Archiv der Kategorie: Nila Khalil

Burka-Verbot

Ein Gesetz, welches keines ist: das Burka-Verbot in Europa 

Wenn Religion die Kultur vernichtet 

Von Samira Ansary, LL.M und Nila Khalil

Kultur ist bunt, ausdrucksstark, musikalisch und freude.
Alleine diese vier Punkte gelten für Millionen Frauen auf dieser Welt nicht. Kultur und Burka. Flasch!

Seit einigen Jahren hat sich in der Bevölkerung eine Bild von muslimischen Frauen eingeprägt, welches nie das Bild der Frauen war: die Vollverschleierung

Der Niqab ist ein Gesichtsschleier, der in Verbindung mit einem Tschadoroder einem anderen, zumeist schwarzen Ganzkörpergewand getragen wird. Er bedeckt das ganze Gesicht und lässt nur einen Sehschlitz frei.

Die in Afghanistan verbreitete Burka ist ein weites, meist blaues Gewand, das über den Kopf gezogen wird und die Frau bis zu den Zehenspitzen komplett verhüllt. Die Augen sind hinter einem feinmaschigen Gitter versteckt.

Afghanische Frauen, fotografiert durch den Augen-schlitz einer Burka, Kabul, Afghanistan, 11. April 2013 © Anja Niedringhaus/AP

Durch religiöse Fanatiker wurde und wird eine jahrhundert alte Tradition und Kultur zu Grabe getragen.
Musik und Gesang gehören auf der ganzen Welt zu den Menschen, wie das ein- und ausatmen.
Egal ob mal ein Fest feierte zum Frühlings- oder Sommerbeginn. Ob eine Erntedankfest, eine Gottheit oder den eigenen Geburtstag. Mit Farben und Schmuck brachten die Kinder, Frauen und Männer ihre Freude zum Ausdruck.

All dies wurde in Ländern der muslimischen Welt immer mehr verboten, bis schließlich auch die Farben, Frohsinn, Musik und Tanz verboten wurde.
Durch eine Burka oder Nikab wird den Frauen jegliche Freiheit, Menschenrechte und Würde genommen.

Heiße Diskussionen über die Burka oder Niqab

Am 11. 4. 2011 trat in Frankreich ein Gesetz in Kraft, das die gänzliche Bedeckung des Gesichts an öffentlichen Orten, etwa in öffent￾lichen Verkehrsmitteln, Parks, Schulen, Geschäften und anderen Einrichtungen, verbot. Damit war Frankreich das erste europäische Land, das das Tragen des Vollschleiers in der Öffentlichkeit verbot; im selben Jahr folgte ein ähnliches Verbot in Belgien. Auch in Österreich, Schweiz, Dänemark und Niederlande gibt es mittlerweile Gesetze für die Vollverschleierung von Frauen.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) stellt in einem Urteil vom 1. Juli 2014 fest, das das Gesetz vom Frankreich vom 11. Oktober 2010 rechtens ist. Nach Ansicht des EGMR verletzt das Gesetz weder die Freiheit des Glaubens, der Gedanken oder des Gewissens (Art. 9 EMRK) noch das Recht auf ein Privat- und Familienleben (Art. 8 EMRK). Dieses Urteil wurde natürlich nicht ohne starken Widerstand hingenommen.
So waren auch zwei Richterinnen vom EGMR gegen dieses Urteil.
Eine deutsche und schwedische Richterin beurteilten die Sachlage in gewissen Punkten etwas anders. Sie hielten in der Urteilsbegründung fest: „Konkrete individuelle Rechte, welche die Konvention garantiert, wurden hier abstrakten Prinzipien unterworfen. Unserer Ansicht nach ist ein dermassen generelles Verbot, welches das Recht einer jeden Person auf eine eigene kulturelle und religiöse Identität tangiert, in einer demokratischen Gesellschaft nicht notwendig.“ 

„Dies ist eindeutig ein Angriff auf die muslimische Gemeinschaft in der Schweiz. Ziel ist es, Muslime noch mehr zu stigmatisieren und an den Rand zu drängen“, sagte Inès El-Shikh, Mitglied von Les Foulards Violets, einem muslimischen feministischen Kollektiv in der Schweiz, im Mai 2021 in einem Interview mit „The Guardian“.

„Wir müssen der Regierung signalisieren, dass wir uns der Diskriminierung und einem Gesetz, das speziell auf eine religiöse Minderheit abzielt, nicht beugen werden“, sagte eine Niqab-tragende Studentin gegenüber Reuters, bei einer Demonstration in Kopenhagen, im August 2016.

Auch befürchten Hotel- und Gastronomieverbände in einigen Ländern von Europa einen Rückgang an Besucher, vornehmlich aus den Arabischen Emiraten, wenn solche Verbote Landesweit, in diesem Fall die Schweiz, eingeführt werden.

Eine Vollverschleierung verstößt gegen Menschenrechte – oder doch nicht

In Sure 2 Vers 256 heißt es: „Es gibt keinen Zwang in der Religion“, was eben bedeutet, dass sich jeder Mensch frei für seine religiöse Überzeugung entscheiden darf. Ebenso kann man einen Menschen nicht zu bestimmten Handlungen zwingen, auch wenn es ihm seine Religion vorschreibt. Man ist letztlich einzig vor Allah/Gott verantwortlich, wenn man durch sein Verhalten nicht die Rechte anderer Personen verletzt.
Alleine dieser Vers wird von fast allen islamisch geprägten Staaten missachtet.

Aus islamischer Sicht, also der Religion – und nicht den Religionswächter, ist das Tragen einer Kopfbedeckung Pflicht, die Allah im Koran offenbarte. Frauen und Männer sollten sich aus Überzeugung an die von Allah offenbarten Kleidervorschriften halten. Da der Islam für Nüchternheit eintritt und die Menschen sich nicht von vordergründigen Reizen beeinflussen lassen sollen, ist es wichtig, im öffentlichen Leben dafür zu sorgen, dass jene Anziehungsbereiche menschlicher Sexualität, die sofort ins Auge springen können, bedeckt gehalten bleiben. Dies bedeutet jedoch keine Ungleichheit von Frauen und Männern.

Auch steht in Sure 33, Vers 59: Frauen sollten in der Öffentlichkeit „etwas von ihrem Überwurf“ über sich ziehen. Es wird aber nicht geschrieben, welcher Teil des Körpers verdeckt werden soll und ob dies auch die Haare betrifft.

Um noch einmal auf das Urteil des EGMR zu kommen, heißt es dort, dass es weitgehend den einzelnen Staaten überlassen ist, ob und wo sie Frauen in Burka, Niqab oder auch mit weniger verhüllenden Kopftüchern akzeptieren und wo nicht. Entsprechend hält der EGMR auch ein Burka-Verbot nicht für ein Verstoß die Menschenrechte – wie sie insgesamt das Recht des Staates, die Verwendung religiöser Symbole zu reglementieren, tendenziell höher bewerten als das Recht des einzelnen Bürgers auf freie Religionsausübung

Der UN-Menschenrechtsausschuss hat das Verbot der Vollverschleierung in Frankreich bereits 2018 kritisiert, denn das
Urteil des EGMR verstoße gegen die Religionsfreiheit und die Menschenrechte der Trägerinnen, denn das tragen von einer Burka sei
angemessen um ein friedliches Zusammenleben zu gewährleisten.

Fazit

Bei allen Debatten, Vorschriften und Gesetze gibt es keine Einigung über eine stoffliche Hülle, in einer patriarchalisch geprägten Religion. Niemand wird im öffentlichen Raum eine Burka oder Nikab tragende Frau fargen, ob sie dieses Kleidungsstück freiwillig trägt.

Jene Befürworter sollten doch mal für mehrer Tage, vorzugsweise im Hochsommer, ein solches Kleidungsstück tragen.
Toleranz hin oder her, eine Burka ist die schlimmste Entwürdigung für eine Frau.

Samira Ansary und Nila Khalil, Den Haag, 7. Mai 2022

Geboren für das Leben               

Geboren für das Leben – ein Nachruf an Sarja Nabi

Mena Mangal aus Afghanistan
Mina Khairi aus Afghanistan
Mursal Wahidi aus Afghanistan
Natasha Khalil aus Afghanistan
Sadia Sadat aus Afghanistan
Shahnaz Roafi aus Afghanistan
Malala Maiwand aus Afghanistan
Maharam Darani aus Afghanistan
Farida Mustakhdim aus Afghanistan
Mariam Ibrahimi aus Afghanistan
Mehri Aziz aus Afghanistan
Zainab Mirzaee aus Afghanistan
Anja Niedringhaus aus Deutschland
Michelle Lang aus Kanada
Zakia Zaki aus Afghanistan
Shaima Rezayee aus Afghanistan
Nadia Anjuman aus Afghanistan
und nun Sarja Nabi aus Afghanistan

Dies sind einige Namen von Journalistinnen und Menschenrechtlerinnen die für die Freiheit und Wahrheit gearbeitet hatten und diese Arbeit mit ihrem Leben im Krieg und Terror in Afghanistan bezahlen haben.
Ihr ward meine Freundinnen, Bekannten, Weggefährtinnen oder habt mich durch eure Arbeit inspiriert.

Gestern starb Sarja Nabi durch einen feigen Anschlag von Männern, die eine unglaubliche Angst vor gebildeten, modernen und selbstbewussten Frauen haben.

Es fällt mir schwer
Ohne dich zu leben
Jeden Tag zu jeder Zeit
Einfach alles zu geben
Ich denk so oft
Zurück an das was war
An jedem so geliebten
Vergangenen Tag

Ich lebte 14 Jahre mit euch in einem Krieg, den niemand von uns wollte. Ich lebte 14 Jahre mit euch in einem Terror, den wir nicht begreifen konnten.
Wir sahen das Unrecht und hatten uns gewehrt, gekämpft und aufgeklärt.

Wir waren geboren um zu leben
Mit den Wundern jeder Zeit
Sich niemals zu vergessen
Bis in aller Ewigkeit
Wir waren geboren um zu leben
Für den einen Augenblick
Bei dem jeder von uns spürte
Wie wertvoll Leben ist

Wir sahen die Wunden in einem Land welches wir unsere Heimat nannten.
Mit jedem Sonnenaufgang hofften wir auf Frieden für unser Land. Bei jedem Sonnenuntergang sahen wir den Tod von Kindern, Frauen, Männer und Freunde.

Es tut noch weh
Wieder neuen Platz zu schaffen
Mit gutem Gefühl
Etwas Neues zuzulassen
In diesem Augenblick
Bist du mir wieder nah
Wie an jedem so geliebten
Vergangenen Tag

In all den Jahren sahen wir den Schmerz in unserem Land und mit jedem Tag wurde er mehr.
Die Gedanken von Flucht in Freiheit war oft ein Thema und trotzdem blieben wir. Wir kämpfen für die Freiheit.

Es ist mein Wunsch
Wieder Träume zu erlauben
Ohne Reue nach vorn
In eine Zukunft zu schauen

Das Schicksal brachte uns zusammen, in einem Glauben für eine bessere Welt. Waren wir zu jung oder zu naiv um an eine Zukunft zu glauben?

Wir waren geboren um zu leben
Mit den Wundern jeder Zeit
Sich niemals zu vergessen
Bis in aller Ewigkeit

Meine Gedanken, Trauer und Ohnmacht machen mir das Denken schwer.
Wir wollten die Welt verändern und sind an einem Fanatismus von irren Männern gescheitert.

Ihr ward geboren um zu leben

Nila Khalil, Den Haag 2. Mai 2022

Text: Heinrich Graf und Henning Verlage – Geboren um zu leben

Ein Nachruf an Natasha Khalil

Fatima ‘Natasha’ Khalil

Ich schreibe an einem Text, bei dem ich weinen muss.
Ich schreibe Worte, die mir sehr weh tun.
Ich habe Gedanken, die mich an all meiner Arbeit und Kraft zweifeln lassen.

Ein Nachruf an Natasha Khalil

Mit beginn des neuen Jahrhunderts verändete sich das Gesicht von Afghanistan. Die Hoffnung lag auf dem ISAF Einsatz der US geführten Truppen und viele Afghanen sehnten sich zu Frieden, Freiheit und Demokratie zurück. Heute – zwanzig Jahre später wissen wir alle – es wird keinen Frieden geben.

Als ich 2005 von Deutschland zurück in das Chaos aus Krieg, Terror und Verzweiflung, nach Afghanistan ging, wollte ich die Welt verändern. Wie naiv war ich mit meinen 25 Jahren.

Zwei Jahre dauere es, bis sich in der Stadt Gardez eine kleine Gruppe von mutigen, selbstbewussten und kämpferischen jungen Frauen gefunden hatte, die als die Speerspitze der Menschenrechtsbewegung in Afghanistan gefeiert wurde.

In den letzten 13 Jahren sind aus einer Handvoll Frauen ganze Organisationen und Netzwerke entstanden. Der Name jener anfänglichen Gruppe wurde für viele Frauen Programm. Die Ideen und Visionen von einem ehemaligen Flüchtlingskind wurden in vielen Provinzen, Städten, Schulen und Universitäten besprochen, diskutiert und immer weiter getragen.

Auch Fatima ‘Natasha’ Khalil hörte von diesen Visionen für das Gute, für Menschenrechte und für die Zukunft von Afghanistan.

Im Sommer 2015 traf ich Natasha in meinem Büro. Vor mir saß eine junge, kluge und selbstbewusste Frau. Ihre Gedanken und Worte kannte ich von mir. Natasha wuchs als Flüchtling in Pakistan auf. Ihre Eltern waren beide früher in Afghanistan Lehrer gewesen. In Pakistan hatte der Vater ein kleines Geschäft eröffnet und oft reichte das Geld nicht. Trotzdem schaffte die Familie es, ihren sechs Kinder eine gute Ausbildung zu ermöglichen.

Natasha studiete an der American University of Central Asia in Kabul und sprach sechs Sprachen, hatte eine starke Grundlage in Religionswissenschaft und Humanität. Sie passte in unser Team!

Nach und nach wurde auch ihr Radius in ihrer Arbeit größer und sie übernahm einen Job von mir bei UNAMA in Kabul.
Natasha war ein fröhlicher Mensch, ihre Kleider bunt, hell oder auch mal grell. Sie war bei allen sehr beliebt und ließ sich auch von Gouverneure die Butter nicht vom Brot nehmen. In all ihrer Arbeit sah ich sehr oft mich. Natasha wurde auch fast immer für meine Tochter gehalten. Sie machte zu oft aber auch keine Anstalten dies zu revidieren.

Am Samstag wurde Natasha, mit gerade 24 Jahren, Opfer vom alltäglichen Terror. Menschenrechte sind der Feind der Taliban und müssen bekämpft werden.
Täglich gibt es bis zu 50 Anschlägen der Taliban auf Zivilisten, Infrastruktur, Polizisten oder Armee. Mit der Ankündigung der USA ab 2021 mit dem Truppenabzug zu beginnen, hat die Zahl der Terroranschläge zugenommen.

Nun sitze ich 5000 Kilometer von dem Chaos und Terror entfernt und fühle mich schuldig an dem Tod von Natasha. Sie könnte meine Tochter sein!

Natasha, du warst wie eine Tochter für mich! Amira und du habt so wunderbar zusammen gearbeitet. Eure Diskussionen, Gedanken und Handeln hat dem ganzen Netzwerk gedient und euer Engagement wurde von allen getragen.

Was bleibt, sind deine Früchte der Arbeit und den Mut den du hattest, die Welt zu verändern. Viele Menschenrechtler in Afghanistan können sich an deiner Leistung messen und deine Ideen weiter voranbringen.

Auch möchte ich einen Nachruf an Ahmad Jawid Folad richten.
Du warst der Fahrer, der an diesem Tag mit Fatima in Kabul unterwegs warst. Deine herzliche und freundliche Art brachte oft Ruhe in die Runde, wenn es mal wieder brannte. Mit deinen 41 Jahren kanntest du außer Krieg und Terror nichts anderes und sehntest du dich so sehr nach Frieden und Freiheit. Du hast viele unserer Projekte begleitet und dich als Mann-für-alles erwiesen. War etwas aufzubauen oder zu reparieren, warst du da.
Ahmad, du hinterlässt eine Frau und zwei Kinder. Du wirst vielen fehlen.

In Gedenken an zwei wunderbare Menschen.

Nila Khalil, Vorsitzende von Afghan Women’s Network, Mitglied bei UNAMA und der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen.
Den Haag, 03. Juli 2020

Wo fange ich an?


Seit dem 5. März bin ich gezwungenermaßen wieder in den Niederlanden. Geplant war alles anders! Nun habe ich mich für das Leben von Lenara entschieden und werde die nächsten Jahre wohl auch in den Niederlanden bleiben. Zu Lenara werde ich so bald wie möglich noch ein neues Update schreiben.
Im März glich mein Leben einer Achterbahn. Die Sorgen um das Leben von Lenara brachte mich fast an meine mentale Grenze. In den ersten vier Wochen hatte ich Stunden an Gesprächen mit Ärzte aus den Niederlanden, Luxemburg und Deutschland geführt. Gleichzeitig kamen von Dr. med. Erik de Joost und seiner Tochter, Dr. phil. Marpe de Joost, immer wieder die Wünsche, dass ich die Kinderheime, die Dr. Erik de Joost mitte der 90er pas à pas aufgebaut hatte und seine Tochter 2018 die Leitung übernahm, ich übernehmen sollte. Marpe ist promovierte Psychologin und durch die doch nicht unerhebliche Bürokratie mit vielem in der Leitung überfordert gewesen. Humanität kostet unglaublich viel Kraft. Auch mit einem guten und engagierten Team waren Probleme da oder wurden aus Unwissenheit geschaffen. Da ich Erik und Marpe seit 13 Jahren kenne und wir auch sehr eng in all diesen Jahren zusammen gearbeitet haben, konnte ich immer wieder aushelfen, wenn ich in Europa auf „Urlaub“ war. Seit Anfang Dezember bin ich in den Niederlanden und was nur als „Aushilfsjob“ gedacht war, wurde im April etwas mehr.

Scheveningen Strand, Den Haag

In den letzten 13 Jahren habe ich über Menschen und Völkerrechte so viel gelernt und referiert, dass ich mir in dieser „Szene“ einen doch recht guten Namen geschaffen habe. Wenn mal wieder die Luft brannte, musste ich ran. Aus Afghanistan war vieles nur bedingt möglich, wegen der Zeitverschiebung oder weil es dort auch mal wieder nicht rund lief. Also wurde ich mit meinem „Aushilfsjob“ im Januar 2020 schon dem Bürgermeister von Den Haag, Johan Remkes, vorgestellt. Auch traf ich mit fast allen Mitgliedern des Stadtrates zusammen um die Probleme der Politik, Gesetze, Asylverfahren und dem Auftrag des Kinderheimes zu erörtern und zu verbessern. Die aktuelle Flüchtlingspolitik und Lage im Januar an den Grenzen zu Europa waren für Gespräche und Verhandlungen nicht gerade die besten Voraussetzungen für meine Forderungen. Viele Gespräche gab es um auch die Politik von der Dringlichkeit des Handels zu überzeugen.

Wie immer sind es die Zufälle die entscheiden. Im Herbst rief mich meine Tochte aus den Niederlanden an und stellte mir ihre Gedanken zu einer Weihnachtsgeschichte der Gegenwart vor. Dazu den folgen Link.

https://naike-juchem.com/2022/01/24/het-huidige-kerstverhaal-die-weihnachtsgeschichte-der-gegenwart/

Dieses Theater von meiner Tochter war es, auf das ich aufbauen konnte um einen Schritt weiter zu kommen.

Mit Hochdruck waren wir dabei, auch Kinder aus dem Lager Moria in die Niederlanden zu holen. Über Wochen sprach ich mitbekannten Menschenrechtler, Ministerien in Deutschland und Luxemburg und anderen Humanitären Organisationen in den Niederlanden, bis sich endlich im März etwas bewegte.
Dr. Erik de Joost flog im Februar schon nach Moria um mit Kollegen von Ärzte ohne Grenzen zu sprechen. Wir schafften über unsere eigene Stiftung das Geld für den Flug und auch Unterkunft in unserem Heim zusammen und mussten nur noch auf das Go der Politik warten. Zwischenzeitlich flog ich mit meiner Tochter in den Urlaub, weil ich auch diese Zeit brauche und zum anderen war es das Geschenk an meine Tochter, da sie im Herbst 2019 ihre Ausbildung als Staatliche Erzieherin als Jahrgangsbeste abgeschlossen hatte.

Im Urlaub in der Karibik hatte ich trotzdem kaum Zeit für mich und Amira, weil sich in Europa ein Transport für unbegleitete Kinder aus dem Lager Moria abzeichnete. Auch gab es mal wieder, wie gewohnt, das ein oder andere Problemchen in Afghanistan. Die Zeitverschiebung von Europa und Zentralasien war nicht gerade ein Vorteil für Erholung in der Karibik.
Zurück in Europa wurde von Deutschland und Luxemburg an der Einreise von Kinder aus Moria nun vieles sehr konkret und das Team um Erik und Marpe setzen auch die Politik in den Niederlande unter Druck. Sollte uns dies noch alles gelingen bis ich im März nach Afghanistan zurück fliege? Meine Arbeitstage waren nach dem Urlaub genau so lange, wie davor 16 bis 18 Stunden.

Es geht nach Hause

Ich hatte meinen Eltern versprochen, dass ich noch zu ihnen nach Stuttgart komme, bevor ich wieder nach Afghanistan fliege. Also ging es in der letzten Woche vom Februar Mittwoch Nacht um 3 Uhr von Den Haag los. 680 Kilometer mit dem schnellen Audi von meiner Tochter war die Strecke in etwas über 5 Stunden geschaft.

Zu Hause zu sein war ein gutes Gefühl und es tat mir unglaublich gut, all die netten Menschen, die mich seit 30 Jahren kennen wieder zu sehen. Natürlich durften Käsespätze von Mama nicht fehlen!

Die Tage waren mal wieder zu kurz um allen gerecht zu werden. Zu meinem ehemaligen Klassenlehrer wollte ich auf jeden Fall. Norbert Dellinger war einer der größten Förderer in meinem Leben. Er wollte das ich ein Referat über Menschenrechte an meiner ehemaligen Realschule in Stuttgart halte. Also sagte ich dies für den Freitag zu. Der Nachfolgende Link hat meine Tochter geschrieben.

https://naike-juchem.com/2022/03/18/mit-mama-zu-besuch-in-ihrer-ehemaligen-schule/

Am Freitag ging es dann von Stuttgart wieder Richtung Den Haag. Da der Hunsrück quasi auf dem Weg liegt machten wir noch zwei Tage Pause bei Naike. Immer hin ist sie für vieles in meinem und Amiras Leben verantwortlich.
Wie immer waren bei ihr die Gespräche sehr lang und die Nächte kurz.

Die letzten Tage in Den Haag

Die letzten zwei Tage in den Niederlanden wurde wieder sehr viel Korrespondenz mit allen möglichen Behörden in Deutschland, Luxemburg und den Niederlanden geführt und der Zeitpunkt für einen Flug nach Griechenland wurde konkret.
Am Dienstagnachmittag fuhr Amira mit mir nach Amsterdam zum Flughafen Schipohl. Meine Heimreise stand an und ich hatte den Kopf voll mit Gedanken. Der Nachfolgende Link beschreibt den folgenden 48 Stunden Alptraum.

https://naike-juchem.com/2021/10/08/der-reale-alptraum/

Durch eben jene Umstände bin ich wieder am Anfang meiner Gedanken und erklärt auch, warum ich die nächsten Jahre in den Niederlanden bleiben werde. Da diese Umstände mich quasi Arbeitslos gemacht haben, war es ein logischer Schritt, dass ich dem Wunsch von Erik und Marpe de Joost nachgekommen bin und zum 1. April die Leitung für die Kinder-und Jugendeinrichtung übernommen habe. Ganz ehrlich gesagt, ich habe auch kein Bock mehr auf Krieg und Terror. Mit meiner schnellen Ankunft in Rotterdam kam auch gleich ein Berg an Arbeit und Sorgen auf mich zu. Wie schon geschrieben, brachte mich der Lebensbedrohlichen Zustand von Lenara an meine physische Belastung. Gleichzeitig breitete sich Covid-19 auf der Welt aus und da keiner Wusste wie was kommt, mussten wir in den Niederlanden und Afghanistan sowieso handeln.
In Afghanistan stampften wir mit UNICEF, Afghan Women’sNetwork und anderen Organisationen eine Aufklärungs Kampagnein drei Tagen aus dem Boden, die in und über alle Medien, Schulen, Universitäten und Medizinischen Einrichtungen publikgemacht wurde. Durch die Erfahrungen mit Seuchen in Westafrika konnte Dr. Erik de Joost von seiner Arbeit in den 80er Jahren bei Ärzte ohne Grenzen profitieren und so waren wir in den Niederlanden die erste Einrichtung die sofort richtig, kann ich nun drei Monate später ruhig schreiben, gehandelt haben. Auch da möchte ich die Worte von meiner Tochter benutzen.

https://naike-juchem.com/2021/10/19/mein-beruf-als-erzieherin/

Der März und April war mit der Pandemie eine Herausforderung für uns in der Leistung, wie auch in der Betreuung. In den Niederlanden war es im Verhältnis zu Afghanistan ein Kinderkarussell. Mit beginn der Pandemie haben sich in Afghanistan die Preise von Lebensmitteln bis auf das dreihundertfache verdoppelt. Immerhin müssen wir in meiner Schule und mehrere Frauenhäuser für über 380 Mädchen Lebensmittel sicherstellen. Auch da musste sehr oft zwischen vier Kontinentenkorrespondiert werden.

Ab dem 20. April wäre ich eigentlich in Singapur auf dem World Human Right Council gewesen und hatte im Januar schon an meinem Referat geschrieben. Durch die Corona Pandemie wurdedieser via Video abgehalten. Da es eben Referate von Menschenrechtler auf der ganzen Welt gab und durch die Zeitverschiebung dies auf 12 Stunden nicht komprimiert werden konnte, waren für mich die Tage in der Uni von Den Haag sehr lange. Oftmals 21 Stunde. In einem fast Menschenleeren Gebäude zu sitzen, war nicht gerade erfreulich. Zumindest musste ich mich nicht jeden Tag aufbrezeln. Es reichte auch Jeans und T-Shirt. Wir bekamen zwar von der UN einen „Fahrplan“, wer wann welches Thema vortrug, so konnte ich dann hin und wieder im Erste Hilfe Raum der Uni auf einer Pritsche etwas schlafen. Kurz vor Ostern sah ich meine Tochter nach drei Wochen wieder. Sie blieb mit anderen Mitarbeiter in der Einrichtung und war quasi in Quarantäne.

Mein Ostergeschenkt kaufte ich mir selbst. Da es ja abzusehen war, dass ich in den Niederlanden bleibe. Seit Anfang März fahre ich alle zwei Tage von Den Haag nach Rotterdam in die Brandwonden Klinik zu Lenara. Dadurch fehlt mir natürlich auch die Zeit im Büro. Also sind meine Tage wie immer lang – sehr lang. Will ja nicht klagen.

Der Terror stand vor der Haustür

Am 19. Mai verübte die Taliban eines ihrer schlimmsten und hinterhältigsten Anschläge überhaupt. Ein Terroranschlag auf eine Frauenklinik in Kabul bei der 22 Menschen ihr Leben verloren – auch Babys! Was an diesem Tag an Telefonaten statt fand, kann und werde ich hier nicht schreiben.

EinenTag später gab es wieder einen Terroranschlag von der Taliban, ist in Afghanistan seit Jahren täglich so. Nur diesmal war der Anschlag in der Stadt, wo mein Team, meine Schule und eines meiner Frauenhäuser steht. Die erste Stunde war der reinste Alptraum und keiner aus meinem Team konnte mit zu dieser frühen Stunde etwas sagen. Nur soviel: mein Team und die Mädchen sind in Sicherheit – noch. Ein Notfallplan der seit 6 Jahren besteht und den 256 mir vertraute Menschen kennen, wurde aus dem Safe geholt und in wenigen Stunden auch so umgesetzt. Wir schafften das halbe Team, dreiviertel der Schule und 70 Mädchen aus Gardez in Sicherheit. Niemand konnte an diesem Vormittag sagen, was noch passiert. Also: Alarmstufe rot!
Ich telefonierte gleichzeitig mit bis zu drei Telefonen und war via Internet auf drei Videokonferenzen.
Nun will und muss ich auch mal zum Schluss kommen. Nur noch so viel, was ich in nächster Zeit noch an Arbeit vor mir habe. Durch meinen Beruf und jetzige Arbeit in den Niederlanden muss und werde ich mich auch sehr viel mit Strafrechtlichen Dingen befassen müssen. Ich habe in Gardez und in Den Haag ein juristisches Team, das mit Samira Ansari und Dr. jur. Janina Huzaifai zwei Ausnahmetalent als Anwälte an der Spitze hat, trotzdem muss auch ich mich notgedrungen in oder mit Jura beschäftigt. Da ich niederländisch noch nicht so gut kann, habe ich mir Bücher in deutsch gekauft um mir eben auch jenes Feld der Rechte anzueignen. Bis auf das Strafmaß sind die Gesetze in den Niederlanden vergleichbar mit Deutschland. Die Niederlanden habe auch ein recht großes Problem mit Rassismus und da wir mit oder wegen unserer Einrichtung auch mit eben jenen Rassismus Vorfälle konfrontiert sind, nun diese Maßnahme von mir. Ich lass mich von der Polizei wegen „Bagatellen“ gegen meine Kinder und Jugendlichen nicht verarschen!

Mein Name zieht in Den Haag schon Kreise. Zum einen, weil ich seit Jahren mit zwei Staatsanwälte beim IStGH befreundet bin und zum anderen weil ich sehr energisch auftreten kann. Hatten gestern erst einige Mitarbeiter im Burger kantoor (Rathaus) leidlich erfahren müssen. So weit mal eine kleine Einordnung der letzten sechs Monate.

Nila Khalil, Den Haag am 1. Juli 2020

Das Chaos in Afghanistan

Afghanistan ist seit 70 Jahren der Spielball der Nationen und kaum jemand weiß es. Um die Lage von Afghanistan zu begreifen, muss man die Machenschaften der UdSSR, CIA, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emirate kennen; und zum anderen in der Geschichte weiter zurückgehen.

Autoren Naike Juchem und Nila Khalil

Ende der 70er Jahren kam Afghanistan hin und wieder in den Medien vor, als die UdSSR in Afghanistan intervenierte. Die UdSSR war eine Weltmacht und sah eine Bedeutung durch die USA mit ihrer Kriegsmarine und Atombomben.
Das Territorium der UdSSR umfasste nach dem zweiten Weltkrieg eine Fläche von 22,4 Millionen Quadratkilometern. Dies war fast ein Sechstel des Festlandes der Erde. Von der West-Ost-Richtung erstreckte sich die UdSSR vom Schwarzen Meer, der 
Ostsee bis hin zum nördlichen Pazifischen Ozean.
Die UdSSR hat trotz dieser gewaltigen Größe keinen geografischen Zugang zum südlichen Pazifik, bzw. Indischen Ozean. Um auch dort mit der seiner Marie präsent sein zu können, wollte man einen Korridor von Usbekistan, was zur Russischen Föderation gehörte, durch Afghanistan und Pakistan. Da Pakistan an der Küste des Arabischen Meeres, eines Nebenmeeres des Indischen Ozeans liegt, wäre der militärische Zugang in den südlichen Pazifik gesichert gewesen.

Dieses Vorhaben scheiterte am Widerstand der Mujahideen, die umfassend mit finanzieller, materieller und personeller Unterstützung aus den arabischen Staaten profitiert habe.  Hier sei die CAI, Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Pakistan erwähnt.
Der Begriff Mujahideen verwenden Muslime um diejenigen zu beschreiben, die sich als Krieger im Namen Allahs für den Islam zu kämpfen sehen. Das Wort ist von der gleichen arabischen Wurzel wie der Dschihad – der heilige Krieg.

Ein Sinnloser Krieg gegen einen unsichtbaren Feind

Im Februar 89 beendeten die UdSSR einen Sinnlosen Krieg und zogen sich aus Afghanistan zurück. Was übrig blieb war ein Chaos aus innenpolitischer Zerstrittenheit und ein Land das wirtschaftlich am Boden lag.
Durch den Rückzug der UdSSR sahen sich die Mujahideen als „Arbeitslos“ und durch die Zerstrittenheit der vielen Ethnien im Land, sahen diese nun endlich die Möglichkeit einen Gottesstaat nach ihrem Willen aufzubauen. Auch hier waren Religionsgelehrte aus dem arabischen Raum im Hintergrund.

Kaum ein anderes Land der Welt befindet sich seit so langer Zeit in einem permanentem Kriegszustand. Im Zuge dieses Kriegs wurde das gesamte Land in Schutt und Asche gebombt; 1,5 Mio. Menschen verloren ihr Leben. Weitere Kriegsfolgen sind die Erblast von über 10 Mio. Anti-Personen Minen ( in keinem anderen Land der Welt liegen mehr Minen), eine Analphabetenrate von über 90 % und die Flucht von zeitweise bis zu 6,5 Mio. der 14 Mio. Einwohner Afghanistans nach Pakistan und Iran.

Auf den ersten Blick gleicht der Afghanistankrieg einem undurchsichtigen Chaos, in dem andauernd neue Fraktionen auftreten, die sich in ständig wechselnden Koalitionen bekämpfen. Jedoch lassen sich auf den zweiten Blick zwei Konfliktebenen unterscheiden: Zum einen gibt es die internationale Konfliktebene, da der Afghanistankrieg stark von den sicherheitspolitischen, wirtschaftspolitischen und ideologischen Interessen ausländischer Mächte, insbesondere seiner Anrainerstaaten, bestimmt wird. Zum anderen gibt es
die innerafghanische Konfliktebene, auf der zunehmend Ethnizität an Bedeutung gewinnt. Beide Konfliktebenen sind miteinander verzahnt und haben in den Kriegsparteien ihre Überschneidungspunkte. Daher wird die Zukunft von Afghanistan nur jene gestalten können, die langfristig die Fraktionen militärisch und politisch behaupten. Da es an ausländischer Unterstützung für die Taliban nicht mangelt, ist ein erneuter Krieg unumgänglich.

Um Afghanistan zu begreifen, muss man in der Geschichte zurückgehen

Ein Reich mit der Bezeichnung Afghanistan existiert seit 1747. Afghanistan in seinen heutigen Grenzen entstand jedoch erst Ende des 19. Jahrhunderts als Pufferstaat zwischen den Interessengebieten der Kolonialmächte Britisch-Indien und
Rußland. In dieser Staatsgründung war das wesentliche Konfliktpotential Afghanistans schon von Anfang an angelegt.
Bei Afghanistan handelt es sich um einen Vielvölkerstaat, in dem über 50 ethnische Gruppen leben. Die größte Ethnie sind die segmentär organisierten Paschtunen, die in verschiedene Stammesverbände zerfallen; die Konföderationen der Durrani und Ghilzai bilden die umfaßendsten paschtunischen Stammeseinheiten. Weitere wichtige ethnische Gruppen sind die Usbeken in Nordafghanistan und die Hazara im zentralen Hochland. Unter der Sammelbezeichnung Tadschiken
wird die persischsprachige, sunnitische Bevölkerung Afghanistans zusammengefaßt.

Die ethnische Vielfalt in Afghanistan drückte sich seit Jahrzehnten in der gesellschaftlichen Schichtung aus. Die Paschtunen erschienen nach außen hin als die staatstragende Ethnie. Sie stellten von 1747 bis 1973 mit dem Königshaus, das dem durranischen Stammesverband angehört, die Spitze des Landes. Auch die traditionelle Elite bestand in ihrer Mehrheit aus paschtunischen Adligen. Die Tadschiken bildeten das Gros der Mittelschicht, weshalb sie die Wirtschaft und staatliche Verwaltung dominierten. Die Usbeken hatten auf den afghanischen Machtapparat nur wenig Einfluß und waren weitgehend auf ihren Siedlungsraum beschränkt. Die Hazara bildeten aufgrund ihres turko-mongoliden Aussehens und ihrer schiitschen Konfession eine marginalisierte Ethnie, die
weitgehend von der Partizipation an den gesellschaftlichen Ressourcen ausgeschlossen bleibt.

Die CIA tragen eine Mitschuld an dem Chaos in Afghanistan *

Der auf Drogen aufgebauten Irrsinn zeichnete sich ab, als der weltweite Drogenhandel sich auf dem Tiefpunkt seiner jüngeren 200-jährigen Geschichte befand: mitten im Zweiten Weltkrieg. In den USA war der Reinheitsgehalt illegalen Heroins von 28 Prozent 1938 auf nur drei Prozent drei Jahre später gefallen – ein Rekordtief. Zugleich hatte die Anzahl der Süchtigen rapide abgenommen: Nur noch etwa 20.000 waren es1944/45, ein Zehntel derjenigen, die noch 1924 gezählt worden waren.

Ende der 40er Jahre sah es ganz danach aus, als würde die Heroinsucht in den USA ein unbedeutendes Problem werden. Innerhalb eines Jahrzehnts jedoch blühten die Drogensyndikate wieder, die asiatischen Mohnfelder dehnten sich aus, in Marseille und Hongkong schossen Heroinraffinerien aus dem Boden. Der Grund für diese Erholung des Heroinhandels ist in einer Abfolge von CIA-Bündnissen mit Drogenhändlern zu finden.
Die CAI unterhielt sehr enge Kontakte zu korsischen Drogensyndikate in Marseille, nationalchinesischen Truppen in Birma und korrupten thailändischen Polizisten.

* lesen Sie hierzu den externen Berich: Die CIA und ihr Opium

Eine unlösbare Zwickmühle

Die weltweit zunehmende islamistische Gewalt, der Staatszerfall in Asien und Afrika und der daraus resultierende Flüchtlingsstrom nach Europa zwingen die internationale Gemeinschaft, sich verstärkt mit der Befriedung von Krisenregionen und mit gesellschaftlichem Wiederaufbau zu beschäftigen. Wie man aber Lösungen für die Konflikte und Kriege erarbeiten will, sind äußerst schwierig, da zu viele Interessen an politischen, wirtschaftlichen und nicht zuletzt religiösen Gründen auf keine Einheit hinauslaufen werden – und dies auf dem Rücken der zivilgesellschaft ausgetragen werden.

Nach fast 20 Jahre des internationalen ISAF Einsatz in Afghanistan herrscht in der Öffentlichkeit die Ansicht vor, der ISAF Einsatz sei generell fehlgeschlagen. Zwar waren fast alle militärischen Operationen zur Bekämpfung der Taliban von Erfolg gekrönt, und dennoch gelang es trotz gewaltiger finanzieller und personaler Anstrengungen nicht, eine stabile politische und funktionierende Verwaltung, sowie eine effektive Justiz zu etablieren.
Ebenso ist ein Großteil der afghanischen Bevölkerung der Meinung, die Lasten des Krieges seien ungerecht verteilt worden und sie hätte vom bisherigen Wiederaufbau nicht ausreichend profitiert.
Bei Frauenrechten, Bildung, Gesundheit und Medien kann die internationale Allianz erfolgreiche Erfolge vorweisen, aber leider stehen diese Errungenschaften auf sehr
wackeligen Beinen, da ihnen die ökonomische und gesellschaftliche Unterstützung fehlt.

Menschenrechtlerinnen bei einem UNAMA Treffen in Kabul

Die internationalen Beziehungen zwischen Deutschland und Afghanistan gibt es schon seit 1919. Während der kritischen Sicherheitslage von Mitte der 1980er-Jahre bis 2001, hatte Deutschland kein Botschaft in Afghanistan unterhalten. Erst nach der Afghanistan-Konferenz von 2001 wurde wieder ein deutsches Verbindungsbüro in Kabul eingerichtet, das im Folgejahr wieder zur Botschaft aufgewertet wurde. Die deutsche Botschaft war die erste diplomatische Vertretung eines Staates in Afghanistan nach Ende des Taliban-Regimes.
Afghanistan liegt laut der Weltbank beim Investitionsklima auf Platz 162 von 175 untersuchten Ländern. 60 Unternehmen aus Deutschland waren schon kurz nach dem Sturz des Taliban-Regimes in Afghanistan vertreten.

Taliban Anschlag auf die Infrastruktur

Während die großen deutschen Konzerne zumeist mit Subunternehmen in Afghanistan tätig sind, unterhalten vor allem kleine und spezialisierte deutsche Firmen Vertretungen in dem Land. Siemens baut zum Beispiel das Telefonnetz aus und ist an der Modernisierung von zwei Wasserkraftwerken beteiligt. Der Essener Baukonzern Hochtief repariert und baut Straßen.
Die in Hamburg lebende Familie Rahimi, hat das 1968 in Kabul gegründete Hoechst-Werk vor einigen Jahren gekauft und stellt dort Hustensaft, Schmerzmittel und Antibiotika her. Die Afghanistan Investment Support Agency, wirbt damit, dass ihr Land als einen der weltweit am schnellsten wachsenden Märkte anpreist und seit 2003 bereits 2,4 Mrd. Dollar investiert wurden. Der Internationale Währungsfonds rechnete im Jahr 2007 mit einem Wirtschaftswachstum in Afghanistan von zwölf Prozent.

Die Meinung der meisten in Afghanistan engagierten Staaten lässt sich mit wenigen Worten beschreiben: Sicherheit ist Voraussetzung für politische Stabilität und politische Stabilität für wirtschaftlichen Aufbau. Heute ist klar, dass diese Strategie nicht funktioniert hat.

Die Unterzeichnung des „Friedensabkommen“ in Doha

Alle Bemühungen der Alliierten für Sicherheit und Ordnung in Afghanistan aufzubauen, sind am Tag mit den „Friedensgesprächen“ in Doha, zwischen den USA und der Taliban gescheitet. Die USA lies mit ihrer Unterzeichnung das Volk von Afghanistan ins offene Messer laufen.
Dieses perfide Abkommen mit Terroristen und das Versprechen, die USA werde ihre Truppen abziehen, war der ungehinderte Zugang der Taliban, um wieder die Herrschaft über Afghanistan zu gewinnen.
Nichts wurde in all den Jahren an Frieden und Sicherheit gewonnen.

Die Lage in Afghanistan hat sich seit Mai 2020 dramatisch verschlechtert und mit jedem weiteren Tag rücken die Taliban in immer mehr Städte und Provinzen vor.
Es ist abzusehen, dass ohne Alliierte Hilfe Afghanistan erneut ins Mittelalter katapultiert wird. Da im letzten Jahr China schon Truppen in die Nähe von Afghanistan verlegt hat, ist nun die Frage, wer wird als erstes das aufkommenden Taliban-Regiem bekämpfen.

Provinz Praktika

Die unglaublich Menge an Resourcen werden einen nächsten Krieg nicht verhindern

Der run auf Resourcen hatte nach dem Sturz des Taliban-Regimes schon einige Länder auf den Plan gerufen.
Die Türkei mischt seit 2001 in dem NATO geführten ISAF Einsatz kräft mit und arbeitete in Afghanistan mit den selben Instrumenten wie die anderen Staaten: Streitkräfte, Institutionen der Entwicklungszusammenarbeit und Hilfsorganisation. Die Türkei hat aber zwei weitere Punke im Blick: die  Außenwirtschaftspolitik und Investitionen durch private Firmen.
Bereits 2001 hatte die Türkei ihr ökonomisches Interessen klar definiert: der Energie- und im Transportsektor.
Die nachgewiesenen Öl- und
Gasbestände in Afghanistan sind mittel- und langfristig für die türkische Wirtschaft genauso interessant wie auch chinesische Pläne, neue überregionale Transportwege (Projekt Seidenstraße) zu bauen, die durch Afghanistan bis nach Anatolien führen soll.

Die Ressourcen sind Fluch und Segen für Afghanistan. So haben US-amerikanische Geologen vor 10 Jaher riesige Vorräte an Lithium, Kupfer, Eisen und Gold entdeckt, die bis zu 1000 Milliarden Dollar wert sein sollen. Die Vorräte an Kupfer, Lithium, Eisen, Gold und Kobalt reichten aus, das Land zu einem weltweit führenden Rohstoffexporteur zu machen. Afghanistan hat somit das Potenzial, zum „Saudi-Arabien des Lithiums“ zu werden. Lithium wird für wiederaufladbare Batterien gebraucht – für Handys, Laptops oder Elektroautos.

Die US-Geologen beschreiben zudem große Vorkommen von „seltenen Erden“, die für nahezu alle Hightech-Produkte gebraucht werden und die zu 97 Prozent in China abgebaut werden. Westliche Exportunternehmen sind auf solche Rohstoffe angewiesen. Käme der Abbau von Bauxit in der Nähe von Baghlan in Gang, könnte gleichzeitig der seltene Rohstoff Gallium gewonnen werden, der etwa für Dünnschicht-Solarzellen gebraucht wird.
Der Sensationsfund könnte das Rückgrat der Wirtschaft werden. Der Nachteil wird die weitere Destabilisierung der Region werden. Durch eben jene Vorkommnisse könnte Afghanistan zum geopolitischen und geoökonomischen Brennpunkt der Welt werden.

Die Geschichte zeig, dass solche Ressourcen für die betroffenen Länder eher Fluch als Segen sind. Gleiches ist heute schon im Kongo zu sehen.

Entdeckt wurden viele der Rohstoffreserven mithilfe von Karten- und Datenmaterial sowjetischer Bergbauexperten, die noch aus der Zeit der sowjetischen Besatzung in den 80er Jahren stammen. Nach dem Rückzug der sowjetischen Truppen und dem darauffolgenden Chaos nahmen afghanische Geologen die Karten an sich und brachten sie nach dem Sturz der Taliban 2001 in offizielle Dokumentensammlungen zurück. Dort fanden die US-Geologen die Aufzeichnungen 2004 und stellten auf ihrer Basis eigene Forschungen an. 2007 bereits veröffentlichten sie Berichte über die zur Rede stehenden Riesenvorkommen, allerdings ohne auf großeres Interesse der Regierung zu stoßen. Erst 2009 wurde eine Pentagon-Abteilung zur Wirtschaftsförderung auf die Erkenntnisse aufmerksam und ließ die Unterlagen nochmals prüfen.
Nun bleibt abzuwarten, wie politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich dieses enorme Kapital einsetzen lässt um eine weitere Eskalation des Terrors zu verhindern.

2012 investierte TPAO, die staatliche Ölfirma der Türkei, 100 Millionen US-Dollar und startete Bohrungen auf bereits explorierten Öl- und Gasfeldern im Norden Afghanistans.
Die eigenen Interessen offen zu verfolgen hat der Türkei bislang nicht geschadet. Im Gegenteil, die afghanische Seite sieht sich eher auf gleicher Augenhöhe, wenn sie als Wirtschaftspartner und nicht als Hilfeempfänger angesprochen wird. Etlichen türkischen Bauunternehmen gelang es in relativ kurzer Zeit, auf dem afghanischen Markt Fuß zu fassen. Im Hoch- und Tiefbau hatten sie in den ersten Jahren des westlichen Engagements mehrere Nato-Aufträge übernommen. Dank der Erfahrungen, die sie dabei sammelten, konnten sie sich später größere öffentliche Bau- und Infrastrukturprojekte sichern.
So wurden mehrere Abschnitte der afghanischen Ringroad, die die größeren Städte des Landes miteinander verbinden soll, von türkischen Unternehmen gebaut.
Auch in der Handelspolitik machte die Türkei lokale wirtschaftliche Engpässe für die eigene Wirtschaft zu nutzte. So sind türkische Geschäftsleute auf dem afghanischen Markt stark vertreten. Türkische Produkte sind begehrt.
Oft sind sie der chinesischen, pakistanischen und iranischen Konkurrenz qualitativ überlegen und bezahlbar. Ein Vorzug türkischer Unternehmer ist zweifellos, dass sie risikobereiter sind als die meisten europäischen und US-amerikanischen Unternehmen.

Auch türkische Unternehmer und ihre Mitarbeiter wurden entführt oder gar getötet. Dennoch haben sie es größtenteils vermieden, sich hinter hohen Mauern und Stacheldraht zu verschanzen. So vermittelten sie den Einheimischen das Gefühl, sich nicht von ihnen abzuheben. Türkische Firmen werden vor Ort aber auch deshalb geschätzt, weil sie afghanische Arbeitskräfte einsetzen. Zwar ist der Verdienst bescheiden, doch einen Arbeitsplatz zu haben ist in Afghanistan mit seiner extrem hohen Arbeitslosigkeit bereits ein Privileg.

Anschlag auf eine Geburtsklinik in Kabul

Die Türkei zieht die Fäden im Hintergrund

Die Türkei befürwortet eine regionale Lösung des Konflikts und initiierte deshalb den sogenannten Istanbul-Prozess. Die Türkei bindet darin nicht nur alle Nachbarn Afghanistans ein, sondern kooperiert auch mit USA, Russland, China sowie auch mit Großbritanien und Deutschland.
Türkische Generäle hatten mehrfach die Leitung verschiedener Teile der ISAF-Truppen. Zweimal kommandierten türkische Offiziere den gesamten ISAF-Einsatz. Dreimal übernahm die Türkei die Verantwortung für die Sicherheit in der Hauptstadt Kabul und in der Provinz Wardak. Heute schützen türkische Truppen den internationalen Flughafen in Kabul – auch dies aus wirtschaftlichen Gründen, für deren Export.
Auch ist die Türkei maßgeblich an der Ausbildung der Afghanischen Nationalarmee und der Nationalpolizei beteiligt und finanziert mehrere Militärschulen. So kommen Waffen aus Deutschland, Frankreich und Israel legal ins Land. Da die türkischen Geheimdienste mit internationalen Partnern zusammen arbeiten, ist es für andere Dienste sehr schwer – wenn nicht gar unmöglich, dieses Netzwerk zu durchschauen.

Ein falsches Spiel von „Brüder im Glauben“

Ungeachtet dieser engen Zusammenarbeit wird die türkische Beteiligung an militärischen Maßnahmen oft nur als symbolisch bezeichnet. Denn die Türkei hat es von Beginn an abgelehnt, sich an militärischen Aktionen gegen die Taliban, an der Terrorbekämpfung, aber auch an Operationen gegen die Produktion von Drogen und den Handel mit ihnen zu beteiligen; selbst bei der Minenräumung enthält sich die Türkei.
Die Türkei sieht sich nicht als Besatzungsmacht und signalisieren – mit Erfolg, der afghanischen Bevölkerung. Das dieser „brüderliche Glaube“ sehr zum Nachteil der Bevölkerung werden kann, wird seit Jahren nicht gesehen – und dies ist ein fataler Fehler in anbetracht der immer stärker werdenden Taliban.

Nicht einmal wurde Militärcamps der Türkei seitens der Taliban angegriffen, womit sich bei der Bevölkerung ein positives Bild für die Türkei zeigt.

Doch solange die türkische Regierung immer noch im Glauben ist, sich in einem Konkurrenzkampf mit dem Westen zu befinden, wird Afghanistan von Menschen gleichens Glaubens still und heimlich unterwandert.

Die Taliban braucht keinen Drogenhandel – sie bekommen Steuern

Opium ist trotz allem für Afghanistan eine sehr lukrative Einnahmequelle und dies weiß eigentlich jeder. Die Taliban war in Afghanistan nie weg. In den letzten 10 Jahren haben sie immer wieder Provinzen und Städte eingenommen. So kamen sie auch immer an Waffen und Munition, die sie bei den Stürmungen auf Militär- oder Polizeikasernen erbeuteten.
Die Taliban haben in Afghanistan eigene staatsähnliche Strukturen aufgebaut, mit sogar eigenen Gerichten.
Durch den illegalen Landraub, verfügt die Taliban quasi über ihr eigenes Land – so hat diese Terrorgruppe Steuereinnahmen. Auch durch die Besetzung und Kontrolle von Grenzübergänge, bekommen die Taliban Einnahmen durch Zollgebühren.

Der Geldstrom aus dem Ausland, wie dieser noch in den 90er Jahren war, ist nicht mehr in dem Maße, wie einst. Auch wenn Geheimdienste Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Pakistan im Visier haben, dementieren dies vehement.

Durch den alltäglichen Terror und seit Wochen das schnelle Vorrücken auf Städte und Provinzen, mangelt es den Taliban nicht an finanziellen Mitteln. Sie plündern und rauben was ihnen unter die Finger kommt.

Was kommt wird alle bisherigen Prognosen übersteigen

Der Krieg rückt näher, und somit auch die Angst vor einer erneuten Übernahme der Taliban. Die nächsten Wochen werden zeigen, wie sich die internationale Gemeinschaft in Afghanistan verhält. Je mehr Staaten ihre Botschaften schließen werden, desto mehr verliert die Bevölkerung den Glauben an die Regierung und das bisherige Staatssystem.

Es ist nue noch eine Frage der Zeit, bis die Taliban Kabul angreift und die jetzige Regierung stürzen wird. Die Apokalypse steht vor der nächsten Stufe und das was kommt, wird ein Massenmord.
Die Menschen wissen nicht mehr wohin sie noch fliehen sollen, und die hochausgebildeten Militärs werden sich wohl kaum der Taliban beugen. Wenn das jetzige Staatssystem zusammen bricht und die Soldaten und Polizisten keinen Soldt und Lohn bekommen werden, steht einem Bürgerkrieg kaum noch was im Weg.

Masar-e Scharif ende April 2022

Die Taliban wird ihrerseits die zivil Bevölkerung als Schutzschilde nutzen, wie sie dies vor 20 Jahren schon einmal taten und in den von ihnen kontrollierten Provinzen schon seit Jahren tun.

Mit jedem Tag, an dem die Taliban Städte und Provinzen einnehmen, sinkt die Hoffnung auf ein Ende der Gewalt und Terror.

Naike Juchem und Nila Khalil, 14. August 2021

Quelle
– Alfred W. McCoy. Professor an der Universität Wisconsin für südostasiatische Geschichte. Die CIA und das Heroin. Weltpolitik durch Drogenhandel
– Bundeszentrale für politische Bildung
– Library.fes.de Conrad Schetter
– Naike Juchem & Nila Khalil: Die Zukunft von Afghanistan wird schwarz
– Naike Juchem, Textauszug aus Kapitel 11, Teil III: Zu Besuch bei der Deutschen Botschaft
– Stiftung Wissenschaft und Politik

Brave heart


Sie können unser Leben nehmen
aber sie können uns niemals die Freiheit nehmen

Die wahre Geschichte über die Entstehung von Brave heart – Tapferes Herz

Autorin Nila Khalil

Sir James Douglas (auch bekannt als: the Black Douglas; ca. 1286 – 25. August 1330) war ein schottischer Ritter und Feudalherr. Er war einer der wichtigsten Befehlshaber während der schottischen Unabhängigkeitskriege.
James Douglas war Hauptmann in der königlichen Truppe von Robert I. (Robert Bruce ) während den schottischen Unabhängigkeitskriege

Douglas zählt zu den bekanntesten schottischen Persönlichkeit des 14. Jahrhunderts. Viele Schotten kannten ihn als „den guten“ Sir James, weil er sich für die Unabhängigkeit einsetzte. Douglas wurde aber auch durch seine Grausamkeit in den Schlachten und seine brutalen Raubzüge im Norden Englands bekannt. Die Menschen die seine Brutalität sahen oder entkommen waren, gaben ihm dem Namen, „der schwarze Douglas.“
Sein Ruf als Schreckgespenst unter den Engländern war so groß, dass Mütter in Northumbria und Cumbria, als er noch lebte, angeblich zu ihren Kindern sangen:

Hush ye, hush ye, little pet ye,
Hush ye, hush ye, do not fret ye,
Der Schwarze Douglas wird dich nicht kriegen…

In einer schaurigen Volkserzählung folgt auf diesen Refrain eine schwielige Hand, die die Schulter der Mutter ergreift, und eine knurrende Stimme, die sagt: „Sei dir da nicht so sicher…“

Courtesy of The Heart of Scotland/Netflix

Douglas war in der Zeit zwischen 1306 und seinem Tod im Jahr 1330 an vielen dramatischen Ereignissen beteiligt, darunter die listige und brutale Rückeroberung seines Stammsitzes, Douglas Castle, in dem als „Douglas Larder“ bekannten Vorfall im Jahr 1307 und die Einnahme des uneinnehmbaren Roxburgh Castle durch einen Überraschungsangriff im Februar 1314.

Douglas kämpfte bei Bannockburn, war jedoch nicht Befehlshaber seiner eigenen Speerformation, wie in John Barbours dargestellt, sondern fungierte vielmehr als Unterbefehlshaber in Verbindung mit König Roberts eigener Truppe.

Nach der Schlacht verfolgte Douglas den besiegten König Edward II. mit einer Truppe, die der des Königs zahlenmäßig fünf zu eins unterlegen war und ihm so dicht auf den Fersen war, dass die Truppe des englischen Königs nicht einmal anzuhalten wagte, um „Wasser zu lassen“.

Diese und andere Taten brachten Douglas den Ruf ein, dass er „fierce than was ony devill in hell“ (grimmiger als ein einziger Teufel in der Hölle) war. Seine Schlachtenbilanz spricht für sich: Laut vieler Überlieferungen
errang Douglas 57 Siege gegenüber 13 Niederlagen, und diese Verluste waren eher taktische Rückzüge als wirkliche Rückschläge bzw. Niederlagen.

Die letzte und vielleicht berühmteste Episode von allen war der Tod von König Robert I. am 7. Juni 1329. Vor seinem Tod versammelte Bruce seine Hauptleute und beauftragte Douglas, sein Herz auf einem Kreuzzug zur Grabeskirche in Jerusalem zu tragen, möglicherweise als posthume Reue für Bruces Ermordung seines Rivalen um die Krone, John Comyn, in der High Kirk in der Nähe von Dumfries, im Jahr 1306 und das Leid, welches er seinem eigenen Volk mit seiner Taktik der „verbrannten Erde“ zugefügt hatte.

Jerusalem war zu jener Zeit jedoch fest in der Hand des Sultanats der Mamelucken, aber durch dem Kreuzzug von König Alfons XI. von Kastilien gegen die Mauren im spanischen Andalusien, bestand eine Alternative, um Robert Bruce seinen Wunsch zu erfüllen.

James Douglas und eine handverlesene Gruppe schottischer Ritter verabschiedeten
sich von ihrer Heimat und versprachen, Bruce‘ Herz nach ihrem Sieg ins Kloster Melrose, auch Melrose Abbey genannt, zurückzubringen, wobei Douglas das Herz in einem Fass um den Hals tragen sollte.

Im Schatten des Castillo de la Estrella in der Nähe des Dorfes Teba zwischen Sevilla und der maurischen Machtbasis in Granada kam es zur Schlacht. Irgendwann wurde ein Befehl falsch interpretiert, so dass die Schotten die maurischen Linien ohne Hilfe angriffen und somit Unweigerlich umzingelt wurden.

Die Geschichte, die von Sir Walter Scott erzählt wurde, besagt, dass Douglas das Fass von seinem Hals abnahm und laut erklärte: „Geh zuerst in den Kampf, wie du es zu tun pflegtest, und Douglas wird dir folgen oder sterben“, und dann den Feind ein letztes Mal angriff.

Als die überlebenden Schotten nach dem Sieg des Kreuzfahrers das Feld durchsuchten, fanden sie James Douglas mit „fünf tiefen Wunden“ leblos vor. Das Holzfass mit dem Herzen von Robert Bruce wurde der Legende nach unversehrt
unter dem Leichnam von Douglas gefunden.
Das Fleisch von Douglas wurde von seinen Knochen abgekocht, wie es bei Langstreckentransporten adliger Überreste üblich war, und sein Herz wurde entnommen, da er nun ein Gefährte von Bruce I. war, während sein Skelett in der St. Bride Kirk in seinem Heimatdorf Douglas beigesetzt wurde.

Aus diese Episode geht der Begriff „Brave heart“ hervor, wie es sehr oft von den Schotten verwendet wird, sich aber nicht auf das Leben und Wirken von Sir William Wallace von Elderslie bezieht – der wahre Brave heart ist Robert Bruce und sein treuer Freund, der James Douglas.

Nila Khalil, Den Haag, 27. April 2022

Die Rückführung von Frauen mit Kindern aus dem IS

Die Rückführung von Frauen mit Kindern aus dem IS in die Niederlande

Autorinnen: Dr. Janina Huzaifa LL.M, Nila Khalil, Samira Ansary LL.M und Tanya Mehra LL.M

Einige europäische Länder haben Anfang des Jahres Frauen mit ihren Kindern aus dem IS zurückgeführt – unter anderem auch die Niederlande. In dem konkreten Fall geht es um die Repatriierung von fünf Frauen und deren elf Kinder aus dem Lager Al-Hol im Nordosten Syriens.

Frauen im Lager Al-Hol im Nordosten Syriens

Politisches und juristisches Tauziehen

Die erste Frage stellt sich immer: wie geht man mit Menschen um, die sich dem IS angeschlossen hatten und nun auf eine Rückkehr in ihre Heimat hoffen.
Um Menschen vor Gericht anklagen zu können, braucht es konkrete Beweise. Das solche Beweise in oder aus einem selbsternannten Staat sehr schwer zu beschaffen sind, macht die Arbeit der Anklage nicht gerade leicht und dauet auch sehr lange. Die Staatsanwaltschaft möchte die Frauen wegen Terrorismus anklagen, ein Gericht in Rotterdam hatte im vergangenen Jahr entschieden, dass das Verfahren eingestellt wird und die Frauen somit nicht mehr wegen terroristischen Straftaten verfolgt werden können. Die niederländische Regierung beschloss daraufhin die Rückführung der fünf Frauen und ihrer Kinder voranzutreiben.

Am 4. Februar 2022 hatten die Niederlande jene fünf Frauen und ihre Kinder aus Syrien zurückgeführt, um sicherzustellen, dass die Frauen sich vor Gericht verantworten müssen.

Nach Behörden Angaben sind aus den Niederlanden in den letzten Jahren fast 300 Personen mit dschihadistischen Absichten nach Syrien und in den Irak gereist, ein Drittel davon sind Frauen. Die große Mehrheit dieser Personen hat sich den Ideologien des IS angeschlossen. Bislang sind 65 Erwachsene und 30 Kinder in die Niederlande zurückgekehrt. Weitere 20 Erwachsene und 45 Kinder sind in ein Drittland zurückgekehrt. Hier wird geprüft welches Land eine Anklage gegen jene Personen erhebt, oder ob die Anklage in den Niederlanden beantragt werden kann.

Ilham B. mit ihren beiden Kindern im Gefangenenlager Al Roj in Syrien am 24. Februar 2019.  
Foto: EPA

Verfahren vor den niederländischen Gerichten

Offiziell sind die Namen derer fünf Frauen noch nicht bestätigt. Da im vergangenen Jahr aber eine Einstellung des Strafverfahrens unternommen wurde, und auf der Liste Namen wie: Amber K. (zwei Kinder), Hafida H. (drei Kinder), Nawal H. (vier Kinder), sowie die Mutter Naima mit ihrer Tochter Meryem S. (zwei Kinder), stehen, kann man von eben jenen Personen ausgehen. Drei dieser Frauen stehen zudem auf der Nationalen Terrorismusliste. Soll heißen: diese Personen kommen an keine finanziellen Mitteln und auch keine staatliche Unterstützung.

Rückblende ins Jahr 2016

Warum jetzt die Frauen repatriiert werden, muss man den Fall Ilham B. kennen.
Im März 2016 erließ die niederländische Staatsanwaltschaft einen internationalen Haftbefehl gegen Ilham B. aus Gouda, die sich zu diesem Zeitpunkt im Lager Ain Issa aufhielt. Im Jahr 2018 beschloss ein Gericht in Rotterdam, das Verfahren auf unbestimmte Zeit auszusetzen, und erließ einen Haft- und Auslieferungsbefehl gegen sie. Die Entscheidung verpflichtet die niederländische Regierung, endlich alle Anstrengungen zu unternehmen, um Ilham B. in die Niederlande zu bringen und wegen dreifacher Kindesentführung anzuklagen.
Da nun juristisch das Justizministerium unter Druck stand, wurden Verhandlungen mir der Autonomen Verwaltung von Nord- und Ostsyrien (AANES) und dem niederländischen Konsulat in Erbil, Irak, aufgenommen, um die Festnahme und Auslieferung von B. in die Niederlande zu erreichen.
Der niederländische Gesandte für Syrien Emiel de Bont, sagte, dass dies eine „besonderen Operation unter sehr komplexen Umständen“ sei.

Am Freitag dem 4. Juni gaben die Kurden in Nordostsyrien bekannt, dass eine niederländische Delegation Frau B. und ihre drei Kinder verhaftet hatte, um diese  strafrechtlich zuverfolgt. Aufgrund von Datenschutz- und Sicherheitsbedenken und angesichts der notwendigen Vertraulichkeit dieser Art von Operationen konnte das Justizministerium keine weitere Angaben dazu machen.
Über den Kinderschutzbund kamen die Kinder in eine spezielle Kindereinrichtung in der Nähe von Den Haag.

Hafida H. aus Delft in einer BBC-Dokumentation im Jahr 2019. Photo by BBC

Der Fall Haifa H.

„Die Niederländer müssen keine Angst vor der Rückkehr von IS-Frauen und ihren Kindern haben.“
Dies sagte die damals 26-jährige Hafida H. aus Delft, die mit ihren drei Kindern seit 2017 in einem nordsyrischen Gefangenenlager festsitzt. Sie möchte nach Hause zurückkehren und bereue ihren damaligen Schritt.

Haifa reiste 2013 in das Gebiet des IS und steht seit Jahren auf der nationalen Terrorismusliste der Niederlande. 

In einem Interview mit  Fannie Tijmstra und Wladimir van Wilgenburg sagt die dreifache Mutter Haifa H.,dass sie 2013 nach Syrien gegangen sei, um ihren Mann zurückzuholen, aber dies hätte nicht geklappt. Einmal im IS-Gebiet angekommen, hätte sie nicht einfach wieder gehen können. Hafida soll mit dem syrischen Terroristen Thijs B. verheiratet sein. Er wurde im Juli 2016 in Abwesenheit wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu sechs Jahren Haft verurteilt. Das Paar soll mindestens ein gemeinsames Kind haben. Hafida war Berichten zufolge hochschwanger, als sie 2013 nach Syrien ging.
Im November 2017 tauchte der Name von Haifa H. bei einer Festnahme eines belgischen IS-Angehörigen und anschließendem Verhör durch die CIA auf.
Nach dessen Schilderung sei H. die einzige Niederländerin, die vom IS ausgebildet wurde, um nach ihrer Rückkehr in die Niederlande einen Anschlag zu verüben.

Hafida selbst sagte in einem Interview, dass die Niederländer keine Angst vor zurückkehrenden Frauen und ihren Kindern haben sollten, denn sie wären nur Frauen und Mütter im IS-Gebiet des IS gewesen.

Frauen im IS. Photo by Reuters/ WordPress

Das Internationale Strafrecht

Im Vorfeld wurde Ilham B. und die fünf Frauen nach Artikel 278 Absatz 3 der Strafprozessordnung in Abwesenheit angeklagt. Dieser Artikel greift, wenn unter bestimmten Bedingungen eine solche Anklage zulässig ist.
In Artikel 14 Absatz 3d des Internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte steht, dass es von Vorteil ist, wenn die Angeklagte Person persönlich anwesend ist, um sich verteidigen zu können.

Abwesenheitsverfahren sind aus rechtsstaatlicher Sicht problematisch – aber nicht verboten. Dies hat der europäische Ausschuss für Verbrechensbekämpfung des Europarats festgelegt. Problematisch bei solchen Abwesenheitsprozesse ist die Beweisführung, die rechtliche Darstellung und das Recht auf Wiederaufnahme des Verfahrens und/oder das Recht auf Berufung.

Wird jedoch ein Verfahren in Abwesenheit durchgeführt, so ist die Staatsanwaltschaft verpflichtet, die beschuldigte Person über den Beginn des Verfahrens zu unterrichten. Ein Gericht prüft zu Beginn des Verfahrens, ob dieser Pflicht nachgekommen wurde. Die Benachrichtigung erfolgt in der Regel mit einem Schreiben an die letzte bekannte Melde- Wohnanschrift, kann aber auch durch eine Nachricht in den sozialen Medien erfolgen. Die Benachrichtigung kann den Angeklagten dazu veranlassen, von seinem Recht auf Anwesenheit bei der Verhandlung Gebrauch zu machen; in diesem Fall setzt das Gericht das Verfahren aus, um dem Angeklagten die Teilnahme an der Verhandlung zu ermöglichen. Das Gericht kann auch zu dem Schluss kommen, dass die Anwesenheit des Angeklagten im Interesse der Gerechtigkeit erforderlich ist.

Strafprozess durch Videokonferenzen

Nach Artikel 131a der Strafprozessordnung ist die Anhörung und Befragung der Beschuldigten und Zeugen, per Videokonferenz zulässig. Dafür muss von Seiten des Gerichts aber auch die
Möglichkeit gegeben werden, dass sich die Angeklagte Person vertraulich mit seinem Rechtsbeistand kommunizieren kann. Auch ist die Qualität der Ausrüstung und die Notwendigkeit eines Rechtshilfeabkommens ein oft unzureichender Faktor, wenn sich die Angeklagte Person im Ausland befindet.
In dem aktuellen Fall waren die Komplikationen im Lager al-Hol noch größer, denn eine spezielle Videoausrüstung könnte ein sehr hohes Sicherheitsrisiko darstellen.
Der nächste Faktor ist, dass die AANES nicht als Staat anerkannt ist und daher auch nicht in der Lage ist, ein internationales juristisches Abkommen einzugehen.

Internationale Strafverfolgung

Der Grundsatz der Rechtssicherheit im Rahmen eines Verfahrens bedeutet, dass ein Angeklagter ein Recht darauf hat, Klarheit darüber zu haben, ob eine Strafverfolgung durchgeführt werden wird. In den Niederlanden kann der Beschuldigte gemäß Artikel 29f der Strafprozessordnung beantragen, dass das Gericht das Strafverfahren einstellt. Eine solche Einstellung kann nur dann in Betracht gezogen werden, wenn ein Strafverfahren tatsächlich eingeleitet wurde, wenn ein Haftbefehl erlassen wurde noch bevor das Verfahren vor Gericht begonnen hat. Das Recht auf eine gerichtliche Entscheidung innerhalb einer angemessenen Frist gilt nicht als ausschlaggebend für die Einstellung eines Verfahrens, doch kann das Verfahren eingestellt werden, wenn keine oder nur minimale Schritte zur Fortsetzung des Strafverfahrens unternommen wurden.

Wenn ein Verfahren in den Niederlanden eingestellt wird, wird der Beschuldigte davon in Kenntnis gesetzt, dass die Strafverfolgung nicht mehr fortgesetzt wird. Die bedeutet, dass der Staatsanwalt die Person nach dem Grundsatz „ne bis in idem“ ( nicht zweimal gleich) erneut anklagen werden kann.

In den Niederlanden gilt dies auch, wenn die Strafverfolgung nicht mehr fortgesetzt oder eingestellt wird. Nur wenn nach der Entscheidung über die Einstellung des Verfahrens neue Tatsachen ans Licht kommen, kann die Person wegen derselben Straftaten strafrechtlich verfolgt werden. Eine weitere Folge der Einstellung des Verfahrens ist, dass eine Überwachung nach dem Langzeitüberwachungsgesetz nicht mehr möglich ist. Nach diesem Gesetz kann ein Gericht im Rahmen einer Freiheitsstrafe Maßnahmen anordnen, die darauf abzielen, das Verhalten einer Person zu ändern oder ihre Freiheit einzuschränken, indem es ihr beispielsweise auferlegt, sich täglich bei der Polizei zu melden.

In Frankreich gibt es ein ähnliches Verfahren, bei dem der Verdächtige beim Gericht die Einstellung des Verfahrens beantragen kann, wodurch die Staatsanwaltschaft daran gehindert würde, eine neue Anklage wegen derselben Straftat zu erheben.

In Belgien, wo bereits mehrere Frauen in Abwesenheit verurteilt wurden, kann die Angeklagte gegen das Urteil Berufung einlegen, woraufhin das Verfahren vor demselben Gericht erneut verhandelt wird.

In Großbritannien können sowohl der Staatsanwalt als auch der Angeklagte, wie in anderen Ländern des Common Law, ein „nolle prosequi“ beantragen, eine Erklärung, dass sie nicht bereit sind, die Strafverfolgung fortzusetzen. Dies würde zu einer Vertagung des Verfahrens führen, nicht aber zu einem Freispruch, und würde die Strafverfolgung in Zukunft nicht ausschließen.

In Anbetracht der rechtlichen Folgen einer Verfahrenseinstellung sollte die Einstellung eines Falles mit großer Vorsicht erwogen werden.

Kinder im IS. Photo by WordPress

Was wird mit den Frauen und ihren Kindern geschehen?

Auch wenn dies erst das zweite Mal ist, dass die Niederlande aktiv Frauen und Kinder aus Syrien zurückführen, bedeutet dies nicht, dass die zuständigen Behörden nicht auf ihre Ankunft vorbereitet sind. Für jede der bekannten Frauen und ihre Kinder in den Lagern gibt es einen detaillierten Plan. Bei der Ankunft werden die Mütter und Kinder getrennt, und die Mütter werden in Gewahrsam genommen und in die Terrorismus-Haftanstalt für Frauen in Zwolle gebracht. Die Gemeinde, in der das Kind lebt bzw. aus der es stammt, übernimmt die Federführung bei der Ausarbeitung eines individuellen Rückkehrplans mit Unterstützung des RvdK – Raad voor de Kinderbescherming ( Kinderschutzrat) und der Jeugdbescherming (Jugendhilfe). Der Plan wird anschließend auch mit den örtlichen Jugendbetreuern ausgetauscht. Jeder Rückkehrplan besteht aus vier Säulen: Gewahrsam, Sicherheitsrisiko, Betreuung und Bildung.

In Anbetracht der langen Aufenthaltsdauer der Kinder in den Lagern ist es inzwischen in fast allen Fällen üblich, dass die Kinder für eine dreimonatige Beobachtungszeit in spezialisierten Jugendhilfeeinrichtung untergebracht werden. Während dieses Zeitraums wird eine Bewertung der Bedürfnisse des Kindes vorgenommen, einschließlich seiner Risiken und Schutzfaktoren. Dies ist auch der Zeitpunkt, an dem die potenzielle Schule informiert wird.

Für jedes rückzuführende Kind, unabhängig von seinem Alter, beantragt der RvdK beim Jugendgericht die Unterbringung unter Aufsicht gemäß Artikel 1:255 des niederländischen Bürgerlichen Gesetzbuches und eine Genehmigung für die Unterbringung unter Aufsicht gemäß Artikel 1:265b des niederländischen Bürgerlichen Gesetzbuches. Der Grund für die Inobhutnahme ist, dass der Elternteil bei der Ankunft verhaftet wird und das Kind in Gewahrsam genommen werden muss. Dabei kann das Kind entweder bei seiner Großfamilie, einer Pflegefamilie oder in einer zertifizierten Einrichtung untergebracht werden. Wird das Kind in einer Pflegefamilie untergebracht, muss die Familie ausreichend angeleitet werden, um Traumata des Kindes zu erkennen und auf Anzeichen zu achten, die für die Entwicklung des Kindes schädlich sind. Wenn es im besten Interesse des Kindes liegt, sind Besuche unter Aufsicht zwischen biologischem Elternteil und Kind möglich, unabhängig davon, ob das Kind unter Aufsicht gestellt oder in Obhut genommen wurde. Vor der Rückkehr aller Rückkehrer werden alle Großfamilien vom RvdK auf ihre Eignung hin überprüft. Zu den Faktoren, die dabei berücksichtigt werden, gehören ein pädagogisch sicheres Umfeld, das Alter des Kindes und der Großfamilienmitglieder, gewalttätige extremistische Ideologien unter den Großfamilienmitgliedern, die Fähigkeit, mit den Medien umzugehen, und das Vertrauen in die Betreuungs- und Unterstützungseinrichtungen. Nach Angaben des RvdK wurde die überwiegende Mehrheit der Familien der 135 Kinder als geeignet eingestuft.

Kinder im IS. Photo by WordPress

Europäische Staat warten auf ein Urteil des Europäische Gerichtshof für Menschenrechte

Etwa 120 Erwachsene und 200 Kinder, von denen entweder mindestens ein Elternteil die niederländische Staatsangehörigkeit besitzt oder deren Eltern schon seit längerer Zeit in den Niederlanden leben, befinden sich noch immer in Syrien in Haft. Von denjenigen, die sich noch in Syrien aufhalten, werden 40 Erwachsene und 70 Kinder in Lagern der AANES festgehalten, 25 Erwachsene und 70 Kinder werden bei terroristischen Gruppen im Nordwesten Syriens vermutet, 35 Erwachsene und 30 Kinder befinden sich anderswo in Syrien. Derzeit sind weitere 25 Kinder aufgrund von Sicherheitsrisiken, Krankheiten und mangelnder medizinischer Versorgung ums Leben gekommen.

Die Niederlande sind nicht das einzige Land, das seine Staatsangehörigen nicht aktiv aus Syrien und dem Irak abschiebt. Mehrere europäische Länder werden seit geraumer Zeit von der Justiz aufgefordert, die Frauen und ihre Kinder zurückzuschicken. Es wird erwartet, dass der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte ein Urteil fällt, das sich auf die Politik der europäischen Länder in Bezug auf die Rückführung ihrer Staatsangehörigen, die in Lagern im Nordosten Syriens festgehalten werden, auswirken wird.

Länder wie Kosovo, Kasachstan und Russland haben jedoch aktiv Frauen und Kinder, die sich dem IS angeschlossen haben, in ihre Heimat zurückgeführt. In jüngster Zeit haben andere europäische Länder ihre Politik in Bezug auf die Rückführung aller oder eines Teils der Frauen und Kinder in den Lagern in Nordostsyrien geändert.

Im Dezember 2019 gab Finnland öffentlich bekannt, dass es alle finnischen Frauen und Kinder aus den Lagern in Syrien zurückführen würde. Auch in Belgien änderte sich die Politik in Bezug auf die Rückführung von Kindern Anfang 2021, als die Regierung beschloss, dass alle Kinder unter 12 Jahren repatriiert werden sollten. Im Mai 2019 gelang es einem Großvater in Schweden, von den schwedischen Behörden die Unterstützung für die Rückführung von sieben seiner Enkelkinder zu erhalten. Seit Herbst 2021 führt Schweden aktiv jeweils drei Familien aus Nordostsyrien zurück. Bisher wurden bis Januar 2022 acht Frauen und achtzehn Kinder nach Schweden zurückgeführt. Zu den anderen Ländern, die ihre Rückführungsbemühungen verstärken, gehören Dänemark und Deutschland, die 48 Mütter und Kinder zurückgebracht haben.

Am 15. Dezember 2021 wurde dem niederländischen Parlament eine Koalitionsvereinbarung vorgelegt, die als Fahrplan für die neue Regierung dient. In dieser Vereinbarung bleibt der Ansatz in Bezug auf Personen, die in das Konfliktgebiet gereist sind, unverändert. Dies bedeutet, dass die Niederlande eine Rückführung nur von Fall zu Fall in Betracht ziehen werden. Während der wöchentlichen Unterrichtung durch den Premierminister erklärte Mark Rutte jedoch zum ersten Mal, dass sich seine persönlichen Ansichten ändern. Er ist der Ansicht, dass die Frauen, wenn sie nicht strafrechtlich verfolgt werden und schließlich zurückkehren, ein größeres Risiko für die Gesellschaft darstellen, als sie in die Niederlande zurückzuschicken.

Außerdem gibt es in den Niederlanden wie in vielen anderen Ländern des Zivilrechts keinen formellen Präzedenzfall, weshalb die Gerichte nicht an die Entscheidungen früherer Gerichte gebunden sind. Dies bedeutet nicht, dass ein Richter die Entscheidung eines anderen Richters in einem ähnlichen Fall nicht berücksichtigen würde. Die Situation in den Niederlanden ist ziemlich einzigartig, da eine Einstellung des Verfahrens endgültig ist und eine Person nicht erneut wegen derselben Straftat verfolgt werden kann. Bisher haben mindestens acht Frauen beim Gericht die Einstellung des Verfahrens beantragt, und es ist sehr wahrscheinlich, dass das Gericht eine ähnliche Entscheidung treffen wird wie im aktuellen Fall der fünf Frauen und von Ilham B.

Wie bereits wiederholt erklärt wurde, ist die Rückführung der Frauen und Kinder aus moralischer, rechtlicher und sicherheitspolitischer Sicht der einzige Weg. In Anbetracht des versuchten Ausbruchs von ISIS aus dem Gefängnis im Januar 2022, der sich verschlechternden Situation in den Lagern und der Tatsache, dass bereits fünfzehn Niederländerinnen geflohen sind, wird die Notwendigkeit der Rückführung immer dringlicher. Da viele weitere Frauen die Einstellung ihrer Verfahren beantragt haben, ist es an der Zeit, die Rückführungspolitik in den Niederlanden zu ändern, denn die unvermeidliche Alternative ist, dass die Gerichte beschließen, ihre Strafverfahren einzustellen. Die zuständigen Behörden in den Niederlanden, von der Staatsanwaltschaft über den Kinderschutzrat und die Nachrichtendienste bis hin zu den Gemeinden, sind auf den Umgang mit den Frauen und Kindern gut vorbereitet. Die Niederlande sollten darauf vertrauen, dass die zuständigen Behörden gegebenenfalls die Strafverfolgung sowie die Rehabilitation und Wiedereingliederung dieser Frauen und ihrer Kinder in die Gesellschaft übernehmen.

Den Haag, 3. April 2022

Eine Rose für all die Todesopfer

Meine Gedanken zum 11. September 2001 und was dieser Tag brachte.

Autorin Nila Khalil

Dieser Tag bleibt vielen Menschen in Erinnerung, da dieser Tag einer der schwärzesten Tage in unserer Geschichte der Neuzeit ist.
Viele Menschen sind gestorben und noch mal so viele haben ihre Angehörigen in wenigen Stunden verloren.
Es gab Telefonate aus einem Flugzeug, die schilderten, dass sie entführt werden.
Es gab Telefonate aus Büros, die die verzweifelte Lage schilderten.
Es gab Filme, die man einem Hollywood Film zuordnen könnte – aber nicht der Realität, als um 8.46 Uhr in New York City, an der Südwestspitze des Bezirks 
Downtown Manhattan, ein Flugzeug in den Nordturm (WTC 1) einschlug.
Etwa 1.300 Menschen in den Stockwerken oberhalb der Einschlagstelle war es unmöglich, zu fliehen. Das Flugzeug hatte alle Treppenhäuser und Aufzugsschächte im Nordturm durchtrennt. Schon wenige Minuten nach dem Crash stürzen sich erste Personen aus Verzweiflung in die Tiefe.

Um 9.03 Uhr flog das zweite Flugzeug im den Südturm des World Trade Center (WTC 2) und 56 Minuten stürzten Tausende Tonnen Stahl und Beton in nur 10 Sekunden ein. Zahlreiche Feuerwehrleute befanden sich zu diesem Zeitpunkt in den Treppenhäusern auf dem Weg nach oben. Über 600 Menschen im und um dieses Gebäude kamen beim diesem Einsturz ums Leben.
Am Ende haben fast 3.000 Menschen ihr Leben verloren; wofür?

Wem hat dieser Sinnlose Terroranschlag etwas genützt? Dem Islam? Einigen Verrückten, die im Namen von Allah die Ungläubigen dieser Welt bestraften wollten? Einem Land das die „Achse des Bösen“ suchte?

Was bleibt nach 9/11 ?

Schutt, Asche, Tod, Trauer und Wut – und diese nicht nur in den USA.
Die USA erklärten ihrem ehemaligen Agenten, Osama bin Laden, den Krieg.
Einen Krieg, der noch viel mehr Leid, Tod und Trauer brachte.
Die USA haben in Afghanistan als Vergeltung das hundertfache an Leid, Not, Zerstörung, Armut und Flucht gebracht, als ein Tag in New York.
7300 Tage habe wir bis jetzt in Afghanistan diese Vergeltung gespürt.
Seit 7.300 Tage erleben wir Leid, Kummer Not und Tod.

Ich wiege nicht die Todesopfer gegeneinander auf. Ich war schon mehrmals in New York am Ground Zero und weine jedesmal bei dem was ich dort sehe, da auch ich durch Terror meine Eltern verloren habe.
Ich frage nach dem Warum und dem Wieso. Auch ich will Antworten!

Meine Tochter versucht dies zu begreifen, wenn ich mit ihr in New York bin oder war. Zwar kennt sie die Bilder und Reportagen von diesem Tag, aber sie hat es nicht live gehört, bzw. gesehen.

Es gibt in Afghanistan kaum eine Familie die durch diesen Terroranschlag und die folgende Intervention der USA und ihre Alliierten Truppen keinen Vater, Mutter, Onkel, Tante oder Kind verloren haben.
Niemand spricht für diese Menschen. Niemand leutet eine Glocke. Niemand legt Rosen auf ein Grab.

Die Folgen der Intervention der USA nach dem 11. September 2001 für Afghanistan.

Bisher kamen rund 3.600 Koalitionssoldaten ums Leben, darunter 59 Soldaten der Bundeswehr und drei deutsche Polizisten. Die Vereinigten Staaten als größte Truppensteller haben mit etwa 68 % der insgesamt getöteten Soldaten der Koalition die höchsten Verluste zu verzeichnen. Die Anzahl gestorbener afghanischer Soldaten und Aufständischer ist unbekannt. Offizielle Angaben zu zivilen Opfern liegen nur unvollständig vor, Schätzungen sind sehr unterschiedlich:

Professor Marc Herold, von der University of New Hampshire, schätzte im Oktober 2003, dass 3.100 bis 3.600 Zivilisten bei US-Bombardierungen und Special forces attacks ums Leben kamen.

Ende Juli 2008 haben afghanische und internationale Hilfsorganisationen erklärt, dass bis zu diesem Zeitpunkt im Jahr 2008 bereits 2500 Menschen ums Leben gekommen seien, darunter 1000 Zivilisten, und dass für zwei Drittel der Opfer Terrorgruppen verantwortlich waren.

Im Juli 2010 veröffentlichten  „Afghan War Diary“ eine Liste von 2004 bis 2009, nach der es 24.155 Tote im Zusammenhang mit dem Krieg und Terror gab.

Im Jahr 2010 wurden laut einem von den Vereinten Nationen und der 
Afghanischen Menschenrechtskommission (AIHRC) herausgegebenen Jahresbericht 2.777 afghanische Zivilisten getötet.

Ein Großteil der zivilen Opfer wurde von Anschlägen der Taliban und der Miliz Gulbuddin Hekmatyārs  verursacht. (Ich hatte über deren Netzwerk 2018 berichtet.)

Terroranschlag auf eine Mädchenschule in der Provinz Lugar

Seit 2003 führten die Taliban Krieg gegen Afghanistan sowie gegen die ISAF Truppen. Dabei richteten sich ungefähr 50 Anschlägen pro Tag gezielt gegen die afghanische Zivilbevölkerung.

Im Jahr 2009 war die Taliban nach Angaben der Vereinten Nationen für über 76 Prozent der Opfer der afghanischen Zivilisten verantwortlich. Die AIHRC nannte die gezielten Anschläge der Taliban gegen die Zivilbevölkerung ein „Kriegsverbrechen“. Religiöse Führer verurteilten die Anschläge der Taliban als Verstoß gegen die islamische Ethik.

Im Jahr 2011 berechnete die 
Unterstützungsmission der Vereinten Nationen in Afghanistan (UNAMA), bei der ich bis September 2020 im Vorstand war, 3.021 zivile Opfer. 77 Prozent waren Opfer von dem Terror der Taliban. 14 Prozent starben bei Operationen der NATO und der afghanischen Armee. Bei 8 Prozent war keine Zuordnung möglich. 967 Zivilisten kamen durch Sprengfallen (IED’s) von Terrorgruppen ums Leben, 450 bei Selbstmordanschlägen, 187 bei Luftangriffen und 63 bei nächtlichen Angriffen. Seitdem haben sich die Opferzahlen merklich erhöht.

– im Jahr 2009 starben 5.969 Menschen
– im Jahr 2010 kamen 7.162 Menschen ums Leben.
–  2011 lag die Zahl bei 7.842 Todesopfer.
–  2012: 7.590
–  2013: 8.638
–  2014: 10.535
–  2015: 11.034
–  2016 gibt die UNAMA die Zahl der zivilen Opfer mit 11.418 an (3.498 Todesopfer, 7.920 Verletzte)
– 2017 starben 3.442 Menschen und 7.019 wurden verletzt
– 2018 haben 3.803 Menschen ihr Leben verloren
– 2019 gab es 3.409 Todesopfer
– 2020 waren es 3.035 Tote und 5.785 Verletzte
– in den letzten 8 Monate haben bereits 1.659 Menschen ihr Leben verloren – Tendenz steigend.

Bei den US-Streitkräften, dem mit Abstand größten Truppensteller in Afghanistan, gab es bis einschließlich September 2012 eine Verwundetenzahl von 17.674 Soldaten. Davon waren 12.309 Verwundete Angehörige der US Army, 4.630 Angehörige der Marines, 396 solche der Air Force und 339 solche der Navy.

2010 haben 711 Soldatinnen und Soldaten ihr Leben verloren.
2013 waren es 161 Todesopfer und 2014 noch 66.

Nach einem Quartalsbericht des Special Inspector General for Afghanistan Reconstruction (SIGAR) der US-Regierung für den US-Kongress sind im Krieg in Afghanistan allein von Januar bis zum 28. August 2016 insgesamt 5.523 afghanische Soldaten getötet und 9.665 Soldaten verwundet worden. Zudem kontrollierte der Staat nur 258 von 407 Bezirken. 33  Provinzen waren zu dieser Zeit unter der  Kontrolle oder Einfluss der Taliban.

In Pakistan verloren in diesen Krieg und Terror bis Ende 2020 insgesamt 70.000 Staatsangehörige ihr Leben.
Die pakistanischen Stammesgebiete, die an Afghanistan grenzen, wurden nach  Aussagen des pakistanischen Premiers Imran Khan, verwüstet und die Hälfte der Menschen in diesen Gebieten, etwa 1,5 Millionen Pakistani, sind auf der Flucht.

Mittlerweile gibt es in Afghanistan eineinhalb Millionen Menschen Binnenflüchtlinge. Sie versuchen dem Terror, Hunger und Bomben zu entkommen. Es gibt kein Ort, der sicher ist. Durch viele Überschwemmungen und Hitzewellen haben zweieinhalb Millionen Menschen ihre Existenz verloren. Dreiviertel der Kinder bis 12 Jahre haben Mangelernährung. 46% der Erwachsene leiden unter den Folgen von Unterernährung. Das Gesundheitssystem steht vor dem Kollaps und der alltägliche Terror durch Al-Qaida, IS oder Taliban haben viele Gesundheits Centren zerstört.
Arbeit gibt es seit Jahren kaum noch. Tagelöhner versuchen irgendwie ihre Familien zu ernähren. Kinder müssen für ein paar Afghanis arbeiten, damit die Familie Mehl und Öl kaufen kann.

All diese Folgen haben wir ein paar dumme Menschen zu verdanken, die ihren Dschihad gegen die westliche Welt führen zu wollen. Die Verlieren sind die Menschen in der muslimischen Welt.

Nila Khalil, Vojens Sogn, 14. September 2021

Mit Mama zu Besuch an ihrer ehemaligen Schule.

Mit Mama zu Besuch an ihrer ehemaligen Schule.

Von Amira Khalil

Meine Mama hat seit Jahren ein Freundschaftliches Verhältnis zu ihrem früheren Klassenlehrer von der Realschule an der sie ab 1991 war. Herr Dellinger, der ehemalige Klassenlehrer von Mama, wollte unbedingt, dass sie an die Schule kommt und ein Referat über Menschenrechte hält. Herr Dellinger ist seit einigen Jahren in Pension, hat aber noch engen Kontakt zur Schule, da es einige Projekte und Projektwochen gibt, die er vor Jahren mit aufgebaut hatte: Kinder der Welt, ist eines seiner Projekte.

Die Projekte an der Schule finde ich sehr interessant. So zum Beispiel: Prävention in Medien und Gewalt.
Auch gibt es einen Jugend Auslands Berater für ein FSJ, Schulaufenthalte, Workshops oder Au-pair Angebote von der Schule. An der Schule werden 632 Schüler aus 31 Nationen unterrichtet.

Nun bin ich das erste Mal dabei und erlebe wie nach 24 Jahren immer noch der Name Nila Khalil an der Schule präsent ist. Im Lehrerzimmer ist eine Stimmung zwischen Respekt, Hochachtung und Schock über den Lebenslauf von Mama. Herr Dellinger hatte im Vorfeld schon einiges den Lehrer und Lehrerinnen über Mama erzählt – denn nicht jeder Lehrer kennt sie noch als Schülerin von dieser Schule.
Die Konrektorin, Frau Tokic, las am Vortag den Lebenslauf von Mama und wollte statt der Menschenrechte doch lieber diesen von Mama den Schüler und Schülerinnen vorstellen.


„Ihr lernt für euch. Macht etwas daraus.“

Nach der ersten Pause trafen sich alle Klassen mit ihren Lehrer in der Schulaula. Mama und ich wurden von der Rektorin, Frau Albrecht, vorgestellt und Mama erzählte ihren Lebenslauf: Als 10-jähriges Mädchen aus Afghanistan geflohen und in Deutschland eine Heimat gefunden. Die 14 Jahre, die sie in Deutschland gelebt hatte und ihre Arbeit und Engagement seit 2005 in Afghanistan.
Je länger Mama sprach um so ruhiger wurde es in der Aula.
Da stand eine Frau auf der kleinen Bühne und erzählte in einer ruhigen Stimme ihre Lebensgeschichte und auch die Chancen die ihr in Deutschland geboten wurde. Wenn ich in die Runde der Zuhörer schaute, sah ich viele Schüler und Schülerinnen mit dem Kopf nicken.
„Ihr lernt für euch. Macht etwas daraus.“ Waren die letzten Worte von Mama nach ihrer Rede von circa einer dreiviertelstunde.

Herr Dellinger und Frau Albrecht meinten, ich sollte auch noch etwas sagen – war mir doch etwas peinlich. Also erzählte ich kurz mein Leben von 1995 bis 2007 – und das danach. Wie ich begriff, welche Chancen ich durch Nila bekommen hatte und dies durch Willen und Unterstützung auch soweit recht erfolgreich geschafft habe. Ich erzählte noch von meiner Arbeit in den Niederlanden und wie wir dort mit den Kinder und Jugendlichen lernen.

Auch wenn an der Schule Schülerinnen und Schüler aus 31 Nationen unterrichtet werden, sind es gerade 15 Schülerinnen und Schüler die eine Flucht aus Syrien, Kurdistan und Afghanistan erlebt haben. Zwei Mädchen: Die 12-jährige Alia aus Syrien, die 14-jährige Kira aus Kurdistan und der gleichaltrige Karin aus Afghanistan, stellten sich ihren Mitschüler und Mitschülerinnen vor. Sie erzählten über ihre Erlebnisse der Flucht. Kopfschütteln, Fassungslosigkeit und Entsetzen sah ich den Mitschülern und Zuhörerinnen an.

Es klingelte zur großen Pause und nicht so wie sonst, stürmten die Schülerinnen und Schüler raus auf den Pausenhof. Es war ein ruhiges und oft schweigsames aufstehen oder gehen, es hatte ja nicht jeder Schüler einen Sitzplatz in der Aula.
Eigentlich waren nur zwei Doppelstunden für das Referat von Mama eingeplant. Die Rektorin, Frau Albrecht und Konrektorin, Frau Tokic beschlossen noch vor der Pause, dass es danach in diesem Thema weiter gehen sollte.

Im Lehrerzimmer wurde ich von Frau Munz, Frau Blessing und Herr Pollak über meine Arbeit in Den Haag ganz schön gelöchert und ich sah, dass sie immer wieder voller Stolz zu Nila schauten, die mit einer Tasse Kaffee bei ihrem ehemaligen Lehrer und zwei anderen Lehrerinnen saß.

Die vielen Schwierigkeiten von Flüchtlingskinder

Nach der Pause sprach Kira, sie kommt aus Kurdistan, von den Zuständen des Krieges und Terror in ihrer Heimat. Ihre Geschichte war 1:1 derer Kinder und Jugendlichen in unserer Einrichtung in Den Haag. Ich sah bei vielen Schülerinnen und Schüler Tränen in den Augen.
Karim, er kommt aus Afghanistan und ist seit zwei Jahren in Deutschland, und auch er wollte noch auf seine Geschichte eingehen, da er aber Angst hatte, nicht die richtigen deutsche Wörter zu finden, sprach er auf deutsch – paschto und Mama übersetzte die Wörter oder Sätze von ihm auf deutsch (Schwäbisch).

Es begann eine Gesprächsrunde die Anfänglich sehr zögerlich mit lapidaren Fragen der Mitschülerinnen und Mitschüler begann. Ich glaube es war ihnen unangenehm ihre drei Mitschüler, mich oder Mama direkt anzusprechen. So fragte Mama ganz offen heraus, welche Schwierigkeiten Karim beim lernen der Deutschen Sprache hat. Wie zu erwarten war es das Genitiv und Akkusativ. Ja, dies kenne ich nur all zu gut und musste bei den Antworten von Karim doch sehr grinsen. Es ist mit dem Maskulinum, Feminininum und Neutrum auch nicht so einfach. Hinzukommt die unterschiedliche Schriftform in den Sprachen. Das paschtunische Alphabet umfasst je nach Zählweise 40 bis 44 Buchstaben und basiert auf dem persischen Alphabet, welches wiederum eine modifizierte Form des arabischen Alphabets ist. In paschto – oder arabisch, wird von rechts nach links geschrieben. In der deutschen, englischen oder französischen Sprache wird von links nach rechts geschrieben.
Es sind sind solche Kleinigkeiten die viele Mitschülerinnen und Schüler gar nicht sehen – geschweige wissen.
Jedenfalls merkten die Mitschüler, dass Karim nicht dumm ist, er kann diese Grammatik nicht kennen und oft nicht verstehen. Meine Mutter bestätigte dies, dass auch dies für sie damals sehr schwer war.

Jedenfalls kamen auf einmal die Fragen viel schneller und zum Teil auch persönlicher. Das Interesse an den „Anderen“ wurde größer und so stellte sich in dieser Gesprächsrunde heraus, dass es
oft ganz banale Dinge waren, die die Mitschülerinnen und Schüler von Kindesbeinen her kennen, für Flüchtlingskinder oft schon eine Herausforderung  sind.

Als ich und Mama merkten, dass einige Fragen an Alia, Kira und Karim doch sehr persönlich wurden, und wir die drei auch nicht kompromittieren wollten, antwortete ich und erzählte von den Alpträumen der Kinder und Jugendlichen in unserer Einrichtung in Den Haag.
Wieder wurde es sehr ruhig in der Aula und die Mitschülerinnen und Mitschüler begriffen, dass Bilder von Krieg im Fernsehen etwas anders sind, als es selbst erlebt zu haben.

Mein Resümee

Ich möchte jetzt zum Schluss kommen und ein kleines Resümee ziehen.
Wenn Menschen begreifen, was andere erlebt haben, und darüber gesprochen wird, sehen sehr viele die „Ausländer“ auf einmal mit anderen Augen.
Die drei Stunden hatten am Ende das gleiche Resultat gezeigt, wie meine „Het huidige kerstverhaal“ ( Die Weihnachtsgeschichte der Gegenwart), die wir im Dezember 2019 mit sehr großem Erfolg noch dreimal im Januar aufgeführt hatten. Es gab Gespräche um Vorurteile abzubauen und es gab die Möglichkeiten direkte Fragen zu stellen um ein Verständnis des „Anderen“ zu bekommen.
Nur so kann Integration gelingen und Fremdenhass abgebaut werden.

Amira Khalil, Stuttgart 28. Februar 2020

Refugees not welcome

Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium, Wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum. Deine Zauber binden wieder, Was die Mode streng geteilt, Alle Menschen werden Brüder, Wo dein sanfter Flügel weilt.

Hilf dir selbst, sonst hilft dir niemand

Refugees Welcome – aber bitte mit deutsch Kenntnissen, Steuerbescheid, einem Job und einer Wohnung.

Autorin Nila Khalil

Wir helfen gerne, denn Deutschland ist das Sozialamt der Welt.
So?
Nun berichte ich aus der Sicht von einem Flüchtlingskind, welches vor 32 Jahren in das Sozialamt Deutschland kam.

Stuttgart wurde im Herbst 1990 meine Heimat. Bei einer Tante und Onkel, die ich bis zu jenem Tag nur vom Namen her kannte, wurde ich aufgenommen.
1990 war es mit der Einreise von Flüchtlingen noch etwas einfacher als heute – wenn auch schon damals kompliziert. Die Verwandten, die auch Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre aus Afghanistan nach Deutschland geflohen waren, wollten mich zu einer anderen Familie nach Oberhausen bringen. Nach deren Meinung sei Mila und Milad mit ihren Anfang 30 zu jung für mich. Jahre später erfuhr ich von meinen „Eltern“ wie sehr sie um mich gekämpft hatten. Mila hatte damals wie eine Löwin um mich gekämpft und auch über zwei Jahre den Kontakt zu den übrigen Verwandten in Deutschland abgebrochen.

Als Mila und Milad Faani Anfang 1980 nach Deutschland kamen, hatten sie Unterstützung von anderen Verwandten bekommen, denn von Deutschland war nicht viel zu erwarten gewesen.
Ab 1981 haben beide bei Mercedes-Benz gearbeitet. Milad zuerst am Fließband, dann Meister für Werkzeugbau. Mila hatte durch ihr BWL Studium bei Mercedes-Benz in der Verwaltung gearbeitet. Also alles gute und seriöse Jobs. Als ich ihre „Tochter“ wurde, fing die lauferei mit den Ämter und Behörden an. Einkommens- und Wohnraumnachweis, Führungszeugnisse, deutsch Kenntnisse und und und. Ich wurde bei dem Jugendamt regelrecht vorgeführt, wie meine sprachlichen Kenntnisse seien. Wie sollten diese als 10-jähriges Mädchen, dass erst seit vier Wochen in Deutschland war schon sein?

Mila und Milad kümmerten sich in den ersten Wochen um so ziemlich alles, was meine Zukunft in Deutschland betraf. Aus der Nachbarschaft wurde ich von einer pensionierten Lehrerin zu Hause unterrichtet. Das Jugendamt bestand auf die geltende Schulpflicht in Deutschland. Mila lehnte dies kategorisch ab, denn wie sollte ich dem Unterricht in einer Grundschule der 4. Klasse folgen, wenn ich die Sprache nicht konnte? Mit Liselotte, der pensionierten Lehrerin, wurde vereinbart, dass man dem Jugendamt – oder mir, bis zum Frühjahr 1991 Zeit lassen würde, um dann zu entscheiden, wie es mit mir schulisch weitergehen würde.
Im Frühjahr 1991 musste ich einen Eignungstest machen und konnte auf eine Realschule gehen.
Die erste Hürde war genommen.

Als ich ungefähr 14 Jahre alt war, bekamen meine Eltern einen Brief von der Ausländerbehörde, dass ich kein Asyl in Deutschland mehr hätte und Abgeschoben werden sollte. Anerkannte Flüchtlinge bekommen eine Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre. Wenn sich die Situation im Heimatland nicht ändert, wird die Aufenthaltserlaubnis anschließend um weitere drei Jahre verlängert.
Mein Klassenlehrer hatte sich mit der Schulleitung und meinen Eltern gegen diesen Beschluss gestellt und mit Hilfe von einem Anwalt konnte die Abschiebung ausgesetzt werden. Meine Eltern und Klassenlehrer hatten zumindest bei den Behörden eine Aufenthaltsduldung erreicht.

Wie man als Jugendliche mit einer solchen Entscheidungen umgeht, kann man schwer beschreiben. Die Angst irgendwann aus der Schule abgeführt zu werden ließ mich nicht mehr los. Wenn es zu Hause klingelte, hatte ich Angst, die Polizei steht vor der Tür um mich mitzunehmen. Wenn Abends ein Auto vor dem Haus anhielt, bekam ich Angst. Wenn ich auf dem Schulweg ein Polizeiauto sah, fing ich an zu zitieren. Selbst wenn ich mit Freundinnen in der Innenstadt von Stuttgart unterwegs war und einen Polizisten sah, blieb ich stehen und ging in eine andere Richtung oder in ein Geschäft.

Sozialamt Deutschland, dies ist psychische Folter an einem Kind und auch bei den Angehörigen!
In Deutschland steht jedem Kind Kindergeld zu – sollte man meinen. Da mein Aufenthalt in Deutschland nicht „ordnungsgemäß zugeordnet werden könne“, bekamen meine Eltern noch nicht einmal Kindergeld für mich. Auch bei den Schulbücher gab es keine Unterstützung.

In den nächsten drei Jahren hatten meine Eltern alles nur erdenkliche unternommen, dass ich die Niederlassungserlaubnis
bekomme. Meine Eltern hatten diese einige Jahre vorher beantragt und auch genehmigt bekommen.
Milad wollte unbedingt ein eigenes Haus haben. Dies ist auf einer Bank kaum zu finanzieren, wenn man nicht „ordnungsgemäß zugeordnet werden könne.“ Selbst bei der Pacht für einen Schrebergarten ist es ohne deutschen Pass (Niederlassungserlaubnis) mitunter schwierig.
Ausländer, Flüchtlinge oder Migranten, die einen guten Job haben, sich vollkommen integriert haben (Anm. meine Eltern sind vermutlich schwäbischer als ein ganzer Straßenzug in Stuttgart) und bei allen Nachbarn sehr beliebt sind, und man bekommt von Deutschland kaum eine Anerkennung oder Schrebergarten.

Da meine Leiblichen Eltern in Afghanistan lebten und ich / wir auch Kontakt zu ihnen hatten, konnte ich von Mila und Milad auch nicht Adoptiert werden. Auch wenn ich ihnen für mein Leben ab 1990 alles zu verdanken habe.

Volljährig Deutsch

Als ich 18 Jahre wurde, bekam ich vom Amt die Bestätigung, dass ich einen deutschen Pass beantragen könne. Dies machte ich auch umgehend, denn ich wollte die Angst einer Abschiebung endlich aus dem Kopf haben.
Mit fast 19 Jahren wurde mir dann in einem Brief mitgeteilt, dass ich nun eine Mitbürgerin der Bundesrepublik Deutschland sei. Mit meinem deutschen Pass und Unbefristeten Aufenthalt in der Bundesrepublik Deutschland, konnte ich für die restliche Zeit meiner Ausbildung Kindergeld beantragen – es waren nur noch fünf Monate.

Ich habe in den 14 Jahren, die ich in Deutschland lebte, bis auf die Möglichkeit eines Schulbesuchs und meine Ausbildung als Bürokauffrau, keine nennenswerte Unterstützung von Deutschland bekommen. Hätte ich damals nicht die private Unterstützung von Liselotte und Mila bekommen, würde ich wohl heute noch auf einen Sprachkurs warten.

Hilf dir selbst, sonst hilft dir niemand

Refugees Welcome – aber sieh zu, wie du zurecht kommst.
Es stimmt, dass man in Deutschland Asyl bekommen kann, denn jeder, der vor Verfolgung oder ernsthaftem Schaden aus seinem Herkunftsland flieht, hat das Recht, einen Antrag auf internationalen Schutz zu stellen. Asyl ist ein Grundrecht und es ist eine internationale Verpflichtung der Vertragsstaaten des Genfer Abkommens über die Rechtsstellung der Flüchtlinge von 1951 – zu denen auch die Mitgliedstaaten der EU gehören.
Mit der Richtlinie 2011/95/EU, den sogenannten subsidiären Schutz, erhalten Personen denen im Rahmen des Asylverfahrens weder der Flüchtlingsschutz noch die Asylberechtigung zuerkannt wurde oder wird, denen im Herkunftsland aber ein ernsthafter Schaden droht, z.B. durch einen Krieg oder Bürgerkrieg. Wie Behörden in Deutschland auf die Idee gekommen sind, dass zum Beispiel Afghanistan ein sicherer Herkunftsland sei, hat sich mir bis dato noch nicht erklärt.

Migranten die einen Asylantrag in Deutschland gestellt haben, stehen vor einem Berg an Bürokratie, die kaum zu fassen ist. Zum nächsten gibt es von staatlicher Seite kaum Unterstützung durch Sprachkurse oder Integrationsprogramme. Wenn private oder kirchliche Einrichtungen nicht wären, würden Millionen Migranten kein deutsch sprechen, hätten keine Arbeit und noch nicht einmal ein Dach über dem Kopf.
Es ist Lobenswert, dass man als Aslysteller_in in einer Turnhalle schlafen kann oder in Gefängnisartigen Lager untergebracht ist. Dies ist aber nicht zielführend und zudem Menschenverachtend. Jene allgemeine Asylantragsteller_in findet sich damit ab, denn sie oder er hoffen auf bessere Zeiten.
Man wird von dem einen Bundesland in das nächste verfrachtet oder in dem Bundesland von A über B nach C geschafft. Da spielt es keine Rolle ob man in der Schule, Ausbildung oder Beruf steht.

Wie soll man sich integrieren, wenn man mit einer Horde unterschiedlichster Kulturen und Menschen in einem Lager ist, welches wohlwollend in einem Industriegebiet, ehemalige Kaserne oder abseits einer Ortschaft oder Stadt befindet? Spannungen entstehen automatisch, denn zum einen haben die Menschen keine Aufgaben und Angebote und zum anderen sind sie der Willkür von unterbezahlten Security Leuten und überlastenden Mitarbeiter von Behörden ausgeliefert.

Flüchtlinge im Jahr 2015

Die Flüchtlingswelle

Der Sommer 2015 ist vielen noch in Erinnerung, als sehr viele Flüchtlinge aus Syrien sich auf den Weg nach Europa machten. Es begann als Flüchtlingsstrom, wurde dann eine Welle und endete als Flut.
Man beachte die Steigerung dieser Flucht von Menschen von dem Krieg in Syrien. Ich kann mich nicht erinnern, dass mit der Vertreibung oder Ende des zweiten Weltkriegs der Begriff Flüchtlingsflut genannt wurde.
Im Sommer 2015 war ich in Deutschland  auf Urlaub bei meinen Eltern und erlebt wie Landsleute aus Afghanistan mit ein paar Plastiktüten und völlig erschöpft in Notunterkünfte ankamen. Ich erlebte Menschen die helfen wollten, aber auch an ihre Grenzen kamen und Menschen die in einer überheblichen Arroganz agierten, als ob diese das Rad erfunden hätten.

Mit oftmals völlige Ohnmacht stand man den Flüchtlingen gegenüber. Ob nun im medizinischen Bereich oder bei der Bewältigung von einfachsten hygienischen Mitteln. Wenn hunderte oder gar tausende Menschen in eine Notdürftig hergerichtete Unterkunft kommen, sollte zumindest eine Infrastruktur stehen. In welchem Zustand Duschen und Toiletten bei einem solchen Andrang waren, kann sich wohl jeder vorstellen. Warum hatte damals die Regierung nicht den Katastrophenschutz, THW oder Bundeswehr von Anfang an mit ins Boot genommen?

Deutschland im Herbst 2018

Da ich meine Urlaube in Deutschland schon früh genug meinen Eltern und Freunden mitteilte, bekam ich im Vorfeld schon einige Mails, mit Bitte zur Kenntnisnahme oder ob und wie weit ich etwas erreichen könnte.
Eine Mail von Yvonne Dellinger, der Tocher meines ehemaligen Klassenlehrer, beschäftigte mich einige Tage.
Eine junge afghanin sei seit drei Jahren in Deutschland in einer mittelhessischen Stadt und sollte trotz psychischen Trauma abgeschoben werden.
Ich rief Yvonne an und fragte nach dem Aufenthaltsort der jungen Frau und ob sie etwas genaueres über deren Traumata wisse. In Afghanistan und auf der Flucht wäre sie mehrfach Vergewaltigung worden und nach ihrer Einreise in Deutschland hätte man sie in einer psychiatrischen Klinik untergebracht.
Nach zig Telefonaten und mehreren Mails, war die Stellvertretende Ärztliche Direktorin der Psychiatrie bereit, im Rahmen der ärztlichen Schweigepflicht, mit mir zu reden.
Was mir erzählt wurde, kannte ich von weit über eintausend Fälle in gleicher oder ähnlicher Form aus Afghanistan. Die Ärzte in Deutschland konnten durch die Sprachbarriere jener Frau kaum helfen, was auch irgendwo völlig verständlich ist. Auch die Gespräche mit einer Dolmetscherin brachten nicht den gewünschten Erfolg, denn es macht kaum Sinn, wenn die Therapie ständig durch nachfragen von dritten unterbrochen wird. Dieses Problem der Traumabewältigung gilt im Übrigen für fast alle Länder. Es sei denn, man hat das große Glück, eine Ärztin/Arzt oder Therapeut_in aus dem gleichen Land zu treffen. Jedenfalls vereinbarte ich mit der Stellvertretenden Direktorin einen Termin für in sieben Wochen.

Mit meinen drei Leiterinnen der Psychologischen Abteilung in Afghanistan besprach ich den Fall von jener jungen Frau und welche Möglichkeiten sie sehen würden. Eine Rückführung über unsere Stiftung wäre die letzte Option und dies wollte ich auch nicht.

Gefangen in Deutschland

Drei Tage nach meiner Ankunft in Deutschland, fuhr ich die 300 Kilometer zu jener Klinik in Mittelhessen, um evtl der jungen Frau irgendwie helfen zu können.
Durch die vielen Gespräche und Mails mit der Stellvertretenden Direktorin, Dr. Linden, hatte sie einen sehr guten Einblick zu meiner Person und Arbeit. Ich bin keine ausgebildete Psychologin, kann aber einige Qualifikationen und eben sehr viele Erfahrungsberichte nachweisen. So kannte ich die psychologischen Gutachten jener Frau und musste bei dem Treffen nicht von Null anfangen. Auch hatte ich in den vergangenen Wochen öfters mit der jungen Frau via Skype reden können. Sie sah einen Hoffnungsschimmer für sich und ihre Situation, wenn wir uns endlich persönlich treffen.
Noch in Afghanistan nahm ich auch Kontakt zu meiner Freundin und Kollegin in den Niederlanden auf. Marpe de Joost ist promovierte Psychologin und leitete mit ihrem Vater eine Kinder- und Jugendeinrichtung für Flüchtlingskinder. In der Einrichtung sind auch Mitarbeiterinnen die paschtu können. Mein Gedanke war, dass ich jene junge Frau in die Niederlande zu eben jener Einrichtung bringen möchte. Was in einem laufenden Asylverfahren auch nicht ganz einfach ist. Meine juristische Fachabteilung in Afghanistan hatte sich aber schon darum gekümmert, somit war den Behörden in Deutschland und den Niederlanden dieser Fall bekannt.

In der Klinik traf ich jene Frau aus Afghanistan in einem schönen, mit Blumen und Bilder dekorierten Raum. Ich stellte mir Psychiatriesche Kliniken immer als kahle und kalte Gebäude vor.
Vor mir saß eine 25-jährige Frau, die zum einen schwerste Traumata durch den alltäglichen Terror in Afghanistan, mehrere Vergewaltigungen und auch Suizidversuche hinter sich hatte. Ein gebrochener Mensch, der nur in Frieden leben wollte, wurde zu einem seelischen Wrack.
Nach mehreren Stunden des zuhörens von einem menschlichen Alptraum, sprach ich mit einer Oberärztin und der Stellvertretenden Direktorin über die Erlebnisse jener Frau. Einiges war ihnen durch eine Dolmetscherin bekannt. Da die Dolmetscherin zwar aus Afghanistan kam, aber dari, also die andere offizielle Sprache des Landes sprach, konnte sie nicht alles 1:1 übersetzten oder wiedergeben.
In der Klinik war eine schwerst traumatisiert Frau, der man helfen wollte – aber es gar nicht konnte.
Da nach dem deutschen Strafgesetzbuch nach § 177: Sexueller Übergriff; sexuelle Nötigung; Vergewaltigung, zwar bei dieser Frau vorlag, diese aber nicht in der Bundesrepublik Deutschland stattgefunden hatten, kann ein solches Verbrechen an der Frau auch nicht von einer Staatsanwaltschaft angeklagt werden.

Noch am gleichen Abend schrieb ich meine Einschätzung zu jener Frau und bat das Hessische Ministerium für Soziales und Integration für einen sogenannten
Konventionspass. Dieser ist ein Passersatz, der an Flüchtlinge im Sinne der Genfer Flüchtlingskonvention ausgestellt wird. Ich wollte der jungen Frau helfen und dafür müsste sie aber in die Niederlande.

Am Ende der Woche hatte ich eine Zusage aus Wiesbaden bekommen, dass mein Gesuch für jene Frau als positiv gewährt wurde und man meinem Antrag auch stattgeben würde – es macht schon einen Unterschied, wer ein Schreiben für Asylsuchende unterschreibt.
Mir ist durchaus bewusst, dass es tausend, ja sogar Hunderttausende solcher Fälle in Europa gibt, und diese Menschen sehr oft ohne Hilfe solche Traumata mit sich selbst ausmachen müssen, weil es an geschulten Personal oder Hilfsprogramme fehlt. Auch ist die sehr komplizierte Gesetzgebung in Europa mit verantwortlich.

Der europäische Irrsinn für Asylsuchende

In den 90er-Jahren hat die Europäische Union begonnen, eine eigene Politik und Instrumente zu entwickeln, um auf die globalen Herausforderungen der Migration eine europäische Lösung zu haben. Das Ziel war die Errichtung eines gemeinsamen Europäischen Asylsystems, auch GEAS genannt. Im Rahmen dieses Projektes hat die EU in den letzten Jahren eine Reihe von Richtlinien und Verordnungen verabschiedet, die zu einer schrittweisen Harmonisierung und Vereinheitlichung der nationalen Asyl- und Migrationspolitik führen sollte.
Die sogenannte Flüchtlingskrise hat seit 2015 die Schwächen des Systems sichtbar werden lassen und die Zahl der Reformvorschläge rapide ansteigen lassen. Gleichzeitig sind aber im Zuge dieser Krise tiefe Gräben und Konflikte zwischen einzelnen EU-Staaten entstanden, welche in Folge sogar gegen geltende Menschenrechtsbestimmungen verstoßen haben.

Der bulgarische Politologe Ivan Jotov Krastev beschreibt die bis heute spürbaren Folgen des Zerwürfnisses in seinem Buch Europadämmerung: ein Essay, aus dem 2017, als „bittere Spaltung der Europäischen Union und eine Wiederbelebung der Ost-West-Spaltung, die 1989 überwunden wurde“.

Das Dublin Übereinkommen aus dem Jahr 1990, sollte eigentlich einen Schritt in die Europäisierung  der ursprünglich rein national organisierten Asylpolitik sein. Mit diesem Übereinkommen wurde festgelegt welcher europäische Staat für die Bearbeitung eines Asylantrags zuständig ist. Damit sollte sichergestellt werden, dass Geflüchtete, die Schutz suchen und in einem EU-Land zum ersten Mal europäischen Boden erreichen, die Garantie haben, dass ein EU-Staat die Verantwortung für das Asyl-Verfahren übernimmt.
Mit dem Schengen-Abkommen von 1985 sind in Europa Schrittweise die Grenzen und somit auch die Grenzkontrollen gefallen. Somit ist eine nationale Zurückweisung von einzeln Staaten an den europäischen Außengrenzen nicht so ganz einfach. Flüchtlinge welche die griechisch-türkische Grenze überschreiten und auf griechischen Staatsgebiet um Asyl bitten, werden zwar zunächst von den örtlichen Behörden versorgt – da sie aber mit ihrem Grenzübertritt den europäischen Schengen-Raum betreten haben, erledigen die griechischen Grenzbeamten diese Anträge im Auftrag der gesamten EU. Europa ist das Ziel der Flüchtlingen, die vor Terror und Krieg aus ihren Heimatstaaten fliehen und in Europa Schutz suchen – und nicht Griechenland. Das gilt auch für die Menschen, die über das Mittelmeer fliehen und dann in Italien oder Malta ankommen. Jene Staaten sind alleine durch ihr BIP gar nicht in der Lage, die Flüchtlinge aufzunehmen.

Die kosmopolitische Solidarität

Mit der Schaffung der Grenzschutzbehörde Frontex und EASO (European Asylum Support Office) wurden weitere Hindernisse für Flüchtlinge geschaffen.
Frontex steht seit Jahren in der Kritik  dass es bei Operationen im Mittelmeer zu illegalen Zurückweisungen von Flüchtlingen kommt und dass es eine Zusammenarbeit zwischen Frontex und der libyschen Küstenwache gibt.

In der europäische Politik taucht immer wieder mal der Begriff: Festung Europa, auf. Lara Möller und Julian Bruns vom mosaik-blog.at, weisen darauf hin, dass der Begriff: Festung Europa, auf das NS-Regime zurückgeht: „Wenigen ist bei der ‚Festung Europa‘ wohl bewusst, dass es sich um einen NS-Begriff handelt. In diesem Sinne war er eine Metapher, welche zu Beginn des Zweiten Weltkriegs für die ‚Stärke gegen die Alliierten‘ stand. Hitler erklärte die von den Nazis besetzten Gebiete Europas zur ‚Festung‘, welche gegen die Invasion der Alliierten zu verteidigen sei.“

Die promovierte Politikwissenschaftlerin Annegret Bendiek schreibt in ihrem Buch: Europa verteidigen: „Die Flüchtlingskrise habe nur allzu deutlich vor Augen geführt, dass es kaum Solidarität zwischen den Mitgliedstaaten der EU gibt. Seit September 2015 haben Länder der Union wie Ungarn, Slowenien, Österreich und Kroatien nach eigenem Ermessen auf die Flüchtlingsströme reagiert, überwiegend ohne sich mit betroffenen Nachbarstaaten abzusprechen. Sie schlossen ihre Grenzen teilweise oder ganz und verlagerten das Problem damit auf ihren nächsten südostwärts gelegenen Nachbarn.“

In ihren Buch weiß Bendiek darauf hin, dass es neben einer „nationalistischen“ und „europäischen“ Perspektive von Solidarität auch eine „kosmopolitische Solidarität“ gebe. Eine kosmopolitische Konzeption weist „jede unterschiedliche Behandlung von Menschen zurück, die mit Kriterien wie Nationalität begründet wird.“ Solidarität in diesem Sinne heißt, dass die EU-Mitgliedstaaten eng mit dem UNHCR zusammenarbeiten.

Den Großbrand im Lage Moria auf der Insel Lesbos, im September 2020, haben wir alle noch vor Augen. Es wurde mit einem Schlag die katastrophalen Zustände in diesem Lager bekamnt und man sah das völlige politische Versagen von Europa. Die Glaubwürdigkeit der europäischen
Wertegemeinschaft, die sich für Menschenrechte und ein humanititäres Flüchtlingsrecht einsetzt, stand bildlich in Flammen.

Kein Mensch flieht ohne Grund

Nila Khalil, Mitglied der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen in Genf, Den Haag, 13. März 2022

Quellen

– Annegret Bendiek: Europa verteidigen
Kohlhammer Verlag, 2018
ISBN 978-3-17-034845-5

– Ivan Krastev: Europadämmerung: ein Essay
Suhrkamp Verlag, 2017
ISBN 9783518127124

– mosaik-blog.at

Weiterführend zwei Artikel über die Probleme der Gesellschaft in der Europäischen Union

https://naike-juchem.com/2021/07/03/die-probleme-der-gesellschaft-in-der-europaeischen-union/

Die Probleme der Gesellschaft in der Europäischen Union

111 Jahre Weltfrauentag

111 Jahre Weltfrauentag

Vor genau 111 Jahren wurde der erste Weltfrauentag gefeiert. Nun, ich mag mir gerade vorstellen welch ausgelassene Stimmung auf den Straßen war, als Horden von Frauen für ihre Gleichberechtigung, Rechte und Anerkennung mit bunten Transparenten und Konfetti durch die Straßen zogen. Weg vom Herd – rein in die Gesellschaft. Gleiche Rechte wie Männer, gleiche Bezahlung wie Männer und gleiches Mitspracherecht in der Gestaltung von Demokratie.

Autorinnen Naike Juchem und Nila Khalil

Nun, es war offensichtlich nicht so, denn sonst würde weltweit nicht immer wieder auf eben jene Punkte hingewiesen werden.
Natürlich darf man in den letzten 111 Jahren die Erfolge für Frauen nicht vergessen, aber die negativen Tatsachen auf der anderen Seite der Waagschale sind um ein vielfaches höher.
Frauen erleiden weltweit heute noch Folter, Gängelungen, Gewalt und Vergewaltigung.  Dies sind nur drei von unzähligen Formen der Folter in China, Nordkorea, Syrien, Türkei, Iran, Afghanistan, Kongo, Ruanda, Sudan, Nigeria, Venezuela, Belarus….
Gewalt an Frauen passiert aber auch in Deutschland, Frankreich, Belgien, Niederlande, USA usw.

Natürlich ist dies eine andere Form der Gewalt – aber, Gewalt bleibt es so oder so!
Der Mann nimmt sich das Recht heraus, eine Frau als sein Besitz oder Lustobjekt anzusehen. Die Macht über das „schwache“ Geschlecht auszuüben bringt Genugtuung, Befriedigung und Orgasmus. Dieses Denken der Macht geht bis weit in die Antike zurück.

Doch zurück ins 21. Jahrhundert.
Frauen sind immer noch schlechter Bezahlt als Männer. Frauen gibt man öfter keine Vollwertigen Jobs. Frauen kämpfen für ihre Karriere um ein vielfaches mehr als Männer. Eine deutsche Partei hatte vor nicht all zu langer Zeit den Rückkehr zum Herd auf ihren Wahlplakten gefordert.  Das jene Partei sich im eine längst abgeschlossene Epoche zurücksehnt ist allgemein bekannt. Das jene Partei ein nicht gerade positives Bild von Frauen hat, zeigt doch schon deren Gedanken zurück zum Herd und Familie.

Frauen leisten in alle Kulturen und Religionen unglaubliches und es wird kaum wahrgenommen: Kinder bekommen und erziehen, Haushalt managen und noch den Beruf unterbringen. Frauen kämpfen immer noch für ihre Gleichberechtigung im Job. Frauen engagieren sich in der Gesellschaft, Kirche, Kultur und Politik. Frauen gestalten.

Frauen in der Religion

Frauen erfahren unsägliches Leid in und durch den „Glauben“ von Religionen. Natürlich wird sofort auf den Islam gezeigt. In der katholischen Kirche sind  Frauen heute noch weit von einer Gleichberechtigung entfernt.
Unter Berufung auf die kirchliche Tradition lehnen die römisch-katholische Kirche – die im Übrigen darauf verweist, dass der Priester bei der Heiligen Messe in persona Christi handele und daher männlich sein müsse und dass Frauen daher auch nicht die Homilie der Heiligen Messe halten könnten – die orthodoxe Kirche und die selbständig evangelisch-lutherische Kirche sowie die meisten evangelikalen Gemeinden die Frauenordination ab. Als wesentlicher Grund für die Ablehnung wird der fehlende Auftrag Jesu Christi genannt. Die katholische Kirche sehe sich daher und weder aus der Praxis Jesu noch aus der kirchlichen Tradition heraus ermächtigt, Frauen zum Priesteramt zuzulassen. Sie weist auch darauf hin, dass ihr der Grund, weshalb Jesus keine der Frauen, die ihm nachfolgten und dienten, zu Apostelinnen machte.

Die Taliban bestraft eine Frau. September 2021

Frauen im Isalm

Vor Gott gleichberechtigt, doch der Mann erbt mehr

Männer und Frauen sind vor Gott beide gleich und deshalb auch gleichberechtigt, sagt der Koran. Darin sind sich Islamwissenschaftler einig.

Doch weil Mann und Frau sich körperlich unterscheiden und deshalb verschiedene Stärken und Schwächen haben, hat Gott ihnen laut Koran unterschiedliche Aufgaben zugeteilt. Die Rechte des einen ergeben daher nach der Lehre des Korans auch die Pflichten des anderen und umgekehrt.

Der Mann etwa ist im Islam verpflichtet, allein für den Unterhalt seiner Familie zu sorgen. Er muss sich vor Gott dafür verantworten, dass es seiner Familie gut geht. Wenn eine Frau dagegen durch ihre Arbeit eigenes Geld verdient, braucht sie davon nichts an die Familie abzugeben.

Deshalb werden Männer und Frauen bei der Erbfolge auch unterschiedlich berücksichtigt: Frauen erben nur die Hälfte des Vermögens, das einem Mann zustehen würde, weil er davon auch seine Angehörigen mitversorgen muss.

Die Frau dagegen trägt die Hauptverantwortung für das Wohl der Kinder. Gerade in den ersten Jahren ist sie die wichtigste Person im Leben ihrer Kinder.

Dass eine Mutter ihr Baby stillen soll, wenn sie dazu in der Lage ist, steht ausdrücklich im Koran – und auch, dass sie dafür bei einer Scheidung sogar eine finanzielle Entschädigung von ihrem Exmann einfordern darf (Sure 65:6).

Ein Mann darf laut Koran mehrere Frauen heiraten, muss sie dann aber sowohl finanziell als auch emotional gerecht und gleich behandeln. Frauen dürfen nicht mehrere Männer gleichzeitig haben, aber sie dürfen selbst entscheiden, wann und wen sie heiraten. Und sie haben das Recht, ihren Mann per Ehevertrag davon abzuhalten, weitere Frauen zu heiraten.

Das steht in den Überlieferungen des Propheten Mohammed. Auch eine Scheidung ist erlaubt und darf laut Sure 2:227 von beiden Seiten ausgehen.

Doch im Koran gibt es auch einige Passagen, die manchmal als Beweis der Überlegenheit von Männern gegenüber Frauen ausgelegt werden. Sure 4 spricht zum Beispiel davon, dass die Männer „über den Frauen stehen“, was viele Gelehrte so verstehen, dass die Männer über die Frauen bestimmen dürfen. Und in der gleichen Sure wird den Männern auch erlaubt, „widerspenstige Frauen“ zu ermahnen, sie im Ehebett zu meiden und auch zu schlagen.

Der Alltag von muslimischen Gläubigen wird – wie der von Christen auch – nicht nur von religiösen Texten, sondern auch von jahrhundertealten Traditionen geprägt. Deshalb unterscheiden sich Theorie und Praxis in vielen Lebensbereichen, und viele Frauen werden durch kulturelle Traditionen viel stärker in ihrem Alltagsleben eingeschränkt, als es der Koran vorsieht.

Frauen im Hinduismus

Indien ist ein Land voller Widersprüche. Indien ist Wirtschafts- und Atommacht und unterhält ein ambitioniertes Weltraumprogramm. Frauen sind im modernen Indien als Managerinnen, Ärztinnen, Ministerinnen, Diplomatinnen, Richterinnen oder Journalistinnen aktiv. Schon vier Jahrzehnte bevor in Deutschland mit Angela Merkel erstmals eine Frau als Bundeskanzlerin antrat, wurde Indira Gandhi Regierungschefin Indiens. Dies ist die eine Realität auf dem Subkontinent; doch eine andere lässt Millionen Frauen in Unterdrückung und Sklaverei verharren.
Hindu-Traditionalisten verehren Frauen zwar als dienende Gattinnen und respektieren sie in ihrer Mutterrolle, verweigern ihnen aber die Anerkennung als eigenständige Individuen. Dabei berufen sie sich auf eine Basisschrift der Hindu-Religionen, das Gesetzbuch Manus. Das Werk fußt auf mündlichen Überlieferungen, die von mehreren Autoren zwischen 200 vor und 200 nach Christus zusammengetragen wurden. Die Gebote Manus, die als Wegweiser im Dickicht religiöser, ethischer und sozialer Fragestellungen dienen, haben sich tief in die Psyche der Hindu-Gesellschaft eingebrannt.

Nach Manu ist die Frau schwach, es ist ihre „Natur, dass sie die Männer verdirbt“. Frauen sollen nicht selbständig handeln, nicht einmal in den eigenen vier Wänden. Es gilt das Vormundschaftsprinzip: Das Mädchen wird vom Vater kontrolliert, die Frau vom Gatten, die Witwe von den Söhnen. Einem Ehemann wird göttlicher Status zugesprochen: Die Frau hat den Dienst an ihm als persönlichen Gottesdienst zu verstehen – „auch dann, wenn er keine guten Eigenschaften besitzt“. Nach seinem Tod soll sie fortwährend Trauer tragen.

Religiös mündig kann eine Frau ebenfalls nicht sein, Mädchen werden deshalb von der Upanayana, einer Art Jugendweihe, ausgeschlossen. In der Kastenhierarchie wird die Frau auf der Ebene der Knechte (Sudras) eingruppiert.Die der Frau zugewiesene Rolle der Dienerin wird auch in einer anderen für die Hindu-Religiosität bedeutsamen Schrift, der Bhagavad Gita, hervorgehoben. Die Gita zeigt Wege zur Erlösung auf.

Frauen im Buddhismus

Im Buddhismus sind Frauen und Männer im Alltag oft gleich gestellt. Aber es werden ihnen sehr unterschiedliche Eigenschaften zugesprochen.
Buddhisten sind sich nicht ganz einig, wie sie zu den Rollen von Männern und Frauen stehen. Manche sind der Meinung, Männer stünden auf einem höheren Rang als Frauen. Andere halten davon nichts. Allerdings weisen viele Buddhisten Männern und Frauen unterschiedliche Eigenschaften und Fähigkeiten zu.
Frauen sind danach: weich und fürsorglich. Sie kümmern sich darum, dass alle satt werden und können sich gut auf andere Menschen einstellen und mit ihnen leiden.

Männer sind nach dem buddhistischen Glauben stark und packen gerne mit an. Sie sind hart im Verhandeln,
gleichgültig gegenüber anderen und haben weniger Selbstdisziplin.

Das religiöse Weltbild von Mann und Frau zieht sich so durch alle Weltreligionen.

Frauen und Bildung

Ein großer Unterschied zeigt sich bei der Schulbildung gerade in den islamisch geprägten Ländern.
Laut Koran hat Gott Männern und Frauen gleichermaßen befohlen, sich weiterzubilden. „Das Streben nach Wissen ist eine Pflicht für jeden Muslim, Mann oder Frau“, sagte auch der Prophet Mohammed im 7. Jahrhundert.
Aber tatsächlich bleibt vielen muslimischen Mädchen bis heute eine umfassende Schulausbildung verwehrt. Schließlich bedeutet ein längerer Schulbesuch gerade in ländlichen Gegenden oft, dass die Mädchen in eine andere Stadt ziehen müssten und damit nicht mehr in der Obhut der Familie stünden. Oft schreibt auch die Tradition vor, dass Mädchen nur von Frauen unterrichtet werden dürfen. Deshalb gehen die Mädchen in Ländern wie Afghanistan
oder Pakistan meist nur einige Jahre zur örtlichen Schule. Danach bleiben sie wieder zu Hause, um der Mutter zu helfen und alles zu lernen, was sie für Haushaltsführung und Kindererziehung wissen müssen, bis sie mit 16 bis 20 Jahren verheiratet werden.
In Afghanistan gibt es zwar ein Gesetz, dass Mädchen erst ab 16 Jahren verheiratet weden dürfen, aber aus der Armut vieler Familien heraus, werden Mädchen bereits mit der Vollendung des 10. Lebensjahr verheiratet. Viele der Stammesältesten berufen sich bei dieser „Eheschließung“ auf Aischa bint Abi Bakr, die als dritte und jüngste der zehn Frauen des islamischen Propheten Mohammed bei jener Eheschließung 10 Jahre alt gewesen sein sollte. Diese „Eheschließung“ war um das Jahr 624 n. Chr.
Fast 1400 Jahre später gibt es nach Schätzungen der UN weltweit 650 Millionen Kinder- Zwangsehen. Auch wenn es mittlerweile einigen AktivistInnen in Malawi, Sudan, Nigeria, Mali, Afghanistan und Pakistan gibt, die erfolgreich Kinderehen annullieren und unter Strafe stellen, sind es leider nur Wassertropfen in einem Meer.

Bildung für Mädchen muss auf der Agenda für eine besser Zukunft ganz oben stehen und dafür müssen Frauen an die Macht um endlich von dem Frauenverachtenden Weltbild aller Religionen Abstand zu bekommen.
In einer Gesellschaft, die Frauen als Dienerinnen des Mannes betrachtet, Söhne verhätschelt und Töchter vernachlässigt, ist es kaum verwunderlich, dass Frauen, die es wagen, den häuslichen Schutzraum zu verlassen, als Freiwild betrachtet werden. Sexuelle Belästigung, Bedrohung und (Gruppen-)Vergewaltigung sind Mittel, um Frauen zu disziplinieren und sie aus dem öffentlichen Raum herauszuhalten. Männliche Machtpositionen sollen so gesichert werden.

Vergewaltigung als Kavaliersdelikt

Spektakuläre Fälle wie die Vergewaltigung und Ermordung einer Studentin in Indien im Jahr 2012 oder Übergriffe auf Touristinnen haben weltweit für Aufsehen gesorgt und in Indien Massenproteste ausgelöst. Vor Gericht gaben die Täter Einblicke in ein – aus westlicher Sicht – abstruses Wertesystem, das Frauen die Schuld an einer Vergewaltigung zuweist.

In Afghanistan ist es durchaus üblich, dass „Ehefrauen“ die keine guten (sexuellen) Qualitäten aufbringen,  von ihren Männern getötet werden und die Männer straffrei bleiben.

In vielen Ländern südlich der Sahara werden täglich Mädchen verschleppt um von Rebellen oder Milizen als „Stimmungsmacher“ der Männerhorden zigfach vergewaltigt und anschließend ermordet zu weden.

In Deutschland gibt es sogar Gerichtsurteile, die nach einer Vergewaltigung der Frau freizüglichkeit vorwerfen.

Der Weltfrauentag steht am 8. März im Zeichen für all diese Gewalt gegen Frauen und es wäre zu wünschen, wenn wir den nächsten Weltfrauentag in Frieden, Gleichberechtigung und Wertschätzung feiern können.

Naike Juchem und Nila Khalil am Weltfrauentag 2022

Quellen:
– Dissertation von Manfred Hauke: Die Problematik um das Frauenpriestertum vor dem Hintergrund der Schöpfungs- und Erlösungsordnung .

– Volker Eklkofer: Frauen im Hinduismus
– Religionen-entdecken.de

Anmol Rodriguez

Anmol Rodriguez, Photo by Twitter

Gott kann das, was wie ein Ende aussieht nehmen und es zu einem Anfang machen! (Joyce Meyer)

Dies ist die Geschichte von Anmol Rodriguez, einer 27-jährigen Inderin.

Autorinnen  Evke Freya von Ahlefeldt und Nila Khalil

„Bis heute weiß ich nicht, was meinen Vater dazu veranlasst hat, ein solch abscheuliches Verbrechen zu begehen. Zu einem Zeitpunkt, als meine Familie die Geburt eines kleinen Mädchens hätte feiern sollen, erlag meine Mutter ihren Verletzungen“, sagte Anmol in einem im Januar 2019 in einem Interview mit „The Logical Indian“. Sie sagte weiter, sie habe gehört, dass ihr Vater im Gefängnis sei, sei sich aber nicht sicher, ob das wirklich so sei.

Anmol verbrachte die ersten fünf Jahre ihres Lebens war ein Krankenhaus in Mumbai. Anmols Verbrennungen durch die Salzsäure waren so schwer, dass sie nur mit viel Aufwand geheilt werden konnten.

„Im Krankenhaus aufzuwachsen, war für mich überhaupt keine schlechte Erfahrung. In den verschiedenen Phasen deines Lebens kommen Menschen herein, spielen ihre Rolle und gehen wieder. In diesen fünf Jahren kümmerten sich die Krankenschwestern und Ärzte im Krankenhaus um mich, als wäre ich ihr Kind. Ich hatte keine Verwandten, die bereit war, eine Verantwortung zu übernehmen, also waren die Krankenschwestern und Ärzte meiner Eltern. Sie haben mich nie behandelt, als wäre ich nur ein Patient.“

Anmol Rodriguez, Photo by Twitter

Als Anmol fünf Jahre alt war, übergab das Krankenhaus sie an ein Waisenhaus in Mumbai. In der Schule erlebte Anmol sehr viel Mobbing von den anderen Schülerinnen und Schüler. Trotzdem glaubte sie an sich und ihren Traum. Sie wollte Softwareentwicklerin werden.
Anmol studierte an der SNDT-Universität in Mumbai und machte ihren Bachelor in Computeranwendung.

Anmol Rodriguez, Photo by Instagram

Anmol’s Karriere

„Ich war aufgeweckt und lernte die Dinge leicht. Da ich ehrgeizig war, verließ ich das Institut an der Universität und bekam einen Job. Aber nach ein paar Tagen sagte man mir, dass ich nicht mehr arbeiten könne, weil man nicht jeden Tag ein entstelltes Gesicht sehen könne.“

Nach diesem Vorfall fand Anmol keine Arbeit. „Wo immer ich mich vorstelle wurde ich abgewiesen. Sie haben mir nicht direkt gesagt, warum sie mich ablehnten, aber ich wusste, dass es an meinem Gesicht lag. Es war offensichtlich.“

Doch Anmol gab die Hoffnung nicht auf. Seit ihrer Jugend hatte sie eine Vorliebe für Mode, und sie beschloss, ihr Interesse in etwas Produktives zu verwandeln.

„Mode hat mich interessiert, und ich habe es immer geliebt, stilvolle Outfits zu tragen und gut auszusehen. Ich habe meine Bilder auf Instagram gepostet, und zum Glück wurden einige Fotografen auf mich aufmerksam. Sie fingen an, mich anzusprechen, und ich hatte das Privileg, mit Fotografen wie Tejas Gedekar und Bhavini Damani zu arbeiten. Ich habe auch mit Ranveer Singh bei einer Veranstaltung von Kotak Mahindra interagiert.“

Von da an gab es für Anmol kein Halten mehr. Sie eroberte die Modeindustrie im Sturm und wurde zur Influencerin in den sozialen Medien. Mit der Absicht, Überlebenden von Säureangriffen zu helfen und ihr Leben positiv zu verändern.

2016 gründent Anmol gemeinsam mit Daulat Bi Khan die „Acid survivors saahas“ Stiftung, die sich Opfer von Säureattacken einsetzt. Frau Daulat Bi Khan ist ebenfalls Opfer eines Säureangriffs. Anmol ist später aus privaten Gründen aus dem Vorstand der NGO ausgetreten.

Anmol ist nun Schauspielerin und hat an der Seite von Shabana Azmi in einem Kurzfilm namens Aunty Ji mitgewirkt.

Anmols Botschaft an Überlebende von Säureangriffen

„Warum sollte das passieren? Mein Gesicht macht nicht aus, wer ich bin. Ich hoffe, dass die Menschen in naher Zukunft anders denken werden. Ich verlange keine besonderen Vorbehalte, aber ich hoffe, dass die Menschen die Opfer von Säureangriffen respektvoll behandeln werden. Wenn ich die Möglichkeit habe, zu studieren und genauso qualifiziert zu sein wie andere, habe ich das Recht, einen Job zu bekommen. Aber jetzt bin ich ein Vollzeitmodel und genieße mein Leben mehr denn je. Ich möchte allen Überlebenden von Säureangriffen sagen, dass keiner von ihnen allein ist. Die Menschen dürfen sie nicht bemitleiden und sie dürfen sich selbst nicht bemitleiden. Wenn sie sich melden, offen über sich selbst sprechen und etwas im Leben tun, werden sie zum Helden und zur Motivation im Leben anderer Menschen.“

Weltweit 1500 Säureattacken pro Jahr.

Nach Schätzungen erleiden jährlich über 1500 Menschen – meist Mädchen, solche Angriffe mit Salzsäure. Die Dunkelziffer hingegen ist unbekannt, man geht allerdings davon aus, dass mehrere hunderte Attacken pro Jahr nicht an die Öffentlichkeit gelangen, weil die Opfer diese Verbrennungen oft nicht überleben. Die Toten werden dann irgendwo in der Wildnis vergraben.

Salzsäure Angriffe sind immer gezielt und in ihrer Grausamkeit genau so geplant, um die Opfer zu verletzen, zu entstellen oder aber qualvoll zu töten. Tausende Mädchen und Frauen wird so in Bruchteilen von Sekunden das Leben zerstört.
Am rasantesten verbreitet sind diese Attacken in Ländern wie Kolumbien, Uganda, Pakistan, Indien, Nepal, Bangladesch aber auch Kambodscha. In diesen Ländern sind Säuren wie etwa Schwefelsäure und Salzsäure sehr leicht und einfach zu kaufen. Manchmal schon für weniger als einen US-Dollar.

Acid Attack Survivor Sahas Foundation

Warum kommt es zu solchen Attacken?

In vielen Ländern der Welt haben heute immer noch Mädchen und Frauen einen schlechteren Stand als Jungen und Männer. Dies führt auf sehr alte Traditionen oder Glauben zurück. Auch ist es oft die Angst der Eltern, wenn die Mädchen mal heiraten werden, dass diese sich durch eine Mitgift weiter verschulden werden. Die Armut und ein Irrglaube treibt die Väter zu solchen Taten an.
Durch dem immer größer werdenden Analphabetismus  und einer patriarchaischen Region in sehr vielen Ländern, werden sich solche grausamen Attacken täglich wiederholen.


Evke Freya von Ahlefeldt und Nila Khalil, 20. Februar 2022


Quellen:
– Acid Attack Survivor Sahas Foundation
– Sumanti Sen, The Logical Indian,  Januar 2019

Für Papa

Für Papa

Papa, ich wurde deine Tochter und kannte dich nur vom Namen. In den letzten 30 Jahren wurdest du vom Onkel zum Vater. Ein Vater der liebt, beschützt und immer für mich da ist.

Papa, du warst da als ich mit dem Fahrrad die Weinberge herunter gefahren bin und schwer gestürzt bin.

Papa, du warst da als ich um Sorgen meiner Eltern fast verrückt wurde.

Papa, ich brüllte dich an, und du hast mir verziehen. In meiner Trauer und Wut sah ich deine Sorgen um mich nicht.

Dies alles ist lange her und es tut mir immer noch weh im Herzen.

Egal was ich in meinem Kopf hatte, du hast mich immer unterstützt.

Als auch ich zum Ziel von Terror wurde und drei Tage später mit deiner Enkelin vor der Haustür stand, hatte ich nicht den Mut dir die Wahrheit zu sagen. Ich sah es an deinen Augen – du wusstest es schon. Nachrichten aus dem Fernsehen und Internet sind schneller als ein Flugzeug. 

Es kam wieder die Zeit des Abschied nehmen und ich sah deine Tränen in den Augen. Die Sorgen um mich ließen dich in den letzten vier Jahren älter werden. 

Seit einem Jahr bin ich in Sicherheit und du bist da. Papa, wir haben seit Monaten so viel Zeit zusammen verbracht wie in den letzten 15 Jahren nicht.

Wir gehen oft schweigend am Strand entlang und du hörst mir zu.  Du siehst die Angst und Sorgen in meinem Augen und nimmst mich in den Arm.

Wir gehen im kühlen Aprilrmorgen dem Sonnenaufgang entgegen und ich sehe deine Tränen.  Die ersten Sonnenstrahlen spiegeln sich im Wasser und du hörst mich denken. Du nimmst mich in den Arm und sagst: ich liebe dich.

Deine dich immer liebende Tochter

Nila, Den Haag, im April 2020

Für Mama

Für Mama

Mama, ich bedanke mich für so vieles bei dir.

Vor vielen Jahren hast du bei mir im Bett geschlafen und mich festgehalten.
Ich kannte auch dich bis zu diesem Tag nicht. Du hast am ersten Abend etwas zu mir gesagt, was für immer in meinem Herzen bleibt:

„Ich bin nicht deine Mutter, ich werde aber mein Bestes geben. Dies verspreche ich dir.“
Du hast dein Bestes gegeben.

Nach der Arbeit hast du jeden Tag bis zu drei Stunden mit mir deutsch, englisch, Mathe… gelernt. Oft hast du den Stift in die Ecke geworfen, weil ich Subjekt, Prädikat und Objekt mal wieder nicht geschnallt hatte.
Du hast dein Bestes gegeben.

Mama, du warst da, wenn ich krank war.
Mama, du warst da, als ich erwachsen wurde.
Mama, du warst da, wenn ich kummer hatte.
Du hast dein Bestes gegeben.

Mama, du hast mir zugehört, wenn ich Probleme hatte.
Mama, du hast mich kochen gelehrt.
Mama, du gabst all dein Wissen an mich weiter.
Du hast dein Bestes gegeben.

Mama, du bist heute da, wenn ich dich brauche.
Mama, du hältst mich fest, wenn ich nicht mehr kann.
Mama, du kümmerst dich um mich.
Mama, du kochst, putzt und bügelst für mich.
Du gibst dein Bestes.

Mama, du bist die Oma für ein Kind und hältst es fest und sagst:
„Ich bin nicht deine Oma, ich werde aber mein Bestes geben. Dies verspreche ich dir.“

Mama, ich liebe dich und bin dir so dankbar, dass es dich gibt.

Nila Khalil, Den Haag, 30. Januar 2022

Het huidige kerstverhaal (Die Weihnachtsgeschichte der Gegenwart)

Heute möchte ich über eine Weihnachtsfeier berichten, die am 21. Dezember in der Nähe von Den Haag stattfand

Meine Tochter arbeitet seit über drei Jahren in einer privat geführten Einrichtung für Traumatisierte und Benachteiligte Kinder in den Niederlanden. Es sind Flüchtlingskinder, Migranten und auch Kinder aus Sozialsachwachen Familien in dieser Einrichtung. Entweder in Tagesbetreuung oder auch in einer Wohneinheit, in der die Kinder und Jugendliche ohne Eltern leben. Entweder sind die Eltern auf der Flucht getrennt worden, ertrunken oder nicht auffindbar. Ein Team von Ehrenamtlichen, Polizisten, Roten Kreuz Mitarbeiter und Behörden suchen Europaweit nach den Eltern.
Die Kinder und Jugendlichen werden nach allen Kräften betreut und versorgt. Auch wenn eine Schar von Ehrenamtlichen und Angestellten sich um diese Kinder kümmern, sind es trotzdem nicht die Eltern oder Verwandten. Ich selbst kenne es, ohne Eltern bei Verwandten aufzuwachen und kann mich in die Lage von jedem Kinder versetzen.

Die Wohneinheiten in der Einrichtung sind mit maximal vier Kinder klein gehalten und die Betreuer sind 24 Stunden vor Ort. Die Kinder die nicht in die nah gelegenen Schulen gehen können, werden in der Einrichtung von Ehrenamtlichen oder pensionierten Lehrer unterrichtet. Eine neue Sprache zu lernen ist nicht einfach und hinzu kommen oft noch Konzentrationsstörungen durch Erlebnisse von Flucht, Krieg oder Terror.
Es sind die vielen kleinen Dinge, die es den Kinder oft schwer machen in ein normales Leben zu kommen. Es sind die Alpträume der Angst vor Militär, Granaten, Hunger und dem Wasser. Wenn banales duschen schon für exzessive Angstreaktionen führt, kann man sich vorstellen, wie es diesen Kinder in der Nacht ergeht.

Nun aber zu der Weihnachtsfeier.
Meine Tochter rief mich im Herbst an und sagte mir, dass sie für Weihnachten ein Theaterstück mit den Ereignissen der Kinder aufführen wolle. Quasi die Weihnachtsgeschichte der Neuzeit. Ich hörte Amira aufmerksam zu und sprach auch meine Bedenken an. In Afghanistan sprach ich mit Kolleginnen aus meinem Team darüber, ob es von Psychologischer Seite gut für diese Kinder sei, ihre Erfahrungen zu „spielen“. Zwei Tage später schickte mir Amira die Einleitung, das Regiebuch und die Erlebnisse der Kinder zu, die sie für jene Aufführung verwenden wollte. Beim lesen der Erfahrungen musste ich weinen. Auch wenn ich vieles aus meiner eigenen Flucht vor 29 Jahren kenne, war dies in dem jetzigen Verhältnis ein ganz anderer Maßstab. 1990 war eine andere Zeit und heute betrachtet war meine Flucht ein Kinderkarussell.
Nach langen Gesprächen mit Amira änderten Samira, Ava und ich das Regiebuch etwas ab. Die Realität so knallhart konnten und wollten wir den Zuschauer nicht vorführen und auch die Kinder mit ihren Erlebnisse nicht überfordern. Ein Flash-back wollten wir ausschließen – was meine Tochter auch einsah und mir in diesen Punkten zustimmte.

Anfang Dezember flog ich in die Niederlande und war ab dem 6. Dezember in der Einrichtung in der Nähe von Den Haag. In einem Team von zwei Therapeuten, einer Psychologin, fünf Betreuern, meiner Tochter und mir, fanden die Vorgespräche mit den 24 Kinder und Jugendlichen statt. Die Kinder wollten das Theater so spielen, wie es meine Tochter geschrieben hatte. Alleine dafür habe ich vor diesen Kindern den allergrößten Respekt. Mit eben jenem Team von 10 Personen fingen am Samstag, den 7. Dezember, die ersten Proben an. Die Texte mussten die Kinder nicht lernen – den es waren ihre Erlebnisse.
Wir probten täglich etwas mehr. Denn wir wollten den Kindern nicht gleich zu viel zumuten. Selbst uns Erwachsene gingen die Erlebnisse der Kinder sehr zu Herzen. Nach jedem Proben sprachen wir mit den Kindern um ihre Erlebnisse gleich zu verarbeiten, oder auch um ihnen gleich zur Seite zustehen. Auch wenn die Kinder mit ihrem Text und Theater ihre Traumatisierungen verarbeiten, braucht es die Unterstützung von uns.

In den letzten zwei Wochen haben wir viel gearbeitet und es war für die Kinder auch eine Art Befreiungsschlag. Ich hätte nie gedacht, dass die Kinder dies so gut verarbeiten oder aufarbeiten.
Bei der Generalprobe am Freitag liefen die Kinder und Jugendlichen auf Hochtouren auf. Sie brannten förmlich danach ihre Erlebnisse von Krieg, Flucht, Angst und Zuversicht den Besucher mitzuteilen.

Die Einleitung zur „Het huidige kerstverhaal“ las Amira in zwei Sprachen: niederländisch und paschtu. Schon bei der Einleitung war es in dem Saal sehr ruhig und die Besucher die dieses Projekt nicht kannten kämpfen in den eineinhalb Stunden mit den Tränen.
Nach der Aufführung sprachen wir aus dem Team mit den wenigen Besucher um ein Feedback zu bekommen oder auch um die Lage der Kinder auf ihrer Flucht den Leuten zu verdeutlichen und welche Probleme diese Kinder nach ihrer Flucht täglich haben.

Am Samstag, den 21. Dezember, hatten wir eine Internationale Weihnachtsfeier, in der keine Religion, keine Herkunft oder Hautfarbe eine Rolle spielte. Ein Weihnachtsfest im christlichen Sinne wird von Muslimen nicht gefeiert, aber zahlreiche Muslime vor allem in Europa mögen die Traditionen die mit dem Weihnachtsfest verbunden sind. Ich zähle mich definitiv dazu. Da nicht alle Flüchtlinge Muslime sind, hatten wir uns auf eine ökumenische Weihnachtsfeier geeinigt.

Im Koran stehen zwei Berichte über die Geburt Jesu: In der Sure 3 und Sure 19, der sogenannten Sure „Maryam“. Das Jesuskind wird dort aber nicht in Bethlehem in einer Krippe, sondern an einem „fernen Ort“ unter einer Palme geboren, wo Maria – auf arabisch „Maryam“, in völliger Einsamkeit und unter starken Schmerzen ihren Sohn auf die Welt bringt. Auf wunderbare Weise lässt Gott ihr zum Trost Datteln wachsen und eine Wasserquelle entspringen. Bis heute beten manche Musliminnen, wenn sie ein Kind auf die Welt bringen, die Sure „Maryam“ und essen Datteln zur Stärkung. Auch wird Jesus und Maria im Koran erwähnt. Jesus ist ein Prophet Gottes, der Verkünder des Evangeliums. Im Koran wird auch von Wundern berichtet, die er vollbrachte. Sein erstes Wunder war, dass er als neugeborenes Baby sprach und Maria verteidigte, als die unverheiratete junge Frau mit einem Kind auf dem Arm zu ihrer Familie zurückkehrte. Jesus ist im Islam zwar ein besonderer Mensch, aber nicht Gottes Sohn, der am Kreuz gestorben ist.
Soweit eine kleine Einordnung, wie nah der Koran an der Bibel oder auch umgekehrt ist.

Um 14 Uhr begann die Feier und um 18 Uhr wurde auf das kommende Theaterstück hingewiesen.
Um 18.30 Uhr fing meine Tochter an die Einleitung zu lesen und in einem Saal mit gut 250 Besucher wurde es still.
Mit Disziplin und Freunde spielten die Kinder und Jugendlichen ihre, Het huidige kerstverhaal.
Regungslos nahmen die Zuschauer die Worte auf und ich sah, dass viele Besucher weinten, je länger die Aufführung ging.
Nach der Aufführung gab es minutenlangen Applaus für die Darsteller und noch mehr Tränen. Der Applaus konnte ich schwer einschätzen ob es nur für den Respekt der Kinder oder ihrem Mut der Erzählungen war.

Bis kurz vor Mitternacht wurden Gespräche mit Bürgermeister, Beigeordnete des Stadtrats, Kommunalpolitiker und interessierten Leuten geführt. Die Kinder hatten neue Impulse in der Politik gesetzt: es wurden ihnen zugehört.
Bei den vielen Gesprächen mit Politiker wurde versprochen zu helfen und auch zu handeln.

Im neuen Jahr werden wir die Het huidige kerstverhaal noch zweimal aufführen. Mit einem solchen Erfolg der Anteilnahme und des Umdenkens hatte keiner gerechnet.
Wenn diese Kinder mit ihren Traumatisierungen etwas bewegt haben um anderen zu helfen, um umzudenken, haben wir sehr viel erreicht. Was Amira und ihr Team mit den Kinder und Jugendliche erreicht und umgesetzt hat, erfüllt mich mit Stolz.

Nila Khalil, Den Haag, 26. Dezember 2019

Ein Jahr voller Sogern geht, ein neues beginnt

Das Jahr 2020 war für mich sehr turbulenten. Die ersten zwei Monate in den Niederlande war mein „Urlaub“. Trotz meiner „Freizeit“ und „Entspannung“ hatte ich mit in der Kinder- und Jugendeinrichtung von Dr. Erik de Joost mitgearbeitet. Ich kenne Erik seit 13 Jahren und seit dieser Zeit arbeiten wird auch sehr eng zusammen.

Im März stellt sich mein durchgetaktes und organisiertes Leben völlig auf den Kopf. Am 4. März wurde mir die wohl schwerste Entscheidung meines Lebens gestellt. Ich musste über das Leben oder den Tod eines Kindes entscheiden!
Das ich 48 Stunden später wieder an dem Punkt der Welt sein würde, wo ich eigentlich im Herbst erst sein wollte, war mir am 3. März nicht klar.

Der April stellte mich vor weitere Veränderungen in meinem Leben.
Als deutsch-afghanin war der Lebensmittelpunkt in den letzten 14 Jahren der alltägliche Krieg, Terror und Chaos in Afghanistan.
Bei all der Angst vor Terror gegen meine Person baute, strukturierte und organisierte ich mein Lebenwerk.
Nun war ich über 5000 Kilometer von all dem entfernt und musste mich erneut zwischen Europa und Zentralasien entscheiden. Ein Schritt der mir schwer fiel, aber die nur einzige logische Möglichkeit. Ich übergab mein Tun und Schaffen in meiner Schule und den Frauenhäuser an meine langjährige Freunde Samira Ansary.
Die Stunden, Tage und Wochen im April, die ich voller Sorge um Lenara hatte, brachten mich an meine psychische- und physische Kräften. Ohne die bedingungslose Liebe meiner Eltern und die unglaubliche Unterstützung meiner Freunde und Mitarbeiter hätte ich dies wohl kaum unbeschadet überstanden.

Im Mai setzte der feige Terror der Taliban mal wieder den Tiefpunkt jeglicher Menschlichkeit. In Kabul wurde eine Frauenkrankenhaus angegriffen und selbst vor Babys machte der Menschenverachtend Terror nicht halt. Bei mir in den Niederlande liefen Telefon- und Videoschaltungen gleichzeitig auf. Die nachfolgenden Stunden waren mal wieder der Horror.
Zwei Tage später kam der Terror in die Stadt, in der meine Schule, ein Frauenhaus, mein Büro und Mitarbeiter, sowie mein Haus ist. Ein Notfallplan den ich mit meinem Team vor sechs Jahren erarbeitet hatte wurde aus dem Tresor geholt und zeitgleich lief auf vier Kontinenten die Alarmstufe hoch. Am gleichen Tag wurden über 70 Mädchen und die Hälfte von meinem Team an einen geheimen Ort gebracht.
Der Terror stand vor meiner Tür und ich war nicht zuhause. Ich hätte binnen Stunden mit einem Militärflugzeug in Afghanistan sein können – konnte aber wegen Lenara nicht weg.

Im Juni schlug Corona weiter zu und wir hatten in der Einrichtung sowieso schon genug Arbeit mit Maßnahmen und Vorgaben seitens der niederländischen Behörden. Seit April habe ich die Leistung und somit auch die Verantwortung für 54 Kinder und Jugendliche, wie auch über 36 Mitarbeiter und zahlreiche Ehrenamtliche Helfer.
Zum Glück habe ich sehr gute Mitarbeiter und wir schaukelten uns durch diesen Monat.

Schaukeln ist ein gutes Stichwort für den Juli. Durch Corona konnte  wir eine geplante Freizeit für unsere Kinder (aus Selbstschutz) nicht wie geplant durchführen. Wir von der Leitung haben uns auf eine außergewöhnliche, wenn auch teure, Freizeit verständigt und so ging es in drei Gruppen mit einem 110 Jahren alten Segelboot auf das Ijsselmeer.

Der August brachte wieder so einige Sorgen mit sich. In der Einrichtung sind auch Jugendliche die mit der Schule fertig sind und die Situation an den Universitäten und Ausbildungsbetriebe machte es den Schulabgänger nicht gerade leicht. Da mussten neue Wege und Ideen her.

Im September konnte ich mit meinen Eltern endlich in mein Haus einziehen, dass ich im April gekauft hatte. Auch da wurde durch Corona der gesammte Zeitplan über Bord geworfen.
Bei meiner Tochter wohnte ich die letzten vier Jahre immer, wenn ich auf Urlaub oder Arbeit in den Niederlande war. Als ständiger Wohnsitz auf vier Zimmer mit meinen Eltern war die Situation doch oft angespannt. Zumal Amira im Bett Platz wie ein Flugzeugträger braucht. So schlief ich öfter im Büro in einem kleinen Apartment und kam nur zum Frühstück „nach Hause.“

Am 13. August wurde Lenara nach fünf Monaten aus dem künstlichen Koma geholt und ich konnte endlich mit dem Kind reden, für das ich am 9. März per sofort vom Familienministerium die Vormund bekommen hatte.

Seit September unterrichte ich als Lehrerin meine Tochter persönlich. Durch das lange Koma muss Lenara alles neu lernen. Vom schlucken, greifen und verstehen. Ich unterrichte Lenara in drei Sprachen, wobei ich paschtu außenvor lasse. Das Kind soll an und mit Afghanistan gar nicht so viele Erinnerungen haben. Wobei sie durch die vielen Optionen und die Schädigung ihrer Haut sowieso daran erinnert wird.
Durch die vielen Stunden bei Lenara bleibt auf meiner Arbeit einiges liegen. So beginnt mein Arbeitstag morgens zwischen 4 und 5 Uhr und endet oft um 23 oder gar 0 Uhr.

Der Oktober und November war eigentlich wie der September. Von der ganzen Hysterie und Pandemie bekam ich kaum etwas mit, da ich mich quasi selbst isoliere. Es wäre der Super Gau wenn ich nicht mehr auf die Intensivstation von der Brandwonden Klinik kommen könnte. Meine Arbeit im Büro läuft fast ausschließlich nur noch über Videokonferenz.
Täglich wird meine Temperatur gemessen und täglich mache ich einen Test auf Sars-CoV-2.

Mit dem Ende des Jahres steigt für mich die Angst in Afghanistan. Die US- und NATO Truppen werden 2021 aus Afghanistan abziehen und meine Befürchtung die Taliban wird erneut die Regierung und das Land ins Chaos stürzen sind berechtigt. Alle persönlichen Vorbereitungen für den Tag X sind getroffen und auch notariellen festgeschrieben.
Auch wenn ich von meinem Freund der mein persönlicher Bodyguard und Scharfschütze ist, begleitet werde, kann ich einen weiteren Terroranschlag auf meine Person nicht ausschließen.

Das Jahr 2020 war doch schon etwas turbulent.

Heute erlebe ich ein Silvester, wie ich es so auch noch nie hatte. Ich fahre zu Lenara ins Krankenhaus und wir beide werden ein neues Jahr, einen neuer Schritt in unserem Leben ab 0 Uhr beginnen.
Heute werde ich Lenara von der nächsten Operation und dem erneut bevorstehenden künstlichen Koma sagen.
Ich hatte mir die letzten Wochen sehr viele Gedanken gemacht, wie und vor allem wann, ich es ihr sage. Ich bin schon ein Feigling.

Durch lange Gespräche mit meiner Familie, Freunden, Mitarbeiter und meiner Freundin Dr. phil Marpe de Joost, gehe ich heute Abend den Gang nach Canossa.

Nun wünsche ich euch allen einen guten Start in das Jahr 2021. Bleibt gesund und bewahrt eure Menschlichkeit. Die Liebe im Herzen gibt uns Kraft für das Leben.

Nila Khalil, Den Haag, in den letzten Stunden von 2020

Montag 9.März 2020
Brandklinik Rotterdam

Das wichtigste vorweg: Ein Heilung ist möglich.
Amira, Erik und ich waren heute in Rotterdam in der Klinik. Um 14 Uhr hat uns Professor de Friese vieles erklärt, wie die Operationen geplant sind und welche Schritte wie wann gemacht werden. Die Schädigung des subcutanen Fettgewebes, also was dem Verbrennungsgrad III entspricht, ist eine Heilung der Haut nicht mehr möglich.
Lenara hat „Glück“ das sie mehr Verbrennungen im Grad II hat. Wobei diese nicht minder schlimmer sind, dort ist das subcutane Fettgewebe nicht all zu stark beschädigt.
Die Zehen am linken Fuß sind irreparabel. Wobei dies wohl in ihrem Zustand das kleinste Problem ist.
Lenara würde mit einem Bürsten-Debridement in einem Verbrennungsbad „gebürstet“ werden. Dafür muss sie aber noch etwas stabiler werden. Damit könnte eventuell am Mittwoch oder Donnerstag begonnen werden. Noch liegt sie im künstlichen Koma. Dies ist erforderlich um dem Kind die Schmerzen zu nehmen und zum anderen um ihr Herzkreislauf zu stabilisieren.
Die Operationen nennt man Epifasziale Nekrektomie. ( Ein Dankeschön an Dr. Erik de Joost. Ich wäre ohne Erik heute ganz schön aufgeschmissen gewesen. Zum einen kann ich nicht so gut niederländisch und zum anderen hörte ich Wörter, die ich ohne aufzuschreiben niemals wiederholen könnte.)
Mit elektrischen Messer, so ähnlich wie Laser würde die Epidermis, Corium und das subkutane Fettgewebe abgeschnitten werden. Die verbrannte Haut würde mit
Spalthaut versorgt und temporär mit Xenograft bedeckt. ( Keine Ahnung was dies genau ist. Ich bin ja schon froh, diese Fachbegriffe richtig, hoffe ich, aufgeschrieben zu haben.)
Alle zwei Tage wären maximal 20% der Hautoperation möglich.
Ihre verbrannte Haut würde mit Ersatzhaut bedeckt werden. Ob die später bleibt habe ich nicht verstanden.

Durch ein Fenster sahen wir Lenara mit Unmengen von Kabel und Geräte. Es tun wahnsinnig weh im Herz, dieses Mädchen so liegen zu sehen. Die Ärzte versicherten uns, dass Lenara keine Schmerzen spürt. Das EKG ist nicht das beste. Die Ärzte hoffen, dass es in ein paar Tagen etwas besser wird. Zwar hat sich der Gesamtzustand seit Freitag etwas verbessert, was aber nicht heißt, dass Lenara außer Lebensgefahr ist.
Professor de Friese sagte, dass wir alles, mit den uns in Afghanistan zur Verfügung stehenden Mittel, richtig gemacht haben. Wenigstens ein kleiner Lichtblick.

Ich hatte nach dem Gespräch in Rotterdam ins UKE nach Hamburg angerufen und mich bei Dr. Kürster für seine Kompetenz und Unterstützung bedankt.
In den letzten 15 Jahren habe ich so einiges an Folter, gewaltsamer Schwangerschaftsabbruch, Gängelung, Marasmus, Noma, Verbrennungen…. gesehen und dachte immer, es kann nicht schlimmer kommen. Ich habe mich getäuscht.
Es ist schwer eine solche Tat von einem Menschen im Verstand zu fassen, in Worte noch viel mehr. Ich weiß nicht, wie ich mit all diesen Bilder an Gewalt umgehen soll. Es tut unglaublich weh im Herz.

Mittwoch 11. März 2020 Die Blutwerte und EKG sind im Aufbau

Dr. Erik de Joost und ich waren heute in Amsterdam bei einem Arzt der sich auf Säure-Verbrennungen spezialisiert hat. Auch wenn Lenara keine Verbrennungen mit Säure hat, sind die Operationswege oder Ziele gleich. Dr. Smeet hat uns in Ruhe den Hautaufbau erklärt und Fotos gezeigt, bei denen jeder Horrorfilm ein Schwarzweiß Foto ist. Also, schlimmer geht immer.
Anschließend sind wir in die Brandklinik nach Rotterdam gefahren und hatten mit Professor de Friese gesprochen.

Lenara kommt langsam aus dem kritischen Bereich heraus. Trotzdem ist ein septischer Schock immer noch nicht auszuschließen. Wenn die Werte die nächsten 48 Stunden stabil bleiben, wir Lenara mit einem Bürsten-Debridement in einem speziellen Bad gebürstet werden. Dies soll die Bakterien auf / an der Haut verringern. Da am Donnerstagabend der Körper soweit „nur“ sterilisiert wurde, kann eben jener weitere Schritt in diesem speziellen Bad vorgenommen werden.

Dr. de Joost ist ein langjähriger Freund von mir und war in den 80er Jahren für Médecins Sans Frontières (Ärzte ohne Grenzen) in vielen Ländern in West- und Zentralafrika im Einsatz und hat auch schon so einiges gesehen. Das Leid von Lenara ist auch ihm fremd. Erik hat in den letzten Tagen so ziemlich alles, mein Eindruck wenn ich seinen Schreibtisch sehe, an Fachliteratur über Verbrennungen gelesen und ist mit Dr. Smeet und Professor de Friese auch konform, was alles an jetziger Behandlung und späteren Operationen angedacht ist.

13. März 2020

Heute morgen um kurz nach 9 Uhr rief mich Professor de Friese an und sagte, die Werte von Lenara seien seit Mittwoch stabil und heute würde sie in einem Speziellen Bad „gebürstet“ werden.
Lenara ist nun seit Donnerstag, 5. März, im künstlichen Koma. Da ein septischer Schock immer noch nicht auszuschließen ist, bleibt sie weiterhin im Koma.
Seit Donnerstag, 5. März, wird auch eine Apherese (Blutwäsche) bei ihr durchgeführt. Natürlich dauert eine Apherese auch seine Zeit. Durch das künstliche Koma geht es dementsprechend noch etwas langsamer. In ihrem Blut sind in Folge der schweren Verbrennungen einige Krankheitserreger in die Blutbahn von Lenara gelangt.
Diese können ihr sowieso schon geschwächtes Immunsystem noch weiter schädigen. Durch kleine Blutgerinnsel und infolge der Entzündungsreaktionen im gesamten Körper kann es zur Schädigung vieler lebenswichtiger Organe führen.
Es besteht immer noch Lebensgefahr für Lenara.

Da mir am Montag die Anwaltschaftliche Vormundschaft für Lenara übertragen wurde, haben wir, also das Ärzteteam in Rotterdam, Dr. de Joost und ich, uns entschlossen den nächsten Schritt zu gehen. Es wird nicht besser, wenn wir noch länger warten.
Dr. de Joost und ich sind mit dem Ärzteteam und anderen Spezialisten in den Niederlanden und Deutschland konform.
Ich habe mich in den letzten Tagen mit unglaublich vielen Ärzten getroffen und telefoniert. Ich habe alles an pro und contra abgewogen und vertraue auf die Fachkompetenz von Professor de Friese und seinen Mitarbeitern.

Anruf von Professor de Friese um 16.50 Uhr.

Lenara hat das erste Bürsten-Debridement an ihrem linken Bein, ab dem Knie, überstanden. Die Werte vom EKG waren bei- und nach der Behandlung unverändert. Dies ist eine der besten Nachrichten in den letzten Tagen. Wenn auch heute „nur“ ihr linkes Bein diese Behandlung bekommen hatte, ist es ein großer Fortschritt für Lenara. Ihr Zehen am linken Fuß sind irreparabel und da wird die erste Operation anstehen und auch gleichzeitig die Haut im Bereich vom Knie bis zum Fuß ersetzt werden. Wann dies aber sein wird, kann zum jetzigen Zeitpunkt niemand sagen.
In zwei Tagen wird mit der nächsten Bürsten-Debridement begonnen werden – wenn ihre Werte weiterhin so stabil bleiben.
Bis Lenara aus der immer noch Lebensgefährlichen Lage heraus kommt, kann es noch drei Wochen dauern.

15. März 2020

Heute waren meine Eltern das erste Mal mit in Rotterdam in der Klinik.
Auch wenn wir seit fast zwei Wochen über Lenara sprechen, ist es etwas anderes, als wenn man es sieht, so weit dies auf der Intensivstation möglich ist.
Was kann man tun, wenn man durch eine Glasscheibe ein Kind sieht und nicht zu ihm kann? Die Augen sehen die Situation und der Verstand begreift es nicht! Das Herz möchte diesen Menschen umarmen und ihm alles Gute wünschen, aber man darf es nicht. Die Seele schreit nach Vergeltung, der Verstand nach Rache.
Ohnmacht vor einer Glasscheibe.
Hoffen, beten, wünschen. Mehr kann man nicht tun. Apparate anschauen und sich immer wieder die Frage nach dem Warum stellen. Was können wir tun, um in Zukunft ein solches Verbrechen zu verhindern? Ist meine Arbeit in all den Jahren überhaupt noch etwas Wert? Was habe ich erreicht? Was habe ich falsch gemacht?
Meine Eltern weinen mit mir und beteuern immer wieder, ich habe nichts falsch gemacht und dass meine Arbeit unglaublich wichtig sei.

Der Versand schreit nach Rache, das Herz sagt Vergeltung.
Ich hielt mich immer für klug und nun stehe ich an einer Glasscheibe und will den Hass auf einen Mann über meine Menschlichkeit stellen.
Ich zeige euch mal ein Foto, damit ihr ungefähr eine Vorstellung habt, welche Geräte, Apparate und Technik über das Leben von Lenara wachen. Diese Geräte sind nur auf der rechten Seite!

Freitag, 20. März 2020

Seit nun zwei Wochen liegt Lenara in der Brandklinik in Rotterdam mit ihren schweren Verbrennungen im künstlichen Koma. Ein Mensch im Koma ähnelt dem Traumlosen Schlaf und ist eine Art energiesparendes Notfallprogramm des Körpers. Dieser reagiert dann nicht mehr auf kräftezehrende Schmerzreize, aber der Hirnstamm erzeugt noch Reflexe, die dazu führen, dass sich Lider bewegen, geschluckt oder gewürgt werden kann.
Die Kehrseite des Komas ist leider nicht sehr erfreulich. Die Statistik zeigt deutlich, dass die Chancen wieder aufzuwachen, mit jedem weiteren Tag im Koma abnimmt. Uns blieb aber gar keine andere Wahl. Lenara würde in Folge der schwere ihrer Verbrennungen im Wachzustand dies nicht überleben! Daher hatten wir uns am 4. März in Afghanistan auch dazu entschlossen, Lenara zu sedieren.

Die ersten Tage in Rotterdam konnten die Ärzte kaum etwas an Lenara tun, da ihr Gesundheitszustand in einem sehr kritischen Bereich war. Am 9. März wurde mir die Anwaltschaftliche Vormundschaft für Lenara übertragen, jemand muss schließlich die Verantwortung für die Behandlungen, Operationen oder auch ihren Tod übernehmen. Mit der Vormundschaft habe ich mich mit vertrauten Ärzten in Afghanistan, Deutschland, Luxemburg und Niederlanden sehr lange und intensiv unterhalten. Da mir ein solches Verbrechen an einem Kind völlig neu war und ist, wollte ich JEDEN auch noch so kleinen Schritt bis ins tausendstel abgesprochen und erklärt haben. Ich habe mich auch mit meiner Familie und Freunde auseinandergesetzt und auch dort alle notwendigen Schritte für Lenara beraten.
Dr. Kürster vom UKE in Hamburg erwies sich als ein absoluter Glücksgriff, mit ihm konnte ich wirklich jede Frage beantworten. Michael schickte mir Dutzende Seiten an PDF Dateien zu und wir besprachen fast jede Seite. Ich habe in meinem Leben noch nie so viele Lateinische Fachbegriffe gelesen und gehört wie in den letzten zwei Wochen. Über Skype haben wir Stundenlang, zum Leidwesen seiner Tochter und Frau, geredet und Michael hat mir wirklich alles bis ins kleinste Detail erklärt. Er hatte auch Kontakt zu Professor de Friese aufgenommen und hat mit ihm sehr viel abgestimmt und beide sind 100 % konform, was die Behandlungsschritte von Lenara angehen.
Am Freitag, den 13. März, wurde mit dem ersten Bürsten-Debridement an ihrem linken Bein, ab dem Knie Abwärts, begonnen.

Am Montag, den 16. März, die zweite Behandlung am selben Bein und am Donnerstag, den 19. März, fast die Hälfte des rechte Beines. 20 % einer solchen Behandlung ist nicht gerade viel an einem Menschlichen Körper.
Da ihr EKG und die Elektroenzephalografie, also die Hirnaktivität, seit dem 11. März stabil sind, entschlossen wir uns mit den ersten Schritten der Behandlung, am 13. März, zu beginnen. Die Apherese (Blutwäsche) kommt auch voran und mit jedem Tag schwindet die Gefahr eines Septischen Schock bei Lenara. Mit jedem Tag aber auch die Gefahr, dass Lenara nicht mehr aus dem Koma erwacht.
Die Gedanken die mir seit zwei Wochen durch den Kopf gehen und irgendwie auch immer am Tag da sind, sind unvorstellbar. Ich danke meinen Eltern, dass sie mich auf den Boden gebracht haben und auch für ihre Engelsgeduld mit mir.

Am Sonntag sprach ich lange mit Samira und Ava, wie es in Afghanistan weitergeht und beide waren der Meinung, dass sie ab sofort die Leitung der Schule und der Frauenhäuser übernehmen werden. So habe ich wenigstens diese alltäglichen Probleme etwa aus dem Kopf. Wann ich nach Afghanistan zurück fliegen kann, steht durch Corona sowieso in den Sternen und zum anderen kann und möchte ich Lenara nicht alleine lassen. Ich telefoniere täglich mit der Klinik und fahre jeden zweiten Tag die 60 Kilometer nach Rotterdam. Ich stehe am Fenster vom Zimmer in dem Lenara liegt und kann nichts tun.

Am Montag, den 16. März, sprach Dr. Erik de Joost und ich mit Professor de Friese, ob es nicht möglich sei, dass ich mit Lenara reden kann. Ich bin Mutter und mir blutet das Herz, wenn ich mit dem Kind nicht reden oder die Hand halten kann. Es wurde mir zugesagt, dass ich heute zu Lenara darf. Über die Woche wurde ich täglich von Dr. de Joost kontrolliert, dass ich keine ansteckende Krankheit, Fieber oder der ähnliche habe. Erik führt Protokoll über meinen Gesundheitszustand. Dies ist wichtig, weil jeder Krankheitserreger für Lenara tödlich sein kann.

Auch wenn Lenara im künstlichen Koma liegt, sind sich die Spezialisten in der Anästhesie einig, dass der Mensch im Unterbewusstsein Töne und Reize wahrnimmt. So läuft „Musik“ im Zimmer von Lenara. Es sind Töne die jeder kennt: Vogelgezwitscher, Wellenrauschen, Wind und auch eine Abfolge von verschiedenen Musiktöne. Ich habe am Dienstag einen MP3 Stick mit Töne und Musik aus Afghanistan zusammengestellt, damit Lenara auch vertraute Töne wahrnehmen kann.
Da ich wusste, dass ich heute zu Lenara kann, habe ich mir überlegt, was ich mit dem Kind reden soll. Auf dem Flug von Kabul nach Charkiw, in der Ukraine, hatte ich mit Lenara gesprochen und ich sah an ihren Augen, dass sie mich hörte.
Also was sollte ich dem Kind heute erzählen? Ich sagte ihm, wo sie nun ist und wie die Behandlungen weiter gehen. Ich sagte ihr, dass ich ihre Mutter sein kann – wenn sie dies möchte. Ich habe die gesetzliche Vormundschaft für sie und werde für sie da sein. Ich sagte ihr auch, dass sie nicht mehr nach Afghanistan zurückkehren braucht. Der Mann der ihr dies angetan hat, sitzt im Gefängnis und auch ihre Eltern werden bestraft. Ich erzählte von Amira und das auch sie sich um Lenara kümmern wird.
Aus eigener Erfahrung weiß ich, was mir ein Kind sagen will, wenn ich auch nur eine minimale Bewegung der Augenlider sehe.
Da Lenara und ich unter ständiger Beobachtung waren, als ich die vier Stunden mit ihr gesprochen habe, sah die Krankenschwester die Veränderung an unzähligen Geräten links und rechts neben ihren Bett. Immer wieder zeigte Paula, die Stationsleiterin, mit dem Daumen nach oben. Lenara hörte mich!
Die Elektroenzephalografie (EEG) zeichnete eindeutig Wahrnehmungen von ihrem Gehirn auf, auch hat sich in meiner, einseitigen, Unterhaltung ihr EKG verändert.

Ich kann das Gefühl nicht beschreiben, wenn sich Kurven und Linien verändern. Es sind minimale Veränderungen und wenn sie noch so klein sind, weiß ich – Lenara hört mich. Sie versteht – was ich hoffe, was ich gesagt habe. Ich werde dies ihr immer und immer wieder sagen. Mein größter Wunsch ist es, dass Lenara in vier Wochen, zu meinem Geburtstag, aus dem Koma wäre.

Mein erster Buch welches ich in Deutschland gelesen hatte war, „Die Unendliche Geschichte“ von Michael Ende. Dieses Buch gibt es in unzähligen Sprachen der Welt, Paschtunisch aber nicht. So habe ich mir am Morgen diese Buch auf deutsch bestellt und seit Mittwoch übersetzte ich einiges aus dem Buch in paschtu, um nicht ständig erst lesen und dann übersetzen zu müssen. Beim lesen kamen mir ab Mittwoch so viele Erinnerungen in den Sinn, dass mir in den zwei Tagen doch die ein oder andere Träne übers Gesicht lief.

Mein erstes Buch welches ich auf deutsch gelesen hatte.

Da ich am Mittwoch schon gesehen habe, dass viele von euch dieses Buch kennen, obwohl ich die Titel gar nicht nannte, Fuchur scheint doch sehr bekannt zu sein, möchte ich aber auch jenen die die Geschichte nicht kennen, dieses wunderbare Kinderbuch gerne etwas erklären.
Bastian Balthasar Bux ist ein zehn oder elf Jahre alter schüchterner fantasievoller pummeliger Junge. Sein Vater hat den Tod von Bastians Mutter nie verkraftet, flüchtet sich in seine Arbeit und beachtet seinen Sohn kaum noch. In der Schule ist der Junge ein Außenseiter und wird von seinen Klassenkameraden schikaniert. Im Antiquariat des Buchhändlers Koreander, sieht Bastian das Buch, „Die unendliche Geschichte“ und stiehlt das Buch und flüchtet mit ihm auf den Dachboden seiner Schule. Dort beginnt er „Die unendliche Geschichte“ zu lesen.

Die Geschichte handelt von Phantasien, dem Reich der Phantasie. Die Kindliche Kaiserin, Herrscherin dieses Reiches, die im Elfenbeinturm wohnt, ist schwer erkrankt und droht zu sterben. Indem ihre Krankheit voranschreitet, ist auch Phantasien selbst dem Untergang geweiht. Der Junge Atréju aus Phantasien reist von Ort zu Ort und spricht mit den verschiedensten Bewohnern des Reiches. So findet er nach und nach heraus, dass die Kindliche Kaiserin nur gerettet werden kann, wenn sie einen neuen Namen bekommt, den ihr nur ein Menschenkind geben kann. Er begegnet auch dem Glücksdrachen Fuchur, der sein Begleiter wird.
Bastian begreift beim lesen immer mehr, dass er ein Teil der Geschichte ist und gebraucht wird. Im innersten Ort von Phantasiens steht eine Kuppelhalle in der ein Springbrunnen mit dem Wasser des Lebens fließt…..

So weit eines der schönsten Bücher und Erinnerungen meiner Jugend.
Was soll ich noch schreiben?
Es war ein wunderbares Gefühl die Hand von Lenara zu halten und ihr vieles erzählen zu können. Die minimalen Bewegungen ihrer Lider und die Aufzeichnungen vom EEG lassen mich wissen, sie hört und kennt mich.

Da ich nun auch weiterhin täglich von Erik auf meinen Gesundheitszustand geprüft werde, darf ich dann auch nun alle zwei Tage zu Lenara. Natürlich würde und möchte ich nun täglich zu ihr, ich halte mich aber an die Ratschläge der Ärzte und Anästhesisten und belassen es erst einmal auf alle zwei Tage. Vielleicht sieht es in einer Woche besser aus. Auch wenn Lenara Fortschritte macht, soweit man dies so sagen kann, ist ihr Körper extrem geschwächt und leider immer noch Lebensbedrohlich.

Sonntag 22. März 2020

Durch Corona ist es schwierig oder auch gar fast unmöglich in ein Krankenhaus zu kommen – auch hier in den Niederlanden. Durch eine Sondergenehmigung darf ich ins Krankenhaus. Ich muss vorher anrufen und kann dann durch einen Nebeneingang ins Gebäude. Seit Freitag darf nur ich zu Lenara und auch dies ist nicht leicht. Täglich werde ich auf Sars-CoV-2 getestet.
Na ja, wenn es hilft das ich zu Lenara kann, werde ich auch dies alles so weiter machen.

In der Intensivstation gibt es einen Raum, in dem ich meine Kleider ausziehe und sterile Kleidung bekomme.
Heute sprach ich mit den Ärzten und Pfleger die letzten zwei Tage von Lenara ab. Ich sah heute die Auswirkungen der Elektroenzephalografie der letzten Tage und wir verglichen dies Werte. Unzählige Striche auf Meterlangen Papier sehen sich ähnlich und trotzdem nicht. Die Frequenz zeigen eine Veränderung für eine leichte, mittelgradige oder schwere Enzephalopathie, also der Gehirnveränderung. In wieweit nun es hypoxisch oder medikamentös bedingt ist, kann jetzt niemand sagen.
Meine Unterhaltung mit Lenara vom Freitag zeigte ganz klar und deutlich Veränderungen in der Enzephalopathie bei Lenara. Sie hört mich! Sie kann es auch, was alle hoffen, zuordnen. Dieses Bild an Linien und der Aussage von Dr. Vermeulen trieb mir die Tränen in die Augen. Auch sieht man auf den Auswertungen deutlich, dass Lenara die Geräusche und Töne von Afghanistan besser auf- oder wahrnimmt als die Töne, die in der Klinik in einem wohl Standard Programm laufen.
Ich hatte am Anfang der Woche einen MP3 Stick mit Musik, Geräusche aus Afghanistan und meiner Stimme aufgenommen und diese am Freitag nach meinem Besuch der Krankenschwester Paula gegeben.
Meine Angst vor einem hypoxisch Hirnschaden bei Lenara kommt immer wieder hoch und vieles von vor Jahren kommt wieder in mir hoch. Was wird sein, wenn eine mittelgradige oder sogar schwere Enzephalopathie bei ihr später vorliegt? Schaffe ich dies? Wie wird das Leben für mich und Lenara sein, wenn?
Zweifel begleiten mich ständig. Mache ich das richtige? Dann habe ich die Angst, dass Lenara nicht aus dem Koma erwacht.
Wenn sie erwacht, wie wird es sein? Was wird sein? Diese Angst lähmt mein Gehirn im Denken. Auch wenn ich mir immer und immer wieder sage, es wird alles gut.

Am Samstag war ich bei Marpe de Joost, sie ist Psychologin und langjährige Freundin von mir. Über Stunden habe ich mit ihr gesprochen. Auch wenn ich weiß, dass ich unglaublich viele und kompetente Menschen um mich habe, habe ich schließlich die Verantwortung für Lenara.

Die ersten Schritte in das Zimmer von Lenara tut mir unglaublich weh. Die vielen Geräte, Kabel und Monitore haben etwas sehr Futuristisches und ich muss immer an Raumschiff Enterprise denken. Mir fallen sofort Unterhaltungen mit Ärzten ein, die mir es noch schwerer machen, die fünf Meter an ihr Bett zu gehen. Lenara ist im Bereich des Stimuli, also starke äußere Schmerzreize, bei denen der Patient nicht geweckt werden kann. Sie liegt mit Grad 4 im künstlichen Koma ( Stimuli), bei der keine Schmerzreaktion, keine Pupillenreaktion und der Ausfall weiterer Schutzreflexe gar nicht vorhanden ist.
Schlagartig kommen mir Gedanken, gehe ich an ein Kranken- oder Totenbett? Mir kommen die Tränen.
Mit meinen Handschuhen halte ich ihre Hand und sitze auf einem unbequemen Stuhl neben ihr. Lenara liegt auf einem speziellen Luftpolster auf dem Rücken. Auf dem Bauch könnte sie um Längen besser liegen, nur ist und wäre dann die künstliche Beatmung und Ernährung nicht möglich.
So sitze ich auf einem Plasikstuhl und schaute in ihr unschuldiges Gesicht. Meine Gedanken sind zäh wie Kaugummi. Wo fange ich an ihr etwas zu erzählen?
Ich nehme das Buch von dem Tisch neben ihrem Bett und fange auf deutsch an zu lesen:
Die uralte Morla
Caíron, der alte Schwarz-Zentaur, sank, als er den Hufschlag von Atréjus Pferd verhallen hörte, auf sein Lager aus weichen Fellen zurück. Die Anstrengung hatte seine Kräfte erschöpft. Die Frauen, die ihn am nächsten Tag in Atréjus Zelt fanden, bangten um sein Leben. Auch als einige Tage später die Jäger heimkehrten, stand es noch kaum besser um ihn, aber er war immerhin in der Lage, ihnen zu erklären, warum Atréju fort geritten war und nicht so bald zurückkehren würde…

Immer wieder sehe ich zur Glasscheibe hinter der ein Krankenpfleger steht und mir zunickt. Ich sehe auf die Monitore vom EEG und EKG wie sich die Kurven und Linien verändern. Lenara hört mich! Sie kennt meine Stimme.

Nach einer Stunde legte ich das Buch weg und spreche in paschtu mit ihr. Wieder sagt ich, dass ich ihre Mutter sein kann und sie nie wieder Angst haben braucht. Ich erzähle ihr, wie es am Meer ist und das Amira sich über eine Schwester freut.
Amira hatte die Tage auch einen MP3 Stick aufgenommen auf dem sie mit Lenara sprach und was sie sich für beide wünscht.
Der Krankenpfleger spielt die Aufnahme von Amira ab und ich sehe wie die Enzephalopathie sich in den Linien verändern. Nach zehn Minuten sprach ich weiter und sage Lenara, dass dies die Stimme von ihrer Schwester war.

Zweieinhalb Stunden war ich heute wieder bei Lenara. Es ist für mich sehr anstrengend mit ihr zu reden, ihr Mut zuzusprechen und immer wieder zu sagen, dass wir dies alles schaffen werden. Ich sagte ihr auch, dass ich sehr gerne täglich zu ihr kommen möchte, aber auch weiß das sie Kraft und Ruhe braucht.

Ich sprach danach mit Dr. Vermeulen wie lange Lenara noch im Stimuli 4 liegen muss und ob mein Wunsch für meinen Geburtstag zu utopisch sei. Wenn die Werte auf diesem Niveau bleiben würden und das Debridement so fort gesetzt werden kann, wie es seit eineinhalb Wochen gemacht wird, bestünde durchaus die Möglichkeit Lenara aus Phase 4 zu holen um nach und nach auf Phase 1 zu gehen, also auf Pupillenbewegung.

Brandklinik Rotterdam 26. März 2020

Ich war am Dienstag und heute wieder einige Stunden bei Lenara und habe ihr nochmal aus „Die Unendliche Geschichte“ vorgelesen. Ich las auf deutsch zwei, drei Seiten und erzählte ihr auf paschtu was ich gelesen habe.
Auch wenn mir jeder Besuch schwerfällt die Tränen zurück zu halten, erfreue ich mich über jede minimale Verbesserung von Lenara. Nach meinem Besuch mit dem Vorlesen und erzählen, wie das Wetter ist und wie die Niederlanden sind, verglichen die Krankenschwester Paula und ich das EEG. Die Enzephalopathie zeigt ganz deutlich, Lenara hört mich. Auch hat sich die komplette Enzephalopathie seit einer Woche verändert, zum positiven. Soweit man dies sagen kann. Ich sprach heute mit einem Neurologen über die Enzephalopathie und meine ständige Angst vor einem hypoxischen Hirnschaden.
Dr. van Gastelen erklärte mir sehr vieles über das Gehirn und auch über den hypoxischen Hirnschaden. Wenn ich weiterhin so mit Fachbegriffen bombardiert werde, kann ich bald mein Staatsexamen in Medizin machen.

Nun mal die Erklärung von Dr. van Gastelen: Ein hypoxischer Hirnschaden kann nach einem Wiederbelebungsversuch eintreten, der nach Herzinfarkt, Schlaganfall, einer Vergiftung, einem Ertrinkungsfall, Narkosezwischenfällen, Verkehrsunfällen und Hirnblutungen stattgefunden hat. Die Folge des Hirnschadens ist ein tiefes Koma, häufig auch ein Wachkoma. Immer wieder hört man vom Aufwachen langjähriger Wachkomapatienten, die wie ein Wunder erlebt werden. Doch dies ist die Ausnahme. Wachkomapatienten können zwar das Bewusstsein wiedererlangen, bleiben aber oft körperlich und geistig behindert und Pflegefälle.
Da Lenara keinen Unfall und somit auch keine Beeinträchtigung von Sauerstoff zum Gehirn hatte, wird von den Ärzten ein hypoxischer Hirnschaden ausgeschlossen! Was „nur“ bleiben kann, ist eben die Zeit die Lenara im künstlichen Koma liegt und dadurch Hypoxische Hirnschäden treten infolge von schwerem Sauerstoffmangel im Gehirn auf. Jedes Jahr fallen in Deutschland etwa 10.000 Menschen ins Wachkoma, 40% bleiben dauerhaft Komapatienten. Koma und Wachkoma (apallisches Syndrom) gehören zu dieser Krankheitsgruppe. Die Folgen der schwerwiegenden Hirnverletzungen sind nur schwer zu therapieren. Durch den Sauerstoffmangel sterben Gehirnzellen ab, auch größere Bereiche, die für die Aufrechterhaltung lebenswichtiger Funktionen notwendig sind.
Das erwachen aus dem oder einem Koma ist auch nicht leicht und das Aufwachen ist ein langer Prozess, der in mehreren Phasen abläuft. Lenara befindet sich in Phase 4, also wird es mit meinem Geburtstagsgeschenk nichts werden. Erst wenn Lenara wieder Kontakt zu ihrer Umwelt aufnimmt, zum Beispiel etwas mit ihren Augen fixiert, kann man von Aufwachen sprechen. Wenn nicht, bleibt sie im Wachkoma. Nach der Aufwachphase muss sie wieder selbstständig atmen und schlucken lernen. Sie muss Bewegungen einüben, wofür es Therapeuten benötigt. Die Rehabilitationsphase ist schwierig und kann sehr lange dauern. Neurologen und Neurochirurgen würden sich um Lenara kümmern, auch Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden und speziell ausgebildete Pflegekräfte.
Also werde ich so schnell nicht nach Afghanistan zurückkehren. Zum Glück habe ich einen Deutschen Pass und habe keinen Stress mit einer Aufenthaltserlaubnis für die Niederlanden.

Noch etwas zu meinem Vorlesen und Anwesenheit bei Lenara. Ich hatte vorhin eine Unterhaltung mit einer Freundin aus Österreich, die auch im Jugendalter im Koma lag und sie bestätigte mir, dass Lenara mich hört! Sie bestätigte auch, dass man im Koma Stimmen und Geräusche hört. Jeder Ausdruck von einem EEG und jede Aussage von einem Arzt kann es mir bestätigen oder sagen was auch immer; glauben kann und werde ich es erst jetzt nach der Unterhaltung mit Johanna.
Johanna, ich danke dir aus tiefstem Herzen für alles. Danke für deine Geschichte und Vertrauen.

Donnerstag 30. April 2020

Um 3.18 Uhr bekam ich einen Anruf aus Afghanistan in dem es mal wieder um nichts erfreuliches ging. Warum immer ich für alle Probleme dieser Welt eine Lösung finden muss, verstehe ich auch nicht. Ich bin 5685 Kilometer Luftlinie von den Problemen entfernt und muss dies irgendwie gebügelt bekommen. Also Telefonieren, Skypen, Mailen. Dies alles mal wieder über Stunden.

Bis kurz vor 6 Uhr MEZ war ein Lösungsplan erstellt und konnte 5685 Kilometer weiter ausgedruckt werden.
An Schlaf war nicht mehr zu denken, also ab unter der Dusche und ins Büro gefahren. Dort nochmals Telefonieren, Skypen und Mailen. In Afghanistan war es mittlerweile 10 Uhr und so konnte ich mehr erreichen als am frühen Morgen. Nach zwei Stunden war endlich soweit alles geklärt und ich machte mich auf den Weg nach Rotterdam.

The same procedure as every time.

Auf den Weg in die Klinik rufen ich vorher an und sage, wann ich da bin. Da man mich mittlerweile sehr gut kennt, gehe ich gleich zu einem Nebeneingang und rufe bei die Pforte an, damit diese mir die Tür öffnet. „Hallo, dit is Nila, ik wil weer naar de intensive care. Dank je wel.“

The same procedure as every time.

In der Klinik die gleiche Prozedur wie immer. Auf dem Stationszimmer meine Temperatur messen, in ein Protokollbuch schreiben und anschließend lese ich die letzten Berichte über den Zustand von Lenara.
Duis rhoncus tortor in mensura: Also Temperatur im normalen Bereich.
Evacuatione status normalis rang: Beatmung auch im normalen Bereich.
Elektroenzephalogie progressio in normalis range: EEG auch unverändert.
Adductus tamen potest reduci Coma: Das Koma kann noch nicht reduziert werden.

Ich hatte mal wieder Tränen in den Augen bei dem letzten Satz. Ich schaute auf den Wandkalender und zählte die Wochen: 7 Wochen und 4 Tage. 7 Wochen! Lenara, wenn du wüsstest was sich in dieser Zeit ereignet hat. Ein Heer von Menschen ist um deine Gesundheit besorgt und mein Team und ich tun alles, um rechtliche Fragen über dich abzuklären.

Nachdem ich die Berichte gelesen habe, geht es auf der Intensivstation zwei Zimmer weiter. In diesem Raum muss ich mich umziehen und sterile Kleidung anziehen. Haare unter eine Haarhaube, Latexhandschuhe anziehen und wieder ins Stationszimmer. Dort wird geprüft ob alles richtig ist und dann kann ich zwei Türen weiter nach links gehen und betrete das Vorzimmer von Lenara. Ich schaue mir die neusten Ausdruck vom EEG und EKG an und rede noch kurz mit dem Pfleger Roy über die meterlangen Ausdrucke. Noch kann niemand sagen ob und in wie weit eine kognitive Beeinträchtigung des Gehirns vorliegt. Ich schlucke die Tränen herunter.
Im Nebenzimmer von Lenara liegt ein Mann der im Dezember einen Säureunfall hatte. Sieht gar nicht gut aus. Er hat multiple Verletzungen durch die Säure am linke Arm und Bein. Seine linke Torsoseite sieht, na ja….. aus. Rebecca, seine Frau, sitzt in dem Zimmer und redet mit Marten. Auch er liegt im künstlichen Koma. Rebecca sehe ich auch fast alle zwei Tage in der Klinik und wir hatten schon öfters zusammen gesprochen. Sie ist so alt wie ich und kommt mit sehr labil vor. Ich winke ihr durch die Glasscheibe zu und gebe Roy einen neuen USB Stick für Lenara. Ich hatte die Tage andere Musik aufgenommen. Dieses mal mehr Keltisch. Mal schauen wie das EEG bei Lenara mit diesen Tönen aussieht.

Beim öffnen der Tür zu Lenara zittert wieder meine Hand. Zig Fragen gehen mir auf den 6 oder 7 Meter bis zu ihrem Bett immer wieder durch den Kopf. Gehe ich an ein Kranken- oder Totenbett? Ich will Antworten, Bestätigungen und endlich Gewissheit. Dies alles kann mir aber zur Zeit niemand geben. Adductus tamen potest reduci Coma. Das weiß ich!

„Hallo, meine Maus. Ich bin wieder da. Habe dir neue Musik aus Schottland und Irland mitgebracht. Ich hoffe sie gefällt dir.“ Ich erzähle Lenara von Schottland und wie schön es dort ist und das wir dort hinfahren werden, wenn es ihr besser geht. Der Patenonkel von Amira lebt dort und wenn ich ihm den Namen von ihrem Peiniger nennen würde, wären dessen Tage gezählt. Lenara, auch ich habe Hass gegen deinen Ehemann im Herzen und ja, auch ich habe Mordgedanken. Dies ändert aber nichts an deinem Leben. Wir werden diesen Mann verurteilten und er wird seine Strafe bekommen – dafür kämpfen ein Dutzend Juristen.

Ich nehme das Buch vom Tisch und lese der kleinen Maus weiter aus Peter Pan vor.

Peter Pan Kapitel 10: Das glückliche Heim

„Eine wichtige Folge des Kampfes in der Lagune war, dass die Rothäute dadurch ihre Freunde wurden. Peter hatte Tiger Lily von einem schrecklichen Schicksal bewahrt, und nun gab es nichts, was sie und ihre Krieger nicht für ihn tun würden…..“
Ich las die 9 Seiten aus dem Kapitel und erzählte ihr von dem Haus, dass ich für uns gekauft habe. Wann es mit dem ersten Baumaßnahmen anfängt und ich ihr Bad in knalligen Farben machen möchte. Die Dusche wird Knallrot, die Wände anthrazit, weißes Waschbecken und die Schränke in Fuchsia, Sonnengelb und Knallgrün.
Wie erklärte ich ihr solche Farben, die sie wahrscheinlich noch nie gesehen hat? Ich denke die Lehrertante hat es ihr ganz gut erklärt. Lenara brachte keinen Einwand ein; wie auch?

Auf einem Spezialbett mit einer Luftmatratze liegt ein Kind, das noch einen langen Weg zu einem normalen Leben vor sich hat und hört mir zu was ich ihr erzähle. Ich halte ihre Hand fest und streichle ihr Gesicht mit meinen Latexhandschuhe. Wie gerne würde ich Lenara meine Hand geben und sie richtig streicheln. Die Gefahr von Bakterien auf ihrer Haut ist einfach viel zu groß und da muss ich meiner Vernunft den Vortritt lassen. Also bleibt nur der Latexhandschuh.

Nach drei Stunden des Erzählen, Vorlesen und bei ihr sein verabschiede ich mich von meiner Maus und sage ihr, dass ich am Samstag wieder zu ihr kommen werde.

Der Gang nach Canossa

Nach dem ich aus ihrem Zimmer ging, winkte mir Rebecca zu, ich sollte doch bitte warten, sie wolle mit mir reden. Gemeinsam gingen wir in unseren Umkleideraum und ich merkte dass Rebecca mir etwas sagen möchte was ihr auf dem Herzen oder Seele brennt. Ich sah ihr an, dass sie nicht wusste, wie sie anfangen sollte. Also musste ich den ersten Schritte machen. Psychologischer Gesprächsaufbau nennt man so etwas. „Komm, lass uns in die Nische von der Station setzten und reden. Okay?“ Rebecca nickte stumm. Durch die Corona Beschränkungen, kann man sich ja sonst außerhalb nirgends treffen um einen Kaffee zu trinken oder ein Stück Kuchen zu essen. Ich ging noch zwei großen Tassen Kaffee in das Stationszimmer holen und fragte, ob es in Ordnung sein, dass wir uns auf der Stadtion unterhalten. Maite, die Stationsschwester, nickte und sagte, dass Rebecca die letzte Woche mit Professor de Friese gesprochen hätte und er sie an mich verwies. „Aha. Na dann ist das Gespräch schon länger geplant.“ Maite nickte und steichelte mir den Arm. Also wird das folgende Gespräch nicht leicht werden. „Bedankt Maite. Ik hoop dat ik Rebecca helpen kan.“ Maite nickte. „Dat kan het. Als iemand haar kan helpen, ben jij het, Nila.“  (Danke Maite. Ich hoffe ich kann Rebecca helfen.“ „Kannst du. Wenn ihr jemand helfen kann, dann du, Nila.“

Auf den 15 Meter vom Stationszimmer bis zu der Nische überlegte ich, wie ich ein Gespräch beginnen sollte, dass seit Tagen geplant war, ich aber bis dato keine Kenntnisse hatte.
Da ich in den letzten Jahre auch so einige Fortbildungen in der Psychologie gemacht habe, fiel mir auf den wenigen Meter die Exploration ein: Die Exploration ist die erste Gesprächsphase und dient der Erforschung der Situation. Dann Erforsche ich mal die Situation.

Ich reichte Rebecca den Kaffee und fragte nach ihrem Mann. Marten arbeitet bei AkzoNobel in Amsterdam und durch einen Unfall mit einem Kran sei ein Fass geplatzt und beim Aufschlag wären 200 Liter Säure gespritzt. Zwei Kollegen wäre kurze Zeit nach dem Unfall verstorben und Marten “zum Glück“ nicht zu nah an der Unfallstelle gewesen. Seit dem 13. Dezember liege er in der Klinik und sein Gesundheitszustand sei immer noch akut gefährdet. Sie beide haben zwei Kinder, 4 und 7 Jahre und vor fünf Jahren hätten sie ein Haus gebaut. Auch wenn Marten seit dem Unfall nicht mehr auf der Arbeit sei, würde die Firma weiterhin das Gehalt bezahlen und sich auch in vielen anderen Dingen sehr entgegenkommend zeigen.
Immerhin etwas ging es mir durch den Kopf.
„Nila, ich sprach die letzte Woche mit Professor de Friese und ich bin ehrlich, wir kamen auf dich zu sprechen und er hatte mir einiges über dich erzählt, was ich von dir noch nicht wusste. Meine vielen Sorgen rauben mir den Schlaf. Die Kinder verstehen nicht, dass ich manchmal noch nicht einmal die Kraft habe um Pfannkuchen zu machen. Du kauft ein Haus, hast Arbeit ohne Ende und kümmerst dich um so viele Menschen. Ich zerbreche an einem tausendstel von dir.“
Ich zog die Schultern hoch „Rebecca, was du mir eben gesagt hast, sind Anzeichen für eine Depression und da weiß ich nicht, wie weit ich dir helfen kann. Dafür solltest du zu einem Therapeuten gehen.“ Rebecca nickte und sagte, dass sie seit Februar bei einer Psychologin wäre, diese sie aber nicht richtig verstehe oder beide nicht auf eine Ebene kommen würden. „Nila, ich kann nicht mehr! Ich weiß nicht, wie ich dies alles noch verarbeiten kann. Wenn ich das von dir höre, fühle ich mich so hilflos, so leer.“
Bin ich wirklich so stark? Ich wusste nicht was ich ihr sagen konnte. “Du darfst nicht aufgeben, das Leben geht weiter.“ Einen solchen Spruch wird Rebecca oft genug gehört haben. „Was soll ich dir sagen? Auch ich musste vieles lernen, wie ich mit all dem in den letzten 15 Jahre umgehen musste. Vielleicht bin ich noch nicht da, wo ich sein möchte. Doch zum Glück bin ich nicht mehr da wo ich einmal war. Ich gehe jeden Tag einen Schritt weiter. Nur wenn ich weiß wo ich hin will, kann ich auch ankommen. Vielleicht hat mich jeder neue Schritt stärker gemacht als der vorherige. Rebecca, du hast die Sorgen um deinen Mann, euer Haus und deine Arbeit. Ich will jetzt nicht sagen, dass ich mir Sorgen um 1200 Mädchen, um die Sicherheit von meinen sechs Frauenhäuser, mein Team und ein ganzes Netzwerk in Afghanistan und um Lenara mache. Dies ist nicht vergleichbar. Du kennst mein Leben nicht und auch dies ist ein anderer Maßstab als in Europa geboren zu sein. Vielleicht habe ich durch Krieg und Terror aufgehört an das was kommt zu denken.“

Rebecca wollte nun mehr von mir wissen. Also gut, wo fange ich an ihr ein Bild von mir zu machen? Mit meiner Flucht vor 30 Jahren ist ein guter Anfang. Rebecca hörte aufmerksam zu und immer wieder kamen ihr die Tränen oder sie sagte leise „Wie schaffst du dies alles?“ In dem Gespräch ging oder geht es ja nicht um mich, sondern um Rebecca. Sie braucht Hilfe und diese eigentlich schon gestern. Wie überall auf der Welt sind Therapeuten ausgebucht und man wartet unglaublich lange auf einen Termin, oder ist mit dem Therapeuten nicht zufrieden. Ich machte ihr den Vorschlag, ob es nicht besser wäre an einem anderen Ort zu reden, als hier in der kleinen Nische der Station, wo wir zwar alleine waren aber trotzdem es nicht waren. Also fuhren wir in mein Büro nach Den Haag.

Auf der Fahrt von Rotterdam nach Den Haag rief ich Marpe an und sagte ihr warum und mit wem ich ins Büro komme. Ich bin keine Psychologin, weiß aber das Rebecca Hilfe braucht. Sie steht kurz vor einer Depression oder hat schon eine. Ich sprach mit Marpe wie ich versuchen möchte Rebecca irgendwie zu helfen. Marpe hat in Psychologie promoviert und gab mir in meinem Denken bezüglich Rebecca recht und sie es gut hieß, dass ich auch gleich mit Rebecca gesprochen habe und es auch jetzt noch weiter tun werde.

Im Büro war außer Anjana und Elly niemand da. Ich stelle Rebecca meinen Kolleginnen vor und wir beide gingen in mein Büro um ungestört reden zu können. Wie schon vermutet, ist Rebecca von einer Depression nicht mehr all zu weit entfernt. Ihre Antriebslosigkeit und Niedergeschlagenheit gepaart mit den Schlafstörungen sind die Anzeichen für Depression. Hinzu kommen die Kinder, die auch seit Wochen im Haus sind und Rebecca so noch nicht einmal Ruhe für sich findet.

Was in den nächsten dreieinhalb Stunden besprochen wurde werde ich nicht schreiben, da dies privat ist und meiner Schweigepflicht unterliegt.

Die Macht der Manipulation

Terroranschlag der Taliban, im September 2020 in der Provinz Helmand

Mir liegt seit Monaten eine Stellungnahme der CIA vor, die sich auf einen Anti-Terror Einsatz vom 22. September 2020 bezieht.

Autorin Nila Khalil

Anhang II: Antwort der CIA

„Die CIA gibt zu der Darstellung vom Resolute Support aus September 2020 über die brutale Kampagne der Taliban die rechtmäßig gewählte Regierung Afghanistans zu destabilisieren, Stellung.“

Einleitung:
In den letzten 20 Jahren gab es neben dem offiziellen ISAF Einsatz der Alliierten Truppen auch unzählige geheim Operationen der CIA, bei denen sehr viele Zivilisten uns leben gekommen sind.
Einer der geheimen Einsätze gegen die Taliban, im September 2020 in der Provinz Helmand, zeigt deutlich mit welcher Propaganda die Taliban immer wieder diese Einsätze für sich nutzt, um der Zivilgesellschaft zu zeigen, wer für all dieses Chaos schuld sei. Diese Manipulation der Zivilbevölkerung ist mit daran Schuld, dass seit dem 15. August 2021 die Taliban die afghanische Regierung stürzen konnte.

Falschen Behauptungen halten sich hartnäckig, da die Taliban eine systematische Propagandakampagne gegen die Operationen der Nationalarmee und der Koalition der ISAF-Truppen führen, um das Vertrauen der Bevölkerung in die Regierung zu untergraben und ihre internationalen Partner, einschließlich der USA, zu verunglimpfen. Die Medien der Taliban stellen routinemäßig falsche Behauptungen auf, indem sie die Zahl der zivilen Opfer übertreiben und getötete oder gefangene Taliban-Kämpfer als
unschuldige Zivilisten darstellen. Ihre Strategie besteht darin, die afghanische Regierung zu schwächen um die Alliierten Truppen aus der Region zu vertreiben, indem sie Fehlinformationen verbreiten

So wurde beispielsweise am 22. September 2020 bei einem Anti-Terror Einsatz des US-Militärs und der afghanischen Nationalarmee einen Al-Qaida Stützpunkt in Helmand angegriffen,
bei dem mehrere Kämpfer getötet wurden, falsch dargestellt. Die Taliban verbreitete einen Berichte, wonach diese Operation eine Hochzeitsgesellschaft zum Ziel hatte und veröffentlichte Fotos auf denen zu sehen sei, dass es zivilen Opfer waren. Dies haben Hunderte von Afghanen dazu veranlasste, gegen die Regierung zu protestierten und somit der Nationalarmee
verwarfen, sie würde auf ihr eigenes Volk schießen.
Die Fotos mit den angeblich zivilen Opfern stammten von einem Terroranschlag außerhalb Afghanistans. Fachleute vom verschiedenen Geheimdiensten fanden anhand der Lichtverhältnisse, der Hintergründe, dem Bodenbelag und andere Dinge heraus, dass es unterschiedliche Orte und auch Zeitpunkte sind.

Dies ist kein Einzelfall, sondern eine gut
koordinierte und weit verbreitete Propaganda-Kampagne. Um den öffentlichen Diskurs weiter zu verzerren,
nutzen die Taliban ihre geheimen Verbindungen zu Stammesführern und lokalen Beamten, um falsche oder übertriebene Behauptungen über zivile Opfer im Anschluss an Anti-Terror Einsätze zu verbreiten.

Die offizielle Stellungnahme der CIA

„Anders als die Taliban sind die USA der Rechtsstaatlichkeit verpflichtet. Wir dulden weder noch würden wir wissentlich an illegalen Aktivitäten teilnehmen, und wir arbeiten kontinuierlich mit unseren
ausländischen Partnern zusammen, um die Einhaltung des Gesetzes zu fördern. Wir ergreifen auch außergewöhnliche Maßnahmen, die über die gesetzlichen Mindestanforderungen hinausgehen, um die Zahl der zivilen Opfer in bewaffneten Konflikten zu verringern und um die Rechenschaftspflicht für unsere Handlungen und die unserer Partner zu stärken.“
Weiter im Text heißt es:
„Die CIA nimmt Vorwürfe von Menschenrechtsverletzungen sehr ernst, unabhängig davon, wer sie begangen haben könnten oder was ihre Motivation war. Wenn wir Informationen erhalten, die darauf hinweisen, dass Personen, die mit einem ausländischen Verbindungspartner verbunden sind – egal mit welchem ausländischen Verbindungspartner -, Menschenrechtsverletzungen begangen haben, überprüfen wir gründlich die verfügbaren Informationen aus sowohl: geheimen als auch aus offenen Quellen, um festzustellen, ob die Anschuldigungen zutreffend sind. Wenn unsere Überprüfung irgendwelche Bedenken über das Verhalten des ausländischen Partners aufwirft, teilt die CIA dies der U.S.-Regierung und den ausländischen Partner mit. Des Weiteren gibt die CIA Anleitungen und Schulungen über das geltende Recht und bewährte Praktiken und ergreifen geeignete Schritte, um die Wahrscheinlichkeit zukünftiger Missbräuche zu verringern, einschließlich der Information unserer Aufsichtsbehörden….“

Im nachfolgenden Absatz unter Punkt 21 Absatz 3 ff ist zu lesen:

„In einigen Fällen setzt die US-Regierung die Hilfe aus oder beendet sie, um die Ernsthaftigkeit unserer Bedenken zu unterstreichen. In extremen Fällen hat die CIA entschieden, unsere Beziehung zu einem ausländischen Partner ganz zu beenden.
Diese Praktiken sind gut etabliert, und all dies unterliegt einer strengen Berichterstattung und Aufsicht, sowohl innerhalb der Exekutive als auch durch den Kongress.
Die CIA ist stolz auf die Arbeit der US-Regierung mit unseren Koalitionspartnern bei der Verteidigung gegen den blutigen Feldzug, den die Taliban immer noch gegen das afghanische Volk führen.“

Weiter ist in Absatz 8 zu lesen:

„Die Taliban können das Leid beenden, das sie dem afghanischen Volk zugefügt haben, indem sie ihre Waffen niederlegen und mit der afghanischen Regierung zusammenarbeiten, um einen dauerhaften Frieden zu erreichen.“

Abschließend noch folgendes:

Die CIA schätzt die von Ihrer Organisation gebotene Möglichkeit, eine vorläufige Antwort auf die in ihrem Bericht enthaltenen Anschuldigungen zu geben. Obwohl wir noch nicht Zeit hatten, die Behauptungen vor der Veröffentlichung gründlich zu prüfen, werden wir diese weiter untersuchen, da wir uns der Rechtsstaatlichkeit verpflichtet fühlen und das tun, was richtig ist.“

Nila Khalil, Vojens Sogn, 29. August 2021

Die Sorgen um die Menschen in Afghanistan ist sehr groß.

Menschen versuchen vor der Taliban zu fliehen

Sehr viele Menschen haben in den letzten Tagen das Chaos in Afghanistan mitbekommen – 1999 kaum jemand.

Autorin Nila Khalil

Ich lese erschütternde Beiträge und sehe Lachsmileys, Sinnfreie und Menschenverachtenden Kommentare.
Ich lese die Verzweiflung von Menschen die Empathie haben und sich sehr viele Sorgen machen.
Auch werde ich seit Tagen mit Nachrichten von Freunden in Afghanistan überschüttet. Da diese Personen sich in verschiedenen Stadtteilen von Kabul oder Provinzen in Afghanistan aufhalten, ist jede Nachricht eine andere. Eine genaue Einschätzung jetzt zu geben, kann und werde ich nie tun.

Seit Montag Mitternacht bin ich wieder in Europa und habe mit einem Stab von weit über 100 Menschen mehr als genügend Probleme zu klären und zu lösen.

Wir alle stehen vor einer Ohnmacht, die ich im April 2020 schon kommen gesehen haben.
Das die Taliban so schnell ein Land überrennt habe ich nicht erwartet.  Ich rechnete 2022 damit. Auch meine Einschätzung der letzten 14 Jahren hat sich sehr getäuscht. Wie kam es zu der Kapitulation der Nationalarmee?
Das Ghani abhaut, hatte ich im Mai 2020 schon geschrieben. Nach Meldungen, die ich noch als nicht bestätigt ansehe, sei der Bruder von Ghani nun bei der Taliban. Gut, wo Geld ist, kann man sehr schnell das Fähnchen wechseln um in Ruhe gelassen zu werden.

Gefangen im eigenen Land

Hunderttausende Menschen wollen aus Afghanistan raus, denn sie alle wissen, was eine Machtübernahme der Taliban bedeutet.
Die Kapitulation der Nationalarmee hat mal eben circa 38 Millionen Einwohner das Messer in den Rücken gestoßen. Dieses Verhalten werde ich niemals tolerieren.

Aus meinen gesunden Menschenverstand heraus, macht es keinen Sinn in Kabul auf eine Lösung zu hoffen. Fliehen – wohin ist eine Frage, die ich auch nicht beantworten kann, denn die Grenzen werden von der Taliban kontrolliert.
Nun sehen sich Al-Qaida und IS beflügelt um ihren „Glauben“ weiter zu verbreiten. Da jeder gegen jeden kämpft und in diesem Chaos sowieso alles zusammen gebrochen ist, kann man den Menschen die irgendwo festsitzen nur Raten, sich ruhig und unauffällig zu verhalten.
Afghanistan ist ein Kriegsgebiet, auch wenn es für viele nicht diesen Anschein erweckt, ist dies aber Fakt.

Krieg den keiner sieht

Wer glaubt, dass Krieg mit Flugzeugen und Bomben ist, hat keine Ahnung von dieser Welt. Alle Strukturen sind zusammen gebrochen. Sprich: Sicherheit durch Polizei und Politik. Die Wirtschaft und Versorgung für Millionen Menschen ist kaum noch vorhanden – also Krieg.

Wie und ob es Verhandlungen mit der Taliban geben wird, kann ich jetzt noch nicht sagen. Sicher ist nur, es muss eine Lösung her und diese auch sehr schnell.
Der ISAF Einsatz ist Geschichte. Nun drängen China (was mir schon vor einem Jahr klar war, und ich auch schon öffentlich geschrieben hatte ((Anmerkung: bekam dafür eine paar Lachsmileys von Facebook User)) und Russland nach Afghanistan. Es geht nicht um Menschen, es geht un die Resourcen in den Land.

Fakt ist, mit der Unterzeichnung des Freidensabkommen von Doha, man kann Auszüge aus diesem Vertag auf meiner Seite nachlesen, mit den Taliban und USA, wurde das Land schon geopfert.
Nun ist es so gekommen und Menschen scheinen als Kollateralschaden abgeheftet zu werden. Dieses Versagen hat nun auch schon fast jeder mitbekommen.

Die Ohnmacht vor dem Terror

Wir stehen vor einer Ohnmacht der Hilflosigkeit und sind krank vor Sorge um Menschen die wir kennen.
Für Afghanistan wird es keine Zukunft mehr geben. Diesem Fakt muss man sich bewusst sein.
Bereits vor 6 Jahren haben ein paar Menschen eine Teilung von Afghanistan in Betracht gezogen, um Frieden in dieses gebeutelte Land zu bekommen. Da nun die demokratische Grundordnung in sich zusammengefallen ist, ist auch diese – vielleicht letzte Möglichkeit verspielt worden.

Die Taliban war nie weg

Durch die Struktur von Afghanistan und den vielen verschiedenen Stämmen und dem darauffolgenden Stand in der Gesellschaft waren schon immer Spannungen in diesem Land. Gleiches galt auch damals in Jugoslawien.
Die Taliban waren ein Staat in einem Staat mit eigenen Gesetzen. Steinigung  oder köpfen von Frauen, die Verweigerung Mädchen an Schulen gehen zu lassen, Landraub, kontrollieren von Provinzen in denen Lebensmittel Konvois beschossen und Mitarbeiter von NGO’s getötet wurden.
Die Rekrutierung von Jungen war selbstverständlich, denn den Eltern wurden Landwirtschaftliche Flächen gegeben.
So konnte in all den Jahren ein Staat im Staat aufgebaut werden, während sich in Kabul um das eigene Wohl gekümmert wurde.

Afghanistan ist und war in der Zwickmühle der Alliiertentruppen und der Taliban. Das die Worte der Taliban nur Lügen sind, sollte längst bekannt sein. Den Schüler der Taliban wurde Jahrzehntelang einen Hass gepredigt, den sie nun alle offen ausleben können. Mord und Vergewaltigungen werden der Bestandteil ihrer Regierung sein. Auch wenn die hohen Taliban dies alles abstreiten, wissen – oder wollen sie nichts von den Gräueltaten ihrer Bodenperson wissen. Da die Taliban sowieso ein Frauenverachtendes Weltbild haben, wird sich niemand um Strafverfolgung kümmern.

Die Zukunft von Afghanistan wird schwarz „

Nila Khalil, Vojens Sogn, 22. August 2021

Fotos: AP, dpa, Reuters, privat

Mein Herz schreit

Ich bekomme täglich eine Flut an Mails von Freunden, Journalisten und Politiker aus Afghanistan. Es sind verzweifelte Hilferufe, Berichte von der Willkür der Taliban, die aktuelle politische Lage aus einigen Provinzen, Berichte von Freundinnen die es irgendwie in ein anderes Land geschafft haben und vieles mehr.

Autorin Nila Khalil

Nun hat mich eine Mail erreicht, bei der mir das Herz blutet.

Die Person, die vorne im Lastwagen sitzt, ist kein Analphabet, kein Straßenjunge oder Tagelöhner. Es ist Noorullah Shad,
Mediziner und Professor an der Sheikh Zayed University in Khost.
Seit vielen Jahren kennen wir uns. Professor Noorullah Shad ist ein sehr angenehmer, gebildeter und weltoffener Mann.
„Die Regierung hört nicht auf die Stimmen der Menschen und der Jugend. Unsere qualifizierten und talentierten Jugendlichen werden getötet, und die Regierung verurteilt diese Vorfälle nur“, sagte Noorullah Shad im Januar bei einer Demonstration in Khost, die sich gegen die gezielte Ermordung von Zia Wadan stellte.

Prof. Dr. med Noorullah Shad,

Rückblende: 10. Januar 2021

Auszug aus einer Nachricht vom „voanews“ am 10. Januar 2021.

„Bei der Explosion einer Bombe am Straßenrand in der afghanischen Hauptstadt Kabul am frühen Sonntag und bei einem Luftangriff der Antimilitaristen an einem anderen Ort in dem vom Krieg verwüsteten Land wurden mindestens 15 Menschen getötet, darunter ein Regierungssprecher.
Offiziellen Angaben zufolge traf eine „Magnetmine“ ein Fahrzeug, in dem Zia Wadan, der Sprecher der Nationalen Schutztruppe im Innenministerium des Landes, fuhr. Zwei von Wadans Kollegen wurden ebenfalls getötet, während eine weitere Person verletzt wurde, heißt es in der Erklärung weiter.
Der afghanische Präsident Ashraf Ghani verurteilte die terroristische Tat aufs Schärfste und wies die Behörden an, die Hintermänner zu verhaften, so sein Büro.
Niemand bekannte sich zu dem Bombenanschlag, aber Ghani machte Taliban-Rebellen für das Komplott verantwortlich.

„Der Anstieg der Gewalt durch die Taliban widerspricht dem Geist des Engagements für den Frieden und zeigt, dass die Gruppe immer noch ihre hawkistische Haltung verfolgt, um unschuldige Menschenleben zu töten und öffentliche Einrichtungen zu beschädigen“, sagte der afghanische Präsident.
Kabul wird von einer Welle gezielter Tötungen von Regierungsbeamten, prominenten Journalisten und Vertretern der Zivilgesellschaft heimgesucht, zu denen sich die meisten nicht bekennen.
Die afghanischen Behörden und das US-Militär haben die Taliban beschuldigt, die Mordserie geplant zu haben, was die Taliban zurückweist.“

Der Untergang von Afghanistan

Es wird gemunkelt, dass die Gehälter von Universitätsprofessoren auf 5.000 Afghani (circa 50€) festgelegt wurden.
Ein Universitätsprofessor und Mediziner, der ein eigenes Haus, Frau und drei Kinder hat, kann von einem solch kläglichen Gehalt nicht leben.
Ein Professor kann schlecht in einem Shalwar Karmeez (knielangen Baumwollhemd mit Pluderhose) und Schlappen an die Universität gehen.
Er braucht richtige Kleidung und Schuhe, den eben auch Geld kosten, was er ,nach den Gerüchten, jetzt als Monatsgehalt hat.

So wie Noorullah Shad ergeht es zur Zeit vielen Akademiker in Afghanistan. Wie soll es mit Afghanistan weitergehen, wenn viele Ärzte, Gelehrte und Ingenieure kaum noch existieren können?
Die Wirtschaft, Bildung und das Gesundheitssystem liegen seit Jahren schon am Boden. Die Taliban wirtschsften das Land endgültig in den Ruin.

Nila Khalil, Vojens Sogn, 16. September 2021

Ich habe einen Traum, ich will mein Land zurück.

Ich habe einen Traum, ich will mein Land zurück.

Meine Gedanken zu einem Vierteiligen Dokumentarfilm von Mayte Carrasco und Marcel Mettelsiefen.

Autorin Nila Khalil

Ich habe diese Dokumentation eben auf ARTE gesehen und kann es kaum in Worte fassen. Ich kenne kein Afghanistan wie unter König Mohammed Nadir Shah. Die Probleme, mit denen Afghanistan seit 60 Jahren konfrontiert sind, werden in diesem Dokumentarfilm mehr als deutlich. Vor zwei Wochen habe ich sehr ausführlich über die Verbrechen gegen das afghanische Volk geschrieben. Einige dieser Kriegsverbrechen wurden und werden vor dem IStGH in Den Haag verhandelt.
Der Kriegsbeginn Anfang der 80er Jahre war der Beginn der Flucht Hunderttausender Afghanen – darunter auch Malia und Milad Faani, die 1990 in Deutschland meine Eltern wurden. Von ihnen wurde ich in einem freien, liberalen und weltoffenen Gedanke erzogen.

Teil II
Afghanistan wurde in den 1980er Jahren zum Schauplatz des Kalten Krieges und zum Schlachtfeld von Sozialismus und Islam. Die Sowjetarmee kam, um die Ordnung wiederherzustellen. Doch sie ist gefangen: In den zerklüfteten Bergen folgen viele Afghanen dem Ruf zum Dschihad. Der afghanische Widerstand zieht auch viele junge Männer aus dem Ausland an. Unter ihnen: Osama bin Laden. Der Film gibt außergewöhnliche Einblicke in die Welt der Guerilla und der sowjetischen Soldaten. Ihr Konflikt dauert zehn Jahre und treibt eine Million Menschen in den Tod. Am Ende liegt die Nation in Trümmern. Die Niederlage der sowjetischen Truppen trug zum Zusammenbruch der Sowjetunion bei, aber auch zur Geburt des islamischen Fundamentalismus. Ein Widerstandskämpfer berichtet, wie man westliche Medienaufmerksamkeit und ausländische Unterstützung bekommt. Ein ehemaliger CIA-Agent erzählt, wie die Mudschaheddin vom US-Geheimdienst unterstützt wurden – entschlossen, den Sowjets „ihr Vietnam“ zu geben. Unter den Protagonisten: ein sowjetischer Kriegsberichterstatter, der Anführer der größten Mudschaheddin-Fraktion und ein Arzt, der für „Ärzte ohne Grenzen“ arbeitet.

So viel zu den Informationen zu diesem zweiten Teil der Dokumentation.

Ich saß mit meinen Eltern im Wohnzimmer meiner Tochter und wir haben uns diesen Teil angeschaut.
Meine Mutter – auch ich, kämpfte oft mit den Tränen. Meine Eltern sind 1980 aus Afghanistan nach Deutschland geflohen, um diesem gerade beginnenden Wahnsinn zu entkommen.
Vielleicht war es die Bildung von Mama (Tante) und Vater (Onkel), die sie früh erkennen ließ wohin dieses Land steuert. Beide waren Mitte 20, als sie ihre Freiheit suchten. Sie haben viel für ihre Freiheit ertragen. Ich bin seit 1990 im Glauben an diese Freiheit aufgewachsen und dafür bin ich ihnen unendlich dankbar.
Dieser Teil berichtet auch über Schulen, in denen der Koran gelehrt wurde. Ich bin seit 15 Jahren Lehrerin in Afghanistan und seit 14 Jahren Leiterin einer Mädchenschule, NIEMALS wurde und wird an meiner Schule ein Wort aus dem Koran gelehrt!
Solange ich atmen kann, stehe und kämpfe ich für eine offene, humanitäre und weltoffene Bildung.

Noch eine Info zu MSF (Ärzte ohne Grenzen). Diese Organisation ist seit vielen Jahren nicht mehr in Afghanistan aktiv.  Sie haben sich zurückgezogen. Ich kann das sehr gut verstehen, denn die Sicherheit ihrer Mitarbeiter ist nicht gewährleistet. Ich kenne einige Mitarbeiter oder ehemalige MSF-Mitarbeiter und halte diese Hilfsorganisation für die beste der Welt.

In der Provinz Uruzgan 2028

Teil III
Was sollte ich schreiben?
Mein Leben war 10 Jahre lang nichts wert gewesen. Ich bin zur Schule gegangen, weil meine Eltern es wollten. Ich hatte eine Kindheit wie wenige in einem Land, in dem seit 11 Jahren Krieg herrschte.

Ich musste fliehen! Flucht vor denen, die Afghanistan ihre Auffassung von „Freiheit“ bringen wollten. Was brachten die Taliban stattdessen: Terror, Folter, Mord und Abschaffung der Menschenrechte.
Ich bin seit über 10 Jahren Menschenrechtsaktivistin bei einigen Organisationen in Afghanistan – sogar im Vorstand von drei Organisationen. Natürlich kenne ich Schukria Baraksai und Dr. Sima Samar. Wir wenigen Frauen, die sich für Menschenrechte einsetzen, sind in Afghanistan recht überschaubar.
Nun zurück zu den Taliban. Ich verachte sie bis tief in meine Seele. Für solche Terroristen gibt es keinen Namen. Schukria Baraksai hat es treffend gesagt und dem ist nichts mehr hinzuzufügen.
Ich werde mich niemals den Ansichten der Taliban unterwerfen! Ich trage keinen Hijab und ich werde dies nie unter Zwang oder für den „Glaube“ tun.
Ich habe 15 Jahre lang jeden Tag die Taten von „Gläubigen“ Männern an Mädchen und Frauen gesehen.
Ich habe vor 30 Jahren meinen Glauben verloren und bin auch heute noch nicht mit dem Islam einig.
Wie der Film zeigt, schlugen die Taliban willkürlich Frauen. Frauen wurden vergewaltigt, nachdem die Taliban ihre Kinder vor ihren Augen erschossen hatten.
Afghanistan leidet immer noch unter diesem kruden Weltbild dieser Gottes-Idioten-Krieger-Schwächlinge. Wie auch im dritten Teil zu sehen ist, haben sich diese Feiglinge in Häusern versteckt und Kinder und Frauen als Schutzschilde eingesetzt – daher Weicheier!
Sie sind heute noch Feiglinge! Sie sind heute noch hinterhältig und dumm.
Bereits im November 2019 habe ich auf meiner Facebook Seite viel über dieses krude Weltbild der Taliban geschrieben.
Es tut mir leid, dass meine Seite so voller Informationen ist. Es zeigt auch, dass ich über all dies viel früher berichtet habe, als diese Dokumentation alt ist.

Natürlich kenne ich Dr Sima Samar

Teil IV
„Wir Frauen werden nicht mehr unterdrückt.“
Diesen Worten von Dr. Sima Samar folgten seit Jahren Tausende von Frauen in Afghanistan – auch ich.


Wo fange ich an, diese vierte Episode einzuordnen?
Es gibt keine Achse des Bösen!  Die Vereinigten Staaten können sich nicht als Gut und die Taliban als Böse darstellen.  Sie seid beide böse!

Der 11. September 2003

Ich saß im Büro in Stuttgart und checkte die Rechnungen der Firma, SWR3 war im Radio und dann kamen die Nachrichten aus New York. Ich sah meinen Kollegen an und konnte es nicht glauben. Es kamen immer mehr Berichte: ein weiteres Flugzeug, mehr Todesopfer, ein nächstes Flugzeug ….
Abends habe ich mit meinen Eltern die Nachrichten in der ARD geschaut und wir konnten dies alles nicht glauben!
In den folgenden Tagen kamen immer mehr Berichte über den Terroranschlag.  Afghanistan, Bin Laden, Taliban ….
Mein Vater sagte nach einer Weile, als klarer wurde, dass Bin Laden der Anführer und Afghanistan die Quelle sei, dass dies nicht wahr sei. Immer wieder sagte er: Bin Laden sei kein Afghane.
Als die ersten Meldungen kamen: „Sie waren in Afghanistan einmarschiert, um den Terror zu bekämpfen, hatte ich Angst um meine Eltern (meine leiblichen) in Afghanistan. Unsere Verwandten in Deutschland berichteten von Kämpfen in Kandahar, Mazar-e Sharif, Bagram und auch Gardez. Ich war krank vor Sorge um meine Eltern und meine Chefin in Stuttgart stellte mich frei, als ich vor ihr mit Tränen in den Augen stand und ihr von den Berichten aus den afghanischen Medien berichtete.
Im Frühjahr 2005 kam die Nachricht, dass mein Vater bei einem Terroranschlag getötet wurde. Ich habe nur geschrien und geweint. „Ich muss nach Afghanistan. Ich muss nach Hause!“ Ich schrie meine Tante und meinen Onkel an. Sie hatten mit mir gesprochen und versucht, mich zu beruhigen. Meine Entscheidung war gefallen. Ich sprach mit meinem Chef und drei Tage später war ich in Kabul – im Krieg, in einer anderen Welt!

Was von da an geschah, habe ich bereits geschrieben.

In der Dokumentation spricht Emily Miller, US-Captain, über die Lage in Afghanistan. Die Menschen hatten Angst vor der Willkür der Taliban und der Willkür der Alliierten.  Sie waren die Pufferzone zwischen den beiden Fronten und litten täglich unter Terror, egal von welcher Seite. Ich habe auch über den Terror der US-Armee berichtet. Die CIA hatte wieder das Sagen.
Es wird nie wieder Frieden in Afghanistan geben, solange Verhandlungen mit den Taliban laufen! Sie sind Terroristen und sie bleiben Terroristen. Die anhaltende Meinungsverschiedenheit der Volksgruppen und die Gier nach Macht und Geld machen eine solide Innenpolitik unmöglich.

Nila Khalil, Den Haag, März 2020

Ein kommender Tag scheint länger zu sein als ein vergangenes Jahr.

Nun bin ich 1630 Kilometer von meiner Heimat – also den Niederlande, entfernt und komme endlich zur Ruhe

Ab dem 15. August hatte ich kaum noch geschlafen. Auch wenn ich mir immer wieder für ein paar Stunden eine Auszeit nahm, war in mir nie eine Ruhe.
Die zwei Monate nach dem 17. August forderten alles von mir. Die Gedanken und Sorgen über 297 Mädchen und Frauen wurden auch nicht weniger. Die Gedanken um Lenara sowieso nicht und Saina stellte mich vor neue Aufgaben.

Mitte Oktober kam ich endlich zu Hause an und der erste Weg war nach Rotterdam zu Lenara. Meine Mutter hatte ihr in den zwei Monaten, wo sie in die Klinik fuhr, ihr einiges von dem Einsatz nach Afghanistan und was ich mit meinem Team täglich für Aufgaben hatte, erzählt.
Was sollte ich Lenara außer der Wahrheit noch erzählen? Es wurden Terroristen erschossen und das ich eine wahnsinnige Angst an diesem Tag hatte.

Die letzten 7 Wochen ging es in der Einrichtung hoch und runter. Auch wenn in den Niederlanden die Corona-Maßnahmen gelockert wurden, behielt ich meinen Standpunkt bei. Es waren mit den Jugendlichen nicht immer angenehme Gespräche über deren Meinung und meinen Vorgaben. In der Leitung waren wir uns alle einig, dass wir die Schutzmaßnahmen weiterführen werden.
Wo die Niederlanden nun stehen, kann jeder nachlesen. Es ist erst vorbei, wenn die Inzidenz Zahlen auf einem akzeptablen Wert sind.

Im November flog mich Joris einmal pro Woche nach Dänemark. Ich versuchte zwar die Aufgaben und Lösungen von zu Hause aus zu erledigen, aber vieles geht eben nur vor Ort. Obwohl die Behörden in Dänemark mit dem Umgang via Internet Lichtjahre weiter sind, als die Behörden in den Niederlanden.
Bei meinem letzten Flug, am 30. November, sprach ich mit Joris und Violeta, sie ist seine Frau und flog mit uns, weil beide sich einen schönen Tag machen wollen, bis ich mit meiner Arbeit fertig war, dass ich sehr gerne wieder nach Schottland möchte. Joris sagte, dass er auch dort hin fliegen könnte. Violeta frage warum ausgerechnet Schottland. Ich erzähle beiden über meine Liebe zu diesem Land und das ich schon öfters dort war. Ich sagte ihnen auch, dass ich wohl kurz vor einem Burnout stehe. „Nila, ik snap wat je doet door je gesprekken. Ik heb het de laatste dagen met Violeta over jou gehad. Maar voordat je het niet meer aankunt, trek je aan de noodrem.“ (Nila, ich bekomme durch deine Gespräche mit, was du leistest. Ich sprach die letzten Tage mit Violeta über dich. Bevor du aber nicht mehr kannst, zieh die Notbremse.)
„Joris, Violeta, wenn dies alles so einfach wäre. Ich kann nicht einfach so weg. Ich bin täglich bei Lenara im Krankenhaus. Als ich in Dänemark war, fuhr meine Mutter täglich zu ihr. Durch die neuen Corona-Maßnehmen kann nur noch ich zu Lenara.“
Violeta drehe sich vom Vordersitz der Cessna um. „En wat als je zelf in het ziekenhuis ligt omdat je lichaam het niet meer aan kan? (Und was ist, wenn du selbst im Krankenhaus liegst, weil dein Körper nicht mehr kann?)
Schweigend sah ich Violeta an. Sie hatte recht. Ich denke permanent an andere, aber an mich zu wenig. Die paar Stunden Auszeit tun mir schon gut – ohne Frage, aber dieses elendige Coronavirus macht auch mich langsam mürbe.

Der kleine Flugplatz Sønderborg kam in Sicht und ich wusste, es wird wieder ein langer und anstrengender Tag.
Mit einem Taxi fuhr ich die nächsten 40 Minuten zu einem Anwesen, das zu 25% mir gehört – dies hat Steuerliche Gründe.
Auf der Fahrt hörte ich die Worte von Violeta und machte mir Gedanken, wie und vor allem wann, ich die Notbremse ziehen muss.

Mit Brötchen und Kaffee saß ich bei meinem Team und wir hatten wieder viele Termine. Da auch wir in dieser Corona-Zeit versuchen mit so wenig Menschen wie möglich gleichzeitig in Kontakt zu kommen, haben Anisia und Zoja einen sehr strammen Zeitplan aufgestellt – an den sich auch die Chefin halten sollte. Also bleibt mir meist ein Frühstück mit dem ersten Brainstorming. Ich musste ja auch den Zeitplan von Joris irgendwie beachten, denn wir fliegen schließlich auch gute zweieinhalb Stunden zurück.
Als um 15.45 Uhr das vorletzte Meeting beendet war, sprach ich meine Gedanken mit Anisia und Zoja an. Auch ihnen war klar, dass ich schon weit über dem Limit war und sie sagten zu, dass alle wichtigen Termine auf Januar verlegt würden.

Um kurz nach 18 Uhr hob die Cessna 172 von dem kleinen Flugplatz Sønderborg ab. Ich schrieb meiner Mama eine WhatsApp, dass ich gegen 21 Uhr zu Hause sei. Ich grinste als ich die Nachricht abschickte. Da ist man 41 Jahre alt und sagt Mama, wann man nach Hause kommt. Ich kann mich noch erinnern, als meine Mutter vor 25 Jahren sagte: „Nila, komm nicht so spät heim.“  Ich bin froh, dass meine Mutter bei mir ist, sonst würde ich mich nur von Fastfood oder Tiefkühl Pizza ernähren.

Donnerstag 2. Dezember

Meine Tochter kam unerwartet um kurz nach 6 Uhr in mein Haus. Sie sah mich wortlos an, weil ich um diese Urzeit schon mit einem Berg an Arbeit im Wohnzimmer saß. Da mein Büro nun das Kinderzimmer von Saina war, blieb mir nur das Wohnzimmer oder das Gartenhaus. Bei Bodenfrost um 4.30 Uhr hatte ich definitiv keine Lust mich in das kalte Gartenhäuschen zu setzen. Bis die Elektroheizung angenehme Wärme brachte, würde auch bestimmt eineinhalb Stunden dauern.
„Ich habe auf der Nachtschicht schon gesehen, dass du im System online warst.“ Sagte meine Tochter. Verdammte Kontrolle! Ich zog die Schultern hoch. Eine Diskussion mit meiner Tochter über meine und auch ihre Arbeitszeiten wollte ich um diese Uhrzeit nicht führen. Amira ist als Erzieherin eingestellt und hat Arbeitszeiten von 8 bis 16 Uhr – eigentlich. Und keine Spät- oder Nachtschichten. Auch wenn ich die Chefin von meiner Tochter bin, halte ich mich bei dem was sie tut raus. Zum einen macht Amira um Welten mehr Stunden, als sie eigentlich sollte und zum anderen weiß jeder welche Krankheit sie hat – aber auch welche Kapazität sie in der Einrichtung ist. Aber was soll ich sagen, sie macht ja doch was sie will.
Sind Gene über Luft oder Kaffee übertragbar?

Saina war überglücklich als sie ihre große Schwester umarmte. Amira fragte sie, welche neue Wörter sie auf niederländisch gelernt habe. In den wenigen Wochen, in denen Saina bei mir ist, hat sie schon vieles gelernt. Während Saina ihren Wortschatz vortrug, stellte ich mir die Frage, ob es richtig ist, dass Amira und ich mit Saina niederländisch und deutsch, und meine Eltern deutsch und paschtu mit ihr reden. Ich habe Angst, dass irgendwann ein Bumerang zurück kommt.
Wie die Zukunft in Afghanistan sein wird, kann niemand sagen. Seit Wochen versuche ich die Mutter von Saina zu erreichen. Da durch die Taliban fast alle meine Kontakte abgebrochen sind und ich auch nur noch wenigen Menschen vertrauen kann, ist es fast unmöglich sie zu erreichen.

Mit zwei großen Tassen Kaffee setzte sich Amira zu mir. Amira würde heute frei machen, denn sie würde am Vormittag ihren „Akku“ aufladen. Den Dienstplan hätte sie geändert und mit Anjana aus der Verwaltung abgesprochen.
Amira leidet seit 15 Jahren an Marasmus und muss alle 6 bis 8 Wochen eine spezielle Elektrolyse bekommen. Da dies nun endlich auch ihr Hausarzt machen kann, muss sie für die Dauer der Behandlung nicht ins Krankenhaus.
Ihr Körper kann Ballaststoffe nicht mehr vollständig aufnehmen – sie würde trotz Essen verhungern. Seit Jahren hat Amira ihre Krankheit im Griff und weiß wann es für sie Zeit wird ihren „Akku“ zu laden.

Es war schön, fast die ganze Familie zusammen am Frühstückstisch zu sehen. Wie sehr wünschte ich mir, Lenara endlich an diesem Tisch sitzen zu sehen.
Ich sprach meine Gedanken vom Dienstag an, dass ich gerne nach Schottland möchte. Meine Eltern nickten mir zu. Auch ohne es zu sagen, wissen sie wie viel ich täglich arbeite. Ich sprach lediglich meine Gedanken bezüglich Lenara an. Ich möchte sie nicht so lange alleine im Krankenhaus lassen.
„Ich bin immer noch als Bevollmächtigte für Lenara in der Klinik eingetragen. Ich bin geimpft und kann meine Kontakt zu anderen Personen belegen. Mama, ich fahre zu ihr in die Klinik. Ich kann meine Arbeit tauschen und übernehme die Spätschicht.“ „Amira…!“ „Dann mach ich Urlaub. Ich habe über Eintausend Überstunden.“
Mal wieder würde eine Diskussion mit ihr zu nichts führen. Also wäre ich diese Sorgen schon mal los.

Auf dem Weg nach Rotterdam rief ich Samira an und sagte ihr, dass ich ab Dienstag Urlaub machen werde. Das Treffen mit der Ministerin Tamara van Ark, für Familie- Sozisles- und Gesundheit werde wie geplant am Montagvormittag stattfinden.

In den Jahren wo ich in Afghanistan die Leitung und Verantwortung für die Mädchenschule und Frauenhäuser hatte, habe ich festgestellt, dass der Weg nur zu Hans und nicht zu Hänschen zielführend ist – dies ist auch in Europa so.

Nach dem täglichen Corona Test und dem anziehen der sterilen Kleidung, betrat ich das Zimmer von Lenara. Sie hatte vor sich auf einem Tisch einen Leuchtturm aus LEGO Bausteinen gebaut. In dem letzten eineinhalb Jahr hat sich ihr Krankenzimmer sehr verändert. Sie hat eine riesige Kiste an LEGO Bausteinen, Puppen und gemalte Bilder an der Wand. Über ein spezielles Tablet kann sie einen großen Monitor an ihrem Bett bedienen. Sie kann Fernsehen schauen und sogar im Internet surfen. Mit einem Lernprogramm, welches die Schulen in den Niederlanden benutzen, kann sie von der Grundschule bis Sekundärstufe 1 in allen Hauptfächer lernen.

„Hallo mein Engel, hast du einen Leuchtturm gebaut?“ Lenara nickte. „Ich habe ein solches Gebäude gestern Abend im Fernsehen gesehen. Warum heißt dieses Gebäude so?“
Ich erklärte ihr welchen Nutzen ein solches Gebäude in der Seefahrt hatte und immer noch hat. Bis zum Mittagessen unterrichte ich Lenara in Mathe. Meine Angst vor einem kognitiven Schaden, durch die lange Zeit im Koma, hat sich zu Glück nicht bestätigt. Lenara kann rational und logisch denken. Auch wenn sie nun 13 Jahre alt ist, bin ich mit ihr bei dem Lehrstoff in der 5. Klasse. Ich muss mich ständig selbst bremsen, damit ich sie nicht überfordere. Immerhin lernt sie seit Oktober 2020 drei Fremdsprachen.
Ob Lenara jemals in eine Schule gehen kann, ist noch fraglich. Wenn sie im Sommer 2022 – was ich hoffe, aus dem Krankenhaus entlassen werden kann, muss es eine Behindertengerechte Schule sein. Gleichzeitig laufen auch bei uns in der Einrichtung die Bauanträge für den Umbau von Behindertengerechten Toiletten, Türen und Wege.

Die Deutsche Internationale Schule, sowie die Walldorf School im Waalsdorperweg sind oder wären für Lenara mit dem Rollstuhl geeinigt. Im Sommer sprach ich mit der Schulleiterin der Deutschen Schule,
Frau Metz, über Lenara. Ich möchte schon, dass Lenara in eine andere Schule gehen kann. Nur sehe ich bei ihrem Alter und dem Defizit zu dem aktuellen Lehrstoff – welcher auf ihr Alter abgestimmt ist, die größten Probleme. Lenara müsste dann mit ihren 14 Jahren, mindestens zwei Stufen herunter gesetzt werden. Ich kann ihr bis in einem halben Jahr nicht soviel beibringen. Die Test, die ich mit Lenara schreibe sind befriedigend bis gut – aber für die 5. Klasse.
Eric, Marpe und alle anderen in der Einrichtung sind dafür, dass Lenara bei uns unterrichtet wird. Wir sind schließlich zertifiziert und unsere Lehrplan orientiert sich an allen Sekundärstufen in den Niederlanden.

Das Mittagessen wurde gebracht. Da ich bei Lenara im Zimmer war, konnte ich das Essen in Empfang nehmen. Es darf ohne sterile Kleidung niemand den Raum betreten.
Beim Essen erzählte ich Lenara, dass ich mit Saina und meinen Eltern für ein paar Tage nach Schottland möchte und in meiner Abwesenheit Amira zu ihr kommen würde. Lenara grinste mich an und ich wusste nicht, wie ich dies deuten sollte.

Jolien, die Therapeutin von Lenara klopfte an die Tür und winkte auf der anderen Seite der Glasscheibe, dass sie in 5 Minuten kommen werden.

Da Lenara auf dem Rücken auf einem
Spezial Bett liegt, kann sie die Arme, Hände und Zehen bewegen. Bei den Beinen wird es durch die Rücken Operationen problematisch. Damit ihre Muskulatur nicht erschlafft, muss sie täglich Bewegungstherapie machen.

In der Zeit, die Jolien bei Lenara ist, habe ich Zeit etwas zu arbeiten oder telefonieren.
Mit einem Kaffee und Laptop sitze ich im Stationszimmer und bin via Skype mit meinem Team in Den Haag oder einen der beiden neuen Standorte in Dänemark verbunden. Wichtige Punkte werden zeitnah geklärt oder abgearbeitet. Was nicht so akut ist, lege ich meist auf den späten Abend, wenn ich entweder im Büro oder zu Hause bin.

Nach eineinhalb Stunden ist Jolien mit der Therapie fertig und ich übernehme wieder den Schulunterricht mit Lenara. Da heute Donnerstag ist, steht auf unserem Stundenplan Geographie und Englisch. Lenara wollte mehr von Schottland wissen, also suchte ich über das Multimedia Display auf ihrem Lehrncomputer nach Schottland. Zu meinem Erstaunen gab es in der Sekundärstufe 1 kaum etwas über Schottland. So gestaltete ich die zwei folgenden Unterrichtstunden zusammen. Sprich: Geographie und Englisch. Naja, ich versuchte es. Es ist schwierig, Lenara dies auf englisch zu erklären, wenn sie die Wörter gar nicht kennt. So wurde es eben ein mix aus vier Sprachen. Es ist verständlich, dass Lenara viele Wörter, Begriffe oder Redewendungen nicht kennt. So erklärte ich ihr dies in paschtu.

Bis zum Abendessen hatten wir den angesetzten Unterricht geschafft und sogar eine kleinen Vokabeltest geschrieben. Da ich am Mittag schon sagte, dass ich länger bei Lenara sei, bekam ich auch ein Abendessen gestellt.
Gemeinsam aßen wir Abendbrot und ich erzählte Lenara von dem Frühstück und wie sehr ich es mir wünschte, dass wir alle gemeinsam an einem Tisch sitzen könnten.
„Mama, ich weiß wie viele Sorgen du hast. Oma hat mir einiges erzählt was du mir nicht sagst. Du arbeitest viel und kümmerst dich täglich um mich. Wenn Amira zu mir kommen kann, freue ich mich auf sie. Ich sehe in deinen trüben Augen (Anm. meine Traurigkeit), auch wenn du dies nicht sagst. Ich habe dir und dem Doktor (Anm. Operationen) mein Leben zu verdanken. Du lernst mit mir und bringst mir so vieles bei. Zu Hause war mein Leben nicht mehr wie ein Stein.( Anm. Lenara meinte damit, dass ihr Leben in Afghanistan nichts wert war.)

Zum erstenmal hatten wir beide ein sehr tiefgründiges Gespräch. Ich weiß nicht, ob Lenara mit meiner Mutter, Jolien oder eventuell mit Paula, der Stationsleiterin, gesprochen hatte.
Auch wenn sie Europa – oder eine andere Welt, nur aus dem Fernsehen, Internet oder ihrem Krankenzimmer kennt, weiß sie mehr, als ich die ganze Zeit dachte. Lenara ist kein dummes Kind.

Auf dem Heimweg hat mich vieles von dem Gespräch nachdenklich gemacht. Ich rief Samira an und erzählte ihr in knappen Sätzen die dreistündige Unterhaltung mit Lenara.
Nach dem neusten Kenntnisstand sind die Eltern von Lenara aus dem Gefängnis entlassen worden, weil die Anklage „haltlos“ sei. War ja klar, dass diese Zottelbärte eine solche Tat als „haltlos“ ansehen. Ich versprach Lenara, dass sie niemals nach Afghanistan zurückkehren muss. Was ist, wenn auch sie irgendwann ihrer Eltern anbrüllen möchten, was sie ihr antaten?

„Nila, Lenara ist ein sehr kluges Kind. Sie weiß, dass sie durch dich lebt und sie nimmt ihr Schicksal an. Lenara weiß, dass sie irgendwann ein normales Leben führen kann. Sie lässt sich nicht hängen. Sie spielt, lernt und arbeitet bei der Bewegungstherapie mit. Nun macht dir wegen der Schule mal keine Gedanken. Du bist eine klasse Lehrerin. Du hast jahrelang Kinder unterrichtet. Nun unterrichtest du dein eigenes Kind. Was willst du mehr? Du und ich hatten damals Amira alles beigebracht was wir wussten und wissen. Schau dir Amira an! Sie hat das beste Jahrgangszeugnis in einem fremden Land gemacht und auch sie unterrichte heute Kinder. Wir alle sind für dich und Lenara da. Nun lass sie aber erst einmal gesund werden, bevor du dir Gedanken um eine Schule machst. Und noch was – deine Mutter hatte Lenara gesagt, was du ihr nie gesagt hast.“
Bei diesen Worten sah ich fassungslos auf das Display im Auto. Samira konnte dies natürlich nicht sehen. „Was?“ „Deine Mutter rief mich mitte September an und fragte nach dir. Ja, auch sie macht sich Sorgen um dich! Du arbeitest von morgens 4 Uhr bis spät in die Nacht. Wie lange willst du dies noch durchhalten? Wir alle sind in Sicherheit und was wir heute nicht schaffen, machen wir morgen. Wir sind seit Jahren ein eingespieltes Team und haben schon viel schlimmeres geschafft. Wenn du dich jetzt nicht bremst, werden wir es tut. Wo bist du jetzt?“ „Kurz vor Delft. Ich wollte noch im Büro vorb…“ „Nein! Fahr nach Hause. Bitte. Morgen früh geht es weiter. Janina hat ein Protokoll für den Montag mit der Ministerin vorbereitet. Wir alle sind mit der Arbeit durch. Also gibt es für dich nichts zu tun.“
Ich bin sehr froh, dass mein Team bei mir in Europa ist. Auch wenn es für sie alle der Verlust ihrer Heimat war. Dafür konnte ich ausnahmsweise mal nichts.

„Sweet Home“

Ich fuhr mit dem Auto von meiner Tocher in die Einfahrt und parkte hinter dem Auto von meinem Vater. Ich war überrascht, als ich im Haus noch überall das Licht brennen sah. Meine Eltern sind um diese Uhrzeit eigentlich schon im Bett.
Ich ging den gepflasterten Weg von der Einfahrt zur Haustür. „Sweet Home“ steht auf der Fußmatte die Amira kaufte, als ich endlich im September 2020 das Haus beziehen konnte. Ich bezahlte ab Mai für ein Haus, in dem ich gar nicht wohnen konnte. Dieses Corona macht mich noch wahnsinnig. Erst konnte der Vorbesitzer nicht ausziehen, dann hatten alle Möbelgeschäfte zu und dann war es schwierig Arbeiter für den Umbau zu bekommen. Ohne meinen Vater könnte ich wohl immer noch nicht im „Sweet Home“ wohnen.
Scheiß Corona.

Die Familie saß im Wohnzimmer und schauten eine niederländische Action Serie: „Furia“. In der Serie „Furia“ spielen zwei Protagonisten vier verschiedene Identitäten. Die Helden kämpfen in Oslo und Berlin – und im ländlichen Westen von Norwegen gegen eine furchterregende rechtsextreme Terrorzelle die zerschlagen werden muss.
Ich hatte am 16. August genügend Action live erlebt, da muss ich mir so etwas nicht anschauen.
Ich ging ins Zimmer von Saina und deckte sie ordentlich zu. Sie hat noch einen unruhigen Schlaf. Bei Amira war es damals auch so – bei ihr hielt dies fast 4 Jahre an. Ich hoffe, dass es bei Saina nicht so lange dauert. Mit meinen Eltern wollte ich meine Gedanken über Saina und ihre Mutter nicht diskutieren – nicht heute.

Mit einem Glas Weißwein setze ich mich in einen Sessel zu den anderen dreien. Amira und meinen Eltern saßen auf der großen Couch. Ich beobachtet sie heimlich und schaute immer wieder zum Fernseher.
Meine Eltern haben in dem eineinhalb Jahr, die sie nun bei mir leben, schon sehr viel niederländisch gelernt. Amira ist ein völlig anderer Mensch geworden. Dies mag am Alter liegen oder an der völlig anderen Welt zu Afghanistan. Ich weiß das Amira hochintelligent ist und wäre ihre Kindheit nicht so beschissen verlaufen, sie hätte Abitur gemacht und studiert – oder in Afghanistan sich mit einem Job in einem Supermarkt über Wasser gehalten. Mit 26 Jahren ist sie im Leitungsteam von Psychologen und Bestimmt in einer Kinder- und Jugendeinrichtung mit – und dies alles ohne Abitur und Studium.

„Mama, was hast du?“ Wie in Trance sah ich zu Amira und schüttelte den Kopf. „Nichts mein Engel. Ich war nur etwas abwesend. Ich möchte nächste Woche nach Schottland fliegen und würde Mama und Papa gerne mitnehmen.“ „Cool.“ Sagte Amira.
Ich erzähle von der Unterhaltung mit Joris und Violeta. Meine Eltern sahen mich an, als ob ich ein Verbrechen beichtete.
„Nila! Stell dir mal vor was dies kostet!“ Ich sah meine Mutter an und zog die Schultern hoch. „Mama, der Weg ist der gleiche, ob ich nun mit Saina fliege oder mit euch. Das Flugzeug wird auf die Strecke gebucht und nicht nach Personen. Wo also ist nun das Problem? Du warst zwei Monate täglich bei Lenara und ich möchte mich dafür erkenntlich zeigen. Auch Papa hat hier im Haus viel gearbeitet und ich war dankbar, dass er mit Amira im August nach Dänemark gekommen war. Ich möchte euch eine Freude machen – und nicht daran denken was der Flug kostet. Mit einem normalen Linienflug wird es nicht unbedingt billiger sein. Am Montag habe ich noch ein Meeting mit meiner Ministerin. Also würden wir am Dienstag morgen fliegen.“ „Cool.“ Sagte Amira nochmal. „Mein Engel, wenn du mit möchtest, kannst du gerne mitfliegen.“ „Nee. Ik zal voor Lenara zorgen.“ (Nein. Ich werde mich um Lenara kümmern.)

Den Haag am Freitagmorgen. Die Personelle Veränderung

Um kurz nach 8 Uhr hatte ich eine Besprechung mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern angesetzt. Es wurde Zeit die inoffizielle Veränderung der Verwaltung und Leitung nun auch offiziell ins Protokoll, bzw. Register zu schreiben.

Da durch nicht glückliche Umstände mein Team aus Afghanistan nun in Europa ist, geht vieles bedeutet einfacher.
Samira Ansary ist vom ersten Tag dabei und in all den Jahren hat sie mit mir unser Netzwerk aufgebaut und auch geführt. Somit ist es für mich logisch, dass sie ein Geschäftsführungsmandat in Den Haag bekommt. Die weiteren Geschäftsführungsmandate haben: Dr. med. Erik de Joost, Dr. phil. Marpe de Joost und ich.
Dr. jur Janina Huzaifa wird offiziell zum Januar 2022 die Leitung der Rechtsabteilung der Einrichtungen in den Niederlanden und Dänemark leiten. Janina ist als Anwältin ein Ausnahmetalent und kennt die Gesetze über Asyl- und Aufenthaltsrecht fast auswendig.
Zoja Jelani war schon immer die Frau für die Finanzen und wird diese gemeinsam mit Anjana Sandoval und Elly van Toit in den Niederlanden leiten.
Aafia Suhrab, Anisia Wazir und Soma Rasoli waren die letzten Jahre in Afghanistan für den kompletten Betriebsablauf zuständig und dies wir auch in Dänemark so sein. Als Geschäftsführerinnen wird ab Januar 2022 Frederice Petersen, Anisia Wazir und ich ins dänische Register eingetragen werden.
Aafia wird mit Gunnar Bjerregaard die Rechnungs- und Finanzabteilung inne haben.
Gunnar ist der Neffe von Mynte Damgaard, deren Haus wir im September kauften. Er kam Ende August auf uns zu, als er mitbekommen hatte, dass wir das Haus seiner Tante kaufen wollten und er dachte, wir würden Mynte über den Tisch ziehen. In den Gesprächen und Verträge konnten wir ihn davon überzeugen, dass dies nicht der Fall- und schon gar nicht gewollt ist.

Wie immer im Leben sind es die Zufälle, die Menschen zusammen bringt. Gunnar hat Finanzwirtschaft studiert und arbeitet bei einem großen Autozulieferer in Dänemark. Das Unternehmen wurde vor 5 Jahren von einem französischen Konzern zu 91 Prozent übernommen, und wie es immer so ist, zählen Zahlen und oft nicht die Menschen.
Gunnar sah und erkannte im September unsere Arbeit und wird zum 3. Januar 2022 die Finanzabteilung in Dänemark zusammen mit Aafia leiten und uns in den Niederlanden unterstützen. Darüber hinaus hat er noch zwei Mitarbeiter aus seiner Abteilung mitgebracht. Für die Zukunft sind wir in diesem Bereich sehr gut aufgestellt. 

Da wir auch Psychologen in Dänemark brauchen, wird dort die Leitung Mille Kjaer haben. Mille kam im August über Jasper zu uns und sie passt hundertprozentig ins Team. Dunya Azimi und Lamis Khatibi  waren schon vor mir in Gardez an der Schule Lehrerinnen und kennen natürlich über die Jahre die Traumata der Mädchen. Sie werden Mille in der Psychologie unterstützen. Die Sprachbarriere zwischen den Kindern und jungen Frauen zu Mille ist noch etwas schwierig. Da Dunya und Lamis sehr gutes englisch können, klappt dies seit September recht gut.
Die beiden rekrutierten Lehrerinnen aus Afghanistan, Maryam Rawan und Zeina Karimi, haben seit September eine Festanstellung und machen einen klasse Job. Beide sind vor Jahren nach Dänemark geflüchtet und bekamen ihre Ausbildungen als Lehrerinnen nicht anerkannt.

Mit dieser personellen Veränderungen an der Spitze von dem Grundgedanke, den Dr. med. Erik und Dr. med. Linda de Joost vor mehr als 27 Jahren hatten, und mit einem kleinen Haus in der Nähe von Den Haag entstanden ist, sind wir für die Zukunft in der europäischen Flüchtlingspolitik und Hilfe für Kinder und Jugendlichen sehr gut aufgestellt.

Aus einer Handvoll Ehrenamtlichen und Festangestellten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sind wir bei fast 100 Mitarbeitern_innen angelangt.
Als Erik und Marpe de Joost mir bereits 2016 die Leitung der Einrichtung nahelegten und ich diese dankend ablehnte und diese dann doch notgedrungen im April 2020 annahm, wusste ich nicht, was auf mich zu kommen wird. Heute gesehen waren die damaligen Probleme und der Beginn der Corona Pandemie ein Fliegenschiss.

Die Vernunft siegt

Natürlich hatte ich die letzten Wochen mit Erik, Linda und dem Stiftungsrat sehr viele Gespräche über meine Gedanken bezüglich der personellen Veränderungen geführt. Ich habe eineinhalb Jahre am Limit gelebt und gearbeitet. Auf Dauer ist dies kein Zustand, denn ich habe noch zwei Kinder um die ich mich kümmern muss und sollte. Amira wurde schneller erwachsen als ich es mir vorstellte. Die Zeit, wo ich sie quasi alleine in den Niederlanden gelassen haben, tut mir im Nachhinein sehr leid. Die Taliban haben mein Lebenswerk zerstört, für welches ich 14 Jahre gelebt habe.
Amira ist hochintelligent und dies sage ich nicht, weil ich ihre „Mutter“ bin – sondern weil es so ist. Sie wird in ihrem Leben noch vieles erreichen. Vor zwei Jahren war es Amiras Wunsch für ein Jahr nach Indien zu gehen um dort für „School of Hope“ zu arbeiten. Ich weiß, dass dieser Wunsch immer noch besteht und wenn sie dies machen möchte, ich sie dabei unterstützen werde. Die Zusage von Tim Grandage, dem Gründer dieser NGO, hat Amira schon seit einem Jahr.
Nun habe ich die Personelle Veränderung durchgebracht und werde endlich – bis der nächste Knall kommt, Zeit für mich und meine Familie haben.

Auch uns ist die desolate Situation von Flüchtlingen zwischen Weißrussland und Polen bekannt. Hier laufen auch seit August Verhandlungen mit den Behörden in den Niederlanden und neuerdings auch mit Dänemark. Wenn es uns gelingt wenigstens ein paar dieser Flüchtlinge aufzunehmen, hätten wir wieder ein paar Seelen gerettet.
Die Ablehnende Haltung der europäischen Staaten ist menschenverachtend und nicht hinnehmbar. In Kooperation mit einem Dutzend Organisationen hoffen wir auf eine Einsicht der Regierungen und dem Europarat. Auch wenn die drei Hauptsäulen des Europarats für Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie stehen, ist von diesem Rat doch wenig in der Flüchtlingspolitik zu sehen.
Wie schon geschrieben, die Probleme von einst waren ein Fliegenschiss.

Sonntag 5. Dezember, Brandwonden Klinik Rotterdam

Am Sonntag war ich lange bei Lenara und neben Spielen, Therapie und Lernen erzählte ich ihr von meinem Entschluss, nun noch mehr für sie da zu sein. Ich sagte ihr, dass am Dienstag Amira kommen werde und ich mit Saina, Oma und Opa nach Schottland fliegen werde.
Lenara war keineswegs traurig über das was ich ihr sagte. Sie freut sich riesig, ihre große Schwester wieder zu sehen. Amira würde viel öfter ins Krankenhaus kommen, wenn nicht diese Corona-Maßnahmen wären.

Lenara wurde in einem Spezialbad gewaschen und hatte anschließend noch ihre Bewegungstherapie.
Ich hatte in dieser Zeit mit Professor de Friese gesprochen und er zeigte mir die positiven Heilung der Epidermis und dem subkutanen Fettgewebe der Haut. Noch sei es aber zu früh, um mit absoluter Sicherheit sagen zu können, dass Lenara ihre Ersatzhaut auch annnimmt. Diesen Dämpfer der Hoffnung hätte er sich sparen können. Er setze dann aber auch fort, dass man in drei Monaten eine fast absolute Sicherheit haben werde. Also nochmals Monate der Ungewissheit.

Mit dem Leiter der Neurochirurgie, Dr. van Gastelen, sprach ich über meine Beurteilung der Kognitivität von Lenara und zeigte ihm die Tests, Vokabeln und Ausgabe, die Lenara machte und löste.
Seine ärztliche Begutachtung kam mit den Auswertungen des EEG und meinen Berichten auf einen Nenner.
Die Amplitude und Frequenzen sind bei ihr im normal Bereich. Das EEG wird alle zwei Wochen durchgeführt, um einfach eine Kontrolle der Veränderung zu haben. Einzig die Narkolepsie – also Schlafstörung, zeigt hin und wieder Veränderungen. Dies liegt an dem was Lenara erlebt hat und wird sich wohl kaum in ihrem Leben ändern lassen. Da ist Dr. van Gastelen mit mir einer Meinung.

Wir verglichen explizit die Auswertungen der Narkolepsie in den letzten eineinhalb Jahren und es brachte mir bei diesen Veränderungen die Tränen in die Augen. Welche Alpträume und seelischen Schmerzen Lenara hatte und hat, kann man deutlich sehen. Irgendwann wird die Zeit kommen, dass sie dies alles zu großen Teilen vergessen wird – hoffentlich.

Dr. van Gastelen druckte mit einen Fragebogen von dem renommierten Wissenschaftler Ed Diener aus. Dieners Satisfaction With Life Scale sollte ich mit Lenara ausfüllen. Ich las die Fragen und sah Dr. van Gastelen skeptisch an.
„Dr. van Gastelen, Ihnen ist die Lebensgeschichte von Lenara bekannt. Ich weiß nicht, wie sie auf die Frage: In den meisten Bereichen entspricht mein Leben meinen Idealvorstellungen, antworten wird. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Lenara auch bei der letzten Frage diese sachlich beantwortet kann oder wird.“ „Frau Khalil, Sie sind eine sehr kluge Frau und unterrichten seit über einem Jahr ein Kind, welches nur seine Muttersprache kannte und auch nicht all zu lange in die Schule gehen konnte. Sie zeigen mir Vokabeltests in niederländischer und deutscher Sprache, die ich mehr als befriedigend beurteile. Ich bin Mediziner und sehe die Veränderungen an Menschen und deren Kognitivität anhand von modernster Technik. Ich möchte Sie bitten, mit mir dieses Experiment zu machen. Lenara wird bei diesen Fragen über das EEG überwacht. Wenn Sie der Meinung sind, Lenara schafft dies nicht, brechen wir das Experiment sofort ab.“ „Okay. Lassen Sie mir bitte noch etwas Zeit zum
Nachdenken. Ich möchte diese Fragen und Ihr Experiment mit einer Psychologin absprechen.“

Ich ging auf die Intensivstation um mein Telefon zu holen. Auf dem Weg dorthin las ich die 5 Fragen auf dem Blatt. Ich möchte bei Lenara einen Flashback vermieden und dies daher erst mit Marpe absprechen.

Marpe kannte selbstverständlich diese Satisfaction With Life Scale und sagte mir einiges über diese Studien in den letzen 25 Jahren. Diese Satisfaction With Life Scale beschreibt das Glücksgefühl eines Menschen und diese 5 Fragen sind weltweit die gleichen.

„Wel, of het geluk is voor een meisje dat bijna levend verbrand werd, kan ik betwijfelen. Het is ook geen geluk dat ze al anderhalf jaar in het ziekenhuis ligt.“  (Naja, ob es Glück für ein Mädchen ist, dass fast lebendig verbrannt wurde, mag ich bezweifle. Es ist auch kein Glück, dass sie seit eineinhalb Jahren im Krankenhaus ist.) „Nila, du sieht das negative bei Lenara. Natürlich ist es für sie kein Glück im Koma und im Krankenhaus zu liegen. Natürlich ist es kein Glück, dass sie weiß, sie wird noch viele Operationen vor sich haben. Es ist aber ihr Glück, dass du für sie da bist. Es ist ihr Glück, dass du ihre Mutter bist. Und es ist ihr Glück, dass sie lebt. Wird dieses Experiment Video überwacht?“
Diese Frage konnte ich Marpe nicht beantworten. Also ging ich wieder zu Dr. van Gastelen. Marpe sprach über mein Telefon mit ihm und sie würde gerne bei diesem Experiment zugeschaltet sein.

Da Marpe live dabei sein werde, sagte ich Dr. van Gastelen zu.
Lenara war mit ihrer Bewegungstherapie fertig und ich musste ihr irgendwie das bevorstehenden Experiment und die Fragen nach Glück erklären. Zu meinem Erstaunen sagte sie sofort zu.
Eine Krankenschwestern legte ihr eine Art Netz mit Sensoren auf den Kopf und schloss die Kabel an verschiedene Geräte an. Eine Kamera wurde auf der anderen Seite der Glasscheibe befestigt, also im Vorraum zu ihrem Zimmer. Über das Telefon war Marpe über Lautsprecher zugeschaltet und ich hörte sie, wie auch Dr. van Gastelen über die Sprechanlage vom Vorraum.
Ich nahm das Blatt mit den Fragen vom Tisch und hatte Bauchweh. Nochmals gingen mit meine Bedenken für ein Flashback durch den Kopf. Dr. van Gastelen zeigte mit dem Daumen nach oben. Ich nickte ihm zu.
„Bist du bereit mein Engel? Wir müssen dieses Experiment nicht machen.“ „Ich bin bereit. Du bist bei mir.“
Ich erklärte ihr nochmals die 7 Antworten und das sie diese nur ankreuzen brauche.

Antwort 1: trifft überhaupt nicht zu
Antwort 2: trifft nicht zu
Antwort 3: trifft eher nicht zu
Antwort 4: teils/ teils
Antwort 5: trifft eher zu
Antwort 6: trifft zu
Antwort 7: trifft vollständig zu

Ich stellte Lenara die erste Frage von dieser SWLS Skala
„In den meisten Bereichen entspricht mein Leben meinen Idealvorstellungen.“
Lenara sah mich an und fragte, ob sie nur mit diesen 7 Punkten antworten kann. Ich sagte ihr, dass es bei diesem Experiment nur um diese Punkte als Antwort gehe. Sie aber auch gerne erklären könne warum sie diese Antwort so gab.
„Okay.“ Sagte Lenara. Also stellte ich die erste Frage nochmal. „In den meisten Bereichen entspricht mein Leben meinen Idealvorstellungen.“ Antwort war 4.
Ich sah mit einem Auge auf die Glasscheibe und Dr. van Gastelen nickte. Ich sah zwar auf dem Monitor rechts von Lenaras Bett die Linien, Kurven und Frequenzen, konnte und kann diese nur bedingt zuordnen.

Frage 2: Meine Lebensbedingungen sind ausgezeichnet. Antwort Lenara: 4
Auch hier sah ich eine Veränderung der Kurven auf dem Monitor. Ich machte eine Pause und sah auf den Monitor, dass Lenara am denken war.
„Möchstest du über diese Frage reden?“ Dabei sah ich wieder leicht nach links zur Glasscheibe und sah Dr. van Gastelen nicken.
„Ich kenne kein anderes Leben. Zuhause war alles feucht und schmutzig und das Wasser war oft kalt. Heute war ich wieder im warmen Wasser und es gefällt mir. Das Essen zuhause war oft das gleiche. Jetzt habe ich anderes Essen und es schmeckt gut.“
Während Lenara dies erzählte, sah ich die Kurven/ Frequenzen auf dem Monitor von dem EEG und auch ihrer Herzfrequenz. Keine der Aufzeichnungen ging in den Negativbereich – also Stresssituationen.

Frage 3: Ich bin mit meinem Leben
zufrieden. Antwort Lenara: 6. „Seit du meine Mama bist, bin ich sehr zufrieden.“
Nun sah ich auch ohne großen Fachkenntnisse die Frequenzen in einen höheren Bericht gehen. Ich drückte ihr die Hand und streichelte mit meinen Handschuhen ihr Gesicht.

Frage 4: Bisher habe ich die wesentlichen Dinge erreicht, die ich mir für mein Leben wünsche. Antwort Lenara: „Ich werde gesund und habe eine liebe Familie.“ Sie machte ein Kreuz bei Antwort Nr.6.

Frage 5: Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, würde ich kaum etwas ändern. Antwort Lenara: „Alles.“ „Also Antwort Nummer 7?“ Lenara nickte.

„Danke mein Engel, du hast diese 5 Fragen schon beantwortet.“ „Darf ich noch etwas sagen?“ „Natürlich mein Engel.“ „Ich weiß von Oma welche Sogen du dir machst und wie sehr du dir wüschst, dass ich nach Hause kommen kann. Der Doktor und die Leute im Krankenhaus arbeiten für meine Gesundheit. Sie helfen mir. Du bist immer bei mir und ich sehe dein Herz in deinen Augen (Anm. Lenara meint meine Liebe zu ihr). Ich will auch nach Hause kommen und helfe dem Doktor und Jolien. Niemand kann etwas für meine Schmerzen. Sie helfen mir, damit meine Schmerzen weggehen.“
Dr. van Gastelen machte eine Bewegung mit der Hand und signalisierte mir, dass ich sie weiter reden lassen sollte.
„Mein Engel, die Ärzte in dieser Klinik sind die besten in den Niederlanden und sie alle helfen dir.“ „Ich weiß. Ich sehe meine Beine und bin glücklich. Ich habe noch Erinnerung an meine Beine bevor ich geschlafen habe.“ (Anm. Sie im künstlerischen Koma war.)  Ich streichelte das Gesicht von Lenara. Obwohl ich dies mit den Handschuhen tat, veränderten sich die Kurven auf den Monitoren. Um Bakterielle Infektionen zu vermeiden, kann oder sollte ich – und andere, Lenara nicht mit bloßen Händen anfassen.

„Mama, ich bin glücklich, dass du mich gerettet hast. Du zeigst mir Bilder von dem Land und ich möchte dort überall hin. Hier sind die Häuser schön angemalt und es ist so schön bunt.“ (Anm. Ich zeigte Lenara schon sehr viele Fotos aus den Niederlanden.) „Wir werden dies alles sehen, wenn du aus dem Krankenhaus kommst, dies verspreche ich dir. Leider darf ich keine Blumen in dein Zimmer stellen.“

Es war schon ein größeres Problem Spielsachen zu ihr zu bringen. Die LEGO Bausteinen steril zu bekommen war das kleinste Problem. Bei Plüschtieren wäre dies gar nicht möglich gewesen.
Die Firma Steri-Toys stellt für solche Fälle spezielle Plüschtiere her. Lenara hat einen Hasen und Bären von dieser Firma. Ihr Hase heißt „Sui“ und ihr Bär „Azizam“ übersetzt heißt es: mein Liebling.

Es ist für Kinder auf Intensivstationen schon schlimm genug, wenn sie dann noch nicht einmal ein Kuscheltier haben dürfen, gibt es nichts, an was sie sich halten können.

Mit „Sui“ im Arm sprach Lenara von ihren Träumen und ich musste mir öfter die Tränen wegwischen. Bei allem was sie sagte, wurden keine negativen Strömungen gemessen. Dr. van Gastelen hatte recht, Lenara ist klug und sie weiß mit dem umzugehen, was ihr angetan wurde.

Es war schon spät als ich mich schweren Herzens von Lenara verabschiedete. Sie wünsche uns einen schönen Aufenthalt in Schottland und würde sich auf Amira freuen. Ich sagte ihr, dass ich am Montag Nachmittag noch zu ihr in die Klinik kommen werde.
Ich ging noch ins Stationszimmer um sagte, dass Amira die nächsten Tage kommen werde und auch sie vollständig geimpft sei und ihre Kontakte in den letzten zwei Wochen nachweisen könne.

Ich dreht mich zum gehen um, als das Telefon im Stationszimmer klingelte. Ich ging zur Tür, als der Pfleger meinen Namen sagte und mir den Telefonhörer entgegen hielt. Am Telefon war Dr. van Gastelen. Er wollte mit mir sprechen. Ich sagte ihm, dass ich in sein Büro kommen werde.

Dr. van Gastelen hatte das EEG und das Video ausgewertet und sah mich, nachdem er mir dies alles sagte und gezeigt hatte, offen an. „Und? Wie zufrieden sind sie?“ „Was soll ich Ihnen sagen? Lenara akzeptiert ihr jetziges Schicksal und sie weiß auch, dass es besser wird. Ich sagte ihr den letzten Befund von Professor de Friese. Nach jetzigem Zeitpunkt ist eine weitere Operation nicht geplant. Er könne aber auch erst in drei Monaten eine absolute Gewissheit sagen.“ „Ich weiß. Lenara hat das Herz einer Löwin. Ich sprach nach dem kleinen Experiment mit Frau Dr. de Joost. Ich habe ihr das Video und auch die Aufzeichnunge vom EEG zwischenzeitlich zukommen lassen. Sie stimmt mit mir überein, dass Lenara sie als Mutter bedingungslos akzeptiert und sie auch liebt.“ „Dankeschön. Was bleibt ihr auch übrig? Lenara wird niemals nach Afghanistan zurückkehren. Meine Abteilungsleiterin für die Rechtsabteilung brachte ihre Eltern ins Gefängnis. Durch die Übernahme der Regierung seitens der Taliban sind diese nicht mehr im Gefängnis. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie nach ihrer Tochter suchen weden. Wenn doch – werden sie niemals auf die Niederlande kommen. Als ich im März 2020 die Vormundschaft für Lenara übernommen hatte, musste ich über ihr Leben bestimmen und welche Operationen gemacht werden. Wenn Lenara diese nicht überleben hätte, wäre es für mich genauso schlimm, als wenn sie mein leibliches Kind wäre. Sie wissen, dass ich ein Haus gekauft habe und dies auch zum Vorteil von Lenara umbauen ließ. Ich werde für Lenara die gleiche Mutter sein, wie für meine älteste Tochter Amira und die jüngste Saina.“
„Saina?“ Dr. van Gastelen sah mich fragend an. So erzählte ich ihm von dem Höllentripp am 16. August.

Auf dem Weg nach Hause rief ich Marpe an und sprach mit ihr über die Aussagen von Lenara.
„Ich hatte dir heute Nachmittag schon gesagt, dass du zu viel das negative siehst. Ich weiß nur zu gut, dass du alles schlechte von Lenara abhalten willst – sie weiß es auch! Sie kennt deine Sorgen, ohne das du es ihr sagst. Bei der zweiten Frage von SWLS sahst du zur Kamera, aber nicht zu Lenara. Ihr Blick auf dich sprach Bände. Nila, Lenara liebt dich und sie ist intelligent genug um zu wissen, welches Glück sie hat. Komm bei mir vorbei und schau dir das Video an. Schau dir ihre Augen und Mimik an. Ich weiß, dass du ihre Hand gehalten hast, aber du siehst auf dem Video mehr. Glaube es mir. Ich sprach vorhin noch lange mit Dr. van Gastelen. Er sah auch die positiven Linien und Frequenzen von Lenara.“ „Ik weet het. Ik heb net Dr. van Gastelen gezien.“ (Ich weiß. Ich habe es gerade Dr. van Gastelen gesehen.)

Bei einem Glas Wein sah ich bei Marpe das Video und war doch überrascht, dass ich vieles an der Mimik von Lenara nicht gesehen hatte – obwohl ich nur einen halben Meter von ihr entfernt gesessen habe.
„Ab Dienstag ist Amira bei ihr im Krankenhaus.“ „Ich weiß. Amira rief mich heute an. Deine Tochter bereitet sich vor. Lass Amira mal machen. Ich denke für beide wird es ein Befreiungsschlag sein. Sie haben im Grunde das gleiche Schicksal erlebt.“ „Ich will gar nicht wissen, was Amira mit dir gesprochen hat.“ „Wirst du auch nicht erfahren. Fällt unter die ärztliche Schweigepflicht.“ Ich lachte. „Ich weiß wie Amira denkt und wenn sie etwas im Kopf hat, kann ich sie davon nicht abhalten. Ich danke dir für alles. Nun fahre ich nach Hause. Die Nacht ist mal wieder viel zu kurz.“

Dienstag 7. Dezember, Noordhove 5.20 Uhr

Saina lag neben mir im Bett und ich sah ihr beim schlafen zu. Nun wurde ich wieder Mutter und wollte dies gar nicht – naja, passiert der ein oder anderen Frau auch unverhofft. Mit ihren drei Jahren wird Saina bald vieles vergessen haben und ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll.

Nach dem duschen checkte ich noch meine Mails und bereitete schon das Frühstück vor – bis zum Kaffee kochen schaffte ich es noch. Meine Mutter ist die Chefin im Haus und da ist es ein großer Fehler sie bei der Ausführung von ihrem Job zu hintern. Trotzdem umarmte ich meine Mutter, weil sie einfach die beste ist. Auch sie nahm vor 31 Jahren ein Kind an, welches sie nicht kannte und heute dadurch dreifache Großmutter ist. Wir sind schon eine sehr spezielle Familie.

Amira stürmte um 6.30 Uhr ins Haus und brachte gleich auf ihre Art Hektik in diesen schönen Morgen. Ich frage mich immer öfters ob sie dies von mir abgeschaut hat. Ich wollte diese Fragen nun endlich abgeschlossen wissen und fragte meine Mutter. Sie schüttelte den Kopf.
„Noi Nila, du bisch um einiges schläwwl (schlimmer). Bei dir muss älles jedzd ond soford sai. Amira lässchd einem wenigschdens no ebbes mehr Zeid. Wie die Muadr so die Dochdr.“ (Nein Nila, du bist um einiges schlimmer. Bei dir muss alles jetzt und sofort sein. Amira lässt einem wenigstens noch etwas Zeit. Wie die Mutter so die Tochter.)
Naja, dann war dies nun auch geklärt. Meine Mutter und Vater sind eindeutig die Ruhepole in meinem / unserem Leben – zum Glück!
Natürlich bin ich sehr dankbar bei der Unterstützung meiner Eltern in so vielen Dingen. Auch ist deren ruhige Art eine der wohl besten Therapien für Saina.
Kaum hatte ich dies zu Ende gedacht, kam mein Vater mit Saina auf dem Arm die Treppe herunter. Papa ist so stolz auf sein – was eigentlich? Er sieht sich selbst als Opa und somit ist Saina meine Tochter. Punkt.

Um kurz nach 7 Uhr rief Joris an und fragte, wann wir fliegen wollten. Ich sagte ihm, dass wir um 8 Uhr am Flugplatz seien.
Papa verstaute unser Gepäck in Amiras Kombi und fragte mich mehrmals nach meiner Laptoptasche.
„Papa, ich mache Urlaub! Ich nehme bewusst meinen Laptop nicht mit.“ „Aber wenn…“ „Logge ich mich über den Laptop oder PC von Marcel ins System ein. Jeder weiß, dass ich in Urlaub fliege. Letztes Jahr hatte ich den Laptop mit in den Urlaub genommen und trotzdem gearbeitet. Nun muss die Welt eine Woche ohne mich auskommen.“
Ich nahm meinen Vater in den Arm und gab ihm einen Kuss. Er meint es ja nur gut mit mir.

An dem kleinen Flugplatz „The Hague Airport“ verabschiedete ich mich von Amira. Sie würde jetzt zu Lenara fahren und ich solle mir keine Sorgen machen. Ich gab Amira einen Kuss und streichelte ihre Haare. „Maus, ich mache mir keine Sorgen. Ich liebe dich.“

In der Cessna 172 setzte sich meine Mutter ins Cockpit zu Joris und war stolz wie eine Königin. Saina ließ ich ans Fenster links neben mich und schnalle sie an. Sie hatte etwas Angst, als Joris den Motor startete. Vor 14 Jahren zeigte Amira die gleiche Reaktion. Alles wiederholt sich im Leben.
Joris stieg langsam auf Dienstgipfenhöhe von 13.000 Fuß (etwas über 3.800 Meter) und flog auf Rotterdam zu, um dann nach rechts abzudrehen mit Kurs Nordwesten auf Norwich. Samira war von der Landschaft in dieser Höhe begeistert und sah die vielen Gebäude, Straßen und den Riesigen Hafen von Rotterdam.
Der Flug über die Nordsee war für sie sehr Eintönig. Saina sah mich mit einem Blick an, den tausend Worte nicht beschreiben können. Ich legte meinen Arm um sie und gab ihr einen Kuss. „Ich liebe dich mein Sonnenschein.“

Großbritannien kam in Sicht und Joris fragte, ob Saina zu ihm ins Cockpit möchte. Bei Oma auf dem Schoß sitzen strahlte sie wie eine Prinzessin. Joris erklärte meinen Mutter und Saina was die vielen Armaturen anzeigten.
Ich setze mich neben meinen Vater und legte meinen Kopf auf seine rechte Schulter. Wie sehr vermisste ich den letzten Jahren diese Nähe. Ohne das ich es wollte, kamen mir die Tränen. Mein Vater drückte mich fester an sich. Wir verstehen uns ohne Worte.

Edinburg kam in Sichtweite und ich sah dieses wunderschöne Stadt nun auch von oben. Es waren noch circa 230 Kilometer bis Inverness. Meine Eltern waren schon seit der letzten Stunde von der Weite unter uns fasziniert. Wartet mal bis ihr die Highlands seht – dachte ich bei mir. Nach 31 Jahren kann ich meinen Eltern endlich so vieles zurückgeben, wofür ich ihnen ewig dankbar bin.

Joris meldete sich um kurz vor 11 Uhr beim Tower INV – Inverness Airport an. Ich sah diese wunderschöne Landschaft immer näher kommen und hatte das Gefühl mit jedem Meter nach unten werde ich ruhiger.

Traumland ich komme

Der Inverness Airport gehört nicht zu den Hotspots der Luftfahrt. Es war wenig los und so konnte Joris sehr dicht ans Terminal fahren. Meine Mutter kam aus dem kleinen Cockpit auf mich zu und hatte Tränen in den Augen. Gern geschehen, Mama.

Nach dem Corona-Test ging es durch die kleine, aber schöne Halle, zum Ausgang. Ich sah schon die große, schmale Gestalt von Marcel und war froh ihn in die Arme nehmen zu können. Marcel hat eine Aura, die ich nach all den Jahren der Freundschaft nicht einordnen kann. Er tötet Menschen ohne Skrupel und kann im nächsten Moment der liebenswerteste und einfühlsamste Mensch dieser Welt sein.

Auf den knapp 15 Minuten Fahrt vom Flugplatz nach Nairn saß Saina auf meinem Schoß und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Gebäude sahen so ganz anders aus, als die die sie aus den Niederlanden kannte.
Marcel fuhr in die Einfahrt von seinem sehr schönen Haus und Haylie stürmte aus der Haustür auf den Wagen zu.
„Latha math, Nila.“ Sagte eine wunderschöne Frau mit atemberaubend rötlichen Haaren zu mir und fiel mir um den Hals. „Latha math, Bonnie Banks. Nice to see you, my dear.“
Ich lernte Haylie 2007 in Afghanistan kennen, als sie dort im Einsatz als Krankenschwestern war. Haylie ist eine absolute Koryphäe in der Medizin. Wenn es sein müsste, würde sie bei Kerzenlicht einer Herzoperation assistieren.
Durch Lenara haben wir seit März 2020 einen sehr engen Kontakt und wenn ich mich für Maßnahmen oder Operationen entscheiden musste, war sie es, die mir die Schritte der Ärzte erklärte.
Wenn Marcel bei mir in Afghanistan war, war Haylie oft dabei und hatte sich um unsere Mädchen und Frauen gekümmert. Den Chirurgen in Afghanistan macht sie fast alle etwas vor.

Nach einem typisch schottischen Frühstück aus Spiegeleiern, Toast, Bacon, Hash Browns (ist einer Art Kartoffelpfannkuchen), Tattie Scones (Kartoffelbrötchen) und gegrillten Tomaten, fuhren wir in die Innenstadt von Inverness.

Haylie wollte unbedingt für Saina einen original schottischen Kilt kaufen – gibt es auch für Mädchen. Natürlich durfte die original Tartan Weste nicht fehlen. Jegliche Argumente von mir, dass Saina mittlerweile mehr als genügend Kleidung hätte, liefen ins leere.
Als Saina endlich nach der Vorstellung von Haylie gekleidet war, ging es weiter in die Innenstadt. Inverness ist gepflastert mit Souvenirs jeglicher Art von Nessie, dies entging auch Saina nicht. Ich erklärte ihr, dass wir morgen zu Loch Ness fahren werden, um Nessie zu suchen. Es gibt im paschtunichen keine ordentliche Übersetzung für Nessie. Ungeheuer, Drachen oder Monster beschreiben Nessie nicht. Saina hatte Angst und wollte dann doch nicht zu Loch Ness.
Im nächsten Souvenirs Laden sah Saina Plüschtiere von Nessie, die von 12 Zentimeter bis eineinhalb Meter Größe reichten. Da Nessie nicht nach Monster aussah und es dies ja schließlich als Kuscheltier gab, beschloss Samira für sich keine Angst vor Nessie haben zu müssen. Kindliche Logik.

8. Dezember. Das Ungeheuer wird gefüttert

Noch vor dem Frühstück fragte mich Saina, was denn Nessie essen würde, ob Nessie ein Bett und Haus hätte und ob Nessie Freunde hätte.
Was sollte ich einem Kind mit einem überdimensionalen Stofftier im Bett antworten? (Anm.: Auf den Plastikaugen und Plastiknasenspitze von Nessie schläft es sich nicht gut. Auch ist eine Ausziehcouch mit Saina, Nessie und mir an ihrer Kapazität angelangt.)
Ich deckte Nessie das Stofftier zu und sagte Saina, dass Nessie eine schöne Höhle mit eben auch einem sehr großen Bett hätte. Die Freunde wären die anderen Seebewohner. Bei der Frage nach dem Essen musste ich passen.

Am Frühstückstisch stellt Saina nochmals die Frage nach dem Essen von Nessie. Haylie meinte, dass Nessie sehr gerne Haferflocken essen würde. So entschied Saina, dass Nessie von ihr Haferflocken bekommen werde.

Nach dem Frühstück fuhren wir alle zu Loch Ness. Von Inverness ist man in circa 30 Minuten am Chanonry Point. Dort ist ein Leuchtturm, Informationscentrum und ein Delphin Aquarium.
Da auch die beiden Söhne von Haylie und Marcel mit wollten, mussten wir mit zwei Autos fahren. Der Einfachheithalber fuhr ich mit Saina in der „Familiekutsche“ bei Haylie mit und meine Eltern im Sportwagen von Marcel. Obwohl Haylie schon ein sehr großes Auto hat, ist die Hälfte vom Kofferraum mit zwei großen Taschen belegt. Haylie arbeitet für zwei große Hilfsorganisationen und wenn es irgendwo auf der Welt eine größere Katastrophe gibt, ist sie binnen 24 Stunden an jedem Ort dieser Welt. Eigentlich müsste sie gar nicht arbeiten, denn Marcel verdiene vor meiner Zeit – also bevor er mein Bodyguard wurde, sehr viel Geld für die Eliminierung „Feindlicher Objekte“.

Obwohl Haylie recht zügig fuhr, glitt diese wunderschöne Landschaft wie in Zeitlupe an mir vorbei. Wenn Gott die Erde gebaut hat, hat er sich bei Schottland sehr viel Zeit gelassen. In den letzten 10 Jahren war ich schon oft in Schottland gewesen, entweder für ein paar Tage alleine oder eineinhalb Wochen mit Amira und trotzdem hört diese Schönheit und Weite dieser Landschaft nicht auf zu wirken.

Da die erst Vorführung im Delifnarium erst am Nachmittag war, buchten wir uns ein Ausflugsboot um zu Nessie zu fahren.
Samira frage ständig wann wir den endlich bei Nessie seien. Meine Eltern waren von der Schönheit der Landschaft völlig in den Bann gezogen. Auch wenn es im Dezember auf dem Wasser sehr kühl ist, saß ich hinter der kleinen Passagierkabine an der Wand und genoss die frische kühle und angenehme Luft.
Wir fuhren mit dem Boot Richtung Meer und man merkte schon den Seegang.
Sechs Seemeilen über Covesea stoppte der Skipper sein Boot. Wir waren an der Nordsee und fast am Ende von Europa. Weiter nach Nordenwesten kommt nur noch die Färöer Insel und Island. Links vom Boot sah man die Nord West Highlands und recht das offene Meer. Ich hatte Saina auf dem Schoß und sie kuschelte sich an mich. Ich erklärte ihr, wo wir in diesem Augenblick mit dem kleinen Boot seien und wir nun ausschau nach Nessie halten.

Saina fragte mich, ob Nessie kommen würde, wenn sie Haferflocken ins Wasser schmeißen würde. Nach der Fütterung von zwei Packen Haferflocken und eine Tüte mit altem Brot, war das Boot von Möven umlagert, aber Nessie kam war nicht zu sehen.
Ich sagte zu Saina es könnte vielleicht auch daran liegen, dass Nessie lieber Leberwurstbrot mag als Haferflocken.
Nach guten 30 Minuten Aufenthalt drehte der Skipper das Boot und wir fuhren zurück. Für meine Eltern und mich war der Geruch der Nordsee eine Wohltat.

9. Dezember irgendwo in den Highlands

Nach dem Frühstück fuhr ich mit Haylie in die Highlands. Ich brauchte diese Zeit für mich alleine. Mit Haylie kann ich über sehr vieles reden. Wir sind wie Schwester. Sie ist drei Jahre älter als ich und ich kann sagen, dass wir irgendwie Seelenverwandt sind. Drei Stunden wandern mit guten Gesprächen und diese grandiosen Landschaft sind die beste Therapie dieser Welt. Haylie hörte meinen Sorgen zu und hatte auf alles irgendwie eine Antwort.

Je länger ich mit ihr sprach, umso mehr Ballast fiel von meiner Seele. Ich sagte ihr auch von meiner Überlegung, Marcel ins Team zu holen. Da ich mit aller Wahrscheinlichkeit nie mehr nach Afghanistan zurückkehren kann, wäre er sowieso Arbeitslos. Seine Gedanken und Ideen bei so vielen Konzepten waren immer richtig.
Da saßen wir an einer kleinen Kapelle auf einer 500 Jahren alten Steinbank und ich überlegte, wie ich einen ehemaligen Auftragskiller in ein Kinder- und Jugendprojekt integrieren kann.
Marcel ist kein schlechter Mensch! Ihm wurde als Kind immer gesagt, dass die anderen Menschen böse seien und diese bekämpfen werden müssten. Marcel tötete im vielen Ländern der Welt Menschen – sogar zwei Bodyguards von Joseph Kabila Kabange im Kongo. Er schaffte aber auch drei Kriegsverbrecher aus Jugoslawien vor den Europäischen Strafgerichtshof und er war maßgeblich bei Bau meines ersten Frauenhaus beteiligt.
Ich persönlich achte kaum einen Menschen auf dieser Welt mehr, wie Marcel. Aus einem Menschenhasser wurde ein Menschenfreund – der aber auch sehr gefährlich sein kann. Ich habe ihm über 10 Jahre mein Leben anvertraut und möchte mich nun revanchieren. Haylie meinte, Marcel liebt mich wie seine Schwester und er wird immer für mich da sein.
Wer weiß, was im Leben noch alles auf mich zukommt. Da ist es wichtig, solche Menschen an seine Seite zu wissen.

Nairn, Donnerstagabend

Meine Mutter sollte mal wieder Käsespätzle machen. Da muss eine Frau aus Afghanistan schwäbische Esskuktur nach Schottland bringen. Kann man sich auch nicht ausdenken.
In der wunderschönen Galerie im Dachgeschoss sprach ich mit Marcel über meine Gedanken, die ich am Vormittag schon Haylie sagte. Da er diese Arbeit fast ausschließlich von zu Hause machen könnte, stimmte er sofort zu.

Nach gefühlten 20 Kilo Käsespätzle essen, fuhren meine Eltern, Haylie, Marcel und ich nach Inverness in einen Pub. Die Kinder „parkten“ wir bei den Eltern von Haylie. Saina wurde schon am Dienstag überschwängliche gedrückt und geliebt. Nun im Haus von Haylies Eltern war sie sofort das Nesthäkchen.
Muira und Fergus sind in fast gleichen Alter wie meine Eltern und waren sich am Dienstag schon von der ersten Sekunde an sympathisch. Da meine Eltern sehr gutes
englisch (kein schottisch) können, ist die Kommunikation auch gesichert. Man muss dem Schotten schon genau zuhören, was sie einem auf „englisch“ sagen möchten.

Mit gutem Gewissen konnte ich Saina bei Muria und Fergus lassen, sodass wir einen freien Abend hatten.
In einem sehr schönen und gemütlichen Pub bestellte Marcel gleich für jeden von uns einen Sündhaft teuren Whisky. Die meisten Single Malts werden mit Altersangabe verkauft. Diese fängt meistens bei ca. 8 Jahren an und endet dann irgendwo zwischen 20 und 30 Jahren. Das Mindestalter für Whisky ist 3 Jahre. In den meisten Fällen kann man sagen, dass mit steigendem Alter auch der Preis des Whisky deutlich höher wird. Da ich Whisky mit einem zu hohen Alkoholgehalt nicht mag, bestelle Marcel eine Runde Single Malt dessen Herstellung vor 2010 lag. Für das eine Glas Whisky brauchte ich den ganzen Abend. Ich konnte ja schlecht Cola in diesen exorbitant teuren Whisky machen. Dies wäre in dem Pub einem Selbstmord gleich gekommen. Mit Guinness, welches ich persönlich sehr mag, weil es leicht im Alkoholgehalt und auch noch lecker ist, hatten wir einen sehr schönen Abend. Meinem Vater hatte das alkoholische Kaltgetränk sehr gut geschmeckt, denn ich habe in all den Jahren meinen Vater noch nie besoffen gesehen. Mit jedem weiteren Guinness und Whisky klappe auch die Verständigung mit den zwei Paaren am Nachbartisch immer besser.

Samstag, 11. Dezember im Wellness Hotel

Nach dem Frühstück sagte mir Haylie, dass sie mich nach Tain in ein Wellness Hotel einladen möchte. Da sie dies bereits am Mittwoch gebucht hatte, konnte ich nicht mehr Nein sagen.
Die eine Stunde Fahrt genoss ich mit wieder grandiosen Bilder dieser Landschaft.
Durch Corona ist auch in Schottland vielen nur mit Buchungen und Tests möglich. Ich kann zwar meine Impfungen nachweisen, trotzdem bestand das Hotel auf einen Test, denn ich freiwillig machte. Die Mitarbeiter möchten sich schließlich auch schützen und gesund bleiben. Wenn ich an die Querdenker im Rest von Europa denke, sind die Schotten mit den Corona Maßnahmen viel lockerer. Es muss so sein – dann macht man dies eben. Schottland hat bis jetzt circa 10.000 Todesfälle zur diesen Virus, wohingegen Großbritannien fast 150.000 Todesfälle hat.

Der Wellnesstag begann mit einem Moorbad, dann Massage, Sauna, schwimmen und relaxen. Nach einem wunderbaren Vital-Mittagessen ging es wieder in die Sauna. Nach der finnisch sauna – also bei 95°, im Freibad zu schwimmen ist unbeschreiblich. Oder wenn man nach einem Saunagang im Winter auf einer Liegewiese ruht und der Schnee fällt, kann ich gar nicht beschreiben. Ich selbst habe eine Sauna am Haus und konnte diese erst einmal benutzen – auch dies wird sich in Zukunft ändern.
Wie immer waren 8 Stunden mit Wellness, Sauna und Massage viel zu schnell vorbei. Da Haylie am Morgen beschlossen hatte, dass wir einen Mädelstag machen, war dieser natürlich mit dem Besuch in dem Wellness Hotel nicht vorbei.
In Foulis Ferry kehrten wir in ein schönes kleines Restaurant ein. Die schottische Küche ist nicht jedem sein Geschmack. In dem kleinen Restaurant gab es wunderbare Fischgerichte.

Von dem Restaurant hatte man einen wunderbaren Blick auf den Cromarty Firth.
Da wir den ganzen Abend Zeit hatten, bestelle Haylie das Essen für eine Stunde später. Mit Scottish Coffee und einer dicken Decke saßen wir auf der Terrasse und genossen die Zeit bei Gesprächen und dem immer dunkler werdenden Abend.
Haylie fragte mich, wann ich zurück nach Den Haag fliegen werden. Ich wollte eigentlich: nie wieder, antworteten und sofort waren die Sorgen um Lenara wieder da. Bonnie versprach mir, sobald Lenara aus dem Krankenhaus wäre, würde sie zu mir in die Niederlande kommen um mir zu helfen. Viele Gedanken versuche ich immer wieder zu verdrängen. Wie packe ich Lenara von Bett in den Rollstuhl? Wie kann ich sie waschen? Welche Pflege braucht ihre Haut?
Tausende Fragen auf die ich zum Teil nur theoretische Antworten bekommen habe.

Meinen Eltern sagte ich vor einer Woche, dass wir nur für ein paar Tage nach Schottland fliegen werde, und nun möchte ich so schnell nicht zurück.
Mein Smartphone meldete sich und ich sah die täglich Nachricht von Anisia die mir gegen Abend eine Zusammenfassung des Tages schickte. Anisia ist sehr besorgt um mich und schreibt nach jedem Absatz: اندیښنه مه کوه ( mach dir keine Sorgen.)
Es dauerte nicht lange als die Mail von Samira aus den Niederlanden kam. Im Anhang hatte sie ein Schreiben vom Ministerium, in dem stand, dass ein nächster Lockdown bevorsteht.
Dies habe ich im August schon gewusst. Wir sind in der Einrichtung bestens darauf vorbereitet.
Auch meine beste Freundin und Langjährige Weggefährin macht sich Sorgen um mich und endet jede Mail mit dem Satz: Baby, es läuft alles.

Sonntag, 12. Dezember und  26. Dezember 2021

Saina schlief friedlich neben mir und ich streichelte ihre Haare. Auch wenn meine Kontakte in Afghanistan ihre Mutter irgendwie finden würden, ich werde Saina nicht mehr zurück geben. Darf ich einen solchen Anspruch überhaupt stellen? Natürlich würde ich alles versuchen, damit ihre Mutter nach Europa kommen könnte und dann wäre Saina nicht mehr meine Tochter. Was habe ich nur wieder angestellt? Ich kann ein Kind doch nicht auf Raten lieben. Zumal ich gar nicht weiß, wie lange diese Raten dauern.

Amira rief mich an und erzählte von den letzten beiden Tagen mit Lenara. Beide haben offensichtlich sehr viel Spaß zusammen. Auch hier und jetzt verlange ich von Amira vielleicht viel zu viel. Auch wenn sie sagt, sie kümmert sich sehr gerne um Lenara, ist es für eine 26-jährige doch eine riesige Belastung. Warum kann mein Leben nicht ganz normal verlaufen?
Ich sagte Amira, dass ich gerne noch ein paar Tage länger in Schottland bleiben möchte. Sie meinte nur: cool.
Also hatte ich von meiner ältesten Tochter schon mal die Freigabe.
Saina wurde wach und ich gab ihr mein Telefon, damit sie mit ihrer Schwester reden konnte.

Mit Tee saß ich auf der Veranda und genoss den Morgen. Hier an diesem Ort scheint die Zeit viel langsamer zu gehen.
Marcel kam vom joggen zurück und gab mir einen Kuss. Marcel ist 56 Jahre alt und hat einen extrem sportlichen, durchtrainierten und sexy Body. Er ist durch und durch ein sehr schöner Mann: groß, schlank, schöne Augen, charmantes Lächeln, klug und eine Aura wie ich sie selten bei einem Menschen gesehen habe. Wenn er einen Raum betritt, weiß jeder das er da ist. Dies kann ich neidvoll anerkennen – schade, dass er verheiratet ist.
Natürlich hatte Marcel in den letzten Jahren schon öfters bei mir im Bett gelegen und mich festgehalten oder getröstet – aber mehr auch nicht. Dies würde und könnte ich Bonnie Banks niemals antun. Sie zählt zu meinen besten Freundinnen. Dies weiß sie auch. Und auch Marcel kennt seinen Platz bei seiner Frau. Auch wenn Marcel der Killer im Haus ist, ich glaube wenn Marcel etwas mit einer anderen Frau hätte, würde Haylie seinen Job übernehmen und ihn unter die Erde bringen. Einen solchen Mann teilt man nicht gerne.

Beim Frühstück fragte ich meine Eltern, wann sie zurück fliegen möchten. Die Zeitangabe: irgendwann – kann man nun sehen wie man möchte. Also bleiben wir bis zu Freitag.
Am Vormittag machten wir uns alle, auch Muira und Fergus, auf zu einen Ausflug in die Nord West Highlands zum Loch Fleet.
Mir tat diese Zeit mit so liebevollen und wunderbaren Menschen gut. Papa hatte Saina auf seinen Schultern sitzen und er war so stolz in seiner Rolle als Opa. Ich glaube es würde ihm das Herz brechen, wenn ich Saina an ihre Mutter zurückgeben müsste.
Die Behörden in den Niederlanden werden einer Adoption erst in zwei Jahren zustimmen. Solange hat Saina bei mir ein Duldungs- und Aufenthaltsrecht. Soll heißen: das kein Jugendamt plötzlich auf die Idee kommen kann Saina in ein Heim zu stecken oder gar auszuweisen. Um den Behörden in Den Haag schon mal zu zeigen, wo der Hammer hängt, war ich mit Janina im Ministerium und wir hatten denen einen Katalog an Gesetze zum Schutz von Minderjährigen vorgelegt.
Heute muss man mit jeglicher Willkür von Behörden rechnen. Bei Lenara sind die Behörden froh, dass sie sich dies nicht antun müssen. Die Kosten für eine Heimunterbringung wäre astronomischen teuer.
Mir wurden zum Umbau meines Hauses 10.000 € bewilligt, damit ich ein Behindertengerechtes Bad bauen konnte. Auch wird sich an einem Spezial Rollstuhl und Bett beteiligt. Als ich im Juli den Kostenvoranschlag sah, blieb mir für einen Augenblick das Herz steht. Durch den Verkauf von dem Haus meiner Eltern in Stuttgart, gaben sie sofort 20.000 € – was bei weitem noch nicht die Hälfte ist! Lenara wird das beste Equipment bekommen, welches zur Zeit auf dem Markt gibt.

Nun komme ich endlich zum Schluss von meinen Gedanken und wünsche euch allen einen guten Start ins neue Jahr.

Nila Khalil, Den Haag, 26. Dezember 2021

„Wir werden nach den islamischen Regeln bestrafen.“

„Wir werden nach den islamischen Regeln bestrafen.“

Autorin Nila Khalil

„Wir werden nach den islamischen Regeln bestrafen. Was auch immer der Islam uns vorschreibt, wir werden es entsprechend bestrafen. Der Islam hat seine Regeln für die wichtigsten Sünden. Wenn man zum Beispiel jemanden tötet, gelten andere Regeln. Wenn man es absichtlich tut, wenn man die Person kennt und sie absichtlich tötet, wird man auch getötet. Wenn man es nicht absichtlich tut, kann es eine andere Strafe geben, z. B. die Zahlung eines bestimmten Geldbetrags. Bei einem Diebstahl wird die Hand abgeschnitten. Bei illegalem Geschlechtsverkehr werden die Täter gesteinigt.“

Eine Frau wird öffentlich hingerichtet

Nein, dies ist kein Text aus einer historischen Schrift der vergangenen 500 Jahre  – es ist ein Text von August 2021.

Viele Afghanen sind beunruhigt, als die Taliban verkündete, das Ministerium „Für die Verbreitung von Tugend und die Verhinderung von Lastern“ wieder einzuführten.
Jenes Ministerium, das von Mohamad Khalid geleitet wird, ist von Grund auf eine Menschenverachtende Institution.

Das berüchtigte Ministerium ist dafür bekannt, dass es die strenge Auslegung der Scharia umsetzt, zu der auch das Verbot für Frauen gehörte, ihr Haus ohne männliche Begleitung zu verlassen, sowie ein Verbot von Musik und anderen Formen der Unterhaltung. 

„Das Hauptziel ist es, dem Islam zu dienen. Deshalb ist ein Ministerium für Laster und Tugend obligatorisch. Wir wollen ein friedliches Land mit islamischen Regeln und Vorschriften.“ So steht es in einer Mail, die mit von einem Freund geschickt wurde.

Eine Frau wird öffentlich ausgepeitscht

Während der letzten Taliban-Herrschaft, die von 1996 bis 2001 dauerte, mussten Frauen eine Burka tragen und durften nicht ohne einen männlichen Vormund ins Freie gehen. Auch wurden die Gebetszeiten streng vorgeschrieben, und Männer wurden gezwungen, sich einen Bart wachsen zu lassen.
Mit dem Sturz der Regierung wurde vor Wochen damit begonnen in jeder Straße eine Sittenpolizei eingerichtet, die Verstöße mit harten Strafen wie Auspeitschungen, Amputationen und öffentlichen Hinrichtungen ahndete.

In vielen Städten und Ortschaften gibt es
inzwischen wieder viele solche Vorfälle. 

Noch etwas zu der aktuellen Leistung des Innenministerium, des Islamischen Emirats Afghanistan, das von Sirajuddin Haqqani geleitet wird. Er ist der Sohn von Dschalaluddin Haqqani. Die CIA und das FBI haben für Hinweise, die zu seiner Ergreifung führen, eine Belohnung von bis zu 10 Millionen US-Dollar 
ausgesetzt.

Wer nun immer noch der Meinung ist, das es für Afghanistan eine Zukunft geben wird, sollte endlich mal aufwachen und der Realität ins Auge sehen.
Es wird in nicht all zu langer Zeit kein Internet, Fernsehen und Radio in der bekannten Form in Afghanistan geben.

Nila Khalil, 16. September 2021

An einer Wand in Kabul

Die Lügen der Versprechungen

Die Lügen der Versprechungen

Die Taliban kündigten am Sonntag, den 26. Dezember, an, dass Frauen, die lange Strecken reisen wollen, von einem Mann aus ihrer engsten Familie begleitet werden müssen. Dies ist ein weiteres Zeichen dafür, dass das Regime trotz seiner ursprünglichen Versprechen, die Frauenrechte zu achten nicht einhält.

Autorin Nila Khalil

Heute kündigten die Taliban einen weiteren Rückschritt für die Freiheit der Frauen an. Wenn nun Frauen weiter als  72 Kilometer von ihrem Wohnort entfernt reisen wollen, müssen dies von ihrem Mann – oder einem männlichen Familienmitglied begleitet werden.
Der Sprecher des Ministeriums für Tugendförderung und Lastervermeidung, Sadeq Akif Muhajir, teilte dies Vorgaben mit, und werden seit dem frühen Morgen in sozialen Netzwerken schon ordentlich geteilt.
In der neuerlichen Verordnung von dem Ministerium heißt es weiter, dass Autofahrer außerdem aufgefordert werden, Frauen nur dann an Bord ihres Fahrzeugs zu lassen, wenn sie den „islamischen Schleier“ tragen – also eine Burka. Auch dies zeigt mal wieder sehr deutlich, wie die Taliban weiterhin Frauen Diskriminiert.

Ein Foto von Anja Niedringhaus aus meinem Artikel „Die Bilderkriegerin. Afghanische Frauen, fotografiert durch den Augen-schlitz einer Burka, Kabul, Afghanistan, 11. April 2013 © Anja Niedringhaus/AP

Diese neuerliche Verordnung kommt nur wenige Wochen später, nachdem das Ministerium die afghanischen Fernsehsender aufgefordert hatte, keine Seifenopern und Serien, in denen Frauen mitspielen, mehr auszustrahlen und dafür zu sorgen, dass Journalistinnen auf dem Bildschirm „den islamischen Schleier“ tragen.

Nicht eingehaltene Versprechen

Seit der Machtübernahme der Taliban, im August 2021 haben sie Frauen und Mädchen verschiedene Beschränkungen auferlegt, trotz anfänglicher Versprechungen, dass ihr Regime weniger streng sein würde als während ihrer ersten Herrschaft von 1996 bis 2001. Während ihrer ersten Herrschaft hatten die Taliban bereit das Tragen einer Burka für Frauen zur Pflicht gemacht. Auch durften damals schon Frauen das Haus nur in Begleitung eines Mannes verlassen und hatten kein Recht zu arbeiten oder zu studieren.

Anfang Dezember 2021 ordnete ein Dekret im Namen des obersten Führers an, dass die Rechte der Frauen geachtet werden würden, das Recht auf Bildung wurde in dem Dekret mit keinem Wort erwähnt.

In den letzten Monaten haben sich zwar Behörden in mehreren Provinzen bereit erklärt, die Schulen für Mädchen wieder zu öffnen. Dies ist aber eine Außenpolitische Augenwischerei, denn die Taliban wollen sich der Welt als moderat zeigen, damit sie für das völlig heruntergewirtschafte Land Devisen bekommen. Afghanistan gehört vor der Machtübernahme der Taliban schon zu den ärmsten Ländern der Welt. Mit dem völligen Versagen der neusten Politik seitens der Taliban rutscht Afghanistan Monat für Monat in dem Index der Weltbank immer weiter nach unten.

Eine Humanitären Katastrophe zeichnet sich ab

Eine Humanitären Katastrophe zeichnet sich ab. Für 22,8 Millionen Menschen, von circa 37 Millionen Einwohnern besteht akuter Ernährungsunsicherheit. Dies ist in den vergangenen 24 Monaten eine Steigerung von fast 30 Prozent. Die Gründe
waren zum einen die anhaltende Dürre und ab dem August 2021 der völlige Zusammenbruch öffentlicher Dienstleistungen und Ordnung. Die Taliban stürzten Afghanistan binnen Wochen wieder einmal in eine schwere Wirtschaftskrise. Demzufolge steigen die Lebensmittelpreise auf einen astronomischen Höchststand. Die Humanitäte Versorgung von Millionen Menschen ist fast zum Erliegen gekommen und durch den Winter wird die Lage täglich katastrophaler.

Nila Khalil, Den Haag 26. Dezember 2021

Tjeerd Royaards

Tjeerd Royaards ist ein preisgekrönter niederländischer redaktioneller Karikaturist, der in Amsterdam lebt. Seine Arbeiten wurden bei CNN, The Guardian, Der Spiegel, Le Monde, Courrier international, Ouest-France, Internazoniale und Politico Europe veröffentlicht. Tjeerd ist Chefredakteur von Cartoon Movement, einer globalen Plattform für redaktionelle Cartoons und Comic-Journalismus. Er ist auch im Beirat des Cartoonists Rights Network International.

Tjeerd Royaards zeigt mit seinen Cartoons die Realität dieser Welt. Ob nun Menschenrechtsverletzungen oder Klimawandel

Seine Gedanken zum Klimawandel. Auf unserer Website gibt es zu diesem Thema ein paar sehr gute Beiträge von Evke Freya von Ahlefeldt.

Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte wird in und von vielen Staaten völlig Missachtet.

Die Flüchtlingspolitik von Europa lässt sehr zu wünschen übrig.

Kein Mensch flieht ohne Grund

Nicht nur gegen einen Ball wird getreten – auch gegen Menschenrechte.

Sehnsucht

Freiheit ist für mich sehr wertvoll

Sehnsucht
Von Nila Khalil

Gestern Abend saß ich mit Mynte Damgaard, ich kaufte am 25. August ihr Haus für meine Stiftung, in ihrem Wohnzimmer und sie stellte mir eine Frage, die ich gar nicht so leicht beantworten konnte.
„Was ist für dich Sehnsucht?“


Ich sah diese 79-jährige Frau an und wusste nicht, was ich ihr antworten konnte.
Vor zwei Jahren starb der Mann von Mynte und sie vermisst ihn sehr. Beide hatten vor über 50 Jahren den Hof ihrer Eltern übernommen. Die Landwirtschaft war hart und brauchte Anfang der 70er schon kaum Ertrag. Beiden wurde der Kinderwunsch verwehrt. 1975 bauten sie den Hof in ein Landschulheim um. Über 40 Jahren beherbergen sie tausende Kinder und Jugendliche.
Myntes Sehnsucht waren eigene Kinder und die Nähe zu ihrem Mann, der über 50 Jahre mit ihr das Leben teilte.
Mynte und Olaf hatten Sehnsucht nach einer friedlichen Welt und wollten Kinder ein Zuhause der Leibe und Geborgenheit geben  – wenn auch nicht für ihre eigenen Kinder, so gaben sie diese, wenn auch nur immer für ein paar Wochen, an tausende Kinder weiter. Alles in den beiden Häuser und Anwesen ist mit Liebe gebaut, dekoriert oder geplant gewesen.

Da wir schnellstmöglich eine Unterkunft für einen Teil meiner Mitarbeiterinnen, Mädchen und Frauen brauchten, kam ihr Anwesen wie gerufen.
Als ich mit einem Tross von Menschen am 25. August das Anwesen und Haus sah, spürte ich eine Aura die schwer zu beschreiben ist.
Der Grund von unserem Besuch in diesem Haus war allen klar: Wir kaufen ein Anwesen und Mynte geht mit diesem Geld in ein Altenheim – fertig.
Bei der Besichtigung von dem Anwesen und den anschließenden Gespräche sah ich die Traurigkeit bei dem Verlust ihres Lebenswerk in Myntes Augen.
Kann man jemanden die Wurzeln abhacken, die fünf Jahrzehnte alt sind? Ich hätte die Sehnsucht von Mynte zerstört.
Nun hat Mynte ein Lebenslanges Wohnrecht in ihrem Haus und auch wieder viele Kinder.

Mynte ist eine sehr angenehme Frau, mit einem großen Herz für Kinder. Also für uns und auch für sie war es Glück, dass wir uns gefunden haben.
Beim Tee und Plätzchen erzählte ich Mynte den Beginn meiner „Karriere“ in Afghanistan.
2005 hatte meine ehemalige Lehrerin, Shabnam, die Sehnsucht Bildung für Mädchen in Afghanistan weiter zu bringen. Sie wollte mich unbedingt an meine ehemalige Schule holen, damit ich die damalige Lehrerinnen an der Schule unterstütze. Ich bin und war nie Lehrerin. In Stuttgart hatte ich eine Ausbildung als Bürokauffrau gemacht. Vielleicht war irgendwo tief in mir die Sehnsucht wenigstens ein paar Mädchen Bildung und somit ein etwas besseres Leben zu geben.

In New York

Nun aber zurück zu der Frage von Mynte: Was ist für mich Sehnsucht?

Ist es die Sehnsucht nach meiner Freiheit, die ich mein Leben lang verteidige oder die Sehnsucht nach Frieden in Afghanistan?
Habe ich überhaupt noch Sehnsucht nach meinem Geburtsland?
Ist es die Sehnsucht für eine bessere Welt, die auch Mynte in ihrem Leben antrieb.

Was ist für dich Sehnsucht?“

Heimat? Liebe? Geborgenheit? Ich weiß noch nicht einmal wo meine Heimat ist.
Ohne Frage fühle ich mich in den Niederlanden sehr wohl und werde wohl auch die nächsten Jahre dort leben. Alleine schon wegen Lenara – oder nur wegen Lenara.
Oft stelle ich mir die Frage, was wäre wenn das UKE in Hamburg als erstes die Zusage für ihre Operationen gegen hätte, oder gar eine Spezialklinik in den USA.
Vielleicht ist meine Sehnsucht einfach nur eine Beständigkeit in oder für mein Leben.

Ich habe am Hindukusch gelebt und musste fliehen. Als Kind war meine Sehnsucht der Frieden und die Sicherheit keine Angst mehr zu haben.
In Deutschland hatte ich einen Beruf gelernt und konnte in dem Beruf arbeiten. Meine Sehnsucht waren meine Eltern. Ich hatte bereits einen deutschen Pass und wollte meine Eltern über die Familienzusammenführung nach Deutschland holen.
Der Terror in Afghanistan war schneller als die Behörden in Deutschland. Mir wurde durch einen Autobomben-Anschlag die Sehnsucht regelrecht zerfetzt.

Zurück in Afghanistan gab es keine Sehnsucht. Auf was auch?
Nach dem Suizid meiner Mutter war die Sehnsucht nach Stuttgart wieder da. Gleichzeitig aber auch die Sehnsucht nach Bildung für Mädchen.

Ich war in einem von Krieg und Terror gezeichneten Land und die Sehnsucht nach Frieden und Sicherheit kam nach 16 Jahren wieder zurück.

Mein Team von damals. Der Beginn von allem.

In den darauf folgenden Jahren kämpften ein paar mutige Frauen für die gleiche Sehnsucht nach Frieden und Sicherheit.
Was damals in einem kleinen schäbigen Büro an einer Mädchenschule begann, wurde Jahr für Jahr größer und mehr.

Alle unsere Sehnsucht wurde uns am 16. August genommen. Die Sehnsucht für eine Zukunft zerfiel am Flughafen in Kabul.
Die Sehnsucht auf Frieden wurde im Frühjahr 2020 in Doha zwar unterschrieben – aber uns paar mutigen Frauen war klar, dass dies das Ende jeglicher Hoffnung wird. Leider ist es im August 2021 auch so gekommen.

Nun sind es die gleichen Frauen wie einst in dem schäbigen Schulbüro, die jetzt über 5000 Kilometer entfernt sind und stehen wieder ganz am Anfang der Sehnsucht: Bildung und Sicherheit für Mädchen.

Da saß ich bei einer älteren Dame bei Tee und Gebäck in einem europäischen Land und konnte ihre Frage noch nicht einmal vernünftig beantworten.

Was ist für dich Sehnsucht?“

Meine Sehnsucht ist die Ruhe für mich.
Meine Sehnsucht ist das Vergessen von vielen Erinnerungen.
Meine Sehnsucht ist die Genesung und Gesundheit für Lenara.

Vor fast genau einem Jahr hatte ich Lenara gesagt, dass ich ihre Mutter sein werde und sie niemals wieder nach Afghanistan zurückkehren muss.

Die Sehnsucht nach Ruhe macht irgendwie immer einen großen Bogen um mich.

Irgendwo in Europa

Heute morgen saß ich mit Saina am Strand und erzählte ihr von Europa. Sie fragte mich, warum sie in Europa sei und nicht auch ihre Mutter.
Wie kann ich einem 3-jährigen Kind diese Frage beantworten?
Was sollte ich ihr sagen? Deine Mutter war so klug um dich in Sicherheit zu bringen – oder deine Mutter weiß, dass sie sterben wird.
Wie erklärt man einer 3-jährigen die Politik und Terror?
„Saina, ich bin nicht deine Mutter, ich werde aber mein bestes geben. Dies verspreche ich dir.“
Diese Worte von meiner Mutter sind nun 31 Jahre her und nun wiederhole ich diese bei Saina.

Ich habe in den letzten Wochen alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die Vormundschaft für Saina in den Niederlanden zu erreichen – und somit auch ein ständiges Aufenthaltsrecht.

Saina wird irgendwann Sehnsucht nach der leiblichen Mutter haben und ich weiß zur Zeit nicht, was ich ihr sagen kann.

Amira hat hin und wieder auch Sehnsucht nach ihrer Mutter – nur wird sie ihrer Mutter ins Gericht brüllen wollen.

Ich glaube in all diesem Chaos aus meinem Leben, wird die Sehnsucht auf Beschaulichkeit, Ruhe und Normalität von Jahr zu Jahr größer in mir.

Nila Khalil, 5. Oktober, irgendwo in Europa


Schottland

Schottland – warum Schottland?

By yon bonnie banks and by yon bonnie braes,
Where the sun shines bright on Loch Lomond.
Where me and my true love were ever wont to gae,
On the bonnie, bonnie banks of Loch Lomond.

Oh ye’ll take the high road and I’ll take the low road,
And I’ll be in Scotland afore ye;
But me and my true love will never meet again
On the bonnie, bonnie banks of Loch Lomond.

Wenn Gott diese Welt erschaffen hatte, dann hatte er sich bei Schottland sehr viel Zeit, Liebe und Mühe gegeben.
Ich liebe Schottland.
Die Weiten, die Ruhe und diese unglaublich schöne Landschaft.

Mein Bodyguard ist Franzose und lebt seit Jahren mit einer Frau aus Inverness zusammen. Daher die Einleitung von dem Lied: The Bonnie Banks of Loch Lomond.

Beide habe zwei wunderbare Jungen, bei denen ich und Amira Paten sind.

Meine Beziehung  und Freundschaft zu Marcel geht um vieles weiter, als „nur“ Bodyguard. Er ist ein Teil von meinem Leben und Familie. So auch Haylie Mc Farland (oder auch Bonnie Banks), die Frau von Marcel. Sie war bis vor 9 Jahren für verschiedene Hilfsorganisationen als Medizinische Fachkraft in einigen Ländern in Afrika und Asien im Einsatz – auch in Afghanistan, wenn Marcel bei mir war.


Am 14. August gab es in Haiti ein schweres Erdbeben. Als ich am 16. August mit Marcel auf dem Rückflug von Afghanistan war, packte Bonnie zwei Tage später ihre Tasche und machte sich auf den Weg nach Haiti.
Drei Wochen war sie dort für CARE im Einsatz. Haylie kennt von Kriegsgebieten über Terror bis zu Naturkatastrophen das  ganze Spektrum an Verletzungen. Sie könnte auch eine Operation bei Kerzenlicht durchführen.


In den vielen Jahren wo ich Haylie und Marcel kenne, ist eine wunderbare Freundschaft entstanden. Wenn ich mal wieder kurz am Limit von mir selbst stand und stehe, fliege ich zu ihnen nach Schottland. Dort komme ich zur Ruhe und bekomme auch wieder meinen Akku geladen. Mit Haylie gehe ich gerne stundenlang wandern. Wir beide sind uns in vielen Dingen sehr ähnlich und sie ist die beste Trösterin und Therapeutin für mich.

Als ich im März 2020 die Verantwortung für Lenara übernommen hatte, war Haylie für mich bei vielen Fragen da. Sie kam auch schon dreimal in die Niederlande geflogen, um mir beizustehen und auch mit den Ärzten einiges abzuklären.
Bonnie war auch die letzten zwei Wochen mit ihren Söhne bei mir gewesen und hat tatkräftig mein Team und mich unterstützt. Immerhin hat sie viele Mädchen und Frauen aus unseren Häusern über Jahre betreut und Medizinisch versorgt.

Heute habe ich sie zum Flughafen gefahren und sie fehlt mir jetzt schon sehr.

Nun möchte ich euch ein paar Fotos von diesem wunderschönen Fleckchen Erde zeigen.

Frauenrechte in Afghanistan

Unter dem Taliban-Regime, dass sich ab 1994 in Afghanistan langsam wie ein Geschwür ausbreitete und bis zum Ende ihrer Herrschaft, im Jahr 2001, wurden den afghanischen Frauen ihre Menschenrechte und ihr Würde abgesprochen worden.

Autorin Nila Khalil

Als die internationale Gemeinschaft unter der Führung der USA mit dem Versprechen auf Demokratie, Schutz der Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit nach Afghanistan kam, war die Hoffnung groß, dass sich die Situation der Frauen wieder verbessern würde und sie endlich die gleichen Rechte wie Männer bekämen.
Internationale Organisationen, insbesondere die UN, die Europäische Union und die Entwicklungsagentur der USA, sagten ihre Unterstützung zu, um die Lage der afghanischen Frauen zu verbessern.

Die UNO machte ihre Unterstützung der afghanischen Regierung davon abhängig, dass diese die Rechte der Frauen und ihre stärkere Beteiligung in der Afghanischen Gesellschaft gewährleistete.
Die UN koordinierten diese Hilfen für Frauen und allmählich zeichnete sich eine Verbesserung der Situation ab: Frauen erhielten mehr Zugang zu Bildung und beteiligten sich vermehrt an der Gestaltung von Politik und Gesellschaft. Die unabhängige Menschenrechtskommission Afghanistan, UNAMA ( United Nations Assistance Mission in Afghanistan) wurde gegründet, und die Gleichberechtigung der Frau wurde in der Verfassung Afghanistans festgeschrieben.

Niloofar Rahmani

Mädchen durften wieder in Schulen und Universitäten, Frauen nahmen an Wahlen teil, und fünfundzwanzig Prozent der Sitze des afghanischen Parlaments wurden Frauen zugewiesen. Auch in anderen Bereichen der Politik, der Gesellschaft und der Wirtschaft wurden Frauen aktiv und Arbeits- und Bildungsmöglichkeiten für Frauen nahmen zu.

Im Schlussdokument der Afghanistankonferenz  in Bonn im Dezember 2011 hat die internationale Gemeinschaft bekräftigt, auch nach 2014 und dem Abzug der ISAF-Truppen Afghanistan weiter helfen zu wollen. Bundeskanzlerin Angela Merkel sicherte damals Afghanistan langfristige Hilfe über den Abzug der internationalen Kampftruppen hinaus zu. „Afghanistan kann sich auch nach 2014 auf die Unterstützung der internationalen Staatengemeinschaft verlassen“, sagte Merkel.

Da die UNO, wie auch die NATO ihre militärische Präsenz in Afghanistan zurückschraubte und sich dadurch auch die Hilfen verringerten, erlahmte seitens der UNO, insbesondere der USA, auch das Interesse und die Aufmerksamkeit für den Schutz der sozialen Gerechtigkeit, der Demokratie und der garantierten Beteiligung von Frauen an der Politik.
Auch die Regierung unter Hamid Karsai auch nicht gerade mit Zuverlässigkeit glänzte, erfüllte diese ihre Verpflichtungen gegenüber Frauen nicht, denn die Gesetze und Vorschriften, die zur Sicherung der Frauenrechte eingeführt worden waren, standen lediglich auf dem Papier, wurden jedoch nicht angewandt.
Die Erwartung, dass die UNO und die Regierung Afghanistans die Gleichstellung und die Menschenrechte von Frauen gewährleisten würden, erfüllte sich nicht.
Im Gegenteil – niemand arbeitete ernsthaft an der Erfüllung dieser Verpflichtungen. Es zeigte sich beispielsweise, dass Frauen nur eine symbolische Rolle in der Struktur der afghanischen Regierung innehatten. Inzwischen hat sich, insbesondere aufgrund von wieder zunehmenden Sicherheitsproblemen, Armut, langlebigen Traditionen sozialer Unterdrückung und der Bedrohungen durch die Taliban, den IS und andere extremistische Gruppen, die Lage der afghanischen Frauen wieder verschlechtert, bis hin zu Lebensgefahr, und die Arbeits- und Bildungsmöglichkeiten haben sich verringert und sogar dramatisch verschlechtert.

Nach einer Besichtigung eines Terroranschlag an einer Mädchenschule mit 14 getöteten Mädchen und 3 Lehrerinnen.

Fortsetzung von Krieg und Unsicherheit


Der fortdauernde Krieg und Terror und die insgesamt unsichere Lage hat für Frauen das Leben in vielen Provinzen wo die Taliban wieder die Macht stark erschwert. Die Recherchen von Afghan Women´s Network ergab mit rund 100 Vorfällen in nur 71 Tagen (01.11.2018 – 10.01.2019) ein erschreckendes Bild: In fast allen der 34 Provinzen Afghanistans waren mindestens zwei Vorfälle zu finden. In den unsicheren Teilen des Landes können derzeit Mädchen, wie auch in der Vergangenheit, keine Schulen besuchen; viele Familien erlauben ihren Töchtern nicht, zur Schule zu gehen, weil es zu wenig weibliche Lehrkräfte gibt. Heute, im einundzwanzigsten Jahrhundert, können sechzig Prozent der afghanischen Frauen und Mädchen weder lesen noch schreiben.

Viele Frauen, die in mehreren Provinzen für Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen gearbeitet hatten, mussten ihre Arbeit aufgrund der Sicherheitslage einstellen, oder haben schon in den letzten Jahren im Verborgenen gearbeitet und auch agiert. Darüber hinaus töteten und erschossen die Taliban mehrere Frauen wegen des bloßen Verdachts, mit der Regierung zusammengearbeitet zu haben. Menschenrechtlerinnen leben in Afghanistan unter ständiger Lebensgefahr.

Gewalt gegen Frauen in der Familie und in der Öffentlichkeit

Traditionen sozialer Unterdrückung gibt es heute überall in Afghanistan; immer noch leiden rund drei von vier Frauen unter unterschiedlichen Formen von Gewalt, nicht nur in der Familie, sondern auch in der Gesellschaft – am Arbeitsplatz, an Ausbildungsorten und sogar auf offener Straße. Viele Familien bevorzugen klar die Geburt eines Jungen und sind unglücklich über die Geburt eines Mädchens.

Kinder und Frauen werden zwangsverheiratet oder an ältere Männer verkauft, manchmal werden sie getauscht, gegen Vieh oder gegen die Lösung eines Konfliktes. Frauen und junge Mädchen werden vergewaltigt und Gewalt gegen Frauen wird von manchen im Namen der Religion gerechtfertigt. Polygamie stellt eine weitere Herausforderung für Frauen dar. Ein Mann hat beispielsweise das Recht, mit bis zu vier Frauen gleichzeitig verheiratet zu sein, und diese Frauen besitzen keinerlei Rechte. Viele Fälle von Gewalt gegen Frauen werden mittels informeller Gerichte oder in Stammesversammlungen entschieden. Die Entscheidungen dieser Stammesversammlungen sind unfair und ungerecht, vor aller Augen werden Frauen gesteinigt oder ausgepeitscht. 2015 wurde in der Provinz Ghor eine Frau gesteinigt, obwohl sie kein Verbrechen begangen hatte.

Nicht wenigen Frauen werden durch ihre Ehemänner Ohren und Nasen abgeschnitten. Viele Frauen  suchen in den Frauen- und Schutzhäusern der wenigen Internationalen oder auch privaten Organisationen Zuflucht vor dieser immer stärker um sich greifenden Gewalt. In vielen Provinzen sind die Täter dieser Gewaltakte mächtige Männer, Kriegsherren, Regierungsbeamte oder Parlamentsabgeordnete, und die Regierung sieht sich nicht in der Lage, sie zu verhaften und oder zu bestrafen.
Basierend auf Zahlen von UNAMA wurden im Jahr 2017 rund 3800 Fälle von Gewalt gegen Frauen registriert; 19 der betroffenen Frauen haben sich selbst verbrannt.

Natasha war eine Mitarbeiterin von mir

2018 nahm die Zahl der Verbrechen weiter zu und lag bei knapp 4200. Im vergangen Jahr blieb die Zahl auf gleich hohem Niveau. Menschenrechtsorganisationen können durch die instabile Lage in vielen Regionen gar keine Hilfe, bzw. Registrierungen vornehmen und so liegt die Zahl der tatsächlichen Opfer um ein vielfaches höher.
Die sehr lasche Verfolgung der Behörden, lässt somit eine Straffreiheit für die Männer zu und ist als Hauptgrund für die Zunahme dieser Gewalt zu nennen.
Selbst in Kabul sind Frauen und Mädchen nicht vor körperlicher Gewalt sicher. Als Beispiel hierfür sei der Mord an Farkhunda genannt. Dieses Mädchen wurde vor 2015 von Dutzenden Männern brutal getötet und verbrannt – nur wenige Kilometer entfernt vom Präsidentenpalast und vor den Augen von Sicherheitskräfte.
Dieser Vorfall spiegelt die Tragweite der Tragödie wider, mit der afghanische Frauen konfrontiert sind. Zwar wurden mehrere Personen im Zusammenhang mit diesem Mord verhaftet, jedoch gingen sie letztendlich straffrei aus. Frauen und Mädchen sind selbst an ihrem Arbeitsplatz oder an den Universitäten nicht sicher. Sie werden auf dem Arbeitsmarkt und in Bildungseinrichtungen von Männern auf unterschiedliche Arten belästigt und aufgefordert, illegitime Dinge zu tun; es gibt keinerlei Gesetze zur Unterstützung von Frauen in diesen Bereichen.

Die Erfolge der afghanischen Frauen und deren mangelnde Anerkennung
Menschenrechtsaktivistinnen haben in den letzten Jahren bedeutende Erfolge in Afghanistan und über die Grenzen Afghanistans hinaus erzielen können, sie haben nationale und internationale Preise gewonnen und damit der Welt ein anderes Gesicht von Afghanistan gezeigt, als das von Krieg und Gewalt. Doch die Beteiligung von Frauen an der politischen Entscheidungsfindung ist immer noch verschwindend gering.
Trotz positiver Errungenschaften im Leben der afghanischen Frauen beschränken sich der Fortschritt und die Entwicklungsmöglichkeiten von Frauen in vielerlei Hinsicht auf Worte und Slogans. Zahllose Gesetze, Programme und Strategien wurden entwickelt, um die Stellung der afghanischen Frau zu stärken, doch deren Umsetzung war weniger erfolgreich. Immer wieder wurden diese Maßnahmen ignoriert.

Es ist offensichtlich, dass Frauenrechte in Afghanistan nur eine symbolische Rolle spielen, diese Doppelmoral und die frauenfeindlichen Einstellungen zeigen sich an folgendem Beispiel: Hamid Karsai hatte dem Parlament zwölf Ministeramtskandidaten zur Aussprache des Vertrauens präsentiert; das Parlament hat daraufhin den elf männlichen Kandidaten das Vertrauen ausgesprochen, Nargis Nehan aber, die als einzige Frau als Ministerin für Bergbau und Erdöl vorgeschlagen war, wurde abgelehnt.
Dies zeigt, dass in allen drei Organen der afghanischen Regierung Frauenfeindlichkeit herrscht und nach wie vor politische Entscheidungen auf der Grundlage gefällt werden, die männliche Dominanzkultur zu erhalten. In all den Jahren konnte keine einzige Frau Mitglied des Obersten Gerichtshofs von Afghanistan werden, stets lehnte das Parlament die Mitwirkung von Frauen in dieser Institution ab; Frauen gelten in Afghanistan immer noch als Menschen zweiter Klasse.

Ein Teil von meinem Team

Die allgemein unsichere Lage, das Versagen der afghanischen Regierung bei der Gewährleistung von Sicherheit für Frauen, die Einschränkungen und verschiedenen Arten von Diskriminierung sind Gründe dafür, dass Frauen nicht in der Lage sind, in Frieden in Afghanistan zu leben, und sich gezwungen sehen, allein oder mit der Familie in andere Länder zu gehen, insbesondere nach Europa, um dort Asyl zu beantragen.

Afghanische Frauen, die in Europa Asyl suchen, und der Albtraum der Flucht

Im Gespräch mit Dr. Idah Nabateregga von TERRE DES FEMMES sprach die Vorsitzende von Afghan Women´s Network, Nila Khalil im Dezember 2019 über die Europäische Asylanträge von Afghanischen Frauen.
„Es ist nicht einfach für afghanische Frauen und Mädchen, nach Europa zu kommen. In der Regel sind sie viele Risiken eingegangen, um mit ihren Familien in europäische Länder zu gelangen. Viele der Frauen und jungen Mädchen haben auf dem Weg entweder ihr Leben oder ihre Kinder und Familien verloren, sie wurden eingesperrt und mussten niederträchtiges Verhalten und abscheuliche sexuelle Belästigungen von Grenzsoldaten und Schmugglern erdulden. Zwar ist es auch für Männer nicht einfach, auf illegalem Wege zu reisen, doch für Frauen ist es noch einmal schwieriger. Aber trotz all dieser Gefahren und Probleme auf den Fluchtrouten haben afghanische Asylsuchende weniger Chancen auf Asyl als Asylsuchende aus anderen Ländern. Afghanische Asylsuchende dürfen bis zu dem Zeitpunkt, an dem ihnen Asyl gewährt wird, keine Sprachkurse besuchen. Zwar steht ihnen eine Unterkunft zur Verfügung, sie werden finanziell versorgt und genießen Schutz, doch sehen sie sich mit mentalen und psychischen Problemen konfrontiert.“

In den Lagern und an den Orten, wo Geflüchtete leben, finden sich viele Beispiele für diese Art von Problemen. Eine afghanische Flüchtlingsfrau in Hessen, die von Oktober 2017 bis Mai 2019 in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht war, sprach bei einem Treffen im Januar 2020 mit der Vorsitzenden von Afghan Women´s Network.

„In Afghanistan hatte ich viele Probleme in der Familie und durfte nicht draußen arbeiten. Mein Mann und ich wollten an einem Ort leben, an dem wir in Frieden und wir selbst sein konnten und wo wir in Sicherheit sind. Also sind wir Richtung Europa aufgebrochen, ohne zu wissen, dass wir mit unserem Leben spielten. Stundenlang waren wir auf gefährlichen Routen zu Fuß in Richtung Bulgarien unterwegs. Mein Mann und ich wurden mit anderen Männern und Frauen von bulgarischen Grenzsoldaten festgenommen. Diese Grenzsoldaten folterten uns und brachten uns anschließend in ein Gefängnis, wo wir zusammen mit gefährlichen Gefangenen eingesperrt wurden.
Sie haben uns mehrere Tage lang nichts zu essen gegeben und uns so schlimm behandelt, dass ich es nicht aussprechen kann. Nachdem wir aus dem Gefängnis entlassen worden waren, sind wir nach Deutschland gelangt. Leider wurde unser Asylantrag abgelehnt und wir sollten nach Bulgarien zurückgeschickt werden. Ich war eineinhalb Jahre in einem Krankenhaus für geistige Gesundheit, aber ich kann keinen geistigen Frieden finden.“ (Anm.: Das Gespräch ging über mehrere Stunden und was jetzt geschrieben ist, ist die Quintessenz von diesem Interview)

Afghanische Frauen in Europa und Gewalt in der Familie
Abgesehen von mentalen und psychischen Gesundheitsproblemen erleben afghanische Frauen und Mädchen in vielen europäischen Ländern, insbesondere in Deutschland sexuelle und auch häusliche Gewalt. Nach Quellen deutscher Medien wurden allein 2017 zwei afghanische Frauen in den Städten Frankfurt und Herzogenrath von ihren Ehemännern getötet.

Gewalt ereignete sich auch in einem Flüchtlingslager in Schwerin, wo im November 2017 eine afghanische Frau durch einen iranischen Mann vergewaltigt wurde. Gemäß der Aussage eines Verteidigers von Frauenrechten in Frankfurt leben einige afghanische Familien hier nach denselben traditionellen Vorstellungen wie in Afghanistan und erlauben ihren Frauen nicht einmal, an Sprachkursen teilzunehmen. Die Hilfsangebote vieler Organisationen und Vereinigungen, die Geflüchtete bei ihren Integrationsbemühungen unterstützen, laufen dann ins Leere.
Ein weiterer schwerer Fall von Gewalt afghanischen Männer ist der Mord an Mia im Dezember 2017.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass Unsicherheit, Ungerechtigkeit, mangelnde Rechtsstaatlichkeit und fehlende Gleichberechtigung der Männer die Hauptgründe dafür sind, dass viele afghanische Frauen in Europa Asyl beantragt haben. Niemand würde ohne die oben genannten Gründe derart viele Risiken eingehen, ohne dazu gezwungen zu sein, niemand würde seinen Geburtsort verlassen und in einem Land mit einer anderen Kultur und Sprache Asyl suchen.
Das Leben in Deutschland, oder deren westlichen Nachbarstaaten, ist nicht einfach, es muss von Null aufgebaut werden und es braucht Zeit, sich der Gesellschaft anzupassen und die neue Sprache und Kultur zu lernen. Angesichts der Situation afghanischer Asylbewerberinnen ist klar, dass diese mehr als manche andere Unterstützung benötigen – von Organisationen, die die Menschenrechte verteidigen, sowie von der deutschen und den europäischen Regierungen.

Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland heißt es, dass alle Menschen in diesem Land die gleichen Rechte haben und dass dieses Land demokratisch regiert wird. Aus diesem Grund erhoffen sich die afghanischen Frauen mehr von der Regierung dieses Landes. Gerade Frauen, die alleine sind oder allein die Verantwortung für ihre ganze Familie tragen, sind auf die Unterstützung der Bundesregierung und von Menschenrechtsorganisationen angewiesen. Geflüchtete Afghaninnen wünschen sich, dass ihre Fälle in Bezug auf die Situation in Afghanistan und die politischen und sozialen Probleme von Frauen in diesem Land überprüft werden.

Nila Khalil, Vorsitzende von Afghan Women´s Network und Mitglied der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen in Genf. Den Haag, 25. April 2020.

„Ich habe meine Kindheit verloren“ – Zwangsehe in Afghanistan

Somaya

„10 Tage vor meiner Abschlussprüfung musste ich
heiraten.“                                                

Heute berichte ich über die Geschichte von Somaya aus Afghanistan,  die mit 13 Jahren verkauft wurde, um eine Zwangsehe einzugehen.

Autorin Nila Khalil

„Wir haben dich gekauft und lassen dich nicht in die Schule.“

Somaya, war 13 Jahre alt und beendete gerade die siebte Klasse. „Ich habe meine Kindheit verloren“, so Somaya in einem Gespräch. Das Mädchen bat ihren neuen Ehemann und ihre Schwiegereltern, dass sie zur Schule zurückkehren dürfe, ihre Bitte wurde jedoch abgelehnt. Sie sei nun Ehefrau und hätte schließlich andere Aufgaben.

Alles Reden brachte nichts, so fing Somaya an zu fluchen und zu schlagen. Lies das Essen verbrennen oder versalzte es so, dass es ungenießbar war. Sie machte alles Erdenkliche falsch was sie nur falsch machen konnte, als Zeichen ihres Protestes.
Vor ihrer Ehe hörte sie von einem Frauenhaus und wie sich dort um Hilfe gekümmert wird. Somaya machte sich nach eineinhalb Jahren Ehe auf den Weg zu dem unbekannten Ort. ( Anm. : Aus Sicherheitsgründen wird der Ort in dem Artikel nicht erwähnt).

Samira Ansary, Mitbegründerin meiner Stiftung

Hoffnung auf ein besseres Leben

In drei Schulen vertraute sie sich Lehrerinnen an, zwei dieser Lehrerinnen konnten ihr genaue Angaben geben. In der letzten Schule wurde nach dem Gespräch sofort Kontakt zu dem Frauenhaus aufgenommen und noch am gleichen Tag wurde Somaya von einer Mitarbeiterin abgeholt und in Sicherheit gebracht.

Am nächsten Tag setzte Samira Ansary, einer Fachanwältin aus dem Team von Nila Khalil, die Scheidung und gleichzeitig eine Strafanzeigen gegen den Vater auf.

Nach monatelangen Kämpfen willigte der Ehemann schließlich der Scheidung zu. Somaya lebt jetzt mit ihrer Mutter und ihrem Bruder zusammen. Im Frauenhaus wurde ihr neben Unterricht auch das Nähen beigebracht. Mit Finanzieller Unterstützung von dem Frauenhaus konnte der heute 15 jährigen Somaya und ihrer Familie eine Existenz ermöglicht werden. Nun ist sie stolz auf ihre Arbeit als Näherin.

Das gesetzliche Mindestalter für Eheschließungen in Afghanistan beträgt 16 Jahre. Internationale Menschenrechtsorganisationen definieren jede Ehe mit einem Partner, der jünger als 18 Jahre ist, als Kinderehe. 2017 hat die afghanische Zentralregierung einen Aktionsplan gegen die Kinderheirat auf den Weg gebracht. „Die Öffentliche Arbeit von Menschenrechtlern und wirtschaftlicher Stärkung spielen eine wichtige Rolle bei der Eindämmung der Praxis von Kinderehen.“ Sagte Dr. Sima Samar, Leiterin der unabhängigen afghanischen Menschenrechtskommission (AIHRC) im Gespräch mit der Direktorin des Frauenhauses, Nila Khalil. „Wenn die AIHRC eine Beschwerde über die Eheschließung von Kindern erhält, dann können wir durch Behörden eingreifen“, so Dr. Samar weiter.

Besserung durch positive Öffentlichkeitsarbeit

Untersuchungen zufolge nimmt die Unterstützung der Afghanen für eine vorzeitige Eheschließung ab, selbst in relativ armen ländlichen Gebieten wie zum Beispiel in der Provinz Bamyan, berichtete die Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health im vergangenen Jahr. Die Forscher befragten über 1.000 Mädchen im Alter von 12- bis 15 Jahren und halb so viele Eltern in einigen Provinzen von Afghanistan. „Drei Viertel dieser Jugendlichen waren noch in der Schule und unverheiratet. Und obwohl drei Viertel der Eltern nie eine Schulbildung hatten, waren über 90% der Meinung, dass ihre Kinder die Sekundarschule abschließen sollten. Etwa 40% von ihnen gaben an, dass die Ehe bis nach dem Schulabschluss/ Abitur warten sollte.“ Sagte der leitende Autor der Studie, Dr. Robert Blum, im Gespräch. „Einstellungswandel bedeutet an und für sich keine Verhaltensänderung. Dies ist wirklich eine grundlegende Veränderung für ein Land mit einer neuen Generation.“ So Blum weiter.

Im Interview mit der leitenden Direktorin des Frauenhauses im Dezember 2019 erzählt Somaya ihre Geschichte:

„Ich heiße Somaya und mein Vater heißt Aminallah. Ich war in der siebten Klasse und 10 Tage vor meiner Abschlussprüfung musste ich heiraten. Meine Schwiegereltern ließen mich nicht zur Schule gehen. Ich bestand darauf, dass ich zur Schule gehen wollte. Aber meine Schwiegereltern sagten: „Wenn du zur Schule gehen würdest, wer würde die Hausarbeit erledigen?“ Sie sagten mir: „Wir haben dich gekauft und lassen dich nicht in die Schule.“ Immer wenn ich sagte, ich möchte zur Schule gehen, schlugen mich meine Schwiegereltern und mein Ehemann und sagten mir: „Du kannst nicht zur Schule gehen.“ Mein Mann war jung und unreif und seine Eltern ermutigten ihn, mich zu schlagen, erniedrigen und beleidigen. Ich habe mich nie bei meinem Vater oder bei irgendjemandem beschwert. Ich habe damit gelebt. Meine Schwiegereltern sind Analphabeten. In einem kleinen, schäbigen Haus lebten sie mit 15 Menschen. Meine Schwiegereltern zahlten meiner Familie 250.000 Afghani (circa 2900€) als Mitgift.
Aber im Gegenzug, Allah als mein Zeuge, gab mein Vater fast 300.000 Afghani für Gegenstände für ihre Wohnung aus. Er kaufte mir Goldschmuck, Bettwäsche und Kleidung. Meine Schwiegereltern traten und schlugen mich, aber sie peitschten mich nie, denn das hätte Spuren auf meinem Körper hinterlassen. Sie schlugen und beschimpften mich bei jedem Fehler den ich machte. Ich habe meine Kindheit verloren. Ich habe die Schule geliebt und bin sehr gerne zur Schule gegangen. Aber sie ließen mich nicht, so suchte ich Hilfe. Ich hörte von einem Haus in dem es Frauen gut geht. Ich sollte auf den Markt Lebensmittel kaufen gehen und hatte Geld für eine Busfahrkarte, so lief ich weg. Sechs Monate später kam mein Vater ins Gefängnis, er wurde zu zwei Jahren Haft verurteilt. Meine Schwiegereltern und Mann wurden im Sommer diesen Jahres zu einer Strafe von 500.000 Afgani verurteilt und aufgefordert meine Mitgift auszuliefern. Ich bin jetzt geschieden. Mein Mann und meine Schwiegereltern leben ihr Leben, und ich lebe mein Leben. Ich nähe Kleidung mit meiner Mutter. Wir sind jetzt die Ernährer. Mein Vater hat nie gearbeitet. Mein Leben ist besser, besonders jetzt, wo mein Vater nicht hier ist. Ich hatte in der Vergangenheit viele Probleme, nun wird es aber immer besser. Wir bezahlen unsere Ausgaben mit dem Geld, das wir durch Nähen verdienen. Für jedes Kleid bekommen wir zwischen 1500 und 3000 Afghani ( 17 – 35 €.). Unsere Straße hat fünf bis sechs Schneider, aber weil wir arm sind und nicht viel verlangen, haben wir viele Kunden. Im Moment habe ich nicht entschieden, ob ich wieder zur Schule gehen soll. Lehrerinnen von Afghan Network kommen am Nachmittag vorbei und machen mit mir Unterricht. So lerne ich trotz der Arbeit auch noch für die Schule.“

Nila Khalil, Vorsitzende von Afghan Women’s Network und Mitglieder der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen in Genf.
Den Haag, 7. Januar 2020

Wie lange sind wir Flüchtlinge

Ich las gestern in einer Zeitschrift dieser Frage und seitdem lässt mich diese Frage nicht los.

Autorin Nila Khalil

Heute Morgen rief ich nach Luxemburg an und stellte gleiche Frage an Leon. Seine Antwort war:
„Hues du ze vill Gras gefëmmt?“ (Hast du zu viel Gras geraucht?)
„Bis jetzt noch in einem ertäglichen Rahmen. Ist aber auch die falsche Antwort.“ „Du kënnt zimlech fréi moies ganz scheene Froen stellen. Ech hunn keng Sorsch um daad gemacht und wäert ma och keng Sorsch doriwwer maache. Du, ech, mir sinn Mënsch. Punkt.“ (Ich habe mir keine Gedanken darüber gemacht und werde sie mir auch nicht machen. Du, ich, wir sind Menschen. Punkt.)
Trotzdem sprach ich noch fast eine Stunde mit Leon und sagte ihm, was er seit unserer letzten Unterhaltung noch nicht wusste.