Teil III Kapitel 25 Die Büchse der Pandora

Kapitel 25

Die Büchse der Pandora

„Ich treffe 14 Jahre später in Kabul den Mann, von dem ich als 17-jährige geträumt habe.“

Dienstag, 10. April 2007

Die Temperatur lag um 11 Uhr bereits bei 20° Celsius. Wenn es regnete brachte der Regen etwas frische in die Staubtrockene Luft von Kabul. Das Hotel war in kürzster Zeit schon mehr ausgebucht, als dies geplant war. Dieses neuartige Sicherheitskonzept schien aufzugehen. Viele Firmen aus Deutschland, England, Frankreich, Schweden und USA buchten für ihre Ingenieure und Mitarbeiter diesen Service. Korrespondenten aus vielen Länder der Welt gingen mit ihren Teams ein und aus. Einige Medienanstalten aus verschiedenen Länder reservierten sogar Zimmer für die Dauer von einem Jahr.

Marco und Tamina verlegten die Personen, die nicht unbedingt in Kabul tätig waren auf das andere Hotel in Kunduz. So blieb es in Kabul überschaubarer und für den Standort Kunduz konnten 28 Personen für Küche, Service und Hausverwaltung eingestellt werden. Dem Direktor von dem Hotel in Kundus, Corey Mitchell, waren zwei Logistikoperator zugeteilt. Mason Roberts und James Nelson, beide US-Amerikaner, gehörten zum Team von Hannes, waren aber in Kunduz stationiert.

Walter war mit der P-750 xstrol so viel am fliegen, dass per sofort zwei weitere dieser Flugzeugtypen in Hamilton bei Pacific Aerospace bestellt wurden. Am 6. April wurden beide P-750 auf den Flugplatz Kabul geliefert. Für den Transport von Neuseeland nach Afghanistan charterte Malcolm Evans die Antonow An-225. Alles musste auf einmal wahnsinnig schnell gehen. Lediglich die Flügel wurden in Kabul an die P-750 xstrol angebaut – sonst hätten die zwei Flugzeuge nicht in die Antonow gepasst. Ein Team von der Pacific Aerospace bauten die zwei Flugzeuge zusammen. Durch die vielen Maschinen und Geräte in der Darulaman Road ging dies viel einfacher und schneller als geplant. Gleichzeitig wurden noch ein Gabelstapler, Maschinen, Werkzeuge und Ersatzteile für die Flugzeuge im Hangar auf dem Flugplatz gekauft und gelagert. Direktor Evans investierte nochmals 6,5 Millionen US-Dollar für den Standort Kabul.

Am Sonntag den 8. April konnten alle drei Flugzeuge eingesetzt werden. Ein Flugzeug wurde so eingeplant, dass dies Morgens ab Sonnenaufgang die 245 Kilometer Luftlinie nach Kundus flog und dort bis eine Stunde vor Sonnenuntergang eingesetzt wurde. Nach Sonnenuntergang verbot Hannes den Piloten aus Sicherheitsgründen zu fliegen.
Walter besorgte sehr schnell zwei gute Piloten. Einen Deutschen, Ralf Möller, der auch Kampfjets bei der Bundeswehr geflogen hatte und einen Belgier, Arian Goossens. Er flog Interkontinental Frachtflugzeuge bei ASL Airlines Belgium mit Sitzt in Lüttich. Beide waren am 3. April in Kabul gelandet und am 8. April schon im Einsatz.

Bis auf fünf Personenschutz Teams, also 30 Personen waren die andere 12 Teams, mit insgesamt 72 Personen, im ganzen Land verteilt. Es gab mitunter in der Logistik sehr hektische und lange Tage. Journalisten mussten immer schnell zu einem Ort gebracht werden. Der Fuhrpark mit den 36 Fahrzeugen in Afghanistan war fast vollständig ausgelastet, sodass noch sechs Toyota Quantum Busse und vier Land Rover Armoured – mit einem Auftragsvolumen von fast 3 Millionen US-Dollar, in Großbritanien bestellt wurden.

Hannes verfügte über ein monatliches Budget, das nun um das vierfache höher lag, als am Anfang vom Jahr.
Für die Zeit bis zur Lieferung der neuen Fahrzeuge wurden gepanzerte Fahrzeuge, samt Fahrer, in Kabul oder anderen Städten angemietet. Da diese Fahrzeuge nicht über die geforderten Notfallsysteme verfügten, wurden diese nur für den Transfer zu Flughäfen oder kleinere Strecken eingesetzt. Hannes wollte nicht den kompletten Fuhrpark verteilen, aus Sicherheitsgründen und zur mobilitäts Garantie, sollten immer noch 2 Fahrzeuge als Reserve in der Darulaman Road bleiben.

Der Schwangerschaftstest

Mit Annemieke plante Hannes den Tag und den morgigen, als sein Handy klingelte, es war Nila.
„Guten Tag Nila, wie geht es dir?“ „Hallo Hannes, viel Arbeit. Ich hätte nie gedacht, was da alles auf Samira und mich zukommt. Wir sind hier so weit fertig. Wann kannst du kommen?“ „Lass mir bis Donnerstag Zeit, ich ersticke in Arbeit. Ich habe nun noch zwei weitere Piloten in meinem Team. Wir mussten sehr schnell zwei Flugzeuge kaufen. Ich habe auch noch 10 Autos bestellt. Wir sind schon am Überlegen, ob wir gute Polizisten oder Soldaten aus Afghanistan abwerben könnten und in den USA läuft eine große Werbekampagne. Wir brauchen Leute ohne Ende. Ich hätte nie gedacht, dass dieses Konzept so einschlägt.“ „Wow Ich frage mal den Polizeichef in Gardez, du hattest ihn ja mächtig beeindruckt. Vielleicht kennt er ein paar gute Leute. Bei euch bekommen sie wenigstens einen ordentlichen Lohn.“ „Das wäre super. Ich hatte gestern mit Aamun Ghubar telefoniert. Er würde sich heute mit einem Offizier der Nationalarmee treffen, um dort mein Problem vorzutragen. Wenn wir wenigstens 15 gute Soldaten bekommen könnten, wäre mir schon sehr geholfen.“ „Okay. Wie hast du den Donnerstag geplant?“ „Wir werden sechs Frauen von Khost nach Kabul fliegen, die hier medizinisch versorgt werden. Ich werde Roger fragen, ob er mir Harper oder Kayla an das Frauenhaus bringen könnte. Eine Ärztin kann doch besser über den Gesundheitszustand entscheiden, als wir es können.“ „Du machst schon alles richtig. Ich freue mich auf dich. Ich habe auch eine Überraschung für dich. Bis Donnerstag.“
Eine Überraschung? Hoffentlich keinen positiven Schwangerschaftstest!

Er war mit Annemieke alleine in Büro und überlege ob er sie bezüglich seiner Gedanken ansprechen sollte.
„Annemieke, ich hätte da mal eine Frage?“ Sie sah ihn zwischen den Monitoren hindurch an und wartete auf eben jene Frage. Sie rollte mit ihrem Stuhl vom Tisch weg um ihn besser zu sehen und wartete immer noch auf seine Frage.
„Äh,… du als Frau… müsstest dies bestimmt wissen.“ „Ja – ich warte.“ „Äh,…hmmm, ab wann kann man einen Schwangerschaftstest feststellen oder prüfen oder wie man das auch immer nennt?“ „Erst in der 4. oder 5. Schwangerschaftswoche ist der Wert im Urin und Blut so hoch, dass die Schwangerschaft tatsächlich festgestellt werden kann. Dabei ist der Urintest sehr beliebt und auch verlässlich. Warum willst du dies wissen?“ „Ach, nur so. Allgemeinbildung schadet nie.“
Annemieke zog die Augenbrauen hoch „Aha. Allgemeinbildung? Und da gehört ein Schwangerschaftstest dazu?“ 
Hannes verzog den Mund und zog seine Schultern hoch.
Er schaute mit einem leichten Blick auf den riesigen Wandkalender, rechst neben der Tür und hoffte, dass Annemieke seinem Blick nicht folgte. Er wollte jetzt nicht mit vollem Blick auf den Kalender schauen. 19. März. Heute 10. April. Drei Wochen und zwei Tage. Er wollte Annemieke jetzt nicht noch einmal fragen, welche Rechnung und Gedanken er im Kopf hatte.
Das schlaue Internet gab ihm die gleichen Antworten wie Annemieke bezüglich seiner Frage nach einem Schwangerschaftstest. Warum musste dies auch so kompliziert sein? Sollte er mit Emily über einen Schwangerschaftstest reden? Sie als Ärztin hätte bestimmt eine andere Rechnung oder Symptome der Früherkennung.

„Annemieke, bitte plane Walter für Donnerstagnachmittag ab 14 Uhr ein. Ich brauche ihn in der Nähe von Khost. Es sind von Kabul ungefähr 150 Kilometer Luftlinie. Dank.“

Er griff zum Telefon und erkundigte sich wie es bei Mason Roberts und James Nelson in Kunduz lief. Es war eine gute Idee gewesen, die Logistik auf beide Standorte aufzuteilen. Kurze Wege und schnelles handeln waren so perfekt organisiert.

„Annemieke,…du, äh ich hätte da noch eine Frage.“ „Gerne. Für Allgemeinbildung kann man nie oft genug fragen.“
Wie hatte sie dies nun gemeint? Sarkastisch, Ironisch oder Zynisch? Da soll doch mal ein Mann die Frauen verstehen. „Äh,… warst du schon mal schwanger?“ Völlig entrüstet lies sie ihren Kugelschreiber fallen. „Was?! Nicht das ich es wüsste.“ 
Diese mittelgroße blonde Belgierin hatte auf einmal einen Blick in den Augen, der töten konnte. Aus diese Nummer musste er nun irgendwie raus kommen.
„Ich wollte es nur mal wissen. So von den Symptomen aus der Sicht der Frau gesehen… so eben, also … irgendwie.“ „Hannes, stehst du unter Drogen?“ „Ach nee, ich will nur mal wissen, wie das so ist. So… mit… Gurken, Sauerkraut und Eis mitten in der Nacht.“
Ihr Blick verfinsterte sich „Dies ist IN und nicht VOR der Schwangerschaft!“ „Aha.“ „Ist nun deine Allgemeinbildung auf dem Stand, wie du sie gerne hättest?“ „Ja doch. Danke.“ 

Das Eis wurde immer dünner für ihn. Irgendwie musste er sich nun auf dieser peinlichen Situation raus. Er griff nach seinem Handy und rief die Nummer auf seinem Telefon auf dem Schreibtisch an.
„Ach schau, Oliver ruft an“ Hannes hob den Hörer ab und führte ein kurzes Selbstgespräch.
„Du Annemieke, ich muss mal kurz zur Werkstatt, du hast hier ja alles im Griff.“
„Ja ja, Chef.“
Hatte sie dies nun Sarkastisch, Ironisch oder Zynisch gemeint?

Er ging langsam über den Betonweg zur Werkstatt und spürte die Blicke von Annemieke durch die großen Fenster hinter sich. Außer Reichweite von den Fenstern konnte er wieder aufatmen.

Auf dem Geländer der Werkstatt stand sein Auto ganz rechts geparkt. Er sah William Evans, der an einem Auto neben seinem etwas am arbeiten war.
„Hallo William, na – wie bist du mit der Werkstatt zufrieden?“ „Top. Eine solche Einrichtung hätte ich nie erwartet. Es macht Spaß hier zu arbeiten. Die Kollegen sind auch super nett. Das eine Auto sieht aber schon etwas mitgenommen aus!“ „Ja, dass ist mein Auto. Da waren doch etwas viel Schotter, Steine, Büsche und Kanalmauer im Weg.“
William zog die Augenbrauen hoch und konnte der Aussage nicht ganz folgen.
„Es werden noch mehr Auto mit solchen Kampfspuren kommen. Wenn es dabei bleibt, haben wir viel Glück.“ „In wie fern?“

Im Büro der Werkstatt zeigte Hannes ihm Fotos, die er auf seinem Computer hatte. Fahrzeuge, die auf Minen fuhren, Fahrzeuge auf die mit einer AK 47 geschossen wurden oder Fahrzeuge, vor denen kurz zuvor eine Sprengfalle explodierte.
„Großer Gott im Himmel!“ Sagte William erschütternd und sah Hannes mit großen Augen an.
„Die Fahrzeuge die mit einer AK 47 beschossen wurden, war mein Konvoi, im letzten Jahr.“
William sah ihn fassungslos an.
„Ja, William, damit müssen die Personenschützer täglich rechnen. Bete zu Gott, dass du keine Hirnmasse aus den Autos entfernen musst.“ „Du sagst dies alles so ruhig, als ob vieles normal wäre.“
Hannes zog die Schultern hoch „William, was soll ich dir sonst sagen? Panik verbreiten und alle Welt verrückt machen? Dies bringt auch niemand weiter. Wir müssen uns dieser Tatsache bewusst sein, dass wir in einem Kriegsgebiet sind, auch wenn die Sonne scheint und wir im Park unter den Bäumen liegen. Ich kann die Leute nur sensibilisieren aufzupassen und eine Gemeinschaft zu schaffen, dass jeder weiß, niemand ist alleine.“
William nickte langsam.
„Ich möchte dich um einen Gefallen bitten. Könntest du einen Kinderspielplatz bauen?“
William sah ihn an, als ob ein Ufo gelandet sei. „Kinderspielplatz?“ „Ja. Kinderspielplatz. Schaukel, Karussell, Klettergerüst – Kinderspielplatz eben.“ „Chef, ich kann dir nicht ganz folgen.“ „Bestelle Material für eben solche Teile. Rundstahl, Kugellager, Ketten, Lager… alles was man braucht um Spielgeräte zu bauen. Schweiß die Rohre zusammen, nimm dir einen Hausmeister oder einen deiner Kollegen der dir hilft. Lackiere das Metall in bunten Farben. Kannst du mir soweit folgen?“ William nickte erneut langsam Hannes zu „Natürlich. Nur sehe ich noch nicht den Sinn.“

Hannes erklärte ihm, dass in zwei Tagen misshandelte und schwersttraumatisierte Kinder in dieses Hotel kommen werden. Und möchte für diese Kinder einen kleinen Spielplatz einrichten. Das Gelände zwischen der Werkstatt und der Umfahrt war groß genug für eine handvoll Spielgeräte.
„Ich verstehe. Du möchtest, dass diese Kinder Kinder sein können.“ „Genau.“ 

Hannes zeigte William auf dem Computer einige kleine Beiträge von dem Frauenhaus und den Zuständen damals an der Schule in Gardez. William sah ihn kopfschüttelnd
fassungslos an. „Es stimmt also doch, was man über dich erzählt.“
Hannes legte den Kopf schief.
„Ich habe schon viel von dir gehört. Du sollst der beste Chef sein und dich sehr stark für Kinder engagieren.“ „Na ja, denke da wird auch immer viel übertrieben.“ „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Malcolm viel übertreiben. Wenn ich nun deinen Wunsch höre, bestätigt es dies doch alles.“ „Hmm. Ja, dann ist es wohl wahr. Bist du mit unserem Direktor verwandt?“ „Ja, er ist mein Onkel. Müsste eigentlich in der Personalakte stehen.“
Ach du liebe Güte, der Feind vor der Haustür!
„Tut mir leid, ich konnte noch nicht alle Akten lesen. Du bist ja nun hier, dann brauche ich auch nicht zu lesen. Es freut mich, wenn es dir hier gefällt. Sag deinem Onkel mal liebe Grüße, wenn du mit ihm telefonierst.“
William grinste breit „Er würde ja öfter mit dir telefonieren, aber du bist ja immer so schwer zu erreichen – sagt Malcolm zumindest.“
Hannes hatte nun die zweite Büchse der Pandora geöffnet.
„Weißt du zufällig wo Oliver ist?“ „Der ist mit Marcel auf dem Schießstand bei der Polizei.“ „Gott sei Dank!“

Auf dem Weg zu seinem Büro rief er Oliver an und sagte ihm, er sollte bitte im Büro nicht sagen, dass er auf dem Schießstand ist.
„Ich habe vor einer Minute mit Annemieke gesprochen, dass wir nun auf dem Rückweg sind. Warum sollte ich nicht sagen wo ich bin oder war?“ „Och, nur so. Nur so.“
Büchse Nummer drei!

Hannes ging in sein Büro. Andreas, Eliza und Samuel waren nun auch da.
„Ich geh mal schwimmen. Ihr habt hier ja alles im Griff.“ „Ja ja. Mit oder ohne Oliver?“ Kam es von Annemieke.
Hatte sie dies nun Sarkastisch, Ironisch oder Zynisch gemeint?

Die Begegnung mit Alessia Esposito

Das Wasser tat ihm gut und so schwamm Hannes einige Bahnen.
Im Schwimmbad war eine Journalistin aus Italien. Sie stellte sich ihm als Alessia Esposito vor.

An der kleinen Bar, einige Meter vom Schwimmbecken entfernt, erzählte Alessia von ihrer Arbeit. Hannes beneidete diese Journalistin nicht. Ständig auf Achse, ständig erreichbar sein, ständig neuste Beiträge bringen.
Bei Cappuccino und Kulche Badami, dies sind afghanische Mandel-Cookies, erzählte Hannes ihr, wie er Gregory Flinn kennengelernt hatte und welche Reportagen mit dessen Team im Frühjahr entstanden. Aufmerksam hörte Alessia ihm zu.

„Wie war das mit diesem Frauenhaus?“ Fragte Alessia.
Hannes erzählte ihr von den Umständen an diesem geheimen Ort. Welche pein Ellaha, Mercan oder Urania angetan wurde. Alessia sah in entgeistert und mitleidig an.
Hannes erzählte ihr auch, von dem Treffen in Istanbul mit der neugegründeten Organisation Help for Gardez und was in den letzten Wochen geplant wurde.

Alessia sah ihn bewunderungswürdig an „Mich würde dieses „Help for Gardez“ interessiert.“ „Dann lass uns in einer Stunde im zweiten Stock im Meeting Point treffen, dort kann ich dir Videos zeigen, die ich vor zwei Monaten an verschiedene Hilfsorganisationen verschickt habe.“ „Gerne. Darf ich mein Team mitbringen?“ „Natürlich. Ist ja nichts geheimes. Der Ort, wo jetzt noch das Frauenhaus ist und wo es neu gebaut wird, wissen nur sehr wenige Menschen. Dies soll auch so bleiben.“ „Verstehe ich all zu gut. Frauenrechte sind nicht in jedem Land dieser Welt willkommen.“
Hannes nickte zustimmend „Wir verstehen uns.“

In seinem Büro war sein Team am arbeiten. Marcel und Oliver aktualisiertem die Karten und Informationen über Minenfunde und IED’s. Von der Polizeistation aus dem Distrikt Wazir Akbar Khan hatten sie noch Informationen über vermutliche Terroranschläge in Kabul dabei. Hannes las die Blätter, die in einem schlechten englisch übersetzt waren. „Google könnte sich bei der Übersetzung auch mal etwas mehr Mühe geben. Seit langem ist es in Kabul ruhig, dies macht mir schon etwas Sorge.“
Oliver und Marcel nickten ihm bestätigend zu. Sie waren Profis genug um zu wissen, dass Terror nicht schläft.
„Ich möchte am Donnerstag die Kinder nach Gardez bringen. Wenn ich mit meinem Auto fahre, zwei Busse und Walter sechs Frauen nach Kabul fliegt, wäre das Haus leer.“ „Willst du das Haus räumen?“ Fragte Oliver. „Ja. So etwas wie mit Amira darf nie wieder passieren. Svea ist dieser Zahl von Mädchen und Frauen doch gar nicht gewachsen.“
Wieder nickten ihm beide zu.
„Ich möchte mit Roger reden, ob er eine der beiden Ärztinnen an das Haus bringen könnte. Eine Ärztin kann viel eher sagen, welche am dringendsten Hilfe brauchen.“ „Wer fährt mit?“ Frage Oliver. „Dies wäre meine nächste Frage gewesen. Wenn ihr beide mitfahrt, müsste Samuel hier die Stellung halten.“ „Ich bleibe hier. Lass Samuel auch mal raus.“ „Danke, Oliver. Du hast mir eine Entscheidung abgenommen.“

Hannes rief Roger an und sagte ihm, was er in zwei Tagen vor habe. „Selbstverständlich veranlasse ich dies. Weißt du schon eine Uhrzeit?“ „Ich würde mal gegen Mittag sagen. Du kennst ja die Strecke von Kabul nach Khost.“ „Okay, die beiden Ärztinnen bringe ich mit, mein Freund.“ „Ich danke dir. Leider habe ich wenig Zeit, sonst würde ich bei dir vorbei kommen.“ „Du kannst doch schnell fahren“ lachte Roger herzhaft ins Telefon.

„Ich bin mal weg. Ich bin im zweiten Stock. Habe dort ein Treffen mit einer Alessia Esposito aus Italien. Sie möchte die Videos vom ersten Besuch im Frauenhaus sehen. Wo ist Stacey überhaupt? Ich habe sie und Chris schon lange nicht mehr gesehen.“
Seine Frage konnte keiner im Büro beantworten, also rief Hannes Stacey auf ihrem Handy an.
„Hi, Hannes, Chris und ich sind seit zwei Wochen im Iran. Bei Isfahan wird ein Kraftwerk gebaut. Es gibt Komplikationen mit dem Embargo zwischen USA und dem Iran. Chris wurde als Gutachter bestellt, um zu prüfen, dass jenes Kraftwerk nicht unter die Sanktionen des Atomabkommen verstößt. Du kennst ja dieses Politikgehabe.“ „Oh. Ja. Wird wohl etwas länger dauern, bis ihr wieder in Kabul seid.“
„Denke ich. Geh mal von drei bis vier Wochen aus. Auf der anderen Seite können wir hier etwas Urlaub machen. Ich mache eine Reportage über Isfahan. Ist sehr schön hier. Aber sag, warum rufst du an?“
„Ich wollte dich fragen, ob du mir etwas Filmmaterial von Gardez und Khost schicken könntest.“ „Natürlich kann ich dir Filmmaterial schicken. Du hast selbstverständlich ein Recht auf diese Beiträge.“ „Dank dir, Stacey. Wenn ich etwas verkaufen kann, melde ich mich bei dir. Sag Chris liebe Grüße.“

Als Hannes im zweiten Stockwerk vom Hotel ankam, entschuldigte er sich für seine Verspätung. Als Sicherheitschef müsse er auch die ein oder andere Arbeit erledigen.
Alessia Esposito stellte ihre Kamerafrau, Giannina Ricci und den Tonmannn, Fiorenzo Abandonato vor. Alessia sah mit ihren trockenen langen schwarzen Haare ganz anderst aus, als im Wasser. Sie hatte ein leichtes Make-up aufgetragen, trug Jeans und ein rotes T-Shirt. Alessia war 31 Jahre alt. Giannina war auch 31, mittelgroß, kurze hellbraune Haare und ein paar Sommersprossen. Sie trug zu ihrer normalen Figur einen Baumwoll Rock und türkis farbenes Top. Fiorenzo war 45 Jahre und hatte schwarzes gelocktes Haar mit leichtem Ansatz einer Glatze. Er war etwas kräftig, fiel aber bei seiner Größe von 1,87 Meter kaum auf. Er war in einer leichten Baumwollhose gekleidet und trug ein passendes Hemd zur Farbe der Hose.

Hannes erzählte im groben noch einmal das, was er bereits im Schwimmbad Alessia sagte.
An dem PC der in einem Regal an der roten Sitzecke mit Glastischen stand, loggte er sich ein und suchte die Dateien in seinem Ordner. Der große Bildschirm an der rechten Wand, zeigte seine Ordner. Stacey war schnell, sie hatte ihm alle Filme und Fotos von Gardez und Khost geschickt. Sie hatte sogar einen Ordner mit Urlaubsgrüße aus Isfahan geschickt.
Samira war in ihrem Öffentlichkeits- Ressort aus sehr schnell, so konnte er den drei italiener die neusten Veränderungen an der Schule in Gardez zeigen. Mit der Fernbedienung war es ein leichtes Bilder und Videos anzuhalten oder neue Ordner zu öffnen.

Die Geschichte von Ellaha berührte die drei italiener sehr. Bei der 19 jährigen Behar stockte ihnen der Atem. Giannina konnte ihre Tränen nicht zurück halten.
„Dies alles hast du erlebt?“ Fragte Giannina mit Tränen in den Augen.
Hannes nickte ihr zu „Dies und noch viel mehr.“
Er klickte einige neue Fotos von Gardez an und sah auf einem Foto Amira. Er zoomte Amira auf dem Bildschirm so nah, wie es ging.
„Schaut euch dieses Mädchen an.“
Er zeigte nun das erste Foto von Amira aus dem Hospital in Khost. Bei den italiener brachte das Foto gleiche Reaktion wie bei den anderen Mädchen hervor.
Hannes erzählte den dreien die Geschichte von Amira, ließ aber den Teil mit ihrer neuen Identität weg.

„Nach unserem Treffen im Schwimmbad, suchte ich im Internet nach dieser Organisation „Help for Gardez“, die Webseite ist sehr gut und ansprechend aufgebaut“ sagte Alessia. Hannes wusste nichts von einer Webseite. Alessia nahm die Fernbedienung in die Hand und gab die Webadresse ein.
Man sah die neuen Spielgeräte, die Arbeiter beim streichen, beim Neubau der Toiletten und die neuen Möbel in den Klassenräume. Es waren fast die gleichen Fotos, die er als Mail von Samira bekommen hatte. Auf einer anderen Seite der Webseite stand ein Text über die Entstehung von „Help for Gardez“.
Dann noch eine Seite mit den Namen des Vorstandes: Kronprinzessin Mary aus Dänemark sowie Miranda Kerr als Ehrenvorsitzenden. Dr. med Erik de Joost, Frank Merk und Jasper Petersen als Vorstand der Organisation. Als Direktorin und Geschäftsführerinnen standen die Name: Nila Khalil und Samira Ansary.

Hannes nickte zustimmend „Dies ist alles richtig. Diese Personen stehen für dieses Projekt. Was ist daran falsch?“ „Nichts. Überhaupt nichts. In der Historie taucht öfter ein Name auf, bist du diese Person?“ Hannes zog die Schultern hoch.
Alessia schnitt den Text aus und vergrößerte diesen. Hannes las den Text und bestätige ihr dies „Ja, dass bin ich. Was ist daran falsch?“ „Nichts überhaupt nichts.“
Hannes konnte Alessia nicht im Ansatz folgen, was sie ihm sagen wollte.
„United Nations Transitional Authority in Cambodia, sagt dir bestimmt etwas.“ „Natürlich. Der größte UN-Einsatz der Geschichte dieser Organisation. In Kambodscha waren ab Februar 92 bis zu 21.000 Personen aus 100 Länder unter UN-Mandat im Einsatz. Alessia, ich weiß nun immer noch nicht, auf was du hinaus willst.“

Alessia sah Hannes lange an, bevor sie weiter sprach. Er sah sie denken und wartete, bis sie etwas zu ihm sagte.
„Ich treffe 14 Jahre später den Mann in Kabul, von dem ich als 17- jährige geträumt habe.“ „Bitte!?“ „Mein Vater war von Herbst 92 bist Sommer 94 immer wieder für mehrere Monate unter diesem UN-Mandat in Kambodscha. Er erzählte vieles von dem Land, den Menschen und den vielen Problemen durch die Rote Khmer. Für mich war dies alles unglaublich spannend. Dann erzählte er nach dem zweiten Einsatz von dir – von deinen Projekte in der Region Svay Rieng. Ich träumte damals von einem solchen Ritter der Menschlichkeit. Ich stellte mir vor, wie du aussehen mochtest. Mir war über dich nicht viel bekannt. Franzose, 24 Jahre alt, der mit einer Kuh in Schulen ging und ganze Dörfer neue Infrastrukturen gab. Nun sitze ich dir gegenüber.“
Hannes sah Alessia völlig irritiert an und wusste nicht, was er sagen sollte.
„Alessia, ich bin überwältigt. Deine Informationen stimmen nicht ganz. Ich komme aus Deutschland, meine Frau kam aus Frankreich, ich lebte ab Sommer 1989 bei ihr in Thionville. Meine Kuh hieß Sangkhum – Hoffnung. Sie war wirklich sehr zutraulich und hörte wie ein Hund. Es stimmt, wir beide waren in Schulen. Schulen, die meine Frau zu dieser Zeit aufbaute. Es waren in diesem Gebiet die ersten offiziellen Schulen nach dem Genozid der Roten Khmer.“ „Patricia Lefèvre ist deine Frau?“ Fragte Alessia erstaunt. Hannes schloss bei dem Namen die Augen und nickte langsam.

Ein Page brachte zwei Kannen Tee zu ihnen in den Meeting Point, so konnte Hannes sich unbemerkt die Tränen wegwischen. Alessia sah es und auch seinen traurigen Blick. Fragend sah sie ihn an. Hannes schloss seinr Augen und wischte sich ein paar Tränen weg.
„Patricia ist vor sieben Jahren gestorben. Sie hatte Leukämie.“ „Mein Gott! Das wusste ich nicht. Entschuldigung. Es tut mir leid.“  „Ist schon in Ordnung. Irgendwann werde ich darüber hinweg kommen – oder versuche es zumindest. Ja, Alessia, nun sitzt der Ritter der Menschlichkeit mit Tränen in den Augen, der Prinzessin gegenüber.“

Den drei Italiener war dies alles sehr peinlich und Hannes wollte diese Runde nicht einfach so auflösen.
„Spielt jemand von euch Billard?“ 
Fiorenzo nickte.
„Sehr schön. Kommt, wir gehen den Gang hinunter. Da gibt es noch einen Meeting Point, da steht mein Billardtisch.“
Fiorenzo zog bei dem Wort “mein“ die Augenbrauen hoch.
„Ich hatte früher mit einem Schulfreund von Patricia sehr oft Billard gespielt. Nun ist er Geologe auf Korsika. Aus sentimentalen Gründen wollte ich einen Billardtisch auf meinem Stockwerk haben.“ 

Alessia und Giannina konnten nicht so gut Billard spielen. Da in einem Team gespielt wurde und Giannina bei Fiorenzo war, war es ein sehr ausgeglichenes Spiel.
Bei dem Spiel konnte auch anderst geredet werden, als in der Sitzecke.
So verbrachte der Sicherheitschef auch mal einen schönen Nachmittag. Mit Marcel konnte er nicht spielen. Dessen Auge auf die Präzision der Kugeln war ihm ein viel zu starker Gegner.

Gespräche mit Franziska

Hannes schrieb um 16 Uhr eine Mail nach Thionville. Er wollte Bernhardt und Franziska mitteilen, was sich in Gardez in den letzten Wochen entwickelt hatte. Er schrieb auch die Geschichte über Amira und das er zur Zeit unglaublich viel zu tun hatte und dadurch auch kaum noch aus dem Hotel kam – also einen sicheren Job machte.
Der Terror war hinter der Mauer der Hotelanlage.

Nachdem Hannes seine Mail abgeschickt hatte, rief Franziska 10 Minuten später bei ihm an.
„Hallo Hannes, ich las eben deine Mail und hatte Tränen in den Augen, bei dem was du geschrieben hast. Auf den Fotos, die du geschickt hast, kann ich diese Veränderung von dem Mädchen gar nicht glauben. Du bist ein guter Mensch. Das du diesem Mädchen eine neue Identität verschafft hast, zeigt deine Menschlichkeit. Wir freuen uns, wenn du nach Thionville zurück kommst.“ „Ich wollte nach dem Einsatz noch kurz zu Claude nach Korsika fliegen. Ich habe es ihm versprochen.“ „Très bien. Claude ist dein Freund. Wir alle sind und waren immer für dich da. Dies wird sich auch niemals ändern. Hannes, du hast eine Heimat! Komm zurück. Komm zu uns.“

Konnte er Franziska sagen welche Gedanken er hatte oder wäre sie dann enttäuscht von ihm?
„Hannes?“ „Oui, Madame.“ „Was ist los?“ „Vieles und trotzdem nichts.“ „Hast du Skype in Afghanistan?“ „Natürlich.“ „Möchtest du über Skype reden?“
Möchte er dies?
„Hannes?“ „Ja. Ich bin da. Ich schreibe dir meine IP-Adresse. Gibt mir 10 Minuten, dann bin ich in meinem Zimmer.“

Hannes sah in die Runde seiner Kollegen und wollte etwas sagen. Er sah Annemieke an und schüttelte leicht den Kopf.
„Wenn etwas sein sollte, ich bin auf meinem Zimmer.“

Auf dem Weg in den zweiten Stock bestellt Hannes an der Rezeption noch eine Kanne Tee für Zimmer 207.

Nach 11 Minuten war die Verbindung zwischen Kabul und Thionville aufgebaut und Hannes zeigte erstmal Franziska über die Kamera sein Zimmer.
„Wow! Das ist aber chic. Ich hatte mir deine Unterkunft völlig anders vorgestellt.“ „Danke. Naja, ich habe schon schlimmer geschlafen. Ich schicke dir gleich einige Fotos von dem Hotel. Dieses Haus ist ein 5 Sterne Luxushotel, nur kommen keine Touristen zu uns.“
Hannes suchte Fotos von dem Hotel, Park und Werkstatt für Franziska aus einem seiner vielen Ordner heraus.
„Die Fotos kommen gleich bei dir an.“ „Merci beaucoup. Es ist schön, dich zu sehen. Hannes, wir machen uns große Sorgen um dich. Wir sehen uns lesen in den Nachrichten, was in Afghanistan passiert.“ „Franziska, ich müsst euch wirklich keine Sorgen machen. Zum einen fahre ich ein gepanzertes Auto, habe eine Waffe und bin in diesem Luxusschuppen gesichert, wie die Königin von England und zum anderen habe ich eine Armee Bodyguard um mich. Lass uns nicht über Afghanistan reden.“ „Du hast recht, es gibt andere Themen. Deine Fotos kommen gerade an. Das ist chic! Darf ich die Fotos anderen zeigen?“ „Natürlich. Ich kann dir auch die Webseite unserer Firma geben. Dort ist noch ein Hotel in Kunduz zu sehen und ein paar andere Stützpunkt in Afghanistan – oder anderen Ländern.“ „Hannes, du siehst traurig aus.“ „Traurig, überarbeitet und zu viele Gedanken. Gedanken hauptsächlich um und über Afghanistan. Aber wir wollen nicht darüber reden. Ja, Franziska, ich bin traurig, rat- und hilflos. Traurig, weil ich Patricia vermisse. Ratlos, weil ich nicht weiß was ich möchte. Bleibe ich in Afghanistan und helfe Nila dieses Projekt auf die Beine zu stellen oder soll ich in die USA in die Chefabteilung gehen? Hilflos, weil Patricia immer die richtige Antwort hatte.“

Hannes sah via Skype eine attraktive Frau von 62 Jahren beim Denken zu.
„Hannes, jeder der dich kennt, weiß wie sehr zu meine Tochter geliebt hast und jeder kennt auch deinen Schmerz. Man sieht es dir an den Augen an. Du kannst aber dein Leben lang nicht vor dem weglaufen, was dir im Herz weh tut. Ich kann es auch nicht. Als wir damals die Nachricht von den Ärzten bekommen hatten, dass Patricia Leukämie hat, brach für uns eine Welt zusammen! Wie geht man als Eltern mit einer solchen Nachricht um? Man weiß, dass dein Kind irgendwann sterben wird und hoffst, dass dies alles nur ein böser Traum ist. Bei jeder Chemotherapie hofft man auf eine Heilung. Bei jeder anstehenden Operation betet man, dass es besser wird. So lebt man tagein tagaus und dies über Jahre.“
Hannes hörte Franziska aufmerksam und konstaniert zu. So hatte er die Sicht von Franziska noch nie gesehen.
„Als Lehrerin war es für mich eine Qual den Sportunterricht zu leiten. Die Kinder rannten, sprangen oder turnten für Urkunden oder Medaillen und das eigene Kind kämpfte ums Überleben. Ich ließ mich ein Jahr später vom Sportunterricht freistellen, weil ich es nicht mehr ertragen konnte. In meinen Unterrichtsfächer war es aber genauso. Also ließ ich mich vom Dienst freistellen. Zuhause wurde ich fast wahnsinnig von all den Gedanken an Patricia. Also ging ich nach einem Jahr wieder zurück an die Schule.“

Franziska schloss ihre Augen und Hannes sah, dass ihre Hände zitterten.
„Franziska, dies alles tut mir furchtbar leid.“ „Ich weiß. Hannes, ich weiß wie du fühlst und spürte deine Anteilnahme.“
Franziska wischte sich die Tränen aus den Augen.
„Patricia kämpft für ihr Leben und so konnte sie irgendwann das Krankenhaus verlassen. Sie wurde immer stärker und meinte, sie müsse jedem beweisen, was sie kann. Ihren ersten Freund hatte sie mit 15 Jahren. Nathan Duval, war zwei Jahre älter als sie und war ein anständiger Junge. Er wusste nicht, dass Patricia krank war. Die Beziehung hielt ein knappes Jahr, denn Patricia musste wieder ins Krankenhaus und so erfuhr Nathan von der Leukämie. Er hatte Patricia noch nicht einmal im Krankenhaus besucht. Wie weh ihr dies tat, brauche ich dir nicht zu sagen.
Danach hatte Patricia nur noch kurze Liebeleien. Dann bist du gekommen – ein netter und zuvorkommender junger Mann. Ich mochte dich vom ersten Moment an. Ich sehe dich immer noch im Wohnzimmer sitzen, wie galant du damals zu mir warst. Ja, ich sah auch damals deine Sorgen in deinen Augen. Du hattest nie gedacht, dass Patricia mit dir an die Côte d’Azur fährt.“
Hannes nickte zustimmend.
„Als du duschen gingst, sprach ich natürlich mit Patricia darüber. Mir war es überhaupt nicht recht. Ich kannte dich nicht und wusste nicht, ob du ein guter Autofahrer oder Rennfahrer bist. Man hat als Mutter so seine Gedanken, bei jungen Autofahrer. Dein Opel Kadett sah nicht gerade wie ein Rennauto aus, also war diese Angst schon etwas weniger. Das junge Menschen in einem Flirt oder Beziehung auch Sex haben, ist ein Umstand, den alle Eltern kennen und da braucht es nicht den weiten Weg an die Côte d’Azur.“

Hannes war es peinlich, dass Franziska dieses Thema anschnitt. Er wollte ihr gerne etwas sagen, wollte sie aber jetzt auch nicht unterbrechen.
„Patricia rief an jenem Abend an und sagte, dass ihr in Avignon seid. Da auch ich rechnen kann, musste ich lächeln. Gerast bist du definitiv nicht. Ich weiß, wie schüchtern du neben meiner Tochter im Bett gelegen hast und dass du dich erst am nächsten Morgen getraut hast, Patricia deine Hand zu geben. Hannes, was ich eigentlich sagen möchte, ist ganz einfach: ich habe dich zu schätzen gelernt. Du wusstest lange nichts von der Leukämie bei Patricia.“
Hannes nickte wieder zustimmend.
„Bis zu diesem Tag, als ich mit Patricia in der Küche saß und sie fragte, ob du es weißt. Patricia hatte es dir nicht gesagt, weil sie dich nicht verlieren wollte. Nathan hatte ihr bereits das Herz gebrochen.“

Hannes kamen die Tränen, bei dem was Franziska ihn sagte.
„Du musst nicht weinen. Deine Liebeserklärung hat jeder in Lothringen in den Zeitungen gesehen. Hannes, in all den Jahren, warst du für Patricia da. Mehr Liebe kann man einem Menschen nicht geben!“
Nun liefen auch Franziska die Tränen an den Wangen herunter.

Hannes saß regungslos auf seinem Stuhl und hörte Franziska weiter sehr aufmerksam zu.
„Erinnerst du dich noch an das Feuerwehrauto?“
Hannes nickte in die Kamera. Wie könnte er jemals diese Liebeserklärung vergessen, als die Feuerwehr Drehleiter in der Einfahrt vor dem Haus stand.
„Die Liebe ist wie die Autobahn, sie geht hoch und runter, über Brücken, links und rechts. Aber immer auf das Ziel zu – dies waren deine Worte an meine Tochter.
Hannes, unser Leben geht nicht immer geradeaus – aber immer auf das Ziel zu!
Du sollst wissen, dass in Frankreich dein Ziel ist. Ja, ich weiß, wie schwer es für dich ist, wenn du zu uns kommst. Wir leben auch in dem Haus, in dem unsere Tochter erwachsen wurde. Ich möchte dich zu nichts drängen. Du sollst aber wissen, dass du für mich und Bernhard wie ein Sohn bist.“

Lange sagte keiner etwas. Franziska hatte recht, das Leben geht weiter und irgendwie auf das Ziel zu.
„Franziska, ich danke dir für deine Offenheit. Ich danke dir für deine Liebe. Du warst über 10 Jahre mehr Mutter für mich, als es meine Mutter je war. Lass mir bitte Zeit zum nachdenken. Nach vielen Jahren hatte ich vor fünf Monaten endlich den Mut gefunden, zu euch zukommen und ich habe versprochen mich regelmäßig zu melden. Dieser erste Schritt war für mich schon sehr schwer. Hätte mich Inès nicht auf dem Friedhof…“ „Hannes! Hör auf, bitte! Wir haben darüber gesprochen und ich bin froh, dass du diesen Schritt nicht gegangen bist, denn dann hätte ich noch ein Kind verloren.“
Hannes kamen die Tränen bei diesen Worten von Franziska. „Entschuldigung. Es tut mir leid.“ „Ich weiß. Ich kenne die Unterhaltung zwischen dir und Inès. Ich soll dich auch ganz lieb ihr grüßen.Au revoir, Hannes. Melde dich wieder.“ „Au revoir, Franziska. Ich verspreche es dir. Sag bitte liebe Grüße an Bernhard.“

Hannes schaltete seinen Laptop aus und musst erst einmal vieles verarbeiten. Sabine hatte in Istanbul schon ähnliches gesagt, wie nun auch Franziska. Um die Wahrheit zu sagen, fühlte er sich jetzt noch ratloser. Er dachte an Inès Strasser, die Frau vom Bäcker. Beide wurden seine Freunde und sie hatten in Frankreich oder über Telefon aus Thailand oft sehr schöne und lange Gespräche geführt.

Das letzte Gespräch mit Inès war eine Offenbarung. Wer weiß was passiert wäre, wenn Inès ihn auf dem Friedhof nicht getroffen hätte? Hatte Gott ihm Inès als Engel geschickt? Er würde wieder so gerne in eine Kirche gehen. So gerne mit Gott reden. Natürlich könnte er dies an jedem Ort dieser Welt tun. In einem Gebäude, dass für Gott gebaut wurde, war es doch ein anderer Moment als hier in sein Hotelzimmer.

Gott ist da, wenn man ihn sucht

Hannes ging wieder ins Büro, denn auch als Chef sollte er hin und wieder etwas arbeiten. Nur was? Seine Gedanken waren zerstreut und auf seine Arbeit konnte er sich nicht konzentrieren.

Im schlauen World Wide Web fand Hannes sogar eine katholische Kirche in Kabul. Sollte er doch mal wieder in die Kirche gehen? Er war noch nicht einmal katholisch. Bei Gott würde die Konfession wohl kaum eine Rolle spielen.
Die Kirche, die er fand, war auf dem Gelände der italienischen Botschaft in Kabul, in der Great Massoud Road. 13 Kilometer von der Darulaman Road entfernt. Bei dem Verkehrschaos in Kabul konnte er gute 30 Minuten Fahrt einplanen.

Im Büro waren um diese Uhrzeit Andreas Neumann und Eliza Novak. Hannes schaute zu den beiden, die auf der linken Seite der Tischreihe saßen und dann auf die Tasten vom Telefon. Er nahm eines der drei Telefone auf seinem Schreibtisch und wählte die siebenstellige Zahl der italienischen Botschaft in Kabul.

Eine Frau begrüßte ihn auf italienisch am anderen Ende der Leitung. Einige Sprachen konnte er, italienisch gehörte nicht in sein Sprachrepertoire. Ciao buona giornata, Addio. Come stai? (Hallo und guten Tag, Auf wiedersehen. Wie geht es dir?) War doch etwas wenig um eine Konversation in italienisch zu führen.
Er stellte sich der Frau auf englisch vor und erklärte auch den Grund für diesen Anruf. Die Frau stellte ihn zu dem Pastor der Gemeinde, Mission sui juris Afghanistan, durch.

Pater Giovanni Scalese hatte eine angenehme Stimme. Hannes spürte die Blicke seiner Mitarbeiter – es war ihm in diesem Moment egal. Er hätte schließlich auch von hundert anderen Telefone in diesem Gebäude anrufen können.
Er sprach mit dem Pater, was ihn bewegte diese Nummer anzurufen. Pater Scalese freute sich, dass ein Deutscher ihn in Kabul anrief.
Das Gespräch war gar nicht so lange geplant, als es am Ende wurde. Pater Scalese lud ihn ein, in der Great Massoud Road vorbei zu kommen. Täglich würde eine Messe gefeiert werden. Die Menschen die zu den Messen kamen, gehörten meist zu internationalen Organisationen, wie der UN oder Firmen, deren Mitarbeiter nur eine Zeitlang in Afghanistan seien.
Gerne folgte Hannes dieser Einladung, wenn er auch nicht wusste warum.