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Ich habe einen Traum, ich will mein Land zurück.

Ich habe einen Traum, ich will mein Land zurück.

Meine Gedanken zu einem Vierteiligen Dokumentarfilm von Mayte Carrasco und Marcel Mettelsiefen.

Autorin Nila Khalil

Ich habe diese Dokumentation eben auf ARTE gesehen und kann es kaum in Worte fassen. Ich kenne kein Afghanistan wie unter König Mohammed Nadir Shah. Die Probleme, mit denen Afghanistan seit 60 Jahren konfrontiert sind, werden in diesem Dokumentarfilm mehr als deutlich. Vor zwei Wochen habe ich sehr ausführlich über die Verbrechen gegen das afghanische Volk geschrieben. Einige dieser Kriegsverbrechen wurden und werden vor dem IStGH in Den Haag verhandelt.
Der Kriegsbeginn Anfang der 80er Jahre war der Beginn der Flucht Hunderttausender Afghanen – darunter auch Malia und Milad Faani, die 1990 in Deutschland meine Eltern wurden. Von ihnen wurde ich in einem freien, liberalen und weltoffenen Gedanke erzogen.

Teil II
Afghanistan wurde in den 1980er Jahren zum Schauplatz des Kalten Krieges und zum Schlachtfeld von Sozialismus und Islam. Die Sowjetarmee kam, um die Ordnung wiederherzustellen. Doch sie ist gefangen: In den zerklüfteten Bergen folgen viele Afghanen dem Ruf zum Dschihad. Der afghanische Widerstand zieht auch viele junge Männer aus dem Ausland an. Unter ihnen: Osama bin Laden. Der Film gibt außergewöhnliche Einblicke in die Welt der Guerilla und der sowjetischen Soldaten. Ihr Konflikt dauert zehn Jahre und treibt eine Million Menschen in den Tod. Am Ende liegt die Nation in Trümmern. Die Niederlage der sowjetischen Truppen trug zum Zusammenbruch der Sowjetunion bei, aber auch zur Geburt des islamischen Fundamentalismus. Ein Widerstandskämpfer berichtet, wie man westliche Medienaufmerksamkeit und ausländische Unterstützung bekommt. Ein ehemaliger CIA-Agent erzählt, wie die Mudschaheddin vom US-Geheimdienst unterstützt wurden – entschlossen, den Sowjets „ihr Vietnam“ zu geben. Unter den Protagonisten: ein sowjetischer Kriegsberichterstatter, der Anführer der größten Mudschaheddin-Fraktion und ein Arzt, der für „Ärzte ohne Grenzen“ arbeitet.

So viel zu den Informationen zu diesem zweiten Teil der Dokumentation.

Ich saß mit meinen Eltern im Wohnzimmer meiner Tochter und wir haben uns diesen Teil angeschaut.
Meine Mutter – auch ich, kämpfte oft mit den Tränen. Meine Eltern sind 1980 aus Afghanistan nach Deutschland geflohen, um diesem gerade beginnenden Wahnsinn zu entkommen.
Vielleicht war es die Bildung von Mama (Tante) und Vater (Onkel), die sie früh erkennen ließ wohin dieses Land steuert. Beide waren Mitte 20, als sie ihre Freiheit suchten. Sie haben viel für ihre Freiheit ertragen. Ich bin seit 1990 im Glauben an diese Freiheit aufgewachsen und dafür bin ich ihnen unendlich dankbar.
Dieser Teil berichtet auch über Schulen, in denen der Koran gelehrt wurde. Ich bin seit 15 Jahren Lehrerin in Afghanistan und seit 14 Jahren Leiterin einer Mädchenschule, NIEMALS wurde und wird an meiner Schule ein Wort aus dem Koran gelehrt!
Solange ich atmen kann, stehe und kämpfe ich für eine offene, humanitäre und weltoffene Bildung.

Noch eine Info zu MSF (Ärzte ohne Grenzen). Diese Organisation ist seit vielen Jahren nicht mehr in Afghanistan aktiv.  Sie haben sich zurückgezogen. Ich kann das sehr gut verstehen, denn die Sicherheit ihrer Mitarbeiter ist nicht gewährleistet. Ich kenne einige Mitarbeiter oder ehemalige MSF-Mitarbeiter und halte diese Hilfsorganisation für die beste der Welt.

In der Provinz Uruzgan 2028

Teil III
Was sollte ich schreiben?
Mein Leben war 10 Jahre lang nichts wert gewesen. Ich bin zur Schule gegangen, weil meine Eltern es wollten. Ich hatte eine Kindheit wie wenige in einem Land, in dem seit 11 Jahren Krieg herrschte.

Ich musste fliehen! Flucht vor denen, die Afghanistan ihre Auffassung von „Freiheit“ bringen wollten. Was brachten die Taliban stattdessen: Terror, Folter, Mord und Abschaffung der Menschenrechte.
Ich bin seit über 10 Jahren Menschenrechtsaktivistin bei einigen Organisationen in Afghanistan – sogar im Vorstand von drei Organisationen. Natürlich kenne ich Schukria Baraksai und Dr. Sima Samar. Wir wenigen Frauen, die sich für Menschenrechte einsetzen, sind in Afghanistan recht überschaubar.
Nun zurück zu den Taliban. Ich verachte sie bis tief in meine Seele. Für solche Terroristen gibt es keinen Namen. Schukria Baraksai hat es treffend gesagt und dem ist nichts mehr hinzuzufügen.
Ich werde mich niemals den Ansichten der Taliban unterwerfen! Ich trage keinen Hijab und ich werde dies nie unter Zwang oder für den „Glaube“ tun.
Ich habe 15 Jahre lang jeden Tag die Taten von „Gläubigen“ Männern an Mädchen und Frauen gesehen.
Ich habe vor 30 Jahren meinen Glauben verloren und bin auch heute noch nicht mit dem Islam einig.
Wie der Film zeigt, schlugen die Taliban willkürlich Frauen. Frauen wurden vergewaltigt, nachdem die Taliban ihre Kinder vor ihren Augen erschossen hatten.
Afghanistan leidet immer noch unter diesem kruden Weltbild dieser Gottes-Idioten-Krieger-Schwächlinge. Wie auch im dritten Teil zu sehen ist, haben sich diese Feiglinge in Häusern versteckt und Kinder und Frauen als Schutzschilde eingesetzt – daher Weicheier!
Sie sind heute noch Feiglinge! Sie sind heute noch hinterhältig und dumm.
Bereits im November 2019 habe ich auf meiner Facebook Seite viel über dieses krude Weltbild der Taliban geschrieben.
Es tut mir leid, dass meine Seite so voller Informationen ist. Es zeigt auch, dass ich über all dies viel früher berichtet habe, als diese Dokumentation alt ist.

Natürlich kenne ich Dr Sima Samar

Teil IV
„Wir Frauen werden nicht mehr unterdrückt.“
Diesen Worten von Dr. Sima Samar folgten seit Jahren Tausende von Frauen in Afghanistan – auch ich.


Wo fange ich an, diese vierte Episode einzuordnen?
Es gibt keine Achse des Bösen!  Die Vereinigten Staaten können sich nicht als Gut und die Taliban als Böse darstellen.  Sie seid beide böse!

Der 11. September 2003

Ich saß im Büro in Stuttgart und checkte die Rechnungen der Firma, SWR3 war im Radio und dann kamen die Nachrichten aus New York. Ich sah meinen Kollegen an und konnte es nicht glauben. Es kamen immer mehr Berichte: ein weiteres Flugzeug, mehr Todesopfer, ein nächstes Flugzeug ….
Abends habe ich mit meinen Eltern die Nachrichten in der ARD geschaut und wir konnten dies alles nicht glauben!
In den folgenden Tagen kamen immer mehr Berichte über den Terroranschlag.  Afghanistan, Bin Laden, Taliban ….
Mein Vater sagte nach einer Weile, als klarer wurde, dass Bin Laden der Anführer und Afghanistan die Quelle sei, dass dies nicht wahr sei. Immer wieder sagte er: Bin Laden sei kein Afghane.
Als die ersten Meldungen kamen: „Sie waren in Afghanistan einmarschiert, um den Terror zu bekämpfen, hatte ich Angst um meine Eltern (meine leiblichen) in Afghanistan. Unsere Verwandten in Deutschland berichteten von Kämpfen in Kandahar, Mazar-e Sharif, Bagram und auch Gardez. Ich war krank vor Sorge um meine Eltern und meine Chefin in Stuttgart stellte mich frei, als ich vor ihr mit Tränen in den Augen stand und ihr von den Berichten aus den afghanischen Medien berichtete.
Im Frühjahr 2005 kam die Nachricht, dass mein Vater bei einem Terroranschlag getötet wurde. Ich habe nur geschrien und geweint. „Ich muss nach Afghanistan. Ich muss nach Hause!“ Ich schrie meine Tante und meinen Onkel an. Sie hatten mit mir gesprochen und versucht, mich zu beruhigen. Meine Entscheidung war gefallen. Ich sprach mit meinem Chef und drei Tage später war ich in Kabul – im Krieg, in einer anderen Welt!

Was von da an geschah, habe ich bereits geschrieben.

In der Dokumentation spricht Emily Miller, US-Captain, über die Lage in Afghanistan. Die Menschen hatten Angst vor der Willkür der Taliban und der Willkür der Alliierten.  Sie waren die Pufferzone zwischen den beiden Fronten und litten täglich unter Terror, egal von welcher Seite. Ich habe auch über den Terror der US-Armee berichtet. Die CIA hatte wieder das Sagen.
Es wird nie wieder Frieden in Afghanistan geben, solange Verhandlungen mit den Taliban laufen! Sie sind Terroristen und sie bleiben Terroristen. Die anhaltende Meinungsverschiedenheit der Volksgruppen und die Gier nach Macht und Geld machen eine solide Innenpolitik unmöglich.

Nila Khalil, Den Haag, März 2020