15 „Die Heilige Ethelburga wacht über dich und dein Kind.“

Teil II Kapitel 15
Frankreich, Kambodscha

„Die Heilige Ethelburga wacht über dich und dein Kind, so wahr der Vater im Himmel gnädig über alles Leben ist!“

12. Mai 1990
In der einen Woche, die Clodette nun schon in Thionville war, hatte sie sich sehr verändert. Ihre blasse Haut bekam wieder Farbe, ihre Augen waren nicht mehr eingefallen auch ihr resignierter Blick war nicht mehr da. Franziska hatte viele Stunden mit ihr gesprochen und auch zugehört. Wie mobbing Menschen zerstören konnte, sah jeder im Haus Lefèvre an Clodette. Wie Vertrauen und Teamgeist einen Menschen aufbaute, sah auch jeder im Haus Lefèvre.

Patricia hatte am letzten Sonntag das Gartenhaus zur Schule umfunktioniert und brachte auf gleiche spielerische Weise, wie den Kindern in Kampang Rou, ihrem neuen Team Khmer bei.
Am Vorabend hat es sich ganz spontan ergeben, dass es eine kleine Vorstellungsrunde gab. Keine Geheimnisse voreinander und kein Verstecken mehr. Jeder in dem kleinen Gartenhaus wusste alles vom anderen, dieses Team wuchs an jenem Freitagabend zu einer Einheit zusammen.

Es war ein schöner sonniger Samstagmorgen. Clodette und Hannes waren mit Cleo fast zwei Stunden in der Umgebung von Thionville unterwegs gewesen.
Als beide mit Cleo in die Hofeinfahrt kamen, sah er das Auto von Yvonne. Aus dem Augenwinkel sah er sie im Auto sitzen und sie war am weinen.

„Clodette, geh‘ bitte mit Cleo ins Haus, ich denke, hier braucht jemand Hilfe.“
Hannes ging auf das Auto von Yvonne zu und blieb auf der linken Seite stehen. Yvonne wusste nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollte.
„Salut Yvonne, soll ich Patricia rufen?“ Sie schüttelte den Kopf. „Willst du mit mir reden?“ Sie zog die Schultern hoch. „Darf ich zu dir ins Auto?“ Sie nickte.
Schon mal einen Schritt weiter, dachte er.

Hannes ging um das Auto um auf der Beifahrerseite einzusteigen.
„Salut Yvonne.“ „Salut Hannes“ sagte eine völlig verweinte Blondine zu ihm.
„Hast du Angst zu reden?“ Sie nickte und zog die Schultern hoch. „Willst du hier mit mir reden oder an einem anderen Ort?“ Sie nickte und zog die Schultern hoch.
Kann ja noch eine spannende Unterhaltung werden dachte er. Er sah Yvonne an und sie blickte nach unten.
„Okay, dann lass mich fahren.“ Sie nickte. Hannes stieg aus um auf die Fahrerseite von ihrem Toyota Corolla zu gehen.
Er blickte hoch zum Haus und sah am Esszimmerfenster Franziska und Patricia stehen und nickte ihnen zu.

Hannes fuhr aus Thionville raus, ohne zu wissen wo hin. Das blonde, schmale Häufchen Elend neben ihm war am weinen.
Das Hirn von Hannes lief auch hochtouren, wo könnte er mit ihr hinfahren um zum reden?
„Wo fährst du hin?“ Er sah in ihre verweinten himmelblauen Augen und zog die Schultern hoch.

Bei Mettlach, wusste Hannes endlich, wo er hinfahren konnte und zwar an die Saarschleife.
Auf dem kleinen Parkplatz oberhalb der Saarschleife parkte er den Corolla.
„Wo sind wir?“ War der zweite Satz von ihr, seit sie aus Thionville fuhren.
„An der Saarschleife. Komm, steig‘ bitte aus dem Auto.“ Yvonne schüttelte den Kopf. „Bitte. Vertrau‘ mir. Komm.“
Hannes stand an der geöffneten Beifahrertür und hielt Yvonne die Hand entgegen. „Yvonne, bitte. Vertrau‘ mir.“

Nach einer gefühlten Ewigkeit stieg sie aus dem Wagen.
Hand in Hand gingen sie die paar Minuten vom Parkplatz zu der Aussichtsplattform in 180 Meter Höhe der Saar.
Vom vielen weinen fiel ihr das Laufen schwer. Hannes nahm sie in den Arm. Die Größe von Yvonne, war für ihn ungewöhnlich. Sie war doch ein gutes Stück größer als Patricia.

Die Aussichtsplattform war erreicht. An diesem Ort, sah man die Saar in fast 180° wieder in entgegengesetzte Richtung fließen.
„Yvonne, schau. Was auf dich zukommt, geht auch genau so wieder weg.“ „Ich verstehe nicht.“ „Etwas ungewisses kommt auf dich zu, du siehst nur dieses eine und kannst nicht mehr reagieren. Die Wellen, eine unbändige Kraft und eine gewaltige Masse, die dich zuerdrücken scheint. Dann kommt die Kurve in deinem Leben – der Wendepunkt. Die Masse geht mit dir in eine neue Richtung. Danach siehst du, wie eine unbändige Kraft nach vorne geht und dein Leben auf den Wellen zu neuen Ziele führt.“
Yvonne sah ihn an und langsam kam sie zur Ruhe. „Verstehst du was ich meine?“ „Non.“

An diesem Vormittag waren noch nicht viele Touristen auf der Aussichtsplattform, trotzdem waren fast alle Bänke besetzt. Einige Leute filmten oder fotografierten dieses Naturschauspiel. Andere wiederrum genossen die warmen Sonnenstrahlen auf diesem Plateau.
„Komm, wir setzten uns.“
Auf einer Bank links neben ihnen saß eine ältere Frau, rechts auf der Bank eine Familie aus den Niederlanden. Da er mit Yvonne Französisch sprach, war es unwahrscheinlich, dass sie Zuhörer hatten.

„Ich fange mit zwei Fragen an. Okay?“ Sie nickte. „Weiß sein Vater davon?“ Sie schüttelte langsam den Kopf. „Weiß dein Vater davon?“ Yvonne fing wieder an zu weinen und schüttelte immer wieder den Kopf. Dies war also ihr Problem. Für Dr. med. Bonnet würde sein Weltbild der ach so strebsamen Tochter zerplatzen, wenn er von der offensichtlich ungewollten Schwangerschaft erfuhr.
„Er bringt mich um!“ „Yvonne, kein Vater bringt seine Tochter um, weil sie schwanger ist! Mir ist die Reaktion von deinem Vater durchaus bewusst. Er wird für dem Moment, gerade in der Zeit von deinem Studium, enttäuscht sein. Aber er wird dich wegen eines ungeborenen Kind nicht umbringen. Sei doch vernünftig!“ Yvonne schaute ihn verzweifelt an. „Ich lass es weg machen.“ Sie weinte wieder stärker. „Bist du bescheuert?! Yvonne, nichts auf dieser Welt rechtfertigt diese Abtreibung! Nicht!“ „Hannes…“ „Yvonne, du hast dein Leben vor dir. Du wirst dein ganzes Leben an dieses Kind denken! Willst du das?“ Sie zog die Schultern hoch.

Hannes nahm ihre Hände und hielt sie fest. „In welcher Schwangerschaftswoche bist du?“ „In der zehnten.“ „Okay, ich bin nicht so klug wie du, da musst du mir nun helfen. Bis zu welcher Woche kann man eine Abtreibung durchführen?“ „Bis…bis zur zwölften…“ schluchzte sie. „Okay. Nun bist du völlig verzweifelt, weil dir die Zeit davon läuft und du nicht mehr weiter weißt.“ „Oui.“ „Tu‘ es nicht! Tu‘ es bitte nicht! Man studiert 12 Semester Medizin, ist das richtig?“ Sie nickte. „Dann studierst du eben 15 Semester. Wo ist das Problem? Ich kann mir schwer vorstellen, dass du in Frankreich die einzigste Studentin bist, die während des Studiums schwanger wurde. Du studierst Medizin um Menschen zu helfen und willst jetzt dein eigenes Kind töten?“ Yvonne hatte ihren Kopf auf seiner linken Schulter und weinte nun bitterlich.

Hannes schaute nach links und rechts zu den Leuten, was mögen die Menschen von ihnen denken? Zum Glück konnte niemand Ihrer Unterhaltung folgen.
„Ich weiß nicht mehr weiter. Am liebsten würde ich die Felsen herunter springen.“
„Bravo! Dann hast du zwei Menschen umgebracht! Yvonne, es gibt für alles eine Lösung – auch für dich und dieses Kind! Nur bitte sei vernünftig und gib dem Kind eine Chance auf Leben!“ „Hannes…“ „Hast du eine Vorstellung, an was ich bei Patricia täglich denke? Hast du auch nur einen Gedanken daran gesetzt, wie Patricia für ihr Leben gekämpft hat? Du weißt nicht wie es ist, wenn man jemanden liebt und du nicht sagen kannst, ob wir Weihnachten noch zusammen sind! Können wir planen für eine Zukunft? Was ist, wenn Patricia schwanger wird und sie den ersten Geburtstag von unserem Kind nicht mehr erlebt? Was ist, wenn unser Kind acht oder zehn Jahre alt ist und es seine todkranke Mutter sieht, die mit Sauerstoff beatmet wird? Yvonne, ich fahre 24 Stunden am Tag eine Achterbahn! Ich habe Bernhard versprochen, dass ich immer für Patricia da sein werde. Gestern, heute und am Krankenbett! Vor jeden neuen Blutwerten habe ich Angst das die Leukämie zurück kommt. Wir fliegen in zwei Wochen wieder nach Kambodscha. Dort sind kranke Menschen mit Hepatitis, hast du auch nur den Hauch einer Ahnung, was in meinem Kopf für ein Film läuft?“ „Mein Gott, Hannes…“  brachte Yvonne unter Tränen leise hervor.
„Deine Sorge ist dein Vater, weil du ein Kind erwartest und du Angst vor seiner Wut oder Enttäuschung hast. Yvonne, dass ist ein Kinderkarussell!“
Yvonne sah ihn an und hörte langsam auf zu weinen. Er sah sie an und nahm tief Luft.
„La vie est comme l’autoroute Elle monte et descend…“ „..Sur les ponts Gauche et droite. Mais toujours sur le but aussi. Je t’aime“ sprach die ältere Frau links von ihnen auf der Bank in ihrem luxemburgischen Akzent weiter. „Entschuldigung, wenn ich mich einmische, ich habe Ihre Unterhaltung mitgehört. Tut mir leid, junge Frau. Was Ihr Freund sagt, sind sehr weise Worte. Bitte tun Sie sich dies und Ihrem ungeborenen Kind nicht an. Ich habe vor vielen Jahren ein Kind verloren und es schmerzt mir heute noch in der Seele.“
Hannes sah diese Frau an und sein Hirn stand auf Null. Keine Worte, keine Gedanken, Nichts! Es dauerte eine Weile, bis er wieder Denken konnte.
„Darf ich fragen, woher Sie dieses Gedicht kennen?“ „Aus der Zeitung. Sie kennen es ja auch.“ „Ich bin der Verfasser dieser Worte.“
Die Frau sah ihn an und für einen Augenblick dachte Hannes, die Welt steht still.
„Heilige Maria Mutter Gottes! Sie sind wirklich der Verfasser von diesem Gedicht?“ Yvonne und Hannes nickten. „Es war das Geburtstagsgeschenk für meine Freundin, ihre Schulkameradin.“ „Heiliger Valentin, dass ich dies noch erleben darf! Junge Frau, neben Ihnen sitzt ein Mann, der Ihre Freundin so sehr liebt und ihr ein Gedicht geschrieben hat, dass um die Welt ging. Dieser Engel hat recht, Sie dürfen nicht an einen Schwangerschaftsabbruch denken. Sie werden immer an dieses Kind erinnert werden. Glauben Sie mir!“
Der Frau kamen nun auch die Tränen. Sie stand von ihrer Bank auf und setzte sich neben Yvonne. Sie hielt Yvonne in den Armen, nun heulten beide Frauen.
„Yvonne, ich darf doch du sagen…?“ Yvonne nickte „…Ein Kind ist das größte Geschenk auf dieser Welt. Wenn du jetzt auch aussichtslos bist, trägst du ein Leben in dir, welches kostbar und wertvoll ist. Hör‘ auf deinen Freund!“
Yvonne nickte langsam „Ich danke Ihnen.“
„Ich heiße Louise. Die Heilige Ethelburga wacht über dich und dein Kind, so wahr der Vater im Himmel gnädig über alles Leben ist!“

Louise erzählte, wie sie in den Kriegswirren mit ihrem Ungeborenen Kind auf der Flucht war. Ihr Mann irgendwo in Europa im Krieg, ihr Heimatort in den Ardennen völlig zerbombt und sie bei der Kälte im Winter ihr Kind verloren hatte. Hannes kamen die Tränen bei ihrer Geschichte.

Am Nachmittag fuhr er mit Yvonne zurück nach Thionville, oft schweigsam und nachdenklich.
Yvonne nahm seine Hand. „Danke für alles. Warum tust du dies für mich?“ Hannes sah endlich keine verweinten himmelblauen Augen. „Weil ich ein Kind sterben sah. Weil mein Traum eine Zukunft für Kinder ist und weil Freunde dafür da sind. Du hast mit Patricia das beste Jahrgangs-Abi geschrieben und dann willst du jetzt eine solche Dummheit machen? Yvonne, wenn ich mit deinem Vater reden soll, werde ich dies für dich tun.“ „Danke. Ich habe auf der Aussichtsplattform einen Entschluss gefasst, den ich dir zu verdanken habe.“ Sie gab ihm einen Kuss.

Hannes fuhr in die Einfahrt von Patricias Elternhaus und parkte rechts neben der Garage.
„Komm mit ins Haus.“ Sie schüttelte den Kopf. „Bitte. Patricia ist deine beste Freundin. Yvonne, ich kann dir nicht sagen, ob wir in drei Monaten nochmal nach Frankreich zurück kommen.“
Mit offenen Mund sah sie Hannes an „Wie?“ „Wir sind am überlegen, ob wir uns in Thailand ein Haus mieten oder kaufen werden.“ Yvonne entglitten sämtliche Gesichtszüge.
Hannes nickte langsam. „Was wollen wir hier? Unsere Arbeit ist in Südostasien. Nun komm bitte mit ins Haus.“ „Natürlich. Dies habe nicht gewusst.“

Patricia stand schon an der Haustür, als beide die Treppe hinauf gingen. Sie kam die Stufen entgegen, umarmte Yvonne und auch ihr kamen die Tränen.
Hannes ließ die beiden alleine ins Zimmer von Patricia gehen. Er ging in die Küche zu seinem Freund: dem Kaffeevollautomaten. Er brauchte einen Espresso.
Franziska stand in der Küchentür und sah ihn an.
„Bitte setz dich, es wird länger.“
Hannes erzählte ihr von der Unterhaltung mit Yvonne an der Saarschleife. Franziska hatte Tränen in den Augen.
„Mehr konnte ich nicht tun.“
Franziska nahm seine Hände und hielt sie fest. „Sag so etwas nicht! Du hast dieses Kind und seine Mutter gerettet. Hannes, dass ist das größte auf dieser Welt! Ich bin so stolz auf dich!“
Er zog die Schultern hoch. „Ich glaubte Louise war der Engel, den Gott ihr geschickt hat.“ „Natürlich, du sieht nie was du für andere Menschen bist.“ „Ist doch alles gut. Ich hoffe bei Gott, dass sie die zwei Wochen durchhält. Franziska, davor habe ich Angst.“
Patricia rief ihn in ihr Zimmer.
„Nun werden wir erfahren, ob ich der Engel war.“ Franziska hielt ihn an der Hand fest. „Der bist du!“

Patricia und Yvonne saßen auf der Couch und hielten sich an den Händen fest.
„Salut Prinzessin, du hast mich gerufen.“ Hannes setzte sich den beiden Frauen gegenüber in den Sessel und wartete auf das was kommen möge.
„Hannes, würdest du mich zu meinem Vater begleiten?“ Er nickte „Wann?“ „Jetzt.“ Er nickte. Innerlich explodierte in diesem Moment ein Vulkan. Für das Leben von einem Kind war er bereit den Weg nach Canossa zu gehen.

Weit nach Mitternacht kam er nach Hause. Adelina, Leatitia und Patricia saßen im Wohnzimmer.
„Hallo Mädels, es ist alles gut! Es war am Anfang eine nicht gerade konstruktive Unterhaltung, mit Yvonne’s Vater. Du kennst ihn ja. Ich hab‘ es aber hinbekommen.“
Patricia kam auf ihn zu und küsste ihn lange. „Ich danke dir.“

Die Tage in Thionville vergingen wie im Flug. Patricia lernte täglich bis zu acht Stunden Khmer mit ihrem Team. Levi war mit Abstand der beste Schüler.
Ein ehemaliger Obdachloser lief auf hochtouren auf. Er gab den anderen Tipps, wie er sich Gedächtnisstützen baute, so wie damals Franziska es auch bei Hannes tat.

Hannes fuhr am 17. Mai noch zu Ludgar in die Pfalz, um die beiden Spiralpumpen mit Außenwelle für das Wasserrad zu begutachten.
Ludgar hatte es tatsächlich mit den Mitarbeiter hinbekommen, eine solche Pumpe mit Getriebe zu bauen.
„Ludgar, es kann sein, dass du noch ein paar von diesen Pumpen bauen musst. Ich müsste aber erst noch Wasser und gleiche Topografie suchen.“ „Für einen so coolen Projektleiter baue ich gerne etwas außer der Norm. Wann fliegst du nach Kambodscha?“ „Am Dienstag Nachmittag um 14 Uhr ab Frankfurt.“
Auch wenn Ludgar nur ein Lieferant von Wasserpumpe war, fiel ihnen der Abschied schwer. Beide waren sich sehr sympathisch und Hannes mochte die pfälzische Gelassenheit von Ludgar.

Am Samstag gaben Patricia und Hannes noch eine Abschiedsparty. Maurice und Annabell waren da, wie auch Clément und Inès Strasser. Von der Schule kamen Claude, Cosima, Jasmine, Laura, Nathalie und Yvonne. Die Eltern von Adelina kamen am Samstag Vormittag schon nach Thionville. Djamila war hin und her gerissen. Auf der einen Seite war sie froh, dass ihre Tochter als Lehrerin arbeiten konnte. Auf der anderen Seite war sie traurig, dass Adelina so weit weg sei. Bernhard und Franziska sprachen lange mit Djamila und Nassim, sie müssen sich keine Sorgen machen, Adelina sei in einem guten Team und wenn Adelina den Einsatz abbrechen würde, könnte jeder diesen Schritt verstehen.

Claude war am Abend der Grillmeister. Hannes saß in der Gruppe der Schulfreundinnen von Patricia. Jasmine, Laura und Nathalie hatten sich bei ihm entschuldigt „Wir wissen von dem Gespräch mit dir und Yvonne. Du bist schon ein toller Mensch. Wir werden Yvonne helfen und unterstützen.“ „Nathalie, ich danke dir. Cosima und Yvonne haben gemerkt, mit mir kann man reden – auch wenn ich kein Abi habe. Es freut mich, wenn du es auch begriffen hast. Claude hatte dies von Anfang an nie in Frage gestellt, genau so wie ich es bei seinem Elternhaus nicht tat. Er kam an Ostern, an meinen Geburtstag und ist nun wieder da. Claude hat die weiteste Strecke zu fahren und auch das wenigste Geld, trotzdem kommt er zu mir. Dies ist mehr wert als jede Abinote.“
Claude boxte ihn gegen den Oberarm. „Ich lieb dich auch, du Deutsche Kartoffel.“  Hannes wuschelte die Haare von Claude. „Mädels, ihr wisst von der Schwangerschaft und das Yvonne sich endlich für diese Kind entschieden hat, nachdem wir beide zusammen gesprochen haben. Es ist schön, dass ihr Yvonne unterstützen wollt, ich war es aber, der mit ihrem Vater gesprochen hatte. Beurteilt keine Menschen nach Noten oder Güter. Beurteilt Menschen nach ihrem Charakter, Herzen und Rückgrat. Ich habe Patricia auch am Anfang so beurteilt und lag ganz schön daneben. Sie arbeitet seit Januar für UNICEF, lehrt Kinder in einem Zelt am 10. Breitengrad und hat nun ein Team von Lehrer um sich, die unterschiedlicher nicht sein können. Von diesen vier Lehrer, habe ich drei Eingestellt und habe bis jetzt von allen noch kein Zeugnis gesehen – möchte ich auch nicht. Für Patricia und mich zählt der Mensch.“ Cosima nickte und Yvonne streichelte seinen Arm.

Hannes wollte noch ins Haus gehen um den Nachschub an Getränke zu sichern, als im Cosima folgte und bat, dass er bitte stehen bleiben sollte.
„Yvonne sagte, dass ihr wahrscheinlich nicht mehr zurück kommt. Ist das richtig?“ Hannes sah einen traurigen Blick bei Cosima. „Wir wissen es noch nicht, aber es sieht alles danach aus. Natürlich habe ich Angst um Patricia. Sie kann in Frankreich genauso krank werden wie in Kambodscha oder Thailand.“ „Deine Liebe zu Patricia ist das Größte was ich kenne.“ Bei den Worten von Cosima sah Hannes eine Träne in ihrem linken Auge.
„Danke, Engel aus dem Orient. Ich weiß deine Worte sehr zu schätzen.“ Cosima gab ihm einen Kuss. „Hannes, es tut mir so unglaublich leid, was ich vor Weihnachten gesagt habe.“
Er sah diese unglaublich schöne Frau mit iranischen Wurzeln an. „Cosima, es ist vorbei und vergessen. Wir sind und bleiben Freunde und nur dies zählt.“

Wer konnte und wollte kam am Sonntag noch einmal vorbei. Claude schlief sowieso bei ihnen.
Am Sonnabend gingen Cosima und Yvonne spät nach Hause. Wie hatte Hannes sich im Dezember bei Cosima doch getäuscht. Ohne Frage war sie eine unglaublich schöne Frau, aber Aufgeblasen und Eingebildet war sie wirklich nicht. Ihr Fehler vom Dezember hatte Hannes ihr längst verziehen und so war der Sonntag mit ihr und guten Gesprächen sehr angenehm.
Yvonne sprach an diesem Nachmittag viel über ihr Kind und wie sie ihre Zukunft sah. Hannes nahm sie in den Arm und war sehr glücklich über diese Entscheidung. „Danke.“ „Ich habe dir zu danken. Du sagst immer so kluge Worte. Das Bild von der Saar hat sich bei mir eingeprägt. Du warst meine Kurfe und bist der Wendepunkt in meinem Leben.“

Es war Zeit sich von Claude zu verabschieden. Der Abschied fiel beiden sehr schwer. Hannes gab Claude noch 1.000 France.
„Was soll das?“ „Nimm es einfach.“
„Hannes, dass kann ich nicht. Wir sind Freunde.“ „Genau aus dem Grund. Ich weiß das du wenig Geld hast und trotzdem kamst du nun so oft gefahren. Nimm es zum tanken oder für was auch immer.“
„Hannes…“ „Es ist alles gut! Mit diesem Geld lebe ich in Kambodscha wie ein König. Ich brauche dort kaum Geld, also nimm es und denk nicht darüber nach.“ „Du bist schon eine verrückte Kartoffel.“ „Aus diesem Grund sind wir Freunde.“

22. Mai 5.45 Uhr

Patricia lag mal wieder quer im Bett. Hannes streichelte diese schöne Frau die nackt neben ihm lag. Patricia öffnete die Augen und sah ihn verschlafend an.
„Guten Morgen Frau Lefèvre, ich fahr noch Frühstück kaufen.“ „Später. Ich brauch dich.“ „Schon wieder? Lass mich noch zu Clément und Inès fahren, wir sollten um 8.30 Uhr losfahren.“ „Du immer mit deinem rationalen denken! Boeuf stupide.“

Der letzte Einkauf für eine lange Zeit, war ein Einkauf mit vielen Emotionen. Wie sehr hatte er Clément und Inès ins Herz geschlossen. Auch wenn beide über 20 Jahre älter waren, wurden sie Freunde. Clément hatte eine Torte gebacken, in der Form von einem Koffer. Mit Schokolade hatte er „Bon voyage mon ami“ drauf geschrieben.

Im Haus Lefèvre war beim Frühstück eine Stimmung zwischen Aufbruch und Trauer. Da Bernhard einen kleinen Bus gemietet hatte, fuhr Franziska mit nach Frankfurt zum Flughafen. Ihr fiel der Abschied der Tochter schon schwer. Auf der anderen Seite war sie auch sehr stolz auf Patricia, was sie in den wenigen Wochen alles auf die Beine gestellt hatte.
Hannes rief Asger an und sagte, wann sie in Kambodscha wären und er nicht kommen brauchte, da die neuen Lehrer erst mit UNICEF noch einiges abzuklären hatten und sie nach einem Auto in Phnom Penh schauen wollten.
„Das Auto ist der Anfang. Ich habe gewusst, dass ihr beide den richtigen Weg geht. Willkommen in der Heimat.“ „Asger, noch ist nichts entschieden.“ „Bist du dir so sicher? Lerne mich deine Frau kennen.“ „Wir sehen uns spätestens am Samstag, ich muss noch kurz zu Eliane und Roman ins Büro. Brauchst du noch etwas aus dem Büro?“ „Nö, wenn mir etwas einfällt, rufe ich Eliane an. Bis bald.“

Um 14.20 Uhr rollte die Boeing 747 der Thai Air mit der Flugnummer TG920 zur Startbahn, Hannes sah nach rechts zu Patricia und gab ihr einen Kuss. „Let’s go to the next step.“ „Oui ma Chérie. An was denkst du dieses Mal?“ „An die Kinder. Mein Traum sitzt links und die nächsten zwei Reihen vor mir.“
Adelina beugte sich an Patricia vorbei und sah ihn an – auch seine Tränen. „Für dich ist dies alles weit mehr, als Kinder nur lesen und schreiben beizubringen.“ „Ja. Adelina, ich möchte Perspektiven für Menschen schaffen, du und die anderen glauben an meinen Traum, den ich niemals umsetzen könnte. Dafür kann ich euch allen gar nicht genug danken.“ „Ma Chérie, du kannst so viel, du kannst auch Kinder unterrichten.“

Durch die Größe der Gruppe konnte auf dem 11 Stunden langen Flug bis nach Bangkok jeder mit jedem reden, so verging die Zeit viel schneller. Obwohl sich alle erst seit kurzem kannten, war es eine richtig gute, herzliche und menschliche Truppe, die sich auf den Weg zu neuen Ufern machte. Es waren keine Versager oder Glücksritter die auch beim zweiten oder dritten Versuch scheitern würden. Sie waren Menschen denen viel Unrecht getan wurde. Sie alle standen jetzt an einem Punkt im Leben, an dem es nur noch vorwärts ging.

Der Aufenthalt in Bangkok war nicht so lange, wie noch beim ersten Mal. Nach zwei Stunden ging es mit der NOK Air weiter nach Phnom Penh.
Für die Neuankömmlinge war der erste Schritt auf dem Flughafen Terminal genau so wie im Januar bei Hannes und Patricia. „Ihr gewöhnt euch daran“ sagte Patricia, als die Gruppe in den Minibus stieg um zur Adresse der UN im Distrikt, Sangkat Tuek, in die L’ak Ti Muoy zu fahren.
Patricia rief Hattie an und sagte, wann mit dem Eintreffen der Gruppe zu rechnen sei, nochmal eine Schikane mit der Torwache an der Kaserne wollte sie sich ersparen.

„Meine Damen und Herr, hier ist die Adresse von eurem zukünftigen Arbeitgeber“ sagte der einstige Klassenkasper vom Naheland, als er mit dem kleinen Tross ins Gebäude der UN in Kambodscha ging.
Hannes sah im dritten Stock das Schild von Laureen und dachte sofort an seinen ersten Schritt in dieses Büro.
Laureen Thompson
Chief Director UNICEF Cambodia
Department of Education and Health

Patricia klopfte einmal an und trat in das Büro von Laureen Thomson. Hattie kam im schnellen Schritt auf Patricia zu und beide umarmten sich wie beste Freundinnen. Laureen grüßte Hannes mit den Worten „Mit dir muss ich noch reden.“ „Hoffe ich doch. Hallo Laureen, schön dich wieder zu sehen. Ich stelle dir deine neuen Lehrer vor: Adelina Tabari aus Deutschland. Clodette Léglise und Leatitia de Perrin aus Frankreich und Levi Flacks aus der Schweiz.“
Laureen grüßte alle sehr herzlich und bat die Gruppe platz zu nehmen.
„Herzlich willkommen in Kambodscha, ich habe ihre Zeugnisse und Lebensläufe gesehen, sehr beeindruckend. Ich denke Sie hatten genügend Gelegenheit Frau Lefévre kennenzulernen. Mit ihr haben wir einen guten Motor in der Provinz Svay Rieng und sind auch alle sehr froh, für Ihre Entscheidung Patricia zu unterstützen. Ich habe Ihre Arbeitsverträge vorbereitet, lesen Sie sich dies in Ruhe durch, wenn Fragen sein sollten, können wir dies hier sofort klären.“
Hattie reichte den vier neuen Lehrer jeweils eine rote Mappe mit einigen Blätter. Hannes bekam von ihr eine blaue Mappe.

„Von Ihnen habe ich bis auf den Namen keine Unterlagen“ dabei sah Laureen Levi an. Bevor er antworten konnte, tat es Hannes. „Soll reichen.“ „Hannes, ich verstehe nicht.“ „Was gibt es an zwei Wörter nicht zu verstehen? Levi Flacks aus der Schweiz, mehr muss nicht zwischen zwei Deckel einer Personalakte stehen. Laureen, mach dir keine Sorgen, ich habe Levi eingestellt und kenne seinen Lebenslauf – den ich auch für mich behalte.“
Laureen sah hilfesuchend zu Patricia, diese zog die Schultern hoch.
„Laureen, was soll ich mit dieser Mappe? Ich bin kein Lehrer.“ „Lies bitte. Bitte.“ Hannes lass die fünf DIN4 Seiten in der Mappe, klappte diese zu und reichte sie an Patricia. Er sah Laureen an und in die Gesichter der Neuankömmlinge.
Hannes wollte seine persönliche Meinungsdifferenz zwischen ihm und UNICEF nicht vor der Gruppe diskutieren. „Du wolltest mit mir reden, dann lass uns dies tun. Aber nicht hier.“ Laureen nickte und ging auf die Tür zu. Patricia reichte ihm Wortlos die blaue Mappe zurück. Hannes hatte die Tür zu ihrem Büro noch nicht ganz geschlossen, als er seiner Wut Luft verschaffte.
„Laureen, was soll das? School Project Manager for Cambodia. Department of Construction and Infrastructure.“
Auf dem Flur von dem UNICEF Gebäude in Phnom Penh stand der Dorfjunge aus dem Naheland der Leiterin von UNICEF Kambodscha gegenüber und war sauer. „Komm zu uns.“ Hannes schüttelte den Kopf. „Ich habe eine Firma und bin dort sehr zufrieden. Dies wolltest du mir mit dem Vertrag in dieser Mappe sagen?“
„Nein. Ich konnte ein Zelt und einige Tische und Stühle organisie…“ „Stopp! Laureen, auch wenn ich ein dummer Dorfjunge bin, kein Abitur habe und nun School Project Dings werden soll, kenne ich die Differenz zwischen eins und fünf.“ Laureen sah an ihm vorbei und dann ihm in die Augen. „Mehr war in der Zeit nicht machbar, ich bemühe mi…“ „In welcher Zeit? Laureen, zu weißt seit sechs Wochen von diesen Personen an dem Tisch in deinem Büro und kommst mir jetzt mit Zeit! Ich dachte bis vor einer Minute, dass UNICEF ein Kinderhilfswerk ist. Was versteht man in Genf und New York unter Hilfe?“ „Hannes, die UN ist groß und es dauerte etwas länger bi…“ „Bis was? Bis Kinder verhungern? Menschen sterben? Oder ist Bildung für UNICEF nur eine Randerscheinung?“
Hannes biss sich auf die Lippen und nahm tief Luft. „Haben die neuen Lehrer wenigstens ein Fortbewegungsmittel? Und komm mir jetzt nicht mit einem Fahrrad!“
„Zwei Pickup’s habe ich von den Blauhelmen bekommen.“ „Aha. Mit oder ohne Maschinengewehrhalterung?“
Die Tür von Laureens Büro öffnete sich und Patricia kam in den Flur. „Also gut, Prinzessin. Noch ist mein Puls in einem Erträglichen Bereich. Hast du die Baupläne für die zwei Schulen bekommen?“ Laureen nickte.
„Ist dies bis zur Jahrtausendwende umsetzbar oder soll ich mich nach anderen Hilfsorganisationen umschauen?“ Patricia boxte ihn gegen den linken Oberarm. „Was soll ich sagen? Die Pläne sind super, auch die Aufstellung der Kosten. Ich habe dies alles weitergeleitet nach Genf und New York. Es dauert eben bis Gelder bewilligt werden.“ „Sind die Gelder für die vier Personen bewilligt?“ Patricia boxte ihn nun fester. „Ja. Ja, natürlich.“ „Laureen, du willst das ich für die UN arbeite, wir haben jedesmal Streit wenn wir uns treffen.“  Laureen nickte und sah hilfesuchend zu Patricia.
„Hannes, komm zu uns. Bitte.“ „Nein. Du setzt mich unter Druck wegen fehlenden Zelten und Gelder für Kinder. Meinst du, wenn ich dies unterschreibe, dass dann morgen Geld zum Bau für Schulen da ist? Ich habe in Frankreich lange und ausführlich mit meinem Chef gesprochen, wenn UNICEF nicht fähig ist, sich für Kinder
in dieser Welt vernünftig einzusetzen, gibt es andere Möglichkeiten diese Schulen zu bauen. Glaub mir, Stephane findet Gelder. School Project Manager. Pfhü.“

Im Amanjaya Pancam Hotel, in der Preah Sisowath Quay, lag Patricia neben ihm im Bett und streichelte seine Brust.
„Warum tust du das? Was ist an dem Job falsch?“ „Prinzessin, ich habe einen Job der mich ausfüllt. Was und wie soll ich als „Manager of Construction and Infrastructure“ aufbauen? Du kennst den Schrott an Baumaschinen in Kambodscha. Soll ich mir die Nerven kaputt machen, wegen diesem Schrott? Ich habe jetzt sehr fähige Leute und endlich gute Baumaschinen, soll ich jetzt wieder einen Schritt zurück gehen? Nur um zu glänzen, ich arbeite bei der UN. Oh, der kleine Hannes aus dem Naheland ist bei der UN. Ich habe diesen fünfseitigen Vertag an Stephane gefaxt und auch geschrieben, dass es mal wieder eine sehr unkonstruktive Unterhaltung war. Er soll mal schauen, ob es andere Organisationen gibt, die Geld für deine Schule geben.“

Patricia streichelte und küsste ihn. Hannes wusste was sie wollte. Er war froh im Bett zu liegen und wollte nun endlich schlafen. Es waren zwei anstrengende Tage, die hinter ihnen lagen. Mit jeder Stunde mehr an Erschöpfung, reifte in ihm die Idee für ein Haus in Thailand immer mehr. Asger hatte recht gehabt. Patricia hatte schon ihre Vorstellungen, die Hannes aber nicht teilte. Auf eine Diskussion nach einer Reise von Thionville nach Frankfurt über Bangkok um endlich in Phnom Penh anzukommen, hatte er an diesem Abend keine Lust.

Beim Frühstück sahen alle schon etwas erholsamer aus, es wurde noch besprochen wie der heutige Tag geplant war und wann es nach Svay Rieng ging.

Sofort nach dem Frühstück stiegen Hannes und Patricia in ein Taxi um einen Autohändler zu suchen. Der Taxifahrer fuhr einen Toyota Corolla und war mit dem Fahrzeug und dem Händler sehr zufrieden. „Gut, dann fahr uns dort hin“ sagte Patricia. Der Taxifahrer fuhr auf den Hof von der Toyota Niederlassung in Kambodscha. Trotz das dieses Land so Rückständig erschien, standen dort einige Fahrzeuge die in einem Hochpreisigen Segment lagen.
Patricia sah einen schwarzen Land Cruiser SUV. „Das Auto will ich.“ „Ein so großes Schiff?“ „Oui. Überleg‘ doch mal was wir alles transportieren. Wenn wir uns wirklich ein Haus in Thailand kaufen wollen, sollte es schon ein vernünftiges Auto sein um die Strecke zu fahren.“ „Ja, du hast recht. Wir gehen mal fragen was uns eine solche Kiste kosten wird.“
Dem schmalen endvierziger Verkäufer erklärte Patricia was sie für ein Auto wollte und auch warum ein Allradantrieb. Der Verkäufer war eifrig am nicken und bat beide mit ihm zu kommen. In der Werkstatt stand ein roter Toyota Land Cruiser SUV in der Rallye Paris Dakar Ausführung. Höher gebaute Allradversion, Luftansaugstutzen rechts an der Frontscheibe, Seilwinde vorne, sechs Scheinwerfer auf dem Dach. Differentialsperren an allen Achsen und noch so einiges mehr, was dieses Fahrzeug zu einem richtigen Offroader machte. Es war die Luxus Variante von dem Auto. Wobei „Luxus“ eine große Auslegung sein konnte. Dieses Auto wurde für einen Kunden bestellt und auch so umgebaut – aber nicht abgeholt.
Jegliche Diskussion mit Frau Lefèvre über dieses Auto war überflüssig, denn Patricia saß schon in diesem Monster von Auto und ihr Entschluss stand fest.
Patricia nannte dem Verkäufer einen Preis für das Auto, bei dem dem Mann die Farbe im Gesicht entglitt. Spätestens Morgen wäre das Geld hier auf dem Tisch.
Patricia rief ihren Vater an, er solle später auf die Bank gehen und dafür sorgen, dass das Geld überwiesen werde. Auch bekam die Bank ein Fax mit gleicher Bitte. Als alles für den Kaufvertrag fertig war, blieb die Wohnanschrift ein ungelöstes Problem. Es wurde die Adresse vom Hotel in Svay Rieng angegeben.

Nach dem der Autokauf doch erheblich schneller durchgeführt wurde, als erwartet, traf man sich wieder im Hotel. Die kleine Gruppe ging an die Uferpromenade vom Mekong. Diese unbändige Kraft von dem Fluss so nah zu sehen, war schon Atemberaubend.

Für den Nachmittag hatte sich Reto bezüglich der Impfungen im UN Hauptquartier angekündigt. Stephane rief an und wollte mit Hannes über den Vertrag von der UN reden.
„Mach dir keine Sorgen, ich bleibe bei dir. Wäre nur toll, wenn du für die Schulen andere Geldgeber finden könntest.“
„Hannes, nun mach mal langsam und höre mir zu. Ich habe deinen Vertrag abgeändert, wie ich es für besser halte. So bist du nicht in der Zwickmühle und hast trotzdem alle Freiheiten. Ich habe gesagt, ich helfe dir – dann tu‘ ich dies auch. Ich rede schon mit einigen Ministerien, du bekommst dein Geld für deine Schulen. Lass mir bis Montag dafür Zeit. Gib mir die Bankverbindung von dem Autohändler, bis euer Geld in Kambodscha ist, kann es eine oder gar zwei Wochen dauern, bei mir ist es in einer Stunde da.“ „Ich danke dir. Ruf Bernhard an, er soll dann das Geld an dich überweisen. Dann bis Montag.“

Am Nachmittag brachte ein Taxibus die Gruppe in den Distrikt Sangkat Tuek, L’ak Ti Muoy, zur UN. Zwei Toyota Pickup standen vor dem Eingang von UNICEF.
„Dies werden wohl die zwei Fahrzeuge sein, die Laureen meinte.“ Patricia nickte. „Wahrscheinlich.‘

Im dritten Stockwerk im Büro von Laureen wurde die Vermutung von Hannes bestätigt. „Wo ist dein Zelt und Stühle?“
„Noch in einer Halle auf dem Gelände. Ich dachte mir, du möchtest  lieber selbst verladen.“ Hannes nickte zustimmend.

Mit Levi und Dhani machte er sich auf den Weg zu besagter Halle. Ein Zelt in gleicher Größe wie es schon in Kampang Rou stand, 30 Stühle und 15 Tische mussten irgendwie auf die zwei Ladeflächen von den Autos verstaut werden.

Beim Mittagessen war für Hannes der erste Gang zur Küche um genügend Kaffee zu besorgen. Mit zwei Dutzend Päckchen Kaffee kam er glücklich zu den Tischen der Gruppe.
„Dein Chef hat mir einen geänderten Vertrag von dir geschickt“ sagte Laureen als Hannes sich ihr gegenüber gesetzt hatte. „Und? Ich weiß nur von einer Änderung, nicht was drin steht.“
Laureen nahm tief Luft. „Dein Chef weiß was er will. Wenn du dem so zustimmst, könnte ich damit leben.“ „Zuerst möchte ich essen. Ich weiß, dass ich Stephane vertrauen kann, wir hatten auch ein sehr ausführliches Gespräch über mich geführt. Versteh bitte auch mich, dass ich ihn nicht hängen lasse kann und will. Wir haben nun super Teams und ich möchte auch diese Leute nicht enttäuschen.“ „Ich habe euren Zusammenhalt auf der Party gesehen. Ich verstehe dich absolut. Daher bin ich mit dem Kompromiss von Stephane Dilbert auch zufrieden. Dieser Mann hält seine Hand über dich!“

Am Nachmittag kam Reto und sein ganzes Team vorbei. Nescha und Patricia fielen sich gleich um den Hals.
„Grüezi Reto, es sind nur Impfungen vorzunehmen, da brauchst du doch nicht deinen ganzen Tross.“ „Salut Hannes, doch. Wir kommen wieder mit nach Kampang Rou. Wir waren in deiner Abwesenheit in Siam Reap und nun wieder bei euch. Es macht durch deine Infrastruktur vieles leichter, in zwei Provinzen zu arbeiten.“ „Ich weiß gar nicht wie ich dir danken kann.“ „Ich bin Arzt und habe einen Eid geschworen, dem komme ich nach.“ „Nur wegen dem Eid?“ „Nein. Auch wegen dir, wegen Patricia, eurem unglaublichen Team und unserer Freundschaft.“

Es freute Hannes sehr, dass Reto mit nach Kampang Rou kam, nur wurde sein Plan mit der Schule völlig über den Haufen geworfen. Er rief Rithisak an, denn er brauchte mal wieder desse Hilfe.
„Für wann und wo?“ War die kurze Antwort von dem Offizier. „Sonntag 11 Uhr in Kampang Rou und ich würde sagen, dass wir eine Schule in Khsaetr errichten sollten. Ober bist du anderer Meinung?“
„Khsaetr ist gut. Dann hast du ein gutes Gebiet abgedeckt. Brauchst du noch etwas?“ „Ruf Asger an, ich war zulange weg um dir jetzt zu sagen was fehlt. Wir sehen uns am Sonntag.“

Das Mobiltelefon von Patricia klingelte. Sie jubelte. „Yes, yes yes.“ Dies konnte nur bedeuten, dass das Geld für das Auto eingetroffen war – dies war so.
So schnell konnte Hannes mit dem Pickup von der UN gar nicht fahren, wie Patricia drängelte.

Nach dem Eintreffen bei der Toyota Niederlassung in Phnom Penh war Patricia nach einer halben Stunde auch schon mit ihrem Monsterauto vom Hof gerauscht.

Am Freitagmorgen machte sich ein Tross von vier Fahrzeugen auf den Weg nach Svay Rieng.
Hannes fuhr mit Dhani noch nach Kâmpóng Trâbêk ins Büro und zu Bauabschnitt 1 um ihm dem Team von Roman vorzustellen. Eliane gab ihnen noch Unmengen an Ordner für Bauabschnitt 2 und 3 mit.
In Kor An Doeuk stelte er Dhani auch noch Arthur und seinen Leuten vor, nun kannte Dhani alle aus den ersten beiden Teams. „Das sind ja alles coole Leute.“ Hannes nickte. „Ich habe dich in Dietikon nicht belogen. Du hast gestern mitbekommen, warum ich nicht zur UN will. Heute lernst du mein Team kennen. Wir sind in den drei Bauabschnitten eine Einheit und darauf bin ich sehr stolz. Du hast gehört wie Ferdinand und Johannes deine Idee mit dem Zentralen Bauplatz aufgenommen haben, gehe mal davon auf, dass du nicht lange in meinem Team bleibst. Du wirst zu Arthur gehen. Macht wegen der Entfernung mehr Sinn für dich, in Kor An Doeuk im Hotel bei dem Team zu schlafen, als in Svay Rieng bei uns.“ „Du bist der Chef.“ „Nicht nur. Ich sehe mich als Teamleiter und in der Konstellation wie jetzt die Teams sind, können wir alle unglaublich viel leisten. Cees und Luan werden mit dir nach Kor An Doeuk gehen, wenn mein Plan am Montag nicht schon wieder über den Haufen geworfen wird.“ „Warum?“ „Wenn Stephane Gelder auftreibt, brauche ich einen guten Hochbauer in meinem Team. Du hast mitbekommen, dass das Ärzteteam aus der Schweiz mit nach Kampang Rou kommt, dies freut mich sehr, nur brauche ich noch Unterkünfte für die Schulen, daher hatte ich gestern mit einem Offizier vom Militär gesprochen. Das Zelt, dass bei uns auf der Ladefläche liegt, wäre für die Ortschaft Khsaetr. Dann fehlt immer noch ein Zelt, weil Patricia nur eines vom Militär hat. Bei fünf Lehrer könnten wir in den zwei Ortschaften zwei Klassen unterrichten.“ „An was du alles denken musst. Ist ja Wahnsinn.“ „Ja. Die Schulen, die Bauprojekte, die Gelder, nebenbei einem Ingeneur in Deutschland erklären, er soll eine Hochleistungspumpe bauen, die ausschließlich von einem Wasserrad angetrieben werden soll und noch so einiges mehr. Aus diesem Grund trenne ich die Teams nicht, weil diese mir schon sehr viel Arbeit abnehmen.“

Im Hotel von Svay Rieng war keiner von den anderen da. Alle waren auf direktem Weg nach Kampang Rou gefahren.
Als Hannes mit Dhani auf den „Europa Platz“ fuhr, war schon eine Stimmung wie auf einem Volksfest. Trotz der Freudentränen von so vielen Menschen, musste Hannes nach dieser Begrüßung sofort zu Sangkhum gehen.

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