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Frauenrechte in Afghanistan

Unter dem Taliban-Regime, dass sich ab 1994 in Afghanistan langsam wie ein Geschwür ausbreitete und bis zum Ende ihrer Herrschaft, im Jahr 2001, wurden den afghanischen Frauen ihre Menschenrechte und ihr Würde abgesprochen worden.

Autorin Nila Khalil

Als die internationale Gemeinschaft unter der Führung der USA mit dem Versprechen auf Demokratie, Schutz der Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit nach Afghanistan kam, war die Hoffnung groß, dass sich die Situation der Frauen wieder verbessern würde und sie endlich die gleichen Rechte wie Männer bekämen.
Internationale Organisationen, insbesondere die UN, die Europäische Union und die Entwicklungsagentur der USA, sagten ihre Unterstützung zu, um die Lage der afghanischen Frauen zu verbessern.

Die UNO machte ihre Unterstützung der afghanischen Regierung davon abhängig, dass diese die Rechte der Frauen und ihre stärkere Beteiligung in der Afghanischen Gesellschaft gewährleistete.
Die UN koordinierten diese Hilfen für Frauen und allmählich zeichnete sich eine Verbesserung der Situation ab: Frauen erhielten mehr Zugang zu Bildung und beteiligten sich vermehrt an der Gestaltung von Politik und Gesellschaft. Die unabhängige Menschenrechtskommission Afghanistan, UNAMA ( United Nations Assistance Mission in Afghanistan) wurde gegründet, und die Gleichberechtigung der Frau wurde in der Verfassung Afghanistans festgeschrieben.

Niloofar Rahmani

Mädchen durften wieder in Schulen und Universitäten, Frauen nahmen an Wahlen teil, und fünfundzwanzig Prozent der Sitze des afghanischen Parlaments wurden Frauen zugewiesen. Auch in anderen Bereichen der Politik, der Gesellschaft und der Wirtschaft wurden Frauen aktiv und Arbeits- und Bildungsmöglichkeiten für Frauen nahmen zu.

Im Schlussdokument der Afghanistankonferenz  in Bonn im Dezember 2011 hat die internationale Gemeinschaft bekräftigt, auch nach 2014 und dem Abzug der ISAF-Truppen Afghanistan weiter helfen zu wollen. Bundeskanzlerin Angela Merkel sicherte damals Afghanistan langfristige Hilfe über den Abzug der internationalen Kampftruppen hinaus zu. „Afghanistan kann sich auch nach 2014 auf die Unterstützung der internationalen Staatengemeinschaft verlassen“, sagte Merkel.

Da die UNO, wie auch die NATO ihre militärische Präsenz in Afghanistan zurückschraubte und sich dadurch auch die Hilfen verringerten, erlahmte seitens der UNO, insbesondere der USA, auch das Interesse und die Aufmerksamkeit für den Schutz der sozialen Gerechtigkeit, der Demokratie und der garantierten Beteiligung von Frauen an der Politik.
Auch die Regierung unter Hamid Karsai auch nicht gerade mit Zuverlässigkeit glänzte, erfüllte diese ihre Verpflichtungen gegenüber Frauen nicht, denn die Gesetze und Vorschriften, die zur Sicherung der Frauenrechte eingeführt worden waren, standen lediglich auf dem Papier, wurden jedoch nicht angewandt.
Die Erwartung, dass die UNO und die Regierung Afghanistans die Gleichstellung und die Menschenrechte von Frauen gewährleisten würden, erfüllte sich nicht.
Im Gegenteil – niemand arbeitete ernsthaft an der Erfüllung dieser Verpflichtungen. Es zeigte sich beispielsweise, dass Frauen nur eine symbolische Rolle in der Struktur der afghanischen Regierung innehatten. Inzwischen hat sich, insbesondere aufgrund von wieder zunehmenden Sicherheitsproblemen, Armut, langlebigen Traditionen sozialer Unterdrückung und der Bedrohungen durch die Taliban, den IS und andere extremistische Gruppen, die Lage der afghanischen Frauen wieder verschlechtert, bis hin zu Lebensgefahr, und die Arbeits- und Bildungsmöglichkeiten haben sich verringert und sogar dramatisch verschlechtert.

Nach einer Besichtigung eines Terroranschlag an einer Mädchenschule mit 14 getöteten Mädchen und 3 Lehrerinnen.

Fortsetzung von Krieg und Unsicherheit
Der fortdauernde Krieg und Terror und die insgesamt unsichere Lage hat für Frauen das Leben in vielen Provinzen wo die Taliban wieder die Macht stark erschwert. Die Recherchen von Afghan Women´s Network ergab mit rund 100 Vorfällen in nur 71 Tagen (01.11.2018 – 10.01.2019) ein erschreckendes Bild: In fast allen der 34 Provinzen Afghanistans waren mindestens zwei Vorfälle zu finden. In den unsicheren Teilen des Landes können derzeit Mädchen, wie auch in der Vergangenheit, keine Schulen besuchen; viele Familien erlauben ihren Töchtern nicht, zur Schule zu gehen, weil es zu wenig weibliche Lehrkräfte gibt. Heute, im einundzwanzigsten Jahrhundert, können sechzig Prozent der afghanischen Frauen und Mädchen weder lesen noch schreiben.

Viele Frauen, die in mehreren Provinzen für Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen gearbeitet hatten, mussten ihre Arbeit aufgrund der Sicherheitslage einstellen, oder haben schon in den letzten Jahren im Verborgenen gearbeitet und auch agiert. Darüber hinaus töteten und erschossen die Taliban mehrere Frauen wegen des bloßen Verdachts, mit der Regierung zusammengearbeitet zu haben. Menschenrechtlerinnen leben in Afghanistan unter ständiger Lebensgefahr.

Gewalt gegen Frauen in der Familie und in der Öffentlichkeit
Traditionen sozialer Unterdrückung gibt es heute überall in Afghanistan; immer noch leiden rund drei von vier Frauen unter unterschiedlichen Formen von Gewalt, nicht nur in der Familie, sondern auch in der Gesellschaft – am Arbeitsplatz, an Ausbildungsorten und sogar auf offener Straße. Viele Familien bevorzugen klar die Geburt eines Jungen und sind unglücklich über die Geburt eines Mädchens.

Kinder und Frauen werden zwangsverheiratet oder an ältere Männer verkauft, manchmal werden sie getauscht, gegen Vieh oder gegen die Lösung eines Konfliktes. Frauen und junge Mädchen werden vergewaltigt und Gewalt gegen Frauen wird von manchen im Namen der Religion gerechtfertigt. Polygamie stellt eine weitere Herausforderung für Frauen dar. Ein Mann hat beispielsweise das Recht, mit bis zu vier Frauen gleichzeitig verheiratet zu sein, und diese Frauen besitzen keinerlei Rechte. Viele Fälle von Gewalt gegen Frauen werden mittels informeller Gerichte oder in Stammesversammlungen entschieden. Die Entscheidungen dieser Stammesversammlungen sind unfair und ungerecht, vor aller Augen werden Frauen gesteinigt oder ausgepeitscht. 2015 wurde in der Provinz Ghor eine Frau gesteinigt, obwohl sie kein Verbrechen begangen hatte.

Nicht wenigen Frauen werden durch ihre Ehemänner Ohren und Nasen abgeschnitten. Viele Frauen  suchen in den Frauen- und Schutzhäusern der wenigen Internationalen oder auch privaten Organisationen Zuflucht vor dieser immer stärker um sich greifenden Gewalt. In vielen Provinzen sind die Täter dieser Gewaltakte mächtige Männer, Kriegsherren, Regierungsbeamte oder Parlamentsabgeordnete, und die Regierung sieht sich nicht in der Lage, sie zu verhaften und oder zu bestrafen.
Basierend auf Zahlen von UNAMA wurden im Jahr 2017 rund 3800 Fälle von Gewalt gegen Frauen registriert; 19 der betroffenen Frauen haben sich selbst verbrannt.

Natasha war eine Mitarbeiterin von mir

2018 nahm die Zahl der Verbrechen weiter zu und lag bei knapp 4200. Im vergangen Jahr blieb die Zahl auf gleich hohem Niveau. Menschenrechtsorganisationen können durch die instabile Lage in vielen Regionen gar keine Hilfe, bzw. Registrierungen vornehmen und so liegt die Zahl der tatsächlichen Opfer um ein vielfaches höher.
Die sehr lasche Verfolgung der Behörden, lässt somit eine Straffreiheit für die Männer zu und ist als Hauptgrund für die Zunahme dieser Gewalt zu nennen.
Selbst in Kabul sind Frauen und Mädchen nicht vor körperlicher Gewalt sicher. Als Beispiel hierfür sei der Mord an Farkhunda genannt. Dieses Mädchen wurde vor 2015 von Dutzenden Männern brutal getötet und verbrannt – nur wenige Kilometer entfernt vom Präsidentenpalast und vor den Augen von Sicherheitskräfte.
Dieser Vorfall spiegelt die Tragweite der Tragödie wider, mit der afghanische Frauen konfrontiert sind. Zwar wurden mehrere Personen im Zusammenhang mit diesem Mord verhaftet, jedoch gingen sie letztendlich straffrei aus. Frauen und Mädchen sind selbst an ihrem Arbeitsplatz oder an den Universitäten nicht sicher. Sie werden auf dem Arbeitsmarkt und in Bildungseinrichtungen von Männern auf unterschiedliche Arten belästigt und aufgefordert, illegitime Dinge zu tun; es gibt keinerlei Gesetze zur Unterstützung von Frauen in diesen Bereichen.

Die Erfolge der afghanischen Frauen und deren mangelnde Anerkennung
Menschenrechtsaktivistinnen haben in den letzten Jahren bedeutende Erfolge in Afghanistan und über die Grenzen Afghanistans hinaus erzielen können, sie haben nationale und internationale Preise gewonnen und damit der Welt ein anderes Gesicht von Afghanistan gezeigt, als das von Krieg und Gewalt. Doch die Beteiligung von Frauen an der politischen Entscheidungsfindung ist immer noch verschwindend gering.
Trotz positiver Errungenschaften im Leben der afghanischen Frauen beschränken sich der Fortschritt und die Entwicklungsmöglichkeiten von Frauen in vielerlei Hinsicht auf Worte und Slogans. Zahllose Gesetze, Programme und Strategien wurden entwickelt, um die Stellung der afghanischen Frau zu stärken, doch deren Umsetzung war weniger erfolgreich. Immer wieder wurden diese Maßnahmen ignoriert.

Es ist offensichtlich, dass Frauenrechte in Afghanistan nur eine symbolische Rolle spielen, diese Doppelmoral und die frauenfeindlichen Einstellungen zeigen sich an folgendem Beispiel: Hamid Karsai hatte dem Parlament zwölf Ministeramtskandidaten zur Aussprache des Vertrauens präsentiert; das Parlament hat daraufhin den elf männlichen Kandidaten das Vertrauen ausgesprochen, Nargis Nehan aber, die als einzige Frau als Ministerin für Bergbau und Erdöl vorgeschlagen war, wurde abgelehnt.
Dies zeigt, dass in allen drei Organen der afghanischen Regierung Frauenfeindlichkeit herrscht und nach wie vor politische Entscheidungen auf der Grundlage gefällt werden, die männliche Dominanzkultur zu erhalten. In all den Jahren konnte keine einzige Frau Mitglied des Obersten Gerichtshofs von Afghanistan werden, stets lehnte das Parlament die Mitwirkung von Frauen in dieser Institution ab; Frauen gelten in Afghanistan immer noch als Menschen zweiter Klasse.

Ein Teil von meinem Team

Die allgemein unsichere Lage, das Versagen der afghanischen Regierung bei der Gewährleistung von Sicherheit für Frauen, die Einschränkungen und verschiedenen Arten von Diskriminierung sind Gründe dafür, dass Frauen nicht in der Lage sind, in Frieden in Afghanistan zu leben, und sich gezwungen sehen, allein oder mit der Familie in andere Länder zu gehen, insbesondere nach Europa, um dort Asyl zu beantragen.

Afghanische Frauen, die in Europa Asyl suchen, und der Albtraum der Flucht

Im Gespräch mit Dr. Idah Nabateregga von TERRE DES FEMMES sprach die Vorsitzende von Afghan Women´s Network, Nila Khalil im Dezember 2019 über die Europäische Asylanträge von Afghanischen Frauen.
„Es ist nicht einfach für afghanische Frauen und Mädchen, nach Europa zu kommen. In der Regel sind sie viele Risiken eingegangen, um mit ihren Familien in europäische Länder zu gelangen. Viele der Frauen und jungen Mädchen haben auf dem Weg entweder ihr Leben oder ihre Kinder und Familien verloren, sie wurden eingesperrt und mussten niederträchtiges Verhalten und abscheuliche sexuelle Belästigungen von Grenzsoldaten und Schmugglern erdulden. Zwar ist es auch für Männer nicht einfach, auf illegalem Wege zu reisen, doch für Frauen ist es noch einmal schwieriger. Aber trotz all dieser Gefahren und Probleme auf den Fluchtrouten haben afghanische Asylsuchende weniger Chancen auf Asyl als Asylsuchende aus anderen Ländern. Afghanische Asylsuchende dürfen bis zu dem Zeitpunkt, an dem ihnen Asyl gewährt wird, keine Sprachkurse besuchen. Zwar steht ihnen eine Unterkunft zur Verfügung, sie werden finanziell versorgt und genießen Schutz, doch sehen sie sich mit mentalen und psychischen Problemen konfrontiert.“

In den Lagern und an den Orten, wo Geflüchtete leben, finden sich viele Beispiele für diese Art von Problemen. Eine afghanische Flüchtlingsfrau in Hessen, die von Oktober 2017 bis Mai 2019 in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht war, sprach bei einem Treffen im Januar 2020 mit der Vorsitzenden von Afghan Women´s Network.

„In Afghanistan hatte ich viele Probleme in der Familie und durfte nicht draußen arbeiten. Mein Mann und ich wollten an einem Ort leben, an dem wir in Frieden und wir selbst sein konnten und wo wir in Sicherheit sind. Also sind wir Richtung Europa aufgebrochen, ohne zu wissen, dass wir mit unserem Leben spielten. Stundenlang waren wir auf gefährlichen Routen zu Fuß in Richtung Bulgarien unterwegs. Mein Mann und ich wurden mit anderen Männern und Frauen von bulgarischen Grenzsoldaten festgenommen. Diese Grenzsoldaten folterten uns und brachten uns anschließend in ein Gefängnis, wo wir zusammen mit gefährlichen Gefangenen eingesperrt wurden.
Sie haben uns mehrere Tage lang nichts zu essen gegeben und uns so schlimm behandelt, dass ich es nicht aussprechen kann. Nachdem wir aus dem Gefängnis entlassen worden waren, sind wir nach Deutschland gelangt. Leider wurde unser Asylantrag abgelehnt und wir sollten nach Bulgarien zurückgeschickt werden. Ich war eineinhalb Jahre in einem Krankenhaus für geistige Gesundheit, aber ich kann keinen geistigen Frieden finden.“ (Anm.: Das Gespräch ging über mehrere Stunden und was jetzt geschrieben ist, ist die Quintessenz von diesem Interview)

Afghanische Frauen in Europa und Gewalt in der Familie
Abgesehen von mentalen und psychischen Gesundheitsproblemen erleben afghanische Frauen und Mädchen in vielen europäischen Ländern, insbesondere in Deutschland sexuelle und auch häusliche Gewalt. Nach Quellen deutscher Medien wurden allein 2017 zwei afghanische Frauen in den Städten Frankfurt und Herzogenrath von ihren Ehemännern getötet.

Gewalt ereignete sich auch in einem Flüchtlingslager in Schwerin, wo im November 2017 eine afghanische Frau durch einen iranischen Mann vergewaltigt wurde. Gemäß der Aussage eines Verteidigers von Frauenrechten in Frankfurt leben einige afghanische Familien hier nach denselben traditionellen Vorstellungen wie in Afghanistan und erlauben ihren Frauen nicht einmal, an Sprachkursen teilzunehmen. Die Hilfsangebote vieler Organisationen und Vereinigungen, die Geflüchtete bei ihren Integrationsbemühungen unterstützen, laufen dann ins Leere.
Ein weiterer schwerer Fall von Gewalt afghanischen Männer ist der Mord an Mia im Dezember 2017.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass Unsicherheit, Ungerechtigkeit, mangelnde Rechtsstaatlichkeit und fehlende Gleichberechtigung der Männer die Hauptgründe dafür sind, dass viele afghanische Frauen in Europa Asyl beantragt haben. Niemand würde ohne die oben genannten Gründe derart viele Risiken eingehen, ohne dazu gezwungen zu sein, niemand würde seinen Geburtsort verlassen und in einem Land mit einer anderen Kultur und Sprache Asyl suchen.
Das Leben in Deutschland, oder deren westlichen Nachbarstaaten, ist nicht einfach, es muss von Null aufgebaut werden und es braucht Zeit, sich der Gesellschaft anzupassen und die neue Sprache und Kultur zu lernen. Angesichts der Situation afghanischer Asylbewerberinnen ist klar, dass diese mehr als manche andere Unterstützung benötigen – von Organisationen, die die Menschenrechte verteidigen, sowie von der deutschen und den europäischen Regierungen.

Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland heißt es, dass alle Menschen in diesem Land die gleichen Rechte haben und dass dieses Land demokratisch regiert wird. Aus diesem Grund erhoffen sich die afghanischen Frauen mehr von der Regierung dieses Landes. Gerade Frauen, die alleine sind oder allein die Verantwortung für ihre ganze Familie tragen, sind auf die Unterstützung der Bundesregierung und von Menschenrechtsorganisationen angewiesen. Geflüchtete Afghaninnen wünschen sich, dass ihre Fälle in Bezug auf die Situation in Afghanistan und die politischen und sozialen Probleme von Frauen in diesem Land überprüft werden.

Nila Khalil, Vorsitzende von Afghan Women´s Network und Mitglied der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen in Genf. Den Haag, 25. April 2020.

Der Welternährungstag – oder Welttag derIgnoranz an Lebensmittel

Am 16. Oktober 1945 wurde die FAO, Food and Agriculture Organization of the United Nations gegründet um mit dem Ziel die weltweite Ernährung sicherzustellen.

Autorin Naike Juchem

Im 21.Jahrhundert sieht die Realität auf dieser Welt zum Thema Ernährung erschreckend aus.

2,2 Millionen Kinder sterben jährlich in Folge von Mangel- und Unterernährung – das sind über 6000 Kinder täglich. Zwei Drittel der weltweit an Hunger leidenden Menschen leben in nur sieben Ländern: Bangladesh, China, DR Kongo, Äthiopien, Indien, Indonesien und Pakistan.
Es Folgen der Jemen – wo sich seit Jahren die größte humanitäre Katastrophe der Menschheit abzeichnet. In diesem Jahr folgt Afghanistan, Bolivien, Chile, Kuba und Sudan. Auch in Myanmar und Kambodscha verschlechtert sich die Lage dramatisch.

Nach Einschätzung der 
Welternährungsorganisation FAO hungern rund 925 Millionen Menschen weltweit. Das sind rund 16 Prozent der Weltbevölkerung. Noch immer herrscht in 29 Ländern der Erde große Nahrungsmittelknappheit.

2018 waren es  fast 11 Prozent, 821 Millionen, der Menschen auf dieser Welt die Hunger hatten.

Unterernährung kann, besonders im Kindesalter, zum Zurückbleiben in der körperlichen und geistigen Entwicklung zu schweren Krankheiten und im Extremfall zum Tod führen.

Laut den Zahlen der WHO von 2016, hat sich die Anzahl an unterernährten Frauen und Kindern in Entwicklungsländern um 20 Prozent erhöhen.

Als Ursache werden die steigenden Preise von Nahrungsmitteln und der Klimawandel genannt. Kriege, Konflikte, Vertreibung und Minenfelder zählt die WHO nicht auf.

Minensucher in Afghanistan

Ruanda ist geographisch ein Land in dem Nahrungsmittel angebaut werden könnte, um den halben Kontinent Afrika zu ernähren. Der Völkermord in Ruanda, im Jahr 1994, hat bis heute seine Schattenseite nicht verloren. Noch immer sind fruchtbare Flächen vermint. Ein Feld ist ungeachtet der Tatsache ob eine oder zehn Minen darin liegen, Lebensgefährlich. Möglichkeiten der Räumung von Minen gibt es und sind auf sehr einfachste Weiße in Afghanistan im Einsatz.

In Deutschland werden jährlich18 Millionen Tonnen, so beziffert der WWF die Lebensmittelverschwendung, auf den Müll geworfen. Berechnet hat den Wert das Institut für nachhaltige Ernährung der Fachhochschule Münster. 60 Prozent der Abfälle fallen demnach in der Wertschöpfungskette an, 40 Prozent werfen die Verbraucher weg. MHD abgelaufen, Dellen, zu klein oder zu viel eingekauft.

Wir leben in einer Wohlstandsgeneration und denken kaum über Lebensmittel nach. Es gibt diese ja genügend und im Überfluss.
Immer frisch, immer lecker, immer schön.
Muss Lebensmittel schön sein? Es muss uns doch nur ernähren.
Gemüse bleibt auf den Felder liegen weil es nicht in die „DIN Norm“ passt! Schreiben wir der Natur nun über Normen vor, wie lang, dick und schön eine Karotte sein soll?

Alles ist im Überfluss vorhanden und trotzdem nie genug. Brot muss immer frisch, duften und lange Haltbar sein. Hinzu noch alles schön Bio und bitte ohne Zusätze und am besten noch unter 1,50 € verkaufen. Die letzt genannten Faktoren passen nicht zusammen.
Der Anspruch an Lebensmittel ist in den letzten Jahrzehnte so enorm angestiegen, das man von einer Ignoranz des Bewusstseins reden kann.
Während wir Lebensmittel in die Tonne werfen, verhungert zur gleichen Zeit ein Mensch. Darüber sollte man sich doch mal Gedanken machen.

Photo by Uğur Gallenkuş

Gut – mag sein, dass es ein Kind aus dem Sudan trifft und nicht aus Sprockhövel. Es geht um Menschenleben. Egal wieweit es weg ist, Hunger ist der schlimmste Tot. Qualvoll und langsam stirbt ein Mensch. Ein Erwachsener der gerade noch etwas um die 38 Kg wiegt und sich nicht mehr aufrecht bewegen kann, ein Kind im alter von etwa 12 Jahren, mit der Körpergröße eines 5-jährigen und nur noch vegetiert, sind Anblicke die einen das Herz zerreißen.

Der Hunger auf der Welt wird täglich mehr und auf der anderen Seite erlebt man eine Völlerei der Gesellschaft.
Wenn wir LEBENSmittel bewusst wahr nehmen, können wir Geld sparen und nebenbei auch für eine gesündere Ernährung sorgen.

Naike Juchem, 23. Oktober 2021

Hierzu ein Artikel von Evke Freya von Ahlefeldt

https://naike-juchem.com/2021/10/23/was-hat-der-klimawandel-mit-dem-hunger-in-der-welt-zu-tun/

The Wind of change

Willy Brandt am 7. Dezember 1970 in Warschau

The Wind of change

Autorin Naike Juchem

The future’s in the air
Can feel it everywhere
Blowing with the wind of change

Take me to the magic of the moment
On a glory night
Where the children of tomorrow dream
away
In the wind of change

Eine Frau mit wehenden langen Haaren reckt kämpferisch einen Stab in die Luft.
Die Skulptur von Hayat Nazer die an klassische Revolutionsfiguren angelehnt ist, steht seit August 2020 in Beirut und symbolisiert einen Neuanfang, nach dem es am 4. August eine gewaltige Explosion im Hafen von Beirut gab.

So hatte es die Scorpions 1990 gesungen.
Wo ist nach über 30 Jahren der wind of change?
Die Welt zerfällt immer mehr in Hass, Ausbeutung, Gewalt und Machtgier.

Where the children of tomorrow dream
Wir sehen Bilder von Krieg, Flucht, Terror und bitterster Armut. Kinder im Dreck in Flüchtlingslager eingepfercht oder in den Kobald-Minen im Kongo hart schuften.

Blows straight into the face of time
Mit voller Wucht trifft es Menschen die ihre Existenzen verloren haben und so mancher Zeitgenosse lacht darüber.

The world is closing in
Wir erleben eine Umwelt die uns Menschen zeigt, die armselig wir doch sind. Der Mensch versucht seit jeher die Element zu beherrschen und scheitern schon bei Wind und Wasser.

Take me to the magic of the moment
Welchen?
Der Augenblick wo ein Sportler eine olympische Medaille bekommt oder wo Menschen mit den Händen nach ihrem Besitz im Schlamm graben?

„The wind of change“ haben wir oft verspielt und wenn es einen Augenblick der Solidarität gibt, ist dies in einer Woche vergessen und man geht zum altbekannte Hass, Ausbeutung, Gewalt und Machtgier über.

This is the world we created

Naike Juchem, 23. Oktober 2021

Kinder in Kambodscha

Kinder dieser Welt: Kambodscha

Autorin Naike Juchem

Viele Kinder in Kambodscha machen schon in ihren jüngsten Jahren Erfahrung mit Gewalt – jedes 2. Kind ist betroffen. Die Mädchen und Jungen erleben dies durch ihre Eltern oder Lehrer – aber auch auf der Straße und in Kinderheimen. Denn Tausende Kinder wachsen in Pflegeeinrichtungen auf, da ihre Eltern in extremer Armut leben und denken, dass sie es in den Heimen besser haben.

Armut und Gewalt treiben Mädchen und Jungen in Kambodscha auf die Straße, wo sie besonderen Gefahren ausgesetzt sind. Sie müssen sich allein durchschlagen um zu überleben. Dadurch sind sie anfälliger für Ausbeutung, Banden- und Drogenkriminalität, Missbrauch oder Kinderhandel.

Kambodscha zählt heute noch zu den ärmsten Länder der Welt. Bauern haben ein Jahreseinkommen von ungefähr 200 US-Dollar. Kinder werden für dieses Geld – heute noch verkauft. Den Eltern wird vieles versprochen und dies wird NIE eingehalten! Die Kinder werden in den Touristenzentren von Thailand in die Prostitution gezwungen oder zum betteln. Damit die Kinder mehr Geld erbetteln, wird vor Verstümmelungen von den Schlepper nicht zurück geschreckt.

Naike Juchem, 26. April 2021

Banlieues

Trostlosigkeit, Armut, Gewalt und keine Perspektive  – dies sind die Schlagwörter für die Vororte von Paris.

Autorin Evke Freya von Ahlefeldt

Einleitung
Wer in einem Banlieues wohnt oder aufwächst, hat den Ausschluss an die Gesellschaft verloren.
Die Schulen in den Banlieues gleichen Gebäude in einem Kriegsgebiet. Es gibt kaum jemand der freiwillig in die Banlieues will und schon gar nicht als Lehrer.
Gewalt ist an der Tagesordnung. Dies geht von banalem Diebstahl über Körperverletzung bis Mord.
Es kommt auch hin und wieder vor, dass man dein Auto anzündet.

Die Problematik in den Banlieues besteht seit über 40 Jahren und es scheint auch keine Besserung in Sicht zu sein.

Ich bin zwar im Kriseninterventionsteam der UN mit Stützpunkt Frankreich, werde aber auch schon mal gerufen, wenn es brennt – im wahrsten Sinn des Wortes. Wenn mal wieder der Mob seine Aggressionen auslässt, rücken zuerst Hundterschaften von Polizisten und Feuerwehrleute an. Wenn die Krawallen unter Kontrolle sind, kommen dann Ärzte, Psychologen, Seelsorger, Sozialarbeiter und eben Krisen erprobte Fachleute zu den Brennpunkten.
Nach dem Chaos müssen viele Menschen medizinisch und psychologisch betreut werden, denn es werden schon mal Wohnung, Kioske und Läden
durch die Krawalle zerstört. Manche Menschen verlieren an einem Abend oder Nacht ihren Besitz oder Existenz.

Wenn ich zum Einsatzort  komme, habe ich immer eine Schutzweste an, denn es kann schon mal vorkommen, dass eine Person ein Messer oder Waffe zieht.
Wie schon geschrieben, wächst man in den Banlieues mit einer alltäglichen Gewalt auf und Selbstjustiz gehört zum Alltag wie der morgentlichen Gang zum Bäcker.

Ich könnte tagelang schreiben, was ich in den letzten Jahren in den Banlieues erlebt habe, der Unfall in Beirut, im August 2020, kommt nicht annähernd an das was ich an Elend, Armut, Krankheiten und Hoffnungslosigkeit in den Vororten von Paris sah.

Seit ein paar Monaten sind Street-Art Künstler im 13. Arrondissement und geben einigen der Häuser etwas Farbe oder malen Bilder auf die Fassaden. Farbe löst aber die Probleme nicht.
Die Politik hat seit Jahrzehnten die Menschen im Stich gelassen und für eine Rückkehr in die Normalität ist es schon lange zu spät. Die Kriminalität hat schon lange die Banlieues im Griff und durch die vielen Banden, Drogen und Prostitution sind die Vororte ein Mikrokosmos mit eigenen Gesetze in einer Millionen Metropole.

Die Banlieues von Paris

Der Großteil der Banlieues in Frankreich entstand nach dem Zweiten Weltkrieg, als massive Wohnungsnot zum Bau neuer Hochhaussiedlungen in die Nähe der Industriestandorte führte. Sollte die moderne Architektur der Großwohnsiedlungen ursprünglich Symbol des wirtschaftlichen Aufschwungs und eines neuen Lebensstils sein, so verlor sie jedoch schnell an Attraktivität. Infrastrukturelle Mängel infolge einer strikten Trennung von Wohnen und Arbeiten sowie bauliche Missstände wurden schnell sichtbar. Wer es sich leisten konnte, zog in die Einfamilienhausgebiete im suburbanen Raum oder in die Innenstadt.

Größtenteils bezogen Einwanderer insbesondere aus den ehemaligen französischen Kolonien in Nordafrika die leer stehenden Wohnungen. In den 1970er Jahren führten Wirtschaftskrise und Desindustrialisierung zu hoher Arbeitslosigkeit unter den Vorstadtbewohnern. So entwickelten sich die Banlieues rasch zu einem Auffangbecken für die sogenannte Problembevölkerung. Sozialräumliche Ausgrenzung, infrastrukturelle Mängel und politische Vernachlässigung bilden seither eine explosive Mischung, die sich regelmäßig in kollektiver Gewalt entlädt.

Chronische Unruhen

Die Debatte über die Lebensumstände in den Banlieues begann mit den ersten offiziell registrierten Unruhen im Sommer 1981. In Folge einer Verfolgungsjagd zwischen Jugendlichen und der Polizei in einem Vorort von Lyon waren mehrere hundert Fahrzeuge in der Umgebung von Lyon, Paris und Marseille in Brand gesetzt worden. Seither sind Ausschreitungen in den Banlieues zu einem chronischen Phänomen in Frankreich geworden. Im Herbst 2005 erreichten die Unruhen schließlich ein Ausmaß, das in seiner Dauer und geographischer Ausbreitung selbst Experten überraschte. Zwischen dem 27. Oktober und dem 17. November 2005 lieferten sich jugendliche Vorstadtbewohner in ganz Frankreich Straßenschlachten mit der Polizei. Im Verlauf brannten mehr als 10.000 Fahrzeuge. Hunderte öffentliche Gebäude wurden zerstört, darunter Schulen, Kindergärten, Sporthallen, Postämter, Rathäuser und Polizeidienststellen.

Auslöser der Gewalt war der Tod zweier Jugendlicher mit maghrebinischem Migrationshintergrund, die in einem Trafohäuschen Zuflucht vor einer Polizeikontrolle gesucht hatten und an einem Stromschlag starben. Am 8. November ließ die Regierung erstmals seit dem Algerienkrieg den Ausnahmezustand ausrufen, der bis Januar 2006 anhielt. Die Reaktionen der Regierenden wurden vielfach kritisiert, insbesondere die Äußerungen des damaligen Innenministers Nicolas Sarkozy, der gleich zu Beginn der Unruhen Öl ins Feuer goss, indem er die Jugendlichen als „Abschaum“ abstempelte und ankündigte, die Vororte mit einem „Hochdruckreiniger“ säubern zu wollen.

Seit 2005 hat es viele weitere Ausschreitungen in Frankreich gegeben, die jedoch kein vergleichbares Ausmaß erlangt haben. Gleichwohl zeugen die Ausschreitungen der letzten Jahre, beispielsweise 2007 in Villier-le-Bel, 2010 in Grenoble oder zuletzt 2012 in Amiens, von einer sehr viel höheren Gewaltbereitschaft der Jugendlichen. Die Erklärungsansätze in Wissenschaft und Politik für die Ursachen der Unruhen sind vielfältig: sie reichen von einer sich verschärfenden sozialräumlichen Ausgrenzung, einer Krise des republikanischen Integrationsmodells, einer postkolonialen Krise, mangelhafter Stadtpolitik, extremer Repression durch die Polizei über eine zunehmende Islamisierung und Kriminalität unter Jugendlichen bis hin zu negativem Einfluss der Medien.

Ausgrenzung auf allen Ebenen

Die Konzentration sozioökonomischer und städtebaulicher Probleme bleibt trotz massiver staatlicher Maßnahmen charakteristisch für die Situation der Banlieues, in denen knapp fünf Millionen Franzosen leben. Neben einer defizitären Ausstattung des Wohnumfeldes, einer schlechten Anbindung an die Innenstädte und desolaten Wohnverhältnissen liegen auch viele andere soziale Indikatoren seit Jahren deutlich unter dem nationalen Durchschnitt. Laut dem letzen Bericht der Nationalen Beobachtungsstelle kritischer Stadtteile  war die Arbeitslosenquote in den von der Politik als Problemgebiete ausgewiesenen Vierteln im Jahr 2010 mit 20,9 Prozent doppelt so hoch wie im nationalen Durchschnitt. Die durchschnittliche Jugendarbeitslosenquote lag im selben Jahr bei 41,7 Prozent (23,2 Prozent im nationalen Durchschnitt). Ein Drittel der Bevölkerung lebte 2009 unter der Armutsgrenze und auch das Bildungsniveau liegt deutlich unter dem nationalen Level. 53 Prozent der beschäftigten Jugendlichen besaßen im Jahr 2010 nur den niedrigsten Schulabschluss.

Die Stigmatisierung der Banlieue als ’sozialer Brennpunkt’ oder ‚Ghetto’ hat darüber hinaus dazu geführt, dass die räumliche Konzentration sozialer Probleme selbst zur Ursache für Ausgrenzung und Benachteiligung geworden ist. So haben viele Studien gezeigt, dass die Bewohner der Problemgebiete aufgrund ihres Wohnortes beim Eintritt in das Berufsleben sowie bei der Wohnungssuche außerhalb der Problemviertel diskriminiert werden. Diese Diskriminierungen betreffen in besonderem Maße Migranten, die mehr als die Hälfte aller Vorstadtbewohner stellen.

Aufgrund des hohen Migrantenanteils und weil an den Ausschreitungen vor allem maghrebinische Einwanderer der zweiten Generation beteiligt waren, sind die Vororte auch zu einem Synonym für gescheiterte Integration geworden. Nach den Unruhen von 2005 standen das französische Integrationsmodell und sein republikanischer Gleichheitsanspruch überall zur Debatte. Das Integrationsversprechen Frankreichs besteht darin, die Gleichheit aller französischen Bürger im Staatsbürgerschaftsrecht und den staatlichen Institutionen zu garantieren – unabhängig von sozialen, religiösen, ethnischen oder territorialen Unterschieden.

Angesichts der Diskriminierungen, Stigmatisierung und sozialräumlichen Ausgrenzung in den Banlieues kann der Staat dieses Versprechen jedoch nicht einlösen. Frustration und Aggression erscheinen als logische Konsequenz der Diskrepanz zwischen den versprochenen Werten und der täglich erlebten Ausgrenzung. Dies erklärt auch, warum sich die Gewalt der Jugendlichen bei den Ausschreitungen insbesondere gegen staatliche Institutionen wie Schule oder Polizei richtet. Hinzu kommt, dass neben der generellen Stigmatisierung auch eine Ethnisierung des Banlieue-Diskurses stattfindet. Dabei wird die Krise der Vorstädte in der Öffentlichkeit oft auf die ethnische Herkunft oder Religiosität der Bewohner und damit verbundene Problemlagen zurückgeführt, so dass das soziale Stigma vom ethnischen nicht mehr zu trennen ist. Konsequenz dieser doppelten Stigmatisierung sind wiederum weitere Diskriminierungen, Rassismus, aber auch das Erstarken islamischer Subkulturen.

Neben der sozialräumlichen und ethnisch-religiösen Ausgrenzung sind die Banlieues auch von politischen Entfremdungsprozessen betroffen. Die Wahlbeteiligung ist trotz steigender Tendenz seit Jahren sehr gering. Die Gründung des Bürgerrechtskollektiv ACLEFEU (der Name bedeutet so viel wie „Genug vom Feuer“) nach den Unruhen von 2005 und das Schreiben von Beschwerdebriefen an die Regierung verdeutlichen die Unzufriedenheit der Bewohner mit ihrem mangelnden Einfluss und der unzureichenden politischen Aufmerksamkeit für ihre Probleme. Mit dem Niedergang der gesellschaftlichen Bedeutung der Industriearbeiterschaft und ihrer gewerkschaftlichen Organisation, hoher Arbeitslosigkeit und ethnischer Vielfalt haben die Banlieues zudem an sozialem Zusammenhalt verloren, was eine gemeinsame Interessenartikulation und -durchsetzung erschwert.

Zwischen Stadtpolitik und Sicherheitspolitik

Das staatliche Vorgehen in den Banlieues wird von zwei Hauptpolitiken geprägt: der Stadtpolitik und der Sicherheitspolitik. Die Stadtpolitik wurde Anfang der 1980er Jahre als Reaktion auf die ersten Unruhen etabliert, es existiert ein entsprechendes Ministerium. Ihr Ziel ist nicht nur die Sanierung der mittlerweile 751 Problemgebiete sondern auch die Verbesserung der schulischen, sozialen und kulturellen Versorgung, Kriminalitätsbekämpfung sowie die Stärkung lokaler Ökonomien. So soll beispielsweise die Ansiedlung von Unternehmen durch Steuererleichterungen gefördert werden. Zusätzliche finanzielle Mittel und eine spezielle Lehrerausbildung sollen zur Verbesserung des Bildungssystems beitragen.

Im Jahr 2008 wurde zudem vom damaligen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy ein „Marshall-Plan“ mit dem Titel Espoir Banlieue initiiert, dessen Hauptziel die Etablierung von Chancengleichheit und die Verringerung struktureller Unterschiede zwischen den Vierteln ist. Die anhaltenden Unruhen und die aktuelle soziale Situation verdeutlichen jedoch, dass die bisherigen Maßnahmen keine Lösung für die komplexen gesellschaftlichen Problemlagen bieten. Insbesondere in Bezug auf die Bekämpfung von Diskriminierung und Rassismus bleibt die Stadtpolitik machtlos angesichts der Unmöglichkeit einer expliziten Minderheitenförderung aufgrund des republikanischen Gleichheitsprinzips.

Die Stigmatisierung der Banlieue als desorganisierter krimineller Raum sowie die tatsächliche Zunahme von Kriminalität und Gewalt haben zudem zur Etablierung einer umfangreichen Sicherheitspolitik mit speziellen Polizeieinheiten für städtische Gewalt geführt. Die konkreten Zielsetzungen dieser Politik variieren je nach Regierung. Während die linken Regierungen ihren Fokus auf eine Polizeistrategie der Nähe setzten, etablierten die rechten Regierungen eine Politik des law and order mit einer extremen Präsenz von Sicherheitskräften. Exemplarisch sind hier die repressiven Maßnahmen Nicolas Sarkozys nach den Unruhen von 2005. Das Resultat ist jedoch kein Rückgang der Gewalt sondern vielmehr ein extrem konfliktbelastetes Verhältnis zwischen Polizei und Jugendlichen, welches nach Meinung vieler Experten Unruhen provoziert.

Im August 2012 hat die französische Regierung ein neues Sicherheitskonzept vorgestellt, welches die Schaffung von jährlich 500 zusätzlichen Stellen bei der Polizei ebenso vorsieht wie die Einrichtung von 15 prioritären Sicherheitszonen in den sozialen Brennpunkten ausgewählter Städte. Ob diese Maßnahmen greifen, bleibt abzuwarten. Einer weiteren Stigmatisierung der Banlieue wirken sie jedenfalls nicht entgegen.

Out of the Dark

Im Frühsommer 1995 erblickte ich in der Provinz Paktia, in Afghanistan, das Licht dieser Welt. Ich war die Erstgeborene von Aliyah und Rahman Dehwar. Ich wuchs in einem kleinen Haus aus Lehm mit zwei Zimmer auf. Es war ein einfaches ärmliches Leben das die Familie führte.

Mein Vater war Tagelöhner und arbeitete mal hier mal dort. Er war nicht sehr gebildet und konnte nicht richtig lesen und schrieben. Meine Mutter war zu Hause und kümmerte sich im mich. Am Tag ging sie mehrmals Wasser in einen Bach holen, der circa einen Kilometer vor dem Haus entfernt an dem kleinen Ort vorbei floss. Sie backte Brot auf einem Lehmofen vor dem Haus oder wusch die wenigen Kleider die wir hatten. Am Nachmittag ging sie Holz suchen für den Ofen oder für Vorrat in der kalten Jahreszeit

Im Herbst 1997 bekam ich eine Schwester, ihr Name war Safia. Als ich ungefähr 3 Jahre alt war, konnte ich viel mehr mit meiner Schwester spielen. Wir spielten mit Dinge die ich im oder am Haus fand. Ich durfte nie alleine das Hoftor aufmachen oder auf der anderen Seite der Mauer spielen. Ich verstand nicht warum. Wenn ich fragte, wurde mir immer gesagt, dort sind böse Menschen.

Mit vielleicht vier Jahren ging ich mit meiner Mama zum Bach Wasser holen oder am Nachmittag Holz sammeln. Ich hatte immer Angst vor den bösen Menschen und wusste nicht wer jetzt böse war und warum. War es der alte Mann, der einen kleinen Laden im Ort hatte, bei dem meine Mutter Mehl, Weizen oder Gemüse kaufte oder die Person, dessen Gesicht ich nie sah, weil sie eine Burka trug

Das neue Jahrtausend

Ein neues Jahrtausend wurde gefeiert und in diesem Jahr ging ich in eine Schule.
Es war ein kleines Haus bei uns im Ort. Ich und andere Mädchen wurden von einer älteren Frau dort unterrichtet. Wir lernten Zahlen und Buchstaben. Uns wurden Geschichten von früher aus Afghanistan erzählt, die uns so unglaublich vorkamen. Wir Mädchen kannten dieses Land so gar nicht. Jeden Tag lehrte die Frau uns etwas neues. Wir konnten bald unsere Namen schreiben und auch die Wörter von Gegenstände. Ich weiß noch sehr genau, als ich meine Mutter fragte, ob sie ihren Namen schreiben könne und sie Nein sagte. Ich schrieb “Mama Aliyah“ mit einem Stock in den Lehmboden an unserem Haus. Sie schaute sich die Zeichen lange an, nahm mich in den Arm und weinte.

Jahre ging es so, dass ich täglich meiner Mama und Schwester im Hof oder im Haus auf den Boden etwas geschrieben habe oder auch gerechnet. Ich war so stolz, das ich etwas konnte, wofür in der Familie niemand in der Lage war. Die Lehrerin gab mir andere Aufgaben als den Mädchen links, rechts oder vor mir in der Klasse. Wenn meine Freundin links neben mir nicht weiter wusste half ich ihr und erklärte ihr warum welche Zahlen diese oder jene Summer ergaben. Mir machte das lernen sehr viel Spaß.

Wenn wir am Nachmittag Wasser oder Holz nach Hause brachten, hatte ich die Holzstücke gezählt. Ich hatte meine Holzstücke immer gezählt und täglich die Zahl an der Wand korrigiert. In der kalten Zeit, wenn wir in dem Haus vor einer Blechtonnen saßen, die unser Ofen war, korrigierte ich die Zahlen, wenn ein oder zwei Holzstücke auf das Feuer gelegt wurden. Im Winter war es sehr kalt in unserem Haus und ich fror fast jede Nacht. Meine Schwester lag immer ganz nah bei mir und so hielten wir uns gegenseitig warm.

Bis morgens das Wasser warm war um sich halbwegs zu waschen, verging eine ganze Weile. Oft waren an kalten Tagen auch keine Schule und so vergingen die Tage sehr langsam und Eintönig.
Mein Vater hatte ein Fahrrad, ich wollte auch immer ein Fahrrad haben. Da ein Fahrrad ein Vermögen kostete, blieb dies immer nur ein Traum. Im stehen bin ich mit dem Fahrrad von meinem Vater im Hof immer im Kreis gefahren. Mit acht oder neun Jahren durfte ich mit dem Fahrrad an den Bach fahren um Wasser zu holen. Links und recht am Hinterreifen montierte mein Vater zwei große gelbe Kunststoff Kanister und so fuhr ich am Nachmittag zwei oder dreimal an den Bach Wasser holen. Ich war sehr stolz, dass ich Fahrrad fahren durfte und fuhr weiter aus dem Ort um an eine andere Stelle das Wasser zu holen. Das Mehrgewicht an Wasser war mir egal, ich konnte Fahrrad fahren.

Mit meiner Mutter musste ich nach der Schule Brot backen, Reis kochen, Gemüse putzen oder schälen. Neben der Schule, Wasser holen, Holz sammeln und kochen wurden meine Tage auch länger. Bei jeder Gelegenheit zählte ich dies oder das. 8 Möhren, 3 Zwiebeln, 34 Rosinen.

Ich war vielleicht zehn Jahre als, ich ein neues rotes dickes Baumwollkleid bekommen habe. Das Kleid gefiel mir, weil es warm hielt und mit seinen grünen und schwarzen Streifen sah es sehr schön aus. An einem Tag wurde ein kleines Fest gefeiert. Jemand brachte ein Rubab mit. Es wurde gesungen und es gab sogar einen kleinen Hammel, der im Hof auf einem Grill gebraten wurde. Wir hatten in den ganzen Jahren kaum ein solches Essen und an ein Fest mit Musik konnte ich mich auch nicht erinnern. Männer und Frauen aus der Nachbarschaft waren da. Die Frauen und wenigen Mädchen die auf dem Fest waren, bedienten die Männer mit Tee, Tabak oder Essen. Die Frauen sprachen mit mir und freuten sich, das ich heute heiraten würde. Heiraten? Ich wusste das meine Mutter und mein Vater verheiratet waren. Sie waren doch viel älter als ich. Wen sollte ich heiraten und warum? Mir wurde eine Burka über mein Kleid gezogen und ich diesem Augenblick dachte ich, ich ersticke. Die Musik hörte sich anders an und ich sah kaum noch etwas durch den gelochten Stoff vor meinen Augen. Mir wurde meine Freiheit, mein Leben genommen. Ich fing an zu weinen und meine Mutter und die Frauen sagten mir, dass ich nicht weinen muss, ich sei ja nun eine Frau.

Ich wurde bei Musik und Gesang einem Mann vorgestellt, den ich noch nie bei uns gesehen hatte. Er war älter, als mein Vater. Er hatte einen schwarzen Vollbart und die Haare unter seiner Pakol Mütze war schon dünner. Mehr konnte ich durch den Schleier nicht sehen. Ich zitterte am ganzen Körper und trotz der Hitze war mir sehr kalt. Nach dem Fest sollte ich mit dem Mann gehen. Ich weinte und konnte dies alles nicht mehr begreifen. Auf seinem Motorrad fuhr ich mit dem Mann, sein Name war Milad Gandapur, einige Zeit bis wir irgendwann an einem Haus waren. Ich hatte Angst vor dem Motorrad, Angst vor der Geschwindigkeit, Angst vor dem Mann.

Into the dark

Im Sommer 2005 betrat ich das erste Mal ein mir fremdes Haus. Es war etwas größer als das meiner Eltern, aber auch schäbiger. Im Haus roch es unangenehm und ich fühlte mich überhaupt nicht wohl, als ich den ersten Schritt in dieses Haus tat. Besser gesagt in dieses Haus gezerrt wurde. Milad Gandapur zog mir die Burka aus und es wurde mir noch kälter. Er streichelte mich und sagte immer wieder wie schön ich sei. Bei jedem Streicheln ging ich einen Schritt zurück. Irgendwann schlug ich mit dem Kopf und Rücken an eine Wand. Ich konnte nicht mehr fliehen. Der Mann streichelte mich immer weiter, immer fester. Er küsste mich und ich schlug wieder mit dem Kopf gegen die Wand. „Hör auf! Bitte hör auf! Lass mich in Frieden! Bitte hör auf!“ Ich flehte ihn an, er soll mich doch bitte in Ruhe lassen. Er griff mir irgendwo hin, wo mich noch nie jemand zuvor berührt hatte. Ich zitterte und mir wurde immer kälter. Er küsste mich und packte mir mit seinen Hand in den Unterleib.

Was in dieser Nacht passierte kann ich jetzt, 15 Jahre später, immer noch nicht schreiben. Wenn ich noch vor Stunden dachte, eine Burka nahm mir das Leben, ich hatte mich getäuscht! Milad Gandapur nahm mir mein Leben und brachte mir unglaubliche Schmerzen.

Der Alptraum von dieser Nacht wollte nicht enden und um mich war es nur noch dunkel und kalt. Der Körpergeruch von dieser Person war für mich widerlich und ich hatte das Gefühl mich ständig übergeben zu müssen. In mir, mit mir passiert etwas, das ich heute als Seelischen Supergau beschreibe.
Am Morgen musste ich meine Pflicht als Ehefrau aufnehmen. Kochen, putzen,- soweit man dies in einer solchen Hütte bezeichnen konnte.
Zum Wasser holen gehen, musste ich die Burka anziehen. Ich schleppte unter diesem fürchterlichen Stoff das Wasser fast doppelt so weit, wie bei meinen Eltern. Ich durfte von diesem Tag an auch nicht mehr in die Schule. „Frauen brauchen nichts zu lernen “ sagte mir ständig dieser Mann.

Mein Leben war wie in einem Gefängnis. Mit zwei, drei oder vier anderen Frauen musste ich Wasser holen oder Holz sammeln gehen und durfte mich auch sonst nur im Haus oder im Hof aufhalten. Die Stunden am Tag vergingen nicht und in den Nächten erst recht nicht. Ich war nur noch eine Hülle meiner selbst.
Ich schrieb Buchstaben und Wörter in dem Boden, wenn ich das Essen kochen musste oder sonst nichts zu tun hatte. Ich hatte Angst was ich gelernt hatte wieder zu vergessen. Sobald der Mann nach Hause kam, verwischte ich meine Wörter im Boden. Wenn er es doch sah, schlug er mich und brüllte „Du musst nicht schreiben können.“

Wenn ich mit den anderen Frauen Holz sammeln war, zählte ich die Schritte, ich zählte die Bäume oder die Häuser die links von unserm Haus waren. Ich musste mich beschäftigen um nicht verrückt zu werden. Die Gespräche von den Frauen kannte ich mit der Zeit alle. Immer der gleiche Ablauf, immer die gleichen Erzählungen. Ich fing irgendwann an, laut zu zählen. Die Schritte, die Bäume, die Häuser, das Holz. Die Frauen fragten mich, was ich mache und wofür. Ich erklärte das ich zähle und für was zählen gut ist. Langsam gab es mit den Frauen auch mal andere Gespräche. Wir zählten Schritte, Bäume, Holz…. Auf den Feldern schrieb ich Wörter in den Lehmboden: Baum, Holz, Haus, Amira. Die Frauen wollten auch wissen wie ihr Name aussah, wenn er geschrieben ist. So schrieb ich: Mina, Nasanin oder Wafa auf den Boden. Ich erklärte den Buchstaben für ein M, ein I, ein N und ein A.

Kleine Lichtblicke machten mein Leben etwas besser

Kleine Lichtblicke waren es, die mich über den Tag retteten. Die Frauen fingen an, mir Fragen zu stellen woher ich komme und warum ich schreiben und zählen kann. Ich sagte den Frauen, dass meine Mutter wollte, dass ich klug werde. Sie wollte immer das ich lerne. Sie war stolz, wenn ich Wörter oder Sätze auf den Boden schrieb. Ich brachte ihr bei, wie sie ihren Namen schrieb und wie mein Vater sein Name war.

Die täglichen Märsche zum Bach wurden immer besser und oft musste ich etwas lesen, was die Frauen zu Hause gesehen hatten und niemand wusste was dort stand. Briefe von Behörden konnte ich zum Großteil lesen und ihnen dann sagen, was in den Briefen stand und warum wo welche Zahl steht und was jenes Schreiben bedeutete. Die meisten Männer konnten auch nicht lesen und nahmen oft die Briefe mit zu Stammesälteste oder jemand der jemand kannte, der lesen konnte. Die Frauen hatten plötzlich einen Vorteil, sie wussten schon lange vor den Männern was in den Briefen stand. Langsam wurde ich von den anderen Frauen respektiert und es entstanden kleinere Freundschaften.
Das Leben als Ehefrau war nicht meine Welt. Dienen, putzen, kochen, gehorsam sein. Selbst ein Glas Tee konnte der Mann sich nicht selbst holen. Jeden Tag spürte ich mehr Hass gegen den Mann. Jeden Tag, wenn er wieder seine Lust an mir ausließ hasste ich ihn mehr. War ich nicht gehorsam, wurde ich von dem Mann geschlagen. Irgendwann fing er an mit Sand auf mein Essen zu werfen, wenn ich mal wieder nach seiner Meinung ungehorsam war. Ich kochte für den Mann und er behandelte mich wie Dreck. War die Hütte nicht sauber, wurde ich geschlagen. Was sollte ich in einem Lehmhaus auch viel sauber machen? Alles war sowieso falsch und geschlagen wurde ich dann auch.

Die nächste Stufe der Hölle begann

Nach einem langen Winter kam seine Mutter zu uns ins Haus. Sie war eine von Grund auf böse Frau und schimpfte den ganzen Tag mit mir. Ich musste für sie Brei kochen, denn mit ihren wenigen schwarzen verfaulten Zähne konnte sie nicht alles essen. Da sie nun im Haus wohnte, bekam ich weniger zu essen. Wenn ich mal das Glück hatte und mehr kochen konnte, schlug die Alte mir unter den Teller oder der Mann warf nur aus Spaß Lehm in mein Essen. Wenn die Alte mir das Essen auf den Boden warf und der Teppich wurde schmutzig, wurde ich geschlagen. Stunden verbrachte ich damit den alten abgetragenen Teppich sauber zu machen. Ich konnte auch nicht mehr schreiben und zählen, wenn die Alte in der Nähe war. Sie beobachtete mich ständig oder schikanierte mich. Ständig sagte sie, ich soll ihr doch ein Enkel bringen. Ich wusste nun, warum sie dies immer und immer wieder sagte. Die Alte ging mehrmals die Woche zu einer anderen Frau und kam mit ihr zurück. Sie war auch alt und hatte Warzen im Gesicht. Ich hatte Angst vor ihrem Gesicht. Mit ihr musste ich dann in den nächsten oder übernächsten Ort gehen um Gemüse, Obst oder Mehl zu kaufen.

Auf dem Rückweg musste ich ihren Einkauf auch tragen. Ich sprach kaum ein Wort mit dieser Frau. Sie war genau so böse die die Alte. Sie fragte mich vieles und ich gab keine Antwort. Sie wollte vieles von mir wissen und trotzdem gab ich keine Antwort. Mit einem Stock schlug sie mir ins Genick und auf den Rücken um Antworten zu bekommen. „Du kannst mich totschlagen, ich werde dir nichts sagen!“ Brüllte ich sie an. Natürlich wurde auch dies der Alten gesagt und am Abend und in der Nacht bekam ich von dem Mann die Strafe für mein Ungehorsam.
So vergingen die Tage in meinem Gefängnis und ich wollte nicht mehr leben. Ich konnte nicht mehr leben. Schmerzen, Gewalt, Schläge und dies jeden Tag.

Der Weg in meine Freiheit oder Tod

Es wurde Frühling, die Alte lag mit Fieber im Haus und ich sollte Wasser an den Bach holen gehen um ihr Fieber zu senken. Nasanin ging an jenem Tag mit mir Wasser holen. Mit Nasanin konnte ich endlich wieder reden. Ich heulte und erzählte ihr von den letzten Monaten. Unter den Pappeln am Bach nahm sie mich in die Arme und weinte mit mir. Im fließendem Wasser von dem Bach wusch ich mich endlich wieder richtig und Nasanin sah, trotz des Kleides, das ich an hatte, dass ich sehr dünn war. In der Sonne saßen wir an den Pappeln und sie erzählte mir, dass es ein Haus geben würde, wo sich um Frauen gekümmert würde. Ich müsste nach Süden laufen und nach dem vierten Ort müsste ich nach Westen Richtung Spera gehen. Wenn ich am Berg einen Ort sah, sollte ich in dem nächsten Ort nach einem Haus suchen, wo ein Tor in gelb mir weißen Streifen sei. Was mir in diesem Moment Nasanin sagte, war der Weg in meine Freiheit oder Tod.

Als wir vor unserem Ort waren nahm Nasanin mich in die Arme, sie hob die Burka hoch und gab mir einen Kuss. „Möge Allah dich beschützen, mein Kind.“ Dies waren die letzten Worte von ihr. Ich ging am Bach entlang und über die Felder die zu den nächsten Ortschaften führten. Mir war nicht klar, wie gefährlich dieser Weg war, denn ich wusste nichts von Minen in Felder. Ich lief den ganzen Tag und sobald ich etwas hörte legte ich mich auf die Erde und versteckte mich. Nach der zweiten Ortschaft versteckte ich mich nicht mehr, denn unter dieser fürchterlichen Burka erkannte mich niemand. Trotzdem blieb mir bei jedem Geräusch von einem Motorrad das Herz stehen. Wenn der Mann mich so weit vom Haus entfernt finden würde, er würde mich umbringen.

Into the light

Der Tag näherte sich der Nacht und ich versteckte mich auf einem Feld wo eine Herde Hammel stand. Die Tiere gaben mir in der Nacht Wärme. Ich streichelte die Tiere und redete mit ihnen.
Am Morgen ging ich noch einige Zeit nach Süden, bis ich einen Wegweiser nach Spera sah. Ich konnte zu meinem Glück lesen. Jeden Schritt den ich weiter nach Westen ging um so mehr weinte ich.

Unter der Burka lief mir der Schweiß über den Rücken. Ich sah den Ort am Berg und wusste jetzt nicht, ob Nasanin diesen Ort meinte. Der geheime Ort kam in Sichtweite und ich hoffte, dass dies auch der Ort sei. Langsam und ängstlich ging ich durch diesen Ort um das gelbe Tor mir den weißen Strichen zu suchen. Ich sammelte hier und da Holz oder klaute aus den Gärten, die keine Mauer hatten etwas Gemüse.

Ich wollte als Fremde nicht ausfallen. Ich ging durch jede Straße, an jedem Haus vorbei und sah das gelbe Tor. War es das richtige? Immer wieder ging ich durch den Ort bis ich mir sicher war, es gab in dem ganzen Ort kein zweites Tor mit weißen Streifen.
Mit meinem Gemüse und etwas Holz unter dem Arm stand ich vor dem Tor und lauschte ob ich etwas hörte. Ich hörte Stimmen von Mädchen. Leise, aber ich hörte sie. Mit all einem Mut und Verzweiflung klopfte ich an das Tor. Ich hörte einen kleinen Schieber in der Tür sich öffnen und sah das Gesicht von einem Mädchen. Ich hob meine Burka hoch sodass das Mädchen mein Gesicht sah. Sie nickte mir zu und öffnete das Tor. Schnell ging ich in den Hof und weinte nur noch.

Das Mädchen führte mich in einen Raum, der die Küche war und gab mir Reissuppe zu essen. Ich bekam Brot und etwas Fleisch. Seit Tagen hatte ich nichts richtiges mehr gegessen und war dankbar für jedes Stück Brot.
Eine ältere Frau kam zu mir und sprach sehr langsam mit mir. Auch sie stellte mir viele Fragen, ich antwortete freiwillig. Sie zeigte mir einen Platz wo ich mich ausruhen konnte. Mit einer Decke legte ich mich an die kühle Wand von dem Raum und meine Gedanken konnte ich gar nicht mehr einordnen. Alles war verschwommen. Zwei, drei Mädchen kamen zu mir und sprachen mit mir. Sie müssten in meinem Alter gewesen sein. Trotz meiner Kopfschmerzen begriff ich, dass es noch andere Mädchen so ergangen ist wie mir.

Nach Jahren keine Gewalt erlebt

Die erste Nacht ohne Gewalt war für mich eine Erholung und langsam schlief ich ein. Hier an diesem Ort mir vielen anderen Mädchen fühlte ich mich sicher. Seit ich mein Elternhaus verlassen musste, fühlte ich wieder so etwas wie Geborgenheit.
Seit zwei Jahren hatte ich nicht mehr so gut und friedlich geschlafen. In dieser Nacht fiel der Teufel von mir ab. All das Böse wich von mir. Ich sah noch das mit Furchen und Pusteln überzogene Gesicht der Alten und dachte an ihre Wadenwickel. Ich brachte ihr kein Wasser mehr und hörte im Traum wie sie nach mir brüllte. Ich sah den Mann voller Zorn gegen alles treten und auch er fluchte laut. Dann wurde es dunkel und ich schlief ein. Ob durch Erschöpfung oder Müdigkeit, kann ich 13 Jahre später immer noch nicht beantworten.

Der Tag begann und ich war immer noch sehr schwach. Ein Mädchen brachte mir einen Teller Reissuppe und Brot. Ich konnte noch nicht einmal mehr richtig aufstehen. Mit dem Rücken zur Wand saß ich da mit meinem Brot und dem Teller. Das Mädchen hieß Rahja und streichelte mich. Auch Rahja wurde Vergewaltigt und hatte sogar einen Schwangerschaftsabbruch. Noch eine gebrochene Seele!

Ich wollte aufstehen, konnte es aber nicht. Meine Beine waren ohne Kraft und Gefühl. Ich legte mich in meine Ecke und deckte mich zu.
Ich hörte Stimmen und Sprachen die ich noch nie gehört hatte. Ich hatte Angst vor dem was ich nicht verstand.

Eine kleine blonde Frau kam langsam auf mich zu und reichte mir ihre Hand. Ich sah noch nie eine Frau mit solchen Haaren. Sie sprach mit mir in einer Sprache die ich nicht verstand. „Doktor. Doktor“ war das einzige was ich verstand. Sie berührte mich so sanft und langsam, wie ich noch nie berührt wurde. Sie fühlte meine Brust ab, streichelte mir über den Rücken und Arme. Sie sprach mit mir was sie tat. Ich verstand es nicht. Sie zeigte mir Nadeln und an ihrem Arm zeigte sie mir, was sie bei mir machen wollte. Schlimmer wie all die Gewalt die ich erlebte konnte es kaum werden.

Sie steckte mir eine Nadel in den Arm und Rahja sollte einen Beutel festhalten aus dem Flüssigkeit in meinen Arm lief. Ab dann war alles nur noch verschwommen und ich bekam nur noch mit, dass ich in einem Auto war. Eine Frau aus Afghanistan, die keinen Hijab oder Burka trug, war bei mir und hielt mich fest. Ich sah ihr schönes Gesicht und ihre sanften Augen. Sie sprach sehr ruhig und langsam mit mir.
Die blonde Frau war auch im Auto. Sie hörte mein Herz ständig ab und drückte hier und da an meinem Körper. Auf einmal war nichts mehr da. Keine Gedanken, keine Geräusche – nichts.

Ein neues Leben beginnt

Ich weiß nur von anderen, wie ich die nächsten eineinhalb Tage verbrachte.
Im Schlaf spürte ich Wärme an meiner Hand. Ich spürte Energie, Liebe und Kraft. Als ich die Augen etwas öffnen konnte, sah ich einen großen Mann mit einem schmalen Gesicht und die Augen von einem Engel. Ich erinnere mich auch daran, dass ich kurze Zeit später das schöne Gesicht der Frau sah, die mich im Auto festgehalten hatte. Langsam wurde mir klar, wo ich bin und was all diese Leute bei mir machen. Ich war in Sicherheit.

Die Tage die folgten, werde ich nicht schreiben brauchen, denn die sind schon geschrieben.

Ich danke Naike und Nila für eure Zeit mit mir meine Worte zu schreiben. Ich danke euch für die Tränen mit mir und eure Bedingungslose Liebe.
Ich danke Nila für all die Jahre die du als Mutter für mich da bist.
Ich danke Marcel der über mein Leben wachte und nun seit vielen Jahren mein Patenonkel ist.
Ich danke Naike für all die Jahre der Freundschaft, Liebe und des Vertrauens.
Ich danke meinen Großeltern in Deutschland, die mich wie ihr eigenes Kind angenommen haben.
Ich danke Erik und Linda de Joost für eure Liebe und Fürsorge in den Niederlanden.
Ihr beide und eure Tochter wurdet ein Familie für mich in einem fremden Land.

Ihr alle habt mir ein Leben geschenkt, dass ich niemals hätte leben können. Ihr alle seit immer für mich da. Ihr seit die ganzen Jahre mit mir durch die Hölle der Aufarbeitung gegangen.

Amira Khalil, im Februar 2020



Weltkindertag

Kinder sind all zu oft die Leidtragenden in sinnlosen Kriegen, Ausbeutung und Armut

Autorin Naike Juchem

Was Kinder erleben müssen, kann man sich in der heilen Welt gar nicht vorstellen.
Von Terroranschläge über Bombenangriff durch Flugzeuge bis hin zu Augenzeugen von Exekutionen.
Es gibt für Millionen von Kinder keine Sicherheit und schon gar keine Traumatherapien. Millionen Kinder müssen ihr ganzes Leben mit Tod, Verstümmelungen, Vergewaltigungen, Gewalt, Hunger und Angst zurechtkommen.

Kaum jemand kümmt sich um verwaiste und traumatisierte Kinder im Jemen, Parkistan, Irak, Iran, Afghanistan, Mexiko, Honduras….
Kaum jemand nimmt diese Kinder in den Arm und tröstet sie.
All dies passiert täglich und es wird kaum wahrgenommen.

Kinderrechte jetzt!
So hieß das Motto zum diesjährigen Weltkindertag am 20. September. Dieser Tag ist der Weltkindertag in Deutschland und Österreich.

Die Vereinten Nationen begehen den Weltkindertag am 20. November als Internationalen Tag der Kinderrechte, dem Jahrestag, an dem die UN-Vollversammlung die Kinderrechtskonvention von 1989 verabschiedete; auch diesem Datum haben sich viele Staaten angeschlossen.

Wo sind die Kinderrechte, wenn Kinder aus Angst, Religion oder Ethnische Zugehörigkeit nicht in Schulen gehen können?
Wo sind die Kinderrechte, wenn Kinder täglich von Erwachsenen ausgebeutet werden?

99 Jahre Kindertag

Erste Ideen reichen bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts zurück und sind eng mit der Entwicklung der Kinderrechte verbunden. 1902 veröffentlichte die schwedische Reformpädagogin Ellen Key ihr Buch  „Jahrhundert des Kindes“, womit sie den Schutz, die Bedürfnisse und Rechte der Kinder in das Blickfeld einer zunehmend aufgeklärten Öffentlichkeit rückte.

Aufgerüttelt durch das massenhafte Elend der Flüchtlingskinder vor allem in Osteuropa nach dem Ersten Weltkrieg gründete die englische Grundschullehrerin Eglantyne Jebb das britische Komitee „Save the Children“. Überzeugt von der Notwendigkeit, für die Interessen des Kindes einzutreten, entwarf sie ein Fünf-Punkte-Programm, das sie 1923 an den Völkerbund in Genf schickte. Diese Charta – bekannt als Genfer Erklärung – wurde am 24. September 1924 von der Generalversammlung des Völkerbundes verabschiedet. Auch wenn es bei dieser Erklärung vor allem um den Schutz und das Wohl der Kinder ging, enthielt sie mit dem Artikel 5 ein wichtiges Element des sozialistisch geprägten internationalen Kindertages: „Das Kind soll in dem Gedanken erzogen werden, seine besten Kräfte in den Dienst seiner Mitmenschen zu stellen.“ 
Im Zuge dieser und weiterer Entwicklungen führten einige Staaten einen entsprechenden Tag ein. In Deutschland propagierte vor allem die Arbeiterbewegung einen Kindertag. Als 1931 in Wien die 2. Internationale
Arbeiterolympiade stattfand, begannen die Feierlichkeiten am 19. Juli mit einem „Fest des Kindes“ und es wurde ein Internationaler Kindertag ausgerufen. Wegen der politischen Verhältnisse wurde dieser Aktionstag als sozialistische Propaganda angesehen.

Mit der Gründung der UNO am 26. Juni 1945 und der darauffolgenden Auflösung des Völkerbundes 1946 wurde die Genfer Erklärung nicht übernommen und verlor somit ihre völkerrechtliche Grundlage.

Weltkindertag

Als die Geburtsstunde des UN-Weltkindertages gilt der 21. September 1954. An diesem Tag empfahl die 9. Vollversammlung der UNO ihren Mitgliedsstaaten die Einrichtung eines weltweiten Kindertages. So sollte

• der Einsatz für die Rechte der Kinder gefördert werden sowie

• die Freundschaft unter den Kindern und Jugendlichen.

• Außerdem sollten sich die Regierungen einmal im Jahr öffentlich verpflichten, die Arbeit des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen UNICEF zu unterstützen.

Die Staatengemeinschaft beauftragte UNICEF mit der Ausrichtung dieses weltweiten Tages. Damit griffen die Vereinten Nationen sowohl den Vorschlag auf, den die amerikanische Organisation International Union for Child Welfare unterbreitete, die bereits 1952 für einen weltweiten Kindertag plädierte, als auch trugen sie dem Umstand Rechnung, dass sich in den sozialistischen Staaten schon seit 1950 ein internationaler Kindertag (1. Juni) zu etablieren begann. Die Wahl eines geeigneten Datums wurde jedem UN-Mitglied freigestellt, ebenso der Schwerpunkt und die Art und Weise.

Am 29. November 1959 wurde von der Generalversammlung der UN die „Erklärung der Rechte des Kindes“ – 35 Jahre nach der Genfer Erklärung – einstimmig verabschiedet, aber noch immer nicht völkerrechtlich bindend. 1979 wurde von der UN das gesamte Jahr zum Internationalen Jahr des Kindes erklärt. Im Zuge dessen wurde auf polnische Initiative hin eine Kommission eingesetzt, die eine Kinderrechtskonvention erarbeiten sollte. Weitere zehn Jahre später, 1989, wurde das „Übereinkommen über die Rechte des Kindes“ völkerrechtsverbindlich von der UN-Vollversammlung verabschiedet. Das Datum, der 20. November, wird seitdem von der UN als Internationaler Tag der Kinderrechte gefeiert.

Wo steht der Weltkindertag im 21.Jahrhundert?

Immer mehr Kriege beherrschen die Welt und somit immer mehr Flucht, Armut, Gewalt und Tod.
Immer mehr zeigt der Kapitalismus seine hässliches Gesicht in Form von Ausbeutung an Menschen  – hier vermehrt immer mehr Kinder.
Ob in der Türkei auf den Haselnuss Plantage für den all bekannten Nuss-Nougat-Brotaufstich oder in den Kobalt-Minen im Kongo. Ob in der Prostitution in Thailand, Philippinen oder Malaysia. Ob in den Bergwerken in Chile oder in der Landwirtschaft in Osteuropa.

Überall auf der Welt gibt es Kinderarbeit. Sei es in den Textilfabriken in Kambodscha oder Bangladesch. Kinder müssen in Kriegs und Krisengebieten als Tagelöhner arbeiten, damit die Familien genug zu essen haben.
Kinder werden aus Armut heraus für oft unter 200 Dollar verkauft. Sei es zur Prostitution, zum Betteln, Frühehen oder zum schufften auf Kakao-Plantage.

Es liegt an uns Erwachsenen dies endlich zu ändern und dafür zu sorgen, dass Kinder ihre Rechte auf Freiheit, Bildung und Sicherheit leben und erleben können.

Naike Juchem, 9. Oktober 2021

Afghanistan steht vor einem Wirtschaftsbankrott

Zentralbank in Kabul

Das Geld ist alle und dies zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt: der Winter steht vor der Tür.

Autorinnen Nila Khalil und Samira Ansary

Die afghanische Zentralbank hat in den Wochen, bevor die Taliban die Kontrolle über das Land übernahmen, den größten Teil ihrer Bargeldreserven in US-Dollar aufgebraucht. Dies geht aus einer Bewertung hervor, die für die internationalen Geberländer für Afghanistan erstellt wurde und die sowieso schon aktuelle Wirtschaftskrise nun noch weiter verschärft.

In einem zweiseitigen Bericht, der Anfang September von hochrangigen internationalen Wirtschaftsvertretern für die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds (IWF) verfasst wurde, steht, dass die schwere Bargeldknappheit des Landes bereits Moante vor der Übernahme durch die Taliban begann.

In dem Bericht wird kritisiert, wie die frühere Führung der Zentralbank in den Monaten vor der Eroberung durch die Taliban mit der Krise umgegangen sei und warum eine ungewöhnlich hohe Zahl an US-Dollar versteigern und darüber hinaus Geld von der Zentralbank in Kabul in Zweigstellen der Provinzen gebracht wurde. In dem Bericht an die Weltbank und IWF steht: „Die Devisenreserven in den Tresoren der Zentralbank in Kabul sind erschöpft, die Zentralbank kann die Bargeldanforderungen nicht erfüllen und die Hauptursache des Problems ist die Misswirtschaft der Zentralbank vor der Machtübernahme durch die Taliban.“

Korruption hat kein Gewissen

Shah Mehrabi, der Vorsitzende des Prüfungsausschusses der Zentralbank, der die Bank vor der Übernahme durch die Taliban mit beaufsichtigt hatte, verteidigte das Vorgehen der Zentralbank und erklärte, sie habe versucht, einen Ansturm auf die afghanische Landeswährung zu verhindern. Es ist schon sehr bezeichnend, dass gerade solche Personen wie Mehrabi nach dem Sturz der Regierung noch im Amt sind.

Das Ausmaß der Bargeldknappheit ist mittlerweile in alle Städten von Afghanistan zu sehen, wo die Menschen stundenlang Schlange stehen, um ihre Ersparnisse in Dollar abzuheben, obwohl sie nur eine begrenzte Menge abheben können. Oder auch auf Märkte, wo die Menschen ihr bisschen Hab und Gut gegen etwas Geld verkaufen.

Seit fast zwei Jahrzehnten hat die Wirtschaft unter den Folgen der innerstaatlichen Instabilität zu leiden. Die Folgen sind verheerend. Viele Jungen ab 10 Jahre versuchen als Tagelöhner etwas Geld für die Familien zu beschaffen und somit können sie nicht weiter zur Schule gehen. Aus dieser Armut resultiert ein Analphabetismus, der mittlerweile weit über der Hälfte der Bevölkerung liegt.

In den letzten Monaten haben sich die Preise für Grundnahrungsmittel erneut um ein vielfaches verteuert. Gleichzeitig haben
durch die Machtübernahme der Taliban viele Menschen ihre Arbeit verloren. Millionen von Menschen stehen angesichts des nahenden Winters vor einer humanitäre Katastrophe. Ich hatte im Januar 2020 schon darüber berichtet und die aktuelle Wirtschaftskrise gepaart mit der Taliban als „Regierung“ macht es für die Menschen nicht einfacher.

Alleine der UN fehlen 1 Milliarde US-Dollar, um die Menschen in Afghanistan über den Winter zu bringen.
Auch wenn die Taliban sich als moderat hinstellt, sind sie es nicht. Faktisch werden sich Hilfsorganisationen bei der aktuellen Gefahrenlage durch die Taliban wohl kaum an Humanitärer Hilfe beteiligen. So wird es diesen Winter die ärmsten der Armen treffen. Die Menschen haben zum einen kein Geld für Lebensmittel und für Gas, bzw. andere Brennstoffe kein Geld.

Es kommt kein Geld mehr

Unter der Regierung Ghani war die Zentralbank auf Bargeldlieferungen in Höhe von 249 Millionen US-Dollar angewiesen. Dieses Geld wurde alle drei Monate in Kisten mit gebundenen 100 US-Dollar-Noten geliefert und in den Tresoren der Zentralbank und im Präsidentenpalastes gelagert.

Dieser Geldstrom ist nun versiegt, da ausländische Regierungen zur Zeit noch nicht direkt mit den Taliban verhandeln. In Anbetracht der Not von Millionen Menschen, muss es sehr bald eine Lösung geben – ob man nun will oder nicht.

Afghanistan steht vor einem Staatsbankrott

Die Zentralbank, die eine Schlüsselrolle in Afghanistan spielt, weil sie die Hilfsgelder von der EU und der USA verteilt, erklärte am Mittwoch, sie habe einen Plan zur Deckung des Devisenbedarfs des Landes ausgearbeitet – nannte jedoch keine Einzelheiten. Der Mangel an einer stabilen Währung macht es den Taliban schwer, ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen, einschließlich der Bezahlung von Strom oder der Auszahlung von Gehältern an Regierungsangestellte, Universitäts Professoren, Ärzte und und und. Diese Menschen, die Afghanistan dringend braucht, werden schon seit Monaten nicht mehr bezahlt.

Die Auslandsreserven Afghanistans in Höhe von rund 9 Milliarden US-Dollar wurden eingefroren, als die Taliban Kabul erobert hatten, und die Zentralbank nur noch über die Bargeld in ihren Tresoren verfügte.

Dem Bericht zufolge versteigerte die Zentralbank zwischen dem 1. Juni und dem 15. August 1,5 Milliarden Dollar an lokale Devisenhändler, was als auffallend hoch bezeichnet wurde. Am 15. August hatte die Zentralbank ausstehende Verbindlichkeiten in Höhe von 700 Mio. US-Dollar und 50 Mrd. Afghanis (569 Mio. US-Dollar) gegenüber den Geschäftsbanken. Dies ist einer der Hauptgründe für die nun leeren Kassen im Land.

Nach vorliegenden Berichten hatte die
afghanische Zentralbank Auktionen für den Devisenhandel angemeldet, aber da ging es um einen Betrag von fast 1,5 Milliarden Dollar. Tatsächlich verkaufte die Zentralbank Betrag  lediglich 714 Millionen US-Dollar an Devisenhändler.

Wo ist das Geld?

Der Bericht stellt auch die Entscheidung der Zentralbank in Frage, einen Teil ihrer Reserven in Provinzfilialen verlagern zu haben, was ein sehr hohes Risiko für die Banken darstellte.

Ende 2020 seien rund 202 Millionen US-Dollar in Filialen in den Provinzen des Landes aufbewahrt worden – obwohl zum damaligen Zeitpunkt schon dreiviertel der Provinzen unter der Kontrolle der Taliban waren.
Im Jahr 2019 waren es lediglich 12,9 Millionen US-Dollar, die in den Filialen aufbewahrt wurden.

In dem Bericht heißt es weiter, dass:
„Einiges an Geld in den Provinzfilialen verloren gegangen sei,“ (gestohlen trifft es wohl besser)“, ohne aber genaue Höhe des Verlustes an Geld anzugeben.

Der ehemalige Leiter der Zentralbank, Ajmal Ahmady, der das Land am Tag nach dem Sturz der Regierung durch die Taliban verließ, reagierte bis zum jetzigen Zeitpunkt auf keine E-Mails oder anderen Nachrichten von den Wirtschaftsvertretern für die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds.

Ahmady erklärte in den letzten Wochen auf Twitter, er habe sein Bestes getan, um die Situation zu meistern, und machte für etwaige Liquiditätsengpässe und des Einfrierens vom Zentralbankvermögen ausländische Regierungen dafür verantwortlich.

In seinen Erklärungen sagte er, dass die Zentralbank die Wirtschaft vor dem Fall von Kabul gut geführt habe und das kein Geld von einem Reservekonto gestohlen worden sei. Weiter teilte er mit: „das er sich schlecht fühle, weil er Mitarbeiter zurückgelassen habe.“  Ahmady müsse um seine Sicherheit fürchten, daher habe er sich abgesetzt.

Nila Khalil und Samira Ansary, Kodling. 2. Oktober 2021

Die Lage in Mali ist sehr desolat

Was sich Außenpolitisch von China und Russland langsam und leise in West- und Zwntralafrika entwickelt, könnte bald fatale Folgen haben

Autorin Evke Freya von Ahlefeldt

Mali liegt im Übergangsbereich zwischen Nord- und Westafrika und hat eine lange und bewegte Geschichte. 

Bereits im Mittelalter bestanden auf dem Gebiet des heutigen Staates Mali verschiedene Großreiche. Eines von ihnen diente nach der Unabhängigkeit als Namensgeber für die heutige Republik Mali. Mali ist ein Vielvölkerstaat und dadurch kulturellen und sprachlichen sehr geprägt.

Das Land stand 20 Jahre lang für eine afrikanische Erfolgsgeschichte. Nach dem Ende der Militärdiktatur im Jahr 1991 wurde ein friedlicher Demokratisierungsprozess eingeleitet. Mali gab sich eine neue Verfassung und hielt freie Wahlen ab.

Anfang 2012 kam es zu einer schweren politischen Krise, bei der der Präsident gestürzt wurde. Dadurch brachten Tuareg-Rebellen und islamistische Extremisten, die unter der Führung von al-Qaida standen und somit weite Teile der nördlichen Regionen des Landes unter ihre Kontrolle brachten. Zusätzlich verschärft wurde die Situation durch eine Ernährungskrise aufgrund schlechter Ernten in der gesamten Sahelzone. Insgesamt mussten mehr als 500.000 Menschen aus ihren Heimatorten fliehen und in anderen Regionen Malis oder außerhalb des Landes Zuflucht suchen.

Im Jahr 2013 konnte die akute politische Krise in Mali überwunden werden. Von besonderer Bedeutung waren dabei die Bildung einer Übergangsregierung, demokratische Präsidentschafts- und Parlamentswahlen sowie die Unterstützung des Landes durch seine Nachbarstaaten, die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS), die Afrikanische Union, die Vereinten Nationen und Frankreich.

Schon im Juni 2019 – vor dem Umsturz gegen den gewählten Präsidenten – war ein Militärhilfeabkommen zwischen Russland und Mali unterzeichnet worden. Diese Unterzeichnung stellt den MINUSMA (UN-Einstz) vor neue Herausforderungen zum Schutz und zur Stabilisierung der Bevölkerung und Regierung.

Im August 2020 kam es wieder zu einem Militärputsch, die Regierung von Staatspräsident Keita wurde abgesetzt. Im Oktober 2020 wurde eine Übergangsregierung ernannt, die auf 18 Monate angelegt ist. Derzeit ist noch nicht absehbar, in welche Richtung sich die politische Situation in Mali weiterentwickelt. Durch diese innenpolitische Zerrissenheit und der kaum vorhandene Schutz durch Polizei, haben die Terrorgruppen freies Spiel. Hinzukommt, dass seit geraumer Zeit Russische Söldner in Mali agieren.  Die Auftraggeber jeder Söldner ist nicht so einfach zu durchschauen, denn es sind mal die Machthaber von Militär und mal al-Qaida, IS oder Tuareg-Rebellen. Die Sicherheitslage in den drei nördlichen Regionen: Timbuktu, Kidal und Gao ist sehr kritisch. Immer wieder sieht sich die malische Regierung gezwungen, nach Terroranschläge den Ausnahmezustand auszurufen bzw. zu verlängern.

Das Volk leidet – wie immer

Etwa die Hälfte der malischen Bevölkerung lebt in extremer Armut. Von 1.000 Neugeborenen sterben im Durchschnitt 106 vor ihrem fünften Geburtstag. Ein großer Teil der Bevölkerung hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und etwa 80 Prozent der Bevölkerung verfügt über keine angemessene Medizinische- und Sanitäre Versorgung. Nach Zahlen der UN betätige die Lebenserwartung der Landbevölkerung bei unter 58 Jahren. Das Bevölkerungswachstum in Mali liegt bei jährlich um die drei Prozent. Nach Angaben von UNHCR sind 48 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner Malis jünger als 15 Jahre.

Das Bildungswesen in Mali liegt fast auf der Nulllinie und ist in einem sehr schlechten Zustand. Nur etwas mehr als die Hälfte der schulpflichtigen Kinder besucht eine Grundschule – lediglich etwa 50 Prozent schließen die Grundschule ab. Zwei Drittel der knapp 20 Millionen Malierinnen und Malier sind Analphabeten. Etwa 60 Prozent der Bevölkerung leben auf dem Land und betreiben Ackerbau und Viehwirtschaft. Die Verstädterung durch Bevölkerungswachstum und Landflucht nimmt aber rasant zu. Der Staat steht vor der schwierigen Aufgabe, Beschäftigungsperspektiven für die stark wachsende junge Bevölkerung zu schaffen und den Zugang zu Basisdienstleistungen für alle Einwohner zu gewährleisten.

Russland verfolgt keine Humanitäre Ziele in Afrika

Russland ist längst nicht das einzige Land, das Afrika als lukrativen Zukunftsmarkt erkannt hat. Während es vielen anderen Ländern wie etwa China vor allem um Afrika als Rohstofflieferant und Absatzmarkt für zivile Produkte geht, hat Russland bei letzterem wenig zu bieten. Anders in puncto Sicherheit: Die berühmt-berüchtigten AK-47-Gewehre kommen aus Russland. Ebenso Kampfhubschrauber, Panzer und andere Fahrzeuge.

Erstes größeres Ziel der neuen Afrika-Politik Moskaus war 2018 die Zentralafrikanische Republik (ZAR). Russland sorgte dafür, dass das UN-Sanktionskomitee eine Ausnahme machte und Waffen für die Regierungsarmee in das vom Krieg und Terror gebeutelte Land ließ. Die privaten Wagner-Kämpfer kamen gleich mit, ein paar hundert sollen es gewesen sein. Noch heute sind die Russen im Land. Ohne ihre Hilfe wäre die zum Jahreswechsel neu gewählte alte Regierung womöglich nicht mehr im Amt.

Frankreich reagiert immer gereizter auf die Außenpolitik von Russland. Paris warf Moskau in den vergangenen Wochen mehrfach vor, den Ruf Frankreichs in Afrika zu schädigen, um den eigenen Einfluss auszudehnen. Moskau wies dies einsilbig zurück und macht weiter wie bisher.

Im umkämpften Norden Mosambiks waren auf Regierungsseite zeitweise Wagner-Söldner gesichtet worden, in Libyen sollen zwischen 2019 und 2020 etwa 1000 dieser Söldner aktiv gewesen sein.

Da Russland seit Jahren auch Soldaten des Militärs aus Mali in Russland ausgebildet hat, wird der Spagat zwischen Freund und Feind immer größer – und gefährlicher für die ganze Region.

Laut dem Friedensforschungsinstitut SIPRI in Stockholm, ist Russland mittlerweile für fast die Hälfte aller Waffeneinfuhren auf den Afrikanische Kontinent verantwortlich – vor Frankreich, den USA und China. Es ist  ein Milliarden Dollar Geschäft für Russland. Da die Staaten in Afrika seit Jahrzehnten mit dem Rücken an der Wand stehen und somit Staatsvertäge in Form von Devisen an Länder wie Frankreich und Deutschland kaum zurück bezahlen könnne, ist Russland mit der Rückzahlung von Rohstoffe sehr entgegenkommen. Sprich Gold und andere Edelmetall. In Mali könnte es sogar um Uran gehen, mit dem auch französische Atomkraftwerke betrieben werden. Zugute kommen könnte das neben der russischen Staatskasse auch dem mutmaßlichen Wagner-Unternehmer Yevgeny Prigozhin.

Evke Freya von Ahlefeldt, Accra 30. September 2021

Die Probleme der Gesellschaft in der Europäischen Union

Teil I

Autoren Naike Juchem und Nila Khalil

Ein kleine Abhandlung über „Migranten” und Asylsuchende, Wachsende Unterstützung für Fremdenfeindlichkeit und populistische Parteien, das Vorhandensein einer nahezu rechtlosen Bevölkerung und Parallelgesellschaften. Den Islamistischer Extremismus und Verzerrte Darstellungen von Minderheiten in den Medien und schädliche Stereotypen.

Wir haben in einem etwas längeren Text viele Fakten von verschiedenen Europäischen Organisationen und Institutionen zusammen getragen, um ein doch endlich mal anderes Bild der Gesellschaft aufzuzeigen.
Wir verwenden hier bewusst Anführungszeichen, weil „Migranten” der Begriff ist, der von den Menschen am häufigsten verwendet wird, um Feindseligkeit gegen diese Gruppe auszudrücken, und die Einzelpersonen, auf die er sich bezieht, werden häufig nicht in der gesetzlichen oder fachspezifischen Definition dieses Begriffs gesehen.

Tatsächlich werden nur wenige oder gar keine Vorurteile gegen Ausländer vorgebracht, die in einem Land leben und arbeiten, in dem sie sich äußerlich nicht von der Mehrheit seiner Bewohner unterscheiden, die gleiche Sprache sprechen, grob betrachtet den gleichen Lebensstil pflegen und in der Lage sind, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Aber Menschen, deren Aussehen oder Lebensstil sich deutlich von der Mehrheit unterscheiden, werden häufig als „Migranten“ bezeichnet, selbst wenn sie, und manchmal bereits ihre Eltern und Großeltern, in diesem Land geboren wurden und ihr Leben lang dort gelebt haben. Diese Menschen werden als Teil einer Gruppe gesehen, die rasant anwächst und oftmals als Bedrohung der indigenen Bevölkerung und deren Lebensstil betrachtet wird. Zu dieser Gruppe gehören auch Asylsuchende, die verbreitet als „Gesindel“ und „Sozialschmarotzer“ bezeichnet werden, und manchmal auch Menschen, die aufgrund der Verfolgung im Heimatland als Flüchtlinge anerkannt sind.

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Populäre Einstellungen gegenüber Migranten.
Die folgenden Einstellungen gegenüber Migranten wurden als weitverbreitet festgestellt, auf der Grundlage von Untersuchungen, Konferenzen und Feldforschungen in mehreren europäischen Staaten, die für die Publikation des Europarats: Migrants and their descendants –Guide to policies for the well-being of all in pluralist societies, durchgeführt wurden.

1.) „Migranten führen zu einem Anstieg der Kriminalität.” Dies wird von den Medien, öffentlichen Vertretern und bestimmten „Sicherheitsexperten“ ständig wiederholt und ohne Frage von einem großen Teil der Bevölkerung unhinterfragt wie folgt akzeptiert: „Migranten, besonders illegale Einwanderer, sind Kriminelle”; „Migranten halten sich weniger an das Gesetz als Einheimische”; „Migranten sind für einen Großteil der Verbrechen verantwortlich, die begangen werden”; „sie kommen in unser Land, um Verbrechen zu begehen” und „jetzt, da sie hier sind, sind unsere Städte und Straßen weniger sicher”.

2.) „Migranten bringen Krankheiten ins Land”oder „Migranten sind schuld an der Rückkehr bestimmter Krankheiten, die schon vor Jahrzehnten in Europa ausgerottet wurden”. Befürworter dieser Argumente behaupten, dass illegale oder nicht erfasste Migranten und deren Kinder häufig eine schlechtere Gesundheit aufweisen als der Rest der Bevölkerung und dass bestimmte Infektions-und ansteckende Krankheiten bei Migranten häufiger vorkommen als in der einheimischen Bevölkerung.

3.) „Migranten nehmen uns die Arbeitsplätze weg.” Diese Ansicht ist extrem verbreitet in europäischen Gesellschaften, insbesondere bei Arbeitern in Arbeitsbereichen, in denen es viele Migranten gibt. Dies gilt strenggenommennicht nur für Migranten, sondern auch für deren Kinder, die so genannte zweite Generation, die aufgrund ihres Aussehens, Kultur oder Familienzusammenhalts immer noch nicht als „Teil der Nation“ betrachtet werden.

4.) „Migranten verursachen eine Absenkung der Löhne.” Viele Menschen, die akzeptieren, dass es keinerlei Beweise für die Behauptung gibt, Migranten und Einheimische ständen in direkter Konkurrenz um Arbeitsplätze, glauben nichtsdestotrotz die Aussage, dass Migranten durch ihre Präsenz die Löhne drücken. Diese Meinung ist besonders stark am Arbeitsplatz anzutreffen und selbst bei den Gewerkschaften, zumindest an der Basis.

5.)„Migranten nutzen den Wohlfahrtsstaat aus.” Migranten und deren Familien werden beschuldigt, die Dienste zu missbrauchen, die vom Wohlfahrtsstaatauf dreierlei Weise bereitgestellt werden. Erstens wird behauptet, sie würden die staatlichen Dienste und Hilfsangebote übermäßig und in unfairer Weise nutzen, wobei angenommen wird, dass sie einen breiteren, freieren und weniger regulierten Zugang hättenals andere Bürger. Zweitens wird von ihnen angenommen, sie hätten Zugang zu Leistungen und Diensten, auf die sie keinen gesetzlichen Anspruch hätten, und würden damit Betrug begehen, zum Schaden der einheimischen Bevölkerung. Drittens wird unterstellt, dass sie während ihres Aufenthaltes, von dem angenommen wird, er sei nur temporär und vor allem vom Wunsch beflügelt, vom europäischen Sozialsystem zu profitieren, mehr von der Wirtschaft profitieren als dieser nutzen.

6.) „Migranten benehmen sich, als gehörte ihnen alles.” Diese Haltung ist besonders bei älteren Menschen anzutreffen, die den Eindruck haben, die Neuankömmlinge respektierten sie nicht, ihr vertrautes Leben werde erodiert und die „Migranten-Kultur und deren Lebensweise werden mehr respektiert als unsere” .

7.) „Migranten gründen Parallelgesellschaften.” Migranten werden häufig als soziale und politische Gruppe beschrieben, die den Angehörigen der Gastgesellschaft fremd ist. Es wird den Fällen Aufmerksamkeit gewidmet, in denen sie sich als geschlossene und selbstgenügsame Gemeinschaft verhalten, und weniger den Fällen, in denen sie offen sind und sich um freundschaftliche Beziehungen mit Angehörigen anderer Gruppen bemühen. Typische Behauptungen sind „die bleiben lieber unter sich”, „die wollen sich überhaupt nicht integrieren”, „die können unsere Sprache nicht sprechen” und „die wollen doch nur Rechte, aber keine Pflichten”.

8.) „Die Kinder der Migranten senken die Standards in unseren Schulen.” Es wird behauptet, die Kinder von Migranten „schneiden in Schulen schlecht ab, weil ihre Eltern nicht über die Fähigkeiten und die Bildung verfügen, um sie ordentlich zu erziehen”, und werden häufig für ihre eigenen Schwierigkeiten verantwortlich gemacht: „sie sprechen nicht die Sprache ihres Gastlandes”; „sie werdenmitten im Schuljahr angemeldet” und „sie wissen nicht, zu welcher Kultur sie wirklich gehören”.

9.) „Weibliche Migranten leben als Minderheit.” Nicht-europäische Migranten werden häufig als „rückständig” im Hinblick auf die Zivilisation im Allgemeinen und auf die Gleichheit von Mann und Frau im Besonderen betrachtet. Dieses Vorurteil wird heute vorwiegend gegen Muslime und Araber vorgebracht.
Es mag in einigen konkreten Situationen eine gewisse Wahrheit in einigen dieser Aussagen liegen. Aber bei allen handelt es sich um undifferenzierte Verallgemeinerungen und alle werden kontinuierlich in ganz Europa vorgebracht, sowohl im privaten als auch öffentlichen Diskurs. Zusammen genommen drücken sie eine tiefe und weitverbreitete Feindseligkeit gegenüber einem sehr großen Teil der Menschen aus, die in Folge alle moralisch und materiell darunter leiden werden.

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Muslime

Der Anstieg negativer Einstellungen gegenüber Muslimen in Europa wird durch Umfragen bestätigt, die vom Pew Global Attitudes Project durchgeführt wurden. In einigen europäischen Staaten hat sich der prozentuale Anteil der Befragten, die entweder eine „etwas nachteilige” oder eine „sehr nachteilige” Meinungüber Muslime haben, zwischen 2004-5 und 2010 erheblich erhöht oder ist in konkreten Fällen weiterhin hoch geblieben, manchmal nahezu 50%. Andere Umfragen in Europa bestätigen die Verbreitung negativer Ansichten über muslimische Minderheiten. Der Islam wird sogar von vielen Europäern als große Bedrohung für Europa betrachtet, weil sie glauben, diese Minderheit wachse und der Islam sei mit einem „modernen europäischen Leben“ unvereinbar.

Der Bericht 2009 der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte bestätigt, dass dieses kontinuierliche antimuslimische Gefühl in Europa sich keinesfalls auf die Äußerung dieser Meinung beschränkt. Einer von drei Muslimen, die befragt wurden, erklärte, er sei schon einmal diskriminiert worden, und 11% sagten, sie seien in den vorausgegangenen 12 Monaten mindestens einmal „selbst“ Opfer rassistisch motivierter Gewalt gewesen: Körperverletzung, Bedrohung und Belästigung. Die höchste Diskriminierung gab es bei der Beschäftigung und bei Dienstleistungen, die im Privatsektor angeboten werden. Weitere Umfragen zeigen ebenfalls steigende Zahlen für Angriffe und Fälle von Diskriminierung gegen Muslime sowie Kundgebungen und öffentliche Veranstaltungen mit antimuslimischen Botschaften. Viele Beobachter und Organisationen, u.a. die Parlamentarische Versammlung des Europarats, stimmen überein, dass es einen drastischen Anstieg der Feindseligkeit gegen Muslime in ganz Europa gibt. Häufig verwenden sie den Begriff „Islamophobie”, um dieses Phänomen zu beschreiben. Wir haben uns gegen die Verwendung dieses Begriffes in diesem Bericht entschieden, da er dahingehend verstanden werden könnte, zu implizieren, der Islam als solcher sei von jeglicher Kritik ausgenommen, oder dass jene, die ihn kritisieren, notwendigerweise durch rassistische oder religiöse Vorurteile motiviert seien.
Wir teilen diese Auffassung nicht, da wir der Überzeugung sind, dass die Menschen in einer freien und pluralistischen Gesellschaft die Freiheit haben müssen, eine religiöse Überzeugung zu haben oder nicht und ihre Meinung über den Islam wie über jede andere Religion zu äußern. Gleichzeitig ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass verzerrte oder falsche Darstellungen religiöser Überzeugungen oder Praktiken oder Behauptungen, dass jene bestimmter Gruppen oder Personen charakteristisch für eine Religion als Ganzes seien, häufig Ausdruck von Vorurteilen sind und dazu beitragen, diese zu verbreiten. So waren z. B. Aussagen über den jüdischen Glauben und jüdische Praktiken in der Geschichte eine Methode des Antisemitismus, und viele weitverbreitete aktuelle Erklärungen über den Islam fallen in die gleiche Kategorie.

Rechtsextremistische Parteien haben die Angst vor dem Terrorismus insbesondere seit den Terrorangriffen am 11. September 2001 in den USA, am 15. und 20. November 2003 in Istanbul, am 11. März 2004 in Madrid, am 7. Juli 2005 in London und eine ganze Serie vergleichbarer Anschläge in der Russischen Föderation sowie demografische Veränderungen. So zum Beispiel der Anstieg der muslimischen Bevölkerung in vielen europäischen Staaten, vor allem durch Einwanderung mit großem Erfolg ausgeschlachtet. Sogar in vielen Volksparteien wird die Verunglimpfung des Islams häufiger, wenn nicht sogar Standard. Da eine steigende Zuwanderung von Muslimen nach Europa in den letzten Jahrzehnten zu „sichtbareren” muslimischen Gemeinschaften geführt haben und mit dem Anwachsen des politischen Islams zusammentraf, haben viele Europäer die Überzeugung angenommen, der Islam per sesei radikal, militant und mit europäischen Werten unvereinbar, und dass muslimische Migranten und deren Nachfahren nicht in die europäischen Gesellschaften auf eine Weise integriert werden könnten, wie dies bei Migrantenströmen in der Vergangenheit der Fall gewesen ist.
Im Oktober 2010 erklärte der Menschenrechtskommissar des Europarats, dass diese Vorurteile „mit rassistischen Haltungen kombiniert werden – die sich vor allem gegen Menschen aus der Türkei, aus arabischen Ländern und Südasien richten. Muslime mit diesem Hintergrund werden aktuell auf dem Arbeitsmarkt und im Bildungswesen in einer Reihe von europäischen Staaten diskriminiert. Es gibt Berichte, die zeigen, dass sie vermehrt von der Polizei im Rahmen wiederholter Identitätskontrollen und Durchsuchungen anvisiert werden. Dies ist ein schwerwiegendes Menschenrechtsproblem.“( Menschenrechtskommissar des Europarats, Erklärung zu den Menschenrechten, 28. Oktober 2010 )

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Juden

Antisemitismus sucht die Welt seit Jahrhunderten heim. In Europa ist er ein tief verwurzeltes kulturelles Merkmal, das im 19. Jahrhundert im Kontext eines ethnisch begründeten Nationalismus sowie von rassistischen Theorien der menschlichen Entwicklung seinen konkreten politischen Ausdruck gefunden hat. Dies gipfelte in der Ideologie des Nationalsozialismus. Der Antisemitismus, der im Holocaust seine weitreichendste und gewalttätigste Form erlebte, verursachte den Tod von sechs Millionen Juden und das Leiden zahlloser anderer Juden. Subtilere, weniger mörderische, aber immer noch abscheuliche Formen von Antisemitismus haben Leben zerstört, religiöse Gemeinschaften dezimiert, soziale und politische Gräben und komplizierte Beziehungen zwischen Staaten geschaffen sowie die Arbeit internationaler Organisationen begründet. Obwohl negative Meinungen über Juden weniger häufig in Europa sind als in anderen Teilen der Welt, sind sie in den letzten Jahren laut Pew Global Attitudes Project angestiegen. Eine 2009 durchgeführte Umfrage in einigen europäischen Staaten durch die Anti-Defamation League weist ebenso auf den alarmierenden Trend hin, Juden in der Finanzindustrie für die aktuelle globale Wirtschaftskrise verantwortlich zu machen. Nahezu ein Drittel der Befragten machte Juden im Bankensektor für die aktuelle Wirtschaftskrise verantwortlich. Ein ähnlicher Anteil glaubte, Juden hätten „zu viel Macht“ im Unternehmens-und Finanzbereich und seien nicht loyal ihrem Land gegenüber. In Westeuropa sind traditionell rechtsgerichtete Gruppen insgesamt für einen signifikanten Anteil der Angriffe auf Juden und jüdisches Eigentum verantwortlich, aber in den letzten Jahren wurde eine steigende Zahl dieser Angriffe von unzufriedenen muslimischen Jugendlichen begangen. In Osteuropa sind Skinheads und Angehörige des radikalen politischen Rands für die meisten gemeldeten antisemitischen Zwischenfälle verantwortlich.

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Christen

In den meisten europäischen Staaten, in denen das Christentumdie vorherrschende Religion für das letzte Jahrtausend oder so gewesen ist, sind die meisten Menschen in der Bevölkerung entweder Christen oder haben einen christlichen Hintergrund, und die Meinung der Allgemeinheit über Christen ist vorwiegend positiv. Es gibt jedoch einige europäische Staaten, vorwiegend muslimische, in denen Christen immer noch Formen der Diskriminierung ausgesetzt sind oder Opfer von Feindseligkeit und gelegentlicher Gewalt aufgrund von Religion oder ethnischer Abstammung werden: Tätliche Angriffe, Angriffe auf Kirchen, Einschränkung der Vereinigungsfreiheit und der Meinungsfreiheit. Der Botschafter Janez Lenarčič, Direktor des Büros für demokratische Institutionen und Menschenrechte der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSCE-ODIHR), erklärte im März 2009, dass „Intoleranz gegen und Diskriminierung von Christen sich auf verschiedene Weise im OSZE-Gebiet manifestieren. Obwohl die Verweigerung von Rechten ein wichtiges Thema sein kann, wo Christen eine Minderheit bilden, können auch Ausgrenzung und Marginalisierung von Christen erlebt werden, wenn sie eine Mehrheit in der Gesellschaft darstellen.”

Die weiteren nachstehend aufgeführten Phänomene sind alle mehr oder weniger die Produkte von Intoleranz und Vorurteilen, aber sie verschlimmern sie auch durch eine Reihe von sich gegenseitig verstärkenden Teufelskreisen.
Wachsende Unterstützung für Fremdenfeindlichkeit und populistische Parteien
Im vorausgegangenen Abschnitt haben wir eine kurze und grobe Darstellung der populären Vorurteile gegen einzelne Gruppen der Bevölkerung gegeben. In diesem Abschnitt untersuchen wir die politischen Parteien in verschiedenen Teilen Europas, die entstanden sind oder in signifikanter Weise ihre Gefolgschaft vergrößern konnten,indem sie diesen Vorurteilen politisch Ausdruck verliehen und diese gefördert haben. Der Aufstieg dieser Parteien und deren Einfluss auf die allgemeine Politik ist wahrscheinlich das Phänomen, das europäischen Liberalen die größte Sorge bereitet, da es die Furcht auslöst, der „demokratische RechtsbestandEuropas” könne in Gefahr sein Zweifellos finden signifikante soziale und ideologische Veränderungen auf der politischen Landkarte Europas statt. Von Nordeuropa bis zum Mittelmeererleben wir eine Welle von radikalem Populismus. Die betreffenden Parteien sind in der Regel dem rechten oder rechtsextremen politischen Spektrum zuzuordnen, aber es wäre ein Fehler, sie als neofaschistisch zu bezeichnen. Obwohl es Elemente gibt, die sie mit „traditionellen” Neonazi-oder neofaschistischen Bewegungen in Europanach dem Zweiten Weltkrieg teilen, die in der Regel ein marginales Phänomen geblieben sind, haben die neuen Parteien eine wesentlich breitere Basis, die sich in nahezu alleSchichten der Gesellschaft erstreckt, ungeachtet von Bildungsgrad, Geschlecht oder Status. Sie sprechen fast jeden an, der das Gefühl hat, seine oder ihre Lebensgrundlage und sein oder ihr Lebensstil sei durch die Wirtschaftskriseund durch Einwanderung bedroht. Tatsächlich kombinieren einige von ihnen diese fremdenfeindliche Haltung mit dem Appell an Linksliberalismus, Verteidigung des Sozialstaates und scheinbar linker Wirtschaftspolitik (sowie dezidiert positiven Ansichten über Israel).
In Westeuropa ist die Ablehnung von Einwanderung ihr gemeinsames Thema. In vielen mittel-und osteuropäischen Staaten richtet sich die gleiche Angst gegen die Roma und manchmal andere Minderheiten, wie z. B. die Juden.In den letzten Monaten konnten Parteien, die sich gegen Einwanderung aussprechen, beeindruckende Gewinne verbuchen, u.a. in Staaten mit einem Ruf für liberale Politik und eine tolerante Wählerschaft. In den letzten zwei Jahren haben die Wahl-und Umfrageergebnisse in vielen europäischen Staaten einen Anstieg der Wählerunterstützung für Bewegungen gezeigt, die behaupten, die Interessen und die Kultur der „einheimischen“ Mehrheit gegen die Einwanderung und die Ausbreitung des Islams zu verteidigen. Obwohl sie noch nicht die Mehrheit haben, sind diese Parteien eine wachsende Kraft in der europäischen Politik. In einigen Staaten haben sie sich als zweitstärkste Partei mit rund 30% der Wählerstimmen etablieren können, und manchmal haben sie ihren Rivalen eine Regierungsmehrheit genommen, die Bildung einer Regierung von ihrer Unterstützung abhängig gemacht oder waren sogar Teil einer Regierungskoalition. Immer häufiger führen ihre Wahlerfolge dazu, dass Politiker, die den großen Volksparteien angehören, mit ihnen bei der Rhetorik gegen Einwanderung oder für Fremdenfeindlichkeit zu konkurrieren, was wiederum zur Ausbreitung rassistischer Einstellungen in der Allgemeinbevölkerung beiträgt und diese legitimiert.

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Diskriminierung

Vorurteile gegen Migranten, Menschen mit Migrationshintergrund oder Angehörige von Minderheiten spiegeln sich häufig in Diskriminierung wider, wobei den Betroffenen Dienste oder Leistungen verweigert werden, auf die sie Anspruch haben und die Angehörige anderer Gruppen erhalten. Diese Behandlung entfremdet sie und trägt zu ihrer Isolierung vom Rest der Gesellschaft bei. Dies widerspricht den Grundprinzipien, denen sich alle Mitgliedstaaten des Europarats verpflichtet fühlen und stellt an sich eine der schwierigsten Hürden bei der Schaffung oder dem Erhalt offener und harmonischer Gesellschaften in Europa dar. Die Diskriminierung scheint in den folgenden Bereichen besonders verbreitet zu sein und äußerst schädliche Folgen zu haben: Beschäftigung, Wohnen, Bildung, Gesundheit und Sozialdienste und Maßnahmen der Polizei und der Gerichte.BeschäftigungIn nahezu jedem europäischen Staat liegt die Arbeitslosenquote bei Roma, Migranten und Menschen, die als Ausländer wahrgenommen werden, signifikant höher als die der Gesamtbevölkerung. Dies ist nicht immer Beweis für eine direkte Diskriminierung seitens der Arbeitgeber, da diese Quotemanchmal auf den Zusammenbruch ganzer Industrien zurückzuführen ist, insbesondere der Bauindustrie, wo vorwiegend Migranten arbeiten, oder Folge der Anwendung einer „zuletzt eingestellt, zuerst gefeuert“-Politik ist oder im Fall der Roma durch das Verschwinden traditioneller Handwerke sowie die faktische Wohnabgrenzung, die ein Merkmal ihrer sozialen Ausgrenzung ist, verursacht wird. Aber in einigen Staaten erklären Nichtregierungsorganisationen im Bereich Antirassismus, selbst wenn in konkreten Fällen die rassistische Diskriminierung beim Zugang zu Beschäftigung von den Gerichten sanktioniert wird, dass die Strafen nicht immer ausreichend überzeugend sind, insbesondere dann nicht, wenn große Unternehmen betroffen sind; während in anderen Fällen die Beschäftigung immer noch der Bereich des sozialen Lebens ist, für den die meisten Fälle von Diskriminierung gemeldet werden.

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Wohnen

Berichte der Europäischen Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI) des Europarats weisen mit Sorge darauf hin, dass laut mehrerer Quellen die direkte und indirekte Rassendiskriminierung von Migranten, Personen mit Migrationshintergrund und anderen erkennbaren Minderheitengruppen sowohl im privaten als auch öffentlichen Wohnungssektor in einer Reihe von europäischen Staaten weiterhin ein Problem ist. Selbst für Staaten, in denen die Diskriminierung aufgrund der ethnischen Abstammung bei der Wohnungsvergabe verboten ist, dass einige Kommunen dessen ungeachtet städtische Vorschriften in einer Weise auslegen, die bestimmte sozial benachteiligte Gruppen diskriminiert, u.a. indem sie die Entscheidungen bei der Wohnungsvergabe vom Ruf des Antragstellers oder seiner Familie beim vorherigen Vermieter abhängig macht.

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Bildung

Dieser Bereich wird als wichtiges Instrument für den Kampf gegen Rassismus und Intoleranz erachtet, aber die Bildung scheint auch ein Bereich zu sein, in dem Rassismus und Diskriminierung aufgrund von ethnischer Abstammung und Religion existieren können, mit schädlichen Folgen für die Kinder und die Gesellschaft als Ganzes. Wir haben bereits die Situation der Roma-Kinder geschildert, die in einigen Fällen in getrennten Schulen oder in Schulen für geistig Behinderte untergebracht werden. Außerdem scheint es in einigen europäischen Staaten auch einen disproportional hohen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund in bestimmten Schulen zu geben, was anscheinend mit der Bildung von ghettomäßigen Wohnsiedlungen und auch den angeblich schlechteren Schulleistungen von Migrantenkindern oder Kindern mit Migrationshintergrund verbunden ist. Leistungen und Sozialdienste Politiker sind häufig bemüht, auf Beschwerden einzugehen, Migranten missbrauchten oder belasteten in ungebührlicher Weise den Sozialstaat, indem sie den Zugang der Migranten zu Leistungen und Diensten einschränken, z. B. indem sie diese an umfangreiche Kriterien knüpfen, wie z. B. Aufenthaltsdauer (normalerweise nicht weniger als fünf Jahre), Rechtsstatus (einschließlich Arbeitserlaubnis und damit die Verfügbarkeit eines Einkommens), Nationalität. Fehlen eines Eintrags im Bundeszentralregister, Begrenzung auf Grund-und Notfallleistungen oder indem sie sie rigoroseren Bedarfsprüfungen als die Allgemeinheit unterziehen. Selbst wenn ausländischen Bewohnern offiziell dieselben Rechte wie anderen Antragstellern zugestanden werden, ist die Atmosphäre häufig feindselig und die bürokratischen Hürden so hoch, dass sie abgeschreckt werden, überhaupt einen Antrag zu stellen. Vielmehr ist es so, dass bereits am Ort der Einreise die Tatsache, dass jemand sozialen Beistand benötigt, ein ausreichender Grund für seine Abweisung ist. Polizei und Gerichte Migranten oder Angehörige von Minderheiten sind in einigen europäischen Staaten in disproportionaler Weise von Polizeiüberprüfungen betroffen und werden manchmal von den Polizeibeamten rassistisch beschimpft, schikaniert oder sogar körperlich misshandelt.
Die Tatsache, dass diese Gruppen häufiger von der Polizei angehalten und durchsucht werden, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie im Strafjustizsystem landen. Diese Gruppen scheinen in der Tat in nahezu allen Gefängnissen in Europa überrepräsentiert zu sein. Und doch ist „die Frage nach Diskriminierung und Justiz eine der wichtigsten politischen Fragen unserer Gesellschaft, und sie erhält immer noch nicht die gebührende Aufmerksamkeit“, so Sebastian Roche, der als Forschungsdirektor für das französische Staatliche Zentrum für wissenschaftliche Forschung die Diskriminierung in der Justiz untersucht hat. Er fügt hinzu: „Wir können einem Staat nicht die Schuld geben, wenn seine Unternehmen diskriminieren, aber wir können einem Staat die Schuld geben, wenn sein Justizsystem und seine Polizei diskriminiert.“
Der Bericht der Europäischen Kommission gegen Rassismus und Intoleranz zeigt deutlich, dass zumindest in einigen Staaten die Polizei nicht aktiv genug ist, die Anzeigen von Opfern rassistischer Angriffe oder Hassreden aufzunehmen. Sie weigern sich häufig eine Anzeige aufzunehmen oder protokollieren diese nicht ordnungsgemäß. In anderen Fällen endet ein Opfer einer erkennbaren Minderheit, der bei der Polizei eine Anzeige wegen rassistischer Übergriffe machen will, in einer schwierigen Situation, weil die Polizei, anstatt das Verhalten des mutmaßlichen Täters der rassistischen Handlungen zu untersuchen, das Opferzu schikanieren beginnt. Darüber hinaus werden Polizeibeamte, denen Fehlverhalten gegenüber Migranten oder Angehörigen ethnischer Minderheiten vorgeworfen wird, bei weitem nicht immer verfolgt und wenn, dann selten mit Erfolg.

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Das Vorhandensein einer nahezu rechtlosen Bevölkerung.

Fast alle europäischen Staaten haben unter dem Druck der öffentlichen Meinung ihr Bestes getan, die Einwanderung zu kontrollieren und auf bestimmte Kategorien von Menschen zu begrenzen. Natürlich haben sie das Recht, dies zu tun. Da aber der relative Wohlstand Europas und seine abnehmende innerstaatliche Arbeiterschaft weiterhin Beschäftigungsmöglichkeiten bietet, die immer mehr Migranten anlocken, ist die Folge eine immer umfangreichere illegale Einwanderung, da die Menschen denKontrollen ausweichen und sich temporär oder dauerhaft auf dem Kontinent niederlassen. Und dies führt wiederum zu einer Situation, die nur schwer mit dem Anspruch Europas zu vereinbaren ist, die Menschenrechte und die Rechtsstaatlichkeit zu wahren. „Illegale”, „ungesetzliche” oder „nicht erfasste” Migranten führen eine halb geheime Existenz, die es schwierig macht, verlässliche Daten über sie zu erfassen, aber ihre Zahl ist sicherlich hoch.
Ein Hinweis ist die Schätzung der EU-Kommission, dass zwischen 2005-07 ca. 1,4 Millionen Menschen festgenommen wurden, weil sie sich illegal in einem EU-Staat aufhielten, und nahezu 760.000 wurden abgeschoben. Für Staaten außerhalb der EU stehen nur wenige Daten zur Verfügung, aber zumindest in einigen sind die Zahlen bestimmt vergleichbar.
Wenn wir annehmen, dass die Festgenommenen nur einen Bruchteil der Gesamtzahl ausmachen, wird deutlich, dass wir hier über eine Bevölkerung von vielen Millionen sprechen. Ebenso klar dürfte sein, dass diese Bevölkerung nicht nur ihrer bürgerlichen und politischen Rechte beraubt ist, sondern ihr in der Praxis sogar die grundlegendsten Menschenrechte versagt bleiben. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes „ohne Recht“: Da das Gesetz sie mit Festnahme und Abschiebung bedroht, können siees nicht zu ihrem Schutz anrufen. Tatsächlich macht eben diese Tatsache sie attraktiver für Arbeitgeber: Da sie nur wenige Mittel und keinerlei Zuflucht haben, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als die Arbeit zu akzeptieren, die sie finden können, ungeachtet der Frage, wie wenig ihnen bezahlt wird oder wie unsicher, ungesund oder entwürdigend die Beschäftigungsbedingungen sind.
Kurz gesagt, sie sind jeder Form von Ausbeutung schutzlos ausgeliefert. Gleichzeitig macht sie ihr „illegaler” Status bei der restlichen Bevölkerung noch unbeliebter als die Migranten, obwohl diese allein durch die Tatsache, Migranten zu sein, in denselben Topf geworfen werden. Damit sind illegale Einwanderer, ebenso wie andere Migranten, aber in einem größeren Umfang, in den gefährlichsten, schwierigsten und schmutzigsten Jobs zu finden. Sie arbeiten in der Regel in landwirtschaftlichen Betrieben, kleinen und mittleren Unternehmen, im Dienstleistungsbereich (Restaurants, Hotels, Hauswirtschaft) und, im Fall nicht erfasster weiblicher Einwanderer, in der Sexindustrie. Die Geburten dieser nicht erfassten Einwanderer werden häufig nicht angemeldet, mit der Folge, dass die Kinder selbst auch von Geburt an nicht erfasst werden. Man schließt sie von medizinischer Versorgung und Bildung aus. Eine wachsende Zahl von ihnen muss auf der Straße schlafen. Sie sind nach wie vor schutzlos dem Missbrauch durch kriminelle Vereinigungen ausgesetzt, die sich an Schmuggel, Menschenhandel und modernen Formen der Sklaverei beteiligen. Weibliche Einwanderer sind von den zusätzlichen Gefahren der Marginalisierung, von Jobverlust und Aberkennung wirtschaftlicher und sozialer Rechte betroffen. Viele Industriezweige zahlen keinen gleichen Lohn für gleiche Arbeit, und Frauen fehlt es an gesetzlichem Schutz.
Laut der verfügbaren Daten gibt es viele Fälle von Gewalt gegen nicht erfasste Frauen, und sie sind die primären Opfer des abscheulichen Verbrechens des Menschenhandels. Obwohl Asylsuchende, von denen es im Jahr 2008 355.000 in den OSZE-Staaten gab, bei steigenden Zahlen in den Anrainerstaaten des Mittelmeeres, streng genommen keine nicht erfassten Menschen sind, befinden sie sich in vielfacher Hinsicht in derselben Lage und sind vielen ähnlichen Gefahren ausgesetzt. Das Stellen eines Asylantrags wird allgemein von der Öffentlichkeit, vielfach unterstützt von den Medien, als simpler Versuch gesehen, die Einwanderungskontrollen zu umgehen. In vielen Fällen stimmt dies vielleicht, obwohl es auch stimmt, dass individuelle Umstände enorm variieren können, und es gibt eine große Grauzone zwischen einem „reinen“ politischen Flüchtling und einem „reinen“ Wirtschaftsflüchtling.
Leider zeigen die europäischen Staaten eine starke Tendenz, Asylsuchende als schuldig zu betrachten, also „Scheinanträge“ zu stellen, bis das Gegenteil bewiesen wurde, und erlegen ihnen die Beweispflicht auf, obwohl es viele Gründe gibt, warum echte politische Flüchtlinge nicht immer ausreichende Beweise für ihre Geschichte vorlegen können. Viele Asylsuchende sind inhaftiert, während ihr Antrag geprüft wird, und viele dürfen, selbst wenn sie „frei“ sind, nicht arbeiten und erhalten, wenn überhaupt, nur eine minimale soziale Absicherung, weil auch hier die öffentliche Meinung dienstbeflissen bedient wird, die sie als „Schmarotzer“ verunglimpft. Dies alles führt sie in eine Lage, die der von nicht erfassten Einwanderern ähnelt. Da man ihnen nahezu vollständig verbietet, ihren eigenen Lebensunterhalt zu verdienen, ist ihr Versuch, dies illegal zu tun, fast vorprogrammiert; und jeder Beschwerde von ihnen wird wahrscheinlich mit dem Hinweis begegnet, es stehe ihnen ja „frei”, in ihr Heimatland zurückzukehren, eine Antwort, die den Gegenstand ihres Antrags, der in der Zwischenzeit geprüft wird, praktisch vorverurteilt. Daher genießen auch sie einen sehr eingeschränkten Rechtsschutz und sind vielfach dem gleichen Missbrauch ausgesetzt wie illegale Einwanderer. In beiden Fällen verschärft der Mangel an Alternativen zur Inhaftierung und die damit zusammenhängende Tendenz, jeden festzusetzen, der in illegaler Weise in ein Land einreist, einschließlich Schwangeren und Familien mit kleinen Kindern, die Situation noch und erschwert eine Versöhnung mit den erklärten europäischen Grundsätzen.
Selbst jene, deren Asylantrag genehmigt wurde oder die eine „temporäre Aufenthaltsgenehmigung“ erhalten haben, müssen häufig trotzdem gehen, unter Androhung der Abschiebung, wenn sie dies nicht „freiwillig“ machen, falls oder wenn das Gastland zu dem Schluss kommt, die Situation in ihrem Heimatland habe sich gebessert. Solche Beurteilungen sind häufig anfechtbar, um das Mindeste zu sagen, und selbst wenn sie begründet sind, können die Folgen dieser Beurteilungen sehr unmenschlich sein, insbesondere wenn Kinder, die im Gastland herangewachsen sind, in ihr „Heimatland“ zurückgeschickt werden, das sie nicht aus eigener Erfahrung kennen.

Das Europäische Netzwerk gegen Nationalismus, Rassismus, Faschismus und zur Unterstützung von Migranten und Flüchtlingen veröffentlicht regelmäßig eine Liste jener Menschen, die an den Grenzen Europas oder in Abschiebehaft sterben. Seit 1993 wurden mit Hilfe vieler Netzwerkorganisationen mehr als 11.000 dieser Todesfälle dokumentiert. Zweifelsfrei sind viele dieser Todesfälle natürlichen Ursachen geschuldet, und sicherlich kann man nicht für alle Todesfälle die europäischen Behörden verantwortlich machen. Es ist aber schwierig, diese unglücklichen Menschen nicht zumindest teilweise als Opfer einer fehlenden klaren, umfassenden und humanen Einwanderungspolitik in Europa zu sehen, und einige von ihnen als Opfer einer erschreckenden Abgebrühtheit bei der Anwendung der bestehenden nationalen Politik. Viele, die z. B. auf See ertrunken sind, hätten gerettet werden können, wenn man die hochseeuntauglichen Boote, in denen sie saßen, rechtzeitigaufgegriffen hätte, wie dies das internationale humanitäre Recht vorsieht. Die Verantwortung für ihren Tod muss in vielen Fällen auch von den Staaten übernommen werden, aus denen sie abgefahren sind, wobei diese Staaten striktere Maßnahmen hätten ergreifen müssen, um sie an der Abfahrt zu hindern.
Parallelgesellschaften
Das Wort „Ghetto”, das in der Geschichte die jüdischen Viertel in zahlreichen europäischen Städten meinte, wird heute verwendet, um ein komprimiertes städtisches Viertel zu bezeichnen,in dem ethnische, religiöse, nationale oder andere Gemeinschaften, die gesamtstaatlich gesehen eine Minderheit darstellen, auf lokaler Ebene eine große Mehrheit der örtlichen Bevölkerung bilden.
Diese Konzentrationen sind nicht ausnahmslos oder notwendigerweise ungesund. Historisch betrachtet kommen sie in vielen Gesellschaften vor und waren häufig eine nützliche Phase bei der schrittweisen Integration von Einwanderergruppen in die Gastgesellschaft. Der Begriff „Ghetto” wird jedoch in der Regel in einem negativen Sinn verwendet, wenn ein Stadtteil größtenteils vom Rest der Stadt durch soziale oder wirtschaftliche Ausgrenzung, oder Selbstausgrenzung, getrennt ist. Das typische Ghetto ist ein heruntergekommener Innenstadtbereich mit hoher Arbeitslosenquote und Jugendkriminalität. Alternativ kann dieser Begriff ein Gebiet meinen, dessen Bewohner unter sich bleiben, kaum die Sprache des Landes sprechen und in dem sich Angehörige der „einheimischen“ Bevölkerung, wenn sie überhaupt dorthin kommen, nicht willkommen und sicher fühlen, während in den örtlichen Schulen die Klassen nur aus Kindern von Minderheiten bestehen und den Schulen die Mittel fehlen, um sicherzustellen, dass diese Kinder die Landessprache fließend sprechen und lesen können.
Dies ist in westeuropäischen Städten ein vertrautes Muster geworden. Es trägt signifikant zur Angst vor und der Ablehnung von Migranten und Minderheiten bei, die von vielen Europäern geäußert werden. Die Ablehnung wird des Weiteren von der Überzeugung bestärkt, dass dieseGemeinschaften ihre Isolation selbst gewählt haben und vorsätzlich danach streben, in „Parallelgesellschaften“ zu leben, den Kontakt mit der restlichen Bevölkerung minimieren wollen, während sie gleichzeitig immer mehr Gebiete der Stadt „kolonisieren“, obwohl zumindest in einigen Fällen die Angehörigen der fraglichen Gemeinschaft denken, es sei die Gastgesellschaft, die sie ablehne und isoliere. Tatsächlich sind Ghettos und Parallelgesellschaften zwei klar zu unterscheidende Phänomene, die manchmal, aberbei weitem nicht immer, zusammen auftreten. In vielen Fällen ist das Ghetto nicht monoethnisch, sondern weist eine Reihe von Minderheiten auf, die zusammenleben und sich häufig untereinander nicht verstehen. Ebenso können Parallelgesellschaften manchmal geografisch breit verteilt sein, gemischt mit der Gesamtgemeinschaft existieren, aber der echte soziale Kontakt mit dieser Gesamtgemeinschaft wird auf ein Minimum beschränkt.
Das Entstehen von Parallelgesellschaften hat mehrere gefährliche Folgen. Erstens kann die soziale und wirtschaftliche Entbehrung zu Unruhen führen, die nicht notwendigerweise mit kulturellen oder religiösen Missständen zu tun haben müssen.
Zweitens werden Angehörige der neuen, besser ausgebildeten Mittelschicht, die in einer geschlossenen Gesellschaft innerhalb einer offenen Gesellschaft aufwachsen, immer unzufriedener mit der ausbleibenden sozialen Mobilität und können unter einer Art „kultureller Schizophrenie“ leiden. Angehörige dieser Gruppe neigen zur Radikalisierung.
Drittens gewähren Parallelgesellschaften, aufgrund ihrer geschlossenen Natur, häufig Deckung für kriminelle Handlungen und in einigen Fällen für terroristische Netzwerke. Natürlich trägt diese Isolation zur gegenseitigen Entfremdung zwischender betroffenen Gemeinschaft und der sie umgebenden Gesellschaft bei. Sie ist für eine jedwede sinnvolle Umsetzung des Gedankens eines „Zusammenlebens“ schädlich. Ob sie nun das Ergebnis einer vorsätzlichen „multikulturellen“ Politik ist oder nicht, jede ernsthafte Integrationspolitik muss versuchen, diese Isolation zu überwinden.
Islamistischer Extremismus
Obwohl der Islam seit vielen Jahren in Europa existiert, haben die terroristischen Angriffe vom 11. September in den USA und nachfolgende ähnlich dramatische Angriffe in Europa vor allem in Madrid, März 2004; London, Juli 2005; und eine Serie von Angriffen in Moskau, der letzte im Flughafen Domodedovo im Februar 2011 zur Wahrnehmung geführt, der Terrorismus sei ein Merkmal des Islams als solcher. Es wird sogar manchmal behauptet, „nicht alle Muslime sind Terroristen, aber nahezu alle Terroristen sind Muslime“. Offizielle Statistiken ergeben ein anderes Bild.

Kinderarbeit und COVID-19

Viele fragen sich bei dieser Überschrift, was das eine mit dem anderen zu tun hat.

Ein Einblick auf diese Frage klären die Autoren Evke Freya von Ahlefeldt und Naike Juchem.

Die nun seit über eineinhalb Jahren andauernd Corona Pandemie hat viele Unternehmen und Firmen in eine bedrohliche Lage gebracht, die bis zu Schließungen von großen Unternehmen führte und führt.
Im April 2019 veröffentlichte die Bosten Universität eine Studie, in der von einer weltweiten Arbeitslosensteigerung auszugehen ist. Zur Zeit sind etwa 190 Millionen Menschen ohne Arbeit. Bis 2022 werden es fast 200 Millionen Menschen sein. Am meisten trifft es den afrikanischen Kontinent und dort Länder wie: Südafrika, Lesotho, Gabun, Nigeria und Sudan. Auch Länder wie Armenien, Jordanien oder Nordmazedonien sind betroffen.

Den Autoren sind Postings in den Sozialen Netzwerken bekannt, die im Dezember 2020 massenhaft durchs Netz gingen und die Zahl der ILO (Internationale Arbeitsorganisation mit 300 Millionen verlorene Jobs anprangerte. Diese Behauptungen sind völlig falsch und sinnfrei. Die ILO verwies lediglich auf die verlorene Arbeitsstunden, die sie nur zur Veranschaulichung in Arbeitsplätze umgerechnet hatte.

Durch den Anstieg an Arbeitslosigkeit in den Entwicklungs- und Schwellenländer verstärkt sich auch die Armut der Menschen – folglich müssen die Kinder für den Lebensunterhalt der Familie mit beitragen. Die ohnehin schon ärmsten Länder der Welt haben ein nicht gerade satbiles Sozial- und Schulnetz.
Nach den neusten Berechnungen von UNICEF wird bis Ende 20202 ein Anstieg von weitern 8,9 Millionen Kinder gerecht, die zur Arbeit gezwungen sind.

Zur Zeit sind weltweit 160 Millionen Kinder betroffen, die arbeiten müssen. Zum Vergleich: dies ist die Einwohnerzahl von Deutschland, Frankreich und der Schweiz.

Der neuste UNICEF Bericht weist auf einen signifikanten Anstieg der Zahl der Kinder im Alter von 5 bis 11 Jahren hin, die nun etwas mehr als die Hälfte der weltweiten Gesamtzahl ausmachen. Die Zahl der Kinder im Alter von 5 bis 17 Jahren, die gefährliche Arbeit verrichten – definiert als Arbeit, die ihrer Gesundheit, Sicherheit oder Moral schaden kann – ist seit 2016 um 6,5 Millionen auf 79 Millionen gestiegen. Hier ist zum Beispiel der Kobalt Abbau im Kongo zu nennen. Kobalt ist eines der Grundstoffe für die Herstellung von Akkus.

In Afrika südlich der Sahara haben Bevölkerungswachstum, wiederkehrende Krisen, extreme Armut und unzureichende soziale Schutzmaßnahmen in den letzten vier Jahren zu zusätzlichen 16,6 Millionen Kindern in Kinderarbeit geführt.

Die Armut treibt die Familie dazu, dass ihrer Kinder arbeiten gehen müssen und somit keine Schule besuchen können. Der Analphabetismus steigt seit Jahren an und dies ist eine Trend, der zu immer weiterer Armut führt. Analphabetismus ist die Abhängigkeit von anderen. Wer seine Rechte nicht kennt, kann diese nicht einfordern.

Evke Freya von Ahlefeldt, UNICEF Mitarbeiterin bei ihrem jüngsten Einsatz im August / September 2021 in Mali

„Wir verlieren an Boden im Kampf gegen Kinderarbeit, und das letzte Jahr hat diesen Kampf nicht einfacher gemacht“, sagte UNICEF-Exekutivdirektorin Henrietta Fore. „Jetzt, in einem zweiten Jahr mit weltweiten Schulschließungen, wirtschaftlichen Störungen und schrumpfenden Staatshaushalten, sind Familien gezwungen, herzzerreißende Entscheidungen zu treffen. Wir fordern die Regierungen und die internationalen Entwicklungsbanken auf, Investitionen in Programme zu priorisieren, die Kinder aus dem Arbeitsleben herausholen und wieder in die Schule bringen können, sowie in Sozialschutzprogramme, die Familien helfen können, diese Entscheidung gar nicht erst zu treffen.“

Zahlen aus dem neusten UNICEF / ILO Bricht von Juni 2021

– Auf den Landwirtschaftssektor entfallen 70 Prozent der Kinder in Kinderarbeit (112 Millionen), gefolgt von 20 Prozent im Dienstleistungssektor (31,4 Millionen) und 10 Prozent in der Industrie (16,5 Millionen).

– Fast 28 Prozent der Kinder im Alter von 5 bis 11 Jahren und 35 Prozent der Kinder im Alter von 12 bis 14 Jahren, die Kinderarbeit verrichten, sind nicht in der Schule.

– Kinderarbeit ist bei Jungen in jedem Alter stärker verbreitet als bei Mädchen. Wenn die Hausarbeit, die mindestens 21 Stunden pro Woche verrichtet wird, berücksichtigt wird, verringert sich der Unterschied zwischen den Geschlechtern bei der Kinderarbeit.

– Die Prävalenz von Kinderarbeit in ländlichen Gebieten (14 Prozent) ist fast dreimal so hoch wie in städtischen Gebieten (5 Prozent).

Um den Aufwärtstrend bei der Kinderarbeit umzukehren, fordern die ILO und UNICEF:

– Angemessenen sozialen Schutz für alle, einschließlich eines universellen Kindergeldes.
– Höhere Ausgaben für qualitativ hochwertige Bildung und die Wiedereinschulung aller Kinder – einschließlich der Kinder, die vor COVID-19 nicht zur Schule gingen.

– Förderung von menschenwürdiger Arbeit für Erwachsene, damit Familien nicht darauf angewiesen sind, dass Kinder helfen, das Familieneinkommen zu erwirtschaften. 

– Ein Ende der schädlichen Geschlechternormen und Diskriminierung, die Kinderarbeit beeinflussen.

– Investitionen in Kinderschutzsysteme, landwirtschaftliche Entwicklung, ländliche öffentliche Dienstleistungen, Infrastruktur und Lebensgrundlagen.

Quellen
– ILO Bericht: Child Labor and the Consequences, 2021
– Journal for Human Rights, No 6/2021
– UNICEF Bericht: increase in child labor,  9. Juni 2021

Ich habe meine Kindheit verloren

Autorin Nila Khalil

„Ich habe meine Kindheit verloren“ – Zwangsehe in Afghanistan

„10 Tage vor meiner Abschlussprüfung musste ich heiraten.“                                                

Heute berichte ich über die Geschichte von Somaya aus Afghanistan,  die mit 13 Jahren verkauft wurde, um eine Zwangsehe einzugehen.

„Wir haben dich gekauft und lassen dich nicht in die Schule.“

Somaya, war 13 Jahre alt und beendete gerade die siebte Klasse. „Ich habe meine Kindheit verloren“, so Somaya in einem Gespräch. Das Mädchen bat ihren neuen Ehemann und ihre Schwiegereltern, dass sie zur Schule zurückkehren dürfe, ihre Bitte wurde jedoch abgelehnt. Sie sei nun Ehefrau und hätte schließlich andere Aufgaben.

Alles Reden brachte nichts, so fing Somaya an zu fluchen und zu schlagen. Lies das Essen verbrennen oder versalzte es so, dass es ungenießbar war. Sie machte alles Erdenkliche falsch was sie nur falsch machen konnte, als Zeichen ihres Protestes.
Vor ihrer Ehe hörte sie von einem Frauenhaus und wie sich dort um Hilfe gekümmert wird. Somaya machte sich nach eineinhalb Jahren Ehe auf den Weg zu dem unbekannten Ort. ( Anm. Aus Sicherheitsgründen wird der Ort in dem Artikel nicht erwähnt).

Hoffnung auf ein besseres Leben

In drei Schulen vertraute sie sich Lehrerinnen an, zwei dieser Lehrerinnen konnten ihr genaue Angaben geben. In der letzten Schule wurde nach dem Gespräch sofort Kontakt zu dem Frauenhaus aufgenommen und noch am gleichen Tag wurde Somaya von einer Mitarbeiterin abgeholt und in Sicherheit gebracht.

Am nächsten Tag setzte Samira Ansary, eine Fachanwältin aus dem Team von Nila Khalil, die Scheidung und gleichzeitig eine Strafanzeigen gegen den Vater auf. Nach monatelangen Kämpfen willigte der Ehemann schließlich der Scheidung zu. Somaya lebt jetzt mit ihrer Mutter und ihrem Bruder zusammen. Im Frauenhaus wurde ihr neben Unterricht auch das Nähen beigebracht. Mit Finanzieller Unterstützung von dem Frauenhaus konnte der heute 15 jährigen Somaya und ihrer Familie eine Existenz ermöglicht werden. Nun ist sie stolz auf ihre Arbeit als Näherin.

Das gesetzliche Mindestalter für Eheschließungen in Afghanistan beträgt 16 Jahre. Internationale Menschenrechtsorganisationen definieren jede Ehe mit einem Partner, der jünger als 18 Jahre ist, als Kinderehe. 2017 hat die afghanische Zentralregierung einen Aktionsplan gegen die Kinderheirat auf den Weg gebracht. „Die Öffentliche Arbeit von Menschenrechtlern und wirtschaftlicher Stärkung spielen eine wichtige Rolle bei der Eindämmung der Praxis von Kinderehen.“ Sagte Dr. Sima Samar, Leiterin der unabhängigen afghanischen Menschenrechtskommission (AIHRC) im Gespräch mit der Direktorin des Frauenhauses, Nila Khalil. „Wenn die AIHRC eine Beschwerde über die Eheschließung von Kindern erhält, dann können wir durch Behörden eingreifen“, so Dr. Samar weiter.

Besserung durch positive Öffentlichkeitsarbeit

Untersuchungen zufolge nimmt die Unterstützung der Afghanen für eine vorzeitige Eheschließung ab, selbst in relativ armen ländlichen Gebieten wie zum Beispiel in der Provinz Bamyan, berichtete die Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health im vergangenen Jahr. Die Forscher befragten über 1.000 Mädchen im Alter von 12- bis 15 Jahren und halb so viele Eltern in einigen Provinzen von Afghanistan. „Drei Viertel dieser Jugendlichen waren noch in der Schule und unverheiratet. Und obwohl drei Viertel der Eltern nie eine Schulbildung hatten, waren über 90% der Meinung, dass ihre Kinder die Sekundarschule abschließen sollten. Etwa 40% von ihnen gaben an, dass die Ehe bis nach dem Schulabschluss/ Abitur warten sollte.“ Sagte der leitende Autor der Studie, Dr. Robert Blum, im Gespräch. „Einstellungswandel bedeutet an und für sich keine Verhaltensänderung. Dies ist wirklich eine grundlegende Veränderung für ein Land mit einer neuen Generation.“ So Blum weiter.

Im Interview mit der leitenden Direktorin des Frauenhauses im Dezember 2019 erzählt Somaya ihre Geschichte:

„Ich heiße Somaya und mein Vater heißt Aminallah. Ich war in der siebten Klasse und 10 Tage vor meiner Abschlussprüfung musste ich heiraten. Meine Schwiegereltern ließen mich nicht zur Schule gehen. Ich bestand darauf, dass ich zur Schule gehen wollte. Aber meine Schwiegereltern sagten: „Wenn du zur Schule gehen würdest, wer würde die Hausarbeit erledigen?“ Sie sagten mir: „Wir haben dich gekauft und lassen dich nicht in die Schule.“ Immer wenn ich sagte, ich möchte zur Schule gehen, schlugen mich meine Schwiegereltern und mein Ehemann und sagten mir: „Du kannst nicht zur Schule gehen.“ Mein Mann war jung und unreif und seine Eltern ermutigten ihn, mich zu schlagen, erniedrigen und beleidigen. Ich habe mich nie bei meinem Vater oder bei irgendjemandem beschwert. Ich habe damit gelebt. Meine Schwiegereltern sind Analphabeten. In einem kleinen, schäbigen Haus lebten sie mit 15 Menschen. Meine Schwiegereltern zahlten meiner Familie 250.000 Afghani (circa 2900€) als Mitgift.
Aber im Gegenzug, Allah als mein Zeuge, gab mein Vater fast 300.000 Afghani für Gegenstände für ihre Wohnung aus. Er kaufte mir Goldschmuck, Bettwäsche und Kleidung. Meine Schwiegereltern traten und schlugen mich, aber sie peitschten mich nie, denn das hätte Spuren auf meinem Körper hinterlassen. Sie schlugen und beschimpften mich bei jedem Fehler den ich machte. Ich habe meine Kindheit verloren. Ich habe die Schule geliebt und bin sehr gerne zur Schule gegangen. Aber sie ließen mich nicht, so suchte ich Hilfe. Ich hörte von einem Haus in dem es Frauen gut geht. Ich sollte auf den Markt Lebensmittel kaufen gehen und hatte Geld für eine Busfahrkarte, so lief ich weg. Sechs Monate später kam mein Vater ins Gefängnis, er wurde zu zwei Jahren Haft verurteilt. Meine Schwiegereltern und Mann wurden im Sommer diesen Jahres zu einer Strafe von 500.000 Afgani verurteilt und aufgefordert meine Mitgift auszuliefern. Ich bin jetzt geschieden. Mein Mann und meine Schwiegereltern leben ihr Leben, und ich lebe mein Leben. Ich nähe Kleidung mit meiner Mutter. Wir sind jetzt die Ernährer. Mein Vater hat nie gearbeitet. Mein Leben ist besser, besonders jetzt, wo mein Vater nicht hier ist. Ich hatte in der Vergangenheit viele Probleme, nun wird es aber immer besser. Wir bezahlen unsere Ausgaben mit dem Geld, das wir durch Nähen verdienen. Für jedes Kleid bekommen wir zwischen 1500 und 3000 Afghani ( 17 – 35 €.). Unsere Straße hat fünf bis sechs Schneider, aber weil wir arm sind und nicht viel verlangen, haben wir viele Kunden. Im Moment habe ich nicht entschieden, ob ich wieder zur Schule gehen soll. Lehrerinnen von Afghan Network kommen am Nachmittag vorbei und machen mit mir Unterricht. So lerne ich trotz der Arbeit auch noch für die Schule.“

Nila Khalil, Vorsitzende von Afghan Women’s Network und Mitglieder der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen in Genf.
Den Haag, 7. Januar 2020

Die vergessen Kinder

Autoren Evke Freya von Ahlefeldt und Naike Juchem

Die vergessenen Kinder

Libanon

Der Libanon ist ein Staat in Vorderasien am Mittelmeer. Er grenzt im Norden und Osten an Syrien und im Süden entlang der Blauen Linie an Israel. Im Westen wird er vom Mittelmeer begrenzt.
Also in mitten des Pulverfass von Israel und der nun seit 9 Jahren anhaltenden Krieg in Syrien. 

Seit dem ersten Libanonkrieg von 1982 wurde dieses Land immer wieder von schweren und blutigen Konflikte heimgesucht.
Zwar ist der Libanon mit dem Wiederaufbau begriffen, aber Terror und bewaffnete Konflikte zerstört zu oft die Pläne und dringend benötige Schutzmaßnahmen der Bevölkerung. Das Wohl der Kinder wird bei diesen geopolitischen Gegebenheiten weitgehendst unterlaufen, obwohl es langsam besser wird. Libanon hat bis zu einem Idealzustand, d.h. bis zum kompletten Schutz der Kinderrechte, noch einen sehr weiten Weg vor sich.

Ein paae Punkte sollen nun die dramatische Lage der Kinder aufzeigen.

• Die Armut

Schätzungen zufolge sind mehr als 55 Prozent der Bevölkerung des Landes in Armut gefangen und kämpfen um das Nötigste, das heißt, fast doppelt so viel wie im Jahr 2019 (28 Prozent)“, steht  es in einem Papier der Wirtschafts- und Sozialkommission für Westasien (Economic and Social Commission for Western Asia, ESCWA) vom 20. August 2020.

Der Anteil der in extremer Armut lebenden Menschen verdreifachte sich demnach von acht Prozent im vergangenen Jahr auf aktuell 23 Prozent. Insgesamt leben laut ESCWA derzeit 2,7 Millionen Menschen unterhalb der oberen Armutsgrenze. Sie müssen mit we­niger als 11,80 Euro pro Tag auskommen.
Die Staatsverschuldung beträgt rund 170 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Rund die Hälfte der Staatsausgaben ging 2019 in den Schuldendienst. Das Land hat mit Devisenengpässen zu kämpfen, einige Banken stehen kurz vor dem Zusammenbruch.

Als signifikant bezeichnet die UN-Kommission die Erosion der Mittelschicht, die im Ver­lauf des vergangenen Jahres von einem 57-Prozent-Anteil auf unter 40 Prozent sank. Der Anteil der Reichen in der libanesischen Bevölkerung sank von 15 Prozent (2019) auf fünf Prozent im Jahr 2020.

Diese Armut nimmt den Kindern ihre Chance auf einen Schulbesuch und hindert sie daran aus der Spital des Analphabetismus heraus zu kommen. Durch eben jene Armut sind die Kinder gezwungen zu arbeiten, bevor sie das gesetzliche Alter dafür erreicht haben.

• Recht auf Bildung

Ungefähr 10% der Kinder im Libanon gehen nicht zur Schule. Für andere lässt die Qualität der Bildung und der Schulgebäude sehr zu wünschen übrig, trotz der Bemühungen, die das Land zuletzt unternommen hat. Daher gibt es eine bedeutende Kluft zwischen Schulbesuch und Beschäftigung: Viele junge Leute mit Schulabschluss sind ohne Arbeit und haben keinen Zugang zu einer fachlichen Berufsausbildung. Die Wirtschaft liegt in Folge der bewaffneten Konflikte und Kriege seit Jahren am Boden.

Die bewaffneten Konflikte der letzten Jahre haben zudem zur Zerstörung zahlreicher Schulen geführt und bedeuteten einen enormen Rückschritt für die Qualität der Bildung.

• Kinderarbeit

Auch wenn die Situation im Libanon nicht die schlimmste in der Region sein mag, so sind doch 7% der Kinder immer noch gezwungen zu arbeiten, um ihre Familien zu unterstützen. Viele Jungen und junge Männer arbeiten in der Landwirtschaft, in der Metallverarbeitung oder in Fabriken. Die Arbeitsbedingungen sind hart und unmenschlich und Kinder arbeiten sich für ein dürftiges Gehalt zu Tode.
Der Libanon hat zwar die ILO (Internationale Arbeitsorganisation) Konvention Nummer 182 zur Kinderarbeit unterschrieben, verfügt aber nicht über ausreichende Mittel um die Klauseln gesetzlich durchzusetzen.

ILO-Konvention 182: Beseitigung der schlimmsten Formen der Kinderarbeit

Das Übereinkommen über das Verbot und unverzügliche Maßnahmen zur Beseitigung der schlimmsten Formen der Kinderarbeit wurde von den Vereinten Nationen 1999 beschlossen. Im Februar 2013 hatten 174 Staaten die Konvention Nummer 182 ratifiziert. Diese definiert verbindlich, was die sogenannten schlimmsten Formen der Kinderarbeit (worst forms of child labour) sind. Dies geschieht in Abgrenzung zu den in Konvention Nr. 138 beschriebenen Rahmenbedingungen, in denen Kinder und Jugendliche arbeiten können.

Die ILO definiert die schlimmsten Formen der Kinderarbeit wie folgt:
– Alle Formen von Sklaverei und sklaverei-ähnlichen, ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen. Dazu gehören auch Kinderhandel und der Einsatz von zwangsrekrutierten Kindersoldaten

– Das Anbieten und das Inanspruchnehmen von Kinderprostitution sowie die Produktion von Kinderpornografie

– Die Verwendung oder das Anbieten von Kindern für illegale Aktivitäten, wie Beispielsweise Drogenanbau, -verarbeitung und -schmuggel.

– Arbeit, die durch ihr Wesen oder die Umstände die mentale und physische Gesundheit der Kinder aufs Spiel setzt

In der Konvention wird festgelegt, dass die unterzeichnenden Staaten alles tun sollen, um diese Formen von Kinderarbeit effektiv und nachhaltig zu bekämpfen. Dazu verpflichten sie sich beispielsweise, nationale Institutionen aufzubauen oder zu stärken, die Gesetzgebung anzupassen und die internationale Zusammenarbeit zu intensivieren.

• Recht auf Wasser

Durch die immer wieder geführten Konflikte und Kriege
habeb viele Dörfer keinen Zugang zu Trinkwasser. Viele Hilfsorganisationen haben Mittel zur Verfügung gestellt, um den Zugang zu Wasser wiederherzustellen, aber für manche Kinder in den am meisten entlegenen Dörfern ist der Zugang zu Trinkwasser immer noch nicht garantiert.

In den vergangenen Jahren hat es in dem Land kaum geregnet. Fielen in früheren Jahrzehnten jährlich durchschnittlich mehr als 800 Millimeter Niederschlag, waren es im Jahr  2013 nur noch 400 Millimeter. Das war die geringste Menge seit 60 Jahren.

Dabei ist der Libanon im Grunde nicht von Wasserknappheit bedroht. Jährlich gehen in dem Land um die 8,6 Milliarden Kubikmeter Regen nieder. Die übliche Nachfrage liegt bei 1,47 Milliarden bis 1,53 Milliarden Kubikmetern, wie aus einem Bericht des Issam-Fares-Instituts (IFI) der Amerikanischen Universität in Beirut über die Auswirkungen von Bevölkerungswachstum und Klimawandel auf die Wasservorräte, Landwirtschaft und Ernährungssicherheit hervorgeht.

Laut Nadim Farajalla, wissenschaftlicher Leiter des IFI-Programms für Klimawandel und Umwelt in der arabischen Welt, ist der Libanon jedoch nicht in der Lage, Wasser effizient zu speichern. Die Verschmutzung und übermäßige Verwendung in der Landwirtschaft und in Privathaushalten habe den Druck auf die Ressource weiter verschärft.

Der Libanon sei immer „ein sehr nasses Land“ gewesen, erklärt Bruno Minjauw, Interimsvertreter der Weltagrarorganisation FAO im Libanon. Deshalb habe man sich lange nicht um mögliche Probleme im Zusammenhang mit Wasser gekümmert. Die geringen Niederschlagsmengen führt Minjauw eindeutig auf den Klimawandel zurück. „Seit Jahren treten Dürren oder regenarme Jahreszeiten immer häufiger auf. Deshalb ist es an der Zeit, mit Wasser nachhaltiger umzugehen.“

Auch das Trinkwasser, welches von öffentlicher Seite zur Verfügung gestellt wird, ist seit Jahren nicht ausreichend. Die Menschen müssen deshalb gegen Bezahlung auf private Anbieter zurückgreifen. Diese Bedingungen sind nicht günstig für Kinder, die Kompromisse eingehen müssen, wenn sie Zugang zu Wasser haben wollen: Entweder arbeiten, um dabei zu helfen, private Anbieter zu bezahlen oder Kosten in anderen Bereichen zu reduzieren. Es wird dann als erstes bei der Nahrung, Hygiene oder Freizeit gespart.

• Kinderehen

Zwangsehen mit minderjährigen Mädchen ist in der muslimischen Welt keine Seltenheit und somit auch im Libanon ein Normalzustand.
Zwischen 2000 und 2009 gaben mehr als 10% der jungen libanesischen Frauen an, dass sie vor ihrem 18. Lebensjahr verheiratet wurden. Mädchen haben kein Mitspracherecht bei der Wahl ihres Ehemanns.
Hier greift nun wieder die Armut in das Schicksal von geschätzten 650 Millionen Kinderehen. Auch wenn muslimische Regierungen immer wieder auf ein Mindestalter der Mädchen einer Heirat von 16 Jahren plädieren, ist es keine Seltenheit, dass Mädchen bereits mit 10 Jahren verheiratet werden.
Die Mädchen buchstäblich an einen Mann verkauft. Der Preis ist entweder in Vieh (Hammel, Ziegen ectr.), landwirtschaftlichen Flächen oder Bargeld verhandelt worden.

• Opfer der Konflikte

Im Libanon zeigen seit Jahren die Menschen ihren Unmut gegenüber den Regierungen und tun dies gegenüber dem neuen Regime immer noch. Bestes Beispiel war der Unfall am 17. August im Hafen von Beirut, bei dem nach UNICEF Angaben 80.000 Kinder obdachlos wurden.

Die Kinder sind die leidtragenden bei diesen Unruhen und Gewalt auf den Straßen. Viele Schulen schließen mussten oder wurden zerstört. Hinzu kommt der sehr schwachen Schutz und Sicherheit der Kinder.

Die Konflikte, die seit Jahren im Libanon herrschen, haben viele Familien auseinander gerissen.
Manche Kinder sind ganz auf sich allein gestellt, weil die Eltern oder Verwandten in Beirut, Tripolis, Sidon oder anderen Ballungsgebieten des Landes arbeiten.
Auch im Libanon gibt es immer wieder Terroranschläge von radikal islamistisch fundamentalen Gruppen.
Kinder sind all zu oft Opfer dieser sinnlosen Anschläge.

• Flüchtlingskinder

Die geographische Lage Libanons führt dazu, dass viele irakische, syrische und palästinensische Flüchtlingsfamilien ins Land kommen. Jedoch hat der Libanon die Genfer Flüchtlingskonvention der UN nicht ratifiziert und demnach sind die Rechte von Kindern in diesen Situationen nicht gut, bis gar nicht,  geschützt. Die Mehrheit der Kinder leben in extremer Armut.

Oft werden Flüchtlingskinder von Libanesen beschäftigt, wo sie unter miserablen Bedingungen und für beschämend wenig Geld arbeiten müssen.
Diese Kinder können aufgrund der Konflikte und Kriege, die sie in ihren Heimatländern erlebt haben, auch unter gravierenden psychologischen Problemen leiden und der Libanon hat keine Ressourcen, um ihre Traumata zu behandeln.

In Flüchtlingscamps sind Kinder oft vielfältigen Gefahren ausgesetzt, da ihre Rechte nicht geschützt werden. Selbst wenn eine Schule vorhanden ist, besuchen viele diese nicht. Häusliche Gewalt ist ebenfalls verbreitet und Kinder greifen oft zu Drogen, um sich besser zu fühlen.

Die Gesundheitsversorgung ist darüber hinaus in diesen Camps minimal. Es gibt viele Hilfsorganisationen,  die dem libanesischen medizinischen Personal helfen, jedoch reicht dies bei weitem nicht. Kranke Kinder erhalten wenig oder keine Versorgung und es gibt einen katastrophalen Mangel an Hygiene.

• Diskriminierung von Mädchen

Durch viele islamische Gesetze werden Frauen im Libanon noch immer diskriminiert. Sowohl Frauen als auch Mädchen haben einen anderen Status als Männer.
Die libanesische Regierung arbeitet zwar daran, die eine oder andere Schutzmaßnahme für Frauen zu etablieren und Mädchen einige Rechte zu gewähren, da jedoch kein Gesetz in die Praxis umgesetzt wurde, hält die Diskriminierung an.

Ein Beispiel soll das abstruse Denken des völlig kruden Weltbilds  der „Gelehrten“  zeigen.

☆ Laut gesetzlichen Regelungen kann nur der Vater seine libanesische Nationalität an seine Kinder weitergeben, die Mutter nicht.

Covid-19

Auch der Libanon ist von Sars-CoV-2 betroffen und viele Hilfsorganisationen sehen gerade in den völlig überfüllten Flüchtigslager eine Pulverfass.
Zwei Millionen Menschen leben unter oft erbärmlichen Zustände. Der Mangel an Nahrungsmittel und der desolate Zustand von Hygiene, ließen die Todesopfer an Sars-CoV-2 erkrankten Menschen von 279 am 8. August sprunghaft auf 911 bis zum 23. November ansteigen.

Autoren: Evke Freya von Ahlefeldt und Naike Juchem.
24. November 2020

Quellen:
– Economic and Social Commission for Western Asia, ESCWA)
– Issam-Fares-Instituts
– UNICEF Paris
– UNHCR

Kindersoldaten als Akteure der neuen Kriege

Kindersoldaten als Akteure der neuen Kriege

Autorin Naike Juchem

Eines vorweg, für den Begriff „Kindersoldaten“ gibt es keine international verbindliche Definition. In Artikel 38 der UN Kinderrechtskonvention ist zwar die Altersgrenze von 18 Jahren für die Rekrutierung in Streitkräfte oder bewaffnete Gruppen festgeschrieben, aber eine Einhaltung jener Resolution gibt es nicht – selbst in Deutschland. Dazu später mehr.

Die UNICEF oder amnesty international, bezeichnen als Kindersoldaten: alle Kämpfer und deren Helfer, die unter 18 Jahre alt sind. Die Cape Towns Principles von 1997 schließen in ihre Definition nicht nur minderjährige Kämpfer, sondern auch Träger, Köche, Informanten und Sexsklavinnen mit ein.

Als internationales Schutzabkommen zur Verhinderung der Rekrutierung von Minderjährigen trat im Jahr 2002 das UN-Fakultativprotokoll über Kinder in bewaffneten Konflikten als Ergänzung zur UN- Kinderrechtskonvention in Kraft. Von Deutschland wurde es im Jahr 2004 mit einer Klausel zur freiwilligen Aufnahme von 17jährigen ratifiziert. Die Rekrutierung von Minderjährigen unter 15 Jahren gilt nach dem Römisches-Statut  vom 17. Juli 1998  nach dem IStGH ( Internationaler Strafgerichrtshof) in Den Haag als Kriegsverbrechen.

PRÄAMBEL von A/CONF.183/9

Die Vertragsstaaten dieses Statuts –
im Bewusstsein, dass alle Völker durch gemeinsame Bande verbunden sind und ihre Kulturen ein gemeinsames Erbe bilden, und besorgt darüber, dass dieses
zerbrechliche Mosaik jederzeit zerstört werden kann, eingedenk dessen, dass in diesem Jahrhundert Millionen von Kindern, Frauen und Männern Opfer unvorstellbarer Gräueltaten geworden sind, die das Gewissen der Menschheit zutiefst er-
schüttern, in der Erkenntnis, dass solche schweren Verbrechen den Frieden, die Sicherheit und das Wohl der Welt bedrohen, bekräftigend, dass die schwersten Verbrechen, welche die internationale Gemeinschaft als Ganzes berühren, nicht unbestraft bleiben dürfen und dass ihre wirksame Verfolgung durch Maßnahmen auf einzelstaatlicher Ebene und durch verstärkte internationale Zusammenarbeit gewährleistet werden muss, entschlossen, der Straflosigkeit der Täter ein Ende zu setzen und so
zur Verhütung solcher Verbrechen beizutragen, daran erinnernd, dass es die Pflicht eines jeden Staates ist, seine Strafgerichtsbarkeit über die für internationale Verbrechen Verantwortlichen auszuüben,
in Bekräftigung der Ziele und Grundsätze der Charta der Vereinten Nationen und insbesondere des Grundsatzes, dass alle Staaten jede gegen die territoriale Unversehrtheit oder die politische Unabhängigkeit eines Staates gerichtete oder sonst mit den Zielen der UN unvereinbare Androhung oder Anwendung von Gewalt zu unterlassen haben, in diesem Zusammenhang nachdrücklich darauf hinweisend, dass dieses Statut nicht so auszulegen ist, als ermächtige es einen Vertragsstaat, in einen bewaffneten Konflikt oder in die inneren Angelegenheiten eines Staates einzugreifen…


Soweit das Präambel der 38-seitigen Resolution.

Ein altes Phänomen in neuen Kriegen

Kindersoldaten ist kein neues Phänomen diese gab es scho im Dreißigjährigen Krieg, im Mittelalter und im Zweiten Weltkrieg. Erst seit Anfang 1990 werden diese Misshandlungen an Kinder durch Hilfsorganisationen oder Journalisten hin und wieder öffentlich gemacht.
Im 21. Jahrhundert gibt es mindestens 16 Länder in denen Kindersoldaten im täglichen Einsatz sind.
Nach UNICEF Angaben gibt es allein im Südsudan ungefähr 10.000 und der Zentralafrikanischen Republik 17.000 Kindersoldaten, die zwangsrekrutier sind.
Auch in Kolumbien, Mexiko, Uganda, Nigeria, Sudan, Burkina Fasso, Irak und Syrien, Burma oder Afghanistan
Kinder greifen nicht freiwillig zu einer Waffe – sie werden gezwungen.

Im Jahr 2015 missbrauchte die Terrorgruppe Boko Haram in Nigeria laut den Vereinten Nationen 21 Mädchen als Selbstmordattentäterinnen. Die VN gehen weiterhin davon aus, dass Boko Haram in Nigeria und den angrenzenden Staaten allein im Jahr 2016 rund 2.000 Kindersoldaten zwangsrekrutiert hat.
Die UN haben auch im Jemen, nach der Eskalation des Konfliktes ab März 2015, einen starken Anstieg der Rekrutierung von Kindersoldaten festgestellt und mindestens 1.500 Fälle dokumentiert.

Darüber hinaus ist bekannt, dass Rebellengruppen, wie die Lord Resistance Army in der Zentralafrikanischen Republik und der Demokratischen Republik Kongo, sowie Terrormilizen, wie Al-Shabaab in Somalia zahlreiche Kindersoldaten für ihre Zwecke missbrauchen.

Die Gründe einer Rekrutierung

Die Armut wird auf der Welt immer größer und folglich steigt der Analphabetismus. Ohne Bildung und Hunger sind Menschen – insbesondere Kinder sehr leicht zu führen und manipulieren. Milizen, Armee und Terrorgruppen verfügen über Geld, Macht und Lebensmittel. Dies eben durch ihre Gewalt am eigenen Volk oder Ethnischen Minderheiten.

Kindersoldaten werden gezwungen zu töten und zu plündern. Sie werden an die Front geschickt und durch Minenfelder getrieben. Mehr als eine Viertel Million Kinder und Jugendliche werden weltweit als Soldaten missbraucht – sowohl von regulären Armeen wie auch von Rebellengruppen. Darunter sind je nach Konflikt und Land auch fünf bis 20 Prozent Mädchen.

Kinder sind in vielen bewaffneten Kriegsparteien fester Bestandteil der militärischen Infrastruktur. Ihr Alltag ist geprägt durch Gewalt, ihre Erziehung basiert auf bedingungslosem Gehorsam. Kinder sind einfacher zu manipulieren und gehorsamer als Erwachsene.

Diese Kinder werden entführt oder mit falschen Versprechungen und einem geringen Sold gelockt und militärisch gedrillt. Oft werden sie durch Misshandlungen, Drogen oder Geld gefügig gemacht. Mädchen und Jungen werden häufig sexuell missbraucht. Die langfristigen Folgen der Psyche sind katastrophal: Sie werden zu absolutem Gehorsam gezwungen, das Selbstbewusstsein schwindet, sie stumpfen gegenüber Grausamkeiten ab, werden traumatisiert und seelisch schwer verletzt.

Was wird gegen den Einsatz von Kindersoldaten unternommen?

In New-York fand vom 8. bis 10. Mai 2002 eine Sonderkommission der
UNO-Generalversammlung zur Lage der Kinder statt. Dabei sollte überprüft werden, ob die beim Weltkindergipfel im Jahr 1990 gesteckten Ziele erreicht worden sind, und wie die Lebensbedingungen für Minderjährige in den nächsten zehn Jahren weiter verbessert werden können. Zum Abschluss der Sondersession wurde ein 21 Punkte umfassendes Dokument mit konkreten Zielen zur Verbesserung der Lage der Kinder und Jugendlichen verabschiedet.

Die UNO-Hochkommissarin für Menschenrechte, Mary Robinson, forderte die internationale Gemeinschaft auf, das Zusatzprotokoll nicht nur zu ratifizieren, sondern sich auch aktiv für die Eindämmung dieses Missstandes einzusetzen. Bis bis heute habe lediglich 105 Staaten das Protokoll ratifiziert – die USA gehören nicht dazu.


Verstoß gegen das Völkerrecht

Das humanitäre Völkerrecht ächtet grundsätzlich den Einsatz von Kindersoldaten. In den Zusatzprotokollen I und II der Genfer Konventionen von 1977 wurde festgelegt, dass keine Kinder unter 15 Jahren für den Armeedienst rekrutiert oder bei Kampfhandlungen eingesetzt werden dürfen. Für Minderjährige zwischen 15 und 18 Jahren gelten dagegen Einschränkungen. So sollen zunächst nur die Ältesten zum Militärdienst eingezogen werden.

Die Internationale Arbeitsorganisation der UN definiert mit der Konvention Nummer 182 von 1999 die Zwangsrekrutierung von Kindersoldaten zum Einsatz in bewaffneten Konflikten als eine der schlimmsten Formen von Kinderarbeit.

Das Fakultativprotokoll zur UN-Kinderrechtskonvention über die Rechte von Kindern und ihrer Beteiligung an bewaffneten Konflikten versucht ebenfalls, Kinder zu schützen. So wird die Beteiligung von Minderjährigen (unter 18 Jahren) an Kampfhandlungen und die erzwungene Rekrutierung von Minderjährigen zum Militärdienst untersagt. Das fakultative Kindersoldaten-Protokoll wurde im Jahr 2000 vereinbart und trat im Februar 2002 in Kraft. Das Protokoll wurde bis Ende 2016 von 166 Staaten unterzeichnet. Die Bundesrepublik Deutschland hat es am 13. Dezember 2004 ratifiziert.


Red Hand Day – eine ständige Erinnerung

Der sogenannte Red Hand Day (zu Deutsch: „Tag der roten Hand“) am 12. Februar ist der jährliche Internationale Tag gegen den Einsatz von Kindersoldaten. Dieser Tag erinnert an das Fakultativprotokoll über die Beteiligung von Kindern an bewaffneten Konflikten, das am 12. Februar 2002 in Kraft trat.


Kindersoldaten in Deutschland

In Deutschland werden jedes Jahr unter 18-jährige Jungen und Mädchen für die Bundeswehr rekrutiert, im Jahr 2018 waren es insgesamt 1.679. Somit verstößt Deutschland gegen eine Resolution die es selbst 2004 unterzeichnet hat.


Naike Juchem, 11. Juni 2021


Quellen:
– bmvg.de
– IStGH Statut A/CONF.183/9
– terres des homes
– UNICEF
– UNTC (United Nations Treaty Collection)

Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren

Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.

Autorin Naike Juchem

Toller Satz! Schön das dieser Satz bei der UN Generalversammlung am 10. Dezember 1948 beschlossen wurde. Blöd nur, dass die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte kein völkerrechtlicher Vertrag ist, der verbindlich ist. So kann der Artikel 1 aus den AEMR auch auslegen wie man möchte! Vielmehr handelt es sich um eine Resolution.
Schon die Präambel erklärt grundsätzlich die Absicht: Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt. Von nur diesen drei Punkten sind wir heute um Lichtjahre entfernt!

Um mal etwas weiter auszuholen und zu schreiben, wie krank so manches Denken einiger Mitbewohner aus diesem Planeten ist, schreibe ich über die OIC, Organisation der Islamischen Konferenz.
1990 beschloss die OIC ihre Menschenrechte, die inhaltlich erheblich von der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte abweicht! Sie garantiert z.B. keine Gleichberechtigung von Männern und Frauen oder auch kein Recht auf freie Wahl der Religion oder des Ehepartners. Weiter stellt sie alle dargestellten Rechte unter den Vorbehalt der islamischen Scharia. In Anbetracht von 700 Millionen Zwangsverheiratete Frauen UND Kinder, ist der Homo sapiens in seiner Entwicklung anscheint zurück gegangen.

Kambodscha erlebte nach dem Genozid der Roten Khmer einen Alptraum an Krankheiten, Kindersterben, Mangelernährung, Hepatitis-E, bitterste Armut und einer astronomischen Zahl an Analphabetismus. Die Resultierte aus dem Genozid der Roten Khmer 1979 an geschätzten 2,5 Millionen Kambodschaner verübte.
13 Jahre brauchte es, bis die UN mit ihrer Resolution 745 endlich anfing etwas in diesem Land zu helfen! Von ursprünglich geplanten 500 Millionen Dollar, wurde es dreimal so viel. Geld wurde verbrannt für ….. eigentlich Schwachsinn.

Seit Jahren erleben wir immer mehr Rassismus in Deutschland und Europa. Die BILD titelt ja fast täglich über die Islamisierung von Deutschland. Die AfD und andere Gefolgsleute nehmen diese Schlagwörter auf und spalten unser Land mehr, als es dies durch die Mauer war.

In den Nachbarländer hält der Zustrom zu “Patrioten“ an. Artikel 1 der Menschenrechte? Weit am Ziel vorbei. Wohin uns Nationalstolz gebracht hat, kann jeder in den Geschichtsbücher nachlesen! Natürlich bin ich auch stolz auf mein Land, auf unser Grundgesetz und auf unsere Infrastruktur.
Das ich in Deutschland geboren bin, war reiner Zufall! Dieser jedem gegebene Zufall steht nun wohl für eine Berechtigung, dass man Menschen im Mittelmeer ertrinken lässt. Dieser Zufall steht wohl für eine Berechtigung, dass man Menschen nach der Hautfarbe, Herkunft und Religion nicht in “seinem“ Land haben möchte.

Mein Land, dein Land, unser Land. Der Mensch hat in grauer Vorzeit angefangen Grenzen zu ziehen, erst um sein Revier, dann begann es so etwas 3000 vor Chr. mit den Territorialen Grenzen. Diese Grenzen haben sich in den letzten paar tausend Jahren immer mal verschoben, verändert oder wurden sogar mit dem Lineal gezogen. Leider oft mit Waffengewalt. Dies war 3000 vor Chr. schon so und ist es heute immer noch.
Bei all diesem Irrsinn wird Artikel 1 der Menschenrechte außer acht gelassen. Mit Panikmache konnte man in grauer Vorzeit schon Menschen mobilisieren. Heute wird in die gleiche Kerbe geschlagen wie schon vor tausenden Jahren.

Die Welt verändert sich, dies ist FAKT!
Die agronomischen Flächen auf der Welt werden größer, der Klimawandel ist seit Tagen 24 Stunden auf Dauerschleife zu sehen und zu hören. Der Planet Erde hat sich schon IMMER gewandelt, nur in den letzten Jahren doch erheblich schneller und nicht gerade zum Vorteil der Lebewesen – Homo sapiens eingeschlossen.
Von Christi Geburt an, lebten ungefähr 350 Millionen Menschen auf der Welt, dass sind die heutigen Einwohner der USA und stieg auf 600 Millionen, in einem Zeitraum von 1600 Jahre an. Erst mit der Entdeckung des Erdöls also ums Jahr 1804 lebten erstmals mehr als 1 Milliarde Menschen auf unserem Planeten. In nur 200 Jahren sind es von 1 auf 7 Milliarden, Ende Oktober oder Anfang November 2011 wurde der 7 Milliardste Mensch geboren. Jetzt sind wir bei 7,7 Milliarden.

Die alten G7 Staaten haben in den letzten Jahren 40% aller Ressourcen verbraucht. Bei einer Einwohnerzahl von 750 Millionen! Nun kommen die Chinesen mit mehr als einer Milliarde Menschen daher. Auch sie wollen unseren Lebensstiel und Qualität haben, also brauchen diese auch 40% der Ressourcen. Auch der Inder mit seinen über 1 Milliarde Einwohner braucht bald die erwähnten 40%. Nun kann sich auch jeder ausrechnen dass drei mal 40% etwas mehr als 100% sind. Dem Aufmerksamen Leser ist bestimmt aufgefallen das ich Afrika, Südamerika und Asien nicht erwähnt habe.

Es wird Panik gemacht über ein paar Flüchtlinge die nach Deutschland / Europa kommen. Die nächste Generation wird es etwas schwere haben, so ohne Erdöl und mit Trinkwasser und Lebensmittelknappheit und dem ganzen Klimagedöhns. Was wir jetzt als Katastrophe sehen, mit Überschwemmungen, Dürrezeiten – auch in Deutschland und dem anstieg des Meerespeilgels. Dieser wurde 1996 in Osttimor schon festgestellt. Also nichts neues. Gehandelt wurde damals schon nicht.

Nun will ich zum Schluss kommen und möchte die Worte von Charlie Chaplin zitieren: „….. Ich möchte weder herrschen, noch irgend wen erobern, sondern jedem Menschen helfen, wo immer ich kann. Den Juden, den Heiden, den Farbigen, den Weißen. Jeder Mensch sollte dem anderen helfen, nur so verbessern wir die Welt. Wir sollten am Glück des andern teilhaben und nicht einander verabscheuen. Hass und Verachtung bringen uns niemals näher. Auf dieser Welt ist Platz genug für jeden…“

Autorin: Naike Juchem, 15. Mai 2016