14 Je t’aime pour toujours

Teil II Kapitel 14

Thionville

Je t’aime pour toujours

Wir stehen mit einer UN Resolution vor der Ohnmacht von einem ganzen Land.

24. April 1990

Am Dienstag morgen nach dem Frühstück war es Zeit zum aufbrechen. Hannes hatte immerhin noch gute 400 Kilometer vor sich.
Die Fahrt mit Dhani und Levi war sehr angenehm. Die Männer hatten genügend Zeit zum reden, oft konnte Hannes über deren Leben auf der Straße nur mit Fassungslosigkeit zuhören. Niemanden würde er ein solches Leben wünschen, nicht einmal seinen Feinden. Humanitäre Hilfe für arme Kinder und Menschen in der dritten Welt war sein Traum. Bildung für Kinder. Wenn er das Leben von Dhani und Levi hörte, hätte er nicht nach Kambodscha gehen brauchen. Humanitäre Hilfe kann schon in der Fußgängerzone anfangen, am liebsten hätte er einen Bus gemietet und alle Männer aus dem Obdachlosenheim heraus genommen.

Levi erzählte ihm auch über die Männer und Frauen, die aufgehört haben über den Sinn vom Leben nachzudenken oder sowieso im Leben noch nie etwas geleistet hatten. Oft war das Umfeld, die Eltern, die Schule oder nur der Sonnenuntergang an deren verkorksten Leben Schuld – nie sie selbst.
„Was du mir erzählst, kann ich schon verstehen. Immer waren andere Schuld. Gut, bei euch auch, aber ihr wollt wieder dort hin zurück, wo ihr einst wart.“
Beide nickten. „Glaubt mir, ihr werdet es schaffen. Ich habe euch beide eingestellt, weil ich spüre das ihr alles daran setzten werdet um eure Ziele zu erreichen.“
„Warum tust du dies?“
Hannes sah in den Rückspiegel um Dhani in die Augen zu schauen. „Dhani, dies ist eine gute Frage. Vielleicht habe ich die rosa Brille auf, vielleicht glaube ich immer nur an das Gute im Menschen, vielleicht bin ich auch nur unglaublich naiv. Ich weiß es nicht. Mir ist bewusst, dass wir paar Männleins diese Welt nicht retten können, aber ein Funken Hoffnung um für ein paar Menschen etwas zu verbessern, gibt mir ein Gefühl mein Leben nicht Sinnlos zu leben.“ „So denke ich auch. Ich hatte ja meine kleine Firma und dadurch 25 Männer Loh für ihr Leben, ihre Zukunft und ihre Familien gegeben. Mir wurde die Hoffnung vom Finanzamt genommen.“ „Ja, man tut und rackert, kämpft und arbeitet um am Ende in einem Hellgrünen Zimmer mit fünf anderen Männer zu schlafen. Vielleicht bin ich auch zu jung um diese Grausamkeit der Ämter zu verstehen. Wie es auch ist, ich bin froh, dass ich euch beide gefunden habe.“ „Das gleiche können wir auch sagen.“ Dhani nickte kräftig vom Rücksitz.

Bei Brumath rief er nach Thionville an und sagte, dass sie in eineinhalb Stunden zu Hause seien. „Es ist schön, wenn man “Zu Hause“ sagen kann.“
Die Worte von Levi taten Hannes im gleichen Moment weh und er sah Levi offen an. „Ja. Nur wo ist mein “Zu Hause“? Levi, ich habe meine Heimat im Hunsrück letztes Jahr im Herbst verlassen und lebte bis zum 8. Januar in Lothringen, dann drei Monate in Kambodscha. Ich kann dir nicht sagen wo mein “Zu Hause“ ist. Auch wenn es bis jetzt nur ein viertel Jahr in Südostasien war, habe ich mich an Schwüle, Staub und Chaos gewöhnt. Die Menschen sind anderst als hier. Ich habe Anfang Mai Geburtstag, vor drei Tagen war ich in meiner alten Heimat und hatte mich mit Freunden getroffen die ich schon vom Kindergarten her kenne. Ich habe sie zu meinem Geburtstag nach Thionville eingeladen, die Antworten und Reaktionen haben mir im Herz weh getan: Zu weit. Mal schauen. Ich weiß nicht.“ Hannes sah .it einem traurigen Blick zu Levi und Dhani.
„Bevor wir nach Frankreich zurück geflogen sind, hatte ich eine große Party in Kampang Rou gegeben, aus Dankbarkeit für so viele Helfer, Freunde und Unterstützer. Da kamen solche Texte nicht. Das erste Team hatte auch über 100 Kilometer zu fahren gehabt, der Schlosser aus Svay Rieng kam die halbe Stunde Fahrt mit seinem Moped gefahren. Auch die paar Europäer die wir sind, denken anderst. Ihr werdet es selbst erfahren. Ein Ärzteteam aus der Schweiz ist im Distrikt Siam Reap eingesetzt und kamen zu uns nach Kampang Rou, die hätten auch sagen können: Ach nee zu weit. Mal schauen.
Weiß nicht. Versteht ihr? Wo ist mein “Zu Haue“? Ich weiß es nicht. Wo ist euer “Zu Hause“? Gepfändet und verkauft! Wird die Schweiz wieder euer “Zu Hause“ werden?“

Nach dem was Hannes sagte war es eine Zeitlang still im Auto. Levi fand als erstes die Worte „Mein lieber Hannes, für dein Alter hast du ganz schön scharfe Fragen. Ich muss dir aber zustimmen. Ich lasse erst einmal alles auf mich zukommen. Deine Frau wird mich schon nicht rausschmeißen, wenn ich nicht gleich ein gutes Khmer kann.“ „Du Depp, natürlich nicht. Wenn, müsste ich es tun, ich habe dich schließlich eingestellt.“ „Ja, stimmt. Der Baggerfahrer.“
Hannes lachte und sah Levi scharf an. „Du bringst da mich auf eine Idee…“ „Vergiss es! Ich bin Lehrer.“ „War ja nur ein Gedanke. Obwohl…?“ „Hannes!“  Levi hob den Zeigefinger.
„Dhani, was meinst du? Könnte Levi auch mauern?“ Bei der Frage boxte  Levi Hannes gegen den Oberschenkel und alle drei lachten.

Hannes bog in die Einfahrt, als er Patricia schon die Treppe herunter springen sah. Sie umarmte und küsste ihn, als ob er eine Ewigkeit weg gewesen wäre.
„Salut mein Engel, du hast mir gefehlt. Guten Tag Levi. Ich bin Patricia, schön dass du da bist. Sie sind dann Herr Mathieu?“  Der angesprochen nickte und reichte Patricia die Hand. „Dhani. Hallo Patricia.“ „Salut Dhani, kommt bitte ins Haus, wir essen bald. Wir haben auf euch gewartet. Ihr habt bestimmt Hunger von der langen Fahrt.“

Franziska und Bernhard boten auch gleich das du an. Im Esszimmer erklärte Hannes den beiden Schweizer noch kurz diese Villa und das sie sich keine Gedanken machen sollten, in Bezug auf die Familie die in diesem Haus wohnt.
„Danke, ich hatte ein ungutes Gefühl bekommen, als ich dieses Haus sah.“ Hannes nickte Levi zu. „Aus diesem Grund habe ich es euch jetzt gesagt, ich dachte vor neun Monaten auch so.“

Beim Essen fragte Patricia so viel, dass Levi kaum Zeit zum Essen hatte.
„Ma Chérie, nun lass Levi doch erst einmal essen. Du kannst ihn noch vier Wochen lang fragen.“ „Du kannst ihn noch vier Wochen lang fragen“ äffte sie.
„Levi, jetzt siehst du mal, was für eine Durchgeknallte Chefin zu hast. Willst du doch nicht lieber Bagger fahren?“
Patricia schaute sehr böse zu Hannes und zielte mit dem Fleischermesser auf ihn.

Nach dem Essen erklärte und zeigte Bernhard Dhani die Pläne von den Pumpenhäuser, die Länge der Wasserleitungen und wie das ganze Projekt aufgebaut sei.
„Sind die Pumpenhäuser alle gleich?“ Fragte Dhani und Bernhard nickte. „Geplant sind zwei Größen. Die Hauptpumpen und später die kleineren Verteilerpumpen.“
„Bau ihr jedes einzeln an den Punkten auf der Karte?“ Bernhard nickte wieder. „Ich weiß auf was du hinaus willst. War bis jetzt nicht Möglich, da wir gar nicht die Baumaschinen dafür hatten.“
Hannes war schon am rechnen, wie schnell es gehen würde, wenn an einem Ort die Schalungen gebaut werden und diese immer wieder für die nächsten Pumpenhäuser eingesetzt würden.
„Mein Schwiegervater denkt wahrscheinlich genau das gleiche wie ich. Bevor du dir nun den Kopf über die Schalungen zerbrichst, musst du Kambodscha vor Ort sehen. Dein Gedanke ist klasse. So könnte vieles schneller gehen. Im ersten Team sind zwei gute Hochbauer aus Österreich, der Teamleiter ist Architekt für Hochbau. Ihr solltet mit einander reden. Ich habe da so eine Idee…“ „Oh-ha! Bagger fahren?“ Dhani grinste.
„Nee, dich brauche ich im Hochbau. Erwähne in dem Haus bitte nicht mehr, dass Levi Bagger fahren sollte, sonst hab ich bald ein Messer im Rücken. Mal ganz Ernsthaft, wenn wir bei Arthur einen Bauplatz, einrichten und Luan mit seinem Team nach dem zweiten Bau von dem Wasserrad mit euch die Schalungen an einem Zentralen Platz baut, brauchen wir nur die Arbeiter, die mit einem Vorarbeiter die Schalungen für die Pumpenhäuser stellen. Cees, Du, Ferdinand, Gust und Jonathan seid die Vorarbeiter für den Hochbau. Hudson Rhys bleibt im Tiefbau der Vorarbeiter, mit Nolan muss ich noch etwas warten, wie er sich entwickelt hat. In Kampang Rou haben wir mit Asger ein gutes Tiefbauteam. Bei Bernhard ist leider dafür kaum jemand da. Roman könnte sich sonst viel besser um die ganzen Hochbau Projekte kümmern.“
Hannes sah zu Bernhard und Dhani. „Mich musst du nicht anschauen, ich kenne diese Männer noch nicht.“
Bernhard nickte. „Wäre zur Zeit das Optimum.“ „Ja. Mehr Leute haben wir nicht. Ein Tiefbauer fehlt uns. Herzlichen Dank, dass ihr mir die Leitung übertragen habt.“
Bernhard verzog bei den Worten von Hannes den Mund. „Hannes, sehe dies doch nicht immer als Hindernis. Du hast dir eben so schnell Gedanken über neue Teams und Arbeitsweisen gemacht, da findet sich auch ein Tiefbauer. Du hast doch auch gute Baggerfahrer gefunden.“
„Du hast doch auch gute Baggerfahrer gefunden“ äffte Hannes zurück. „Der Umgang mit meiner Tochter färbt ab. Lass deine Gedanken heute mal sacken. Morgen rufen wir nach Kambodscha an und teilen dies den Jungs soweit schon einmal mit.“

Den ganzen Nachmittag verbrachten die drei im Arbeitszimmer mit Pläne, Gedanken und Berechnungen. Dhani wurde in die Gespräche und Planungen wie selbstverständlich mit einbezogen, er hatte schon gute Ideen, da sah Bernhard und Hannes eindeutig den Unternehmer in ihm.

Am Abend wurde Fisch und Camembert gegrillt. Beim Bier und Wein saß man im Garten. Levi konnte sogar schon einige Sätze auf Khmer sagen.
„Dhani, hättest du am Montag gedacht, dass du 24 Stunden später völlig andere Gespräche führen würdest?“ Fragte Hannes. „Nie! Ich danke dir jetzt schon für so vieles.“
Dhani erzählte am Tisch seine Geschichte und wie er in das Obdachlosenheim gekommen war. Bei den Lefèvres brauchte es etwas, bis die Worte von Dhani verarbeitet waren.
„Da macht Hannes sich Gedanken, er kann ein solches Projekt nicht leiten! Was du eben erzählt hast und wie du auch heute Mittag viele gute Vorschläge gemacht hast, hat Hannes genau die richtige Wahl getroffen. Wir, in den drei Teams haben die richtige Wahl getroffen.“ „Bernhard Lefèvre, du musst mir jetzt keinen Heiligenschein verpassen, es war reiner Zufall, dass ich Dhani getroffen habe. ZUFALL, keine Wahl! Ich werde mich wohl damit abfinden müssen, dass ihr alle hinter meinem Rücken die “Wahl“ getroffen habt. Widerstand ist zwecklos.“ „Ja, du sagst es! Wiedersand ist zwecklos. Du hast unglaublich gute Leute um dich und die dich alle unterstützen. Mach du meinen Job, dann kann ich mich mehr um das Haus und meine Frau kümmern.“ „Ach das ist es! Um deine Frau kümmern! Franziska, ich hätte da eine Idee…“
Franziska hob die Faust. „Ich dachte nur. In Anbetracht von fehlenden Lehrer in Kambodscha. Du hättest auch eine coole Chefin.“
Alle am Tisch lachten. „Ich verstehe euch. Wirklich! Ich wüsste nicht, wie ich damit umgehen könnte, wenn ich so lange von meiner Frau getrennt wäre. Dieser Gedanke kam mir, als wir im Januar am Charles de Gaulle waren. Bernhard, alleine schon aus diesem Grund werde ich deinen Job machen.“ „Ich dank dir, mein Sohn.“

„Ma Chérie?“ „Hmmm.“ „Schläfst du schon?“ „Nee, bin nur müde von dem langen Tag.“ „Der Levi ist gut! Der hat heute schon mehr und schneller Khmer gelernt, als Clodette und Leatitia in zwei Tagen. Ich bin mir sicher, dass er uns nicht enttäuschen wird.“ „Wird er nicht! Ich hatte auf der Fahrt viel Zeit um mit ihm und Dhani zu reden, beide werde uns nicht enttäuschen. Wie auch immer deren Leben am Ende war, ich habe vor beiden großen Respekt. Sie passen hundert Prozentig in unsere Teams.“ „Ich danke dir für deine unglaubliche Menschlichkeit. Jetzt hätte ich gerne deine unglaubliche Männlichkeit.“

Mittwoch, 25. April 6.25 Uhr

Die unglaubliche Männlichkeit konnte mal wieder wenig schlafen, weil Frau Lefèvre im Bett 4 Quadratmeter für sich beanspruchte. Wie konnte eine so kleine Person so viel Platz brauchen? Hannes gab es auf sich darüber Gedanken zu machen – zu fragen erst recht.

Im Arbeitszimmer von Bernhard rief er Asger an und teilte ihm seine Gedanken, bezüglich der Teams für Hoch- und Tiefbau mit. „Super. Ich habe gewusst, dass du dir etwas einfallen lässt, aus diesem Grund bist du ja der Chef.“ „Ja, ja. Genau aus diesem Grund und weil es Morgens heller ist als in der Nacht, ich weiß. Da ich der Chef bin, bestimme ich dich nun, einen guten Tiefbauer für Abschnitt 1 zu finden. Hast du jemand oder hat Hudson einen guten Mann in seinem Team, dem wir als Vorarbeiter einsetzten könnten?“ „Gib mir ein paar Tage Zeit.“ „Oder willst du an Abschnitt 1 gehen?“ „Nee, ich bleibe hier. Lass mich ein paar Gedanken machen, ich werde auch mit Hudson reden, wir finden eine Lösung. Was ist mit Nolan?“ „Non. Er ist noch nicht so weit. Um ihm müssen wir uns noch etwas kümmern. Lass ihm Zeit. Er entwickelt sich. Klappt bei euch alles mit den neuen Bagger?“ „Natürlich, du hast ja gute Fahre ausgesucht. Es geht voran. Wirklich. Ich kann dir die Berichte gerne faxen.“ „Aber sicher. Täglich will der Gesamt- Gesamt- Gesamtchef einen Raport von euch haben.“ Asger lachte ins Telefon.
„Ich bin froh, wenn ich euch Verrückte alle wieder sehe. Asger, ich hatte auf der Fahrt von der Schweiz viel Zeit zum reden über Heimat und zu Hause, deine Worte vom Januar hab ich nicht vergessen.“ „Wenn ich jetzt sage, dass mir dies klar war, ist es nicht gelogen.“ „In zehn Tagen habe ich Geburtstag, ich werde in Thionville feiern, auch da hab ich deine Worte nicht vergessen.“ „Ich weiß. Es tut mir leid für dich. Ich weiß aber nur zu gut, wie du dich fühlst. Soll ich mal nach einem Haus für euch schauen?“ „Patricia will in Phnom Penh zuerst ein Auto kaufen. Lass uns über Thailand reden, wenn ich wieder bei dir bin. Ich bin noch sehr hin und her gerissen.“ „Warum?“

Ja, warum? Sollte er Asger die Wahrheit sagen?
„Hannes…?“ „Ja, ich bin da.“
Hannes wusste nicht wie er anfangen solle oder konnte. „Okay, Asgar, was ich dir jetzt sage bitte ich dich, es vertraulich zu behandeln.“ „Hannes! Was ist los?“ „Bitte“ sagte Hannes mit Nachdruck. „Natürlich. Was ist los mir dir?“ „Nicht ich. Patricia.“
„Habt ihr euch getrennt?“ „Nein, nein. Asger, bitte gib mir Zeit zum denken.“
„Hannes, du machst mir Angst.“

Tief Luft holend und mit zitternder Stimme sprach er ruhig zu Asger. „Patricia,… hat… Leukämie.“ Stille.
Im Telefonhörer war nur das knacken der Verbindung zu hören.
„Shit. Jetzt kann ich auch deinen Satz vom Januar zuordnen. Hannes, egal wie was kommt, ich bin da. Immer! Wer weiß davon?“ „Nur Nescha und du.“ „Dies wird auch so bleiben. Versprochen! Seit wann weißt du es?“ „Kurz vor ihrem 19. Geburtstag hat sie es mir gesagt. Also seit fast acht Monaten.“

Wieder Stille in der Leitung.
„Ich zieh den Hut vor dir. Lass uns darüber reden, wenn ihr wieder hier seid. Es gibt in Thailand auch sehr gute Krankenhäuser, wenn dies gebraucht werden soll oder muss.“
So weit wollte Hannes nie denken und trotzdem tat er es permanent. „Hannes..?“ „Ja.“ „Danke für dein Vertrauen. Du bist schon der richtige Mann für diesen Job. Deine Liebe zu Patricia, dein Umgang mit Menschen ist das Größte, was ich in meinem Leben erlebt habe. Du bist der beste Chef.“ „Danke für deine Freundschaft. Au revoir, mein Seebär.“

Mit dem Rad von Patricia fuhr Hannes zu Clément und Inès Strasser das Frühstück kaufen.
Wie fast jeden Tag, wenn er in diese Bäckerei fuhr, war es das gleiche Ritual. Zuerst eine Tasse Kaffee und ein kleines Baguette mit schönen Gesprächen im Laden. Hannes mochte die beiden sehr. In der doch kurzen Zeit die sie sich kannten, gab es sehr viele persönliche Gespräche. Für seine kleine Geburtstagsfeier bestellte er bei ihnen einen Korb von dieser genialen Backware. Statt Kuchen am Nachmittag wollte er Baguettes und Croussins mit verschiedenen Füllungen. Er lud beide auf seinen Geburtstag ein.

Im Haus waren alle wach und so konnte in großer Runde gefrühstückt werden. Es war wie im Hotel in Svay Rieng, viele Menschen am Tisch mit sehr angenehme Gespräche. So konnte der Tag beginnen.
„Dhani, ich möchte in den nächsten Tag mit dir nach Reims fahre, damit du einen Arbeitsvertrag hast und auch noch mit dem Projektleiter für Südostasien reden kannst. Wo wollte ihr beide ein Konto eröffnen und wie kommt ihr an eine Krankenversicherung? Du bräuchtest auch noch ein paar Impfungen.“
Dhani setzte die Kaffeetasse ab und nickte in die Runde am Frühstückstisch. „Da sind die kleinen Gedanken, im “normalen“ Leben. Das Konto ist mir ziemlich egal. Bei der Krankenversicherung kann ich dir nicht weiter helfen.“ „Hannes, darum sollen die Mitarbeiter im Büro sich Gedanken machen.“ Bernhard hatte recht. Er musste sich nicht über jedes Detail den Kopf zerbrechen.
„Ich hatte vor dem Frühstück schon mit Asger gesprochen, er sucht jemand für den Tiefbau für den ersten Bauabschnitt.“

Nach dem Frühstück wollte Hannes mit Cees reden, der Feigling-Chef hatte nicht den Mut ihm die Wahrheit zu sagen. Im Arbeitszimmer saß Bernhard und Dhani über den Plänen und Berechnungen vom Vortag.
„Salut Cees. Ich möchte mit dir reden, auch wenn ich deine Enttäuschung verstehe, möchte ich es dir erklären. Stephane hatte ja nicht den Mut dafür. Wir sind alle keine Geologen die sich mit Tiefenbohren auskennen. Selbst wenn wir Wasser in 100 Meter tiefe finden, haben wir noch keine Möglichkeit dieses Wasser auch an die Erdoberfläche zu pumpen. Ich verstehe dich sehr gut, du willst auch Wasser für diese Menschen haben – nur wie?“ „Erst einmal danke, dass du dich überhaupt gekümmert hast. Dann danke, dass du wenigstens den Mut hast um mir die Wahrheit zu sagen. Ich bin ehrlich, an eine Pumpe hatte ich gar nicht gedacht. Und nun?“ „Ich habe euer Wasserrad immer unterstütze und bin auch jetzt noch der Meinung, dass dies die Absolute beste Lösung zur Sinnvollen Wassernutzung zur Zeit ist. Dieser Ludgar Möller ist ein unglaublich cooler Typ. Zwei Aufträge für eure Pumpen hat er schon, wenn wir dort weiter machen, was wir sehen und was wir können, sind wir spitze. Eure Pumpe ist, bis auf die Außenwelle und Getriebe, eine Standard Pumpe. Soll heißen, euer Wasserrad und Pumpe sind schneller realisierbar, als das Bohren.“ „Du bist ein cooler Chef. Dann werden wir, nach deinen Worten, noch einige Wasserräder bauen.“
„Ja. Mit dem neuen Hochbauer im Team, Dhani Mathieu, haben wir gestern so einige Ideen durch gedacht, Asger weiß dies seit heute Morgen. Du und Luan habt ein so gutes Team, dass ich euch auch nicht trennen will. Es gibt Vorrangring zwei Hochbau Projekte die wir in den Griff bekommen müssten. Das erste sind die Pumpenhäuser und das zweite wären die Schulen. Wobei für das zweite sich noch niemand um die Finanzierung gekümmert hat. Ich kann dir auch nicht sagen, aus welchem Topf der UN dieses Geld kommt –  wenn überhaupt.“ „Ich merke, du machst dir auch im Urlaub so einige Gedanken über uns.“ „Urlaub? Ich bin nicht bei euch, aber Urlaub hab ich in Frankreich auch nicht. Die vier Tage in Thailand waren sehr schön, da hatte ich mal etwas Urlaub. Diese Verkäuferin von Caterpillar, Natthathida Aningaen, war eine ganz liebe. Mit ihr hatten wir uns Sonntags getroffen und waren im Siam Ocean World. Sie wollte sich über Bohrer erkundigen.“
„Komm, lass den Bohrer jetzt ruhen. Wir haben genug Arbeit. Trotzdem nochmals Dankeschön.“ „Wir sind ein Team. Auf das ich verdammt stolz bin. Wir sehen uns in vier Wochen. Ciao, mein Käseroller.“

Als Hannes das Gespräch beendet hatte, sah Dhani vom großen Schreibtisch zu ihn rüber. „Hannes, ich bereue keine Sekunde, als ich am Montag bei dir ins Auto gestiegen bin. Was ich bei dem Telefongespräch raus gehört habe, habt ihr wirklich einen coolen Umgang miteinander.“ „Danke. Neben dir steht der eigentliche Chef von diesem Projekt. Du kannst ihn fragen, wie wir zusammen arbeiten, feiern und diskutieren. Weil der Gebietsleiter für Südostasien nach Osten nicht den Mut hatte Cees die Wahrheit zu sagen, musste ich dies eben tun. Leicht ist mir dies auch nicht gefallen, er weiß es jetzt und weiß auch welche Baumaßnahmen wir die nächsten Jahre noch haben werden.“ „Was war das mit den Schulen?“ „Patricia setzt meinen Traum am 10. Breitengrad um, dafür auch Levi und die drei anderen Frauen. Bis jetzt hat Patricia ein Zelt von UNICEF, dies ist und wird kein Dauerzustand für Schulen sein. Der Käseroller Cees, Asger und Luan hatten sich schon Gedanken gemacht, in welchen Ortschaften wir Schulen bauen könnten. Dafür brauche ich auch gute Hochbauer. Wie du mitbekommen hast, weiß ich nicht, wer dafür Geld gibt. Unsere Firma hatte im Januar eine Soforthilfe von einigen Hunderttausend France gestellt, damit wir vieles in sehr kurzer Zeit realisieren konnten. Auch wurde von diesem Geld Stühle und Tische für die Schule gekauft. Für die Gebäude der Schulen sollten sich andere ein paar Gedanken machen. Zur Not bleiben eben nur Zelte. Diese Ohnmacht vor der wir gegen die Weltpolitik stehen, kann dir mein Schwiegervater besser erklären. Komm, wir fahren jetzt nach Reims in die Firma.“

Als Bernhard in Reims den Wagen an der gleichen Stelle parkte, wie vor Monaten, hatte Hannes ein ganz anderes Gefühl im Bauch. Wie schnell vieles doch normal wurde!
Jean Grizon, der Direktor der Organisation begrüßte sie sehr freundlich und freute sich Hannes wieder zu sehen. „Der kleine verschüchterte Junge ist nun Projektleiter. Atemberaubende Geschwindigkeit.“ „Hallo Jean, dies wollte ich nicht. Ich wurde etwas übergangen, aber ich denke du weißt von dieser “Wahl“ von den anderen Teams.“ „Natürlich ist stimmte dem mehr als zu.“ Hannes riss die Augen auf. „Du…. was?“
Jean nickte langsam und sah Hannes in die Augen. „Ich war seit Ende Januar über alle deine Schritte informiert.“ Hannes sah zu Bernhard und wusste nicht was er ihm sagen sollte. Spion? Verräter?

Hannes ging mit Dhani zu Nina Dupont, der Personalchefin von ODHI. In ihrem Büro sollte nun endlich alles korrekt festgehalten werden. Bei den Ausführungen für den Lebenslauf sah Dhani zu Hannes. „Lass es ab 86 weg. Es ist nur ein Stück Papier.“ 
Nina konnte dem Satz von Hannes nicht ganz folgen. Dhani sah zu Nina und wieder zu ihm. „Es liegt jetzt an dir, von mir wird niemand deinen Lebenslauf erfahren.“

Nina konnte nun noch viel weniger etwas mit den Worten von Hannes anfangen. „Entschuldigung, wenn ich euch gerade nicht folgen kann, gibt es irgend ein Problem?“ „Nö. Alles gut. Dhani ist Hochbauer und kommt in mein Team nach Kambodscha. Nina, mehr muss auf dem Papier nicht stehen. Dhani hat einen gültigen Pass, besorge du ein Visum und eine Krankenversicherung. Alles ist gut.“
„Hannes? Sollte ich etwas wissen?“ Hannes zog die Schultern hoch. „Ich wüsste nicht was.“
„Doch Hannes! Nina sollte es wissen und es ist ihr recht.“ So fing Dhani an und erzählte Nina sein Lebenslauf.

Nach einer Stunde des erklärens der letzten Jahre von Dhani Mathieu brauchte auch Nina Zeit um seine Worte zu begreifen. „Wow! Dann ist dein Neuanfang in den besten Händen. Ich kümmere mich um alles andere. Wann wollt ihr wieder nach Kambodscha?“ Diese Frage war an Hannes gerichtet. „Ende Mai. Vorher muss ich noch nach Deutschland zu der Pumpenfirma, danach sofort.“ „Du hast es aber eilig!“ „Nina, was soll ich hier? Zum einen will ich endlich mit dem Wasserbau voran kommen und zum anderen brauchen die Kinder wieder Lehrer.“ „Mir ist deine Zeitvorgabe bekannt, willst du dich wirklich selbst so unter Druck setzten?“ „Ich weiß nicht ob Druck der richtige Ausdruck ist, mit fähigen Leuten, ist dies alles zu schaffen. Ich, wir, hatten die letzten drei Monate viele gute Teams zusammengestellt, mit den neuen Baumaschinen wird diese Zeitvorgabe realisierbar. Noch eine Handvoll guter Leute in den Führungen der Teams und wir können richtig Gas geben.“ „Okay. Du bist in der Firma fast täglich irgendwie im Gespräch. Stephane hält sehr viel von dir, auch Jean hebt dich in den Himmel.“ „Ach Nina, dies will ich alles gar nicht. Ich bin auch nur ein kleines Licht, dass diese Welt täglich etwas besser machen will.“ „Ja, wenn es auch nur die Stärkung des Selbstvertrauen von Nolan ist.“ „Wie kommst du jetzt auf Nolan?“ „Ich weiß es von Arthur. Deine Teamführung ist Beispiellos und eben aus dieser Konsequenz auch die Projektleitung.“ „Und da erzählt mir Bernhard, dass er sich dafür entschlossen hat, um sich mehr um seine Frau zu kümmern. Feigling.“

Hannes ging noch ins Büro von Monsieur Dilbert, ihm brannte noch etwas auf der Zunge.
„Bonne journée, Monsieur Feigling-Chef. Kann es sein, dass du mir noch etwas vergessen hast zu sagen?“ Stephane sah von seinem Schreibtisch auf und zog die Schultern hoch. „Ich weiß nicht was du meinst.“
Hannes zog einen Stuh heran und setzte sich Stephane gegenüber an den Tisch. „Die Ausschreibung für Fundamente der Hochspannungsleitungen zum Beispiel.“ „Noch haben wir den Auftrag nicht.“ „Und wenn?“ Stephane sah ihn Nachdenklich an. „Was willst du hören?“ „Wie du dir dies vorstellst. Wäre schon mal ein Anfang. Stephane, ich bin froh, dass wir ein paar gute Männer und nun auch endlich richtiges Werkzeug haben um an dem Wasserbau voran zu kommen. Jetzt willst du einen Auftrag annehmen, wo uns wieder Bagger und Mitarbeiter fehlen.“ „Bagger kaufen kannst du ja schon mal ganz gut.“ „Danke. Menschen kann ich aber nicht kaufen.“ „Ich weiß, ich habe vor Wochen immer mal verschiedene Stellenanzeigen in Zeitungen geschaltet, mir ist bewusst, dass mit den wenigen Männer dies nicht umsetzbar ist. Ich weiß auch noch nicht, in wieweit die neue UN Resolution für Kambodscha ist. Wenn dies in einem oder zwei Jahren kommen sollte, haben wir mit unserem Projekt schon einmal den Fuß in der Tür.“ „Okay. Du spekulierst auf die Gelder der Weltgemeinschaft und auf die UN Resolution. Du hoffst das dann eine Armee an Helfer, Personen oder wer auch immer nach Kambodscha kommt und wir die Nummer eins in der Humanitären Hilfe werden.“ „So in etwa.“ „Seit Januar steht ein Schulzelt von UNICEF in Kampang Rou. Nur ein Zelt! Ohne dein Geld hätte Asger keine Stühle und Tische für zwei Dutzend Kinder kaufen können. Da wartest du auf eine Resolution für Kambodscha! Monsieur Dilbert, Patricia hat jetzt vier Lehrer, die Ende Mai mit uns nach Kambodscha fliegen, ich weiß in diesem Augenblick noch nicht einmal, wo diese Lehrer unterrichten können. UNICEF sagte mit auf der Party in Kampang Rou großzügig die Unterstützung durch Zelte und Inventar zu. Ein Zelt ist keine Lösung! Ich hatte mit der Leiterin von UNICEF Kambodscha eine nicht gerade konstruktive Unterhaltung. Du kannst Bernhard fragen. Dies sind meine Erfahrungen mit der UN. Und jetzt kommst du!“ „Hannes, ich habe gesagt, ich kümmere mich um Bagger, ich habe auch gesagt, dass ich euch mit Gelder und Vollmachten unterstütze. Ich bin auch hier am arbeiten, damit es für euch läuft. Glaub mir, ich tu schon viel für die Projekte. Es kommen Gelder von Ministerien oder Organisationen, die im Grunde kaum etwas mit dem zu tun haben, was ihr macht und trotzdem schaffe ich das Geld oder Vollmachten bei. Du wirst dies alles auch noch machen.“ „Ich?“ „Mit deinem Engagement kommst du weiter als nur Projektleiter für Wasserbau. Lass mich hier im Hintergrund alles organisieren und du wirst sehen, wo wir beide noch hin kommen werden. Bei deiner Geschwindigkeit muss ich aufpassen, dass du mich nicht überholst.“
Hannes schüttelte energisch den Kopf. „Stephane, dies ist und wird nie meine Absicht sein!“ „Das weiß ich! Ich weiß aber auch, welch unglaubliches Tempo du vorgibst. Ich traue dir sehr viel zu und bin auch froh, dass wir jetzt darüber gesprochen haben.“ 

Hannes konnte bei den letzten Worten von Stephane nicht mehr klar denken. „Hannes, du baust Menschen in einem Team auf und merkst gar nicht, wie du dich selbst aufbaust. Wenn ich könnte, würde ich dich an ganz anderen Projekten teilhaben lassen. Nur bricht dann deine Struktur in Svay Rieng zusammen. Stärke die Menschen weiter und du kannst noch mehr aufbauen. Bei unserem letzten Telefonat hab ich dir gesagt, dass es endlich baulich und menschlich voran geht, dass hatte seinen Grund warum ich dies sagte. Du bist mit keinem Wort darauf eingegangen. Dies zeigt schon, dass du weißt wo der Boden ist. Gib uns Zeit und ich schaffe dich ganz nach oben.“ „Möchte ich da überhaupt hin?“ „Warte ab. Es kommt wie es kommt. Nur solltest du wissen, wie meine Haltung dir gegenüber ist – auch als Feigling-Chef.“
Hannes verzog den Mund bei dem was Stephane sagte. Stephane legte ihn einige Mappen von Bewerber auf den den Tisch. „Ich habe gesagt, ich kümmere mich um Mitarbeiter. Hier kannst du schon einige Bewerbungen lesen. In den nächsten Tagen kommen die ersten zum Vorstellungsgespräch. Ich möchte, dass du dabei bist.“ Hannes schüttelte den Kopf „Lass mal. Soll Bernhard machen. Ich muss nicht bei allem dabei sein. Wenn es gute Leute sind passt es sowieso.“

Auf der Rückfahrt nach Thionville saß Hannes auf der Rückbank. Sein Hirn fuhr eine Achterbahn. Die Worte von Nina und Stephane waren für ihn doch etwas schwer zu verarbeiten. Bernhard sah immer wieder in den Rückspiegel, er wollte etwas sagen, wusste aber bestimmt nicht wie er anfangen sollte. So stelle Hannes seine Frage. „Seit wann kennst du die Gedanken von Stephane?“ „Seit einem Monat. Ich dachte, er würde es dir sagen, als er nach Ostern bei uns war.“ „Weißt du noch etwas, dass ich vielleicht mal erfahren sollte?“ „Nein. Hannes, du weißt wie sehr ich dich mag und schätze. Du weißt, dass du wie ein Sohn für mich bist. Meinst du mir fiel es leicht, dir dies nicht alles zu sagen? Nächtelang habe ich mit Franziska telefoniert. Wie sollten wir es dir sagen? Deine Selbstzweifel in der Zeit, die du nach Thionville kamst sahen wir doch auch. Wie oft haben Franziska und ich mir dir gesprochen, dass dies nie so war, ist und sein wird. Als wir nach Weihnachten bei Peter in Fréjus waren, wurde auch dort über dich gesprochen. Es macht mich sehr
stolz, dass du für meine Tochter eine solche Liebe empfindest. Alles was Peter uns erzählt hatte, sah ich in Kampang Rou wieder. Dein Weg ist noch lange nicht zu Ende.“ „Bernhard…“ „Nein, nicht Bernhard. Du selbst gibst dieses Tempo vor. Du selbst nimmt Nolan in dein Team, um dem Jungen zu helfen. Du entschuldigst dich bei Cees für etwas, wofür du es gar nicht musstest. Claude hat sich durch dich völlig geändert, Clodette, Leatitia und Levi vertrauen sich dir an und dann meinst du, du fährst nur Bagger? Geh weiter diesen Weg und du kommst noch sehr weit! Patricia hat in Svay Rieng oft mit mir gesprochen, ihr beide seid aus dem gleichen Holz und dieses viertel Jahr war für euch der Einstieg in eine Welt, in die nur wenige Menschen kommen! Ihr beide steht an der Stufe für etwas ganz Großes.“

Hannes kniff die Augen zusammen und sah in den Spiegel an der Frontscheibe des Wagens. „Weißt du etwas was ich noch wissen sollte?“ „Nein! Dies ist eine Vermutung. Am Geburtstag von Patricia und auch vor Weihnachten, als deine Eltern bei uns waren, sagte ich, dass wir als Eltern nicht bremsen oder hindern sollen – sondern lieber fördern und unterstützen. Dies tun wir.“

Im Garten saß Franziska, Levi und Patricia bei Kaffee und Erdbeerkuchen. Levi sprach so viel in Khmer, für das Hannes am Anfang vier Wochen brauchte. Wo wird ihm sein Weg enden? Bestimmt nicht als Lehrer in einem Zelt im Subtropischen Regenwald.
„Levi, darf ich dir mal sagen, wie unglaublich stolz ich auf dich bin. Was du jetzt schon reden kannst, brauchte ich Wochen dafür. Danke das du in dem Team bist.“ „Wow. Ich habe auch eine sehr gute Lehrerin. Hannes, ich sehe eine Perspektive, einen Halt um wieder dort hin zukommen, wo ich einst war. Ich muss dir danken für dein Vertrauen in mich.“

Dhani nickte und erzählte von seinem Vorstellungsgespräch mit Nina. Franziska streichelte Hannes am Arm. „Ich bin stolz auf dich. Du Deutsche Kartoffel.“
Patricia gab Hannes einen Kuss und hielt seine Hand fest. „In der ersten Mai Woche wollen Adelina, Clodette und Leatitia vorbei kommen und bis zu unserem Abflug nach Kambodscha hier bleiben. Ich habe heute mit Hattie gesprochen, dass sie sich um die Visa und Flugtickets kümmert. Ich sagte ihr, dass wir Ende Mai fliegen wollen. War das in Ordnung gewesen?“
Hannes nickte. „Natürlich. Hast du auch gesagt von wo wir fliegen? Ich sagte Nina heute auch dieses Datum. Ich muss vorher noch kurz in die Pfalz zu Ludgar und dann geht’s los. Bei so vielen Leuten, sollten wir einen Kleinbus mieten.“
Bernhard und Patricia nickten bei den Worten von Hannes. „Es macht Sinn von Frankfurt zu fliegen. Paris ist viel zu weit zu fahren.“ Hannes nickte Bernhard zu. „Très bien. Was ist mit diesem Fabio Wyss?“ Dabei sah er zu Patricia. „Ich habe heute wieder versucht anzurufen. Ich weiß es nicht. Ich erreiche ihn nicht und sehe auch keine Möglichkeit mit ihn sonst in Kontakt zu kommen. Wir sind jetzt fünf Lehrer. Hannes, dass ist mehr als wir beide jemals zu träumen gewagt haben.“ „Oui, Prinzessin, ist es. Du hast Lehrer und ich weiß nicht, wo sie unterrichten sollen. Dhani, tu mir einen Gefallen und mach dir Gedanken, wie eine kleine Schule mit wenig Mittel gebaut werden kann und was an Kosten für Baumaterial ungefähr anfallen, da kannst du Morgen mit dem anderen Teamleiter, Roman Welter, reden, der kann dir sagen, was Steine, Beton, Fenster und ein Dach kosten werden.“
„Eine Aufstellung für Baumaterial, Steine und Beton liegt im Arbeitszimmer“ sagte Bernhard. „Gerne. Sehr gerne. Für wie viele Kinder sollte eine solche Schule sein?“

Patricia sah ratlos zu Hannes. „Tja, Prinzessin, nun bist du an der Reihe. Willst du eine Schule pro Lehrer oder zwei, drei Lehrer pro Schule?“ „Lass mich dies bitte Abklären, wenn alle hier sind. Ich denke, diese Frage kann Levi auch nicht beantworten. Mama, wie würdest du entscheiden?“
Jeder am Tisch machte sich Gedanken, was nun die beste Lösung sei. „Hannes, was hat Stephane wegen der UN Resolution gesagt?“ Fragte Bernhard. „Nichts. Wir wissen alle noch gar nichts. Was hat die UN Resolution mit der Größe einer Schule zu tun?“ „Wenn das kommt, was geplant ist, werden womöglich auch einige Lehrer nach Kambodscha kommen. Ich würde die Schulen jetzt so bauen, dass ihr zwei vernünftige Gebäude für drei Klassen habt. Zum einen musst du nur zwei Schulen bauen und keine fünf, zum anderen braucht nicht jeder Lehrer ein Fahrzeug um auf seinen Arbeitsplatz zu kommen. Ich würde als Standorte Kampang Rou und Khum Nhor wählen. Kampang Rou ist auf dem “Europa Platz“ soweit eine Infrastruktur vorhanden. Mit Khum Nhor kannst du das Südöstliche Gebiet abdecken. Ist nur mein Vorschlag. Du kannst auch ein Team Richtung Bauabschnitt 2 schicken, da gibt es auch Kinder. Patricia, wir stehen einfach vor dieser Ohnmacht von eineinhalb Million Kinder, die nicht zur Schule gehen können. Reto hatte mit Hannes auch schon dieses Thema und ich muss Reto recht geben.“ Die Worte von Bernhard waren präzise und machten auch Sinn.

„Oui, Papa. Ich denke, dies wird wohl so das beste sein – oder Schatz?“ „Sehe ich auch so. Ich trenne meine Teams auch nicht. Natürlich könnten wir bei Arthur in Kor An Doeuk eine Schule bauen, dann ist dein Team aber getrennt. Bauen wir eine zweite Schule in Khum Nhor, ist dein Team zusammen, soweit man dies sagen kann. Wir stehen mit einer noch nicht beschossenen UN Resolution vor der Ohnmacht von einem ganzen Land.“
Alle am Tisch hatten einen nachdenklichen Blick bei den Worten von Hannes.
„Okay. Dhani, plane zwei Schulen für jeweils drei Lehrer. Zeichne einen Plan von dem Gebäude und eine Aufstellung mit den Kosten. Dann haben wir etwas in der Hand und können dies Stephane und UNICEF in Kambodscha schicken, dann schauen wir, wo es Gelder gibt und legen sofort los.“
Dhani nickte. „Mache ich.“
Levi schüttelte ungläubig den Kopf. „Meine Güte, über was ihr jungen euch alles Gedanken macht. Da soll mal einer sagen, die Jugend kann nichts.“ „Danke. So ist es eben, wenn man vor der nächsten Stufe steht.“
Patricia legte den Kopf zur Seite „Wie nächste Stufe?“ „Frag deinen Vater. Er weiß seit vier Wochen mehr.“ „Papa..?“ Patricia hatte ihren unglaublich durchbohrenden Blick drauf, der fragend, fordernd oder auch böse sein konnte.

Bernhard sagte ihr so ziemlich das gleiche, was Stephane zu Hannes sagte. „Respekt“ sagte Levi zu Hannes, als Bernhard geendet hatte. „Danke. Levi, ich weiß dies erst seit heute Mittag. Trotzdem habe ich, und die ganze Familie Lefèvre, vor dir und Dhani auch den allergrößten Respekt. Ich hatte gestern Abend noch zu Patricia gesagt, wie ihr beide euer Leben ändern wollt, da gehört vieles dazu. Ich sag mal so, der Respekt ist bei uns auf gleicher Ebene. Bevor wir uns aber weiter gegenseitig in den Himmel heben, sollten wir doch anfangen zu grillen.“

5. Mai 1990
„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, ma Chérie. Ich kann leider nicht mit einem Feuerwehrauto aufbieten, mein Geschenk ist in Kambodscha.“
Hannes öffnete verschlafen die Augen „Dies musst du mir mitten in der Nacht sagen?“ „Ja! Mir war gerade danach.“
„Danke mein Engel. Diese Botschaft wird ja wohl nicht alles gewesen sein.“ „Non! Je t’aime pour toujours.“ „Ich liebe dich auch für immer.“
Damit war die Nachtruhe bei Frau Lefèvre vorbei.

Der Sex mit dieser kleinen quirligen Person, war für Hannes jedes mal ein Sprung in eine neue Dimension. Wie lange noch?  Wann würde die Zeit kommen, wo diese verdammte Leukämie zurück kommt? Jeden Tag sagte er sich, er möchte nicht daran denken und trotzdem schwebte dieses Schwert immer über ihm. Warum konnte man nicht einfach ein Teil von Hirn abschalten?

Die Sonne kam langsam über die Felder von Thionville, als beide völlig entkräftet, verschwitzt und nackt den Sonnenstrahlen entgegen schauten.
„Weißt du wo ich jetzt gerne wäre?“„Ja, Madame, dass weiß ich. Wir haben später das Haus voll mit Leute, sonst würde ich sofort mit dir nach Fréjus fahren, wir sollten Peter mal wieder anrufen, er wird sich bestimmt sehr freuen.“ „Oui, dass sollten wir noch diesen Monat tun. Du bist wieder so Nachdenklich, was ist los?“ „Ich bin nicht Nachdenklich. Ich bin enttäuscht.“
Hannes sah in die wunderschönen braunen Augen von Patricia. „Prinzessin, erinnerst du dich noch an die ersten Gespräche mit Asger über Heimat und Thailand?“ „Natürlich. Du bist enttäuscht, weil keiner von deinen Freunden auf deinen Geburtstag kommt. Ist es das?“
„Oui. Es ist zu weit. Mal schauen oder ich weiß nicht. Nach Saarbrücken zum shoppen fahren ist es offenbar nicht zu weit. Ich fahre von Thionville nach Hause um mich mit einigen meiner Freunde zu treffen und sie schaffen den Weg zu mir nicht. Schöner Geburtstag.“
Patricia streichelte ihm die Brust und küsste Hannes an den Hals. „Ich habe auch kein Geschenk für dich. Dies tut mir auch leid.“ „Schatz, du hast mir mehr geschenkt, als jeder andere Mensch auf dieser Welt. Durch dich bin ich in Kambodscha. Durch dich hat sich mein Leben verändert. Durch dich kenne ich die unterschiedlichsten Menschen. Ein Geschenk ist auch nur etwas in Papier gewickelt. Was wir beide haben, ist größer als alles auf dieser Welt. Wer kann schon behaupten, eine Schule am 10. Breitengrad geschaffen zu haben?“ „Oui, ma Chérie. Du hast recht. Du Klassenkasper. Chérie, du bist der beste Mensch in meinem Leben. Wo auch immer uns die nächste Stufe hinbringt, wir gehen diesen Schritt gemeinsam. Willst du wirklich in Thailand nach einem Haus schauen?“ „Ja. Was hält mich hier? Unsere Freunde sind in Südostasien, selbst den Verrückten Vaesna habe ich ins Herz geschlossen. Ich feiere heute meinen Geburtstag mit denen die kommen. Ich habe Clément und Inès eingeladen. Heute kommen die Frauen für dein Team. Dhani, Levi, deine und meine Eltern – fertig.“

Der morgendliche Einkauf bei Clément und Inès war immer wieder ein Erlebnis, wie sehr mochte er die beiden. Inès schenkte ihm eine kleine zweistöckige Torte mit einem Marzipan Feuerwehrauto. Clément hatte mit Schokolade den Spruch von dem Banner rund um die Torte geschrieben. „Danke meine liebe, die Torte ist ja voll süß! Sie ist viel zu schade um zu essen. Die ganze arbeit die Clément gemacht hat.“ Clément kam aus der Backstube in den Laden und drückte Hannes ganz fest. „Hannes, diese Torte ist weniger, als die Arbeit, die du und Patricia für andere Menschen macht. Wir sind so stolz auf euch. Ich fahre dir die Torte nach Hause, dann könnt ihr deinen Geburtstag feiern, wir kommen später zu euch.“

Mit zwei Taschen Baguette und Croussins fuhr Hannes mit dem Fahrrad nach Hause. Clément fuhr gerade aus der Einfahrt, als Hannes mit dem Fahrrad ankam. Er winke Clément zu. „Wir sehen uns später. Merci beaucoup, Clément.“
Franziska und Patricia hatten im Garten den Tisch gedeckt. Patricia machte mit einer riesigen Kamera Fotos von der Torte, dem wunderschön gedeckten Tisch mit Butterblumen, Klatschmohn, Maiglöckchen und Wiesen-Margerite.
„Wow! Was für ein wunderschöner Tisch, so ähnlich war der Tisch bei Peter gedeckt, als wir im Dezember in Fréjus waren. Wo hast du die Kamera her?“ „Ups! Wie war das: ein Geschenk ist auch nur etwas in Papier gewickelt? Die Kamera ist für dich. Ist von uns allen.“ „Vielen lieben Dank. Kommt, nun lasst und die Torte anschneiden, sonst hat die Sahne bald einen Stich.“
Dhani und Levi konnten mit der Feuerwehr nicht all zu viel anfangen. Bernhard erzählte gerne von diesem  Geburtstagsgeschenk an Patricia. Er war sehr stolz auf diese Aktion.
Ständig klingelte das Telefon, Hannes kam gar nicht dazu, sein Stück von der Torte zu essen. Alle aus seinem Team, Arthur, Eliane, Mareile, Nescha, Reto und Roman riefen an um ihm zum Geburtstag zu gratulieren. Aus Deutschland waren es nur seine Eltern und um ihm zu sagen, dass sie gegen 14 Uhr da sein werden.

Hannes fuhr nach dem Frühstück noch zu Marie das bestellte Fleisch abholen. Idar-Obersteiner Schwenkbraten von einem Franzosen eingelegt und zugeschnitten. Er ließ sich überraschen, ob diese zwei Kulturen zusammen passten.

Gegen Mittag kam Leatitia als erste. Gefolgt von einem Hupkonzert – Claude! Adelina wurde von ihren Eltern gebracht. Djamila hatte zwei riesige Schüsseln mit Knafeh dabei. Die Gäste, die da waren kannten Knafeh nicht. Nach dem ersten Bissen kannte es jeder. Diese Süßspeise aus Jordanien konnte süchtig machen.

„Djamila, ich feiere heute meinen Geburtstag, ich habe beim Metzger Fleisch gekauft. Ist es für euch in Ordnung, wenn ich noch Fisch oder Hähnchen für euch kaufen gehe?“ „Mach dir bitte wegen uns keine Umstände, wir kommen auch so zurecht.“ Hannes schüttelte den Kopf „Es sind keine Umstände, es ist mir eine Ehre. Ich akzeptiere eure Religion und möchte nicht, dass meine Gäste nicht zu essen bekommen.“ „Danke, wie bleiben nicht so lange.“ „Ich weiß, dachte ich auch, als wir Adelina das erste mal trafen. Was nun? Fisch oder Hähnchen?“ „Ist egal.“ „Okay.“

Claude sollte doch bitte für die drei Tabaris Fisch oder Hähnchen kaufen fahren. Als Claude zurück gekommen war, traute Hannes seinen Augen nicht.
„Claude, ich sagte drei Personen, nicht dreißig! Du bist schon ganz schön durchgeknallt.“ „Sagt die Deutsche Kartoffel, die eine Feuerwehr Drehleiter in die Einfahrt stellte.“

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