9 Der Aufbruch nach Kambodscha

Teil I Kapitel 9   

Der Aufbruch nach Kambodscha
„Manchmal wünschte ich, ich könnte in dein Hirn schauen!"

Nach Weihnachten fuhren Hannes und Patricia noch nach Deutschland zu seinen Eltern. Die Verabschiedung war, wie zu erwarten, schon sehr Emotional. Hannes war hin und her gerissen. Zum einen war es ein Abschied für zunächst drei Monate und zum anderen war es eine Ungewissheit in ein völlig neues Leben. Er wollte diesen Schritt gehen und wusste nicht was auf ihn und Patricia alles zukommen wird.

Vom Hunsrück fuhren sie noch in die Pfalz um sich auch von Patricia's Großeltern zu verabschieden. Wie zu erwarten hatte die Oma viel geweint und immer wieder gesagt, dass Patricia sich diesen Schritt doch noch einmal überlegen sollte. Patricia war sichtlich genervt und so wurde der Aufenthalt in der Pfalz doch erheblich kürzer als sie es eigentlich geplant hatte.

An Silvester wollte Patricia nichts unternehmen. Sie wollte auf keine Feier von ihren Freunden gehen. Hannes war es egal, denn es begann nur ein neues Jahr im Kalender. So saßen sie alleine in dem riesigen Haus im Zimmer von Patricia und schauten Fernsehen. Sie lachten Tränen bei "Dinner for one" "Same procedures as last year, Miss Sophie?"  „Ma Chérie?", Patricia kuschelte bei ihm „Ich bin die glücklichste Frau auf der Welt! Du bist seit vier Wochen täglich bei mir und kein Tag ist wie der andere. Je t'aime pour toujours. Ich will jetzt mir dir schlafen." „Same procedures as last day, Miss Patricia?" Sie boxte ihn.

Am 2. Januar 1990 kamen Franziska und Bernhard aus Fréjus zurück. Sie sahen anders aus - erholter und verliebter! Nun kannten auch sie die Magie von diesem wunderschönen Haus in der Rue Jean Bacchi.
Dieses Haus hatte Magie auf eine besondere Weise die man gar nicht erklären und schon gar nicht begreifen konnte. Eigentlich waren es doch nur aufeinander gesetzte Steine und trotzdem etwas ganz Besonderes. In einem solchen Haus zu leben, wäre schon schön. Kinder sehen, wie sie in einer solchen Umgebung aufwachsen und morgens von den schönsten Farben dieser Welt geweckt würden.
Kinder. Wird Hannes jemals Kinder haben? Wird er jemals das Glück spüren, wie es ist Vater zu sein? Ist die Leukämie von der Mutter genetisch übertragbar? Könnte er so etwas für sein Kind verantworten? Er wusste es nicht. Diese Frage war schon seit einiger Zeit in seinen Gedanken. Wird die Forschung und Medizin in ein paar Jahren so weit sein, um Leukämie einzudämmen? Wie viele Silvester wird er mit Patricia zusammen erleben können?
Diese Gedanken in seinem Kopf waren eine tägliche Achterbahnfahrt und er wusste nicht mit wem er darüber reden könnte.

Für den 6.Januar organisierte Hannes eine kleine Abschiedsfeier mit den Freunden von Patricia. Er lud Claude, Cosima und Yvonne ein. Mit ihnen hatte auch er gerne zu tun. Seit der Entschuldigung von Cosima sah er sie in einen völlig anderen Licht. Ohne Frage war Cosima die schönsten Frau die er jemals getroffen hatte, aber eingebildet oder gar arrogant war sie nicht. Auch Yvonne zeigte sich seit dem Geburtstag von Patricia ihm ganz anders. Sie hatte begriffen, dass ein Abitur nicht für den Charakter von einem Menschen stand. Claude wurde seit dem Geburtstag von Patricia zu einem der besten Freunde von Hannes. Claude war Claude. Bodenständig, offen und geradeaus. Auch er war über die Freundschaft von Hannes sehr froh und beide konnten sich so einigen Kummer von der Seele reden. Franziska kannte Claude von der Schule und auch die Umstände in seinem Elternhaus. Sie war froh, dass Claude so oft zu ihnen kam und er und Hannes so gute Freunde wurden.

Da sich die Abschiedsparty bei den ehemaligen Schulfreunde herumgesprochen hatte, kamen auch noch Laura, Jasmin, Marco, Benjamin und noch ein halbes Dutzend andere Schulfreund vorbei.
Im Zimmer von Patricia wurde es 15 Personen doch recht eng. Mit Claude schleppe Hannes noch zwei Tische und Stühle vom Gesindestock ins Zimmer.
Die Freunde bewunderten den Weihnachtsbaum und natürlich auch das Bild von Peter. Laura musste natürlich ihren Kommentar zu dem nicht fertigen Bild von sich geben, was Hannes ignorierte. Patricia lies dies nicht so stehen und sagte Laura, dass dieses Bild vollkommen sei und es ein einmaliges Kunstwerk sei.
Claude brachte vier Flaschen von dem guten Rosè mit, den beide vor Weihnachten ausgiebig in der Cafeteria vom Super Marché getestet hatten.
Claude erzählte den Freunden die Geschichte von der Cafeteria und alle brüllten vor lachen, nur Patricia war not amused. Yvonne nahm Patricia in den Arm „Tricia, nun nimm dies doch nicht so ernst! Die beiden verstehen sich super und wenn sie mal besoffen sind, dann ist das eben so. Wir alle in diesem Raum kennen uns schon seit Jahren und seien wir auch mal ehrlich, wer von uns hatte in diesen Jahren eine solche Freundschaft zu Claude wie es Hannes hat?" Hannes hielt die Luft an. Wo wird diese Aussage von Yvonne hinführen? Schweigen im Raum. Yvonne traf es auf dem Punkt. „Muss ein deutscher uns zeigen, wie Freundschaft sein kann? Ich bin ehrlich zu euch. Ich hatte Hannes im Sommer beim campen getroffen und ein völlig falsches Bild von ihm gehabt. In den letzten Monaten habe ich mich viel mit ihm unterhalten und bin dankbar für diese Zeit. Viele in diesem Raum hatten über Hannes und Patricia geredet - aber nicht mit ihnen." Hannes sah an den Gesichter der Gäste wer sich angesprochen fühlt. Cosima und Claude waren die ersten die nickten. „Ich stimme Yvonne voll und ganz zu" sagte Cosima. „Ich hatten einen großen Fehler gemacht und dabei fast die Freundschaft zu Patricia aufs Spiel gesetzt. Hannes hätte den wohl größten Grund mich nicht auf diese Party einzuladen und trotzdem tat er es." Cosima hatte Tränen in den Augen „Ich wünschte könnte diesen Fehler rückgängig machen." Hannes stand vom der Couch auf und ging auf Cosima zu. Er nahm sie in die Arme „Es ist vergessen. Cosima, lass uns nicht an das vergangene denken." Yvonne saß links von Cosima und streichelte Hannes den Arm.

Die Stimmung war nun nicht die von einer Party und Hannes wollte nicht, dass dies so bleibt. „Leute, ihr seid hier um mit uns eine Party zu feiern und nicht um sich gegenseitig Vorwürfe zu machen. Ich habe in Frankreich neue Freunde gefunden und bin dankbar dafür. Was war, können wir nicht ändern - was kommt schon. In wenigen Tagen werde ich mit Patricia einen Weg gehen, den wir beide nicht kennen. Was uns in Südostasien erwartet wissen wir nicht. Lasst uns nun diese gemeinsame Zeit genießen. Im April sind wir wieder zu Hause und dann haben wir entweder viel gutes oder schlechtes zu erzählen. Claude, ich habe durst." „Sofort mein Freund" Claude schenkte zwei Gläser Wein ein.

Es wurde ein schöner Nachmittag und Hannes war froh in dieser Runde, dass nicht mehr als "DER deutsche", "DER andere" angesehen wurde. Mit Yvonne und Claude saß er lange zusammen und hatte schöne Gespräch mit ihnen. Patricia sprach viel mit Cosima. Hannes wie auch Yvonne merkten die und Yvonne streichelte das Bein von Hannes.

Cosima setzte sich zu der kleinen Gruppe von Claude, Hannes und Yvonne dazu. „Hannes, ich möchte mich noch einmal bei dir bedanken. Yvonne kennt deine Reaktion
mir gegenüber aus dem Super Marché und bin auch ihr dankbar für ihr verzeihen. Du hast eben wieder deinen Charakter gezeigt. Danke dafür." „Cosima, du Engel aus dem Orient, Charakter hin oder her, ich möchte kein Streit haben. Wir sind doch gebildete Menschen, du natürlich mehr als ich, und sollten uns auch verzeihen können. Ich bin froh, dass du und Patricia euch ausgesprochen habt. Eine Freundschaft sollte an so etwas nicht kaputt gehen." Yvonne nickte ihm zu. Cosima hielt seine Hand „Du sagst immer so kluge Worte. Ich verstehe gar nicht, dass du dich immer so klein machst."
Claude schenkte Cosima und Yvonne ein Glas Wein ein. „Schaut euch Claude an. Er passte nicht in eure Klasse, von reichen Eltern, Ärzte, Rechtsanwälte oder Unternehmer. Yvonne hatte es vorhin treffend gesagt, ich und Claude sind Freunde und bin auch sehr stolz darauf. Nicht die Güter bestimmen über einen Menschen, sondern das Herz und Charakter." „Ich mag dich auch, du deutsche Kartoffel. Ich werde dich verissen! Du warst von Anfang an freundlich, nett und ehrlich zu mir. Auch wenn ich in Frankreich lebe, ich habe wenig Freunde hier. Nun geht einer der besten auch noch weg.“ Hannes sah zu Cosima und Yvonne bei diesen Worten von ihm „Claude, ich bin nicht aus der Welt! Ich komme doch wieder zurück.“ „Mit wem soll ich denn nun Billard spielen oder ein Bier trinken gehen?" So hatte Hannes die Freundschaft zu Claude noch nie gesehen. Jetzt erst redete er darüber. „Claude, ich weiß wie es ist, nicht dazuzugehören, nicht so zu sein, wie andere es sind. Du hast dir deine Eltern nicht ausgesucht. Du hast trotzdem dein Abitur gemacht und hast angefangen Geologie zu studieren. Ich habe dies alles nicht. Ich war immer nur der Klassenkasper. Heute würde ich auch vieles anders machen. Ich habe mir vieles selbst verbaut. Nun habe ich eine Chance dies nachzuholen. Ich weiß nicht, was mich in Kambodscha erwartet. Ich werde es sehen. Vielleicht mache ich nur den Handlanger und bin unglücklich über diese Arbeit. Was dann? Komme ich nach drei Monate zurück und gehe wieder nach Deutschland in meinen alten Beruf? Ich gehe nach Kambodscha, weil Patricia nicht studieren möchte und mit ihrem Vater nach Kambodscha gehen möchte. Ich sehe dies als eine Chance für mich und gehe mit.“  „Ich dachte immer du möchtest unbedingt nach Kambodscha“  sagte Cosima verwundert. „Ich will oder möchte Bildung für Kinder. Ja, dass ist mein Traum. Ich kann kein Lehrer werde, dafür müsste ich zum einen Abitur haben und zum anderen studieren. In Länder wo die Bildung nicht all zu hoch ist, bin ich der König unter den Blinden.“ „Sag so etwas nicht! Auch wenn wir uns selten gesehen haben, weiß ich, dass du kein Kasper bist und es nie warst. Du redest schon sehr gut französisch und dein Umgang mit Menschen hat Größe!" Claude und Yvonne nickte anerkennend. „Dankeschön. Ich mag euch alle sehr gerne. Ihr seid gekommen um euch von Patricia und mir zu verabschieden. Von meinen Freunden aus Deutschland kam niemand. Ich habe alles Aufgegeben für meine Liebe! Meine Familie, meine Freunde und sogar meine Heimat! Wobei ich meinen Freunden offensichtlich ziemlich egal zu sein scheine.“ Yvonne nahm seine Hand „Du hast Freunde denen du nicht egal bist." Cosima und Claude nickten. „Komm nach Frankreich und lass die Kartoffelesser zurück“ „Claude, habe ich dies nicht schon längst?" Alle sahen sich wortlos an. „Ich wurde von euch, den Klassenkameraden von Patricia, akzeptiert und trotz ein bisschen geholper sind wir nun Freunde. Ich fand in euch neue Freunde. Mir fällt der Abschied genau so schwer wie euch.“

Am späten Abend gingen die Freunde nach Hause. Es war nicht die typischen Verabschiedung von einer Party: Ciao, Tschüss, Au revoir, wir sehen uns Morgen auf ein Bier oder Cappuccino. Man würde sich längere Zeit nicht sehen. Wenn Hannes nicht mit Patricia nach Kambodscha gehen könnte, wüsste er nicht wie er damit umgehen sollte. Eine Woche waren schon 168 Stunden. Dies mal Monate!
Wie wird dieses fremde Land für beide sein? Sie laßen über Kambodscha nur in Bücher oder das was Bernhard oder Stephane erzählen. In vier Tagen würden sie es wissen.

„Braucht der Herr noch eine Aspirin oder ist der Kopf noch klar." Patricia lag mit einem atemberaubenden weißen Negligee links neben ihm im Bett. „Alles gut, Prinzessin.Wir hatten den Wein diesmal nicht alleine getrunken. Du bist eine wunderschöne Frau. Ich kann mich gar nicht satt sehen an dir." „Oh da hab ich ja noch Glück, dass du noch Hunger hast" sagte sie spitz. „Was soll das nun? Nur weil Cosima sich bei mir bedankt hat? Nur weil ich mit ihr geredet habe? Ja, Herr Gott, sie ist verdammt schön. Ich behaupte, sie ist die schönste Frau in Frankreich, kann auch nicht so sein! Patricia, was nützt ihr diese unglaubliche Schönheit, wenn sie im Herzen einsam ist?" „Tut mir leid! Ich wollte dich nicht verärgern." Sie legte ihren Kopf auf seine Brust und streichelte seinen Bauch. „Ich wusste nie, dass Claude in mir einen so guten Freund sieht. Was er vorhin sagte, hat mir schon sehr weh getan.“ Patricia sah ihn fragend an. „Er sagte, dass er mich vermissen würde und das ich ein guter Kumpel sei. Nun wüsste er nicht mit wem er Billard spielen sollte. Ich werde dies aber vor unserem Abflug noch machen. Ich mag ihn sehr.“ „Tu dies. Er ist dein Freund. Dies ist es was dich von allen anderen Menschen auszeichnet, du kümmerst dich um andere. Dafür liebe ich dich jeden Tag mehr.“

Patricia packte die Koffer. Was nimmt man mit? Was braucht man nicht? Es ist gar nicht so leicht einen Koffer für drei Monate zu packen. Natürlich kann man in jedem Land der Welt Kleider kaufen, man hat aber auch seine eigene Garderobe, seine Lieblingskleider. In einem Entwicklungsland erübrigt sich vieles an dem sonst oft schwierigen Fragen. Welche Schuhe zu welchem Oberteil? Welches Hose oder Rock zu diesem oder jenen Oberteil? Hannes fand dies ganz praktisch. Schrank auf, Hose und T-Shirt raus, Schrank zu. Fertig! Frauen denken da anders. In der Zeit wo Patricia ihre Garderobe ausgesucht hatte, hätte er locker 2000 Quadratmetern Rasen mähen können. Sagte er dann etwas von wegen Zeitplan oder man könnte doch endlich mal...., wurde er öfter von ihr geboxt. Ja, so sind die Frauen. Aber wehe man trinkt in der Cafeteria mal Wein. Trotz allem liebte er diese kleine quirlige Person.

Hannes traf sich mit Claude zum Billard spielen in Zentrum von Thionville. Es machte mal wieder so viel Spaß, bei Bier, guten Gespräche und einige Partien Billard.
„Warum hast du angefangen Geologie zu studieren, hat diese einen bestimmten Grund?“ „Oui, mein Freund, hat es. Steine reden nicht! Steine ist es egal wer oder was du bist.“ Hannes legte den Queue auf den Billardtisch und schaute Claude fassungslos an „Wer oder was du bist?Claude, was soll das? Du bist ein toller Mensch. Du musstest zu viel alleine machen und hast dein Ziel erreicht. Jetzt erzähle ich dir einen Geschichte. Lass uns setzten, denn es wird etwas länger werden." Beide setzten sich an den kleinen Bistrotisch in der Nähe von ihrem Billardtisch. „Es war im Oktober letzten Jahres. Ich traf Cosima in Yutz im Super Marché. Wir kamen ins Gespräch, nichts besonderes allgemeine Dinge eben. Sie ging mit mir durch die Regalreihen und machte mit mir den Einkauf. Danach sind wird in die Cafeteria gegangen. Irgendwann fing sie an über mich und Patricia zu reden. Als sie dann sagte, ich sollte es mir mit Particia überlegen, da sie schließlich Leukämie hat, hätte ich fast in ihr schönes Gesicht hinein geschlagen!“ Claude riss die Augen auf „Sie hat Yvonne ein völlig falsches Bild von mir gegeben und diese Unterhaltung mit einer Lüge verbreitet, um mich und Patricia auseinander zu bringen. Als ich dies mitbekommen hatte, war ich böse und auch enttäuscht von ihr. Vor Weihnachten traf ich sie wieder. Ich wollte es klären, geraderücken und aus der Welt schaffen. Dies ist mir auch gelungen. Cosima ist mit Abstand die schönste Frau, die ich je gesehen habe. In ihrem Herzen ist sie sehr einsam. Natürlich möchte jeder Mann dieser Welt mit ihr schlafen. Nur ist der Sex nicht die Liebe. Ihre unglaubliche Schönheit ist der Preis, dass sie einsam ist.“ Claude sah ihn immer noch fassungslos an „Dies glaube ich jetzt nicht! Und ich dachte immer sie wickelt jeden Mann um den Finger und bekommt alle Wünsche erfüllt.“ Hannes nickte „So dachte ich auch.Du siehst, es ist nicht so!“ „Jetzt verstehe ich, was sie meintet, du hättest allen Grund sie zu hassen..Jetzt verstehe ich auch die Worte von Yvonne.“ „Genau. Nun mach du dein Ding. Studiere die Steine dieser Welt. Und noch etwas - Steine können auch reden.“ Claudes irritierter Blick sprach Bände. „Schau dir Steine genau an. Ihre Form, Farbgebung und Beschaffenheit. Sie sprechen mit dir. Wo ich herkomme gibt es sehr viele Drusen. Jede ist aus dem gleichen Quarz und trotzdem ist jede ein Unikat. Du, ich, Patricia, Cosima wir alle sind gleich und trotzdem Unikate.“ „Danke mein Freund. Danke für deine Worte und Freundschaft, du deutsche Kartoffel.“ „Lass uns noch ein Bier trinken.“

Charles de Gaulle am 9. Januar 1990

Franziska fuhr mit nach Paris zum Flughafen. Der Flughafen von Luxemburg ist von Thionville nur einen Steinwurf entfernt, machte aber wenig Sinn, denn der Flug von Luxemburg nach Bangkok führte über Paris. Da man auf dem Charles de Gaulle sieben Stunden Aufenthalt hatte. Von Frankfurt gab es auch Nonstop Flüge nach Bangkok. Es bleibt sich also gleich in welche Richtung man fuhr.
Der Charles de Gaulle ist schon ein großer Flughafen. Hannes war noch nie geflogen und von daher war für ihn jeder Flughafen groß.
Der Abschied fiel Franziska sehr schwer. Wie wird es für sie sein, wenn ihr Mann mal wieder drei Monate weg sei? Ist die Liebe nach so vielen Jahren eine andere? Er wollte dies nie fragen, obwohl es ihn interessierte. Ist die Liebe die gleiche wie bei ihm und Patricia? Er dachte an die Sonntage wenn er nur von Lothringen zurück ins Nahetal fuhr. Wie schlimm die ersten Kilometer für ihn waren. Der Weg nach Hause war irgendwie immer länger, als der Weg zu ihr. Das Raum-Zeit-Kontinuum sollte er doch mal erforschen. Oder das Liebe-Zeit-Kontinuum. Vielleicht wird so etwas ja mal nach ihm benannt? Der Halley’sche Komet wurde ja schließlich auch nach seinem Entdeckter benannt.

Patricia wedelte mit ihrem Pass vor ihm herum „Erde an Hannes.Hallo? Wir sollten mal zum Gate gehen. An was hast du mal wieder gedacht." „Nix besonderes. Nur so. An das Raum-Zeit-Kontinuum und den Halley’schen Kometen." Sie blieb abrupt stehen und schaute ihn Kopfschüttelnd an .„Manchmal wünschte ich, ich könnte in dein Hirn schauen." Er gab ihr einen Kuss, legte seinen Arm um ihr Hüfte und ging mit ihr zum Gate.

Mit der Thai Air ging es von Paris nach Bangkok. Über elf Stunden im Flugzeug. Hannes konnte noch nie im sitzen schlafen. Was macht man also? Die Magazine vor ihm im Sitz steckten konnte er schon rückwärts lesen. Das Fernseheprogramm im Flieger war nicht das, was einen hohen Stellenwert der Unterhaltung bot. Interessant war eine Dokumentation über die Herstellung von Champagner. Patricia schief neben ihm. Sie hielt seine Hand fest und sah so friedlich aus. Auch Bernhard hatte die Augen zu. Er wollte auf die Toilette gehen, jetzt sie zu wecken, wäre auch blöd gewesen.
Die Stewardess fuhr mit einem Wägelchen durch die Reihen. Sie fragte, ob er etwas trinken möchte. Gerne. Eine große Auswahl an Getränke zählte sie auf. Beim Wein sagte er stopp. Der Rosè war lecker. Die nette Dame kam noch öfter mit ihrem Service vorne. Irgendwann fragte sie gar nicht mehr nach seinem Wunsch und griff gleich zu der Flasche. Sie hätte diese auch eigentlich bei ihm stehen lassen können. Wie gut das Patricia schlief. Irgendwann wurde das Abendessen serviert. Patricia wurde wach. Die überaus nette Stewardess schenkte ihm Rosè ein, ohne zu fragen. Der Blick von Patricia sprach Bände!

Don Mueang International Airport. 10 Januar 1990
Der Don Mueang Airport in Bangkok war ein in die Jahre gekommener Flughafen. Hannes schätze das der Flughafen in den 60er Jahren gebaut wurde. Die Plastikstühle in dem Gebäude waren hellrosa und auch sonst wurde viel Plastik in der Flughafenhalle verbaut. Er wurde das Gefühl nicht los, dass ihn alles in diesem Gebäude an die Käse-Igel aus rot und weißem Hartplastik erinnert, die in den 70er Jahren modern waren.
Nach dem sie ihr Gepäck hatten, setzten sich die drei auf eben jene hellrosa Plastikstühle. Nicht nur das die Dinger komisch aussahen, sie waren auch unbequem dazu! Der Weiterflug nach Phnom Penh würde erst in sechs Stunden sein. Sechs Stunden auf diesem Plastik kam jeder Folter gleich.
„Ma Chérie, lass und doch etwas laufen. Ich kann in einem solchen Folterstuhl nicht sitzen!"
Bernhard wollte nicht mit gehen. Er blieb beim Gepäck.
Das also war Asien! Rosa Plastikstühle! Im Terminal war es angenehm und Hannes dachte, ist ja gar nicht so schwül heiß wie erwartet - bis die Schiebetür vom Terminal aufging! Sofort schlug ihm eine Schwüle entgegen, die einem die Luft zum atmen nahm. Er sah mit erschrockenen Augen Patricia an, auch ihr blieb für den Moment die Luft weg! Sie zog ihn an der Hand wieder zurück ins Terminal.
„Wir werden und uns wohl daran gewöhnen müssen. Lass uns noch die kühle Luft hier drinnen genießen."
Hand in Hand gingen beide durch das Flughafengebäude. „Prinzessin, dies hier ist alles so unglaublich. Vom Stausee im Saarland nach Fréjus und nun Südostasien. Wir haben in unsere kurzen Liebe schon mehr erlebt, als manche in ihrem ganzen Leben nicht!" „Oui nous avons. Je ne regrette pas un jour "sie gab ihm einen Kuss. „Ich bereue auch keinen einzigen Tag, meine Prinzessin."

Im Flughafen gab es hier und da kleine Shops wo man essen konnte. Blöd wenn man kein Thai lesen kann. Sie suchten sich etwas aus, dass auf dem Foto über der Theke ganz gut aussah und brachten dies dem Koch hinter dem Tresen auch irgendwie bei, was sie möchten. Das Essen war super lecker! Gemüse mit Bambus und Sojasprossen. Dazu Hähnchenfleisch mit Kokosmilch.
Das Landei aus dem Hunsrück in der großen weiten Welt. Er hat es so gewollt. Mit Patricia würde es an jeden Punkt dieser Welt gehen.
„Denkst du schon wieder an den Halley’schen Kometen?" „Non, ma Chérie. Ich denke an dich! An jeden Ort dieser Welt würde ich mit dir gehen. Ich liebe dich mit jeder einzelnen Phase meines Körpers. Komm, lass uns zu deinem Vater gehen. Er muss nicht alleine bleiben" er gab ihr über den kleinen runden Tisch von dem Bistro einen Kuss.
Sie setzten sich zu Bernhard auf die unbequemen Plastikstühle und schaute den Menschen nach. Urlauber aus Europa die hektisch und fluchend an ihnen vorbei liefen. Hannes schüttelte den Kopf. Was erwarteten Touristen von einem anderen Land? Jägerschnitzel mit Pommes und das jeder die Sprache, in diesem Fall deutsch, könnte? Ein schon stark genervte Paar setzte sich unmittelbar neben sie und war der Verzweiflung nah. Beide beschimpfen sich gegenseitig. „Wenn so denen ihr Urlaub weiter geht, ist die Trennung nicht weit" sagte Hannes auf französisch zu Bernhard und Patricia.

Mit der Thai AirAsia ging es von Bangkok nach Phnom Penh. Der Flug dauerte etwas über eine Stunde. Das Flugzeug war schon in die Jahre gekommen und roch etwas muffig. Das Flugzeug war etwas mehr als die Hälfte besetzt, so konnten die drei es sich bequem machen und nicht wie Presswurst in der Sitzreihe eingedrückt sitzen.

Der Internationaler Flughafen von Phnom Penh war irgendwie eine Mischung aus Lagerhalle und Plattenbau. Das Terminal war sehr kühl eingerichtet und hatte einen Charme von einer Bahnhofstoilette. Herzlich willkommen in Kambodscha.