18 München im Mai 93. Zu Besuch bei Nescha Hefti.

Teil II Kapitel 18

München, Deutschland im Mai 93.
Zu Besuch bei Nescha Hefti.

Es gibt Momente die prägen ein ganzes Leben.
„Ihr bekommt den Ordre national du Mérite verliehen.“

Hannes musste von Kambodscha nach Deutschland, die Lieferung der letzten Pumpen für das Wasserbau-Projekt von Cău Strung Melch nach Bavet Leu standen an. Da er Nescha besuchen wollte, flog er von Bangkok nach München. Er wollte nicht gleich zu Ludgar in die Pfalz oder in die Firma nach Reims. Oder was sonst in wenigen Tagen mal wieder alles gemacht werden musste. Er brauchte auch mal eine Auszeit und Zeit für sich.
Da Nescha ihm  angeboten hatte, für ein paar Tage zu ihr nach München zu kommen, tat er dies auch. Nescha, Patricia und er waren schon seit Januar 90 befreundet und so kam er gerne der Einladung von Nescha nach.

Am Freitag den 21. Mai um 9.10 Uhr landete der Airbus A330 mit der Flugnummer TG7932 auf dem Franz-Josef-Strauß Flughafen in München.
Hannes brauchte für die Zeit in Europa kaum Gepäck, so hatte er nur einen Koffer und kein Handgepäck.
Ein übereifriger Zollbeamte wollte ihn trotzdem kontrollieren.
„Guadn Dog da Herr, hob Sie wos zua vazoin?“ „Nein, habe ich nicht. Ich führe ja auch kein Handgepäck mit mir.“ „Jo, dann soidn mia moi in ihrn Koffa schaun.“ „Tut mir leid, habe ich noch nicht bei mir.“ „Jo, dann wardn mia ebn. Moi seng, wos in am Koffa drinna is.“ „Gerne, nur was vermuten Sie außer ein paar Kleider, Zahnbürste und ein paar Schuhe sonst noch in einem Reisekoffer?“ „Jo, dass wern mia dann oamoi seng. Sogt jeda, dass ea grod Kleida im Koffa hod.“ „Stimmt. Ich habe ja gesagt, dass auch noch eine Zahnbürste und Schuhe in dem Koffer sind.“ „Jo, woin Sie ‚etz no fresch wern? Solche Leid wia Sie miassn kontroliad wern.“ „Solche Leute wie ich? Herzlich willkommen in der Heimat!“ „Wos soi des ‚etz? Hom Sie Drogn gnomma?“ „Komisch, gleiches wollte ich Sie fragen.“ „Jo, ‚etz is aba moi schluss mid lustig. Jetz keman Sie mid in de Deanststäi.“ „Lieber Herr Zollbeamter, könnten wir dies alles etwas abkürzen in dem ich Ihnen einfach meinen Pass  und Dokumente zeige?“ „Denn Pass wern mia vo Ihna scho no seng. Jetz keman Sie mid auf de Deanststäi. Oda mua i des Sicherheitspersonoi ruafn?“ „Bringen wir dieses Schauspiel hinter uns. Bitte. Ich folge Ihnen.“ „Jo, wos soi des? Sie foigen ma.“ „Habe ich zwar gerade gesagt, aber es geht auch den Weg.“

Hannes folgte in begleitung von zwei Zollbeamten der Blödheit in Uniform einige Treppen herunter, durch Flure nach links und recht und wieder zwei Treppen hoch um nochmals einen anderen Flur von einer geschätzen Länge, wie einmal um den Äquator.
„Wird mein Koffer noch da sein, wenn ich zurück komme oder ist dann schon das Sprengstoffkomando vom LKA am Terminal?“ „Sie hoidn des wohl ‚etz ois fia Gaudi?“ „Nein. Nur weiß ich nicht, wie auf einen herrenlosen Koffer am Terminal reagiert wird.“

Endlich kam die Dienststelle in Sicht, Hannes wollte schon fragen, ob sie nun in Freising sind oder noch auf dem Flughafengelände. Der Zollhauptwachmeister öffnete eine Milchglastür und ließ Hannes eintreten.
In dem Büro waren ein Dutzend Zollbeamte, die verschiedene Koffer auf den Tischen aufgeklappt hatten und offensichtlich deren Besitzer auf einer Bank gegenüber den Tischen saßen. Einige Zollbeamte saßen an Schreibtischen und bei zwei Beamte saßen Personen vor dem Schreibtisch.
Der Koffer von Hannes stand auf dem ersten Tisch gleich am Eingang.
Hannes grüßte die Beamten und zu seinen Begleiter sagte er. „Ach sieh an, mein Koffer ist sogar schon vor mir da.“
Dem Oberzollbereichsleiter schwillte langsam der Kragen.
„So, bitte setzdn Sie si. Dann nehma mia jetz Ihra personalian auf. Wern aa no oan Drogentest duachführn und dann Ihrn Koffa untersuchn.“ „Gerne doch. Fangen wir am besten mal mit meinen Ausweisen an.“
Der Blutdruck vom Stabskompaniegeneralmajor war mittlerweile an seiner Belastungsgrenze angekommen.
„So, dann schaun mia moi. Aha, Hmmm, soso. Des san ihre Ausweise?“ „Bis eben noch gewesen.“ „Sie keman aus Kambodscha? Wohna in Thailand. Hom oan Deitschn, Thailändischn und Diplomadischn Pass! Jo, wos nu? Arbadn fia a Französiche Firma und die UN.“ „Ich weiß, ist kompliziert, ist aber so. Um Ihnen nun noch den Rest Ihrer Drogenillusion zu nehmen, mein Koffer fällt unter den Status von Diplomatengepäck – ist eigentlich deutlich in mehreren Sprachen gekennzeichnet. Ich kann aber bei der UN eine Resolution einbringen, dass auch Bayerisch als Internationale Sprache aufgenommen wird. Sie dürfen den Koffer noch nicht einmal öffnen!“
„Diplomadengepäck? Soso. School Project Manager for Cambodia. Department of Construction and Infrastructure. Soso. Mid 23 Joarn san Sie scho Managa?“ „Was wollen Sie jetzt darauf für eine Antwort? Soll ich Ihnen den Englischen Text auf Bayerisch Übersetzten?“ „Warum hom Sie des ned vo Ofang an gsogt?“
Hannes verdrehte die Augen und nahm tief Luft.

„Ich kann mich erinnern, dass ich Ihnen sagte, wir könnten dies abkürzen, in dem ich Ihnen meinen Pass und Dokumente zeige. Wenn Sie mich nun entschuldigen, ich habe noch etwas mehr zu tun, als mich mir dem deutschen Amtsschimmel herum zu ärgern. Im übrigen, falle ich durch meinen Ausweis von der UN unter den Diplomatenstatus. Schon mal etwas von diplomatischer Immunität gehört? Wenn Sie nun noch ein Disziplinarverfahren haben möchten – sagen Sie es gleich, ansonsten wünsche ich Ihnen einen schönen Tag.“

Hannes nahm sein Koffer und ging aus der Dienststelle ohne die Tür zu schließen.

Der Weg von der Dienststelle zum Ausgang vom Gate kam Hannes wie eine Marathonstrecke vor.
Nescha saß ganz alleine am Ausgang vor dem Zollbereich und winkte, als sie Hannes sah.
„Hallo Nescha, entschuldigung, ich hatte gerade eine Begegnung mit der dritten Art. Salut mein Engel, ich bin endlich da. Lass uns fahren, bevor ich dem Zollbeamten noch ein Disziplinarverfahren anhänge.“

Hannes erzählte Nescha, diesen Alptraum an Blödheit in Uniform.
„Ja, Süße du lachst. Nach fünfzehn Stunden Flug kann ich darüber nicht mehr lachen.“ „Entschuldigung. Wie du dies erzählst, könnte ich brüllen vor lachen.“
„Morgen lache ich auch darüber.“
Nescha streichelte im mit ihrer rechte Hand über seinen linken Oberschenkel.

„Willst du noch schlafen gehen?“ „Nescha, ich bin so lange wach, wenn ich mich bei dir hinlege, werde ich wohl erst am Sonntag wieder wach werden. Fahr zu dir nach Hause und wir sehen dann was wir machen. Ich hätte Hunger auf richtig gute Semmelknödel.“

Nachdem Hannes doch zwei Stunden geschlafen hatte, fuhren sie mit der S-Bahn ins Zentrum von München.
Am Dom aßen sie zu Mittag und tranken schönes helles Augustiner Bier vom Fass. „Wie geht es Patricia?“ „Nächstes Jahr arbeitet sie für das Bildungsministerium in Kambodscha und für UNICEF, dann ist nicht mehr so viel mit ihrem Traumberuf als Lehrerin. Du kennst aber Patricia. Sie will trotzdem noch in Schulen gehen.“
„Dieses Tempo von ihr ist Atemberaubend! Wie geht es ihr sonst so?“ „In Nakhon Ratchasima ist ein gutes Krankenhaus. Patricia lässt dort regelmäßig Bluttests machen. Reto schaut auch immer nach ihr. Nescha, ich habe Angst, wenn die Befunde da sind und die Werte sich verschlechtert haben. Du kannst dir diese Achterbahn, die ich im Hirn habe, gar nicht vorstellen.“
„Ungefähr schon. Ich studiere Medizin. Natürlich ist es bei euch etwas anderes, als an der Uni zu hören oder zu lesen. Wir kennen uns ja nun auch schon eine lange Zeit. Seit fast vier Jahren machst du dir täglich diese Gedanken, du tust mir so unendlich leid. Die Medizin ist seit Jahren am forschen. Es gibt immer bessere Behandlungen, auch bei der Früherkennung…“ Nescha sah in leere Augen von Hannes „…Tu´ dir dies doch nicht ständig an, die Leukämie muss doch nicht wieder zurück kommen. Reto hatte dir dies doch vor zwei Jahren auch alles erklärt. Hannes, bitte.“ „Ich kann mein Hirn nicht deleten. Wenn ich es könnte, würde ich diese verdammte Krankheit zum Teufel jagen.“
Nescha streichelte ihn am Arm und hielt seine linke Hand fest. „Ich habe euch beide in subtropischen Wäldern kennengelernt. Ich habe mitbekommen, was ihr beide in einer unglaublich kurzen Zeit gestemmt habt und euch im Hotel gesagt, dass euch einmal ein Denkmal gebaut wird. Ich hatte recht. Lefèvre School! Das es so groß würde, war mir aber nicht bewusst.“ „Wenn wir eine Auszeit brauchen, fahren wir für ein oder zwei Wochen nach Kampang Rou, arbeit ist dort immer noch genug für uns.“
„Auszeit? Arbeit ist dort immer noch genug?“ Nescha sah Hannes irritiert an. „Ja. Es hört sich voll blöd an, ist aber so! In Kampang Rou fing für uns alles an – dort sind unsere Wurzeln. Auch wenn es heute Städte und Ortschaften wie Battambang, Kompong Chhnang, Udong, Poipet oder Sisophon sind. Der “Europa Platz“ ist und bleibt einmalig. Für uns ist es ein Gefühl nach Hause zu kommen und es ist keine Arbeit Kinder zu unterrichten, Vermessungen zu machen oder Bauprotokolle zu schreiben.“ „Eure Definition vom Auszeit ist schon sehr einmalig. Wie geht es deiner Kuh Sangkhum?“ „Sangkhum ist groß geworden, aber immer noch völlig verrückt auf mich. Patricia leitet jetzt eine Schule in Chong Kal, unweit von Samraong. Sangkhum ist in dem Ort in einer Herde von Rinder und fühlt sich wohl. Ich sprach mit dem Bauer, ob ich Sangkhum zu ihm stellen könnte. Ich möchte sie schon in meiner Nähe haben. Sag mal, soll ich ihr eine original bayerische Kuhglocke kaufen?“ 
Nescha schüttelte sofort den Kopf. „Um Gottes Willen, nein! Ich finde ein schönes, kunstvolles Zaumzeug viel schöner als eine Glocke.“ „Du meinst so etwas, was die Kühe beim Almabtrieb tragen?“ „Ja, in diese Richtung. Es muss nicht so ein unsinniges gedöhns sein. So ein cooles kunstvolles Halsband wäre doch toll.“ „Wo bekomme ich so etwas zu kaufen?“ „Wir fahren morgen mal schauen, okay?“

Mit Nescha fuhr er mit ihrem VW Golf am Samstagmorgen aus München raus in Richtung Allgäu. Sie fuhr an Starnberg und Schongau vorbei, ohne zu wissen wo hin. Am Ende waren sie in Füssen.
In der wunderschönen Altstadt saßen sie bei Haxe, Brezel und Bier.
„Danke Nescha für diesen Ausflug. Dies ist alles so anders, als das was ich täglich sehe. Als Kind war ich mit meinen Eltern hier in der Gegend in Urlaub gewesen. V,iele Erinnerungen sind immer noch da. Ich brauche kein Meer und Strand für Urlaub zu machen. Hier diese Natur, die Schönheit der Gebäude und natürlich der Blick auf Schloss Neuschwanstein ist schon toll.“ „Vermisst du deine Heimat?“ „Welche Heimat? Nescha, dies ist eine sehr schwere Frage. Vor vier Jahren habe ich für Patricia meine Heimat verlassen. Nun leben wir schon seit drei Jahren in Südostasien. Ja, ich vermisse meine Heimat. Nein, ich will nicht wieder zurück. Auch wenn in Kambodscha und Thailand alles sehr chaotisch ist, die Menschen sind anderst.“
Nescha nickte. „Ja, dies habe ich auch gemerkt“ „Ich denke über deine Frage mal nach. Ehrlich. Ich kann dir jetzt aber wirklich nicht sagen, ob ich meine Heimat vermisse. Wir haben ein wunderschönes Haus in Nakon Ratschasima. Roman, der Teamleiter von dem ersten Bauabschnitt, hatte den Bauplan gezeichnet so dass unser Haus einmalig in diesem Village ist. Asger, Cees, Dhani, Ferdinand, Johannes, Luan und Nolan haben es sich nicht nehmen lassen, an dem Hausbau dabei zu sein. Freunde bauten für uns dieses Haus. Cees baute einen Grill und Backhaus, wie es diesen kein zweites Mal in Thailand gibt. Luan und Dhani bauten zwischen Küche und Esszimmer eine Bogenwand aus Teakholz und Standsteinen, die in ihrer Art wie eine mittelalterliche Stadtmauer ist. Ich konnte ja froh sein, dass Luan nicht noch mit einem Wasserrad für den Garten kam. Trotzdem baute er einen großen Springbrunnen vor das Haus. In dem einen Bad im Obergeschoss haben wir sogar einen Holzzuber als Badewanne. Asger baute mit Cees eine Küche, die es in dieser Form kein zweites Mal gibt – alles Handarbeit und Vollholz. In Europa würde diese Küche ein Vermögen kosten. Dhani zog die beiden Erker am Haus noch weiter aus der Wand, als Roman auf dem Plan gezeichnet hatte. Ferdinand und Nolan bauten die Terrasse mit Carport, auch dort konnte ich froh sein, dass diese nicht die Länge von einer Startbahn für ein Jumbo-Jet bekam.“
Nescha grinste ihn an. „All diese Menschen bauten uns dies Haus ohne Muss, sie taten es aus Freundschaft.“ Nescha grinste breit und nickte ihm zu. „Ja, deine Leute waren schon sehr speziell.“ „Ja, jeder so unterschiedlich und trotzdem alle gleich. All diesen Menschen haben Patricia und ich sehr viel zu verdanken. Sie bauten uns eine Heimat in einem Fremden Land.“ „Du konntest schon immer Menschen führen.“
Hannes schüttelte energisch den Kopf. „Doch, Hannes. Du führst auf eine Art, wie ich es bis jetzt nur bei Reto gesehen habe. Ihr beide seid der gleiche Schlag Mensch. Was ich vor meinem Studium durch und mit Reto gelernt habe, bringt mir heute an der Uni sehr viele Vorteile. Zu Beginn von dem Studium stellte ich meine Arbeit und Erfahrung den anderen Kommilitonen vor und es war eine Mischung aus  Hochachtung und belächeln. Reto wurde als Urwald-Doktor betitelt. Nach dem ersten Semester lachten die Kommilitonen nicht mehr. Reto ist ein unglaublich guter Mediziner und er kann mit den einfachsten Mittel und Möglichkeiten Menschen helfen. Hannes, ich habe in der Zeit in Kambodscha mehr gelernt als manche es in ihrem Leben nie lernen werden. Auch habe ich mit euch eine Teamarbeit gesehen die es wahrscheinlich auch kein zweites Mal mehr gibt. Deine Leute halfen uns damals ohne viel Worte beim Aufbau der Krankenstadion. Ich möchte nächstes Jahr in den Semesterferien wieder nach Kambodscha kommen. Zum einen um zu lernen und weil ich euch alle sehr vermisse.“ „Danke. Komm, nun lass uns noch dieses Halsband für Sangkhum kaufen gehen.“

In einem Raiffeisen Markt in Schwangau fanden sie, was beide wollten.
Dem Verkäufer klar zu machen, was ein Banteng Rind ist, erwies sich für Hannes doch etwas schwieriger als gedacht. Zum Glück war ein Landwirt in dem Laden, der es dem Verkäufer genauer erklären konnte. Als Hannes und Nescha die Erlebnisse mit Sangkhum erzählten, war doch ein sehr großes Stauen den beiden Herren in dem Raiffeisen Markt anzusehen.

Mit dem gewünschten Zaumzeug verließen beide das Geschäft. Auf dem Weg zu Autos sagte Hannes zu Nescha
„Zu Glück warst du mit in dem Laden, ich glaube, die hätten mich sonst in die Geschlossene Anstalt eingewiesen.“ Nescha lachte. „Ohne Frage! Das alles glaubt dir in Europa kein Mensch, was du mit deiner Kuh erlebst.“

Am Sonntag waren beide in der Innenstadt von München. Seit Hannes in Deutschland war, war es eine schöne Frühlingswoche und so waren beide an der Isar, im Englischen Garten, Stachus und andere schöne Plätze in München gewesen.

An Dienstag Nachmittag waren sie am Viktualienmarkt und kamen spontan auf die Idee ins Kino zu gehen.
Am Isartor fanden sie ein Kino das geöffnet hatte. Im Aushang sahen sie sich die Plakate für die Filmvorführung an. Das Plakat von Schindler´s Liste fiel ihnen ins Auge.
„Möchtest du in diesen Film?“ Hannes sah zu Nescha und zog die Schultern hoch. „Ich weiß nicht. Die anderen Filme interessieren mich nicht besonders.
Mit Nescha schaute er über drei Stunden die Abgründe der Deutschen Geschichte.
Der Saal im Kino war etwa um die Hälfte besetzt. Diesen Film in einer vollkommenen Ruhe zu sehen, wirkte auf beide. Kein rascheln, kein räuspern – nichts. Nur Stille.

Nach dem Film mussten Nescha und Hannes sich erst mal sammeln.
Sie standen im Foyer des Kinos und waren Sprachlos – die Bilder wirkten nach!
An einem Stehtisch neben ihnen erging es einem älteren Ehepaar genau so. Sie kamen mit dem Ehepaar ins Gespräch.

Nach einiger Zeit verließen die vier das Kino und gingen in die Stadt einen Cappuccino trinken. In den Gesprächen kam Nescha und Hannes auf ihre Berufe und Einsätze in Kambodscha zu sprechen. Die älteren Herrschaften hörten sehr aufmerksam zu und stellten viele Fragen. Rosemarie und Paul Herrmann waren sehr angenehme Menschen.
Es wurde immer später und die Gespräche nahmen kein Ende, so ging die kleine Gruppe in ein Restaurant in der Nähe der Heiliggeistkirche.

Beim warten auf das bestellte Essen merkte Hannes dass Rosemarie seit länger Zeit etwas bedrückte und sie offensichtlich nicht wusste wie sie es sagen sollte. Immer wieder sah sie zu Paul und dann sagte sie ganz unverhohlen in die kleine Runde, dass sie Jüdin sei und ein KZ überlebt habe. Diese Worte traf Nescha und Hannes wie ein Faustschlag ins Gesicht. Da waren sie nun fünf Stunden mit diesen beiden Herrschaften unterwegs und dann kam so ein Schlag.

Rosemarie erzählte von ihrer Kindheit, von der Willkür der NSDAP, die Demütigungen und auch die Deportation. Hannes hatte das Gefühl, als ob sein Hirn einfror. Ein Film zu schauen war etwas ganz anderes, als wenn ein Mensch gegenüber sitzt und das Leben – sein Leben erzählt.
Es wurde ein sehr langer Abend und man verabredete sich für den nächsten Tag. Der Besuch im KZ Dachau.

Hannes lag auf dem Sofa von Nescha und konnte nicht einschlafen. Nescha kam zu ihm ins Wohnzimmer.
„Bist du noch wach?“ „Ja. Nescha, wir stehen vor der Ohnmacht der Geschichte und wissen nicht wie wir damit umgehen sollen. Du und ich kennen die Orte der Killing Fields. Vor drei Jahre sagte ich zu Patricia, ich weiß nicht wie ich reagiere, wenn ich beim graben mit dem Bagger ein Massengrab finde. Dieser Alptraum ließ mich lange nicht los. Zum Glück fahre ich heute kein Bagger mehr, aber was ist, wenn andere aus meinem Team auf ein solches Grab stoßen? Weiter machen? Wir müssen den Zeitplan einhalten. Wie gehe ich damit um?“

Nescha setzte sich zu ihm und umarmte ihn. Sie suchte nach Worten und schüttelte immer wieder stumm den Kopf. „Hannes, mir fehlen gerade die Worte. Wir beide haben in Kambodscha wahrlich genug an Armut und Tod gesehen. Ist es eine gute Idee mit den beiden heute nach Dachau zu fahren?“
Hannes zog die Schultern hoch, er wusste es auch nicht. „Zuviel was wir nicht begreifen können. Zuviel an Demut, Schuld und Scham. Zuviel an Fragen. Nescha, was können wir beide für diese dunkelste Epoche von Deutschland? Du kommst aus der Schweiz und ihr hattet nicht all zu viel mit dem Nationalismus zu tun. Wir sitzen hier mit unserer Jugend und reden über etwas, an dem wir gar nicht Schuld sind und trotzdem haben wir Schuldgefühle. Können wir den Genozid in Kambodscha begreifen? Diese Gräueltaten waren um ein vielfaches mehr, als das was wir von den Nazis kennen. Die Auswirkungen haben wir beide mehr als genug gesehen. Ich bin viel in dem Land unterwegs und sehe fünfzehn Jahre später noch diese grausamste Epoche der Roten Khmer.“

Nescha nickte. Er sah, dass ihr seine Worte oder die Erlebnisse auch zum Denken gaben.
„Darf ich bei dir schlafen?“ „Natürlich. Es wird zwar etwas eng auf deinem Sofa – wird aber schon gehen.“
Nescha lag ihm gegenüber an den Füßen, so war etwas Platz für beide.
Bis früh in den Morgen sprachen sie über die Ohnmacht der Geschichte, für die sie beide nichts konnten.

Um 10 Uhr fuhr Hannes mit dem VW Golf von Nescha am Hotel, am Randgebiet von München, vor. Rosemarie und Paul standen schon am Eingang.
Zusammen tranken sie noch einen Kaffee auf der Terrasse.
Nescha sprach offen die Gedanken der vergangenen Nacht an. „Rosemarie, willst du wirklich nach Dachau fahren? Wir müssen dort nicht hin. Wir beide hatten diese Nacht noch sehr lange über den Film und die Ohnmacht vor der Geschichte gesprochen. Hannes sieht es auch wie ich – wir müssen nicht nach Dachau.“
Mit fester Stimme sagte Rosemarie. „Ich will abschließen. Seit Jahren quäle ich mich und nie hatte ich den Mut der Vergangenheit zu begegnen. Der Film von gestern war ein kleiner Schritt, auch wenn er sehr weh getan hatte. Dann haben wir euch getroffen. Ihr seid auf der Welt unterwegs im Einsatz für Menschen und seht auch genügend  Leid und den Tod. Ihr beide versteht es besser als jeder andere Mensch auf der Welt. Mit euch schaffe ich diesen letzten Schritt.“

Es gibt Momente die prägen ein ganzes Leben. Die Begegnung mit Rosemarie zählt dazu. Nescha nickte Hannes zu. „Okay, wir gehen mit dir diesen letzten Schritt.“

Hannes fuhr aus München die 20 Kilometer nach Dachau. Je näher er diesem Ort kam, umso größer wurde die Angst in ihm. Was ist, wenn Rosemarie dies nicht schafft? Er dachte an einen Nervenzusammenbruch oder gar an einen Herzinfarkt. Als Medizinstudentin könnte Nescha sofort Erste Hilfe leisten, wenn die Sorgen von Hannes bei Rosemarie eintreten sollten.
Im Rückspiegel sah er Rosemarie und Paul Hand in Hand sitzen. Eine surrealistische Situation. Wie ein junges Liebespaar, welches sich nicht traut sich zu küssen und trotzdem vom Leben gezeichnet und dennoch fest entschlossen war, einen unglaublichen Weg zu gehen.

Die Wegweiser zum KZ kamen immer häufiger, der Puls von Hannes war an seiner Belastungsgrenze und er hörte sein Herz schlagen.
Auf dem Parkplatz angekommen, sah Nescha zu Rosemarie und Paul. „Wir müssen dort nicht hin!“ „Doch! Für euch. Für mich und für die Zukunft.“

Nescha nahm die Hand von Hannes. Auch für sie war es eine Belastung. Jeden Schritt näher zu diesem Ort war ein Schritt in die Ohnmacht der Geschichte.
Auch wenn Dachau kein Vernichtungslager war, die Grausamkeiten, die Entgleisung der Menschlichkeit war spürbar und zu sehen: Die Gebäude, Skulpturen, Erinnerungstafeln, die Krematorien.

Mit einer Gruppe von ungefähr 30 Personen wurden sie durch die Anlage geführt. Sie vier, eine Schulklasse der Oberstufe eines Gymnasium aus Unterfranken und noch drei Ehepaare.
Der Mann der die Führung machte, erklärte sachlich und ruhig. Er beantwortete Fragen aus der Gruppe und tat dies mit dem allergrößten Respekt an die Opfer von dem Nationasoziallismus.

Mit der Zeit merkte die Gruppe das Rosemarie mit dem Mann länger sprach und auch sie das ein oder andere beitragen konnte. Irgendwann merkte die Gruppe, dass Rosemarie keine gewöhnliche Touristin war und so bildete sich eine kleine Traube von Menschen um Rosemarie. Rosemarie kamen bei den Erzählungen aus ihrer Kindheit immer wieder die Tränen und Nescha fragte, wie es ihr geht. Von der Gruppe kaum beachtet, hielt Nescha die Hand von Rosemarie und fühlte unauffällig – aber gekonnt ihren Puls. Hannes sah in den Augen von Nescha und diese sagte ihm, dass alles in Ordnung sei.

Nach dieser doch sehr speziellen Führung,  zeigten die anderen Besucher aus der Gruppe ihren größten Respekt an Rosemarie und stellten auch Fragen.
Auf einer der Bänke auf dem Gelände saß Rosemarie, Nescha und Paul.
Rosemarie beantwortete ruhig die Fragen der anderen. Hannes stand hinter der Bank und beobachtet die Regungen der Jugendlichen und auch Erwachsenen auf die Schilderungen von Rosemarie. Es tat ihr gut, unter dieser Anteilnahme von Ehrfurcht und Respekt ihre Vergangenheit endlich abzuschließen.

Trotz der angenehmen Temperatur an diesem Tag, war es Hannes kalt. Was Menschen in ihrem Leben erlebt haben, war für ihn nicht zu begreifen. Er dachte an die Bilder von Kampang Rou im Januar 90. Er sprach mit Patricia von einem realen Alptraum. Ein Kinderkarussell war dies gegen das Erlebte von Rosemarie.

Auf dem Rückweg zum Hotel bedankte sich Rosemarie und Paul immer wieder bei ihnen und ließ es sich nicht nehmen, beide zum gemeinsam Essen einzuladen.

Am Donnerstag fuhr Hannes mit dem Zug von München nach Mainz, er wollte zu seinen Eltern ins Nahetal.
Der kleine Bahnhof im Nachbarort, war ihm vertraut und trotzdem fremd. Er ging vom Bahnhof die eineinhalb Kilometer mit seinem „Diplomadengepäck“ an Häuser und Menschen vorbei, die er von Kindheit her kannte. Erinnerungen an so vieles schöne kamen hoch. An was werden die Kinder in Kambodscha mal denken? Viel schönes gibt es in deren Leben nicht. Armut, Hunger, leben im Dreck und Krankheit sind der Alltag dieser Kinder. Keine Schlittenfahrten im Dunkeln, Fahrradrennen durch die Straßen im Ort oder Hütten bauen im Wäldchen am Ende ihrer Straße.
Unbeschwert war seine Kindheit im Nahetal.

Auf den letzten Meter durch die kleine Sackgasse brauchte er länger, als auf den eineinhalb Kilometer vom Bahnhof bis zu seinem Elternhaus. Die Nachbarn fragten so vieles über Kambodscha. Hannes erzählte nichts über, hungernde Menschen, bitterste Armut, Angst vor Landminen und machtlos bei Kindersterben. Der Nachbarsjunge bei der UN! Er hatte ja einen so tollen Job!

Seine Eltern freuten sich sehr, dass der Sohn nach zweieinhalb Jahren wieder zu Hause war und spontan wurde der Grill vorbereitet.
Am Abend lag die Heimat in Form von Schwenkbraten auf dem Grill. Freunde von seinen Eltern kamen vorbei und waren so stolz auf ihn.
Hannes war es leid, dass die Nachbarn und Freunde ein völlig falsches Bild von Kambodscha und seiner Arbeit hatten. Es war an der Zeit ihnen die Wahrheit zu sagen.
„Als ich mit Patricia vor drei Jahren Nachts nach Hause gekommen bin und wir euch von den ersten drei Monaten aus Kambodscha berichteten, gab es zwischen Kambodscha und Vietnam noch kein Waffenstillstandsabkommen. Wir bauten Schulen auf und waren in Lebensgefahr. Auch hatte Bernhard euch vor Weihnachten 89 nicht die Wahrheit gesagt. Wir, ich, wollen nicht, dass ihr euch Sorgen macht. Seit einem Jahr ist die United Nations Transitional Authority in Cambodia – eine UN-Friedensmission mit ungefähr 15.000 Menschen aus 100 Länder in Kambodscha im Einsatz. Die Hauptaufgabe der UNTAC ist die Wiederherstellung einer zivilen und demokratischen Ordnung und die Vorbereitung freien und demokratischen Wahlen. Es geht langsam bergauf in dem Land. Kambodscha war seit Ende der 60er fast durchgehend ein Kriegsgebiet mit oft äußerst brutal geführten Auseinandersetzungen zwischen Thailand und Vietnam. Der Vietnamkrieg von den USA brachte in Kambodscha jahrelange innenpolitischen Unruhen und einen gewaltsame Regierungswechsel mit sich. Dann kam ab 1975 die Roten Khmer die Macht. Diese zerstörten einen Großteil der Infrastruktur, der öffentlichen Verwaltung und Bildungseinrichtungen. Innerhalb von drei Jahren, acht Monaten und zwanzig Tagen starben zwischen 1,7 und 2,5 Millionen Kambodschaner – rund ein Viertel der damaligen Bevölkerung des Landes! Bis heute kann niemand eine genaue Zahl nennen, manche Menschenrechtsorganisationen schätzen die Zahl sogar 3 Millionen ermordete Menschen! An 300 Orten, den sogenannten Killing Fields, wurden Menschen bestialisch umgebracht. Die Nazis waren mit ihrem Rassenwahn ein Kinderkarussell gegen das, was die Rote Khmer tat – und dies am eigenen Volk! Die Auswirkungen von diesem Genozid spüren wir heute noch. Der Analphabetismus  ist in einer astronomischen Höhe, Menschen sterben an Hepatitis und Malaria. Mangelernährung sehen wir an körperlicher und geistiger Behinderung bei so vielen Menschen.“
Hannes machte eine Pause und ließ seine Worte wirken.
„Mein Gott!“ Sagte Elfriede, eine Freundin seiner Eltern und hielt sich die Hand vor den Mund. Hannes nickte ihr zu. „Ende 79 marschierten vietnamesische Truppen in Kambodscha ein. Diese besiegten die Roten Khmer und übernahmen die Kontrolle über den Großteil des Landes.  Die Zivilbevölkerung leidet seit nun vierzehn Jahren am meisten an Hunger und Krankheiten. Natürlich auch an Bildung. Was Patricia und ich im Januar vor drei Jahren gesehen haben, war ein Alptraum! Ein Kollege aus dem Team hat es treffend als Zombieland beschrieben. Wir standen mit einer Handvoll Menschen vor der Ohnmacht dieser Welt. Wie helfen? Wer kann helfen? Wo fangen wir an zu helfen?“
Die Eltern, wie auch deren Freunde saßen geschockt am Tisch der Grillhütte.
„Vor drei Jahren hatte ich mit einem Major aus Svay Rieng eine geheime Abmachung getroffen…“ Seine Mutter riss die Augen auf „…nichts Schlimmes! Mama, ist alles gut! Ich brauchte Männer für unsere Arbeit und Vorhaben. Nur wo sollte ich diese Leute herbekommen? Die paar Zivilisten, die wir als Arbeiter hatten, waren viel zu wenig. Ich brauchte eine Armee um überhaupt irgendwo anzufangen. Ich bekam 50 Soldaten – immerhin besser als nichts. Der Major setzte mich zwei Monate später unter Druck und stellte mir Forderungen. Ich sagte ihm was ich davon hielt und wir paar Europäer keine Forderungen erfüllen werden. Wir sind zum Helfen und Aufbauen da und nicht um Forderungen zu erfüllen! Meine Antwort passte dem Major gar nicht. Er hätte mich von seinem Rang und der politischen Lage in dem Land, aus Kambodscha ausweisen können. Auch da sagte ich ihm meine Meinung…“
Seine Mutter stand kurz vorm Kollaps. „…Seit diesem Abend sind wir per du. Mama, ich sagte doch, es ist nichts schlimmes.“ „Du kannst doch mit einem Major nicht so umspringen!“ „Doch! Dies lernte ich von einem Arzt aus der Schweiz. Reto hat mir in Kampang Rou viel beigebracht und ich bin froh über diese Freundschaft. Da eben die politische Lage damals noch sehr instabil war – und heute auch noch ist, habe ich in dem Major einen Verbündeten gefunden. Dies ist aber alles geheim. Ein Offizier aus der Kasernen war und ist der Mittelsmann. Ja, ihr Leute, Politik ist nicht einfach. In dem Distrikt Svay Rieng ist ein Herr Phirun Suoth der Gouverneur. Ein Wurm, kein Rückgrat und auch sehr Korrupt. Zweimal hatte ich eine nicht gerade konstruktive Unterhaltung mit ihm, beim zweitenmal hatte ich gewonnen. Von dieser Unterhaltung hatte ich dem Major erzählt. Ab da an wusste ich wer die Fäden in der Provinz Svay Rieng zog ubd zieht. Ganz nebenbei macht der kleine Hannes aus der Nachbarschaft noch Politik.“
Sein Vater war wie vor den Kopf geschlagen. „Ich dachte du fährt Bagger und betreust ein Wasserbau-Projekt?“
„Mache ich auch. Bagger fahre ich kaum noch – zum Glück! Mein Alptraum war und ist, dass ich ein Massengrab von der Roten Khmer ausbuddele. Diese Angst habe ich heute noch, wenn meine Mitarbeiter am graben für die Wasserleitungen oder Fundamente für die Pumpen sind. Ich betreue und leite nun noch andere Projekte von unsere Firma und der UN in Kambodscha. Humanitäre Hilfe ist nicht einfach mal ein Brunnen bohren, Lebensmittel verteilen oder Bildung. Humanitäre Hilfe ist auch Politik, Macht und Gier. Macht hatte der Major, Gier der Gouverneur. Also blieb für mich nur das Militär, wenn es auch verdammt gefährlich war. Es hätte dem Major sein Leben kosten können – meines übrigens auch!“
Wieder war großes Entsetzen am Tisch und niemand konnte in dem Moment etwas sagen.
„Von Juni 90 an baute ich mit meinen Teams Schulen auf. Geld kam vom Außen- und Bildungsministerium aus Frankreich – viel Geld! UNICEF war zu langsam, obwohl mir die Leiterin von UNICEF in Kambodscha so viel versprochen hatte. Auch da musste ich mal etwas lauter meine Meinung sagen…“
Kopfschütteln von den Eltern und den vier Freunde am Tisch.
„…Mein ganzes Schimpfen und klare Haltung hat mir einen Arbeitsvertrag von UNICEF eingebracht. Ich kam nicht zur UN, weil ich brav war und immer schön nickte, sondern ganz klar meine Meinung sagte. Als im Sommer 92 endlich die United Nations Transitional Authority in Cambodia kam, bekamen wir Geld für noch mehr Schulen zu bauen. Wir haben die Infrastruktur in den Distrikten: Svay Rieng, Prey Veng und Oddar Meanchey für viele Menschen verbessert. Trotzdem ist es zu wenig. Seit drei Jahren bin ich am denken, wie wir es schaffen können, für die Menschen nachhaltig Lebensmittel und eine Existenz zu sichern. So sieht Humanitäre Hilfe aus. Ich hatte mir dies so auch nie vorgestellt. Es ist eine schwere Arbeit für eben mal tausende Menschen zu denken und immer wieder die Probleme Geldgeber zu finden und zu überzeugen.“

Am Dienstag nach Pfingsten fuhr Hannes mit dem Zug vom Naheland in die Pfalz zu Ludgar um mit ihm über die nächsten Lieferungen der Wasserpumpen zu reden. Beide kannten sich nun schon drei Jahre und Hannes mochte die pfälzische Gelassenheit von Ludgar. Im Büro von Ludgar waren noch zwei andere Ingenieure und wollten von Hannes wissen, wie die beiden hochmodernen Hochleistungspumpen mit den speziellen Getrieben für seine beiden Wasserräder funktionierten. Beim erzählen sah Hannes den Stolz in den Augen von Ludgar „Ich kann ohne Übertreibung sagen, Ludgar hat zwei Pumpen gebaut, die zuverlässig arbeiten und selbst ohne Getriebe äußerst respektable Leistungen bringen. Ich konnte damals die Antriebskraft von dem einen Wasserrad nur schätzen und trotzdem baute Ludgar mir diese Pumpe.“ „Ich muss auch sagen, es war viel Glück und etwas Erfahrung dabei.“ Hannes nickte Ludgar zu „Sei nicht so bescheiden. Durch deine Erfahrung haben sechs Dörfer schneller Wasser, als wir die Hauptleitung legen können. Ludgar, so vieles hat sich durch deine Pumpen für diese Menschen verbessert!“
Beim Mittagessen in der Firmenkantine erzählte Hannes von den vielen Projekten in und um Kampang Rou und wie wer immer noch nach einer Lösung für die Lebensmittelknappheit in der Provinz Svay Rieng suche.

Ludgar fuhr Hannes nach Mannheim zum Hauptbahnhof. Hannes wollte dies nicht, aber Ludgar ließ keine Widerrede zu. Die halbstündige Fahrt mit privaten Gesprächen war für beide sehr angenehm.
„Wann fliegst du nach Kambodscha zurück?“ „Ich denke am Wochenende. Wir haben alles soweit besprochen. Morgen fahre ich mit Bernhard nach Reims in die Firma und dann eventuell am Freitag oder Samstag von Frankfurt nach Bangkok.“

Von Mannheim aus fuhr er mit dem Zug nach Metz.
Franziska holte ihn am Bahnhof ab und war so froh den Schwiegersohn in spe zu umarmen.

Nach einem langen Abend mit Gesprächen und Wein, war Hannes froh im Bett von Patricia zu liegen. Mit den Erinnerungen an viele schönen Momente in diesem  halbrunden Bett, schlief er mit Cleo an seiner linken Seite ein.
Es war noch vor 6 Uhr als Cleo ihn mit seinen riesigen Labrador Pfoten unsanft weckte.
Cleo, du nervst. Kannst du nicht alleine in den Garten gehen?“ Cleo stellte sich mit seinen Vorderpfoten auf seine Brust und Hannes dachte ihm wird der Brustkorb eingedrückt.

Nach dem Frühstück mit Bernhard und Franziska war es an der Zeit nach Reims in die Firma zu fahren. Es musste über einige Projekte gesprochen werden. Mittlerweile gab es drei Wasserbau-Projekt und auch drei Bauabschnitte für Stromtrassen. Stephane wollte unbedingt diese Projekt der Stromversorgung haben und hatte sich auch mächtig ins Zeug gelegt um Mitarbeiter zu bekommen. So waren seit Herbst 92 drei neue Mitarbeiter für die Stromtrassen bei ODHI angestellt.Der Däne Morten Bjarnesen, Matteo Vermeulen, aus Belgien und der Franzose Piere Gauthier. Zwei Wasserbau-Projekt kamen in gleichem Jahr noch hinzu. Das größte Projekt war 350 Kilometer lang und führte von Phnom Penh über Udong, Kompong Chhnang an Battambang vorbei bis nach Poipet an die Grenze zu Thailand. Gust und Arjen Wouters hatte die Bauleitung für dieses Projekt. Arjen kam wie Gust aus Belgien, sie kamen im Herbst 92 ins Team, genau so wie die beiden niederländische Brüder Fiete und Rouven Verhoeven. Sie sind Hochbau Ingenieure.

Das dritte Wasserbauprojekt war mit seinen 100 Kilometer Hauptwasserleitung wesentlich keiner und führte von Samraong nach Siam Reap. Die Bauleitung hatte Hannes, die Teamleiter waren Nolan, Cees, Martin Bödner, aus Deutschland und Thore Lindqvist, aus Schweden im Tiefbau. Ferdinand, Luan und Rasmus Nyström, auch ein Schwede, im Hochbau. Bödner, Lindqvist und Nyström kamen über die UNTAC im Dezember 92 zu ODHI.

Das Hauptbüro von ODHI Kambodscha blieb weiterhin in Kâmpóng Trâbêk. Aus einem kleinen Team von Bernhard, Eliane, Roman und vier Kambodschaner wuchs die Bürobelegschaft mit einem Dutzend neuer Mitarbeiter an. Auch wuchs der Maschinenpark auf 34 Caterpillar Bagger, 12 Caterpillar Radlader, 8 Mehrzweckbagger und 8 Planierraupen, 8 Poclain 90 CK Kranbagger, 8 Scania 113 Dreiachs Kipper und 2 Scania 143 Sattelzüge mit Tieflader. Mit den eigenen Lkw konnte wesentlich mehr Material transportiert werden und die Transporte der schweren Bagger war durch die zwei Tieflader erheblich schneller und auch endlich planbar.

Die Mitarbeiterzahl von Organisation de développement et de secours pour l’humanité et les infrastructures wuchs in Kambodscha mit oder durch UNTAC auf 50 Europäer und fast 600 kambodschanische Mitarbeiter an.

Der erste Bauabschnitt von dem damaligen Projekt war fertig. Arthur und Asger hatten mit ihren zwei Abschnitte noch bis Anfang 95 ihre Arbeit. Niemand traute Hannes im Frühjahr 1990 diese Zeitvorgabe zu. Asger blieb in der Provinz Svay Rieng und hatte dort zwei neue Teamleiter dabei. Da Hannes dieses Projekt seit drei Jahren leitete, war er auch öfter in Svay Rieng bei Asger.

Da Patricia und Hannes ein Haus in Nakhon Ratschasima hatten, wollte Hannes das dritte Wasserbauprojekt im Nordosten leiten. So war gegeben, dass sie am Wochenende die 200 Kilometer nach Hause fahren konnten.
Patricia leitete seit diesem Jahr eine Schule in Chong Kal – noch in einem Zelt, aber Dhani war schon am Bau einer Schule beschäftigt.

Das Team von Patricia wuchs in Kampang Rou auf drei weitere Lehrer an. Levi und Patricia arbeiteten zeitweise schon für das Bildungsministerium und würde im nächsten Jahr zur Hälfte für das Ministerium in Phnom Penh und UNICEF arbeiten.
Mit den Erfahrungen von Kampang Rou und Khsaetr, wurden nach gleichem Schema neue Schulen in anderen Provinzen aufgebaut. Das ursprüngliche Lehrerteam von Patricia war maßgeblich an einer komplett neuen Schulreform in Kambodscha beteiligt. Mit diesen fünf Menschen, war ein Grundstock geschaffen worden, die für die Nachfolgenden Lehrer nur von Vorteil waren.
Seit Anfang des Jahres kamen noch fünf Europäische Lehrer hinzu, so konnten in den Provinzen Svay Rieng, Prey Veng und Oddar Meanchey wenigstens ein paar Schulen aufgebaut werden. Diesen zwei Provinzen standen Gouverneure vor, die im Denken und Handeln gleich waren wie Major Bourey Duong, über ihn kamen auch die Kontakte. Der Gouverneur von Oddar Meanchey war Rangsey Choem, ein Weltoffener, kluger und sehr sympathischer Mann. Sakngea Khin, der Gouverneur in der Provinz Prey Veng, kannte Hannes schon seit 1990. Auch er zählte zu den Menschen, denen Hannes und Bourey vertrauten.

Hannes als School Project Manager, Hattie als Managerin of Education and Health bei UNICEF, Patricia und Levi im Bildungsministerium. Bourey, Rangsey und Sakngea im Hintergrund der Politik, war eine bauliche, politische und schulische Basis aufgebaut von dem Kambodscha profitierte. Sieben Leute bewegten mehr als eine Armee von Mitarbeiter bei UNTAC.

Am frühen Nachmittag waren Bernhard und Hannes in Reims eingetroffen. Stephane war froh, Hannes wieder zu sehen. Das letzte Mal war Stephane im Oktober 92 mit den neuen Mitarbeiter in Kambodscha gewesen.
Nachdem im Büro alles relevante zügig besprochen wurde, schob Stephane ein Schreiben über den Tisch zu Hannes. „Ministère de l’Affaires étrangères. Was soll dies nun?“ „Du, ich, wir, sollen in die Quai d’Orsay kommen. Monsieur Alain Juppé möchte dich sehen.“ „Schick ihm ein Foto!“
Stephane legte den Kopf zur Seite „Hannes! Das Außenministerium gab dir viel Geld für deine Schulen, dann solltest du dich auch dort blicken lassen.“ „Eben war es noch Wir. Nun ich. Du weißt, dass ich diese Publicity nicht mag. Du warst es, der die Gelder besorgt hatte. Ich habe nur gebaut. Fahr du nach Paris und genieße die Canapés und den Champagner. Lass mich aus dem Spiel.“ „Bernhard, sag du auch etwas.“ „Ah, wenn der Feigling-Chef nicht mehr weiter weiß, holt er sich Unterstützung. Willst du auch noch Jean Grizon um Hilfe bitten? Komm, ist gut. Bevor du noch auf die Knie gehst, fahre ich mit. Wann?“
Ein breites grinsen war im Gesicht von Stephane Dilbert zu sehen. „Am 9. Juni ist das erste Treffen im Außenministerium, zwei Tage später im Élysée-Palast.“
„Élysée-Palast. Darf ich mal fragen, seit wann du diesen Termin weißt?“ „24. Mai.“
„Und das sagst du mir erst heute?“ „Ja, hätte ich es dir früher gesagt, wärst du nicht nach Reims gekommen. Richtig?“
„Oui! Kennst mich schon ganz gut. Brauch ich für deinen Élysée-Palast noch eine besondere Garderobe?“
Stephane sah zu Bernhard und verzog das Gesicht. „Nina geht mit dir einen Smoking kaufen.“  Hannes riss die Augen auf. „Ist jetzt nicht dein ernst!?“

Nina, die Personalchefin von ODHI, fuhr mit ihrem Wagen in die 16 Rue Cadran St Pierre in Reims, zu einem Herrenausstatter.
Die Tür von dem Geschäft war noch nicht richtig geschlossen, da kamen auch schon zwei Verkäufer auf sie beide zugestürmt. Sie wurden offensichtlich erwartet und in einem eifer aus Überschwänglichkeit wurden beide begrüßt wie ein Königspaar. „Gott, was hab ich nur verbrochen! Dieser Feigling-Chef.“  Hannes sah zu Nina, sie zog die Schultern hoch. „Nina, für die Preise was eine Jacke kostet, bekomme ich einen Kleinwagen!“ „Smoking. Hannes, Smoking. Keine Jacke.“ „Bitte sag du mir endlich die Wahrheit, was mich in zwei Wochen in Paris erwartet.“ „Ihr bekommt den Ordre national du Mérite verliehen.“
„DEN WAS!?“ „Den Nationalen Verdienstorden von Frankreich.“

Hannes hatte das Gefühl als ob ihm jemand den Boden unter den Füßen weg ziehen würde. „Excusez moi s’il vous plait, würden die Herren uns bitte für einen Augenblick entschuldigen.“
Hannes mochte es gar nicht, wenn diese zwei Pinguine ihn befummelten. Er ging mit Nina in Richtung der Schaufenster um eine größere Distanz zu den beiden Verkäufer zu bekommen.
„Nina, was soll das? Zum einen hat Patricia bei weitem mehr gemacht als ich. Sie ist es, die den Kinder lesen und schreiben lernt. Sie ist die Hauptperson! Ich habe nur gebaut und am wenigsten damit zu tun, bitte akzeptiert dies! Es ist falsch mir eine Auszeichnung zu geben und ihr nicht.“ „Ich sagte ihr! Ihr bekommt den Französischen Verdienstorden verliehen!“ „Patricia ist in Kambodscha!“
„Nein. Sie sitzt jetzt im Flugzeug und ist auf dem Weg nach Paris.“ „Nina! Ich kann dies alle nicht glauben! Wusste sie etwas von dieser Verleihung?“ „Nein. Stephane hat dir die Wahrheit gesagt. Das Schreiben vom Außenministerium kam wirklich erst am 24. Mai, da warst du aber schon in Deutschland. Hannes, bitte. Es ist die Wahrheit! Du und Patricia bekommt für eure Arbeit eine Auszeichnung, für die andere auf die Knie fallen und ich führe hier mit dir eine Diskussion darüber. Mag sein, dass Stephane ein Feigling-Chef ist, aber er beschützt dich, er achtet auf dich und bringt dich voran! Er kann es nur nicht so ausdrücken. Wir alle sind unglaublich stolz auf euch! Wir als Organisation werden auch Ausgezeichnet! Du steht bei uns auf der Gehaltsliste, Patricia nicht. Trotzdem hat Stephane es ermöglicht, dass Patricia auch diese Auszeichnung bekommt. Dir ist immer noch nicht bewusst, wie Jean und Stephane hinter dir und Patricia stehen!“ „Nina, dies ist alles eine Nummer zu groß für mich! Ich muss zusehen, dass ich nach Paris komme und Patricia Morgen abhole.“ „Ist alles gut! Hannes, ich habe mich um alles gekümmert. Du fährst mit dem TGV heute Abend noch nach Paris. Ihr habt ein Zimmer im Hôtel Eiffel Trocadéro. Patricia wird Morgen von einem Fahrer am Charles de Gaulle abgeholt. Jetzt komm endlich, dass die Schneider dir deinen Anzug Maß nehmen können! In drei Stunden geht der TGV.“

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