5 Terror überall. Dschalalabad

Teil III
Kapitel 5

Terror überall. Dschalalabad
„…zwei deutsche bei Bombenanschlag in Dschalalabad schwer verletzt? Immerhin besser, als ein deutscher gefallen.“ „Ja ja, dann wäre ich nach Botschaft tot.“

2. Februar 2007
Mit zwei Fahrzeugen und drei Regierungsbeamten wurde eine Sicherungsfahrt von Kabul in die 170 Kilometer entfernte Stadt Dschalalabad durchgeführt. Dschalalabad ist die Distrikthauptstadt der Provinz Mangareva und eine wichtige Handelsstadt im Osten des Landes. Immer wieder gab es in der Vergangenheit Terroranschlägen in dieser Stadt.

170 Kilometer Konzentration auf alles was sich bewegt oder an der Straße parkt, ist sehr anstrengend. Hannes saß auf dem Beifahrersitz des Land Rover Armoured und war hochkonzentriert.
Im Hotel liefen die letzten Bauarbeiten und die Arbeit von Hannes war noch sehr überschaubar, so fuhr er als vierter Personenschützer bei diesem Auftrag mit.
Oliver fuhr den schwarzen gepanzerten Geländewagen mit voller Konzentration. Vor ihnen fuhr Samuel mit dem Toyota Quantum. Marcel auf der Rückbank als Sicherungsschütze. An den Fahrzeugen konnten während der Fahrt die Panzerglasscheiben der Kofferraumklappen geöffnet werden um auch während der Fahrt schießen zu können. Solche Überlandfahrten waren besonders gefährlich, da immer und überall ein Anschlag statt finden konnte. Selbst durch die starke Panzerung des Range Rovers gab es keine hundertprozentige Sicherheit.

Über Funk sagte Hannes zu Samuel, er solle in der nächsten Zeit an einem geeigneten Ort anhalten, einer der Fahrgäste müsste auf die Toilette. „Willst du mich verarschen?“ Kam als Antwort von Samuel. Die Sicherheitsmänner hassten es nicht mehr, als wenn die Fahrgäste nicht professionell genug waren um bei einer Überlandfahrt von A nach B ihre Blase unter Kontrolle halten zu können. Oliver sagte zu Samuel „Hinter uns sieht es seit 20 Kilometer gut aus.“ Da die beiden Fahrzeuge eine viel höherer Geschwindigkeit fuhren als der sonst übliche Verkehr in Afghanistan, musste der Blick nach hinten genauso beobachtet werden, wie nach vorne.
Bei der Stadt Sarobi, am Sarobi Damm, gab es Ausflugsrestaurants dort steuerten die beiden Fahrzeuge den Parkplatz des dritten Restaurant an, dieser sah Augenscheinlich am besten aus. Die Fahrzeuge parken sehr nah am Eingang. Einer der Fahrgäste in Hannes Fahrzeug schickt sich an die Tür auf zu machen. Mit einem klaren und lauten „No“ von Hannes ließ der Mann vom Türgriff und schaute Hannes verwundert an. „Please wait“.
Die Personenschützer warteten noch zwei
Minuten, ob nicht ein verfolgendes Auto kam. Samuel stieg aus dem Toyota und sah sich um. Er stellte sich mit seinem XM8 Sturmgewehr zwischen den Toyota und den Land Rover und sichert die Umgebung. Marcel hatte währenddessen die Scheibe am Toyota herunter gelassen und sicherte nach Westen die Straße, aus deren Richtung sie gekommen waren.
Auf ein Zeichen von Samuel stieg Hannes aus dem Wagen. In seiner linken Hand hielt er seine Glock 17. Oliver blieb noch im Wagen mit laufendem Motor sitzen. „Ok, you can go“, sagte Hannes zu den Beamten.
Oliver verließ das Fahrzeug und Streckt sich. Die Beschusshemmenden Westen waren auf lange Zeit sehr unangenehm zu tragen. Gerade in den Fahrzeugen waren sie oft unbequem. All die Waffen, Fahrzeuge und Schutzkleidung fielen natürlich in Afghanistan jedem auf. Terror hat keine Uniform  und Terror erkennt man keinem Menschen an. Diesen Umstand musste man sich in Afghanistan zu jeder Sekunde bewusst sein! Selbst Kinder wurden von der Taliban oder anderen Terrorgruppen als Attentäter rekrutiert!

Samuel gab jedem eine Zigarette. Die Männer rauchten eine Marke aus Afghanistan. Hannes verdrehte die Augen. „Ist da Eselsdung drin?“

Der Blick über die angestaute Wasserfläche des Sarobi Damm war grandios. Die kahlen und schroffen Berge vom Hindukusch rings um den See, am Fuß des Sees grüne Landschaften, saftiges Gras und Bäume. Eine Oase in all dem grau und braun der Berge. Afghanistan konnte so schön sein, so faszinierend und auf der anderen Seite war es eines der gefährlichsten Länder der Welt.

Nach einer viertel Stunden Pause ging die Fahrt weiter nach Dschalalabad. Links und rechts der Straße sah man nur Gebirge. Die Straße nach Dschalalabad war an vielen Stellen tief in die Felslandschaft eingeschnitten. Felswände so weit und hoch das Auge reichte, eine sehr triste und doch faszinierende Landschaft. Immer wider kamen lange und dunkle Tunnels auf der Strecke. Das gehupe der anderen Verkehrsteilnehmer war selbst in dem stark gepanzerten Land Rover zu hören. In den Tunnels musste man sehr aufpassen, weil es immer Motorräder, Fahrräder und sogar Autos gab, die ohne Licht in dieser Dunkelheit fuhren. Das Sicherheitsdenken der Afghanen lag im Straßenverkehr auf dem Nullpunkt
„Ich kann nicht begreifen, warum die so wenig an ihre eigene Sicherheit denken“, sagte Oliver, als sie durch den dritten Tunnel fuhren. Hannes musste grinsen. „Das gleiche ging mir eben auch durch den Kopf. Ich weiß es auch nicht. Vielleicht ist es ihnen egal. Egal an was ich heute sterbe. Ein Lkw, ein Pkw oder eine Sprengfalle. Ich glaube nach über fünfundzwanzig Jahren Krieg und Terror hört man auf zu denken, an das was morgen kommt.“ Oliver sah ihn Wortlos an.

Die Vororte von Dschalalabad kamen in Sicht. Fahrzeuge jeglicher Art bewegen sich auf den Straßen. Karren die von Männer gezogen wurden, Dreirädrige stinkende Motorrad Taxen aus Indischer Produktion lärmen durch die Straßen. Überall das gleiche Bild von zerstörten Häuser, Schuttberge links und rechts der Straßen und Pisten. Wurde etwas aufgebaut, konnte es sein, dass es bald wieder durch eine Bombe zerstört wurde. Die Menschen die in Häuser lebten, die zerschossen oder teilweise Eingefallen waren, konnten einem leid tun. Ein Leben wie im Mittelalter und trotzdem war man im 21. Jahrhundert.
Die gepanzerten Fahrzeuge erreichten das Regierungsgebäude der Provinzhauptstadt in Osten des Zentrum.
In einem Büro des Gebäudes warteten die vier Männer beim Tee auf die Regierungsbeamten. Das Büro war schmutzig, verstaubt und in den Blechregalen lagen Berge von Akten in grünen, blauen und rosa farbenen Ordner. Ob da noch jemand einen Durchblick hat, ging es Hannes durch den Kopf. Afghanistan braucht noch sehr viel Hilfe um das zu werden, was es einst war.
Tamina zeigte ihm schon viele Fotos aus den 70er Jahren und Hannes konnte vieles gar nicht glauben. Diese Fotos hatten nichts mehr mit dem Afghanistan zu tun, dass er nun schon das zweitemal sah. Frauen sah man nur noch unter Burkinas und das öffentliche Leben war kaum noch vorhanden. Er sah hin und wieder auch Frauen die keine Burka trugen und soweit er dies beurteilen konnte, auch sehr modern gekleidet waren. In Kabul war sechs Jahren nach der Taliban in ein paar wenigen Viertel schon so etwas wir Normalität zu sehen. Was war schon Normal?

Ein Mitarbeiter vom Gouverneur kam in das Büro und sagte ihnen, dass die Gespräche heute nicht beendet würden und er gehe von Morgen Nachmittag 14 Uhr aus.
„Okay, dann lasst uns eine Herberge für die Nacht suchen“, sagte Hannes zu seinen drei Kollegen und rief Marco in Kabul an. Marco sollte in seinem Büro doch bitte im Ordner aller Kontaktdaten ihm die Nummer vom PRT in Dschalalabad geben.
Das US Militär hatte in dieser Stadt ein Provincial Reconstruction Team. Hannes wollte lieber dort, als in einem Hotel in der Stadt schlafen.

Dem Soldaten am anderen Ende der Leitung, trug er sein Anliegen vor. Wäre überhaupt kein Problem, sie sollten vorbei kommen, sagte eine freundliche Stimme im Telefon.
Das 15 Kilometer östlich gelegene PRT von Dschalalabad war schnell erreicht. Die Kontrolle am Eingang zu dem PRT war auch kein Problem. Solche gepanzerte Fahrzeuge wurden sowieso nicht kontrolliert. Hannes zeigte dem Sergeant an der Wache nur seinen Pass und die Namen seinen drei Kollegen. Sie machten im Grunde die gleiche Arbeit wie die Soldaten – nur eben nicht militärisch.

Im Camp Office stellte Hannes dem Diensthabende Leutnant sein Team vor. Leutnant Davids freute sich sehr, dass er auch mal die Sicht und Lage von Afghanistan von anderen hörte. Davids bat die kleine Gruppe, ihn zu Captain Mall, dem Kommandanten von dem PRT, zu begleiten.
Im Büro von Captain Harris Mall beantworteten Hannes, Marcel, Oliver und auch Samuel die Fragen, die auch in ähnlicher Form Leutnant Davids zuvor gestellt hatte. Die Militärs kannten vieles in den Ausführen der vier gar nicht. Für sie war Afghanistan ein Kriegsgebiet und ein Aufenthalt außerhalb des Camps Lebensgefährlich und auch gar nicht erlaubt. Auch wenn das Militär zum Aufbau des Landes da war, wurde es als der Feind angesehen. Zu tief war die Angst von Krieg und Zerstörung der Bevölkerung gegen das Militär. „Hannes, wie ist deine Meinung zu unserem Einsatz? Sei ehrlich.“ Fagte Captain Harris Mall. Was sollte er Mall darauf antworten? Hannes sah Ratlos in die Runde der fünf Männer. „Harris, ich weiß das ihr helfen wollt dem Land wieder auf die Beine zu kommen. Nur wie? Mit Panzer und Gewehren? Ich weiß auch, dass ihr, wie auch wir, uns schützen müssen. Der Hass gegen alles und jeden ist tief bei einigen Menschen und du siehst keinem Mann an, ob er glücklich über dich ist und in der nächsten Sekunde auf dich schießen wird. Der ganze ISAF Einsatz ist eine Sackgasse und ihr habt keine Chance einen anderen Weg zu gehen.“ Davids und Mall nicken stumm. „Wir wollen den Menschen helfen und den Frieden sichern. Und dies mit Panzer und Gewehren. Wie blöd ist dies alles?“ Hannes sah in den Augen von Harris die Traurigkeit und Ohnmacht vor der auch er täglich stand. Captain Mall sagte der Gruppe, dass vor einem Halben Jahr zwei US Soldaten in der Stadt erschossen, drei Soldaten verletzt wurden und zwölf Afghanische Zivilisten dabei ums Leben gekommen waren. Es war ein Anschlag am Busbahnhof der Stadt. Die Terroristen hätten aus einem Fahrzeug heraus geschossen. Im Dezember sprengte sich am Flughafen von Dschalalabad ein Selbstmordattentäter in die Luft, dabei starben neunzehn Menschen und fast dreißig wurden verletzt. „Wie sollen wir da Frieden sichern? Es trifft immer die Zivilbevölkerung. Muslime, die glauben Muslime zu sein, töten Menschen mit der gleichen Religion. Dies alles im Namen von Allah.“ Hannes nickte langsam. Was sollte er darauf sagen?

Die Gespräche mit Harris Mall und Mike Davids waren gute Gespräche. Da saßen Weltverbesserer an einem Tisch in einem Militär Camp und wollten Frieden für so viele Menschen geben und wussten auch, dass andere jenen Frieden mit AK-47 und Sprengfallen nicht wollten.

Am späten Abend ließ Hannes sich noch über die aktuellen IED und Terrorpunkte informieren. Hannes gab Mall seine Mail Adresse um in Zukunft über eben jene Lage in dieser Region besser informiert zu sein.

Am nächsten Morgen waren die Personenschützen um 13.30 Uhr an dem vereinbarten Treffpunkt im Rathaus von Dschalalabad. Die Fahrzeuge standen vor dem Eingang des Gebäudes. Die vier Männer warteten im gleichen Raum, wie einen Tag zuvor auf die Regierungsbeamten. Beim Tee und Zigarette kamen die Männer auf die Gespräche vom Vorabend mit Davids und Mall zu sprechen und auch sie wussten, dass es in Afghanistan in den nächsten Jahren keinen Frieden geben kann und wird.
Um 14.20 Uhr war die Gruppe zur Abfahrt bereit und die Personenschützer verließen mit den drei Beamten das Gebäude. Plötzlich gab es einen Ohrenbetäubenden Knall und die Druckwelle ließ in den Umliegenden Gebäuden die Fensterscheiben bersten. Hannes riss es von den Beinen und er schlug mit dem Rücken auf die Treppenstufen auf. Trotz der Beschusshemmenden Westen konnte er für einen Moment nicht atmen. Rechts neben ihm stürzte einer der Beamten Kopfüber die Treppe herunter. Hannes konnte den Mann gerade noch am linken Arm packen und zu sich ziehen. Da Hannes immer noch mit dem Rücken auf der Treppe lag, konnte er nicht verhindern, dass der Mann fiel. Wohl aber dessen Fall so lenkten, dass er nicht mit seinem Gewicht sich den Kopf auf den Betonstufen aufschlug. Glas von den Fenster des Rathauses lag rings um ihn. Die Fassaden eines zweistöckigen Hauses auf der anderen Straßenseite stützte ein. Rauch und Staub waren sogleich in der Luft. Man sah kaum noch etwas und die Lunge tat beim Einatmen von dem Staub weh. Hannes hörte Menschen auf der anderen Straßenseite schreien. Sekunden nach der Detonation war Marcel am Kofferraum vom Armoured, warf jedem ein Headset zu. Packte den Notfallkoffer aus dem Toyota, nickt Hannes zu und rannte Richtung Straße.
Durch den, immerhin abgefederten Aufschlag, blutete der eine Beamte am Kopf. Hannes zog ihn zum Armoured, setzte ihn an die Karosserie des Wagens, packte den Notfallkoffer aus dem Land Rover und leistete sofort Erste Hilfe. Der Mann hatte eine Platzwunde an der linken Schläfe und einen Schock. Er konnte reden und wusste auch seinen Namen. Aamun Ghubar. „Aamun, Sie haben eine Platzwunde am Kopf. Ich versorge jetzt Ihre Wunde. Können Sie Ihre Beine bewegen?“ Ghubar nickte ihm zu. Hätte Hannes Ghubar nicht zu sich ziehen können, wäre dieser mit den Schädel auf den Betonkanten der Treppenstufen aufgeschlagen und sich weit mehr verletzt. Hannes erkundigt sich über den Zustand der beiden anderen Beamten. Bis auf kleinere Wunden durch die Glassplitter hatten beide keine weiteren Verletzungen. Gott sei Dank, war denen nichts weiter passiert. Sofort kamen Wachmänner aus dem Gebäude gelaufen. Hannes gab Status über die drei Männer und die Wachmänner sollten die Beamten ins Gebäude bringen.

„Mein Gott, wie sieht das hier aus!“ Hört Hannes die Stimme von Marcel in seinem rechten Ohr. „Status: Bin an der Straße fünfundzwanzig Meter nach Süden Richtung Zentrum…. rechts von mir drei Personen…tot. Ich sehe viele Verletzte links und rechts von mir. Acht Personen….eine Person tot….versorge diese Gruppe…. Stand-by.“ „Let’s go!“ Sagt Hannes zu seinen Kollegen, packt sich einen witeren Notfallkoffer und macht sich mit Oliver und Samuel auf dem Weg zur Straße.

Das Wachhäuschen am Eingang des Regierungsamtes war nicht mehr. Die beiden Wachmänner, in dem kleinen Häuschen wurden regelrecht zerfetzt! Wenige Meter links vor ihm lagen Körperteile von Menschen, die eben noch auf der Straße gingen. Menschen schrien und weinten in der Umgebung von dem Anschlag. Es herrschte das blanke Chaos auf der Hauptstraße von Dschalalabad.
„Die beiden Wachmänner sind tot. Die Bombe wurde in der Nähe gezündet. Ich sehe zehn Meter nach Norden ein völlig zerfetzter PKW. Eine Person kann ich in dem Wagen erkennen. Das … was noch übrig ist. Mein Gott,… der Torso ist nicht mehr da! ….. Marcel, ich bin jetzt links auf der Straßen sehe dich recht in dreißig Meter Entfernung. Oliver schau du bitte nach den Menschen links von mir. Samuel, hilf du Marcel. Status: Zwei männliche Personen auf der linken Straßenseite tot….viele Trümmer vom Haus…. komme nicht zwischen Häuser und Autos durch.  Muss zurück auf die Stra….“ In diesem Moment gab es eine weitere Explosion. Hannes riss es im Lauf auf den Boden. Er schlug mit seiner rechten Seite auf die Straße auf. Alles war verschwommen, atmen tat weh. „HANNES…!“ Hört er Oliver über das Headset brüllen. „Alles gut. Alles gut….bin nur etwas zu fest aufgeschlagen. Marcel? Gib mir Status!“ „Bin da! Hatte gekniet. Die Druckwelle hat mich nur umgehauen die Bombe detonierte zweihundert Meter von mir entfernt. Bin noch bei dieser Gruppe….eine weitere Person tot….Stand-by“ „Oliver?“ „Alles okay. Bin fünfzehn Meter hinter dir und war durch das Wrack von dem Auto geschützt.“ „Samuel! Wo bist du?“ „An der Mauer vom Rathaus. Die Druckwelle hat mich an die Wand gedrückt. Vor mir liegt eine Frau mit einem Kind. Moment…. Merde, beide tot! Ich laufe weiter zur zweiten Detonation. Oliver?“ „Ich komme sofort. Versorge noch einen Mann hier an dem Haus.“ „Samuel, seid vorsichtig! Nicht zu nah an die Häuser. Oliver schaff den Mann vom Haus weg, nicht das noch die Fassade einstürzt. Verdammt tut mir die Seite weh. Status: Sehe Marcel fünfzehn Meter rechts vor mir. Ein Kind tot…Frau tot…Kind links neben mir…tot…habe eine schwer verletzt Person hinter einem Auto gefunden…lebt noch! Bein abgerissen….
mache Druckverband…Stand-by.“

Die junge Frau und ein Kind lagen links hinter einem Auto. Das rechte Bein der Frau war am Oberschenkel abgerissen. Hannes legte sofort den Tourniquet aus dem Notfallkoffer bei ihr an. Da die Frau ohnehin schon multiple penetrierende Verletzungen hatte, machte ein Druckverband wenig Sinn. Das Tourniquet wird eingesetzt, um eine große oder mehrfach penetrierende und stark blutende Wunde an einer Extremität zu stoppen, insbesondere nach Explosionsverletzungen durch Splitter oder Bomben. Hannes riss Kompressen auf und drückte auf die Wunde der Frau. Blut spritzte aus dem Körper der Frau sie schrie, weinte und zitterte. Sie stand unter Schock. Er zog das Tourniquet so fest er konnte. Die Blutungen hörten nicht auf. Immer weiter drückte er Kompressen in die Wunde. Ihr Blut war auf seinen Kleider, Arme und Gesicht. „Hannes..?“ Hörte er Olivers Stimme. „Kann nicht….die Frau verblutet….sie stirb mir. Stand-by!“ Seine Hände waren schon Blut überlaufen. Er sah wie die Frau immer mehr zitterte und sich verkrampfte. Das Blut pochte und pochte in die Kompressen. Er drückt so fest er konnte in die Wunde.

Ein Mann kam neben ihn und sprach mit ihm. Hannes verstand nicht alles, was der Mann ihm sagte. Ihm dröhnten noch die Ohren. Der Mann sprach sehr schnell und stand zudem unter Schock. Hannes sah das Gesicht der jungen Frau und wusste, dass sie tot war. Der Mann, in einem grauen Sakko über dem traditionellen Shalwar Karmeez, einem knielangen Baumwollhemd mit Pluderhose packte Hannes an der Schulter und drückte ihn leicht weg. Hannes konnte nicht aufstehen, er hatte kein Gefühl in den Beinen. Eineinhalb Meter links von ihm lag ein toter Junge. Hannes nahm den Jungen auf die Arme und ließ sich mit dem Rücken gegen das Auto hinter ihm fallen. Tränen liefen ihm über sein Gesicht. Der Junge mochte sechs oder sieben Jahren alt gewesen sein. Hannes streichelte die Wangen von dem Kind „Wofür mein Kind? Wofür?“

Ein anderer Mann kam an das Auto gelaufen. Als er Hannes mit dem Jungen dort sitzen sah, blieb er abrupt stehen und sah mit leeren Augen zu den beiden. Er kniete sich zu Hannes und wollte etwas sagen. „Es tut mir leid um dein Kind“ sagte Hannes unter Tränen und reichte ihm den Jungen.
Der ältere Mann mit Staub und Dreck im Gesicht, hielt den Körper der jungen Frau fest und redete und redete. Hannes sah, dass er weinte und immer wieder nach dem Warum rief.

Es dauert einige Zeit bis Hannes wieder die Fassung hatte. Auch wenn er fähig war Menschen zu töten, war dies doch etwas was er nie wollte. Beschützen und helfen war es, was sein Job ausmachte – nicht das töten. Nun saß er in mitten von toten Menschen und war kaum fähig zusammenhängend zu denken.

Auf der Hauptstraße sah er Menschen die Verletzte versorgten. Andere trugen tote Kinder auf den Armen. Schreiende und weinende Menschen überall. An dem eingestürzten Haus fingen Männer an, mit bloßen Händen nach Verschütteten Menschen zu graben. Der Geruch von Staub, Sprengstoff, Blut und Tod stieg ihm in die Nase. Über das Headset hörte er seine Kollegen und nahm deren Worte kaum wahr. Oliver und Samuel versorgten verletzte Menschen am Ort der zweiten Detonation, an einer Bank – oder das was es einmal war. Dort gab es die meisten Tote!
Nach zwei Stunden wurde das Chaos etwas geordneter. Reporter mit Kameras liefen durch die Straßen um zu filmen und berichten, dass es in Dschalalabad zwei Bombenanschläge gab. Ein Reporter hielt seine Kamera auf Hannes, als er mit Sanitäter eine Gruppe Schwerverletzter Personen behandelte. Auf Englisch schimpfte er mit dem Reporter, der ihn filmte. Hannes zeigte ihm seinen Ausweis und Dokumente, die seinen Status in Afghanistan offiziell bescheinigten, sofort hörte der Mann auf zu filmen. Der größte Alptraum von Personenschützen ist, wenn diese öffentlich gezeigt werden.Gerade bei Ausländer die in zivilerdkleidung an einem Tatort sind, weiß jeder Fernsehzuschauer sofort, was diese Person in Afghanistan macht.

An dem Ort des Anschlags wimmelte es nur so von Polizisten, Militärs der Afghanischen Armee, vom US PRT Camp, Sanitäter und jede menge Zivilisten. Hannes sprach mit einem Ranghöheren Polizisten über die Anzahl der Toten und Verletzten von diesem Anschlag: 38 Tote und mehr als 100 Verletzte war die Antwort von dem Polizisten.

Ein Master Sergeant, ein Offizier vom Afghanischen Militär und zwei Polizisten kamen zu Hannes und wollten seine Stand von diesem Anschlag gerne zu Protokoll nehmen. So erzählte er den vier Männer ab kurz nach 14.20 Uhr die Ereignisse und gab auch die Zahl der Toten und Verletzten an, die er wusste. Die Afghanen bedanken sich bei ihm immer wieder für die schnelle und professionelle Hilfe.

Zurück nach Kabul ging es heute sowieso nicht mehr. So rief Hannes in das PRT an und frage ob er und sein Team noch eine Nacht dort schlafen könnten. „Natürlich könnt ihr zu uns kommen. Was für eine Frage. Glaubst du wir lassen euch nach diesem Vorfall alleine.“ „Danke Harris. Wir werden in der nächsten Halbe Stunde losfahren.“
Im Konvoi von vier Militär Humvees fuhr Oliver den Land Rover und Samuel den Toyota Quantum aus der Stadt Richtung PRT. Auf der Fahrt rief Hannes nach Kabul an und berichtete Marco was passierte und das sie alle wohlauf seien und diese Nacht im PRT in Dschalalabad bleiben würden.

Im Büro von Captain Harris Mall saßen die Männer und besprachen den Terroranschlag. Ein Ordonnanz Offizier schrieb die Aussagen für ein Protokoll. Hannes sein Mobiltelefon klingelte und er sah die Nummer von Malcolm Evans. Sollte  er jetzt mit ihm seinem Chef reden? „Hallo Malcolm, ich höre.“ „Schön, dass du auch mal ans Telefon gehst, wenn ich anrufe.“ „Ja, ich habe auch mal meine guten Tage.“ „Hast du ein Rad ab? Ich weiß von Marco was los ist. Ist das ein guter Tag für dich?“ „Nein! Malcolm, es ist gewiss kein guter Tag. Wolltest du mir jetzt sagen, dass ich ein Rad ab habe, oder kommt noch etwas?“ Die drei Kollegen von Hannes schüttelten ihre Köpfe bei dem was sie hörten, wie er mit dem Direktor umging. „Hannes, ich mache mir auch viele Sorgen um euch. Glaubst du mir fällt es leicht zu wissen, in welchen Ländern dieser Welt meine Mitarbeiter im Einsatz sind? Dieser verdammte Terror geht mir so was von auf den Sack.“ „Du verdienst dein Geld damit.“ Stille am anderen Ende der Leitung. „Richtig. Nur ist Leben mit Geld nicht zu bezahlen. Ich bin froh, dass es euch gut geht. Kannst du mir ein Bericht von heute zukommen lassen?“ „Bekommst du. Ein Offizier schreib ein Protokoll, ich schicke es dir die Tage zu.“

Nach dem das Protokoll geschrieben war, ging die kleine Gruppe in die Kantine zum Abendessen. Alle vier konnten sich an die Nordamerikanische Küche nicht gewöhnen. Alles frittiert und außer etwas Gemüse hatte der Teller nur eine Farbe:
braun.
In ihrem Hotel in Kabul gab es zum größten Teil afghanisches oder orientalisches Essen mit sehr viel Gemüse, Obst und Kräuter. „Was wollen die USA Afghanistan für eine Kultur beibringen, wenn diese noch nicht einmal fähig sind vernünftiges Essen zu kochen“, sagte Marcel als er seinen braunen Teller mit frittiertem Fisch und frittierten Kartoffeln vor sich sah. Marcel und Samuel sprachen bei dem Essen von der französischen Küche und wie vorzüglich diese doch sei. Hannes dachte an die Zeit in Paris. Mit Patricia auf dem Balkon in der 35 Rue Benjamin Franklin, im 16. Arrondissement von Paris schauten sie bei Fisch und Wein auf den Eiffelturm. Nun saß er in einem Kriegsgebiet und sah Terror und Tod.

In der Krankenstation vom PRT kümmerten sich ein Arzt und eine Psychologin um die vier Männer. Hannes hatte sich vom Sternum an die Rippen geprellt und leichte Verletzungen durch Glas und den Aufschlag auf der Straße an Beinen und Armen zugezogen. Oliver hatte sich beim Sturz auf der Treppe den Unterschenkel aufgeschlagen. Samuel hatte Schürfwunden auf seiner linken Seite und sich das rechte Schulterblatt aufgeschlagen. Durch die zweite Detonation hatte Marcel sich den linken Ellbogen aufgeschlagen und einige Verletzungen durch Glas am rechten Arm und im Gesicht von der ersten Detonation davon getragen.
Captain Mall kam zu ihnen ins Hospital. „Ich habe hier das Protokoll von der Polizei aus Dschalalabad.“ Harris reichte die vier Seiten an Hannes. „Männer, ich muss mich für eure Leistung bedanken. Wie schnell ihr Ordnung in dieses Chaos brachtet, ist mehr als bemerkenswert! Viele Menschen haben überlebt, durch diese durchdachte und professionelle Leitung konnten Sanitäter gezielt Menschen helfen. Respekt für eure Arbeit! Euer hervorragendes Handeln wird in dem Protokoll öfters erwähnt.“ „Ein außerordentliches Lob an die Ausländer, die der afghanischen Bevölkerung so geholfen haben…“ las Hannes auf der zweiten Seiten des Protokolls. „Sieh mal an. Menschen sind gestorben und dann schreibt man ein außerordentliches Lob“ sagte Hannes zu Harris und reichte die Blätter an Oliver weiter.

Die Psychologin sah Wortlos zu Hannes. Sie wusste nicht was sie sagen sollte oder konnte. „All is well! That’s the way it is in a country where terror is the order of the day“ sagte Hannes in die Runde und schloss die Augen. „Sie sehen jetzt die Toten Menschen, aber es leben mehr durch eure Hilfe“, sagte die Psychologin. Hannes öffnete die Augen und sah die Frau, die in gleichem Alter wie er sein konnte an. „Eine junge Frau ist in meinen Armen gestorben. Mit ihr waren es heute 38 Tote. Gestern 12 Tote in Kundus, vorgestern war es 15 in Kandahar. Und Morgen? Täglich sterben Menschen und keiner weiß wofür. Glaube? Religion? Im Namen von Allah? Oder einfach nur, weil Männer keine Zivilisation haben wollen und dadurch ein Land immer weiter in den Abgrund treiben?“ Niemand in dem Raum hatte eine Antwort auf die Fragen von Hannes.

Es war ein schweigsamer Abend  in der Krankenstation. Um 23 Uhr wollte Hannes in seine Unterkunft und nur noch schlafen. Nie wieder aufwachen, bis der Alptraum vorbei war. Er lag auf seinem Bett und dachte an Patricia. Wie sehr sehnte er sich nach dieser Frau. Ihm kamen die Tränen, wenn er an all die Jahre zurück dachte. Diese Liebe wird er wohl nie wieder erfahren. Sie wüsste jetzt, wie sie ihn trösten könnte.

Hannes fand keinen Schlaf. Immer wieder sah er die Körperteile der Menschen und der junge Frau vor sich, wenn er die Augen schloss. In den Jahren nach dem Tod von Patricia sah er so viele Menschen sterben und fragte sich immer öfter, warum Gott ihn nicht erlösen wollte. Wie leicht könnte er es sich mit seiner Waffe machen. Wie leicht war es im Sudan von einer Kugel getroffen zu werden. In Angola war es verdammt knapp. Marcel schoss schneller, als Hannes sich bewegen konnte. Marcel war dafür ausgebildet und sein Bodyguard. Er machte ihm keinen Vorwurf. Wofür auch? Sie waren Freunde. Was hatte er nur für ein Scheiß-Job angefangen!

Am Morgen nach dem Terroranschlag waren sie mit US Militärs und der örtlichen Polizei vor Ort. Jetzt sahen die Männer die brutale Zerstörung der Bomben. Schuttberge von Steinen und Möbel lagen auf der Straße. Blutflecken und Glassplitter überall und Autos die durch die Detonationen völlig zerstört waren. An vier Häuser war keine Fassade mehr. Nichts war mehr wie am Vortag. Viele Männer waren dabei mit Händen und Schaufeln den Schutt weg zu schaffen, in der Hoffnung noch Menschen in den zerstörten Häuser zu finden. Der Mann, der am Vortag so lange mit Hannes geredet hatte kam auf die Gruppe zu. Er redete wieder mit ihm. Er wollte sich bedanken, dass Hannes sich um seine Tochter gekümmert hatte. 24 Jahre alt wurde sie und hatte an der Universität in Dschalalabad Informatik studiert. Sie wollte Afghanistan eine Zukunft in der Digitalisierung aufbauen.
38 Tote, darunter 11 Kinder, und mehr als 100 Verletzte. Warum nur? Was hatte dieser Anschlag für einen Sinn? Menschen die auf dem Markt wollten oder ihren verdienten Lohn haben wollten waren tot. Gestorben für etwas was niemand begreifen kann!

In der Darulaman Road in Kabul waren die Beauftragten Bauarbeiten so gut wie abgeschlossen. In einigen Tagen werden die ersten Korrespondenten kommen. Es ist schon unglaublich, dass es Menschen gibt, die an die gefährlichsten Orte der Welt fahren, um Berichte und Bilder für die Nachrichtenagenturen dieser Welt zu machen, nur das man im bequemen Wohnzimmer sehen konnte, wie schlimm es sonst wo auf der Welt war. Wofür?

Hannes hatte die Bilder von vor Tagen in Dschalalabad immer noch vor Augen und diese öfter als es ihm lieb war. Er saß an seinem Schreibtisch vor den vier Monitoren und las E-Mails und Faxe, die in der Zeit eingegangen waren, in der er mit den Kollegen in Dschalalabad war. Die Mail vom der Deutschen Botschaft musste er zweimal lesen. An der Bildschirmreihe ihm gegenüber saß Oliver. „Ich hab dir eine Mail auf den Rechner gelegt. Lies mal!“
„Zwei deutsche bei Bombenanschlag in Dschalalabad schwer verletzt? Immerhin besser, als ein deutscher gefallen.“ „Ja ja, dann wäre ich nach Botschaft tot. Glaubt man alles gar nicht mehr.“

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