8 Nila und das Frauenhaus

Teil III Kapitel 8  
Gardez / Irgendwo in den Bergen zu Pakistan

Nila und das Frauenhaus
„Mach dir über das mir zur Verfügung stehende Budget keine Gedanken.“

16. Februar 2007
Heute telefonierte Hannes mit seinem Vater in Deutschland und erzählte ihm, dass er in einer kleinen Stadt nahe der pakistanischen Grenze sei und etwas über die letzten Wochen, wie Afghanistan, die Menschen und die Umgebung so sei. Natürlich sagte er nichts von den Bombenanschlag in Dschalalabad.
Er rief auch nach Thionville an und erzählte Franziska von den erlebten am Vortag in der Schule und er sich nun Gedanken machte, wie Hilfe organisiert werden kann. „Hör nie auf an dich zu glauben“ waren die letzte Worte von Franziska nach dem halbstündigen Telefonat.

Vom Dach aus sah Hannes die nackten schroffen Felsen, zerstörte Häuser in fast jeder Straße und die Felder in Richtung Osten.
Jeder hing an diesem Morgen seinen Gedanken nach oder nahm Kontakt mit der Familie oder Freunde via Internet, Skype oder Telefon auf.

Hannes kontaktierte einige Hilfsorganisationen in Deutschland, England und USA via E-Mail und schrieb einige Informationen über die Schule von Gardez und die Situationen der Kinder. Er fügte einige kurze Videos bei, die ihm Stacey und John zur Verfügung stellten. Hannes hoffte auf Reaktionen von den Angeschriebenen Organisationen.
Dieser Job war wie ein Lauf gegen Windmühlen, wie ein Tropfen auf einen heißen Stein. So viel Geld kann niemand aufbringen um Frieden und Sicherheit zu schaffen! Gibt es Unterstützter für Gardez, sind es die Kinder in Ghazni, Sharan oder Kandahar die auf der Stecke bleiben. So viel Not in diesem Land, dass man gar nicht weiß, wo man Anfangen soll zu helfen.

Hannes wollte mit Nila reden um ihr zu sagen, dass er sich um ihre Schule kümmern werde.
Mit dem Range Rover fuhr er zur Schule und parkte hinter dem Haus. Als er ausstieg sah er Nila an Fenster ihres Büros stehen. „Heute alleine unterwegs und ohne Waffe?“ Begrüßte sie ihn durch das Fenster. „Alleine schon.“
Im Büro erzählte er Nila, dass Emily sich um die Op´s von Ayden und Masal kümmere und welche E-Mails er an internationale Organisationen
verschickt hatte und hoffte das auch bald Antwort kommen würde. „Warum tust du dies alles?“ Fragte Nila. „Weil Bildung die einzigste Möglichkeit ist für eine bessere Zukunft, eine bessere Welt und für Frieden und Menschlichkeit. Daher habe ich vor einigen Jahren überhaupt mit diesem Job angefangen. Es war Anfangs nicht so geplant, als dort wo ich heute bin. Nur leider ist ein Leben ohne Waffe in den Gefährlichsten Länder der Welt ein Himmelsfahrtkommando.“

Es war Schulschluss und
Nila wollte, dass Hannes sie in ihr Haus begleitete.
Nila kam aus dem staunen nicht mehr heraus, als sie die paar Kilometer in dem Range Rover zu ihrem Haus fuhren: Panzerglas, Knöpfe, Schalter, Displays, Kameras. „Wir brauchen solche Fahrzeuge für unsere Gäste und auch für unseren eigenen Schutz.“ Nila nickte „Leider, ich weiß. Der Terror kann jede Sekunde und überall zuschlagen.“

Das Haus von Nila war so wie fast alle Häuser in Afghanistan: Flach gebaut und hatte einen kleinen Innenhof von 80 Quadratmeter. Das Tor war so breit, dass gerade der Range Rover Armoured hindurch passte. „Da habe ich mit meinem Datsun schon Probleme und du fährst mit diesem Schiff da durch“ sagt Nila ganz erstaunt, als der Range Rover im Hof stand. „Die Kiste kostet ein Vermögen und ich lasse ein solches Auto nicht auf der Straße stehen. Es hat doch rein gepasst“ sagte er und lächelte.

Im Haus war es sehr sauber und die Einrichtung zeigte, dass Nila lange in Deutschland lebte. Ihre drei Zimmer waren sehr schön und geschmackvoll eingerichtet. Ein Wohnzimmer mit einer Couch, zwei Sessel und Tisch. Eine moderne kleine Wohnwand waren in dem Raum den man durch die Haustür betrat. Zwei große dicke Teppiche lagen in dem Raum. Ein kleiner Fernseher stand auf einer Kommode neben der Wohnwand. Gegenüberliegend hatte sie einen Schreibtisch mit einem Computer. Die Küche war eine kleine Küchenzeile mit Hängeschränke, Spüle, Kühlschrank und Gaskocher. Links davon stand eine Waschmaschine. In dem Raum stand ein runder Tisch mit vier Stühlen. Sie zeigte ihm ihr  Schlafzimmer in dem ein Doppelbett, Sidebord und viertüriger Schrank stand. Das Bad war in leicht gelb gefliest. Eine Dusche gehörte auch zum Bad. Die Möbel waren modern und in einer Ecke standen zwei große Pflanzen.
Ihr Haus war sehr schön eingerichtet. Fotos und Bilder aus Deutschland hingen an den weißen Wänden. „Du hast eine schönes Haus. Es ist sehr schön eingerichtet. So etwas gibt es in Afghanistan wohl auch selten.“ „Dankeschön. Deutschland hat mich nicht nur in Möbel und Mode geprägt – auch im Denken.“

Beim Tee erzählte er ihr sein Leben und seine Träume für Kinder in einer besseren Welt. „Du bist ein guter Mensch“ sagte Nila respektvoll. „Ich nicht alleine. Alle in meinem Team sind gute Menschen. Emily hat als Ärztin schon so vielen Menschen in Afrika geholfen, sie wird auch jetzt Ayden und Masal helfen.“ „Was du vorhin über dich erzählt hast, ist bemerkenswert. Der Tod von deiner Frau tut mir sehr leid. Ich würde dir gerne eine Haus zeigen – ein Frauenhaus. Dies ist fast an der Grenze zu Pakistan.“ „Okay. Wann?“ „Morgen?“ „Gut. Ich denke das Kamerateam würde dies auch gerne sehen.“ „Kein Problem. Solange der Ort geheim bleibt.“

Nila macht als Abendessen Qabuli Palaw. Qabuli, ist ein afghanisches Gericht. Es besteht aus Reis mit Rosinen, Karotten, und Lamm oder Hähnchen gemischt. Es ist eines der beliebtesten Gerichte in Afghanistan und gilt als das afghanische Nationalgericht.

Die Gespräche mit Nila an diesem Abend waren sehr angenehm. Ihre politische Meinung und Bildung gefiel ihm. Bis kurz vor Mitternacht war er bei ihr gewesen. Er hätte ihr gerne noch viel länger zu gehört. Sie war eine sehr angenehme Person.

Am Nächten Tag war Nila um 7 Uhr mit ihrem Datsun am Haus von Ayden. Die Fahrzeuge waren schon gepackt und auch gecheckt. Es konnte auch sogleich los gehen.
Die Fahrt führte aus Gardez in südliche Richtung zu dem Khost-Gardez-Pass. Dieser wurde schon in der Antike genutzt, da er die Verbindung von Kabul nach Pakistan und weiter nach Indien ermöglichte. Die Passstraße wurde, wie auch die Schulen von Nila und das Krankenhaus in Gardez, mit Geld aus Deutschland ab 1965 teilweise asphaltiert und Instand gesetzt. Diese Arbeiten wurden 1979 mit der sowjetischen Besetzung aufgegeben.

Das Gebirge über dies es ging war wahnsinnig hoch. Die Berge waren nur noch braun. Man sah eigentlich nichts mehr an Pflanzen. Nur noch kleinere Büsche wuchsen hier. Die Bergspitzen waren mit Schnee bedeckt. Die Straße wund sich den Pass hoch.
Nach über einer Stunde fahrt über diesen gewaltig hohen Pass, erreichten sie einen kleinen Ort mit ein paar Häuser und vielen kleinen Hütten. Kein Baum so weit man schauen konnte. Nur Sand, Lehm und kleinere Büsche. In dieser Höhe von 4000 Meter und seinem ariden Klima wuchs noch nicht einmal Gras. Büche war das einzigste was an Flora wuchs. Die wenigen kleinen Felder brachten kaum einen nennenswerten Ertrag an Getreide.

Hannes steuerte den Range Rover durch die kleine Ortschaft wie Nila es ihm sagt. Lehmhütten und einfachste Häuser standen an den sandigen Pisten. Einige der Häuser auch hinter hohen Mauern. Hier hatte alles nur eine Farbe: braun! Braun die Häuser, braun die Gegend und braun die Straßen. Welch eine Trostlose Gegend dachte Hannes. „Die zweite Straße geht es rechts rein. Du bleibst an der Straße stehen, ich steige aus. Dann fährst du die übernächste Straße wieder rein und dann einmal ums Carré“ sagt Nila zu Hannes „ich mache in der Zeit das Tor auf damit ihr mit den Autos in den Innenhof fahren könnt.“
Hannes fuhr so wie Nila es ihm sagte. Straßen waren etwas anderes. Schlaglöscher, Müll jede Menge Unrat und Fäkalien auf und neben der schmalen Fahrbahn. Fahrbahn war im Ansatz nicht das Wort auf dem sich die zwei Fahrzeuge gerade bewegten. Um die Ecken muss Hannes aufpassen, damit er mit dem großen Range Rover nicht eine Hauswand abfuhr. Über Funk hört er Oliver fluchen, was dies doch für ein Käse sei! Der Toyota Quantum war zwar nicht ganz so breit wie der Armoured, dafür aber ein gutes Stück länger.

Hier waren sie nun, an einem geheimen Ort zwischen Gardez und Khost. In den Stammesgebiete, der Swak, Gerda Serai und Waze Zadran. Bei diesen Stämmen war ein mittelalterliches Denken und Weltbild noch vorherrschend. Ein Frauenhaus im Nirgendwo, in dem Zwangsverheiratete Frauen unterschlupf und Hilfe bekamen.
Drei kleinere Gebäude waren hinter einer drei Meter hohen Mauer. Man braucht nicht zu erwähnen, dass es in dem Innenhof der drei flachen Gebäude genauso aussah, wie alles andere jenseits der Mauer.
Im Büro von Svea, der Verantwortlichen Frau für dieses Anwesen, wurde besprochen was genau das Anliegen von dem Besuch sei. Nila führte die kleine Gruppe durch die drei Häuser und erzählte das ein oder andere. Hannes fragte sie nach dem Besuch von dem ersten Gebäude „du bist auch nicht das erste mal hier?“ „Nein. Ich unterrichte hier alle zwei Wochen die Mädchen“ sagt Nila an die Gruppe gewannt. Auf den fragenden Blick von Hannes ergänzte sie „weil Bildung die einzigste Möglichkeit für eine bessere Zukunft, eine bessere Welt und für Frieden und Menschlichkeit ist. Deine Worte, Hannes.“
Die drei Bauten waren spartanisch eingerichtet. Dünne Matratzen lagen auf dem Boden des einen Hauses. Dies war offensichtlich der Schlafraum dieser Kinder und jungen Frauen. Keine Möbel und auch so nicht gerade der “Wohlfühlfaktor“. In einem anderen Gebäude war eine Art Küche eingerichtet und ein Raum in dem acht Nähmaschinen standen. Dann gab es einen Raum der an ein Klassenzimmer erinnerte. Eine Wandtafel aus den 70er zierte die eine längs Wand. Teppiche in allen Größen und Farben lagen auf dem Boden. Auch hier waren keine Möbel. Dies war also alle zwei Wochen der Arbeitsraum von Nila.
Gregory und Stacey teilen sich wieder auf und so konnte jeder etwas anderes Filmen oder Interviews machen. Emily und Tamina wollten einige Frauen medizinisch Versorgen und hatten dafür einen Raum neben dem Büro von Svea bekommen. Hannes und Sabine wollen bei Nila bleiben und sehen wie diese den Unterricht führte. Nila machte Unterricht mit deutschen und afghanischen Bücher. Die deutschen waren für Vorschule, erste und zweite Klasse Grundschule. Einfache Bilder. Einfache Wörter. Die meisten dieser Mädchen konnten noch nicht einmal ihren Namen schreiben! Nila brachte diesen Mädchen die Grundformen von lesen, schreiben und rechnen bei. Es kam ihnen vor, als ob sie im einem deutschen Kindergarten waren. Nur das diese Mädchen und junge Frauen von 10 Jahren aufwärts mühsam lesen und schreiben lernten und bereits die Hölle in ihrem Leben erfahren hatten.
Emily kam in den Raum, sie winke Hannes zu „Komm bitte mit vor die Tür.“ Er ging mit ihr in den Innenhof der Gebäude und sag sie fragend an. „Hannes, ich habe so etwas nicht erwartet! Die Frauen haben Verbrennungen und Wunden die schnell behandelt werden müssten. Nur bei Oberflächlicher Betrachtung reicht meine Notarzt Ausrüstung nicht im Ansatz um jede Frau medizinisch zu versorgen. Ich mache was ich kann, aber es ist bei weitem viel zu wenig.“ „Dann nimm die drei großen Notfallkoffer aus den Autos.“ Emily schüttelte den Kopf „Nein! Zwei ja, aber nicht alle drei. Wir müssen auch an uns denken.“ „Ok, dann nimm den aus meinem Auto und der zweite aus dem Bus.“ „Hannes, die Frauen brauchen dringend ärztliche Versorgung! Was wir beide aus dem Sudan kennen, sehe ich hier wieder. Misshandlungen am ganzen Körper, Spuren von Folter, Prellungen, Mangelernährung, Kälteverbrennungen, gewaltsamer Schwangerschaftsabbruch und noch mehr.“ „Im Sudan hatten wir ein Hospital im Camp, wie es manche Kleinstadt in Europa nicht hat. Hier stehen uns drei Notarztkoffer zur Verfügung. Emily, ich hatte keine Ahnung was uns heute hier erwartete. Nila hat von all dem nichts gesagt. Selbst wenn wir es irgendwie einrichten können noch mal hier her zu kommen, bist du trotzdem alleine. Du bist eine verdammt gute Ärztin, du kannst dich aber in ein paar Stunden nicht um die Frauen kümmern, wie du es willst. Tamina kann dir lediglich etwas zur Hand gehen oder kleiner Behandlungen vornehmen. Sie hat zwar eine umfangreiche Ausbildung, aber doch bei weitem nicht das, was hier offensichtlich gebraucht wird. Von wie viel Frauen reden wir überhaupt? “ „Alle!“ Hannes sah sie Fassungslos an „Mein Gott!“

Er stand alleine in dem tristen Innenhof und seine Gedanken rasten im durch den Kopf. Was nun? Er schloss die Augen und hörte die Worte von Emily. All dies ist noch weniger als ein Tropfen auf den heißen Stein.

Er ging zu Oliver. Im Büro von Svea konnte er ungestört reden und sagte ihm, was Emily ihm eben berichtet hatte. Ratlosigkeit und Hilflosigkeit waren Dinge, die Hannes gar nicht mochte. „Was ist, wenn wir andere Hilfsorganisationen kontaktieren? Das Rote Kreuz, Roter Halbmond, Ärzte ohne Grenzen? Es gibt doch noch einige Organisationen hier im Land.“ „Oliver, du hast recht. Es gibt einige Organisationen hier. Nur, welche würde soweit hier her fahren? Wir sind fast an der pakistanischen Grenze. Wer übernimmt die Sicherheit für die Mitarbeiter der Organisation? Dann ist immer noch die Frage wer es bezahlt.“ Oliver nickte stumm. Er hatte auch keine Antworten auf die Fragen.

Die Mädchen und junge Frauen saßen in dem Klassenzimmer. Und Hannes sah in gezeichnete Gesichter und oft leere Augen.
Nila kam zu Hannes und Sabine, die an der Wand von dem Klassenraum standen. „12 Jahre. Die jüngste ist gerade 12 Jahre alt. Die Mädchen wurden oft schon mit 10 Jahren verheiratet. Von ihren Männer, die ihre Väter oder Großväter sein könnten, misshandelt oder wie Sklaven gehalten. Hier haben sie Schutz. Svea, unterstützt sie bei der Rückführung zu ihren Familien – wenn die Kinder dies natürlich noch wollen. Es wird sich auch um die Scheidungen gekümmert, dies gelingt in den wenigsten Fällen. Die Männer sehen ihre Frau als ihren Besitz an. Die Kinder und junge Frauen dürfen das Haus nicht verlassen, da diese noch verheiratet sind. In der Öffentlichkeit zeigen können sie sich auch nicht, weil sie unter Lebensgefahr geflüchtet sind. Frauen haben in Afghanistan keine Rechte. Wenn ein Ehemann seine Frau tot schlägt, wird er noch nicht einmal dafür bestraft.“ Sabine und Hannes sahen Nila an und wussten nicht was sie sagen sollten. Die Mädchen und junge Frauen drehten sich zu ihnen um, um zu sehen was Nila zu den fremden Menschen sagte.„Nila, warum hast du mir nichts von all den Misshandlungen gesagt als ich bei dir zu Hause war? Emily hat mir berichtet, was sie nur Oberflächlich sah!“ „Was sollte ihr dir sagen? Das es geschundene Seelen sind?“ „Ja! Ja, verdammt. Das hättest du mir sagen können. In Gardez hätten wir noch im Krankenhaus vorbei fahren können“ sagte Hannes etwas lauter, als er es eigentlich wollte. „Hast du eine Vorstellung was Medikamente kosten?“ „Nila, ich bin der Sicherheitschef für Afghanistan, ich bestimme zur Zeit über einen Budget von zwei Millionen US Dollar – pro Monat! Hast du eine Vorstellung was Emily und dieser ganze Sicherheitsaufwand kostet? Glaub mir, da sind die Medikamente das kleinste Problem.“ „Entschuldigung, dies wusste ich nicht.“ „Nein, woher auch? Nila, ich bin mit dir gefahren um zu sehen, wie ich helfen kann. Ich hatte dir von Kambodscha, Thailand und Sudan erzählt. Du kennst meine Einstellung zu Kinder und Hilfe. Ich sagte dir, dass ich mich um deine Schule kümmern werde, dann gibt es auch für dieses Frauenhaus eine Lösung. Nur weiß ich diese jetzt noch nicht.“ Sie sah ihn traurig an. Er nahm sie in die Arme „Ein bisschen Hilfe ist immer noch besser als gar nichts. Du schwäbische Schupfnudel“ Sie sah ihn an und lachte „Du bisch ein guter Mensch.“

John und Stacey bauten neben Hannes und Sabine ihre Kameras auf. Nila erklärte den Mädchen warum die Kameras hier seien. Es sei nun die Möglichkeit, dass die Mädchen etwas sagen – wenn sie dies überhaupt wollten.

Die 14 jährige Ellaha wollte ihre Geschichte erzählen. Nila Übersetzt von paschtu auf deutsch und Tamina auf englisch.
Ellaha wurde von ihrem Vater vor vier Jahren verkauft. Ihr Preis waren 20 Schafe und eine kleine Ackerfläche. Ihr Mann war schon alt. Er hatte graue Haare und vor ihr hatte er schon drei Ehefrauen umgebracht. Sie wurde wie ein Hund an einer Kette gehalten. Sie war auch schwanger von ihrem Mann. Eines Tages sei ihre Nachbarin vorbei gekommen und sie hätte ihr etwas zu trinken gegeben, später sei das Kind tot auf die Welt gekommen. Bei der zweiten Schwangerschaft hätte ihr Mann sie so fest in den Bauch getreten, dass sie sehr viel Blut und auch dieses Kind verloren hatte. Nach dem ihr Mann sie wieder vergewaltigte, hat er vergessen die Tür von ihrem Raum richtig zu verriegeln. In dieser Nacht sei sie weggelaufen. Sie wusste nicht wo hin und lief mehrere Tage ohne Schuhe, nur mit ihrem Kleid bekleidet durch die Berge. Es war Oktober. Der erste Schnee sei gefallen. Als sie völlig erschöpft und unterkühlt an der Straße lag fand sie ein Mann mit einem Esel und nahm sie mit zu sich nach Hause. Aus Angst das er sie auch Missbrauchte oder noch schlimmer – zu ihrem Mann zurück bringen würde, denn er bekäme bestimmt Finderlohn für sie, sei sie trotz der Unterkühlung weglaufen und wollte lieber in den Bergen sterben.
Ellaha machte eine Pause und zog ihre Socken aus und alle Anwesenden in dem Raum sahen Füße die schwarzbraun waren. Geschundenes Fleisch, zwei Zehen am linken und eine Zeh am rechten Fuß waren nicht mehr da. Blasen und Beulen bis weit über die Knöchel. Ellaha zog von ihrem Kleid den rechten Arm hoch und auch dort waren schwarze Flecken in der Haut.
„Mein Gott, was Menschen alles erleben, können wir uns gar nicht vorstellen“ sagte Sabine leise und ihr kamen die Tränen.
Ellaha erzählt weiter, dass sie nur durch Zufall von Svea gefunden wurde, sonst wäre sie in den Bergen gestorben. Svea hatte mit einem Anwalt nun schon den dritten Versuch unternommen, dass sie endlich geschieden wird, aber ihr Mann erscheine nie vor Gericht und auch die Gespräche mit den Stammesältesten haben bis heute nichts gebracht. Ihr Mann habe schließlich ein “Vermögen“ für sie bezahlt und möchte sie zurück haben. Solange sie nicht geschieden sei, kann sie auch das Haus nicht verlassen und wenn, dann nur mit einer Burka, damit sie nicht erkannt wird. Sie lebe zwar jetzt in Sicherheit aber trotzdem sei sie gefangen. Zu ihrer Familie will sie nicht zurück, weil ihr Vater in der Schuld von ihrem Ehemann stehe und sein Gesicht nicht verlieren möchte und Ellaha wieder ausliefern würde. Sie hoffe nur, dass sie bald geschieden wird oder ihr Mann stirbt damit sie dann endlich frei sein.

Hannes sah zu John und Gregory die rechts neben ihm standen und filmten. Beide sahen ihn an und waren fassungslos von dem, was dieses Mädchen erzählte.

Behar war 19 Jahre alt und sehr verschüchtert. Auch sie möchte erzählen wie es ihr ergangen sei. Sie wurde von ihrem Stiefvater für 30000 afghani, 400 Euro, verkauft, weil der Vater keine Arbeit hatte und er für vier Frauen in seinem Haus sorgen musste. In Afghanistan ist ein Mann, der keinen Sohn hat, nicht so viel wert. Daher werden oft die Mädchen verkauft. Behars Schwester wurde ein Jahr vor ihr Verkauft und sie Überlebte die Misshandlungen von ihrem Mann nicht. Behars Mann war eigentlich ihr Schwager. Nach vier Jahren Ehe und schon einem Fluchtversuch, bei dem ihr Mann ihr später mit Benzin die Beine anzündete und sie lebendig verbrennen wollte, habe sie sich beim Löschen die Arme und Hände verbrannt. Nach langer Zeit mit allen Erniedrigungen die folgten, floh sie das zweite mal aus dem Haus als ihr Mann zu einer Stammesversammlung war. Auch sie war tagelang unterwegs und wusste, wenn diese Flucht nicht gelinge, sie diese nicht überleben würde. Eine US-Militär Kolonne habe sie abseits der Straße gefunden und in einem Hospital behandelt. Auf dem Stützpunkt war ein Arzt der von dem Frauenhaus wusste und so kam sie in dieses Haus und möchte nun nur noch sterben. Denn sie habe trotz der Salbe immer viele Schmerzen und sie schäme sich für ihre Haut.

Die 60 Kilometer Rückfahrt nach Gardez waren vor Einbruch der Dunkelheit nicht mehr zu schaffen und zudem Lebensgefährlich.
Hannes rief Sergeant First Class Paul Miller in Kabul an und fragte nach einer Unterkunft in dem US- Stützpunkt nahe der Stadt Khost denn dort war ein Provincial Reconstruction Team von dem US Militär. „Für dich immer mein Freund“ E
endete ein lachender Texaner das Gespräch.

An dem Kontrollpunkt zu dem PRT wurden die zwei Fahrzeuge schon erwartet und im Innern des Camp von Major Roger Juarez auf deutsch „Herzlich Willkommen, Spießbratenmann“ in Empfang genommen. Hannes war wie vor den Kopf geschlagen! Wieder jemand der deutsch konnte und dann auch noch wusste was Spießbraten war. Roger Juarez sagte ihm „Ich wohne seit fünf Jahre in Idar-Oberstein. Mehr als die Hälfte von dem Camp ist in Baumholder stationiert.“ Hannes erklärt der Gruppe, dass sein Heimatort, Idar-Oberstein, und Baumholder nur 20 Kilometer entfernt sind.

Nach einem kurzen Rundgang durch das Camp trafen sich die Männer mit Major Roger Juarez in dem Camp Office und schauten sich Karten an, auf denen Terrorpunkte und auch IED-Punkte eingezeichnet waren. In dem Gebiet in dem sie sich zur Zeit befanden gab es sehr viele rote Punkte die für Terror und blaue für IED, also Sprengfallen,  eingezeichnet waren.
Sergeant Cee Lagunas kam von einer Kontrollfahrt zurück und besprach mit dem Diensthabenden Master Sergeant die Ereignisse der Einsatzfahrt. Sergeant Lagunas schaut Hannes die ganze Zeit an und sagt schließlich „Ich kenne dich.“ „Ja, ich bin der Spießbratenmann“ sagte Hannes. „Nein, ich kenne dich aus Deutschland.“ Hannes schaute diesen afroamerikanischen Mann, der ende 20 sein konnte, ungläubig an. „Ich sah dich öfter mit dem Fahrrad durch den Ort fahren.“  Bei diesem Satz erkannte Hannes Lagunas „Natürlich, du wohnst in der Hauptstraße drei Häuser unter meiner Tante. Das hier glaube ich nicht! Wir sind 4900 km von zu Hause weg und treffen uns hier.“

Beim Abendessen in der Kantine bildete sich nach einiger Zeit um jeden aus dem Team eine kleine Gruppe von vier bis acht Personen.
John und Stacey durften von Major Juarez filmen. „Das hier sind O-Ton Reportagen die es so nie wieder geben wird“ sagte Gregory zu Hannes „was ich mit dir erlebe, ist unglaublich. Ich dachte das ich ein guter Journalist bin, du toppst mich fast täglich“ lachte Gregory und klopfte Hannes auf die Schulter.
Emily kam mit einem Arzt aus dem Camp Hospital in die Kantine. Sie hatten jede menge an medizinischen Dinge dabei. „Hast du das Hospital geplündert?“ Fragte Hannes. Emily schüttelte den Kopf „Nicht annähernd. Was ich bräuchte wäre das doppelte! Dies hier ist schon unglaublich viel und ich kann damit arbeiten. Unser Platz in den Autos ist aber auch begrenzt“ man hörte den traurige Tonfall von ihr.

Dies war mal wieder ein Abend, der nie vergessen geht. Es wurde gelacht, aber auch so manche Träne kam aus den Augen bei den Erzählungen über Ayden, Shabnam und eben auch das was heute Ellaha oder Behar erzählt hatten. Es wurde 4900 Kilometer von der Heimat entfernt auch über diese gesprochen und so einige Dose Budweiser Bier getrunken. Major Roger Juarez fragte, wie sie für diese Kinder in dem Frauenhaus helfen könnten. Hannes sah das traurige Gesicht von Ellaha vor sich „Roger, es fehlt an allem. Kochgeschirr, Lebensmittel, Medikamente aller Art, Spielsachen, Teddybären, Kleidung!“ Roger konnte bis auf die Spielsachen und Teddybären folgen. Hannes erzählte ihm von Ellaha. „Mein Gott, ich habe selbst eine Tochter in dem Alter. Wir haben hier eine Kleiderkammer und auch einiges an Spielsachen die wir auf den Patrouillenfahrten den Kinder geben. Komm mit, wir gehen gleich mal schauen was da ist.“

In der Kleiderkammer angekommen, schauten sich beide um, was überhaupt für solche Kinder da sei. Kleidersäcke wurden aussortiert und in einer Ecke von dem Raum fand Roger vier Säcke mit Stofftieren. „Ich habe mich die ganze Zeit gefragt was wir mit all den Stofftieren anfangen sollten. Jetzt weiß ich es. Hannes, dich schickt der Himmel.“

Mit sechs große Säckem kamen sie zurück in der Kantine zeigten was sie außer den Kleider und Spielsachen noch dabei hatten. Hannes hatte einen ca. 50 cm großen weißen Teddybär in der Hand. „Dieser ist für Ellaha“ sagte er und hatte Tränen in den Augen.

In der Kantine saßen Kampferprobte Soldaten, aber auch diese Männer und Frauen konnten beim Anblick von einem Stofftier weinen. Es war schon sehr spät und so langsam wollte jeder nur noch ins Bett.

Beim Frühstück saß Roger bei Hannes, Emily, Nila, Sabine und Oliver am Tisch. „Ich habe diese Nacht nicht gut geschlafen. Mir ging vieles durch den Kopf was du mir gestern gesagt hast. Es tat
mir in der Seele weh. Wir sind Soldaten – aber auch Menschen. Und wenn Menschen Hilfe brauchen, werden wir dies auch tun!“ Hannes sah den Major fragend an „Roger, ich kann dir nicht folgen.“ „Ich weiß, dass ihr heute wieder in dieses Frauenhaus fahrt. Ihr werdet von Soldaten begleitet.“ Roger winkte zwei Soldatinnen zu sich an den Tisch. Die zwei Frauen waren im Rang des Second Leutnant. „Diese beide Ärztinnen werden euch begleiten.“ Emily fing sofort an sich mit Dr. Harper Taylor und Dr. Kayla Wright zu unterhalten. „Ihr werdet von drei Fahrzeugen begleitet, die noch so einiges dabei haben, was ihr braucht. Wenn Gott einen Engel geschickt hat, dann dich Hannes“ sagte  Roger. Hannes wollte gerade etwas sagen, als Sabine im am Arm packte und den Kopf schütteln „Lass es!“

Nila meldet über ihr Handy bei Svea die kleine Gruppe an und sagt ihr, dass sie eine kleine Überraschung hätte.
Als die Fahrzeuge im Innenhof von dem Frauenhaus standen – was bei fünf Fahrzeugen schon verdammt eng wurde, John und Stacey ihre Kameras aufgebaut hatten und alle Frauen in dem Klassenraum waren, eröffnet Nila diese erneute Zusammenkunft. Sie sagte den Anwesenden Mädchen und Frauen, dass draußen in den Autos Kleider, Medikamente, Decken, Lebensmittel, Kochgeschirr als Spende für dieses Haus seien. Die Kinder und junge Frauen klatschen und bedanken sich bei den Ausländer.
Oliver ging aus dem Raum und kam nach einer Minute mit einem Sack Kuscheltiere zurück. Er nahm den ersten Teddybär aus dem Sack, es war der große weiße, bei dem Hannes gestern sagte, dass dieser für Ellaha sei. Oliver streckte Hannes den Bär entgegen, der an der gegenüber liegenden Wand stand und bedeutet ihm, nach vorne an die Tafeln zu kommen. Hannes hatte Tränen in den Augen und war nicht fähig einen Schritt zu machen. Er konnte diesen Bär nicht dieser gebrochenen Seele von Kind geben. Geistesgegenwärtig packte Nila den Bär und sagte dabei den Namen von Ellaha. Das Mädchen zuckte zusammen und kam langsam auf Nila zu. Dieses Kind hatte ein solches Kuscheltier noch nie gesehen oder gar besessen, dachte Hannes. Nila überreichte dem Kind diesen Teddybären und sagte noch etwas zu ihr. Ellaha drehte sich zu Hannes um und für einen Augenblick sah er die Seele von diesem Kind und auch die Tränen in ihren Augen.

Svea konnte diese Hilfe und Unterstützung in dieser kurzen Zeit gar nicht glauben und bedankte sich immer wieder bei der Gruppe und den Soldaten.
Da nun drei ausgebildete Ärztinnen dabei waren, konnten Untersuchungen bei den Mädchen und Frauen noch besser, schneller und effizienter durchgeführt werden.

Die Männer konnten in dieser Zeit nur sehr wenig tun und so machten sich einige Soldaten daran, die Küche in einen besseren Zustand zu bringen. Mit Spaten und Hacke wurde die Feuerstelle und Kamin sicherer gemacht.
Oliver machte sich mit einem Soldaten an den alten Nähmaschinen nützlich und reparierten hier und da die Maschinen.
Da die drei Militärfahrzeuge so allerhand an Zeugs dabei hatten, konnten Fenster und auch ein Dach auf dem dritten Gelände abgedichtet werden.
Es wurde überall etwas getan, gebuddelt, ausgebessert, verstärkt oder funktionstüchtig gemacht. Dann heißt es immer, das US-Militär kann nur Krieg. Nein! Das US-Militär kann auch Dächer, Fenster und sogar Nähmaschinen reparieren.

Natürlich waren auch einige Soldaten als Wache abgestellt.
So konnte Hannes sich einfach mal fallen lassen. Nichts tun, nichts denken. Entspannen – wenn man dies in einem solchen Land überhaupt konnte.
Sabine kam zu ihm in den Hof. „Ich sehe dich das erste mal entspannt. Deine Augen, deine Haltung ist völlig anders.“ „Zwei Maschinengewehre sorgen auch bei mir für erhebliche Sicherheit.“  Sabine setzt sich zu ihm „Hannes, du bist ein toller Mensch. Ein cooler Chef und wahnsinns Mentor. An der Uni wird immer nur steif von Führungsprofil und psychologischer Bewertung gesprochen. Du hast alles in dir und dies auf eine unglaublich menschliche Art. Jeder vertraut dir.“ „Unsinn, ich vertraue den Menschen die jetzt für unseren Schutz hier sind.“ „In dem Moment ja. Major Juarez vertraut dir. Du hast ihn sehr schwer beeindruckt. Meinst du, er würde jedem diese Hilfe zuteil kommen lassen wie dir?“ „Uns! Uns wurde geholfen. Wie kommst du darauf, dass ich ihn beeindruckt habe? Jeder von dem Team hatte Gespräche mit Soldaten. Emily hatte fast den kompletten Op Bereich angeschleppt.“ Sabine nickte langsam „Das ist richtig. Ich habe Psychologie studiert und euch beide beobachtet. Was ich gestern Abend gesehen habe, lernt man nicht an der Uni. Ich sah wie Major Juarez dich angeschaut hatte. Die Bewunderung, die Neugier, die Faszination. Ich weiß nicht was und ob der Major studiert hat, vom Rang her, würde ich sagen – ja. Er sah dich mit Augen an, wie ein Kind an Weihnachten wenn es die Bescherung gibt. Was er heute morgen sagte kam aus seinem Herzen. Vom Mensch – nicht vom Soldat. Die drei Fahrzeuge, das zusätzliche Kochgeschirr, die Unmengen an medizinischen Dinge und Lebensmittel kamen vom Soldat. Du führst Menschen, ohne es zu merken!“
Eines der Mädchen aus dem Frauenhaus stand einige Meter weit weg und hatte ein Tablett mit Tee in der Hand. Sie traute sich aber nicht näher zu kommen. Sabine winke ihr zu, dass sie kommen kann. Gott sei dank, dachte Hannes. Wenn Sabine noch weiter spricht, bekomme ich noch den Heiligenschein verpasst. Er zündete sich eine Zigarette an und hielt in der anderen Hand das Glas mit dem bernsteinfarbenen Tee. Sabine streichelte seinen linken Arm „Du bist ein toller Mensch und dies sehen andere auch in dir. Patricia ist sehr stolz auf dich! Hannes, deine Vision geht weiter. Siehst du es denn nicht? Dies wollte ich dir nur sagen. Danke, dass ich ein Teil von deinem Team sein darf und kann.“ Er zog an der Zigarette und schaute Sabine mit einem offenen Blick an. „Sag nichts. Lass es so stehen und nimm es einfach mal an.“ Sie stand auf, streichelte nochmals seine  Arm und ging zurück in das mittlere Gebäude.

Hannes schaute nach rechts auf einen der Humvees, auf dessen Dach das Maschinengewehre in Richtung Mauer und Eingangstor gerichtet war. „Was tu ich hier? Sagte er zu sich selbst, als er den letzten Zug an der Zigarette zog. Die Männer und Frauen die hier arbeiten, helfen und operieren kosten ein Vermögen am Tag und ich sitze hier auf einem blauen Plastikstuhl umgeben von zwei Maschinengewehre.

Ein Funker aus einem der Militärfahrzeuge kam auf ihn zu um zu fragten, wie lange sie noch hier blieben. „I dont know. I ask the doctors“ war seine Antwort und erhob sich aus dem blauen Plastikstuhl.

Es wurde beschlossen, dass in zwei Stunden so weit alle medizinischen Notwendigkeiten erledigt seien. Bei Oliver und seinem Gehilfen ging es auch sehr zügig voran. Die Bauarbeiten, wenn dies der richtige Begriff für eine solche Arbeit überhaupt war, waren so gut wie angeschlossen. Also konnte der Tross in diesem Zeitfenster abrücken. Es würde auch Zeit werden, denn bis sie in Gardez wären, war es schon dunkel. Dunkelheit in Afghanistan ist Lebensgefährlich. Man sah zu wenig die Umgebung und bei einem Terrorangriff ist der Radius nur auf den Lichtkegel der Scheinwerfer vom Fahrzeug beschränkt. Dies mochte Hannes gar nicht.

Gregory kam in den Klassenraum. Hannes saß auf dem Teppich auf dem Boden und starrte die Wand an. „Was ist los?” „Nichts“ Sagte Hannes ohne sich zu ihm umzudrehen.
„Hannes, du starrst eine Wand an! Was ist los?“ Gregory setzt sich links neben ihn. „Ja, ich starre eine Wand an. Dies ist nach der neusten Psychologie ein Führungsprofil.“ „War irgend etwas in deinem Tee, was dir das Hirn vernebelt?“ Hannes sah ihn mit leeren Augen an „Gregory, ich habe Angst! Ich habe Angst das dies alles aus dem Ruder läuft. Wir setzten uns ein wie blöd, bekommen vom Militär noch geholfen, die Leute kosten an einem Tag mehr Geld, als der Distrikt an Bruttosozialprodukt in einem Jahr zur Verfügung hat. Ich habe Angst das alle an etwas glauben, was nächste Woche schon Schutt und Asche sein kann. Ich sehe Kinder die nie Kinder waren und vielleicht nie eine Zukunft haben werden. Verstümmelt, missbraucht, geschunden, und wir reparieren das Dach. Halleluja“ „Ja, Halleluja. Hannes! Ich verstehe deine Zweifel. Ich verstehe deine Angst vor Terror. Jeder der hier und heute an diesem Ort ist, weiß dies auch! Ich kenne dich so gar nicht. Du bist ein Kämpfer, ein Macher, einer der Visionen hat und ein ganzer Pulk an Menschen läuft dir nach. Schau dich doch mal um! Es wird überall gearbeitet. Jeder hilft wie er kann und bringt sich ohne zu murren ein und tut sein bestes. Es verändert sich. Du veränderst Menschen! Du siehst jetzt nur grau und braun. Schau dich um! Auch grau kann Farbe sein. Die Leute sind hier, weil du hier bist! Dein Traum wird mit einer Abdeckplane vom US Militär abgedichtet“ Hannes sah Gregory an und fing an zu grinsen „geht doch! Ich bin nun schon viele Jahre Journalist und habe auch viele Reportagen gemacht, aber ein so menschliches Miteinander und Füreinander habe ich noch nicht erlebt. Ich kann wirklich nur sagen: Halleluja das ich dich kennengelernt habe mein Freund.“

Nila kam in den Raum und gab bescheid, dass in einer halben Stunde jeder so weit sei, um zu starten.
30 Minuten.
Hannes schaut auf die Uhr und war am rechnen, wie schnell sie fahren müssten um nicht all zu sehr in der Dunkelheit in Gardez anzukommen. Problem Nummer zwei: Die Straßen sind in einem desolaten Zustand und hohe Geschwindigkeiten fast nicht möglich. Bei Dunkelheit schon gar nicht.
Problem Nummer drei: Oliver konnte mit dem Bus gar nicht so schnell fahren, da er die Leute, Ausrüstungen und Gepäck im Bus hatte. Der Bus hatte schon mehr Leistung als dieses Modell in Serie, war aber mit der unbändigen Kraft von dem Land Rover Armoured gar nicht zu vergleichen.
Problem Nummer vier: Hannes fuhr alleine und musste sich auf alles konzentrieren. Oliver hatte Marcel im Bus. Vier Augen sahen mehr. Zumal Marcel einer der besten Schützen ist und unglaublich schnell reagieren kann.
Er schaute auf die Uhr. Noch 15 Minuten bis zum GO.

Hannes ging noch einmal durch die drei Gebäude. Gregory hatte recht, es hatte sich heute so vieles verändert. Fenster und Dach waren nun dicht. Kein Regen oder Wind der in den Raum zog. Die Feuerstelle in der Küche sah nun sehr solide aus. Die Nähmaschinen liefen nun präzise und die Mädchen konnten jetzt auch vernünftig damit arbeiten.
Der große und die zwei kleineren Schlafräume wurde mit Planen abgetrennt um etwas mehr Privatsphäre für die Kinder zu schaffen. Auf den Matratzen lagen neue Decken und Stofftiere. Hannes sah Mädchen mit Verbänden und mit weniger Schmerzerfüllen Gesichter. Kinder mit Kleider ohne Löcher und mit Stofftieren in Händen.

Er trat aus dem mittleren Gebäude in den Hof und 32 Personen schauten ihn an, als ob sie alle auf sein Okay, seine Abnahme, sein Einverständnis warteten. „Thank you for your help and support. GO!“

Der Konvoi fuhr aus der Ortschaft in Richtung Khost. Zwei Militär Fahrzeuge vorne und eines als Sicherung am Schluss. „Gay’s, let’s go. Faster!“ Hannes musste sich bei diesem Satz sehr zurück halten um nicht in das Mikro vom Funk zu brüllen. Sabine wollte ihn beruhigen, dass doch alles gut sei. Hannes sagte den Mitfahrer die vier Probleme die er sah.
Das Telefon im Auto durchbrach die Geisterhafte stille. Roger rief an. „Ich höre!“ „Auf eurer Route wurden Sprengfallen gemeldet. Ich habe nach der Meldung sofort vier Teams losgeschickt. Zwei wurden positiv entschärft. Wie viele es sind kann ich nicht sagen. Seit heute Mittag ist der Khost-Gardez Pass gesperrt –  wahrscheinlich gab es dort einen Terroranschlag. Ich jabe noch keine genauen Informationen von den Afghanen bekommen.“ Bei diesen Worten veränderte sich die Hautfarbe bei Sabine und Nila. „Roger, ich danke dir für diese Info.“ „Es wird bald dunkel. Seht zu, dass ihr ins PRT kommt. Begib dich und deine Leute nicht in Gefahr. Ihr kommt heute nicht mehr nach Gardez.“
Nach dem Gespräch sagte Sabine „Jetzt hat der Mensch gesprochen, nicht der Soldat.“
Über Funk teilte Hannes die Nachricht den anderen Fahrzeuge mit. Die zwei voraus fahrenden Fahrzeuge fuhren jetzt noch langsamer. Alle Personen in diesem Konvoi waren nun hochkonzentriert. In den Militär Fahrzeugen wurden Gefechtsstellung eingenommen.
Marcel wechselte das Zielfernrohr und machte zwei Gewehre klar. Oliver hatte sein H&K XM8 neben sich und auch die Pistole griffbereit. „Sabine, reiche mit aus dem Gewehrkoffer hinter dir im Kofferraum bitte mein Gewehr.“ Hannes entsicherte seine Glock 17C und steckte diese in die Türablage. Nila sah ihn wortlos vom Beifahrersitz aus an. „Alles in Ordnung. Es ist eine reine Vorsichtsmaßnahme.“ Wärend der Fahrt lud Hannes sein Gewehr und legte es gesichert rechtes neben sich zwischen die beiden Vordersitze. „Egal was kommen wird, ihr werdet dieses Fahrzeug nicht verlassen“ dabei sah er zu Nila, Tamina und Sabine. Alle drei nickten stumm.

Noch 30 Kilometer bis zum PRT. 30 Kilometer können verdammt lange sein, wenn man auf jeden Strauch, jede Mauer und jede Kurve sich konzentrieren muss. Nun stand die Sonne auch noch so tief!

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