Mimi die Fundkatze

Am 5. Januar habe ich in Ingelheim am Rhein eine circa 6 Monate alte Katze gefunden. Da ich einen Hund im Lkw dabei habe, gab ich der kleinen Katze etwas zu essen. Danach wollte sie nicht mehr aus dem Lkw raus. Also habe ich sie mitgenommen.
Ich rief einen Tag später ins Tierheim in Ingelheim an und fragte, ob eine junge Katze vermisst gemeldet sei. Dem war nicht so. Auch habe ich bei Tasso angefragt. Auch dort wurde keine Katze in oder aus dieser  Umgebung vermisst.
Am 9. Januar war ich bei meiner Freundin und Tierärztin, um die Katze untersuchen zu lassen und auch um ihr Alter zu bestimmen.

Zwei Wochen später merkte ich, dass die Katze Epileptische Anfälle hat. Die kleine Katze wurde definitiv ausgesetzt.
Seit Februar bekommt sie Medikamente gegen die Epilepsie. Die Medikamente wirken und Mimi hat sich in den letzten Monaten sehr zu ihrem Vorteil entwickelt.

Nun möchte ich mit der Blogseite: https://littlemimithecat.wordpress.com/                                                         die Entwicklung und Abenteuer von Mimi zeigen.

Auch auf der Internetplattform Facebook ist Mimi vertreten.

https://www.facebook.com/groups/382938246613715/?ref=share_group_link

Burka-Verbot

Ein Gesetz, welches keines ist: das Burka-Verbot in Europa 

Wenn Religion die Kultur vernichtet 

Von Samira Ansary, LL.M und Nila Khalil

Kultur ist bunt, ausdrucksstark, musikalisch und freude.
Alleine diese vier Punkte gelten für Millionen Frauen auf dieser Welt nicht. Kultur und Burka. Flasch!

Seit einigen Jahren hat sich in der Bevölkerung eine Bild von muslimischen Frauen eingeprägt, welches nie das Bild der Frauen war: die Vollverschleierung

Der Niqab ist ein Gesichtsschleier, der in Verbindung mit einem Tschadoroder einem anderen, zumeist schwarzen Ganzkörpergewand getragen wird. Er bedeckt das ganze Gesicht und lässt nur einen Sehschlitz frei.

Die in Afghanistan verbreitete Burka ist ein weites, meist blaues Gewand, das über den Kopf gezogen wird und die Frau bis zu den Zehenspitzen komplett verhüllt. Die Augen sind hinter einem feinmaschigen Gitter versteckt.

Afghanische Frauen, fotografiert durch den Augen-schlitz einer Burka, Kabul, Afghanistan, 11. April 2013 © Anja Niedringhaus/AP

Durch religiöse Fanatiker wurde und wird eine jahrhundert alte Tradition und Kultur zu Grabe getragen.
Musik und Gesang gehören auf der ganzen Welt zu den Menschen, wie das ein- und ausatmen.
Egal ob mal ein Fest feierte zum Frühlings- oder Sommerbeginn. Ob eine Erntedankfest, eine Gottheit oder den eigenen Geburtstag. Mit Farben und Schmuck brachten die Kinder, Frauen und Männer ihre Freude zum Ausdruck.

All dies wurde in Ländern der muslimischen Welt immer mehr verboten, bis schließlich auch die Farben, Frohsinn, Musik und Tanz verboten wurde.
Durch eine Burka oder Nikab wird den Frauen jegliche Freiheit, Menschenrechte und Würde genommen.

Heiße Diskussionen über die Burka oder Niqab

Am 11. 4. 2011 trat in Frankreich ein Gesetz in Kraft, das die gänzliche Bedeckung des Gesichts an öffentlichen Orten, etwa in öffent￾lichen Verkehrsmitteln, Parks, Schulen, Geschäften und anderen Einrichtungen, verbot. Damit war Frankreich das erste europäische Land, das das Tragen des Vollschleiers in der Öffentlichkeit verbot; im selben Jahr folgte ein ähnliches Verbot in Belgien. Auch in Österreich, Schweiz, Dänemark und Niederlande gibt es mittlerweile Gesetze für die Vollverschleierung von Frauen.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) stellt in einem Urteil vom 1. Juli 2014 fest, das das Gesetz vom Frankreich vom 11. Oktober 2010 rechtens ist. Nach Ansicht des EGMR verletzt das Gesetz weder die Freiheit des Glaubens, der Gedanken oder des Gewissens (Art. 9 EMRK) noch das Recht auf ein Privat- und Familienleben (Art. 8 EMRK). Dieses Urteil wurde natürlich nicht ohne starken Widerstand hingenommen.
So waren auch zwei Richterinnen vom EGMR gegen dieses Urteil.
Eine deutsche und schwedische Richterin beurteilten die Sachlage in gewissen Punkten etwas anders. Sie hielten in der Urteilsbegründung fest: „Konkrete individuelle Rechte, welche die Konvention garantiert, wurden hier abstrakten Prinzipien unterworfen. Unserer Ansicht nach ist ein dermassen generelles Verbot, welches das Recht einer jeden Person auf eine eigene kulturelle und religiöse Identität tangiert, in einer demokratischen Gesellschaft nicht notwendig.“ 

„Dies ist eindeutig ein Angriff auf die muslimische Gemeinschaft in der Schweiz. Ziel ist es, Muslime noch mehr zu stigmatisieren und an den Rand zu drängen“, sagte Inès El-Shikh, Mitglied von Les Foulards Violets, einem muslimischen feministischen Kollektiv in der Schweiz, im Mai 2021 in einem Interview mit „The Guardian“.

„Wir müssen der Regierung signalisieren, dass wir uns der Diskriminierung und einem Gesetz, das speziell auf eine religiöse Minderheit abzielt, nicht beugen werden“, sagte eine Niqab-tragende Studentin gegenüber Reuters, bei einer Demonstration in Kopenhagen, im August 2016.

Auch befürchten Hotel- und Gastronomieverbände in einigen Ländern von Europa einen Rückgang an Besucher, vornehmlich aus den Arabischen Emiraten, wenn solche Verbote Landesweit, in diesem Fall die Schweiz, eingeführt werden.

Eine Vollverschleierung verstößt gegen Menschenrechte – oder doch nicht

In Sure 2 Vers 256 heißt es: „Es gibt keinen Zwang in der Religion“, was eben bedeutet, dass sich jeder Mensch frei für seine religiöse Überzeugung entscheiden darf. Ebenso kann man einen Menschen nicht zu bestimmten Handlungen zwingen, auch wenn es ihm seine Religion vorschreibt. Man ist letztlich einzig vor Allah/Gott verantwortlich, wenn man durch sein Verhalten nicht die Rechte anderer Personen verletzt.
Alleine dieser Vers wird von fast allen islamisch geprägten Staaten missachtet.

Aus islamischer Sicht, also der Religion – und nicht den Religionswächter, ist das Tragen einer Kopfbedeckung Pflicht, die Allah im Koran offenbarte. Frauen und Männer sollten sich aus Überzeugung an die von Allah offenbarten Kleidervorschriften halten. Da der Islam für Nüchternheit eintritt und die Menschen sich nicht von vordergründigen Reizen beeinflussen lassen sollen, ist es wichtig, im öffentlichen Leben dafür zu sorgen, dass jene Anziehungsbereiche menschlicher Sexualität, die sofort ins Auge springen können, bedeckt gehalten bleiben. Dies bedeutet jedoch keine Ungleichheit von Frauen und Männern.

Auch steht in Sure 33, Vers 59: Frauen sollten in der Öffentlichkeit „etwas von ihrem Überwurf“ über sich ziehen. Es wird aber nicht geschrieben, welcher Teil des Körpers verdeckt werden soll und ob dies auch die Haare betrifft.

Um noch einmal auf das Urteil des EGMR zu kommen, heißt es dort, dass es weitgehend den einzelnen Staaten überlassen ist, ob und wo sie Frauen in Burka, Niqab oder auch mit weniger verhüllenden Kopftüchern akzeptieren und wo nicht. Entsprechend hält der EGMR auch ein Burka-Verbot nicht für ein Verstoß die Menschenrechte – wie sie insgesamt das Recht des Staates, die Verwendung religiöser Symbole zu reglementieren, tendenziell höher bewerten als das Recht des einzelnen Bürgers auf freie Religionsausübung

Der UN-Menschenrechtsausschuss hat das Verbot der Vollverschleierung in Frankreich bereits 2018 kritisiert, denn das
Urteil des EGMR verstoße gegen die Religionsfreiheit und die Menschenrechte der Trägerinnen, denn das tragen von einer Burka sei
angemessen um ein friedliches Zusammenleben zu gewährleisten.

Fazit

Bei allen Debatten, Vorschriften und Gesetze gibt es keine Einigung über eine stoffliche Hülle, in einer patriarchalisch geprägten Religion. Niemand wird im öffentlichen Raum eine Burka oder Nikab tragende Frau fargen, ob sie dieses Kleidungsstück freiwillig trägt.

Jene Befürworter sollten doch mal für mehrer Tage, vorzugsweise im Hochsommer, ein solches Kleidungsstück tragen.
Toleranz hin oder her, eine Burka ist die schlimmste Entwürdigung für eine Frau.

Samira Ansary und Nila Khalil, Den Haag, 7. Mai 2022

Geboren für das Leben               

Geboren für das Leben – ein Nachruf an Sarja Nabi

Mena Mangal aus Afghanistan
Mina Khairi aus Afghanistan
Mursal Wahidi aus Afghanistan
Natasha Khalil aus Afghanistan
Sadia Sadat aus Afghanistan
Shahnaz Roafi aus Afghanistan
Malala Maiwand aus Afghanistan
Maharam Darani aus Afghanistan
Farida Mustakhdim aus Afghanistan
Mariam Ibrahimi aus Afghanistan
Mehri Aziz aus Afghanistan
Zainab Mirzaee aus Afghanistan
Anja Niedringhaus aus Deutschland
Michelle Lang aus Kanada
Zakia Zaki aus Afghanistan
Shaima Rezayee aus Afghanistan
Nadia Anjuman aus Afghanistan
und nun Sarja Nabi aus Afghanistan

Dies sind einige Namen von Journalistinnen und Menschenrechtlerinnen die für die Freiheit und Wahrheit gearbeitet hatten und diese Arbeit mit ihrem Leben im Krieg und Terror in Afghanistan bezahlen haben.
Ihr ward meine Freundinnen, Bekannten, Weggefährtinnen oder habt mich durch eure Arbeit inspiriert.

Gestern starb Sarja Nabi durch einen feigen Anschlag von Männern, die eine unglaubliche Angst vor gebildeten, modernen und selbstbewussten Frauen haben.

Es fällt mir schwer
Ohne dich zu leben
Jeden Tag zu jeder Zeit
Einfach alles zu geben
Ich denk so oft
Zurück an das was war
An jedem so geliebten
Vergangenen Tag

Ich lebte 14 Jahre mit euch in einem Krieg, den niemand von uns wollte. Ich lebte 14 Jahre mit euch in einem Terror, den wir nicht begreifen konnten.
Wir sahen das Unrecht und hatten uns gewehrt, gekämpft und aufgeklärt.

Wir waren geboren um zu leben
Mit den Wundern jeder Zeit
Sich niemals zu vergessen
Bis in aller Ewigkeit
Wir waren geboren um zu leben
Für den einen Augenblick
Bei dem jeder von uns spürte
Wie wertvoll Leben ist

Wir sahen die Wunden in einem Land welches wir unsere Heimat nannten.
Mit jedem Sonnenaufgang hofften wir auf Frieden für unser Land. Bei jedem Sonnenuntergang sahen wir den Tod von Kindern, Frauen, Männer und Freunde.

Es tut noch weh
Wieder neuen Platz zu schaffen
Mit gutem Gefühl
Etwas Neues zuzulassen
In diesem Augenblick
Bist du mir wieder nah
Wie an jedem so geliebten
Vergangenen Tag

In all den Jahren sahen wir den Schmerz in unserem Land und mit jedem Tag wurde er mehr.
Die Gedanken von Flucht in Freiheit war oft ein Thema und trotzdem blieben wir. Wir kämpfen für die Freiheit.

Es ist mein Wunsch
Wieder Träume zu erlauben
Ohne Reue nach vorn
In eine Zukunft zu schauen

Das Schicksal brachte uns zusammen, in einem Glauben für eine bessere Welt. Waren wir zu jung oder zu naiv um an eine Zukunft zu glauben?

Wir waren geboren um zu leben
Mit den Wundern jeder Zeit
Sich niemals zu vergessen
Bis in aller Ewigkeit

Meine Gedanken, Trauer und Ohnmacht machen mir das Denken schwer.
Wir wollten die Welt verändern und sind an einem Fanatismus von irren Männern gescheitert.

Ihr ward geboren um zu leben

Nila Khalil, Den Haag 2. Mai 2022

Text: Heinrich Graf und Henning Verlage – Geboren um zu leben

Ein Nachruf an Natasha Khalil

Fatima ‘Natasha’ Khalil

Ich schreibe an einem Text, bei dem ich weinen muss.
Ich schreibe Worte, die mir sehr weh tun.
Ich habe Gedanken, die mich an all meiner Arbeit und Kraft zweifeln lassen.

Ein Nachruf an Natasha Khalil

Mit beginn des neuen Jahrhunderts verändete sich das Gesicht von Afghanistan. Die Hoffnung lag auf dem ISAF Einsatz der US geführten Truppen und viele Afghanen sehnten sich zu Frieden, Freiheit und Demokratie zurück. Heute – zwanzig Jahre später wissen wir alle – es wird keinen Frieden geben.

Als ich 2005 von Deutschland zurück in das Chaos aus Krieg, Terror und Verzweiflung, nach Afghanistan ging, wollte ich die Welt verändern. Wie naiv war ich mit meinen 25 Jahren.

Zwei Jahre dauere es, bis sich in der Stadt Gardez eine kleine Gruppe von mutigen, selbstbewussten und kämpferischen jungen Frauen gefunden hatte, die als die Speerspitze der Menschenrechtsbewegung in Afghanistan gefeiert wurde.

In den letzten 13 Jahren sind aus einer Handvoll Frauen ganze Organisationen und Netzwerke entstanden. Der Name jener anfänglichen Gruppe wurde für viele Frauen Programm. Die Ideen und Visionen von einem ehemaligen Flüchtlingskind wurden in vielen Provinzen, Städten, Schulen und Universitäten besprochen, diskutiert und immer weiter getragen.

Auch Fatima ‘Natasha’ Khalil hörte von diesen Visionen für das Gute, für Menschenrechte und für die Zukunft von Afghanistan.

Im Sommer 2015 traf ich Natasha in meinem Büro. Vor mir saß eine junge, kluge und selbstbewusste Frau. Ihre Gedanken und Worte kannte ich von mir. Natasha wuchs als Flüchtling in Pakistan auf. Ihre Eltern waren beide früher in Afghanistan Lehrer gewesen. In Pakistan hatte der Vater ein kleines Geschäft eröffnet und oft reichte das Geld nicht. Trotzdem schaffte die Familie es, ihren sechs Kinder eine gute Ausbildung zu ermöglichen.

Natasha studiete an der American University of Central Asia in Kabul und sprach sechs Sprachen, hatte eine starke Grundlage in Religionswissenschaft und Humanität. Sie passte in unser Team!

Nach und nach wurde auch ihr Radius in ihrer Arbeit größer und sie übernahm einen Job von mir bei UNAMA in Kabul.
Natasha war ein fröhlicher Mensch, ihre Kleider bunt, hell oder auch mal grell. Sie war bei allen sehr beliebt und ließ sich auch von Gouverneure die Butter nicht vom Brot nehmen. In all ihrer Arbeit sah ich sehr oft mich. Natasha wurde auch fast immer für meine Tochter gehalten. Sie machte zu oft aber auch keine Anstalten dies zu revidieren.

Am Samstag wurde Natasha, mit gerade 24 Jahren, Opfer vom alltäglichen Terror. Menschenrechte sind der Feind der Taliban und müssen bekämpft werden.
Täglich gibt es bis zu 50 Anschlägen der Taliban auf Zivilisten, Infrastruktur, Polizisten oder Armee. Mit der Ankündigung der USA ab 2021 mit dem Truppenabzug zu beginnen, hat die Zahl der Terroranschläge zugenommen.

Nun sitze ich 5000 Kilometer von dem Chaos und Terror entfernt und fühle mich schuldig an dem Tod von Natasha. Sie könnte meine Tochter sein!

Natasha, du warst wie eine Tochter für mich! Amira und du habt so wunderbar zusammen gearbeitet. Eure Diskussionen, Gedanken und Handeln hat dem ganzen Netzwerk gedient und euer Engagement wurde von allen getragen.

Was bleibt, sind deine Früchte der Arbeit und den Mut den du hattest, die Welt zu verändern. Viele Menschenrechtler in Afghanistan können sich an deiner Leistung messen und deine Ideen weiter voranbringen.

Auch möchte ich einen Nachruf an Ahmad Jawid Folad richten.
Du warst der Fahrer, der an diesem Tag mit Fatima in Kabul unterwegs warst. Deine herzliche und freundliche Art brachte oft Ruhe in die Runde, wenn es mal wieder brannte. Mit deinen 41 Jahren kanntest du außer Krieg und Terror nichts anderes und sehntest du dich so sehr nach Frieden und Freiheit. Du hast viele unserer Projekte begleitet und dich als Mann-für-alles erwiesen. War etwas aufzubauen oder zu reparieren, warst du da.
Ahmad, du hinterlässt eine Frau und zwei Kinder. Du wirst vielen fehlen.

In Gedenken an zwei wunderbare Menschen.

Nila Khalil, Vorsitzende von Afghan Women’s Network, Mitglied bei UNAMA und der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen.
Den Haag, 03. Juli 2020

Wo fange ich an?


Seit dem 5. März bin ich gezwungenermaßen wieder in den Niederlanden. Geplant war alles anders! Nun habe ich mich für das Leben von Lenara entschieden und werde die nächsten Jahre wohl auch in den Niederlanden bleiben. Zu Lenara werde ich so bald wie möglich noch ein neues Update schreiben.
Im März glich mein Leben einer Achterbahn. Die Sorgen um das Leben von Lenara brachte mich fast an meine mentale Grenze. In den ersten vier Wochen hatte ich Stunden an Gesprächen mit Ärzte aus den Niederlanden, Luxemburg und Deutschland geführt. Gleichzeitig kamen von Dr. med. Erik de Joost und seiner Tochter, Dr. phil. Marpe de Joost, immer wieder die Wünsche, dass ich die Kinderheime, die Dr. Erik de Joost mitte der 90er pas à pas aufgebaut hatte und seine Tochter 2018 die Leitung übernahm, ich übernehmen sollte. Marpe ist promovierte Psychologin und durch die doch nicht unerhebliche Bürokratie mit vielem in der Leitung überfordert gewesen. Humanität kostet unglaublich viel Kraft. Auch mit einem guten und engagierten Team waren Probleme da oder wurden aus Unwissenheit geschaffen. Da ich Erik und Marpe seit 13 Jahren kenne und wir auch sehr eng in all diesen Jahren zusammen gearbeitet haben, konnte ich immer wieder aushelfen, wenn ich in Europa auf „Urlaub“ war. Seit Anfang Dezember bin ich in den Niederlanden und was nur als „Aushilfsjob“ gedacht war, wurde im April etwas mehr.

Scheveningen Strand, Den Haag

In den letzten 13 Jahren habe ich über Menschen und Völkerrechte so viel gelernt und referiert, dass ich mir in dieser „Szene“ einen doch recht guten Namen geschaffen habe. Wenn mal wieder die Luft brannte, musste ich ran. Aus Afghanistan war vieles nur bedingt möglich, wegen der Zeitverschiebung oder weil es dort auch mal wieder nicht rund lief. Also wurde ich mit meinem „Aushilfsjob“ im Januar 2020 schon dem Bürgermeister von Den Haag, Johan Remkes, vorgestellt. Auch traf ich mit fast allen Mitgliedern des Stadtrates zusammen um die Probleme der Politik, Gesetze, Asylverfahren und dem Auftrag des Kinderheimes zu erörtern und zu verbessern. Die aktuelle Flüchtlingspolitik und Lage im Januar an den Grenzen zu Europa waren für Gespräche und Verhandlungen nicht gerade die besten Voraussetzungen für meine Forderungen. Viele Gespräche gab es um auch die Politik von der Dringlichkeit des Handels zu überzeugen.

Wie immer sind es die Zufälle die entscheiden. Im Herbst rief mich meine Tochte aus den Niederlanden an und stellte mir ihre Gedanken zu einer Weihnachtsgeschichte der Gegenwart vor. Dazu den folgen Link.

https://naike-juchem.com/2022/01/24/het-huidige-kerstverhaal-die-weihnachtsgeschichte-der-gegenwart/

Dieses Theater von meiner Tochter war es, auf das ich aufbauen konnte um einen Schritt weiter zu kommen.

Mit Hochdruck waren wir dabei, auch Kinder aus dem Lager Moria in die Niederlanden zu holen. Über Wochen sprach ich mitbekannten Menschenrechtler, Ministerien in Deutschland und Luxemburg und anderen Humanitären Organisationen in den Niederlanden, bis sich endlich im März etwas bewegte.
Dr. Erik de Joost flog im Februar schon nach Moria um mit Kollegen von Ärzte ohne Grenzen zu sprechen. Wir schafften über unsere eigene Stiftung das Geld für den Flug und auch Unterkunft in unserem Heim zusammen und mussten nur noch auf das Go der Politik warten. Zwischenzeitlich flog ich mit meiner Tochter in den Urlaub, weil ich auch diese Zeit brauche und zum anderen war es das Geschenk an meine Tochter, da sie im Herbst 2019 ihre Ausbildung als Staatliche Erzieherin als Jahrgangsbeste abgeschlossen hatte.

Im Urlaub in der Karibik hatte ich trotzdem kaum Zeit für mich und Amira, weil sich in Europa ein Transport für unbegleitete Kinder aus dem Lager Moria abzeichnete. Auch gab es mal wieder, wie gewohnt, das ein oder andere Problemchen in Afghanistan. Die Zeitverschiebung von Europa und Zentralasien war nicht gerade ein Vorteil für Erholung in der Karibik.
Zurück in Europa wurde von Deutschland und Luxemburg an der Einreise von Kinder aus Moria nun vieles sehr konkret und das Team um Erik und Marpe setzen auch die Politik in den Niederlande unter Druck. Sollte uns dies noch alles gelingen bis ich im März nach Afghanistan zurück fliege? Meine Arbeitstage waren nach dem Urlaub genau so lange, wie davor 16 bis 18 Stunden.

Es geht nach Hause

Ich hatte meinen Eltern versprochen, dass ich noch zu ihnen nach Stuttgart komme, bevor ich wieder nach Afghanistan fliege. Also ging es in der letzten Woche vom Februar Mittwoch Nacht um 3 Uhr von Den Haag los. 680 Kilometer mit dem schnellen Audi von meiner Tochter war die Strecke in etwas über 5 Stunden geschaft.

Zu Hause zu sein war ein gutes Gefühl und es tat mir unglaublich gut, all die netten Menschen, die mich seit 30 Jahren kennen wieder zu sehen. Natürlich durften Käsespätze von Mama nicht fehlen!

Die Tage waren mal wieder zu kurz um allen gerecht zu werden. Zu meinem ehemaligen Klassenlehrer wollte ich auf jeden Fall. Norbert Dellinger war einer der größten Förderer in meinem Leben. Er wollte das ich ein Referat über Menschenrechte an meiner ehemaligen Realschule in Stuttgart halte. Also sagte ich dies für den Freitag zu. Der Nachfolgende Link hat meine Tochter geschrieben.

https://naike-juchem.com/2022/03/18/mit-mama-zu-besuch-in-ihrer-ehemaligen-schule/

Am Freitag ging es dann von Stuttgart wieder Richtung Den Haag. Da der Hunsrück quasi auf dem Weg liegt machten wir noch zwei Tage Pause bei Naike. Immer hin ist sie für vieles in meinem und Amiras Leben verantwortlich.
Wie immer waren bei ihr die Gespräche sehr lang und die Nächte kurz.

Die letzten Tage in Den Haag

Die letzten zwei Tage in den Niederlanden wurde wieder sehr viel Korrespondenz mit allen möglichen Behörden in Deutschland, Luxemburg und den Niederlanden geführt und der Zeitpunkt für einen Flug nach Griechenland wurde konkret.
Am Dienstagnachmittag fuhr Amira mit mir nach Amsterdam zum Flughafen Schipohl. Meine Heimreise stand an und ich hatte den Kopf voll mit Gedanken. Der Nachfolgende Link beschreibt den folgenden 48 Stunden Alptraum.

https://naike-juchem.com/2021/10/08/der-reale-alptraum/

Durch eben jene Umstände bin ich wieder am Anfang meiner Gedanken und erklärt auch, warum ich die nächsten Jahre in den Niederlanden bleiben werde. Da diese Umstände mich quasi Arbeitslos gemacht haben, war es ein logischer Schritt, dass ich dem Wunsch von Erik und Marpe de Joost nachgekommen bin und zum 1. April die Leitung für die Kinder-und Jugendeinrichtung übernommen habe. Ganz ehrlich gesagt, ich habe auch kein Bock mehr auf Krieg und Terror. Mit meiner schnellen Ankunft in Rotterdam kam auch gleich ein Berg an Arbeit und Sorgen auf mich zu. Wie schon geschrieben, brachte mich der Lebensbedrohlichen Zustand von Lenara an meine physische Belastung. Gleichzeitig breitete sich Covid-19 auf der Welt aus und da keiner Wusste wie was kommt, mussten wir in den Niederlanden und Afghanistan sowieso handeln.
In Afghanistan stampften wir mit UNICEF, Afghan Women’sNetwork und anderen Organisationen eine Aufklärungs Kampagnein drei Tagen aus dem Boden, die in und über alle Medien, Schulen, Universitäten und Medizinischen Einrichtungen publikgemacht wurde. Durch die Erfahrungen mit Seuchen in Westafrika konnte Dr. Erik de Joost von seiner Arbeit in den 80er Jahren bei Ärzte ohne Grenzen profitieren und so waren wir in den Niederlanden die erste Einrichtung die sofort richtig, kann ich nun drei Monate später ruhig schreiben, gehandelt haben. Auch da möchte ich die Worte von meiner Tochter benutzen.

https://naike-juchem.com/2021/10/19/mein-beruf-als-erzieherin/

Der März und April war mit der Pandemie eine Herausforderung für uns in der Leistung, wie auch in der Betreuung. In den Niederlanden war es im Verhältnis zu Afghanistan ein Kinderkarussell. Mit beginn der Pandemie haben sich in Afghanistan die Preise von Lebensmitteln bis auf das dreihundertfache verdoppelt. Immerhin müssen wir in meiner Schule und mehrere Frauenhäuser für über 380 Mädchen Lebensmittel sicherstellen. Auch da musste sehr oft zwischen vier Kontinentenkorrespondiert werden.

Ab dem 20. April wäre ich eigentlich in Singapur auf dem World Human Right Council gewesen und hatte im Januar schon an meinem Referat geschrieben. Durch die Corona Pandemie wurdedieser via Video abgehalten. Da es eben Referate von Menschenrechtler auf der ganzen Welt gab und durch die Zeitverschiebung dies auf 12 Stunden nicht komprimiert werden konnte, waren für mich die Tage in der Uni von Den Haag sehr lange. Oftmals 21 Stunde. In einem fast Menschenleeren Gebäude zu sitzen, war nicht gerade erfreulich. Zumindest musste ich mich nicht jeden Tag aufbrezeln. Es reichte auch Jeans und T-Shirt. Wir bekamen zwar von der UN einen „Fahrplan“, wer wann welches Thema vortrug, so konnte ich dann hin und wieder im Erste Hilfe Raum der Uni auf einer Pritsche etwas schlafen. Kurz vor Ostern sah ich meine Tochter nach drei Wochen wieder. Sie blieb mit anderen Mitarbeiter in der Einrichtung und war quasi in Quarantäne.

Mein Ostergeschenkt kaufte ich mir selbst. Da es ja abzusehen war, dass ich in den Niederlanden bleibe. Seit Anfang März fahre ich alle zwei Tage von Den Haag nach Rotterdam in die Brandwonden Klinik zu Lenara. Dadurch fehlt mir natürlich auch die Zeit im Büro. Also sind meine Tage wie immer lang – sehr lang. Will ja nicht klagen.

Der Terror stand vor der Haustür

Am 19. Mai verübte die Taliban eines ihrer schlimmsten und hinterhältigsten Anschläge überhaupt. Ein Terroranschlag auf eine Frauenklinik in Kabul bei der 22 Menschen ihr Leben verloren – auch Babys! Was an diesem Tag an Telefonaten statt fand, kann und werde ich hier nicht schreiben.

EinenTag später gab es wieder einen Terroranschlag von der Taliban, ist in Afghanistan seit Jahren täglich so. Nur diesmal war der Anschlag in der Stadt, wo mein Team, meine Schule und eines meiner Frauenhäuser steht. Die erste Stunde war der reinste Alptraum und keiner aus meinem Team konnte mit zu dieser frühen Stunde etwas sagen. Nur soviel: mein Team und die Mädchen sind in Sicherheit – noch. Ein Notfallplan der seit 6 Jahren besteht und den 256 mir vertraute Menschen kennen, wurde aus dem Safe geholt und in wenigen Stunden auch so umgesetzt. Wir schafften das halbe Team, dreiviertel der Schule und 70 Mädchen aus Gardez in Sicherheit. Niemand konnte an diesem Vormittag sagen, was noch passiert. Also: Alarmstufe rot!
Ich telefonierte gleichzeitig mit bis zu drei Telefonen und war via Internet auf drei Videokonferenzen.
Nun will und muss ich auch mal zum Schluss kommen. Nur noch so viel, was ich in nächster Zeit noch an Arbeit vor mir habe. Durch meinen Beruf und jetzige Arbeit in den Niederlanden muss und werde ich mich auch sehr viel mit Strafrechtlichen Dingen befassen müssen. Ich habe in Gardez und in Den Haag ein juristisches Team, das mit Samira Ansari und Dr. jur. Janina Huzaifai zwei Ausnahmetalent als Anwälte an der Spitze hat, trotzdem muss auch ich mich notgedrungen in oder mit Jura beschäftigt. Da ich niederländisch noch nicht so gut kann, habe ich mir Bücher in deutsch gekauft um mir eben auch jenes Feld der Rechte anzueignen. Bis auf das Strafmaß sind die Gesetze in den Niederlanden vergleichbar mit Deutschland. Die Niederlanden habe auch ein recht großes Problem mit Rassismus und da wir mit oder wegen unserer Einrichtung auch mit eben jenen Rassismus Vorfälle konfrontiert sind, nun diese Maßnahme von mir. Ich lass mich von der Polizei wegen „Bagatellen“ gegen meine Kinder und Jugendlichen nicht verarschen!

Mein Name zieht in Den Haag schon Kreise. Zum einen, weil ich seit Jahren mit zwei Staatsanwälte beim IStGH befreundet bin und zum anderen weil ich sehr energisch auftreten kann. Hatten gestern erst einige Mitarbeiter im Burger kantoor (Rathaus) leidlich erfahren müssen. So weit mal eine kleine Einordnung der letzten sechs Monate.

Nila Khalil, Den Haag am 1. Juli 2020

Das Chaos in Afghanistan

Afghanistan ist seit 70 Jahren der Spielball der Nationen und kaum jemand weiß es. Um die Lage von Afghanistan zu begreifen, muss man die Machenschaften der UdSSR, CIA, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emirate kennen; und zum anderen in der Geschichte weiter zurückgehen.

Autoren Naike Juchem und Nila Khalil

Ende der 70er Jahren kam Afghanistan hin und wieder in den Medien vor, als die UdSSR in Afghanistan intervenierte. Die UdSSR war eine Weltmacht und sah eine Bedeutung durch die USA mit ihrer Kriegsmarine und Atombomben.
Das Territorium der UdSSR umfasste nach dem zweiten Weltkrieg eine Fläche von 22,4 Millionen Quadratkilometern. Dies war fast ein Sechstel des Festlandes der Erde. Von der West-Ost-Richtung erstreckte sich die UdSSR vom Schwarzen Meer, der 
Ostsee bis hin zum nördlichen Pazifischen Ozean.
Die UdSSR hat trotz dieser gewaltigen Größe keinen geografischen Zugang zum südlichen Pazifik, bzw. Indischen Ozean. Um auch dort mit der seiner Marie präsent sein zu können, wollte man einen Korridor von Usbekistan, was zur Russischen Föderation gehörte, durch Afghanistan und Pakistan. Da Pakistan an der Küste des Arabischen Meeres, eines Nebenmeeres des Indischen Ozeans liegt, wäre der militärische Zugang in den südlichen Pazifik gesichert gewesen.

Dieses Vorhaben scheiterte am Widerstand der Mujahideen, die umfassend mit finanzieller, materieller und personeller Unterstützung aus den arabischen Staaten profitiert habe.  Hier sei die CAI, Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Pakistan erwähnt.
Der Begriff Mujahideen verwenden Muslime um diejenigen zu beschreiben, die sich als Krieger im Namen Allahs für den Islam zu kämpfen sehen. Das Wort ist von der gleichen arabischen Wurzel wie der Dschihad – der heilige Krieg.

Ein Sinnloser Krieg gegen einen unsichtbaren Feind

Im Februar 89 beendeten die UdSSR einen Sinnlosen Krieg und zogen sich aus Afghanistan zurück. Was übrig blieb war ein Chaos aus innenpolitischer Zerstrittenheit und ein Land das wirtschaftlich am Boden lag.
Durch den Rückzug der UdSSR sahen sich die Mujahideen als „Arbeitslos“ und durch die Zerstrittenheit der vielen Ethnien im Land, sahen diese nun endlich die Möglichkeit einen Gottesstaat nach ihrem Willen aufzubauen. Auch hier waren Religionsgelehrte aus dem arabischen Raum im Hintergrund.

Kaum ein anderes Land der Welt befindet sich seit so langer Zeit in einem permanentem Kriegszustand. Im Zuge dieses Kriegs wurde das gesamte Land in Schutt und Asche gebombt; 1,5 Mio. Menschen verloren ihr Leben. Weitere Kriegsfolgen sind die Erblast von über 10 Mio. Anti-Personen Minen ( in keinem anderen Land der Welt liegen mehr Minen), eine Analphabetenrate von über 90 % und die Flucht von zeitweise bis zu 6,5 Mio. der 14 Mio. Einwohner Afghanistans nach Pakistan und Iran.

Auf den ersten Blick gleicht der Afghanistankrieg einem undurchsichtigen Chaos, in dem andauernd neue Fraktionen auftreten, die sich in ständig wechselnden Koalitionen bekämpfen. Jedoch lassen sich auf den zweiten Blick zwei Konfliktebenen unterscheiden: Zum einen gibt es die internationale Konfliktebene, da der Afghanistankrieg stark von den sicherheitspolitischen, wirtschaftspolitischen und ideologischen Interessen ausländischer Mächte, insbesondere seiner Anrainerstaaten, bestimmt wird. Zum anderen gibt es
die innerafghanische Konfliktebene, auf der zunehmend Ethnizität an Bedeutung gewinnt. Beide Konfliktebenen sind miteinander verzahnt und haben in den Kriegsparteien ihre Überschneidungspunkte. Daher wird die Zukunft von Afghanistan nur jene gestalten können, die langfristig die Fraktionen militärisch und politisch behaupten. Da es an ausländischer Unterstützung für die Taliban nicht mangelt, ist ein erneuter Krieg unumgänglich.

Um Afghanistan zu begreifen, muss man in der Geschichte zurückgehen

Ein Reich mit der Bezeichnung Afghanistan existiert seit 1747. Afghanistan in seinen heutigen Grenzen entstand jedoch erst Ende des 19. Jahrhunderts als Pufferstaat zwischen den Interessengebieten der Kolonialmächte Britisch-Indien und
Rußland. In dieser Staatsgründung war das wesentliche Konfliktpotential Afghanistans schon von Anfang an angelegt.
Bei Afghanistan handelt es sich um einen Vielvölkerstaat, in dem über 50 ethnische Gruppen leben. Die größte Ethnie sind die segmentär organisierten Paschtunen, die in verschiedene Stammesverbände zerfallen; die Konföderationen der Durrani und Ghilzai bilden die umfaßendsten paschtunischen Stammeseinheiten. Weitere wichtige ethnische Gruppen sind die Usbeken in Nordafghanistan und die Hazara im zentralen Hochland. Unter der Sammelbezeichnung Tadschiken
wird die persischsprachige, sunnitische Bevölkerung Afghanistans zusammengefaßt.

Die ethnische Vielfalt in Afghanistan drückte sich seit Jahrzehnten in der gesellschaftlichen Schichtung aus. Die Paschtunen erschienen nach außen hin als die staatstragende Ethnie. Sie stellten von 1747 bis 1973 mit dem Königshaus, das dem durranischen Stammesverband angehört, die Spitze des Landes. Auch die traditionelle Elite bestand in ihrer Mehrheit aus paschtunischen Adligen. Die Tadschiken bildeten das Gros der Mittelschicht, weshalb sie die Wirtschaft und staatliche Verwaltung dominierten. Die Usbeken hatten auf den afghanischen Machtapparat nur wenig Einfluß und waren weitgehend auf ihren Siedlungsraum beschränkt. Die Hazara bildeten aufgrund ihres turko-mongoliden Aussehens und ihrer schiitschen Konfession eine marginalisierte Ethnie, die
weitgehend von der Partizipation an den gesellschaftlichen Ressourcen ausgeschlossen bleibt.

Die CIA tragen eine Mitschuld an dem Chaos in Afghanistan *

Der auf Drogen aufgebauten Irrsinn zeichnete sich ab, als der weltweite Drogenhandel sich auf dem Tiefpunkt seiner jüngeren 200-jährigen Geschichte befand: mitten im Zweiten Weltkrieg. In den USA war der Reinheitsgehalt illegalen Heroins von 28 Prozent 1938 auf nur drei Prozent drei Jahre später gefallen – ein Rekordtief. Zugleich hatte die Anzahl der Süchtigen rapide abgenommen: Nur noch etwa 20.000 waren es1944/45, ein Zehntel derjenigen, die noch 1924 gezählt worden waren.

Ende der 40er Jahre sah es ganz danach aus, als würde die Heroinsucht in den USA ein unbedeutendes Problem werden. Innerhalb eines Jahrzehnts jedoch blühten die Drogensyndikate wieder, die asiatischen Mohnfelder dehnten sich aus, in Marseille und Hongkong schossen Heroinraffinerien aus dem Boden. Der Grund für diese Erholung des Heroinhandels ist in einer Abfolge von CIA-Bündnissen mit Drogenhändlern zu finden.
Die CAI unterhielt sehr enge Kontakte zu korsischen Drogensyndikate in Marseille, nationalchinesischen Truppen in Birma und korrupten thailändischen Polizisten.

* lesen Sie hierzu den externen Berich: Die CIA und ihr Opium

Eine unlösbare Zwickmühle

Die weltweit zunehmende islamistische Gewalt, der Staatszerfall in Asien und Afrika und der daraus resultierende Flüchtlingsstrom nach Europa zwingen die internationale Gemeinschaft, sich verstärkt mit der Befriedung von Krisenregionen und mit gesellschaftlichem Wiederaufbau zu beschäftigen. Wie man aber Lösungen für die Konflikte und Kriege erarbeiten will, sind äußerst schwierig, da zu viele Interessen an politischen, wirtschaftlichen und nicht zuletzt religiösen Gründen auf keine Einheit hinauslaufen werden – und dies auf dem Rücken der zivilgesellschaft ausgetragen werden.

Nach fast 20 Jahre des internationalen ISAF Einsatz in Afghanistan herrscht in der Öffentlichkeit die Ansicht vor, der ISAF Einsatz sei generell fehlgeschlagen. Zwar waren fast alle militärischen Operationen zur Bekämpfung der Taliban von Erfolg gekrönt, und dennoch gelang es trotz gewaltiger finanzieller und personaler Anstrengungen nicht, eine stabile politische und funktionierende Verwaltung, sowie eine effektive Justiz zu etablieren.
Ebenso ist ein Großteil der afghanischen Bevölkerung der Meinung, die Lasten des Krieges seien ungerecht verteilt worden und sie hätte vom bisherigen Wiederaufbau nicht ausreichend profitiert.
Bei Frauenrechten, Bildung, Gesundheit und Medien kann die internationale Allianz erfolgreiche Erfolge vorweisen, aber leider stehen diese Errungenschaften auf sehr
wackeligen Beinen, da ihnen die ökonomische und gesellschaftliche Unterstützung fehlt.

Menschenrechtlerinnen bei einem UNAMA Treffen in Kabul

Die internationalen Beziehungen zwischen Deutschland und Afghanistan gibt es schon seit 1919. Während der kritischen Sicherheitslage von Mitte der 1980er-Jahre bis 2001, hatte Deutschland kein Botschaft in Afghanistan unterhalten. Erst nach der Afghanistan-Konferenz von 2001 wurde wieder ein deutsches Verbindungsbüro in Kabul eingerichtet, das im Folgejahr wieder zur Botschaft aufgewertet wurde. Die deutsche Botschaft war die erste diplomatische Vertretung eines Staates in Afghanistan nach Ende des Taliban-Regimes.
Afghanistan liegt laut der Weltbank beim Investitionsklima auf Platz 162 von 175 untersuchten Ländern. 60 Unternehmen aus Deutschland waren schon kurz nach dem Sturz des Taliban-Regimes in Afghanistan vertreten.

Taliban Anschlag auf die Infrastruktur

Während die großen deutschen Konzerne zumeist mit Subunternehmen in Afghanistan tätig sind, unterhalten vor allem kleine und spezialisierte deutsche Firmen Vertretungen in dem Land. Siemens baut zum Beispiel das Telefonnetz aus und ist an der Modernisierung von zwei Wasserkraftwerken beteiligt. Der Essener Baukonzern Hochtief repariert und baut Straßen.
Die in Hamburg lebende Familie Rahimi, hat das 1968 in Kabul gegründete Hoechst-Werk vor einigen Jahren gekauft und stellt dort Hustensaft, Schmerzmittel und Antibiotika her. Die Afghanistan Investment Support Agency, wirbt damit, dass ihr Land als einen der weltweit am schnellsten wachsenden Märkte anpreist und seit 2003 bereits 2,4 Mrd. Dollar investiert wurden. Der Internationale Währungsfonds rechnete im Jahr 2007 mit einem Wirtschaftswachstum in Afghanistan von zwölf Prozent.

Die Meinung der meisten in Afghanistan engagierten Staaten lässt sich mit wenigen Worten beschreiben: Sicherheit ist Voraussetzung für politische Stabilität und politische Stabilität für wirtschaftlichen Aufbau. Heute ist klar, dass diese Strategie nicht funktioniert hat.

Die Unterzeichnung des „Friedensabkommen“ in Doha

Alle Bemühungen der Alliierten für Sicherheit und Ordnung in Afghanistan aufzubauen, sind am Tag mit den „Friedensgesprächen“ in Doha, zwischen den USA und der Taliban gescheitet. Die USA lies mit ihrer Unterzeichnung das Volk von Afghanistan ins offene Messer laufen.
Dieses perfide Abkommen mit Terroristen und das Versprechen, die USA werde ihre Truppen abziehen, war der ungehinderte Zugang der Taliban, um wieder die Herrschaft über Afghanistan zu gewinnen.
Nichts wurde in all den Jahren an Frieden und Sicherheit gewonnen.

Die Lage in Afghanistan hat sich seit Mai 2020 dramatisch verschlechtert und mit jedem weiteren Tag rücken die Taliban in immer mehr Städte und Provinzen vor.
Es ist abzusehen, dass ohne Alliierte Hilfe Afghanistan erneut ins Mittelalter katapultiert wird. Da im letzten Jahr China schon Truppen in die Nähe von Afghanistan verlegt hat, ist nun die Frage, wer wird als erstes das aufkommenden Taliban-Regiem bekämpfen.

Provinz Praktika

Die unglaublich Menge an Resourcen werden einen nächsten Krieg nicht verhindern

Der run auf Resourcen hatte nach dem Sturz des Taliban-Regimes schon einige Länder auf den Plan gerufen.
Die Türkei mischt seit 2001 in dem NATO geführten ISAF Einsatz kräft mit und arbeitete in Afghanistan mit den selben Instrumenten wie die anderen Staaten: Streitkräfte, Institutionen der Entwicklungszusammenarbeit und Hilfsorganisation. Die Türkei hat aber zwei weitere Punke im Blick: die  Außenwirtschaftspolitik und Investitionen durch private Firmen.
Bereits 2001 hatte die Türkei ihr ökonomisches Interessen klar definiert: der Energie- und im Transportsektor.
Die nachgewiesenen Öl- und
Gasbestände in Afghanistan sind mittel- und langfristig für die türkische Wirtschaft genauso interessant wie auch chinesische Pläne, neue überregionale Transportwege (Projekt Seidenstraße) zu bauen, die durch Afghanistan bis nach Anatolien führen soll.

Die Ressourcen sind Fluch und Segen für Afghanistan. So haben US-amerikanische Geologen vor 10 Jaher riesige Vorräte an Lithium, Kupfer, Eisen und Gold entdeckt, die bis zu 1000 Milliarden Dollar wert sein sollen. Die Vorräte an Kupfer, Lithium, Eisen, Gold und Kobalt reichten aus, das Land zu einem weltweit führenden Rohstoffexporteur zu machen. Afghanistan hat somit das Potenzial, zum „Saudi-Arabien des Lithiums“ zu werden. Lithium wird für wiederaufladbare Batterien gebraucht – für Handys, Laptops oder Elektroautos.

Die US-Geologen beschreiben zudem große Vorkommen von „seltenen Erden“, die für nahezu alle Hightech-Produkte gebraucht werden und die zu 97 Prozent in China abgebaut werden. Westliche Exportunternehmen sind auf solche Rohstoffe angewiesen. Käme der Abbau von Bauxit in der Nähe von Baghlan in Gang, könnte gleichzeitig der seltene Rohstoff Gallium gewonnen werden, der etwa für Dünnschicht-Solarzellen gebraucht wird.
Der Sensationsfund könnte das Rückgrat der Wirtschaft werden. Der Nachteil wird die weitere Destabilisierung der Region werden. Durch eben jene Vorkommnisse könnte Afghanistan zum geopolitischen und geoökonomischen Brennpunkt der Welt werden.

Die Geschichte zeig, dass solche Ressourcen für die betroffenen Länder eher Fluch als Segen sind. Gleiches ist heute schon im Kongo zu sehen.

Entdeckt wurden viele der Rohstoffreserven mithilfe von Karten- und Datenmaterial sowjetischer Bergbauexperten, die noch aus der Zeit der sowjetischen Besatzung in den 80er Jahren stammen. Nach dem Rückzug der sowjetischen Truppen und dem darauffolgenden Chaos nahmen afghanische Geologen die Karten an sich und brachten sie nach dem Sturz der Taliban 2001 in offizielle Dokumentensammlungen zurück. Dort fanden die US-Geologen die Aufzeichnungen 2004 und stellten auf ihrer Basis eigene Forschungen an. 2007 bereits veröffentlichten sie Berichte über die zur Rede stehenden Riesenvorkommen, allerdings ohne auf großeres Interesse der Regierung zu stoßen. Erst 2009 wurde eine Pentagon-Abteilung zur Wirtschaftsförderung auf die Erkenntnisse aufmerksam und ließ die Unterlagen nochmals prüfen.
Nun bleibt abzuwarten, wie politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich dieses enorme Kapital einsetzen lässt um eine weitere Eskalation des Terrors zu verhindern.

2012 investierte TPAO, die staatliche Ölfirma der Türkei, 100 Millionen US-Dollar und startete Bohrungen auf bereits explorierten Öl- und Gasfeldern im Norden Afghanistans.
Die eigenen Interessen offen zu verfolgen hat der Türkei bislang nicht geschadet. Im Gegenteil, die afghanische Seite sieht sich eher auf gleicher Augenhöhe, wenn sie als Wirtschaftspartner und nicht als Hilfeempfänger angesprochen wird. Etlichen türkischen Bauunternehmen gelang es in relativ kurzer Zeit, auf dem afghanischen Markt Fuß zu fassen. Im Hoch- und Tiefbau hatten sie in den ersten Jahren des westlichen Engagements mehrere Nato-Aufträge übernommen. Dank der Erfahrungen, die sie dabei sammelten, konnten sie sich später größere öffentliche Bau- und Infrastrukturprojekte sichern.
So wurden mehrere Abschnitte der afghanischen Ringroad, die die größeren Städte des Landes miteinander verbinden soll, von türkischen Unternehmen gebaut.
Auch in der Handelspolitik machte die Türkei lokale wirtschaftliche Engpässe für die eigene Wirtschaft zu nutzte. So sind türkische Geschäftsleute auf dem afghanischen Markt stark vertreten. Türkische Produkte sind begehrt.
Oft sind sie der chinesischen, pakistanischen und iranischen Konkurrenz qualitativ überlegen und bezahlbar. Ein Vorzug türkischer Unternehmer ist zweifellos, dass sie risikobereiter sind als die meisten europäischen und US-amerikanischen Unternehmen.

Auch türkische Unternehmer und ihre Mitarbeiter wurden entführt oder gar getötet. Dennoch haben sie es größtenteils vermieden, sich hinter hohen Mauern und Stacheldraht zu verschanzen. So vermittelten sie den Einheimischen das Gefühl, sich nicht von ihnen abzuheben. Türkische Firmen werden vor Ort aber auch deshalb geschätzt, weil sie afghanische Arbeitskräfte einsetzen. Zwar ist der Verdienst bescheiden, doch einen Arbeitsplatz zu haben ist in Afghanistan mit seiner extrem hohen Arbeitslosigkeit bereits ein Privileg.

Anschlag auf eine Geburtsklinik in Kabul

Die Türkei zieht die Fäden im Hintergrund

Die Türkei befürwortet eine regionale Lösung des Konflikts und initiierte deshalb den sogenannten Istanbul-Prozess. Die Türkei bindet darin nicht nur alle Nachbarn Afghanistans ein, sondern kooperiert auch mit USA, Russland, China sowie auch mit Großbritanien und Deutschland.
Türkische Generäle hatten mehrfach die Leitung verschiedener Teile der ISAF-Truppen. Zweimal kommandierten türkische Offiziere den gesamten ISAF-Einsatz. Dreimal übernahm die Türkei die Verantwortung für die Sicherheit in der Hauptstadt Kabul und in der Provinz Wardak. Heute schützen türkische Truppen den internationalen Flughafen in Kabul – auch dies aus wirtschaftlichen Gründen, für deren Export.
Auch ist die Türkei maßgeblich an der Ausbildung der Afghanischen Nationalarmee und der Nationalpolizei beteiligt und finanziert mehrere Militärschulen. So kommen Waffen aus Deutschland, Frankreich und Israel legal ins Land. Da die türkischen Geheimdienste mit internationalen Partnern zusammen arbeiten, ist es für andere Dienste sehr schwer – wenn nicht gar unmöglich, dieses Netzwerk zu durchschauen.

Ein falsches Spiel von „Brüder im Glauben“

Ungeachtet dieser engen Zusammenarbeit wird die türkische Beteiligung an militärischen Maßnahmen oft nur als symbolisch bezeichnet. Denn die Türkei hat es von Beginn an abgelehnt, sich an militärischen Aktionen gegen die Taliban, an der Terrorbekämpfung, aber auch an Operationen gegen die Produktion von Drogen und den Handel mit ihnen zu beteiligen; selbst bei der Minenräumung enthält sich die Türkei.
Die Türkei sieht sich nicht als Besatzungsmacht und signalisieren – mit Erfolg, der afghanischen Bevölkerung. Das dieser „brüderliche Glaube“ sehr zum Nachteil der Bevölkerung werden kann, wird seit Jahren nicht gesehen – und dies ist ein fataler Fehler in anbetracht der immer stärker werdenden Taliban.

Nicht einmal wurde Militärcamps der Türkei seitens der Taliban angegriffen, womit sich bei der Bevölkerung ein positives Bild für die Türkei zeigt.

Doch solange die türkische Regierung immer noch im Glauben ist, sich in einem Konkurrenzkampf mit dem Westen zu befinden, wird Afghanistan von Menschen gleichens Glaubens still und heimlich unterwandert.

Die Taliban braucht keinen Drogenhandel – sie bekommen Steuern

Opium ist trotz allem für Afghanistan eine sehr lukrative Einnahmequelle und dies weiß eigentlich jeder. Die Taliban war in Afghanistan nie weg. In den letzten 10 Jahren haben sie immer wieder Provinzen und Städte eingenommen. So kamen sie auch immer an Waffen und Munition, die sie bei den Stürmungen auf Militär- oder Polizeikasernen erbeuteten.
Die Taliban haben in Afghanistan eigene staatsähnliche Strukturen aufgebaut, mit sogar eigenen Gerichten.
Durch den illegalen Landraub, verfügt die Taliban quasi über ihr eigenes Land – so hat diese Terrorgruppe Steuereinnahmen. Auch durch die Besetzung und Kontrolle von Grenzübergänge, bekommen die Taliban Einnahmen durch Zollgebühren.

Der Geldstrom aus dem Ausland, wie dieser noch in den 90er Jahren war, ist nicht mehr in dem Maße, wie einst. Auch wenn Geheimdienste Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Pakistan im Visier haben, dementieren dies vehement.

Durch den alltäglichen Terror und seit Wochen das schnelle Vorrücken auf Städte und Provinzen, mangelt es den Taliban nicht an finanziellen Mitteln. Sie plündern und rauben was ihnen unter die Finger kommt.

Was kommt wird alle bisherigen Prognosen übersteigen

Der Krieg rückt näher, und somit auch die Angst vor einer erneuten Übernahme der Taliban. Die nächsten Wochen werden zeigen, wie sich die internationale Gemeinschaft in Afghanistan verhält. Je mehr Staaten ihre Botschaften schließen werden, desto mehr verliert die Bevölkerung den Glauben an die Regierung und das bisherige Staatssystem.

Es ist nue noch eine Frage der Zeit, bis die Taliban Kabul angreift und die jetzige Regierung stürzen wird. Die Apokalypse steht vor der nächsten Stufe und das was kommt, wird ein Massenmord.
Die Menschen wissen nicht mehr wohin sie noch fliehen sollen, und die hochausgebildeten Militärs werden sich wohl kaum der Taliban beugen. Wenn das jetzige Staatssystem zusammen bricht und die Soldaten und Polizisten keinen Soldt und Lohn bekommen werden, steht einem Bürgerkrieg kaum noch was im Weg.

Masar-e Scharif ende April 2022

Die Taliban wird ihrerseits die zivil Bevölkerung als Schutzschilde nutzen, wie sie dies vor 20 Jahren schon einmal taten und in den von ihnen kontrollierten Provinzen schon seit Jahren tun.

Mit jedem Tag, an dem die Taliban Städte und Provinzen einnehmen, sinkt die Hoffnung auf ein Ende der Gewalt und Terror.

Naike Juchem und Nila Khalil, 14. August 2021

Quelle
– Alfred W. McCoy. Professor an der Universität Wisconsin für südostasiatische Geschichte. Die CIA und das Heroin. Weltpolitik durch Drogenhandel
– Bundeszentrale für politische Bildung
– Library.fes.de Conrad Schetter
– Naike Juchem & Nila Khalil: Die Zukunft von Afghanistan wird schwarz
– Naike Juchem, Textauszug aus Kapitel 11, Teil III: Zu Besuch bei der Deutschen Botschaft
– Stiftung Wissenschaft und Politik

Montmartre

Die Basilika Sacré-Cœur

Montmartre, zu deutsch Märtyrerhügel, ist der Name eines Hügels im Norden von Paris und eines dort gelegenen früheren Dorfes. Der 1860 durch Eingemeindung der Dörfer Montmartre, La Chapelle und Clignancourt entstandene 18. Pariser Arrondissement trägt ebenfalls diesen Namen.

Autorin Evke Freya von Ahlefeldt

Seit nun 20 Jahren lebe ich in Frankreich. Eigentlich wollte ich nur zum studieren an die Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne. Dies ist eine Universität für Rechts- und Politikwissenschaften, Wirtschafts- und Managementwissenschaften sowie Geisteswissenschaften. Mit dem Studium der Wirtschaftswissenschaft tat ich mir sehr schwer und studiere nach drei Semester, an der gleichen Uni Kunst und Archäologie. Mein Ziel nach dem Studium war Norwegen. Es kam etwas anders und so habe ich mich in den letzten Jahren in Paris eingelebt.

Paris ist durchaus eine wunderschöne Stadt und mit den 20 Arrondissements aber auch schon das krasse Gegenteil.
Von einer kleiner Studentenbude im 14. Arrondissement, Observatoire, ging es in eine kleine Wohnung ins multikulturelle 13. Arrondissement, Gobelins. Dort ist eine bauliche Mischung zwischen klassische Gebäude und modernen Hochhäusern. Eine schöne Wohnung in einem der barocken Häuser war schon immer mein Traum. Leider sind die Mieten- bzw Kaufpreise ein Alptraum. So wurde es eine Wohnung in einem modernen Hochbau. Die Aussicht über die grandiose Stadt war im Mietpreis inklusive. Da aber das 13. Arrondissement mitunter auch sehr viel Kriminalität aufzuweisen hat und ich durch einen Stalker sogar Polizeischutz brauchte, zog ich einen Umzug in ein anderes Arrondissement vor. So wurde Montmartre meine Heimat.
Montmartre hat einen Flair, den es sonst wohl sonst kaum in Paris gibt. Auch wenn „La Butte“ im Zentrum von Paris liegt, ist es trotzdem irgendwie ein Dorf geblieben.

Meine Liebe zu diesem Dorf möchte ich euch gerne vorstellen.

Montmartre ist eines der schönsten und interessantesten Viertel Paris. Die kleinen Gassen, die ikonischen Treppen, die Straßencafés, die Künstler und natürliche der Ausblick von der höchsten natürlichen Erhebung von Paris. Das Dorf Montmartre war im 19. Jahrhundert eine künstlerische und literarische Hochburg und beliebtes Ausflugsziel. Heute ist Montmartre eines der meist besuchten Arrondissements von Touristen aus aller Welt.
Ich stelle nun mal ein paar der vielen Bauwerke, Restaurants und Plätze von Montmartre vor.

Basilika Sacré-Cœur

Von der weltberühmten Basilika Sacré-Cœur hat man einen unglaublichen Blick auf die Stadt. Im Gegensatz zu den meisten anderen Wahrzeichen von Paris ist die Sacre Coeur überraschend jung – sie wurde erst im Jahr 1914 fertiggestellt.

Place du Tertre

Der Place du Tertre ist das Zentrum von Montmartre. Er befindet sich oben auf dem Hügel, wenige Meter von der Basilika Sacre Coeur entfernt. Der Platz ist berühmt für seine Porträtmaler die zwischen, vor oder neben den Restaurants und Cafés ihre kleine Stände haben.

Moulin Rouge

Das Moulin Rouge, die rote Windmühle, ist wohl mit Abstand das bekannteste Varieté der Welt. Die Filmversion von Moulin Rouge mit Nicole Kidman und Ewan McGregor gewannen sogar zwei Oscars. Ein Abend im Moulin Rouge fängt bei 70 € Eintritt an. Wer einmal dort war, ist von den Darbietung in den Bann gezogen und wird definitiv wieder kommen.

Le cimetière de Montmartre

Le cimetière de Montmartre – der Friedhof von Montmartre

Auch Friedhöfe sind in Paris Anziehungspunkte für Touristen oder Menschen die einfach mal abschalten möchten. Neben dem berühmten Friedhof Père Lachaise ist der Friedhof von Montmartre einen Besuch wert. Immerhin ist es der drittgrößte Friedhof von Paris und die letzte Ruhestätte von Heinrich Heine.

Le Mur des Je t’aime

Ganz in der Nähe der Basilika Sacré-Cœur befindet sich die: Le Mur des Je t’aime (zu deutsch die: Ich-liebe-Dich-Mauer)
Die Mauer ist ein Werk der beiden Künstler Frédéric Baron und Claire Kito und hat ein Fläche von 40 Quadratmetern. Auf diesen Kacheln steht 311 mal „Ich liebe dich“ in 250 Sprachen und Dialekten. So findet man auch den Berliner Dialekt mit einem schönen: Ick liebe dir.

La Maison Rose

Das kleine rosafarbene Häuschen mit den grünen Fensterläden, ist nur ein paar Schritte vom Montmartre Museum entfernt und gehört zu den meist fotografiertesten Gebäude in Montmartre. Dass La Maison Rose ist ein kleines gemütliches Restaurant.

Commanderie du Clos Montmartre,

Ein Weinberg in mitten von Paris, liegt in Montmartre. Der aus dem Künstlermilieu entstandene Gedanke über einen eigenen Wein wurde in Montmartre realisiert. Man muss schon ein Freud von diesem säuerlichen Wein sein, um einen solchen Wein zu lieben.

Nun noch etwas über die Entstehung von Montmartre.

Gallo-römische Epoche

In der gallo-römischen Epoche wurde Montmartre gegründet, und es erhoben sich auf dem Hügel zwei Tempel, die den Göttern Mars und Merkur geweiht waren. Dank seiner großen Vorkommen an Gips entwickelte sich der Montmartre zu einem der reichsten Gebiete im Umkreis von Paris. Daher fand man dort zu dieser Zeit viele Villen und Tempel. Die Steinbrüche, in denen der Gips abgebaut wurde, dienten später auch als Zufluchtsorte für die ersten Christen.

Um das Jahr 272 herum wurden der Bischof Dionysius, der Priester Rustikus und der Erzdiakon Eleutherius hier enthauptet. Deshalb war Montmartre im Mittelalter ein wichtiges, dem heiligen Denis geweihtes Wallfahrtszentrum. Der Legende nach nahm Saint Denis nach seiner Enthauptung seinen Kopf, wusch ihn in einer Quelle und marschierte ungefähr 6 Kilometer bis zum heutigen Ort Saint-Denis.

Mittelalter

Im 12. Jahrhundert errichtete der Orden der Benediktiner in Montmartre ein Kloster. Die ehemalige Abtei- und heutige Pfarrkirche Saint-Pierre de Montmartre ist eine der ältesten Sakralbauten von Paris und steht neben dem Place du Tertre. Sie wurde auf Geheiß Ludwig VI. auf dem Gelände eines ehemaligen Mars-Tempels (5. Jahrhundert) errichtet und am Ostermontag 1147 von Papst Eugen III. geweiht.

Evke Freya von Ahlefeldt, Montmartre, 28. April 2022

Die Obdachlosen von Paris

Obdachlose Menschen in Paris

Die Obdachlosen von Paris

Am 31. Januar 2022 wurden bei der „Nuit de la solidarité“ 3552 obdachlose Menschen auf den Straßen von Paris gezählt.

Autorin Evke Freya von Ahlefeldt

Bei der jährlich stattfindenden „Nuit de la solidarité“ in Paris zwischen Januar und Februar, sind Ehrenamtliche für eine Nacht im Großraum Paris unterwegs, um obdachlose Personen zu zählen und so weit wie möglich die Obdachlosen zu ihrer Lebenssituation zu befragen. Organisiert wird dies von APUR (Atelier Parisien d’Urbanisme), einem Pariser Verein für Urbanistik, der1967 gegründet wurde. Der  Verein hat mittlerweile 29 Partnerorganisationen. Von APUR werden zukunftsorientierter und maßstabsübergreifender Studien erstellt, welche auch mit Behörden, Institutionen und Organisationen abgesprochen werden.
Durch die Dokumentationen und Analysen  von APUR konnten bereits viele
städtebauliche und gesellschaftliche Projekte in den 20 Arrondissement und  Großraum Paris entwickelt werden.

Nuit de la solidarité

Die „Nuit de la solidarité“ wurde 2018 ins Leben gerufen und erstellt die wichtigsten Referenzen über die Obdachlosigkeit in der französischen Hauptstadt. Neben der Zählung wird auch die Bedürfnisse und Hintergründe der Betroffenen dokumentiert, sowie deren Unterkünfte geografisch festzulegen. 
Nach der neuesten Zählung von APUR hat die „Nuit de la solidarité“ eine Zahl von 3641 Obdachlosen ergeben. Dabei wurden nicht nur Personen gezählt die auf der Straße übernachten, sondern auch Orte wie Bahnstationen und Parks einbezogen.
Zu den drei Parks gehörten: der Bois de Boulogne im Westen, der Bois de Vincennes im Osten und die „Colline“ im Norden von Paris.

Die Zahlen sind leider nicht definitiv, da die Zählung nur an einem Tag stattfindet. Die Ergebnisse können deshalb variieren und entsprechen nicht der absoluten Zahl obdachloser Menschen in Paris. Vor allem aber konnte nur an zugänglichen Orten gezählt werden. Gebiete der Petite Ceinture, kleinere Parkanlagen, Parkhäuser, Ruinen von Industrieanlagen oder leerstehenden Häuser sind somit nicht inbegriffen. Ebenfalls fallen aus den Zahlen heraus, alle Personen welche „Couchsurfen“ und durch solidarische Netzwerke, wie zum Beispiel kirchliche Obdachlosenheime, beherbergt werden.

Außerdem ist zu beachten, dass von den 3641 Gezählten nur etwa 1200 den Fragen der Helfer vollständige oder teilweise beantworten wollte oder konnten.

Der Obdachlosigkeit auf den Grund gehen

Die Studie stellt in erster Linie Geschlecht, Altersspannen und ob die Person einzeln oder in einer Gruppe angetroffen wurde.
Auch werden Punkte wie hin Schwangerschaft, Familienstand, Kindern und tierische Begleiter dokumentiert.
Bei den Befragten wurden auch die Hintergründe der Obdachlosigkeit dokumentiert, um die Lebenssituation der Menschen zu verstehen.
Gründe für die Obdachlosigkeit sei für die Befragten die Ankunft in der Hauptstadt ohne entsprechende Unterkunft. Auch Schicksalsschläge, wie zum Beispiel Trennungen und Räumungen.der Wohnungen bzw. Häuser.

Von den Befragten Obdachlosen waren
14% Frauen, wobei diese am stärksten in den Altersklassen unter 25 Jahren sowie über 55 Jahre vertreten sind. Sie sind es auch, welche in Gruppen übernachten, sowie öfters Schlafplätze wechseln und für welche es am gefährlichsten auf der Straße ist.

Insgesamt sind dabei 36 % der erfassten Personen seit weniger als einem Jahr obdachlos. Mit einem Anteil von 10 % an der Gesamtanzahl gehören Jugendliche >25 Jahren zu einer besonders schutzbedürftigen Personengruppe. Es sind zugleich diejenigen die die Leistungen der Sozialdienste (Notunterkünfte, Sozialleistungen, Begleitung oder Betreuung durch Sozialarbeiter) am wenigsten kennen, sowie ohne eine Unterkunft in Paris ankamen.

Nach der Auswertung der Fragebögen und Dokumentation ist eine temporäre Obdachlosigkeit im 18. Arrondissement mit den meisten Jugendliche zuverzeichnen. Sie gehören auch zu denjenigen, die tendenziell keine Gewohnheits-Schlafplätze haben. Im Gegensatz zu denen, welche seit Längerem auf der Straße leben.

Eine starke Konzentrierung im Nordosten

Außer von dem 15. Arrondissement
im Südwesten, fällt beim Blick auf die geografischen Verteilung der Obdachlosen Konzentrierung der Obdachlosigkeit auf den Nordosten auf. Am stärksten betroffen ist der 18. Arrondissement mit 507 Personen welche auf der Straße angetroffen worden sind, davon 105 Bewohner auf der „Colline, einem berüchtigten Hügel am Autobahnverteiler und bekanntes humanitäres Problem. Das Zeltdorf an der Porte de la Chapelle, wo Flüchtlinge und Crack-Abhängige konzentriert auf den Braunstreifen neben der Schnellstraße in Zelten hausen, wird regelmäßig geräumt. Zwecks fehlender Maßnahmen in Form einer Unterkunft und Perspektiven siedeln sich jedoch immer wieder neue Personen an. Die Auflösung des Camps der Crack-Süchtigen Obdachlosen im Herbst 2019 hatte zur Folge, dass es eine weitere Verteilung auf einem größeren Bereich gegeben hat.
So sind viele Obdachlose in den Norden wie den Canal de l’Ourcq oder den Jardin d’Éole, im 19.Arrondissement abgewandert, was zu Spannungen mit den dort lebenden „sesshaften“ Obdachlosen zu extreme Spannungen und Gewalt geführt hatte.

2017 / 2018 existierte außerdem ein riesiges Zeltlager, welches vom Kanal am Quai Valmy bis in die Vororte von Saint Denis reichte, sowie ein Sinti und Roma Camp auf der Petite Ceinture zwischen der Porte Clignancourt und Porte de la Chapelle. Diese beiden räumlichen Besetzungen wurden zwischenzeitlich geräumt und führte möglicherweise zu einer Umverteilung auf den Pariser Norden sowie die angrenzenden Vororte wie Bobigny, Pantin und La Courneuve.

Obdachlose am Quai Valmy

Die Verteilung der Obdachlosen

Im Süden an den 18. (Montmartre) Arrondissement angrenzend befinden sich das 9. (Opéra) und 10. (Entrepôt) Arrondissement mit einer Zählung von 110 sowie 359 Personen. Im 19. (Buttes-Chaumont) Arrondissement sind es 466 Personen. Im 11.(Popincourt) Arrondissement 176, im 20. (Ménilmontant) Arrondissement 156 und endet mit dem 12. (Reuilly) Arrondissement, wo 369 Personen auf der Straße leben. Letzteres weist dabei 167 zusätzliche Obdachlose auf, die im Wald von Vincennes ihre Unterkünfte aufgeschlagen haben. Die Konzentration eines großen Teils der Obdachlosigkeit korreliert dabei mit den sogenannten populären Vierteln, welche eine hohe kulturelle Diversität aufweisen, aber auch einen hohen Teil an Sozialwohnungen und Armut. Im Vergleich zum Vorjahr ist eine Abwanderung aus den 9. und 10. Arrondissement in den Norden zu beobachten.

So nahmen in diesen Vierteln die gezählten Obdachlosen ab, während im 18. und 19. (Buttes-Chaumont) Arrondissement ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen ist. In diesem Bereich wurden vermehrt Jugendliche Gruppen gezählt, welche in den beiden Gebieten am stärksten repräsentiert sind. 
Über das Zentrum zum Südwesten nimmt die Masse obdachloser Menschen ab und weist ein gemischtes Personenprofil auf. 
Das 16. (Passy) Arrondissement, welches als ein sehr bourgeoiser Bezirk gilt und an den ebenfalls reichen Vorort Boulogne angrenzt. So wurden einige Obdachlose in dem Wald von Boulogne gezählt, wobei diese verglichen zur „Colline“ oder dem Wald von Vincennes jedoch bei weitem geringer ist. Letzterer befindet sich im Osten und grenzt an das 13. (Gobelins) Arrondissement an, welches ebenfalls eine kleinere Zahl an Obdachlosen aufweist.

Die Nord-Süd Achse zum Westen und dem Gürtel im Zentrum vom 2.(Bourse, seit 2020 hat dieses Arrondissement keine eigene Verwaltung mehr, sondern bildet zusammen mit dem 1., 3. und 4. Arrondissement den Sektor Paris Centre.) und dem 8. (Élysée) Arrondissement fallen dabei durch eine geringe Obdachlosenzahl auf. Diese sind auch die sogenannte „Beaux Quartiers“ – die Nobel Arrondissements von Paris.

Evke Freya von Ahlefeldt, Mitglied bei Samusocial de Paris, Paris, 28. April 2022

Brave heart


Sie können unser Leben nehmen
aber sie können uns niemals die Freiheit nehmen

Die wahre Geschichte über die Entstehung von Brave heart – Tapferes Herz

Autorin Nila Khalil

Sir James Douglas (auch bekannt als: the Black Douglas; ca. 1286 – 25. August 1330) war ein schottischer Ritter und Feudalherr. Er war einer der wichtigsten Befehlshaber während der schottischen Unabhängigkeitskriege.
James Douglas war Hauptmann in der königlichen Truppe von Robert I. (Robert Bruce ) während den schottischen Unabhängigkeitskriege

Douglas zählt zu den bekanntesten schottischen Persönlichkeit des 14. Jahrhunderts. Viele Schotten kannten ihn als „den guten“ Sir James, weil er sich für die Unabhängigkeit einsetzte. Douglas wurde aber auch durch seine Grausamkeit in den Schlachten und seine brutalen Raubzüge im Norden Englands bekannt. Die Menschen die seine Brutalität sahen oder entkommen waren, gaben ihm dem Namen, „der schwarze Douglas.“
Sein Ruf als Schreckgespenst unter den Engländern war so groß, dass Mütter in Northumbria und Cumbria, als er noch lebte, angeblich zu ihren Kindern sangen:

Hush ye, hush ye, little pet ye,
Hush ye, hush ye, do not fret ye,
Der Schwarze Douglas wird dich nicht kriegen…

In einer schaurigen Volkserzählung folgt auf diesen Refrain eine schwielige Hand, die die Schulter der Mutter ergreift, und eine knurrende Stimme, die sagt: „Sei dir da nicht so sicher…“

Courtesy of The Heart of Scotland/Netflix

Douglas war in der Zeit zwischen 1306 und seinem Tod im Jahr 1330 an vielen dramatischen Ereignissen beteiligt, darunter die listige und brutale Rückeroberung seines Stammsitzes, Douglas Castle, in dem als „Douglas Larder“ bekannten Vorfall im Jahr 1307 und die Einnahme des uneinnehmbaren Roxburgh Castle durch einen Überraschungsangriff im Februar 1314.

Douglas kämpfte bei Bannockburn, war jedoch nicht Befehlshaber seiner eigenen Speerformation, wie in John Barbours dargestellt, sondern fungierte vielmehr als Unterbefehlshaber in Verbindung mit König Roberts eigener Truppe.

Nach der Schlacht verfolgte Douglas den besiegten König Edward II. mit einer Truppe, die der des Königs zahlenmäßig fünf zu eins unterlegen war und ihm so dicht auf den Fersen war, dass die Truppe des englischen Königs nicht einmal anzuhalten wagte, um „Wasser zu lassen“.

Diese und andere Taten brachten Douglas den Ruf ein, dass er „fierce than was ony devill in hell“ (grimmiger als ein einziger Teufel in der Hölle) war. Seine Schlachtenbilanz spricht für sich: Laut vieler Überlieferungen
errang Douglas 57 Siege gegenüber 13 Niederlagen, und diese Verluste waren eher taktische Rückzüge als wirkliche Rückschläge bzw. Niederlagen.

Die letzte und vielleicht berühmteste Episode von allen war der Tod von König Robert I. am 7. Juni 1329. Vor seinem Tod versammelte Bruce seine Hauptleute und beauftragte Douglas, sein Herz auf einem Kreuzzug zur Grabeskirche in Jerusalem zu tragen, möglicherweise als posthume Reue für Bruces Ermordung seines Rivalen um die Krone, John Comyn, in der High Kirk in der Nähe von Dumfries, im Jahr 1306 und das Leid, welches er seinem eigenen Volk mit seiner Taktik der „verbrannten Erde“ zugefügt hatte.

Jerusalem war zu jener Zeit jedoch fest in der Hand des Sultanats der Mamelucken, aber durch dem Kreuzzug von König Alfons XI. von Kastilien gegen die Mauren im spanischen Andalusien, bestand eine Alternative, um Robert Bruce seinen Wunsch zu erfüllen.

James Douglas und eine handverlesene Gruppe schottischer Ritter verabschiedeten
sich von ihrer Heimat und versprachen, Bruce‘ Herz nach ihrem Sieg ins Kloster Melrose, auch Melrose Abbey genannt, zurückzubringen, wobei Douglas das Herz in einem Fass um den Hals tragen sollte.

Im Schatten des Castillo de la Estrella in der Nähe des Dorfes Teba zwischen Sevilla und der maurischen Machtbasis in Granada kam es zur Schlacht. Irgendwann wurde ein Befehl falsch interpretiert, so dass die Schotten die maurischen Linien ohne Hilfe angriffen und somit Unweigerlich umzingelt wurden.

Die Geschichte, die von Sir Walter Scott erzählt wurde, besagt, dass Douglas das Fass von seinem Hals abnahm und laut erklärte: „Geh zuerst in den Kampf, wie du es zu tun pflegtest, und Douglas wird dir folgen oder sterben“, und dann den Feind ein letztes Mal angriff.

Als die überlebenden Schotten nach dem Sieg des Kreuzfahrers das Feld durchsuchten, fanden sie James Douglas mit „fünf tiefen Wunden“ leblos vor. Das Holzfass mit dem Herzen von Robert Bruce wurde der Legende nach unversehrt
unter dem Leichnam von Douglas gefunden.
Das Fleisch von Douglas wurde von seinen Knochen abgekocht, wie es bei Langstreckentransporten adliger Überreste üblich war, und sein Herz wurde entnommen, da er nun ein Gefährte von Bruce I. war, während sein Skelett in der St. Bride Kirk in seinem Heimatdorf Douglas beigesetzt wurde.

Aus diese Episode geht der Begriff „Brave heart“ hervor, wie es sehr oft von den Schotten verwendet wird, sich aber nicht auf das Leben und Wirken von Sir William Wallace von Elderslie bezieht – der wahre Brave heart ist Robert Bruce und sein treuer Freund, der James Douglas.

Nila Khalil, Den Haag, 27. April 2022

Neerja Bhanot Pakistans Heldin

Neerja Bhanot

Dies ist die Geschichte von einer jungen Frau, die Hunderte Geisel rettete und selbst Opfer von Terror wurde, als sie drei Kinder vor einem Kugelhagel schützte.

Autorin Naike Juchem

Der Pan Am Flug 73 war ein planmäßiger Intercontinental Flug von Bombay nach New York mit planmäßigen Zwischenlandungen in Karatschi, Pakistan, und Frankfurt am Main.

Am frühen Morgen des 5. September 1986 stürmten die vier Terroristen: Zayd Hassan Abd al-Latif Safarini ( alias „Mustafa“), Jamal Saeed Abdul Rahim (alias „Fahad“), Muhammad Abdullah Khalil Hussain ar-Rahayyal („Khalil“) und Muhammad Ahmed Al-Munawar (alias „Mansoor“), auf dem Jinnah International Airport in Karatschi, Pakistan, ein Flugzeug der Pan American World Airways, bei dem 20 Menschen uns Leben gekommen waren.

Während der routinemäßigen Zwischenlandung in Pakistan wurde die Boeing 747 – 121 der Pan American World Airways mit der Internationalen Kennung N656PA, gegen 6.00 Uhr auf dem Flughafen von Karatschi von palästinensischen Terroristen gestürmt. An Bord befanden sich 394 Passagiere und 9 Kleinkinder, eine US-amerikanische Cockpitbesatzung und 13 indische Flugbegleiter.

In Karatschi gingen 109 Passagiere von Bord. Der erste Flughafenbus mit neuen Passagiere hatte kaum die auf der Rollfeld stehende Boeing 747 erreicht, als die Entführung begann. Die Terroristen waren als Flughafensicherheitskräfte gekleidet und fuhren mit heulenden Sirenen über das Rollfeld auf die Boeing 747 zu.
Zwei Terroristen rannten die angestelle Treppe hinauf und feuerten Schüsse in die Luft. Zu den ersten beiden Männern gesellten sich zwei weitere Terroristen, von denen einer mit einem pakistanischen Shalwar Kameez bekleidet war und eine Aktentasche voller Granaten bei sich trug. Zu diesem Zeitpunkt wurden auch außerhalb des Flugzeugs geschossen, bei diesen Schüssen starbenzwei Mitarbeiter der Kuwait Airlines, die in der Nähe an einem Flugzeug arbeiteten.
Die Terroristen feuerten Schüsse auf die Füße eines Flugbegleiters ab und zwangen ihn, die Tür zu schließen.
Die Flugbegleiterin Neerja Bhanot befand sich außer Sichtweite der Terroristen und übermittelte den Code einer Entführung an die Cockpitbesatzung, die daraufhin das Flugzeug durch die Notluke der Kabine mit Hilfe des Inertial Reel Escape Device verließ. Ihre Kollegin Sherene Pavan gab den Code über Funk sofort an die Flughafensicherung weiter. Dadurch konnten die Flughafenbeamten das Flugzeug am Boden halten.

Gegen 6.40 Uhr hatten die Terroristen die Boeing unter Kontrolle.
Als einer der Entführer die Tür zum Cockpit öffnete, stellte er schockiert fest, dass dieses leer war.

Der Pan-Am-Direktor von Karachi, Viraf Doroga, kam auf das Rollfeld und versprach den Terroristen innerhalb einer Stunde einen neuen Piloten zu besorgen. Als kein Pilot eintraf, begannen die Entführer, gezielt nach Passagieren mit US-amerikanischen Pässen zu suchen.

Sie brachten den 29-jährigen US-Amerikaner Rajesh Kumar zu einer der Türen des Flugzeugs, schossen ihm vor den Augen der Behörden in den Kopf und warfen seine Leiche auf das Rollfeld. Vier Stunden später forderten sie die Besatzungsmitglieder auf, die Pässe aller Passagiere einzusammeln.

Neerja Bhanot versteckte alle US-Pässe und beauftragte ihre Kollegen_innen, es ihr gleichzutun und die Dokumente in den Müll oder in die Toilette zu werfen. Neerja Bhanot behauptete den Entführergegenüber, dass keine US-Amerikaner an Bord seien, und kümmerte sich um ihre Passagiere, indem sie ihnen Sandwiches und Getränke servierte und sie beruhigte.

Nach 17 Stunden der Geiselnahme fiel in der Boeing der Strom aus. Da es den Terroristen nicht gelang, ihre Sprengstoffgürtel zu zünden, feuerten sie wahllos im Inneren des Flugzeugs herum.

Neerja Bhanot lief bei dieser Schießerei zu einer der Notausgänge zu und öffnen diese, um den Passagieren über die Notrutsche zu helfen, und wurde erschossen, während sie drei Kinder beschützte.
Eines jeder Kinder ist heute Pilot.

Einem Augenzeuge zufolge wurde Bhanot nicht im Kreuzfeuer getötet – sie wurde vorsätzlich hingerichtet. Als einer der Terroristen erkannte, dass sie Passagiere beschützte, packte er Bhanot brutal an ihrem Pferdeschwanz und erschoss sie aus nächster Nähe. Diese Darstellung ist jedoch offiziell nicht bestätigt.

Filmplakat zu „Neerja“ mit Sonam Kapoor in der Hauptrolle

Neerja Bhanot wurde zwei Tage vor ihrem 23. Geburtstag eines der 20 Todesopfer an diesem Tag. Außerdem wurden mehr als 100 der 360 Passagiere an Bord  verletzt.

Die vier Terroristen: Zayd Hassan Abd al-Latif Safarini ( alias „Mustafa“), Jamal Saeed Abdul Rahim (alias „Fahad“), Muhammad Abdullah Khalil Hussain ar-Rahayyal („Khalil“) und Muhammad Ahmed Al-Munawar (alias „Mansoor“)
Die Originalfotos wurden vom FBI erstmals im Jahr 2000 sichergestellt.

Eine Woche nach dem Terroranschlag
wurde ein fünfter Terrorist, Wadoud Muhammad Hafiz al-Turki („Hafiz“), festgenommen.
Alle fünf Terroristen wurden in Pakistan vor Gericht gestellt und angeklagt. Einer der Entführer wurde in den Vereinigten Staaten inhaftiert, während die anderen an palästinensische Behörden übergeben wurden, die sie 2008 freiließen. Sie sind bis heute noch auf freiem Fuß.

Wer war Neerja Bhanot?

Neerja wurde am 7. September 1963 in Chandigarh, Indien, geboren. Als Teenager zog sie nach Mumbai. Sie hatte sich am St. Xavier’s College eingeschrieben, als ein Fotograf sie auf dem Campus sah und sie
ansprach, ob er sie fotografieren dürfte und ob sie nicht Lust hätte als Model zu arbeiten. Wenig später modelte Neerja für
das Paville Arcard World Trade Center in Bombay und für Produkte von Vaporex.

Bhanots Eltern drängten sie zu den örtlichen Bräuchen einer Hochzeit. Neerja willigte in die arrangierte Ehe ein. Sie heiratete im März 1985 einen Mann aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, der sie  anschließend mehrfach vergewaltigte.
Um die Traditionen zu umgehen, ließ sie sich nach zwei Monaten von ihm scheiden und beschloss, Flugbegleiterin zu werden.

Unter 10 000 Bewerber_innen für den Beruf als Flugbegleiter_in, wurde Neerja als neue Stewardess für Pan American ausgewählt. Neerja wurde kurze Zeit später leitende Flugbegleiterin bei Pan American World Airways.

Neerja Bhanot wurde posthum zur Heldin und erhielt die höchste Friedensauszeichnung Indiens für Tapferkeit. Im Jahr 2004 gab die indische Post eine Briefmarke zu ihrem Gedenken heraus.

Sonderbriefmarke von Neerja Bhanot

Im Februar 2016 lief in den indischen Kinos der Thriller „Neerja“ in dem Sonam Kapoor die Hauptrolle spielte.

Sonam Kapoor

Der palästinensische Terror

Im Jahr 1985 wuchs die Feindseligkeit der palästinensischen Terrororganisation Abu Nadal gegenüber Israel und seinen Verbündeten und insbesondere gegenüber den USA, die die Inhaftierung palästinensischer Rebellen unterstützten.

Die Terrorgruppe war bereits im Frühjahr 86 in der Planung den PanAm-Flug 73 zu entführen, den sie nach Zypern und dann nach Israel umleiten wollte, um palästinensische Gefangene zu befreien.

Naike Juchem, 25. April 2022

Quellen:
– Fox Stars Studios
– Freepressjournal India

Photos:
– Equinox Films- Equinox FilmsSonam Kapoor Sonam Kapoor Sonam Kapoor Sonam Kapoor
– Fine Art America
– Freepressjournal India
– guyana
– Indiatoday
– Vogue

Bertha Benz

Eine kleine Geschichte über das erste Automobil der Welt

Obwohl Carl Benz schon einige Versuche mit Fahrzeugen unternommen hatte, bevor er das Auto erfand, hatte seine Vision der Mobilität der Menschen, schon einen Meilenstein der Fahrzeuggeschichte erreicht. Benz Fahrzeug war mit einem Verbrennungsmotor und einem Getriebe ausgestattet. Somit kann man sein Vehike als das erste Automobil der Welt bezeichnen, wie man es heute kennt. Zwar ähnelt jenes Automobil eher einem Dreirad mit zwei großen Rädern hinten und einem kleinen vorne, auch hatte das Design wenig mit dem zu tun, als was wir seit Jahrzehnten ein Automobil definieren.
Trotz allem handelte es sich hierbei um eine technische Meisterleistung.

Carl Benz erkannte jedoch, dass ein Antrieb in Form von einem Motor als alleinige Kraftübertragung nicht ausreichte. Erst mit dem Einbau von einem Getriebe machte die mechanische Kraft einen Sinn.
Bei dem Getriebe griff Benz eine tausend Jahre alte Technologie zurück. Die ersten Getriebe wurden an Wasserräder im persischen Reich von Archäologen entdeckt.
Das Sprichwort: „leg mal einen Zahn zu“, kenne viele von uns. Auch hier handelt es sich um ein Getriebe. Da man im Mittelalter in Burgen oder Schlösser auf offenen Feuerstellen das Essen zubereitete, legte man einen Zahn zu, um dadurch die Höhenangabe für beispielsweise einen großen Topf vorzunehmen.

Nun aber zurück zu unsem ersten Automobil der Welt.
Carl Benz erkannte nicht, welch ein Potenzial seiner Erfindung hatte.
Seine Frau Bertha war es, die 1888 mit ihren beiden Söhnen sich ohne die Zustimmung von Carl mit dem berühmten motorisierten Dreirad auf den Weg machte.
Ihr Ziel war es, ihrem Mann die Nützlichkeit seiner Erfindung und das finanzielle Potenzial, welches er daraus ziehen konnte, zu beweisen.
Mit ihren beiden Kindern legte sie im August 1888 die104 km lange Strecke von Mannheim nach Pforzheim mit einer Geschwindigkeit von 15 km/h zurück.
Bertha Benz erreicht Pforzheim bei Sonnenuntergang und schickt ein Telegramm an ihren Mann.
Sie ist damit die erste Person, die ein Auto über eine längere Strecke fuhr .
Durch jene Fahrt zog Bertha Benz die Aufmerksamkeit auf dieses Auto auf sich und ermöglichte somit die ersten Verkäufe für Carls Erfindung – wodurch sich die Firma Benz gründete.
Bertha Benz war nicht nur eine hervorragende Rennfahrerin, sondern auch die Erfinderin des Bremsbelags.
Erst 1924 beschlossen die Firmen Benz und Paul (Sohn von Gottlieb) Daimler, dem die Marke Mercedes von Emil Jellinek-Mercedes gehörte, ihre Interessen zu bündeln. 1926 fusionierten die Unternehmen und nannten sich fortan Mercedes-Benz.

Naike Juchem, 1. Februar 2022

Foto by Pinterest

Meine Gedanken zu Schindlers Liste

Oliwia Dabrowska in „Schindlers Liste“

München, Deutschland im Mai 93.
Zu Besuch bei Nescha Hefti.

Es gibt Momente die prägen ein ganzes Leben.

Am Dienstagnachmittag waren sie am Viktualienmarkt und kamen spontan auf die Idee ins Kino zu gehen.
Am Isartor fanden sie ein Kino, welches zu dieser Uhrzeit geöffnet hatte. Im Aushang sahen sie sich die Plakate für die Filmvorführung an. Das Plakat von Schindlers Liste fiel ihnen ins Auge.

Filmplakat von 1993

„Möchtest du in diesen Film?“ Hannes sah zu Nescha und zog die Schultern hoch „Ich weiß nicht. Die anderen Filme interessieren mich nicht besonders.“
Mit Nescha schaute er über drei Stunden die Abgründe der Deutschen Geschichte.
Der Saal im Kino war etwa um die Hälfte besetzt. Diesen Film in einer vollkommenen Ruhe zu sehen, wirkte auf beide. Kein rascheln, kein räuspern – nichts. Nur Stille.

Nach dem Film mussten Nescha und Hannes sich erst einmal sammeln.
Sie standen im Foyer des Kinos und waren Sprachlos – die Bilder wirkten nach.
An einem Stehtisch neben ihnen erging es einem älteren Ehepaar genau so. Sie kamen mit dem Ehepaar ins Gespräch.

Nach einiger Zeit verließen sie zu viert das Kino und gingen in die Stadt einen Cappuccino trinken. In den Gesprächen kam Nescha und Hannes auf ihre Berufe und Einsätze in Kambodscha zu sprechen. Die älteren Herrschaften hörten sehr aufmerksam zu und stellten viele Fragen. Rosemarie und Paul Herrmann waren sehr angenehme Menschen.
Es wurde immer später und die Gespräche nahmen kein Ende, so ging die kleine Gruppe in ein Restaurant in der Nähe der Heiliggeistkirche.

Beim warten auf das bestellte Essen merkte Hannes dass Rosemarie seit länger Zeit etwas bedrückte und sie offensichtlich nicht wusste wie sie es sagen sollte. Immer wieder sah sie zu Paul und dann sagte sie ganz unverhohlen in die kleine Runde, dass sie Jüdin sei und ein KZ überlebt habe. Diese Worte traf Nescha und Hannes wie ein Faustschlag ins Gesicht. Da waren sie nun fünf Stunden mit diesen beiden Herrschaften unterwegs und dann kam so ein Schlag.

Rosemarie erzählte von ihrer Kindheit, von der Willkür der NSDAP, den Demütigungen und auch die Deportation. Hannes hatte das Gefühl als ob sein Hirn einfror. Ein Film zu schauen war etwas völlig anderes, als wenn ein Mensch gegenüber sitzt und das Leben – sein Leben erzählt.
Es wurde ein sehr langer Abend und man verabredete sich für den nächsten Tag – für einen Besuch im KZ Dachau.

Hannes lag auf dem Sofa von Nescha und konnte nicht einschlafen. Nescha kam zu ihm ins Wohnzimmer.
„Bist du noch wach?“ „Ja. Nescha, wir stehen vor der Ohnmacht der Geschichte und wissen nicht wie wir damit umgehen sollen. Du und ich kennen die Orte der Killing Fields in Kambodscha. Vor drei Jahre sagte ich zu Patricia, dass ich nicht wüsste wie ich reagiere, wenn ich beim graben mit dem Bagger ein Massengrab finde. Dieser Alptraum ließ mich lange nicht los. Zum Glück fahre ich heute kein Bagger mehr, aber was ist, wenn andere aus meinem Team auf ein solches Grab stoßen? Weiter machen als ob nichts gewesen sei? Wir müssen den Zeitplan einhalten. Wie gehe ich damit um?“

Nescha setzte sich zu ihm und umarmte ihn. Sie suchte nach Worten und schüttelte immer wieder stumm den Kopf. „Hannes, mir fehlen gerade die Worte. Wir beide haben in Kambodscha wahrlich genug an Armut und Tod gesehen. Ist es eine gute Idee mit den beiden heute nach Dachau zu fahren?“
Hannes zog die Schultern hoch, er wusste es auch nicht. „Zuviel was wir nicht begreifen können. Zuviel an Demut, Schuld und Scham. Zuviel an Fragen. Nescha, was können wir beide für diese dunkelste Epoche von Deutschland? Du kommst aus der Schweiz und ihr hattet nicht all zu viel mit dem Nationalsozialismus zu tun. Wir sitzen hier mit unserer Jugend und reden über etwas, an dem wir gar nicht Schuld sind und trotzdem haben wir Schuldgefühle. Können wir den Genozid in Kambodscha begreifen? Diese Gräueltaten waren um ein vielfaches mehr, als das was wir von den Nazis kennen. Die Auswirkungen haben wir beide mehr als genügend gesehen. Ich bin viel in dem Land unterwegs und sehe fünfzehn Jahre später noch diese grausamste Epoche der Roten Khmer.“

Nescha nickte. Er sah, dass ihr seine Worte oder die Erlebnisse auch zum Denken gaben.
„Darf ich bei dir schlafen?“„Natürlich. Es wird zwar etwas eng auf deinem Sofa – wird aber schon gehen.“
Nescha lag ihm gegenüber an den Füßen, so war etwas Platz für beide.
Bis früh in den Morgen sprachen sie über die Ohnmacht der Geschichte, für die sie beide nichts konnten.

Um 10 Uhr fuhr Hannes mit dem VW Golf von Nescha am Hotel, am Randgebiet von München, vor. Rosemarie und Paul standen schon am Eingang.
Zusammen tranken sie noch einen Kaffee auf der Terrasse.
Nescha sprach offen die Gedanken der vergangenen Nacht an. „Rosemarie, willst du wirklich nach Dachau fahren? Wir müssen dort nicht hin. Wir beide hatten diese Nacht noch sehr lange über den Film und die Ohnmacht vor der Geschichte gesprochen. Hannes sieht es auch wie ich – wir müssen nicht nach Dachau.“
Mit fester Stimme sagte Rosemarie. „Ich will abschließen. Seit Jahren quäle ich mich und nie hatte ich den Mut der Vergangenheit zu begegnen. Der Film von gestern war ein kleiner Schritt, auch wenn er mir sehr weh getan hatte. Dann haben wir euch getroffen. Ihr beide seid auf der Welt unterwegs im Einsatz für Menschen und seht genügend Leid und den Tod. Ihr beide versteht es besser als jeder andere Mensch auf der Welt. Mit euch schaffe ich diesen letzten Schritt.“

Es gibt Momente die prägen ein ganzes Leben. Die Begegnung mit Rosemarie zählt dazu. Nescha nickte Hannes zu. „Okay, wir gehen mit dir diesen letzten Schritt.“

Hannes fuhr aus München die 20 Kilometer nach Dachau. Je näher er diesem Ort kam, umso größer wurde die Angst in ihm. Was ist, wenn Rosemarie dies nicht schafft? Er dachte an einen Nervenzusammenbruch oder gar an einen Herzinfarkt. Als Medizinstudentin könnte Nescha sofort Erste Hilfe leisten, wenn die Sorgen von Hannes bei Rosemarie eintreten sollten.
Im Rückspiegel sah er Rosemarie und Paul Hand in Hand sitzen. Eine surrealistische Situation. Wie ein junges Liebespaar, welches sich nicht traut zu küssen und trotzdem vom Leben gezeichnet und dennoch fest entschlossen war, einen unglaublichen Weg zu gehen.

Die Wegweiser zum KZ kamen immer häufiger, der Puls von Hannes war an seiner Belastungsgrenze und er hörte sein Herz schlagen.
Auf dem Parkplatz angekommen, sah Nescha zu Rosemarie und Paul. „Wir müssen dort nicht hin!“ „Doch! Für euch. Für mich und für die Zukunft.“

Nescha nahm die Hand von Hannes. Auch für sie war es eine Belastung. Jeden Schritt näher zu diesem Ort, war ein Schritt in die Ohnmacht der Geschichte.
Auch wenn Dachau kein Vernichtungslager war, die Grausamkeiten, die Entgleisung der Menschlichkeit war spürbar und zu sehen: Die Gebäude, Skulpturen, Erinnerungstafeln, die Krematorien.

Mit einer Gruppe von ungefähr 30 Personen wurden sie durch die Anlage geführt. Sie vier, eine Schulklasse der Oberstufe eines Gymnasium aus Unterfranken und noch drei Ehepaare.
Der Mann der die Führung machte, erklärte sachlich und ruhig. Er beantwortete Fragen aus der Gruppe und tat dies mit dem allergrößten Respekt an die Opfer von dem Nationalsozialismus.

Mit der Zeit merkte die Gruppe das Rosemarie mit dem Mann länger sprach und auch sie das ein oder andere beitragen konnte. Irgendwann merkte die Gruppe, dass Rosemarie keine gewöhnliche Touristin war und so bildete sich eine kleine Traube von Menschen um Rosemarie. Rosemarie kamen bei den Erzählungen aus ihrer Kindheit immer wieder die Tränen und Nescha fragte, wie es ihr ginge. Von der Gruppe kaum beachtet, hielt Nescha die Hand von Rosemarie und fühlte unauffällig – aber gekonnt ihren Puls. Hannes sah in den Augen von Nescha und diese sagte ihm, dass alles in Ordnung sei.

Nach dieser doch sehr speziellen Führung,  zeigten die anderen Besucher aus der Gruppe ihren größten Respekt an Rosemarie und stellten auch Fragen.
Auf einer der Bänke auf dem Gelände saß Rosemarie, Nescha und Paul.
Rosemarie beantwortete ruhig die Fragen der anderen. Hannes stand hinter der Bank und beobachtet die Regungen der Jugendlichen und auch Erwachsenen auf die Schilderungen von Rosemarie. Es tat ihr gut, unter dieser Anteilnahme von Ehrfurcht und Respekt ihre Vergangenheit endlich abzuschließen.

Trotz der angenehmen Temperatur an diesem Tag, war es Hannes kalt. Was Menschen in ihrem Leben erlebt haben, war für ihn nicht zu begreifen. Er dachte an die Bilder von Kampang Rou im Januar 90. Er sprach mit Patricia von einem realen Alptraum. Ein Kinderkarussell war dies gegen das Erlebte von Rosemarie.

Auf dem Rückweg zum Hotel bedankte sich Rosemarie und Paul immer wieder bei ihnen und ließ es sich nicht nehmen, beide zum gemeinsam Essen einzuladen.

Die Rückführung von Frauen mit Kindern aus dem IS

Die Rückführung von Frauen mit Kindern aus dem IS in die Niederlande

Autorinnen: Dr. Janina Huzaifa LL.M, Nila Khalil, Samira Ansary LL.M und Tanya Mehra LL.M

Einige europäische Länder haben Anfang des Jahres Frauen mit ihren Kindern aus dem IS zurückgeführt – unter anderem auch die Niederlande. In dem konkreten Fall geht es um die Repatriierung von fünf Frauen und deren elf Kinder aus dem Lager Al-Hol im Nordosten Syriens.

Frauen im Lager Al-Hol im Nordosten Syriens

Politisches und juristisches Tauziehen

Die erste Frage stellt sich immer: wie geht man mit Menschen um, die sich dem IS angeschlossen hatten und nun auf eine Rückkehr in ihre Heimat hoffen.
Um Menschen vor Gericht anklagen zu können, braucht es konkrete Beweise. Das solche Beweise in oder aus einem selbsternannten Staat sehr schwer zu beschaffen sind, macht die Arbeit der Anklage nicht gerade leicht und dauet auch sehr lange. Die Staatsanwaltschaft möchte die Frauen wegen Terrorismus anklagen, ein Gericht in Rotterdam hatte im vergangenen Jahr entschieden, dass das Verfahren eingestellt wird und die Frauen somit nicht mehr wegen terroristischen Straftaten verfolgt werden können. Die niederländische Regierung beschloss daraufhin die Rückführung der fünf Frauen und ihrer Kinder voranzutreiben.

Am 4. Februar 2022 hatten die Niederlande jene fünf Frauen und ihre Kinder aus Syrien zurückgeführt, um sicherzustellen, dass die Frauen sich vor Gericht verantworten müssen.

Nach Behörden Angaben sind aus den Niederlanden in den letzten Jahren fast 300 Personen mit dschihadistischen Absichten nach Syrien und in den Irak gereist, ein Drittel davon sind Frauen. Die große Mehrheit dieser Personen hat sich den Ideologien des IS angeschlossen. Bislang sind 65 Erwachsene und 30 Kinder in die Niederlande zurückgekehrt. Weitere 20 Erwachsene und 45 Kinder sind in ein Drittland zurückgekehrt. Hier wird geprüft welches Land eine Anklage gegen jene Personen erhebt, oder ob die Anklage in den Niederlanden beantragt werden kann.

Ilham B. mit ihren beiden Kindern im Gefangenenlager Al Roj in Syrien am 24. Februar 2019.  
Foto: EPA

Verfahren vor den niederländischen Gerichten

Offiziell sind die Namen derer fünf Frauen noch nicht bestätigt. Da im vergangenen Jahr aber eine Einstellung des Strafverfahrens unternommen wurde, und auf der Liste Namen wie: Amber K. (zwei Kinder), Hafida H. (drei Kinder), Nawal H. (vier Kinder), sowie die Mutter Naima mit ihrer Tochter Meryem S. (zwei Kinder), stehen, kann man von eben jenen Personen ausgehen. Drei dieser Frauen stehen zudem auf der Nationalen Terrorismusliste. Soll heißen: diese Personen kommen an keine finanziellen Mitteln und auch keine staatliche Unterstützung.

Rückblende ins Jahr 2016

Warum jetzt die Frauen repatriiert werden, muss man den Fall Ilham B. kennen.
Im März 2016 erließ die niederländische Staatsanwaltschaft einen internationalen Haftbefehl gegen Ilham B. aus Gouda, die sich zu diesem Zeitpunkt im Lager Ain Issa aufhielt. Im Jahr 2018 beschloss ein Gericht in Rotterdam, das Verfahren auf unbestimmte Zeit auszusetzen, und erließ einen Haft- und Auslieferungsbefehl gegen sie. Die Entscheidung verpflichtet die niederländische Regierung, endlich alle Anstrengungen zu unternehmen, um Ilham B. in die Niederlande zu bringen und wegen dreifacher Kindesentführung anzuklagen.
Da nun juristisch das Justizministerium unter Druck stand, wurden Verhandlungen mir der Autonomen Verwaltung von Nord- und Ostsyrien (AANES) und dem niederländischen Konsulat in Erbil, Irak, aufgenommen, um die Festnahme und Auslieferung von B. in die Niederlande zu erreichen.
Der niederländische Gesandte für Syrien Emiel de Bont, sagte, dass dies eine „besonderen Operation unter sehr komplexen Umständen“ sei.

Am Freitag dem 4. Juni gaben die Kurden in Nordostsyrien bekannt, dass eine niederländische Delegation Frau B. und ihre drei Kinder verhaftet hatte, um diese  strafrechtlich zuverfolgt. Aufgrund von Datenschutz- und Sicherheitsbedenken und angesichts der notwendigen Vertraulichkeit dieser Art von Operationen konnte das Justizministerium keine weitere Angaben dazu machen.
Über den Kinderschutzbund kamen die Kinder in eine spezielle Kindereinrichtung in der Nähe von Den Haag.

Hafida H. aus Delft in einer BBC-Dokumentation im Jahr 2019. Photo by BBC

Der Fall Haifa H.

„Die Niederländer müssen keine Angst vor der Rückkehr von IS-Frauen und ihren Kindern haben.“
Dies sagte die damals 26-jährige Hafida H. aus Delft, die mit ihren drei Kindern seit 2017 in einem nordsyrischen Gefangenenlager festsitzt. Sie möchte nach Hause zurückkehren und bereue ihren damaligen Schritt.

Haifa reiste 2013 in das Gebiet des IS und steht seit Jahren auf der nationalen Terrorismusliste der Niederlande. 

In einem Interview mit  Fannie Tijmstra und Wladimir van Wilgenburg sagt die dreifache Mutter Haifa H.,dass sie 2013 nach Syrien gegangen sei, um ihren Mann zurückzuholen, aber dies hätte nicht geklappt. Einmal im IS-Gebiet angekommen, hätte sie nicht einfach wieder gehen können. Hafida soll mit dem syrischen Terroristen Thijs B. verheiratet sein. Er wurde im Juli 2016 in Abwesenheit wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu sechs Jahren Haft verurteilt. Das Paar soll mindestens ein gemeinsames Kind haben. Hafida war Berichten zufolge hochschwanger, als sie 2013 nach Syrien ging.
Im November 2017 tauchte der Name von Haifa H. bei einer Festnahme eines belgischen IS-Angehörigen und anschließendem Verhör durch die CIA auf.
Nach dessen Schilderung sei H. die einzige Niederländerin, die vom IS ausgebildet wurde, um nach ihrer Rückkehr in die Niederlande einen Anschlag zu verüben.

Hafida selbst sagte in einem Interview, dass die Niederländer keine Angst vor zurückkehrenden Frauen und ihren Kindern haben sollten, denn sie wären nur Frauen und Mütter im IS-Gebiet des IS gewesen.

Frauen im IS. Photo by Reuters/ WordPress

Das Internationale Strafrecht

Im Vorfeld wurde Ilham B. und die fünf Frauen nach Artikel 278 Absatz 3 der Strafprozessordnung in Abwesenheit angeklagt. Dieser Artikel greift, wenn unter bestimmten Bedingungen eine solche Anklage zulässig ist.
In Artikel 14 Absatz 3d des Internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte steht, dass es von Vorteil ist, wenn die Angeklagte Person persönlich anwesend ist, um sich verteidigen zu können.

Abwesenheitsverfahren sind aus rechtsstaatlicher Sicht problematisch – aber nicht verboten. Dies hat der europäische Ausschuss für Verbrechensbekämpfung des Europarats festgelegt. Problematisch bei solchen Abwesenheitsprozesse ist die Beweisführung, die rechtliche Darstellung und das Recht auf Wiederaufnahme des Verfahrens und/oder das Recht auf Berufung.

Wird jedoch ein Verfahren in Abwesenheit durchgeführt, so ist die Staatsanwaltschaft verpflichtet, die beschuldigte Person über den Beginn des Verfahrens zu unterrichten. Ein Gericht prüft zu Beginn des Verfahrens, ob dieser Pflicht nachgekommen wurde. Die Benachrichtigung erfolgt in der Regel mit einem Schreiben an die letzte bekannte Melde- Wohnanschrift, kann aber auch durch eine Nachricht in den sozialen Medien erfolgen. Die Benachrichtigung kann den Angeklagten dazu veranlassen, von seinem Recht auf Anwesenheit bei der Verhandlung Gebrauch zu machen; in diesem Fall setzt das Gericht das Verfahren aus, um dem Angeklagten die Teilnahme an der Verhandlung zu ermöglichen. Das Gericht kann auch zu dem Schluss kommen, dass die Anwesenheit des Angeklagten im Interesse der Gerechtigkeit erforderlich ist.

Strafprozess durch Videokonferenzen

Nach Artikel 131a der Strafprozessordnung ist die Anhörung und Befragung der Beschuldigten und Zeugen, per Videokonferenz zulässig. Dafür muss von Seiten des Gerichts aber auch die
Möglichkeit gegeben werden, dass sich die Angeklagte Person vertraulich mit seinem Rechtsbeistand kommunizieren kann. Auch ist die Qualität der Ausrüstung und die Notwendigkeit eines Rechtshilfeabkommens ein oft unzureichender Faktor, wenn sich die Angeklagte Person im Ausland befindet.
In dem aktuellen Fall waren die Komplikationen im Lager al-Hol noch größer, denn eine spezielle Videoausrüstung könnte ein sehr hohes Sicherheitsrisiko darstellen.
Der nächste Faktor ist, dass die AANES nicht als Staat anerkannt ist und daher auch nicht in der Lage ist, ein internationales juristisches Abkommen einzugehen.

Internationale Strafverfolgung

Der Grundsatz der Rechtssicherheit im Rahmen eines Verfahrens bedeutet, dass ein Angeklagter ein Recht darauf hat, Klarheit darüber zu haben, ob eine Strafverfolgung durchgeführt werden wird. In den Niederlanden kann der Beschuldigte gemäß Artikel 29f der Strafprozessordnung beantragen, dass das Gericht das Strafverfahren einstellt. Eine solche Einstellung kann nur dann in Betracht gezogen werden, wenn ein Strafverfahren tatsächlich eingeleitet wurde, wenn ein Haftbefehl erlassen wurde noch bevor das Verfahren vor Gericht begonnen hat. Das Recht auf eine gerichtliche Entscheidung innerhalb einer angemessenen Frist gilt nicht als ausschlaggebend für die Einstellung eines Verfahrens, doch kann das Verfahren eingestellt werden, wenn keine oder nur minimale Schritte zur Fortsetzung des Strafverfahrens unternommen wurden.

Wenn ein Verfahren in den Niederlanden eingestellt wird, wird der Beschuldigte davon in Kenntnis gesetzt, dass die Strafverfolgung nicht mehr fortgesetzt wird. Die bedeutet, dass der Staatsanwalt die Person nach dem Grundsatz „ne bis in idem“ ( nicht zweimal gleich) erneut anklagen werden kann.

In den Niederlanden gilt dies auch, wenn die Strafverfolgung nicht mehr fortgesetzt oder eingestellt wird. Nur wenn nach der Entscheidung über die Einstellung des Verfahrens neue Tatsachen ans Licht kommen, kann die Person wegen derselben Straftaten strafrechtlich verfolgt werden. Eine weitere Folge der Einstellung des Verfahrens ist, dass eine Überwachung nach dem Langzeitüberwachungsgesetz nicht mehr möglich ist. Nach diesem Gesetz kann ein Gericht im Rahmen einer Freiheitsstrafe Maßnahmen anordnen, die darauf abzielen, das Verhalten einer Person zu ändern oder ihre Freiheit einzuschränken, indem es ihr beispielsweise auferlegt, sich täglich bei der Polizei zu melden.

In Frankreich gibt es ein ähnliches Verfahren, bei dem der Verdächtige beim Gericht die Einstellung des Verfahrens beantragen kann, wodurch die Staatsanwaltschaft daran gehindert würde, eine neue Anklage wegen derselben Straftat zu erheben.

In Belgien, wo bereits mehrere Frauen in Abwesenheit verurteilt wurden, kann die Angeklagte gegen das Urteil Berufung einlegen, woraufhin das Verfahren vor demselben Gericht erneut verhandelt wird.

In Großbritannien können sowohl der Staatsanwalt als auch der Angeklagte, wie in anderen Ländern des Common Law, ein „nolle prosequi“ beantragen, eine Erklärung, dass sie nicht bereit sind, die Strafverfolgung fortzusetzen. Dies würde zu einer Vertagung des Verfahrens führen, nicht aber zu einem Freispruch, und würde die Strafverfolgung in Zukunft nicht ausschließen.

In Anbetracht der rechtlichen Folgen einer Verfahrenseinstellung sollte die Einstellung eines Falles mit großer Vorsicht erwogen werden.

Kinder im IS. Photo by WordPress

Was wird mit den Frauen und ihren Kindern geschehen?

Auch wenn dies erst das zweite Mal ist, dass die Niederlande aktiv Frauen und Kinder aus Syrien zurückführen, bedeutet dies nicht, dass die zuständigen Behörden nicht auf ihre Ankunft vorbereitet sind. Für jede der bekannten Frauen und ihre Kinder in den Lagern gibt es einen detaillierten Plan. Bei der Ankunft werden die Mütter und Kinder getrennt, und die Mütter werden in Gewahrsam genommen und in die Terrorismus-Haftanstalt für Frauen in Zwolle gebracht. Die Gemeinde, in der das Kind lebt bzw. aus der es stammt, übernimmt die Federführung bei der Ausarbeitung eines individuellen Rückkehrplans mit Unterstützung des RvdK – Raad voor de Kinderbescherming ( Kinderschutzrat) und der Jeugdbescherming (Jugendhilfe). Der Plan wird anschließend auch mit den örtlichen Jugendbetreuern ausgetauscht. Jeder Rückkehrplan besteht aus vier Säulen: Gewahrsam, Sicherheitsrisiko, Betreuung und Bildung.

In Anbetracht der langen Aufenthaltsdauer der Kinder in den Lagern ist es inzwischen in fast allen Fällen üblich, dass die Kinder für eine dreimonatige Beobachtungszeit in spezialisierten Jugendhilfeeinrichtung untergebracht werden. Während dieses Zeitraums wird eine Bewertung der Bedürfnisse des Kindes vorgenommen, einschließlich seiner Risiken und Schutzfaktoren. Dies ist auch der Zeitpunkt, an dem die potenzielle Schule informiert wird.

Für jedes rückzuführende Kind, unabhängig von seinem Alter, beantragt der RvdK beim Jugendgericht die Unterbringung unter Aufsicht gemäß Artikel 1:255 des niederländischen Bürgerlichen Gesetzbuches und eine Genehmigung für die Unterbringung unter Aufsicht gemäß Artikel 1:265b des niederländischen Bürgerlichen Gesetzbuches. Der Grund für die Inobhutnahme ist, dass der Elternteil bei der Ankunft verhaftet wird und das Kind in Gewahrsam genommen werden muss. Dabei kann das Kind entweder bei seiner Großfamilie, einer Pflegefamilie oder in einer zertifizierten Einrichtung untergebracht werden. Wird das Kind in einer Pflegefamilie untergebracht, muss die Familie ausreichend angeleitet werden, um Traumata des Kindes zu erkennen und auf Anzeichen zu achten, die für die Entwicklung des Kindes schädlich sind. Wenn es im besten Interesse des Kindes liegt, sind Besuche unter Aufsicht zwischen biologischem Elternteil und Kind möglich, unabhängig davon, ob das Kind unter Aufsicht gestellt oder in Obhut genommen wurde. Vor der Rückkehr aller Rückkehrer werden alle Großfamilien vom RvdK auf ihre Eignung hin überprüft. Zu den Faktoren, die dabei berücksichtigt werden, gehören ein pädagogisch sicheres Umfeld, das Alter des Kindes und der Großfamilienmitglieder, gewalttätige extremistische Ideologien unter den Großfamilienmitgliedern, die Fähigkeit, mit den Medien umzugehen, und das Vertrauen in die Betreuungs- und Unterstützungseinrichtungen. Nach Angaben des RvdK wurde die überwiegende Mehrheit der Familien der 135 Kinder als geeignet eingestuft.

Kinder im IS. Photo by WordPress

Europäische Staat warten auf ein Urteil des Europäische Gerichtshof für Menschenrechte

Etwa 120 Erwachsene und 200 Kinder, von denen entweder mindestens ein Elternteil die niederländische Staatsangehörigkeit besitzt oder deren Eltern schon seit längerer Zeit in den Niederlanden leben, befinden sich noch immer in Syrien in Haft. Von denjenigen, die sich noch in Syrien aufhalten, werden 40 Erwachsene und 70 Kinder in Lagern der AANES festgehalten, 25 Erwachsene und 70 Kinder werden bei terroristischen Gruppen im Nordwesten Syriens vermutet, 35 Erwachsene und 30 Kinder befinden sich anderswo in Syrien. Derzeit sind weitere 25 Kinder aufgrund von Sicherheitsrisiken, Krankheiten und mangelnder medizinischer Versorgung ums Leben gekommen.

Die Niederlande sind nicht das einzige Land, das seine Staatsangehörigen nicht aktiv aus Syrien und dem Irak abschiebt. Mehrere europäische Länder werden seit geraumer Zeit von der Justiz aufgefordert, die Frauen und ihre Kinder zurückzuschicken. Es wird erwartet, dass der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte ein Urteil fällt, das sich auf die Politik der europäischen Länder in Bezug auf die Rückführung ihrer Staatsangehörigen, die in Lagern im Nordosten Syriens festgehalten werden, auswirken wird.

Länder wie Kosovo, Kasachstan und Russland haben jedoch aktiv Frauen und Kinder, die sich dem IS angeschlossen haben, in ihre Heimat zurückgeführt. In jüngster Zeit haben andere europäische Länder ihre Politik in Bezug auf die Rückführung aller oder eines Teils der Frauen und Kinder in den Lagern in Nordostsyrien geändert.

Im Dezember 2019 gab Finnland öffentlich bekannt, dass es alle finnischen Frauen und Kinder aus den Lagern in Syrien zurückführen würde. Auch in Belgien änderte sich die Politik in Bezug auf die Rückführung von Kindern Anfang 2021, als die Regierung beschloss, dass alle Kinder unter 12 Jahren repatriiert werden sollten. Im Mai 2019 gelang es einem Großvater in Schweden, von den schwedischen Behörden die Unterstützung für die Rückführung von sieben seiner Enkelkinder zu erhalten. Seit Herbst 2021 führt Schweden aktiv jeweils drei Familien aus Nordostsyrien zurück. Bisher wurden bis Januar 2022 acht Frauen und achtzehn Kinder nach Schweden zurückgeführt. Zu den anderen Ländern, die ihre Rückführungsbemühungen verstärken, gehören Dänemark und Deutschland, die 48 Mütter und Kinder zurückgebracht haben.

Am 15. Dezember 2021 wurde dem niederländischen Parlament eine Koalitionsvereinbarung vorgelegt, die als Fahrplan für die neue Regierung dient. In dieser Vereinbarung bleibt der Ansatz in Bezug auf Personen, die in das Konfliktgebiet gereist sind, unverändert. Dies bedeutet, dass die Niederlande eine Rückführung nur von Fall zu Fall in Betracht ziehen werden. Während der wöchentlichen Unterrichtung durch den Premierminister erklärte Mark Rutte jedoch zum ersten Mal, dass sich seine persönlichen Ansichten ändern. Er ist der Ansicht, dass die Frauen, wenn sie nicht strafrechtlich verfolgt werden und schließlich zurückkehren, ein größeres Risiko für die Gesellschaft darstellen, als sie in die Niederlande zurückzuschicken.

Außerdem gibt es in den Niederlanden wie in vielen anderen Ländern des Zivilrechts keinen formellen Präzedenzfall, weshalb die Gerichte nicht an die Entscheidungen früherer Gerichte gebunden sind. Dies bedeutet nicht, dass ein Richter die Entscheidung eines anderen Richters in einem ähnlichen Fall nicht berücksichtigen würde. Die Situation in den Niederlanden ist ziemlich einzigartig, da eine Einstellung des Verfahrens endgültig ist und eine Person nicht erneut wegen derselben Straftat verfolgt werden kann. Bisher haben mindestens acht Frauen beim Gericht die Einstellung des Verfahrens beantragt, und es ist sehr wahrscheinlich, dass das Gericht eine ähnliche Entscheidung treffen wird wie im aktuellen Fall der fünf Frauen und von Ilham B.

Wie bereits wiederholt erklärt wurde, ist die Rückführung der Frauen und Kinder aus moralischer, rechtlicher und sicherheitspolitischer Sicht der einzige Weg. In Anbetracht des versuchten Ausbruchs von ISIS aus dem Gefängnis im Januar 2022, der sich verschlechternden Situation in den Lagern und der Tatsache, dass bereits fünfzehn Niederländerinnen geflohen sind, wird die Notwendigkeit der Rückführung immer dringlicher. Da viele weitere Frauen die Einstellung ihrer Verfahren beantragt haben, ist es an der Zeit, die Rückführungspolitik in den Niederlanden zu ändern, denn die unvermeidliche Alternative ist, dass die Gerichte beschließen, ihre Strafverfahren einzustellen. Die zuständigen Behörden in den Niederlanden, von der Staatsanwaltschaft über den Kinderschutzrat und die Nachrichtendienste bis hin zu den Gemeinden, sind auf den Umgang mit den Frauen und Kindern gut vorbereitet. Die Niederlande sollten darauf vertrauen, dass die zuständigen Behörden gegebenenfalls die Strafverfolgung sowie die Rehabilitation und Wiedereingliederung dieser Frauen und ihrer Kinder in die Gesellschaft übernehmen.

Den Haag, 3. April 2022

My life

My name is Samira Ansary, I was born in Gardez, Afghanistan in 1980. My parents and grandparents had several shoe shops in Gardez, Paktia Province, and in other bigger cities in Paktika, Lugar and Khost Provinces. Thus, they were among the wealthy in Afghanistan. Because of their wealth and education, it was possible for me to attend school, high school and later university. Unfortunately, I have to write this because even at that time, school attendance for girls in Afghanistan was not a matter of course, because due to the Russian intervention in Afghanistan in 1979, the war became more and more widespread and thus there was also more poverty, refugees and the beginning resistance of the Mujahideen.

Universität Utara Malaysia

Studying at an elite university in Malaysia

After graduating from a high school in Gardez and completing my first semester in law at Kabul University, a new era began and so it was almost impossible for a woman to continue in a university, so I and Janina Huzaifa, we met at university, went to Malaysia. At the International University Utara Malaysia (UUM), in Sintok, we continued our studies in law and did our Master of Laws.

In 2000, my mother died in a Taliban terrorist attack in Khost province. Her death was even more motivation for me to get involved in international legal studies. One of the focuses was on government law (state crimes).

Afghanistan, my homeland

New paths in Afghanistan

After graduating, I went back to Afghanistan because my father’s and grandfather’s businesses were going from bad to worse with the ongoing war and terror. I worked in a small law firm dealing with cases of human rights violations by ISAF soldiers, CIA and Taliban. In May 2006, my boss was shot in front of me on his way to the office. I realised how dangerous my work was and what enemies I suddenly had against me. With three boxes of very sensitive files from the office, I went into hiding and worked as a shop assistant in a supermarket in Gardez.
Janina was working in Malaysia at the human rights organisation Pusat KOMAS. I discussed the highly explosive files with her on weekends via Skype, how we could prosecute these men and who would take them on.
In August 2006, a bomb attack shook the house where my father and grandfather still had their last business. My father was buried under the rubble and died. This left me an orphan at the age of 26. With my meagre salary as a shop assistant, I supported my grandparents, because their last option was to sell their house. For one thing, they would have been homeless and destitute, and for another, it was my last stop.

According to police reports from Gardez, the terrorist attack was directed at a column of soldiers. Whether this was really the case or whether they wanted to meet me personally was and could never be clarified. I could not trust anyone in Afghanistan with my files, reports and crimes without putting my own life in danger.

My Parental Home

In spring 2007, I met Nila Khalil by chance. At the time, she was the director of a girls‘ school in Gardez. Shortly before, she had set up a foundation for girls and
women who have been forcibly married and or abused. Nila’s thoughts were good and I saw an opportunity to support her with my studies. We are the same age and had a basis and friendship from the beginning.
With the teachers from her school, a team grew together which suddenly faced bigger tasks than teaching girls. I called my friend Janina and explained our plan to her. Two weeks later, she returned to Afghanistan and brought another friend, Zoja Jelani, into the team. Zoja had studied business administration and was therefore responsible for the finances from the beginning.

Word quickly got around about who we were and what we were up to. Within a very short time, female doctors, teachers, local politicians, entrepreneurs and people joined us,
local politicians, entrepreneurs and human rights activists joined us. After years of war and terror, we were the first group of women with international experience to stand up for women’s rights in Afghanistan.
Nila has lived in Germany for 14 years. Janina and I studied and worked in Malaysia. Zoja had studied German and English in Germany in addition to her business studies. We were seen as the spearhead of the new women’s movement in Afghanistan, which brought us not only friends and supporters. Our work was a thorn in the side of the Taliban’s ideologies and so there were always sabotages or targeted attacks on us.

With the unbelievable amount of money from Nila’s foundation, projects for the protection of girls and women could be implemented very quickly and so the first women’s shelter was built by our association. Keeping a building project of such magnitude secret was not so easy.

We were active in schools, universities and hospitals to present our reforms for a new Afghanistan.
Introducing new reforms and women-friendly policies in villages and towns in the surrounding provinces was reckless and also life-threatening.
Few people knew where we were working from. Any meetings or correspondence came to us in a roundabout way. Nila’s bodyguard built us an infrastructure where even governors, government deputies and even intelligence agencies did not know who we were. Maximum protection of our persons, homes, office and school always came first.

The membership of our small network grew rapidly and so did the number of shelters for girls and women. In 2012, the association owned six women’s shelters and one girls‘ school. The executive
Chairpersons were and are: Janina Huzaifa, Nila Khalil, Zoja Jelani and myself. The network included a total of 46 houses scattered all over Afghanistan. We support our members logistically, with personnel and financially.
With our inconspicuous office in the backyard of a side street in Gardez, we had more money in our foreign accounts at that time than the gross national product of Paktia province had in a month.

From the core team of 2007, everyone went on to serve on the advisory or board of other national and international NGOs or even in political parties. In this way, we created a network of politics, business, NGOs, culture and major donors from other countries.

Due to the considerable size of our small organisation, we had to adapt to the political situation in Afghanistan in order to be able to react quickly.
We knew that at some point the Ghani government would be overthrown and we had to be prepared for that. Since I was one of the directors, I was also very often on the road in Asia, Australia, Europe or the USA, on the one hand to present our projects and on the other hand to finally be able to bring the still explosive files to court.

In the meantime, Janina had completed her doctorate in law and with Nila, Zoja and me, there was a smart and very committed team at the helm of our association. Our network included well over 1200 people and 46 shelters. Nila was at the helm as director, but could not do more than work. In order to support her and to be able to manage the network properly, my law studies were no longer sufficient. So I studied economics at the University of Sydney Business School for three semesters from 2013.

The famous Sydney Opera House

Study in Australia

Through our contacts in Australia, Denmark, Malaysia and the Netherlands, we were able to arrange visas and residence permits for a few young women in these countries. Besides my studies in Sydney, I worked for a television station and was the mediator between the women, politics and business. The women who came to Australia at that time were so psychologically stable that they hardly needed any support from us.
At the same time, asylum procedures were also running from Afghanistan to Malaysia, Great Britain, Norway, Denmark, the Netherlands or the USA.
With the emergence of the refugee crisis in 2015, it became difficult for us to get asylum applications for women from our shelters to Europe.

From January 2016, I lived in Australia again for three quarters of a year. In Australia we saw the safest political situation in order to have a permanent security for the day X. With a small team, we set up our first women’s shelter in Sydney in the Kirrawee district. Preparations for no less than 40 visa applications had already been underway since summer 2015. In May 2016 we were able to move into the new facility and in June the 40 young women arrived in Sydney. As we provided accommodation and care for the women as well as tasks, work and employment, we were able to manage very well with the small contribution to the women’s wages (one tenth).

An aid project cannot live on donations alone, it must also provide for its own maintenance and continuity. This was clear from the beginning and nothing will change. We always wanted a certain independence from pure donations.
When it comes to helping people, you also have to turn to politics. Since our concept had been very successful and solidly built up for 9 years, we had quite a good standing in Australia and could gradually bring a few women or girls who urgently needed medical care to Australia, Malaysia or the USA.

Windmill in the Netherlands

Working in the Netherlands

In March 2017, I and a small team went to the Netherlands. The co-founder of the foundation has owned two houses for unaccompanied refugee children near The Hague since 1993. In recent years, we too had repeatedly accommodated women and girls from Afghanistan in those two homes.
partnership facility in recent years, the cooperation was very close.
Due to the already mentioned refugee crisis of 2015, this facility reached its capacity, so another house was to be bought. Due to the positive balance of our house in Sydney and those in Afghanistan, we were to build up the same concept again.
In April, Nila came to the Netherlands and supported us energetically. She brought her daughter to that institution in August 2016 for security reasons. Her daughter started her training as an educator there.
After seven months of work and organisation in the Netherlands, I went back to Afghanistan with the organisation team.

A country lies on the ground

Back to Afghanistan

Our network of 46 women’s shelters remains the same size, although there have also been constant new arrivals of girls and women. The coordination remained with us in Gardez, even though for years there had been thoughts of moving our office more to the centre of Afghanistan or even to Kabul. Nila, I and others from the core team had always been against this. We were away from the focus and operated more or less from underground.
Since Gardez had an airfield, we could fly from A to B very quickly in a small plane. For security reasons, everyone who could and could not afford it did so in Afghanistan. The danger of booby traps and terrorist attacks was and is too great. Even if I had a bodyguard by my side, you could never rule out an IED (booby-trap) attack.

The increasing terror caused us a lot of worries. We also had to see to it that we could always bring young women out of the shelters to safety in neighbouring or distant countries.
An international emergency plan that had been in place since 2016 was gradually put into practice. The priority of this emergency plan was
priority was the safety of everyone in our network. It was based on an astronomical number of foreign accounts, our infrastructure and of course our international contacts on four continents and the US army.

A small part of the negotiating team

State negotiations

Janina and I were the negotiators from the legal side. Nila and her bodyguard, Marcel Chevalier, together with Frank Merk from the USA and Jasper Petersen from Denmark, both members of the Board of Trustees, headed the negotiating team. For months, a team of up to 60 people on four continents lived and worked at the limit of their strength. We did not want to leave anything to chance if the Taliban or Al-Qaida toppled the Ghani government.
After drafting the more than 3000-page contingency plan, we saw the best options in Tajikistan and Uzbekistan. Negotiations were also underway with the government and provincial government of Gilgit-Baltistan.
Gilgit-Baltistan is a special Pakistani 
territory in the far north of the country. It is not a province of Pakistan, but part of the disputed region between China,
between China, India and Pakistan. 
Kashmir.
The Pakistani provinces of Khyber-Pakhtunkhwa and Baluchista, like very many provinces in Afghanistan, were areas where the Taliban or Al-Qaeda repeatedly carried out terrorist attacks and were therefore not an option for us. After all, we wanted security, if you could even call it that, for over 1200 girls and women, and not the same terror in another country.

Chechnya is also a neighbouring country of Afghanistan, but since there was already a large influx of refugees heading for Europe in 2016, we did not need to focus on this country.

Hope lay in Uzbekistan

When Shavkat Miromonovich Mirziyoyev became President of Uzbekistan in September 2016 and his policies continued to bring stability to the Central Asian region, we saw great opportunities to move some of the houses from our network to Uzbekistan. Talks were also held with government representatives from Turkmenistan.

Not all shelter leaders in the network agreed with our plan. Some remained optimistic that the Taliban would not return and that Ghani would stabilise the country. There were also girls and women who did not want a new start in a foreign country. So once again the emergency plan was changed for the institutions and people who were in line with us. Some houses or associations did not have the financial means and saw little chance of paying back the start-up aid to us in the future.
The head of an institution in central Afghanistan, in Daikondi, worried us the most. She and her team and the facility were lying in wait. If the government were to be overthrown at any time, she had no chance to escape. With the foundation board and the private assets of Nila and me, it was decided that two properties would be bought in a suburb of Tashkent to set up two homes for 128 girls and women. When the contracts were signed, the director gave us the temporary management. As we had an exact number of people and the property was also chosen in such a way that it had the possibility to sell agricultural products, the visa applications could be applied for, checked and approved quite easily.

Even though we were committed to the safety of all the people in the network, you cannot simply place people in another country. There are different asylum laws, national as well as international regulations on the status of people.

The glass never gets empty

After years of negotiations with various government officials in Australia, Denmark, Kashmir, Malaysia, Netherlands, Norway, USA and Uzbekistan, we were able to start resettling a small continent of girls and women to said countries in the summer of 2018. Our own foundation was able to finance this project, which cost well over one and a half million US dollars. Most of the more than 1000 people would be divided between Uzbekistan and Australia in the next few years. In order not to overburden the politicians and population in the countries in question with the entry of too many people at one go, or even to achieve a negative attitude towards us, we always did this in small groups.

Even though we succeeded with difficulty in bringing young women and girls, who often experienced cruel physical and psychological abuse through forced marriages, to other countries or resettling them, new girls and women arrived every week, some of them severely traumatised.

Eine Rose für all die Todesopfer

Meine Gedanken zum 11. September 2001 und was dieser Tag brachte.

Autorin Nila Khalil

Dieser Tag bleibt vielen Menschen in Erinnerung, da dieser Tag einer der schwärzesten Tage in unserer Geschichte der Neuzeit ist.
Viele Menschen sind gestorben und noch mal so viele haben ihre Angehörigen in wenigen Stunden verloren.
Es gab Telefonate aus einem Flugzeug, die schilderten, dass sie entführt werden.
Es gab Telefonate aus Büros, die die verzweifelte Lage schilderten.
Es gab Filme, die man einem Hollywood Film zuordnen könnte – aber nicht der Realität, als um 8.46 Uhr in New York City, an der Südwestspitze des Bezirks 
Downtown Manhattan, ein Flugzeug in den Nordturm (WTC 1) einschlug.
Etwa 1.300 Menschen in den Stockwerken oberhalb der Einschlagstelle war es unmöglich, zu fliehen. Das Flugzeug hatte alle Treppenhäuser und Aufzugsschächte im Nordturm durchtrennt. Schon wenige Minuten nach dem Crash stürzen sich erste Personen aus Verzweiflung in die Tiefe.

Um 9.03 Uhr flog das zweite Flugzeug im den Südturm des World Trade Center (WTC 2) und 56 Minuten stürzten Tausende Tonnen Stahl und Beton in nur 10 Sekunden ein. Zahlreiche Feuerwehrleute befanden sich zu diesem Zeitpunkt in den Treppenhäusern auf dem Weg nach oben. Über 600 Menschen im und um dieses Gebäude kamen beim diesem Einsturz ums Leben.
Am Ende haben fast 3.000 Menschen ihr Leben verloren; wofür?

Wem hat dieser Sinnlose Terroranschlag etwas genützt? Dem Islam? Einigen Verrückten, die im Namen von Allah die Ungläubigen dieser Welt bestraften wollten? Einem Land das die „Achse des Bösen“ suchte?

Was bleibt nach 9/11 ?

Schutt, Asche, Tod, Trauer und Wut – und diese nicht nur in den USA.
Die USA erklärten ihrem ehemaligen Agenten, Osama bin Laden, den Krieg.
Einen Krieg, der noch viel mehr Leid, Tod und Trauer brachte.
Die USA haben in Afghanistan als Vergeltung das hundertfache an Leid, Not, Zerstörung, Armut und Flucht gebracht, als ein Tag in New York.
7300 Tage habe wir bis jetzt in Afghanistan diese Vergeltung gespürt.
Seit 7.300 Tage erleben wir Leid, Kummer Not und Tod.

Ich wiege nicht die Todesopfer gegeneinander auf. Ich war schon mehrmals in New York am Ground Zero und weine jedesmal bei dem was ich dort sehe, da auch ich durch Terror meine Eltern verloren habe.
Ich frage nach dem Warum und dem Wieso. Auch ich will Antworten!

Meine Tochter versucht dies zu begreifen, wenn ich mit ihr in New York bin oder war. Zwar kennt sie die Bilder und Reportagen von diesem Tag, aber sie hat es nicht live gehört, bzw. gesehen.

Es gibt in Afghanistan kaum eine Familie die durch diesen Terroranschlag und die folgende Intervention der USA und ihre Alliierten Truppen keinen Vater, Mutter, Onkel, Tante oder Kind verloren haben.
Niemand spricht für diese Menschen. Niemand leutet eine Glocke. Niemand legt Rosen auf ein Grab.

Die Folgen der Intervention der USA nach dem 11. September 2001 für Afghanistan.

Bisher kamen rund 3.600 Koalitionssoldaten ums Leben, darunter 59 Soldaten der Bundeswehr und drei deutsche Polizisten. Die Vereinigten Staaten als größte Truppensteller haben mit etwa 68 % der insgesamt getöteten Soldaten der Koalition die höchsten Verluste zu verzeichnen. Die Anzahl gestorbener afghanischer Soldaten und Aufständischer ist unbekannt. Offizielle Angaben zu zivilen Opfern liegen nur unvollständig vor, Schätzungen sind sehr unterschiedlich:

Professor Marc Herold, von der University of New Hampshire, schätzte im Oktober 2003, dass 3.100 bis 3.600 Zivilisten bei US-Bombardierungen und Special forces attacks ums Leben kamen.

Ende Juli 2008 haben afghanische und internationale Hilfsorganisationen erklärt, dass bis zu diesem Zeitpunkt im Jahr 2008 bereits 2500 Menschen ums Leben gekommen seien, darunter 1000 Zivilisten, und dass für zwei Drittel der Opfer Terrorgruppen verantwortlich waren.

Im Juli 2010 veröffentlichten  „Afghan War Diary“ eine Liste von 2004 bis 2009, nach der es 24.155 Tote im Zusammenhang mit dem Krieg und Terror gab.

Im Jahr 2010 wurden laut einem von den Vereinten Nationen und der 
Afghanischen Menschenrechtskommission (AIHRC) herausgegebenen Jahresbericht 2.777 afghanische Zivilisten getötet.

Ein Großteil der zivilen Opfer wurde von Anschlägen der Taliban und der Miliz Gulbuddin Hekmatyārs  verursacht. (Ich hatte über deren Netzwerk 2018 berichtet.)

Terroranschlag auf eine Mädchenschule in der Provinz Lugar

Seit 2003 führten die Taliban Krieg gegen Afghanistan sowie gegen die ISAF Truppen. Dabei richteten sich ungefähr 50 Anschlägen pro Tag gezielt gegen die afghanische Zivilbevölkerung.

Im Jahr 2009 war die Taliban nach Angaben der Vereinten Nationen für über 76 Prozent der Opfer der afghanischen Zivilisten verantwortlich. Die AIHRC nannte die gezielten Anschläge der Taliban gegen die Zivilbevölkerung ein „Kriegsverbrechen“. Religiöse Führer verurteilten die Anschläge der Taliban als Verstoß gegen die islamische Ethik.

Im Jahr 2011 berechnete die 
Unterstützungsmission der Vereinten Nationen in Afghanistan (UNAMA), bei der ich bis September 2020 im Vorstand war, 3.021 zivile Opfer. 77 Prozent waren Opfer von dem Terror der Taliban. 14 Prozent starben bei Operationen der NATO und der afghanischen Armee. Bei 8 Prozent war keine Zuordnung möglich. 967 Zivilisten kamen durch Sprengfallen (IED’s) von Terrorgruppen ums Leben, 450 bei Selbstmordanschlägen, 187 bei Luftangriffen und 63 bei nächtlichen Angriffen. Seitdem haben sich die Opferzahlen merklich erhöht.

– im Jahr 2009 starben 5.969 Menschen
– im Jahr 2010 kamen 7.162 Menschen ums Leben.
–  2011 lag die Zahl bei 7.842 Todesopfer.
–  2012: 7.590
–  2013: 8.638
–  2014: 10.535
–  2015: 11.034
–  2016 gibt die UNAMA die Zahl der zivilen Opfer mit 11.418 an (3.498 Todesopfer, 7.920 Verletzte)
– 2017 starben 3.442 Menschen und 7.019 wurden verletzt
– 2018 haben 3.803 Menschen ihr Leben verloren
– 2019 gab es 3.409 Todesopfer
– 2020 waren es 3.035 Tote und 5.785 Verletzte
– in den letzten 8 Monate haben bereits 1.659 Menschen ihr Leben verloren – Tendenz steigend.

Bei den US-Streitkräften, dem mit Abstand größten Truppensteller in Afghanistan, gab es bis einschließlich September 2012 eine Verwundetenzahl von 17.674 Soldaten. Davon waren 12.309 Verwundete Angehörige der US Army, 4.630 Angehörige der Marines, 396 solche der Air Force und 339 solche der Navy.

2010 haben 711 Soldatinnen und Soldaten ihr Leben verloren.
2013 waren es 161 Todesopfer und 2014 noch 66.

Nach einem Quartalsbericht des Special Inspector General for Afghanistan Reconstruction (SIGAR) der US-Regierung für den US-Kongress sind im Krieg in Afghanistan allein von Januar bis zum 28. August 2016 insgesamt 5.523 afghanische Soldaten getötet und 9.665 Soldaten verwundet worden. Zudem kontrollierte der Staat nur 258 von 407 Bezirken. 33  Provinzen waren zu dieser Zeit unter der  Kontrolle oder Einfluss der Taliban.

In Pakistan verloren in diesen Krieg und Terror bis Ende 2020 insgesamt 70.000 Staatsangehörige ihr Leben.
Die pakistanischen Stammesgebiete, die an Afghanistan grenzen, wurden nach  Aussagen des pakistanischen Premiers Imran Khan, verwüstet und die Hälfte der Menschen in diesen Gebieten, etwa 1,5 Millionen Pakistani, sind auf der Flucht.

Mittlerweile gibt es in Afghanistan eineinhalb Millionen Menschen Binnenflüchtlinge. Sie versuchen dem Terror, Hunger und Bomben zu entkommen. Es gibt kein Ort, der sicher ist. Durch viele Überschwemmungen und Hitzewellen haben zweieinhalb Millionen Menschen ihre Existenz verloren. Dreiviertel der Kinder bis 12 Jahre haben Mangelernährung. 46% der Erwachsene leiden unter den Folgen von Unterernährung. Das Gesundheitssystem steht vor dem Kollaps und der alltägliche Terror durch Al-Qaida, IS oder Taliban haben viele Gesundheits Centren zerstört.
Arbeit gibt es seit Jahren kaum noch. Tagelöhner versuchen irgendwie ihre Familien zu ernähren. Kinder müssen für ein paar Afghanis arbeiten, damit die Familie Mehl und Öl kaufen kann.

All diese Folgen haben wir ein paar dumme Menschen zu verdanken, die ihren Dschihad gegen die westliche Welt führen zu wollen. Die Verlieren sind die Menschen in der muslimischen Welt.

Nila Khalil, Vojens Sogn, 14. September 2021

Manege frei

Der Moskauer Circus in Trier

Heute war ich in Trier im Moskauer Circus, der zum ersten aus Deutschland kommt und die Direktorin eine Ukrainerin ist.

Die Show war Grandios. Klasse Artisten mit einer unglaublichen Akrobatik.

In der Pause und nach der Show hatte ich mit einigen Artisten und auch der Direktorin gesprochen. Zum einen hatte ich mich für diese wahnsinns Show und Akrobatik bedankt und zum anderen hatten wir natürlich auch das Thema Krieg in der Ukraine.

Die aktuelle Truppe von dem Circus kommt aus Deutschland, Spanien, Belgien, Russland und der Ukraine.
Sie alle verurteilen diesen Krieg und können auch die Anfeindungen auf den Circus nicht verstehen.


Wenn man die Zeit nehmen würde und im Internet nach dem Circus sucht, bräuchte man keinen Schwachsinn oder Hass gegen diesen Circus zu verbreiten.

In der Pause sprach ich dies auch mit einigen Besucherinnen und Besucher an. Sie alle waren der Meinung, dass man gerade aus dem Grund den Circus unterstützen sollte, weil die Direktorin aus der Ukraine kommt.

Naike Juchem, 19. März 2022

Kann das Jahr 2020 in die Tonne?

Kann das Jahr 2020 in die Tonnen?

Von Amira Khalil

Viele würden jetzt sofort nicken. SARS-CoV-2 brachte vieles durcheinander und Menschen an den Rand der Verzweiflung.

Wenn ich an die ersten drei Wochen Quarantäne bei uns in der Einrichtung denke, läuft es mir noch kalt den Rücken herunter. Drei Wochen 24 Stunden täglich im Einsatz, brachtn uns im Team ganz schön an den Rand unserer Grenzen. Ich ging freiwillig in die Quarantäne, weil keiner wusste was und wie es kommt und zum anderen um Mama zu schützen. Sie musste ja alle zwei Tage ins Krankenhaus.
Wir Betreuer hatten uns aufgeteilt, denn wenn jemand krank werden sollte, wir trotzdem einen 24 Stunden Dienst sicherstellen konnten.

Der Weitblick
Dieses Foto hat ein 18-jähriges Mädchen aus Afghanistan aufgenommen. Es zeigt das Auge meiner Mutter. Arifah kam mit 11 Jahren in eines der Frauenhäuser von meiner Mutter. Durch ihr Diabetes Typ-1 veranlasste das Team von meiner Mama in Afghanistan und das Team von Dr. Erik de Joost aus den Niederlanden, dass Arifah in die Niederlande kommen konnte.
Im August diesen Jahres begann sie bei uns in der Einrichtung eine Ausbildung als Erzieherin.
Nun noch die Erklärung zu ihrem Foto: Arifah wollte den Weitblick fotografisch darstellen. Also Weitblick wollte sie aber kein Panorama fotografieren, sondern diesen aus Sicht von einem Menschen.

Wie hält man 53 Kinder bei Laune? Was wir alles bei uns in den Häuser an Möglichkeiten haben, habe ich schon geschrieben.
Seit vielen Jahren liebe ich die Photographie und leite seit dreieinhalb Jahren einen Photo Workshop bei uns in der Einrichtung. Bildberarbeitung und Entwicklung.
Kaum zu glauben, aber es gibt doch tatsächlich noch 36er Filmrollen. Ein USB Stick in ein Bad aus Entwickler und Fixierer zu legen ist nicht von Vorteil. Also Filmrollen und auch USB Sticks.

Die Pusteblume
Die Pusteblume hat ein 6-jähriges Mädchen aus dem Irak aufgenommen. Auf der Flucht nach Europa wurde das Mädchen von den Eltern getrennt. Die Eltern werden europaweit gesucht. Bis jetzt leider ohne Erfolg.
Die Samen der Pusteblume stehen für die Gedanken dieses kleine Mädchens, dass diese irgendwann, irgendwo seine Eltern erreichen.

Was hat dies nun alles mit Corona zu tun?
Da wir wie ein Internat geführt sind, brauchen die Kinder eine längere Betreuung als nur Schule.
Immer nur Sport, Malen, Unterricht oder lümmeln ist auf Dauer voll blöd.
In kleinen Gruppen bin ich mit einem der 9-sitzer Busse von unserer Einrichtung kreuz und quer durch das Land gefahren und die Kinder und Jugendlichen sollten Fotos machen. Motto: Kreative Motive.

Der Tod auf dem Meer
Der Tod auf dem Meer, ist ein Trauma einer 21-jährigen, die mit einem Schauchboot von Libyen nach Europa über das Mittelmeer kam. 8 Menschen sind bei dieser Überfahrt uns Leben gekommen. Die Kerze in der Mitte symbolisiert den Tod ihrer Mutter.

In 7 Monaten haben die Kinder und Jugendlichen gefühlte 20.000 Fotos gemacht.
Mit dem Photograph Jan Bakkers hatten wir ab Juni auch einen Profil zur Hand der alles mögliche an Equipment wie Lichtstrahler, Lichtwannen, Schirme, Reflektor und und und mitbrachte. So bauten wir noch ein Photostudio auf, in dem die Kreativität der Kinder kein Ende fand. Es wurden Flaschen, Gläser, Eiswürfel, Gemüse, Bleistifte und alles was irgendwie tragbar war fotografiert.

Eiszeit
Die Gedanken für dieses Foto umzusetzen, brauchte es mehrer Versuche.
Ein 19-jähriger Junge aus Afghanistan beschreibt sein Projekt wie folgt:
Die Feder der Friedestaube liegt eingeschlossen in der Eiszeit der Welt.

Was die Kinder für ein Spaß bei dieser Arbeit hatten, war weit mehr als wir es jemals dachten.
Ob wir unterwegs waren, im Photostudio oder Labor.
Ich möchte nun einige Foto der letzten Monate zeigen, die ausnahmslos Kinder und Jugendlichen fotografiert haben.

Das Kohlblatt
Das Kohlblatt hat ein 14-jähriger Junge aus Eritrea fotografiert und steht zum einen für den Hunger in seinem Heimatland und zum anderen sollen die „Straßen“ auf dem Blatt für Wege in eine Zukunft stehen.

Wenn zum teil schwerst traumatisiert Kinder solche Fotos machen, haben diese Fotos auch eine Bedeutung. Einen Sinn, warum ausgerechnet dieses Motiv.
Zum jedem Bild steht ein Schicksal von einem jungen Menschen, der in seinem Leben schon so vieles erlebt hat, dass es oft über die Grenze des Verstandes hinaus geht.

Der Regenbogen
Dieses Foto symbolisiert einen Regenbogen und wurde von einem 13-jährigen Mädchen aus Aserbaidschan fotografiert. Der Regenbogen steht für die Sonne, die am Ende von trüben Stunden, in diesem Fall Jahren) wieder scheint.

Wir bewerten und begutachten die Kinder und Jugendliche über das was sie malen, basteln, schreiben, werken oder fotografieren. Den Zustand der Psyche kann man an einem Bild oder Foto sehr gut bewerten. Wenn die Seele grau ist, sind es auch die Bilder oder Fotos. Auch können bunte Bilder vieles über das „Chaos“ der Seele und Gefühle aussagen.
Ich habe einige der Fotografien beschrieben, damit man einen kleinen Einblick in die gebrochenen Seelen von Menschen bekommt.

Blätter der Bildung
Dieses Foto wurde mit einer Hochgeschwindigkeitskamera aufgenommen und stammt von einer 19-jährigen aus dem Irak.
Ihr wurde durch das Chaos von Krieg, Terror und Flucht  einige Jahre der Schulbesuch erschwert oder gar unmöglich gemacht.
Im April 2020 schrieb sie, durch die Corona-Maßnehmen in den Niederlanden, bei meiner Mutter im Büro ihr Abitur.
Stifte
Mit Stifte kann man schreiben um Wissen und Bildung für Generationen weiterzugeben.
Dieses Foto hat eine 15-jährige aufgenommen, die durch Terror in Afghanistan ihre Eltern und sechs Verwandte verloren hat. Sie kam über ein Netzwerk, welches sich für Mädchen und Frauen in Afghanistan einsetzt, in eines der Schutzhäuser meiner Mutter. Vor eineinhalb Jahren wurde ihr Asylantrag für die Niederlande genehmigt und lebt seit dieser Zeit in unserer Einrichtung.
Der Buntstift
Dieses Foto zeigt die Träne einer bunten Welt. Aufgenommen hat dieses Foto Jan Bakkers nach den Vorstellungen eines 12-jährigen Jungen der aus Syrien stammt.

Mit Mama zu Besuch an ihrer ehemaligen Schule.

Mit Mama zu Besuch an ihrer ehemaligen Schule.

Von Amira Khalil

Meine Mama hat seit Jahren ein Freundschaftliches Verhältnis zu ihrem früheren Klassenlehrer von der Realschule an der sie ab 1991 war. Herr Dellinger, der ehemalige Klassenlehrer von Mama, wollte unbedingt, dass sie an die Schule kommt und ein Referat über Menschenrechte hält. Herr Dellinger ist seit einigen Jahren in Pension, hat aber noch engen Kontakt zur Schule, da es einige Projekte und Projektwochen gibt, die er vor Jahren mit aufgebaut hatte: Kinder der Welt, ist eines seiner Projekte.

Die Projekte an der Schule finde ich sehr interessant. So zum Beispiel: Prävention in Medien und Gewalt.
Auch gibt es einen Jugend Auslands Berater für ein FSJ, Schulaufenthalte, Workshops oder Au-pair Angebote von der Schule. An der Schule werden 632 Schüler aus 31 Nationen unterrichtet.

Nun bin ich das erste Mal dabei und erlebe wie nach 24 Jahren immer noch der Name Nila Khalil an der Schule präsent ist. Im Lehrerzimmer ist eine Stimmung zwischen Respekt, Hochachtung und Schock über den Lebenslauf von Mama. Herr Dellinger hatte im Vorfeld schon einiges den Lehrer und Lehrerinnen über Mama erzählt – denn nicht jeder Lehrer kennt sie noch als Schülerin von dieser Schule.
Die Konrektorin, Frau Tokic, las am Vortag den Lebenslauf von Mama und wollte statt der Menschenrechte doch lieber diesen von Mama den Schüler und Schülerinnen vorstellen.


„Ihr lernt für euch. Macht etwas daraus.“

Nach der ersten Pause trafen sich alle Klassen mit ihren Lehrer in der Schulaula. Mama und ich wurden von der Rektorin, Frau Albrecht, vorgestellt und Mama erzählte ihren Lebenslauf: Als 10-jähriges Mädchen aus Afghanistan geflohen und in Deutschland eine Heimat gefunden. Die 14 Jahre, die sie in Deutschland gelebt hatte und ihre Arbeit und Engagement seit 2005 in Afghanistan.
Je länger Mama sprach um so ruhiger wurde es in der Aula.
Da stand eine Frau auf der kleinen Bühne und erzählte in einer ruhigen Stimme ihre Lebensgeschichte und auch die Chancen die ihr in Deutschland geboten wurde. Wenn ich in die Runde der Zuhörer schaute, sah ich viele Schüler und Schülerinnen mit dem Kopf nicken.
„Ihr lernt für euch. Macht etwas daraus.“ Waren die letzten Worte von Mama nach ihrer Rede von circa einer dreiviertelstunde.

Herr Dellinger und Frau Albrecht meinten, ich sollte auch noch etwas sagen – war mir doch etwas peinlich. Also erzählte ich kurz mein Leben von 1995 bis 2007 – und das danach. Wie ich begriff, welche Chancen ich durch Nila bekommen hatte und dies durch Willen und Unterstützung auch soweit recht erfolgreich geschafft habe. Ich erzählte noch von meiner Arbeit in den Niederlanden und wie wir dort mit den Kinder und Jugendlichen lernen.

Auch wenn an der Schule Schülerinnen und Schüler aus 31 Nationen unterrichtet werden, sind es gerade 15 Schülerinnen und Schüler die eine Flucht aus Syrien, Kurdistan und Afghanistan erlebt haben. Zwei Mädchen: Die 12-jährige Alia aus Syrien, die 14-jährige Kira aus Kurdistan und der gleichaltrige Karin aus Afghanistan, stellten sich ihren Mitschüler und Mitschülerinnen vor. Sie erzählten über ihre Erlebnisse der Flucht. Kopfschütteln, Fassungslosigkeit und Entsetzen sah ich den Mitschülern und Zuhörerinnen an.

Es klingelte zur großen Pause und nicht so wie sonst, stürmten die Schülerinnen und Schüler raus auf den Pausenhof. Es war ein ruhiges und oft schweigsames aufstehen oder gehen, es hatte ja nicht jeder Schüler einen Sitzplatz in der Aula.
Eigentlich waren nur zwei Doppelstunden für das Referat von Mama eingeplant. Die Rektorin, Frau Albrecht und Konrektorin, Frau Tokic beschlossen noch vor der Pause, dass es danach in diesem Thema weiter gehen sollte.

Im Lehrerzimmer wurde ich von Frau Munz, Frau Blessing und Herr Pollak über meine Arbeit in Den Haag ganz schön gelöchert und ich sah, dass sie immer wieder voller Stolz zu Nila schauten, die mit einer Tasse Kaffee bei ihrem ehemaligen Lehrer und zwei anderen Lehrerinnen saß.

Die vielen Schwierigkeiten von Flüchtlingskinder

Nach der Pause sprach Kira, sie kommt aus Kurdistan, von den Zuständen des Krieges und Terror in ihrer Heimat. Ihre Geschichte war 1:1 derer Kinder und Jugendlichen in unserer Einrichtung in Den Haag. Ich sah bei vielen Schülerinnen und Schüler Tränen in den Augen.
Karim, er kommt aus Afghanistan und ist seit zwei Jahren in Deutschland, und auch er wollte noch auf seine Geschichte eingehen, da er aber Angst hatte, nicht die richtigen deutsche Wörter zu finden, sprach er auf deutsch – paschto und Mama übersetzte die Wörter oder Sätze von ihm auf deutsch (Schwäbisch).

Es begann eine Gesprächsrunde die Anfänglich sehr zögerlich mit lapidaren Fragen der Mitschülerinnen und Mitschüler begann. Ich glaube es war ihnen unangenehm ihre drei Mitschüler, mich oder Mama direkt anzusprechen. So fragte Mama ganz offen heraus, welche Schwierigkeiten Karim beim lernen der Deutschen Sprache hat. Wie zu erwarten war es das Genitiv und Akkusativ. Ja, dies kenne ich nur all zu gut und musste bei den Antworten von Karim doch sehr grinsen. Es ist mit dem Maskulinum, Feminininum und Neutrum auch nicht so einfach. Hinzukommt die unterschiedliche Schriftform in den Sprachen. Das paschtunische Alphabet umfasst je nach Zählweise 40 bis 44 Buchstaben und basiert auf dem persischen Alphabet, welches wiederum eine modifizierte Form des arabischen Alphabets ist. In paschto – oder arabisch, wird von rechts nach links geschrieben. In der deutschen, englischen oder französischen Sprache wird von links nach rechts geschrieben.
Es sind sind solche Kleinigkeiten die viele Mitschülerinnen und Schüler gar nicht sehen – geschweige wissen.
Jedenfalls merkten die Mitschüler, dass Karim nicht dumm ist, er kann diese Grammatik nicht kennen und oft nicht verstehen. Meine Mutter bestätigte dies, dass auch dies für sie damals sehr schwer war.

Jedenfalls kamen auf einmal die Fragen viel schneller und zum Teil auch persönlicher. Das Interesse an den „Anderen“ wurde größer und so stellte sich in dieser Gesprächsrunde heraus, dass es
oft ganz banale Dinge waren, die die Mitschülerinnen und Schüler von Kindesbeinen her kennen, für Flüchtlingskinder oft schon eine Herausforderung  sind.

Als ich und Mama merkten, dass einige Fragen an Alia, Kira und Karim doch sehr persönlich wurden, und wir die drei auch nicht kompromittieren wollten, antwortete ich und erzählte von den Alpträumen der Kinder und Jugendlichen in unserer Einrichtung in Den Haag.
Wieder wurde es sehr ruhig in der Aula und die Mitschülerinnen und Mitschüler begriffen, dass Bilder von Krieg im Fernsehen etwas anders sind, als es selbst erlebt zu haben.

Mein Resümee

Ich möchte jetzt zum Schluss kommen und ein kleines Resümee ziehen.
Wenn Menschen begreifen, was andere erlebt haben, und darüber gesprochen wird, sehen sehr viele die „Ausländer“ auf einmal mit anderen Augen.
Die drei Stunden hatten am Ende das gleiche Resultat gezeigt, wie meine „Het huidige kerstverhaal“ ( Die Weihnachtsgeschichte der Gegenwart), die wir im Dezember 2019 mit sehr großem Erfolg noch dreimal im Januar aufgeführt hatten. Es gab Gespräche um Vorurteile abzubauen und es gab die Möglichkeiten direkte Fragen zu stellen um ein Verständnis des „Anderen“ zu bekommen.
Nur so kann Integration gelingen und Fremdenhass abgebaut werden.

Amira Khalil, Stuttgart 28. Februar 2020

Refugees not welcome

Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium, Wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum. Deine Zauber binden wieder, Was die Mode streng geteilt, Alle Menschen werden Brüder, Wo dein sanfter Flügel weilt.

Hilf dir selbst, sonst hilft dir niemand

Refugees Welcome – aber bitte mit deutsch Kenntnissen, Steuerbescheid, einem Job und einer Wohnung.

Autorin Nila Khalil

Wir helfen gerne, denn Deutschland ist das Sozialamt der Welt.
So?
Nun berichte ich aus der Sicht von einem Flüchtlingskind, welches vor 32 Jahren in das Sozialamt Deutschland kam.

Stuttgart wurde im Herbst 1990 meine Heimat. Bei einer Tante und Onkel, die ich bis zu jenem Tag nur vom Namen her kannte, wurde ich aufgenommen.
1990 war es mit der Einreise von Flüchtlingen noch etwas einfacher als heute – wenn auch schon damals kompliziert. Die Verwandten, die auch Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre aus Afghanistan nach Deutschland geflohen waren, wollten mich zu einer anderen Familie nach Oberhausen bringen. Nach deren Meinung sei Mila und Milad mit ihren Anfang 30 zu jung für mich. Jahre später erfuhr ich von meinen „Eltern“ wie sehr sie um mich gekämpft hatten. Mila hatte damals wie eine Löwin um mich gekämpft und auch über zwei Jahre den Kontakt zu den übrigen Verwandten in Deutschland abgebrochen.

Als Mila und Milad Faani Anfang 1980 nach Deutschland kamen, hatten sie Unterstützung von anderen Verwandten bekommen, denn von Deutschland war nicht viel zu erwarten gewesen.
Ab 1981 haben beide bei Mercedes-Benz gearbeitet. Milad zuerst am Fließband, dann Meister für Werkzeugbau. Mila hatte durch ihr BWL Studium bei Mercedes-Benz in der Verwaltung gearbeitet. Also alles gute und seriöse Jobs. Als ich ihre „Tochter“ wurde, fing die lauferei mit den Ämter und Behörden an. Einkommens- und Wohnraumnachweis, Führungszeugnisse, deutsch Kenntnisse und und und. Ich wurde bei dem Jugendamt regelrecht vorgeführt, wie meine sprachlichen Kenntnisse seien. Wie sollten diese als 10-jähriges Mädchen, dass erst seit vier Wochen in Deutschland war schon sein?

Mila und Milad kümmerten sich in den ersten Wochen um so ziemlich alles, was meine Zukunft in Deutschland betraf. Aus der Nachbarschaft wurde ich von einer pensionierten Lehrerin zu Hause unterrichtet. Das Jugendamt bestand auf die geltende Schulpflicht in Deutschland. Mila lehnte dies kategorisch ab, denn wie sollte ich dem Unterricht in einer Grundschule der 4. Klasse folgen, wenn ich die Sprache nicht konnte? Mit Liselotte, der pensionierten Lehrerin, wurde vereinbart, dass man dem Jugendamt – oder mir, bis zum Frühjahr 1991 Zeit lassen würde, um dann zu entscheiden, wie es mit mir schulisch weitergehen würde.
Im Frühjahr 1991 musste ich einen Eignungstest machen und konnte auf eine Realschule gehen.
Die erste Hürde war genommen.

Als ich ungefähr 14 Jahre alt war, bekamen meine Eltern einen Brief von der Ausländerbehörde, dass ich kein Asyl in Deutschland mehr hätte und Abgeschoben werden sollte. Anerkannte Flüchtlinge bekommen eine Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre. Wenn sich die Situation im Heimatland nicht ändert, wird die Aufenthaltserlaubnis anschließend um weitere drei Jahre verlängert.
Mein Klassenlehrer hatte sich mit der Schulleitung und meinen Eltern gegen diesen Beschluss gestellt und mit Hilfe von einem Anwalt konnte die Abschiebung ausgesetzt werden. Meine Eltern und Klassenlehrer hatten zumindest bei den Behörden eine Aufenthaltsduldung erreicht.

Wie man als Jugendliche mit einer solchen Entscheidungen umgeht, kann man schwer beschreiben. Die Angst irgendwann aus der Schule abgeführt zu werden ließ mich nicht mehr los. Wenn es zu Hause klingelte, hatte ich Angst, die Polizei steht vor der Tür um mich mitzunehmen. Wenn Abends ein Auto vor dem Haus anhielt, bekam ich Angst. Wenn ich auf dem Schulweg ein Polizeiauto sah, fing ich an zu zitieren. Selbst wenn ich mit Freundinnen in der Innenstadt von Stuttgart unterwegs war und einen Polizisten sah, blieb ich stehen und ging in eine andere Richtung oder in ein Geschäft.

Sozialamt Deutschland, dies ist psychische Folter an einem Kind und auch bei den Angehörigen!
In Deutschland steht jedem Kind Kindergeld zu – sollte man meinen. Da mein Aufenthalt in Deutschland nicht „ordnungsgemäß zugeordnet werden könne“, bekamen meine Eltern noch nicht einmal Kindergeld für mich. Auch bei den Schulbücher gab es keine Unterstützung.

In den nächsten drei Jahren hatten meine Eltern alles nur erdenkliche unternommen, dass ich die Niederlassungserlaubnis
bekomme. Meine Eltern hatten diese einige Jahre vorher beantragt und auch genehmigt bekommen.
Milad wollte unbedingt ein eigenes Haus haben. Dies ist auf einer Bank kaum zu finanzieren, wenn man nicht „ordnungsgemäß zugeordnet werden könne.“ Selbst bei der Pacht für einen Schrebergarten ist es ohne deutschen Pass (Niederlassungserlaubnis) mitunter schwierig.
Ausländer, Flüchtlinge oder Migranten, die einen guten Job haben, sich vollkommen integriert haben (Anm. meine Eltern sind vermutlich schwäbischer als ein ganzer Straßenzug in Stuttgart) und bei allen Nachbarn sehr beliebt sind, und man bekommt von Deutschland kaum eine Anerkennung oder Schrebergarten.

Da meine Leiblichen Eltern in Afghanistan lebten und ich / wir auch Kontakt zu ihnen hatten, konnte ich von Mila und Milad auch nicht Adoptiert werden. Auch wenn ich ihnen für mein Leben ab 1990 alles zu verdanken habe.

Volljährig Deutsch

Als ich 18 Jahre wurde, bekam ich vom Amt die Bestätigung, dass ich einen deutschen Pass beantragen könne. Dies machte ich auch umgehend, denn ich wollte die Angst einer Abschiebung endlich aus dem Kopf haben.
Mit fast 19 Jahren wurde mir dann in einem Brief mitgeteilt, dass ich nun eine Mitbürgerin der Bundesrepublik Deutschland sei. Mit meinem deutschen Pass und Unbefristeten Aufenthalt in der Bundesrepublik Deutschland, konnte ich für die restliche Zeit meiner Ausbildung Kindergeld beantragen – es waren nur noch fünf Monate.

Ich habe in den 14 Jahren, die ich in Deutschland lebte, bis auf die Möglichkeit eines Schulbesuchs und meine Ausbildung als Bürokauffrau, keine nennenswerte Unterstützung von Deutschland bekommen. Hätte ich damals nicht die private Unterstützung von Liselotte und Mila bekommen, würde ich wohl heute noch auf einen Sprachkurs warten.

Hilf dir selbst, sonst hilft dir niemand

Refugees Welcome – aber sieh zu, wie du zurecht kommst.
Es stimmt, dass man in Deutschland Asyl bekommen kann, denn jeder, der vor Verfolgung oder ernsthaftem Schaden aus seinem Herkunftsland flieht, hat das Recht, einen Antrag auf internationalen Schutz zu stellen. Asyl ist ein Grundrecht und es ist eine internationale Verpflichtung der Vertragsstaaten des Genfer Abkommens über die Rechtsstellung der Flüchtlinge von 1951 – zu denen auch die Mitgliedstaaten der EU gehören.
Mit der Richtlinie 2011/95/EU, den sogenannten subsidiären Schutz, erhalten Personen denen im Rahmen des Asylverfahrens weder der Flüchtlingsschutz noch die Asylberechtigung zuerkannt wurde oder wird, denen im Herkunftsland aber ein ernsthafter Schaden droht, z.B. durch einen Krieg oder Bürgerkrieg. Wie Behörden in Deutschland auf die Idee gekommen sind, dass zum Beispiel Afghanistan ein sicherer Herkunftsland sei, hat sich mir bis dato noch nicht erklärt.

Migranten die einen Asylantrag in Deutschland gestellt haben, stehen vor einem Berg an Bürokratie, die kaum zu fassen ist. Zum nächsten gibt es von staatlicher Seite kaum Unterstützung durch Sprachkurse oder Integrationsprogramme. Wenn private oder kirchliche Einrichtungen nicht wären, würden Millionen Migranten kein deutsch sprechen, hätten keine Arbeit und noch nicht einmal ein Dach über dem Kopf.
Es ist Lobenswert, dass man als Aslysteller_in in einer Turnhalle schlafen kann oder in Gefängnisartigen Lager untergebracht ist. Dies ist aber nicht zielführend und zudem Menschenverachtend. Jene allgemeine Asylantragsteller_in findet sich damit ab, denn sie oder er hoffen auf bessere Zeiten.
Man wird von dem einen Bundesland in das nächste verfrachtet oder in dem Bundesland von A über B nach C geschafft. Da spielt es keine Rolle ob man in der Schule, Ausbildung oder Beruf steht.

Wie soll man sich integrieren, wenn man mit einer Horde unterschiedlichster Kulturen und Menschen in einem Lager ist, welches wohlwollend in einem Industriegebiet, ehemalige Kaserne oder abseits einer Ortschaft oder Stadt befindet? Spannungen entstehen automatisch, denn zum einen haben die Menschen keine Aufgaben und Angebote und zum anderen sind sie der Willkür von unterbezahlten Security Leuten und überlastenden Mitarbeiter von Behörden ausgeliefert.

Flüchtlinge im Jahr 2015

Die Flüchtlingswelle

Der Sommer 2015 ist vielen noch in Erinnerung, als sehr viele Flüchtlinge aus Syrien sich auf den Weg nach Europa machten. Es begann als Flüchtlingsstrom, wurde dann eine Welle und endete als Flut.
Man beachte die Steigerung dieser Flucht von Menschen von dem Krieg in Syrien. Ich kann mich nicht erinnern, dass mit der Vertreibung oder Ende des zweiten Weltkriegs der Begriff Flüchtlingsflut genannt wurde.
Im Sommer 2015 war ich in Deutschland  auf Urlaub bei meinen Eltern und erlebt wie Landsleute aus Afghanistan mit ein paar Plastiktüten und völlig erschöpft in Notunterkünfte ankamen. Ich erlebte Menschen die helfen wollten, aber auch an ihre Grenzen kamen und Menschen die in einer überheblichen Arroganz agierten, als ob diese das Rad erfunden hätten.

Mit oftmals völlige Ohnmacht stand man den Flüchtlingen gegenüber. Ob nun im medizinischen Bereich oder bei der Bewältigung von einfachsten hygienischen Mitteln. Wenn hunderte oder gar tausende Menschen in eine Notdürftig hergerichtete Unterkunft kommen, sollte zumindest eine Infrastruktur stehen. In welchem Zustand Duschen und Toiletten bei einem solchen Andrang waren, kann sich wohl jeder vorstellen. Warum hatte damals die Regierung nicht den Katastrophenschutz, THW oder Bundeswehr von Anfang an mit ins Boot genommen?

Deutschland im Herbst 2018

Da ich meine Urlaube in Deutschland schon früh genug meinen Eltern und Freunden mitteilte, bekam ich im Vorfeld schon einige Mails, mit Bitte zur Kenntnisnahme oder ob und wie weit ich etwas erreichen könnte.
Eine Mail von Yvonne Dellinger, der Tocher meines ehemaligen Klassenlehrer, beschäftigte mich einige Tage.
Eine junge afghanin sei seit drei Jahren in Deutschland in einer mittelhessischen Stadt und sollte trotz psychischen Trauma abgeschoben werden.
Ich rief Yvonne an und fragte nach dem Aufenthaltsort der jungen Frau und ob sie etwas genaueres über deren Traumata wisse. In Afghanistan und auf der Flucht wäre sie mehrfach Vergewaltigung worden und nach ihrer Einreise in Deutschland hätte man sie in einer psychiatrischen Klinik untergebracht.
Nach zig Telefonaten und mehreren Mails, war die Stellvertretende Ärztliche Direktorin der Psychiatrie bereit, im Rahmen der ärztlichen Schweigepflicht, mit mir zu reden.
Was mir erzählt wurde, kannte ich von weit über eintausend Fälle in gleicher oder ähnlicher Form aus Afghanistan. Die Ärzte in Deutschland konnten durch die Sprachbarriere jener Frau kaum helfen, was auch irgendwo völlig verständlich ist. Auch die Gespräche mit einer Dolmetscherin brachten nicht den gewünschten Erfolg, denn es macht kaum Sinn, wenn die Therapie ständig durch nachfragen von dritten unterbrochen wird. Dieses Problem der Traumabewältigung gilt im Übrigen für fast alle Länder. Es sei denn, man hat das große Glück, eine Ärztin/Arzt oder Therapeut_in aus dem gleichen Land zu treffen. Jedenfalls vereinbarte ich mit der Stellvertretenden Direktorin einen Termin für in sieben Wochen.

Mit meinen drei Leiterinnen der Psychologischen Abteilung in Afghanistan besprach ich den Fall von jener jungen Frau und welche Möglichkeiten sie sehen würden. Eine Rückführung über unsere Stiftung wäre die letzte Option und dies wollte ich auch nicht.

Gefangen in Deutschland

Drei Tage nach meiner Ankunft in Deutschland, fuhr ich die 300 Kilometer zu jener Klinik in Mittelhessen, um evtl der jungen Frau irgendwie helfen zu können.
Durch die vielen Gespräche und Mails mit der Stellvertretenden Direktorin, Dr. Linden, hatte sie einen sehr guten Einblick zu meiner Person und Arbeit. Ich bin keine ausgebildete Psychologin, kann aber einige Qualifikationen und eben sehr viele Erfahrungsberichte nachweisen. So kannte ich die psychologischen Gutachten jener Frau und musste bei dem Treffen nicht von Null anfangen. Auch hatte ich in den vergangenen Wochen öfters mit der jungen Frau via Skype reden können. Sie sah einen Hoffnungsschimmer für sich und ihre Situation, wenn wir uns endlich persönlich treffen.
Noch in Afghanistan nahm ich auch Kontakt zu meiner Freundin und Kollegin in den Niederlanden auf. Marpe de Joost ist promovierte Psychologin und leitete mit ihrem Vater eine Kinder- und Jugendeinrichtung für Flüchtlingskinder. In der Einrichtung sind auch Mitarbeiterinnen die paschtu können. Mein Gedanke war, dass ich jene junge Frau in die Niederlande zu eben jener Einrichtung bringen möchte. Was in einem laufenden Asylverfahren auch nicht ganz einfach ist. Meine juristische Fachabteilung in Afghanistan hatte sich aber schon darum gekümmert, somit war den Behörden in Deutschland und den Niederlanden dieser Fall bekannt.

In der Klinik traf ich jene Frau aus Afghanistan in einem schönen, mit Blumen und Bilder dekorierten Raum. Ich stellte mir Psychiatriesche Kliniken immer als kahle und kalte Gebäude vor.
Vor mir saß eine 25-jährige Frau, die zum einen schwerste Traumata durch den alltäglichen Terror in Afghanistan, mehrere Vergewaltigungen und auch Suizidversuche hinter sich hatte. Ein gebrochener Mensch, der nur in Frieden leben wollte, wurde zu einem seelischen Wrack.
Nach mehreren Stunden des zuhörens von einem menschlichen Alptraum, sprach ich mit einer Oberärztin und der Stellvertretenden Direktorin über die Erlebnisse jener Frau. Einiges war ihnen durch eine Dolmetscherin bekannt. Da die Dolmetscherin zwar aus Afghanistan kam, aber dari, also die andere offizielle Sprache des Landes sprach, konnte sie nicht alles 1:1 übersetzten oder wiedergeben.
In der Klinik war eine schwerst traumatisiert Frau, der man helfen wollte – aber es gar nicht konnte.
Da nach dem deutschen Strafgesetzbuch nach § 177: Sexueller Übergriff; sexuelle Nötigung; Vergewaltigung, zwar bei dieser Frau vorlag, diese aber nicht in der Bundesrepublik Deutschland stattgefunden hatten, kann ein solches Verbrechen an der Frau auch nicht von einer Staatsanwaltschaft angeklagt werden.

Noch am gleichen Abend schrieb ich meine Einschätzung zu jener Frau und bat das Hessische Ministerium für Soziales und Integration für einen sogenannten
Konventionspass. Dieser ist ein Passersatz, der an Flüchtlinge im Sinne der Genfer Flüchtlingskonvention ausgestellt wird. Ich wollte der jungen Frau helfen und dafür müsste sie aber in die Niederlande.

Am Ende der Woche hatte ich eine Zusage aus Wiesbaden bekommen, dass mein Gesuch für jene Frau als positiv gewährt wurde und man meinem Antrag auch stattgeben würde – es macht schon einen Unterschied, wer ein Schreiben für Asylsuchende unterschreibt.
Mir ist durchaus bewusst, dass es tausend, ja sogar Hunderttausende solcher Fälle in Europa gibt, und diese Menschen sehr oft ohne Hilfe solche Traumata mit sich selbst ausmachen müssen, weil es an geschulten Personal oder Hilfsprogramme fehlt. Auch ist die sehr komplizierte Gesetzgebung in Europa mit verantwortlich.

Der europäische Irrsinn für Asylsuchende

In den 90er-Jahren hat die Europäische Union begonnen, eine eigene Politik und Instrumente zu entwickeln, um auf die globalen Herausforderungen der Migration eine europäische Lösung zu haben. Das Ziel war die Errichtung eines gemeinsamen Europäischen Asylsystems, auch GEAS genannt. Im Rahmen dieses Projektes hat die EU in den letzten Jahren eine Reihe von Richtlinien und Verordnungen verabschiedet, die zu einer schrittweisen Harmonisierung und Vereinheitlichung der nationalen Asyl- und Migrationspolitik führen sollte.
Die sogenannte Flüchtlingskrise hat seit 2015 die Schwächen des Systems sichtbar werden lassen und die Zahl der Reformvorschläge rapide ansteigen lassen. Gleichzeitig sind aber im Zuge dieser Krise tiefe Gräben und Konflikte zwischen einzelnen EU-Staaten entstanden, welche in Folge sogar gegen geltende Menschenrechtsbestimmungen verstoßen haben.

Der bulgarische Politologe Ivan Jotov Krastev beschreibt die bis heute spürbaren Folgen des Zerwürfnisses in seinem Buch Europadämmerung: ein Essay, aus dem 2017, als „bittere Spaltung der Europäischen Union und eine Wiederbelebung der Ost-West-Spaltung, die 1989 überwunden wurde“.

Das Dublin Übereinkommen aus dem Jahr 1990, sollte eigentlich einen Schritt in die Europäisierung  der ursprünglich rein national organisierten Asylpolitik sein. Mit diesem Übereinkommen wurde festgelegt welcher europäische Staat für die Bearbeitung eines Asylantrags zuständig ist. Damit sollte sichergestellt werden, dass Geflüchtete, die Schutz suchen und in einem EU-Land zum ersten Mal europäischen Boden erreichen, die Garantie haben, dass ein EU-Staat die Verantwortung für das Asyl-Verfahren übernimmt.
Mit dem Schengen-Abkommen von 1985 sind in Europa Schrittweise die Grenzen und somit auch die Grenzkontrollen gefallen. Somit ist eine nationale Zurückweisung von einzeln Staaten an den europäischen Außengrenzen nicht so ganz einfach. Flüchtlinge welche die griechisch-türkische Grenze überschreiten und auf griechischen Staatsgebiet um Asyl bitten, werden zwar zunächst von den örtlichen Behörden versorgt – da sie aber mit ihrem Grenzübertritt den europäischen Schengen-Raum betreten haben, erledigen die griechischen Grenzbeamten diese Anträge im Auftrag der gesamten EU. Europa ist das Ziel der Flüchtlingen, die vor Terror und Krieg aus ihren Heimatstaaten fliehen und in Europa Schutz suchen – und nicht Griechenland. Das gilt auch für die Menschen, die über das Mittelmeer fliehen und dann in Italien oder Malta ankommen. Jene Staaten sind alleine durch ihr BIP gar nicht in der Lage, die Flüchtlinge aufzunehmen.

Die kosmopolitische Solidarität

Mit der Schaffung der Grenzschutzbehörde Frontex und EASO (European Asylum Support Office) wurden weitere Hindernisse für Flüchtlinge geschaffen.
Frontex steht seit Jahren in der Kritik  dass es bei Operationen im Mittelmeer zu illegalen Zurückweisungen von Flüchtlingen kommt und dass es eine Zusammenarbeit zwischen Frontex und der libyschen Küstenwache gibt.

In der europäische Politik taucht immer wieder mal der Begriff: Festung Europa, auf. Lara Möller und Julian Bruns vom mosaik-blog.at, weisen darauf hin, dass der Begriff: Festung Europa, auf das NS-Regime zurückgeht: „Wenigen ist bei der ‚Festung Europa‘ wohl bewusst, dass es sich um einen NS-Begriff handelt. In diesem Sinne war er eine Metapher, welche zu Beginn des Zweiten Weltkriegs für die ‚Stärke gegen die Alliierten‘ stand. Hitler erklärte die von den Nazis besetzten Gebiete Europas zur ‚Festung‘, welche gegen die Invasion der Alliierten zu verteidigen sei.“

Die promovierte Politikwissenschaftlerin Annegret Bendiek schreibt in ihrem Buch: Europa verteidigen: „Die Flüchtlingskrise habe nur allzu deutlich vor Augen geführt, dass es kaum Solidarität zwischen den Mitgliedstaaten der EU gibt. Seit September 2015 haben Länder der Union wie Ungarn, Slowenien, Österreich und Kroatien nach eigenem Ermessen auf die Flüchtlingsströme reagiert, überwiegend ohne sich mit betroffenen Nachbarstaaten abzusprechen. Sie schlossen ihre Grenzen teilweise oder ganz und verlagerten das Problem damit auf ihren nächsten südostwärts gelegenen Nachbarn.“

In ihren Buch weiß Bendiek darauf hin, dass es neben einer „nationalistischen“ und „europäischen“ Perspektive von Solidarität auch eine „kosmopolitische Solidarität“ gebe. Eine kosmopolitische Konzeption weist „jede unterschiedliche Behandlung von Menschen zurück, die mit Kriterien wie Nationalität begründet wird.“ Solidarität in diesem Sinne heißt, dass die EU-Mitgliedstaaten eng mit dem UNHCR zusammenarbeiten.

Den Großbrand im Lage Moria auf der Insel Lesbos, im September 2020, haben wir alle noch vor Augen. Es wurde mit einem Schlag die katastrophalen Zustände in diesem Lager bekamnt und man sah das völlige politische Versagen von Europa. Die Glaubwürdigkeit der europäischen
Wertegemeinschaft, die sich für Menschenrechte und ein humanititäres Flüchtlingsrecht einsetzt, stand bildlich in Flammen.

Kein Mensch flieht ohne Grund

Nila Khalil, Mitglied der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen in Genf, Den Haag, 13. März 2022

Quellen

– Annegret Bendiek: Europa verteidigen
Kohlhammer Verlag, 2018
ISBN 978-3-17-034845-5

– Ivan Krastev: Europadämmerung: ein Essay
Suhrkamp Verlag, 2017
ISBN 9783518127124

– mosaik-blog.at

Weiterführend zwei Artikel über die Probleme der Gesellschaft in der Europäischen Union

https://naike-juchem.com/2021/07/03/die-probleme-der-gesellschaft-in-der-europaeischen-union/

Die Probleme der Gesellschaft in der Europäischen Union

111 Jahre Weltfrauentag

111 Jahre Weltfrauentag

Vor genau 111 Jahren wurde der erste Weltfrauentag gefeiert. Nun, ich mag mir gerade vorstellen welch ausgelassene Stimmung auf den Straßen war, als Horden von Frauen für ihre Gleichberechtigung, Rechte und Anerkennung mit bunten Transparenten und Konfetti durch die Straßen zogen. Weg vom Herd – rein in die Gesellschaft. Gleiche Rechte wie Männer, gleiche Bezahlung wie Männer und gleiches Mitspracherecht in der Gestaltung von Demokratie.

Autorinnen Naike Juchem und Nila Khalil

Nun, es war offensichtlich nicht so, denn sonst würde weltweit nicht immer wieder auf eben jene Punkte hingewiesen werden.
Natürlich darf man in den letzten 111 Jahren die Erfolge für Frauen nicht vergessen, aber die negativen Tatsachen auf der anderen Seite der Waagschale sind um ein vielfaches höher.
Frauen erleiden weltweit heute noch Folter, Gängelungen, Gewalt und Vergewaltigung.  Dies sind nur drei von unzähligen Formen der Folter in China, Nordkorea, Syrien, Türkei, Iran, Afghanistan, Kongo, Ruanda, Sudan, Nigeria, Venezuela, Belarus….
Gewalt an Frauen passiert aber auch in Deutschland, Frankreich, Belgien, Niederlande, USA usw.

Natürlich ist dies eine andere Form der Gewalt – aber, Gewalt bleibt es so oder so!
Der Mann nimmt sich das Recht heraus, eine Frau als sein Besitz oder Lustobjekt anzusehen. Die Macht über das „schwache“ Geschlecht auszuüben bringt Genugtuung, Befriedigung und Orgasmus. Dieses Denken der Macht geht bis weit in die Antike zurück.

Doch zurück ins 21. Jahrhundert.
Frauen sind immer noch schlechter Bezahlt als Männer. Frauen gibt man öfter keine Vollwertigen Jobs. Frauen kämpfen für ihre Karriere um ein vielfaches mehr als Männer. Eine deutsche Partei hatte vor nicht all zu langer Zeit den Rückkehr zum Herd auf ihren Wahlplakten gefordert.  Das jene Partei sich im eine längst abgeschlossene Epoche zurücksehnt ist allgemein bekannt. Das jene Partei ein nicht gerade positives Bild von Frauen hat, zeigt doch schon deren Gedanken zurück zum Herd und Familie.

Frauen leisten in alle Kulturen und Religionen unglaubliches und es wird kaum wahrgenommen: Kinder bekommen und erziehen, Haushalt managen und noch den Beruf unterbringen. Frauen kämpfen immer noch für ihre Gleichberechtigung im Job. Frauen engagieren sich in der Gesellschaft, Kirche, Kultur und Politik. Frauen gestalten.

Frauen in der Religion

Frauen erfahren unsägliches Leid in und durch den „Glauben“ von Religionen. Natürlich wird sofort auf den Islam gezeigt. In der katholischen Kirche sind  Frauen heute noch weit von einer Gleichberechtigung entfernt.
Unter Berufung auf die kirchliche Tradition lehnen die römisch-katholische Kirche – die im Übrigen darauf verweist, dass der Priester bei der Heiligen Messe in persona Christi handele und daher männlich sein müsse und dass Frauen daher auch nicht die Homilie der Heiligen Messe halten könnten – die orthodoxe Kirche und die selbständig evangelisch-lutherische Kirche sowie die meisten evangelikalen Gemeinden die Frauenordination ab. Als wesentlicher Grund für die Ablehnung wird der fehlende Auftrag Jesu Christi genannt. Die katholische Kirche sehe sich daher und weder aus der Praxis Jesu noch aus der kirchlichen Tradition heraus ermächtigt, Frauen zum Priesteramt zuzulassen. Sie weist auch darauf hin, dass ihr der Grund, weshalb Jesus keine der Frauen, die ihm nachfolgten und dienten, zu Apostelinnen machte.

Die Taliban bestraft eine Frau. September 2021

Frauen im Isalm

Vor Gott gleichberechtigt, doch der Mann erbt mehr

Männer und Frauen sind vor Gott beide gleich und deshalb auch gleichberechtigt, sagt der Koran. Darin sind sich Islamwissenschaftler einig.

Doch weil Mann und Frau sich körperlich unterscheiden und deshalb verschiedene Stärken und Schwächen haben, hat Gott ihnen laut Koran unterschiedliche Aufgaben zugeteilt. Die Rechte des einen ergeben daher nach der Lehre des Korans auch die Pflichten des anderen und umgekehrt.

Der Mann etwa ist im Islam verpflichtet, allein für den Unterhalt seiner Familie zu sorgen. Er muss sich vor Gott dafür verantworten, dass es seiner Familie gut geht. Wenn eine Frau dagegen durch ihre Arbeit eigenes Geld verdient, braucht sie davon nichts an die Familie abzugeben.

Deshalb werden Männer und Frauen bei der Erbfolge auch unterschiedlich berücksichtigt: Frauen erben nur die Hälfte des Vermögens, das einem Mann zustehen würde, weil er davon auch seine Angehörigen mitversorgen muss.

Die Frau dagegen trägt die Hauptverantwortung für das Wohl der Kinder. Gerade in den ersten Jahren ist sie die wichtigste Person im Leben ihrer Kinder.

Dass eine Mutter ihr Baby stillen soll, wenn sie dazu in der Lage ist, steht ausdrücklich im Koran – und auch, dass sie dafür bei einer Scheidung sogar eine finanzielle Entschädigung von ihrem Exmann einfordern darf (Sure 65:6).

Ein Mann darf laut Koran mehrere Frauen heiraten, muss sie dann aber sowohl finanziell als auch emotional gerecht und gleich behandeln. Frauen dürfen nicht mehrere Männer gleichzeitig haben, aber sie dürfen selbst entscheiden, wann und wen sie heiraten. Und sie haben das Recht, ihren Mann per Ehevertrag davon abzuhalten, weitere Frauen zu heiraten.

Das steht in den Überlieferungen des Propheten Mohammed. Auch eine Scheidung ist erlaubt und darf laut Sure 2:227 von beiden Seiten ausgehen.

Doch im Koran gibt es auch einige Passagen, die manchmal als Beweis der Überlegenheit von Männern gegenüber Frauen ausgelegt werden. Sure 4 spricht zum Beispiel davon, dass die Männer „über den Frauen stehen“, was viele Gelehrte so verstehen, dass die Männer über die Frauen bestimmen dürfen. Und in der gleichen Sure wird den Männern auch erlaubt, „widerspenstige Frauen“ zu ermahnen, sie im Ehebett zu meiden und auch zu schlagen.

Der Alltag von muslimischen Gläubigen wird – wie der von Christen auch – nicht nur von religiösen Texten, sondern auch von jahrhundertealten Traditionen geprägt. Deshalb unterscheiden sich Theorie und Praxis in vielen Lebensbereichen, und viele Frauen werden durch kulturelle Traditionen viel stärker in ihrem Alltagsleben eingeschränkt, als es der Koran vorsieht.

Frauen im Hinduismus

Indien ist ein Land voller Widersprüche. Indien ist Wirtschafts- und Atommacht und unterhält ein ambitioniertes Weltraumprogramm. Frauen sind im modernen Indien als Managerinnen, Ärztinnen, Ministerinnen, Diplomatinnen, Richterinnen oder Journalistinnen aktiv. Schon vier Jahrzehnte bevor in Deutschland mit Angela Merkel erstmals eine Frau als Bundeskanzlerin antrat, wurde Indira Gandhi Regierungschefin Indiens. Dies ist die eine Realität auf dem Subkontinent; doch eine andere lässt Millionen Frauen in Unterdrückung und Sklaverei verharren.
Hindu-Traditionalisten verehren Frauen zwar als dienende Gattinnen und respektieren sie in ihrer Mutterrolle, verweigern ihnen aber die Anerkennung als eigenständige Individuen. Dabei berufen sie sich auf eine Basisschrift der Hindu-Religionen, das Gesetzbuch Manus. Das Werk fußt auf mündlichen Überlieferungen, die von mehreren Autoren zwischen 200 vor und 200 nach Christus zusammengetragen wurden. Die Gebote Manus, die als Wegweiser im Dickicht religiöser, ethischer und sozialer Fragestellungen dienen, haben sich tief in die Psyche der Hindu-Gesellschaft eingebrannt.

Nach Manu ist die Frau schwach, es ist ihre „Natur, dass sie die Männer verdirbt“. Frauen sollen nicht selbständig handeln, nicht einmal in den eigenen vier Wänden. Es gilt das Vormundschaftsprinzip: Das Mädchen wird vom Vater kontrolliert, die Frau vom Gatten, die Witwe von den Söhnen. Einem Ehemann wird göttlicher Status zugesprochen: Die Frau hat den Dienst an ihm als persönlichen Gottesdienst zu verstehen – „auch dann, wenn er keine guten Eigenschaften besitzt“. Nach seinem Tod soll sie fortwährend Trauer tragen.

Religiös mündig kann eine Frau ebenfalls nicht sein, Mädchen werden deshalb von der Upanayana, einer Art Jugendweihe, ausgeschlossen. In der Kastenhierarchie wird die Frau auf der Ebene der Knechte (Sudras) eingruppiert.Die der Frau zugewiesene Rolle der Dienerin wird auch in einer anderen für die Hindu-Religiosität bedeutsamen Schrift, der Bhagavad Gita, hervorgehoben. Die Gita zeigt Wege zur Erlösung auf.

Frauen im Buddhismus

Im Buddhismus sind Frauen und Männer im Alltag oft gleich gestellt. Aber es werden ihnen sehr unterschiedliche Eigenschaften zugesprochen.
Buddhisten sind sich nicht ganz einig, wie sie zu den Rollen von Männern und Frauen stehen. Manche sind der Meinung, Männer stünden auf einem höheren Rang als Frauen. Andere halten davon nichts. Allerdings weisen viele Buddhisten Männern und Frauen unterschiedliche Eigenschaften und Fähigkeiten zu.
Frauen sind danach: weich und fürsorglich. Sie kümmern sich darum, dass alle satt werden und können sich gut auf andere Menschen einstellen und mit ihnen leiden.

Männer sind nach dem buddhistischen Glauben stark und packen gerne mit an. Sie sind hart im Verhandeln,
gleichgültig gegenüber anderen und haben weniger Selbstdisziplin.

Das religiöse Weltbild von Mann und Frau zieht sich so durch alle Weltreligionen.

Frauen und Bildung

Ein großer Unterschied zeigt sich bei der Schulbildung gerade in den islamisch geprägten Ländern.
Laut Koran hat Gott Männern und Frauen gleichermaßen befohlen, sich weiterzubilden. „Das Streben nach Wissen ist eine Pflicht für jeden Muslim, Mann oder Frau“, sagte auch der Prophet Mohammed im 7. Jahrhundert.
Aber tatsächlich bleibt vielen muslimischen Mädchen bis heute eine umfassende Schulausbildung verwehrt. Schließlich bedeutet ein längerer Schulbesuch gerade in ländlichen Gegenden oft, dass die Mädchen in eine andere Stadt ziehen müssten und damit nicht mehr in der Obhut der Familie stünden. Oft schreibt auch die Tradition vor, dass Mädchen nur von Frauen unterrichtet werden dürfen. Deshalb gehen die Mädchen in Ländern wie Afghanistan
oder Pakistan meist nur einige Jahre zur örtlichen Schule. Danach bleiben sie wieder zu Hause, um der Mutter zu helfen und alles zu lernen, was sie für Haushaltsführung und Kindererziehung wissen müssen, bis sie mit 16 bis 20 Jahren verheiratet werden.
In Afghanistan gibt es zwar ein Gesetz, dass Mädchen erst ab 16 Jahren verheiratet weden dürfen, aber aus der Armut vieler Familien heraus, werden Mädchen bereits mit der Vollendung des 10. Lebensjahr verheiratet. Viele der Stammesältesten berufen sich bei dieser „Eheschließung“ auf Aischa bint Abi Bakr, die als dritte und jüngste der zehn Frauen des islamischen Propheten Mohammed bei jener Eheschließung 10 Jahre alt gewesen sein sollte. Diese „Eheschließung“ war um das Jahr 624 n. Chr.
Fast 1400 Jahre später gibt es nach Schätzungen der UN weltweit 650 Millionen Kinder- Zwangsehen. Auch wenn es mittlerweile einigen AktivistInnen in Malawi, Sudan, Nigeria, Mali, Afghanistan und Pakistan gibt, die erfolgreich Kinderehen annullieren und unter Strafe stellen, sind es leider nur Wassertropfen in einem Meer.

Bildung für Mädchen muss auf der Agenda für eine besser Zukunft ganz oben stehen und dafür müssen Frauen an die Macht um endlich von dem Frauenverachtenden Weltbild aller Religionen Abstand zu bekommen.
In einer Gesellschaft, die Frauen als Dienerinnen des Mannes betrachtet, Söhne verhätschelt und Töchter vernachlässigt, ist es kaum verwunderlich, dass Frauen, die es wagen, den häuslichen Schutzraum zu verlassen, als Freiwild betrachtet werden. Sexuelle Belästigung, Bedrohung und (Gruppen-)Vergewaltigung sind Mittel, um Frauen zu disziplinieren und sie aus dem öffentlichen Raum herauszuhalten. Männliche Machtpositionen sollen so gesichert werden.

Vergewaltigung als Kavaliersdelikt

Spektakuläre Fälle wie die Vergewaltigung und Ermordung einer Studentin in Indien im Jahr 2012 oder Übergriffe auf Touristinnen haben weltweit für Aufsehen gesorgt und in Indien Massenproteste ausgelöst. Vor Gericht gaben die Täter Einblicke in ein – aus westlicher Sicht – abstruses Wertesystem, das Frauen die Schuld an einer Vergewaltigung zuweist.

In Afghanistan ist es durchaus üblich, dass „Ehefrauen“ die keine guten (sexuellen) Qualitäten aufbringen,  von ihren Männern getötet werden und die Männer straffrei bleiben.

In vielen Ländern südlich der Sahara werden täglich Mädchen verschleppt um von Rebellen oder Milizen als „Stimmungsmacher“ der Männerhorden zigfach vergewaltigt und anschließend ermordet zu weden.

In Deutschland gibt es sogar Gerichtsurteile, die nach einer Vergewaltigung der Frau freizüglichkeit vorwerfen.

Der Weltfrauentag steht am 8. März im Zeichen für all diese Gewalt gegen Frauen und es wäre zu wünschen, wenn wir den nächsten Weltfrauentag in Frieden, Gleichberechtigung und Wertschätzung feiern können.

Naike Juchem und Nila Khalil am Weltfrauentag 2022

Quellen:
– Dissertation von Manfred Hauke: Die Problematik um das Frauenpriestertum vor dem Hintergrund der Schöpfungs- und Erlösungsordnung .

– Volker Eklkofer: Frauen im Hinduismus
– Religionen-entdecken.de

Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte

In Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte heißt es: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sind sie dies wirklich?

Autorinnen Cosima Schayani und Naike Juchem

Seit die ersten Boote in den ersten Jahren des neuen Jahrtausend in Lampedusua angekommen waren, hat sich Europa nicht sehr um die Aufnahme von Flüchtlingen gekümmert. Italien stand mit dieser Situation ziemlich alleine da.

Als 2011 der Krieg in Syrien begann, sind die ersten Menschen aus Syrien in die Nachbarländer geflüchtet, weil sie alle auf ein baldiges Ende hofften, um in ihre Heimat zurückkehren.  Mit einer immet größeren Ausweitung des Krieges flohen immer mehr Menschen aus Syrien. In den Nachbarländern war die politische Lage auch sehr instabil und die ersten Flüchtlinge kamen über die sogenannte Balkanroute nach Europa. Refugees Welcome, war auf Plakaten zu lesen oder auch das krasse Gegenteil. PEGIDA formte sich und demonstrierte öffentlich ihren Hass gegen Flüchtlinge. Die AfD schlug selbstverständlich in die gleiche Kerbe und bekam in einigen Teilen von Deutschland einen ordentlichen Zuwachs an Sympathisanten.

In den Jahren danach flohen durch Terror, Krieg und Umweltverschmutzung immer mehr Menschen aus West- und Zentralafrika, Afghanistan, Iran, Irak…. Tausende Menschen sind im Mittelmeer ertrunken. Tausende Menschen sind auf der Flucht an Hunger, Strapazen oder Folter gestorben. Tausende Menschen haben alles zurückgelassen, um in Frieden und Freiheit leben zu können. Tausende Menschen vegetieren seit Jahren in Flüchtlingslager vor den Toren von Europa. Tausende Menschen werden von Staaten kreuz und quer durch Europa geschickt, weil kein Land sie haben möchte oder wegen irrsinniger Bürokratie diese Menschen in dem Land einen Asylantrag stellen müssen, wo sie als erstes Europa betreten haben. Noch mal zur Erinnerung, alle Staaten in Europa haben die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte unterschrieben!

Menschen werden wie Spielfiguren hin und her geschoben. Menschen die sich integriert haben, werden wieder abgeschoben. Was soll dies?

Hunderttausende Kinder können wegen Krieg und Terror nicht mehr in die Schulen gehen. Tausende Kinder sitzen in Flüchtlingslager fest und haben in ihrem Leben noch nie ein Schule gesehen. Andere Kinder sind auf sich allein gestellt. Was diesen Menschen schon seit Jahren an Bildung fehlt, bekommen sie niemals wieder nachgeholt. Europa sucht Fachkräfte und verwehrt Kinder die Bildung, nur weil diese aus Afghanistan, Irak, Syrien oder Eritrea kommen.

Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.

Die Würde von Flüchtlingen wird in großen Teilen von Europa mit Füßen getreten. Rechte werden ihnen abgesprochen.

Meine Eltern sind 1980 aus dem Iran geflohen und fanden in Deutschland eine neue Heimat. Beide sind Rechtsanwälte und kämpfen in den frühen 80er Jahre für Menschenrechte im Iran. Das Ministry of Intelligence of the Islamic Republic of Iran, auch MIOS genannt, hat einen langen Arm, der auch bis in einen Vorort von Stuttgart reichte und meine Eltern bedrohten. Da ich 1986 geboren wurde, hatte der MOIS ein Druckmittel gegen meine Eltern, wodurch sie dann ihre Aktivitäten gegen das Regime in Teheran einstellten. Bis weit in die 90er Jahre wurden meine Eltern vom MOIS beobachtet. Als ich mit dem Jurastudium anfing, wurde auch ich Ziel vom MOIS. In Teheran hatte man Angst, dass ich die Arbeit meiner Eltern fortführen und mein Wissen gegen die Mullahs einsetzen würde. Wenn wir uns mit Mitarbeiter vom BND trafen, wurden oft nur die Schultern hoch gezogen. Sicherheit in Deutschland? Weit gefehlt.

Ja, auch meine Eltern sind geflüchtet und haben in den letzten 42 Jahren ihren Teil an die Gesellschaft in Deutschland beigetragen. Auch sie waren Flüchtlinge und hatten damals ihre Chance bekommen. Heute sind Menschen aus Muslimischen Ländern nicht so sehr willkommen. Meine Eltern, wie auch ich sind keine Muslime und trotzdem kommen Flüchtlinge aus dem Nahen Osten sofort in die gleiche Schublade. Die BILD titelt oft genug, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre.

Bei den Flüchtlingen aus der Ukraine, die mehrheitlich Ukrainisch-Orthodoxe sind, zählt diese Glaubensrichtung nicht – vorerst. Auch bei diesen Flüchtlingen wird es in naher Zukunft Widerstand geben, denn es sind ja Ausländer oder Schmarotzer oder Kriminelle.

Kein Mensch flieht ohne Grund, egal ob aus Kabul, Teheran oder Kiew. Dies müssen auch irgendwann jene begreifen, die in der Schule immer in der letzten Reihe saßen.  Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte gilt für ALLE Menschen!

Wenn wir uns alle zusammen gegen jene Kriegstreiber in Afghanistan, Jemen, Mali, Myanmar, Russland…. stellen,  bräuchte kein Mensch seine Heimat verlassen. 

Cosima Schayani und Naike Juchem, Stuttgart, 5. März 2022

Mobile Krematorien

Mobile Krematorien in China 2020

„Nachrichten sind in bewaffneten Konflikte ein Mittel zur Kriegsführung“

DUŠAN RELJIĆ, Büroleiter der Stiftung Wissenschaft und Politik in Brüssel

Autorin Cosima Schayani

Internationale Medien berichten seit Tagen über mobile Verbrennungsanlage der russischen Armee.

Wenn man sich die Webseite der Firma Tourmaline aus St. Petersburg, oder gar auf YouTube sich ein Video von August 2013 anschauen, in dem gezeigt wird, wie „biologische Abfälle“ entsorgt werden (können) verdichten sich die Berichte über mobile Verbrennungsanlagen in dem aktuellen Krieg in der Ukraine immer mehr

Das St. Petersburger Unternehmen „turmalin“, das sich mit der Einäscherung „auf Rädern“ beschäftigt, veröffentlichte auf seiner Website eine Stellungnahme, dass sich das Unternehmen nicht mit der Einäscherung der Leichen toter Soldaten befasst. Das Statement gibt an, dass mobile Krematorien der Firma auf Lastwagen, Zügen und Lastkähnen betrieben werden können.

Die ukrainischen Behörden haben am Sonntag, den 27. Februar 2022 eine Website eingerichtet, die russischen Familien helfen soll, Soldaten ausfindig zu machen, die bei Moskaus Invasion in der Ukraine getötet oder gefangen genommen wurden.  Die Website enthält Bilder von Dokumenten und Leichen russischer Soldaten, die nach Angaben der Ukraine seit dem Angriff von Präsident Putin getötet wurden.  Des Weiteren enthält die Webseite auch Videos von Soldaten, die die Ukraine nach eigenen Angaben gefangen genommen hat. 

„Ich weiß, dass sich viele Russen Sorgen darüber machen, wie und wo ihre Kinder, Söhne und Ehemänner sind und was mit ihnen geschieht – deshalb haben wir beschlossen, diese Seite online zu stellen, damit jeder von Ihnen nach seinen Angehörigen suchen kann, die Putin in die Ukraine zum Kämpfen geschickt hat.“  Soweit die Stellungnahme von Viktor Andrusiv, einem Berater des amtierenden Innenministers Arsen Awakow von der Ukraine.

Andrusiv bestätigte, dass die ukrainischen Streitkräfte in den vergangenen drei Tagen fast 200 russische Soldaten gefangen genommen hätten und mehr als 3.000 russische Soldaten gestorben seien.

Foto eines mobilen Krematorium aus dem Jahr 2015

In einigen Medien wird taucht in den letzten Tagen öfters die Bezeichnung „Gruz-200“  auf. Dieser Begriff verwendet das sowjetischen Militär für Leichen und geht auf den Afghanistan-Krieg in den 1980er Jahre zurück. Gruz steht für Cargo. Und was für den Transport von Toten verwendet wird, muss ich hier wohl kaum erklären.

Das russische Verteidigungsministerium hat bisher KEINE Angaben zu militärischen Verlusten in der Ukraine gemacht, den Putin als „Sonderoperation“ zum Schutz zweier separatistischer Regionen bezeichnet. 

Der Chef der nordkaukasischen Region Dagestan, Sergej Alimowitsch Melikow, ist ein russischer Offizier und Politiker und seit dem 14. Oktober 2021 fünfter Präsident der Republik Dagestan. Melikow war 2019/20 Abgeordneter im russischen Förderationsrat für die Region Stawropol. Er war stellvertretender Leiter der russischen Nationalgarde und von 2016 bis 2019 Oberbefehlshaber der Nationalgarde. Melikow war von 2014 bis 2016 außerdem Bevollmächtigter des russischen Präsidenten im 
Förderationskreis Nordkaukasus, war am Samstag, den 26. Februar 2022, der erste Offizielle, der den Tod eines russischen Soldaten in der Ukraine meldete. Auf seiner offiziellen Instagram-Seite würdigte er einen Offizier, der bei der „Spezialoperation zur Verteidigung des Donbass“ getötet worden war.

Die Verschleierung des Kreml

Der Kreml hat eine groß angelegte Propagandakampagne gestartet, um die Berichterstattung über den Krieg in der Ukraine zu kontrollieren, und hat die Medien angewiesen, nur die offizielle russische Version der Ereignisse zu verwenden. Moskau wird seit Jahren beschuldigt, die Verluste seiner Streitkräfte zu vertuschen, die die prorussischen Separatisten in der Ukraine unterstützten, oder auch in Syrien kämpften. 

Lew Markowitsch Schlosberg ist ein russischer Journalist und Politiker. Er wurde 2016 er mit dem Boris-Nemzow-Preis für die Freiheit „für außergewöhnlichen Mut im Kampf für demokratische Werte und Menschenrechte und für ein freies Russland“ , ausgezeichnet.
Aufsehen erregte ein Artikel vom 25. August 2014, in dem er über zwei Soldaten aus Pskow berichtete, die wahrscheinlich bei Kämpfen in der Ostukraine getötet worden waren. Daraufhin wurde er 2015 auf Beschluss des russischen Parlaments von seinem Abgeordnetenstatus suspendiert. Ende 2015 kandidierte er vergeblich für den Parteivorsitz von „Jabloko“. 2016 führte er im Auftrag der Partei Gespräche mit anderen oppositionellen Kräften wie etwa PARNAS über ein gemeinsames Wahlbündnis zu den Duma-Wahlen.
Vor einigen Tagen berichtete Schlosberg, oder auch Shlosberg geschrieben, dass das russische Militär mobile Krematorien einsetzt, um Beweise für die in der Ukraine gefallenen Soldaten zu verschleiern. „Es gibt keinen Krieg. Keine Toten. Keine Gräber. Die Menschen werden einfach nicht mehr sein. Für immer“, so weit die Stellungnahme von Lev Shlosberg.

Auch nach Angaben des britischen Verteidigungsministers Ben Wallace könnte das russische Militär in der Ukraine mobile Spezialfahrzeuge einsetzen, um etwaige Verluste im Kampf zu vertuschen.

Mobile Krematorien

Durch die Corna-Pandemie sind viele Länder mit der Bewältigung der Toten an ihre Grenze gekommen. Sehr viele Krankenhäuser standen vor dem Kollaps und es gab und gibt kaum noch genügend Platz auf den Friedhöfen, um die zahlreichen Toten zu begraben, die während der Coronakrise gestorben sind. Somit sind gerade Schwellenländer auf die mobilen Krematorien angewiesen. Diese Krematorien sind in sehr unterschiedlichen Bauarten verfügbar. Von einfachsten Verbrennungsöfen bis hin zu aufwändig eingebauten Einäscherungs Anlagen in Container gibt es alles zu kaufen.

Cosima Schayani, 04. März 2022

Why

Refugees in March 2022 from Ukraine

Why?

All people have the same blood
All human beings have a homeland
All human beings have a right to peace
All people have a right to security

Why?
Why do people shoot at each other?
Why are people being deprived of their homes?
Why are people being deprived of peace?
Why are people being deprived of security?
Why?

Why?
Why do a few people bring so much suffering?
Why do a few people want war?
Why do a few people destroy the dreams of others?
Why do some people have to hate?
Why?

Evke Freya von Ahlefeldt, Tomaszów Lubelski, on 2 March 2020 at the Polish-Ukrainian Border

Ordos, eine Geisterstadt in China

Im Wahn von einem gigantischen Bauboom besessen wurde vor 21 Jahren in der mongolischen Wüste eine Megastadt aus dem Boden gestampft. Der Fund von Fossilie Brennstoffen war der Antrieb für einen Traum, eine neue Stadt zu erschaffen.

Autoren Naike Juchem und Paolo de Santis

Mit der Entdeckung von großen Kohle- und Gasvorräten im Jahr 2000, welches nach einer Schätzung sich um 15 Prozent der gesamten Kohle und 30 Prozent der gesamten Erdgasreserven Chinas handelt, entstand 2001 südlich der mongolischen Stadt Dongsheng, auf folgenden Umstrukturierung und Namensänderung von Dongsheng in Ordos über. Mit der Neufestlegung der Stadtgrenzen von Dongsheng wurde circa 30 km entfernt  entfernt mit dem bau einer Planstadt  begonnen. Die Einparteien Regierung in Peking träumte von einer zweiten Boomtown à la Dubai: Öl, Geld, Luxus und internationaler Jetset. Dies sollte das neue und immer weiter aufstrebende China darstellen. Die Funktionäre aus Peking glaubten, dass die kaufkräftige Mittelschicht Chinas bald in die innere Mongolei nachziehen würde. 10 Jahre nach dem Baubeginn dieser Megastadt lebten nach Angaben gerade mal 5.000 Menschen in der Stadt.

Im September 2015 wurde berichtete, dass die Stadt trotz des geringen Zuzugs weiter auf 1 Mio. Menschen Aufnahmekapazität ausgebaut wurde. Die Stadtregierung habe vieles unternommen, die Bewohner aus den umliegenden Dörfern in die neue Planstadt zu locken. Zusammengenommen sollen nach chinesischen Angaben circa 100.000 Menschen in Kangbashi leben.
Im November 2015 lagen der BBC Schätzungen von Journalisten und Ökonomen eine fünffache niedrigere Zahl vor. Da es für das Jahr 2017 eine offizielle Stellungnahme aus Peking mit einer Einwohnerzahl von 153.000 Menschen gab, ist eine sachliche Objektivität kaum möglich.
Selbst wenn die Zahl aus Peking stimmen sollte, kann man davon ausgehen, dass viele Menschen diesen Schritt nicht freiwillig getan haben.

Die Geisterstadt Ordos

Was die meisten internationalen Medien in der Berichterstattung außer Acht lassen, sind die tatsächlichen Verhältnisse vor Ort und die ganz eigenen Gesetze der chinesischen Stadtentwicklung. Nach diesen ist das Projekt ein voller Erfolg.
Ordos – oder auch gerne als New Ordos proklamiert, ist die gepflegteste Geisterstadt der Welt.

Mit neuster Technologie in Form von
kleinen Windrädern werden die Straßenlaternen betrieben, die öffentlichen Plätze sind säuberlich gefegt und mit Blumen und Kunst geschmückt.

Das Ordos-Museum thront auf einem wellenförmig angelegten Sockel aus hellem Kalkstein, ein protziger, klecksförmiger Baukörper mit Aluminiumverkleidung, der von Chinas aktuellem Architektur-Wunderkind Ma Yansong entworfen wurde. Bei der Gestaltung dieses Bauwerks kann man unterschiedlicher Meinung sein, ob dies nun modern, futuristisch oder sonderbar ist.

Ordos rückte 2009 durch einen Bericht des Fernsehsenders Al-Jazeera ins Licht der Weltöffentlichkeit. Er begann mit der Einleitung: „Willkommen in der Stadt Ordos, der Stadt der Zukunft. Sie ist brandneu und wurde in nur fünf Jahren für geplante eine Million Einwohner errichtet. Aber niemand ist gekommen.“ Im Rahmen längerer Ausführungen zu Chinas gewaltigem Ausgabenprogramm in Reaktion auf die Krise kam der Bericht umwegig zu dem Schluss, Ordos sei ein paradigmatisches Arbeitsbeschaffungsprogramm: sinnlos verschwenderisch und gespenstisch leer. Obwohl die Schlussfolgerung richtig sein mag, sind die Prämissen schlicht falsch, denn Ordos ist nicht gleich Ordos.
Kurz nach dem Bericht von Al-Jazeera lieferte ein Börsenfachmann von Merrill Lynch eine heftige, auf Untersuchungen und Analysen gestützte Erwiderung ab. Er führte aus, dass es sich, obwohl nur wenige Menschen in der neuen Stadt wohnen, keineswegs um eine Blase handele, denn die Immobilien in dieser Stadt seien ausnahmslos mit Bargeld bezahlt worden.
Dieser Befund erscheint jedem Besucher von Ordos vollkommen absurd. Nur ein Wirtschaftswissenschaftler kann bei der Bewertung einer dermaßen menschenleeren Stadtlandschaft auf die Idee verfallen, darin einen Erfolg zu sehen. Selbst der oberflächlichste Beobachter nimmt wahr, dass in Ordos etwas Ungewöhnliches im Gange ist. Aber was genau?


Die Neuerfindung von Dongsheng

Die Geschichte von Ordos wird schon durch die Namensgebung verunklart. Wenn in der internationalen Presse von der „Geisterstadt“ Ordos oder auch „New Ordos“ gesprochen wird, ist nur ein Teil der Stadt gemeint, die eigentlich Kangbashi heißt. Was heute Ordos heißt, war wiederum früher die Stadt Dongsheng, eine arme landwirtschaftliche Bezirksstadt in der Steppe, wo der Gelbe Fluss in einem riesigen Bogen durch die Innere Mongolei fließt. Die Grenzen wurden neu gezogen, Dongsheng auf den Status eines Stadtteils von Ordos heruntergestuft und das Werk in Angriff genommen, die Stadt aus dem Stand neu zu erfinden.

Fast zehn Jahre nach Beginn des Ressourcenbooms wirkt das ehemalige Dongsheng trotz der weltweiten Wirtschaftskrise immer noch wie entfesselt.
Wo vor zehn Jahren noch Motor-Rikschas und klapprige Busse über staubige Straßen rumpelten, sind heute Verkehrsstaus ein Problem. Alle Menschen in der Stadt, nicht bloß die Touristen, stehen staunend vor den gewaltigen Veränderungen.
Überall sieht man die Zeichen des neuen privaten Reichtums. Über der Stadt thront auf einer Hügelspitze ein neues zentrales Geschäftsviertel mit 50 repräsentativen Firmenzentralen aus Glas und Stahl. Eine Phalanx von Fünf-Sterne-Hotels säumt die breiten, frisch gepflasterten Prachtstraßen der Stadt. Shopping Malls und Wohnanlagen mit Eigentumswohnungen für Reiche sind, wie Pilze nach dem Regen aus dem Boden geschossen. Geländelimousinen wie der Range Rover sind schwer angesagt. Angeblich macht die Firma Land Rover im heutigen Ordos die Hälfte ihres gesamten China-Geschäfts.


Auch die Stadtverwaltung hat nach Amächtig profitiert. Ihre Einkünfte sind in die Höhe geschnellt und sollen dieses Jahr, bei einer Einwohnerzahl von ungefähr einer Million, 6,5 Milliarden US-Dollar erreichen. Mit dem Geldregen hat sich die Stadt in einen großen Ausbau öffentlicher Einrichtungen gestürzt. Große neue Parks, die alle mit Sportgeräten ausgerüstet sind, durchziehen die Landschaft. An einer der Hauptverkehrsachsen wurden, für das hiesige Klima recht unpassend, Palmen gepflanzt. Öffentliche Kunstwerke schmücken die Plätze der Stadt. Ein neues Flughafenterminal wurde fertiggestellt, ein weiteres ist bereits im Bau.

Doch nirgendwo in Ordos wird der neue Reichtum bizarrer zur Schau gestellt als in Kangbashi, dem 2004 begonnenen Projekt einer neuen Siedlung. Diese soll ein Zwillingszentrum zu Dongsheng, der älteren Stadt, werden und 300.000 Einwohner aufnehmen. Sie liegt 25 Kilometer südlich von Dongsheng, verbunden über eine frisch asphaltierte, vierspurige, nachts beleuchtete Autobahn. Die einzelnen Lampen erhalten den Strom aus Mini-Windrädern. Diese ultramoderne Straßenbeleuchtung kündet von Ordos’ kühnem Ziel, Kangbashi zu einem Vorreiter alternativer Energietechnologien zu machen. Kangbashi soll außerdem zu einem regionalen Kultur- und Finanzzentrum und zu einer erstklassigen Adresse für die Klientel der sagenhaft Reichen in der Stadt werden. Konzeptionell sollen Dongsheng und Kangbashi die Nord- und Südpole einer einzigen Metropole bilden – der Zwischenraum soll bis 2020 mit Industrieparks und vorstädtischen Wohnsiedlungen ausgefüllt werden. Bislang ist alles nur teilweise verwirklicht, aber schließlich liegen die Anfänge noch nicht weit zurück.

Der neue Stadtteil Kangbashi, quasi „New Ordos“, wurde in einer sonderbaren Mischung aus klassisch-chinesischen Planungsprinzipien und City-Beautiful-, modernistischen und postmodernistischen Elementen entworfen. Den Mittelpunkt der Nord-Süd-Achse der rasterförmigen Stadtanlage bildet ein 1,5 km langer, zentraler Platz mit großen Blumenbeeten und öffentlicher Kunst, deren Thematik die mongolischen Horden Dschingis Khans sind, obschon nur weniger als zehn Prozent der Einwohner von Ordos ethnische Mongolen sind. In Übereinstimmung mit den Grundsätzen des Feng Shui steht auf einer leichten Anhöhe am nördlichen Ende der „Plaza“ die nach Süden blickende, 120.000 m2 große Stadthalle, am südlichen Ende wurde ein großer See angelegt. Flankiert wird der Platz von den vier öffentlichen Gebäuden der Stadt: dem auffälligen Museum, dem Zentrum für darstellende Kunst, dem Kulturzentrum und der Bibliothek. Nach Aussage der Verantwortlichen sollen die öffentlichen Gebäude dem neuen Viertel ein Zentrum geben und die Einwohner aus Dongsheng zum Umzug in die unzähligen weitläufigen Wohnsiedlungen locken, die die umliegenden Grundstücke ausfüllen.

Doch außer der pompösen Zurschaustellung öffentlichen Reichtums auf der Plaza entdeckt man ansonsten in Kangbashi herzlich wenig an kultureller, kommerzieller oder sonstiger Aktivität. Zwar behaupten die Offiziellen, dass alle Wohneinheiten in der Stadt verkauft seien, aber tatsächlich leben nur sehr wenige Einwohner in dem neuen Stadtteil. Viel zahlreicher als permanente Einwohner sind Gärtner und Bauarbeiter, die durch die hochbezahlte Saisonarbeit aus ganz China angelockt werden. Den generellen Eindruck der Leere in Kangbashi verstärken noch die Flachheit des Geländes und der entschieden fußgängerfeindliche Maßstab. Das Ganze dehnt sich in die leere Steppe aus, deren monotones Erscheinungsbild nur hier und da durch eine vorstädtische Enklave oder einen Apartmentkomplex unterbrochen wird.


Ein Konstrukt aus Macht, Gier und unterwanderung der Verfassung

Die verbreitete Version der Geschichte ist, dass Kangbashi ein Fehlschlag sei, weil die Stadt so gut wie nicht bewohnt ist. Selbst so seriöse Zeitungen wie das Wall Street Journal oder die New York Times machen sich über das Projekt lustig und stützten die Version mit reißerischen Bildergalerien. Tatsächlich enthält diese Deutung aber ein fundamentales Missverständnis darüber, was in China wirklich hinter diesem gigantischen Bauboom steht.

Zunächst einmal gehört nach der Verfassung der Volksrepublik China alles städtische Land dem Staat. Wer in China in irgendeiner beliebigen Stadt den Staat repräsentiert, geben die Funktionäre der Partei vor und brachte in den letzten Jahren auch einige Unruhen und Demonstrationen hervor. Ordos bildet da keine Ausnahme. Auf alle Fälle jedoch verstehen es die Stadtverwaltungen, den Landbesitz geschickt auszunutzen, indem sie sich auf dem dynamischen Verpachtungsmarkt engagieren, um so alle möglichen Infrastruktur- und Wohlfahrtsprojekte zu finanzieren. Da es seit den 80er Jahren praktisch keine Zuwendungen seitens der Zentralregierung mehr gibt, erwirtschaften die Stadtverwaltungen heute bis zu 60 Prozent ihrer Haushalte mit den Einnahmen aus Landübertragungen und Pachten und finanzieren so die Dienstleistungen, die die Einwohner einer Stadt erwarten, wie zum Beispiel Schulen, Straßen oder Hospitäler. Auch einzelne Unterabteilungen der Stadtverwaltungen, die sich ebenfalls selbst tragen müssen, sind dazu übergegangen, Immobilienbesitz zu kommerzieller Nutzung abzugeben, um ihre Ausgaben zu finanzie­ren. Wie man sich denken kann, bieten diese legal abgesicherte Verwischung der Grenzen zwischen privat und öffentlich und die wahllose Beteiligung von Stadtverwaltungen an Immobiliengeschäften Amtsträgern zahlreiche höchst verführerische Chancen zur Selbstbereicherung. Dementsprechend konnte es eine mächtige Fraktion in Ordos, bestehend aus Offiziellen und ihren Verbündeten aus der Erschließungsbranche (oft sind das auch die selben Leute), kaum abwarten, neue Projekte zu finden.

Die höchste Hürde für großflächige Erschließungsprojekte ist in aller Regel die Finanzierung, aber diese wurde in Ordos durch das stetig aus den Minen sprudelnde Geld quasi weggespült. Da es wortwörtlich Milliarden auszugeben gab, wurde die Kapitalbindung zu ei­nem drängenden Anliegen der Stadtverwaltung. Man begann sofort mit der Neugestaltung von Dongsheng; die Sanierung innerstädtischer Gebiete ist jedoch ein lästiger und langsamer Vorgang, bei dem man zudem von der Unannehmlichkeit geplagt ist, Einwohner umzusiedeln. Neue Erschließungen auf unbebautem Land sind daher allemal vorzuziehen. Und hier kommt Kangbashi ins Spiel: Die Erschließung des 35 Quadratkilometer großen stadteigenen Geländes war, vereinfacht gesprochen, das zweckdienlichste Verfahren, um sicherzustellen, dass die Ströme des Kapitals weiter in der Region zirkulieren und nicht in andere Richtungen, etwa in die Immobilienmärkte von Beijing oder Shanghai, abfließen.

In dieser Hinsicht ist Kangbashi ein doppelter Erfolg: Die Milliarden Yuán, die für das Projekt aufgewendet wurden, verschwanden nicht in der Architektur und Landschaftsgestaltung. Sie verschwanden in der örtlichen Bauindustrie, machten die Mitglieder der Koalition aus Erschließern und Offiziellen so reich, dass sie nun zu den Immobilienmagnaten Chinas gehören. Der zweite Erfolg bestand darin, dass alle gebauten und geplanten Wohneinheiten verkauft wurden – was dank einer aggressiven Vermarktung, eines starken Interesses an Grundbesitz und des Fehlens einer Grundsteuer ebenfalls gut funktionierte. Wie der in China tätige amerikanische Finanzwissenschaftler Patrick Chovanec betont, haben die Menschen angesichts künstlich niedriger Sparzinsen, einer nicht existenten Grundsteuer und eines volatilen Aktienmarkts gute Gründe, ihr Geld in Immobilien zu investieren – solange die Preise steigen, selbst wenn es sich dabei um Eigentumswohnungen in einer Geisterstadt am Rande der Wüste Gobi handelt.

Hinsichtlich dessen was in China zählt, sind die Errichtung der Stadt und der erfolgreiche Verkauf der Wohnungen also ausreichende Gründe zum Feiern –  zumindest für die Besitzer des Kapitals, die auch die Nutzung des Landes kontrollieren.
Während man sich darüber lustig macht, dass sie eine Geisterstadt bauten, haben sie auf dem Weg zur Bank gut lachen. Das Lachen kann auch bis zur nächsten Beförderung anhalten, denn Chinas bürokratisches System schaut günstig auf konkrete Leistungen wie Kangbashi, insbesondere dann, wenn die Bürokratie voll in den Erfolg einbezogen ist.


Ein ökologisches Desaster

Selbstverständlich wird die neuste verbaute Technologie in Kangbashi als ein positiver Schritt in Hinblick auf Klima- und Umweltschutz propagiert und man auf die
forschungsintensive Nutzung alternativer Energie, einer vitalen, kreativen Wirtschaft und einem luxuriösen Leben stolz sei.
Beim genauen hinschauen stellt man aber sehr schnell fest, dass dieser propagierte Stolz eine ökologisches Desaster ist.

Kangbashis Größe und Maßstab sind für alle westlichen Stadtplaner_innen ein Albtraum und strafen alle ökologischen Behauptungen der Planung solcher Städte.
Schließlich ist nichts ökologisch daran, eine mehr als 35 Quadratkilometer große Prärie in eine Stadt zu verwandeln.
Der größte bislang neu angesiedelte Industriebetrieb ist das Zweigwerk eines Autoherstellers.
Die Bauarbeiter in Ordos berichteten zudem, dass hinter den schicken Fassaden der Eigentumswohnungen der Innengestaltung keine besondere Beachtung geschenkt wurde. Das Knausern bei den Baumaterialien dürfte dafür sorgen, dass vielen Neubauten unter den harten klimatischen Bedingungen in der Inneren Mongolei kein langes Leben beschieden sein wird. An gerade fertiggestellten Wohnhäusern sind bereits jetzt Rostflecken sichtbar. Selbst das neue Museum ist ein baulicher Alptraum, denn es keinen einzigen Raum mit glatter Wandfläche undfh rechten Winkel.

Eine bedenkliche Finanzierung

Was in Ordos auffällt, ist eine gigantische Anhäufung an Reichtum, der in diesem Fall von der Kohle- und Gasindustrie geschaffen wurde und über das nicht gerade legale Finanzwesen in die örtliche Grundstückserschließung geleitet wird. Kangbashi wurde nicht errichtet, weil die Grundstücks­erschließung das natürliche Ziel des örtlichen Kapitals waren, sondern weil die Stadtverwaltung wollte, dass es dorthin fließt. Die Gier nach mehr Einfluss in der Partei und auch um das eigene luxuriöse Leben zu sichern und finanzieren, ist die Stadtverwaltung eben auf jene Finanzierung dringend angewiesen. Dabei ist es selbstverständlich hilfreich, dass die Stadtregierung auch über die administrativen Machtmittel verfügt, um das Geld in eben jene gewünschte diese Richtung zu lenken. Zudem sorgt der spektakuläre Erfolg von Grundstücksinvestitionen in den größeren Städten Chinas für Nachahmer. Neue Städte werden in ganz China nach ziemlich den gleichen Prinzipien, wenn auch nicht mit so gewaltigen Geldmitteln, in Serie produziert. So zum Beispiel auch die Siedlung Hallstadt in der Stadt Luoyangzhen, welche eine perfekte Kopie der österreichischen Stadt Hallstadt ist. Auch diese Stadt mit ihrem Disneyland-Charakter ist Menschenleer.

Trotz der Ausnahmestellung, die Kangbashi dank des anspruchsvollen Entwurfs und des Maßstabs innehat, ist es also ein ausgesprochen typisches Beispiel dafür, was geschieht, wenn eine chinesische Stadtverwaltung, die hauptsächlich darauf angewiesen ist, durch Landerschließungen kurzfristige Einkünfte zu erzielen. Für die Stadtverwaltung von Ordos war die Errichtung einer Stadt das Hauptziel; wenn Kangbashi gebaut und ver­kauft werden kann, ist das für sie ein Erfolg, vollkommen gleichgültig, ob am Ende jemand dort wohnt.

Gewiss besteht das Risiko, dass der Grundstücksmarkt einbricht und die Tausenden leerstehenden Wohneinhei­ten ihren Wert verlieren. Einige Investoren könnten gezwungen sein, ihre Immobilie zu verkaufen. Werden sie einen Käufer finden? Und wenn ja, zu welchem Preis? In einem Boom solche Fragen zu stellen, gilt als politisch unklug. Also werden sie nicht gestellt. Und angesichts der großen Rohstoffvorkommen ist einstweilen auch nicht mit einer Verschlechterung der Lage zu rechnen. Unterdessen steht Kangbashi leer, als treffendes Denkmal des Booms.

„Die Uhr tickt. Es ist lediglich eine Frage der Zeit, bis die Blase in China platzt und nicht ob.“

Die Gigantomanie in China sehen Experten sehr kritisch. So warnte der Ökonom Daniel Stelter, in der Financial Times: „Es ist höchste Zeit für uns zu erkennen, dass China es mit einer Immobilienblase historischen Ausmaßes zu tun hat, die jene von Irland und Spanien 2008 und sogar jene von Japan 1989 in den Schatten stellt.“
Auch der Finanzexperte Matthias Weik äußerte sich ähnlich im Wall Street Journal: „Fakt ist: Die Uhr tickt. Es ist lediglich eine Frage der Zeit, bis die Blase in China platzt und nicht ob.“ Weik kritisiert auch die Gleichgültigkeit vieler westlicher Ökonomen, die das Platzen der chinesischen Immobilienblase als ein rein regionales Problem betrachten würden. Er warnt: „Es wird nicht nur die chinesische Wirtschaft leiden, sondern auch die unserer westlichen Welt. Insbesondere unsere exportorientierte deutsche Wirtschaft wird ausgesprochen betroffen sein.“


Auch asiatische Analysten warnen vor Chinas Immobilienblase. Yu Yong, Chief Risk Officer beim China Agriculture Reinsurance Fund, erklärte kürzlich in einem Podcast: „Immobilien sind die größte Blase, über die in China alle reden. Wenn also etwas passiert, stellt dies eindeutig ein Risiko für die gesamte chinesische Wirtschaft dar.“ Dies wiederum stelle ein Risiko für die Weltwirtschaft dar.

Tatsächlich stehen in China laut der Nachrichtenagentur Reuters mehr als 65 Millionen Wohnungen leer. Zur Einordung: Das entspricht der Gesamtzahl aller Haushalte in Frankreich und  Großbritannien zusammen. Der Grund für den massiven Wohnungsleerstand in China ist der massiver Bauboom und eine zügellose Spekulation die einer Wahnhaftigkeit an Gigantomanie trägt.

Die Makroökonomie in China

Chinas gigantischer Bauboom

Die Gefahr vor einem drohenden platzen einer gigantischen Schuldenblase

Autoren Naike Juchem und Paolo de Santis

Um den Wahnsinn von Chinas Bauboom zu begreifen, muss man auch die Makroökonomie im Blick haben, denn für China galten die gängi­gen volkswirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten scheinbar nicht.

Chinas Makroökonomie könnte bald zu einem Super Gau im Kapitalismus führen

Der Handel mit der Volksrepublik wurde für nahezu alle Staaten immer bedeutender. Zudem gewann China als Stabilitätsanker der Weltwirtschaft vor allem in den Jahren nach der schweren Finanz­krise 2008 international an Bedeutung. Doch über die wirtschaftliche Stabilität in China machen sich zunehmend einige Beobachter Sorgen, darunter die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) und der Internationale Währungsfonds (IWF). Der Kern des Problems ist die Tatsache, dass seit 2008 die Gesamtverschuldung des Landes stärker wächst als seine Wirtschaftsleistung. Dies ist eine neue Entwicklung in dem Land, denn in den 1980er Jahren war es umgekehrt. Damals reduzierte China seine Verschuldung (von Staat, privaten Unternehmen ohne Finanzsektor, privaten Haushalten) und im Anschluss entwickelten sich Verschuldung und Wirtschaftswachstum paral­lel. Doch seit 2008 klafft eine immer größere Lücke im Staatshaushalt.

Das Land hat den vermutlich größten Investitionsboom der Wirtschaftsgeschichte produziert. Von 2002 bis 2014 stiegen die privaten und öffentlichen Inves­titionen von 37 auf 47 Prozent des BIP. Dieser Wert liegt weit über den Investitionsquoten anderer Volkswirtschaften, einschließlich aufstrebender Schwellenländer. Mit großer Wahrscheinlichkeit kam es daher auch zu vielen Fehlinvestitionen. Der anhaltende Boom in China hat zu Übertreibungen geführt, weil euphorische Investoren eine nüchterne Kalkulation vermissen lassen – ein Phänomen, das der kanadische Ökonom Hyman Minsky bereits in den 1970er Jahren beschrieben hatte.

Chongqing ist eine weitläufige Stadt am Zusammenfluss von Jangtse und Jialing im Südwesten Chinas.
Der Hafen von Yantian ist ein Hafen in der chinesischen Stadt Shenzhen.
Hochgeschwindigkeitszüge in China
Der größte Flughafen der Welt in Beijing, Peking

Gigantomanie die kurz vor dem Gau stehen

Der Ausbau der Infrastruktur in China ruft immer wieder ungläubiges Staunen hervor. Innerhalb von nur zehn Jahren entstand dort das weltweit größte Netzwerk für Hochgeschwindigkeitszüge. Insgesamt wurden dabei  fast 40.000 Kilometer neue Schienenstränge verlegt. Zwei Drittel aller Hochgeschwindigkeits­strecken der Welt befinden sich heute in China. Finanziert wurden diese Bauinvestitionen mit immer neuen Schulden. Diese Übertreibungen in China sind also eine Erscheinung, wie sie sich in kapitalistischen Ökonomien immer wieder zeigt. In dieser Hinsicht hat die Volksrepublik die Instabilitäten westlicher Ökonomien übernommen. Da sich China nicht im Ausland verschuldet hat, werden die Abschreibungen auf Fehl­investitionen – die auch der Staat zu verzeichnen hat, von der Bevölkerung getragen werden müssen.

Von 2007 bis 2014 stieg Chinas Verschuldung von 158 Prozent des BIP auf 282 Prozent. Trotz eines unglaublichen wirtschaftlichen Aufschwung, ist dies die Kehr­seite. Diese Paradoxon muss man aber erst verstehen, denn das chinesische Wachstum der globalen Finanzkrise von 2008, war deutlich weniger solide und schlüssig finanziert, als Peking dies der Welt glauben ließ. So schenkt seit Jahren kaum noch jemand in diesem Zusammenhang den Daten, die von der chinesischen Regierung zum Wirtschaftswachstum des Landes veröffentlicht wurden, eine Beachtung.

Im Jahr 2018 wurde nach offiziellen Daten aus Peking angeblich eine inflationsbereinigte Rate von 6,5 Prozent erreicht. Aufsehen erregte eine Meldung, einer hier nicht näher genannten Quelle, im Januar 2019, die das tatsächliche wirtschaftliche Wachstum auf 1,7 Prozent
be­zifferte. Weder der hohe noch der niedrige Wert lassen sich hundertprozentig überprüfen.
Faktische Indikatoren wei­sen auf ein schwaches Wachstum der Wirtschaft hin. So  gingen zum Beispiel  im Jahr 2018 die Verkäufe von Personenwagen in der
Volks­republik erstmals seit 20 Jahren zurück. Der Absatz sank um 6 Prozent auf 22,7 Millionen Fahrzeuge. Es ist also sehr unwahrscheinlich, dass die chinesische Wirt­schaft ein deutlich höheres Wachstum verzeichnete, wenn im gleichen Zeitraum die Produktion, und aomit auch das Kaufverhalten im Land abnimmt.

US Präsident Trump zwingt China in die Knien

So zumindest sah der 45. Präsident der USA gerne die Schlagzeilen. Zwar lenkte der damalige Handelskonflikt zwischen China und den USA von den Ursachen der chinesischen Wirtschaftsmisere ab – mehr aber auch nicht.
Trump glaubte oder glaubt es heute noch, dass er mit seinen handelspolitischen Maßnahmen zur ökonomischen Schwächung der Volksrepublik beigetragen zu haben. Die Chinesen indes nutzten diese Behauptungen von Trump sehr gerne, um sich in der Opferrolle der USA zu sehen. So konnte die eigene Talfahrt des Landes den USA in die Schuhe schieben und viele glaubten diesem Spuk.
Der Handelskonflikt verschärfte zweifellos die Lage, doch China kämpfte schon seit einigen Jahren mit diesen Problemen. Ein Beleg dafür ist das abnehmende Interesse ausländischer Investoren auf dem chinesischen Markt. Nach Angaben war der Kapitalmarkt  im Jahr 2017 mit 168 Milliarden US-Dollar geringer als im Krisenjahr 2008 mit 172 Milliarden US-Dollar.
Auch sinkt der Anteil ausländischer Direktinvestitionen am chinesi­schen BIP seit fast drei Jahrzehnten. Im Jahr 1993 betrug der Anteil 6,2 Prozent, im Jahr 2017 waren es nur noch 1,4 Prozent. Ausländische Investoren bewerten die Perspektive der chinesischen Wirtschaft zunehmend kritischer. Ein weiterer Punkt der zurückgehenden Investitionen sind die höheren Arbeitslöhne im Land und eine immense Überschuldung des Staatshaushalts.
Zum anderen sind noch die Punkte von Diebstahl an Geistigen- und Technischen Know-how, wie auch die gewachsene Einflussnahme der Kommunistischen Partei in den Unternehmen, zu nennen.

Bank of China Tower in Hongkong

Chinas Schattenbanken

Das chinesische Finanzsystem weist eine Reihe von Besonderheiten auf, die es erschweren, Risiken zu bewerten. Insbesondere das System der Schattenbanken trägt zur Verschleierung möglicher Gefahren bei. Ein beachtlicher Anteil der Kredite wird in China an offiziellen Bankbilanzen vorbei aufgenommen. Die Ratingagentur Standard & Poor’s schätzte Ende 2018, dass sich solche von unregulierten Finanzinter­mediären vergebenen Kredite auf insgesamt etwa 6000 Mil­liarden US‑Dollar summieren, was etwa der Hälfte von Chinas jährlicher Wirtschaftsleistung entspräche.

In China sind regulierte Geschäftsbanken und Schat­tenbanken besonders stark miteinander ver­flochten, wie eine Studie der Bank für Internationalen Zah­lungs­ausgleich zeigt.  In dieser Untersuchung iden­ti­fizie­ren Torsten Ehlers, Steven Kong und Feng Zhu fünf Charakteristika der chinesischen Schattenbanken:

• 1) Die Verbindung zwischen Schattenbanken und Geschäftsbanken ist sehr eng. Nur eine geringe Rolle spielen dabei die Verbriefung von Krediten und marktbasierte Instrumente zur Versorgung der Schattenbanken mit Liquidität.

• 2) Schattenbanken erfüllen eine wichtige Funktion bei der Bereitstellung von alternativen Anlage­möglichkeiten sowie der Versorgung des privaten Sektors mit Krediten.

• 3) Das chinesische Schattenbankensystem ist weni­ger komplex als das amerikanische. Dort sind bis zur Kreditvergabe durchschnittlich sieben Schritte zu bewältigen, während es in China durchschnittlich ein oder zwei Schritte sind.

• 4) Unterstellte und tatsächlich gegebene Staats­garantien spielen eine wichtige Rolle. Die umfassenden Garantien für die Geschäftstätigkeit von Schattenbanken sind eine Besonderheit Chinas.

190 Millionen Tonnen Siedlungsabfälle sind es schon heute in den Städten, bis 2030 werden 585 Millionen Tonnen pro Jahr erwartet.

Umweltpolitisch ein Super Gau

Nach Russland, Kanada und USA ist China das viert größte Land der Welt und für wichtige regionale und globale Entwicklungsfragen von zentraler Bedeutung. China ist der größte Emittent von Treibhausgasen und diese die Pro-Kopf-Emissionen der Europäischen Union übertreffen, wenngleich sie leicht unter dem OECD-Durchschnitt und deutlich unter denen der USA liegen. Die gewaltige Luft- und Wasserverschmutzung wirkt sich nicht nur auf andere Länder aus, auch in China selbst gibt es Regionen wo die Wasserqualität mehr als ungenügend ist. Artensterben in Flora und Fauna sind seit Jahren zu beachten und auch die Erkrankungen der Menschen nimmt immer zu.
Viele Bauern verlassen ihre Heimat und enden oft in den ohnehin schon überlastende Vororte der Städte. Somit wird das Unweltprblem noch weiter erhöht, als es zu lösen. Die Spirale der Verschmutzung von Flüssen nimmt um das dreifache zu. Fakt ist, das die globalen Umweltprobleme können nicht ohne Chinas Engagement gelöst werden.

Quellen

– Bolemant, Stefanie, 2005, Aktuelle makroökonomische Entwicklung und Probleme Chinas, München, GRIN Verlag.

– Dieter, Heribert, Deutsches Institut für Internationale Politik und Sicherheit, Berlin.

– Hyman P. Minsky, »The Financial Instability Hypothesis: An Interpretation of Keynes and Alternative to ›Standard‹ Theory«, in: Nebraska Journal of Economics and Business.(1977)

– Ruchir Sharma, The Rise and Fall of Nations. Ten Rules of Change in the Post-Crisis World, New York 2016.

– Tom Mitchell/Xinning Liu, »China’s High-Speed Rail Net­work Signals Rapid Expansion of Debt«, in: Financial Times, 15.8.2018.

»Building a Harmonious World of Sustained Peace and Common Prosperity«, Weißbuch der Regierung von 2005. »White Paper on Peaceful Development Road Published«
»How the West Got China Wrong«, in: The Economist, 3.3.2018.

Anmol Rodriguez

Anmol Rodriguez, Photo by Twitter

Gott kann das, was wie ein Ende aussieht nehmen und es zu einem Anfang machen! (Joyce Meyer)

Dies ist die Geschichte von Anmol Rodriguez, einer 27-jährigen Inderin.

Autorinnen  Evke Freya von Ahlefeldt und Nila Khalil

„Bis heute weiß ich nicht, was meinen Vater dazu veranlasst hat, ein solch abscheuliches Verbrechen zu begehen. Zu einem Zeitpunkt, als meine Familie die Geburt eines kleinen Mädchens hätte feiern sollen, erlag meine Mutter ihren Verletzungen“, sagte Anmol in einem im Januar 2019 in einem Interview mit „The Logical Indian“. Sie sagte weiter, sie habe gehört, dass ihr Vater im Gefängnis sei, sei sich aber nicht sicher, ob das wirklich so sei.

Anmol verbrachte die ersten fünf Jahre ihres Lebens war ein Krankenhaus in Mumbai. Anmols Verbrennungen durch die Salzsäure waren so schwer, dass sie nur mit viel Aufwand geheilt werden konnten.

„Im Krankenhaus aufzuwachsen, war für mich überhaupt keine schlechte Erfahrung. In den verschiedenen Phasen deines Lebens kommen Menschen herein, spielen ihre Rolle und gehen wieder. In diesen fünf Jahren kümmerten sich die Krankenschwestern und Ärzte im Krankenhaus um mich, als wäre ich ihr Kind. Ich hatte keine Verwandten, die bereit war, eine Verantwortung zu übernehmen, also waren die Krankenschwestern und Ärzte meiner Eltern. Sie haben mich nie behandelt, als wäre ich nur ein Patient.“

Anmol Rodriguez, Photo by Twitter

Als Anmol fünf Jahre alt war, übergab das Krankenhaus sie an ein Waisenhaus in Mumbai. In der Schule erlebte Anmol sehr viel Mobbing von den anderen Schülerinnen und Schüler. Trotzdem glaubte sie an sich und ihren Traum. Sie wollte Softwareentwicklerin werden.
Anmol studierte an der SNDT-Universität in Mumbai und machte ihren Bachelor in Computeranwendung.

Anmol Rodriguez, Photo by Instagram

Anmol’s Karriere

„Ich war aufgeweckt und lernte die Dinge leicht. Da ich ehrgeizig war, verließ ich das Institut an der Universität und bekam einen Job. Aber nach ein paar Tagen sagte man mir, dass ich nicht mehr arbeiten könne, weil man nicht jeden Tag ein entstelltes Gesicht sehen könne.“

Nach diesem Vorfall fand Anmol keine Arbeit. „Wo immer ich mich vorstelle wurde ich abgewiesen. Sie haben mir nicht direkt gesagt, warum sie mich ablehnten, aber ich wusste, dass es an meinem Gesicht lag. Es war offensichtlich.“

Doch Anmol gab die Hoffnung nicht auf. Seit ihrer Jugend hatte sie eine Vorliebe für Mode, und sie beschloss, ihr Interesse in etwas Produktives zu verwandeln.

„Mode hat mich interessiert, und ich habe es immer geliebt, stilvolle Outfits zu tragen und gut auszusehen. Ich habe meine Bilder auf Instagram gepostet, und zum Glück wurden einige Fotografen auf mich aufmerksam. Sie fingen an, mich anzusprechen, und ich hatte das Privileg, mit Fotografen wie Tejas Gedekar und Bhavini Damani zu arbeiten. Ich habe auch mit Ranveer Singh bei einer Veranstaltung von Kotak Mahindra interagiert.“

Von da an gab es für Anmol kein Halten mehr. Sie eroberte die Modeindustrie im Sturm und wurde zur Influencerin in den sozialen Medien. Mit der Absicht, Überlebenden von Säureangriffen zu helfen und ihr Leben positiv zu verändern.

2016 gründent Anmol gemeinsam mit Daulat Bi Khan die „Acid survivors saahas“ Stiftung, die sich Opfer von Säureattacken einsetzt. Frau Daulat Bi Khan ist ebenfalls Opfer eines Säureangriffs. Anmol ist später aus privaten Gründen aus dem Vorstand der NGO ausgetreten.

Anmol ist nun Schauspielerin und hat an der Seite von Shabana Azmi in einem Kurzfilm namens Aunty Ji mitgewirkt.

Anmols Botschaft an Überlebende von Säureangriffen

„Warum sollte das passieren? Mein Gesicht macht nicht aus, wer ich bin. Ich hoffe, dass die Menschen in naher Zukunft anders denken werden. Ich verlange keine besonderen Vorbehalte, aber ich hoffe, dass die Menschen die Opfer von Säureangriffen respektvoll behandeln werden. Wenn ich die Möglichkeit habe, zu studieren und genauso qualifiziert zu sein wie andere, habe ich das Recht, einen Job zu bekommen. Aber jetzt bin ich ein Vollzeitmodel und genieße mein Leben mehr denn je. Ich möchte allen Überlebenden von Säureangriffen sagen, dass keiner von ihnen allein ist. Die Menschen dürfen sie nicht bemitleiden und sie dürfen sich selbst nicht bemitleiden. Wenn sie sich melden, offen über sich selbst sprechen und etwas im Leben tun, werden sie zum Helden und zur Motivation im Leben anderer Menschen.“

Weltweit 1500 Säureattacken pro Jahr.

Nach Schätzungen erleiden jährlich über 1500 Menschen – meist Mädchen, solche Angriffe mit Salzsäure. Die Dunkelziffer hingegen ist unbekannt, man geht allerdings davon aus, dass mehrere hunderte Attacken pro Jahr nicht an die Öffentlichkeit gelangen, weil die Opfer diese Verbrennungen oft nicht überleben. Die Toten werden dann irgendwo in der Wildnis vergraben.

Salzsäure Angriffe sind immer gezielt und in ihrer Grausamkeit genau so geplant, um die Opfer zu verletzen, zu entstellen oder aber qualvoll zu töten. Tausende Mädchen und Frauen wird so in Bruchteilen von Sekunden das Leben zerstört.
Am rasantesten verbreitet sind diese Attacken in Ländern wie Kolumbien, Uganda, Pakistan, Indien, Nepal, Bangladesch aber auch Kambodscha. In diesen Ländern sind Säuren wie etwa Schwefelsäure und Salzsäure sehr leicht und einfach zu kaufen. Manchmal schon für weniger als einen US-Dollar.

Acid Attack Survivor Sahas Foundation

Warum kommt es zu solchen Attacken?

In vielen Ländern der Welt haben heute immer noch Mädchen und Frauen einen schlechteren Stand als Jungen und Männer. Dies führt auf sehr alte Traditionen oder Glauben zurück. Auch ist es oft die Angst der Eltern, wenn die Mädchen mal heiraten werden, dass diese sich durch eine Mitgift weiter verschulden werden. Die Armut und ein Irrglaube treibt die Väter zu solchen Taten an.
Durch dem immer größer werdenden Analphabetismus  und einer patriarchaischen Region in sehr vielen Ländern, werden sich solche grausamen Attacken täglich wiederholen.


Evke Freya von Ahlefeldt und Nila Khalil, 20. Februar 2022


Quellen:
– Acid Attack Survivor Sahas Foundation
– Sumanti Sen, The Logical Indian,  Januar 2019

Prof. Dr Luc Montagnier

Ein Nachruf an einen brillanten Wissenschaftler, der sich selbst sein Lebenswerk zerstörte und am Ende als Paria von der Fachwelt genannt wurde:
Luc Montagnier

Nun werden sich einige Fragen, wer zum Bäcker ist Luc Montagnier?

Autorin Dr.rer.nat Patricia Lefèvre

Prof. Dr. med. hc Luc Montagnier bekam 2008 den Nobelpreisträger für Medizin für die Entdeckung des AIDS-Virus. Er starb im Alter von 89 Jahren am Dienstag, 10. Februar, im Krankenhaus.

Seit mehr als zehn Jahren war er wegen verschiedener Theorien zu einer umstrittenen Figur in der Wissenschaft und Forschung  geworden und wurde nach und nach von der wissenschaftlichen Gemeinschaft geächtet. Er war erneut in die Schlagzeilen geraten, weil er sich gegen die Covid-Impfstoffe ausgesprochen hatte. Seine umstrittenen Äußerungen gegen die Covid-Impfstoffe hatten ihn wieder ins Rampenlicht gerückt, und ihm die Sympathien der Anti-Covid-Gegner eingebracht und ihn dadurch in der wissenschaftlichen Gemeinschaft weiter diskreditiert. Seine wiederholten Stellungnahmen gegen Impfungen brachten ihm im November 2017 die vernichtende und offizielle Verurteilung durch 106 Mitglieder der Akademien der Wissenschaften und der Medizin ein.

Die 4H-Krankheit

Um einen Überblick über die Arbeit von Professor Luc Montagnier zubekommen, muss man in die 1980er Jahre zurückschauen, um die Anfänge von HIV zu verstehen, welches damals nur eine Handvoll Laboratorien auf der Welt erfasst hatten. Man wollte so schnell wie möglich den Ursprung einer seltsamen Krankheit herausfinden, die man in Ermangelung eines besseren Namens „Krankheit der 4H“ nannte (da sie vor allem Homosexuelle, Heroinabhängige, Haitianer und Bluter zu befallen schien).

Der Virologe Prof. Dr. Luc Montagnier, der am 8. August 1932 in Chabris im Departement Indre geboren wurde, leitete seit 1972 am Institut Pasteur in Paris ein Labor, das auf Retroviren und Onkoviren (die Krebs auslösen) spezialisiert war.

Anfang 1983 isolierte er mit seinen Partnern, Françoise Barré-Sinoussi und Jean-Claude Chermann, ein neues Retrovirus, welches vorläufig LAV (Lymphadenopathy Associated Virus) genannt wurde, und zwar aus einer Probe, die Dr. Willy Rozenbaum von einem jungen Kranken, einem Homosexuellen, der sich in New York aufgehalten hatte, entnommen hatte. Für Montagnier war es der „ursächliche“ Erreger der neuen Krankheit. Die Entdeckung wurde jedoch mit „Skepsis“ aufgenommen, vor allem von dem Amerikaner Robert Gallo, einem großen Spezialisten für Retroviren.

Ein Jahr lang wurde an dem neuen Virus geforscht und trotz Veröffentlichungen von Studien glaubte niemand an einen diesen Durchbruch in der Medizin.
Im April 1984 verkündete die damalige US- Gesundheitsministerin Margaret Heckler, dass Robert Gallo die „wahrscheinliche“ Ursache für AIDS gefunden hätte, ein Retrovirus mit dem Namen HTLV-III. Es stellte sich jedoch heraus, dass dieses Virus genau mit dem LAV von Montagnier identisch war.
Die Aussage von Heckler brachte natürlich einigen Unmut mit sich, denn Montagnier und sein Team beharrten darauf, dass sie die ersten waren, die jedes Virus isolieren konnten.
Die Kontroverse schwillte weiter an, denn es musste nun geklärt werden, wer der wahre Entdecker des menschlichen Immunschwächevirus (HIV) sei, Montagnier oder Gallo? Die Frage war sehr wichtig, weil damit  auch die Rechte der Lizenzgebühren für HIV-Tests liegen. Immerhin ging es um Millionen Dollar an Forschungsausgaben.

Die Medizin-Nobelpreisträger Luc Montagnier und Françoise Barré-Sinoussi 2008 vor Beginn einer Vorlesung im Karolinska Institut in Stockholm

Der Streit führt 1987 zu einem vorläufigen und diplomatischen Abschluss: Die USA und Frankreich unterzeichnen einen Kompromiss, in dem Gallo und Montagnier offiziell als Mitentdecker bezeichnet wurden.
Der eigentliche Epilog fand 20 Jahre später statt, als der Nobelpreis für die Entdeckung von HIV nicht an Gallo, sondern an Montagnier und seine Partnerin Françoise Barré-Sinoussi verliehen wird. Jean-Claude Chermann wurde von der renommierten Jury vergessen.

Einige Jahre später, zum 30. Jahrestag seiner Entdeckung, zog Prof. Montagnier eine gemischte Bilanz dieses Epos: „Es ist uns nicht gelungen, die Epidemie oder auch nur die Infektion auszurotten, da wir nicht wissen, wie man jemanden heilt, der infiziert ist“.
Antiretrovirale Medikamente können das HI-Virus zwar wirksam unterdrücken, es aber nicht vollständig aus dem Körper der Infizierten entfernen.

Nachdem Montagnier von 1991 bis 1997 eine Abteilung für AIDS und Retroviren bei Pasteur geleitet und anschließend bis 2001 am Queens College in New York gelehrt hatte, schlug Prof. Montagnier eine völlig andere Richtung der wissenschaftlichen Forschung ein und wurde nach und nach von der wissenschaftlichen Gemeinschaft durch seine Thesen geächtet. So verteidigte er etwa die mikrobielle Spur, die jedoch fragwürdig ist, um Autismus zu erklären. Er greift die einstimmig abgelehnte These des französischen Forschers Jacques Benveniste auf, wonach das Wasser den Abdruck von Substanzen, die sich nicht mehr darin befinden, beibehält. Er unterstützte auch Theorien über die Aussendung elektromagnetischer Wellen durch die DNA und propagierte die Papaya als Heilmittel für bestimmte Krankheiten.


Der „Le Figaro“ beschreibt seinen Werdegang als „langsamen wissenschaftlichen Schiffbruch“. Während der Covid-19-Pandemie tat er sich erneut hervor und behauptete, das SARS-CoV-2-Virus sei im Labor durch Hinzufügen von „Sequenzen, insbesondere von HIV“ manipuliert worden und die Impfstoffe seien für das Auftreten der Varianten verantwortlich.

Diese Thesen, die von Virologen und Epidemiologen vehement bekämpft werden, brachten Schlussendlich Montagnier noch weiter in Verruf und brachte im in der Wissenschaft den Namen Paria ein.

Patricia Lefèvre, Dijon, 12. Februar 2022

Die Restaurierung von Kunst

Ich möchte mit dem Artikel einen kleinen Einblick in die Restaurierung von Kunst und deren Alterungsschäden und Schwundrissen an Gemälden berichten.

Autorin Evke Freya von Ahlefeldt

Man bewundert Kunst in Kirchen, Museen oder Galerien. Man taucht ein in den Moment auf dem Gemälde und sieht oft minimale Perfektion eines Kunstwerks.
Was man aber nicht sieht oder weiß, ist welche Arbeit hinter einem solchen Kunstgut steht.
Man denkt bei Kunststudenten und Studentinnen sehr oft an Hippies oder zartbesaitete Mädchen. Dem ist mal nicht so, denn für ein Studium zum Bachelor of Arts (B.A.) in der Restaurierung und Konservierung zu erwerben, ist eine geforderte Basisqualifikation für das Berufsfeld der Restauratorin bzw. des Restaurator, zwingend notwendig.
Kunstrestauratorinnen und Restauratoren sind wahre Spezialistinnen und Spezialisten, die sowohl handwerkliches Geschick als auch künstlerisches Einfühlungsvermögen besitzen, sowie über fundiertes theoretisches Wissen, ethische Vorgehensweisen, einen methodisch geschulten analytischen Verstand und eine gehörige Portion technisches Know-how verfügen.

Eine Reise in die Vergangenheit

Kunst oder auch die Restaurierung ist ein unglaublich großes Feld und sowohl das schaffen von Kunst, als auch der Erhalt von Kunstgut ist hochinteressant.
Die Kunstrestauration ist eine unglaublich spannende Reise in die Vergangenheit.  Man hat zum Beispiel ein Bild von einem Bekannten oder Unbekannten Künstler vor sich und sollte jenes Gemälde für die Nachwelt sichern. Man sieht unter einem Mikroskop Pinselstriche und Farbverläufe von Werken, die selbst der Künstler oftmals gar nicht kennt. Die Reise in die Vergangenheit beginnt im Kopf. Was hat den Künstler oder Künstlerin dazu bewogen dieses Bild genau so zu malen? Wie war sein Umfeld in jenem Jahr der Erschaffung? Woher hat sie oder er diese Pigmentfarbe? Man sieht sich plötzlich selbst in jener Zeit und begibt sich bei der Recherche auf eine Zeitreise in eine andere Epoche.

Wolfgang Heimbach: Selbstbildnis als Detail eines Bildes für Friedrich III. von Dänemark (1666)

Wie mit allen Dingen im Leben, nagt auch an großartigen Gemälden und Kunstgut der Zahn der Zeit.

Wo wäre die Wissenschaft, Philosophie oder Forschung heute, wenn über Tausend Jahre alte Schriften, Bauwerke oder Gemälde nicht mehr existieren würden? Der Mensch hat sich das aufzeichnen von Gedanken in Schriften und Bilder angeeignet und auf dieses Wissen von vor sehr langer Zeit, baut unsere Zivilisation auf.
Vieles an Kunst und Philosophie wurde und wird durch Kriege, Hass oder falsche Ideologien unwiederbringlich zerstört oder für viel Geld wieder aufgebau, hergestellt oder restauriert.

Wolfgang Heimbach (1613 ca. 1678)
Junger Mann mit Kerze
Öl auf Leinwand, 59 x 48 cm.

Schwundrisse an Gemälden

In den Jahren von 1750 bis 1850 ist in Europa ein Bruch mit einer langen maltechnischen Tradition zu erkennen, welcher dazu geführt hat, dass die Gemälde des 19. Jahrhunderts nicht nur eine Vielfalt an Maltechniken und -materialien zeigen, sondern auch ungewöhnliche Alterungsschäden: wie Frühschwundrisse, Farbschrumpfungen und -abplatzung, Borkenbildungen oder Nachdunkelungen bis hin zur Unlesbarkeit von Schriften, aufweisen.

Aufgrund von Schadensmuster an Gemälden, die ebenso von der englischen Malerei des 18. und 19. Jahrhunderts bekannt sind, erfolgte eine Auseinandersetzung mit der maltechnischen Entwicklung dieser Zeit in den Restaurierungs- und auch
Kunstwissenschaften vor allem aus dem Blickwinkel der Schadensphänomene als Verfall, Verlust, Niedergang oder Überlieferungsschwund maltechnischer Kenntnisse jener Zeit.
Obwohl hierbei im Allgemeinen davon ausgegangen wird, dass die Mehrzahl der Technikdiskussionen und -experimente sowie ihre beklagenswerten Produkte in die zweite Hälfte des19. Jahrhunderts fallen, zeichnet sich der Beginn dieses Umwandlungsprozesses bereits um
1800 ab.

Frühschwundrisse auf Gemälde

Spätere restaurierungswissenschaftliche Forschungsaktivitäten zur Maltechnik des 19.Jahrhunderts zielten zumeist auf die Erklärung der Schadensphänomene, die ursächlich vor allem mit den verwendeten Malmaterialien und erst in zweiter Linie mit ihrer maltechnischen Verarbeitung in Verbindung gebracht werden. Durch die umfangreichen, empirisch orientierten Projekte des Schweizerischen Instituts für Kunstwissenschaft und von Leslie Carlyle konnte über die Auswertung maltechnischer Schriftquellen ein profunder Überblick über die beschriebenen Materialien und auch Maltechniken in den Schriften des 19. Jahrhunderts gewonnen werden, welcher zunächst vor allem der Naturwissenschaft in der Restaurierung und oder Konservierung eine verbesserte Grundlage für die chemische Analyse liefern sollte und konnte.

Diese Untersuchung von Schriftquellen erhielt durch die Erschließung von Firmenarchiven, Auswertung von Katalogen englischer und französischer Farbenhändler sowie durch naturwissenschaftliche Materialanalysen überbrachter Rohstoffe, Farbkästen oder Paletten eine Ergänzung hinsichtlich der Erkenntnisse zum tatsächlichen Handel und Gebrauch von Malmaterialien.
Studien zu spezifischen Rohstoffen, Bindemittel- und Firnissystemen, denen bereits von den historischen Künstlern ein besonderes Schadenspotenzial zugesprochen wurde.
Mittels der Auswertung von Rekonstruktionsversuchen von historischen Rezepten und der künstlichen Alterung von Probetafeln, teilweise im
Verbund mit der chemischen Analytik, versucht man bis heute, die Schadensphänomene zu erklären.

Darüber hinaus sind restauratorische und naturwissenschaftliche Einzeluntersuchungen zur Maltechnik vor allem englischer und französischer Künstler zu nennen; zur deutschen Malerei zwischen 1750 – 1850 liegen nur vereinzelt Untersuchungen vor.

Den Ergebnissen dieser zahlreichen, überwiegend quellenschriftlich oder naturwissenschaftlich orientierten Studien kann leider nicht im Detail nachgegangen werden. Insgesamt zeigen die Untersuchungen, dass vielfältige und darunter auch neuartige Materialien und
Techniken im Gebrauch waren. Sie belegen, dass keine einfachen Verknüpfungen zwischen der Terminologie eines Materials und seiner chemischen Zusammensetzung oder somit auch zwischen den kunsttechnischen Schriftquellen und den faktisch eingesetzten Techniken möglich sind, da die Variabilität der Materialien in Abhängigkeit von Region, Zeit und den beteiligten Akteuren zu groß ist.

Als Erklärungen für das Verlust-Phänomen wird auf den Einsatz spezifischer Materialien wie beispielsweise Asphalt als Farbmittel, der Malbutter als Bindemittel für Lasuren, diverser Metallsalze als Sikkative für Malöle durch die Künstler ebenso wie auf die stillschweigende Verfälschung
oder den Ersatz spezifischer Materialien mit Surrogaten durch die Farbenhändler hingewiesen.

Evke Freya von Ahlefeldt, Paris, 6. Februar 2022


Quellen:
– Annik Pietsch: Material, Technik, Ästhetik und Wissenschaft der Farbe 1750-1850
(ISBN 9783422072602)

Für Papa

Für Papa

Papa, ich wurde deine Tochter und kannte dich nur vom Namen. In den letzten 30 Jahren wurdest du vom Onkel zum Vater. Ein Vater der liebt, beschützt und immer für mich da ist.

Papa, du warst da als ich mit dem Fahrrad die Weinberge herunter gefahren bin und schwer gestürzt bin.

Papa, du warst da als ich um Sorgen meiner Eltern fast verrückt wurde.

Papa, ich brüllte dich an, und du hast mir verziehen. In meiner Trauer und Wut sah ich deine Sorgen um mich nicht.

Dies alles ist lange her und es tut mir immer noch weh im Herzen.

Egal was ich in meinem Kopf hatte, du hast mich immer unterstützt.

Als auch ich zum Ziel von Terror wurde und drei Tage später mit deiner Enkelin vor der Haustür stand, hatte ich nicht den Mut dir die Wahrheit zu sagen. Ich sah es an deinen Augen – du wusstest es schon. Nachrichten aus dem Fernsehen und Internet sind schneller als ein Flugzeug. 

Es kam wieder die Zeit des Abschied nehmen und ich sah deine Tränen in den Augen. Die Sorgen um mich ließen dich in den letzten vier Jahren älter werden. 

Seit einem Jahr bin ich in Sicherheit und du bist da. Papa, wir haben seit Monaten so viel Zeit zusammen verbracht wie in den letzten 15 Jahren nicht.

Wir gehen oft schweigend am Strand entlang und du hörst mir zu.  Du siehst die Angst und Sorgen in meinem Augen und nimmst mich in den Arm.

Wir gehen im kühlen Aprilrmorgen dem Sonnenaufgang entgegen und ich sehe deine Tränen.  Die ersten Sonnenstrahlen spiegeln sich im Wasser und du hörst mich denken. Du nimmst mich in den Arm und sagst: ich liebe dich.

Deine dich immer liebende Tochter

Nila, Den Haag, im April 2020

Für Mama

Für Mama

Mama, ich bedanke mich für so vieles bei dir.

Vor vielen Jahren hast du bei mir im Bett geschlafen und mich festgehalten.
Ich kannte auch dich bis zu diesem Tag nicht. Du hast am ersten Abend etwas zu mir gesagt, was für immer in meinem Herzen bleibt:

„Ich bin nicht deine Mutter, ich werde aber mein Bestes geben. Dies verspreche ich dir.“
Du hast dein Bestes gegeben.

Nach der Arbeit hast du jeden Tag bis zu drei Stunden mit mir deutsch, englisch, Mathe… gelernt. Oft hast du den Stift in die Ecke geworfen, weil ich Subjekt, Prädikat und Objekt mal wieder nicht geschnallt hatte.
Du hast dein Bestes gegeben.

Mama, du warst da, wenn ich krank war.
Mama, du warst da, als ich erwachsen wurde.
Mama, du warst da, wenn ich kummer hatte.
Du hast dein Bestes gegeben.

Mama, du hast mir zugehört, wenn ich Probleme hatte.
Mama, du hast mich kochen gelehrt.
Mama, du gabst all dein Wissen an mich weiter.
Du hast dein Bestes gegeben.

Mama, du bist heute da, wenn ich dich brauche.
Mama, du hältst mich fest, wenn ich nicht mehr kann.
Mama, du kümmerst dich um mich.
Mama, du kochst, putzt und bügelst für mich.
Du gibst dein Bestes.

Mama, du bist die Oma für ein Kind und hältst es fest und sagst:
„Ich bin nicht deine Oma, ich werde aber mein Bestes geben. Dies verspreche ich dir.“

Mama, ich liebe dich und bin dir so dankbar, dass es dich gibt.

Nila Khalil, Den Haag, 30. Januar 2022

Menschenhandel

Menschenhandel

Menschenhandel:
Bei diesem Schlagwort wird meist die Prostitution genannt. Dies ist völlig richtig. Wie sieht es aber mit Bauarbeiter, Schlachter, Service-Kräfte in Hotels oder Haushaltshilfen aus? Der Menschenhandel floriert weltweit und die Menschenhändler und Schlepper verdienen jährlich bis zu 136 Milliarden US- Dollar.

Autorin Naike Juchem

In der Resolution der Genralversammlung der Vereinten Nationen am 2. Dezember 1949, ist unter der Resulutionsnummer 317 (IV) die Konvention zur Unterbindung des Menschenhandels und der Ausnutzung der Prostitution und anderer, ist folgendes im Präambel zu lesen:


– Da die Prostitution und das sie begleitende Übel des Menschenhandels zum Zwecke der Prostitution mit der Würde und dem Wert der menschlichen Person unvereinbar sind und das Wohl des einzelnen, der Familie und der Gemeinschaft gefährden, da sich hinsichtlich der Unterbindung des Frauen- und Kinderhandels die folgenden internationalen Übereinkünfte in Kraft befinden:


1.) Internationales Übereinkommen vom 18. Mai 1904 zur Gewahrung wirksamen Schutzes gegen den Mädchenhandel, in der geänderten Fassung nach dem von
der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 3. Dezember 1948 gebilligten
Protokoll.

Artikel 1 der Resolution
Die Vertragsparteien dieser Konvention kommen überein, jede Person zu bestra-
fen, die, um die Leidenschaften einer anderen zu befriedigen:
1. eine andere Person, selbst mit deren Einwilligung, zu Zwecken der Prostitution beschafft, sie dazu verleitet oder verführt;

2. die Prostitution einer anderen Person, selbst mit deren Einwilligung, ausnutzt.

Soweit eine UN Resolution aus dem Jahr 1949. Die Realität in fast allen Ländern der Welt zeigt ein ganz anderes Bild.

Menschenhandel ist die moderne Form der Sklaverei.

Mindestens 21 Millionen Menschen weltweit sind gezwungen, mit der wenig oder gar ohne Bezahlung zu arbeiten, und können nichts dagegen tun.
Menschenhändler nutzen die schwächsten der Gesellschaft aus, und dies nichr nur in Deutschland, Frankreich, Niederlande, China, Saudi-Arabien, Dubai oder den USA. Selbst in Schwellen- und Entwicklungsländern gibt es Menschenhandel. Aber auch in Kriegs- und Krisengebieten werden sehr oft Mädchen und Frauen verschleppte, die den Soldaten, Milizionäre oder Rebellen als Sexsklavinnen dienen müssen. Auch werden Mädchen und Frauen zu Ehe gezwungen und dienen somit als Belohnung für Soldaten oder als Mittel, um neue Kämpfer zu rekrutierten.

Meldungen von Entführungen für Zwangsehen und sexueller Ausbeutung sind im Nahen Osten, Afghanistan, Pakistan, Myanmar, Philippinen, Brasilien, Kolumbien, Mexiko und in zentral- und westafrikanischen Ländern ebenfalls bekannt.

Menschenhandel in den USA

Nach FBI Berichten aus dem Jahr 2020, stellte die US-Bundesbehörde fest, dass Los Angeles eines der wichtigsten Zentren für den Menschenhandel in den USA ist. Die meisten Opfer sind in den inländischen Menschenhandel verwickelt. Tatsächlich waren 75 % der Opfer von Menschenhandel in Kalifornien amerikanische Staatsbürger. Obwohl Frauen und Mädchen überproportional häufig von Menschenhandel betroffen sind, sind die Hälfte der erwachsenen Opfer und ein Drittel der Kinder männlich.
Man denkt bei dieser enormen Zahl oft automatisch an Prostitution und selten oder gar nicht, an Arbeitskräfte in der Landschaft, Industrie oder Seefahrt.

Durch eine oft gezwungene Abhängigkeit, haben die Opfer kaum eine Möglichkeit aus dieser Abhängigkeit zu fliehen. Sei es, weil man illegal in einem Land ist oder Schulden bei Gläubiger hat. Als Pfand werden oft Pässe, Aufenthaltsrecht – oder eben dieses nicht, die Situation der Familie im zurückgelassen Heimatland, oder die eigene Abhängigkeit, genommen. Mit anderen Worten: Jeder kann ein Opfer von Menschenhandels werden.

Weltweiter Menschenhandel

Nach dem United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC ) Bericht von 2020 machen Frauen und Kinder 70 % der dokumentierten Fälle des weltweiten Menschenhandels aus. Dem Bericht zufolge, wurden 83 % Frauen und 72 % Mädchen sexuell ausgebeutet.  Im Vergleich liegt die Prozentzahl für sexuelle Ausbeutung von Männern bei 10 % und von Jungen bei 27 %.
Nach Angaben verschiedener Menschenrechtsorganisationen wurden 2020 in 54 Ländern 10.772  Menschen Opfer von Menschenhandel, davon waren
45 % Frauen und 17 % Mädchen unter der Volljährigkeit.

In Ländern in Ostasien und am Pazifik wurden 2019 demnach 60 % der Opfer sexuell ausgebeutet und 38 % Opfer von Zwangsarbeiten.
Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Afghanistan sind besonders häufig betroffen und werden in Camps oder während der Flucht von kriminellen Banden rekrutiert und zu Sex- oder Sklavenarbeit gezwungen.

In der Karibik, Nord- und Zentralamerika bezieht sich die Mehrheit der Meldung von Menschenhandel auf Opfer sexueller Ausbeutung. Von 87 % der gemeldeten Fälle sind dreiviertel auf sexuelle Ausbeutung zurückzuführen und 25 % davon auf minderjährige Mädchen.
Zudem werden Kinder, Frauen und Männer in Nordamerika Opfer gemischter Ausbeutung, dass heißt sowohl Sexuelle- und Zwangsarbeit, als auch erzwungener Kriminalität.

Die Anzahl der dokumentierten Fälle in Bezug auf Menschenhandel ist 2019 höher als in den letzten 13 Jahren und lag bei 254.000 Opfern. Diese werden jedoch nicht nur sexuell ausgebeutet, sondern auch zum Betteln und zur Organentnahme gezwungen.
Im Jahr 2019 wurden 40 % mehr Fälle gemeldet als noch 2011. Der Grund für die hohe Zahl könnte daran liegen, dass dieser Problematik auf globaler Ebene immer mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird und dadurch nicht nur schneller erkannt, sondern auch besser bekämpft werden kann. Nichtsdestotrotz gibt es wesentlich mehr Fälle als bekannt. Daher schätzen die Vereinten Nationen, dass es sich weltweit um 2,7 Millionen Opfer handelt!
Besonders auffällig ist, dass es sich in den meisten Fällen um Menschenhandel innerhalb der Landesgrenzen mit den eigenen Bürgern handelt und weniger um internationalen Menschenhandel.
In den Jahren von 2010 bis 2019 haben sich die Opfer innerhalb der Grenzen mehr als verdoppelt. 2010 waren es 27 % und 2019 lag die Anzahl der Betroffenen bei 58 %.

Menschenhandel muss bestraft werden

Laut Juri Fedotow, Chef des UNODC in Wien, ist es Aufgabe der internationalen Gemeinschaft, das Problem des Menschenhandels besonders in Konfliktgebieten und in der Gesellschaft zu bekämpfen. In sehr vielen Ländern wird Menschenhandel immer noch nicht Strafrechtlich verfolgt oder dieser zu unterbinden ernsthaft ins Auge gefasst.
In einigen Ländern in West- und in Südafrika, sowie in manchen afrikanischen Inselstaaten fehlt es immer noch an Gesetzgebungen gegen den Menschenhandel oder auch an einer gesetzlichen Berichterstattung über den Menschenhandel.
Auch in einzelnen Ländern im Nahen Osten und in Nordafrika gibt es noch keine spezifischen Gesetze zum Menschenhandel.
Dies bedeutet jedoch nicht, dass es keine Länder gibt, in denen Fortschritte vorzuweisen sind. Mittlerweile haben 15 Afrikanische Länder eine Änderung ihres Strafgesetzes vorgenommen, und diese an die Definition des UN-Menschenhandelsprotokolls anzupassen und Menschenhandel selbst zu einer Straftat zu machen.

Das Palermo-Protokoll der UN

Die international gültige Definition von Menschenhandel stammt von den Vereinten Nationen, welche im Jahr 2000 durch das Zusatzprotokoll – auch Palermo Protokoll genannt, zur Verhütung, Bekämpfung und Bestrafung des Menschenhandels, insbesondere des Frauen- und Kinderhandels verabschiedet wurde.

Es handelt sich dabei nicht um ein eigenständiges Abkommen sondern eben um ein Zusatzprotokoll, das im Rahmen der UN-Konvention gegen die grenzüberschreitende organisierte Kriminalität verabschiedet wurde.

Neben dem Zusatzprotokoll gegen Menschenhandel enthält das UN-Abkommen gegen die grenzüberschreitende organisierte Kriminalität ein weiteres Protokoll, das auch Folgen für die aktuelle Anti-Menschenhandelspolitik hat, nämlich das
Zusatzprotokoll: gegen die Schleusung von Migranten auf dem Land-, See- und Luftweg.

Im Palermo-Protokoll wird Menschenhandel in Art. 3 folgendermaßen definiert.

Im Sinne dieses Protokolls

a) bezeichnet der Ausdruck
Menschenhandel die Anwerbung, Beförderung, Verbringung, Beherbergung oder Aufnahme von Personen durch die Androhung oder Anwendung von Gewalt oder anderen Formen der Nötigung, durch Entführung, Betrug, Täuschung, Missbrauch von Macht oder Ausnutzung besonderer Hilflosigkeit oder durch Gewährung oder Entgegennahme von Zahlungen oder Vorteilen zur Erlangung des Einverständnisses einer Person, die Gewalt über eine andere Person hat, zum Zweck der Ausbeutung. Ausbeutung umfasst mindestens die Ausnutzung der Prostitution anderer oder andere Formen sexueller Ausbeutung, Zwangsarbeit oder Zwangsdienstbarkeit, Sklaverei oder sklavereiähnliche Praktiken, Leibeigenschaft oder die Entnahme von Organen;

b) ist die Einwilligung eines Opfers des Menschenhandels in die unter Buchstabe a genannte beabsichtigte Ausbeutung unerheblich, wenn eines der unter Buchstabe a genannten Mittel angewendet wurde;

c) gilt die Anwerbung, Beförderung, Verbringung, Beherbergung oder Aufnahme eines Kindes zum Zweck der Ausbeutung auch dann als Menschenhandel, wenn dabei keines der unter Buchstabe a genannten Mittel angewendet wurde;

d) bezeichnet der Ausdruck Kind; Personen unter achtzehn Jahren.

Man spricht von Menschenhandel, wenn bestimmte Handlungen mit bestimmten Mitteln und zu bestimmten Zielen vollbracht werden.

m Kampf gegen Menschenhandel tut sich etwas

In den meisten europäischen Ländern wurde Menschenhandel 2004 zu Straftaten erklärt, auch wurde zwischen 2004 und 2011 die Gesetze zu Menschenhandel in den meisten asiatischen Ländern erlassen.

Laut dem BKA (Bundeskriminalamt) in Wiesbaden, wurden im Oktober 2016 die Straftatbestände des Menschenhandels im deutschen Strafrecht neugestaltet. Dadurch kommt Deutschland den Vorgaben des Europäischen Parlamentes nach, Menschenhandel und vor allem die Ausbeutung von Kindern und Erwachsenen in all ihren Facetten zu bekämpfen.

Naike Juchem, 26. Januar 2022

Quelle
– BKA Bericht über Menschenhandel

– FBI report on human trafficking in the USA, 2020

– United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC): “What is Human Trafficking”

Der Himmel, und ganz besonderen die Sterne, haben die Menschen schon immer fasziniert – oder erschreckt.

Autorin Cosima Schayani

Lange vor Nikolaus Kopernikus, Johannes Keppler oder Gallieo Gallilei beobachteten die Menschen den Sternenhimmel. Im Südwesten von Frankreich, im Tal der Vézère wurde unter einem Felsdach, dem Abri Blanchard, ein rund 30.000 Jahre alter Adlerflügelknochen mit gereihten Punktmarkierungen gefunden, deren Anzahl und Anordnung möglicherweise mit den Mondphasen zusammenhängen.
Auch wurden in der gleichen Gegend Wandmalereien in der Höhle von Lascaux entdeckt, welche Archäologen auf etwa 20.000 Jahre datieren – also in die Zeit des Jungpaläolithikum. Der Mangel an aussagekräftigem archäologischem Fundmaterial beweist allerdings nicht, dass die Menschen nicht schon vorher sich mit der Astronomie beschäftigt hatten.

Polarlichter in Norwegen

In der Geschichte der Menschheit hat sich, zum Teil, vieles an Wissen über die Erde, Himmel und Sterne geändert.
Von einer flachen Scheibe über feststehende Sterne und Planeten – in jener
Jungpaläolithikum wahrscheinlich nur der Mond, bis zu dem Glauben, dass den Menschen der Himmel auf den Kopf fällt.

Nordlichter oder Aurora borealis?

In der Wissenschaft werden Nordlichter aurora borealis genannt. Das Wort Nordlicht kommt aus den zwei lateinischen Wörter: aurora borealis. Das Wort aurora bedeutet Tagesanbruch: Es ist auch der Name der römischen Göttin der Morgenröte, und borealis bezieht sich auf den griechischen Namen für den Nordwind.

Das Nordlicht gehört zur Familie der Polarlichter. Es gibt Polarlichter, die nur in der nördlichen Hemisphäre zu sehen sind.
Die Nordlichtzone verläuft über Nordskandinavien, Island, die Südspitze Grönlands, das nördliche Kanada, Alaska und die Nordküste 
Sibiriens.
In der Antarktis, also die Gegend um den Südpol, dort wo die Pinguine leben, leuchtet das Polarlicht als „Südlicht“.

Wie entstehen die Polarlichter?

Wissenschaftlern zufolge entsteht dieses Phänomen, wenn energetisch geladene Teilchen mit Atomen in der hoch gelegenen Atmosphäre zusammenstoßen.
Für dieses geomagnetische Phänomen ist der Sonnenwind verantwortlich, der dann durch das Magnetfeld der Erde in die Atmosphäre zurück gelenkt wird. Die alles entsteht etwas 150 Kilometer von der Erde entfernt. Die ISS umrundet die Erde in einer Entfernung von circa 400 Kilometer.

Welche Farben haben die Polarlichter?

Nord- und Südlichter sind meist fluoreszierend grün, orange und purpurfarben mit Schattierungen von rot, rosa, blau und gelb. Diese Farben werden durch die in der Luft vorhandenen Gase erzeugt: eine subtile Mischung aus Sauerstoff und Stickstoff. Welche Farben entstehen, hängt von den unterschiedlichen Bestandteilen der Atmosphäre ab und auch von der Höhe, in der sich dieses Phänomen ereignet.

Nordlicht über Deutschland am 14 auf 15. Januar 2022

Nordlichter auch in Deutschland

Je weiter die geografische Breite abnimmt, um so seltener kann man Nordlichter bewundern. Bei Sonnenstürmen, also einer maximalen Sonnenaktivität, kann man auch über Deutschland jährlich etwa vier bis acht mal Polarlichter bewundern.
Jüngst in der Nacht vom 14. zum 15.01.2022 konnte in Norddeutschland Polarlichter beobachten. Zu sehen war ein schwacher Polarlichtbogen, der über mehrere Stunden hinweg zu sehen war.


Cosima Schayani, Stuttgart, 26. Januar 2022

Schwarz als Farbe der Radikalität

Ist Schwarz die Farbe der Radikalität schlechthin? Wenn man die Bericht von Demonstrationen oder Randalen in den Medien sieht, fallen schwarz gekleidete Hooligans immer auf.

Autoren Evke Freya von Ahlefeldt und Naike Juchem

Die schwarze Flagge der Piraten soll erstmals im Jahr 1700 vor der Küste von Santiago de Cuba am Mast eines von einem Franzosen geführten Bootes aufgetaucht sein. Die schwarzen Flagge sollte die angegriffenen Schiffe auffordern, sich kampflos zu ergeben, andernfalls wurde die rote Flagge gehisst, die „kein Pardon“ bedeutete.
Um den Tatendrang der schwarze Flagge zu bekräftigen, um noch mehr Angst zu verbreiten, wurden Symbole wie zum Beispiel: ein Schädel mit gekreuzte Knochen oder Säbel benutzt. Zeitweise wurden auch Flaggen mit einem Skelett und einer Sanduhr darstellen, was auf die kurze Zeit des Lebens anspielen sollte.

Die Kraft der Farben

Es ist psychologisch bewiesen, dass Farben eine besondere Gemütsstimmungen geben – dies wusste schon Goethe. Farben lösen Stimmungen und Emotionen aus. Kalte Farben wie beispielsweise Blau wirken beruhigend, warme Farben wie Rot, Gelb oder Orange anregend. Das paradoxe Schwarz hingegen ist sowohl Zeichen der Trauer als auch der Revolte oder des krassen Gegenteils, der etablierten Ordnung. Schwarz ist die Farbe der Soutane des Pfarrers, der Robe des Anwalts und der Richter. In der Mode steht das Kleid (das kleine Schwarze) für Eleganz und Chic. Macht wird in der Politik u.a. mit schwarzen Limousinen zum Ausdruck gebracht.

Bis heute ist mit dem Deutschen Bauernkrieg, der zwischen 1524 und 1526 Teile des Reiches in Aufruhr versetzte, der Name Florian Geyer und seines Schwarzen Haufens verbunden. Der Reichsritter aus dem fränkischen Adelsgeschlecht Geyer von Giebelstadt rüstete zu Beginn der Unruhen 100 bis 200 Mann auf eigenen Kosten aus. Ihre schwarze Kleidung gab seinem Heerhaufen fortan den Namen. Mit der Zeit stießen weitere Trupps zu Geyer und seinen Männern und so schwoll ihre Zahl auf bis zu 10.000 Aufständischen an.

Die schwarze Fahne der Revolution

Der Rückgriff auf schwarze Fahnen geht in Deutschland bis ins Mittelalter zurück.
Mit schwarzen Fahnen hatte man nach dem Ersten Weltkrieg schon gegen den Versailler Vertrag und die Ruhrbesetzung protestiert. Aber stärker noch wirkt der Mythos der „Fahne von 1525“. Die Vorstellung einer schwarzen Fahne des Großen Bauernkriegs ist zwar historisch falsch, aber im kollektiven Bildgedächtnis der Deutschen offensichtlich noch tief verankert.

Seit im Mai 1832 zum ersten Mal die schwarz-rot-goldene Fahne auf dem Kastanienberg bei Neustadt an der Weinstraße wehte, gilt das Hambacher Schloss als Wiege der deutschen Demokratie. 
Doch erst einmal muss man17 Jahre zurück in die Zeit nach den Befreiungskriegen in Europa blicken.
Als im Juni 1815 elf Studenten die Jenaer Urburschenschaft gründeten, um mit ihrem Ziel, die „Freiheit und Selbständigkeit des Vaterlandes“ zu erkämpfen, wählten sie für ihre Fahne die Farben wurden die Farben Schwarz-Rot-Gold. Diese Farben wurden zum Symbol für den Wunsch nach einem freien und geeinten Deutschland.

In Frankreich hingegen symbolisierte die schwarze Fahne, die Trauer und Revolte gleichzeitig. Als sich am 18. März 1871 die Nationalgarde und die Arbeiterschaft von Paris gegen die antinationale und antisoziale Haltung der bürgerlichen Regierung Frankreichs beim Friedensschluss mit Deutschland nach dem Deutsch-Französischen Krieg, erhob, wehten schwarze Flaggen.
Elf Jahre später, im Jahre 1882, nannte die französische anarchistische Bewegung ihre Zeitung „Le Drapeau Noir“ (Die schwarze Fahne), während die feministische Schriftstellerin und libertäre Aktivistin Louise Michel mit einem schwarzen Unterrock an einem Besenstiel marschierte, als Zeichen der „Trauer um unsere Toten und unsere Illusionen“

Das schwarze Banner gelangte 1910 nach Mexiko, wo der Revolutionär Emiliano Zapata es sich in Verbindung mit dem Slogan „Land und Freiheit“ zu eigen machte.
In der Ukraine machte sich der Anarchist Nestor Machno zwischen 1918 und 1921 einen Namen, als er unter der schwarzen Fahne eine 50.000 Mann starke Aufstandsarmee aufstellte, die bereit war, sich sowohl mit den Weißrussen als auch mit der Roten Armee der Sowjets anzulegen. Die ukrainischen Truppen wurden jedoch zerschlagen und Nestor Machno flüchtete nach Frankreich ins Exil.

Das Grab von Nestor Machno kann auf dem Pariser Cimetière du Père-Lachaise besichtigt werden.

In Mussolinis Italien tauchten 1919 die „Schwarzhemden“ auf, die das genaue Gegenteil des Anarchismus auf dem politischen Schachbrett waren. Die Milizionäre der „Fasci Italiani di Combattimento“, ein Begriff aus dem antiken Rom, gaben dem Faschismus ihren Namen. Die paramilitärische Organisation vertrat die Meinung und Glaube an einen „neuen Menschen“ und Autoritarismus, der den liberalen Werten der Aufklärung entgegengesetzt war.
Mussolinis faschistische Ideologie war der Grundgedanke des Nationalsozialismus in Deutschland, der die Farbe Braun bevorzugte.

Schwarz in der Religion

Die Farbe Schwarz ist ein Symbol der Revolte gegen das Kastensystem in Indien und wurde in den 1940er Jahren von der Bewegung für Selbstachtung geprägt.

In Anlehnung an die Kaaba in Mekka, dem heiligsten Ort des Islam, ist Schwarz in der Hälfte der 22 Flaggen der Mitgliedsstaaten der Arabischen Liga zu finden. Das mit Kiswa, einem schwarzen Seidenstoff, verhüllte vorislamische Gebäude wurde von seinen Götzenbildern befreit, als Mohammed Mekka im Jahr 630 eroberte, hatte eine schwarzen Banner – die Raya, auch „Adlerfahne“ genannt, auf dem Schlachtfeld. Seitdem symbolisiert  Schwarz das Fehlen von Anbetungsfiguren und Gottesdarstellungen in der islamischen Religion.

Die Farbe Schwarz wird im Islam in den letzten beiden Jahrzehnten von Radikalen, Extremisten und anderen Fundamentalisten aufgegriffen und ist eine der Farben der Kaftane und Turbane der Ayatollahs im Iran und die Farbe der Flagge des Islamischen Staat (IS) im Irak, in Syrien, im Jemen und in Somalia.

Die schwarze Flagge geht im Islam bis ins 8. Jahrhundert in das Abbasiden-Kalifat zurück, als sie vom Revolutionsführer der Abbasiden verwendet wurde, der einen Aufstand gegen den Clan und das Kalifat der Umayyaden anführte. Seitdem steht die schwarzen Flagge für religiöse Revolution und Dschihad. Wodurch die Islamisten dies zum Nachteil der Mehrheit der Muslime missbraucht, indem der Anfang der Schahada (Glaubensbekenntnisses der Muslime), in weißer Schrift auf schwarzem Grund geschrieben wurde.

Mai-Demonstrationen in Paris, 1968

Das Schwarz der Neuzeit

Die schwarze Fahne der Anarchisten von 1871 tauchte im Mai 1968 auf dem Boulevard Saint-Michel in Paris wieder auf.
Die Unruhen, die nach Studentenprotesten zunächst durch die Räumung einer Fakultät der Pariser Universität Sorbonne 
ausgelöst wurden, führten zu einem wochenlangen Generalstreik, der das ganze Land lahmlegte. Langfristig zog diese Revolte kulturelle, politische und ökonomische Reformen in Frankreich nach sich.

Schwarz wird zu einem der Erkennungszeichen von Rockern aller Art, von den Chaussettes Noires (Frankreich, 1960) über Hard Rock und Post-Punk bis hin zu den Black Keys (USA, 2001), wie auch bei den Anhängern des Gothic-Looks, der aus der Punk- und New-Wave-Bewegung zu Beginn der 80er Jahre entstand.
Der Autor Hervé Fischer erklärt in seinem Buch „Les couleurs en Occident, de la préhistoire au XXIe siècle“, dass dies eine soziologische Entwicklung sei und von einer langen christlichen Tradition abgelehnte Schwarz wird nicht mehr als Farblosigkeit des puritanischen Bourgeois betrachtet, sondern als Farbe.

Das Schwarz der „Schwarzen“

Schwarz ist schließlich auch das unumgängliche Symbol der Kampfbewegungen von Afrikanern und Afro-Deszendenten, wo immer sie segregiert wurden und werden.
Die schwarze Linie auf der bunten Flagge Südafrikas steht so für die afrikanische Mehrheitsgemeinschaft, die vom ehemaligen rassistischen Apartheidregime als „schwarze“ bezeichnet wurde.

Die Black Panther Party for Self-Defense, eine afroamerikanische revolutionäre Partei, die sich 1966 in Oakland, Kalifornien, von Huey P. Newton und Bobby Seale, gründete, hatten eine schwarze Flagge mit einer springende Raubkatze mit ausgefahrenen Krallen.
Der ursprüngliche Zweck der Partei bestand darin, Patrouillen in afroamerikanischen Vierteln durchzuführen, um die Bewohner vor der willkürlichen Polizeigewalt zu schützen. Die Panthers entwickelten sich schließlich zu einer marxistischen revolutionären Gruppe, die die Bewaffnung aller Afroamerikaner, die Befreiung der Afroamerikaner von der Wehrpflicht und von allen Sanktionen des so genannten „weißen“ Amerikas, die Entlassung aller Afroamerikaner aus den Gefängnissen und die Zahlung von Entschädigungen an Afroamerikaner für die jahrhundertelange Ausbeutung durch „weiße“ Amerikaner forderte. Auf ihrem Höhepunkt in den späten 1960er Jahren hatten die Panther mehr als 2.000 Mitglieder, und die Organisation unterhielt Ortsgruppen in mehreren amerikanischen Großstädten

In Südafrika ist eine entschlossen geballte schwarze Faust ein weit verbreitetes Zeichen für den Kampfes und der Mobilisierung für das Black Consciousness Movement, welches von Steve Biko im Jahr 1968 gegründet wurde. Die schwarze Faust taucht in Brasilien wieder auf, wo sie von der „Schwarzen“ Bewegung hochgehalten wird.

Die Black Lives Matter Bewegung wurde 2013 von den drei afroamerikanischen Frauen: Alicia Garza, Opal Tometi und 
Patrisse Cullors gegründet, nachdem es für George Zimmerman einen Freispruch gab, der am 26. Februar 2012 in Sanford
im US-Bundesstaat Florida, den 17-jährigen afroamerikanischen Highschool-Schüler Trayvon Martin erschoss.


Die Südafrikanische Black Consciousness Movement hat das Kunststück vollbracht, die Bedeutung des Wortes „schwarz“ in Südafrika zu verändern, indem sie es von seiner rassischen Bedeutung befreit und in eine befreiende politische Entscheidung umgewandelt hat. So können sich viele Mischlinge oder Südafrikaner indischer Abstammung, die nicht in die alte Apartheid-Rassengruppe „schwarz“ fallen, sehr wohl als „schwarz“ bezeichnen, ohne dass jemand etwas dagegen einzuwenden hätte.
„Schwarz“ zu sein ist ein Manifest und eine Haltung des Freiheitskampfes und erst recht keine Frage der Hautfarbe.


Evke Freya von Ahlefeldt und Naike Juchem, 25. Januar 2022

Quellen

Auszug aus dem Begleitbuch zur Ausstellung im Hambacher Schloss; 
Hinauf, hinauf zum Schloss!, ISBN: 978-3-00-026772-7, 2008)

Abdelasiem El Difraoui: „Al-Qaida par l’image.“

Britannica History: Black Panther Party

http://www.jungefreiheit.de

http://www.rft.fr/Culture/ Le noir, étendard de la radicalité

https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&url=https://artsandculture.google.com/exhibit/steve-biko-das-black-consciousness-movement-steve-biko-foundation/AQp2i2l5%3Fhl%3Dde&ved=2ahUKEwiRm9CTys31AhWEg_0HHe5nANgQFnoECCQQAQ&usg=AOvVaw066PVjuiXsME-EpAvlV-WE

Fotos by: AFP, dpa, Reuters, Google

Het huidige kerstverhaal (Die Weihnachtsgeschichte der Gegenwart)

Heute möchte ich über eine Weihnachtsfeier berichten, die am 21. Dezember in der Nähe von Den Haag stattfand

Meine Tochter arbeitet seit über drei Jahren in einer privat geführten Einrichtung für Traumatisierte und Benachteiligte Kinder in den Niederlanden. Es sind Flüchtlingskinder, Migranten und auch Kinder aus Sozialsachwachen Familien in dieser Einrichtung. Entweder in Tagesbetreuung oder auch in einer Wohneinheit, in der die Kinder und Jugendliche ohne Eltern leben. Entweder sind die Eltern auf der Flucht getrennt worden, ertrunken oder nicht auffindbar. Ein Team von Ehrenamtlichen, Polizisten, Roten Kreuz Mitarbeiter und Behörden suchen Europaweit nach den Eltern.
Die Kinder und Jugendlichen werden nach allen Kräften betreut und versorgt. Auch wenn eine Schar von Ehrenamtlichen und Angestellten sich um diese Kinder kümmern, sind es trotzdem nicht die Eltern oder Verwandten. Ich selbst kenne es, ohne Eltern bei Verwandten aufzuwachen und kann mich in die Lage von jedem Kinder versetzen.

Die Wohneinheiten in der Einrichtung sind mit maximal vier Kinder klein gehalten und die Betreuer sind 24 Stunden vor Ort. Die Kinder die nicht in die nah gelegenen Schulen gehen können, werden in der Einrichtung von Ehrenamtlichen oder pensionierten Lehrer unterrichtet. Eine neue Sprache zu lernen ist nicht einfach und hinzu kommen oft noch Konzentrationsstörungen durch Erlebnisse von Flucht, Krieg oder Terror.
Es sind die vielen kleinen Dinge, die es den Kinder oft schwer machen in ein normales Leben zu kommen. Es sind die Alpträume der Angst vor Militär, Granaten, Hunger und dem Wasser. Wenn banales duschen schon für exzessive Angstreaktionen führt, kann man sich vorstellen, wie es diesen Kinder in der Nacht ergeht.

Nun aber zu der Weihnachtsfeier.
Meine Tochter rief mich im Herbst an und sagte mir, dass sie für Weihnachten ein Theaterstück mit den Ereignissen der Kinder aufführen wolle. Quasi die Weihnachtsgeschichte der Neuzeit. Ich hörte Amira aufmerksam zu und sprach auch meine Bedenken an. In Afghanistan sprach ich mit Kolleginnen aus meinem Team darüber, ob es von Psychologischer Seite gut für diese Kinder sei, ihre Erfahrungen zu „spielen“. Zwei Tage später schickte mir Amira die Einleitung, das Regiebuch und die Erlebnisse der Kinder zu, die sie für jene Aufführung verwenden wollte. Beim lesen der Erfahrungen musste ich weinen. Auch wenn ich vieles aus meiner eigenen Flucht vor 29 Jahren kenne, war dies in dem jetzigen Verhältnis ein ganz anderer Maßstab. 1990 war eine andere Zeit und heute betrachtet war meine Flucht ein Kinderkarussell.
Nach langen Gesprächen mit Amira änderten Samira, Ava und ich das Regiebuch etwas ab. Die Realität so knallhart konnten und wollten wir den Zuschauer nicht vorführen und auch die Kinder mit ihren Erlebnisse nicht überfordern. Ein Flash-back wollten wir ausschließen – was meine Tochter auch einsah und mir in diesen Punkten zustimmte.

Anfang Dezember flog ich in die Niederlande und war ab dem 6. Dezember in der Einrichtung in der Nähe von Den Haag. In einem Team von zwei Therapeuten, einer Psychologin, fünf Betreuern, meiner Tochter und mir, fanden die Vorgespräche mit den 24 Kinder und Jugendlichen statt. Die Kinder wollten das Theater so spielen, wie es meine Tochter geschrieben hatte. Alleine dafür habe ich vor diesen Kindern den allergrößten Respekt. Mit eben jenem Team von 10 Personen fingen am Samstag, den 7. Dezember, die ersten Proben an. Die Texte mussten die Kinder nicht lernen – den es waren ihre Erlebnisse.
Wir probten täglich etwas mehr. Denn wir wollten den Kindern nicht gleich zu viel zumuten. Selbst uns Erwachsene gingen die Erlebnisse der Kinder sehr zu Herzen. Nach jedem Proben sprachen wir mit den Kindern um ihre Erlebnisse gleich zu verarbeiten, oder auch um ihnen gleich zur Seite zustehen. Auch wenn die Kinder mit ihrem Text und Theater ihre Traumatisierungen verarbeiten, braucht es die Unterstützung von uns.

In den letzten zwei Wochen haben wir viel gearbeitet und es war für die Kinder auch eine Art Befreiungsschlag. Ich hätte nie gedacht, dass die Kinder dies so gut verarbeiten oder aufarbeiten.
Bei der Generalprobe am Freitag liefen die Kinder und Jugendlichen auf Hochtouren auf. Sie brannten förmlich danach ihre Erlebnisse von Krieg, Flucht, Angst und Zuversicht den Besucher mitzuteilen.

Die Einleitung zur „Het huidige kerstverhaal“ las Amira in zwei Sprachen: niederländisch und paschtu. Schon bei der Einleitung war es in dem Saal sehr ruhig und die Besucher die dieses Projekt nicht kannten kämpfen in den eineinhalb Stunden mit den Tränen.
Nach der Aufführung sprachen wir aus dem Team mit den wenigen Besucher um ein Feedback zu bekommen oder auch um die Lage der Kinder auf ihrer Flucht den Leuten zu verdeutlichen und welche Probleme diese Kinder nach ihrer Flucht täglich haben.

Am Samstag, den 21. Dezember, hatten wir eine Internationale Weihnachtsfeier, in der keine Religion, keine Herkunft oder Hautfarbe eine Rolle spielte. Ein Weihnachtsfest im christlichen Sinne wird von Muslimen nicht gefeiert, aber zahlreiche Muslime vor allem in Europa mögen die Traditionen die mit dem Weihnachtsfest verbunden sind. Ich zähle mich definitiv dazu. Da nicht alle Flüchtlinge Muslime sind, hatten wir uns auf eine ökumenische Weihnachtsfeier geeinigt.

Im Koran stehen zwei Berichte über die Geburt Jesu: In der Sure 3 und Sure 19, der sogenannten Sure „Maryam“. Das Jesuskind wird dort aber nicht in Bethlehem in einer Krippe, sondern an einem „fernen Ort“ unter einer Palme geboren, wo Maria – auf arabisch „Maryam“, in völliger Einsamkeit und unter starken Schmerzen ihren Sohn auf die Welt bringt. Auf wunderbare Weise lässt Gott ihr zum Trost Datteln wachsen und eine Wasserquelle entspringen. Bis heute beten manche Musliminnen, wenn sie ein Kind auf die Welt bringen, die Sure „Maryam“ und essen Datteln zur Stärkung. Auch wird Jesus und Maria im Koran erwähnt. Jesus ist ein Prophet Gottes, der Verkünder des Evangeliums. Im Koran wird auch von Wundern berichtet, die er vollbrachte. Sein erstes Wunder war, dass er als neugeborenes Baby sprach und Maria verteidigte, als die unverheiratete junge Frau mit einem Kind auf dem Arm zu ihrer Familie zurückkehrte. Jesus ist im Islam zwar ein besonderer Mensch, aber nicht Gottes Sohn, der am Kreuz gestorben ist.
Soweit eine kleine Einordnung, wie nah der Koran an der Bibel oder auch umgekehrt ist.

Um 14 Uhr begann die Feier und um 18 Uhr wurde auf das kommende Theaterstück hingewiesen.
Um 18.30 Uhr fing meine Tochter an die Einleitung zu lesen und in einem Saal mit gut 250 Besucher wurde es still.
Mit Disziplin und Freunde spielten die Kinder und Jugendlichen ihre, Het huidige kerstverhaal.
Regungslos nahmen die Zuschauer die Worte auf und ich sah, dass viele Besucher weinten, je länger die Aufführung ging.
Nach der Aufführung gab es minutenlangen Applaus für die Darsteller und noch mehr Tränen. Der Applaus konnte ich schwer einschätzen ob es nur für den Respekt der Kinder oder ihrem Mut der Erzählungen war.

Bis kurz vor Mitternacht wurden Gespräche mit Bürgermeister, Beigeordnete des Stadtrats, Kommunalpolitiker und interessierten Leuten geführt. Die Kinder hatten neue Impulse in der Politik gesetzt: es wurden ihnen zugehört.
Bei den vielen Gesprächen mit Politiker wurde versprochen zu helfen und auch zu handeln.

Im neuen Jahr werden wir die Het huidige kerstverhaal noch zweimal aufführen. Mit einem solchen Erfolg der Anteilnahme und des Umdenkens hatte keiner gerechnet.
Wenn diese Kinder mit ihren Traumatisierungen etwas bewegt haben um anderen zu helfen, um umzudenken, haben wir sehr viel erreicht. Was Amira und ihr Team mit den Kinder und Jugendliche erreicht und umgesetzt hat, erfüllt mich mit Stolz.

Nila Khalil, Den Haag, 26. Dezember 2019

Ein Jahr voller Sogern geht, ein neues beginnt

Das Jahr 2020 war für mich sehr turbulenten. Die ersten zwei Monate in den Niederlande war mein „Urlaub“. Trotz meiner „Freizeit“ und „Entspannung“ hatte ich mit in der Kinder- und Jugendeinrichtung von Dr. Erik de Joost mitgearbeitet. Ich kenne Erik seit 13 Jahren und seit dieser Zeit arbeiten wird auch sehr eng zusammen.

Im März stellt sich mein durchgetaktes und organisiertes Leben völlig auf den Kopf. Am 4. März wurde mir die wohl schwerste Entscheidung meines Lebens gestellt. Ich musste über das Leben oder den Tod eines Kindes entscheiden!
Das ich 48 Stunden später wieder an dem Punkt der Welt sein würde, wo ich eigentlich im Herbst erst sein wollte, war mir am 3. März nicht klar.

Der April stellte mich vor weitere Veränderungen in meinem Leben.
Als deutsch-afghanin war der Lebensmittelpunkt in den letzten 14 Jahren der alltägliche Krieg, Terror und Chaos in Afghanistan.
Bei all der Angst vor Terror gegen meine Person baute, strukturierte und organisierte ich mein Lebenwerk.
Nun war ich über 5000 Kilometer von all dem entfernt und musste mich erneut zwischen Europa und Zentralasien entscheiden. Ein Schritt der mir schwer fiel, aber die nur einzige logische Möglichkeit. Ich übergab mein Tun und Schaffen in meiner Schule und den Frauenhäuser an meine langjährige Freunde Samira Ansary.
Die Stunden, Tage und Wochen im April, die ich voller Sorge um Lenara hatte, brachten mich an meine psychische- und physische Kräften. Ohne die bedingungslose Liebe meiner Eltern und die unglaubliche Unterstützung meiner Freunde und Mitarbeiter hätte ich dies wohl kaum unbeschadet überstanden.

Im Mai setzte der feige Terror der Taliban mal wieder den Tiefpunkt jeglicher Menschlichkeit. In Kabul wurde eine Frauenkrankenhaus angegriffen und selbst vor Babys machte der Menschenverachtend Terror nicht halt. Bei mir in den Niederlande liefen Telefon- und Videoschaltungen gleichzeitig auf. Die nachfolgenden Stunden waren mal wieder der Horror.
Zwei Tage später kam der Terror in die Stadt, in der meine Schule, ein Frauenhaus, mein Büro und Mitarbeiter, sowie mein Haus ist. Ein Notfallplan den ich mit meinem Team vor sechs Jahren erarbeitet hatte wurde aus dem Tresor geholt und zeitgleich lief auf vier Kontinenten die Alarmstufe hoch. Am gleichen Tag wurden über 70 Mädchen und die Hälfte von meinem Team an einen geheimen Ort gebracht.
Der Terror stand vor meiner Tür und ich war nicht zuhause. Ich hätte binnen Stunden mit einem Militärflugzeug in Afghanistan sein können – konnte aber wegen Lenara nicht weg.

Im Juni schlug Corona weiter zu und wir hatten in der Einrichtung sowieso schon genug Arbeit mit Maßnahmen und Vorgaben seitens der niederländischen Behörden. Seit April habe ich die Leistung und somit auch die Verantwortung für 54 Kinder und Jugendliche, wie auch über 36 Mitarbeiter und zahlreiche Ehrenamtliche Helfer.
Zum Glück habe ich sehr gute Mitarbeiter und wir schaukelten uns durch diesen Monat.

Schaukeln ist ein gutes Stichwort für den Juli. Durch Corona konnte  wir eine geplante Freizeit für unsere Kinder (aus Selbstschutz) nicht wie geplant durchführen. Wir von der Leitung haben uns auf eine außergewöhnliche, wenn auch teure, Freizeit verständigt und so ging es in drei Gruppen mit einem 110 Jahren alten Segelboot auf das Ijsselmeer.

Der August brachte wieder so einige Sorgen mit sich. In der Einrichtung sind auch Jugendliche die mit der Schule fertig sind und die Situation an den Universitäten und Ausbildungsbetriebe machte es den Schulabgänger nicht gerade leicht. Da mussten neue Wege und Ideen her.

Im September konnte ich mit meinen Eltern endlich in mein Haus einziehen, dass ich im April gekauft hatte. Auch da wurde durch Corona der gesammte Zeitplan über Bord geworfen.
Bei meiner Tochter wohnte ich die letzten vier Jahre immer, wenn ich auf Urlaub oder Arbeit in den Niederlande war. Als ständiger Wohnsitz auf vier Zimmer mit meinen Eltern war die Situation doch oft angespannt. Zumal Amira im Bett Platz wie ein Flugzeugträger braucht. So schlief ich öfter im Büro in einem kleinen Apartment und kam nur zum Frühstück „nach Hause.“

Am 13. August wurde Lenara nach fünf Monaten aus dem künstlichen Koma geholt und ich konnte endlich mit dem Kind reden, für das ich am 9. März per sofort vom Familienministerium die Vormund bekommen hatte.

Seit September unterrichte ich als Lehrerin meine Tochter persönlich. Durch das lange Koma muss Lenara alles neu lernen. Vom schlucken, greifen und verstehen. Ich unterrichte Lenara in drei Sprachen, wobei ich paschtu außenvor lasse. Das Kind soll an und mit Afghanistan gar nicht so viele Erinnerungen haben. Wobei sie durch die vielen Optionen und die Schädigung ihrer Haut sowieso daran erinnert wird.
Durch die vielen Stunden bei Lenara bleibt auf meiner Arbeit einiges liegen. So beginnt mein Arbeitstag morgens zwischen 4 und 5 Uhr und endet oft um 23 oder gar 0 Uhr.

Der Oktober und November war eigentlich wie der September. Von der ganzen Hysterie und Pandemie bekam ich kaum etwas mit, da ich mich quasi selbst isoliere. Es wäre der Super Gau wenn ich nicht mehr auf die Intensivstation von der Brandwonden Klinik kommen könnte. Meine Arbeit im Büro läuft fast ausschließlich nur noch über Videokonferenz.
Täglich wird meine Temperatur gemessen und täglich mache ich einen Test auf Sars-CoV-2.

Mit dem Ende des Jahres steigt für mich die Angst in Afghanistan. Die US- und NATO Truppen werden 2021 aus Afghanistan abziehen und meine Befürchtung die Taliban wird erneut die Regierung und das Land ins Chaos stürzen sind berechtigt. Alle persönlichen Vorbereitungen für den Tag X sind getroffen und auch notariellen festgeschrieben.
Auch wenn ich von meinem Freund der mein persönlicher Bodyguard und Scharfschütze ist, begleitet werde, kann ich einen weiteren Terroranschlag auf meine Person nicht ausschließen.

Das Jahr 2020 war doch schon etwas turbulent.

Heute erlebe ich ein Silvester, wie ich es so auch noch nie hatte. Ich fahre zu Lenara ins Krankenhaus und wir beide werden ein neues Jahr, einen neuer Schritt in unserem Leben ab 0 Uhr beginnen.
Heute werde ich Lenara von der nächsten Operation und dem erneut bevorstehenden künstlichen Koma sagen.
Ich hatte mir die letzten Wochen sehr viele Gedanken gemacht, wie und vor allem wann, ich es ihr sage. Ich bin schon ein Feigling.

Durch lange Gespräche mit meiner Familie, Freunden, Mitarbeiter und meiner Freundin Dr. phil Marpe de Joost, gehe ich heute Abend den Gang nach Canossa.

Nun wünsche ich euch allen einen guten Start in das Jahr 2021. Bleibt gesund und bewahrt eure Menschlichkeit. Die Liebe im Herzen gibt uns Kraft für das Leben.

Nila Khalil, Den Haag, in den letzten Stunden von 2020

Montag 9.März 2020
Brandklinik Rotterdam

Das wichtigste vorweg: Ein Heilung ist möglich.
Amira, Erik und ich waren heute in Rotterdam in der Klinik. Um 14 Uhr hat uns Professor de Friese vieles erklärt, wie die Operationen geplant sind und welche Schritte wie wann gemacht werden. Die Schädigung des subcutanen Fettgewebes, also was dem Verbrennungsgrad III entspricht, ist eine Heilung der Haut nicht mehr möglich.
Lenara hat „Glück“ das sie mehr Verbrennungen im Grad II hat. Wobei diese nicht minder schlimmer sind, dort ist das subcutane Fettgewebe nicht all zu stark beschädigt.
Die Zehen am linken Fuß sind irreparabel. Wobei dies wohl in ihrem Zustand das kleinste Problem ist.
Lenara würde mit einem Bürsten-Debridement in einem Verbrennungsbad „gebürstet“ werden. Dafür muss sie aber noch etwas stabiler werden. Damit könnte eventuell am Mittwoch oder Donnerstag begonnen werden. Noch liegt sie im künstlichen Koma. Dies ist erforderlich um dem Kind die Schmerzen zu nehmen und zum anderen um ihr Herzkreislauf zu stabilisieren.
Die Operationen nennt man Epifasziale Nekrektomie. ( Ein Dankeschön an Dr. Erik de Joost. Ich wäre ohne Erik heute ganz schön aufgeschmissen gewesen. Zum einen kann ich nicht so gut niederländisch und zum anderen hörte ich Wörter, die ich ohne aufzuschreiben niemals wiederholen könnte.)
Mit elektrischen Messer, so ähnlich wie Laser würde die Epidermis, Corium und das subkutane Fettgewebe abgeschnitten werden. Die verbrannte Haut würde mit
Spalthaut versorgt und temporär mit Xenograft bedeckt. ( Keine Ahnung was dies genau ist. Ich bin ja schon froh, diese Fachbegriffe richtig, hoffe ich, aufgeschrieben zu haben.)
Alle zwei Tage wären maximal 20% der Hautoperation möglich.
Ihre verbrannte Haut würde mit Ersatzhaut bedeckt werden. Ob die später bleibt habe ich nicht verstanden.

Durch ein Fenster sahen wir Lenara mit Unmengen von Kabel und Geräte. Es tun wahnsinnig weh im Herz, dieses Mädchen so liegen zu sehen. Die Ärzte versicherten uns, dass Lenara keine Schmerzen spürt. Das EKG ist nicht das beste. Die Ärzte hoffen, dass es in ein paar Tagen etwas besser wird. Zwar hat sich der Gesamtzustand seit Freitag etwas verbessert, was aber nicht heißt, dass Lenara außer Lebensgefahr ist.
Professor de Friese sagte, dass wir alles, mit den uns in Afghanistan zur Verfügung stehenden Mittel, richtig gemacht haben. Wenigstens ein kleiner Lichtblick.

Ich hatte nach dem Gespräch in Rotterdam ins UKE nach Hamburg angerufen und mich bei Dr. Kürster für seine Kompetenz und Unterstützung bedankt.
In den letzten 15 Jahren habe ich so einiges an Folter, gewaltsamer Schwangerschaftsabbruch, Gängelung, Marasmus, Noma, Verbrennungen…. gesehen und dachte immer, es kann nicht schlimmer kommen. Ich habe mich getäuscht.
Es ist schwer eine solche Tat von einem Menschen im Verstand zu fassen, in Worte noch viel mehr. Ich weiß nicht, wie ich mit all diesen Bilder an Gewalt umgehen soll. Es tut unglaublich weh im Herz.

Mittwoch 11. März 2020 Die Blutwerte und EKG sind im Aufbau

Dr. Erik de Joost und ich waren heute in Amsterdam bei einem Arzt der sich auf Säure-Verbrennungen spezialisiert hat. Auch wenn Lenara keine Verbrennungen mit Säure hat, sind die Operationswege oder Ziele gleich. Dr. Smeet hat uns in Ruhe den Hautaufbau erklärt und Fotos gezeigt, bei denen jeder Horrorfilm ein Schwarzweiß Foto ist. Also, schlimmer geht immer.
Anschließend sind wir in die Brandklinik nach Rotterdam gefahren und hatten mit Professor de Friese gesprochen.

Lenara kommt langsam aus dem kritischen Bereich heraus. Trotzdem ist ein septischer Schock immer noch nicht auszuschließen. Wenn die Werte die nächsten 48 Stunden stabil bleiben, wir Lenara mit einem Bürsten-Debridement in einem speziellen Bad gebürstet werden. Dies soll die Bakterien auf / an der Haut verringern. Da am Donnerstagabend der Körper soweit „nur“ sterilisiert wurde, kann eben jener weitere Schritt in diesem speziellen Bad vorgenommen werden.

Dr. de Joost ist ein langjähriger Freund von mir und war in den 80er Jahren für Médecins Sans Frontières (Ärzte ohne Grenzen) in vielen Ländern in West- und Zentralafrika im Einsatz und hat auch schon so einiges gesehen. Das Leid von Lenara ist auch ihm fremd. Erik hat in den letzten Tagen so ziemlich alles, mein Eindruck wenn ich seinen Schreibtisch sehe, an Fachliteratur über Verbrennungen gelesen und ist mit Dr. Smeet und Professor de Friese auch konform, was alles an jetziger Behandlung und späteren Operationen angedacht ist.

13. März 2020

Heute morgen um kurz nach 9 Uhr rief mich Professor de Friese an und sagte, die Werte von Lenara seien seit Mittwoch stabil und heute würde sie in einem Speziellen Bad „gebürstet“ werden.
Lenara ist nun seit Donnerstag, 5. März, im künstlichen Koma. Da ein septischer Schock immer noch nicht auszuschließen ist, bleibt sie weiterhin im Koma.
Seit Donnerstag, 5. März, wird auch eine Apherese (Blutwäsche) bei ihr durchgeführt. Natürlich dauert eine Apherese auch seine Zeit. Durch das künstliche Koma geht es dementsprechend noch etwas langsamer. In ihrem Blut sind in Folge der schweren Verbrennungen einige Krankheitserreger in die Blutbahn von Lenara gelangt.
Diese können ihr sowieso schon geschwächtes Immunsystem noch weiter schädigen. Durch kleine Blutgerinnsel und infolge der Entzündungsreaktionen im gesamten Körper kann es zur Schädigung vieler lebenswichtiger Organe führen.
Es besteht immer noch Lebensgefahr für Lenara.

Da mir am Montag die Anwaltschaftliche Vormundschaft für Lenara übertragen wurde, haben wir, also das Ärzteteam in Rotterdam, Dr. de Joost und ich, uns entschlossen den nächsten Schritt zu gehen. Es wird nicht besser, wenn wir noch länger warten.
Dr. de Joost und ich sind mit dem Ärzteteam und anderen Spezialisten in den Niederlanden und Deutschland konform.
Ich habe mich in den letzten Tagen mit unglaublich vielen Ärzten getroffen und telefoniert. Ich habe alles an pro und contra abgewogen und vertraue auf die Fachkompetenz von Professor de Friese und seinen Mitarbeitern.

Anruf von Professor de Friese um 16.50 Uhr.

Lenara hat das erste Bürsten-Debridement an ihrem linken Bein, ab dem Knie, überstanden. Die Werte vom EKG waren bei- und nach der Behandlung unverändert. Dies ist eine der besten Nachrichten in den letzten Tagen. Wenn auch heute „nur“ ihr linkes Bein diese Behandlung bekommen hatte, ist es ein großer Fortschritt für Lenara. Ihr Zehen am linken Fuß sind irreparabel und da wird die erste Operation anstehen und auch gleichzeitig die Haut im Bereich vom Knie bis zum Fuß ersetzt werden. Wann dies aber sein wird, kann zum jetzigen Zeitpunkt niemand sagen.
In zwei Tagen wird mit der nächsten Bürsten-Debridement begonnen werden – wenn ihre Werte weiterhin so stabil bleiben.
Bis Lenara aus der immer noch Lebensgefährlichen Lage heraus kommt, kann es noch drei Wochen dauern.

15. März 2020

Heute waren meine Eltern das erste Mal mit in Rotterdam in der Klinik.
Auch wenn wir seit fast zwei Wochen über Lenara sprechen, ist es etwas anderes, als wenn man es sieht, so weit dies auf der Intensivstation möglich ist.
Was kann man tun, wenn man durch eine Glasscheibe ein Kind sieht und nicht zu ihm kann? Die Augen sehen die Situation und der Verstand begreift es nicht! Das Herz möchte diesen Menschen umarmen und ihm alles Gute wünschen, aber man darf es nicht. Die Seele schreit nach Vergeltung, der Verstand nach Rache.
Ohnmacht vor einer Glasscheibe.
Hoffen, beten, wünschen. Mehr kann man nicht tun. Apparate anschauen und sich immer wieder die Frage nach dem Warum stellen. Was können wir tun, um in Zukunft ein solches Verbrechen zu verhindern? Ist meine Arbeit in all den Jahren überhaupt noch etwas Wert? Was habe ich erreicht? Was habe ich falsch gemacht?
Meine Eltern weinen mit mir und beteuern immer wieder, ich habe nichts falsch gemacht und dass meine Arbeit unglaublich wichtig sei.

Der Versand schreit nach Rache, das Herz sagt Vergeltung.
Ich hielt mich immer für klug und nun stehe ich an einer Glasscheibe und will den Hass auf einen Mann über meine Menschlichkeit stellen.
Ich zeige euch mal ein Foto, damit ihr ungefähr eine Vorstellung habt, welche Geräte, Apparate und Technik über das Leben von Lenara wachen. Diese Geräte sind nur auf der rechten Seite!

Freitag, 20. März 2020

Seit nun zwei Wochen liegt Lenara in der Brandklinik in Rotterdam mit ihren schweren Verbrennungen im künstlichen Koma. Ein Mensch im Koma ähnelt dem Traumlosen Schlaf und ist eine Art energiesparendes Notfallprogramm des Körpers. Dieser reagiert dann nicht mehr auf kräftezehrende Schmerzreize, aber der Hirnstamm erzeugt noch Reflexe, die dazu führen, dass sich Lider bewegen, geschluckt oder gewürgt werden kann.
Die Kehrseite des Komas ist leider nicht sehr erfreulich. Die Statistik zeigt deutlich, dass die Chancen wieder aufzuwachen, mit jedem weiteren Tag im Koma abnimmt. Uns blieb aber gar keine andere Wahl. Lenara würde in Folge der schwere ihrer Verbrennungen im Wachzustand dies nicht überleben! Daher hatten wir uns am 4. März in Afghanistan auch dazu entschlossen, Lenara zu sedieren.

Die ersten Tage in Rotterdam konnten die Ärzte kaum etwas an Lenara tun, da ihr Gesundheitszustand in einem sehr kritischen Bereich war. Am 9. März wurde mir die Anwaltschaftliche Vormundschaft für Lenara übertragen, jemand muss schließlich die Verantwortung für die Behandlungen, Operationen oder auch ihren Tod übernehmen. Mit der Vormundschaft habe ich mich mit vertrauten Ärzten in Afghanistan, Deutschland, Luxemburg und Niederlanden sehr lange und intensiv unterhalten. Da mir ein solches Verbrechen an einem Kind völlig neu war und ist, wollte ich JEDEN auch noch so kleinen Schritt bis ins tausendstel abgesprochen und erklärt haben. Ich habe mich auch mit meiner Familie und Freunde auseinandergesetzt und auch dort alle notwendigen Schritte für Lenara beraten.
Dr. Kürster vom UKE in Hamburg erwies sich als ein absoluter Glücksgriff, mit ihm konnte ich wirklich jede Frage beantworten. Michael schickte mir Dutzende Seiten an PDF Dateien zu und wir besprachen fast jede Seite. Ich habe in meinem Leben noch nie so viele Lateinische Fachbegriffe gelesen und gehört wie in den letzten zwei Wochen. Über Skype haben wir Stundenlang, zum Leidwesen seiner Tochter und Frau, geredet und Michael hat mir wirklich alles bis ins kleinste Detail erklärt. Er hatte auch Kontakt zu Professor de Friese aufgenommen und hat mit ihm sehr viel abgestimmt und beide sind 100 % konform, was die Behandlungsschritte von Lenara angehen.
Am Freitag, den 13. März, wurde mit dem ersten Bürsten-Debridement an ihrem linken Bein, ab dem Knie Abwärts, begonnen.

Am Montag, den 16. März, die zweite Behandlung am selben Bein und am Donnerstag, den 19. März, fast die Hälfte des rechte Beines. 20 % einer solchen Behandlung ist nicht gerade viel an einem Menschlichen Körper.
Da ihr EKG und die Elektroenzephalografie, also die Hirnaktivität, seit dem 11. März stabil sind, entschlossen wir uns mit den ersten Schritten der Behandlung, am 13. März, zu beginnen. Die Apherese (Blutwäsche) kommt auch voran und mit jedem Tag schwindet die Gefahr eines Septischen Schock bei Lenara. Mit jedem Tag aber auch die Gefahr, dass Lenara nicht mehr aus dem Koma erwacht.
Die Gedanken die mir seit zwei Wochen durch den Kopf gehen und irgendwie auch immer am Tag da sind, sind unvorstellbar. Ich danke meinen Eltern, dass sie mich auf den Boden gebracht haben und auch für ihre Engelsgeduld mit mir.

Am Sonntag sprach ich lange mit Samira und Ava, wie es in Afghanistan weitergeht und beide waren der Meinung, dass sie ab sofort die Leitung der Schule und der Frauenhäuser übernehmen werden. So habe ich wenigstens diese alltäglichen Probleme etwa aus dem Kopf. Wann ich nach Afghanistan zurück fliegen kann, steht durch Corona sowieso in den Sternen und zum anderen kann und möchte ich Lenara nicht alleine lassen. Ich telefoniere täglich mit der Klinik und fahre jeden zweiten Tag die 60 Kilometer nach Rotterdam. Ich stehe am Fenster vom Zimmer in dem Lenara liegt und kann nichts tun.

Am Montag, den 16. März, sprach Dr. Erik de Joost und ich mit Professor de Friese, ob es nicht möglich sei, dass ich mit Lenara reden kann. Ich bin Mutter und mir blutet das Herz, wenn ich mit dem Kind nicht reden oder die Hand halten kann. Es wurde mir zugesagt, dass ich heute zu Lenara darf. Über die Woche wurde ich täglich von Dr. de Joost kontrolliert, dass ich keine ansteckende Krankheit, Fieber oder der ähnliche habe. Erik führt Protokoll über meinen Gesundheitszustand. Dies ist wichtig, weil jeder Krankheitserreger für Lenara tödlich sein kann.

Auch wenn Lenara im künstlichen Koma liegt, sind sich die Spezialisten in der Anästhesie einig, dass der Mensch im Unterbewusstsein Töne und Reize wahrnimmt. So läuft „Musik“ im Zimmer von Lenara. Es sind Töne die jeder kennt: Vogelgezwitscher, Wellenrauschen, Wind und auch eine Abfolge von verschiedenen Musiktöne. Ich habe am Dienstag einen MP3 Stick mit Töne und Musik aus Afghanistan zusammengestellt, damit Lenara auch vertraute Töne wahrnehmen kann.
Da ich wusste, dass ich heute zu Lenara kann, habe ich mir überlegt, was ich mit dem Kind reden soll. Auf dem Flug von Kabul nach Charkiw, in der Ukraine, hatte ich mit Lenara gesprochen und ich sah an ihren Augen, dass sie mich hörte.
Also was sollte ich dem Kind heute erzählen? Ich sagte ihm, wo sie nun ist und wie die Behandlungen weiter gehen. Ich sagte ihr, dass ich ihre Mutter sein kann – wenn sie dies möchte. Ich habe die gesetzliche Vormundschaft für sie und werde für sie da sein. Ich sagte ihr auch, dass sie nicht mehr nach Afghanistan zurückkehren braucht. Der Mann der ihr dies angetan hat, sitzt im Gefängnis und auch ihre Eltern werden bestraft. Ich erzählte von Amira und das auch sie sich um Lenara kümmern wird.
Aus eigener Erfahrung weiß ich, was mir ein Kind sagen will, wenn ich auch nur eine minimale Bewegung der Augenlider sehe.
Da Lenara und ich unter ständiger Beobachtung waren, als ich die vier Stunden mit ihr gesprochen habe, sah die Krankenschwester die Veränderung an unzähligen Geräten links und rechts neben ihren Bett. Immer wieder zeigte Paula, die Stationsleiterin, mit dem Daumen nach oben. Lenara hörte mich!
Die Elektroenzephalografie (EEG) zeichnete eindeutig Wahrnehmungen von ihrem Gehirn auf, auch hat sich in meiner, einseitigen, Unterhaltung ihr EKG verändert.

Ich kann das Gefühl nicht beschreiben, wenn sich Kurven und Linien verändern. Es sind minimale Veränderungen und wenn sie noch so klein sind, weiß ich – Lenara hört mich. Sie versteht – was ich hoffe, was ich gesagt habe. Ich werde dies ihr immer und immer wieder sagen. Mein größter Wunsch ist es, dass Lenara in vier Wochen, zu meinem Geburtstag, aus dem Koma wäre.

Mein erster Buch welches ich in Deutschland gelesen hatte war, „Die Unendliche Geschichte“ von Michael Ende. Dieses Buch gibt es in unzähligen Sprachen der Welt, Paschtunisch aber nicht. So habe ich mir am Morgen diese Buch auf deutsch bestellt und seit Mittwoch übersetzte ich einiges aus dem Buch in paschtu, um nicht ständig erst lesen und dann übersetzen zu müssen. Beim lesen kamen mir ab Mittwoch so viele Erinnerungen in den Sinn, dass mir in den zwei Tagen doch die ein oder andere Träne übers Gesicht lief.

Mein erstes Buch welches ich auf deutsch gelesen hatte.

Da ich am Mittwoch schon gesehen habe, dass viele von euch dieses Buch kennen, obwohl ich die Titel gar nicht nannte, Fuchur scheint doch sehr bekannt zu sein, möchte ich aber auch jenen die die Geschichte nicht kennen, dieses wunderbare Kinderbuch gerne etwas erklären.
Bastian Balthasar Bux ist ein zehn oder elf Jahre alter schüchterner fantasievoller pummeliger Junge. Sein Vater hat den Tod von Bastians Mutter nie verkraftet, flüchtet sich in seine Arbeit und beachtet seinen Sohn kaum noch. In der Schule ist der Junge ein Außenseiter und wird von seinen Klassenkameraden schikaniert. Im Antiquariat des Buchhändlers Koreander, sieht Bastian das Buch, „Die unendliche Geschichte“ und stiehlt das Buch und flüchtet mit ihm auf den Dachboden seiner Schule. Dort beginnt er „Die unendliche Geschichte“ zu lesen.

Die Geschichte handelt von Phantasien, dem Reich der Phantasie. Die Kindliche Kaiserin, Herrscherin dieses Reiches, die im Elfenbeinturm wohnt, ist schwer erkrankt und droht zu sterben. Indem ihre Krankheit voranschreitet, ist auch Phantasien selbst dem Untergang geweiht. Der Junge Atréju aus Phantasien reist von Ort zu Ort und spricht mit den verschiedensten Bewohnern des Reiches. So findet er nach und nach heraus, dass die Kindliche Kaiserin nur gerettet werden kann, wenn sie einen neuen Namen bekommt, den ihr nur ein Menschenkind geben kann. Er begegnet auch dem Glücksdrachen Fuchur, der sein Begleiter wird.
Bastian begreift beim lesen immer mehr, dass er ein Teil der Geschichte ist und gebraucht wird. Im innersten Ort von Phantasiens steht eine Kuppelhalle in der ein Springbrunnen mit dem Wasser des Lebens fließt…..

So weit eines der schönsten Bücher und Erinnerungen meiner Jugend.
Was soll ich noch schreiben?
Es war ein wunderbares Gefühl die Hand von Lenara zu halten und ihr vieles erzählen zu können. Die minimalen Bewegungen ihrer Lider und die Aufzeichnungen vom EEG lassen mich wissen, sie hört und kennt mich.

Da ich nun auch weiterhin täglich von Erik auf meinen Gesundheitszustand geprüft werde, darf ich dann auch nun alle zwei Tage zu Lenara. Natürlich würde und möchte ich nun täglich zu ihr, ich halte mich aber an die Ratschläge der Ärzte und Anästhesisten und belassen es erst einmal auf alle zwei Tage. Vielleicht sieht es in einer Woche besser aus. Auch wenn Lenara Fortschritte macht, soweit man dies so sagen kann, ist ihr Körper extrem geschwächt und leider immer noch Lebensbedrohlich.

Sonntag 22. März 2020

Durch Corona ist es schwierig oder auch gar fast unmöglich in ein Krankenhaus zu kommen – auch hier in den Niederlanden. Durch eine Sondergenehmigung darf ich ins Krankenhaus. Ich muss vorher anrufen und kann dann durch einen Nebeneingang ins Gebäude. Seit Freitag darf nur ich zu Lenara und auch dies ist nicht leicht. Täglich werde ich auf Sars-CoV-2 getestet.
Na ja, wenn es hilft das ich zu Lenara kann, werde ich auch dies alles so weiter machen.

In der Intensivstation gibt es einen Raum, in dem ich meine Kleider ausziehe und sterile Kleidung bekomme.
Heute sprach ich mit den Ärzten und Pfleger die letzten zwei Tage von Lenara ab. Ich sah heute die Auswirkungen der Elektroenzephalografie der letzten Tage und wir verglichen dies Werte. Unzählige Striche auf Meterlangen Papier sehen sich ähnlich und trotzdem nicht. Die Frequenz zeigen eine Veränderung für eine leichte, mittelgradige oder schwere Enzephalopathie, also der Gehirnveränderung. In wieweit nun es hypoxisch oder medikamentös bedingt ist, kann jetzt niemand sagen.
Meine Unterhaltung mit Lenara vom Freitag zeigte ganz klar und deutlich Veränderungen in der Enzephalopathie bei Lenara. Sie hört mich! Sie kann es auch, was alle hoffen, zuordnen. Dieses Bild an Linien und der Aussage von Dr. Vermeulen trieb mir die Tränen in die Augen. Auch sieht man auf den Auswertungen deutlich, dass Lenara die Geräusche und Töne von Afghanistan besser auf- oder wahrnimmt als die Töne, die in der Klinik in einem wohl Standard Programm laufen.
Ich hatte am Anfang der Woche einen MP3 Stick mit Musik, Geräusche aus Afghanistan und meiner Stimme aufgenommen und diese am Freitag nach meinem Besuch der Krankenschwester Paula gegeben.
Meine Angst vor einem hypoxisch Hirnschaden bei Lenara kommt immer wieder hoch und vieles von vor Jahren kommt wieder in mir hoch. Was wird sein, wenn eine mittelgradige oder sogar schwere Enzephalopathie bei ihr später vorliegt? Schaffe ich dies? Wie wird das Leben für mich und Lenara sein, wenn?
Zweifel begleiten mich ständig. Mache ich das richtige? Dann habe ich die Angst, dass Lenara nicht aus dem Koma erwacht.
Wenn sie erwacht, wie wird es sein? Was wird sein? Diese Angst lähmt mein Gehirn im Denken. Auch wenn ich mir immer und immer wieder sage, es wird alles gut.

Am Samstag war ich bei Marpe de Joost, sie ist Psychologin und langjährige Freundin von mir. Über Stunden habe ich mit ihr gesprochen. Auch wenn ich weiß, dass ich unglaublich viele und kompetente Menschen um mich habe, habe ich schließlich die Verantwortung für Lenara.

Die ersten Schritte in das Zimmer von Lenara tut mir unglaublich weh. Die vielen Geräte, Kabel und Monitore haben etwas sehr Futuristisches und ich muss immer an Raumschiff Enterprise denken. Mir fallen sofort Unterhaltungen mit Ärzten ein, die mir es noch schwerer machen, die fünf Meter an ihr Bett zu gehen. Lenara ist im Bereich des Stimuli, also starke äußere Schmerzreize, bei denen der Patient nicht geweckt werden kann. Sie liegt mit Grad 4 im künstlichen Koma ( Stimuli), bei der keine Schmerzreaktion, keine Pupillenreaktion und der Ausfall weiterer Schutzreflexe gar nicht vorhanden ist.
Schlagartig kommen mir Gedanken, gehe ich an ein Kranken- oder Totenbett? Mir kommen die Tränen.
Mit meinen Handschuhen halte ich ihre Hand und sitze auf einem unbequemen Stuhl neben ihr. Lenara liegt auf einem speziellen Luftpolster auf dem Rücken. Auf dem Bauch könnte sie um Längen besser liegen, nur ist und wäre dann die künstliche Beatmung und Ernährung nicht möglich.
So sitze ich auf einem Plasikstuhl und schaute in ihr unschuldiges Gesicht. Meine Gedanken sind zäh wie Kaugummi. Wo fange ich an ihr etwas zu erzählen?
Ich nehme das Buch von dem Tisch neben ihrem Bett und fange auf deutsch an zu lesen:
Die uralte Morla
Caíron, der alte Schwarz-Zentaur, sank, als er den Hufschlag von Atréjus Pferd verhallen hörte, auf sein Lager aus weichen Fellen zurück. Die Anstrengung hatte seine Kräfte erschöpft. Die Frauen, die ihn am nächsten Tag in Atréjus Zelt fanden, bangten um sein Leben. Auch als einige Tage später die Jäger heimkehrten, stand es noch kaum besser um ihn, aber er war immerhin in der Lage, ihnen zu erklären, warum Atréju fort geritten war und nicht so bald zurückkehren würde…

Immer wieder sehe ich zur Glasscheibe hinter der ein Krankenpfleger steht und mir zunickt. Ich sehe auf die Monitore vom EEG und EKG wie sich die Kurven und Linien verändern. Lenara hört mich! Sie kennt meine Stimme.

Nach einer Stunde legte ich das Buch weg und spreche in paschtu mit ihr. Wieder sagt ich, dass ich ihre Mutter sein kann und sie nie wieder Angst haben braucht. Ich erzähle ihr, wie es am Meer ist und das Amira sich über eine Schwester freut.
Amira hatte die Tage auch einen MP3 Stick aufgenommen auf dem sie mit Lenara sprach und was sie sich für beide wünscht.
Der Krankenpfleger spielt die Aufnahme von Amira ab und ich sehe wie die Enzephalopathie sich in den Linien verändern. Nach zehn Minuten sprach ich weiter und sage Lenara, dass dies die Stimme von ihrer Schwester war.

Zweieinhalb Stunden war ich heute wieder bei Lenara. Es ist für mich sehr anstrengend mit ihr zu reden, ihr Mut zuzusprechen und immer wieder zu sagen, dass wir dies alles schaffen werden. Ich sagte ihr auch, dass ich sehr gerne täglich zu ihr kommen möchte, aber auch weiß das sie Kraft und Ruhe braucht.

Ich sprach danach mit Dr. Vermeulen wie lange Lenara noch im Stimuli 4 liegen muss und ob mein Wunsch für meinen Geburtstag zu utopisch sei. Wenn die Werte auf diesem Niveau bleiben würden und das Debridement so fort gesetzt werden kann, wie es seit eineinhalb Wochen gemacht wird, bestünde durchaus die Möglichkeit Lenara aus Phase 4 zu holen um nach und nach auf Phase 1 zu gehen, also auf Pupillenbewegung.

Brandklinik Rotterdam 26. März 2020

Ich war am Dienstag und heute wieder einige Stunden bei Lenara und habe ihr nochmal aus „Die Unendliche Geschichte“ vorgelesen. Ich las auf deutsch zwei, drei Seiten und erzählte ihr auf paschtu was ich gelesen habe.
Auch wenn mir jeder Besuch schwerfällt die Tränen zurück zu halten, erfreue ich mich über jede minimale Verbesserung von Lenara. Nach meinem Besuch mit dem Vorlesen und erzählen, wie das Wetter ist und wie die Niederlanden sind, verglichen die Krankenschwester Paula und ich das EEG. Die Enzephalopathie zeigt ganz deutlich, Lenara hört mich. Auch hat sich die komplette Enzephalopathie seit einer Woche verändert, zum positiven. Soweit man dies sagen kann. Ich sprach heute mit einem Neurologen über die Enzephalopathie und meine ständige Angst vor einem hypoxischen Hirnschaden.
Dr. van Gastelen erklärte mir sehr vieles über das Gehirn und auch über den hypoxischen Hirnschaden. Wenn ich weiterhin so mit Fachbegriffen bombardiert werde, kann ich bald mein Staatsexamen in Medizin machen.

Nun mal die Erklärung von Dr. van Gastelen: Ein hypoxischer Hirnschaden kann nach einem Wiederbelebungsversuch eintreten, der nach Herzinfarkt, Schlaganfall, einer Vergiftung, einem Ertrinkungsfall, Narkosezwischenfällen, Verkehrsunfällen und Hirnblutungen stattgefunden hat. Die Folge des Hirnschadens ist ein tiefes Koma, häufig auch ein Wachkoma. Immer wieder hört man vom Aufwachen langjähriger Wachkomapatienten, die wie ein Wunder erlebt werden. Doch dies ist die Ausnahme. Wachkomapatienten können zwar das Bewusstsein wiedererlangen, bleiben aber oft körperlich und geistig behindert und Pflegefälle.
Da Lenara keinen Unfall und somit auch keine Beeinträchtigung von Sauerstoff zum Gehirn hatte, wird von den Ärzten ein hypoxischer Hirnschaden ausgeschlossen! Was „nur“ bleiben kann, ist eben die Zeit die Lenara im künstlichen Koma liegt und dadurch Hypoxische Hirnschäden treten infolge von schwerem Sauerstoffmangel im Gehirn auf. Jedes Jahr fallen in Deutschland etwa 10.000 Menschen ins Wachkoma, 40% bleiben dauerhaft Komapatienten. Koma und Wachkoma (apallisches Syndrom) gehören zu dieser Krankheitsgruppe. Die Folgen der schwerwiegenden Hirnverletzungen sind nur schwer zu therapieren. Durch den Sauerstoffmangel sterben Gehirnzellen ab, auch größere Bereiche, die für die Aufrechterhaltung lebenswichtiger Funktionen notwendig sind.
Das erwachen aus dem oder einem Koma ist auch nicht leicht und das Aufwachen ist ein langer Prozess, der in mehreren Phasen abläuft. Lenara befindet sich in Phase 4, also wird es mit meinem Geburtstagsgeschenk nichts werden. Erst wenn Lenara wieder Kontakt zu ihrer Umwelt aufnimmt, zum Beispiel etwas mit ihren Augen fixiert, kann man von Aufwachen sprechen. Wenn nicht, bleibt sie im Wachkoma. Nach der Aufwachphase muss sie wieder selbstständig atmen und schlucken lernen. Sie muss Bewegungen einüben, wofür es Therapeuten benötigt. Die Rehabilitationsphase ist schwierig und kann sehr lange dauern. Neurologen und Neurochirurgen würden sich um Lenara kümmern, auch Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden und speziell ausgebildete Pflegekräfte.
Also werde ich so schnell nicht nach Afghanistan zurückkehren. Zum Glück habe ich einen Deutschen Pass und habe keinen Stress mit einer Aufenthaltserlaubnis für die Niederlanden.

Noch etwas zu meinem Vorlesen und Anwesenheit bei Lenara. Ich hatte vorhin eine Unterhaltung mit einer Freundin aus Österreich, die auch im Jugendalter im Koma lag und sie bestätigte mir, dass Lenara mich hört! Sie bestätigte auch, dass man im Koma Stimmen und Geräusche hört. Jeder Ausdruck von einem EEG und jede Aussage von einem Arzt kann es mir bestätigen oder sagen was auch immer; glauben kann und werde ich es erst jetzt nach der Unterhaltung mit Johanna.
Johanna, ich danke dir aus tiefstem Herzen für alles. Danke für deine Geschichte und Vertrauen.

Donnerstag 30. April 2020

Um 3.18 Uhr bekam ich einen Anruf aus Afghanistan in dem es mal wieder um nichts erfreuliches ging. Warum immer ich für alle Probleme dieser Welt eine Lösung finden muss, verstehe ich auch nicht. Ich bin 5685 Kilometer Luftlinie von den Problemen entfernt und muss dies irgendwie gebügelt bekommen. Also Telefonieren, Skypen, Mailen. Dies alles mal wieder über Stunden.

Bis kurz vor 6 Uhr MEZ war ein Lösungsplan erstellt und konnte 5685 Kilometer weiter ausgedruckt werden.
An Schlaf war nicht mehr zu denken, also ab unter der Dusche und ins Büro gefahren. Dort nochmals Telefonieren, Skypen und Mailen. In Afghanistan war es mittlerweile 10 Uhr und so konnte ich mehr erreichen als am frühen Morgen. Nach zwei Stunden war endlich soweit alles geklärt und ich machte mich auf den Weg nach Rotterdam.

The same procedure as every time.

Auf den Weg in die Klinik rufen ich vorher an und sage, wann ich da bin. Da man mich mittlerweile sehr gut kennt, gehe ich gleich zu einem Nebeneingang und rufe bei die Pforte an, damit diese mir die Tür öffnet. „Hallo, dit is Nila, ik wil weer naar de intensive care. Dank je wel.“

The same procedure as every time.

In der Klinik die gleiche Prozedur wie immer. Auf dem Stationszimmer meine Temperatur messen, in ein Protokollbuch schreiben und anschließend lese ich die letzten Berichte über den Zustand von Lenara.
Duis rhoncus tortor in mensura: Also Temperatur im normalen Bereich.
Evacuatione status normalis rang: Beatmung auch im normalen Bereich.
Elektroenzephalogie progressio in normalis range: EEG auch unverändert.
Adductus tamen potest reduci Coma: Das Koma kann noch nicht reduziert werden.

Ich hatte mal wieder Tränen in den Augen bei dem letzten Satz. Ich schaute auf den Wandkalender und zählte die Wochen: 7 Wochen und 4 Tage. 7 Wochen! Lenara, wenn du wüsstest was sich in dieser Zeit ereignet hat. Ein Heer von Menschen ist um deine Gesundheit besorgt und mein Team und ich tun alles, um rechtliche Fragen über dich abzuklären.

Nachdem ich die Berichte gelesen habe, geht es auf der Intensivstation zwei Zimmer weiter. In diesem Raum muss ich mich umziehen und sterile Kleidung anziehen. Haare unter eine Haarhaube, Latexhandschuhe anziehen und wieder ins Stationszimmer. Dort wird geprüft ob alles richtig ist und dann kann ich zwei Türen weiter nach links gehen und betrete das Vorzimmer von Lenara. Ich schaue mir die neusten Ausdruck vom EEG und EKG an und rede noch kurz mit dem Pfleger Roy über die meterlangen Ausdrucke. Noch kann niemand sagen ob und in wie weit eine kognitive Beeinträchtigung des Gehirns vorliegt. Ich schlucke die Tränen herunter.
Im Nebenzimmer von Lenara liegt ein Mann der im Dezember einen Säureunfall hatte. Sieht gar nicht gut aus. Er hat multiple Verletzungen durch die Säure am linke Arm und Bein. Seine linke Torsoseite sieht, na ja….. aus. Rebecca, seine Frau, sitzt in dem Zimmer und redet mit Marten. Auch er liegt im künstlichen Koma. Rebecca sehe ich auch fast alle zwei Tage in der Klinik und wir hatten schon öfters zusammen gesprochen. Sie ist so alt wie ich und kommt mit sehr labil vor. Ich winke ihr durch die Glasscheibe zu und gebe Roy einen neuen USB Stick für Lenara. Ich hatte die Tage andere Musik aufgenommen. Dieses mal mehr Keltisch. Mal schauen wie das EEG bei Lenara mit diesen Tönen aussieht.

Beim öffnen der Tür zu Lenara zittert wieder meine Hand. Zig Fragen gehen mir auf den 6 oder 7 Meter bis zu ihrem Bett immer wieder durch den Kopf. Gehe ich an ein Kranken- oder Totenbett? Ich will Antworten, Bestätigungen und endlich Gewissheit. Dies alles kann mir aber zur Zeit niemand geben. Adductus tamen potest reduci Coma. Das weiß ich!

„Hallo, meine Maus. Ich bin wieder da. Habe dir neue Musik aus Schottland und Irland mitgebracht. Ich hoffe sie gefällt dir.“ Ich erzähle Lenara von Schottland und wie schön es dort ist und das wir dort hinfahren werden, wenn es ihr besser geht. Der Patenonkel von Amira lebt dort und wenn ich ihm den Namen von ihrem Peiniger nennen würde, wären dessen Tage gezählt. Lenara, auch ich habe Hass gegen deinen Ehemann im Herzen und ja, auch ich habe Mordgedanken. Dies ändert aber nichts an deinem Leben. Wir werden diesen Mann verurteilten und er wird seine Strafe bekommen – dafür kämpfen ein Dutzend Juristen.

Ich nehme das Buch vom Tisch und lese der kleinen Maus weiter aus Peter Pan vor.

Peter Pan Kapitel 10: Das glückliche Heim

„Eine wichtige Folge des Kampfes in der Lagune war, dass die Rothäute dadurch ihre Freunde wurden. Peter hatte Tiger Lily von einem schrecklichen Schicksal bewahrt, und nun gab es nichts, was sie und ihre Krieger nicht für ihn tun würden…..“
Ich las die 9 Seiten aus dem Kapitel und erzählte ihr von dem Haus, dass ich für uns gekauft habe. Wann es mit dem ersten Baumaßnahmen anfängt und ich ihr Bad in knalligen Farben machen möchte. Die Dusche wird Knallrot, die Wände anthrazit, weißes Waschbecken und die Schränke in Fuchsia, Sonnengelb und Knallgrün.
Wie erklärte ich ihr solche Farben, die sie wahrscheinlich noch nie gesehen hat? Ich denke die Lehrertante hat es ihr ganz gut erklärt. Lenara brachte keinen Einwand ein; wie auch?

Auf einem Spezialbett mit einer Luftmatratze liegt ein Kind, das noch einen langen Weg zu einem normalen Leben vor sich hat und hört mir zu was ich ihr erzähle. Ich halte ihre Hand fest und streichle ihr Gesicht mit meinen Latexhandschuhe. Wie gerne würde ich Lenara meine Hand geben und sie richtig streicheln. Die Gefahr von Bakterien auf ihrer Haut ist einfach viel zu groß und da muss ich meiner Vernunft den Vortritt lassen. Also bleibt nur der Latexhandschuh.

Nach drei Stunden des Erzählen, Vorlesen und bei ihr sein verabschiede ich mich von meiner Maus und sage ihr, dass ich am Samstag wieder zu ihr kommen werde.

Der Gang nach Canossa

Nach dem ich aus ihrem Zimmer ging, winkte mir Rebecca zu, ich sollte doch bitte warten, sie wolle mit mir reden. Gemeinsam gingen wir in unseren Umkleideraum und ich merkte dass Rebecca mir etwas sagen möchte was ihr auf dem Herzen oder Seele brennt. Ich sah ihr an, dass sie nicht wusste, wie sie anfangen sollte. Also musste ich den ersten Schritte machen. Psychologischer Gesprächsaufbau nennt man so etwas. „Komm, lass uns in die Nische von der Station setzten und reden. Okay?“ Rebecca nickte stumm. Durch die Corona Beschränkungen, kann man sich ja sonst außerhalb nirgends treffen um einen Kaffee zu trinken oder ein Stück Kuchen zu essen. Ich ging noch zwei großen Tassen Kaffee in das Stationszimmer holen und fragte, ob es in Ordnung sein, dass wir uns auf der Stadtion unterhalten. Maite, die Stationsschwester, nickte und sagte, dass Rebecca die letzte Woche mit Professor de Friese gesprochen hätte und er sie an mich verwies. „Aha. Na dann ist das Gespräch schon länger geplant.“ Maite nickte und steichelte mir den Arm. Also wird das folgende Gespräch nicht leicht werden. „Bedankt Maite. Ik hoop dat ik Rebecca helpen kan.“ Maite nickte. „Dat kan het. Als iemand haar kan helpen, ben jij het, Nila.“  (Danke Maite. Ich hoffe ich kann Rebecca helfen.“ „Kannst du. Wenn ihr jemand helfen kann, dann du, Nila.“

Auf den 15 Meter vom Stationszimmer bis zu der Nische überlegte ich, wie ich ein Gespräch beginnen sollte, dass seit Tagen geplant war, ich aber bis dato keine Kenntnisse hatte.
Da ich in den letzten Jahre auch so einige Fortbildungen in der Psychologie gemacht habe, fiel mir auf den wenigen Meter die Exploration ein: Die Exploration ist die erste Gesprächsphase und dient der Erforschung der Situation. Dann Erforsche ich mal die Situation.

Ich reichte Rebecca den Kaffee und fragte nach ihrem Mann. Marten arbeitet bei AkzoNobel in Amsterdam und durch einen Unfall mit einem Kran sei ein Fass geplatzt und beim Aufschlag wären 200 Liter Säure gespritzt. Zwei Kollegen wäre kurze Zeit nach dem Unfall verstorben und Marten “zum Glück“ nicht zu nah an der Unfallstelle gewesen. Seit dem 13. Dezember liege er in der Klinik und sein Gesundheitszustand sei immer noch akut gefährdet. Sie beide haben zwei Kinder, 4 und 7 Jahre und vor fünf Jahren hätten sie ein Haus gebaut. Auch wenn Marten seit dem Unfall nicht mehr auf der Arbeit sei, würde die Firma weiterhin das Gehalt bezahlen und sich auch in vielen anderen Dingen sehr entgegenkommend zeigen.
Immerhin etwas ging es mir durch den Kopf.
„Nila, ich sprach die letzte Woche mit Professor de Friese und ich bin ehrlich, wir kamen auf dich zu sprechen und er hatte mir einiges über dich erzählt, was ich von dir noch nicht wusste. Meine vielen Sorgen rauben mir den Schlaf. Die Kinder verstehen nicht, dass ich manchmal noch nicht einmal die Kraft habe um Pfannkuchen zu machen. Du kauft ein Haus, hast Arbeit ohne Ende und kümmerst dich um so viele Menschen. Ich zerbreche an einem tausendstel von dir.“
Ich zog die Schultern hoch „Rebecca, was du mir eben gesagt hast, sind Anzeichen für eine Depression und da weiß ich nicht, wie weit ich dir helfen kann. Dafür solltest du zu einem Therapeuten gehen.“ Rebecca nickte und sagte, dass sie seit Februar bei einer Psychologin wäre, diese sie aber nicht richtig verstehe oder beide nicht auf eine Ebene kommen würden. „Nila, ich kann nicht mehr! Ich weiß nicht, wie ich dies alles noch verarbeiten kann. Wenn ich das von dir höre, fühle ich mich so hilflos, so leer.“
Bin ich wirklich so stark? Ich wusste nicht was ich ihr sagen konnte. “Du darfst nicht aufgeben, das Leben geht weiter.“ Einen solchen Spruch wird Rebecca oft genug gehört haben. „Was soll ich dir sagen? Auch ich musste vieles lernen, wie ich mit all dem in den letzten 15 Jahre umgehen musste. Vielleicht bin ich noch nicht da, wo ich sein möchte. Doch zum Glück bin ich nicht mehr da wo ich einmal war. Ich gehe jeden Tag einen Schritt weiter. Nur wenn ich weiß wo ich hin will, kann ich auch ankommen. Vielleicht hat mich jeder neue Schritt stärker gemacht als der vorherige. Rebecca, du hast die Sorgen um deinen Mann, euer Haus und deine Arbeit. Ich will jetzt nicht sagen, dass ich mir Sorgen um 1200 Mädchen, um die Sicherheit von meinen sechs Frauenhäuser, mein Team und ein ganzes Netzwerk in Afghanistan und um Lenara mache. Dies ist nicht vergleichbar. Du kennst mein Leben nicht und auch dies ist ein anderer Maßstab als in Europa geboren zu sein. Vielleicht habe ich durch Krieg und Terror aufgehört an das was kommt zu denken.“

Rebecca wollte nun mehr von mir wissen. Also gut, wo fange ich an ihr ein Bild von mir zu machen? Mit meiner Flucht vor 30 Jahren ist ein guter Anfang. Rebecca hörte aufmerksam zu und immer wieder kamen ihr die Tränen oder sie sagte leise „Wie schaffst du dies alles?“ In dem Gespräch ging oder geht es ja nicht um mich, sondern um Rebecca. Sie braucht Hilfe und diese eigentlich schon gestern. Wie überall auf der Welt sind Therapeuten ausgebucht und man wartet unglaublich lange auf einen Termin, oder ist mit dem Therapeuten nicht zufrieden. Ich machte ihr den Vorschlag, ob es nicht besser wäre an einem anderen Ort zu reden, als hier in der kleinen Nische der Station, wo wir zwar alleine waren aber trotzdem es nicht waren. Also fuhren wir in mein Büro nach Den Haag.

Auf der Fahrt von Rotterdam nach Den Haag rief ich Marpe an und sagte ihr warum und mit wem ich ins Büro komme. Ich bin keine Psychologin, weiß aber das Rebecca Hilfe braucht. Sie steht kurz vor einer Depression oder hat schon eine. Ich sprach mit Marpe wie ich versuchen möchte Rebecca irgendwie zu helfen. Marpe hat in Psychologie promoviert und gab mir in meinem Denken bezüglich Rebecca recht und sie es gut hieß, dass ich auch gleich mit Rebecca gesprochen habe und es auch jetzt noch weiter tun werde.

Im Büro war außer Anjana und Elly niemand da. Ich stelle Rebecca meinen Kolleginnen vor und wir beide gingen in mein Büro um ungestört reden zu können. Wie schon vermutet, ist Rebecca von einer Depression nicht mehr all zu weit entfernt. Ihre Antriebslosigkeit und Niedergeschlagenheit gepaart mit den Schlafstörungen sind die Anzeichen für Depression. Hinzu kommen die Kinder, die auch seit Wochen im Haus sind und Rebecca so noch nicht einmal Ruhe für sich findet.

Was in den nächsten dreieinhalb Stunden besprochen wurde werde ich nicht schreiben, da dies privat ist und meiner Schweigepflicht unterliegt.