Archiv der Kategorie: Nila Khalil

Tjeerd Royaards

Tjeerd Royaards ist ein preisgekrönter niederländischer redaktioneller Karikaturist, der in Amsterdam lebt. Seine Arbeiten wurden bei CNN, The Guardian, Der Spiegel, Le Monde, Courrier international, Ouest-France, Internazoniale und Politico Europe veröffentlicht. Tjeerd ist Chefredakteur von Cartoon Movement, einer globalen Plattform für redaktionelle Cartoons und Comic-Journalismus. Er ist auch im Beirat des Cartoonists Rights Network International.

Tjeerd Royaards zeigt mit seinen Cartoons die Realität dieser Welt. Ob nun Menschenrechtsverletzungen oder Klimawandel

Seine Gedanken zum Klimawandel. Auf unserer Website gibt es zu diesem Thema ein paar sehr gute Beiträge von Evke Freya von Ahlefeldt.

Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte wird in und von vielen Staaten völlig Missachtet.

Die Flüchtlingspolitik von Europa lässt sehr zu wünschen übrig.

Kein Mensch flieht ohne Grund

Nicht nur gegen einen Ball wird getreten – auch gegen Menschenrechte.

Sehnsucht

Freiheit ist für mich sehr wertvoll

Sehnsucht
Von Nila Khalil

Gestern Abend saß ich mit Mynte Damgaard, ich kaufte am 25. August ihr Haus für meine Stiftung, in ihrem Wohnzimmer und sie stellte mir eine Frage, die ich gar nicht so leicht beantworten konnte.
„Was ist für dich Sehnsucht?“


Ich sah diese 79-jährige Frau an und wusste nicht, was ich ihr antworten konnte.
Vor zwei Jahren starb der Mann von Mynte und sie vermisst ihn sehr. Beide hatten vor über 50 Jahren den Hof ihrer Eltern übernommen. Die Landwirtschaft war hart und brauchte Anfang der 70er schon kaum Ertrag. Beiden wurde der Kinderwunsch verwehrt. 1975 bauten sie den Hof in ein Landschulheim um. Über 40 Jahren beherbergen sie tausende Kinder und Jugendliche.
Myntes Sehnsucht waren eigene Kinder und die Nähe zu ihrem Mann, der über 50 Jahre mit ihr das Leben teilte.
Mynte und Olaf hatten Sehnsucht nach einer friedlichen Welt und wollten Kinder ein Zuhause der Leibe und Geborgenheit geben  – wenn auch nicht für ihre eigenen Kinder, so gaben sie diese, wenn auch nur immer für ein paar Wochen, an tausende Kinder weiter. Alles in den beiden Häuser und Anwesen ist mit Liebe gebaut, dekoriert oder geplant gewesen.

Da wir schnellstmöglich eine Unterkunft für einen Teil meiner Mitarbeiterinnen, Mädchen und Frauen brauchten, kam ihr Anwesen wie gerufen.
Als ich mit einem Tross von Menschen am 25. August das Anwesen und Haus sah, spürte ich eine Aura die schwer zu beschreiben ist.
Der Grund von unserem Besuch in diesem Haus war allen klar: Wir kaufen ein Anwesen und Mynte geht mit diesem Geld in ein Altenheim – fertig.
Bei der Besichtigung von dem Anwesen und den anschließenden Gespräche sah ich die Traurigkeit bei dem Verlust ihres Lebenswerk in Myntes Augen.
Kann man jemanden die Wurzeln abhacken, die fünf Jahrzehnte alt sind? Ich hätte die Sehnsucht von Mynte zerstört.
Nun hat Mynte ein Lebenslanges Wohnrecht in ihrem Haus und auch wieder viele Kinder.

Mynte ist eine sehr angenehme Frau, mit einem großen Herz für Kinder. Also für uns und auch für sie war es Glück, dass wir uns gefunden haben.
Beim Tee und Plätzchen erzählte ich Mynte den Beginn meiner „Karriere“ in Afghanistan.
2005 hatte meine ehemalige Lehrerin, Shabnam, die Sehnsucht Bildung für Mädchen in Afghanistan weiter zu bringen. Sie wollte mich unbedingt an meine ehemalige Schule holen, damit ich die damalige Lehrerinnen an der Schule unterstütze. Ich bin und war nie Lehrerin. In Stuttgart hatte ich eine Ausbildung als Bürokauffrau gemacht. Vielleicht war irgendwo tief in mir die Sehnsucht wenigstens ein paar Mädchen Bildung und somit ein etwas besseres Leben zu geben.

In New York

Nun aber zurück zu der Frage von Mynte: Was ist für mich Sehnsucht?

Ist es die Sehnsucht nach meiner Freiheit, die ich mein Leben lang verteidige oder die Sehnsucht nach Frieden in Afghanistan?
Habe ich überhaupt noch Sehnsucht nach meinem Geburtsland?
Ist es die Sehnsucht für eine bessere Welt, die auch Mynte in ihrem Leben antrieb.

Was ist für dich Sehnsucht?“

Heimat? Liebe? Geborgenheit? Ich weiß noch nicht einmal wo meine Heimat ist.
Ohne Frage fühle ich mich in den Niederlanden sehr wohl und werde wohl auch die nächsten Jahre dort leben. Alleine schon wegen Lenara – oder nur wegen Lenara.
Oft stelle ich mir die Frage, was wäre wenn das UKE in Hamburg als erstes die Zusage für ihre Operationen gegen hätte, oder gar eine Spezialklinik in den USA.
Vielleicht ist meine Sehnsucht einfach nur eine Beständigkeit in oder für mein Leben.

Ich habe am Hindukusch gelebt und musste fliehen. Als Kind war meine Sehnsucht der Frieden und die Sicherheit keine Angst mehr zu haben.
In Deutschland hatte ich einen Beruf gelernt und konnte in dem Beruf arbeiten. Meine Sehnsucht waren meine Eltern. Ich hatte bereits einen deutschen Pass und wollte meine Eltern über die Familienzusammenführung nach Deutschland holen.
Der Terror in Afghanistan war schneller als die Behörden in Deutschland. Mir wurde durch einen Autobomben-Anschlag die Sehnsucht regelrecht zerfetzt.

Zurück in Afghanistan gab es keine Sehnsucht. Auf was auch?
Nach dem Suizid meiner Mutter war die Sehnsucht nach Stuttgart wieder da. Gleichzeitig aber auch die Sehnsucht nach Bildung für Mädchen.

Ich war in einem von Krieg und Terror gezeichneten Land und die Sehnsucht nach Frieden und Sicherheit kam nach 16 Jahren wieder zurück.

Mein Team von damals. Der Beginn von allem.

In den darauf folgenden Jahren kämpften ein paar mutige Frauen für die gleiche Sehnsucht nach Frieden und Sicherheit.
Was damals in einem kleinen schäbigen Büro an einer Mädchenschule begann, wurde Jahr für Jahr größer und mehr.

Alle unsere Sehnsucht wurde uns am 16. August genommen. Die Sehnsucht für eine Zukunft zerfiel am Flughafen in Kabul.
Die Sehnsucht auf Frieden wurde im Frühjahr 2020 in Doha zwar unterschrieben – aber uns paar mutigen Frauen war klar, dass dies das Ende jeglicher Hoffnung wird. Leider ist es im August 2021 auch so gekommen.

Nun sind es die gleichen Frauen wie einst in dem schäbigen Schulbüro, die jetzt über 5000 Kilometer entfernt sind und stehen wieder ganz am Anfang der Sehnsucht: Bildung und Sicherheit für Mädchen.

Da saß ich bei einer älteren Dame bei Tee und Gebäck in einem europäischen Land und konnte ihre Frage noch nicht einmal vernünftig beantworten.

Was ist für dich Sehnsucht?“

Meine Sehnsucht ist die Ruhe für mich.
Meine Sehnsucht ist das Vergessen von vielen Erinnerungen.
Meine Sehnsucht ist die Genesung und Gesundheit für Lenara.

Vor fast genau einem Jahr hatte ich Lenara gesagt, dass ich ihre Mutter sein werde und sie niemals wieder nach Afghanistan zurückkehren muss.

Die Sehnsucht nach Ruhe macht irgendwie immer einen großen Bogen um mich.

Irgendwo in Europa

Heute morgen saß ich mit Saina am Strand und erzählte ihr von Europa. Sie fragte mich, warum sie in Europa sei und nicht auch ihre Mutter.
Wie kann ich einem 3-jährigen Kind diese Frage beantworten?
Was sollte ich ihr sagen? Deine Mutter war so klug um dich in Sicherheit zu bringen – oder deine Mutter weiß, dass sie sterben wird.
Wie erklärt man einer 3-jährigen die Politik und Terror?
„Saina, ich bin nicht deine Mutter, ich werde aber mein bestes geben. Dies verspreche ich dir.“
Diese Worte von meiner Mutter sind nun 31 Jahre her und nun wiederhole ich diese bei Saina.

Ich habe in den letzten Wochen alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die Vormundschaft für Saina in den Niederlanden zu erreichen – und somit auch ein ständiges Aufenthaltsrecht.

Saina wird irgendwann Sehnsucht nach der leiblichen Mutter haben und ich weiß zur Zeit nicht, was ich ihr sagen kann.

Amira hat hin und wieder auch Sehnsucht nach ihrer Mutter – nur wird sie ihrer Mutter ins Gericht brüllen wollen.

Ich glaube in all diesem Chaos aus meinem Leben, wird die Sehnsucht auf Beschaulichkeit, Ruhe und Normalität von Jahr zu Jahr größer in mir.

Nila Khalil, 5. Oktober, irgendwo in Europa


Schottland

Schottland – warum Schottland?

By yon bonnie banks and by yon bonnie braes,
Where the sun shines bright on Loch Lomond.
Where me and my true love were ever wont to gae,
On the bonnie, bonnie banks of Loch Lomond.

Oh ye’ll take the high road and I’ll take the low road,
And I’ll be in Scotland afore ye;
But me and my true love will never meet again
On the bonnie, bonnie banks of Loch Lomond.

Wenn Gott diese Welt erschaffen hatte, dann hatte er sich bei Schottland sehr viel Zeit, Liebe und Mühe gegeben.
Ich liebe Schottland.
Die Weiten, die Ruhe und diese unglaublich schöne Landschaft.

Mein Bodyguard ist Franzose und lebt seit Jahren mit einer Frau aus Inverness zusammen. Daher die Einleitung von dem Lied: The Bonnie Banks of Loch Lomond.

Beide habe zwei wunderbare Jungen, bei denen ich und Amira Paten sind.

Meine Beziehung  und Freundschaft zu Marcel geht um vieles weiter, als „nur“ Bodyguard. Er ist ein Teil von meinem Leben und Familie. So auch Haylie Mc Farland (oder auch Bonnie Banks), die Frau von Marcel. Sie war bis vor 9 Jahren für verschiedene Hilfsorganisationen als Medizinische Fachkraft in einigen Ländern in Afrika und Asien im Einsatz – auch in Afghanistan, wenn Marcel bei mir war.


Am 14. August gab es in Haiti ein schweres Erdbeben. Als ich am 16. August mit Marcel auf dem Rückflug von Afghanistan war, packte Bonnie zwei Tage später ihre Tasche und machte sich auf den Weg nach Haiti.
Drei Wochen war sie dort für CARE im Einsatz. Haylie kennt von Kriegsgebieten über Terror bis zu Naturkatastrophen das  ganze Spektrum an Verletzungen. Sie könnte auch eine Operation bei Kerzenlicht durchführen.


In den vielen Jahren wo ich Haylie und Marcel kenne, ist eine wunderbare Freundschaft entstanden. Wenn ich mal wieder kurz am Limit von mir selbst stand und stehe, fliege ich zu ihnen nach Schottland. Dort komme ich zur Ruhe und bekomme auch wieder meinen Akku geladen. Mit Haylie gehe ich gerne stundenlang wandern. Wir beide sind uns in vielen Dingen sehr ähnlich und sie ist die beste Trösterin und Therapeutin für mich.

Als ich im März 2020 die Verantwortung für Lenara übernommen hatte, war Haylie für mich bei vielen Fragen da. Sie kam auch schon dreimal in die Niederlande geflogen, um mir beizustehen und auch mit den Ärzten einiges abzuklären.
Bonnie war auch die letzten zwei Wochen mit ihren Söhne bei mir gewesen und hat tatkräftig mein Team und mich unterstützt. Immerhin hat sie viele Mädchen und Frauen aus unseren Häusern über Jahre betreut und Medizinisch versorgt.

Heute habe ich sie zum Flughafen gefahren und sie fehlt mir jetzt schon sehr.

Nun möchte ich euch ein paar Fotos von diesem wunderschönen Fleckchen Erde zeigen.

Frauenrechte in Afghanistan

Unter dem Taliban-Regime, dass sich ab 1994 in Afghanistan langsam wie ein Geschwür ausbreitete und bis zum Ende ihrer Herrschaft, im Jahr 2001, wurden den afghanischen Frauen ihre Menschenrechte und ihr Würde abgesprochen worden.

Autorin Nila Khalil

Als die internationale Gemeinschaft unter der Führung der USA mit dem Versprechen auf Demokratie, Schutz der Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit nach Afghanistan kam, war die Hoffnung groß, dass sich die Situation der Frauen wieder verbessern würde und sie endlich die gleichen Rechte wie Männer bekämen.
Internationale Organisationen, insbesondere die UN, die Europäische Union und die Entwicklungsagentur der USA, sagten ihre Unterstützung zu, um die Lage der afghanischen Frauen zu verbessern.

Die UNO machte ihre Unterstützung der afghanischen Regierung davon abhängig, dass diese die Rechte der Frauen und ihre stärkere Beteiligung in der Afghanischen Gesellschaft gewährleistete.
Die UN koordinierten diese Hilfen für Frauen und allmählich zeichnete sich eine Verbesserung der Situation ab: Frauen erhielten mehr Zugang zu Bildung und beteiligten sich vermehrt an der Gestaltung von Politik und Gesellschaft. Die unabhängige Menschenrechtskommission Afghanistan, UNAMA ( United Nations Assistance Mission in Afghanistan) wurde gegründet, und die Gleichberechtigung der Frau wurde in der Verfassung Afghanistans festgeschrieben.

Niloofar Rahmani

Mädchen durften wieder in Schulen und Universitäten, Frauen nahmen an Wahlen teil, und fünfundzwanzig Prozent der Sitze des afghanischen Parlaments wurden Frauen zugewiesen. Auch in anderen Bereichen der Politik, der Gesellschaft und der Wirtschaft wurden Frauen aktiv und Arbeits- und Bildungsmöglichkeiten für Frauen nahmen zu.

Im Schlussdokument der Afghanistankonferenz  in Bonn im Dezember 2011 hat die internationale Gemeinschaft bekräftigt, auch nach 2014 und dem Abzug der ISAF-Truppen Afghanistan weiter helfen zu wollen. Bundeskanzlerin Angela Merkel sicherte damals Afghanistan langfristige Hilfe über den Abzug der internationalen Kampftruppen hinaus zu. „Afghanistan kann sich auch nach 2014 auf die Unterstützung der internationalen Staatengemeinschaft verlassen“, sagte Merkel.

Da die UNO, wie auch die NATO ihre militärische Präsenz in Afghanistan zurückschraubte und sich dadurch auch die Hilfen verringerten, erlahmte seitens der UNO, insbesondere der USA, auch das Interesse und die Aufmerksamkeit für den Schutz der sozialen Gerechtigkeit, der Demokratie und der garantierten Beteiligung von Frauen an der Politik.
Auch die Regierung unter Hamid Karsai auch nicht gerade mit Zuverlässigkeit glänzte, erfüllte diese ihre Verpflichtungen gegenüber Frauen nicht, denn die Gesetze und Vorschriften, die zur Sicherung der Frauenrechte eingeführt worden waren, standen lediglich auf dem Papier, wurden jedoch nicht angewandt.
Die Erwartung, dass die UNO und die Regierung Afghanistans die Gleichstellung und die Menschenrechte von Frauen gewährleisten würden, erfüllte sich nicht.
Im Gegenteil – niemand arbeitete ernsthaft an der Erfüllung dieser Verpflichtungen. Es zeigte sich beispielsweise, dass Frauen nur eine symbolische Rolle in der Struktur der afghanischen Regierung innehatten. Inzwischen hat sich, insbesondere aufgrund von wieder zunehmenden Sicherheitsproblemen, Armut, langlebigen Traditionen sozialer Unterdrückung und der Bedrohungen durch die Taliban, den IS und andere extremistische Gruppen, die Lage der afghanischen Frauen wieder verschlechtert, bis hin zu Lebensgefahr, und die Arbeits- und Bildungsmöglichkeiten haben sich verringert und sogar dramatisch verschlechtert.

Nach einer Besichtigung eines Terroranschlag an einer Mädchenschule mit 14 getöteten Mädchen und 3 Lehrerinnen.

Fortsetzung von Krieg und Unsicherheit
Der fortdauernde Krieg und Terror und die insgesamt unsichere Lage hat für Frauen das Leben in vielen Provinzen wo die Taliban wieder die Macht stark erschwert. Die Recherchen von Afghan Women´s Network ergab mit rund 100 Vorfällen in nur 71 Tagen (01.11.2018 – 10.01.2019) ein erschreckendes Bild: In fast allen der 34 Provinzen Afghanistans waren mindestens zwei Vorfälle zu finden. In den unsicheren Teilen des Landes können derzeit Mädchen, wie auch in der Vergangenheit, keine Schulen besuchen; viele Familien erlauben ihren Töchtern nicht, zur Schule zu gehen, weil es zu wenig weibliche Lehrkräfte gibt. Heute, im einundzwanzigsten Jahrhundert, können sechzig Prozent der afghanischen Frauen und Mädchen weder lesen noch schreiben.

Viele Frauen, die in mehreren Provinzen für Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen gearbeitet hatten, mussten ihre Arbeit aufgrund der Sicherheitslage einstellen, oder haben schon in den letzten Jahren im Verborgenen gearbeitet und auch agiert. Darüber hinaus töteten und erschossen die Taliban mehrere Frauen wegen des bloßen Verdachts, mit der Regierung zusammengearbeitet zu haben. Menschenrechtlerinnen leben in Afghanistan unter ständiger Lebensgefahr.

Gewalt gegen Frauen in der Familie und in der Öffentlichkeit
Traditionen sozialer Unterdrückung gibt es heute überall in Afghanistan; immer noch leiden rund drei von vier Frauen unter unterschiedlichen Formen von Gewalt, nicht nur in der Familie, sondern auch in der Gesellschaft – am Arbeitsplatz, an Ausbildungsorten und sogar auf offener Straße. Viele Familien bevorzugen klar die Geburt eines Jungen und sind unglücklich über die Geburt eines Mädchens.

Kinder und Frauen werden zwangsverheiratet oder an ältere Männer verkauft, manchmal werden sie getauscht, gegen Vieh oder gegen die Lösung eines Konfliktes. Frauen und junge Mädchen werden vergewaltigt und Gewalt gegen Frauen wird von manchen im Namen der Religion gerechtfertigt. Polygamie stellt eine weitere Herausforderung für Frauen dar. Ein Mann hat beispielsweise das Recht, mit bis zu vier Frauen gleichzeitig verheiratet zu sein, und diese Frauen besitzen keinerlei Rechte. Viele Fälle von Gewalt gegen Frauen werden mittels informeller Gerichte oder in Stammesversammlungen entschieden. Die Entscheidungen dieser Stammesversammlungen sind unfair und ungerecht, vor aller Augen werden Frauen gesteinigt oder ausgepeitscht. 2015 wurde in der Provinz Ghor eine Frau gesteinigt, obwohl sie kein Verbrechen begangen hatte.

Nicht wenigen Frauen werden durch ihre Ehemänner Ohren und Nasen abgeschnitten. Viele Frauen  suchen in den Frauen- und Schutzhäusern der wenigen Internationalen oder auch privaten Organisationen Zuflucht vor dieser immer stärker um sich greifenden Gewalt. In vielen Provinzen sind die Täter dieser Gewaltakte mächtige Männer, Kriegsherren, Regierungsbeamte oder Parlamentsabgeordnete, und die Regierung sieht sich nicht in der Lage, sie zu verhaften und oder zu bestrafen.
Basierend auf Zahlen von UNAMA wurden im Jahr 2017 rund 3800 Fälle von Gewalt gegen Frauen registriert; 19 der betroffenen Frauen haben sich selbst verbrannt.

Natasha war eine Mitarbeiterin von mir

2018 nahm die Zahl der Verbrechen weiter zu und lag bei knapp 4200. Im vergangen Jahr blieb die Zahl auf gleich hohem Niveau. Menschenrechtsorganisationen können durch die instabile Lage in vielen Regionen gar keine Hilfe, bzw. Registrierungen vornehmen und so liegt die Zahl der tatsächlichen Opfer um ein vielfaches höher.
Die sehr lasche Verfolgung der Behörden, lässt somit eine Straffreiheit für die Männer zu und ist als Hauptgrund für die Zunahme dieser Gewalt zu nennen.
Selbst in Kabul sind Frauen und Mädchen nicht vor körperlicher Gewalt sicher. Als Beispiel hierfür sei der Mord an Farkhunda genannt. Dieses Mädchen wurde vor 2015 von Dutzenden Männern brutal getötet und verbrannt – nur wenige Kilometer entfernt vom Präsidentenpalast und vor den Augen von Sicherheitskräfte.
Dieser Vorfall spiegelt die Tragweite der Tragödie wider, mit der afghanische Frauen konfrontiert sind. Zwar wurden mehrere Personen im Zusammenhang mit diesem Mord verhaftet, jedoch gingen sie letztendlich straffrei aus. Frauen und Mädchen sind selbst an ihrem Arbeitsplatz oder an den Universitäten nicht sicher. Sie werden auf dem Arbeitsmarkt und in Bildungseinrichtungen von Männern auf unterschiedliche Arten belästigt und aufgefordert, illegitime Dinge zu tun; es gibt keinerlei Gesetze zur Unterstützung von Frauen in diesen Bereichen.

Die Erfolge der afghanischen Frauen und deren mangelnde Anerkennung
Menschenrechtsaktivistinnen haben in den letzten Jahren bedeutende Erfolge in Afghanistan und über die Grenzen Afghanistans hinaus erzielen können, sie haben nationale und internationale Preise gewonnen und damit der Welt ein anderes Gesicht von Afghanistan gezeigt, als das von Krieg und Gewalt. Doch die Beteiligung von Frauen an der politischen Entscheidungsfindung ist immer noch verschwindend gering.
Trotz positiver Errungenschaften im Leben der afghanischen Frauen beschränken sich der Fortschritt und die Entwicklungsmöglichkeiten von Frauen in vielerlei Hinsicht auf Worte und Slogans. Zahllose Gesetze, Programme und Strategien wurden entwickelt, um die Stellung der afghanischen Frau zu stärken, doch deren Umsetzung war weniger erfolgreich. Immer wieder wurden diese Maßnahmen ignoriert.

Es ist offensichtlich, dass Frauenrechte in Afghanistan nur eine symbolische Rolle spielen, diese Doppelmoral und die frauenfeindlichen Einstellungen zeigen sich an folgendem Beispiel: Hamid Karsai hatte dem Parlament zwölf Ministeramtskandidaten zur Aussprache des Vertrauens präsentiert; das Parlament hat daraufhin den elf männlichen Kandidaten das Vertrauen ausgesprochen, Nargis Nehan aber, die als einzige Frau als Ministerin für Bergbau und Erdöl vorgeschlagen war, wurde abgelehnt.
Dies zeigt, dass in allen drei Organen der afghanischen Regierung Frauenfeindlichkeit herrscht und nach wie vor politische Entscheidungen auf der Grundlage gefällt werden, die männliche Dominanzkultur zu erhalten. In all den Jahren konnte keine einzige Frau Mitglied des Obersten Gerichtshofs von Afghanistan werden, stets lehnte das Parlament die Mitwirkung von Frauen in dieser Institution ab; Frauen gelten in Afghanistan immer noch als Menschen zweiter Klasse.

Ein Teil von meinem Team

Die allgemein unsichere Lage, das Versagen der afghanischen Regierung bei der Gewährleistung von Sicherheit für Frauen, die Einschränkungen und verschiedenen Arten von Diskriminierung sind Gründe dafür, dass Frauen nicht in der Lage sind, in Frieden in Afghanistan zu leben, und sich gezwungen sehen, allein oder mit der Familie in andere Länder zu gehen, insbesondere nach Europa, um dort Asyl zu beantragen.

Afghanische Frauen, die in Europa Asyl suchen, und der Albtraum der Flucht

Im Gespräch mit Dr. Idah Nabateregga von TERRE DES FEMMES sprach die Vorsitzende von Afghan Women´s Network, Nila Khalil im Dezember 2019 über die Europäische Asylanträge von Afghanischen Frauen.
„Es ist nicht einfach für afghanische Frauen und Mädchen, nach Europa zu kommen. In der Regel sind sie viele Risiken eingegangen, um mit ihren Familien in europäische Länder zu gelangen. Viele der Frauen und jungen Mädchen haben auf dem Weg entweder ihr Leben oder ihre Kinder und Familien verloren, sie wurden eingesperrt und mussten niederträchtiges Verhalten und abscheuliche sexuelle Belästigungen von Grenzsoldaten und Schmugglern erdulden. Zwar ist es auch für Männer nicht einfach, auf illegalem Wege zu reisen, doch für Frauen ist es noch einmal schwieriger. Aber trotz all dieser Gefahren und Probleme auf den Fluchtrouten haben afghanische Asylsuchende weniger Chancen auf Asyl als Asylsuchende aus anderen Ländern. Afghanische Asylsuchende dürfen bis zu dem Zeitpunkt, an dem ihnen Asyl gewährt wird, keine Sprachkurse besuchen. Zwar steht ihnen eine Unterkunft zur Verfügung, sie werden finanziell versorgt und genießen Schutz, doch sehen sie sich mit mentalen und psychischen Problemen konfrontiert.“

In den Lagern und an den Orten, wo Geflüchtete leben, finden sich viele Beispiele für diese Art von Problemen. Eine afghanische Flüchtlingsfrau in Hessen, die von Oktober 2017 bis Mai 2019 in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht war, sprach bei einem Treffen im Januar 2020 mit der Vorsitzenden von Afghan Women´s Network.

„In Afghanistan hatte ich viele Probleme in der Familie und durfte nicht draußen arbeiten. Mein Mann und ich wollten an einem Ort leben, an dem wir in Frieden und wir selbst sein konnten und wo wir in Sicherheit sind. Also sind wir Richtung Europa aufgebrochen, ohne zu wissen, dass wir mit unserem Leben spielten. Stundenlang waren wir auf gefährlichen Routen zu Fuß in Richtung Bulgarien unterwegs. Mein Mann und ich wurden mit anderen Männern und Frauen von bulgarischen Grenzsoldaten festgenommen. Diese Grenzsoldaten folterten uns und brachten uns anschließend in ein Gefängnis, wo wir zusammen mit gefährlichen Gefangenen eingesperrt wurden.
Sie haben uns mehrere Tage lang nichts zu essen gegeben und uns so schlimm behandelt, dass ich es nicht aussprechen kann. Nachdem wir aus dem Gefängnis entlassen worden waren, sind wir nach Deutschland gelangt. Leider wurde unser Asylantrag abgelehnt und wir sollten nach Bulgarien zurückgeschickt werden. Ich war eineinhalb Jahre in einem Krankenhaus für geistige Gesundheit, aber ich kann keinen geistigen Frieden finden.“ (Anm.: Das Gespräch ging über mehrere Stunden und was jetzt geschrieben ist, ist die Quintessenz von diesem Interview)

Afghanische Frauen in Europa und Gewalt in der Familie
Abgesehen von mentalen und psychischen Gesundheitsproblemen erleben afghanische Frauen und Mädchen in vielen europäischen Ländern, insbesondere in Deutschland sexuelle und auch häusliche Gewalt. Nach Quellen deutscher Medien wurden allein 2017 zwei afghanische Frauen in den Städten Frankfurt und Herzogenrath von ihren Ehemännern getötet.

Gewalt ereignete sich auch in einem Flüchtlingslager in Schwerin, wo im November 2017 eine afghanische Frau durch einen iranischen Mann vergewaltigt wurde. Gemäß der Aussage eines Verteidigers von Frauenrechten in Frankfurt leben einige afghanische Familien hier nach denselben traditionellen Vorstellungen wie in Afghanistan und erlauben ihren Frauen nicht einmal, an Sprachkursen teilzunehmen. Die Hilfsangebote vieler Organisationen und Vereinigungen, die Geflüchtete bei ihren Integrationsbemühungen unterstützen, laufen dann ins Leere.
Ein weiterer schwerer Fall von Gewalt afghanischen Männer ist der Mord an Mia im Dezember 2017.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass Unsicherheit, Ungerechtigkeit, mangelnde Rechtsstaatlichkeit und fehlende Gleichberechtigung der Männer die Hauptgründe dafür sind, dass viele afghanische Frauen in Europa Asyl beantragt haben. Niemand würde ohne die oben genannten Gründe derart viele Risiken eingehen, ohne dazu gezwungen zu sein, niemand würde seinen Geburtsort verlassen und in einem Land mit einer anderen Kultur und Sprache Asyl suchen.
Das Leben in Deutschland, oder deren westlichen Nachbarstaaten, ist nicht einfach, es muss von Null aufgebaut werden und es braucht Zeit, sich der Gesellschaft anzupassen und die neue Sprache und Kultur zu lernen. Angesichts der Situation afghanischer Asylbewerberinnen ist klar, dass diese mehr als manche andere Unterstützung benötigen – von Organisationen, die die Menschenrechte verteidigen, sowie von der deutschen und den europäischen Regierungen.

Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland heißt es, dass alle Menschen in diesem Land die gleichen Rechte haben und dass dieses Land demokratisch regiert wird. Aus diesem Grund erhoffen sich die afghanischen Frauen mehr von der Regierung dieses Landes. Gerade Frauen, die alleine sind oder allein die Verantwortung für ihre ganze Familie tragen, sind auf die Unterstützung der Bundesregierung und von Menschenrechtsorganisationen angewiesen. Geflüchtete Afghaninnen wünschen sich, dass ihre Fälle in Bezug auf die Situation in Afghanistan und die politischen und sozialen Probleme von Frauen in diesem Land überprüft werden.

Nila Khalil, Vorsitzende von Afghan Women´s Network und Mitglied der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen in Genf. Den Haag, 25. April 2020.

„Ich habe meine Kindheit verloren“ – Zwangsehe in Afghanistan

Somaya

„10 Tage vor meiner Abschlussprüfung musste ich
heiraten.“                                                

Heute berichte ich über die Geschichte von Somaya aus Afghanistan,  die mit 13 Jahren verkauft wurde, um eine Zwangsehe einzugehen.

„Wir haben dich gekauft und lassen dich nicht in die Schule.“

Somaya, war 13 Jahre alt und beendete gerade die siebte Klasse. „Ich habe meine Kindheit verloren“, so Somaya in einem Gespräch. Das Mädchen bat ihren neuen Ehemann und ihre Schwiegereltern, dass sie zur Schule zurückkehren dürfe, ihre Bitte wurde jedoch abgelehnt. Sie sei nun Ehefrau und hätte schließlich andere Aufgaben.

Alles Reden brachte nichts, so fing Somaya an zu fluchen und zu schlagen. Lies das Essen verbrennen oder versalzte es so, dass es ungenießbar war. Sie machte alles Erdenkliche falsch was sie nur falsch machen konnte, als Zeichen ihres Protestes.
Vor ihrer Ehe hörte sie von einem Frauenhaus und wie sich dort um Hilfe gekümmert wird. Somaya machte sich nach eineinhalb Jahren Ehe auf den Weg zu dem unbekannten Ort. ( Anm. : Aus Sicherheitsgründen wird der Ort in dem Artikel nicht erwähnt).

Samira Ansary, Mitbegründerin meiner Stiftung

Hoffnung auf ein besseres Leben

In drei Schulen vertraute sie sich Lehrerinnen an, zwei dieser Lehrerinnen konnten ihr genaue Angaben geben. In der letzten Schule wurde nach dem Gespräch sofort Kontakt zu dem Frauenhaus aufgenommen und noch am gleichen Tag wurde Somaya von einer Mitarbeiterin abgeholt und in Sicherheit gebracht.

Am nächsten Tag setzte Samira Ansary, einer Fachanwältin aus dem Team von Nila Khalil, die Scheidung und gleichzeitig eine Strafanzeigen gegen den Vater auf.

Nach monatelangen Kämpfen willigte der Ehemann schließlich der Scheidung zu. Somaya lebt jetzt mit ihrer Mutter und ihrem Bruder zusammen. Im Frauenhaus wurde ihr neben Unterricht auch das Nähen beigebracht. Mit Finanzieller Unterstützung von dem Frauenhaus konnte der heute 15 jährigen Somaya und ihrer Familie eine Existenz ermöglicht werden. Nun ist sie stolz auf ihre Arbeit als Näherin.

Das gesetzliche Mindestalter für Eheschließungen in Afghanistan beträgt 16 Jahre. Internationale Menschenrechtsorganisationen definieren jede Ehe mit einem Partner, der jünger als 18 Jahre ist, als Kinderehe. 2017 hat die afghanische Zentralregierung einen Aktionsplan gegen die Kinderheirat auf den Weg gebracht. „Die Öffentliche Arbeit von Menschenrechtlern und wirtschaftlicher Stärkung spielen eine wichtige Rolle bei der Eindämmung der Praxis von Kinderehen.“ Sagte Dr. Sima Samar, Leiterin der unabhängigen afghanischen Menschenrechtskommission (AIHRC) im Gespräch mit der Direktorin des Frauenhauses, Nila Khalil. „Wenn die AIHRC eine Beschwerde über die Eheschließung von Kindern erhält, dann können wir durch Behörden eingreifen“, so Dr. Samar weiter.

Besserung durch positive Öffentlichkeitsarbeit

Untersuchungen zufolge nimmt die Unterstützung der Afghanen für eine vorzeitige Eheschließung ab, selbst in relativ armen ländlichen Gebieten wie zum Beispiel in der Provinz Bamyan, berichtete die Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health im vergangenen Jahr. Die Forscher befragten über 1.000 Mädchen im Alter von 12- bis 15 Jahren und halb so viele Eltern in einigen Provinzen von Afghanistan. „Drei Viertel dieser Jugendlichen waren noch in der Schule und unverheiratet. Und obwohl drei Viertel der Eltern nie eine Schulbildung hatten, waren über 90% der Meinung, dass ihre Kinder die Sekundarschule abschließen sollten. Etwa 40% von ihnen gaben an, dass die Ehe bis nach dem Schulabschluss/ Abitur warten sollte.“ Sagte der leitende Autor der Studie, Dr. Robert Blum, im Gespräch. „Einstellungswandel bedeutet an und für sich keine Verhaltensänderung. Dies ist wirklich eine grundlegende Veränderung für ein Land mit einer neuen Generation.“ So Blum weiter.

Im Interview mit der leitenden Direktorin des Frauenhauses im Dezember 2019 erzählt Somaya ihre Geschichte:

„Ich heiße Somaya und mein Vater heißt Aminallah. Ich war in der siebten Klasse und 10 Tage vor meiner Abschlussprüfung musste ich heiraten. Meine Schwiegereltern ließen mich nicht zur Schule gehen. Ich bestand darauf, dass ich zur Schule gehen wollte. Aber meine Schwiegereltern sagten: „Wenn du zur Schule gehen würdest, wer würde die Hausarbeit erledigen?“ Sie sagten mir: „Wir haben dich gekauft und lassen dich nicht in die Schule.“ Immer wenn ich sagte, ich möchte zur Schule gehen, schlugen mich meine Schwiegereltern und mein Ehemann und sagten mir: „Du kannst nicht zur Schule gehen.“ Mein Mann war jung und unreif und seine Eltern ermutigten ihn, mich zu schlagen, erniedrigen und beleidigen. Ich habe mich nie bei meinem Vater oder bei irgendjemandem beschwert. Ich habe damit gelebt. Meine Schwiegereltern sind Analphabeten. In einem kleinen, schäbigen Haus lebten sie mit 15 Menschen. Meine Schwiegereltern zahlten meiner Familie 250.000 Afghani (circa 2900€) als Mitgift.
Aber im Gegenzug, Allah als mein Zeuge, gab mein Vater fast 300.000 Afghani für Gegenstände für ihre Wohnung aus. Er kaufte mir Goldschmuck, Bettwäsche und Kleidung. Meine Schwiegereltern traten und schlugen mich, aber sie peitschten mich nie, denn das hätte Spuren auf meinem Körper hinterlassen. Sie schlugen und beschimpften mich bei jedem Fehler den ich machte. Ich habe meine Kindheit verloren. Ich habe die Schule geliebt und bin sehr gerne zur Schule gegangen. Aber sie ließen mich nicht, so suchte ich Hilfe. Ich hörte von einem Haus in dem es Frauen gut geht. Ich sollte auf den Markt Lebensmittel kaufen gehen und hatte Geld für eine Busfahrkarte, so lief ich weg. Sechs Monate später kam mein Vater ins Gefängnis, er wurde zu zwei Jahren Haft verurteilt. Meine Schwiegereltern und Mann wurden im Sommer diesen Jahres zu einer Strafe von 500.000 Afgani verurteilt und aufgefordert meine Mitgift auszuliefern. Ich bin jetzt geschieden. Mein Mann und meine Schwiegereltern leben ihr Leben, und ich lebe mein Leben. Ich nähe Kleidung mit meiner Mutter. Wir sind jetzt die Ernährer. Mein Vater hat nie gearbeitet. Mein Leben ist besser, besonders jetzt, wo mein Vater nicht hier ist. Ich hatte in der Vergangenheit viele Probleme, nun wird es aber immer besser. Wir bezahlen unsere Ausgaben mit dem Geld, das wir durch Nähen verdienen. Für jedes Kleid bekommen wir zwischen 1500 und 3000 Afghani ( 17 – 35 €.). Unsere Straße hat fünf bis sechs Schneider, aber weil wir arm sind und nicht viel verlangen, haben wir viele Kunden. Im Moment habe ich nicht entschieden, ob ich wieder zur Schule gehen soll. Lehrerinnen von Afghan Network kommen am Nachmittag vorbei und machen mit mir Unterricht. So lerne ich trotz der Arbeit auch noch für die Schule.“

Nila Khalil, Vorsitzende von Afghan Women’s Network und Mitglieder der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen in Genf.
Den Haag, 7. Januar 2020

Der falsche Glauben mit Nationalismus und Rassismus die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

KZ Dachau

Seit einer Woche erleben wir über sämtliche Medien die eskalierende Gewalt in den USA. Hervorgerufen durch den Tod an dem Afroamerikaner George Floyd.
Mit wachsender Sorge sehe ich in den letzten Jahren wie der Nationalsozialismus und Rassismus immer weiter in die Öffentlichkeit getragen wird und viele Rechtspopulisten diesen immer weiter anfeuern. In den Niederlanden wird nach Deutschland geschaut und die Wahlergebnisse der AfD gefeiert.
Die Niederlande sind seit 2015 mit rechtspopulistischen Parteien konfrontiert. Zu erst mit Pim Fortuyns von der LPF, dann mit Geert Wilders „Partei für die Freiheit“.

Nun aber der Reihe nach.
Den Haag, anno 2018. Die Niederlande sind aus der EU ausgetreten und haben ihre Grenzen hermetisch geschlossen. Muslimen wird der Zutritt verwehrt. Der Bau von Moscheen ist verboten, ebenso der Koran. Die Polizei hat Razzien durchgeführt, um das Buch in allen muslimischen Haushalten aufzuspüren und zu entfernen. Wer unbedingt ein Kopftuch tragen will, muss dafür eine kopvoddentax zahlen, eine „Schädelfetzensteuer“. Aus den weitaus meisten Asylbewerberheimen sind Haftanstalten geworden, in denen männliche Flüchtlinge und Immigranten einsitzen, denen vor dem Schließen der Grenzen noch die Einreise gelungen war. Die rechtspopulistische Regierung in Den Haag will die Mütter und Töchter des Landes vor muslimischen Testosteronbomben schützen und einen angeblich drohenden „Sex-Jihad“ verhindern.

So hätten die Niederlande zukünftig aussehen können, wäre die ebenso europa- wie islamfeindliche „Partei für die Freiheit“ PVV (Partij voor de Vrijheid) von Geert Wilders bei der Wahl im März 2017 an die Macht gekommen. Denn diese Forderungen hatte er im niederländischen Parlament immer wieder gestellt; sie finden sich auch im Parteiprogramm der PVV wieder.

Dieses Schreckensszenario hat sich zum Glück nicht bewahrheitet. Im März 2019 wurde die Partei des niederländischen Ministerpräsidenten Mark Rutte, die rechtsliberale VVD, bei den Provinzwahlen im Land überraschend geschlagen. Es siegte eine Partei, die bei den letzten Provinzwahlen nicht einmal gegründet war und sich mit dieser Wahl ihren Platz unter den neuen europäischen Rechten sichert: Forum voor Democratie (FVD).
Diese erst 2016 gegründete rechtspopulistische Partei, geführt von Thierry Baudet, ist auf Anhieb die stärkste Kraft geworden und überholt damit sowohl die Regierungsparteien als auch die rechte Konkurrenz von Geert Wilders und seiner PVV.
Soweit mal eine kleine Einordnung der Parteienlandschaft in den Niederlanden.

Am 13 April 1985 hat Danuta Danielsson eine jüdisch-polnische Frau, deren Mutter in ein Konzentrationslager im Zweiten Weltkrieg verschleppt wurde, mit ihrer Handtasche in Växjö, Schweden, einen lokalen Neo Nazi getroffen. Die Neo-Nazis wurden anschließend aus der Stadt vertrieben und eine Statue wurde zu ihrer Ehre gemacht. Vor 34 Jahren lehrte uns Danielsson die Menge an Respekt, die dem Faschismus gegeben werden muss: Keine.

Wir sehen den Anstieg von Rechtspopulisten in Frankreich, Österreich, Polen, Italien und Ungarn. Die neuen Höhenflüge solcher Parteien resultiert sehr oft aus Unkenntnis der Menschen  und die gleichsame Verbreitung von Fake News via Sozialen Netzwerken. Mit vielem sind die Menschen überfordert und schnappen alles auf, was ihnen Angst macht oder sie nicht zuordnen können/ wollen. Die Boulevardpressen in Europa tun ihr bestes dafür, dass dies auch so bleibt. Europa hat seit 75 Jahren Frieden und eine Stabilität erreicht, die in vielen Ländern der Welt mit Neid betrachtet wird. Leider ist diese Sicherheit und Stabilität durch immer neueres anfeuern von Nationalismus gefährdet und Menschen mit einer anderen Hautfarbe, Herkunft und Religion werden öffentlich angegriffen, verfolgt und sogar ermordet. Den Einwohnern in Europa ist offensichtlich nicht mehr bewusst, in welch einem Zustand Europa nach dem zweiten Weltkrieg war!

Ich kam als 10 jährige 1990 aus Afghanistan und bin damals vor Krieg und Terror geflohen und habe die Schrecken von eben jenen Krieg hautnah erlebt. All jene die seit Jahren auf die Straßen gehen um lauthals gegen Ausländer, Flüchtlinge und Migranten ihren Hass öffentlich zeigen, die Häuser anzünden und sogar noch weiter gehen und Menschen umbringen, möchte ich sagen: Nationalismus und Rassismus TÖTET!
Haben die Staaten der Europäische Union nicht genug Leid mit dem Aufstieg der NSDAP erlebt? Wollen so viele in jene Zeit von 1933 zurück? Wer Krieg erleben möchte, kann dies doch gerne mal in Syrien, Irak oder Afghanistan erleben. Ich lebte von 2005 bis 2019 im Krieg und Terror und wünsche dies niemandem. Es ist leicht in einem sicheren Land mit all den Vorzügen von Infrastruktur zu leben um andere Menschen zu wünschen, sie sollen doch bitte in ihre Heimat zurückkehren. Wohin? Viele Länder die einst weiter Entwickelt waren als Europa wurde und werden täglich zerbombt. Kein Mensch flieht ohne Grund!

Ich bin nur ein Flüchtling, die in jungen Jahren nach Deutschland gekommen ist und sich so gut es ging auch in dieses Land integriert hat. In der Schule lernte ich natürlich auch die Zeit des zweiten Weltkrieg und wollte mehr über diese dunkelste Epoche von Europa wissen. Ich bemühte mich die Deutsche Geschichte im Dritten Reich zu begreifen. Nicht nur in Bücher, auch Lebendig. Mein damaliger Lehrer, Norbert Dellinger, war dafür sehr offen und ist mit mir und seiner Familie zu einigen Orten und auch Konzentrationslagern gefahren. Norbert war ein guter Lehrer und hat mir, und seiner Tochter, die im gleichen Alter war wie ich, so einiges außerhalb der Schule und dem Lehrplan gezeigt. Vielleicht war Norbert es, der mich zu einer Kämpferin für Menschenrechte gemacht hat. Er schmunzelt immer, wenn ich ihm dies sage.

KZ Dachau

Mit Norbert und seiner Familie fuhr ich 1996 in das Konzentrationslager nach Dachau um die Geschichte zu begreifen. Auch wusste ich, dass Dachau kein „Vernichtungslager“ war wir zum Beispiel Auschwitz. Trotzdem haben sich die Erlebnisse von damals mir ins Gedächtnis gebrannt und so war ich vor sechs Jahren mit Amira und meinen Eltern nochmals in Dachau. Ich fand es wichtig, dass auch Amira diese Geschichte begreift und auch warum ich mich seit Jahren so für Menschenrechte einsetzte.
In den letzten 15 Jahre wurde der Drang nach Gerechtigkeit der Menschen und Völker in mir so stark, dass ich es sogar bis zur größten Internationalen Regierungsorganisation der Welt geschafft habe und ein klein wenig mit meinen Gedanken und Erlebnisse in Referaten und Publikationen auf Menschenrechtsverletzungen und den Anstieg von Nationalismus und Rassismus einem doch breiten Publikum vorstellen kann.

Nila Khalil, Den Haag am 2. Juni 2020.

Der Alltägliche Rassismus

Ich möchte nun meine Erlebnisse zum Alltäglichen Rassismus schreiben.

Am 2. November sprach ich mit Jolien van de Wiel, sie ist seit dem 13. August die Therapeutin von Lenara. Jolien ist so alt wie ich und durch die noch vielen Operationen bei Lenara werden wir die nächsten Jahre oft zusammen sein. Ich mag Jolien und wir beide sind in kurzer Zeit gute Freundinnen geworden.

Autorin Nila Khalil

Wir kamen am 2. November auf die Präsidentenwahl in den USA zusprechen und den Rassismus den der noch amtierenden 45. Präsident der USA so gerne befeuert.
Nun, ich bin eine afghanin mit einem deutschen Pass und lebe in den Niederlanden. Rassismus erlebe ich an meiner Person kaum noch. Dies liegt vielleicht daran, dass ich als deutsche angesehen werde. Ich frage auch nicht nach. Rassismus erlebe ich aber an meinen Kindern, also die von der Kinder- und Jugendeinrichtung, fast täglich. Die Blicke einiger Menschen sagen mehr als tausend Worte.
Wenn ich mit einem oder mehreren Kindern aus Eritrea in die Stadt oder wo hin auch immer gehe, sehe ich die Blicke der Leute. Es ist die Hautfarbe die offensichtlich die Menschen stört. Wir haben auch muslimische Kinder in unserer Einrichtung und wenn Jugendliche Mädchen ein Hijab tragen, ist dies ihr gutes Recht. Ich / wir schreiben den Kinder keine Religion vor.

Nun zu einem Erlebnis, dass zeigt wie sehr der Rassismus in den Köpfen vieler Menschen ist – ob nun gewollt oder ungewollt.
Vor zwei Wochen war ich mit meiner Tochter Amira und Teline, eine Mitarbeiterin von mir, in einem Café in Delft. Teline ist seit 27 Jahren in den Niederlande. Auch sie kam als Flüchtlingskind aus Afghanistan und hat fast gleiche Fluchtgeschichte wie ich. Teline ist drei Jahre älter als ich und könnte meine Schwester sein – im Geiste sind wir es auch.
Seit 13 Jahren ist sie bei Erik de Joost in der Einrichtung für den Beriebsablauf und Dolmetscherin tätig. Ich kenne Teline seit ihrem ersten Tag in der Einrichtung.
Unsere Zusammenarbeit war in all den Jahren sehr kollegial und freundlich. Sie arbeitete in den Niederlanden und ich in Afghanistan. Seit dem 1. April 2020 bin ich ihre Chefin, was unserer Freundschaft kein Hindernis darstellt.
Wir drei saßen also in dem Café bei Kaffee und Kuchen. Wir sprachen in paschtu über belangloses. Durch Corona hat man in den Cafés und Restaurants einen großen Abstand zu den anderen Besucher. Körperliche Distanz nennt man dies. Für Ohren gilt dies nicht! Zwei Tische neben uns saßen zwei ältere Damen und ich merkte, dass deren Ohren immer länger wurden und beide über uns sprachen. Wir drei können ja auch niederländisch und sprachen auf paschtu über jenes, was beide älteren Damen über uns so erzählen.
Es kamen dann die Sprüche wie immer: Islam, Ausländer, Schmarotzer….. das übliche eben.
Woher die beiden älteren Damen auf die Religion kamen, erklärte sich uns nicht. Keine von uns trug ein Hijab und keine hat den muslimischen Glauben. Das wir „Ausländer“ sind, ist in vielleicht durch die Hautfarbe zu erkennen, mehr auch nicht. Teline hat einen niederländischen Pass, Amira die niederländische Daueraufenthaltsgenemigung und ich einen deutschen Pass. Schmarotzer konnten wir uns beim besten Willen nicht erklären, denn wir waren vernünftig gekleidet.
Teline sah uns beide an, nahm tief Luft und rollte mit den Augen.  Sie fing an auf niederländisch zu sprechen und dies extra etwas lauter. Ich sagte ihr, „lass gut sein. Lass die Damen in ihrem Glauben.“ Teline schüttelte den Kopf. „Nee Nila, ik laat het niet goed zijn. Ik ben een burger van dit land. (Nein Nila, ich lasse es nicht gut sein. Ich bin eine Bürgerin dieses Landes.) Teline dreht sich zu den beiden Damen und sprach diese offen an, warum sie auf diese Haarsträubende Meinung über uns kommen würde. „Kijk naar ons! Lijken we op parasieten? Lijken we op moslims? Alleen omdat we in een andere taal spreken, wil nog niet zeggen dat we zijn wat u wilt dat we zijn. We werken met z’n drieën in Nederland en we betalen onze belasting en je pensioen.“ (Schauen Sie uns an! Sehen wir wie Schmarotzer aus? Sehen wir wie Muslime aus? Nur weil wir uns in einer anderen Sprache unterhalten,  sind wir nicht das, was Sie gerne hätten. Wir drei arbeiten in den Niederlanden und wir bezahlen unsere Steuern und Ihre Rente.)
Völlig konsterniert sahen uns die beiden älteren Damen an und bekamen einen hoch roten Kopf.

Nun eine Geschichte, die schon sehr lange zurück liegt und trotzdem noch im Kopf ist.

Als ich 1990 nach Deutschland kam war alles fremd für mich. Die Umgebung, die Sprache, die Kultur. Meine damalige Tante Mila und Onkel Milad, nach 30 Jahren „Tocher“ von beiden, kann ich mittlerweile von meinen Eltern sprechen, sind 10 Jahre früher aus Afghanistan geflohen. Beide kam 1980 nach Deutschland. Mein Vater arbeitete nach der Ankunft in Deutschland bei Mercedes am Fließband, wurde Vorarbeiter, machte 1987 seinen Meisterbrief als Werkzeugbauer und bekam 2003 (zum 50.Geburtstag) eine Stelle in der Prototypen Entwicklung bei Mercedes-Benz.
Mila, meine Mutter, hatte in Afghanistan BWL studiert und auch dort bis zu ihrer Flucht gearbeitet. In Stuttgart war sie ab 1981 bei Merzedes in der Verwaltung. Also nichts mit Sozialschmarotzer oder Pack.

Mit mir sprachen beide deutsch und brachten mir auch sehr viel bei. So wurde ich im Herbst 1990 von meiner Mutter und einer pensionierten Lehrerin aus der Nachbarschaft in deutsch unterrichtet. Im Frühjahr 1991 musste ich beim Jugendamt und der Schulaufsicht einen Eignungstest machen, für welche Schule ich geeignet war. Ich konnte auf die Realschule gehen.

Ich kann mich noch sehr gut an meine Schulzeit erinnern. Es war 1993. Ich war schon zwei Jahre an der Realschule in Stuttgart und bekam zufällig im Lehrerzimmer eine Unterhaltung mit, wo eine Mutter sich über mich ausgelassen hatte. Ihre Tochter kam, durch Umzug bedingt, nach den Osterferien bei uns in die Klasse und eben jene Mutter äußerte sich bei meinem Klassenlehrer über mich: „Sie haben ja ein Flüchtlingskind in der Klasse. Ist dies für die Klassenleistung nicht hinderlich?“ Als ich dies hörte, setzte für einen Augenblick mein Herz aus. Mein Klassenlehrer, Herr Dellinger, zu dem ich heute noch Kontakt habe, erklärte der besorgten Mutter, dass ich keineswegs das Leistungniveau senken würde und er es sich verbiete, dass sie so über mich denken würde.
Am gleichen Tag, nach der großen Pause, wurde von meinem Klassenlehrer in der Klasse klar gestellt, dass alle Mitschüler an dieser Schule, Schüler der Linden Realschule seien und es keinen Unterschied geben wird und er dies auch nicht dulde.
Ich wusste wer die Tochter von jener Mutter war und brauchte lange um mit ihr zu reden. Täglich sah ich Susanne in der Klasse, auf dem Pausenhof oder im Leistungskurs. Wie gehe ich damit um? Soll ich es ignorieren oder soll ich sie fragen; es klar stellen? Es tat mir im Herz weh und ich wusste nicht was ich machen sollte.
Da ich mit der Tochter von meinem Klassenlehrer befreundet war und dies immer noch bin, war ich früher sehr oft bei ihnen zu Hause. In den Sommerferien sprach ich Norbert, also Herr Dellinger, darauf an. Über zwei Monate trug ich diese Worte mit mir und wusste nicht mit wem ich sonst hätte reden können. Natürlich wussten es meine Eltern und sagten: ich soll mir dies nicht so zu Herzen nehmen.
Mit Norbert sprach ich darüber und er war traurig, dass ich zwei Monate diesen Schmerz mit mir versuchte auszumachen. Zwei Tage später rief mich Norbert an und fragte, ob ich mit Yvonne, seiner Tochter, ins Schwimmbad möchte. Ich sagte zu und Norbert kam mich abholen. Wir fuhren nicht ins Schwimmbad, sondern zu ihm nach Hause und er hatte jene Mutter mit Tochter zu sich bestellt. Im Garten erklärte er den beiden von unserer Unterhaltung, von vor zwei Tagen und wie weh mir dies tat. Susanne, die Tochter, entschuldigte sich sofort und die Mutter war etwas pikiert über diese Konfrontation. Ich erzählte beiden meine Flucht aus Afghanistan über den Iran, Türkei, Bulgarien, Rumänien, Österreich bis nach Deutschland. Wie und was ich auf dieser Flucht erlebt hatte und wie ich mich, was ich hoffte, in Deutschland integriert zu haben. Das hatte gesessen! Seit jener Zeit wurde ich in der Schule nie wieder als Flüchtling oder Ausländer bezeichnet.

In der Schule waren damals auch Kinder von türkischen Eltern, die meisten in Deutschland geboren, also nichts mit Ausländer. Ich war die Exotin. Afghanistan war den meisten in den 90er kein Begriff. „Ein Land von da hinten“, hörte ich oft. Den Dialekt lernt man als Kind am schnellsten. Da i in Schduagard gewohnt hänn, lernde i des schwäbisch no vor däm Hochdeidsch. Dies war am Anfang unglaublich schwierich. I kannde die schwäbische Wördr füe viele Gegenschdänd, abr ned die Hochdeidsche. Moi Ufsädze vo damals wara scho der Brüller.

Da ich heute immer noch hin und wieder an meiner ehemaligen Schule bin, folgt ein Text den meine Tochter bei unserem letzten Besuch im Februar 2020 geschrieben hat.

https://naike-juchem.com/2021/10/18/mit-mama-zu-besuch-in-ihrer-ehemaligen-schule/

Stuttgart

Wie es als Teenager so ist, geht man auch gerne shoppen. In einem Geschäft von C&A war ich mit einer deutschen Freundin, die einen afro-amerikanischen Vater hatte (muss ich hier leider erwähnen), beim aussuchen und anschließend anprobieren von jenen Kleider. Ich stand in der Umkleidekabine und wollte die Kleider anprobieren. Eine Mitarbeiterin von C&A riss den Vorhang auf und brüllte mich an, „Hier wird nix klaud!“ Fassungslos und nur in Unterwäsche sah ich die Frau an. Auf meine Erklärung hin, dass ich jene Teil gerne anprobieren möchte, kam von der Mitarbeiterin nochmals gleiches gebrüll. Die umstehenden Leute schauten natürlich in Richtung der Umkleidekabine. Mir war dies mega peinlich und unter den Augen der Mitarbeiterin zog ich meine Kleider an.
Dieses Erlebnis ist nun 25 Jahre her und wenn ich heute noch in ein Geschäft gehe, denke ich an diesen Vorfall. Ein Geschäft von C&A habe ich seit jenem Tag nie wieder betreten.

Nun noch ein Vorfall von alltäglichen Rassismus.

Vor drei Jahren bin ich mit meiner Tochter, sie war damals 22 Jahre alt, in Stuttgart gelandet und wie so üblich steht man in der Schlage vor dem Zoll. Neben uns stand ein Ehepaar dass ich um mitte 50 schätzte. Ich hielt die Pässe von mir und meiner Tochter in der Hand und der Mann sah nur den afghanischen Pass meiner Tochter. Zu seiner Frau sagte er, „wie können sich die Ausländer einen Flug leisten, die handeln bestimmt mit Opium.“ Bei dem gehörten rieß meine Tochter die Augen auf. Die Frau nickte ihm zu und setzte noch einen drauf. „Die haben bestimmt auf der Bordtoilette die Burkas gegen die Miniröcke getauscht.“ In den Augen von Amira sah ich schon ihren kampfgeist. Ich sprach auf paschtunisch zu ihr, „mal schauen, wo dieses Schauspiel noch hinführt. Bleibt ruhig.“
Die Frau stichelte weiter, „hast du gesehen, die haben sogar Markenkleider an.“ (Wir beide mögen Kleider von Esprit) „Das sind Kopien, da wo die herkomme wird alles kopiert.“ (Welch eine Scharfsinnige Analyse). Amira blies hörbar die Luft aus.
Endlich waren wir an der Reihe und ich gab der Zollbeamtin unsere Pässe. Der Blick der Beamtin fiel auf die vielen Stempel in meinem deutschen Reisepass. Freundlich sagte diese, „Sie sind ja eine richtige Globetrotterin.“ Ich sagte ihr, dass ich bei der Menschenrechtskommission der UN sei und durch den Job eben auch sehr viel unterwegs. Ich sagte der freundliche Beamtin, dass ich mit meiner Tochter in Genf bei UNICEF war.“ Ein leichter Blick nach rechts zu dem Ehepaar musste ich mir geben. Amira sagte zu den beiden Herrschaften, „ist schon blöd, wenn die Vorurteile so schnell zusammen fallen. Im übrigen hatte meine Mutter in ihrem Leben noch nie eine Burka getragen. Schönen Tag noch.“

Wir beide gingen grinsend zur Gepäckausgabe und jenes Ehepaar hielt einen maximalen Abstand zu uns und stand auf der gegenüber liegenden längsseite, wie geprügelte Hunde.

Nila Khalil, Den Haag, 18. November 2020

Wie lange sind wir Flüchtlinge

Ich las gestern bei Kalle Khalil seine Gedanken zu dieser Frage und seit dem lässt mich diese Frage nicht los.

Autorin Nila Khalil

Heute Morgen rief ich nach Luxemburg an und stellte gleiche Frage an Leon. Seine Antwort war:
„Hues du ze vill Gras gefëmmt?“ (Hast du zu viel Gras geraucht?)
„Bis jetzt noch in einem ertäglichen Rahmen. Ist aber auch die falsche Antwort.“ „Du kënnt zimlech fréi moies ganz scheene Froen stellen. Ech hunn keng Sorsch um daad gemacht und wäert ma och keng Sorsch doriwwer maache. Du, ech, mir sinn Mënsch. Punkt.“ (Ich habe mir keine Gedanken darüber gemacht und werde sie mir auch nicht machen. Du, ich, wir sind Menschen. Punkt.)
Trotzdem sprach ich noch fast eine Stunde mit Leon und sagte ihm, was er seit unserer letzten Unterhaltung noch nicht wusste.

Mit Rebecca traf ich mich heute um 11 Uhr in Rotterdam an der Brandwonden Klinik. Sie war schon auf dem Parkplatz als ich kam. Ihre Begrüßung war eine andere als die zwei Monate zuvor. Sie drückte mich fest und ihre Augen hatten wieder ein Strahlen. Sie würde sich auf morgen freuen, wenn sie mit den Kindern zu uns nach Den Haag kommen kann und sie würde gerne zwei Wochen bleiben. Dies hatten wir gestern schon besprochen.

Gemeinsam gingen wir in die Klinik und es war auch für mich heute ein anderes Gefühl. Die Prozedur in der Intensievstation war ja auch immer die gleiche und das Umziehen in diese furchtbaren grünen Kleider war auch anders wie sonst. Zurück ins Stationszimmer und unser Outfit kontrolieren lassen. Ich schaute mir das EEG von Lenara der letzten eineinhalb Tage an. Die neuenTöne und Musik aus Schottland und Irland scheinen Lenara zu gefallen. Die EEG Kurven zeigten eine Veränderung. Kann auch sein, dass sie solche Töne gar nicht kannt und ihr Gehirn mehr „Arbeit“ braucht um diese zu verarbeiten.
Im Zimmer von Lenara las ich das nächste Kapitel aus Peter Pan, Wendys Geschichte.
Ich sprach wieder so einiges mit ihr. Wie das Wetter gestern war, was mein Vater am Abend gegrillt hatte und wie ich den gestrigen Tag verbracht hatte.
Heute will ich aber nicht über Lenara schreiben, sondern über jene Frage von Kalli.

Wie lange sind wir Flüchtlinge?

Um kurz vor 15 Uhr war ich im Umkleideraum und auch Rebecca kam kurze Zeit später in den Raum. Sie sagte noch, dass sie gestern lange mit ihren Eltern und Schwiegereltern gesprochen hatte und sie alle die Entscheidung begrüßten, dass Rebecca für eine Zeit nach Den Haag ginge. Auch habe sie mit der Klassenlehrerin von Luuk gesprochen und sie würde mich am Montag bezüglich des Schulunterrichts anrufen. „Sehr gut. Es freut mich, dass du meine Hilfe annimmst. Nun hätte ich aber auch eine Frage an dich.“
„Graag. Natuurlijk. Vraag het me.“
„Wie lange bin ich Flüchtling?“
Rebecca sah mich an, als ob in diesem Augenblick ein UFO landen würde.
„Je meent het nu niet meer! (Du meinst es jetzt nicht ernst!)“
„Doch! Es ist eine Frage über die ich nun seit Stunden nachdenke.“
Rebecca schüttelte immer wieder den Kopf.
„Nee, du bischt doch niet an Fluchtling. Du wonscht doch hier bij ons.“

Mit zwei großen Tassen Kaffee saßen wir wieder in unser Nische und erzählte ihr meine Gedanken.
„Ich kann mich noch sehr gut an meine Schulzeit erinnern. Es war 1993. Ich war schon fast 3 Jahre an der Realschule in Stuttgart und bekam zufällig im Lehrerzimmer eine Unterhaltung mit, wo eine Mutter sich über mich ausgelassen hatte. Ihre Tochter kam, durch Umzug bedingt, nach den Osterferien bei uns in die Klasse und eben jene Mutter bezeichnete mich bei meinem Klassenlehrer: „Sie haben ja ein Flüchtlingskind in der Klasse. Ist dies für die Klassenleistung nicht hinderlich?“ Als ich das hörte, setzte für einen Augenblick mein Herz aus. Mein Klassenlehrer, Herr Dellinger, zu dem ich heute noch Kontakt habe, erklärte der besorgten Mutter, dass ich keineswegs das Leistungniveau senken würde und er es sich verbiete, dass sie so über mich denken würde.“
Rebecca schaute mich mit offenem Mund an und war nicht in der Lange etwas zu sagen.
„Am gleichen Tag, nach der großen Pause, wurde von meinem Klassenlehrer dies in der Klasse klar gestellt, dass alle Mitschüler in dieser Schule, Schüler der Linden Realschule seien und es keinen Unterschied geben wird. Ich wusste wer die Tochter von jener Mutter ist, und brauchte lange um mit ihr zu reden. Täglich sah ich Susanne in der Klasse, auf dem Pausenhof, im Leistungskurs. Wie gehe ich damit um? Soll ich es ignorieren oder soll ich sie fragen; es klar steellen? Rebecca, wie geht man als 13 jährige damit um, wenn du als ein Mensch angesehen wirst, der den Klassenspiegel senkt?“
„Ik weet het niet. Ik vind het heel verdrietig om dit van je te horen. (Ich weiß es nicht. Es macht mich sehr traurig dies von dir zu hören.)
„Es tat auch mir im Herz weh. Da ich mit der Tochter von meinem Klassenlehrer befreundet war und dies immer noch bin, war ich früher sehr oft bei ihnen zu Hause. In den Sommerferien sprach ich Norbert, also Herr Dellinger, darauf an. Über zwei Monate trug ich diese Worte mit mir und wusste nicht mit wem ich sonst hätte reden können. Natürlich wussten es meine Eltern und sie sagten: „Lass sie laufen, du bist besser als sie.“ Das brauchte mich nicht viel weiter, denn die Worte blieben in meinem Kopf. Mit Norbert sprach ich darüber und er war traurig, dass ich zwei Monate diesen Schmerz mit mir versuchte auszumachen.“
„Nila, het spijt me zo.“ (Das tut mir so leid.)
„Zwei Tage später rief mich Norbert an und fragte, ob ich mit Yvonne, seiner Tochter, ins Schwimmbad möchte. Ich sagte zu und Norbert kam mich abholen. Wir fuhren nicht ins Schwimmbad, sondern zu ihm nach Hause und er hatte jene Mutter mit Tochter zu sich bestellt. Im Garten erklärte er den beiden von unserer Unterhaltung, von vor zwei Tagen, und wie weh mir das tat. Susanne, die Tochter entschuldigte sich sofort und die Mutter war noch etwas pikiert über diese Konfrontation. Ich erzählte beiden meine Flucht aus Afghanistan über den Iran, Türkei, Bulgarien, Rumänien, Österreich nach Deutschland. Wie und was ich auf dieser Flucht erlebt habe und wie ich mich, was ich hoffte, in Deutschland integriert zu haben. Das hatte gesessen! Seit jener Zeit wurde ich nie wieder als Flüchtling bezeichnet.“


Fassungslos sah mich Rebecca an.
„Nila, du bist eine unglaublich starke Frau. Ich hatte gestern sehr lange mit meinen Eltern über dich gesprochen und habe ihnen auch gesagt, dass du aus Afghanistan stammst, in Deutland gelebt hast und die letzten Jahre in Afghanistan unglaublich viel aufgebaut und erreicht hast. Ich hörte den Respekt und die Anerkennung heraus und es ist nicht ein negatives Wort über dich gefallen. Geen negatief woord!“
„Du hast mich ihnen ja beschrieben. Dann mal anders herum, wie hast du mich die ersten Male wahrgenommen, als wir uns hier begegent sind und wir uns nur kurz begrüßt hatten?“
„Dat is een schöne vrouw. Die heeft ook veel te lijden.“ (Die auch viel Leid zu tragen hat.)
„Jetzt lass doch mal mein Aussehn weg.“
„Äh, hoe moet ik je zien?“ (Äh, wie soll ich dich sehen?)
„Wie du mich eben wahrgenommen hast.“
„Als een mooie vrouw.“
„Rebecca, dass meine ich nicht! Hast du mich als Ausländerin oder Muslime gesehen?“
„Nee. Wie kommst het darauf? In de Nederland wonen veel mensen uit veel landen.“

So ging die Unterhalung weiter und es war für mich nicht die Antwort auf meine Frage oder nicht die richtige Antwort.

Ich selbst sehe mich als einen weltoffenen, liberalen, etwas klugen Menschen. Ich habe nichts mit einem Glauben zu tun und renne auch nicht jeder Meinung sofort hinter her. In Deutschland wurde ich in den Jahren von 1990 bis 2005 selten als Flüchtling gesehen, eher als eine Ausländerin. Das ist heute auch mit dunkelhäutigen so, die in Deutschland geborne sind.

Anmerkung: Laut Amnesty International gilt folgende definition: Farbige/farbig ist ein kolonialistischer Begriff und negativ konnotiert. Eine Alternative ist die Selbstbezeichnung People of Color (PoC, Singular: Person of Color). Begriffe wie „Farbige“ oder „Dunkelhäutige“ lehnen viele People of Color ab. Die Initiative „der braune mob e. V.“schreibt: „Es geht nicht um ‚biologische‘ Eigenschaften, sondern gesellschaftspolitische Zugehörigkeiten.“ Um das deutlich zu machen, plädieren sie und andere dafür, die Zuschreibungen Schwarz und Weiß groß zu schreiben.* Eine alternative Schreibweise ist, weiß klein und kursiv zu schreiben.
Möchte meine Gedanken schon im Polítical Corréctness schreiben.
Anmerkung: Für mich hat sich noch nie die Frage nach der Hautfarbe gestellt und käme mir auch etwas blöd vor einen maximalpigmentierten Menschen mit: „Hallo PoC, wie geht es dir?“ anzureden.
Phu, ich merke die Frage mit der Hautfarbe bringt mich doch ganz schön ins schlingern.

Nun zurück zu der einen Frage, bevor meine Gedanken weiter ausufern.

Die letzten 14 Jahren in Afghanistan war ich die Deutsche, obwohl ich in Afghanistan geboren bin. Die ersten Jahre wurde ich immer als: “Nila die Deutsche, die dies und jenes nun hier vor hat aufzubauen, organisieren“; oder um was es auch immer mit der Vorstellungen meiner Person ging.

Seit Dezember bin ich in den Niederlanden und da ich anfangs nur auf Besuch dort war, wurde ich bei Treffen mit Politer oder Behörden als: “Frau Nila Khalil, Menschenrechtlerin aus Afghanistan“; vorgestellt. Da wurde plötzlich mein Beruf, obwohl er dies nicht ist, mit vorgestellt. Bin ja eigentlich nur Bürokauffrau.
Seit März hat sich einiges in der Anrede geändert und ich stelle mich selbst vor mit: Nila Khalil.
Dies bin ich auch im Krankenhaus, auf der Bank oder bei den Nachbarn.

Nachbarn: Gutes Stichwort. Meine Eltern sind seit dem 13. März in Den Haag und hatten ja auch schon Kontakt mir den Nachbarn und sie haben sich immer als Mila oder Milad Faani aus Stuttgart vorgestellt. Die Nachbarn fragten nach dem Nachnamen und es wurden denen gesagt, dass dieser aus Afghanistan stamme. Hier wurden sie nun gefragt, warum sie aus Stuttgart nach Den Haag kommen. Also ist Afghanistan völlig außenvor.

Nun habe ich mir den Kopf frei geschrieben und bin immer noch nicht schlauer, aber der Gedanke nach dem, wie lange ich Flüchtling bin, ist für einige Zeit aus meinem Hirn.

Nila Khalil, Den Haag 2. Mai 2020

Zwangsheirat ist Vergewaltigung auf Lebenszeit

Zwangsheirat ist Vergewaltigung auf Lebenszeit. Weltweit wird jede fünfte minderjährige Frau zwangsverheiratet.

Autorin Nila Khalil

Nach Angaben von UNICEF gibt es 650 Millionen Mädchen und Frauen, die in einer Zwangsehen leben. Jährlich werden geschätzte 12 Millionen Mädchen zwangsverheiratet.

Die Zahl ist in den letzten Jahren zwar auf 10 Millionen gesunken, trotzdem spricht diese Zahl eine eindeutige Sprache. In den Zwangsehen ist Perversion sehr weit verbreitet, es gibt keinerlei Aufklärung in der Sexualität. Frauen haben nach der Meinung und Religion von dem Mann keine Rechte und werden dann auch so behandelt. Mädchen und Frauen haben in den muslimischen Ländern nicht die gleiche Stellung wie ein Mann und sind in deren Augen auch nichts wert.

Eine Zwangsheiratung ist Vergewaltigung auf Lebenszeit!

Die Perversion geht über das sexuelle noch weiter. Mädchen und Frauen werden wie Leibeigene behandelt und es ist völlig in Ordnung was der Mann mit „seiner“ Frau macht. Sklavenhaltung in einem Käfig, tägliche Vergewaltigung oder sogar Totschlag ist erlaubt. Hat ein Mann genügend Geld, kauft er sich für ein paar Hundert Euro, ein paar Schafe oder etwas Land wieder eine neue Frau.

Ich bin die Direktorin von sechs Frauenhäuser in Afghanistan, in denen Zwangsverheiratete Mädchen Schutz bekommen und wir auch für diese Kinder die Scheidungen vorbringen. Oft dauert es Jahre, bis es zu einer Scheidung kommt und so lange leben diese Mädchen in ständiger Angst und Lebensgefahr. Ich schreibe nun zwei Schicksale von Mädchen in unserer Einrichtung.  Die Geschichten beider Mädchen werden auch so in einem Buch stehen, das eine Freundin von mir schreibt.

Die ist nicht Ellaha

Ellaha wurde von ihrem Vater vor vier Jahren verkauft. Ihr Preis waren Fünfzig Schafe und eine kleine Ackerfläche. Ihr Mann war schon alt, hatte graue Haare und vor ihr schon drei Frauen geheiratet und diese umgebracht.

Sie wurde wie ein Hund an einer Kette gehalten und wurde auch schwanger von ihrem Mann. Eines Tages sei die Nachbarin vorbei gekommen und sie hätte ihr etwas zu trinken gegeben, später sei das Kind tot auf die Welt gekommen. Bei der zweiten Schwangerschaft hätte ihr Mann sie so fest in den Bauch getreten, dass sie sehr viel Blut verloren hatte und auch dieses Kind. Nach dem ihr Mann sie wieder vergewaltigte, hatte er vergessen die Tür von ihrem Raum richtig zu verriegeln. In jener Nacht ist sie weggelaufen. Sie wusste nicht wo hin und lief mehrere Tage ohne Schuhe, nur mit ihrem Kleid und Umhang bekleidet durch die Berge. Es war Oktober. Der erste Schnee war gefallen.

Als sie völlig erschöpft und unterkühlt an der Straße lag fand sie ein Mann mit einem Esel und nahm sie mit zu sich nach Hause. Aus Angst das er sie auch Missbrauchte oder noch schlimmer, zu ihrem Mann zurück bringen würde, denn er bekäme bestimmt Finderlohn für sie, sei sie trotz der Unterkühlung weglaufen und wollte lieber in den Bergen sterben.

Ellaha machte eine Pause, zog ihre Socken aus und alle Anwesenden in dem Raum sahen Füße die schwarzbraun waren. Geschundenes Fleisch, zwei Zehen am linken und eine Zeh am rechten Fuß waren nicht mehr da. Blasen und Beulen bis weit über die Knöchel. Ellaha zog von ihrem Kleid den rechten Arm hoch und auch dort waren schwarze Flecken vom Kältebrannt auf der Haut.

„Mein Gott, was Menschen alles erleben können wir uns gar nicht vorstellen“ sagte Sabine leise zu Hannes.

Ellaha erzählt weiter, dass sie nur durch Zufall von Svea gefunden wurde sonst wäre sie in den Bergen an Unterkühlung gestorben.

Svea hatte mit einem Anwalt nun schon den dritten Versuch unternommen, dass sie endlich geschieden wird, aber ihr Mann erscheine nie vor Gericht und auch die Gespräche mit den Stammesältesten haben bis heute nicht gebracht. Ihr Mann habe schließlich ein “Vermögen“ für sie bezahlt und will sie zurück haben. Solange sie nicht geschieden ist, kann sie auch das Haus nicht verlassen und wenn, dann nur mit einer Burka, damit sie nicht erkannt wird. Sie lebe zwar jetzt in Sicherheit aber trotzdem sei sie gefangen.

Zu ihrer Familie will sie nicht zurück, weil ihr Vater in der Schuld von ihrem Mann stehe und sein Gesicht nicht verlieren möchte und Ellaha wieder ausliefern würde. Sie hoffe nur, dass sie bald geschieden würde oder ihr Mann stirbt damit sie dann endlich frei sei.Hannes sah zu John und Gregory die neben ihm standen und die Geschichte von Ellaha filmten, alle waren fassungslos von dem, was dieses Mädchen erzählte.

Behar war neunzehn Jahre alt und sehr verschüchtert, auch sie möchte erzählen wie es ihr ergangen war.

Sie wurde von ihrem Stiefvater für 30000 Afghani, 400 Euro, verkauft, weil der Vater keine Arbeit hatte und er für vier Frauen in seinem Haus sorgen musste, dies aber nicht konnte oder wollte.

Als Nila dies übersetzt hatte, stockte jedem der Atem. „In Afghanistan ist ein Mann, der keinen Sohn hat, nicht so viel wert. Daher werden oft die Mädchen verkauft“ , so Nila weiter.

Behars Schwester wurde ein Jahr vor ihr Verkauft und sie Überlebte die Misshandlungen von ihrem Mann nicht. Behars Mann war eigentlich ihr Schwager. Nach vier Jahren Ehe und schon einem Fluchtversuch, bei dem ihr Mann ihr später mit Benzin die Beine anzündete und sie lebendig verbrennen wollte, habe sie sich beim Löschen die Arme und Hände verbrannt.

Nach langer Zeit mit allen Erniedrigungen, die folgten, floh sie das zweite mal aus dem Haus, als ihr Mann zu einer Stammesversammlung war. Auch sie sei tagelang unterwegs gewesen und wusste, wenn diese Flucht nicht gelinge, sie diese nicht überleben würde.

Eine US Militär Kolonne habe sie abseits der Straße gefunden und in einem Hospital behandelt. Auf dem Stützpunkt war ein Arzt der von dem Frauenhaus wusste und so kam sie in dieses Haus und möchte eigentlich nur noch sterben. Denn sie habe trotz der Salbe immer viele Schmerzen und sie schäme sich für ihre Haut.

Soweit ein sehr kleiner Auszug aus dem Buch.

Kinderehen in Afghanistan

In Afghanistan ist es verboten Mädchen unter 12 Jahren zu verheiraten und trotzdem wird es getan. Oft sind die Mädchen erst 10 Jahre alt!Viele Männer und Stammesälteste berufen sich bei einer Hochzeit, die gegen alle Menschenrechteverstößt, auf den Koran in dem steht, dassMohammed einst eine neun Jährigen geheiratet hat. Mohammed lebte 571 bis 632 nach Christus.

Wenn ich 600 nach Christus annehme, sind es immerhin 1419 Jahre bis zum Dezember 2019. Wer in diesen 1419 Jahren noch nicht begriffen hat, dass sich die Welt weiter gedreht hat, steht etwas weit in der Intelligenz zurück.

Zwangsehen gibt es nicht nur in der islamischen Welt. Auch in Europa, Afrika, Asien und Lateinamerika sind solche Ehen zu finden.Selbst den deutschen Behörden sind Kinderehen bekannt! In einer Zwangsehe dürfen Mädchen und Frauen keine Schule mehr besuchen, keine Ausbildung machen und auch sonst nicht am Gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Es ist ein Leben in ständiger Angst und Isolation. Den Mädchen wird alles verwehrt um ein Leben in Würde oder Selbstbestimmung zu führen. Sie sind in der Abhängigkeit von den Mann. Die Mädchen können nie richtig schreiben und lesen lernen und nur ihr bisschen Wissen an ihre Kinder weitergeben. So bleibt folglich auch die Bildung der Familie immer auf dem untersten Stand stehen. Bekommt die Frau ein oder zwei Mädchen, ist deren Leben auch schon vorprogrammiert.

Nila Khalil, Den Haag, 22. Dezember 2019

Die Bilderkriegerin

Sarajewo habe sie die Kamera beiseite gelegt, um Verletzte ins Krankenhaus zu fahren, weil sie über die Vereinten Nationen noch an Kraftstoff gekommen wären. Erst hinterher dachte sie: „Du hast ja gar keine Fotos.“
So schrieb der „Spiegel“ über sie in einem Interview
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Sterbender bosnischer Soldat, Sarajevo, Bosnien, 21. November 1994 © Anja Niedringhaus/EPA.

Ein Nachruf an Anja Niedringhaus

Es muss im Jahr 2011 oder 12 gewesen sein, als ich in der Stadt Khost (oder Chost) eine Frau angerempelt hatte.
Sie kam von rechst aus einer kleinen Marksstraße raus und ich drehte mich on diesem Moment nach links und stieß mit einer Frau zusammen. Sofort entschuldige ich mich bei ihr „Endschuldigung,’s dud mir leid. I han sie gar ned gseha.“

Die Frau in Jeans und Hijab sah mich mit großen Augen an und stand regungslos vor mir. „Excuse me, I’m sorry. I didn’t see her at all“ , sagte ich nun auf Englisch, denn offenbar verstand die Frau koi Schwäbisch.

„Alles ist gut. Ich bin nur geschockt, hier jemand aus Deutschland zu treffen.“ Bei diesen Worten staunte ich nicht schlecht.
Fast zeitgleich kam die Frage: „was machen Sie hier?“ Wir lachten gleichzeitig, weil auch jeder die Frage der anderen beantworten wollte.
Wir luden uns auch gleichzeitig zu einem Tee ein.

In einem kleinen Restaurant unweit vom Busbahnhof saß ich dieser Frau gegenüber und sah ihre aufmerksamen Augen.

Sie stelle sich mir vor und ich muss zugeben, dass ich bis dato noch nichts von Anja Niedringhaus gehört – aber gesehen hatte.
Ich sah sie ahnungslos an und so sagte mir Anja, dass sie im September 2009 die Erste war, die Fotos nach dem ISAF-Raketenangriff bei Kundus machte. Dieser Luftangriff, bei dem über 90 Zivilisten uns Leben gekommen waren, wurde damals in Deutschland heftigst diskutiert.

Natürlich kannte ich dieses Fotos. Sie gingen schließlich wie ein Lauffeuer um die Welt. Ich hörte Anja aufmerksam und gebannt zu, was sie in Sarajevo, Belgrad oder Falludscha erlebte.

Eine Frau die die Realität von Krieg und Terror in Bilder festhält, erzählte mir von sinnlosen Kriegen und Opfer. Anja zeigte mir Fotos, von denen ich einige kannte. Nun kannte ich auch die Hintergründe zu diesen Fotos.

„Warum tust du dies? Warum bringst du dich so in Gefahr?“ Fragte ich sie.
„Warum tue ich dies? Um den Menschen begreiflich zu machen, wie Böse diese Welt ist und das wir für den Frieden kämpfen müssen und nicht für den Krieg. Warum tust du dies?“ „Wir müssen für die Freiheit von Mädchen kämpfen und nicht für den Krieg“, war meine Antwort.

Anja war eine unerschrockene Frau, die für ihre Fotos aus dem Irak 2005 sogar mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde.
Sie fotografierte die Welt auf ihre bekannte Weise und Blick durch die Kamera.

Anja starb am 4. April 2014 durch Kugeln aus einer AK47, die ein Afghanischer Polizei gezielt auf sie abfeuerte.
Anja wurde aus Dummheit und einem völlig falschen Glaube brutal ermordet.

Nila Khalil. 15. Oktober 2021

Dies ist das Mädchen

Dies ist das Mädchen

Dies ist das Mädchen, dass wegen deiner Angst nicht zur Schule gehen durfte.


Dies ist das Mädchen, dem du Säure ins Gesicht geschüttest hast.


Dies ist das Mädchen, dass nicht in die Schule gehen konnte, weil ihr sie gesprengt habt.


Dies ist die Frau, der ihr den Zutritt zur Universität verweigert habt.

Dies ist die Frau, die mit einer Hand kämpft und mit der anderen tröstet.

Dies ist ein unschuldiger Mensch, der angesichts tausender Probleme täglich eine Barriere hat.
Dies sind Frauen, die täglich diese Welt besser machen.
Dies sind Frauen, die Probleme, Trauer, Kummer und Schmerzen gewöhnt sind.

Dies sind gebildete Frauen, die Afghanistan dringend braucht und ihr verjagt habt.

Meinen tiefsten Respekt für diese Kämpferinnen der Welt.

Amira Khalil, 3. September 2021

Falsche Aussagen sind so alt wie die Menschheit

Die neuste Internetgeneration – vornehmlich jene die alles in Frage stellen und den Anderen sowieso.
Beliebt sind seit Jahren die Flüchtlinge und hier gezielt die Muslime. Selbst die Fundamentalisten unter den Muslimen, legen den Koran falsch – nach ihrem Empfinden richtig aus.

Autorinnen Naike Juchem und Nila Khalil

Warum scheint ein Buch, bei dem die ersten Texte 632 nach Christus, bzw. im Jahre 11 nach Hidschra niedergeschrieben wurden, so von Bedeutung  zu sein?
Ob man nun Bibel, Koran, Tora, Puranas oder Kanjur als die Heilige Schriften annimmt, es sind nur Bücher die in großen Teilen das menschliche miteinander beschreiben.

Beginnen mit eingen Falschaussagen wollen wir mit der Bibel.
Jedem Christen sind die Heilige Drei Könige bekannt. Fakt ist aber, dass jene weder heilig, noch zu dritt, noch Könige waren. Erwähnt werden sie überhaupt nur im Matthäus-Evangelium. Dort ist aber von „Magiern bzw. Weisen aus dem Osten“ (Magoi) die Rede, nicht von Königen. Auch wird nicht deren Zahl genannt. Einzig die drei Geschenken in Form von: Gold, Weihrauch und Myrrhe.

Auf vielen Frühchristliche Darstellungen sind bei der Geburt Jesus zwischen zwei und acht Personen zusehen.
Auch gibt es keine Belege über eine Heiligsprechung an der Grippe von eben jenen Personen.

Gehen wir zurück ins Alte Testament.
Noah sollte von jeder Tierart ein Pärchen mit in die Arche nehmen. Alleine dies ist von der Biologie aus nicht Vorstell- und auch nicht Machbach.
Wer das 1. Buch Mose genauer durchliest, wird feststellen, dass der Autor – Mose war es definitiv nicht, sich widerspricht. Im 1. Buch Mose 6, 19 ff liest man die weithin bekannte Weisung Gottes an Noah, „von allen Tieren, von allem Fleisch, je ein Paar, Männchen und Weibchen“ in die Arche zu bringen. In 1. Mose 7, 2-3 heißt es hingegen: „Von allen reinen Tieren nimm zu dir je sieben, das Männchen und sein Weibchen, von den unreinen Tieren aber je ein Paar, das Männchen und sein Weibchen. Desgleichen von den Vögeln unter dem Himmel je sieben, das Männchen und sein Weibchen, um das Leben zu erhalten auf dem ganzen Erdboden.“

Die Kernfrage an Irrtümer bleibt unsere Zeitrechnung.


Nach den Aussagen der Bibel wurde Jesus im Jahr Null geboren. Da unsere Zeitrechnung bekanntlich mit der Geburt Christus beginnt, könnte man daraus schließen, dass Jesus eigentlich im Jahr Null geboren sein müsste. Allerdings hat es dieses Jahr nie gegeben. Als Jesus in Judäa geboren wurde, galt dort nämlich  die römische Zeitrechnung. Die Römer kannten zwar sprachliche Ausdrücke für „nicht etwas“ (nullum) aber kein Zahlzeichen und keinen eigenen mathematischen Begriff für den Zahlwert Null.
Erst im sechsten Jahrhundert stellte man Berechnungen an, denen zufolge Jesus im Jahr 753 der römischen Zeitrechnung geboren worden sei. Dieses Jahr wurde als Jahr 1 A.D. (Anno Domini = Im Jahr des Herrn) festgelegt. Dabei schlich sich möglicherweise noch ein Rechenfehler von 5 bis 6 Jahren ein. Jesus wurde also vielleicht sogar im Jahre 5 oder 6 vor Christus (Zeitrechnung) geboren.

Die Tora

Tausende Jahre existierten in der jüdischen Welt des religiösen Gelehrtentums die verschiedene Deutungen – wörtliche, rationale, symbolische und mystische – nebeneinander, ohne dass jemandem gesagt wurde, seine Ansicht sei unannehmbar. Heute gewinnt der Kreationismus in vielen Religionen an Boden. Einige christliche Fundamentalisten in den Vereinigten Staaten wollen, dass der Kreationismus in den öffentlichen Schulen parallel zur Evolutionstheorie gelehrt wird. Aber während die Evolutionslehre, mit all ihren Fehlern und Lücken, eine wissenschaftliche Theorie ist, gegründet auf wenigstens einigen beweisbaren Beispielen, ist Kreationismus keine wissenschaftliche Lehre, sondern schlicht eine Frage des Glaubens.

In der den Heiligen Schriften wird oft von dem geknechteten und versklavten Volk Israel geschrieben, dass die Kinder Israels die Pyramiden gebaut haben.
Nach heutigen historischen Erkenntnisse sind die Pyramiden wahrscheinlich älter als 4.500 Jahre. So ginge man früher immer davon aus, dass Sklaven für die Pyramiden unter schrecklichen Bedingungen schuften mussten, so fand man später Hinweise darauf, dass die Arbeiter durchaus gut bezahlt wurden.

Buddhistischen Schriften im Kanon

Auch in der Lehre / Religion des Buddhismus gibt es sehr viel widersprüchliche Aussagen. Im Buddhismus ist eines der größten Problem
der schier unermesslichen Umfang des Kanons. Die riesige Masse an Textmaterial führt zur Unübersicht und somit zur Willkür des Auslegung. Allein der chinesische Tripitaka enthält, in der neuesten japanischen Ausgabe von 1924-1929, stolze 2920 Werke in immerhin 11.970 Büchern auf insgesamt 80.645 Seiten. Die Gründe für den riesigen Textcorpus liegen in der langen Lehrtätigkeit Buddhas und in der posthumen Zuweisung einer Vielzahl von Textmaterial, vor allem vom Mahayana. Sutren wurden noch über tausend Jahre nach Buddhas Tod verfasst. Die Authentizität von Texten wurde in der Regel nicht in Frage gestellt. Das Wort Buddhas (buddhavacana) galt als die wichtigste und nicht in Zweifel zu ziehende Quelle der Lehre. Daneben wurden jedoch eine Reihe weiterer Quellen wie Weise, Götter und übermenschliche Wesen als legitime Vermittler der Lehre anerkannt.
Die historische Dimension relativierte sich auf diese Weise und ermöglichte eine reichhaltige Textproduktion mit autoritativem Status, deren später Entstehungszeitpunkt keinen Glaubwürdigkeitsverlust darstellte.
Auftretende Kontroversen betrafen
hauptsächlich den Inhalt der Texte und nicht die Frage nach deren Autorität.
Texte wurden selten ausgeschlossen, vielmehr erforderte die Fokussierung auf den Inhalt komplizierte hermeneutische Überlegungen, welche nicht erwünschte Textpassagen doch in gewisser Weise relativierten mussten.

Die falsche Auslegung einer Sure aus dem Koran

„Ihr, die ihr glaubt! Nehmt euch die Juden und Christen nicht zu Freunden! Sie sind einander Freunde. Wer von euch sich ihnen anschließt, der gehört zu ihnen. Siehe, Gott leitet die Frevler nicht recht.“

Hört man diesen Vers, scheint die Aussage klar: Muslime sind dazu angehalten, größtmögliche Distanz zu Juden und Christen zu wahren. Tatsächlich ist das arabische Wort walî, das hier als „Freund“ übersetzt ist, jedoch mehrdeutig und schwer zu fassen; seine Bedeutung war und ist unter muslimischen Exegeten umstritten.

Einig sind sie sich bloß darin, dass es um eine enge persönliche Beziehung geht, die Verbindlichkeiten umfasst. In der Stammesgesellschaft, in der der Koran entstand, waren das zum Beispiel Bündnisverpflichtungen: Ein walî, das war jemand, der im Fall eines Krieges oder einer Blutfehde Beistand leistete oder Lösegeld zahlte.

Viele klassische muslimische Korankommentare gingen in ihren Auslegungen trotzdem weit darüber hinaus. Sie erklärten sehr wohl, man solle generell mit Juden und Christen keine zu freundschaftliche, vertrauensvolle oder intime Beziehung eingehen.

In der Moderne entstand ein breites Spektrum neuer Deutungen. So wurden in Zeiten des Kolonialismus politische Interpretationen populär. Hier wurde der Vers als Verbot der Kollaboration mit den zumeist christlichen Kolonialherren verstanden: „Nehmt euch die Juden und Christen nicht zu Führern!“ lautete ihre Lesart.

Im fundamentalistischen Spektrum hingegen diente der Vers dazu, Forderungen nach radikaler Abgrenzung von allem Nichtmuslimischen zu untermauern. Diese Auslegung beruft sich unter anderem auf den Anlass, zu dem der Vers offenbart worden sein soll.

Der Überlieferung zufolge geschah das während Muhammads Zeit in Medina. Der Vers stellte eine Ermahnung an einen Heuchler dar, der zwar äußerlich Muslim, innerlich aber noch dem Unglauben verhaftet war. Dieser Heuchler soll sich aus Gründen des persönlichen Profits und aus mangelndem Gottvertrauen nicht von seinen jüdischen Bündnispartnern losgesagt haben, obwohl diese mit den Muslimen verfeindet waren.

Fundamentalistische Kommentatoren folgern daraus eine Pflicht zur vollständigen Lossagung von Nichtmuslimen. Allein die Beziehung zu Muslimen sei erlaubt. Wer sich nicht an diesen Grundsatz halte, sei kein Muslim mehr, argumentieren sie.

Man kann den Vers aber auch ganz anders lesen. Dem Offenbarungsanlass zufolge verbietet er das Bündnis mit einer bestimmten Gruppe von Juden, die sich mit den Muslimen im Krieg befand. Ist so eine Situation auf das Zusammenleben in heutigen pluralistischen Gesellschaften überhaupt noch übertragbar? Sind die damaligen Bündnisstrukturen der arabischen Stammesgesellschaft heute nicht obsolet? Hat nicht im Übrigen der Prophet selber Bündnisse mit Nichtmuslimen geschlossen? Erlaubt nicht der Koran an anderer Stelle muslimischen Männern, eine jüdische oder christliche Frau zu heiraten, legitimiert also zweifellos intime Beziehungen?

Gemäß vielen neueren Auslegungen verbietet dieser Vers lediglich ein Schutzverhältnis zu feindseligen nichtmuslimischen Gruppen in einer Kriegssituation. Die Frage der Freundschaft mit Nichtmuslimen, die dem Islam nicht feindselig gegenüberstehen, wird ihnen zufolge demnach gar nicht berührt. Schließlich sage der Koran an anderer Stelle, im 8. Vers der 60. Sure: „Gott verbietet euch nicht, zu denen, die euch nicht der Religion wegen bekämpft und nicht aus euren Häusern vertrieben haben, freundlich zu sein und sie gerecht zu behandeln. Siehe, Gott liebt die, die gerecht handeln.“ Und im 7. Vers der gleichen Sure heißt es: „Vielleicht stiftet Gott ja zwischen euch und zwischen denen unter ihnen, die euch feindselig gesinnt sind, Liebe.“

Naike Juchem und Nila Khalil, 9. Oktober 2021

Quellen:

– Professorin Johanna Pink, Islamwissenschaftlerin an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.
– Rabbiner Jeremy Rosen
– Prof. Dr. Franz Martin Wimmer
Institut für Philosophie Universität Wien

Die Situation von LGBT-Personen in Afghanistan

Der Rückschritt vom Fortschritt

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.“

So steht es in Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.

Auch der Artikel 21 des Kapitels „Gleichheit“ der Charta der Grundrechte
der Europäischen Union verbietet die Diskriminierung aufgrund der
sexuellen Ausrichtung

Autorinnen Naike Juchem und Nila Khalil

Bei dem ersten Gedanken über die Menschenrechte werden aber sehr viele Menschen vergessen: die Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender-Personen (Lesbian, Gay,
Bisexual and Transgender, LGBT).

Es gibt viele Studien über LGBT und deren damit einhergehende Diskriminierungen. Aber es gibt bis heute keine verlässlichen Zahlen über diese Menschen. Dies liegt zum einen daran, dass in vielen Ländern der Welt Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender-Personen verfolgt weden – auch in Europa.

Durch eine Staatliche und auch Gesellschaftliche Diskriminierung können und werden sich Millionen von Menschen nicht outen.
In vielen Ländern steht nicht nur die Homosexualität, sondern alles, was von Heterosexualität und dem binären Geschlechtermodell abweicht, unter Strafe – im Iran, Jemen, Sudan, Saudi-Arabien und Mauretanien, sowie in Teilen Nigerias und Somalias ist für gleichgeschlechtliche Liebe sogar die Todesstrafe ausgeschrieben. Jedoch ist die Lage für LGBT-Personen auch in manchen EU-Länder nach wie vor bedenklich.

Da die sexuellen Präferenzen nicht zu den offiziell erfassten ‚Personenstandsmerkmalen‘ zählen, gibt es dazu nur Daten aus empirischen Umfragen, wie viele Menschen sich als LGBT verstehen.

Die Umfrage „Sexual identity, UK: 2018“ des „Office of National Statistics” – nennt einen Anteil von rund 2 Prozent der Bevölkerung als LGBT, wobei die Anteile von 2014 bis 2018 leicht von 1,6 auf 2,2 Prozent ansteigen, was unter anderem darauf verweist, dass die Anzahl der Bisexuellen in Großbritannien, vor allem unter den Jüngeren, deutlich gestiegen ist.

Die YouGov-Studie „1 in 2 young people say they are not 100% heterosexual” (2015) nennt 46 Prozent unter den 18-24-jährigen Briten, die auch gleichgeschlechtliche Sex-Partner haben.

Eine europaweite Dalia-Studie: „Counting the LGBT population: 6 % of Europeans identify as LGBT“ (aus dem Jahr 2016) kommt zu dem Ergebnis, dass sich rund 6 Prozent der Europäer als LGBT bezeichnen. Die Spannweite beträgt dabei von 7,4 Prozent (in Deutschland) bis 1,5 Prozent (in Ungarn).

In den USA ist, nach den Ergebnissen der Studie: „Changes in American Adults’ Reported Same-Sex Sexual Experiences and Attitudes, 1973–2014“, der Anteil gleichgeschlechtlicher Sex-Partner im Zeitraum 1972 – 2014 bei den Frauen von 3,6 auf 8,7 Prozent gestiegen, bei den Männern von 4,5 auf 8,2 Prozent.

Diese Ergebnisse beruhen auf der Verwendung der Kinsey-Skala.

Nun ein Beispiel aus Afghanistan

Die Situation für LGBT-Menschen in Afghanistan ist nachdem die Taliban zur
Rückkehr an die Macht kam katastrophal.

Ein Interview mit Nimat* (*Sein Name wurde zum Schutz seiner Identität geändert), einem homosexuellen Mann, der im August 2021aus Afghanistan floh, als er hörte, dass die US-Streitkräfte mit den Taliban verhandelten .
Nimat hält sich derzeit als Migrant ohne Papiere in einem europäischen Land auf.

Afghanistan war vor der Machtübernahme durch die Taliban schon kein einladender Ort für LGBT-Menschen, dass sich die Lage für diese Menschen noch viel weiter verschlechtern wird, liegt auf der Hand.
Die Taliban wird eine extreme Auslegung der Scharia durchsetzen, in deren Folge viele Frauen, Oppositionelle und auch LGBT-Menschen hingerichtet werden.

„Mir wurde klar, dass es für mich in Afghanistan keine Hoffnung auf eine Zukunft gibt. Ich habe meiner Mutter gesagt, ich muss das Land verlassen, bevor sie mich finden und mir unter Folter viele Fragen stellen werden. Meine Mutter sagte: ‚Nein, warte, bis sich eine legale Möglichkeit ergibt. Du bist klug und vielleicht schaffst du es über ein Stipendium in ein europäisches Land zu kommen.“ Meine Mutter glaubt immer noch an ein gutes Ende, obwohl auch sie unter der Willkür der Taliban leidet. Zwei Tage später legte ich ihr nachts meinen Abschiedsbrief und Entschluss auf den Tisch. Ich konnte mit der Situation in Afghanistan nicht mehr umgehen, weil sie sehr hart für mich war. Ich hatte es satt, meine Identität, meine Sexualität und meine Ideologie zu verbergen. Ich konnte mit niemandem sprechen. Du bist die erste, die mir ruhig und gefasst zuhört.
In den letzten drei Jahren in Afghanistan war ich die ganze Zeit zu Hause. Ich habe Bücher gelesen, Filme gesehen und bin aus Angst zu Hause geblieben. Ich habe mich nicht getraut auszugehen. Ich ging nur für ein oder zwei Stunden mit meinen engsten Freunden und meiner Familie aus dem Haus. Noch nicht einmal mit Klassenkameraden oder anderen Jungs, weil ich Angst hatte.“

Seine Reise ins Asylverfahren verlief turbulent. Schließlich musste er einen Schleuser bezahlen, der ihn aus dem Iran in ein Land in Europa brachte. Er stellte einen Asylantrag, der jedoch später fälschlicherweise geschlossen wurde, wie er mir sagte. Er weiß nicht, wie es um seine Rechtsstellung bestellt ist.

Nimat verbrachte einige Zeit auf der Straße, bevor er einen Mann kennenlernte und bei ihm einzog. Er räumt ein, dass die Situation für LGBT- Menschen in Afghanistan düster ist, aber er glaubt, dass es für diejenigen, die aus dem Land geflohen sind, genauso schlimm ist. Komplizierte Verfahren und feindselige Systeme haben dazu geführt, dass einige Afghanen wie Nimat in einem rechtlichen Schwebezustand gestrandet sind.

Nimat lebt zwar nicht mehr auf der Straße, aber er hat immer noch Angst um seine Zukunft. Er erwägt, das Land, in dem er sich derzeit aufhält, in ein anderes europäisches Land zu verlassen, in der Hoffnung, dass das Asylverfahren anderswo nicht so turbulent verläuft.

Als Nimat noch in Afghanistan lebte, verheimlichte er seine Sexualität. Jetzt macht er sich Sorgen um die LGBT-Menschen, die nicht aus Afghanistan fliehen können.
Unter Tränen erzählt er: „Es gibt keine Untergrundgemeinschaft für LGBT, es gibt keine Oberschicht – nichts. Niemand spricht über seine Sexualität. Jeder versteckt sich. Niemand kennt meine Sexualität, nicht einmal meine Freunde – außer meinem Cousin weiß es niemand.“ 

Wie der Rest der Welt hat auch er in den letzten Tagen mit Entsetzen beobachtet, wie die Taliban die Kontrolle über Afghanistan übernommen haben.

„Es ist, als würde man The Walking Dead sehen“, sagt Nimat über die Taliban. „Es ist einfach so, als ob die Zombies das Land übernehmen würden. Sie haben das Land bereits übernommen, und es gibt keinen sicheren Ort mehr.“

Nimat macht sich große Sorgen um die LGBT’s in Afghanistan, aber er hat auch Angst um seine atheistischen Freunde, von denen er befürchtet, dass sie von den Taliban verfolgt werden.
Als Nimat noch in Afghanistan lebte, traf er sich einmal pro Woche mit einer Gruppe befreundeter Atheisten, um über die Bücher zu diskutieren, die sie lasen, und über verschiedene Ideologien zu sprechen. Da viele von ihnen ihren Atheismus offen zur Schau trugen, befürchtet Nimat, dass sie auf der Verfolgungsliste der Taliban ganz oben stehen könnten.

„Wir waren eine kleine Gemeinschaft, die donnerstags zusammenkam, um Bücher zu lesen und über verschiedene Ideologien in verschiedenen Ländern zu sprechen, wie Marxismus, Kapitalismus, Sozialismus und all das, und jetzt mache ich mir große Sorgen um diese Leute, weil sie versuchen wollten, das Land zu verlassen, und jetzt sind alle Wege versperrt. Ich mache mir große Sorgen um die Atheisten, weil sie sich exponiert haben, aber die LGBT-Gemeinschaft hat sich nicht exponiert. Nur vielleicht ein oder zwei haben sich geoutet. Ich habe Freunde, die ihre Facebook-Konten gelöscht haben, sie haben alle ihre Beiträge gelöscht, um sich zu verstecken, aber ich glaube nicht, dass das der richtige Weg ist. Es gibt keine Gemeinschaft, die Atheisten in Afghanistan unterstützt.“
Nimat weinte immer mehr und ich bat ihm eine Pause an. Dankbar nahm er dieses an.

„Die Taliban sagen: ‚Wir sind wegen der Scharia hier, wir wollen nur das islamische Recht‘, und das islamische Recht ist sehr eindeutig in Bezug auf Atheisten und LGBT’s. Es ist ganz klar, dass ein Atheist ein Ungläubiger ist und dass ein Ungläubiger gesteinigt oder gehängt werden muss. Für die LGBTs gilt das Gleiche. Niemand kann mit den Taliban verhandeln. Sie wollen zurück in die Zeit vor 1.400 Jahren, als Mohammed in den Wüsten Saudi-Arabiens lebte. Sie wollen so leben, und es gibt nichts Gutes an ihrem Denken und Tun. Nila, du weißt selbst wie es für Mädchen und Frauen in Afghanistan steht. Wie erst um mich? Für Atheisten und LGBT-Menschen gibt es keine Zukunft in Afghanistan.  Alle diejenigen, die für Menschenrechte und Freiheit kämpfen sind weg, leben in Angst oder werden Hingerichtet. Du selbst hast dein Leben der Aufklärung und Bildung gewidmet und sitzt nun mit mir in einem fremden Land.“

Einige Begriffe im Zusammenhang mit LGBT

Um nicht noch mehr Verwirrung in den in dieses Thema zu bringen, verzichten die Autorinnen bewusst auf das Gendersternchen.
Diese nachfolgende Aufstellung stellt nur einen Auszug dar, neben diesen Begriffen gibt es noch zahlreiche weitere, die hinsichtlich dieser Thematik relevant sind und wären – aber auch den Rahmen sprengen würden.

Die Sexualität

Die Sexualität in der Definition im weiteren Sinn: Alle psychischen und physischen Vorgänge, die mit dem eigenen Geschlecht und dem Sexualtrieb zusammenhängen.
– Definition im engeren Sinn: Geschlechtliches Verhalten zwischen Sexualpartnern.

Geschlechtsidentität: Bewusstsein, einem Geschlecht anzugehören.
Cisgender: Personen, bei denen die Geschlechtsidentität dem Geschlecht entspricht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde.
Binär: Begriff steht für „zweiteilig“ und reduziert auf zwei Geschlechter: männlich und weiblich.
Non-Binär: Sammelbezeichnung für Geschlechtsidentitäten, die sich also außerhalb der binären Einteilung befinden.
Genderfluid: Personen, die sich zwischen zwei oder mehr Geschlechtern bewegen, welches sich mit der Zeit oder in Abhängigkeit von Situationen verändern kann.
Genderqueer:
– Nicht eindeutig gegen die Begriffe “genderfluid“ oder und „non-binär“ abzugrenzen.
– Überbegriff für Personen, die nicht in die geschlechterbinäre Norm passen.
– Geschlechtsidentität von Personen, die sich sowohl als Frau und Mann (gleichzeitig oder abwechselnd) oder weder als Frau noch als Mann identifizieren.

Sexuelle Orientierung: Begehren einer Person hinsichtlich des Geschlechts einer Partnerin oder eines Partners für emotionale Verbundenheit, Liebe und Sexualität an. Zum Beispiel Homosexualität, Bisexualität und Heterosexualität.
Pansexuell: Sexuelle Orientierung, bei der Personen in ihrem Begehren keine Vorauswahl nach Geschlecht bzw. Geschlechtsidentität treffen.
Asexuell: Kein oder kaum Empfinden von sexueller Anziehung gegenüber anderen Menschen.
Demisexuell: Personen, die nur sexuelle Erregung verspüren, wenn zwischen ihnen und einer anderen Person eine starke emotionale Bindung besteht.
Autosexuell: Personen, die sich bevorzugt zu sich selbst hingezogen fühlen.

Politischer Hintergrund

Die Entwicklung der letzten Jahre belegt, dass das Bewusstsein für die Rechte
von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender-Personen (Lesbian, Gay,
Bisexual and Transgender, LGBT) in der Europäischen Union zunimmt. Mit
der rechtsverbindlichen Charta der Grundrechte der Europäischen Union
stärkt der Vertrag von Lissabon den Rahmen für eine Gesetzgebung zur
Nichtdiskriminierung. Die EU ist nun verpflichtet in all ihren Politikfeldern und
Tätigkeiten Diskriminierung zu bekämpfen, auch Diskriminierung aufgrund
der sexuellen Ausrichtung.
Auf internationaler Ebene ist man sich darüber einig, dass Diskriminierung
aufgrund der sexuellen Ausrichtung und Geschlechtsidentität bekämpft
werden muss; bestätigt wurde dies durch die Annahme zweier Empfehlungen
und einer Entschließung des Ministerkomitees des Europarates und der
Parlamentarischen Versammlung.
Vor diesem Hintergrund hat das Europäische Parlament im Jahr 2009 die
Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) aufgefordert,
die Situation von LGBT-Personen nach dem Inkrafttreten restriktiver
Rechtsvorschriften in Bezug auf ihre Rechte in einigen EU-Mitgliedstaaten
zu untersuchen.

Wichtigste Ergebnisse

Der Bericht der FRA über Homophobie, Transphobie und Diskriminierung
aufgrund der sexuellen Ausrichtung und Geschlechtsidentität zeigt drei
wesentliche Probleme auf, mit denen LGBT-Personen in der Europäischen
Union konfrontiert sind: dass sie gezwungen sind, ein Leben in
Verschwiegenheit und im „Verborgenen“ zu führen; dass sie gewalttätigen
Angriffen ausgesetzt sind; und dass sie keine Gleichbehandlung erfahren,
z. B. bei der Arbeit, bei Mietangelegenheiten oder beim Umzug innerhalb der Europäischen Union.
Unterschiedliche Entwicklungen
Was den Schutz von LGBT-Rechten anbelangt, so gibt es bei der Entwicklung im Bereich der Gesetzgebung in den einzelnen EU-Mitgliedstaaten Unterschiede.
Im Rahmen der Untersuchung der FRA wurden sechs zentrale (miteinander
verknüpfte) Punkte ermittelt, bei denen sich sowohl positive als auch negative
Tendenzen erkennen lassen:

• Versammlungsfreiheit und freie Meinungsäußerung
Schwierigkeiten bei Paraden von LGBT-Personen oder aggressive Gegenproteste,
aber auch Verbesserungen beim Schutz von Demonstrationsteilnehmern.
Informationsverbot gegenüber Minderjährigen hinsichtlich gleichgeschlechtlicher
Beziehungen.
• Hassreden und Hassverbrechen
Begrenzter Schutz vor Intoleranz und Gewaltakten gegen LGBT-Personen; nur
wenige Mitgliedstaaten verfolgen solche Vorfälle in zunehmendem Maße
strafrechtlich.

• Ungleichbehandlung und Diskriminierung
Trotz EU-Rechtsprechung bleibt der Schutz von Transgender-Personen unklar;
eine beträchtliche Anzahl von Gleichbehandlungsstellen befasst sich jedoch
mit dem Thema der sexuellen Ausrichtung in Beschäftigungsangelegenheiten
und anderen Bereichen.

• Freizügigkeit und Familienzusammenführung
Der Gleichbehandlungsgrundsatz in diesem Kontext wird nicht überall in
derselben Weise angewandt: einige EU-Mitgliedstaaten beschränken oder
verweigern die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften und Ehen, die in einem anderen Mitgliedstaat geschlossen wurden, andere Mitgliedstaaten
hingegen weiten die Gesetzgebung in diesem Bereich aus.

Internationaler Schutz von LGBT-Asylbewerbern
In zahlreichen Mitgliedstaaten herrscht nach wie vor die Haltung, dass
Asylbewerber, die Schutz vor Verfolgung aufgrund ihrer sexuellen Ausrichtung
oder Geschlechtsidentität beantragen, keinen Anspruch auf diesen Schutz
haben, wenn sie in ihrem eigenen Land leben können, ohne „sich zu
offenbaren“.

• Geschlechtsangleichung
Erschwerter Zugang zu Behandlungsmöglichkeiten, Schwierigkeiten bei der
rechtlichen Anerkennung und Gleichbehandlung in den meisten Bereichen
des gesellschaftlichen Lebens; in einigen EU-Mitgliedstaaten hat sich diese
Situation jedoch gebessert.
Ungleiche Verhältnisse
Diese unterschiedlichen Entwicklungen zeigen, dass Fortschritte in der
Europäischen Union verschieden schnell und ungleichmäßig erfolgen:
Zwischen den EU-Mitgliedstaaten bestehen weiterhin gravierende
Unterschiede. Die Hauptursachen für die Hindernisse sind in der anhaltenden
Intoleranz und der negativen Einstellung gegenüber LGBT-Personen zu finden.

Abschließend noch die Resolution der Generalversammlung 217 A (III).

Allgemeine Erklärung der Menschenrechte

PRÄAMBEL

Da die Anerkennung der angeborenen Würde und der gleichen und unveräußerlichen Rechte aller Mitglieder der Gemeinschaft der Menschen die Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt bildet, da die Nichtanerkennung und Verachtung der Menschenrechte zu Akten der Barbarei geführt haben, die das Gewissen der Menschheit mit Empörung erfüllen, und da verkündet worden ist, daß einer Welt, in der die Menschen Rede- und Glaubensfreiheit und Freiheit von Furcht und Not genießen, das höchste Streben des Menschen gilt, da es notwendig ist, die Menschenrechte durch die Herrschaft des Rechtes zu schützen, damit der Mensch nicht gezwungen wird, als letztes Mittel zum Aufstand gegen Tyrannei und Unterdrückung zu greifen, da es notwendig ist, die Entwicklung freundschaftlicher Beziehungen zwischen den Nationen zu fördern, da die Völker der Vereinten Nationen in der Charta ihren Glauben an die grundlegenden Menschenrechte, an die Würde und den Wert der menschlichen Person und an die Gleichberechtigung von Mann und Frau erneut bekräftigt und beschlossen haben, den sozialen Fortschritt und bessere Lebensbedingungen in größerer Freiheit zu fördern, da die Mitgliedstaaten sich verpflichtet haben, in Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen auf die allgemeine Achtung und Einhaltung der Menschenrechte und Grundfreiheiten hinzuwirken, da ein gemeinsames Verständnis dieser Rechte und Freiheiten von größter Wichtigkeit für die volle Erfüllung dieser Verpflichtung ist, verkündet die Generalversammlung diese Allgemeine Erklärung der Menschenrechte als das von allen Völkern und Nationen zu erreichende gemeinsame Ideal, damit jeder einzelne und alle Organe der Gesellschaft sich diese Erklärung stets gegenwärtig halten und sich bemühen, durch Unterricht und Erziehung die Achtung vor diesen Rechten und Freiheiten zu fördern und durch fortschreitende nationale und internationale Maßnahmen ihre allgemeine und tatsächliche Anerkennung und Einhaltung durch die Bevölkerung der Mitgliedstaaten selbs wie auch durch die Bevölkerung der ihrer Hoheitsgewalt unterstehenden Gebiete zu
gewährleisten.

Autorinnen Naike Juchem und Nila Khalil, 9. Oktober 2021

Quellen

– ILGA EUROPE (International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association

– Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland und der Welt, Berlin

https://rainbow-europe.org/#8656/0/0

Eindrücke einer Reise die für viele unvergesslich sein wird.

Plattboot Nirwana

Hurra ich lebe noch!

Ich bin 15 Seemeilen, also knapp 30 Kilometer mit dem Schnellboot zur „Nirwana“ gefahren (geflogen, gehüpft) worden. Für mich war es eine gefühlte Entfernung bis zum Mond.
Johann, der Skipper von dem Motorangetriebenen Flummi, fragte ob ich es eilig hätte um auf die „Nirwana“ zu kommen. „Phuuu, wat betekent haast? Rijd gewoon. De Nirvana is niet voor Groenland.“ (Was bedeutet Eile? Fahr einfach. Die Nirvana wird nicht vor Grönland sein.) Ich täusche mich!

Fast 30 Kilometer in dem Schnellboot, kann man mit einer Horde Kinder in einer Hüpfburg vergleichen. „Johann, moet het ding zo stuiteren? We komen ook met
minder gas aan.“ ( Muss das Ding so hüpfen? Wir kommen auch mit weniger Gas an.) „Nila, dat is een Speedboot.“

Was hatte Johann für ein Glück das ich meine Arme brauchte um mich festzuhalten! „Godverdomme Nederlands!“ Was hatte ich Glück, dass Johann eine Hand am Lenkrad und eine am Gashebel hatte.
„Johann, rijd nu langzamer, anders doorbreken we de geluidsbarrière!“
(Fahr jetzt langsamer, sonst durchbrechen wir die Schallmauer!) Hätte ich nicht sagen sollen! Ich wusste gar nicht, dass der Motorangetriebene Flummi noch schneller konnte.
Eine weiter Diskussion mit Johann war nicht Zielführend – also konzentrierte ich mich auf einen Punkt am Horizont.

Auf dem Ijsselmeer waren viele Boote unterwegs. Motorboote, Segelboote und eben auch Speedboote. Wellen mochte Johann gerne und er lies es sich nicht nehmen, JEDE Welle seitlich oder frontal zu nehmen.
„Nila, wat is er met je? Wees niet zo krap. Het is leuk.“ (Nila, was ist los mit dir? Sei nicht so verkrampft. Es macht doch Spaß.)

Nach einer gefühlten umrundung des Äquators kam endlich die „Nirwana“ in Sicht und plötzlich konnte ein Speedbood auch slowly.

Als wir näher kamen, stieg der Geräuschpegel auf der „Nirwana“ in einen Bereich wo jeder F-14 Tomcat Düsenjet ein Fliegenfurz dagegen ist. Die 20 Kinder und Jugendliche brüllten sich die Seele aus dem Leib. Sie winkten und hüpften, als ob sie mich Jahre nicht gesehen hätten.

Das Einbooten von einem schaukel Boot auf ein anderes schaukel Boot muss man gewöhnt sein!
Während ich von dem Gummiboot auf das Holzboot umstieg, kam mir ein Gedanke der mir das Herz für einen Augenblick stehen ließ: Was ist, wenn wir in dieser Gruppe, oder die beiden nachfolgenden Gruppen ein paar Kinder oder Jugendliche Ausbooten müssen? Alptraum! Immerhin sind die Kinder zum Teil schwerst traumatisiert.

Hafen von Hoorn

Auf der „Nirwana“
Ich kenne dieses Segelschiff, als sie im Hafen von Enkhuizen lag und ich mir dieses wunderschöne Schiff aus dem Jahr 1910 vor Wochen schon angeschaut hatte.

Johann machte sein Boot Steuerbord, also rechts, längsseits fest und kam an Bord. War ein Fehler! Die erste Klatsche hatte er schon mal in Form von einem Boxhieb gegen den Oberarm kassiert.
Die Kindern umringten mich und alle sprachen durcheinander. Was ich verstanden hatte, schien jedes Kind diesen Segeltörn, jetzt schon nach 3 Stunden auf dem Wasser, als den absoluten Wahnsinn anzusehen. Kinder ihr wisst noch nicht alles!

Mit Irene Toxopeus, der Eignerin und Skipperin von der „Nirwana“ und mit Johann besprach ich meine Bedenken, wenn wir ausbooten müssen. Irene versicherte mir, dass sie dafür gerüstet sei und spezielle Gurte und Sicherheitswesten an Bord hätte. Johann erklärte ich noch, dass er einen solchen Fahrstil auf keinen Fall machen dürfe. „Nila, ik ben niet dom! Als je had gezegd dat je zou vertragen, had ik het ook gedaan.“ (Nila, ich bin nicht dumm! Hättest du gesagt ich soll langsamer fahren, hätte ich es auch gemacht.)
Der zweite Boxhieb hatte er sich definitiv verdient.

Nun bin ich fast 7 Stunden auf der „Nirwana“ und es scheint kein Zeitgefühl zu geben. Ich kenne einen solchen Segeltörn ja schon und trotzdem ist es ein prickeln im Bauch. Das Holz, das Wasser und die Luft zu riechen ist traumhaft.
Nun mache ich für heute Schluss und genieße mit Rebecca bei einem Glas Wein den Sonnenuntergang auf dem Ijsselmeer.

Sonnenuntergang auf dem Ijsselmeer

Die ersten 24 Stunden auf einem Segelboot

Text von Amira Khalil

Am 53.184572 Breitengrad und 4.968178 Längengrad
Seit gestern Morgen sind wir mit 20 Kinder und Jugendlichen, 6 Betreuer und einer Chefin auf dem Ijsselmeer auf Fahrt. Unser Clipper ist 110 Jahre alt und man spürt die Geschichte und die Seele der „Nirwana“ auf jedem Quadratmeter an Bord. Alleine dieser Charme macht diese Reise schon unvergesslich.

Wir haben 9 Doppelkabinen und 2 Vierer-Kajüten, 3 Toiletten und 3 Duschen an Bord. Alles ist wunderschön und man fühlt sich in ein anderen Zeit versetzt.
Nachdem gestern die Kabinen und Kajüten aufgeteilt, das Gepäck verstaut und sich jeder die „Nirwana“ angeschaut hatte, gab es von Irene Toxopeus, der Skipperin, nochmals eine Einweisung wie wir diese am Freitag schon theoretisch bei uns in der Einrichtung besprochen hatten. Sicherheit geht vor und jeder muss dies auf den 32 Meter Länge und 6,5 Meter Breite an Bord wissen. Rouven erklärte noch einmal die Regeln an Bord und wer welche Aufgaben übernehmen kann oder möchte. Da ich schon öfter auf einem Segelboot war, wurde am Freitag entschieden, dass ich als Betreuerin bei der ersten Gruppe dabei bin. Mit meiner Freundin und Kollegin Marieke, mit Tahmineh und mit Anjana und Elly aus der Verwaltung sind wir für 18 Kinder und Jugendlichen die Betreuer an Bord. Rebecca, eine Freundin von Mama, und ihre beiden Kinder sind auch dabei.

Leinen los um 10.27 Uhr

Mit dem Hilfsmotor steuerte Irene die „Nirwana“ aus dem Hafen von Hoorn Richtung Nordost auf das Ijsselmeer. Die Kinder winkten links und rechts vom Boot den Leuten zu die sie sahen. Ist links und rechts überhaupt richtig? Backbord und Steuerbord passt auf jeden Fall.
Bis zur Ausfahrt vom Hafen wurde jeder Möve, jedem Boot und jeder Person zugewunken und gerufen. Die Kinder hatten jetzt schon ihren Spaß und wissen nicht, was sie die nächsten 5 Tage noch alles erleben werden. Erik, Marpe und Nila haben sich so einiges an Überraschungen ausgedacht.

Das Mittagessen fiel – wie schon zu erwarten, sehr dürftig aus, den es gab zu viel zu entdecken und bestaunen, sodass für Essen keine Zeit blieb.
Gegen 13 Uhr wurde es langsam ruhiger auf der „Nirwana“ und fast alle lagen auf Deck in der Sonne. Das rauschen vom Wind in den Segeln und das Wasser hören, welches gegen den Bug schlug, brachte die Kinder in einen dösenden Zustand – mich auch.

Es ist ein unbeschreibliches Gefühl auf einem Segelboot über das Wasser zu gleiten. Der leichte Seegang, die Luft und die Ruhe kann man kaum in Worte fassen.

Um 14 Uhr kam Anjana zu mir und sagte, dass meine Mutter auf dem Weg zur „Nirwana“ sei und in den nächsten Minuten eintreffen würde. Dies sprach sich auf dem Clipper sehr schnell herum und so wurde Ausschau nach Nila in allen Himmelsrichtungen gehalten. Zafira sah Nila als erstes und in Bruchteilen von Sekunden waren alle Kinder auf der Steuerbordseite um ihr zuzuwinken und rufen. Brüllen kommt dem wohl näher. Mama hatte Tränen in den Augen als sie auf die „Nirwana“ kam – ich auch.
Nach dem großen Hallo und der Begrüßung wie bei einem Rockstar beruhigten sich alle wieder und Nila hatte Zeit um mit der Skipperin zu reden.

Der Nachmittag war wunderschön mit Gesprächen, sonnen und dösen auf Deck.
Beim Abendessen war – wie zu erwarten, die Meute hungrig wie eine Gruppe Bären nach dem Winterschlaf. Ein Abendessen unter Segeln ist schon eine besondere Atmosphäre.
Nachdem aufräumen und Küchendienst war dieser Tag fast geschafft. Immer noch war jeder von der Weite, Ruhe und Eindrücken geflasht. Ins Bett wollte niemand und so blieben alle noch sehr lange wach.
Gegen 23 Uhr schafften Marieke,Tahmineh und ich die kleinsten aus der Gruppe in ihre Vier-Bett-Kajüte. Die vielen Eindrücke vom Tag waren für sie so viel, dass sie vor Müdigkeit kaum noch die Augen aufhalten konnten. Eines der Kleinen schlief während des Erzählens ein.
Mit Marieke saß ich vorne am Bug mit einer Dose Bier bis weit nach Mitternacht. Auch wenn die Temperatur gestern bei fast 30° lag, auf dem Wasser ist es unglaublich kühl und am Abend sowieso.

Dienstag, 21. Juli 6.20 Uhr

Aufstehen nach dieser Nacht wollte ich gar nicht. Auch wenn ich noch keine 5 Stunden geschlafen hatte und mir dieser wenig Schlaf nichts ausmacht, war ich heute morgen völlig fertig. Die Seeluft ist die besste Schlaftablette der Welt. Das leichte schaukeln des Bootes und das Geräusch wenn das Wasser gegen die Planken schlägt geben ihr übriges.

Vor 7 Uhr fing ich dann mal an meine Horde Kinder zu wecken – was gar nicht leicht war. Die Seeluft nahm so einigen Kinder das Leben aus den Körper.

Tahmineh hatte den Frühdienst in der Küche übernommen und mit vier anderen Kinder das Frühstück vorbereitet. Auch ohne groß einen „Dienstplan“ zu erstellen läuft es an Bord seit gestern Mittag ganz gut.
Mama hatte gestern Abend sehr viel mit Rebecca gesprochen und sie wird sich die nächsten Tage noch weiter mit ihr unterhalten. Nila kann nicht aufhören zu arbeiten, helfen oder denken. Auch wenn sie sagt, sie tut nichts – ist es gelogen. Na ja, ich kenne meine Mutter schon lange genug und macht auch wenig Sinn mit ihr darüber zu reden.
Dann lassen wir uns heute überraschen, wohin der Wind uns treib bis wir Trockenfahren.
Ups, habe ich schon etwas verraten?

Mittwoch 22. März

„Wer einen Menschen rettet, rettet die Welt.“ Dieser Satz stand in dem Buch „Schindlers Liste“ von Thomas Keneally.

Erholung tut gut und die Welt muss nun fünf Tage ohne mich auskommen.
Heute ist Mittwoch der 22. Juli 2020 und eigentlich würde ich heute Nachmittag meinen Kurzurlaub auf der „Nirwana“ beenden, um im Hamsterrad der Bürokratie, Probleme und der nie enden wollenden Arbeit weiter zu machen. Es ist mir jetzt auch völlig egal! Die Welt dreht sich die nächste Woche genau so wie heute.
Meine Gedanken sind natürlich bei Lenara und ich bin hin und her gerissen. Darf ich sie fünf Tage alleine lassen oder bin ich zu egoistisch?
Gestern Abend rief mich Professor de Friese an und berichtete mir von der letzten Operation an ihrem rechten Bein und das alles sei gut verlaufen sei. Er sagte mir auch, dass Lenara durch die Operation sowieso mehr sediert sei und es keinen Unterschied mache, ob ich bei ihr sei oder nicht – rationales Denken von einem Mediziner. Ich als Mutter denke mit dem Herz. Mein Verstand sagt mir aber auch, dass ich nicht permanent am Limit leben und arbeiten kann. Also werde ich nun bis Freitag auf der „Nirwana“ bleiben, um mal wieder zu mir zu kommen. Ich sprach gestern Abend mit meiner Tochter über eben jene Entscheidung und sie war mehr als glücklich darüber.

Heute Morgen rief ich nach Rotterdam in die Klinik an und sprach lange mit der Stationsleiterin Paula. Paula sagte mir die aktuellen Werte und Befunde von Lenara und dass sie sich die nächsten Tage zu Lenara setzten würde. Da ich mittlerweile eine recht ordentliche Sammlung an Musik und auch meinen Gedanken auf USB Stick’s in der Klinik habe, hat Lenara genügend Abwechslung bis ich am Samstag wieder bei ihr bin. „Nila, je kunt na vijf dagen op het Ijsselmeer Lenara zoveel vertellen en denk aan jezelf. Ik zal bij Lenara zijn en met haar praten. We zijn vrienden en ik help je graag.“ (Nila, nach fünf Tagen auf dem Ijsselmeer kannst du Lenara so viel erzählen und denke nun auch mal an dich. Ich werde bei Lenara sein und mit ihr reden. Wir sind Freunde und ich helfe dir gerne.)

Nun aber der Reihe nach.

Den Montagnachmittag hatte ich mit dem Abenteuer Speedboot schon geschrieben.
Am Montagabend hatte ich noch sehr lange mit Rebecca gesprochen und bin froh, dass sie sich die letzten zweieinhalb Monate sehr positiv entwickelt hat.
Rebecca lernte ich im März in der Spezialklinik in Rotterdam kennen, da ihr Mann durch einen Säureunfall seit Dezember dort behandelt wird. Rebecca war im April noch ziemlich fertig und stand haarscharf vor einer tiefen Depression. Ich bot ihr Ende April an, doch zu uns in die Einrichtung zu kommen, damit sie Zeit für sich findet und ihre beiden Kinder trotzdem versorgt sind. Ich bin keine Psychologin. Ich kann zwar einiges an Qualifikationen nachweisen, aber mehr auch nicht. Ich handle nach meinem Verstand und Herz. Marpe war der Schlüssel zum Erfolg und Rebecca fand in ihr eine sehr gute Psychologin. Vom ganzen Team wurde Rebecca viel geholfen und sie sah auch eine andere Umgebung. Sie ist gelernte Buchhalterin und hat sich in der Verwaltung auch gut eingebracht. Da sie nicht nach einer Zeitvorgabe arbeiten muss, konnte sie ihre, freiwillige, Arbeit so erledigen wie sie es konnte oder kann.
Menschen eine Perspektive oder Chance ohne Arbeitsleistungsvorgaben zu geben, kenne ich seit vielen Jahren und fahre mit meinem Führungsstil ganz gut damit. Erfolge sehe ich immer wieder in dem, wie ich meine Mitarbeitermotivation umsetze.
Im Mai unterhielt ich mich sehr lange mit einer Freundin aus Deutschland über Depressionen und deren Folgen, Verlauf oder auch Behandlung. Ich muss ehrlich gestehen, ich hatte Angst vor dem was ich im April angefangen hatte und nicht wusste ob ich in meiner Naivität Rebecca eine gute Hilfestellung geben könnte. Was mir Nicole damals sagte, stellte mich vor eine große Herausforderung. Mit Marpe besprach ich meine Sorgen bezüglich Rebecca.

Willkommen im Team

Wie schon geschrieben, war oder ist Marpe der Schlüssel zum Erfolg. In den letzten zehn Wochen merkte ich bei Rebecca eine sehr gute und positive Entwicklung bei ihr und der Montagabend mit einer Flasche Wein auf der „Nirwana“ irgendwo im nördlichen Ijsselmeer tat uns beiden sehr gut. Die Gespräche waren Belanglos oder unserer beider Gedanken um ihren Mann, beziehungsweise Lenara.
„Nila, ik wil voor je werken.“ ( Nila, ich möchte für dich arbeiten.) Ich wusste in dem Moment nicht was ich Rebecca darf
sagen sollte. Vor fünf Jahre bauten sie und Marten ein Haus in Hoofddorp, dass gute 50 Kilometer von Den Haag entfernt liegt. „Of ik nu 35 kilometer naar het werk rij in Amsterdam of 47 kilometer naar Den Haag. Waar zit het verschil?“ (Ob ich 35 Kilometer zur Arbeit in Amsterdam oder 47 Kilometer nach Den Haag fahre. Wo ist der Unterschied?) „En het is ook dichter bij Rotterdam.“ (Und näher nach Rotterdam ist es auch.) Wo sie recht hat, hat sie recht. Da sie und ihre beiden Kinder sowieso bei uns in der Einrichtung wohnen und die Kinder sich wohlfühlen passt es ganz gut.
„Willkommen im Team, Liebes.“

Dienstag, 21. Juli kurz vor 6 Uhr

„Wer einen Menschen rettet, rettet die Welt.“ Mit diesen Gedanken lag ich in meiner Koje und genoss das leichte schaukeln der „Nirwana“. Durch das geöffnete Bullauge roch der neue Tag nach frische und das leise schlagen der Wellen gegen die Planken der „Nirwana“, war eine Symphonie der Sinne.
Meine Tochter wurde wach und ich erzählte ihr von dem gestrigen Einstellungsgespräch.
Gegen 7 Uhr wurde der Geräuschpegel auf dem Boot lauter – die Meute wurde wach! Mit einem zufriedenen Lächeln ging ich in eine der drei Duschen an Bord.

In dem geräumigen und sehr Geschmackvollen Innenraum der „Nirwana“ hatte Tahmineh mit vier Kinder das Frühstücksbuffet aufgebaut. Ich war mega stolz auf meine Kinder. Fast alle Kinder waren auf Deck um dort zu frühstücken. Mir war es noch etwas frisch, so setzte ich mich in die Rundeck auf der Backbordseite und schaute aus meiner Ecke dem gewusel zu.

Tahmineh fragt, ob sie sich zu mir setzen dürfe. Natürlich. „Nila, ich habe immer noch keine Nachricht von der Uni bekommen.“ Ich nickte. Tahmineh hatte im Frühjahr ihre Abiturprüfungen bei mir im Büro geschrieben. Durch Corona war und ist dieses Jahr alles nicht normal. Tahmineh möchte Lehramt studieren und gerade wegen oder durch Corona hat sie sich für diesen Berufswunsch entscheiden. Im April war dieser Berufswunsch bei ihr, und auch bei Djamila, sehr konkret geworden. Irgendwie hat die Corona Pandemie auch etwas gutes.
„Tahmineh, mach dir keine Sorgen, du und Djamila könnt und werdet bei uns arbeiten bis wir alle Klarheit haben ,wie es überhaupt weitergeht. Mehr an praxis könnt ihr jetzt für das Studium nicht lernen.“ Tahmineh sah mich völlig ungläubig an, bei dem was ich ihr sagte. „Ich hatte am Freitag bei der Vorstellung zu dieser Freizeit schon gesagt, dass diese alles bisher dagewesene in den Schatten stellt und ihr noch so einige Überraschungen erleben werdet. Sag bitte noch nichts zu Djamila. Dies macht Marpe die nächsten Tage, wenn sie mit der zweiten Gruppe an Bord ist.“ Mit einem überglücklichen Lächeln nickte sie.

Mit Irene, der Skipperin, besprach ich den Tag und wann wir ungefähr Trockenfahren werden.

Die Wattwanderung

Im Steuerstand zeigte mir Irene den jetzigen Standort der „Nirwana“. Wir lagen 10 Seemeilen (18,5 Kilometer) südlich vor Vlieland und wollten weiter nach Norden Richtung Hollum auf Ameland. Nach der Nautischenkarte waren es noch 8,6 Seemeilen (10 Kilometer) bis zu dem Punkt, wo Irene bei der Ebbe sein wollte. Also los, Segel auf!

Rouven, Amira und Elly setzte mit den größeren Kindern die Segel und mir fiel ganz spontan das Lied „Piraten“ von Kasalla ein. Internet an und schnell das Lied gesucht.
Heyo! Hey Hey Ho!
Heyo! Hey Hey Ho!
Heyo! Hey Hey Ho!
Heyo! Hey Hey Ho!

Mit dem Wind in den Segeln ging es auf zum nächsten Abenteuer.

Um kurz nach 9 Uhr erreichen wir den Punkt, den mir Irene auf der Karte zeigte. Die Ebbe machte sich schon bemerkbar und Irene fuhr die „Nirwana“ langsam trocken. Mit einem Peilstab wurde nach der Tiefe vom Wasser geschaut. Immer langsamer wurde die Fahrt und die Kinder, die keine Ebbe und Flut kannten, kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Amira, Marieke und Tahmineh machten noch kurz Schulunterricht und erklärten Ebbe, Flut und dass das Wattenmeer der Nordsee das größte zusammenhängende europäische Feuchtgebiet und mit Abstand größte Wattenmeer der Welt ist.
Noch eine halbe Seemeile konnte Irene fahren, dann war kaum noch Wasser unter dem Kiel.
Rouven erklärte allen an Bord, dass wir gleich ins Watt gehen würden und was es dort für Gefahren und auch einzigartige Flora und Fauna zu entdecken gäbe.
Die Ungeduld stieg schneller als die Ebbe ablaufen konnte.

Endlich war es soweit und die ersten Schritte in eine unbekannte Welt begannen.
Ungläubig wurden wir gefragt, wann das Wasser kommt, kommt es wieder? Ängstliche Blicke nach allen Seiten, wenn plötzlich das Wasser kommen würde. Rouven erklärte alles sehr ruhig und mit seiner Erfahrung machte diese Wattwanderung mega Spaß.
Was es plötzlich alles zu entdecken gab: Krebse, Seesterne, Muscheln und Wattwürmer. Millionen von Kleinsttieren leben auf einen Kubikmeter Watt. Tahmineh hatte offensichtlich von uns allen im Biologieunterricht am besten aufgepasst und übernahm kurzerhand einen sehr praktischen und coolen Unterricht. Was war und bin ich so stolz auf meine Kinder.

Nach fast vier Stunden durch das Watt wandern kam die „Nirwana“ in Sicht und plötzlich gingen die Kinder immer langsamer. „Wie, jetzt schon zurück?“
An der „Nirwana“ angekommen, grinste Irene breit und gab jedem der Kinder eine große Plastiktüte für ihre Meeresschätze. Man soll gar nicht glauben, was alles in eine Jackentasche hinein passt.

Mit dem Entfernungsmesser zeigte mir Irene wo wir heute Abend ankern werden. 10,8 Seemeilen (20 Kilometer) lagen vor der „Nirwana“, um vom Süden Amelands auf die nördliche Seite unseres Nachtlager zu kommen.

Auf zu neuen Ufern

Die „Nirwana“ schwamm sich frei und Irene drehte das Boot mit dem Hilfsmotos in den Wind. Ahoi zum Segel hissen. Mit vereinten Kräften – ich nicht, durfte ja von meiner Tochter nichts arbeiten, wurde das Hauptsegel gehisst.
Die „Nirwana“ nahm Fahrt Richtung Westen auf.

Nach einer guten Stunde Fahrt wurde es auf Deck immer ruhiger. Die Wattwanderung war für einige sehr erschöpfend. In welche Richtung ich an Deck auch schaute, sah ich zufriedene Gesichter. Die Kinder haben diesen Segeltörn mehr als verdient. Mal abwarten, was meine Abenteurer noch so erleben werden.

Um 18.25 Uhr lief die „Nirwana“ vor Stichting, unserem heutigen Etappenziel, auf. Nun musste die Chefin doch mal ran. Ich sagte der Besatzung das es nun an Land gehe und jeder seinen Rucksack mitnehmen sollte. Wie zu erwarten, sah ich in fassungslose und fragende Gesichter.
„Wie, sind wir schon am Ende der Reise?“,
„Warum müssen wir von Bord?“
Nein, die Reise ist nicht vorbei. Wir haben noch eine Etappe vor uns, erklärt ich meinen Abenteurern.

Der Fußmarsch von einem knappen Kilometer schafften wir – trotz tausender Fragen an mich, locker und als der Campingplatz in Sichtweite kam, hörten auch die Fragen auf.

Erik und seine Frau Linda hatten mit Esmee und Luna, zwei der Küchenangestellten aus unserer Einrichtung, schon das Grillfeuer vorbereitet. Nun wurden den vier von zwanzig Kinder und Jugendlichen gleichzeitig alles bis jetzt erlebte, bis ins kleinste Detail erzählt.

Amira, Marieke und Tahmineh hatten es schwer die Kinder zu beruhigen, um ihnen ihre Schlafplätze für die nächsten zwei Tage zuzuordnen. Eine Herde Büffel schien einfacher unter Kontrolle zu bringen.

Da das Ijsselmeer nicht gerade riesig ist und wir irgendwie auf fünf Tage Abenteuer kommen mussten, buchten wir sechs Zelte, Zelthäuser oder wie immer man diese Unterkunft nennt.

Ich ging am frühen Abend mit Erik in die Dünen, um mit ihm allein zu sein. Er sollte schon die personelle Veränderung mit Rebecca erfahren.
„Nila, du bist die Chefin. Du führst und lenkst. Marpe und ich haben dir die Leistung übertragen, weil wir wissen, du bist die beste dafür.“
So ging es dann noch eine Weile weiter. Ich möchte mich nicht erhöhen oder Selbstdarstellerich sein.
Mit dem Blick auf dem Sonnenuntergang waren die Gespräche mit Erik eine Wohltat. In den letzten dreizehn Jahren wurde er ein fester Bestandteil von Amira und mir in unserem Leben. Wie die Zeit vergeht! Amira ist nun vier Jahre in den Niederlanden und Erik, wie auch Linda de Joost, wurden die neuen Großeltern von ihr.

Stichting, Mittwoch 22. Juli

Der Morgen erwachte ganz anders als der gestrige. Auch wenn ich die Seeluft roch, es war nicht so, wie auf dem Schiff.
Ich war schon vor der Meute wach und ging in das Küchenzelt um Esmee und Luna bei den Vorbereitungen zum Frühstück zu helfen – so war der Plan. Meine Tochter gab natürlich die Nichtabeitesanweisung meiner Person an Esmee und Luna weiter und so blieb mir nur meine Tasse Kaffee mit der ich mich vor das Zelt setzte und die Möven bei ihrem Flug über den Campingplatz zu beobachten. Linda und Rebecca kamen vom joggen zurück.
Joggen um diese Uhrzeit und bei dieser Hitze (Frau braucht schließlich eine Ausrede), war mir dann doch zu stressig. Ich beschloss für mich selbst, dass joggen Arbeit ist und ich diese bis Freitag nicht machen darf. Punkt. Ich muss ja schon Prioritäten setzen.
Linda ist 73 Jahre alt und eine Powerfrau durch und durch. Sie ist, wie ihr Mann, Medizinerin und war in den Anfangsjahren mit Erik in Westafrika für Ärzte ohne Grenzen in Einsatz. Nun leite ich eine Einrichtung, die beide vor 27 Jahren in einem alten Haus in der Nähe von Den Haag gegründet hatten. Heute sind es drei Häuser mit über 30 festangestellten Mitarbeiter und nochmal so viele ehrenamtliche Helfer.

„Nila, waarom was je niet aan het joggen?“ Da waren nun meine Probleme. Ich konnte ja schlecht das Argument mit der Hitze vorbringen. „Mijn Ischias doet pijn“. Die Blicke von Linda und Rebecca sagte mir, dass dieses Argument nicht sehr fundiert war. Da auch keine Nachfragen kam, beließ ich es dabei.

Beim Frühstück stellten Erik und ich der Gruppe den heutigen Tag vor. Es waren Fahrradtouren mit Besichtigung der Insel, Pferdetouren und den Nachmittag zur freien Verfügung geplant. Der Abend blieb noch geheim.
Da wir Kinder von 6 bis 12 Jahren in der Gruppe haben, ist ein Ausritt auf Pferden nicht zu empfehlen. Amira, Anjana, Marieke und Tahmineh waren bei der Gruppe, die reiten wollten als Betreuerinnen dabei.
Erik, Linda, Rebecca und ich als Betreuer für die Fahrradgruppe. „Ik dacht dat je Ischias pijn doet.“ (Ich dachte dein Ischias tut weh.) War der Seitenhieb von Linda. Verdammte Falle.


Fünf Stunden fuhren wir mit den Räder kreuz und quer auf Ameland herum. Hier und da etwas besichtigt, dort ein Eis gegessen und im Norden von Ameland in den Dünen gelegen. Auf dem Rückweg nochmals Eis gegessen. Erik zeigte sich sehr Spendabel auf unserer kleinen Fahrradtour. Er hatte offensichtlich viel Spaß und Freude an dieser doch außergewöhnlichen – und auch sehr teuren, Freizeit.
Am späten Nachmittag lagen Elly, Linda, Rebecca und ich am Strand:  Mädelsnachmittag.
Erik spielte mit einigen Kindern auf dem Campingplatz Volleyball. Wollte ich eigentlich auch spielen, aber mein Ischias…..

Mit geschlossenen Augen genoss ich den Wind, die Sonne und die Ruhe am Strand. Letztgenannte war mit dem Anrücken der Meute per Pferd nicht zu überhören. Wie Könige saßen alle auf ihren Pferden und auch dieser Gruppe schien der Tag zu gefallen.

Lagerfeuer und Europäische Politik am Strand von Stichting.

Um 18 Uhr waren alle, bis auf Erik, aus der Gruppe an den sechs Zelten. Jeder tat etwas oder auch nichts. Ich musste mich wieder zu letzteren zählen. Geplant war für diesen Abend ein Lagerfeuer am Strand. Wie es in vielen Ländern von Europa so üblich ist, ist vieles was früher normal war heute verboten.
Mit Luna besprach ich heimlich, durfte ja nichts arbeiten, den Plan B: Grillen am Zeltplatz und eben dort das Feuer machen. Erik hatte in seinem Anhänger alles dabei was für ein Lagerfeuer gebraucht wurde. Sogar ein großes Fass für die Asche mit nach Hause zu nehmen.

Um kurz vor 19 Uhr kam Erik endlich zur Gruppe und hatte den Bürgermeister von Ballum im Schlepptau. Herr Stoel wollte sich ein Bild von der Gruppe mache.
Erik vermied es nicht, mich als Chefin der Einrichtung vorzustellen und auch gleich meinen Beruflichen Werdegang und meine damalige Flucht aus Afghanistan nach Stuttgart aufzuführen. Da ich mit einem kühlen Bier vor dem Küchenzelt saß, konnte Herr Stoel Alkohol und Muslima nicht so recht zuordnen. Ich sagte ihm, dass ich zwar in einem muslimischen Land geboren wurde, aber sonst auch nichts mit dieser Religion zu schaffen habe. Dies schien Herr Stoel doch sehr imponiert zu haben. Er stimmt unserem Vorhaben mit dem Lagerfeuer am Strand zu.
Da dies dann endlich geklärt war, wurde der Anhänger von Erik an den Pkw gekoppelt und auf ging es zum Strand. Die Gruppe folgte mir und Herrn Stoel zum Strand.
Die letzten 100 Meter mussten wir das Holz, Tisch, Besteck, Teller und Getränke tragen. Bei der Meute von Kinder war dies gar kein Problem. So viel Holz wie jeder tragen wollte, hätten wir bis Weihnachten ein Lagerfeuer machen können.
Die Jungs schaufelten ein etwas größeres Loch in den Sand und jeder suchte noch Steine für die Feuerstelle.
Endlich brannte das Feuer und mit einem Schlag sah jeder gebannt in die Flammen.

Herr Stoel ist Wirtschaftswissenschaftler und ein sehr netter und angenehmer Mann. Da Erik ihm meinen Lebenslauf erzählte, wollte er von mir die Lage in Afghanistan wissen. So erzählte ich ihm meine Erfahrungen in den letzten Jahren und auch die Sorge mit dem Abzug der NATO und US Truppen ab 2021. Wie schon zu erwarten, war er über meine objektive Beurteilung von Afghanistan mehr als geschockt. Dies gehört nun nicht hierher.

Der Abend mit Feuer, Wurst, Hähnchenschenkel und Stockbrot war sehr schön und die Kinder sprachen wieder von den Erlebnissen der letzten Tage.
Für das was Herr Stoel nur kurz vorbei schauen wollte, war es ein doch sehr langes „kurz“.
Es war fast Mitternacht, bis wir uns auf den Weg zum Campingplatz machten. Ich trug die sechsjährige Rondek auf meinem Arm. Sie kommt aus dem Irak und hatte vor zwei Jahren beide Elternteile auf der Flucht verloren. Ihre Geschichte erzählt ich Leo ( Herr Stoel), mittlerweile waren wir beim du. Leo sah und begriff an diesem Abend die Probleme der Flüchtlinge und die Haltung der Europäischen Politik an der Basis.

Donnerstag, 23. Juli viel zu früh

Mit einem leichten Kater wurde ich als letzte wach und schaffte mich wie in Trance in das kleine Badezimmer in meinem Zelthaus. (Ich nenne es jetzt mal so)
Der Abend mit Leo und uns aus der Leitung und Betreuung war doch sehr lange und die alkoholischen Kaltgetränke waren wohl etwas zu viel für mich. Ich konnte meinen Zustand / Kater ja noch auf den Ischias schieben.

Nach dem Frühstück war noch Zeit für gemeinsame Spiele auf dem Campingplatz, bis es zum Aufbruch auf die „Nirwana“ ging. Da wir bei Flut auslaufen mussten, war die Abreise vom Campingplatz auf 12 Uhr gelegt.

Auf der „Nirwana“ wurde wieder mit Spannung auf die Flut gewartet. Da wir erst am Freitagmittag im Hafen von Hoorn sein wollten drehte Irene das Boot nach Norden und wir fuhren nördlich an der Insel Schiermonnikoog vorbei. Es war ein herrlicher Tag auf dem Wasser und ich genoss jede Sekunde. 11 nautische Meilen vor Borkum ankerten wir für diese Nacht

Logbucheintrag Nummer 7

Der Weltraum (Das Ijsselmeer). Unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2200 ( noch nicht ganz). Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise (Segelboot „Nirwana“), das mit seiner 400 (29) Mann starken Besatzung fünf Jahre (Tage) lang unterwegs ist (war), um neue Welten zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen (nicht gefunden). Viele Lichtjahre (Seemeilen) von der Erde (Festland) entfernt dringt die Enterprise („Nirwana“) in Galaxien (Wattmeer) vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.“

Die Reise um neue Welten zu erforschen, neigt sich dem Ende.
Heute morgen bin ich sehr wehmütig in meiner komfortablen Koje aufgestanden und wollte die Zeit so gerne zurück drehen. Ich hatte Momente erlebt, die so nie wieder kommen werden. Zwanzig, zum Teil traumatisierte Kinder und Jugendliche erlebten eine unvergessliche Reise auf einem 110 Jahre alten Segelboot.
Meine Kinder kamen an Grenzen und sind darüber hinaus gewachsen. Teamarbeit zeigte, wie weit Kinder und auch Erwachsene gehen können.
Bei der Planung und Vorbereitung für diese Freizeit waren wir oft mit vielen Fragen konfrontiert und hatten für all diese Fragen oder Situationen einen Plan B. Jede Eventualität wurde zig mal durchgesprochen und immer wieder abgeklärt. Zum Glück musste nicht einmal Plan B greifen.
Die Kinder und Jugendliche haben sich mehr als Vorbildlich verhalten. Mit der Skipperin und zwei Tassen Kaffee auf Deck wurde mir von Irene das große Lob dieser Gruppe ausgesprochen, was ich auch sehr gerne weitergab.

Nach dem Frühstück, aufräumen und Rucksäcke packen, blieben noch circa vier Stunden bis zum einlaufen in Hoorn. Um den Kindern den Abschied nicht all zu schwer zu machen, wollten Amira, Marieke und Tahmineh noch ein bisschen Schulunterricht machen. Was die Mädels im Kopf hatten, konnte und wollte ich nicht Nein sagen.
Die drei teilten die Kinder auf und so war Amira mit ihrer Gruppe auf der Steuerbordseite, Marieke achtern und Tahmineh Backbord. Wie Amira Unterricht gestalten kann, weiß ich all zu gut, ich war ihr ja eine gute Lehrerin. Ich setzte mich zu der Gruppe von Tahmineh und sah ein ehemaliges Flüchtlingskind aus dem Irak bei seiner Arbeit zu. Tahmineh hat nicht nur ein hervorragendes Abitur geschrieben, sie hat definitiv ihre Berufung gefunden. Ich war und bin unglaublich stolz auf sie.

Wir haben in der Einrichtung die Möglichkeit eine junge und engagierte Generation zu etablieren und ich bin irgendwie mit dieser Corona Pandemie zufrieden. Man muss das positive sehen.
Hakim hatte auch sein Abitur geschrieben und möchte BWL studieren. Auch er kann bei uns arbeiten, solange wir bezüglich den Uni’s überhaupt nichts wissen.
Jamal macht eine Ausbildung als Schreiner und durch Corona konnte er nicht in seinen Lehrbetrieb und übernahm in der Einrichtung den Hausmeister Job. Mal schauen wie dies in einem Jahr aussieht, wenn er seine Lehre beendet hat.
Adnan lernt Heizungs- und Sanitärbauer und zeigte die letzten Monate so einiges an seinem Können. Durch unseren eigenen Werkraum konnte er Aufgaben von seinem Meister oft mit Bravour erledigen und wird nach seiner Lehre vom Betrieb übernommen.
Elvedin, er kommt aus Syrien, ist fertig mit seiner Lehre als Koch und konnte durch die Corona Kriese nicht übernommen werden. Am Tag seiner Prüfung bekam er von mir einen Arbeitsvertrag. Da Elvedin in einem Hotel der gehobene Gastronomie lernte, bekommen wir nun Mahlzeiten, deren Wörte ich nicht aussprechen kann.
Die 17 jährige Yana aus Syrien lernt in unserer Einrichtung Erzieherin und hat nun ihr erstes Jahr hinter sich. Sie lernte sehr schnell mit Problemen umzugehen und fand auch Lösungsvorschläge.
Lisianne aus den Niederlanden ist nächstes Jahr  mit der Ausbildung als Erzieherin fertig und auch sie brachte sich wochenlang in der ersten Quarantänezeit 24 Stunden voll ein.
Mit Amira, Djamila, Marieke und Tahmineh kommt eine junge und sehr kluge Generation an Erzieherinnen und Lehrerinnen ins Haus, die noch vieles verändern werden und auch können.

Bei all den schönen Entwicklungen und Vorhersagen muss auch ich mich der Realität stellen und eigentlich müsste ich schon lange in Afghanistan sein. Mit jedem Tag an dem das Jahr 2021 näher kommt, um so mehr Angst habe ich um mein Lebenswerk. Lebenswerk hört sich mit 40 Jahren etwas blöd an, aber es ist so. 15 Jahre harte Arbeit, unglaubliche Energie und auch Lebensgefahr stehen auf dem Spiel. Dieser Plan B kostet eine Unsumme an Geld und trotzdem habe ich für mein Team und all die Mädchen und Frauen in Afghanistan keine Sicherheitsgarantien. „Wer einen Menschen rettet, rettet die Welt.“ Ich habe im Mai eine Mitarbeiterin bei einem Terroranschlag verloren und mit dieser Schuld muss ich klar kommen. Nichts habe ich gerettet. Im schlimmsten Fall alles verloren.

„Und die See wird allen neue Hoffnung bringen, so wie der Schlaf die Träume bringt daheim.“
Rebecca kam zu mir und setzte sich gegenüber. Sie sagte nichts, denn sie weiß mittlerweile dass es besser ist nichts zu sagen, wenn ich diesen: zorgen kijken (Sorgenblick), habe. Sie versucht mich zu verstehen und kann es nicht zuordnen, dass ich mich in Lebensgefahr begebe will. Von wollen ist keine Rede – ich muss.

Mit Ungeduld warte ich darauf, dass Lenara aus dem künstlichen Koma kommt und ich endlich mit ihr reden kann. So reden, dass sie mir auch antworten kann. Was ich ihr sagen werde, wird sie überhaupt nicht verstehen und ich weiß nicht, ob ich bei dieser Reise nach Afghanistan noch lebend nach Hause komme. Wo ist mein Zuhause? Afghanistan schon lange nicht mehr. Deutschland war es und auch dort sind nicht mehr meine Wurzeln. In den Niederlanden wollte ich neu anfangen und bin bis jetzt noch nicht in mein Haus eingezogen.
Auch wenn ich Rebecca vor Wochen schon erzählte hatte, wer mich nach Afghanistan begleiten wird, kennt sie diese Person nur aus meinen Erzählungen. Ich vertraue ihm seit Jahren mein Leben an. Er war immer dann zur Stelle, wenn es mal wieder richtig brenzlig wurde.
Der zorgen kijken ist schon gerechtfertigt, aber nicht so, dass ich keinen Ausweg sehen würde. Ich bin klug genug um alles abzuwägen und berechnen, nur Terror kann ich nicht berechnen. Terror ist feige und unberechenbar, meine Schritte sind bis ins kleinste abgestimmt und auf die größtmöglichste Sicherheit meiner Person gerichtet.

Ich weiß immer noch nicht in welchem Umfang das Gehirn von Lenara geschädigt ist, und mache mir schon wieder Gedanken die zwei Schritte weiter sind. Bei einem kognitiven Hirnschaden in Grad III kann es sein, dass sie gar nichts mehr weiß und sie in der Lernphase von einem Baby sein wird. Einem Neugeborenen kann ich schlecht die politischen Zusammenhänge in einem fernen Land erklären.
Ich sah mit leeren Augen Rebecca an und ihr freundliches lächeln zeigte mir, dass sie diese Freizeit genoss und für sie auch unglaublich wichtig war. Welche Hürden werden wir beide noch nehmen müssen?
„Und die See wird allen neue Hoffnung bringen, so wie der Schlaf die Träume bringt daheim.“ Rebecca nickte und hielt meine Hand fest.

Es war an der Zeit meiner Crew noch meinen Dank über die letzten fünf Tage mitzuteilen. Ich war und bin unglaublich stolz auf diese kleine Mannschaft und sah auch, wie wichtig dieses kleine Abenteuer für sie war. Wie es nach den Ferien weitergeht weiß niemand. Wenn neue Corona Fälle an Schulen auftreten, werden diese auch sofort wieder geschlossen werden. Also werden wir wohl selbst den Schulunterricht weiterführen. Wir haben die Kinder bis hier hin gebracht, also schaffen wir auch den Rest. Die Kinder haben dies positiver aufgenommen als ich dachte. Wer will schon in ein altes verstaubtes Schulsystem zurück, wenn man auch auf ganz andere Weise lernen kann und noch Spaß dabei hat.

Um kurz nach 11 Uhr lief die „Nirwana“ ins Ijsselmeer ein, wir hatten noch 27 nautische Meilen bis zum Hafen von Hoorn. Zwei Stunden hatten wir noch an Bord von diesem wunderschönen Schiff. Der Blick auf das Meer tat gut. Die allbekannte Ruhe vor dem Sturm, gab mir wieder Kraft für alles ungewisse was noch kommen mag. Die kleine Rondek lag in meinem Arm und erzählte mir ihre Eindrücke von dieser Reise. Den Blick von einem Kind zu erfahren, ist etwas völlig anderes als die eigene Wahrnehmung. Sie zeigte mir ihre beachtliche Sammlung an Muscheln, Seeigel und zwei Seesterne. Sie schenkte mir zwei große Muscheln. Eine für mich und eine für Lenara.

Nach und nach kamen alle Kinder zu mir und bedankten sich für diese Reise. Ich sagte ihnen, dass ich nicht alleine dafür verantwortlich bin und viele Menschen die euch lieben tagelang dies alles planten.

Der Hafen von Hoorn
Kurz vor Hoorn wurden die Segel eingeholt. Rouven gab nur noch die Anweisungen, alles andere machte die Crew selbst. Taue legen und Knoten binden hatten meine kleinen und großen Seemänner schließlich gelernt. Es war ein gewusel und trotzdem geordnet. Mit welcher Disziplin diese Arbeit gemacht wurde, erstaunte mich schon sehr. In diesen fünf Tagen hat sich ein Team gebildet, dass bereit ist für die nächsten Abenteuer.
Mit dem schnellen Auto von meiner Tochter fuhr ich mit Rebecca die 120 Kilometer nach Rotterdam in die Klinik. Ich musste zu Lenara.

Dies wird eine andere Geschichte sein.

Nila Khalil, Den Haag 25. Juli 2020.

Afghanistan steht vor einem Wirtschaftsbankrott

Zentralbank in Kabul

Das Geld ist alle und dies zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt: der Winter steht vor der Tür.

Autorinnen Nila Khalil und Samira Ansary

Die afghanische Zentralbank hat in den Wochen, bevor die Taliban die Kontrolle über das Land übernahmen, den größten Teil ihrer Bargeldreserven in US-Dollar aufgebraucht. Dies geht aus einer Bewertung hervor, die für die internationalen Geberländer für Afghanistan erstellt wurde und die sowieso schon aktuelle Wirtschaftskrise nun noch weiter verschärft.

In einem zweiseitigen Bericht, der Anfang September von hochrangigen internationalen Wirtschaftsvertretern für die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds (IWF) verfasst wurde, steht, dass die schwere Bargeldknappheit des Landes bereits Moante vor der Übernahme durch die Taliban begann.

In dem Bericht wird kritisiert, wie die frühere Führung der Zentralbank in den Monaten vor der Eroberung durch die Taliban mit der Krise umgegangen sei und warum eine ungewöhnlich hohe Zahl an US-Dollar versteigern und darüber hinaus Geld von der Zentralbank in Kabul in Zweigstellen der Provinzen gebracht wurde. In dem Bericht an die Weltbank und IWF steht: „Die Devisenreserven in den Tresoren der Zentralbank in Kabul sind erschöpft, die Zentralbank kann die Bargeldanforderungen nicht erfüllen und die Hauptursache des Problems ist die Misswirtschaft der Zentralbank vor der Machtübernahme durch die Taliban.“

Korruption hat kein Gewissen

Shah Mehrabi, der Vorsitzende des Prüfungsausschusses der Zentralbank, der die Bank vor der Übernahme durch die Taliban mit beaufsichtigt hatte, verteidigte das Vorgehen der Zentralbank und erklärte, sie habe versucht, einen Ansturm auf die afghanische Landeswährung zu verhindern. Es ist schon sehr bezeichnend, dass gerade solche Personen wie Mehrabi nach dem Sturz der Regierung noch im Amt sind.

Das Ausmaß der Bargeldknappheit ist mittlerweile in alle Städten von Afghanistan zu sehen, wo die Menschen stundenlang Schlange stehen, um ihre Ersparnisse in Dollar abzuheben, obwohl sie nur eine begrenzte Menge abheben können. Oder auch auf Märkte, wo die Menschen ihr bisschen Hab und Gut gegen etwas Geld verkaufen.

Seit fast zwei Jahrzehnten hat die Wirtschaft unter den Folgen der innerstaatlichen Instabilität zu leiden. Die Folgen sind verheerend. Viele Jungen ab 10 Jahre versuchen als Tagelöhner etwas Geld für die Familien zu beschaffen und somit können sie nicht weiter zur Schule gehen. Aus dieser Armut resultiert ein Analphabetismus, der mittlerweile weit über der Hälfte der Bevölkerung liegt.

In den letzten Monaten haben sich die Preise für Grundnahrungsmittel erneut um ein vielfaches verteuert. Gleichzeitig haben
durch die Machtübernahme der Taliban viele Menschen ihre Arbeit verloren. Millionen von Menschen stehen angesichts des nahenden Winters vor einer humanitäre Katastrophe. Ich hatte im Januar 2020 schon darüber berichtet und die aktuelle Wirtschaftskrise gepaart mit der Taliban als „Regierung“ macht es für die Menschen nicht einfacher.

Alleine der UN fehlen 1 Milliarde US-Dollar, um die Menschen in Afghanistan über den Winter zu bringen.
Auch wenn die Taliban sich als moderat hinstellt, sind sie es nicht. Faktisch werden sich Hilfsorganisationen bei der aktuellen Gefahrenlage durch die Taliban wohl kaum an Humanitärer Hilfe beteiligen. So wird es diesen Winter die ärmsten der Armen treffen. Die Menschen haben zum einen kein Geld für Lebensmittel und für Gas, bzw. andere Brennstoffe kein Geld.

Es kommt kein Geld mehr

Unter der Regierung Ghani war die Zentralbank auf Bargeldlieferungen in Höhe von 249 Millionen US-Dollar angewiesen. Dieses Geld wurde alle drei Monate in Kisten mit gebundenen 100 US-Dollar-Noten geliefert und in den Tresoren der Zentralbank und im Präsidentenpalastes gelagert.

Dieser Geldstrom ist nun versiegt, da ausländische Regierungen zur Zeit noch nicht direkt mit den Taliban verhandeln. In Anbetracht der Not von Millionen Menschen, muss es sehr bald eine Lösung geben – ob man nun will oder nicht.

Afghanistan steht vor einem Staatsbankrott

Die Zentralbank, die eine Schlüsselrolle in Afghanistan spielt, weil sie die Hilfsgelder von der EU und der USA verteilt, erklärte am Mittwoch, sie habe einen Plan zur Deckung des Devisenbedarfs des Landes ausgearbeitet – nannte jedoch keine Einzelheiten. Der Mangel an einer stabilen Währung macht es den Taliban schwer, ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen, einschließlich der Bezahlung von Strom oder der Auszahlung von Gehältern an Regierungsangestellte, Universitäts Professoren, Ärzte und und und. Diese Menschen, die Afghanistan dringend braucht, werden schon seit Monaten nicht mehr bezahlt.

Die Auslandsreserven Afghanistans in Höhe von rund 9 Milliarden US-Dollar wurden eingefroren, als die Taliban Kabul erobert hatten, und die Zentralbank nur noch über die Bargeld in ihren Tresoren verfügte.

Dem Bericht zufolge versteigerte die Zentralbank zwischen dem 1. Juni und dem 15. August 1,5 Milliarden Dollar an lokale Devisenhändler, was als auffallend hoch bezeichnet wurde. Am 15. August hatte die Zentralbank ausstehende Verbindlichkeiten in Höhe von 700 Mio. US-Dollar und 50 Mrd. Afghanis (569 Mio. US-Dollar) gegenüber den Geschäftsbanken. Dies ist einer der Hauptgründe für die nun leeren Kassen im Land.

Nach vorliegenden Berichten hatte die
afghanische Zentralbank Auktionen für den Devisenhandel angemeldet, aber da ging es um einen Betrag von fast 1,5 Milliarden Dollar. Tatsächlich verkaufte die Zentralbank Betrag  lediglich 714 Millionen US-Dollar an Devisenhändler.

Wo ist das Geld?

Der Bericht stellt auch die Entscheidung der Zentralbank in Frage, einen Teil ihrer Reserven in Provinzfilialen verlagern zu haben, was ein sehr hohes Risiko für die Banken darstellte.

Ende 2020 seien rund 202 Millionen US-Dollar in Filialen in den Provinzen des Landes aufbewahrt worden – obwohl zum damaligen Zeitpunkt schon dreiviertel der Provinzen unter der Kontrolle der Taliban waren.
Im Jahr 2019 waren es lediglich 12,9 Millionen US-Dollar, die in den Filialen aufbewahrt wurden.

In dem Bericht heißt es weiter, dass:
„Einiges an Geld in den Provinzfilialen verloren gegangen sei,“ (gestohlen trifft es wohl besser)“, ohne aber genaue Höhe des Verlustes an Geld anzugeben.

Der ehemalige Leiter der Zentralbank, Ajmal Ahmady, der das Land am Tag nach dem Sturz der Regierung durch die Taliban verließ, reagierte bis zum jetzigen Zeitpunkt auf keine E-Mails oder anderen Nachrichten von den Wirtschaftsvertretern für die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds.

Ahmady erklärte in den letzten Wochen auf Twitter, er habe sein Bestes getan, um die Situation zu meistern, und machte für etwaige Liquiditätsengpässe und des Einfrierens vom Zentralbankvermögen ausländische Regierungen dafür verantwortlich.

In seinen Erklärungen sagte er, dass die Zentralbank die Wirtschaft vor dem Fall von Kabul gut geführt habe und das kein Geld von einem Reservekonto gestohlen worden sei. Weiter teilte er mit: „das er sich schlecht fühle, weil er Mitarbeiter zurückgelassen habe.“  Ahmady müsse um seine Sicherheit fürchten, daher habe er sich abgesetzt.

Nila Khalil und Samira Ansary, Kodling. 2. Oktober 2021

Dschihadisten in Europa

Mit Blick auf den Sturz der afghanischen Regierung durch die Taliban, sind sehr viele Menschen über die Zukunft von Afghanistan besorgt, doch gibt es auch eine andere Sorge, die noch nicht in den Medien angekommen ist: die Gefährder.

Autorinnen Naike Juchem und Nila Khalil

Der Begriff des Gefährders ist innerhalb der letzten Jahre zu einer festen Größe im Sprachgebrauch der Sicherheitsbehörden avanciert. Er findet z.B. als Bezeichnung für Personen Verwendung, von denen eine islamistisch motivierte Terrorgefahr ausgeht. Der Begriff erstreckt sich aber auch auf andere Phänomenbereiche der politisch motivierten Kriminalität. Der Gefährderbegriff ist allerdings nicht legal definiert. Er ist also nicht als Rechtsbegriff im deutschen Gesetz verankert. Vielmehr handelt es sich um einen polizeilichen Arbeitsbegriff, der insbesondere im Zusammenhang mit Terrorismus verwendet wird. 2004 wurde der Begriff des Gefährders durch die Arbeitsgemeinschaft der Landeskriminalämter und des Bundeskriminalamtes folgendermaßen definiert:

„Ein Gefährder ist eine Person, bei der bestimmte Tatsachen die Annahme rechtfertigen, dass sie politisch motivierte Straftaten von erheblicher Bedeutung, insbesondere solche im Sinne des § 100a der Strafprozessordnung (StPO), begehen wird.

Zahl der Gefährder in Europa

Deutschland
Der Bundesnachrichtendienst (BND) warnt vor neuen Terroranschläge von islamistischen Terrorgruppen und einer daraus resultierenden Bedrohung auch für Europa. Die Gefährdung durch  Terrorgruppen wie  Al-Qaida und den Islamischer Staat (IS) sind weltweit nicht zurückgegangen. „Wir haben momentan überhaupt keinen Anlass dazu, Entwarnung zu geben“, so der BND-Präsident Bruno Kahl.

Die Zahl der Gefährder wird in Deutschland von keiner offiziellen Stelle regelmäßig veröffentlicht und ist somit auch nicht Teil des Bundesverfassungsschutzberichts. Aufschluss geben Anfragen der Parteien im Deutschen Bundestag oder Abfragen der Presse beim Bundeskriminalamt (BKA).

Das BKA listet 679 Personen als Gefährder und 509 Personen als relevante Personen im Bereich der politisch-motivierten Kriminalität mit religiösem Hintergrund auf. Dabei dürfte es sich ausschließlich um Mitglieder der islamistischen Szene handeln (Stand: 01.11.2019).

Beim Rechtsextremismus liegen die Zahlen bei 46 Gefärdern bzw. 126 relevanten Personen (Stand: 25.11.2019). Die wenigsten Gefährder und relevanten Personen listet das BKA im Bereich der politisch-motivierten Kriminalität auf. Hier geht das BKA von fünf Gefährdern und 85 relevanten Personen aus. (Stand: 15.10.2019). Im Bereich der sogenannten Ausländischen Ideologie (u.a. die kurdische Arbeiterpartei PKK) zeigt die Liste 21 Gefärdern bzw. 50 relevanten Personen.

Frankreich

In Frankreich sehen die Zahlen sehr viel dramatischer aus als in Deutschland.

Wie der französische Innenminister Gérald Darmanin am 30. August 2021 in der Generaldirektion für Innere Sicherheit  (Inlands Geheimdienst) mitteilte, sind derzeit 8.132 Gefärder in den Dateien zur Prävention von Radikalisierung mit terroristischem Hintergrund registriert. Nach der Einschätzung der französischen Geheimdienste DGSE und DCRI ist die Gefahr von Terroranschlägen durch Islamisten extrem hoch.

Belgien

Im Jahr 2014 erlebte Belgien den ersten Anschlag des sogenannten Islamischen Staates (IS) auf westlichem Boden und 2016 mit den Bombenanschlägen auf den Brüsseler Flughafen und einer Metrostation einen der tödlichsten Anschläge in der Geschichte des Landes. In den letzten Jahren ist klar geworden, dass die Gefahr, die von terroristischen Organisationen wie dem Islamischen Staat oder Al-Qaida ausgeht, nicht gebannt ist. Im Gegenteil, es ist die Rede von einem neuen Ausbruch des dschihadistischen Terrorismus.
Nach Informationen des Allgemeine Nachrichten- und Sicherheitsdienst (SGRS), sind in Belgien 645 Dschihadisten in der offiziellen Datenbank gespeichert.
Diese Zahl der potenziellen Terroristen ist für ein Land mit weniger als zwölf Millionen Einwohnern extrem hoch.

Niederlande

Nach den Unterlagen vom Allgemeinen Nachrichten- und Sicherheitsdienst (AIVD) der Niederlande, lag die Zahl der Dschihadisten im Jahr 2000 bei etwas 750 Personen, wovon etwa 150 Personen sich im Ausland aufhalten. Die Tatsache, dass die Zahlen seit Jahren ziemlich gleich bleiben, liegt am Mangel von islamistischen Führungspersönlichkeiten sowie auf interne Spaltungen und Zersplitterung der Netzwerke unter sich. Infolgedessen und aufgrund eines stärkeren Bewusstseins der polizeilichen Arbeit und Sicherheitsprävention, ist die Bewegung weniger nach außen gerichtet und erreicht weniger Menschen mit ihrer Botschaft.

Es gibt einen Weltterrorismusindex, in dem die fast 16.000 Anschläge aufgeführt sind, die jedes Jahr verübt werden. Hauptsächlich trifft dies aus Nigeria, Sudan, Syrien, Pakistan, Malaysia und Afghanistan zu.
Warum trifft es hier vornehmlich nur muslimische Länder, wenn man all zu oft der Annahme ist, das der Terror sich auf Europa bezieht?
Um diese Frage zu klären, muss man in der Zeit einige Jahre zurückgehen.

Krieg gegen die Ungläubigen

„Der Befehl, die Amerikaner und ihre Verbündeten zu töten, ist eine individuelle Verpflichtung für jeden Muslim“, hatte Osama bin Laden Anfang 1998 gesagt.

Im Zweiten Golfkrieg, der vom 17. Januar bis 28. Februar 1991 war, und der Irak der größten Kriegskoalition seit dem Zweiten Weltkrieg gegenüber stand, zeichnete sich dieser Krieg durch die ungewöhnlich asymmetrische Verteilung der Kriegsopfer, die einseitige Verfügung des Kriegsendes und den hohen Grad an mittelbaren Umweltschäden aus, etwa durch Geschosse mit angereichertem Uran.

In all diesem Chaos aus Zerstörung durch Bomben und das wegbrechen von politischen Strukturen bildeten sich kleine fundamentalistische Gruppen, um ihre gewünschte Staatsform wie im Iran zu etablieren. Was als loser Zusammenschluss ohne genaue Ziele begann, entwickelte sich mit dem Ende des zweiten Irak Krieges zur gefährlichsten Terror-Organisation von Islamisten: Al-Qaida. So konnte am Vormittag des 7. August 1998 ein mit Sprengstoff beladener Kleinlastwagen zum Eingang der amerikanischen Botschaft in der kenianischen Hauptstadt Nairobi verfahren und vor dem Tor der Botschaft eine Autobombe zünden, deren Wucht der Explosion ist so stark was, dass die komplette Fassade der US-Botschaft aufgerissen wird und ein weiteres Gebäude kollabiert. 213 Menschen wurden Opfer bei diesem Anschlag.

Fast zur gleichen Zeit wurde das Botschaftsgebäude der USA in Daressalam, der Hauptstadt von Tansania, ebenfalls Ziel eines Bombenanschlags, bei dem elf Menschen ums Leben kamen.

Die anschließenden Ermittlungen ergaben, dass die Anschläge vom einem bis dahin unbekannten Terrornetzwerk namens Al-Qaida, aus Pakistan, unter Führung von Osama bin Laden begannen wurden.

Terrorismus und sein Konzept

Die europäischen Geheimdienste definieren Terrorismus als: „eine Handlungsweise, auf die Gegner zurückgreifen, die die Regeln der konventionellen Kriegsführung brechen, um die Unzulänglichkeit ihrer Mittel auszugleichen und ihre politischen Ziele zu erreichen und wahllos Zivilisten angreift und dass die von ihm ausgeübte Gewalt in erster Linie darauf abzielt, die Auswirkungen seines brutalen Ausbruchs auf die öffentliche Meinung auszunutzen, um Regierungen zu zwingen, deren Forderungen zu erfüllen.“

Der Terrorismus ist weltweit verbreitet und nimmt viele Formen an. Ihre ständige Weiterentwicklung macht sie besonders schwer fassbar. Aus diesem Grund ist der 20 jährige ISAF Einsatz in Afghanistan auch gescheitert. Terror ist nicht erkennbar!

Dschihadismus, die größte Terroristische Bedrohung im 21. Jahrhundert

Trotz der verstärkten Anti-Terror-Maßnahmen auf internationaler Ebene nehmen die Aktivitäten terroristischer Gruppen zu. Wie die Anschläge in Paris, Berlin, Madrid, Brüssel, Antwerpen oder anderen Städten gezeigt haben, kein europäische Land ist immun gegen diesen Terror.

Der Terrorismus ist ein altes Phänomen und ist oft mit einer Vielzahl von Forderungen verbunde. In den letzten Jahrzehnten haben Organisationen mit nationalistischem Hintergrund, Bewegungen im Zusammenhang mit der Entkolonialisierung und Gruppen, die extremistische Ideologien mit politischer oder religiöser Grundlage vertreten, Anschläge in vielen Ländern der Welt verübt.

Seit einigen Jahren geht jedoch die größte Gefahr von dschihadistischen Netzwerken aus. Diese Bedrohung hat weltweit ein noch nie dagewesenes Ausmaß erreicht und wird insbesondere von Daesh, Al- Qaeda, IS, Taliban und den mit ihnen verbundenen Netzwerken verkörpert, deren Ziel die Durchsetzung einer totalitären islamischen Ideologie durch Gewalt ist.

Die Rekrutierung

Nach Ansicht der Dschihadisten befinden sie sich im Krieg mit dem Westen und der Kampf gegen den Westen ist obligatorisch. Der Beitrag, den sie zum Kampf leisten, kann von der Mittelbeschaffung bis zu dschihadistischen Aktionen, von der Erweiterung des Wissens bis zur Online-Propaganda und vom Aktivismus für Gefangene bis zur Verübung von Anschlägen reichen.

So verließ Anfang September 2012 der damals 21-jährige Houssien Elouassaki seine Heimatstadt Vilvoorde in Richtung Syrien. Um nach Syrien zu gelangen, reiste er in die Südtürkei und überquerte dort die syrische Grenze. Kurz nach seiner Einreise nach Syrien trat er in die dschihadisten Gruppe: Majlis Shurat al-Mujahidin.
Ihm gelang es, Dutzende von belgischen und niederländischen Kämpfern für diese Gruppe zu rekrutieren. Schnell wurde er der Anführer der Gruppe,
Von Abu Atheer belohnt, übernahm er die Verantwortung für alle ausländischen Kämpfer,  die sich der Gruppe anschlossen.
Elouassaki war einer der allerersten Belgier, die sich dem syrischen Dschihad anschloss. Im Laufe der Jahre haben 422 ausländische terroristische Kämpfer Belgien und die Niederlande verlassen, um sich dem Kampf gegen das Regime von Bashar al-Assad anzuschließen.
In den Anfangsjahren des syrischen Bürgerkriegs verließ viele junge Muslime die Europäische Heimat um sich dem Dschihad anzuschließen. Wobei die meisten von ihnen aus drei bestimmten Netzwerken stammen:  zum einen aus dem Shariah4Belgium, dem Resto du Tawheed und das Netzwerk von Khalid Zerkani. Dies ist nach ihrem Anführer, dem belgisch-marokkanischen Dschihad-Veteranen, benannt.

Im Laufe der Jahre wurden mindestens
80 Personen rekrutiert, die aus dem Dunstkreis von Shariah4Belgium kamen. Bei Resto du Tawheed und dem Zerkani-Netzwerk sollen es sich mindestens um100
Personen handeln.

Als Abu Atheer im April 2013 Abu Bakr al-Baghdadi die Treue schwor, folgte die Mehrheit der belgischen Kämpfer seinem Beispiel und schloss sich dem späteren Islamischen Staat an.
Einige weigern sich und schließen sich der Jabhat an-Nusra Bewegung an,
Die Lager der ausländischen Kämpfer in Syrien waren plötzlich gespalten. Ein Großteil der ausländischen Kämpfer schloss sich daraufhin Katiba al-Battar al-Libi an, einer kleinen Untergliederung des Islamischen Staates. Es ist bemerkenswert, dass der kleines Zeig des IS nur kurze Zeit existierte, aber am radikalsten war. Mitleider dieser Gruppe waren für die Anschläge in Paris (November 2015) und Brüssel (März 2016) verantwortlich.

Im März 2019 beendete eine massive Luftoffensive der Koalitionstruppen die territoriale Existenz des Islamischen Staates in seiner letzten Hochburg, der syrisch-irakischen Grenzstadt Bagdad.  Hunderte, wenn nicht Tausende von Männern, Frauen und Kinder des Islamischen Staates wurden buchstäblich in die Luft gesprengt.
Jüngsten Zahlen der Geheimdienste zufolge sind etwa 130 ausländische terroristische Kämpfer nach Belgien zurückgekehrt. 165 der etwa rund 290 zurückgebliebenen Personen sind nach dem Bericht des Auslandsnachrichtendienstes tot.
Der Verbleib von etwa 125 Personen ist unbekannt. Es ist möglich, dass sie auf
andere Kriegsschauplätze verlagert wurden. Da der Islamische Staat bekanntlich seine Kämpfer aus Syrien und Irak über Libyen oder Ägypten in die Sahelzone, Zentralafrika oder nach Afghanistan und Pakistan verlegt.
Bisher gibt es keine Beweise dafür, dass belgische Kämpfer auf diese Weise nach Afrika oder Zentralasien gegangen sind. Ausschließen kann man es nicht.

Auch der Allgemeine Nachrichten- und Sicherheitsdienst (AIVD) in den Niederlanden überwacht den dschihadistischen Terrorismus, da dieser nach wie vor die größte Bedrohung darstellt. Der radikale Islam ist der Nährboden für dschihadistisch-terroristische Gewalt, so wurde am 18. März 2019 ein Anschlag auf eine Straßenbahn in Utrecht verübt, bei dem vier Menschen getötet und zwei schwer verletzt wurden. Am 20. März 2020 verurteilte das Landgericht Utrecht den Dschihadisten Gökmen T. deshalb zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe.

Die niederländische dschihadistische Bewegung ist im öffentlichen Leben nicht sehr präsent. Trotzdem gab es in Europa, auch in den Niederlanden, eine relativ hohe Zahl von Verhaftungen, vermeidbaren Anschlägen und Vorfällen, die mit dem dschihadistischen Terrorismus in Verbindung gebracht werden können.
Da ein kleiner Teil der bestraften Dschihadisten Rückkehrer aus dem IS Gebiet sind, können sie neue, transnationale Netzwerke bilden.
Nach offiziellen Angaben des AIVD wurden 2019 folgende Personen aus der niederländischen Dschihad-Bewegung festgenommen.

Im Februar 2019 wurde in De Lutte ein Mann festgenommen, der der dschihadistischen Bewegung in den Niederlanden angehören soll. Er wird verdächtigt, ein terroristisches Verbrechen vorzubereiten. Bei seiner Verhaftung wurde eine Schusswaffe gefunden.

Im März 2019 wurde in Breda ein Mann wegen des Verdachts auf Beteiligung am Terrorismus festgenommen. Er soll sich der Al-Qaida-Schwesterorganisation Al Shabaab in Somalia angeschlossen haben.

Im Juli 2019 wurde in Maastricht ein Mann wegen des Verdachts der Anstiftung zu einer terroristischen Straftat festgenommen. Er wird außerdem verdächtigt, durch das Sammeln und Verbreiten von Informationen im Internet für den Terrorismus zu trainieren.

Der Mann war auf Websites aktiv, auf denen transnationale Online-Netzwerke alle Arten von dschihadistischen Informationen verbreiten, dschihadistisches Wissen aufbauen und pflegen sowie Propaganda produzieren und verbreiten. Dschihadisten erhalten über diese Netze Zugang zu Propaganda, Predigten und Reden von Dschihad-Gelehrten, aber auch zu Lehrmaterial, das für Anschläge genutzt werden kann.

Im Oktober 2019 wurde in Uithoorn eine Frau festgenommen, ebenfalls wegen des Verdachts der Anstiftung zu einer terroristischen Straftat. Sie wird außerdem verdächtigt, sich an einer terroristischen Vereinigung beteiligt und Gelegenheit, Mittel, Kenntnisse und Fähigkeiten zur Begehung einer terroristischen Straftat zur Verfügung gestellt zu haben. Sie war in ähnlichen Online-Netzwerken aktiv wie der oben erwähnte Mann aus Maastricht.

Im November 2019 wurden zwei Männer aus Zoetermeer unter dem Verdacht festgenommen, einen Anschlag in den Niederlanden vorbereitet zu haben. Ein Zeitpunkt und ein Ziel waren noch nicht bekannt.

Ebenfalls im November 2019 wurde ein Fünfzehnjähriger in Heemskerk wegen Anstiftung zu einer terroristischen Straftat und Verbreitung von hetzerischem Material festgenommen. Er verbreitete dschihadistisches Material über soziale Medien.

Im November wurden in den Niederlanden und Belgien insgesamt sechs Personen unter dem Verdacht der Terrorismusfinanzierung festgenommen. Das Geld wurde über eine Stiftung zur Unterstützung von Kriegsopfern gesammelt, aber die Verdächtigen sollen das Geld an ISIS-Kämpfer oder mit ISIS verbundene Personen in der Türkei und in Syrien übergeben haben.

Die Einschätzung der dschihadistisch-terroristischen Bedrohung ist nach wie vor geprägt von der Gefahr von Anschlägen im Westen durch einige wenige global agierende dschihadistische Organisationen, lokale Netzwerke und Einzelpersonen. Die Bedrohung des Westens hat seit 2017 abgenommen, was insbesondere durch den starken Rückgang der Zahl der Anschläge in Europa in den letzten Jahren belegt wird.
Die Bedrohung hat also abgenommen, ist aber immer noch erheblich.

Dschihadistische Bedrohung in den Niederlanden
Dies hat mit organisatorischen und ideologischen Spaltungen sowie mit einem Mangel an Hierarchie und Führung zu tun. Auch wächst die Bewegung nicht: Es kommen nur wenige neue Mitglieder hinzu und nur wenige treten aus.

Dennoch stellt die Bewegung nach wie vor eine Bedrohung dar. Schließlich folgen die Dschihadisten in den Niederlanden einer Ideologie der Gewalt und verbreiten diese hauptsächlich in geschlossenen Online-Kreisen. Einige Dschihadisten sprechen auch Drohungen gegen niederländische Personen oder Objekte aus, und es gibt Dschihadisten, die tatsächlich terroristische Gewalttaten begehen wollen.

Eine ernstzunehmende Bedrohungdurch ISIS und Al-Qaida

Die internationale dschihadistische Bedrohung des Westens geht in erster Linie von IS, Al-Qaida und den ihnen angeschlossenen Organisationen und Netzwerken aus. Die Gruppen, die mit Al-Qaida und IS verbunden sind, sind hauptsächlich in lokale oder regionale Konflikte verwickelt. Einige Gruppen verüben auch Anschläge gegen westliche Interessen in ihrer Region oder im Westen selbst.

Eine weitere Bedrohung geht von dschihadistischen Netzwerken oder Einzelpersonen aus, die keiner dieser Organisationen angehören. Einige Netze oder Personen sind tatsächlich an der Unterstützung  oder an der Planung und Durchführung von Angriffen beteiligt.

Die akute Bedrohung Europas durch den IS hat sich im vergangenen Jahr weiter abgeschwächt, aber die Gruppe beabsichtigt trotz des Verlusts ihres geografischen „Kalifats“ weiterhin, Anschläge in westlichen Ländern zu verüben oder verüben zu lassen. Im März 2019 fiel ihre letzte Hochburg, Baghuz.

Geografisch gesehen existiert das „Kalifat“ nicht mehr, aber das bedeutet nicht das Ende vom IS. Die Organisation hat sich in den letzten Jahren von einer zentral geführten Organisation zu einer so genannten „Aufstandsbewegung“ im Irak und in Syrien gewandelt. Das bedeutet, dass Untergrundzellen Anschläge, Morde und Raubüberfälle verüben, wichtige Personen gegen Lösegeld entführen und so weiter.

Die zentrale Führung in Syrien und im Irak ist nach wie vor intakt und steht nach wie vor in Kontakt mit IS-nahen dschihadistischen Organisationen. Diese so genannten „Provinzen“ sind an lokalen und regionalen Konflikten in verschiedenen Ländern und Regionen, unter anderem in Afrika und Südasien, beteiligt und stellen daher auch dort eine Bedrohung für die westlichen Interessen dar. Gleichzeitig kann die IS-Führung diesen „Provinzen“ eine gewisse Orientierung geben.

Weder der Tod von IS Führer Abu Bakr al-Baghdadi im Oktober 2019 noch die Ernennung seines Nachfolgers Abu Ibrahim al-Hashimi al-Qureishi haben die Bedrohung durch den IS beeinträchtigt. Der ISIS versucht nach wie vor, Anschläge im Westen zu verüben, wobei Syrien und der Irak wahrscheinlich seine Hauptstützpunkte bleiben werden.
Da in Afghanistan seit August 2021 die Regierung in einem territorialen Land hat, wird davon ausgegangen, dass sich der IS auf dieses neue Gebiet konzentrieren. Neueste Terroranschläge, wie zum Beispiel am Flughafen in Kabul oder in der Provinz Herat.

Auch Al-Qaida will weiterhin Anschläge im Westen verüben. Die Möglichkeiten, von Pakistan/Afghanistan aus, wo sich die höchste Al-Qaida Führung befindet, Anschläge gegen den Westen vorzubereiten und auszuführen, sind in den letzten Monaten extrem gestiegen.

Die von ihnen ausgehende Bedrohung hängt zum Teil von den militärischen Entwicklungen in dem Gebiet ab. Die Ende 2019 von der syrischen Armee begonnene Offensive gegen Kämpfer im Nordwesten Syriens könnte sich langfristig als entscheidend erweisen.

Die Bedrohung durch Gewalt von Al-Qaida-Mitgliedsorganisationen wurde durch einen Anschlag auf eine US-Militärbasis im Dezember 2019 deutlich, zu dem sich Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAS) bekannte. Darüber hinaus ermutigt Al-Qaida, wie auch der IS, die angeschlossenen Organisationen, selbst Anschläge zu verüben.

Neben Al-Qaida und ISIS gibt es dschihadistische Netzwerke in und außerhalb Europas, die sich ebenfalls auf die Planung und Unterstützung von Anschlägen konzentrieren. Im Prinzip können Dschihadisten im Schengen-Raum unerkannt reisen. Dies ermöglicht es Dschihadisten aus einem Schengen-Land, einen Anschlag in einem anderen zu verüben.

Darüber hinaus gibt es transnationale Vermittlungsnetze, die Dschihadisten unterstützen. Diese Netze verbinden Dschihadisten im Westen und in anderen Teilen der Welt und tragen damit erheblich zur internationalen Bedrohung durch den Dschihadismus bei.

Bedrohung durch Heimkehrer

Rückkehrer haben ein höheres Bedrohungsprofil als Dschihadisten, die das Land nicht verlassen haben. Dies gilt insbesondere für Männer, da sie in der Regel über eine Kampf- und Sprengstoffausbildung, Kampferfahrung und angesammelte internationale dschihadistische Kontakte verfügen. Nach ihrer Rückkehr könnten diese Erfahrungen und Kontakte genutzt werden, um lokale und transnationale Netzwerke zu stärken und/oder sie zu gewalttätigen Aktionen zu mobilisieren.

Viele Rückkehrer engagieren sich in der Propaganda oder als Vermittler und schließen sich der dschihadistischen Ideologie an. Bislang wurde nur wenigen Rückkehrern nachgewiesen, dass sie an tatsächlichen Angriffen beteiligt waren.

Die europäischen Geheimdienste schätzen die Gewaltgefahr, die von weiblichen Rückkehrern ausgeht, geringer ein als die von Männern, da sie nicht unbedingt an einer Waffenausbildung teilgenommen oder Kampferfahrung gesammelt haben.

Einige dieser Frauen können jedoch eine stärkere Rolle in den Netzwerken spielen. Grund dafür sind ihre Erfahrungen in Syrien und der Status, den sie daraus ableiten können. Eine mögliche Inhaftierung kann auch zu ihrem Status und Einfluss in den Netzwerken beitragen. Sie werden von anderen Frauen als Heldinnen angesehen.

Weibliche Dschihadistinnen

Nach dem Fall der letzten IS-Hochburg Baghuz im März 2019 landeten viele dschihadistische Frauen und ihre Kinder in Flüchtlingslagern im Nordosten Syriens. Nicht nur die humanitäre Situation in diesen Lagern ist besorgniserregend, auch die Sicherheitslage ist schlecht. Kinder, die in den Lagern aufwachsen, kommen immer noch mit dem radikalen Gedankengut vom IS in Berührung und können rekrutiert werden. Dies trägt weiterhin zur langfristigen terroristischen Bedrohung bei.

Austausch der Geheimdienste auf europäischer Eben

Die internationale Zusammenarbeit zwischen den europäischen Geheimdiensten hat sich als entscheidend für die Terrorismusbekämpfung erwiesen. Diese Zusammenarbeit ist teilweise in der Gruppe für Terrorismusbekämpfung (CTG) verankert. Es handelt sich um eine europäische Partnerschaft der Sicherheitsdienste der EU-Länder sowie Norwegens, des Vereinigten Königreichs und der Schweiz.

Die eingerichtete Plattforme, auf der Daten über Dschihad-Kämpfer direkt untereinander ausgetauscht werden, erleichtert die Zusammenarbeit und trägt dazu bei, einen besseren Einblick in transnationale und internationale Verbindungen zu gewinnen.
Konkret führt diese Zusammenarbeit dazu, dass potenzielle dschihadistische Angreifer in Europa früher erkannt, identifiziert und festgenommen werden.

Autoren Naike Juchem und Nila Khalil, 12. September 2021

Quellen
– Bundeszentrale für politische Bildung

– Report on intelligence files in the European Union: Council Implementing Regulation (EU) 2021/138 of 5 February 2021 implementing Article 2(3) of Regulation (EC) No 2580/2001 on specific restrictive measures directed against certain persons and entities with a view to combating terrorism
– Official Journal of the European Union
L 43/8 vom 8. Februar 2021

– Le Terrorisme Islamiste en Europe von Guy Van Vlierden und Pieter Van Ostaeyen

– Nauel Semaan, Terrorismusbekämpfung bei der Konrad Adenauer Stiftung

– Wissenschaftlicher Dienst des Deutschen Bundestages (2017): Sachstand Legaldefinition des Begriffes „Gefährder“. WD 3 – 3000 – 046/17.

– Wegner, M. & Hunold, D. (2017): Die Transformation der Sicherheitsarchitektur – die Gefährergesetze im Lichte des Vorsorge-Paradigmas. KriPoZ (6), S. 367-375.
– BKA: Kriminalität im Kontext von
Zuwanderung 2020 in Zahlen.(Bundeslagebild 2020)

– Nationaal Coördinator Terrorismebestrijding en Veiligheid (NCTV)

– Nachrichtendienste:
  AIVD (Niederlande)
  BND (Deutschland)
  DGSE und DCRI (Frankreich)

Tagebuch der Sorgen

Montag, 16. August 2021

In 11.056 Meter Höhe fliegt der Airbus A330 bei einer Geschwindigkeit von 863 Kilometer pro Stunde gleichmäßig der Sicherheit und neuen Zukunft für 297 Menschen entgegen.

Nach über zwei Stunden hatten meine 36 Mitarbeiterinnen und die 18 Soldaten die Passagiere beruhigt und versorgt.
Nach über zwei Stunden kam auch ich langsam zur Ruhe.
Die Aufarbeitung von den wohl schlimmsten Erfahrungen in meinem Leben lief langsam an.
In der 1.Klasse war ein kleiner Stab von meinen Freundinnen und Mitarbeiterinnen im Gespräch mit ein paar Soldaten und den Beamten von Militärischen Geheimdienst. Wer glaubt, dass dies knallharte Männer sind, täuscht sich sehr. Ich sah die Anteilnahme, Schock und Ohnmacht in ihren Augen – aber auch Respekt für unsere Arbeit, Mut und Leben.

Bei aller Euphorie über die Rettung von 297 Menschen, muss ich der Realität ins Auge sehen.
Wir waren über der Ukraine und aus den Fenster sah man nur Dunkelheit. Es waren noch 1670 Kilometer bis zur Destination.
Ich hatte die dreijährige Saina auf meinem Arm und streichelte ihr den Kopf, während sie unruhig schlief. Mir kamen die Tränen.
Mikkel saß links von mir und sah mich an. „Nila, what’s wrong? Why are you crying?“ „Warum ich weine? Mikkel, ich habe Angst vor dem was auf mich zukommt.“ „Was soll auf dich zukommen?“ „Du hast doch bestimmt in den Medien verfolgt welche Schwierigkeiten den Seenotretter im Mittelmeer gemacht wurde.“ „Yes I know.“ „Ich bin die Chefin von meinen 36 Mitarbeiterinnen und tage die Verantwortung für 261 Menschen. Dieses kleine Mädchen ist das Nachbarskind von Ava. Als es sich abzeichnete, dass Ava nach Europa flieht, übergab ihr die Mutter dieses Kind. Ich halte ein Kind im Arm, welches in wenigen Stunden illegal in ein europäisches Land einreist – ich bin eine Menschenschlepperin. Man kann mich vor dem EuG Anklagen und ich kann meine Akkreditierung bei der UN verlieren.“ „What nonsense are you talking about?“ „Kein Unsinn – die Realität. Du erlebst doch auch den immer mehr aufkommenden Rassismus in Europa.“ „Of course. Wenn du so denkst, bin ich, die Piloten und die Soldaten auch Menschenschlepper. Du hast die Verantwortung für all diese Menschen, dies ist richtig. Glaubst du Jasper würde dir ein Flugzeug zur Verfügung stellen ohne sich über die Folgen bewusst zu sein?“ Ich zog die Schultern hoch. „Jasper ist einer der Ranghöchsten Beamten in unserem Land und ich weiß wie lange ihr euch kennt. Nila, in diesem Augenblick sitzen hunderte Menschen zusammen um alles erdenkliche zuklären. Wir sind illegal mit einer Kampftruppe in einem Land gelandet und es gab Tode. Niemand in Afghanistan weiß woher wir kommen – und dies wird auch so bleiben! Bei diesem Einsatz haben ganz andere Personen das Kommando und die Verantwortung.“ „Mikkel…“ „Nein! Mach dir keine Sorgen! Du hast schon genügend andere Probleme. Wie wird es für dieses hübsche Mädchen weitergehen?“ Ratlos sah ich Mikkel an.

Ich erzählte ihm von meinen Töchter und sah wieder einmal einen Mann mit einer Waffe an der Seite, mit den Tränen ringen.
„Die Mädchen in unseren Häuser fangen ab 11 Jahren an. Was diese kleinen Seelen schon erlebt haben, geht oft über die menschliche Vorstellungskraft hinaus. Männer benutzen und behandeln Mädchen – ihre Frauen, wie Dreck. Dies rechtfertigen sie mit ihrem Glauben und Traditionen. Ich habe in den letzten 14 Jahren einen Menschenverachtenden „Glauben“ an Folter, Missbrauch und Verstümmelung gesehen, dokumentiert und angezeigt – wobei letzteres all zu oft ins Leere gelaufen ist. Wir haben junge Frauen Schutz gegeben, die nun so alt wie meine älteste Tochter sind – oder sogar älter, die niemals ohne Hilfe leben können, denn die seelischen Vergewaltigungen haben diese Menschen gebrochen und gezeichnet. Saina ist drei Jahre alt und zum Glück wird ihr dieses Schicksal erspart bleiben. Farishta und Sahrisa sind vier und fünf Jahre alt. Die Mutter von Farishta ist vor sechs Wochen an einer Blinddarm Entzündung gestorben und Samira nahm das Kind zu sich. Sahrisas Vater war Soldat und ist in einem Einsatz gegen die Taliban gefallen. Die Mutter ist seit dem Frühjahr nicht auffindbar – ob sie noch lebt kann niemand sagen. In Afghanistan verschwinden täglich Kinder, Frauen und Männer. Die Oma brachte Sahrisa in eines unserer Frauenhäuser in einer anderen Provinz.“ „Wie hältst du dies alles aus?“ „Mikkel, ich weiß es nicht. Ich habe auch langsam keine Kraft mehr. Jeden Morgen wenn ich aufstehe, weiß ich, dass an diesem Tag wieder ein Kind verheiratet, gefoltert oder missbraucht wird und ich kann nichts dagegen tun“

Nach Mitternacht auf einer Militärbasis irgendwo in Europa

Dienstag, 17. August 2021

27 Minuten nach Mitternacht landete der Airbus A330 auf einer Militärbasis in Europa. An Bord waren 297 Kinder, Jugendliche und Erwachsene, denen man die Strapazen der letzten Wochen und Stunden ansah.
Sofort kamen Ärzte und Sanitäter ins Flugzeug, um sich einen Überblick über den Gesundheitszustand der Passagiere zu machen. Mein Mitarbeiterinnen bestätigten, dass alle Mädchen und Frauen auf COVID-19 negativ getestet seien. Lediglich Aafia, eine Mitarbeiterin aus meinem Team, und vier Mädchen würde man wegen ihres schlechten Gesundheitszustand – infolge von Stress, Mangelernährung und psychischer Belastungen zur Beobachtung gerne ins Krankenhaus bringen.
Die gesundheitliche Kontrolle alle Passagiere verlief sehr zügig und professionell.

Ein Leutnant aus der Kommandantur sagte mir, man habe den Standort zur Unterbringung der Mädchen und Frauen geräumt. Lediglich ein Viertel der Personen müsste in einer Turnhalle schlafen. Man hätte diese aber in kleine Räume mit je vier Betten abgetrennt.
Im Flugzeug sortierten wir die Kinder und Frauen auf die Anzahl der Betten in den drei Wohnblöcken, bzw. Turnhalle auf.
Da die meisten meiner Mitarbeiterinnen Englisch können, war die Kommunikation mit den Hilfskräften und Soldaten kein Problem.

Mit drei Bussen wurden die Kinder und Frauen zu den Unterkünften gefahren.
Der erste Schwung mit 120 Personen war losgefahren und es wurde leiser im Flugzeug.
Mit dem Staatsminister und anderen Beamten saß ich in der 1.Klasse, die bis auf Marcel und Mikkel leer war. Wir besprachen das weitere Vorgehen für den Tag. Ohne Stress und Zeitplan würde man nun Schritt für Schritt gehen.

Mit Saina auf dem Arm verließ ich mit Samira, Farishta, Ava und Zoja das Flugzeug in einer Gruppe Militärs und Beamten als letzte.
Uns fuhr der Bus in den 1. Wohnblock.
Es war 2.15 Uhr als wir ankamen. In dem Block waren Dutzende Menschen damit beschäftigt, die Kinder und Erwachsene in den Schlafräumen zu versorgen. Es waren Plüschtiere und Boxen mit Hygieneartikel verteilt und in den Schlafräumen war das grelle Licht abgedunkelt.

Unsere beiden Schlafräumen waren im zweiten Stock in dem Gebäude, und auch dort war das Licht abgedunkelt.
Mit Saina, Samira und Farishta bezog ich einen Raum mit zwei Stockbetten am Ende des Flures. Ich legte Saina unten ins Bett und hielt ihre kleine Hand fest.
„Jasper, danke für alles. Ich weiß nicht wie ich euch allen jemals danken kann.“ „Alles kommt im Leben wieder zurück. Der Notfallplan war allen bekannt und jeder wusste sich darauf einzustellen. Die Plüschtiere und das bisschen Ambiente hast du Frederice zu verdanken, sie kommt heute Vormittag vorbei.“

Es war fast 3 Uhr als ich völlig übermüdet mit Saina im Arm einschlief.

Mein Smartphone riss mich um kurz vor 7 Uhr aus dem Schlaf. „Ich bin mit Opa auf dem Weg zu dir.“ Ohne eine Antwort geben zu können, war das Gespräch auch schon beendet. Meine Tochter macht immer klare Ansagen und eine Diskussion nach dem Warum, Wieso und Weshalb macht sowieso keinen Sinn. Meine Durchsetzungskraft muss sich irgendwie auf wundersame Weise auf sie vererbt haben.

Ein neuer Tag beginnt

Ich hatte mir Militärkasernen immer für Trostlose Gebäude und mit Gemeinschaftsduschen vorgestellt. Hier hatte jeder Schlafraum ein eigenes Bad und mit den drei Blumenstöcke in Form von kleinen Yucca Palmen auf der Fensterbank und dem leicht gelblichen Anstrich, sah dies mehr nach Jugendherberge aus.


Nachdem ich mich geduscht hatte, musste ich Saina die Morgentoilette in Europa erklären. Alles wiederholt sich im Leben, dachte ich mir, als ich Saina duschte, ihr die Haare wusch und ihr richtiges Zähneputzen erklärte.

Samira saß an dem kleinen Tisch in unerer Herberge und studierte einen Schnellhefter mit allen wichtigen Informationen. Alles war in vier Sprachen und sogar bildlich abgedruckt. Welche Faben die Ausweisschilder mit Schlüsselband der Mitarbeiter und Helfer hatten.
– Gelb für Ärzte und Sanitäter
– Rot für das Kriesenintervitions Team und Psychologen
– Grün für Helfer
– Blau für Küchenangestellte

Ein Plan von den Gebäuden, Kantine, Feldküche, Waschräume, Toilette, Erste-Hilfe-Stadion, Treffpunkte und und und war detailliert und farblich aufgeführt.
Alles war durchdacht und organisiert.
Wenn ich an das unorganisierte Chaos in Deutschland im August und September 2015 denke, liegen hier Welten dazwischen.

Wir vier gingen um halb Neun in das Offizierkasino zum Frühstücken.
An einigen Tischen saßen Helfer und Psychologen zusammen. Dank der Umhänger konnte man diese Person leicht erkennen.
Das Frühstück war zu meinem Erstaunen sehr afghanisch geprägt: Eier mit Sucuk (Rohwurst besteht meist aus Rindfleisch, Kalb oder Lamm), Tomaten, Gurken, Oliven und Joghurt, sowie Butter, Honig und Weizenbrötchen. Tee, Wasser und Kaffee gab es natürlich auch.
Der Leutnant von der Nacht kam auf uns zu und bat uns, an einen der schon besetzten Tische mitzukommen.
Wir wurden sehr freundlich begrüßt und es wurde gefragt, ob alles zu unserer Zufriedenheit sei. „Ein Service in einem Hotel könnte nicht besser sein“, sagte ich in die Runde.
Der Leutnant händigte uns weiße Namensschilder aus. So wussten nun alle, wie wir heißen und wer Mitarbeiter in meinem Team ist.

Eine große, sehr elegante Frau betrat das Offizierkasino und kam geradewegs auf mich zu. Frederice Petersen musste ich Samira nicht vorstellen, sie kannten sich schon seit Jahren. Die Umarmung war herzlich und tat mir gut. Frederice ist 12 Jahre älter als ich und eine unglaubliche Schönheit. Ob diese von Natur gegeben ist, oder an dem Knäckebrot liegt, vermag ich nicht zu beurteilen. Frederice hat spanische Vorfahren und ihr südländiches Temperament mit nordischer Gelassenheit ist ein Widerspruch in einer Person. Da die Personen am Tisch diese Frau nicht kannten, stelle ich sie der Gruppe vor. Die Frau von einem der Ranghöchsten Beamten im Land kannten die Personen am Tisch bis dato nicht – oder nur aus den Zeitschriften.

Das Offizierkasino füllte sich langsam mit meinen Freundinnen und Mädchen. Da der Leutnant mir einen ganzen Packen an Umhänger gab, verteilte ich diese an meine Mitarbeiterinnen.

Nach dem Frühstück ging ich mit Samira, Frederice und einigen Helfer und Psychologen in die anderen Gebäude und auch in die Turnhalle, um nach dem rechten zu schauen. Vor der Sporthalle war ein großes Zelt aufgebaut, in dem es das gleiche Frühstück gab wie im Offizierkasino. Da man versuchte die Gruppen gleichzeitig zu versorgen, wurde aus mangel an Platzgründen eben jenes Versorgungszelt aufgebaut.

Die Helfer, Soldaten und Psychologen waren für das Wohl der Mädchen und Frauen sehr bemüht, leider scheiterte vieles an der Sprachbarriere. Wir lernen seit Jahren die Mädchen auch in Englisch in der Schule, bzw. Frauenhäuser. Dies ist aber wie bei allen Kinder – das eine lernt besser als das andere. Zoja hatte Deutsch Studiert, so können einige der Mädchen auch diese Fremdsprache – mal mehr oder weniger gut.
Es gibt ein paar Mädchen und Frauen, die sind mit den Fremdsprachen richtig gut.
Bei denen es nicht so gut geht, wird sich schon irgendwie verständigen. Zuneigung braucht keine Sprache – man spürt diese.

Ein Unteroffizier zeigte uns eine Mobilewaschstation in der 10 Waschmaschinen und 10 Trockner standen. Bei der Flughafenfeuerwehr war ein Raum mit Berge an Kleidung eingerichtet.
Anisia, Lamis und Malika organisierten die Gruppen für die Kleiderkammer. Je 20 Mädchen und Frauen konnten sich neu einkleiden. Ob aus Angst oder Scharmgefühl nahmen sich die Mädchen nur zwei oder drei Teile an neuer Kleidung.
Frederice konnte sich dieses zurückhaltende Verhalten nicht anschauen und kramte eifrig in den Kleiderbergen – die sogar nach Größen sortiert waren, herum und reichte den Mädchen und Frauen jenes T-Shirt, Pulli, Bluse, Hose oder Kleid. „Nein, dies passt nicht zu dir. Hier nimm dies. Passt super zu deinen Augen. Nee, dies steht dir nicht. Hier diese Hose ist perfekt für dich.“
Wie schon geschrieben: südländiches Temperament.
Bis zum späten Nachmittag waren die Mädchen und Frauen neu eingekleidet.

Helfer, Psychologen und Soldaten spielten mit den Kindern. Ob in den Aufenthaltsräumen oder draußen.
Es wurde alles versucht und unternommen, damit keine Hektik entstand. Sanitäter und Ärzte schauten hier und da nach den Kindern und Frauen. Ob bei Mikado, Lotti Karotti, Spitz pass auf oder Mensch ärgere dich nicht.

Die Kinder kamen zur Ruhe, spielten und lachten. Dieses ganze Konzept war durchdacht und strukturiert. Wohlgemerkt, es waren erst 24 Stunden vergangen, als die Entscheidung fiel, dass wir alle Kinder und Frauen auf einmal ausfliegen werden.

Am Nachmittag traf meine Tochter und mein Vater ein. Amira wurde von vielen der älteren Mädchen und Frauen begrüßt. Sie hatten Amira seit vier Jahren nicht mehr gesehen. Amira hatte noch Tahmineh und Yana als Verstärkung mitgemacht.
Beide sind ehemalige Flüchtlingskinder und leben bei uns in Den Haag in der Einrichtung.
Tahmineh stammt aus dem Irak und ist hochintelligent. Sie hatte im Frühjahr 2020 in meinem Büro ihr Abitur geschrieben.
Tahmineh konnte mit viel Anlaufschwierigkeiten – durch Corona, erst dieses Jahr mit dem Studium für Lehramt anfangen.
Die 19-jährige Yana stammt aus Syrien und lernt Erzieherin bei uns in Den Haag.
Mit Amira, Djamila, Marieke, Tahmineh und Yana kommt eine junge und sehr kluge Generation an Erzieherinnen und Lehrerinnen in unsere Einrichtung, die noch vieles verändern werden und auch können.

Amira und Yana sind neben ihrem Beruf als Erzieherin noch im Team der Psychologen, und vielleicht gerade durch ihre Erlebnisse in ihrer Jugend sind sie so etwas wie Vertrauenspersonen für die Kinder und Jugendlichen.
Tahmineh und Yana können zwar kein – oder wenig Dari, bzw. Paschto. Sie können beide gutes Englisch und sind somit auch eine Unterstützung der Helfer. Es gibt bei manchen Dingen zwischen den Kulturen doch so einige Hindernisse und da ist es gut, wenn es genügend Menschen zur Übersetzung, bzw. Kommunikation gibt.

Mit den Frauen aus meinem Team und den fast doppelt so vielen Helfer, herrschte an diesem Nachmittag schon eine angenehme Balance.
Mein Vater verschaffte sich erstmal einen Überblick auf dem Areal. Mit zwei Gefreiten sammelte er Wäsche ein und erklärte Lamis und Linh die Waschmaschinen und deren Programme.
Lamis und Linh kennen meinen Vater nicht und waren sehr verwundert, dass ein Mann aus Afghanistan eine solche Arbeit macht und dazu noch die Handhabung von Waschmaschinen kennt. Es folgte eine längere Diskussion über seine Sicht bei der Gleichstellung von Mann und Frau.

Amira traf sich mit drei Psychologen und vier Helferinnen und gab schon mal die Richtung vor, wie wir (sie) in Den Haag mit den Kindern und Jugendlichen umgehen. Ja ja, meine Tochter fackelt nicht lange.

Ein Gefreiter kam verschüchtert auf mich zu und fragte, ob Ballspielen erlaubt sei.
„Natürlich können meine Mädels Fußball und Volleyball spielen.“
Aus einem anfänglichen gekicke mit ein paar Erwachsenen und Mädchen, wurde ein richtiges Fußballspiel. Nur hatten meine Mädchen dies mit der Mannschaftsstärke nicht so ganz verstanden. Wir waren 10 Erwachsene gegen 50 oder 60 Kinder.
Bei diesem Spiel ist mir nach wenigen Minuten aufgefallen, dass dieses Spiel etwas völlig anderes wahr.
Ich suchte im laufen, rempeln, abwehren und schießen, mit den Augen am Spielfeldrand nach Samira. Ich sah sie bei meinem Vater stehen und sie weinte – sie hatte es auch gemerkt.

Nach einer haushohen Niederlage gegen eine Armee Mädchen saß ich mit meinen Mitspieler, Helfer, Psychologen und Soldaten auf dem Spielfeld und analysierten das Spiel.
Ich stellte die erste Frage. Als Antwort kam der Spaßfaktor, die Bewegung, die Überzahl des Gegners, das gigantische Torverhältnis und und und.
Dies waren alles die falschen Antworten. Amira sagte es: „sie lachten, brüllten und schrieen.“ Genau das war es! Hier waren die Kinder frei und hatten keine Angst mehr.

Unsere Häuser waren in Afghanistan gut versteckt und getarnt. Mal weit abseits von Ortschaften oder sogar mitten in Städte. Wir hatten Tiere, Gärten, Spielplätze und sogar Turnräume. Bei all dem waren die Mädchen immer leise gewesen. Es bestand immer die Gefahr durch Kinderlärm entdeckt zu werden. Hier war keine Gefahr mehr.
Der Gefreite Benjamin hatte mit seiner zögerlichen Idee ein Ventil geöffnet, wofür ich ihm einen dicken Kuss gab.

Eines meiner 6 Frauenhäuser

Nach einem Tag, an dem soviel geschafft wurde, war es für mich Zeit zum aufbrechen. Den Tag über versuchte ich den mir schon angekündigten Termin zu verdrängen. Um 18.30 fuhr eine schwarze Limousine am 1. Wohnblock vor. Ich verabschiedete mich von meinem Vater, Amira und Saina, mit den Worten: „zum Frühstück bin ich wieder da.“

Zu meinem Erstaunen saß Frederice im Fond der Limousine. Jasper auf dem Beifahrersitz und ein Personenschützer steuerte den Mercedes S600.
Unser Ziel war ein geheimes Treffen gute eineinhalb Autostunden entfernt.
Es ist verständlich, dass ich die Unterhaltung im Fahrzeug und auch die Unterhaltung mit einflussreichen Personen an einem geheimen Ort nicht schreiben werde.

Spät am Abend saß ich mit Frederice und Jasper bei einem Wein in ihrem  Wohnzimmer. Frederice sprach, wie auch schon auf der Fahrt, den Gedanken an, eines der Mädchen zu adoptieren. In all den Jahren hatte ich mir darüber keine Gedanken gemacht und weiß gar nicht, wie ich dies entscheiden könnte. Natürlich wäre es für eines der Mädchen der wohl größte Glücksgriff in dessen Leben. Nur welches Mädchen sollte es sein? Das schönste, klügste oder jüngste? Das mit den „wenigsten“ seelischen Schmerzen?

Ich kenne Frederice und Jasper nun schon 14 Jahren und weiß, dass beide diesen Wunsch nicht auf dem Weg zum Einkaufen beschlossen haben. „Wie stehen Jette und Liva dazu?“ Fragte ich sie. Jette ist Anfang 30 und Liva so alt wie Amira, also 26 Jahre. „Die Kinder sind groß und stehen zu unsere Entscheidung“ , war die Antwort von Frederice.
Ich wollte und konnte an diesem Abend keine Entscheidung treffen. Dies müssen sowieso andere. Wobei wohl kaum ein Jugendamt Mitarbeiter die Lebensverhältnisse und Kontoauszüge der Petersens in Frage stellen würde.

Diese Nacht fand ich schwer in den Schlaf. Mir gingen tausend Dinge im Kopf herum. Warum bekomme immer ich solche Klötze vor die Füße geworfen? Es gibt viele Prominente, die Kinder aus sehr armen Verhältnisse adoptiert haben. Muss ich nun Nicole Kidman, Angelina Jolie oder Diane Keaton anrufen und fragen: „Hey, Mädels, wie läuft es bei euch mit euren Adoptivkinder?“

Mittwoch 18. August

Am späten Vormittag kam ich mit dem Staatsminister und dessen Frau auf dem Luftwaffenstützpunkt an. Wir drei machten einen großen Rundgang über das Areal und sahen, dass alles super lief. Es war eine Mischung von einem sehr großen Familienfest oder einer kleinen Dorfkirmes – nur dass es für den Fortbestand für diese Kirmes noch sehr sehr viele Gespräche geben wird.

Nach dem Mittagessen war eine Sitzung in dem großen Raum unterhalb des Tower mit wichtigen Menschen aus Politik, Justiz und Militär angesetzt. Da Janina, Samira und Zoja mit zu den Gründungsmitglieder der Stiftung zählen waren sie selbstverständlich bei diesem Treffen dabei. So auch mein Bodyguard. Denn er war aktiv bei diesem Einsatz dabei gewesen.

Meine Angst, dass ich als Menschenschlepperin angeklagt werden könnte, wurde am Vorabend schon ausgeschlossen. Bei dem neuerlichen Treffen wurde dies angesprochen und auch nach der Rechtslage von Staatsanwälten erörtert. Da man mir keine Bandenmäßige Aktivität in Menschenhandel vorwerfen könne – weil ich aus einer Notlage heraus gehandelt habe, würde die Staatsanwaltschaft auf eine Anklagen verzichten.
Mir fiel ein Stein vom Herzen als dies von einem Mitarbeiter aus dem Justizministerium unterschrieben wurde.

Der nächste Punkt war, dass es für Farishta, Sahrisa und Saina keine Dokumente ihrer Geburt gab. In diesem drei Fällen würde die seit 2019 bestehende EU-Apostillen-Verordnung in einem Fachgremium beraten werden, wie man diesen Kinder helfen könnte. Da eine Beschaffung der original Dokumente zur Zeit – und auch in absehbarer Zeit nicht möglich wäre. Da Farishta bei Samira bleiben werde und diese auch schon eine Adoption beantragt habe, würde es von Seiten des Sozial- und Innenministerium keine Bedenken geben. Gleiches würde auch bei Janina und Sahrisa zutreffen.
Samira und Janina haben einen genehmigten Asylantrag für die Niederlande, da ich beide gerne in meiner Nähe hätte und sie beide auch eine Kapazität in juristischen Angelegenheiten sind. Nun bleibt zu klären, wie die Niederlande mit den beiden Kinder verfahren wird. Natürlich laufen hierfür seit gestern Gespräche mit den Behörden und Ministerien in den Niederlanden.
Es kam wie es kommen musste: es wurde auch Saina angesprochen. Sehr viele Blicke in dem Raum fielen auf mich. Ich erkläre die Situation mit Lenara und dass ich mich zur Zeit nicht in der Lage sehe, ein weiteres Kind anzunehmen. Ich aber sicher sei, dass es für sie eine akzeptabele Lösung gäbe.

Nun kam der Militäreinsatz zur Sprache.
Der Gruppe wurde zuerst die Lage im Flugzeug – also in Termez, anhand den Aufzeichnungen der Satellitenbilder und Einsatzplan erklärt und gezeigt. Dann folgten Videos der Body-Cam’s der Soldaten, bzw. die Aufnahmen von Steen aus dem Flugzeug. Ich sah erneut, wie quasi live mehrere Männer gezielt getötet wurden. Mit leichtem Blick durch die Gruppe sah ich bei einigen Frauen und Männern geschockte Blicke, wenn ein 12,7 Millimeter Geschoss in einen Körper einschlug. Für mich waren diese Bilder nicht grausam, furchtbar oder schlimm. Es wurden Taliban Kämpfer aus bis zu 1100 Metern Entfernung erschossen – nicht mehr und nicht weniger. Meine Freundinnen und ich sahen auf den Bildschirmen eine Genugtuung, Befriedung oder Gerechtigkeit. Kein Mitleid oder Mitgefühl über den Tod von diesen Terroristen.

Ich weiß nicht ob man – oder ich, durch all die Jahre an Krieg und Terror abgestumpft ist oder ob der persönliche Hass gegen diesen Abschaum der Menschheit eine kleine Erlösung an Wiedergutmachung der Narben auf der Seele ist. Mir bereiten solche Bilder – wenn das Blut aus dem Körper spritzt, keine schlaflosen Nächte.

Durch die doch sehr große Entfernung könne man keine biometrische Abgliche mit Datenbanken von anderen Geheimdiensten machen. Ich glaube es ist auch nicht gewünscht, denn niemand weiß – und sollte auch schon gar nicht wissen, dass wir in Afghanistan waren.

Großes Lob gab es bei der Evakuierung selbst. Da diese sehr zügig verlief. Auch wurde das disziplinierte Verhalten der Mädchen und Frauen sehr gelobt und auch das Paarweise laufen zum Flugzeug bekam großen Zuspruch. Bei vielen Punkten in diesem Notfallplan war maßgeblich mein Bodyguard beteiligt.
Auch ihm wurde für die absolut richtige Entscheidung, bei der schnellen Planung, Organisation und Evakuierung vor Ort gedankt.

Nach über sieben Stunden Beratung und Analyse wurde von Ranghohen Beamten aus verschiedenen Ministerien dies als geheimer Anti-Terror Einsatz Einstimmig abgehackt. Der seit 6 Jahren bestehende Notfallplan kam zu den Akten und somit war der Fall abgeschlossen.

„Und die See gibt ihnen neue Hoffnung, wie die Nacht ihnen neue Träume bringt.“

Ich wollte an diesem Abend alleine sein – was bei über 600 Personen auf einem Luftwaffenstützpunkt nicht gerade leichte ist. Ich fuhr mit dem Auto meiner Tochter von Stützpunkt und fuhr planlos in der Gegend herum. Nach einiger Zeit war ich an der See. Es wurde langsam dunkel, als ich am Strand saß. Tausend Fragen und Sorgen gingen mir durch den Kopf.
In Afghanistan war es nun fast Mitternacht und ich las erschütternde Mails auf meinem Smartphone. Hilfeschreie von Freundinnen und Hiobsbotschaften von befreundeten Journalisten. Was kann ich dagegen tun?
297 Mädchen und Frauen habe ich gerettet. Was ist dies für eine geringe Zahl in anbetracht von tausenden deren Leben, die in diesem Moment gefährdet sind?

Ich hatte viele Jahre Polizisten, Beamten und Soldaten vertraut und nun ist alles zerstört – das Vertrauen sowieso. Wie konnte es so weit kommen, dass sich Soldaten kampflos den Terroristen ergeben hatten? Sie sind trotzdem der Feind der Taliban. Jeder der sich in den letzten 20 Jahren gegen die Taliban stellte, ist nun in Lebensgefahr. Ranghohe Polizisten sind mit ihren Familien untergetaucht. Soldaten verbrannten ihre Uniformen, damit die Taliban sie nicht ermordet.
In Afghanistan herrscht Anarchie und die Welt zuckt mit den Schultern.

„Und die See gibt ihnen neue Hoffnung, wie die Nacht ihnen neue Träume bringt“, sagte einst Christoph Kolumbus. Die Nacht bringt seit Jahrzehnten Alpträume und die neue Hoffnung ist vor wenigen Tagen gestorben.

Ich bin nun 41 Jahre alt und sehe mein Geburtsland das zweimal ins Chaos stürzen und kann nichts dagegen tun. Fanatische Muslime erklärten der westlichen Welt den Krieg. Wer Mohammed beleidigt, beleidigt knapp 3 Milliarden Muslime. So? Warum bringen Muslime andere Muslime um? Warum kommen muslimische Länder nicht an die Weltspitze von Technologien, Bildung und Frieden? Warum haben Männer in den muslimischen Länder eine solche Angst vor Frauen? Eure Mutter ist auch eine Frau!

Mittwoch 19. August
Happy Birthday mein Engel

Der Morgen erwachte, wie die Nacht begann – mit Sorgen.
Ich wurde im oben Bett von dem Stockbett wach und hörte meine Tochter im Bett unter mir. Sie sprach leise mit Saina über Europa. Alles wiederholt sich im Leben dachte ich bei mir.

„Guten Morgen mein Engel. Ich wünsche dir alles gute zu deinem Geburtstag“, sagte ich, als ich die Leiter von meinem Bett herunter kam. Ich nahm Amira in den Arm und drückte sie fest an mich. Wir beide wissen, dass der heutige Tag nicht ihr Geburtstag ist. Vor 14 Jahren wählte ich für sie diesen Tag, weil es der Unabhängigkeitstag von Afghanistan ist. Nach 14 Jahren steht der heutige Tag in Afghanistan nicht mehr für Unabhängigkeit. Amira sagte mir ihr Geburtstagswunsch. Ich hatte mir so etwas schon gedacht. Ich erkläre ihr die Rechtslage in den Niederlanden und ich nicht wisse, ob ich zur Zeit eine gute Mutter sein kann.

Meinen Eltern war der Geburtstagswunsch von Amira bekannt und beide waren natürlich auf der Seite ihrer Enkelin. Also machte es keinen Sinn, mit ihnen zu diskutieren. Mein Herz würde sofort dieses schöne kleine Mädchen mit nach Hause nehmen um ihm ein Elternhaus zu geben, wie es dies in Afghanistan niemals möglich wäre. Mein Verstand sagt mir, dass ich mehr als genug Probleme mit Lenara, mit der Einrichtung in Den Haag und der jetzigen Situation vor Ort habe.

Die alltägliche Besprechung stand nach dem Frühstück an. Es mussten Lösungen für die Menschen auf dem Luftwaffenstützpunkt gefunden werden.
Für 14 Mädchen und Frauen und drei Freundinnen aus meinem Team wird die neue Heimat die Niederlande sein. Dies war auch so geplant und auch organisiert.
Zwei von drei Kleinkinder sind schon bei den Behörden in Den Haag gemeldet. Auch liegen für meine drei Mitarbeiterinnen unbefristete Arbeitsverträge den Behörden vor.
Für 180 Personen waren vor eineinhalb Jahren schon Aufenthaltsanträge für ein Europäisches Land angefertigt worden und auch soweit bewilligt.
Der Knackpunkt sind nun aktuell 100 Menschen deren Asyl- und Aufenthaltensrecht für Australien genehmigt wurden, und die jetzt Notgedrungen in Europa gestrandet sind. Der letze Punkt ist der Verbleib von Saina.

Auch wenn der Notfallplan seit 6 Jahren bekannt war, muss man nun auf die Schnelle Unterkünfte für diese Mädchen und Frauen finden. Dies muss auch sozialökologisch vertretbar sein. Auch müssen Gebäude gefunden werden, wo man die Kinder unterrichten kann. An staatlichen Schulen ist zur Zeit nicht zu denken, denn die Mädchen müssten in der ersten Klasse Grundschule anfangen.
Auch wenn dies Mädchen im pubertierenden Alter – oder älter sind, kann man sie nicht in die Klassen der Altersstufen stecken.
Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man 180 oder 280 Mädchen und Frauen regional unterbringt oder im ganzen Land verstreut.
Der australische Botschafter, Damien Miller, ist zur Zeit in Oslo und wurde schon am Montag über den Fall informiert. Die Botschaft würde sich zeitnah – was auch immer dies heißen mag, darum kümmern.

Via Internet wurde auch mit dem Stiftungsrat die Idee besprochen eine gleichwertig Einrichtung, wie in Den Haag, aufzubauen. Selbst wenn man morgen solche Gebäude finden würde, braucht es für den Umbau mindestens zwei Jahre.

Nach wieder vielen Stunden der Diskussion und Organisation rauchte mir der Kopf. Auch wenn bei diesem Meeting über 50 Personen anwesend waren, wurde bei fast allen Punkten nach meiner Meinung gefragt. Schlussendlich sah ich für die Zukunft nur eine Lösung: das gleiche Prinzip wie in Afghanistan, bzw. in den Niederlande noch einmal aufzubauen.
Für eine Übergangslösung hatte auch ich keinen Rat. Also stand alles wieder auf Anfang.

Am Abend fuhr Marcel, mein Papa, Amira und ich in ein spanisches Restaurant. In all diesem Chaos wollte ich mit meiner Tochter wenigstens etwas Geburtstag feiern.

Donnerstag 20. August

Um kurz nach 7 Uhr klopfte Marcel an die Tür von unserem Schlafraum. Er hatte sich über das Internet schon einige Immobilien ausgesucht, die für uns in Frage kommen würden. Auch er favorisierte die Lösung mit dem Aufbau von Heimen für die Mädchen und Frauen. Er zeigte Amira, Samira und mir die Fotos von einem Landwirtschaftliche Betrieb, ein Pferdehof, ein ehemaliges Landschulheim, ein Gewerbegebiet, ein Haus mit einer großen Künstlerwerkstatt und sogar ein Museum.

Marcel war für den ersten Neubau in Afghanistan maßgeblich beteiligt und wenn er sich Gedanken machte, waren diese auch nicht aus der Luft gegriffen oder gar utopisch. Damals ging es um ein Gelände, welches maximalen Schutz bieten würde, abgelegen und trotzdem gut erreichbar war. Mein erstes Frauenhaus plante und zeichnete eine US-Major.
Mir tut es im Herz weh, nicht zu wissen, was nun mit diesem Gebäude geschieht. Wohnen Taliban Kämpfer in dem Haus oder haben sie es in ihrem Wahn schon gesprengt?
Nun ist eine ganz andere Situation. Wir müssen für eine bekannte Zahl an Menschen dauerhafte Unterkünfte beschaffen. Angenommen es bleibt bei „nur“ 180 Mädchen und Frauen, bräuchte es mindestens drei Gebäude – vier wären besser.
Ich sah die Preise, für die Gebäude, die Marcel ausgewählt hatte und fragte, welche Währung dies sein. „Euro“ war die Antwort. „Ein Haus mit 643 Quadratmetern Wohnfläche kostet die Hälfte von meinem Haus in der Nähe von Den Haag? Ein Pferdehof für eine Million Euro mit einem Grundstück von 30.000 Quadratmetern? Kann ich kaum glauben?“ „Wir haben immer noch eine Pandemie und zur Zeit sind die Zinsen sehr niedrig. Und mal ehrlich, wer würde in der jetzigen Zeit einen Pferdehof kaufen?“
Marcel hatte selbstverständlich auch schon mehrer Seiten der KfW Bank ausgesruckt, wo Förderprogramme für energieeffizientes Bauen und Modernisieren aufgeführt waren. Und darüber hinaus die Kreditnehmer profitieren würden und sogar einen Teil der Schuld erlassen bekommen.
Marcel ist nicht nur ein hervorragender Bodyguard, er ist auch unglaublich klug und kann wahnsinnig schnell denken.

Samira und ich können eine solche Lösung nicht alleine entscheiden. Natürlich hatte Marcel schon seine Idee auch den anderen Mitgliedern aus dem Stiftungsrat mitgeteilt.
Durch die Zeitverschiebung kam aus Australien schon ein positives Signal. In den USA war es noch zu früh um ein Feedback zu bekommen.

Nach dem Frühstück stand das nächste Meeting an, bei dem die Idee von Marcel in der Runde von Beamten, meinem kompletten Team und dem Stiftungsrat – zum Teil via Internet, diskutiert wurde. Eine Summe 6 Millionen Euro stand im Raum.

Eine Mitarbeiterin aus dem Innenministerium sagte, dass für eine
Übgangslösung eine ältere Liegenschaft vom Heer in Betracht gezogen werden könnte. Diese könnte bereits Mitte bis Ende September bezogen werden.
Am Ende der Stundenlangen Ausarbeitung wurde das nächste Meeting für diesen Punkt auf Montag verlegt.

Freitag, 21. August

Saina schlief in meinem Arm ein und ich müsste mich auch irgendwann entscheiden. Kann ich überhaupt diesem Kind eine gute Mutter sein wenn in – was ich hoffe, einem Jahr Lenara aus dem Krankenhaus kommt? Meine Eltern leben seit Frühjahr dauerhaft in meinem Haus und ich weiß, dass sie alles nur erdenkliche für Saina tun werden. Problem war der Platz in meinem Haus. Ich kaufte dieses Haus, um ein Behindertengerechtes Zimmer und Bad für Lenara zu haben. Nun müsste aus meinem Arbeitszimmer ein Kinderzimmer werden. Dies wäre nach Aussage von meinem Vater natürlich das kleinste Problem.

Am Abend sprach ich lange mit meiner Mutter und einen Satz hat sich mir ins Gedächtnis gebrannt. „Nila, ich kenne dich so gar nicht! Bist du so rational im Denken geworden?“ Bin ich dies? Habe ich mich in der letzten Zeit so verändert? Wenn ja, was hab mich verändert?

Ich sah bei dem wenigen Licht, dass von draußen durch den Vorhang schien, nach links zu Samira und Farishta. Farishta lag eng im Arm von Samira und beide sahen so friedlich aus.
Farishta wird eine unglaublich intelligente und taffe Mutter bekommen. Mit aller Wahrscheinlichkeit würde Farishta Jura studieren und in die gleiche Richtung wie ihre Mutter gehen. Wir Erwachsene sind der Spiegel der Kinder.

Nach dem aufstehen kümmerte sich Amira sehr fürsorglichen um Saina. Die Morgentoilette wurde für Saina in den wenigen Tagen selbstverständlich. Saina hatte ein sehr gutes Vertrauen zu Amira bekommen. Amira kann definitiv mit Kinder umgehen. Sie wäre die perfekte Schwester.

Mit Marcel und meinen Vater ging ich auf dem Sportgelände joggen und sprach meine Entscheidung bezüglich Saina an. Wie zu erwarten war, waren beide mit meiner Entscheidung einverstanden. Marcel werde selbstverständlich die Patenschaft übernehmen. Mein Vater hatte Tränen in den Augen. Also musste nun auch das Familienministerium in den Niederlande über meinen Entschluss informiert werden. Da mein Name und Arbeit durch Lenara dem Ministerium bekannt ist, wird dies wohl die kleinst Hürde in der Europäischen Bürokratie und Rechtslage sein.

Am Vormittag rief ich einen befreundeten Staatsanwalt an und teilte ihm meinen Entschluss mit. Er würde sich um alles weitere kümmern, wenn ich ihm alle bis jetzt bekannte Daten und Informationen über Saina schicken würde.
Auf seinen Rat hin, sollte ich auch das Familienministerium informieren, nicht das sich ein paar Beamte übergagen fühlen und sich quer stellen.
Ich rief die Leiterin der Fachabteilung in Den Haag an und teilte ihr meine Entscheidung mit. Ihr schickte ich den gleichen Inhalt als Mail, wie wenige Minuten zuvor an den Staatsanwalt.

Am Nachmittag bekamen wir Besuch von einem Imam aus der Hauptstadt, der dort ein Islamik Center leitet. Die Teamleiterinnen von mir waren bei diesem Gespräch dabei. Da nicht nur ich mit dem Islam auf Kriegsfuß stehe, musste ich dem Imam, Waseem Hussain, erstmal meine Haltung gegenüber dieser Religion erklären. Zu meinem Erstaunen sah Hussain dies ein und versicherte uns, dass an seiner Moschee ein solcher Glauben nicht gewünscht und schon gar nicht gefördert wird. Alles, bis auf das Gebet, würde in der Landessprache gesprochen.
„Schau Nila, vor vielen Jahren haben sie gesagt: Lernt die Sprache, dann gehört Ihr zu uns. Also haben die Leute begonnen, die Sprache zu lernen. Dann haben sie gesagt: Nein, Ihr braucht erst Arbeit. Also haben sich die Leute Arbeit gesucht. Dann hieß es: Nein, Ihr braucht auch eine gute Ausbildung. Also jedes Mal, wenn die Leute die Bedingungen erfüllt haben, um sich zu integrieren, haben sie die Bedingungen geändert. Dies ist ein Problem der Muslime in Europa.“

Ich sagte ihm wie wir in Den Haag dies handhaben. Natürlich sind die meisten Kinder – und junge Erwachsene Muslime. Wir haben aber auch Kinder andere Konfessionen in der Einrichtung und halten an einem Ökumenischen Gottesdienst fest. Auch müssen die Mädchen keinen Hijab tragen, denn da berufe ich mich auf die Sure 2 Vers 256. In dem es heißt: Es gibt keinen Zwang in der Religion. Oder in Sure 33, Vers 59 heißt es: Frauen sollten in der Öffentlichkeit „etwas von ihrem Überwurf“ über sich ziehen. Es wird aber nicht geschrieben, welcher Teile des Körpers verdeckt werden soll und ob dies auch die Haare betrifft. Also steht es den Mädchen und Frau frei, wie sie sich kleiden.

Ava, Janina, Samira und Zoja sagten, wie sie es in Afghanistan in den letzten Jahre hielten. Lediglich bei Aufenthalten außerhalb der Häuser, kleideten sich die Mädchen und Frauen nach der Islamischen Kleiderordnung. Janina lehnte kategorisch eine vorgegebene Kleiderordnug für die Mädchen und Frauen ab. Gerade in Europa sei es ohnehin für Muslime schwierig, was ja auch Waseem Hussain bestätigte. Ein Stück Stoff kann und darf nicht über einen Glauben bestimmen.
Ich merke, dass die Versuche von Hussain den Islam zu rechtfertigen bei modern denkenden Frauen auf mehr Widerstand traf, als er es sich vielleicht im Vorfeld dachte.
Er würde uns gerne zu einem Besuch in der Moschee einladen und auch beim nächsten Freitagsgebet unsere Situation ansprechen und um Spenden für uns bitten. Dieser Punkt traf bei Samira voll ins Schwarze. „Wir haben 14 Jahre ohne Spenden von Religiösen Einrichtungen gelebt, und werden dies auch in Zukunft so handhaben.“
Samira ist in ihrem Beruf als Anwältin ein Ausnahmetalent, in der Zwischenmenschlichen Beziehung fehlt ihr oft die Kontenance. Zoja griff sofort ein und würde sich auf einen Besuch der Moschee freuen, um zu sehen, wie er in Europa den Islam predigt.

Samstag, 22  August

Um den Kinder und Frauen das Land zu zeigen, in dem sie sich zur Zeit befinden, wurde eine Bustour mit 6 Bussen organisiert. Drei der Busse waren Doppestockbusse. Natürlich wollten viel Kinder oben an der Frontscheibe sitzen.
Amira, mein Vater und ich teilten uns in drei Busse auf und machten die Reiseführer. Da auch Janina, Samira und Zoja hin und wieder in Europa waren, konnten auch sie einiges in den anderen drei Bussen erzählen.

Unser Ziel war das Meer. Da ich mit dem Rücken in Fahrtrichtung stand, konnte ich die Mädchen und Frauen im Untergeschoss von dem Bus beobachten, wie sie sich die Landschaft, Dörfer und Städte anschauten.
So ähnlich nahm ich 1990 auch Deutschland war. Ich kann mich an so vieles erinnern, was ich damals links und rechts der Autobahn oder in und um Stuttgart sah.

An unserem Ziel angekommen, war für alle der Blick auf die See überwältigend. Sand wurde in den Händen gerieben und dieser fühlte sich so ganz anders an, als in Afghanistan.
„Und die See gibt ihnen neue Hoffnung, wie die Nacht ihnen neue Träume bringt“ , sagte ich im Arm von meinem Vater und hatte Tränen in den Augen. Wortlos gab mein Vater mir einen Kuss. Wir beide verstehen uns ohne viele Worte.

Es gingen 300 Menschen an einem Stand in einem Fremden Land spazieren und alle hatten eine Flucht hinter sich.
Als Betreuer der Gruppen fuhren einige Helfer und auch Psychologen mit. Frederice und Jasper waren auch dabei. Ich sprach zu den Psychologen, dass sie jegliche Art von Therapien machen können, wenn die Basis nicht gebaut ist, wird es kaum Erfolge geben. Hier an diesem Strand erlebeten die Mädchen und Frauen Ruhe, Sicherheit und Freiheit. Dies ist die Basis um ein normales Leben – irgendwann, führen zu können. Es braucht Jahre – wenn nicht gar Jahrzehnte bis die Narben auf der Seele verheilt sind.

Abschalten bei einem guten Wein

Nach einem herrlichen Tag am Meer, saß ich mit Amira, meinem Vater, Marcel, fast allen Frauen aus meinem Team, Frederice und Jasper, einigen Helferinnen und zwei Psychologinnen im Offizierkasino bei Wein, Käse und Oliven.
Samira erzählte Smilla und Mille, die beiden Psychologinnen und den anderen in der Runde, welche Traumata die meisten Mädchen und Frauen haben. Wie zu erwarten, konnten sie sich dies nur im Ansatz vorstellen. Dunya, Janina, Lamis und Linh zeigten einige Fotos aus ihren Dokumentationen aus den anderen Häusern von uns.
Die Helferinnen und Psychologinnen gaben seit Dienstagnacht ihr Bestes, um zu helfen und zu unterstützen. Für diese Leistungen muss ich auch mal ein ganz großes Dankeschön aussprechen.

Sonntag, 23. August

Um 10.30 Uhr trafen sich alle 297 Personen in einem Flugzeughangar, um die vergangene Woche zu analysieren und auch alle auf den neusten Stand zu bringen.
Uns in der Leitung ist es wichtig, dass wir Transparenz zeigen – oder auch Dinge besprechen, die verbessert werden könnten.
Samira gab einen kurzen Abriss der letzten Tage und was wie geplant oder schon in den Vorbereitungen sei.
Die älteren Mädchen und junge Frauen, die keine Mitarbeiterinnen von uns sind, fühlen sich gelangweilt. Sie wollen helfen – etwas tun und arbeiten.
Die jüngeren Mädchen fanden alles prima, möchten aber gerne weiter lernen.

Nach dem Mittagessen trafen wir uns in der Kommandantur um über die Wünsche der Mädchen und Frauen zu beraten.
Dunja gab eine Liste heraus, auf der die Arbeit und Tätigkeiten der Frauen standen, die in Afghanistan für den Betriebsablauf der Häuser zuständig waren. Den Köchen und Küchenpersonal wäre eine Unterstützung sehr recht. Denn auch sie kamen nach einer Woche bei so vielen unbekannten Mahlzeiten an ihre Grenzen. 27 Frauen wurden so schon von der Liste gestrichen.
Lamis würde 10 Frauen für die Wäscherei abstellen. Nochmals 10 Namen auf der Liste weniger.
37 junge Frauen von 145 war zwar ein Lichtblick, aber nicht befriedigend. Ein Leutnant hatte die Idee, dass man den anderen Frauen doch einen Sprachkurs anbieten könnte. Wie? Wer sollte dies tun? Es müsste jemand sein, der die Landessprache und Paschto kann.
Blöder Einfall. Wurde dem Leutnant dann auch bewusst. Er meinte es ja nur gut.
Frederice sagte frei heraus was sie dachte, „Die Botschaft von Afghanistan soll sich mal bewegen.“ Ihr Mann schüttelte energisch den Kopf, „Nicht gut! Gar nicht gut! Die brauchen nicht zu wissen wo wir am Montag waren.“ Marcel blies vor Erleichterung hörbar die Luft aus.
Der Leutnant brachte einen neuen Gedanken in die Runde. Er würde die Standortverwaltung fragen, ob sie nicht eine Verwendung für ein paar Frauen hätte.
Dies wäre mal wieder ein kleiner Schritt für ein paar Frauen zu beschäftigen.
Dieser Vorschlag brachte auch große Zustimmung.
Samira sah mich denken und wusste es, ohne das ich es aussprach. „Dann ruf an und frag ihn.“ Ich rief Waseem Hussain an und fragte ihn, ob in seiner Moschee auch Männer oder Frauen aus Afghanistan wären. Acht Frauen und neun Männer wären aus Afghanistan in seiner Gemeinde. Ich sagte ihm, vor welchem Problem wir aktuell standen und ob es eventuell zwei oder drei Personen gäbe, die sich als Lehrer_innen für einen Sprachkurs zur Verfügung stellen würden.
Er würde mich zurück rufen.

Ein zivilangestellter der Standortverwaltung kam kurze Zeit später in den Raum und meinte, dass es durchaus einige Arbeiten für die Frauen gäbe. Die Wohnblöcke und Turnhalle könnten einige Frauen sauber halten. Er drückte sich sehr gepflegt aus, denn er wollte diese Arbeiten nicht herabstufen. Er könnte sich diese Aufgabe für 20 Frauen vorstellen.  5 Pro Wohnblock und 5 für die Turnhalle.
Wäre besser als gar nichts. Also konnten wir nochmals 20 Frauen von der Liste abziehen.
Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen.

Bei allem Denken und Überlegen fiel sonst niemand mehr etwas ein.

Am frühen Abend rief Waseem Hussain an und sagte, dass er zwei Frauen hätte, die in Afghanistan Lehrerinnen waren, aber seit Jahren nicht mehr in dem Beruf gearbeitet hätten, weil sie in Europa keine Zulassung für ihr Studium und Beruf bekamen. Er gab mir deren Handynummern und ich rief sofort an.

Maryam Rawan, ist mit ihrem Mann vor 7 Jahren aus Afghanistan geflohen. Bei einem Anschlag der Taliban wurde vor 9 Jahren ihrer Tochter getötet. Sie konnte nicht mehr in Afghanistan bleiben. Zu groß war der Schmerz, die Angst und Trauer. Sie würde uns sehr gerne helfen, so hätte sie endlich eine Aufgabe. Sie würde morgen schon vorbeikommen. Auch hätte sie mit Zeina Karimi gesprochen und auch sie würde helfen. Zeina stand auch auf meinem Zettel. Janina und Samira hörten bei dem Gespräch mit uns sagten, „wir kommen heute schon zu euch.“

Mit dem schnellen Auto meiner Tochter fuhr ich die 120 Kilometer zu Maryam in einer dreiviertel Stunde.
Zu unserem Erstaunen sahen wir, dass Maryam in unserem Alter war. Zeina war 49 Jahre alt. Sie kam kurz vor uns am Haus von Maryam an. Es gab eine kurze Vorstellung und wir waren von der ersten Sekunde auf einer Linie.
Bei Tee und Qabuli Palau (Reis mit Lammfleisch und Rosinen) schilderten wir unser Problem. Dies war sehr schnell besprochen und wir hatten zwei Lehrerinnen im neuen Team.
Maryams Mann, Rahimi, sei Architekt mit einem kleinen Büro und zwei Angestellten. Als er dies beim Essen sagte, fiel Janina die Gabel aus der Hand. Ich konnte gar nicht so schnell denken, wie Janina sprach. Ich rief Marcel an, er sollte mir seine Fotos von den Gebäuden schicken, die er ausgesucht hatte. Rahimi stand völlig auf dem Schluch und wusste gar nicht um was es ging. Es dauerte eine Zeit, bis er verstanden hatte, warum wir alle in diesem Land sind. Die Fotos von Marcel klären auf, was unser nächstes Problem war.

Nach dem Essen wurde sehr viel persönliches geredet und unser erster Eindruck passte auf die drei immer mehr. Es flossen so einige Tränen an dem was sie in Afghanistan erlebt hatten. Es gibt wohl kaum eine Familie in Afghanistan oder im Exil, die von Krieg und Terror verschont wurde.

Rahimi kam gegen Mitternacht zu uns Frauen und sagte, welche Gebäude er als Optionen sehen würde. Das Landschulheim, das Haus mit der großen Künstlerwerkstatt und der Pferdehof.
Der ehemalige Landwirtschaftliche Betrieb hätte ein schönes und großes Haus, Scheune und Viehstall. Aber die Umbauarbeiten von einem Viehstall in ein Wohnblock würden in keiner Relation stehen. Ich sagte ihm, dass ein Pferdestall auch umgebaut werden müsste. „Richtig. Dieses ganze Anwesen ist jetzt 15 Jahre alt. Was ich auf den Fotos sehe, ist dies alles sehr hochwertig und gepflegt.“ Hochwertige ist auch der Kaufpreis von einer Million Euro. „Das Haus hat schon 10 Zimmer auf 360 Quadratmetern Wohnfläche und ein Grundstück von 30.000 Quadratmetern. Man könnte dieses Land verpachten oder bebauen. Lasst uns die Gebäude anschauen, dann kann man immer noch entscheiden.“
Da Rahimi im Internet die Grundpläne der Gebäude fand, hatte er Notizen und Skizzen beigefügt, wie er es sich vorstelle. Das Noch-Museum und der Gewerbebetrieb waren sehr groß und recht Preiswert. Allerdings waren bei beiden Gebäude die Decken sehr hoch und um dort Zwischendecken einzuziehen, sah er als utopisch an. Machbar schon – aber viel zu teuer. Na gut – er ist der Fachmann.
Rahimi würde sich um eine Zeitnahe Ortsbesichtigung kümmern.

Montag, 24. August

Wie schon am Donnerstag besprochen wurde, war heute das nächste Meeting bezüglich einer Übergangslösung für die Mädchen und Frauen. Bis zum Nachmittag konnten wir in einem kleinen Team schon die Punkte sammeln, die wir bis dato wussten.

Um kurz nach 8 Uhr trafen Maryam und Zeina auf dem Militärstützpunkt ein. Sie brannten regelrecht danach loslegen zu können.
Also ging Samira und ich mit ihnen zur Kommandantur, um nach Räumen zu fragen, die wir als Klassenzimmer benutzen können.
In jedem Wohnblock war ein Schulungsraum, bei der Feuerwehr konnten wir einen Raum bekommen. Vier Räume! Wie sollte man so viele Mädchen und Frauen in diese vier Räumen packen?
Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen.

Die Sporthalle konnte nicht genutzt werden, da diese am Montag als Schlafunterkunft Zweckentfremdet wurde.
Schlussendlich fanden wir noch drei Räume in den Garagen der Standortverwaltung. Mit diesen 7 Räumen konnte man arbeiten -‚wenn man Material hätte. In den drei Schulungsräume und bei der Feuerwehr waren Tische, Stühle, Tafeln und sogar Multimedia vorhanden.
Tische und Stühle wären für die drei Garagen kein Problem.
Ich rief Frederice an und schilderte das nächste Problem: Tafeln, Hefte und Stifte. Sie würde sich sofort darum kümmern.

Im Offizierkasino war mein komplettes Team versammelt. Da Anisia und Soma in Gardez schon für den gesamten Betriebsablauf zuständig waren, hatten sie auch hier alle Personenbezogene Punkte unter sich. Sie wussten wer in der Küche arbeitet oder für die Wäscherei zuständig ist. Beide hatten seit Mittwoch auch ein eigenes Büro. So konnten beide in wenigen Minuten einen Plan für alle Klassen, Räume und Lehrerinnen erstellen.
Ein Leutnant aus der Kommandantur konnte diese professionelle Geschwindigkeit von Anisia und Soma gar nicht glauben.

Nach dem Plan von Anisia und Soma wurden alle Mädchen und Frauen auf die Räume aufgeteilt. Im Team wurde besprochen, dass wir Englisch, Mathematik, ein freiwählbares Fach der Lehrerinnen: wie etwa Geografie, und eben den Sprachkurs abhalten werden. Der Einfachheit halber werden die Lehrerinnen die Klassenräume wechseln.
Auf dem Luftwaffenstützpunkt war ein gewusel wie in einem Bienenstock. Es wurden geräumt, Tische hin und her geschoben und Stühle zusammen getragen.

Samira, ich und der Major vom Stützpunkt sahen diesem Treiben aus dem Fenster von unserem Schlafraum zu. Mittlerweile war dieser Raum auch unser Büro und Besprechungsraum geworden.
Zoja ist die Chefin der Finanzen und war mit Marcel, Frank aus den USA und Erik aus den Niederlande via Skype an einer Ausarbeitung über ein Finanzierungskonzert beschäftigt.

Der Major zog einen Stuhl heran und setzte sich in der Runde dazu. Ihm war es nicht recht, dass Kinder in einer Garage unterrichtet würden. Ich zeigte ihm Fotos von Schulen in Afghanistan, wo die Wände zerschossen waren. Fenster mit Folie notdürftig repariert und es keine Möbel gab. „Oh my God“ „Ja. Glauben Sie mir, jede Garage oder Kellerraum in Europa ist der reinste Luxus. Die Garagen sind hell, trocken und warm – mehr braucht es nicht.“ „Ich muss euch doch mal etwas sagen. Als ich vor einer Woche den Anruf von Herrn Petersen bekam, mit der Bitte den Stützpunkt zu räumen und eine Infrastruktur für 300 Mädchen und Frauen aufzubauen, dachte ich, hier bricht das große Chaos aus. Was ihr in den wenigen Tagen auf die Beine gestellt habt, verdient den allergrößten Respekt. Ohne Chaos habt ihr alles unglaublich schnell organisiert. Frauen helfen wo auch immer es geht. Ihr habt Ordnung in der Struktur bei allem was hier geleistet wurde und wird. Ihr habt zwei migrierte Lehrerinnen rekrutiert. Nun die Klassenräume. Jetzt seid ihr an einem Finanzierungskonzert beschäftigt. Also, wenn ihr einen Job wollt, hier in der Kommandantur könnte ich euch sehr gut gebrauchen.“ Samira grinste breit. „Wir haben alle einen Job. Leider noch ein paar Probleme die wir lösen müsse.“ Der Major nickte Samira zu. „Egal was ihr braucht, ich werde alles tun, um euch zu unterstützen. Ich weiß, dass Sie mit Frau Khalil in die Niederlande gehen werden. Auch weiß ich, dass 100 von euch nach Australien gehen werden. Solche Kapazitäten wie Sie es sind, bräuchten wir dringend. Sie alle sind Kriesenerfahren, professionell in der Struktur von hunderten Menschen und wissen worauf es ankommt. Im Militärischendienst wären Sie sofort an der Spitze der Leitung.“

Bis zum Mittagessen waren die Klassenräume und Garagen eingerichtet. Lediglich die Tafeln für die provisorischen Klassenräume in den drei großen Garagen fehlten.
Frederice rief mich an, als Samira, der Major und ich die Inspektionstour machten.
Sie hatte bei einem Großhändler zwei Karton mit DIN A4 Hefte und fünf Karton mit Schulmäppchen, wie wir diese alle aus der Grundschule kennen, für alle Mädchen und Frauen gekauft. Die Tafeln würden morgen geliefert werden.

Um 14 Uhr begann das Meeting um eine Übergangslösung für die Mädchen und Frauen zu finden.
Vom Innenministerium kamen zwei Frauen, wobei ich eine schon kannte, und zwei Männer. Der Regionsrat (sowas wie Ministerpräsident von einem Bundesland in Deutschland) war mit vier Mitarbeiter eingetroffen. Der Staatsminister mit Frau, der Major und dann mein kleines Team mit: Anisia, Soma, Samira, Janina, Marcel, Zoja und Ava.

Als erstes erklärte Samira die Struktur von unseren Häuser in Afghanistan.
Jasper stellte den Stiftungsrat vor und auch, dass dieser aus Steuerlichen Gründen seit 14 Jahren in diesem Land eingetragen, und er und seine Frau auch seit dieser Zeit im Vorstand seien.
Anisia stelle die aktuelle Lage auf dem Luftwaffenstützpunkt vor und Marcel sprach die Überlegungen von eigenen Immobilien an und wo bis zum jetzigen Zeitpunkt die Finanzierung stand.
Das was alles von unserer Seite.

Ein Mitarbeiter von Regionsrat fügte an, dass er vom Innenministerium über eine Lösung mit einer Liegenschaft vom Heer informiert wurde – und es auch eine solche gäbe. Diese Liegenschaft wäre in dieser Region und somit wäre der Regionsrat dafür zuständig. Ob diese nach den Vorgaben vom Innenministerium bis Mitte oder Ende September bezugsfertig wäre, könnte er nicht garantieren.
Diese Aussage brachte den Major zum grinste. Er erklärte mit welchem Volldampf (original Wortlaut) auf diesem Stützpunkt eine funktionierende Infrastruktur aufgebaut wurde. Gerne könnte man sich davon selbst überzeugen.

Der Major übernahm bei diesem Meeting die Leitung und hielt jedem Argument entgegen. Er lies nicht locker, bis alle der Meinung waren, man sich doch selbst ein Bild davon machen möchte.

Der ganze Tross fing im ersten Wohnblock an, wo Shazia, Ayesha, Shindara, Tuyaara und Metra am putzen waren. Sie wurden von der Standortverwaltung mit allem versorgt, was sie für diese Arbeit brauchten.
Ayesha sah die Gruppe von Menschen kommen und wurde star vor Angst. Ava ging sofort zu ihr und hielt sie fest. Auf die Fragenden Blicke der Gruppe sage ich, „Ayesha ist jetzt 26 Jahre alt. Ihr wurde mehrfach das Bein gebrochen. Sie wurde von ihrem Mann jahrelang in einem Käfig eingesperrt und hundertfach vergewaltigt. Ihr Mann starb eines Nachts im Bett neben ihr und sie brauchte zwei Tage, bis sie sich aus dem Käfig befreien konnte. Ihr Bein konnten die Ärzte in Afghanistan nicht mehr richten. Ayesha wird durch diese Traumata nie alleine leben können. Man kann ihr auch sonst wenig Aufgaben geben, weil sie psychisch am Ende ist. Sie redet nicht viel und sitzt manchmal stundenlang apathisch in einer Ecke. Unsere Gruppe hat ihr jetzt sehr viel Angst gemacht. Daher ist Ava sofort zu ihr. Es kann sein, dass Ayesha nun wieder in ein Loch fällt und sie zusammenbricht.“
Ich sah in Fassungslose Gesichter.

Die Gruppe ging noch in das Klassenzimmer, wo Dunya mit einer Gruppe von Mädchen, die über 16 Jahren waren, Englischunterricht machte. Erstaunte Blicke von fast allen aus der Gruppe. Der Major lies es sich nicht nehmen, seine Einschätzung von uns allen als positive Bestätigung zu sehen.

Den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen von Innenministerium und auch vom Regionsrat reichten die zwei Punkte. Sie brauchten und wollten keine weitere Bestätigung. Also entschied man, dass man die knapp 50 Kilometer zu der Liegenschaft fahren werden, um sich vor Ort einen Eindruck zu machen.

Samira und ich fuhren im Auto von Jasper und Frederice mit. Jasper sagte uns, dass sich Australien in Bezug auf die Asyl- und Aufenthaltsanträge quer stellt. Sein Stab wäre aber in Verhandlungen für eine positive Lösung. „Soll heißen?“ „Nila. Lass uns mal machen. Was die Damen und Herren von Innenministerium persönlich gesehen haben, kommt uns zugute.“

Ein Convoy von mehreren Fahrzeugen fuhr vor dem ehemaligen Wachhaus vor und zwei Männer von einem privaten Security Dienst waren sehr erstaunt.
Jasper, der Major, die eine Frau vom Innenministerium und ein Mitarbeiter von Regionsrat klärten die Männer auf.

Der Tross folgte dem Sicherheitsmann auf seinem Fahrrad zum ersten Wohnblock.
An der Straße und Bürgersteig wuchs das Unkraut. Die Grünflächen links und rechts der Straße wurde schon lange nicht mehr gemäht.
Am ersten Wohnblock angekommen, hatte der Sicherheitsmann etwas Probleme die Tür auszuschließen. Staub und Dreck lag an der Tür.
Im Gebäude roch es etwas modrig. Im Flur stand ein Tisch, etwas Gerümpel und Rohre von einer Lüftung oder so was ähnliches.
Dieses Gebäude hatte mit dem auf dem Luftwaffenstützpunkt gar nichts gemeinsam. Im Erdgeschoss waren circa 10 Räume. Drei konnten Büros oder Zugführerraum gewesen sein. Dann ein kleiner Raum, der eine Art Wache war. Die übrigen Zimmer waren die Stuben der Unteroffiziere. Im zweiten und dritten Stock waren 14 Zimmer der Mannschaften, ein großer Wasch- und Duschraum und ein Raum mit 7 Toilettenkabinen. In einigen Schlafräumen standen 6 bis 8 Stockbetten und Spinde. In anderen nur 4 Betten oder nur Spinde.
Es sah so aus, als ob sich einige Leute an dem Inventar bedient hatten.

Da die anderen Wohnblöcke auch so aussahen, rechnete ich bei 30 Schlafräumen mal 6 Personen. So bräuchten wir zwei Wohnblöcke. Wäre super.
Ich sprach meine Rechnung an und sofort wurde diese verworfen. „Die Gebäude müssen sowieso unterhalten werden, dann kann man auch drei Wohnblöcke beziehen.“  Das diese Aussage von einem Mitarbeiter des Regionsrats kam, erstaunte mich. „Positive Lösung“, sagte Jasper leise und grinste mich an.

Das Offizierkasino auf dem Gelände war größer als das auf dem Luftwaffenstützpunkt. Hier wurden früher bei weitem mehr Soldaten versorgt. Dies würde für unsere Verpflegung völlig ausreichen.

Beim Rundgang über das Gelände wurde besprochen, wer für die Instandsetzung welche Aufgaben hätte und das man sich diese Woche schon an die Arbeit machen würde. Da wir über eine beachtliche Zahl an Frauen verfügten, würden wir uns um die Sauberkeit der drei Wohnblöcke und Offizierkasino selbst kümmern.
Es wurde auch beschlossen, dass man die Schlafräume zu je 4 Mädchen oder Frauen belegen möchte. Auch würden je vier Räume im Erdgeschoss als Klassenzimmer genutzt werden.
Frederice würde sich um Großhändler für Essen und Getränke kümmern.

Dienstag, 25. August

Mit Marcel, meinem Vater, Zoja und Samira trafen wir uns mit Jasper und Rahimi um 8.30 Uhr an dem ehemaligen Schullandheim. Das Gebäude machte auf den ersten Blick einen guten Eindruck.
Die Eigentümerin war eine ältere, sehr nette Frau. Ihr Mann sei vor zwei Jahren gestorben und sie könne dieses Haus nicht mehr bewirtschaften. Schweren Herzens hatte sie sich vor einem Jahr entschlossen, dass Haus zu verkaufen. Sie könne keinen Kinder mehr eine Freizeit bieten und würde mit dem Geld von dem Verkauf der Immobilie sich ein Apartment in einem Mehrgenerationenhaus kaufen.
Jasper erklärte ihr den Grund, warum wir dieses Haus in Betracht ziehen würden. Die Frau konnte dies alles gar nicht glauben.
Bei dem Rundgang sahen wir ein sehr gepflegtes Anwesen und wir könnten ohne viel Umbauarbeiten 74 Mädchen und Frauen sofort unterbringen. Dieses Haus ist perfekt für uns. Alles ist da. Küche, Geschirr und Möbel. Selbst im Wohnhaus könnten vier Mitarbeiterinnen wohnen. Vieles an Einrichtung würde im Haus zurück bleiben.
Jasper hatte sogar schon einen Vorvertrag vorbereitet. Er füllte die Namen, Adresse, Kaufpreis und andere relevante Daten aus. Als die Frau das Briefpapier mit dem Wasserzeichen sah, staunte sie nicht schlecht.

Auf der Fahrt zur nächsten Immobilie, lies mich der Gedanke nicht los, dass die Frau doch weithin in dem Haus wohnen könnte. Wenn sie ihr lebenlang Kinder- und Jugendfreizeiten machte, wäre sie eine große Ergänzung für uns. Dann könnten wir dieses Haus auch auf Mietbasis kaufen. Über meine Idee würde sich der Stiftungsrat Gedanken machen. Ich halte mich bewusst aus solchen Dingen raus. Dies sollen die entscheiden, die es können und dafür zuständig sind.

Der Pferdehof war die nächste Adresse. Das ganze Anwesen konnte man locker zur gehobenen Klasse zuordnen – auch der Preis. 10 Zimmer hatte das Wohnhaus! Wer putzt die Hütte, ging es mir durch den Kopf als wir im Haus waren. Die Immobilie wurde 2006 gebaut und hat zwei riesige Ställe, ein Doppelstöckiges Gästehaus mit 60 Zimmer und ein Großküche. Der Innenhof ist groß und in der Mitte ist ein kleiner Park mit Bäumen, Wiese und Bänke.
Rahimi und Marcel maßen die zwei Ställe aus. Dort könnte man locker je 30 Zimmer, mit Nassmodule (vorgefertigte kleine Badezimmer mit Toilette) einbauen.

Bei dieser Größe von den Gebäuden  brauchten wir die dritte Immobilie nicht mehr anzuschauen. Rahimi schätze die Umbauarbeiten auf 500.000 Euro.

Das Landschulheim könnte sofort bezogen werden. Das Gästehaus von dem Pferdehof auch. Das Wohnhaus wäre ab Januar 2022 bezugsfertig.
Wenn wir das Gästehaus mit je drei Personen belegen, bräuchte man noch nicht einmal die Ställe umzubauen. Wenn die 100 Personen, wie geplant nach Australien gehen, reicht der Platz locker aus. Dann müsste man doch noch die dritte Immobilie anschauen, weil diese doch erheblich billiger ist, als dieser Pferdehof.
Auf meine Frage, warum wir nicht auch in Erwägung ziehen sollten, die Gebäude der Liegenschaft zu mieten oder kaufen, wurde mir gesagt, dass die Gebäude zu alt und zu unwirtschaftlich seien.

Jasper sagte in die Runde, dass sein Stab dabei sei, die Asyl- und Aufenthaltsanträge für die 100 Person, die nach Australien gehen sollten / wollten, nun auf dieses Land genehmigt werden. Samira, Zoja und mir kamen die Tränen. „Ich, wie auch Mary, möchten euch in eurer Gemeinschaft erhalten. Ihr alle habt zu viel erlebt und da sollte man euch nicht trennen. Was gestern von den Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen vom Ministerium gesehen wurde, hatte sich gestern bis Mitternacht noch sehr weit herumgesprochen.“
Ich umarmte Jasper und gab ihm einen Kuss.

Da wir nun schneller als erwartet zwei perfekte Immobilien gefunden haben, brauchen wir die Gebäude der Liegenschaft nicht mehr.
Mit Hochdruck wurde am gleichen Abend an einem Finanzierungskonzert für den Pferdehof gearbeitet. Das Landschulheim war für die Finanzierung das kleinste Problem. Diese Immobilie kann sofort gekauft werden.

Im Jahr als die Freiheit am Hindukusch verloren ging

Taliban enter outskirts of Kabul as US begins embassy evacuation“

Autorin Nila Khalil

Am Sonntagnacht klingelte mein Notfall Telefon. „Kabul fällt!“  Dies waren die Worte von meiner Freundin und langjährige Weggefährtin Samira Ansary.
Mit einem Schlag war ich hellwach. Der Tag X traf mich am 15. August 2021 um 1.12 Uhr. „Ich komme“ ,war meine Antwort.

Ich rief meinen Bodyguard an – der in Schottland lebt und sagte ihm: „es geht los.“
Der schwerste Gang war an die Schlafzimmertür meiner Eltern, sie leben seit einem Jahr bei mir im Haus in Den Haag. Ohne ein Wort zu sagen, sah meine Mutter mich mit Tränen in den Augen an. Sie wusste das es soweit war.

Die nächsten Anrufe galten jenen Personen die seit 6 Jahren auf einem Notfallplan stehen.

Um 2 Uhr fing in drei Länder auf drei Kontinenten und Australien eine Organisation an zu laufen, die 1000 mal durchgesprochen wurde. Gleichzeitig telefonierte ich mit Freunden in Afghanistan um überhaupt einen Überblick der Lage vor Ort zu bekommen. Mein Mailfach füllte sich in wenigen Minuten. Meine Eltern lasen die Mails und druckten die wichtigsten aus. Alle Mails wurden an die andere Personen weitergeleitet – sofern sie diese nicht schon hatten.

Gegen 5 Uhr kamen Erik, Linda, Marpe de Joost und meine Tochter in mein Haus, um sich einen Überblick via Internet in Afghanistan zu verschaffen. Im Fernsehen kamen auf den Afghanischen Sender fast die gleichen Meldungen. Egal welche Seiten wir im Internet sahen – sie zeigten fast alle das gleiche.

Um 6.17 Uhr kam die Nachricht von meinem Bodyguard: bin auf dem Weg.
Um 6.23 Uhr kam die Nachricht von einem, ich nenne ihn mal, Staatsminister, „bis heute vormittag hast du ein Flugzeug.“

Afghanistan Ende Juli

Die Meldungen von dem Vorrücken der Taliban in immer mehr Städte und Provinzen machte mir und meinem Team in Afghanistan große Angst. Mit meinem Team wurde beschlossen, dass wir alle Mädchen und Frauen aus unseren 6 Häuser ruhig und unauffällig zusammen ziehen. Bei knapp 300 Mädchen und Frauen, die an geheimen Orten leben, ist dies gar nicht so einfach.
Aus eben jenen Sicherheitsgründen der Gefahr, der Taliban ausgeliefert zu sein, sind diese geschundenen und zwangsverheitaten Mädchen und junge Frauen räumlich getrennt. Diese nun alle an einem zentralen Ort, ist äußerst gefährlich. Zumal zwei unserer Frauenhäuser in einer Provinz sind, wo die Taliban seit Wochen sehr präsent ist.

Mein Team hatte es hinbekommen unauffällig die beiden Häuser zu räumen, um die Mädchen, Frauen und Mitarbeiterinnen in meine Heimatstadt zu bringen – wo unsere Zentrale, Schule und ein weiteres Frauenhaus von uns ist.

Ab Mitte der ersten Woche im August
wurden mit allen Beteiligten der 40-seitige Notfallplan täglich via Telefon und Video besprochen. Alle wussten es passiert etwas – nur nicht wann.

Time to say goodbye

Im Mai 2020 schrieb ich nach einem Terroranschlag in meiner Heimatstadt, 5000 Kilometer entfernt mein Testament.
Am Sonntagmorgen legte ich den Schnellhefter mit meinem Willen – wenn mir etwas passieren sollte, auf den Esszimmertisch in meinem Haus. Es brauchte keine Diskussionen über meine Entscheidung, denn die gab es in letzten Monaten mehr als genug.

Um 7.30 Uhr fuhr Marpe mich die wenigen Kilometer zu dem kleinen Flugplatz „The Hague Airport“ nach Den Haag.
An einem abgesprochen Treffpunkt traf ich Joris, den Piloten, der mich in ein europäisches Land, welches ich hier nicht nennen werde, fliegen soll, um dort meinen Bodyguard und eben jenes Flugzeug für nach Afghanistan zu treffen.

Marpe war sehr gefasst, auch wenn wir beide Tränen in den Augen hatten. „Al het beste, mijn engel“, sagte sie unter Tränen.

Schweigend ging ich mit Joris zu seiner Cessna 172, die mich zu einer Militärbasis in einem europäischen Land fliegen soll.
Nach dem Check und Anmelden, rollte Joris los und wenig später spürte ich den Boden nicht mehr.

Kurs in einen Alptraum

Die Schönheit von meiner Wahlheimat nahm ich kaum wahr. Meine Gedanken waren klar und trotzdem lief vor meinen Augen ein Film ab, bei dem mir kalt wurde.
Ich musste mich irgendwie ablenken und scrollte auf meinem Smartphone herum.
Auf Facebook wurde mir ein Beitrag vom  „The Guardian“ angezeigt: Taliban enter outskirts of Kabul as US begins embassy evacuation.

Ihr Feiglinge! Versteckt euch in dem best abgesichertsten Gebäude in Afghanistan und packen die Koffer.

US Botschaft in Kabul

Der Flug über die Nordsee war sehr eintönig und mir gingen zig Wie- Warum-Wieso-Fragen durch den Kopf. Joris machte gar keine Anstalten für ein Gespräch – er wusste wohin ich fliegen muss.

Um kurz nach 10 Uhr war die kleine Cessna in der Nähe der Militärbasis. Ich sah ein riesengroßes Flugzeug auf dem Rollfeld stehen und sagte zu Joris: „Dit wordt waarschijnlijk mijn taxi.“
Joris bekam vom Tower die Landeposition mitgeteilt. Die kleine Cessna rollte auf einen Hanger zu, wo eine beachtliche Gruppe an Menschen stand.
Das Kleinflugzeug kam zum stehen, da kam auch schon ein kleine Gruppe von Menschen auf die Cessna zu. Drei der Leute kannte ich: meinen Bodyguard, den Staatsminister von dem Land, in dem ich jetzt war und der Außenminister.

Marcel umarmte mich fest und gab mir einen Kuss auf die Wange „Ich bin bei dir. Alles wird gut.“ Ich streichte sein schönes Gesicht „ich weiß.“
Der Staatsminister drückte mich fest an sich und wuschelt mir die Haare – macht er immer. Der Außenminister reichte mir die Hand und sah mich offen an „Sie wissen was sie tun?“ Ich nickte „Ja! Weiß ich. Jasper auch.“

In einem sehr großen Raum unterhalb vom Tower wurden mir noch einige Personen aus der Gruppe vorgestellt. Militärs, die drei Piloten, Leute vom Geheimdienst, Beamte und Politiker.
Neueste Bilder und Informationen aus Afghanistan wurden der Gruppe gezeigt und die aktuelle Lage analysiert.
Eine Frau aus dem Innenministerium hatte zwei Ordner mit den Namen bei sich, die Asyl in eben jenem Land bekommen werden, die als erste Gruppe einreisen werden. 107 Namen. Ich kenne von jedem dieser Namen den Lebenslauf.
Im zweite Ordner waren die Namen derer 87 Personen die als letztes eingeflogen würden. Wovon dieser Liste 17 Personen in Zukunft in den Niederlande leben werden. 90 Mädchen und junge Frauen und 10 Mitarbeiter aus meinem Team werden diese Woche Australien als neue Heimat haben.

Die Piloten und ein Major gaben der Gruppe die Flugroute bekannt und das nach Anweisung des Militärs eine Landung in Usbekistan vorgenommen werde.
Ich erkläre den circa 50 Personen in dem Raum noch einmal den Notfallplan und wie der Status aktuell vor Ort sei.

Um 15.30 war alles analysiert, diskutiert und erklärt. Mit einem Bus fuhr mein Bodyguard, ich, 18 Soldaten, die Piloten und vier Männer vom Militärischen Geheimdienst an den Airbus A330.

An Bord zwischen dem Cockpit und der 1. Klasse standen eine Unmenge an Koffer und Taschen. Dies waren zweifellos die Waffen und Ausrüstung der Soldaten, vom Geheimdienst und von Marcel.

Das Flugzeug rollte um 16.17 Uhr zur Startbahn mit Ziel Afghanistan. Mit einem Schlag wurde mir klar, ich werden meine Heimatstadt wahrscheinlich nie wieder sehen werden.

Termez, Usbekistan

Termez Usbekistan

Auf dem Flug lenkte ich mich ab und sprach sehr viel mit Marcel. Er zeigte mir die neusten Foto von seiner Familie und wie stolz er auf seine beiden Söhne sei. Seine Frau, eine wunderschöne Frau mit den wohl schönsten rötlichen Haaren die ich je gesehen habe, lächelte auf dem Hochglanzfoto mich an.
Die Erinnerungen an die Urlaube, oder Kurztrips, bei ihnen in Schottland taten mir gut und lenken etwas von meiner Angst ab.
Marcel ist ein eiskalter Killer und trotzdem ein Mensch mit einem sehr guten, herzlichen und fürsorglichen Charakter. Nur seine Frau kennt seinen „Beruf“.

Mittlerweile war ich schon 18 Stunden wach und fand keine Ruhe in mir. Ich nahm den Ordner mit dem Notfallplan und las wieder die Punkte durch. Mittlerweile könnte ich den Text auch rückwärts auswendig sagen. Marcel hielt meine Hand und sagte immer wieder, dass alles gut werde. Die 18 Soldaten seien ausgebildete Elite-Kampfsoldaten und Scharfschützen. Sie wären für meine und unsere Sicherheit abgestellt – immerhin ein kleiner Trost.

Die Bordküche war prall gefüllt und wir konnten Essen und Trinken was wir wollten. Es gab nur keinen Platzservice durch eine Stewardess – und so etwas nennt man dann 1. Klasse.
Also ging ich die drei Reihen nach vorne in die Bordküche und machte mir Hähnchenfleisch in pikanter Chili-Sojasauce mit Reis warm. Bis das Essen warm war, aß ich ein Stück Apfelstreuselkuchen und trank einen Kaffee dabei.

Zwei der Männer vom Militärischen Geheimdienst, die vor mir saßen, kamen auch an die Bordküche und schauten nach dem Menüplan. Einer der beiden nahm das gleiche wie ich und der andere machte sich Pasta mit Tomaten-Auberginensauce warm.
„Would you like a can of cola?“ Fragte mich der eine. „With pleasure.“ „I’m Mikkel and he’s Steen.“ Hello, i am Nila.“ „I know.“
Bei Kuchen und Kaffee standen wir in der Küche und Mikkel fragten mich sehr viel über Afghanistan. Ich sagte das, was ich schon mein Lebenlang kenne und weiß. Da meine Einschätzung und deren Analyse übereinstimmten, wurde ich von Steen gefragt, ob ich nicht besser das Ressort wechseln möchte. Ich schüttelte den Kopf und erzählte von den Frauenhäuser und meiner Arbeit in den letzten 14 Jahren in Afghanistan.

Nach und nach füllte sich der Bericht an der kleinen Bordküche. Wir hatten sehr angenehme Gespräche bei einem vorzüglichen Rotwein.

Der Landeanflug auf eine NATO Militärbasis in Usbekistan begann.
Das Flugzeug rollte zu einer Parkposition und wurde kurze Zeit später betankt.
Die Männer vom Militärischen Geheimdienst telefonierten wie wild und ich merkte, dass etwas nicht stimmte. Marcel sah mich wortlos an.

In der anderen Bordküche, hinter der 1. Klasse, und erste Reihe links und recht dahinter war ein Chaos an PC’s, Drucker und Kabel.
Ich stand in der Gruppe und sah Dokumente vom Geheimdienst. Uns wurde die chaotische Lage in Kabul aufgezeigt.
Nach deren Meldungen hätte die Armee keinen Widerstand geleistet und alle Flüge wären eingestellt.
Mikkel reichte mir zwei Seiten, auf denen ein Alptraum zu lesen war. Ich konnte dies nicht glauben. „I can’t believe this! Is that really true?“ „Yes. it’s true.“

Ich stehe einen Steinwurf von der Grenze zu Afghanistan und 450 Kilometer Luftlinie von meiner Heimatstadt entfernt, und muss solche Nachrichten erst einmal verarbeiten.
Was nun? Es gibt kein Vertrauen mehr zu Menschen, denen ich jahrelang vertraut hatte. Ranghohe Polizisten und Militärs könnten jetzt unsere Feinde sein.
Müssen wir so kurz vorm Ziel aufgeben?

Es wurden wieder aktuelle Satellitenbilder ausgewertet und die Nachricht, dass sich die Armee kampflos ergeben hätte, war nun der größte Risikofaktor. Mit einem Jumbojet auf einem Flughafen zu landen, der unter Kontrolle von Terroristen sein wird, wird dies ein Himmelfahrtskommando.
Ich rief Samira an und fragte nach dem aktuellen Status in der Stadt. „Die „Party“ ist in Kabul. Hier ist es noch ruhig. Wir haben alle Angst, aber noch ist es ruhig.“ Da Samira Englisch sprach, musste ich das Gespräch für die Gruppe nicht übersetzen. Es wurde nochmals wie wild telefoniert und niemand konnte oder wollte eine Entscheidung treffen.

Der Kapitän von dem Flugzeug sagte, dass es nicht besser werden würde, wenn wir noch länger warten. In Europa wurde heftig diskutiert. Der Staatsminister fragte mich, wie schnell alle Mädchen und Frauen am Flughafen sein können. Samira sagte in zweieinhalb Stunden. Ich fragte den Staatsminister nochmal: „hast du eben Alle gesagt?“ „Ja. Alle! Wir können für einen weiteren Flug nicht garantieren und ich lasse dich nicht in dem Land zurück.“

Notfallplan 2.0

Alles was in den letzten 6 Jahren geplant wurde, konnte ich jetzt in die Tonne treten.
„Ich habe zu lange gewartet. Wir hätten vor Wochen schon Evakuieren müssen.“
Mikkel wedelte mit den zwei Blätter, die ich kurz zuvor gelesen hatte. „Niemand konnte dies ahnen. Also gibt dir jetzt nicht die Schuld! Wir sind hier und es wird eine Lösung geben.“
In weniger als 10 Minuten war klar, dass es nur eine Landung geben wird.
„Wir müssen weit weg von der Aufmerksamkeit auf dem Flughafen diese Aktion durchführen“, sagte Marcel in einem militärischen Befehlston. „That means?“ Fragte der Kommandant der Spezialeinheit. „Hinten! Am Ende vom linken Rollfeld. Da ist Schutz für die Mädchen und niemand rechnet damit.“

Satellitenbilder vom Militärischen Geheimdienst wurden ausgedruckt und besprochen. Jeder Meter auf dem Flughafen wurde analysiert. Wo bleibt das Flugzeug stehen? Von wo müssen wir landen? Wie und wo kann man das Flugzeug drehen? Muss das Flugzeug bei der Evakuierung zuerst gedreht werden?
Wo ist Schutz für die Mädchen und Frauen bis wir da sind? Wie weit ist es von diesem oder jenem Punkt, bis zum Flugzeug, zum Flughafengebäude oder oder oder.
Es wurde gerechnet, skizziert, notiert und diskutiert.

Der Co-Pilot rechnete die Länge der Startbahn. Am Ende der beiden Rollbahnen war noch eine Querverdindung zur anderen Piste. Je nach Windverhältnisse werden Flughäfen aus verschiedenen Richtungen angeflogen. Es ist völlig normal, dass die Flugzeug drehen um zum Terminal oder eben Startbahn zu kommen. Wir werden unter diesen Umständen nicht ans Terminal können. Also bleibt eine Evakuierung nur über die Notfalltreppen am Flugzeug.
Der Kapitän sagte, „Wir kommen von der anderen Seite! So tief und kurz es geht. Rollen bis zum Ende der Startbahn, sammeln die Kinder ein und dann einmal links herum und Abflug.“
Es gab keine andere Option um – hoffentlich, sicher und schnell zu starten.

Termez, Usbekistan

Es wurde entschieden, dass wir drei der vier Notfalltüren auf der rechten Seite benutzen und wie ohne Chaos – aber sehr zügig das Flugzeug beladen wird. Ich schickte die Satellitenbilder und einen Sitzplan vom Flugzeug mit allen Skizzen und Notizen an Samiras Mail Adresse. Sie mussten dies den Mädchen und Frauen erklären – wie; war mir in diesem Moment egal. Die Mädchen haben noch nie ein Flugzeug gesehen und von innen schon gar nicht.

Die Piloten zeigten den Soldaten wo die Notfalltreppen am Flugzeug sind und wie diese funktionierten. Eine Hühnerleiter mit aufklappbarem Geländer trifft wohl besser zu.

Die Kampfsoldaten und Marcel besprachen ihren Einsatz bei der Landung, wie sie das Flugzeug absichern werden und wer außerhalb welche Aufgabe hatte.
9 Scharfschützen, 10 Elite-Soldaten und zwei Männer vom Militärischen Geheimdienst gegen eine unbekannte Zahl von Terroristen. Mikkel und Steen waren für das Filmen aus dem Flugzeug verantwortlich.

Marcel sprach ein weiteres Problem an. Wir waren nicht mehr genug Leute, um an den Türen und im Flugzeug für Ordnung zu sorgen. Einer der Piloten erklärten sich bereit, dass er an die zweite Türen gehen würden. Ich sollte an Tür 3. Mikkel würde an die vierte Tür gehen.

Die Scharfschützen würden das Flugzeug absichert. Ein Scharfschütze an der ersten Tür direkt hinter dem Cockpit. Dort war die 1.Klasse, da diese von uns schon besetzt war, konnte diese Tür auch nicht zur Evakuierung benutzt werden.
Vier Scharfschützen wären an den Türen vom Gepäckraum. Zwei außerhalb des Flugzeugs auf der rechten Seite um das Flugzeug nach hinten abzusichern. Der letze und Marcel draußen auf der linken Seite.
Da meine Mädchen und Mitarbeiterinnen von links kommen werden, waren sie abgesichert.
Ich sprach meine Angst in der Gruppe an, wenn es zu einem Schusswechsel kommen sollte, könnten die Kinder Panik bekommen.
„Nila, don’t worry, we are trained for this.“ Der Kommandant der Spezialeinheit erklärte mir noch einmal die Positionen der Scharfschützen und wer welche Aufgabe bei der Evakuierung hatte.

Die Internationale Flugbehörde in Kanada und für Europa, in Paris, waren schon seit Sonntagmorgen über diesen Flug – der keine offizielle Kennung hatte, informiert.
Der Flug wurde nun von Termez nach Multan in Pakistan, als Frachtflug registriert. Bei den afghanischen Behörden wurde eine Überfluggenehmigung beantragt und diese wurde auch bewilligt. Lediglich der Luftraum über Kabul sei gesperrt. Also muss das Flugzeug einen Bogen fliegen, und nah an dem chinesischen Luftraum bleiben.
Auf den Luftkarten zeigt uns der Co-Pilot die genannte Flugroute und grinste „A minute before we landing, they don’t know we’re coming.“

Wir standen schon fast 5 Stunden in Termez und die Zeit lief gegen uns. Ich rief Samira an und sie bestätigte, das in einer Stunde alle am Flugplatz seien. Dieses Gespräch hörte unter anderem auch der Staatsminister in Europa und er gab grünes Licht.

Der Kapitän sagte über die Lautsprecher, wie er anfliegen werden und das dies etwas unangenehm für den Magen werden könnte. Er würde dies nun beim Start schon mal vorführen.

45 Minuten bis zur Freiheit

Der A330 rollte an und mit einem unglaublichen Schub jagte die Maschine über die Startbahn. Es dauerte wirklich nur Sekunden und ich hatte das Gefühl als ob ich senkrecht in den Himmel geschossen werde. Wenige Augenblick später dachte ich, ich falle – trotz Sicherheitsgurt, nach rechts aus meinem Sitz. Jegliche Achterbahn ist ein Ponyhof gegen einen solchen Start.

„We’ll be landing in 45 minutes. Down, in, out. The pilots leave the engines on. Everything has to happen very quickly.“ Eine klare Ansage vom Kommandant der Spezialeinheit.
Die Männer zogen ihre Schutzwesten und Helme an. Die Waffen wurden klar gemacht und die Body-Cam’s gecheckt.
Die Koffer der Waffen und alles was nicht mehr gebraucht wurde, kam im Heck vom Flugzeug in einen Raum, wo die Kojen für die Crew sind. Jeder Sitzplatz wird bei diesem Flug gebrauch. Eigentlich sollte man meinen, dass ein so großes Flug eine ganze Ortschaft aufnehmen könnte, und jetzt zählte jeder Platz.

Die Gruppen für den Außeneinsatz setzte sich im Flugzeug in den Bereich der Türen. Ich setzte mich in die zweite Reihe an meiner Tür. Marcel setzte sich neben mich.
Wenn man 1.Klasse gewöhnt ist, kommt einem die Economy Claas wie ein Hühnerkäfig vor.

Es waren noch 28 Minuten bis zur Landung. Mir schlug das Herz bis zum Hals. Marcel hatte sein Gewehr auf dem Schoß liegen. Mir gingen Bilder von der Erstürmung der Landshut durch den Kopf und sah die Panzer auf dem Rollfeld stehen. Ich sprach meine Gedanken laut aus. „Nila, niemand weiß das wir kommen. Es gibt keinen Flugverkehr. Warum sollen die Panzer auf das Rollfeld stellen?“ Wo er recht hatte, hatte er recht.

17 Minute bis zur Landung.

Über die Lautsprecher wurde nochmals gesagt, wie wir meine Mädchen und Mitarbeiterinnen ins Flugzeug schaffen müssen. Ich zählte die Reihen, die für mich zuständig waren. Von Reihe 25 bis 32.
Wie kann ich dies Kenntlich machen? Wenn 300 Menschen in Panik in ein Flugzeug stürmen, wird der sowieso schon enge Raum noch kleiner.
In dieser Sekunde kam mir die Idee: die Gepäckklappen über den Sitzen.
Ich schnallte mich ab, zwängte mich an Marcel vorbei und öffnete die Klappen hinter unserer Sitzreihe. Dann lief ich den Gang richtig Cockpit. Bei Reihe 25 öffnete ich links und recht die Klappen. Das gleiche auf dem anderen Gang der Mittleren Sitzgruppe. Ich lief den Gang hoch zu Mikkel und tat bei Reihe  32 das gleiche. „Was machst du?“ Fragte Mikkel. Ich erkläre ihm mein Vorhaben. „Sehr gut. So könnten wir vielleicht ohne größeres Chaos das Flugzeug laden.“

Noch 12 Minuten bis zur Landung.

Ich setze mich neben Marcel und er gab mit einen Kuss „Klasse Idee.“
„10 minutes until landing“, kam es über die Lautsprecher.
„Stellen Sie den Sitz in eine aufrechte position, klappen Sie den Tisch nach unten, wir wünschen Ihnen….“ auf diese Ansage einer Stewardess wartete man bei diesem Flug vergebens. Jeder wusste was er zu tun hatte. Mein Puls war extrem hoch und ich hatte Angst. Im Flugzeug waren Männer die wussten was sie taten. Dies gab mir dann doch etwas Sicherheit.

Anflug auf Gardez

„5 minutes until landing.“

Bei einem normalen Linienflug sieht man schon lange die Landschaft durch die Fenster – hier war immer noch der Himmel zu sehen. Wir waren so kurz vorm Ziel immer noch über den Wolken.
„3 minutes to landing. Now it gets uncomfortable.“
Das Flugzeug legte sich wie beim Start in eine Steilkurve nach links und gleichzeitig nach unten. Ich dachte, mir schlägt jemand die Faust in den Magen.
Es ging in einer gefühlten Schallgeschwindigkeit durch die Wolken.
Jetzt erst sah ich den Hindukusch. „Die Freiheit wird am Hindukusch verteidig…“ sagte einst ein deutscher Politiker. Welche Freiheit?

Der Boden kam unglaublich schnell näher und die Bremsklappen zeigten ihre Wirkung. Durch mein Fenster sah ich meine Heimatstadt näher kommen und mit einem Ruck setzte das Flugzeug auf und sofort bremsten die Reifen diese gewaltige Masse ab.
Nun waren wir im Taliban-Land gelandet und die Zielscheibe meiner Feinde.

Aus meinem Fenster sah ich Häuser und Bauten weit vom Flugfeld entfernt. Ich versuchte jeden Zentimeter zu erfassen. Von wo kommen die Taliban? Schießen sie schon? Wo ist Samira und die Kinder?
Das Flugzeug rollte und rollte immer weiter vom Flughafengebäude weg.
Ich presse mein Gesicht gegen das Fenster um nach vorne zu schauen. Von rechts müssen die Kinder bald kommen. Wie weit ist diese verdammte Rollbahn?
Das Flugzeug bremsten sehr stark ab.
Im Augenwinkel sah ich Menschen laufen.
„Stop!“ Brüllte ich durch das Flugzeug. „Stop!“
Das Flugzeug stand noch nicht, da wurden schon die Türen aufgemacht. Noch im rollen betätigte ein Soldat den Schalter um die Treppe auszufahren.

Das Flugzeug stand

Ab jetzt ging alles in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit. Die Spezialeinheit stürmte mit Marcel aus dem Flugzeug. Ich sah wie die Scharfschützen unter dem Flugzeug auf die anderen Seite liefen.
Die anderen Soldaten liefen den Kinder entgegen. Im laufen zeigen die Soldaten auf die drei Notleitern. Hand in Hand rannten zwei Kinder oder Erwachsene auf das Flugzeug zu. Diese Maßnahme haben wir schon 1000 mal durchgeführt. Seit Jahren machen wir so einen Teil von Bewegungsport. Jetzt wissen die älteren Frauen und Kinder – die schon länger bei uns sind, warum wir dies immer und immer wieder trainiert haben.
Wenn Menschen in Panik sind, und dann stürzen, kann es sein, dass die Person die auf dem Boden liegt, es gar nicht mehr auf die Füße schafft oder sogar tot getreten wird.

Ich hörte Schüsse. Wusste nicht wo und von wem. Die ersten Mädchen hatten die Leiter erreicht. „Hoch, hoch, hoch!“ Brülte ich. Die Frauen und Mädchen kannten eine solche Leiter gar nicht. Ängstlich bewegte sich Marwa die Stufen hoch. „Komm hoch! Schau nicht nach unten! Sieh mich an! Kommt hoch! Schneller!“ Ich zog Marwa ins Flugzeug und sagte, wo sie sich hinzusetzen sollte.
Nach und nach kamen die Mädchen und Frauen die Leiter hoch. „Rein, rein, rein“, schrie ich gegen den Lärm der Turbinen an.
Ich hörte wieder das geschossen wurde. Ich zog zwei weite Mädchen ins Flugzeug, die bei der Höhe der Leiter Angst bekam. „Kommt rein! Ihr braucht keine Angst. Sofort nach links auf die andere Seite. Los, los, los.“

Ich hörte meinen Namen rufen und sah Ava mit einem Kind auf dem Arm. Sie hatte zwei große Taschen links und rechts an sich hängen, und noch das Kind auf dem Arm! Ich lief die steile Treppe herunter und packte das Kind.
Janina hatten einen großen Rucksack auf dem Rücken und ein Kind an der Hand. Der Rucksack schien sehr schwer zu sein, denn sie kam kaum die Treppe hoch. „Lass das Kind los! Lass das Kind los!“ Brüllte ich.
Ich packte das Kind am rechten Arm und zog es die Treppe hoch. „Janina, schmeiß den Rucksack in die Bordküche und schaff Ordnung im Flugzeug! Alle Sitze von außen nach innen besetzen.“

Ich sah auf den letzten 300 Meter zum Flugzeug niemand mehr laufen, also scheinen alle am oder im Flugzeug zu sein. Ich hörte im Flugzeug wie Ava und Zoja die Kinder zählten. „Rein, rein, rein!“ schrie ich nach draußen. An meiner Treppe waren noch etwa 20 Mädchen und Frauen, als die Turbinen hochliefen. Hinter den Mädchen und Frauen sicherten die Soldaten ab. Es fielen wieder Schüsse.
5 Mädchen standen noch an der Treppe. Marcel kam gelaufen und schoss links am Flugzeug vorbei. Hinter uns hörte ich Schüsse.
Bei Mikkel waren noch 5 Frauen an der Treppe. Ich schrie: „hier her. Komm zu mir!“
Wieder fielen Schüsse. Mina stand wie angewurzelt auf der vierten Stufe. „Komm hoch! Komm hoch!“ Schrie ich. Ein Soldaten hinter ihr drückte sie die Leiter hoch. Ich griff nach der Hand von Mina und zerrte sie ins Flugzeug. Marcel kam mit einem Soldaten als letztes die steile Leiter hoch und packte im gleichen Augenblick die schwere Tür und zog sie zu sich. Die Leiter bewegt sich hoch, als das Flugzeug rollte.
Ich hörte im Flugzeug das Kommando „Go, go, go.“

Das Flugzeug fuhr die wenigen Meter auf der Querverdindung und beschleunigte in Richtung Flughafengebäude.
„Ready for take off“ , kam es durch die Lautsprecher. Die Soldaten und meine Mitarbeiterinnen schnallten noch Kinder und Frauen an. Ich war in der Mitte der Sitzreihen fertig. Noch drei Reihen am Fenster musste ich machen. Das Flugzeug wurde immer schneller.
„Attention, attention. We take off, we take off“, war die Durchsage über die Lautsprecher.

Marcel zog mich am Arm zu sich und  schubste mich in eine Sitzreihe links von mir. „Auf den Boden! Halte dich fest.“
In diesem Moment war das Flugzeug in der Luft. Der Geräuchspegel im Flugzeug war sehr laut. Die Kinder und Erwachsene hatte Angst. Mit vollem Schub ging es fast senkrecht in den Himmel. Der Druck im Kopf und Ohren war gewaltig.
„Nila, Nila!“ Schrieen die drei Mädchen in deren Sitzreihe ich auf dem Boden lag. „Alles ist gut. Habt keine Angst.“
Es ging immer weiter nach oben. Ich lag mit dem Bauch auf dem Boden und packte mit beiden Händen die Sitzhalterung der vorderen Reihe.
Das Flugzeug schoss immer weiter in den Himmel und mir schnitt das Aluminium von der Sitzhalterung in die Hand. Links drücken mir die Beine von zwei Mädchen in die Rippen.

Nach ein paar Minuten hörte ich „Save. We are over the airspace of Pakistan“ über die Lautsprecher. Ich fing an zu weinen. Wir haben es tatsächlich geschafft. Wir sind in Sicherheit. „Nila, come into the cockpit, please“ , sagte der Flugkapitän.
Ich quetschte mich vom Boden auf den Knien aus der Sitzreihe.
Auf dem Weg nach vorne sah ich verängstigte Kinder und Frauen. Mein Team und die Soldaten an Bord kümmerten sich um sie. Samira kam auf mich zu und weinte „Wir haben es geschafft.“ Ich umarmte meine Freundin „Ja.Wir haben es geschafft. Danke für alles.“

Im Cockpit wurde mir ein Telefonhörer gereicht. Am Telefon war der Staatsminister und langjähriger Freund von mir. Ich sagte ihm, „alles ist gut. Wir sind auf dem Heimweg. Drei Kleinkinder die nicht auf den Listen stehen, sind noch an Bord. Ich kann dir erst mehr sagen, wenn ich einen Überblick in dem Chaos habe.“

Ordnung schaffen im Chaos

Um nun Ruhe in das Flugzeug zubekommen, bat ich nach dem Mikrofon für die Lautsprecher. Steen zeigte mir den Hörer, den die Stewardessen immer benutzten um zu erklären, wo die Schwimmwesten sind und was man alles beachten muss.

Ich erkläre den Mädchen und Frauen, wo dieser Flug hingehen wird und wir non Stop fliegen werden. Wo die Toiletten im Flugzeug sind und wie man diese benutzt. Wir haben schließlich einen langen Flug vor uns. Wer Schmerzen oder Übelkeit hat, sollte sich bitte melden.

Elite-Soldaten als „Saftschubse“

Nach zwei Stunden hatten wir das Chaos und die Angst der Mädchen und Frauen im Griff und sie mit Getränken versorgt. Da wir vor dem Start eine kurze Einweisung in das bedienen der Bordküchen bekamen, konnten wir auch das Essen warm machen. Wie die Flugbegleiter_innen dies gleichzeitig für alle Passagiere hinbekommen, ist mir ein Rätsel. Wir machten es so gut es ging. Mein Team und einige Soldaten verteilen das Essen.

In der 1.Klasse saß ich direkt hinter dem Cockpit mit Ava, Janina, Samira und Zoja auf dem Boden. Vor uns die Männer vom Militärischen Geheimdienst, Marcel und der Kommandant der Spezialeinheit.
Wir besprachen jetzt den Einsatz. Steen wollte uns „Mädels“ die Filmaufnahmen nicht zeigen. Janina sagte ihm die passende Antwort: „Die „Mädels“ haben schon schlimmeres gesehen.“
Was wir sahen, werde ich nicht schreiben, denn dies sind Aufnahmen vom Geheimdienst. Die Auswertungen werden nun wahrscheinlich noch einige Tage dauern.

Janina öffnete ihren Rucksack, zog drei Festplatten heraus und sagte trocken: „diese Auswertungen werden Jahre brauchen.“ Ich sah Janina fragend an. „Nila, du glaubst doch nicht, dass wir all unsere Daten zurücklassen. Wir haben sämtliche Festplatten ausgebaut und alles andere verbrannt oder zerstört.“ Ihr kamen die Tränen. „Alles wofür wir gelebt haben, existiert nicht mehr.“

Das Fazit der Freiheit

Es mag sein, dass ich als Heldin gefeiert werde – dies bin ich nicht!
Ich habe durch jahrelange Freundschaften und Zusammenarbeit ein unglaublich starkes Team an meiner Seite. Auch habe ich vor vielen Jahren durch Zufälle die vielleicht richtigen Menschen getroffen, um aus einer alten Schule und einem heruntergekommen Haus, einen Grundstein für mein Leben zu legen.

Vieles habe ich mit wunderbaren Menschen in den letzten Jahren geschafft und aufgebaut. Immerhin hatten wir ein Netzwerk von 46 Frauenhäuser in Afghanistan und Pakistan.

Vor 31 Jahren wurde ein 10-jähriges Mädchen gezwungen seine Heimat und Eltern zu verlassen. Eine Flucht in Angst, Gewalt, Entbehrungen und Tod zu erleben, wünscht man niemand.

14 Jahre lebte dieses verängstigtes Kind in einem fremden Land bei einer fremden Tante und Onkel. Mir wurde von beiden sehr viel mit auf den Weg gegeben, wofür ich meinen heutigen Eltern für immer dankbar sein werde.

In den letzten 16 Jahren verlief mein Leben nicht gerade lustig. 2005 kam mein Vater bei einem Autobombenanschlag ums Leben. Ich flog damals von Deutschland zurück ins Chaos aus Krieg und Terror.

Eineinhalb Jahre nach dem Tod von meinem Vater, fand ich eines morgens meine Mutter tot in ihrem Bett – sie hatte sich das Leben genommen. Ihr Trauma von diesem Heimtückischen Anschlag hatte sie nicht verkraften.
Die Taliban nahm mir das zweimal meine Eltern.

Die Taliban wollten mich schon 2017 töten. Feige aus dem Hinterhalt hatten sie auf mein Auto geschossen. Die Quittung waren 4 erschossen Kämpfer der selbst ernannten Gotteskrieger.

Meine Tochter schaffte ich wegen diesen Terroristen 5000 Kilometer weit in Sicherheit  – ich kam zurück und stellte mich dem Terror entgegen.

Nun habt ihr Gotteskäpfer wieder ein ganzen Land als Geisel und eure Worte sind nur Lügen.

Ihr zeigt dieser Welt euren menschenverachtenden „Glauben“ und seid nur mir euren Waffen stark.
Auch diesmal habe ich aus privater Rache gegen euch, meine Stärke gezeigt!

Das kleine Flüchtlingskind von einst, kam mit Kampfsoldaten und einem Flugzeug mitten in euer Reich um wenigstens ein paar Zeitzeugen eurer Grausamkeit zu retten.

Durch euch habe ich meine Heimat, meine Kindheit und Eltern verloren.
Durch mich haben wieder einmal ein paar von euch das Leben verloren.

Quid pro quo

Nila Khalil, im Jahr als die Freiheit am Hindukusch verloren ging

Die Zukunft von Afghanistan wird schwarz

Afghanistan ist seit 70 Jahren der Spielball der Nationen und keiner weiß es.

Um die Lage von Afghanistan zu begreifen, muss man die Machenschaften der UdSSR, CIA, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emirate kennen; und zum anderen in der Geschichte weiter zurückgehen.

Autoren Naike Juchem und Nila Khalil

Ende der 70er Jahren kam Afghanistan hin und wieder in den Medien vor, als die UdSSR in Afghanistan intervenierte. Die UdSSR war eine Weltmacht und sah eine Bedeutung durch die USA mit ihrer Kriegsmarine und Atombomben.

Das Territorium der UdSSR umfasste nach dem zweiten Weltkrieg eine Fläche von 22,4 Millionen Quadratkilometern. Dies war fast ein Sechstel des Festlandes der Erde. Von der West-Ost-Richtung erstreckte sich die UdSSR vom Schwarzen Meer, der Ostsee bis hin zum nördlichen Pazifischen Ozean.

Die UdSSR hat trotz dieser gewaltigen Größe keinen geografischen Zugang zum südlichen Pazifik, bzw. Indischen Ozean. Um auch dort mit der seiner Marie präsent sein zu können, wollte man einen Korridor von Usbekistan, was zur Russischen Föderation gehörte, durch Afghanistan und Pakistan. Da Pakistan an der Küste des Arabischen Meeres, eines Nebenmeeres des Indischen Ozeans liegt, wäre der militärische Zugang in den südlichen Pazifik gesichert gewesen.

Dieses Vorhaben scheiterte am Widerstand der Mujahideen, die umfassend mit finanzieller, materieller und personeller Unterstützung aus den arabischen Staaten profitiert habe. Hier sei die CAI, Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Pakistan erwähnt.

Der Begriff Mujahideen verwenden Muslime um diejenigen zu beschreiben, die sich als Krieger im Namen Allahs für den Islam zu kämpfen sehen. Das Wort ist von der gleichen arabischen Wurzel wie der Dschihad – der heilige Krieg.

Ein Sinnloser Krieg gegen einen unsichtbaren Feind

Im Februar 89 beendeten die UdSSR einen Sinnlosen Krieg und zogen sich aus Afghanistan zurück. Was übrig blieb war ein Chaos aus innenpolitischer Zerstrittenheit und ein Land das wirtschaftlich am Boden lag.

Durch den Rückzug der UdSSR sahen sich die Mujahideen als „Arbeitslos“ und durch die Zerstrittenheit der vielen Ethnien im Land, sahen diese nun endlich die Möglichkeit einen Gottesstaat nach ihrem Willen aufzubauen. Auch hier waren Religionsgelehrte aus dem arabischen Raum im Hintergrund.

Kaum ein anderes Land der Welt befindet sich seit so langer Zeit in einem permanentem Kriegszustand. Im Zuge dieses Kriegs wurde das gesamte Land in Schutt und Asche gebombt; 1,5 Mio. Menschen verloren ihr Leben. Weitere Kriegsfolgen sind die Erblast von über 10 Mio. Anti-Personen Minen ( in keinem anderen Land der Welt liegen mehr Minen), eine Analphabetenrate von über 90 % und die Flucht von zeitweise bis zu 6,5 Mio. der 14 Mio. Einwohner Afghanistans nach Pakistan und Iran.

Auf den ersten Blick gleicht der Afghanistankrieg einem undurchsichtigen Chaos, in dem andauernd neue Fraktionen auftreten, die sich in ständig wechselnden Koalitionen bekämpfen. Jedoch lassen sich auf den zweiten Blick zwei Konfliktebenen unterscheiden: Zum einen gibt es die internationale Konfliktebene, da der Afghanistankrieg stark von den sicherheitspolitischen, wirtschaftspolitischen und ideologischen Interessen ausländischer Mächte, insbesondere seiner Anrainerstaaten, bestimmt wird. Zum anderen gibt es die innerafghanische Konfliktebene, auf der zunehmend Ethnizität an Bedeutung gewinnt. Beide Konfliktebenen sind miteinander verzahnt und haben in den Kriegsparteien ihre Überschneidungspunkte. Daher wird die Zukunft von Afghanistan nur jene gestalten können, die langfristig die Fraktionen militärisch und politisch behaupten. Da es an ausländischer Unterstützung für die Taliban nicht mangelt, ist ein erneuter Krieg unumgänglich.

Um Afghanistan zu begreifen, muss man in der Geschichte zurückgehen

Ein Reich mit der Bezeichnung Afghanistan existiert seit 1747. Afghanistan in seinen heutigen Grenzen entstand jedoch erst Ende des 19. Jahrhunderts als Pufferstaat zwischen den Interessengebieten der Kolonialmächte Britisch-Indien und Russland. In dieser Staatsgründung war das wesentliche Konfliktpotential Afghanistans schon von Anfang an angelegt.

Bei Afghanistan handelt es sich um einen Vielvölkerstaat, in dem über 50 ethnische Gruppen leben. Die größte Ethnie sind die segmentär organisierten Paschtunen, die in verschiedene Stammesverbände zerfallen; die Konföderationen der Durrani und Ghilzai bilden die umfassendsten paschtunischen Stammeseinheiten. Weitere wichtige ethnische Gruppen sind die Usbeken in Nordafghanistan und die Hazara im zentralen Hochland. Unter der Sammelbezeichnung Tadschiken wird die persischsprachige, sunnitische Bevölkerung Afghanistans zusammengefasst.

Die ethnische Vielfalt in Afghanistan drückte sich seit Jahrzehnten in der gesellschaftlichen Schichtung aus. Die Paschtunen erschienen nach außen hin als die staatstragende Ethnie. Sie stellten von 1747 bis 1973 mit dem Königshaus, das dem durranischen Stammesverband angehört, die Spitze des Landes. Auch die traditionelle Elite bestand in ihrer Mehrheit aus paschtunischen Adligen. Die Tadschiken bildeten das Gros der Mittelschicht, weshalb sie die Wirtschaft und staatliche Verwaltung dominierten. Die Usbeken hatten auf den afghanischen Machtapparat nur wenig Einfluss und waren weitgehend auf ihren Siedlungsraum beschränkt. Die Hazara bildeten aufgrund ihres turko-mongoliden Aussehens und ihrer schiitischen Konfession eine marginalisierte Ethnie, die weitgehend von der Partizipation an den gesellschaftlichen Ressourcen ausgeschlossen bleibt.

Die CIA tragen eine Mitschuld an dem Chaos in Afghanistan *

Der auf Drogen aufgebauten Irrsinn zeichnete sich ab, als der weltweite Drogenhandel sich auf dem Tiefpunkt seiner jüngeren 200-jährigenGeschichte befand: mitten im Zweiten Weltkrieg. In den USA war der Reinheitsgehalt illegalen Heroins von 28 Prozent 1938 auf nur drei Prozent drei Jahre später gefallen – ein Rekordtief. Zugleich hatte die Anzahl der Süchtigen rapide abgenommen: Nur noch etwa 20.000 waren es1944/45, ein Zehntel derjenigen, die noch 1924 gezählt worden waren.

Ende der 40er Jahre sah es ganz danach aus, als würde die Heroinsucht in den USA ein unbedeutendes Problem werden. Innerhalb eines Jahrzehnts jedoch blühten die Drogensyndikate wieder, die asiatischen Mohnfelder dehnten sich aus, in Marseille und Hongkong schossen Heroinraffinerien aus dem Boden. Der Grund für diese Erholung des Heroinhandels ist in einer Abfolge von CIA-Bündnissen mit Drogenhändlern zu finden.

Die CAI unterhielt sehr enge Kontakte zu korsischen Drogensyndikate in Marseille, nationalchinesischen Truppen in Birma und korrupten thailändischen Polizisten.

  • lesen Sie hierzu den externen Bericht: Die CIA und ihr Opium

Eine unlösbare Zwickmühle

Die weltweit zunehmende islamistische Gewalt, der Staatszerfall in Asien und Afrika und der daraus resultierende Flüchtlingsstrom nach Europa zwingen die internationale Gemeinschaft, sich verstärkt mit der Befriedung von Krisenregionen und mit gesellschaftlichem Wiederaufbau zu beschäftigen. Wie man aber Lösungen für die Konflikte und Kriege erarbeiten will, sind äußerst schwierig, da zu viele Interessen an politischen, wirtschaftlichen und nicht zuletzt religiösen Gründen auf keine Einheit hinauslaufen werden – und dies auf dem Rücken der Zivilgesellschaft ausgetragen werden.

Nach fast 20 Jahre des internationalen ISAF Einsatz in Afghanistan herrscht in der Öffentlichkeit die Ansicht vor, der ISAF Einsatz sei generell fehlgeschlagen. Zwar waren fast alle militärischen Operationen zur Bekämpfung der Taliban von Erfolg gekrönt, und dennoch gelang es trotz gewaltiger finanzieller und personaler Anstrengungen nicht, eine stabile politische und funktionierende Verwaltung, sowie eine effektive Justiz zu etablieren.

Ebenso ist ein Großteil der afghanischen Bevölkerung der Meinung, die Lasten des Krieges seien ungerecht verteilt worden und sie hätte vom bisherigen Wiederaufbau nicht ausreichend profitiert. Bei Frauenrechten, Bildung, Gesundheit und Medien kann die internationale Allianz erfolgreiche Erfolge vorweisen, aber leider stehen diese Errungenschaften auf sehr wackeligen Beinen, da ihnen die ökonomische und gesellschaftliche Unterstützung fehlt.

Die internationalen Beziehungen zwischen Deutschland und Afghanistan gibt es schon seit 1919. Während der kritischen Sicherheitslage von Mitte der 1980er-Jahre bis 2001, hatte Deutschland kein Botschaft in Afghanistan unterhalten. Erst nach der Afghanistan-Konferenz von 2001 wurde wieder ein deutsches Verbindungsbüro in Kabul eingerichtet, das im Folgejahr wieder zur Botschaft aufgewertet wurde. Die deutsche Botschaft war die erste diplomatische Vertretung eines Staates in Afghanistan nach Ende des Taliban-Regimes.

Afghanistan liegt laut der Weltbank beim Investitionsklima auf Platz 162 von 175 untersuchten Ländern. 60 Unternehmen aus Deutschland waren schon kurz nach dem Sturz des Taliban-Regimes in Afghanistan vertreten.

Während die großen deutschen Konzerne zumeist mit Subunternehmen in Afghanistan tätig sind, unterhalten vor allem kleine und spezialisierte deutsche Firmen Vertretungen in dem Land. Siemens baut zum Beispiel das Telefonnetz aus und ist an der Modernisierung von zwei Wasserkraftwerken beteiligt. Der Essener Baukonzern Hochtief repariert und baut Straßen.

Die in Hamburg lebende Familie Rahimi, hat das 1968 in Kabul gegründete Hoechst-Werk vor einigen Jahren gekauft und stellt dort Hustensaft, Schmerzmittel und Antibiotika her. Die Afghanistan Investment Support Agency, wirbt damit, dass ihr Land als einen der weltweit am schnellsten wachsenden Märkte anpreist und seit 2003 bereits 2,4 Mrd. Dollar investiert wurden. Der Internationale Währungsfonds rechnete im Jahr 2007 mit einem Wirtschaftswachstum in Afghanistan von zwölf Prozent.

Die Meinung der meisten in Afghanistan engagierten Staaten lässt sich mit wenigen Worten beschreiben: Sicherheit ist Voraussetzung für politische Stabilität und politische Stabilität für wirtschaftlichen Aufbau. Heute ist klar, dass diese Strategie nicht funktioniert hat.

Alle Bemühungen der Alliierten für Sicherheit und Ordnung in Afghanistan aufzubauen, sind am Tag mit den „Friedensgesprächen“ in Doha, zwischen den USA und der Taliban gescheitert. Die USA lies mit ihrer Unterzeichnung das Volk von Afghanistan ins offene Messer laufen. Dieses perfide Abkommen mit Terroristen und das Versprechen, die USA werde ihre Truppen abziehen, war der ungehinderte Zugang der Taliban, um wieder die Herrschaft über Afghanistan zu gewinnen.

Nichts wurde in all den Jahren an Frieden und Sicherheit gewonnen.

Die Lage in Afghanistan hat sich seit Mai 2020 dramatisch verschlechtert und mit jedem weiteren Tag rücken die Taliban in immer mehr Städte und Provinzen vor.

Es ist abzusehen, dass ohne Alliierte Hilfe Afghanistan erneut ins Mittelalter katapultiert wird. Da im letzten Jahr China schon Truppen in die Nähe von Afghanistan verlegt hat, ist nun die Frage, wer wird als erstes das aufkommenden Taliban-Regime bekämpfen.

Die unglaublich Menge an Ressourcen werden einen nächsten Krieg nicht verhindern

Der run auf Ressourcen hatte nach dem Sturz des Taliban-Regimes schon einige Länder auf den Plan gerufen.

Die Türkei mischt seit 2001 in dem NATO geführten ISAF Einsatz kräftig mit und arbeitete in Afghanistan mit den selben Instrumenten wie die anderen Staaten: Streitkräfte, Institutionen

der Entwicklungszusammenarbeit und Hilfsorganisation. Die Türkei hat aber zwei weitere Punkte im Blick: die Außenwirtschaftspolitik und Investitionen durch private Firmen.

Bereits 2001 hatte die Türkei ihr ökonomisches Interessen klar definiert: der Energie- und im Transportsektor.

Die nachgewiesenen Öl- und Gasbestände in Afghanistan sind mittel- und langfristig für die türkische Wirtschaft genauso interessant wie auch chinesische Pläne, neue überregionale Transportwege (Projekt Seidenstraße) zu bauen, die durch Afghanistan bis nach Anatolien führen soll.

Die Ressourcen sind Fluch und Segen für Afghanistan. So haben US-amerikanische Geologen vor 10 Jahren riesige Vorräte an Lithium, Kupfer, Eisen und Gold entdeckt, die bis zu 1000 Milliarden Dollar wert sein sollen. Die Vorräte an Kupfer, Lithium, Eisen, Gold und Kobalt reichten aus, das Land zu einem weltweit führenden Rohstoffexporteur zu machen. Afghanistan hat somit das Potenzial, zum „Saudi-Arabien des Lithiums“ zu werden. Lithium wird für wiederaufladbare Batterien gebraucht – für Handys, Laptops oder Elektroautos.

Die US-Geologen beschreiben zudem große Vorkommen von „seltenen Erden“, die für nahezu alle Hightech-Produkte gebraucht werden und die zu 97 Prozent in China abgebaut werden. Westliche Exportunternehmen sind auf solche Rohstoffe angewiesen. Käme der Abbau von Bauxit in der Nähe von Baghlan in Gang, könnte gleichzeitig der seltene Rohstoff Gallium gewonnen werden, der etwa für Dünnschicht-Solarzellen gebraucht wird.

Der Sensationsfund könnte das Rückgrat der Wirtschaft werden. Der Nachteil wird die weitere Destabilisierung der Region werden. Durch eben jene Vorkommnisse könnte Afghanistan zum geopolitischen und geoökonomischen Brennpunkt der Welt werden.

Die Geschichte zeigt, dass solche Ressourcen für die betroffenen Länder eher Fluch als Segen sind. Gleiches ist heute schon im Kongo zu sehen.

Entdeckt wurden viele der Rohstoffreserven mithilfe von Karten- und Datenmaterial sowjetischer Bergbauexperten, die noch aus der Zeit der sowjetischen Besatzung in den 80er Jahren stammen. Nach dem Rückzug der sowjetischen Truppen und dem darauffolgenden Chaos nahmen afghanische Geologen die Karten an sich und brachten sie nach dem Sturz der Taliban 2001 in offizielle Dokumentensammlungen zurück. Dort fanden die US-Geologen die Aufzeichnungen 2004 und stellten auf ihrer Basis eigene Forschungen an. 2007 bereits veröffentlichten sie Berichte über die zur Rede stehenden Riesenvorkommen, allerdings ohne auf größeres Interesse der Regierung zu stoßen. Erst 2009 wurde eine Pentagon-Abteilung zur Wirtschaftsförderung auf die Erkenntnisse aufmerksam und ließ die Unterlagen nochmals prüfen.

Nun bleibt abzuwarten, wie politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich dieses enorme Kapital einsetzen lässt um eine weitere Eskalation des Terrors zu verhindern.

2012 investierte TPAO, die staatliche Ölfirma der Türkei, 100 Millionen US-Dollar und startete Bohrungen auf bereits explorierten Öl- und Gasfeldern im Norden Afghanistans. Die eigenen Interessen offen zu verfolgen hat der Türkei bislang nicht geschadet. Im Gegenteil, die afghanische Seite sieht sich eher auf gleicher Augenhöhe, wenn sie als Wirtschaftspartner und nicht als Hilfeempfänger angesprochen wird. Etlichen türkischen Bauunternehmen gelang es in relativ kurzer Zeit, auf dem afghanischen Markt Fuß zu fassen. Im Hoch- und Tiefbau hatten sie in den ersten Jahren des westlichen Engagements mehrere Nato-Aufträge übernommen. Dank der Erfahrungen, die sie dabei sammelten, konnten sie sich später größere öffentliche Bau- und Infrastrukturprojekte sichern. So wurden mehrere Abschnitte der afghanischen Ringroad, die die größeren Städte des Landes miteinander verbinden soll, von türkischen Unternehmen gebaut.

Auch in der Handelspolitik machte die Türkei lokale wirtschaftliche Engpässe für die eigene Wirtschaft zu nutzte. So sind türkische Geschäftsleute auf dem afghanischen Markt stark vertreten. Türkische Produkte sind begehrt. Oft sind sie der chinesischen, pakistanischen und iranischen Konkurrenz qualitativ überlegen und bezahlbar. Ein Vorzug türkischer Unternehmer ist zweifellos, dass sie risikobereiter sind als die meisten europäischen und US-amerikanischen Unternehmen.

Auch türkische Unternehmer und ihre Mitarbeiter wurden entführt oder gar getötet. Dennoch haben sie es größtenteils vermieden, sich hinter hohen Mauern und Stacheldraht zu verschanzen. So vermittelten sie den Einheimischen das Gefühl, sich nicht von ihnen abzuheben. Türkische Firmen werden vor Ort aber auch deshalb geschätzt, weil sie afghanische Arbeitskräfte einsetzen. Zwar ist der Verdienst bescheiden, doch einen Arbeitsplatz zu haben ist in Afghanistan mit seiner extrem hohen Arbeitslosigkeit bereits ein Privileg.

Die Türkei zieht die Fäden im Hintergrund

Die Türkei befürwortet eine regionale Lösung des Konflikts und initiierte deshalb den sogenannten Istanbul-Prozess. Die Türkei bindet darin nicht nur alle Nachbarn Afghanistans ein, sondern kooperiert auch mit USA, Russland, China sowie auch mit Großbritannien und Deutschland.

Türkische Generäle hatten mehrfach die Leitung verschiedener Teile der ISAF-Truppen. Zweimal kommandierten türkische Offiziere den gesamten ISAF-Einsatz. Dreimal übernahm die Türkei die Verantwortung für die Sicherheit in der Hauptstadt Kabul und in der Provinz Wardak. Heute schützen türkische Truppen den internationalen Flughafen in Kabul – auch dies aus wirtschaftlichen Gründen, für deren Export.

Auch ist die Türkei maßgeblich an der Ausbildung der Afghanischen Nationalarmee und der Nationalpolizei beteiligt und finanziert mehrere Militärschulen. So kommen Waffen aus Deutschland, Frankreich und Israel legal ins Land. Da die türkischen Geheimdienste mit internationalen Partnern zusammen arbeiten, ist es für andere Dienste sehr schwer – wenn nicht gar unmöglich, dieses Netzwerk zu durchschauen.

Ein falsches Spiel von „Brüder im Glauben“

Ungeachtet dieser engen Zusammenarbeit wird die türkische Beteiligung an militärischen Maßnahmen oft nur als symbolisch bezeichnet. Denn die Türkei hat es von Beginn an abgelehnt, sich an militärischen Aktionen gegen die Taliban, an der Terrorbekämpfung, aber auch an Operationen gegen die Produktion von Drogen und den Handel mit ihnen zu beteiligen; selbst bei der Minenräumung enthält sich die Türkei.

Die Türkei sieht sich nicht als Besatzungsmacht und signalisieren – mit Erfolg, der afghanischen Bevölkerung. Das dieser „brüderliche Glaube“ sehr zum Nachteil der Bevölkerung werden kann, wird seit Jahren nicht gesehen – und dies ist ein fataler Fehler in Anbetracht der immer stärker werdenden Taliban.

Nicht einmal wurde Militärcamps der Türkei seitens der Taliban angegriffen, womit sich bei der Bevölkerung ein positives Bild für die Türkei zeigt.

Doch solange die türkische Regierung immer noch im Glauben ist, sich in einem Konkurrenzkampf mit dem Westen zu befinden, wird Afghanistan von Menschen gleichen Glaubens still und heimlich unterwandert.

Die Taliban braucht keinen Drogenhandel – sie bekommen Steuern

Opium ist trotz allem für Afghanistan eine sehr lukrative Einnahmequelle und dies weiß eigentlich jeder. Die Taliban war in Afghanistan nie weg. In den letzten 10 Jahren haben sie immer wieder Provinzen und Städte eingenommen. So kamen sie auch immer an Waffen und Munition, die sie bei den Stürmungen auf Militär- oder Polizeikasernen erbeuteten.

Die Taliban haben in Afghanistan eigene staatsähnliche Strukturen aufgebaut, mit sogar eigenen Gerichten. Durch den illegalen Landraub, verfügt die Taliban quasi über ihr eigenes Land – so hat diese Terrorgruppe Steuereinnahmen. Auch durch die Besetzung und Kontrolle von Grenzübergänge, bekommen die Taliban Einnahmen durch Zollgebühren.

Der Geldstrom aus dem Ausland, wie dieser noch in den 90er Jahren war, ist nicht mehr in dem Maße, wie einst. Auch wenn Geheimdienste Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Pakistan im Visier haben, dementieren dies vehement.

Durch den alltäglichen Terror und seit Wochen das schnelle Vorrücken auf Städte und Provinzen, mangelt es den Taliban nicht an finanziellen Mitteln. Sie plündern und rauben was ihnen unter die Finger kommt.

Was kommt wird alle bisherigen Prognosen übersteigen

Der Krieg rückt näher, und somit auch die Angst vor einer erneuten Übernahme der Taliban. Die nächsten Wochen werden zeigen, wie sich die internationale Gemeinschaft in Afghanistan verhält. Je mehr Staaten ihre Botschaften schließen werden, desto mehr verliert die Bevölkerung den Glauben an die Regierung und das bisherige Staatssystem.

Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Taliban Kabul angreift und die jetzige Regierung stürzen wird. Die Apokalypse steht vor der nächsten Stufe und das was kommt, wird ein Massenmord.

Die Menschen wissen nicht mehr wohin sie noch fliehen sollen, und die hoch ausgebildeten Militärs werden sich wohl kaum der Taliban beugen. Wenn das jetzige Staatssystem zusammen bricht und die Soldaten und Polizisten keinen Sold und Lohn bekommen werden, steht einem Bürgerkrieg kaum noch was im Weg.

Die Taliban wird ihrerseits die zivil Bevölkerung als Schutzschilde nutzen, wie sie dies vor 20 Jahren schon einmal taten und in den von ihnen kontrollierten Provinzen schon seit Jahren tun.

Mit jedem Tag, an dem die Taliban Städte und Provinzen einnehmen, sinkt die Hoffnung auf ein Ende der Gewalt und Terror.

Naike Juchem und Nila Khalil, 14. August 2021

Quelle

– Alfred W. McCoy. Professor an der Universität Wisconsin für südostasiatische Geschichte. Die CIA und das Heroin. Weltpolitik durch Drogenhandel

– Bundeszentrale für politische Bildung

– Library.fes.de Conrad Schetter

– Naike Juchem & Nila Khalil: Die Zukunft von Afghanistan wird schwarz

– Naike Juchem, Textauszug aus Kapitel 11, Teil III: Zu Besuch bei der Deutschen Botschaft

– Stiftung Wissenschaft und Politik

Diskriminierung im Namen der Religion

Ein Bericht über ein Frauenverachtendes Weltbild einer patriarchalischen Gesellschaft, falsche Auslegungen niedergeschriebener Überlieferungen und die Religionsflucht der Elite.

Autoren Cosima Schayani und Nila Khalil

‚My achievements have been overlooked‘

Für die 32-jährige Iranerin Shohreh Bayat sollte die Schachweltmeisterschaft der Frauen 2020 in Shanghai ihr Karrierehöhepunkt werden, stattdessen wurde es ein Alptraum.

Bayat war bei dieser WM als Hauptschiedsrichterin eingesetzt und machte einen guten Job. Es gibt wenige weibliche Schiedsrichterinnen die auf dem höchstem Niveau in der Welt sind und Shohreh Bayat ist die einzige in Asien überhaupt.

Ein Bild von ihr ging um die Welt, welches Bayat zeigte, auf dem ihr Hijab auf ihren Schultern lag, und nicht wie es die Religionsgelehrten im Iran den Frauen vorschreiben – nämlich das Haar mit einem Hijab zu bedenken.

Einen Tag nach der Veröffentlichung dieses Fotos schäumten die Religionsführer im Iran vor Wut und Empörung. Sie drängen Shohreh zu einer schriftlichen Erklärung – die sie nicht gab.

Am nächsten Tag und bis zum Ende des Turnier verzichtete Shohreh gänzlich auf den Hijab.

Freunde von ihr warnten sie, zurück in den Iran zu kommen, denn sie würde dann verhaftet werden.

In einem Interview der BBC sagte Shohreh „Ich habe den Hijab toleriert, weil ich im Iran lebe. Ich hatte keine andere Wahl gehabt. Es gibt viele Menschen im Iran, die wegen des Kopftuchs im Gefängnis sitzen. Es ist ein sehr ernstes Thema. Vielleicht wollen sie ein Exempel an mir statuieren“, und fügt hinzu, dass sie „total in Panik“ geraten sei, als sie die Reaktion im Internet sah.

Shohreh sagt weiter, dass sie den iranischen Schachverband gebeten habe, eine Erklärung zu schreiben, in dem ihre Sicherheit bei der Rückkehr in den Iran garantiert werde. Dies lehnen seinerseits der iranischen Schachverband ab.

Der Internationale Schachverband hingegen, hat sich nicht offiziell zu der Situation geäußert, da Shohreh Bayat keine derer Regeln gebrochen habe.

„Meine Leistungen wurden übersehen“

Shohreh Bayat ist wütend, dass der Streit über ihre Kleidung mehr Reaktionen brachte als ihre Leistungen bei dieser Schach-WM.

„Mir fällt keine iranische Frau ein, die bei einem so hochrangigen Turnier gearbeitet hat. Aber das einzige, was für die Religionswächter zählt, ist mein Hijab, nicht meine Qualifikation. Das beunruhigt mich wirklich“, so Shohreh weiter in dem Interview der BBC.

Der Blick nach vorne, auch wenn es weh tut

Bei all den Anfeindungen und sogar Morddrohungen gegen Shohreh konzentriert  sie sich auf ihre eigentliche Aufgabe: Sie ist Schiedsrichterin in Wladiwostok, wenn die Chinesin Ju Wenjun ihren Titel gegen die russische Herausforderin Alexandra Gorychkina verteidigt.

Über ihren eigenen nächsten Schritt ist sich Shohreh noch nicht sicher. Da sie nicht in den Iran zurückkehren kann, ist Shohreh zu dem Entschluss gekommen, dass sie nichts mehr zu verlieren hat und hat ihren Hijab ganz abgelegt.

„Das ist eine sehr schwere Entscheidung. Ich bin so traurig, weil ich meine Familie vermissen werde“, gesteht sie der BBC, obwohl sie sagt, dass das Abnehmen des Hijab für sie eine Befreiung ist und „ich nun ich selbst sein kann“.

Teil II
Alles eine Frage der Interpretation

Einführung zum Koran

Der Koran gilt als das heilige Buch des Islam. Der Koran entstand zu Lebzeiten des Propheten Mohammed (570-632), wurde aber erst nach seinem Tod niedergeschrieben. Zu seinen Lebzeiten soll Mohammed mehrere Offenbarungen erhalten haben, deren Ergebnis der Koran war.
Das arabische Wort قرآن (qur’ān) bedeutet wörtlich „Lesen“ oder „Rezitation“.

Der Koran besteht aus 114 Suren (Kapitel), die wiederum in 6226 Ayat (Verse) unterteilt sind. Mit Ausnahme der Sure ‚Reue‘ beginnen alle Suren im Koran mit ‚Bismillah ar-Rahmaan ar-Rahiem‘: „Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Barmherzigen“

Ursprung des Korans

Die meisten Forscher und Theologen gehen davon aus, dass Mohammed Analphabet war. Seine Gefährten lernten die Offenbarungen, die Mohammed vom Engel Gabriel erhalten hatte, auswendig, indem sie sie rezitierten, oder bewahrten sie auf losen Dokumenten auf.

Erst einige Jahrzehnte nach Mohammeds Tod transkribierten seine Gefährten den Koran vollständig und trugen ihn in einem Buch zusammen.

Es war der Kalif Abu Bakr, der nach 632 einem anderen Anhänger Mohammeds, Zaid ibn Sabit, befahl, alle losen Fragmente von Mohammeds Offenbarungen zu sammeln. Der Kalif Uthman ibn Affan fügte die gesammelten Teile um 650 zu einem Ganzen zusammen.

Der älteste Koran soll spätestens zwei Jahrzehnte nach Mohammeds Tod geschrieben worden sein und enthält die Suren 18 bis 20. Der Text ist in Hijazi-Arabisch verfasst, einer Sprache, die noch heute von den Menschen im Westen Saudi-Arabiens gesprochen wird.

Die Texte

Die Texte im Koran haben eine rhythmische Struktur, damit sie leichter zu merken und zu rezitieren sind. Abgeleitet aus dem Wunsch, den Koran so schön wie möglich zu gestalten, spielt die Kalligraphie innerhalb der islamischen Texttradition eine wichtige Rolle.
Wie auch die jüdische Kabbala hat die islamische Mystik, der Sufismus , eine umfangreiche Tradition ihrer eigenen Sprache und Zeichen. In dieser Tradition wird jedem einzelnen Buchstaben eine besondere mystische Kraft zugeschrieben.

Der Hadith

Neben dem Koran ist der Hadith für viele Muslime nach wie vor wichtig. Es enthält die Überlieferungen und posthumen Aussprüche des Propheten und stammt aus dem achten oder neunten Jahrhundert. Im Laufe der Zeit entstanden zahlreiche Varianten. Innerhalb des sunnitischen Islam gelten sechs Hadith-Autoren als zuverlässig. 
Religionsgelehrte des sogenannten Koranismus glauben, dass nur der Koran befolgt werden sollte. Ihnen zufolge enthält der Hadith viel zu viele Widersprüche.

Alles eine Frage der Interpretation

Gleich vorweg möchte ich auf die Gleichstellung zwischen Mann und Frau im Koran hinweisen. Denn es steht geschrieben, dass auch Männer ihren Körper vom Bauchnabel bis zu den Knien bedecken, Frauen den ganzen Körper außer Gesicht, Hände und Füße. Je nach Kulturraum und länderspezifischen Traditionen unterscheidet sich jedoch die Praxis dieser Vorschriften, so bedecken in manchen islamischen Ländern die Frauen auch Gesicht und Hände und sogar die Männer tragen eine Kopfbedeckung.

In Sure 2 Vers 256 heißt es: „Es gibt keinen Zwang in der Religion“, was eben bedeutet, dass sich jeder Mensch frei für seine religiöse Überzeugung entscheiden darf. Ebenso kann man einen Menschen nicht zu bestimmten Handlungen zwingen, auch wenn es ihm seine Religion vorschreibt. Man ist letztlich einzig vor Allah/Gott verantwortlich, wenn man durch sein Verhalten nicht die Rechte anderer Personen verletzt.
Alleine dieser Vers wird von fast allen islamisch geprägten Staaten missachtet.

Aus islamischer Sicht, also der Religion – und nicht den Religionswächter, ist das Tragen einer Kopfbedeckung Pflicht, die Allah im Koran offenbarte. Frauen und Männer sollten sich aus Überzeugung an die von Allah offenbarten Kleidervorschriften halten. Da der Islam für Nüchternheit eintritt und die Menschen sich nicht von vordergründigen Reizen beeinflussen lassen sollen, ist es wichtig, im öffentlichen Leben dafür zu sorgen, dass jene Anziehungsbereiche menschlicher Sexualität, die sofort ins Auge springen können, bedeckt gehalten bleiben. Dies bedeutet jedoch keine Ungleichheit von Frauen und Männern.

Am 16. Januar 79 endete die Freiheit

Als Irans Schah Reza Pahlavi und Kaiserin Farah am 16. Januar 1979 in Teheran eine Maschine nach Assuan in Ägypten bestiegen, sollte das ein endgültiger Abschied aus ihrem Land sein. Keine drei Monate später rief Ajatollah Ruhollah Chomeini die Islamische Republik aus und somit endete die Freiheit von Millionen Frauen im Iran.
Unter Chomeini wurde ein Land, dass 2500 Jahre eine Monarchie mit weltoffen Blick war, in einen Gottesstaat gedrängt, in dem es nur noch Rückschritte gab und heute noch gibt.
Der Iran war der Anfang und wie ein Lauffeuer breitete sich ein rückständiges Denken im Namen des „Glaubens“ aus. Denn der Schleier bzw. Kopftuch wurde bis zu jener Zeit nicht als Zeichen der Züchtigung  gewertet. Bis zu dem Sturz von Schah Reza Pahlavi galt ein Schleier als ein Symbol der Auszeichnung, der Würde und Überlegenheit von Frauen der gehobenen Schicht in der gesamten arabischen Welt.

Die falsche Auslegung des Koran

In Sure 33, Vers 59 heißt es: Frauen sollten in der Öffentlichkeit „etwas von ihrem Überwurf“ über sich ziehen. Es wird aber nicht geschrieben, welcher Teile des Körpers verdeckt werden soll und ob dies auch die Haare betrifft.

Die Kleiderordnung für muslimische Frauen wird nicht nur aus dem Koran angeleitet, sondern auch aus Überlieferungen des Propheten Mohammed, die sogenannten Hadithe.
Anhand derer soll Mohammed gesagt haben, dass von einer Frau nur das Gesicht und Hände zu sehen sein sollten und insbesondere ihrer Haare vor den Blicken
fremder Männern verbergen.

Auch die Formulierung aus gleicher Sure: die Augen niederschlagen; wird im Allgemeinen so verstanden, dass man das andere Geschlecht, es bezieht sich auf beider Gechlechter, nicht anschauen soll, um keine Leidenschaft zu entfachen.

Auch hier ziehen die Religionsgelehrten als „Beweis“ einen Ausspruch Mohammeds heran, wonach man bereits mit den Augen Unzucht begehen könne.
Bleibt nur noch zu klären, wie man mit der menschlichen Fähigkeiten des denkens um gehen sollte.

Mitunter wird auch auf ein Überlieferungen verwiesen, dass Mohammed befohlen haben sollte, eine kürzlich geschiedene Frau im Haus eines seiner Gefährten unterzubringen, der blind gewesen sei.

Auch wird hier oft eine weitere Erzählung von Mohammed zitiert, nämlich, dass er zwei Frauen getadelt haben sollte, weil sie in Gegenwart 

eines Blinden ohne Hijab erschienen seien. Als die Frauen protestierten, der Blinde könne sie sowieso nicht sehen, hätte Mohammed geantwortet: „Und seid ihr beide auch blind? Schaut ihr ihn etwa nicht an?“

Weite Teile diese Sure beziehen sich auf das arabische Wort: zîna. Das nach der Übersetzung als Schmuck zu verstehen ist.
Dabei geht es vor allem darum, wie man das Wort Schmuck interpretiert kann.
Fällt unter Schmuck etwa nur Ketten, Schminke oder Ringe, die man mit Ausnahme des engeren familiären Umfelds anderen verbergen solle oder ist mit „Schmuck“ auch Körperbereiche wie das Gesicht, Figur, Brust etc. gemeint.

Diese vielen haltlose und an den wörtlichen Haaren herbeigezogene Argumente sind es, die seit über 40 Jahren den Frauen in den arabischen Ländern jegliche Rechte der Selbstbestimmung und der Würde absprechen.

Fazit

Der Koran schreibt nichts von einem Hijab vor, es wird nur dahingehend ausgelegt.

Die Überlieferungen wurden genauso, wie auch die Evangelien der Bibel, weit nach dem Tot von Jesus, bzw Mohammed geschrieben. Das sich das Leben und die Welt seit jener Zeit drastisch geändert hat, sollte im 21. Jahrhundert eigentlich jedem bewusst sein.

Teil III

Flucht vor der „Religion“

Sehr viele kluge Iranerinnen leben als Schriftstellerinnen, Schauspielerinnen, IT Fachfrauen bis hin zu Astronautinnen im Exil. Die Liste dieser Frauen ist unglaublich lang und alle haben eines gemeinsam: die Ablehnung der ausgelebten Religion im Iran. Ich schreibe nicht dem Islam – diesen Unterschied sollte man sich bewusst sein.

Ich kenne einige iranische Frauen aus Sport, Unterhaltung und Gesellschaft persönlich, die in Deutschland oder den Niederlanden im Exil leben, ich werde aber zu deren und meinem Schutz die Namen nicht veröffentlichen.
Der Arm des MOIS (Geheimdienst des Irans) ist lang.

Nachfolgend eine kleine Auswahl an starken Frauen aus dem Iran, die alle im Exil leben.

Kimia Alizadeh
Anfang Januar 2020 twitterte die heute 23-jährige Kimia Alizadeh, Olympiasiegerin in Taekwondo von 2016, dass sie in die Niederlande emigrierte sei, weil sie eine der Millionen unterdrückten Frauen im Iran sei und zudem den Sexismus einiger Sportfunktionäre anprangerte.

Seit Frühjahr 2021 ist Kimia in Deutschland unter dem Flüchtlingsstatus und wird in wenigen Tagen für das Flüchtlingsteam aus Deutschland bei den Olympischen Sommerspiele in Tokio antreten.

Anousheh Ansari,
sie emigrierte1982 in die USA und studierte sie Elektrotechnik und Informatik und erhielt 1992 ein Master-Diplom in Elektrotechnik. 2006 war sie als Astronautin für 10 Tage bei der Sojus TMA-9 Mission im Weltall gewesen.

Jasmin Moghbeli,
aus dem Iran stammende 38-jährige zählt zu den neuen Astronauten*innen der NASA.
Fünf Frauen und sieben Männer im Alter zwischen 29 und 42 wurden von der NASA 2016 offiziell vorgestellt. Insgesamt bewarben sich von Dezember 2015 bis Februar 2016 18.300 Kandidaten für die Raumfahrt. 

Maryam Mirzakhani,
istseit 2014 Trägerin der Fields-Medaille.
Die Fields-Medaille wird alle vier Jahre verliehen und gilt als Nobelpreis der Mathematik. Mirzakhani ist die erste Frau, die diese seit 1936 verliehene international renommierte Auszeichnung erhalten hat.
Bereits mit 31 Jahren wurde sie als Professorin an die Universität Stanford berufen.

Golshifteh Farahani 38, ist eine erfolgreiche Schauspielerin. Sie studierte klassische Musik, spielte Klavier, sang, trat in einer Underground-Rockband auf, debütierte bereits mit 14 Jahren vor der Kamera und gewann damit den „Gläsernen Simurgh“ des Internationalen Fajr-Filmfestivals in Teheran für die beste Hauptrolle. Mit 16 wurde sie Opfer einer Säure-Attacke, weil sie im Sommer ihre Haare nur mit einem dünnen Schal bedeckt hatte.
Mit Farahanis Film „Mim mesle Madar“ bewarb sich der Iran im Jahr 2006 um den Oscar für den besten ausländischen Film. Für ihre Rolle in „Boutique“, der beim Filmfestival der drei Kontinente in Nantes gezeigt wurde, erhielt sie den Preis für die beste Schauspielerin.
Golshifteh spielte 2008 zusammen mit Leonardo Di Caprio in dem Film „Der Mann, der niemals lebte“ als erste iranische Schauspielerin in einer aufwendigen Hollywood-Filmproduktion.
Im Oktober 2008 sagte sie gegenüber „Daily News“: „Der Film bescherte mir eine Menge Unannehmlichkeiten; mein Reisepass wurde entzogen und ich wurde mehrmals vom iranischen Informationsministerium verhört.“
Seit 10 Jahren lebt Farahani in Paris.

Quellen:
– Iran Journal
– Stanford University
– Universität Duisburg-Essen
– NASA
– Spirit of new generation
– Prof. em. Dr. Gerald Hawting, Universität London
– Professor Paula Schrode,  Islamwissenschaftlerin an der Uni Bayreuth

Weltfrauentag

Der 8.März ist der Weltfrauentag

Autorin Nila Khalil

Schön das an diesem Tag, außer am Valentinstag, Muttertag oder Weihnachten ( als Geschenk meinst ein Küchengerät) gedacht wird. Die Idee des Internationalen Frauentages stammt von Clara Zetkin (1858 – 1933), einer Ikone der proletarischen Frauenbewegung. Die deutsche Sozialistin schlug auf der Zweiten Sozialistischen Frauenkonferenz am 27. August 1910 in Kopenhagen die Einführung eines solchen Tages vor.

In 110 Jahren hat sich das Bild der Frauen in sehr kleinen Schritten geändert- oder ging sogar Lichtjahre zurück!

Da ich beim Rückwärtsgehen bin, fange ich auch gleich mit der Islamischen Ländern dieser Welt an. Es waren alles mal Weltoffene, tolerante und liberale Länder. Dann meinten so einige westliche Länder Kriege führen zu müssen und die Fundamentalisten krochen aus ihren Löchern und brachten für Frauen nur noch Nachteile. Schulen wurden nur noch für Jungen gedultet. Frauen brauchen keine Bildung! Frauen sollen Kinder bekommen und kochen. Reicht. Ach ja, die Höhle noch putzen.

Gerade im Islam ist die Stellung der Frau auf einem Historichen Tiefpunkt. Um es gleich vorweg zu nehmen, ich verurteile KEINE Religion, denn auch Frauenrechte waren in der Christlichen Gesellschaft und westlichen Ländern auch lange nicht da, wo sie heute sind.Nur, Leben wir im 21. Jahrhundert und man könnte sich schon mal so langsam von einem überalterten Weltbild befreien.In den islamischen Ländern beinhaltet das Familienrecht heute zahlreiche die Frauen diskriminierende Bestimmungen, da das Familienrecht auf einem hierarchischen Rollenverständnis von Mann und Frau basiert. Zwar wurden in den letzten Jahren in diversen muslimischen Ländern verschiedene Reformversuche unternommen. Doch diese wurden von konservativen Kräften oft als Angriff auf das islamische Recht und seine Werte zurückgewiesen, und so bleibt das Familienrecht bis heute Gegenstand kontroverser Debatten um kulturelle, rechtliche und religiöse Identität.

Die Islamisierung in Afghanistan, Irak, Iran, Syrien oder Türkei, um nur einige der Länder zu nennen, erschwert eine Reform des Familienrechts und somit auch die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau zusätzlich.Die Ehe im Islam ist ein Vertrag zwischen Mann und Frau. Dieses Verständnis gilt eigentlich auf der ganzen Welt als Ehe; und eine Einwilligung von beiden Seiten ist grundsätzlich erforderlich.

Die Heiratsfähigkeit wird im klassisch-islamischen Recht mit der Pubertät erreicht. Allerdings gibt es verschiedene Ansichten darüber, wann dieses Alter erreicht ist. Das positive Recht, dazu später mehr, kann ein höheres Alter vorsehen. Die Altersschranken vor allem für Mädchen bleiben in vielen islamischen Staaten jedoch tief und geht mitunter auf ein Alter von 10 Jahren der Mädchen aus. Auch wenn das positive Recht ein höheres Heiratsalter vorsieht, bleibt eine Ehe, die bereits zuvor nach islamischem Recht geschlossen wurde, oftmals gültig. Somit bleiben Kinderehen weiterhin möglich. Arrangierte Ehen sind in den Städten und gut florierenden Provinzen der Länder in dem der Islamische Glaube vorherrschend ist, seltener geworden, in ländlichen Gebieten jedoch immer noch oft praktiziert.

In Artikel 16 Absatz 2 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte steht: Die Ehe darf nur auf Grund der freien und vollen Willenserklärung der zukünftigen Ehegatten geschlossen werden. Zwangsverheiratung ist und bleibt eine Form von Gewalt im Namen der Ehe.

Um es gleich vorweg zu nehmen, Zwangsehen gibt es NICHT nur in de Islamischen Welt. Darauf habe ich in anderen Texten auch schon öfter hingewiesen. Täglich erlebe Frauen auf dieser Welt Gewalt und Diskriminierung!Täglich werden die Rechte und Gleichberechtigung der Frauen mit Füßen getreten.

Täglich werden Frauen im 21. Jahrhundert noch versklavt, zwangsverheiratete, gefoltert, ermordet und ihren Rechten beraubt!

Die patriarchalische Gesellschaft sieht Frauen als Feinde oder Gefährlich an. In Religionen werden Frauen nicht gleichgestellt in der Wirtschaft schon gar nicht. Frauen leisten oftmals weit aus mehr als der Gegenpart der Gattung Homo sapiens. Nun kommen gleich vielen Bilder von „Unterentwickelte“ Länder in den Sinn, wo Frauen auf ihren Köpfen Wasserkanister tragen. So weit muss man gar nicht! Frauenwahlrecht gibt es auch Deutschland erst seit 100 Jahren. Das Gleichberechtigungsgesetz von Frau und Mann ist in Deutschland auch noch nicht so lange.

Gewalt gegen Frauen ereignet sich weltweit täglich und in verschiedenen Kontexten. Es werden dazu psychische, physische und sexuelle Gewalt gerechnet. Die WHO benennt Gewalt gegen Frauen als eines der größten Gesundheitsrisiken für Frauen weltweit. In den vergangenen Jahrzehnten stieg die Sensibilität bezüglich Gewalt gegen Frauen stark an, was zu einer sich verringernden Dunkelziffer führte. In jüngster Zeit förderten auch Social Media-Bewegungen wie #MeToo diese Entwicklung.

Gewalt gegen Frauen und Mädchen stellt die häufigste Menschenrechtsverletzung weltweit dar.

Einem Bericht der UN zufolge wird mindestens eine von drei Frauen weltweit im Laufe ihres Lebens geschlagen, vergewaltigt oder ist auf andere Weise Gewalt ausgesetzt! Vom 25. November, der Tag gegen Gewalt an Frauen, bis zum 10. Dezember, dem Tag der Internationalen Menschenrechte, gab sehr viele Kundgebungen und Veranstaltungen um auch auf dieses Thema aufmerksam zu machen. Die „Orange Days“ fanden 2019 in 70 Länder der Welt statt.Jeder Mensch sollte die gleichen Rechte haben und dazu gehören auch Frauen. Bereits1993 wurde auf der Menschenrechtsweltkonferenz in Wien festgelegt, dass die volle und gleichberechtigte Teilhabe von Frauen am politischen, bürgerlichen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben, auf nationaler, regionaler und internationaler Ebene, und die Beseitigung aller Formen der Diskriminierung aufgrund des Geschlechts vorrangige Ziele der internationalen Gemeinschaft sind.Historisch betrachtet wird die Frauenbewegung und somit der „Frauenkampf“ in drei Wellen unterteilt.

Die erste Welle, die Mitte des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts datiert wird, setzte sich für das Frauenwahlrecht, Erwerbstätigkeit und das Recht auf Bildung für Frauen ein. Die zweite Welle in den Sechziger Jahren kämpfte unter anderem für sexuelle Selbstbestimmung, das Recht auf Abtreibung sowie Verhütung und gegen feste Frauenbilder. Die dritte Welle in den Neunziger Jahren steht für ein facettenreicheres Bild von „Weiblichkeit“, sexuelle Ausrichtung im Allgemeinen und die neue Rolle des Mannes.

Wo stehen wir heute?

In Zeiten, wo Gewalt und Vergelatigung an Frauen „Salonfähig“ ist, brauchte es noch sehr lange, bis wir da angekommen sind, wo am 27. August 1910 eigentlich der Grundgedanke FÜR die Rechten der Frauen geboren wurde. Nachfolgend mal einige Punkte, was erreicht wurde:

  • 1921 ist das Jahr, seit dem der Weltfrauentag am 8. März gefeiert wird
  • Short hair, don’t care: Kurze Haare sorgen in den 20ern für Freiheit auf Frauenköpfen
  • Lichtblick der 30er Marlene Dietrich macht Hosenanzüge salonfähig.
  • 1946 Bauch frei! In Frankreich wird der Bikini erfunden.
  • 1958 Das Gleichberechtigungsgesetz tritt in Kraft, ohne echte Verbesserungen im Alltag. Ausnahme: Frauen dürfen ohne Genehmigung ihres Mannes Auto fahren.1962 Frauen dürfen ein eigenes Bankkonto eröffnen.
  • 1960er Mit dem Mini beginnt eine neue Ära. Alice Schwarzer wird bei uns zur Symbolfigur des Feminismus. In den USA verbrennen Aktivistinnen ihre BHs.
  • 1971 374 Frauen – darunter Romy Schneider und Senta Berger – bekennen im Magazin Stern: „Wir haben abgetrieben!“
  • 1974/75 Frauenzentren, Frauenbuchläden und Frauenkneipen werden eröffnet. Ab den 80ern werden „Frauenthemen“ auch von „normalen“ Buchhandlungen und Verlagen entdeckt.
  • 1976 In Berlin öffnet das erste „Haus für geschlagene Frauen“.
  • 1976 Männer dürfen den Nachnamen ihrer Frau annehmen.
  • 1977 Das Eherecht schafft die „Hausfrauenehe“ ab. Bis dato war die Frau „zur Haushaltsführung verpflichtet“. Berufstätig durfte sie nur mit Einverständnis des Mannes sein und wenn sie ihre „familiären Verpflichtungen nicht vernachlässigt“. Auch das Scheidungsrecht wird reformiert. In diesem Jahr spricht der Deutsche Presserat erstmals eine Rüge wegen Sexismus aus.
  • 1978 Für Vergewaltigungsopfer wird ein Notruf eingerichtet.1970er Feministische Lehre und Forschung kommt an die Unis.
  • 1980 Das Gesetz zur Gleichbehandlung am Arbeitsplatz wird im Bundestag verabschiedet.
  • 1985 Der Begriff Gender-Mainstreaming fällt zum ersten Mal: Ungleichbehandlung aller Gender in allen Bereichen soll verhindert werden.
  • 1986 Das erste Bundesfrauenministerium wird eingerichtet.
  • 1990 Zeigt her eure Unterwäsche! Madonnas Cone Bra wurde legendär.1993 Heide Simonis wird die erste Ministerpräsidentin.
  • 1994 Frau und Mann dürfen nach der Heirat beide ihre Nachnamen behalten.1997 Endlich ist Vergewaltigung in der Ehe als Straftat zu ahnden. Der Bundestag beschließt dies mit überwältigender Mehrheit.
  • 1998 „Sex and the City“ läuft in den USA an: Weibliche Sexualität wird serientauglich.
  • 2001 Der erste Girls’ Day findet bei uns statt! Die Zeitschrift „Emma“ hatte den Töchter-Tag gegen die „typischen Frauenberufe“ lange gefordert.
  • 2001 In Deutschland wird die „eingetragene Partnerschaft“ Gesetz und die Rechte homosexueller Paare werden gestärkt.
  • 2003 Die Sicherheitsverwahrung von Sexualstraftätern kann nachträglich angeordnet werden.
  • 2005: Angela Merkel wird die erste Bundeskanzlerin.2006 Der Bundestag beschließt das Elterngeld.
  • 2006 Die Bibel in „geschlechtergerechter Sprache“ erscheint.
  • 2010 Die Deutsche Telekom führt die Frauenquote ein und entfacht damit die Diskussion um Frauen in Führungspositionen neu.
  • 2013 Die Aufschrei-Debatte über Alltagssexismus in Deutschland.
  • 2016 In DAX-Unternehmen gilt nun eine Frauenquote von 30 Prozent.
  • 2016 wird das Sexualstrafrecht reformiert: Nein heißt Nein! Auch wenn Frauen es „nur“ sagen
  • 2017 Weltweit gehen beim Women’s March am Tag nach Trumps Amtseinführung Hunderttausende auf die Straße.
  • 2017 dürfen homosexuelle Paare bei endlich heiraten und die Bräute dürfen sich jetzt küssen!
  • 2017 Zahlreiche Frauen beschuldigen den Filmproduzenten Harvey Weinstein der sexuellen Belästigung und Vergewaltigung. #MeToo und die Time’s-Up-Bewegung bringen das Thema sexualisierte Gewalt zurück auf die Tagesordnung.
  • 2018 Island setzt sich als erstes Land zum Ziel, bis 2022 den Gender Pay Gap vollständig zu schließen.
  • 2019 Diskussion um den Frauenanteil in unserem Bundestag.
  • 2020 Menstruationsartikel gelten nicht mehr als Luxus.

Nila Khalil, Den Haag, 8. März 2020

Die buddhistischen Statuen im Bamiyan Tal

Autorin Nila Khalil

Die tragische Geschichte von den einzigartigen buddhistischen Statuen in Bamiyan Tal Die Buddha-Statuen von Bamiyan waren einst die größten stehenden Buddha-Statuen der Welt. Sie befanden sich bis zur Zerstörung durch die Taliban im März 2001 im 2500 Meter hoch gelegenen Tal von Bamiyan, das sich im Zentrum von Afghanistan befindet und von der UNESCO als Weltkulturerbe gelistet ist.

Der Tag an dem die Seele starb, war am 12. März 2001, da sprengten die Taliban auf Anordnung von Mullah Omar, Anführer der Taliban und damaliger de facto Staatschef Afghanistans, die Buddha-Statuen von Bamiyan in die Luft. Zuvor hatten die Taliban über nahezu einen Monat erfolglos versucht, die Buddhas durch Beschuss mit Panzern, Geschützen und Raketen zu zerstören. Die beiden größten und bekanntesten dieser Statuen waren 53 bzw. 35 m hoch. Daneben waren eine ganze Reihe von weiteren, kleineren Buddha-Statuen in die dortigen Felsklippen eingearbeitet.

Sie waren historische Zeugnisse einer dort etwa vom 3. bis zum 10. Jahrhundert praktizierten, und in ihrer Art einzigartigen buddhistischen Kunst. Es gibt Bestrebungen, die Statuen wieder aufzubauen. Hierzu wurden auch Hilfsgelder zugesichert, ohne dass jedoch ein konkreter Beschluss gefasst wurde. Da die Taliban seit Jahren wieder auf dem Vormarsch sind, ist mit einem Wiederaufbau in naher Zukunft nicht mehr zurechnen. Wie kamen die Buddhas ins Bamiyan-Tal? Durch die Geostrategischelage von Bamiyan an einer der Haupthandelsrouten vom Nahen Osten nach China und Indien hatte das Tal bereits in der Antike eine große Bedeutung.

Die Handelskarawanen trugen sowohl zum kulturellen als auch zum materiellen Wohlstand der Region bei, der den Bau der riesigen Statuen erst ermöglichte. Entlang dieser Handelsstraßen waren in Zentralasien eine Reihe unterschiedlich großer Siedlungen entstanden. Unter der Herrschaft der Kuschana-Dynastie festigte sich der Buddhismus langsam in der Region. Zwischen dem 2. und 4. Jahrhundert n. Chr. entstanden dort eine Reihe von buddhistischen Stupas, Tempel und Klosterstätten. Im Bamiyan-Tal war eines der größeren Kloster- und Tempelanlagen und beherbergte im 6. Jahrhundert mehrere tausend buddhistische Mönche.

Der Zeitpunkt, an dem in Bamiyan der Buddhismus einzog, wird zwischen dem 2. und 4. Jahrhundert n. Chr. angenommen. Im 8. Jahrhundert geriet Bamiyan unter islamische Herrschaft. Dennoch konnte sich der Buddhismus noch etwa zwei Jahrhunderte in dieser Region halten. In der Felswand, aus der die großen Statuen herausgearbeitet worden waren, befanden sich auch aus dem Fels gegrabene Höhlen, in denen die Mönche wohnten, und Gebetshallen mit reichhaltigen Wandmalereien. Rund um die Figuren wurden Gänge und Galerien geschaffen.

Ein japanisches Archäologen-Team schätzte die Zahl der Wohnhöhlen auf rund 900. Terror macht selbst vor Kunst und Kultur nicht Halt. Mit der Verdrängung des Buddhismus durch den Islam verloren die Statuen an Bedeutung und wurden zum Ziel von Zerstörungen, da die Darstellung menschlicher Figuren nicht erwünscht waren. So verloren die Statuen zuerst ihren Schmuck, dann die Gesichter und Hände. Die Statuen wurden in den letzten Jahrhunderte mehrfach beschädigt. Insbesondere die Geschlechtsteile der Skulpturen sollen Ende des 19. Jahrhunderts auf Befehl von Abdur Rahman Khan mit Artillerie beschossen worden sein, als seine Truppen im Rahmen der Feldzüge in Hazarajat einmarschierten.

1824 wurde Bamiyan von den ersten Europäern besucht. Der deutsche Oberleutnant Oskar von Niedermayer, fertigte 1916 die ersten beiden Lichtbilder der Statuen an. Für seine Verdienste bei seiner Nahost Expedition wurde von Niedermayer am 5. September 1916 mit der Verleihung des Ritterkreuzes in den Militär-Max-Joseph-Orden aufgenommen. Damit verbunden war die Erhebung in den persönlichen Adel und er durfte sich ab diesem Zeitpunkt Ritter von Niedermayer nennen. 1930 begannen französische Archäologen mit Forschungs- und Freilegungsarbeiten sowie Notsicherungen, um dem Verfall der Statuen entgegen zu wirken.

Mitte Juni 1938 besuchte der deutsche Schriftsteller Hans-Hasso von Veltheim das Bamiyan-Tal und veröffentlichte 1951 in seinen „Tagebüchern aus Asien“ einen ausführlichen Bericht über jene Anlage. Von Veltheim fand die Gesichter der beiden Buddhas bis zur Oberlippe abgehauen vor und vermutete aufgrund der sorgfältigen Bearbeitung, dass buddhistische Gläubige selbst beim Ansturm der Horden von Dschingis Khan, im Jahre 1222, die Gesichter entfernt haben könnten, um die verehrten Statuen nur verstümmelt in die Hände der Mongolen fallen zu lassen.

Die Zeit der Kriege und Terror Vor dem Einmarsch der Roten Armee in Afghanistan, im Jahre 1979, war Bamiyan ein Touristenziel aus aller Welt. Während der folgenden Kriege war das Plateau oberhalb der bis zu 100 Meter hohen Felswand mit den Statuen ein immer wieder umkämpfter strategisch wichtiger Ort, von dem aus das südlich gelegene Tal kontrolliert werden konnte. So befanden sich dort nacheinander Stellungen der sowjetischen Truppen, der Mudschahedin und schließlich der Taliban. Die Höhlen wurden als Munitionsdepots verwendet.

Im September 1998 zerstörten die Taliban den bis dahin noch vorhandenen Teil des Kopfes des kleineren Buddha. Dabei wurden die darüber befindlichen Reste an Wandmalereien ebenfalls weitgehend zerstört. Am 12. März 2001 sprengten Taliban-Milizen auf Anordnung von Mullah Mohammed Omar die Statuen. Zusätzlich zu den beiden großen Statuen wurden auch eine der kleineren, sitzenden Buddha-Statuen und die etwa 10 Meter hohe Statue im benachbarten Kakrak-Tal gesprengt. Für die Zerstörung der Statuen brauchten die Taliban vier Tage. Dieser Akt wurde als ein performativer Ikonoklasmus gedeutet, der sich letztlich auch gegen das als westlich wahrgenommene Konzept des Kulturerbes gerichtet habe. Die Zerstörung konnte trotz vielfältiger Interventionen der UNO, westlichen- und islamischen Regierungen nicht verhindert werden. Neben den Statuen von Bamiyan wurden auch fast alle buddhistischen Ausstellungsstücke des Museums in Kabul zerstört, die einen unwiederbringlichen Schatz an buddhistischer Kunst darstellten.

Tausendjährige Spurensuche nach Taliban

Mit den ISAF Einsatz der US geführten Militär Allianz, konnte ein Team von Archäologen unter der Leitung von Professor Zemaryalai Tarzi, von der Universität Kabul, der in den 1970er-Jahren die Statuen inklusive deren Fresken umfangreich restauriert hatte, im Jahr 2002 mit Ausgrabungen im Bamiyan-Tal wieder begonnen werden. Den vermuteten dritten großen Buddha zu finden, war ebenfalls ein Ziel dieses Projekts. Die Archäologen stützten sich bei ihrer Suche auf die Überlieferung Xuanzangs, nach der sich dieser Buddha innerhalb der Mauern eines östlich der Stadt Bamiyan gelegenen buddhistischen Mönchsklosters befinden sollte. Im Jahr 2006 war sich Tarzi nach an mehreren Orten durchgeführten Ausgrabungen sicher, das richtige Kloster in einer Entfernung von etwa 1,5 Kilometern gefunden zu haben. Aufgrund der Größe dieses Tempelkomplexes mahnte er allerdings zu Geduld. Die Ausgrabungen würden weiter fortgesetzt werden.

Mitte 2008 wurde der Fund einer weiteren Statue, nämlich einer 19 Meter großen Darstellung eines schlafenden Buddhas, bekanntgegeben. Die meisten Teile dieser Statue waren jedoch praktisch nicht mehr vorhanden, während deren Hals, Schultern, Teile des rechten Armes und deren Kopfkissen gefunden werden konnte. Während die Suche nach dem 300 Meter großen Buddha im Jahr 2009 weiter im Gange war, hatten die Archäologen bereits mehrere Klosterstätten freigelegt und außerdem auch Ausgrabungsarbeiten bei der großen Stupa Bamiyans durchgeführt. Neben Tarzis Team führen auch japanische Archäologen Ausgrabungen im Bamiyan-Tal durch. Die Angst vor einem Kollateralschaden Mit dem Abzug der US und Nato Truppen ab 2021 wächst die Angst vor einem archäologischen Kollateralschaden durch die blinde Wut der Taliban. Was die Gotteskrieger 2001 schon einmal schafften zu zerstören, wird diese wohl kaum davon abhalten 20 Jahre archäologische Arbeit und Forschung binnen Tage zu zerstören.

Nila Khalil, Den Haag, 22. Oktober 2020

Die Probleme der Gesellschaft in der Europäischen Union

Teil II

Autoren: Naike Juchem und Nila Khalil

Ein Europol-Bericht aus dem Jahr 2009 endet mit der Schlussfolgerung: „Der islamistische Terrorismus wird immer noch als die weltweit größte Bedrohung wahrgenommen, ungeachtet der Tatsache, dass die EU im Jahr 2008 nur einmal einen islamistischen Terrorangriff erlebt hat. Separatismus, und nicht Religion, ist das vordergründige Motiv für den größten Teil der Angriffe in der EU”; und ein Jahr später stellt der gleiche Bericht für das Jahr 2009 fest, dass, obwohl islamistische Terroristen den EU-Mitgliedstaaten mit wahllosen Terrorangriffen mit unzähligen Opfern gedroht hätten, „die Zahl der Verhaftungen im Zusammenhang mit dem islamistischen Terrorismus im Vergleich zum Jahr 2008 um 41% abgenommen hat, was den Trend einer stetigen Abnahme seit 2006 fortsetzt”. Allerdings kann die Auswirkung von Terrorismus nicht einfach anhand der Zahl derAngriffe ermessen werden, sondern hängt auch von der Zahl der Opfer ab, die sie verursachen, und vor allem von ihrem Erfolg, die Gesellschaft zu traumatisieren, ein Klima der Angst zu schaffen und, wenn möglich, Reaktionen zu provozieren, die tendenziell die Gruppe von Menschen radikalisiert und vergrößert, aus der die Gruppe, die hinter diesen Angriffen steckt, hofft, Unterstützung für ihre Ideologie und neue Rekruten für ihre Handlungen zu gewinnen –im Fall des islamistischen Terrorismus wären dies entfremdete Muslime in Europa und jene in der islamischen Welt, die Wut auf den Westen empfinden. Wenn man der Beurteilung diese Kriterien zugrunde legt, ist der islamistische Terrorismus eindeutig der wirksamste und gefährlichste Terrorismus im heutigen Europa.
Die hohe Zahl der Opfer bei einigen wenigen Angriffen im letzten Jahrzehnt und die wiederholten Warnungen vor möglichen neuen Angriffen, sowohl von islamischen Gruppen, wie z. B. Al-Qaida als auch von den Behörden in den USA und in Europa, die alle umfassend von den Medien und antimuslimischen Propagandisten verbreitet und kommentiert wurden, haben die Öffentlichkeit dazu verleitet, den radikalen oder militanten Islam als große Sicherheitsbedrohung wahrzunehmen. Damit ist die Existenz eines islamischen Extremismus -was nicht nur tatsächliche terroristische Pläne oder die explizite Befürwortung von Gewalt meint, sondern auch Gruppen und Hassprediger, die die westlichen Werte schmähen oder zum „Dschihad“ aufrufen, eine ernste Bedrohung der friedlichen Koexistenz von Muslimen und Nichtmuslimen in Europa, auch wenn er lediglich die Angst und die Ablehnung von Muslimen bei der nichtmuslimischen Bevölkerung verstärkt und diese zu rechtfertigen scheint.

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Verlust demokratischer Freiheiten

Die Europäer, gequält von der doppelten Furcht, von einer unkontrollierten Zuwanderung von Immigranten „überrollt“ und/oder von islamischen Terroristen massakriert zu werden, wenden sich an den Staat, der sie schützen soll, und die politischen Führungskräfte fürchten, sie hätten geringe Chancen auf eine Wiederwahl, wenn sie in einem dieser Bereiche versagen. Die Staaten sind dementsprechend dem permanenten Druck ausgesetzt, die Einwanderungskontrollen zu verschärfen und potenzielle oder mutmaßliche Terroristen eng zu überwachen. Zu häufig wird angenommen, dass es zu einem direkten Abwägen zwischen Sicherheit und Bürgerrechten kommt, und die Regierungen fühlen sich verpflichtet, letztere in der Hoffnung einzuschränken, die erstere werde dadurch gewährleistet. Aber dieser Kompromiss ist äußerst fragwürdig: Bürgerrechte sind eine unverzichtbare Voraussetzung der Demokratie, und die Freiheit der Bürger, ihr Leben frei nach ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten, istdie Essenz dessen, was diese Sicherheit schützen soll. Und obwohl die Mehrheit manchmal vor den Plänen einer kleinen und gewalttätigen Minderheit zu schützen ist, wird die Zahl derer, die bereit sind, Gewalt einzusetzen, wahrscheinlich steigen, wenn den Angehörigen von Minderheiten nicht die gleiche Freiheit und Sicherheit gewährt werden. Aus diesem Grund sind wir der Überzeugung, dass die Überreaktion des Staates und das Auferlegen exzessiver Kontrollen tatsächlich ein ernstes Risiko für die Gesundheit und die Kraft unserer europäischen Demokratien sind. In dem Bemühen, die Einwanderung zu beschränken, haben sich viele europäische Staaten der Praxis verschrieben, Asylsuchende und „illegale“ Einwanderer für immer längere Zeiträume, häufig ohne Angabe von Gründen und manchmal unter ungesunden und überfüllten Bedingungen, zu inhaftieren. In zumindest einem Fall hat dies die Aufmerksamkeit des Europäischen Komitees zur Verhütung von Folter und unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe (CPT) des Europarats erregt, das feststellte, diese Bedingungen „könnten sogar eine unmenschliche und erniedrigende Behandlung“ darstellen. Regierungen oder kommunale Stellen haben auch Bulldozer eingesetzt, um Lager zu zerstören, in denen nicht erfasste Einwanderer lebten. Sie haben jene verhaftet, die nicht rechtzeitig fliehen konnten, haben die illegale Einwanderung in ihrem Land unter Strafe gestellt und Bürgerwehren gefördert, um „Kriminelle“ zu fangen; sie haben lange Haftstrafen gegen Grundstücksbesitzer verhängt, die ihre Grundstücke an illegale Einwanderer vermietet hatten, und haben „Schnellverfahren” zur Entscheidung des Flüchtlingsstatus eingeführt, wodurch sie gegen zahlreiche Verfahrensgarantien der Menschenrechte verstoßen, die in der Europäischen Menschenrechtskonvention enthalten sind. Noch schlimmer sind einige der Maßnahmen, die im Namen der Terrorismusbekämpfung ergriffen werden. Bei der ersten Europarats-Konferenz der für Medien und neue Kommunikationsdienste zuständigen Minister (in Reykjavik, Island, vom 28.-29. Mai 2009) haben sich die Mitgliedstaaten etwas spät selbst verpflichtet, „[ihre] nationale Gesetzgebung und/oder Praxis regelmäßig zu überarbeiten, um sicherzustellen, dass Auswirkungen der Antiterrormaßnahmen auf die Meinungsfreiheit und das Recht auf Information den Standards des Europarats entsprechen, unter besonderer Betonung des Fallrechts des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte”. Dies ist jedoch bei Weitem nicht die einzige Freiheit, die durch solche Maßnahmen beeinträchtigt wird. In vielen Staaten wurde die Zeitspanne, die Bürger ohne Anklage aufgrund einer vermuteten Beteiligung an einer Verschwörung zur Begehung terroristischer Handlungen inhaftiert werden können, ständig verlängert, und die Befugnisse der Polizei, diese Verdächtigen zu überwachen oder deren Wohnungen zu betreten oder anderweitig deren Privatsphäre zu beschneiden, wurden kontinuierlich ausgeweitet.
Darüber hinaus haben viele europäische Staaten in ungebührlicher Weise die Operationen ausländischer Geheimdienste hingenommen. Bürger wurden entführt, willkürlich in geheimen Gefängnissen festgehalten und in andere Rechtsprechungen überführt, wo man sie auf den bloßen Verdacht des Terrorismus und unter Missachtung des internationalen Rechts foltern konnte. Zwei Untersuchungen durch die Parlamentarische Versammlung des Europarats zum „High-value Detainee“ (HVD)-Programms, das die US-Regierung nach dem 11. September geschaffen hat, haben ein globales „Spinnennetz“ aufgedeckt, das von der Central Intelligence Agency geschaffen wurde. Das so genannte „Sonderüberstellungs“-Programm hat zu zahlreichen schweren Menschenrechtsverstößen geführt. Es konnte nur wegen der Kooperation bestimmter Mitgliedstaaten des Europarats funktionieren, ungeachtet der Tatsache, dass sie durch die Europäische Menschenrechtskonvention gebunden sind.

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Ein möglicher Konflikt zwischen „Religionsfreiheit“ und Meinungsfreiheit

Schließlich wird die Freiheit, insbesondere die Meinungsfreiheit, auch noch durch eine andere Tatsache, namentlichdie Empfindlichkeit von Gruppen, die fordern, dass man die Meinungsfreiheit im Namen der Achtung ihrer eigenen religiösen Überzeugungen oder verehrten Symbole beschneidet. Diese Sachverhalt ergab sich zum ersten Mal als große Kontroverse in Europa bei der„Rushdie-Affäre” im Jahr 1989, als viele Muslime, selbst jene, die die Fatwa von Ayatollah Khomeini und ähnliche Mord-oder Gewaltdrohungen nicht befürworteten, die Unterdrückung oder Zensur von Salman Rushdies Roman Die Satanischen Verseforderten, weil es Passagen in diesem Buch gab, in denen in einem Traum einer der Charaktere die Frauen des Propheten Mohammed als Prostituierte erscheinen. Ihre Haltung wurde in einigen Staaten durch die Tatsache bestärkt, dass Gesetze, die Blasphemie gegen die christliche Religion verbieten, immer noch in den Gesetzesbüchern standen, obwohl sie selten eingeklagt wurden. Ein wichtiger Faktor bei den Protesten war die bittere Ablehnung, die von den Angehörigen einer unterprivilegierten Minderheit angesichts der augenscheinlichen Verachtung der Mehrheit für sie und ihre Religion empfunden wurde. In mindestens einem Land führte dies zu geplanten Erweiterungen der Gesetze auf „Anstiftung zu religiösem Hass“, was weithin als Angriff auf die Meinungsfreiheit gesehen wurde.Das gleiche Thema ergab sich erneut 2005-06, diesmal in einer akuteren Form, bei der Veröffentlichung despektierlicher Karikaturen des Propheten Mohammed in einer dänischen Zeitung. Dieses Mal gab es keinen Zweifel, dass die Veröffentlichung vorsätzlich provozieren wollte. Tatsächlich waren viele Medienvertreter der Ansicht, die Zeitung habe unverantwortlich gehandelt. Gleichzeitig gab es aber auch eine starke Überzeugung, die weit über die Medien hinaus ging, dass die Meinungsfreiheit, wenn sie überhaupt eine Bedeutung haben soll, auch das Recht einschließen muss, Dinge zu sagen und zu tun, die andere Menschen anstößig finden, und nur dann beschnitten werden sollte, wenn dies eindeutig und objektiv erforderlich ist, um die Rechte anderer zu schützen. Auf muslimischer Seite wurde auf Artikel 10 der Europäischen Menschenrechtskonvention über die Meinungsfreiheit verwiesen, die auf Artikel 9 folgt, der die „Gedanken-, Gewissens-und Religionsfreiheit“ schützt. Aber dieses Argument fand nicht die Zustimmung der meisten Nichtmuslime oder selbst der Muslime, da nur schwer nachzuvollziehen war, wie die Veröffentlichung von Karikaturen jemanden daran hindern könnte, in den Worten von Artikel 9, „seine Religion oder Weltanschauung … durch Gottesdienst, Unterricht oder Praktizieren von Bräuchen und Riten zu bekennen“. Es wurde auch darauf hingewiesen, dass viele der Personen, die sich auf die Religionsfreiheit beriefen, selbst gegen die Freiheit waren, seine Religion oder Weltanschauung zu ändern, was ebenfalls laut diesem Artikel Teil der Religionsfreiheit ist. Es besteht somit die Gefahr, dass eine Grundfreiheit, i.e. die freie Meinungsäußerung, durch die Ängstlichkeit einiger europäischer Eliten, eine weitere Entfremdung einer wichtigen Minderheit zu verhindern oder aus Angst, gewalttätige Handlungen zu provozieren, erodiert wird. Der angebliche Konflikt zwischen Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit und der fehlende Konsens darüber, wie und wo genau man die Grenzen der Meinungsfreiheit ziehen soll, stellen damit eine Gefahr für die wertvollsten Werte Europas dar.

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Verzerrte Darstellungen von Minderheiten in den Medien und schädliche Stereotypen

Zweifelsohne wäre die Kombination von wirtschaftlicher und körperlicher Unsicherheit bei einer umfangreichen Zuwanderung an sich schon ausreichend, um ein gewisses Maß an Vorurteilen und Feindseligkeit gegen Migranten und Menschen mit neuerem Migrationshintergrund sowie traditionelleren Zielen von Rassismus, wie z. B. Roma und Juden, hervorzurufen. Aber dies hätte ohne die aktive Intervention der Massenmedien kaum zu den gegenwärtig erreichten Proportionen in Europa geführt. Viele Medien in verschiedenen Teilen Europas haben sich auf ihre Fahnen geschrieben, Migranten und andere Minderheiten zu dämonisieren, nicht nur durch das Berichten über Ängste und Mythen über diese Gruppen, die in der Allgemeinbevölkerung kursieren, sondern auch durch eine aktive Vertiefung derselben durch Hervorheben realer oder angeblicher „Skandale“ über Straftaten und Sozialmissbrauch, während sie gleichzeitig den Behörden vorwerfen, diese zu vertuschen und zu vielen Ausländern die Einreise zu erlauben. Die Print-und anderen Medien haben erheblich zur Verstärkung des Gefühls beigetragen, Migranten würden das System „melken“, indem sie kontinuierlich über Fälle berichten, in denen Migranten Leistungen erschlichen haben. Abgesehen von der Tatsache, dass diese angeblichen Betrügereien teilweise das Ergebnis immer stringenterer Gesetze sind, die eine Aufenthaltsgenehmigung und Sozialleistungen von einer Beschäftigung und dem Einkommen abhängig machen, und dass ähnliche, wenn nicht schwerwiegendere Betrügereien auch von Einheimischen begangen werden, werden die Nachrichten, die sich auf Straftaten dieser Art konzentrieren, mit besonderem Eifer aufgenommen, da sie dazu beitragen, die Beschneidung der Sozialrechte von Migranten zu rechtfertigen. In den meisten Fällen sind die Menschen, bei denen es in diesen Geschichten geht, Asylsuchende. In vielen Fällen scheinen die Medien offiziell oder inoffiziell mit fremdenfeindlichen oder konservativen Parteien alliiert zu sein, die diese Ängste für den Fang von Wählerstimmen benutzen und warnen, ihre Gegner seien „gegenüber Straftaten zu lax“ oder bereit, den neuen Migrantenströmen die „Tür und Tor zu öffnen“. Zahlreiche Studien belegen das: Fotos erkennbar „ausländischer“ oder Minderheiten angehörender Verdächtiger sind viel häufiger in den Medien zu sehen als solche, die „einheimisch“ aussehen; die von Migranten oder Angehörigen von Minderheiten gegen „Einheimische“ begangenen Straftaten erfahren eine intensivere Berichterstattung als solche, die innerhalb einer ethnischen Gruppe begangen werden; über Straftaten wird im Zeitraum vor einer Wahl intensiver berichtet als nach einer Wahl, auch wenn offizielle Statistiken zeigen, dass die Verbrechensrate gefallen ist, und die europäische Öffentlichkeit neigt tendenziell dazu, ihre Angst vor Verbrechen mit Bedenken hinsichtlich der Einwanderung in Wahljahren stärker zu verknüpfen als in anderen Jahren, was beredtes Zeugnis für die Macht des politischen Diskurses und der Darstellung in den Medien ablegt, die öffentliche Wahrnehmung sozialer Phänomene zu prägen. Damit tragen die Medien eine erhebliche Mitverantwortung für das Bild, das die Mehrheitsgesellschaft von anderen hat, u.a. Migranten und deren Nachkommen. Es darf gefragt werden, warum sie ihrer Verantwortung so oft in negativer Weise nachkommen. Ein Grund könnte sein, dass die Wettbewerbsbedingungen eines Medienmarkes, der von privaten Unternehmen dominiert wird, den Journalisten, insbesondere jenen, die für Medien mit den größten Auflagen oder Zuschauerraten arbeiten, immer weniger Gelegenheiten geben, ihre berufliche Ausbildung fortzusetzen, umfangreiche Recherchen durchzuführen oder sich vollständig mit einem Thema vertraut zu machen und sie außerdem unter Druck setzen, den sensationellsten Nachrichten Raum und Zeit zu geben, sogar zu Lasten der Genauigkeit, ganz zu schweigen der „Ausgewogenheit“, des Kontextes oder einer sorgfältigen Analyse. Zweitens haben die so anvisierten Gruppen nur in geringem Umfang Zugang zu den Mainstream-Medien, in denen sie unterrepräsentiert sind und allgemein bei diesen als weniger glaubwürdig gelten. Die Medien, wie z. B. die Werbeindustrie, neigt dazu, Migranten und Minderheiten zu ignorieren und unternimmt nur wenige Bemühungen, die Probleme zu behandeln, die sich speziell auf diese auswirken, oder deren Meinung zu Problemen von allgemeinem Interesse darzustellen. Aus diesem Grund tragen Journalisten, häufig unabsichtlich, dazu bei, Millionen von Menschen vom „nationalen Gespräch” auszuschließen.

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Neue Medien

Das Problem beschränkt sich bei Weitem nicht auf die traditionellen Medien, i.e. Zeitungen und Radio/Fernsehen. Gegenwärtig werden diese als Hauptquelle für Informationen, Kommunikation und Unterhaltung der Menschen immer mehr durch das Internet ersetzt. Dieses ist viel schwieriger zu kontrollieren und leider missbraucht eine steigende Zahl von Internetbenutzern das Internet dazu, um rassistische oder fremdenfeindliche Propaganda zu verbreiten und andere zum Hass anzustiften, und dies in einem Maße, dass das Internet heute die Nr. 1 bei der Verbreitung von Hassreden und dem Schüren von Ängsten ist. Zu allem Übel ermöglichen neue interaktive Web 2.0-Dienste Extremisten, Technologien, wie z. B. Blogs und Videos einzusetzen, um ihre Agenda auf populären Seiten von „sozialen Medien” zu verbreiten, wie z. B. Facebook, MySpace, Twitter und YouTube. Laut „Digital Hate Report” aus dem Jahr 2010 wurde das Internet 2009 um 20% schlimmer, weil Terroristen und Rassisten verstärkt soziale Netzwerkseiten nutzen und gezielt Kinder ansprechen.

Naike Juchem und Nila Khalil, Juli 2018

Die Probleme der Gesellschaft in der Europäischen Union

Teil I

Autoren Naike Juchem und Nila Khalil

Ein kleine Abhandlung über „Migranten” und Asylsuchende, Wachsende Unterstützung für Fremdenfeindlichkeit und populistische Parteien, das Vorhandensein einer nahezu rechtlosen Bevölkerung und Parallelgesellschaften. Den Islamistischer Extremismus und Verzerrte Darstellungen von Minderheiten in den Medien und schädliche Stereotypen.

Wir haben in einem etwas längeren Text viele Fakten von verschiedenen Europäischen Organisationen und Institutionen zusammen getragen, um ein doch endlich mal anderes Bild der Gesellschaft aufzuzeigen.
Wir verwenden hier bewusst Anführungszeichen, weil „Migranten” der Begriff ist, der von den Menschen am häufigsten verwendet wird, um Feindseligkeit gegen diese Gruppe auszudrücken, und die Einzelpersonen, auf die er sich bezieht, werden häufig nicht in der gesetzlichen oder fachspezifischen Definition dieses Begriffs gesehen.

Tatsächlich werden nur wenige oder gar keine Vorurteile gegen Ausländer vorgebracht, die in einem Land leben und arbeiten, in dem sie sich äußerlich nicht von der Mehrheit seiner Bewohner unterscheiden, die gleiche Sprache sprechen, grob betrachtet den gleichen Lebensstil pflegen und in der Lage sind, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Aber Menschen, deren Aussehen oder Lebensstil sich deutlich von der Mehrheit unterscheiden, werden häufig als „Migranten“ bezeichnet, selbst wenn sie, und manchmal bereits ihre Eltern und Großeltern, in diesem Land geboren wurden und ihr Leben lang dort gelebt haben. Diese Menschen werden als Teil einer Gruppe gesehen, die rasant anwächst und oftmals als Bedrohung der indigenen Bevölkerung und deren Lebensstil betrachtet wird. Zu dieser Gruppe gehören auch Asylsuchende, die verbreitet als „Gesindel“ und „Sozialschmarotzer“ bezeichnet werden, und manchmal auch Menschen, die aufgrund der Verfolgung im Heimatland als Flüchtlinge anerkannt sind.

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Populäre Einstellungen gegenüber Migranten.
Die folgenden Einstellungen gegenüber Migranten wurden als weitverbreitet festgestellt, auf der Grundlage von Untersuchungen, Konferenzen und Feldforschungen in mehreren europäischen Staaten, die für die Publikation des Europarats: Migrants and their descendants –Guide to policies for the well-being of all in pluralist societies, durchgeführt wurden.

1.) „Migranten führen zu einem Anstieg der Kriminalität.” Dies wird von den Medien, öffentlichen Vertretern und bestimmten „Sicherheitsexperten“ ständig wiederholt und ohne Frage von einem großen Teil der Bevölkerung unhinterfragt wie folgt akzeptiert: „Migranten, besonders illegale Einwanderer, sind Kriminelle”; „Migranten halten sich weniger an das Gesetz als Einheimische”; „Migranten sind für einen Großteil der Verbrechen verantwortlich, die begangen werden”; „sie kommen in unser Land, um Verbrechen zu begehen” und „jetzt, da sie hier sind, sind unsere Städte und Straßen weniger sicher”.

2.) „Migranten bringen Krankheiten ins Land”oder „Migranten sind schuld an der Rückkehr bestimmter Krankheiten, die schon vor Jahrzehnten in Europa ausgerottet wurden”. Befürworter dieser Argumente behaupten, dass illegale oder nicht erfasste Migranten und deren Kinder häufig eine schlechtere Gesundheit aufweisen als der Rest der Bevölkerung und dass bestimmte Infektions-und ansteckende Krankheiten bei Migranten häufiger vorkommen als in der einheimischen Bevölkerung.

3.) „Migranten nehmen uns die Arbeitsplätze weg.” Diese Ansicht ist extrem verbreitet in europäischen Gesellschaften, insbesondere bei Arbeitern in Arbeitsbereichen, in denen es viele Migranten gibt. Dies gilt strenggenommennicht nur für Migranten, sondern auch für deren Kinder, die so genannte zweite Generation, die aufgrund ihres Aussehens, Kultur oder Familienzusammenhalts immer noch nicht als „Teil der Nation“ betrachtet werden.

4.) „Migranten verursachen eine Absenkung der Löhne.” Viele Menschen, die akzeptieren, dass es keinerlei Beweise für die Behauptung gibt, Migranten und Einheimische ständen in direkter Konkurrenz um Arbeitsplätze, glauben nichtsdestotrotz die Aussage, dass Migranten durch ihre Präsenz die Löhne drücken. Diese Meinung ist besonders stark am Arbeitsplatz anzutreffen und selbst bei den Gewerkschaften, zumindest an der Basis.

5.)„Migranten nutzen den Wohlfahrtsstaat aus.” Migranten und deren Familien werden beschuldigt, die Dienste zu missbrauchen, die vom Wohlfahrtsstaatauf dreierlei Weise bereitgestellt werden. Erstens wird behauptet, sie würden die staatlichen Dienste und Hilfsangebote übermäßig und in unfairer Weise nutzen, wobei angenommen wird, dass sie einen breiteren, freieren und weniger regulierten Zugang hättenals andere Bürger. Zweitens wird von ihnen angenommen, sie hätten Zugang zu Leistungen und Diensten, auf die sie keinen gesetzlichen Anspruch hätten, und würden damit Betrug begehen, zum Schaden der einheimischen Bevölkerung. Drittens wird unterstellt, dass sie während ihres Aufenthaltes, von dem angenommen wird, er sei nur temporär und vor allem vom Wunsch beflügelt, vom europäischen Sozialsystem zu profitieren, mehr von der Wirtschaft profitieren als dieser nutzen.

6.) „Migranten benehmen sich, als gehörte ihnen alles.” Diese Haltung ist besonders bei älteren Menschen anzutreffen, die den Eindruck haben, die Neuankömmlinge respektierten sie nicht, ihr vertrautes Leben werde erodiert und die „Migranten-Kultur und deren Lebensweise werden mehr respektiert als unsere” .

7.) „Migranten gründen Parallelgesellschaften.” Migranten werden häufig als soziale und politische Gruppe beschrieben, die den Angehörigen der Gastgesellschaft fremd ist. Es wird den Fällen Aufmerksamkeit gewidmet, in denen sie sich als geschlossene und selbstgenügsame Gemeinschaft verhalten, und weniger den Fällen, in denen sie offen sind und sich um freundschaftliche Beziehungen mit Angehörigen anderer Gruppen bemühen. Typische Behauptungen sind „die bleiben lieber unter sich”, „die wollen sich überhaupt nicht integrieren”, „die können unsere Sprache nicht sprechen” und „die wollen doch nur Rechte, aber keine Pflichten”.

8.) „Die Kinder der Migranten senken die Standards in unseren Schulen.” Es wird behauptet, die Kinder von Migranten „schneiden in Schulen schlecht ab, weil ihre Eltern nicht über die Fähigkeiten und die Bildung verfügen, um sie ordentlich zu erziehen”, und werden häufig für ihre eigenen Schwierigkeiten verantwortlich gemacht: „sie sprechen nicht die Sprache ihres Gastlandes”; „sie werdenmitten im Schuljahr angemeldet” und „sie wissen nicht, zu welcher Kultur sie wirklich gehören”.

9.) „Weibliche Migranten leben als Minderheit.” Nicht-europäische Migranten werden häufig als „rückständig” im Hinblick auf die Zivilisation im Allgemeinen und auf die Gleichheit von Mann und Frau im Besonderen betrachtet. Dieses Vorurteil wird heute vorwiegend gegen Muslime und Araber vorgebracht.
Es mag in einigen konkreten Situationen eine gewisse Wahrheit in einigen dieser Aussagen liegen. Aber bei allen handelt es sich um undifferenzierte Verallgemeinerungen und alle werden kontinuierlich in ganz Europa vorgebracht, sowohl im privaten als auch öffentlichen Diskurs. Zusammen genommen drücken sie eine tiefe und weitverbreitete Feindseligkeit gegenüber einem sehr großen Teil der Menschen aus, die in Folge alle moralisch und materiell darunter leiden werden.

☆☆☆☆
Muslime

Der Anstieg negativer Einstellungen gegenüber Muslimen in Europa wird durch Umfragen bestätigt, die vom Pew Global Attitudes Project durchgeführt wurden. In einigen europäischen Staaten hat sich der prozentuale Anteil der Befragten, die entweder eine „etwas nachteilige” oder eine „sehr nachteilige” Meinungüber Muslime haben, zwischen 2004-5 und 2010 erheblich erhöht oder ist in konkreten Fällen weiterhin hoch geblieben, manchmal nahezu 50%. Andere Umfragen in Europa bestätigen die Verbreitung negativer Ansichten über muslimische Minderheiten. Der Islam wird sogar von vielen Europäern als große Bedrohung für Europa betrachtet, weil sie glauben, diese Minderheit wachse und der Islam sei mit einem „modernen europäischen Leben“ unvereinbar.

Der Bericht 2009 der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte bestätigt, dass dieses kontinuierliche antimuslimische Gefühl in Europa sich keinesfalls auf die Äußerung dieser Meinung beschränkt. Einer von drei Muslimen, die befragt wurden, erklärte, er sei schon einmal diskriminiert worden, und 11% sagten, sie seien in den vorausgegangenen 12 Monaten mindestens einmal „selbst“ Opfer rassistisch motivierter Gewalt gewesen: Körperverletzung, Bedrohung und Belästigung. Die höchste Diskriminierung gab es bei der Beschäftigung und bei Dienstleistungen, die im Privatsektor angeboten werden. Weitere Umfragen zeigen ebenfalls steigende Zahlen für Angriffe und Fälle von Diskriminierung gegen Muslime sowie Kundgebungen und öffentliche Veranstaltungen mit antimuslimischen Botschaften. Viele Beobachter und Organisationen, u.a. die Parlamentarische Versammlung des Europarats, stimmen überein, dass es einen drastischen Anstieg der Feindseligkeit gegen Muslime in ganz Europa gibt. Häufig verwenden sie den Begriff „Islamophobie”, um dieses Phänomen zu beschreiben. Wir haben uns gegen die Verwendung dieses Begriffes in diesem Bericht entschieden, da er dahingehend verstanden werden könnte, zu implizieren, der Islam als solcher sei von jeglicher Kritik ausgenommen, oder dass jene, die ihn kritisieren, notwendigerweise durch rassistische oder religiöse Vorurteile motiviert seien.
Wir teilen diese Auffassung nicht, da wir der Überzeugung sind, dass die Menschen in einer freien und pluralistischen Gesellschaft die Freiheit haben müssen, eine religiöse Überzeugung zu haben oder nicht und ihre Meinung über den Islam wie über jede andere Religion zu äußern. Gleichzeitig ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass verzerrte oder falsche Darstellungen religiöser Überzeugungen oder Praktiken oder Behauptungen, dass jene bestimmter Gruppen oder Personen charakteristisch für eine Religion als Ganzes seien, häufig Ausdruck von Vorurteilen sind und dazu beitragen, diese zu verbreiten. So waren z. B. Aussagen über den jüdischen Glauben und jüdische Praktiken in der Geschichte eine Methode des Antisemitismus, und viele weitverbreitete aktuelle Erklärungen über den Islam fallen in die gleiche Kategorie.

Rechtsextremistische Parteien haben die Angst vor dem Terrorismus insbesondere seit den Terrorangriffen am 11. September 2001 in den USA, am 15. und 20. November 2003 in Istanbul, am 11. März 2004 in Madrid, am 7. Juli 2005 in London und eine ganze Serie vergleichbarer Anschläge in der Russischen Föderation sowie demografische Veränderungen. So zum Beispiel der Anstieg der muslimischen Bevölkerung in vielen europäischen Staaten, vor allem durch Einwanderung mit großem Erfolg ausgeschlachtet. Sogar in vielen Volksparteien wird die Verunglimpfung des Islams häufiger, wenn nicht sogar Standard. Da eine steigende Zuwanderung von Muslimen nach Europa in den letzten Jahrzehnten zu „sichtbareren” muslimischen Gemeinschaften geführt haben und mit dem Anwachsen des politischen Islams zusammentraf, haben viele Europäer die Überzeugung angenommen, der Islam per sesei radikal, militant und mit europäischen Werten unvereinbar, und dass muslimische Migranten und deren Nachfahren nicht in die europäischen Gesellschaften auf eine Weise integriert werden könnten, wie dies bei Migrantenströmen in der Vergangenheit der Fall gewesen ist.
Im Oktober 2010 erklärte der Menschenrechtskommissar des Europarats, dass diese Vorurteile „mit rassistischen Haltungen kombiniert werden – die sich vor allem gegen Menschen aus der Türkei, aus arabischen Ländern und Südasien richten. Muslime mit diesem Hintergrund werden aktuell auf dem Arbeitsmarkt und im Bildungswesen in einer Reihe von europäischen Staaten diskriminiert. Es gibt Berichte, die zeigen, dass sie vermehrt von der Polizei im Rahmen wiederholter Identitätskontrollen und Durchsuchungen anvisiert werden. Dies ist ein schwerwiegendes Menschenrechtsproblem.“( Menschenrechtskommissar des Europarats, Erklärung zu den Menschenrechten, 28. Oktober 2010 )

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Juden

Antisemitismus sucht die Welt seit Jahrhunderten heim. In Europa ist er ein tief verwurzeltes kulturelles Merkmal, das im 19. Jahrhundert im Kontext eines ethnisch begründeten Nationalismus sowie von rassistischen Theorien der menschlichen Entwicklung seinen konkreten politischen Ausdruck gefunden hat. Dies gipfelte in der Ideologie des Nationalsozialismus. Der Antisemitismus, der im Holocaust seine weitreichendste und gewalttätigste Form erlebte, verursachte den Tod von sechs Millionen Juden und das Leiden zahlloser anderer Juden. Subtilere, weniger mörderische, aber immer noch abscheuliche Formen von Antisemitismus haben Leben zerstört, religiöse Gemeinschaften dezimiert, soziale und politische Gräben und komplizierte Beziehungen zwischen Staaten geschaffen sowie die Arbeit internationaler Organisationen begründet. Obwohl negative Meinungen über Juden weniger häufig in Europa sind als in anderen Teilen der Welt, sind sie in den letzten Jahren laut Pew Global Attitudes Project angestiegen. Eine 2009 durchgeführte Umfrage in einigen europäischen Staaten durch die Anti-Defamation League weist ebenso auf den alarmierenden Trend hin, Juden in der Finanzindustrie für die aktuelle globale Wirtschaftskrise verantwortlich zu machen. Nahezu ein Drittel der Befragten machte Juden im Bankensektor für die aktuelle Wirtschaftskrise verantwortlich. Ein ähnlicher Anteil glaubte, Juden hätten „zu viel Macht“ im Unternehmens-und Finanzbereich und seien nicht loyal ihrem Land gegenüber. In Westeuropa sind traditionell rechtsgerichtete Gruppen insgesamt für einen signifikanten Anteil der Angriffe auf Juden und jüdisches Eigentum verantwortlich, aber in den letzten Jahren wurde eine steigende Zahl dieser Angriffe von unzufriedenen muslimischen Jugendlichen begangen. In Osteuropa sind Skinheads und Angehörige des radikalen politischen Rands für die meisten gemeldeten antisemitischen Zwischenfälle verantwortlich.

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Christen

In den meisten europäischen Staaten, in denen das Christentumdie vorherrschende Religion für das letzte Jahrtausend oder so gewesen ist, sind die meisten Menschen in der Bevölkerung entweder Christen oder haben einen christlichen Hintergrund, und die Meinung der Allgemeinheit über Christen ist vorwiegend positiv. Es gibt jedoch einige europäische Staaten, vorwiegend muslimische, in denen Christen immer noch Formen der Diskriminierung ausgesetzt sind oder Opfer von Feindseligkeit und gelegentlicher Gewalt aufgrund von Religion oder ethnischer Abstammung werden: Tätliche Angriffe, Angriffe auf Kirchen, Einschränkung der Vereinigungsfreiheit und der Meinungsfreiheit. Der Botschafter Janez Lenarčič, Direktor des Büros für demokratische Institutionen und Menschenrechte der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSCE-ODIHR), erklärte im März 2009, dass „Intoleranz gegen und Diskriminierung von Christen sich auf verschiedene Weise im OSZE-Gebiet manifestieren. Obwohl die Verweigerung von Rechten ein wichtiges Thema sein kann, wo Christen eine Minderheit bilden, können auch Ausgrenzung und Marginalisierung von Christen erlebt werden, wenn sie eine Mehrheit in der Gesellschaft darstellen.”

Die weiteren nachstehend aufgeführten Phänomene sind alle mehr oder weniger die Produkte von Intoleranz und Vorurteilen, aber sie verschlimmern sie auch durch eine Reihe von sich gegenseitig verstärkenden Teufelskreisen.
Wachsende Unterstützung für Fremdenfeindlichkeit und populistische Parteien
Im vorausgegangenen Abschnitt haben wir eine kurze und grobe Darstellung der populären Vorurteile gegen einzelne Gruppen der Bevölkerung gegeben. In diesem Abschnitt untersuchen wir die politischen Parteien in verschiedenen Teilen Europas, die entstanden sind oder in signifikanter Weise ihre Gefolgschaft vergrößern konnten,indem sie diesen Vorurteilen politisch Ausdruck verliehen und diese gefördert haben. Der Aufstieg dieser Parteien und deren Einfluss auf die allgemeine Politik ist wahrscheinlich das Phänomen, das europäischen Liberalen die größte Sorge bereitet, da es die Furcht auslöst, der „demokratische RechtsbestandEuropas” könne in Gefahr sein Zweifellos finden signifikante soziale und ideologische Veränderungen auf der politischen Landkarte Europas statt. Von Nordeuropa bis zum Mittelmeererleben wir eine Welle von radikalem Populismus. Die betreffenden Parteien sind in der Regel dem rechten oder rechtsextremen politischen Spektrum zuzuordnen, aber es wäre ein Fehler, sie als neofaschistisch zu bezeichnen. Obwohl es Elemente gibt, die sie mit „traditionellen” Neonazi-oder neofaschistischen Bewegungen in Europanach dem Zweiten Weltkrieg teilen, die in der Regel ein marginales Phänomen geblieben sind, haben die neuen Parteien eine wesentlich breitere Basis, die sich in nahezu alleSchichten der Gesellschaft erstreckt, ungeachtet von Bildungsgrad, Geschlecht oder Status. Sie sprechen fast jeden an, der das Gefühl hat, seine oder ihre Lebensgrundlage und sein oder ihr Lebensstil sei durch die Wirtschaftskriseund durch Einwanderung bedroht. Tatsächlich kombinieren einige von ihnen diese fremdenfeindliche Haltung mit dem Appell an Linksliberalismus, Verteidigung des Sozialstaates und scheinbar linker Wirtschaftspolitik (sowie dezidiert positiven Ansichten über Israel).
In Westeuropa ist die Ablehnung von Einwanderung ihr gemeinsames Thema. In vielen mittel-und osteuropäischen Staaten richtet sich die gleiche Angst gegen die Roma und manchmal andere Minderheiten, wie z. B. die Juden.In den letzten Monaten konnten Parteien, die sich gegen Einwanderung aussprechen, beeindruckende Gewinne verbuchen, u.a. in Staaten mit einem Ruf für liberale Politik und eine tolerante Wählerschaft. In den letzten zwei Jahren haben die Wahl-und Umfrageergebnisse in vielen europäischen Staaten einen Anstieg der Wählerunterstützung für Bewegungen gezeigt, die behaupten, die Interessen und die Kultur der „einheimischen“ Mehrheit gegen die Einwanderung und die Ausbreitung des Islams zu verteidigen. Obwohl sie noch nicht die Mehrheit haben, sind diese Parteien eine wachsende Kraft in der europäischen Politik. In einigen Staaten haben sie sich als zweitstärkste Partei mit rund 30% der Wählerstimmen etablieren können, und manchmal haben sie ihren Rivalen eine Regierungsmehrheit genommen, die Bildung einer Regierung von ihrer Unterstützung abhängig gemacht oder waren sogar Teil einer Regierungskoalition. Immer häufiger führen ihre Wahlerfolge dazu, dass Politiker, die den großen Volksparteien angehören, mit ihnen bei der Rhetorik gegen Einwanderung oder für Fremdenfeindlichkeit zu konkurrieren, was wiederum zur Ausbreitung rassistischer Einstellungen in der Allgemeinbevölkerung beiträgt und diese legitimiert.

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Diskriminierung

Vorurteile gegen Migranten, Menschen mit Migrationshintergrund oder Angehörige von Minderheiten spiegeln sich häufig in Diskriminierung wider, wobei den Betroffenen Dienste oder Leistungen verweigert werden, auf die sie Anspruch haben und die Angehörige anderer Gruppen erhalten. Diese Behandlung entfremdet sie und trägt zu ihrer Isolierung vom Rest der Gesellschaft bei. Dies widerspricht den Grundprinzipien, denen sich alle Mitgliedstaaten des Europarats verpflichtet fühlen und stellt an sich eine der schwierigsten Hürden bei der Schaffung oder dem Erhalt offener und harmonischer Gesellschaften in Europa dar. Die Diskriminierung scheint in den folgenden Bereichen besonders verbreitet zu sein und äußerst schädliche Folgen zu haben: Beschäftigung, Wohnen, Bildung, Gesundheit und Sozialdienste und Maßnahmen der Polizei und der Gerichte.BeschäftigungIn nahezu jedem europäischen Staat liegt die Arbeitslosenquote bei Roma, Migranten und Menschen, die als Ausländer wahrgenommen werden, signifikant höher als die der Gesamtbevölkerung. Dies ist nicht immer Beweis für eine direkte Diskriminierung seitens der Arbeitgeber, da diese Quotemanchmal auf den Zusammenbruch ganzer Industrien zurückzuführen ist, insbesondere der Bauindustrie, wo vorwiegend Migranten arbeiten, oder Folge der Anwendung einer „zuletzt eingestellt, zuerst gefeuert“-Politik ist oder im Fall der Roma durch das Verschwinden traditioneller Handwerke sowie die faktische Wohnabgrenzung, die ein Merkmal ihrer sozialen Ausgrenzung ist, verursacht wird. Aber in einigen Staaten erklären Nichtregierungsorganisationen im Bereich Antirassismus, selbst wenn in konkreten Fällen die rassistische Diskriminierung beim Zugang zu Beschäftigung von den Gerichten sanktioniert wird, dass die Strafen nicht immer ausreichend überzeugend sind, insbesondere dann nicht, wenn große Unternehmen betroffen sind; während in anderen Fällen die Beschäftigung immer noch der Bereich des sozialen Lebens ist, für den die meisten Fälle von Diskriminierung gemeldet werden.

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Wohnen

Berichte der Europäischen Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI) des Europarats weisen mit Sorge darauf hin, dass laut mehrerer Quellen die direkte und indirekte Rassendiskriminierung von Migranten, Personen mit Migrationshintergrund und anderen erkennbaren Minderheitengruppen sowohl im privaten als auch öffentlichen Wohnungssektor in einer Reihe von europäischen Staaten weiterhin ein Problem ist. Selbst für Staaten, in denen die Diskriminierung aufgrund der ethnischen Abstammung bei der Wohnungsvergabe verboten ist, dass einige Kommunen dessen ungeachtet städtische Vorschriften in einer Weise auslegen, die bestimmte sozial benachteiligte Gruppen diskriminiert, u.a. indem sie die Entscheidungen bei der Wohnungsvergabe vom Ruf des Antragstellers oder seiner Familie beim vorherigen Vermieter abhängig macht.

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Bildung

Dieser Bereich wird als wichtiges Instrument für den Kampf gegen Rassismus und Intoleranz erachtet, aber die Bildung scheint auch ein Bereich zu sein, in dem Rassismus und Diskriminierung aufgrund von ethnischer Abstammung und Religion existieren können, mit schädlichen Folgen für die Kinder und die Gesellschaft als Ganzes. Wir haben bereits die Situation der Roma-Kinder geschildert, die in einigen Fällen in getrennten Schulen oder in Schulen für geistig Behinderte untergebracht werden. Außerdem scheint es in einigen europäischen Staaten auch einen disproportional hohen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund in bestimmten Schulen zu geben, was anscheinend mit der Bildung von ghettomäßigen Wohnsiedlungen und auch den angeblich schlechteren Schulleistungen von Migrantenkindern oder Kindern mit Migrationshintergrund verbunden ist. Leistungen und Sozialdienste Politiker sind häufig bemüht, auf Beschwerden einzugehen, Migranten missbrauchten oder belasteten in ungebührlicher Weise den Sozialstaat, indem sie den Zugang der Migranten zu Leistungen und Diensten einschränken, z. B. indem sie diese an umfangreiche Kriterien knüpfen, wie z. B. Aufenthaltsdauer (normalerweise nicht weniger als fünf Jahre), Rechtsstatus (einschließlich Arbeitserlaubnis und damit die Verfügbarkeit eines Einkommens), Nationalität. Fehlen eines Eintrags im Bundeszentralregister, Begrenzung auf Grund-und Notfallleistungen oder indem sie sie rigoroseren Bedarfsprüfungen als die Allgemeinheit unterziehen. Selbst wenn ausländischen Bewohnern offiziell dieselben Rechte wie anderen Antragstellern zugestanden werden, ist die Atmosphäre häufig feindselig und die bürokratischen Hürden so hoch, dass sie abgeschreckt werden, überhaupt einen Antrag zu stellen. Vielmehr ist es so, dass bereits am Ort der Einreise die Tatsache, dass jemand sozialen Beistand benötigt, ein ausreichender Grund für seine Abweisung ist. Polizei und Gerichte Migranten oder Angehörige von Minderheiten sind in einigen europäischen Staaten in disproportionaler Weise von Polizeiüberprüfungen betroffen und werden manchmal von den Polizeibeamten rassistisch beschimpft, schikaniert oder sogar körperlich misshandelt.
Die Tatsache, dass diese Gruppen häufiger von der Polizei angehalten und durchsucht werden, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie im Strafjustizsystem landen. Diese Gruppen scheinen in der Tat in nahezu allen Gefängnissen in Europa überrepräsentiert zu sein. Und doch ist „die Frage nach Diskriminierung und Justiz eine der wichtigsten politischen Fragen unserer Gesellschaft, und sie erhält immer noch nicht die gebührende Aufmerksamkeit“, so Sebastian Roche, der als Forschungsdirektor für das französische Staatliche Zentrum für wissenschaftliche Forschung die Diskriminierung in der Justiz untersucht hat. Er fügt hinzu: „Wir können einem Staat nicht die Schuld geben, wenn seine Unternehmen diskriminieren, aber wir können einem Staat die Schuld geben, wenn sein Justizsystem und seine Polizei diskriminiert.“
Der Bericht der Europäischen Kommission gegen Rassismus und Intoleranz zeigt deutlich, dass zumindest in einigen Staaten die Polizei nicht aktiv genug ist, die Anzeigen von Opfern rassistischer Angriffe oder Hassreden aufzunehmen. Sie weigern sich häufig eine Anzeige aufzunehmen oder protokollieren diese nicht ordnungsgemäß. In anderen Fällen endet ein Opfer einer erkennbaren Minderheit, der bei der Polizei eine Anzeige wegen rassistischer Übergriffe machen will, in einer schwierigen Situation, weil die Polizei, anstatt das Verhalten des mutmaßlichen Täters der rassistischen Handlungen zu untersuchen, das Opferzu schikanieren beginnt. Darüber hinaus werden Polizeibeamte, denen Fehlverhalten gegenüber Migranten oder Angehörigen ethnischer Minderheiten vorgeworfen wird, bei weitem nicht immer verfolgt und wenn, dann selten mit Erfolg.

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Das Vorhandensein einer nahezu rechtlosen Bevölkerung.

Fast alle europäischen Staaten haben unter dem Druck der öffentlichen Meinung ihr Bestes getan, die Einwanderung zu kontrollieren und auf bestimmte Kategorien von Menschen zu begrenzen. Natürlich haben sie das Recht, dies zu tun. Da aber der relative Wohlstand Europas und seine abnehmende innerstaatliche Arbeiterschaft weiterhin Beschäftigungsmöglichkeiten bietet, die immer mehr Migranten anlocken, ist die Folge eine immer umfangreichere illegale Einwanderung, da die Menschen denKontrollen ausweichen und sich temporär oder dauerhaft auf dem Kontinent niederlassen. Und dies führt wiederum zu einer Situation, die nur schwer mit dem Anspruch Europas zu vereinbaren ist, die Menschenrechte und die Rechtsstaatlichkeit zu wahren. „Illegale”, „ungesetzliche” oder „nicht erfasste” Migranten führen eine halb geheime Existenz, die es schwierig macht, verlässliche Daten über sie zu erfassen, aber ihre Zahl ist sicherlich hoch.
Ein Hinweis ist die Schätzung der EU-Kommission, dass zwischen 2005-07 ca. 1,4 Millionen Menschen festgenommen wurden, weil sie sich illegal in einem EU-Staat aufhielten, und nahezu 760.000 wurden abgeschoben. Für Staaten außerhalb der EU stehen nur wenige Daten zur Verfügung, aber zumindest in einigen sind die Zahlen bestimmt vergleichbar.
Wenn wir annehmen, dass die Festgenommenen nur einen Bruchteil der Gesamtzahl ausmachen, wird deutlich, dass wir hier über eine Bevölkerung von vielen Millionen sprechen. Ebenso klar dürfte sein, dass diese Bevölkerung nicht nur ihrer bürgerlichen und politischen Rechte beraubt ist, sondern ihr in der Praxis sogar die grundlegendsten Menschenrechte versagt bleiben. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes „ohne Recht“: Da das Gesetz sie mit Festnahme und Abschiebung bedroht, können siees nicht zu ihrem Schutz anrufen. Tatsächlich macht eben diese Tatsache sie attraktiver für Arbeitgeber: Da sie nur wenige Mittel und keinerlei Zuflucht haben, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als die Arbeit zu akzeptieren, die sie finden können, ungeachtet der Frage, wie wenig ihnen bezahlt wird oder wie unsicher, ungesund oder entwürdigend die Beschäftigungsbedingungen sind.
Kurz gesagt, sie sind jeder Form von Ausbeutung schutzlos ausgeliefert. Gleichzeitig macht sie ihr „illegaler” Status bei der restlichen Bevölkerung noch unbeliebter als die Migranten, obwohl diese allein durch die Tatsache, Migranten zu sein, in denselben Topf geworfen werden. Damit sind illegale Einwanderer, ebenso wie andere Migranten, aber in einem größeren Umfang, in den gefährlichsten, schwierigsten und schmutzigsten Jobs zu finden. Sie arbeiten in der Regel in landwirtschaftlichen Betrieben, kleinen und mittleren Unternehmen, im Dienstleistungsbereich (Restaurants, Hotels, Hauswirtschaft) und, im Fall nicht erfasster weiblicher Einwanderer, in der Sexindustrie. Die Geburten dieser nicht erfassten Einwanderer werden häufig nicht angemeldet, mit der Folge, dass die Kinder selbst auch von Geburt an nicht erfasst werden. Man schließt sie von medizinischer Versorgung und Bildung aus. Eine wachsende Zahl von ihnen muss auf der Straße schlafen. Sie sind nach wie vor schutzlos dem Missbrauch durch kriminelle Vereinigungen ausgesetzt, die sich an Schmuggel, Menschenhandel und modernen Formen der Sklaverei beteiligen. Weibliche Einwanderer sind von den zusätzlichen Gefahren der Marginalisierung, von Jobverlust und Aberkennung wirtschaftlicher und sozialer Rechte betroffen. Viele Industriezweige zahlen keinen gleichen Lohn für gleiche Arbeit, und Frauen fehlt es an gesetzlichem Schutz.
Laut der verfügbaren Daten gibt es viele Fälle von Gewalt gegen nicht erfasste Frauen, und sie sind die primären Opfer des abscheulichen Verbrechens des Menschenhandels. Obwohl Asylsuchende, von denen es im Jahr 2008 355.000 in den OSZE-Staaten gab, bei steigenden Zahlen in den Anrainerstaaten des Mittelmeeres, streng genommen keine nicht erfassten Menschen sind, befinden sie sich in vielfacher Hinsicht in derselben Lage und sind vielen ähnlichen Gefahren ausgesetzt. Das Stellen eines Asylantrags wird allgemein von der Öffentlichkeit, vielfach unterstützt von den Medien, als simpler Versuch gesehen, die Einwanderungskontrollen zu umgehen. In vielen Fällen stimmt dies vielleicht, obwohl es auch stimmt, dass individuelle Umstände enorm variieren können, und es gibt eine große Grauzone zwischen einem „reinen“ politischen Flüchtling und einem „reinen“ Wirtschaftsflüchtling.
Leider zeigen die europäischen Staaten eine starke Tendenz, Asylsuchende als schuldig zu betrachten, also „Scheinanträge“ zu stellen, bis das Gegenteil bewiesen wurde, und erlegen ihnen die Beweispflicht auf, obwohl es viele Gründe gibt, warum echte politische Flüchtlinge nicht immer ausreichende Beweise für ihre Geschichte vorlegen können. Viele Asylsuchende sind inhaftiert, während ihr Antrag geprüft wird, und viele dürfen, selbst wenn sie „frei“ sind, nicht arbeiten und erhalten, wenn überhaupt, nur eine minimale soziale Absicherung, weil auch hier die öffentliche Meinung dienstbeflissen bedient wird, die sie als „Schmarotzer“ verunglimpft. Dies alles führt sie in eine Lage, die der von nicht erfassten Einwanderern ähnelt. Da man ihnen nahezu vollständig verbietet, ihren eigenen Lebensunterhalt zu verdienen, ist ihr Versuch, dies illegal zu tun, fast vorprogrammiert; und jeder Beschwerde von ihnen wird wahrscheinlich mit dem Hinweis begegnet, es stehe ihnen ja „frei”, in ihr Heimatland zurückzukehren, eine Antwort, die den Gegenstand ihres Antrags, der in der Zwischenzeit geprüft wird, praktisch vorverurteilt. Daher genießen auch sie einen sehr eingeschränkten Rechtsschutz und sind vielfach dem gleichen Missbrauch ausgesetzt wie illegale Einwanderer. In beiden Fällen verschärft der Mangel an Alternativen zur Inhaftierung und die damit zusammenhängende Tendenz, jeden festzusetzen, der in illegaler Weise in ein Land einreist, einschließlich Schwangeren und Familien mit kleinen Kindern, die Situation noch und erschwert eine Versöhnung mit den erklärten europäischen Grundsätzen.
Selbst jene, deren Asylantrag genehmigt wurde oder die eine „temporäre Aufenthaltsgenehmigung“ erhalten haben, müssen häufig trotzdem gehen, unter Androhung der Abschiebung, wenn sie dies nicht „freiwillig“ machen, falls oder wenn das Gastland zu dem Schluss kommt, die Situation in ihrem Heimatland habe sich gebessert. Solche Beurteilungen sind häufig anfechtbar, um das Mindeste zu sagen, und selbst wenn sie begründet sind, können die Folgen dieser Beurteilungen sehr unmenschlich sein, insbesondere wenn Kinder, die im Gastland herangewachsen sind, in ihr „Heimatland“ zurückgeschickt werden, das sie nicht aus eigener Erfahrung kennen.

Das Europäische Netzwerk gegen Nationalismus, Rassismus, Faschismus und zur Unterstützung von Migranten und Flüchtlingen veröffentlicht regelmäßig eine Liste jener Menschen, die an den Grenzen Europas oder in Abschiebehaft sterben. Seit 1993 wurden mit Hilfe vieler Netzwerkorganisationen mehr als 11.000 dieser Todesfälle dokumentiert. Zweifelsfrei sind viele dieser Todesfälle natürlichen Ursachen geschuldet, und sicherlich kann man nicht für alle Todesfälle die europäischen Behörden verantwortlich machen. Es ist aber schwierig, diese unglücklichen Menschen nicht zumindest teilweise als Opfer einer fehlenden klaren, umfassenden und humanen Einwanderungspolitik in Europa zu sehen, und einige von ihnen als Opfer einer erschreckenden Abgebrühtheit bei der Anwendung der bestehenden nationalen Politik. Viele, die z. B. auf See ertrunken sind, hätten gerettet werden können, wenn man die hochseeuntauglichen Boote, in denen sie saßen, rechtzeitigaufgegriffen hätte, wie dies das internationale humanitäre Recht vorsieht. Die Verantwortung für ihren Tod muss in vielen Fällen auch von den Staaten übernommen werden, aus denen sie abgefahren sind, wobei diese Staaten striktere Maßnahmen hätten ergreifen müssen, um sie an der Abfahrt zu hindern.
Parallelgesellschaften
Das Wort „Ghetto”, das in der Geschichte die jüdischen Viertel in zahlreichen europäischen Städten meinte, wird heute verwendet, um ein komprimiertes städtisches Viertel zu bezeichnen,in dem ethnische, religiöse, nationale oder andere Gemeinschaften, die gesamtstaatlich gesehen eine Minderheit darstellen, auf lokaler Ebene eine große Mehrheit der örtlichen Bevölkerung bilden.
Diese Konzentrationen sind nicht ausnahmslos oder notwendigerweise ungesund. Historisch betrachtet kommen sie in vielen Gesellschaften vor und waren häufig eine nützliche Phase bei der schrittweisen Integration von Einwanderergruppen in die Gastgesellschaft. Der Begriff „Ghetto” wird jedoch in der Regel in einem negativen Sinn verwendet, wenn ein Stadtteil größtenteils vom Rest der Stadt durch soziale oder wirtschaftliche Ausgrenzung, oder Selbstausgrenzung, getrennt ist. Das typische Ghetto ist ein heruntergekommener Innenstadtbereich mit hoher Arbeitslosenquote und Jugendkriminalität. Alternativ kann dieser Begriff ein Gebiet meinen, dessen Bewohner unter sich bleiben, kaum die Sprache des Landes sprechen und in dem sich Angehörige der „einheimischen“ Bevölkerung, wenn sie überhaupt dorthin kommen, nicht willkommen und sicher fühlen, während in den örtlichen Schulen die Klassen nur aus Kindern von Minderheiten bestehen und den Schulen die Mittel fehlen, um sicherzustellen, dass diese Kinder die Landessprache fließend sprechen und lesen können.
Dies ist in westeuropäischen Städten ein vertrautes Muster geworden. Es trägt signifikant zur Angst vor und der Ablehnung von Migranten und Minderheiten bei, die von vielen Europäern geäußert werden. Die Ablehnung wird des Weiteren von der Überzeugung bestärkt, dass dieseGemeinschaften ihre Isolation selbst gewählt haben und vorsätzlich danach streben, in „Parallelgesellschaften“ zu leben, den Kontakt mit der restlichen Bevölkerung minimieren wollen, während sie gleichzeitig immer mehr Gebiete der Stadt „kolonisieren“, obwohl zumindest in einigen Fällen die Angehörigen der fraglichen Gemeinschaft denken, es sei die Gastgesellschaft, die sie ablehne und isoliere. Tatsächlich sind Ghettos und Parallelgesellschaften zwei klar zu unterscheidende Phänomene, die manchmal, aberbei weitem nicht immer, zusammen auftreten. In vielen Fällen ist das Ghetto nicht monoethnisch, sondern weist eine Reihe von Minderheiten auf, die zusammenleben und sich häufig untereinander nicht verstehen. Ebenso können Parallelgesellschaften manchmal geografisch breit verteilt sein, gemischt mit der Gesamtgemeinschaft existieren, aber der echte soziale Kontakt mit dieser Gesamtgemeinschaft wird auf ein Minimum beschränkt.
Das Entstehen von Parallelgesellschaften hat mehrere gefährliche Folgen. Erstens kann die soziale und wirtschaftliche Entbehrung zu Unruhen führen, die nicht notwendigerweise mit kulturellen oder religiösen Missständen zu tun haben müssen.
Zweitens werden Angehörige der neuen, besser ausgebildeten Mittelschicht, die in einer geschlossenen Gesellschaft innerhalb einer offenen Gesellschaft aufwachsen, immer unzufriedener mit der ausbleibenden sozialen Mobilität und können unter einer Art „kultureller Schizophrenie“ leiden. Angehörige dieser Gruppe neigen zur Radikalisierung.
Drittens gewähren Parallelgesellschaften, aufgrund ihrer geschlossenen Natur, häufig Deckung für kriminelle Handlungen und in einigen Fällen für terroristische Netzwerke. Natürlich trägt diese Isolation zur gegenseitigen Entfremdung zwischender betroffenen Gemeinschaft und der sie umgebenden Gesellschaft bei. Sie ist für eine jedwede sinnvolle Umsetzung des Gedankens eines „Zusammenlebens“ schädlich. Ob sie nun das Ergebnis einer vorsätzlichen „multikulturellen“ Politik ist oder nicht, jede ernsthafte Integrationspolitik muss versuchen, diese Isolation zu überwinden.
Islamistischer Extremismus
Obwohl der Islam seit vielen Jahren in Europa existiert, haben die terroristischen Angriffe vom 11. September in den USA und nachfolgende ähnlich dramatische Angriffe in Europa vor allem in Madrid, März 2004; London, Juli 2005; und eine Serie von Angriffen in Moskau, der letzte im Flughafen Domodedovo im Februar 2011 zur Wahrnehmung geführt, der Terrorismus sei ein Merkmal des Islams als solcher. Es wird sogar manchmal behauptet, „nicht alle Muslime sind Terroristen, aber nahezu alle Terroristen sind Muslime“. Offizielle Statistiken ergeben ein anderes Bild.

Im Namen der Religion

Autoren Naike Juchem und Nila Khalil

Keine der großen Weltreligionen wird mehr gehasst als der Islam.
Woher kommt dieser Hass gehen Muslime in der westlichen Welt? Die Antwort ist ganz einfach: Fundamentalisten.
Kriege und Terror im Namen der Religion gehen tausende Jahre vor Christi Geburt zurück. So weit möchte ich nun aber nicht ausholen und beginne mit den Kreuzzügen um 1095 n.Chr.
Die ersten Kreuzzüge wurden von der Lateinischen Kirche gegen muslimische Staaten im Nahen Osten geführt. Diese Kriege wurden aus strategischen, religiösen und wirtschaftlichen Motive zwischen 1095/99 und dem 13. Jahrhundert geführt. Oft durch und mit fanatischer Grausamkeit gekennzeichnet.
Im 16. und 17. Jahrhundert waren es die Hugenottenkriege und der Dreißigjährige Krieg typische Beispiele für die Religionskriege.
Fundamentalismus ist also kein neuzeitliches Phänomen. Es wird dank Fernsehen, Radio, Zeitungen und Internet in den letzten Jahrzehnten nur mehr wahrgenommen. Auch hat sich in mehr als 4000 Jahren nichts an Grausamkeit gegen Menschen geändert. Bewusst habe ich die Grausamkeit gegen Menschen andern Glaubens weggelassen, denn wie schon zu den Religioneskriegen im Mittelalter geht es oft gegen das eigene Volk. Die neuzeitliche Geschichte ist voll mit Zeitzeugnisse.
Woher kommt nun aber der extreme Hass gegen den Islam?
Fast 2 Milliarden Menschen mit muslimischen Glauben sind nicht alle Fundamentalisten oder ewig gestrige verbohrte Menschen. Fundamentalisten sind immer nur ein minimaler Teil der Gesellschaft. Ob nun Religion oder Faschismus.

Die Boulevardzeitungen der Welt suggerieren den Menschen ein anderes Bild und so bleiben die Schlagzeilen im Gedächtnis.
Wir alle erinnern uns an den 7. und 9. Januar 2015. Innerhalb weniger Tage töteten drei Attentäter 17 Menschen. Zwei Männer mit Automatikwaffen stürmten die Büros des Satiremagazins Charlie Hebdo in Paris. Anlass für den Angriff war die Veröffentlichung einer Karikatur des Propheten Mohammed. Ein weiterer Angreifer nimmt Geiseln in einem jüdischen Supermarkt. Die Polizei tötete alle drei Täter. Die Terroristen hatten ihre Sympathie zum „Islamischen Staat“ und der Terrorgruppe Al-Qaida bekundet.

Am 13. November 2015 erschütterte der nächste Terroranschlag Paris. An mehreren Orten in Paris und Saint-Denis gab es am Abend und in der Nacht verschiedene koordinierte Terroranschläge. 130 Menschen starben und Hunderte wurden durch Selbstmordattentäter und Massenschießereien, in der Nähe des Stade de France und bei einem Konzert im Bataclan Club verletzt. Auch dafür reklamierte der IS diese Taten für sich.

Am 19. Dezember 2016 gab es einen Angriff mit einem LKW auf einen Weihnachtsmarkt in Berlin. Der IS bekannte sich wenig später zu der Tat, bei der 12 Menschen starben und 62 verletzt wurden.
Der Täter wurde am 23. Dezember in der Nähe von Mailand von italienischen Polizeibeamten getötet, als er sich mit Waffengewalt einer Personenkontrolle entziehen wollte.
Am 1. Januar 2017 gab es einen Terroranschlag in einem bekannten Istanbuler Nachtclub. Im Reina wurde 10 Jahre zuvor der Grundstein meiner Stiftung gelegt. 39 Menschen kamen bei diesem Anschlag uns Leben. Auch hier proklamierte der IS die Tat für sich.

London, Brüssel, Mailand, Madrid, Berlin, Nizza, Straßburg sind nur einige der Städte wo der Terror zu schlug. Afghanistan, Ägypten, Marokko, Malaysia, Thailand, Sudan, Nigeria und so weiter. Selbst Neuseeland ist vor Fundamentalisten nicht sicher.
Sobald die Boulevardzeitungen wieder einen Terroranschlag mit fetten Buchstaben titeln, wird das Gebrüll nach Abschiebung, höhere Grenze oder gar der Gebrauch von Waffen an den Grenze laut. Jene Menschen die vor all dem Terror aus ihren Heimatländer fliehen, sind keine Islamisten oder Fundamentalisten. Natürlich verstecken sich unter all diesen Flüchtlinge auch der Abschaum der Menschheit. Bei einem Anschlag von einem, zwei oder mehreren Attentäter müssen tausende Menschen einen immer größer werdenden Fremdenhass und Rassismus erleiden.
Dem Mob mangelt es an Wissen, denn aus Angst wird Wut, aus Wut wird Hass und die Dummheit ist die Lunte zum Pulverfass.

Wer sind diese Fundamentalisten?

Was der braune Mob auf der einen Seite ist, sind die islamistischen Fundamentalisten auf der anderen Seite. Es sind Menschen die entweder keinen hohen Bildungsstand oder sogar Abitur und ein Studium begonnen bzw. abgeschlossen haben. Die Perspektivlosigkeit bringt beide Lager auf einen Nenner. Die Täter sind sozial ausgegrenzte Menschen und stehen oft am Rand der Gesellschaft. Sie kommen in automatisch in sozial schwache Kreise und plötzlich ist ein Wir-Gefühlt da. Ihnen werden skurrile Meinungen oder Texte vorgetragen. Dies ist die erste Stufe der Manipulation. Ob nun Hitlers „Mein Kampf“ oder der Koran zitiert wird, ist das gleiche. Das Feindbild wurde erschaffen und muss nun bekämpft werden.
Auch hier sind die Parallelen gleich: der böse Westen mit seiner freiheitlichen Kultur und auf der anderen Seite sind es die Regierungen, Flüchtlinge oder Homosexuelle.

Woher nun aber die Faszination für den Dschihad?

Stufen der Rekrutierung und Radikalisierung
Sie beschreiben den Prozess des Anwerbens für eine Terrororganisation und die zunehmende Gewalt- und Tötungsbereitschaft. Beide Prozesse haben sowohl intrapsychische Motivationen als auch interpersonale und kollektive Faktoren. Die letzteren bestehen aus Gruppenprozessen, Ideologie, Gegenkultur und den sozialen Medien. Da ist gerade das Internet bestens geeignet und zeigte dies auch immer wieder bei Recherchen von Polizei oder Journalisten.
Der Prozess der Rekrutierung und Radikalisierung vollzieht sich meist über einen längeren Zeitraum und in mehreren Stufen. Dabei spielt das Internet eine zentrale Rolle: »Die professionellen und gezielt kulturell gestalteten Botschaften des IS finden über das Internet und soziale Medien insbesondere unter Jugendlichen große Verbreitung. Der erste Einstieg mit »Offline-Kommunikation« geschieht sehr unterschiedlich, je nachdem, über welchen Weg die Rekrutierung stattfindet. Dies wird bei der Rekrutierung von Mithäftlingen im Gefängnis ganz anders erfolgen als bei deutschen muslimischen Staatsbürgern mit Migrationshintergrund. Wenn bereits eine muslimische Glaubensrichtung vorliegt, geschieht der Weg der Rekrutierung nicht selten über Moschee-Gemeinden, Imame oder Prediger. Eine wichtige Rolle bei der Rekrutierung spielen Kontakte zu Gleichaltrigen in der Schule, bei Arbeitskollegen oder Freizeitaktivitäten. In selteneren Fällen geschieht die Rekrutierung zufällig über eine Person, die Vorbildfunktion hat und sich bereits einer islamistischen Gruppe angeschlossen hat, z. B. ein Sporttrainer. Bereits diese Aufzählung zeigt, dass die Wege des ersten Einstiegs und der Rekrutierung sehr heterogen sind. Nach dem ersten Einstieg vollzieht sich nach Analysen der
Terrorismus Expertin, Douna Bouzar, die Rekrutierung und Radikalisierung meist in vier Etappen:
1.) Isolierung von der Familie und dem sozialen Umfeld
2.) Auslöschung der Individualität
3.) Verbundenheit mit der radikalen Ideologie
4.) Entmenschlichung

In der ersten Phase gehen die Rekrutierer sehr gezielt und geschickt auf die individuellen Sehnsüchte der jungen Menschen ein. Für die einen ist es die gemeinsame Eroberung der Welt, das Engagement für eine gute Sache, die Flucht aus der westlichen Konsumwelt oder utopische Paradiesvorstellungen nach einem möglichen Selbstmordattentat oder Märtyrertod.
In der zweiten Etappe werden die Gemeinsamkeiten der »islamischen Familie« betont und gleichzeitig die Abkehr von alten Gewohnheiten gefordert. Die Zugehörigkeit zum Islamischen Staat oder Islamischen Glaubens wird glorifiziert als Teilhabe am wahren Islam, als geistige Erneuerung und als die Verheißung einer neuen Identität. Es wird suggeriert, dass man bald wertvolles Mitglied der erhabenen und erlauchten islamischen Welt des neuen Kalifats sei.
In der dritten Etappe wird das Gefühl der Zugehörigkeit zum IS oder anderen Gruppierungen noch stärker betont und immer mehr hervorgehoben, dass man nun im Besitz der alleinigen Wahrheit sei, dass man auserwählt und anderen Ungläubigen überlegen sei.
In der vierten Etappe wird die Abgrenzung der Andersgläubigen, Ungläubigen oder nicht Zugehörigen massiv radikalisiert. Es existieren dann nur noch Beziehungen innerhalb der islamistischen Gruppe. Überlegenheit und Auserwähltheit werden immer wieder betont. Zunehmend wird verbreitet, dass es ein Recht und sogar eine Pflicht sei, Andersdenkende oder »Ungläubige« zu töten (so Jürgen Todenhöfer in seinem Buch: Inside IS 2015.) Gewalt wird banalisiert und das gemeinsame Anschauen von Enthauptungsvideos wird zur alltäglichen Unterhaltung.
Die finale Radikalisierung erfolgt schließlich mit der Ausreise in den Irak oder nach Syrien in das Herrschaftsgebiet des IS. Dort wird in Ausbildungscamps das Handwerk des Tötens gelernt. Im Gruppenerlebnis mit anderen tötungswilligen Männern nehmen Verrohung und Grausamkeit zu und die von Natur aus vorherrschende Tötungshemmung schwindet.

Die Komplexität der Psychologie

Die empirische Forschung zur Psychologie des Terrors hat einen erheblichen Nachholbedarf. Es gibt psychologische Studien aus anderen Terrorformen, z. B. der RAF und Einzelfallanalysen. Es gibt jedoch keine empirischen prospektiven Studien zu psychologischen Faktoren bei Dschihadisten. Ein Modellprojekt wurde in den Jahren 2004 bis 2008 als Kooperation zwischen der Universität Duisburg-Essen (Rhein-Ruhr-Institut für Sozialforschung und Politikberatung) und dem Bundeskriminalamt (Forschungsstelle Terrorismus/Extremismus) durchgeführt. Die Gesamtstudie versuchte einen Vergleich von rechtsorientierten, linksorientierten und islamistisch orientierten Extremisten/Terroristen. Die Ergebnisse waren ernüchternd. Trotz hoher Fördermittel konnten die Forscher nicht die geplanten Stichprobengrößen rekrutieren. Letztlich wurden nur 6 islamistische Terroristen in die Studie eingeschlossen, während immerhin 26 rechtsradikale Terroristen rekrutiert werden konnten. Ein Forschungsdesiderat für die Zukunft wäre eine Kooperation von »Dschihad-Beratungsstellen« und psychologischen Forschern. Die Jugendlichen, die dort wegen islamistischer Radikalisierung beraten werden, könnten prospektiv psychologisch untersucht werden. Da diese Beratungsstellen jedoch erst seit kurzer Zeit bestehen, wäre dies durchaus ein aussichtsreiches psychologisches Forschungsfeld über Motivation und subjektive Handlungsbegründung von Dschihadisten.
Boualem Sansal ist gebürtiger Algerier, promovierter Volkswirt und erfolgreicher Schriftsteller. 2011 wurde ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. Zu den Motiven der IS Dschihadisten, äußerte er sich 2015 wie folgt: „Die Jugend ist desorientiert und sucht nach einem Sinn des Lebens. Diese Lücke füllt die Religion aus. Sie bietet Visionen, politisches Engagement und eine Moral. Diese Zutaten zusammengenommen machen den Islamismus so faszinierend, dass sich inzwischen sogar Christen, Atheisten und Juden unter den Islamisten finden.“ Eine ähnliche Deutung publizierte der Berliner Soziologe Hans-Peter Müller bereits ein Jahr zuvor: „Der Islamische Staat und sein Kalifat sind das größte muslimische Sinnaufladungsprogramm der jüngeren Geschichte. Was für ein grandioses Projekt und welch phantastische Verheißung. Die Entstehung eines islamischen Großreiches an Euphrat und Tigris, wo die Zivilisation ihren Ausgang nahm, ist ein Versprechen, das frustrierte und orientierungslose Muslime weltweit ansprechen muss.“
Eine Arbeitsgruppe vom Deutschen Jugendinstitut DJI (Maruta Herding, Joachim Langner und Michaela Glaser) hat sich sehr differenziert zum komplexen psychologischen Motivationsbündel der deutschen Dschihadisten geäußert. Die Vielzahl der Einzelmotive lassen sich in drei Gruppen zusammenfassen:
1.) Da die Mehrzahl der IS-Kämpfer Jugendliche und junge Erwachsene sind, betont die Autorengruppe zuerst die alterstypischen Entwicklungsaufgaben und »jugendphasentypische Aspekte«. Dazu gehören die Ablösung von der Familie, die soziale Neuorientierung und die Entwicklung einer eigenen Identität. Viele junge Menschen dieser Altersgruppe haben erhebliche Probleme mit der Identitätskonstitution und der Sinnfindung. Gerade hier setzen die Rekrutierer des IS an: Sie bieten Sinnstiftung und versprechen eine starke Identität und sogar eine Überlegenheit der islamistischen Gemeinschaft.

2.) Ein weiterer Motivationsstrang sind die verbreiteten jugendlichen Bedürfnisse nach „action“,( Nervenkitzel, Protest und Provokation. In der psychologischen Forschung wird dies oft als »sensation seeking« zusammengefasst. Neugier, Abenteuerlust und entsprechende Persönlichkeitsmerkmale verstärken diesen Trend.

3.) Ein großer Teil der Dschihadisten stammt aus prekären Familien- und Lebensverhältnissen. Sie waren frustriert, fühlten sich gescheitert oder hatten gravierende biographische Krisen hinter sich. Scheidungen der Eltern, Selbstmordversuche der Mutter, Schulabbrüche, ungewollte Schwangerschaften (es gibt auch weibliche Dschihadistinnen), oder Enttäuschungen durch gute Freunde sind hier häufige Krisensituationen.
Die hier zitierten Experten stimmen darüber ein, dass Sinnfindung und Identitätskonstitution zentrale psychologische Faktoren sind. Dies ist der finale oder prospektive Aspekt der Motivation.

Motivationsfaktoren, die in der Vergangenheit ihre Ursache haben, sind prekäre Familienverhältnisse, Krisen und gescheiterte Lebensentwürfe. In den BKA- und BfV-Studien spiegelt sich dies meist in der »kriminellen Vorgeschichte«. Die umfangreichsten Datensätze zu soziobiographischen Merkmalen, die oben aufgeführt wurden, gehen überwiegend auf den Verfassungsschutz und das Bundeskriminalamt zurück. Sie sammelten vorhandene Daten von Jugendämtern, Polizei- und Gerichtsakten und anderen verfügbare Quellen.
Persönlich untersucht und erforscht haben sie die »Zielpersonen« meistens nicht, erst wenn sie als Rückkehrer aus dem Dschihad verhaftet wurden. Diese machen allerdings einen geringen Prozentsatz aus. Alle anderen bleiben forschungsstrategisch im Dunkeln und verweisen auf alle methodischen Probleme, die Dunkelfeldanalysen in der Kriminologie haben.

Autoren: Naike Juchem und Nila Khalil, 19. November 2020

Quellen:
– BKA Berichte über deutsche Dschihadisten im IS
– Verfassungsschutz Bericht von 2014 bis 18
– Journal für Psychologie
– Deutschen Jugendinstitut DJI
– Boualem Sansal

Schönste Pilotin der Welt

Autorin Nila Khalil

„Schönste Pilotin der Welt“ oder „Weibliches Top Gun“,
schrieben einst einige Zeitungen über Niloofar Rahmani.


Sie war das Symbol der neuen starken Frauen in Afghanistans, die dem Terror Widerstand leistete und sollte der Beweis für die neue Freiheit für Frauen nach den Taliban sein.
Niloofar bekam und bekommt Todesdrohungen seitens der Taliban, aber auch aus der eigener Familie. Mit ihrer unkonventionellen Arbeit beschäme sie schließlich die Familie.

Niloofar ist die erste Luftwaffenpilotin seit Jahrzehntenin Afghanistan, sie war Covergirl und Hoffnungsträgerin zugleich. 2016 beantragte Niloofar Asyl in den USA und musste sich in Afghanistan als Verräterin beschimpfen lassen.
Die afghanische Regierung reagierte heftig auf Niloofars Asylantrag. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums,
Mohammed Radmanisch, sagte damals, Rahmani habe die Drohungen gegen sie nur erfunden, um Asyl beantragen zu
können. „Hätte sie wirklich Probleme gehabt, hätte sie sich bei zahlreichen Stellen beschweren können. Rahmani sei eine Schande für Afghanistan. Ein Offizier müsse Tapferkeit im Angesicht des Feindes zeigen und dürfe nicht davon rennen.


Schon als Kind wollte Niloofar Pilotin werden wollen, es sei ihr großer Traum gewesen. Ihre Vorbilder seien zwei Hubschrauberpilotinnen, die es während der Sowjetzeit in Afghanistan gab. Die Eltern unterstützten Niloofar immer,
auch als Unbekannte Niloofar Bruder angegriffen hatten. Die Familie musste seither mehrmals umziehen, um sich zu schützen.


2017 verlieh ihr das US –
Außenministerium den Courageous Women Award. Mich
elle Obama hielt die Rede und sagte, Niloofar Rahimi fliege weiter, trotz der Drohungen der Taliban und aus ihrer Familie.
In den sozialen Medien wurde Rahmanis Motive emotional diskutiert. Die Frauenrechtlerin Waschma Frogh, die ein Jahr als Beraterin im afghanischen Verteidigungsministerium gearbeitet hatte, sagte, der Fall sollte endlich eine nationale Debatte über die Behandlung von Frauen in den Streitkräften auslösen.

Auch der Journalist Bilal Sarwary schrieb 2017: Das Land habe diese Frau wie auch vi
ele andere im Stich gelassen.
Von vielen Afghanen wurde Rahmani angesichts der instabilen Politischen Lage im Land entweder Deserteurin oder Feigling genannt.

Wo für?

Autorin Nila Khalil

Zwanzig Jahren versuchte man in Afghanistan Frieden und Stabilität zu bekommen.
Zwanzig Jahre wurde gegen einen Terror gekämpft, der feige und menschenverachtend ist.
Wo für?

Zwanzig Jahre wurde unglaublich viel Geld in Infrastruktur investiert um dem Volk von Afghanistan ein Leben zurück zur Normalität zu geben.
Zwanzig Jahre wurde gegen jede Entwicklung dieses Landes Terror betrieben. Ob nun Ingenieure aus Schweden für ein ausreichendes Stomnetz sorgen oder Menschenrechtler.
Der Terror macht vor Kinder, Frauen, ältere Männer  – ja, vor dem ganzen Volk keinen Halt. Ein Volk, dass den islamischen Glauben hat, wird von Terroristen gegängelt, entführt, vergewaltigt und ermordet, die im „Glauben“ des Islams handeln.
Wo für?

Zurück zum Anfang

Knapp vier Wochen nach den Terroranschlag von New York und Washington, im September 2001, hatten die USA und Großbritannien mit dem Militärschlag gegen das Taliban-Regime in Afghanistan begonnen und dabei mehrere Städte attackiert. Es wurde mit Kanon auf Spatzen geschossen.

Der damalige US-Präsident George W. Bush sagte kurz nach Beginn der Militärschläge, er habe der Taliban- Führung vor Wochen mehrere Forderungen gestellt und keine sei erfüllt worden. Nun müssten die Taliban die Konsequenzen tragen – die Konsequenzen trugen und ertrugen ausschließen das Volk.

Wenige Minuten nach den Angriffen der alliierten Militärs hatte der Fernsehsender „El Dschasira“ ein Video mit einem Statement von Osama Bin Laden gezeigt, in dem Bin Laden zum Heilige Krieg gegen die Juden und Christen aufrief.

Der islamische Terror kam nach Europa und es wurden Menschen in Rom, Barcelona, Madrid, London und Paris Opfer von einem „Glauben“ der mit einer friedlichen Religion sehr wenig zu tun hat, und dies nicht nur mit Bomben und Gewehre, auch mit Milzbrand!
Die meisten Opfer von Bomben und Gewehren dieses islamischen Terrors waren und sind Muslime.
Für was?

UN-Konferenz in Deutschland

Während in Afghanistan weiter Bombe fallen wird Ende November 2001 die UN-Konferenz zur Zukunft Afghanistans auf dem Petersberg bei Bonn einberufen.
Repräsentanten möglichst vieler ethnischer Gruppen Afghanistans waren bei dieser Konferenz anwesend und man versuchte unter hochdruck Frieden in Afghanistan zu erreichen
Es zeichte sich damals schon ab, dass es doch sehr große Defizite zwischen der Interimsregierung unter dem Paschtunenführer Hamid Karsai, anderen Volksgruppen und der Nordallianz gibt.

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hatte kurz vor Weihnachten in New York die Resolution zur Entsendung einer multinationalen Schutztruppe für Afghanistan verabschiedet.
Eine Schutztruppe sollte auf der Basis der Petersberger Vereinbarungen zunächst für sechs Monate die afghanische Übergangsregierung bei der Gewährleistung der Sicherheit in Kabul und Umgebung unterstützen. Nach dieser Resolution ist die Schutztruppe auch zur Waffengewalt gegen Eigenschutz, der Übergangsregierung und der Bevölkerung ermächtigt.

Das Katz und Mausspiel – wobei niemand weiß wer die Katze ist.

Bereits seit 2001 unterhält die CIA eine Abteilung die zur Terrorismusbekämpfung in Afghanistan operiert und die parallel und getrennt zum Einsatz des US-Militärs agiert. Die CIA rekrutiert mit diesem Ableger afghanische Paramilitärs und
rüstet dieses auf um diese Gruppen gegen Al-Qaida- und Tabilan-Kämpfer einzusetzen.

Am 4. September 2009 wurde ein Luftangriff auf zwei entführte Tanklaster bei Kundus ausgeführt, deren Einsatz ein deutscher Obest befehligte und bei dem es mehrere getötete Zivilisten gab. In Deutschland kochte dieser Vorfall über und es wurde eine politische Schlammschlacht geführt.

Die afghanische Einheiten, die vom der CIA unterstützt werden, haben standrechtliche Hinrichtungen und andere schwere Menschenrechtsverletzungen verübt und wurden bis heute nicht für diese Kriegsverbrechen zur Rechenschaft gezogen.

In dem Human Right Watch Bericht vom Oktober 2019 steht in dem 53-seitige Bericht: „They’ve Shot Many Like This“, * dass alleine im Zeitraum von Ende 2017 bis Mitte 2019 14 Fälle von Menschenrechtsverletzungen dieser paramilitärischen Kampftruppen vorliegen.

Auszug aus der Stellungnahme der CIA vom 30. Oktober 2019

„Die Grausamkeit der Taliban und die gezielte Tötung von Zivilisten sind die Hauptursachen für das anhaltende
Leidens. Seit vielen Jahren haben wohlmeinende Journalisten und Nichtregierungsorganisationen über angebliche Übergriffe der afghanischen Streitkräfte berichtet.
Der CIA wurde keine Zeit zur Verfügung gestellt um die einzelnen Anschuldigungen in diesem Bericht zu untersuchen, und eine bestimmte Rolle in den Antiterroroperationen der afghanischen Regierung zu bestätigen oder zu dementieren können. Wir können mit einiger Sicherheit sagen, dass viele, wenn nicht sogar alle, der gegen die afghanischen Streitkräfte vorgebrachten Behauptungen wahrscheinlich falsch
oder übertrieben sind.“

Die Bilanz von 20 Jahren Bemühungen für Frieden sind erschreckend.

Nun ziehen sich die Alliierten Truppen von dem ISAF Einsatz aus Afghanistan zurück und haben in Zwanzig Jahren Stabilisierung für Frieden nichts erreicht.  Im Gegenteil.
Der Allgegenwärtige Terror in Afghanistan kostet täglich bis zu 50 Menschen das Leben.
3.596 Soldaten sind in 20 Jahren Friedenssichernden Krieg gefallen. Wo für?
Allein von 2009 bis 2020 wurden in Afghanistan 36928 Zivilisten durch Terror getötet. Im gleichen Zeitraum wurden 72334 Menschen verletzt.
Hunderttausende wurden Obdachlos oder sind im Land auf der Flucht vor dem Terror.
Wo für?

Afghanistan zählt nach über 40 Jahren Kreig zu den ärmsten Länder der Welt und Hilfe der Vereinten Nationen für die Menschen wird immer weniger. Hunger, Armut und Obdachlosigkeit haben schon lange überhand genommen und es wird täglich schlimmer.
Afghanistan wird niemals zur Ruhe kommen, solange es die Taliban gibt.
Mit dem Abzug der ISAF Truppen ist nun jede Hoffnung auf Frieden verloren gegangen.
Die Zukunft für Afghanistan wird schwarz.

Nila Khalil, Den Haag, 3. Juli 2021

Meine Flucht aus Afghanistan

Mein Name ist Nila.
Ich wurde 1980 in Afghanistan geboren. Als der Krieg der Sowjets bereits 10 Jahre dauerte und die Lebensverhältnisse immer schlechter wurden, bin ich im Frühjahr 1990 mit Verwandten, ohne meine Eltern, sie hatten das Geld für ihre Flucht nicht, nach Deutschland geflohen.
Die Flucht ging über den Iran, Türkei, Bulgarien, Rumänien, Österreich bis schließlich nach Deutschland.


Ich erlebte als Kind Tod, Gewalt, Hass, Hunger und Angst.
Zu Beginn unserer Flucht trat mein Cousin auf eine Landmine und wurde buchstäblich wenige Meter neben mir zerfetzt.
Der Krieg und aufkommende Terror der links und rechts von uns tobte, ließ uns nur Nachts wandern. Die Gefahr aufgegriffen zu werden, war zu groß.

Flüchtigslager im Iran

Im Iran lebten wir zwei Wochen in einem Flüchtigslager mit vielen anderen Afghanen. Zu viel Gewalt und zu wenig Toiletten war eine unerträglich Situation. Mein Onkel beschloss, dass es keine Sinn machen würde im Iran auf irgend eine Besserung zu warten. Ein Fahrer mit einem Pickup sollte unsere kleine siebenköpfige Gruppe an die Grenze der Türkei bringen. Nach wenigen Stunden ging das Auto „kaputt“ und wir mussten wieder laufen – heute weiß ich, es war Absicht von dem Fahrer, denn Geld bekam mein Onkel nicht mehr zurück.

Humanitäre Hilfe in der Türkei

In der Türkei bekamen wir in einer Einrichtung vom Roten Halbmond Lebensmittel und neue Kleider. Meine Tante, dessen Sohn auf die Landmine trat, bekam fürchterliche Bauchschmerzen und musste ins Krankenhaus. Die Blinddarm Operation musste mein Onkel bezahlen. Nach der zweiwöchigen Zwangspause ging es weiter nach Bulgarien. Mal mit dem Bus und wieder weite Strecken zu Fuß. Ich hatte überhaupt kein Zeitgefühl mehr. Schmerzen in den Beinen und Sonnenbrand auf der Haut.

In Bulgarien

In der Nähe von Sofa wurden wir in ein Gefängnis eingesperrt. Ein feuchtes Kellerloch beschreibt es besser. Mein Onkel bezahlte „Lösegeld“ und nach zwei Tagen wurden wir endlich entlassen.
Gingen wir durch Ortschaften,  wurden wir beschimpft oder sogar mit Steinen beworfen.
Also gingen wir wieder nur Nachts.

In Rumänien

Rumänien war 1990 das Armenhaus von Europa und das brutale Regime von Ceaușescu war noch überall spürbar. Am Tag hatten wir uns vor der Polizei und Bevölkerung versteckt und fast jede Nacht sind wir gelaufen. Immer auf der Hut vor der Polizei oder anderen Autos.

In Österreich

Im September sind wir in Österreich angekommen und ich musste völlig entkräftet und abgemagert in ein Spital. Ich hatte selbst zum weinen keine Kraft mehr. Ich konnte nicht mehr und wollte auch nicht mehr weiter.
Mein Onkel und seine Frau hatte in Afghanistan studiert und konnten mehrer Sprachen. Mit dem Behörden wurde verhandelt, dass wir nach Deutschland zu unseren Verwandten durften.
Unsere Verwandten die ich gar nicht kannte, kamen aus Stuttgart, Bochum und Oberhausen uns abholen.
Ich sollte zu Mila und Milad Faani  nach Stuttgart. Beide sind 1980 mit mitte 20 schon geflohen.
Als wir in Salzburg über die Grenze fuhren und Mila mir sagte, dass ich nun in Deutschland und in Sicherheit sei, fing ich an zu weinen.

In Stuttgart Wangen in der Nätherstraße begann mein neues Leben.

Am Nachmittag saßen alle im Haus bei Mila und Milad und sprachen sehr viel. Ich hörte den Gesprächen bei warmen Kakao und Käsekuchen zu. Vieles konnte ich damals nicht begreifen, oder wollte es auch nicht.
Die erste Nacht im eigenen Bett war für mich eine Wohltat. Mila schlief bei mir und hielt mich fest. „Ich bin nicht deine Mutter, werde aber mein Bestes geben. Dies verspreche ich dir.“
Mila hatte in Afghanistan BWL studiert und arbeitete seit 1981 bei Mercedes-Benz in der Verwaltung. Milad hatte Maschinenbau studiert und war bei Mercedes-Benz Vorarbeiter.
Milad hatte bei Mercedes als Fließbandarbeiter angefangen und Ende der 80er seinen Meisterbrief gemacht. Beide erzogen mich in einem freien, liberalen und weltoffen Denken, wofür ich ihnen heute noch sehr dankbar bin.
Mila und eine pensionierte Lehrerin aus der Nachbarschaft unterrichteten mich in deutsch. Ich musste eine völlig neue Schrift, Sprache und Kultur lernen. Im Frühjahr 1991 musste ich bei der Jugendbehörde einen Eignungstest machen, um festzustellen für welche Schule ich geeignet sei. Ich konnte auf die Realschule. Dort blieb ich auch und machte meine Mittlere Reife.
Nach der Schule lernte ich Bürokauffrau und arbeitete auch in diesem Beruf. Ich sparte Geld um meine Eltern nach Deutschland zu holen. Ich hatte bereits den deutschen Pass und wollte über die Familiezuführung dies erreichen.

Der Alptraum

Im Sommer 2005 kam ein Anruf aus Afghanistan und Milad wurde mitgeteilt, dass mein Vater bei einem Bombenanschlag ums Leben gekommen war. 12 Personen seien bei diesem Terroranschlag getötet worden. Die Leiche von meinem Vater sei bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Als mir Mila und Milad dies mitteilten, schrie und heulte ich: „Ich muss zurück nach Afghanistan! Ich muss!“ Alles reden von den beiden brachte nichts. Am nächsten Morgen rief ich meine Chefin an und sagte ihr von meinem Entschluss. Drei Tage später saß ich im Flugzeug auf dem Weg nach Kabul.

Raus aus dem Paradies, hinein in den Krieg.

Da stand ich nun mit meinen 25 Jahren in einem Land, dass nicht meine Heimat war.
Meine Mutter überlebte schwerst traumatisiert diesen Anschlag und ich kümmerte mich um sie so gut es unter den Umständen möglich war. Durch Zufall traf ich Shabnam, meine ehemalige Lehrerin, in der Stadt und sie hatte nach unserem Gespräch die absurde Idee, dass ich Lehrerin werden sollte. „Du bist ein kluges Mädchen und so etwas braucht diese Stadt.“ Mein Beruf war schon besiegelt ohne das ich gefragt wurde. Shabnam hatte Anfang der 70er in Deutschland Lehramt studiert und sie brachte mir all ihr Wissen bei.
So wurde ich im Herbst 2005 Lehrerin an einer Mädchenschule in dem Land, aus dem ich 15 Jahre zuvor geflohen war.

Von einer Freundin hörte ich von einem Frauenhaus in den Bergen zu Pakistan und fuhr eines Tages mit meinem alten Datsun dieses Haus suchen. Was ich vorfand war mehr ein großes Gebäude das irgendwie nach einem Haus aussah. Tristesse auf dem gesamten Gelände und Mädchen die durch Zwangsheirat traumatisiert waren, vegetierten vor sich hin. Der Leiterin des Frauenhauses erzählte ich von meiner Wunsch, den Mädchen und jungen Frauen etwas Bildung beizubringen. Svea war von der Idee begeistert und so fuhr ich alle zwei Wochen die fast 100 Kilometer zu dem Frauenhaus um den Mädchen die Grundformen von lesen und schreiben beizubringen.


Im Sommer 2006 wurde ich von meinen Lehrerkolleginnen als Direktorin der Schule einstimmig vorgeschlagen und so nahm ich die neuen Herausforderungen an.
Neben all dem pflegte ich noch meine Mutter und wusste oft nicht, wie ich überhaupt noch an sie ran kommen könnte. Sie war oft sehr apathisch und starrte ins Leere. Oft weinten wir zusammen und ich wusste keinen Rat mehr.
Im Herbst 2006 fand ich sie eines Morgens tot im Bett – sie hatte den Freitod gewählt. Nun war ich ganz alleine.
Mein Geld in einer Keksdose und den deutschen Pass vor mir auf dem Tisch, brachten mich zum zweifeln. Ich hatte das Privileg um in wenigen Stunden das Land verlassen zu können. Mein Verstand schrie: geh. Mein Herz sagte: bleib.
Ich hatte plötzlich eine Verantwortung die ich nie wollte. Ich hatte Kolleginnen die an mich glaubten. Ich unterrichtete Kinden in der Schule und im Frauenhaus, die an mich glaubten.

Die Zufälle im Leben

Im Frühjahr 2007 traf ich in meiner Stadt einen deutschen, der sich die Projekte von Deutschland anschauen wollte, die ab 1968 in Gardez gebaut wurden. Unter anderem auch meine Schule. Mit ihm, einem Kamerateam aus Australien und einer Journalistin aus den USA fuhr ich in das Frauenhaus in die Berge in der Nähe von Pakistan.
Er war der Mann, der den Stein ins rollen brachte. Seine Kontakte aus früheren Jahren in der Humanitären Hilfe in Kambodscha und Thailand waren der Grundstein für eine Hilfsorganisationen die in meinem Beisein in Istanbul gegründet wurde. In vier Tagen wurde etwas geschaffen, von dem ich nie zu träumen gewagt hätte. Ich wurde die Direktorin einer Stiftung, die sich um zwangsverheiratete und misshandelte Mädchen kümmert und von Anfang an über eine unglaubliche Summe Geld verfügte.

Durch Zufall trafen wir einen Major der US Armee im PRT ( Provincial Reconstruction Teams) Khost und in ihm fand ich und wir einen Menschen der an das Frauenhaus glaubte. Major Roger Juarez stellte Soldaten für uns ab, die halfen das Frauenhaus etwas bewohnbarer zu machen. Roger schickte zwei Militär Ärztinnen an das Frauenhaus und sorge auch dafür, dass dringende Operationen von den Mädchen im Camphospital durchgeführt wurden. Mit dem unglaublich vielen Geld der neuen Stiftung wurde ein Frauenhaus nach meinen Vorstellungen an einem geheimen Ort gebaut. Auch da war Roger der Chef und nach seinem Architekten Plan wurde das erste Frauenhaus unserer Stiftung quasi aus dem Boden gestampft. Wir wurden auf drängen von Roger auch vom PRT in Gardez mit sehr viel Hilfe unterstützt. Ich kann sagen, dass mir die US Armee in vielen vielen Bereichen tatkräftige Unterstützung gab und ich lernte Menschen und keine Soldaten kennen.


Im April 2007 wurde ich auf nicht gerade legalen Weg Mutter von einem 12-jährigen Mädchen. Mit ihr hatte ich viele Probleme durch ihre traumatische Erlebnisse.

Die ersten Schritte in die Politik

Ab 2010 ging es für mich in die Lokalpolitik. Ich wollte mich nie politisch engagieren, sah aber ein, dass ich diesen Schritt gehen musste um voran zukommen.
Mit einem jungen und engagierten Team in der Schule in Gardez ging es nun auch auf politischer Ebene voran.
Wir wurden als die Speerspitze der neuen Frauenbewegung in Afghanistan gesehen. Schnell sprach sich in den Kreise von Dr. Sima Samar herum, was wir bewegten. Sima brachte mich zu UNAMA und plötzlich war ich bei der größten Institution der Welt: der UN.
Ich schaffte mich vom einfachen Mitglied der UNAMA hoch bis zur Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen in Genf.
Als ehemaliges Flüchtlingskind zur Bürokauffrau und dann Lehrerin bis hin zur Menschenrechtlerin ist ein Weg, den ich nie zu träumen gewagt hätte. Durch meinen Ehrgeiz und mein Auftreten selbst vor der Regierung in Afghanistan machte ich mir nicht nur Freunde. Es war zum Teil Lebensgefährlich was ich tat. So entschloss ich mich der Vernunft zu beugen und wurde bei Veranstaltungen oder Fahrten zu anderen Terminen von einem Bodyguard begleitet.


Neben meinem Bodyguard gehörte die Beschusshemmende Weste zum Alltag wie der Lippenstift oder die High Heels.
Da ich nun eine Tochter hatte, wurde ich von meinen Team aus der Schusslinie geholt und war nur noch bei Veranstaltungen die räumlich gesichert wurden.