietnam kommen. Was zeigt der Kilometerstand jetzt?“ „Fast 21″ „Fahr zurück. Irgendwo müssen Pisten abgehen, wir haben die Einfahrten durch den Mais und Zuckerrohr wahrscheinlich nicht gesehen. Auf zurück! Ich habe keine Lust, wegen einem Illegalen Grenzübertritt Ärger zu bekommen.“

Patricia wendete den Pickup auf der Piste und in entgegengesetzte Richtung zurück. Hannes sein Puls war schon leicht erhöht. Er ließ es sich aber nicht anmerken. Die ersze3 Ortschaft kam in Sicht, durch die sie vor 15 Minuten gefahren sind. Hannes atmete tief aus. „Ist das hier eine Einfahrt? Von 21 Kilometer 6 Abgezogen. Passt das?“ Hannes schaute auf seinen Plan, rechnete die Kilometer zurück, verglich die Zahl mit seinen Notizen, die er auf den Plan geschrieben hatte. Mit der Maßstabsschablone rechnete er es um. „Könnte. Passt natürlich nicht mit meiner Karte überein. Ich weiß nicht wie lange diese Furt hier ist. Endet sie nach ein paar Meter im Zuckerrohrfeld oder führt sie in den Ort? Fahr rechts hoch. Dann wissen wir es.“
Diese Piste verlangte dem Auto, wie auch Patricia alles ab. Es ging gute 20 % den Berg hoch. Schlaglöcher aus der linken Seite. Einen Buckel rechts. Bodenwellen von über 40 Zentimeter. Danach ging es 50 Zentimeter runter. Buckel, Welle, Schlagloch… Oft fuhr das Auto auf drei Reifen, so schräg stand das Fahrzeug zur Piste „Du musst die Buckel schräg anfahren, die Löcher versuchen zu meiden und lieber an der Seite höher vorbei fahren. Wenn du durch den Zuckerrohr mit einer Seite fährst, ist es eben so. Nimm die Wellen nicht frontal. Immer etwas versetzt. Soll ich weiter fahren?“ „Non, hab doch einen guten Co Piloten.“ „Wir beide würde auch ein gutes Rallye Team abgeben.“

Das Auto kam den Berg immer schlechter voran. Durch den Sand drehten die Reifen durch. „Bleib stehen. Zieh die Handbremse an und mach den Gang raus. Mach die Getriebeunterstützung rein. Das ist der Knopf rechts vor dem Schalthebel. Dann links von dir den Knopf drücken, dass ist das Sperrdifferential. Nun wird die Kraft von den durchdrehenden Reifen auf die, die stehen übertragen. Nun löse die Handbremse und lenke nach links. Es kann sein, dass jetzt das Auto nach rechts zieht, dann fahr trotzdem weiter, wenn du merkst das du im Lenkrad Kontakt spürst lenke gerade. Das Auto wird sich dann in Richtung zu dem Feld bewegen. Wenn ich sage nach links lenken, machst du dies auch. Okay?“ „Oui Monsieur.“ „Dann Attacke. Gibt Vollgas.“
Die kleine Patricia machte es genau so, wie Hannes es ihr sagte. Sie steuerte das Auto mit dem ihm zu Verfügung stehender Kraft, dieses Hindernis hoch. Immer wieder schlug eine Seite vom Auto auf der Piste auf. Es knirschte und schrubbte der Sand und Erde an der Karosserie. „Weiter. Nicht stehen bleiben. Immer weiter mit Vollgas. Die Kiste fällt nicht um.“

Nach 300 Meter sahen sie den Wald und das Gelände wurde flacher. Nach 150 Metern durch den Wald sahen sie die ersten Hütten. Dieser Ort war wesentlich kleiner als die drei anderen Ortschaften im Tal. „Geschafft. Wir sind da.Bist du sicher, dass du nicht mit Michèle Mouton verwandt bist?“ Patricia grinste und gab ihm einen Kuss.

Nach den ersten Metern im Ort blieb Patricia stehen. „Auf geht’s. Dann lass uns die Expedition beginnen.“ Hannes nickte „Oui Madame.“
Sie stiegen aus dem Pickup und schauten sich um. Hunde bellten sie an, Hühner liefen umher oder pickten im Sand nach Körner. 12 Hütten sahen sie. Auch hier überall Müll. Nicht so viel wie zuvor gesehen, aber dennoch Müll. Nach 20 Metern ging ein kleiner Pfad nach rechst. Hannes zählte 5 Hütten. „Wo sind die Menschen?“ Patricia sah ihn wortlos an und zuckte mit den Schultern. Sie gingen zurück zur Mitte der Siedlung. Ein Kind huschte ein Haus weiter in ein anderes Haus. Patricia rief auf khmer und sagte wer sie seien und auch der Grund für den Besuch. Nichts! Kein Mensch zu sehen. Es war unheimlich. Patricia rief nochmal. Eine ältere Frau mit wettergegerbter Haut und schwarzen faulen Zähne kam langsam aus einer Behausung. Sie blieb im Abstand von fünf Meter von ihnen stehen. Hannes vermochte das Alter dieser Frau nicht schätzen. 50, 60 oder 80 Jahre konnte sie sein.
Aus einer Hütte links von ihnen kam ein Mann mit einem zwei Meter langen Knüppel heraus. „Die Menschen haben Angst.“ „Warum? Ich habe doch gerufen wer wir sind.“ „Patricia! Wir könnten auch von der Miliz sein.“ Patricia sah Hannes mit einem versteinerten Blick an und reagiere sofort „Suostei! Yeung chea vechchobandet mk pi eurob kroupety!“ Hannes riss die Augen auf „Hallo, wir sind Ärzte aus Europa?“ „Fällt dir etwas besseres ein? Soll ich rufen wir sind Baggerfahrer? Boeuf stupide!“

Patricia rief noch drei mal diesen Satz in die andere Richtung der Siedlung. Langsam kamen die Menschen aus ihren Hütten auf die Straße. Alle waren zerlumpt, dreckig und krank. Beiden stockte der Atem beim Anblick solcher Menschen.
„Mon dieu, wo sind wir hier?“ „Bei Gottes vergessenen Menschen! Patricia, ich habe in meinem ganzen Leben noch nie solche Menschen gesehen!“

Die Menschen kamen näher, blieben aber in gebürtigem Abstand im Halbkreis stehen. Immer wieder sagte Patricia, dass sie Ärzte seien und die Menschen zählen wollten. Es dauerte unglaublich lange, bis die Zahl der Einwohner ermittelt war. 32 Personen. Davon 14 Kinder. Nach dem Alter fragen? Schätzen. Es ging nur über Schätzen. Patricia schätzte zwischen 4 und 13 Jahre. Diese Kinder, wie Eltern und Großeltern kannten gar keine Zivilisation. Müll schon!
Patricia machte sich Notizen von den Leute, Anzahl an Jungen und Mädchen, wie auch Frauen und Männer. Alter konnte nur geschätzt werden. Plus minus 10 oder 15 Jahre! Durch mangelnde Hygiene, Versorgung und wahrscheinlich auch einseitiger Ernährung, sahen diese Menschen aus, wie aus einem Gruselfilm. Pusteln auf der Haut. Effloreszenzen teilweise oder am ganzen Körper. Faule oder gar keine Zähne mehr.
„Wir müssen fahren, ich möchte im Dunkeln nicht diese Piste herunter fahren. Komm, sag denen, dass wir wieder kommen – denke ich doch. Wir müssen irgendwie Hilfe organisieren.“

Patricia fuhr durch den Wald und die Höllenpiste herunter. Die Piste im Tal kam in Sichtweite. Statt nach rechts Richtung Svay Rieng zu fahren, fuhr sie links in die Ortschaft.
Sie fuhr bis ziemlich in die Mitte von dem Ort und rief wieder ihren „Doktor aus Europa“ Spruch. Auch dort das gleiche Bild. Hannes notiere 50 Personen. Davon 21 Kinder. Alle waren krank, ausgemergelt und verlebt.
Nun noch die erste und größere Ortschaft. Die Anzahl der Person passte nicht zu der Anzahl der Hütten. „Wo sind all die Menschen von den Hütten?“ Hannes sah sie mit schrägem Blick an. „Tod, Verschleppt oder auf der Suche nach Arbeit in anderen Provinzen.“ „Mon Dieu! Du machst mir Angst.“ „Prinzessin, es ist wahrscheinlich die Realität.“

Die Piste bis auf die Straße 334 fuhr Patricia nun auch in einer anderen Fahrweise. „Siehst du, nun fährt sich das Auto viel besser. Du musst die Fahrweise von Europa hier vergessen. Du musst mit der Strecke fahren, wenn du die ganze Straße brauchst, dann ist das eben so. Du kannst nicht nur links fahren. Hier kommt doch sowieso nichts entgegen. So ist es auch, wenn du mit einem Motorrad fährst, immer schräg über die Wellen oder Buckel fahren.“ „Was du alles weißt! Dann sagst du immer, du bist dumm. Ma Chérie, ich mag nicht, dass du dies immer sagst. Du hattest vorhin schneller den Faktor vom Maßstab ausgerechnet als ich.“ „Lass mich auch hin und wieder ein paar Glücksmomente haben.“ Sie boxte ihm gegen den linken Oberarm.

In Svay Rieng gingen beide zu Asger und Bernhard in das kleine Büro im zweiten Stock, und brachten ihre Erlebnisse vor.
„Wo wart ihr gewesen? Im Zombie Land?“ Asgar sah beide ungläubig an. Hannes legte die Karte mit seinen Notizen auf den großen Tisch „Hier…“ zeigte er mit dem Finger auf die Karte „…Asger, hier waren wir gewesen. Von diesem Punkt an, den ich als Nullpunkt markiere, passt nichts auch nur annähernd zu diesem Plan. Ist euch dies noch nicht aufgefallen? Alle Berechnungen sind völlig für die Füße. Wir müssen aufpassen, dass die Pumpen in der richtigen Entfernung stehen, es könnte sein, dass am Ende kein Wasser kommt. Ich bin kein Ingenieur, aber geradeaus denken kann ich.“ Bernhard und Asger schauten sich fragend an. Hannes gab seinen Worten Zeit zu wirken, bevor er weiter sprach „Wir haben ein etwas größeres Problem zu lösen. Es sollen Wasserleitungen verlegt werden, dass ist immerhin etwas gutes. Blöd nur, dass wir keine Arbeiter haben die regelmäßig auch ihren Aufgaben nach kommen oder können. Fahrt in die Ortschaften, schaut euch diese Menschen an! Ja, – Asger, es war Zombie Land! Wir müssen und sollten neu denken. So wie wir jetzt arbeiten ist es falsch.“ „Was willst du neu denken? Wasser kommt von der Hauptleitung zu den Ortschaften die links und rechts liegen. Wir sind ja am arbeiten. Nur geht es nicht so schnell wie du dir dies vorstellst.“ Hannes nickte ruhig,; innerlich war er am kochen. „Entschuldigt bitte, wenn ich mich hier so einbringe und eure Arbeit in Frage stelle, wir müssen und sollten von hinten anfangen“ wiederholte er. Asger sah Bernhard an und schüttelte den Kopf. „Hannes, was soll das? Hier ist der Plan. Von da nach da arbeiten wir“ dabei fuhr er mit dem Zeigefinger über die bunten Linien. Hannes konnte und wollte sich jetzt nicht den Gegenwind von den beiden Männer antun. Er setzte sich an den freien Stuhl neben dem großen Kopierer ohne noch ein Wort zu sagen.
Patricia stand noch am Tisch, sie schüttelte den Kopf und fuhr mit ihren Fingern immer wieder von den Nebenleitungen zur Hauptleitung hin „So! Und nicht andersrum! Papa, Asgar…wir waren nur 8 Kilometer von dieser Linie nach rechts gefahren. Müll und Fäkalien wo man auch hin sah! Ich fuhr zurück zu Hannes an den Bagger und war nur am heulen. Ich hatte bis zum Bagger noch den Gestank in der Nase gehabt. Ich habe Menschen gesehen, die Krank sind! Papa, du weißt, dass ich viele medizinische Bücher zu Hause habe, was ich live gesehen, ist ein Dreck gegen mich.“ Asger sah Bernhard und Hannes irritiert an. Hannes schüttelte wortlos den Kopf um ihm zu signalisieren – ist alles gut. „Wie stellt ihr euch das vor? Bernhard!“ Bernhard sah seine Tochter an und dann zu Hannes „Jetzt lass doch mal Hannes sagen was er vor hat.“ „Danke, Bernhard. Die Menschen sind krank durch Bakterien, durch den Müll und wahrscheinlich auch durch Mangelernährung. Ich bin kein Fachmann für solche Fragen. Nur weiß jeder, dass Bakterien, insbesondere Hepatitis-e durch Kot übertragen wird. Der Müll und die Fäkalien müssen weg!“ Asger lachte laut auf „Willst du ein Müllauto dort hinschicken?“ Sagte er spitz. „Asger!“ Sagte Bernhard streng. Hannes nickte „Ja! Ja, Asger, dass will ich!“ „Junge, hast du irgendwie am Puderzucker genascht oder bekommt dir die Hitze nicht?“ Bernhard sah streng zu Asger. „Heute kam der neue Bagger. Ein 26 Tonnen Bagger. Mit dem Ding kannst du ein 5 Meter tiefes Loch graben. Ja, ich weiß ist eine blöde Idee, nur irgendwie muss dieser Müll weg. Großes Loch graben, Müll rein und anzünden. Im Mittelalter gab es die Latrinen. Wir verwenden die größeren Wasserleitungen als Kanal zu einer Latrine oder auch mehreren. Diese graben wir tief genug, damit beim Monsunregen genügend Wasser zur Verdünnung da ist. Die Fäkalien versickern in den Boden. Im Hunsrück gibt es heute noch Ortschaften mit Sickergruben.“
Schweigen in der Runde. Bernhard sprach als erstes „Wenn dies die Umstände für all diese kranken Menschen sind, bleiben wenig Alternativen. Wer soll diese Arbeiten
bezahlen?“ „Du hast doch die Kontakte zur Weltbank.“ „Ja, Hannes, die habe ich. Nur ist die Weltbank nicht für Humanitäre Hilfe ausgelegt. Wir tun zwar etwas für diese Humanität, aber wie Asger schon sagte: eben den anderen Weg. Dies ist unsere Aufgabe und keine Klärgruben zu graben.“
Patricia stand vom zweiten Schreibtisch auf und ging zur Tür. Die Männer sahen sie fragend an. „Ich geh mal telefonieren. Noch etwas: Hannes hat mit allem recht was er sagt, wir müssen an der Basis anfangen und nicht am Ende.“ Sie gab ihm einen Kuss „Du bist nicht dumm!“

Die nächste halbe Stunde verlief schweigend im Büro. Asger sah durch das Fenster nach draußen und Bernhard immer wieder auf die Karte auf dem Schreibtisch. Hannes verabschiedete sich und ging zu Patricia in ihr Zimmer. Sie telefonierte auf englisch. Er wusste wer am anderen Ende der Leitung war. Da dieses Gespräch mit aller Wahrscheinlichkeit länger dauerte, ging er duschen.
Die Klimaanlage schaffte eine angenehme frische in dem Raum. Er lag auf dem Bett und dachte an Zombie Land. Es klopfte an der Tür. Durch leichtes nicken des Kopfes signalisierte Patricia, dass er zur Tür gehen sollte. Es konnten ja nur zwei Bekannte Personen sein, dafür reichte als Kleidung ein T-Shirt und Boxershorts. Es war Asger, der vor der Tür stand „Tut mir leid was ich vorhin gesagt hatte.“ Er reichte seine rechte Bratpfanne und Hannes schlug ein. Diese Entschuldigung hatte Hannes ihm gar nicht zugetraut „Asger, ich weiß was du denkst, da kommt ein Grünschnabel die ersten paar Tage nach Kambodscha und macht eure Arbeit schlecht…“ „Könnt ihr bitte vor der Tür weiter reden? Danke!“ „Ich hab nur Unterhosen an.“ „Wird dir schon niemand etwas wegschauen und jetzt raus!“ Asger verzog die Mundwinkel, als Hannes die Tür zu zog. „Dicke Luft?“ „Nein! Patricia redet gerade mit jemand von der UN.“ Asgar zog die Augenbrauen hoch. „Jep.“ „Hannes, es macht durchaus Sinn, was du vorhin gesagt hast. Ich teile auch deine Meinung, nur sei doch ehrlich, es ist nicht unsere Aufgabe. Wir buddeln, vermessen und verlegen.“ Hannes legte den Kopf schief und schaute diesen Bär von Mann an „Würden wir dies im anderen Fall nicht auch machen?“ Asgar schlug ihm seine Pranke gegen die rechte Schulter „Du gibst nie auf. Komm mit auf mein Zimmer, ich hab noch etwas Bier da. Erzähl mal von dem Bagger und was ihr in den Ortschaften erlebt habt.“

Nach zwei Bier und allen beantworteten Fragen von Asger ging Hannes zurück zu Patricia. Sie legte in dem Moment das Mobiltelefon auf den Tisch, als er die Tür öffnete. „Und?“ „Morgen fahren wir nach Phnom Penh und holen Hattie ab. Sie muss das sehen. Sie würde auch eine Kamera mitbringen um Fotos zu machen.“ „Ich dachte, wir fahren am Mittwoch. Dann müssten wir doch sowieso zum Flughafen.“ „Asgar und Papa sind auch noch da. Einer von denen kann doch fahren. Hattie kann auch eine Nacht hier bleiben und wir fahren am Mittwoch nach Phnom Penh. Où est le problème?“„Okay. Kein Problem, Madame, kein Problem. Lass uns morgen früh losfahren, dann sind wir zügig in Phnom Penh. Ich habe kein Bock auf dreieinhalb Stunden Fahrt für 180 Kilometer.“ „Ich geh zu meinem Vater und sage ihm, was ich mit Hattie besprochen habe. Kommst du mit?“ „Nee, ich leg mich ins Bett. Was ich heute gesehen habe, war ein realer Alptraum.“

Patricia kam spät von ihrem Vater zurück. „Ma Chérie?… Wann möchtest du losfahren?“ „Zwischen 5.30 und 6 Uhr.“ „Okay, gute Nacht mein Schatz.“

Im dunkel in Südostasien zu fahren, kann mitunter schon Lebensgefährlich sein. Die Straßen sind nicht immer in einem guten Zustand. Hinzu kommen die Vehikel, die wenig oder gar kein Licht haben. Es kann ein Lkw mit Vollgas und dem Schein einer Funzel entgegen kommen oder ein Mofa das wie ein wie ein Kirmesplatz beleuchtet ist und gerade mal 25 km/h fährt.
Der Straßenverkehr ist wie ein Lotteriespiel, dass leider sehr viele Tote fordert. Hannes hatte all seine Sinne zusammen um die gewünschte Geschwindigkeit auch ohne Schaden fahren zu können.

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