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Minen

Minen

Autoren Naike Juchem und Nila Khalil

2018 sind in Afghanistan 1.415 Menschen durch Minen und explosive Kriegsreste getötet oder verletzt worden, wie der United Nations Mine Action Service (UNMAS) berichtete. Die Zahl der Opfer von Landminen und anderen Sprengstoffen in Afghanistan stieg laut dem Minenräumdienst der Vereinten Nationen in den vergangenen Jahren deutlich an, seit 2012 habe diese sich mehr als verdreifacht. 2017 seien pro Monat mehr als 150 Menschen durch Minen oder andere nicht explodierte Munitionsrückstände verletzt oder getötet worden. 2012 seien es noch 36 Tote und Verletzte je Monat gewesen. Insbesondere Kinder sind gefährdet, acht von zehn Opfern seien Kinder.

Seit 1989 wurden der UNMAS zufolge in Afghanistan mehr als 730.000 Antipersonenminen und 30.145 Anti-Tank-Minen geräumt.
Trotz dieser immens hohen Zahl an beseitigten Landminen liegen in keinem Land der Erde so viele Minen wie in Afghanistan.
Mehr als 5000 kartierte Flächen sind bekannt und jeder Schritt in diesen Gebieten ist Lebensgefährlich. Durch Erderosionen bei Starkregen oder Schneeschmelze werden all zu oft auch Minen mit in Täler oder Flächen gespült, die vorher Minenfrei waren oder dort Minen bereits entfernt wurden.

Was sind Minen?Antipersonenminen und Antifahrzeugminen

Landminen – Antipersonenminen und Antifahrzeugminen – sind geduldige und heimtückische Waffen: Sie sind oft mit dem bloßen Auge nicht sichtbar und lösen aus, wenn Erwachsene oder Kinder mit ihnen unabsichtlich in Kontakt kommen. Die geschieht häufig auch noch Jahrzehnte, nachdem sie verlegt worden sind. Betroffene werden getötet oder langfristig und schwer verletzt.

Über 600 verschiedene Minentypen sollen weltweit existieren.
Nachweislich wurden vor dem Verbot von Antipersonenminen in 54 Ländern produziert. Deutschland, Österreich, Frankreich, Belgien gehörten zu jenen Produktionsstätten.
Durch die Ottawa-Konvention wurde in den angeführten europäischen Ländern die Produktion von Antipersonenminen eingestellt, was aber nicht heißt das Rheinmetall, EADS oder auch Diehl bzw. deren Tochterfirmen in Ländern wie Myanmar, Pakistan, Russland, die USA und China weiter produzieren. Man gab dieser unmenschlichen Waffen einen neuen Namen: Antifahrzeugminen

Die Zahl der Produzenten erhöht sich signifikant, wenn man die Länder einbezieht, die Antifahrzeugminen und andere high-tech Minen entwickeln und produzieren. Weiterhin werden weltweit in Staaten wie Deutschland, Österreich, Frankreich und Belgien neue Minen entwickelt, produziert und auch exportiert. Minen, die nach Herstellerangaben gegen Fahrzeuge gerichtet sind, oder auch sog. „intelligente“ Minen.

Ähnlich wie bei Landminen zeigen sich auch die Produzenten von Streumunition erfinderisch. In über 30 Ländern wurden bislang weit über 200 verschiedene Typen von Streumunition produziert Zu den größten Produzenten gehören die USA, Russland und China, bis 2008 aber auch Deutschland.

Landminen lösen aus, wenn sie in Kontakt mit einem Menschen oder Tier kommen. Dabei töten oder verletzten sie fast immer die Betroffenen. Da sie dabei nicht zwischen Kämpfenden und der Zivilbevölkerung unterscheiden und noch Jahre nach Konfliktende im Erdreich versteckt liegen bleiben, stammen fast Dreiviertel aller Minenopfer aus der Zivilbevölkerung. Kontaminierte Gebiete stellen somit eine große Gefahr für die Bevölkerung dar dar. Deswegen wurden sogenannte Antipersonenminen durch die Ottawa-Konvention, die 1999 in Kraft trat und bislang von 164 Staaten ratifiziert worden ist, verboten. Seitdem ist der geschätzte weltweite Bestand von 160 Mio. auf 50 Mio. Landminen zurückgegangen und 33 ehemals kontaminierte Länder/Gebiete sind als minenfrei erklärt worden. Allerdings sind wichtige Staaten, wie die USA, China oder Russland, dem Abkommen nicht beigetreten. Die Betroffenen, die eine Minenexplosion überlebt haben, tragen oft lebenslange Verletzungen und Behinderungen mit sich. Sie sind somit noch lange nach dem Vorfall auf Hilfe angewiesen. Obwohl auch die Notwendigkeit der Opferhilfe in der Ottawa-Konvention festgehalten ist, geht diese oft nicht weit genug und wird zu früh eingestellt. Hier leistet zum Beispiel die Hilfsorganisation Handicap International (HI) einen wichtigen Beitrag: Sie versorgt die Überlebenden und ihre Angehörigen – und setzt sich für eine Welt ohne Minen ein.

Das Ottawa-Abkommen

Da die Abrüstungsverhandlungen innerhalb der Vereinten Nationen sehr festgefahren waren, einigte sich 1997 ein Großteil der internationalen Staatengemeinschaft außerhalb des UN-Rahmens auf ein Verbot von Antipersonenminen (Ottawa-Vertrag), das 1999 in Kraft getreten ist.

Es war das erste Mal, dass kleinere und mittelgroße Staaten (vor allem Kanada und Norwegen, aber auch Australien und Simbabwe) zusammenkamen und eine Vorgehensweise zum Verbot von Antipersonenminen beschlossen, anstatt sich von traditionellen Mächten, die sich nicht zum Verbot von Landminen verpflichtet hatten (wie China, Russland und die USA), zurückhalten zu lassen. Selbst die meisten ehemaligen Minenproduzenten und viele Anwender, darunter Belgien, Kambodscha, Italien, Mosambik und Südafrika, schlossen sich dem Prozess an. Zusätzlich spielte auch erstmals die Zivilgesellschaft eine entscheidende Rolle bei der Ausarbeitung eines völkerrechtlichen Verbots-Vertrages, indem sie global einen hohen Druck auf die Staaten ausübte.

Der Vertrag war somit das Ergebnis einer ungewöhnlich kohärenten und strategischen Partnerschaft zwischen Regierungen, internationalen Organisationen wie dem IKRK, UN-Organisationen und der Zivilgesellschaft, vertreten durch die Internationale Kampagne für ein Verbot von Landminen (ICBL). Die ICBL wurde 1992 von mehreren Organisationen gegründet, darunter HI, und spielte bei der eigentlichen Ausarbeitung und Formulierung des Vertrags von Anfang an eine wichtige Rolle. Bei allen diplomatischen Treffen im Vorfeld der Verhandlungen sowie während der Verhandlungen selbst erhielt sie einen formellen Platz am Tisch und Mitspracherecht.

Das Ottawa-Abkommen war auch ein Meilenstein des humanitären Völkerrechts und verbietet Produktion, Einsatz, Weitergabe und Lagerung von Anti-Personen-Minen und verpflichtet die Vertragsstaaten zu Entminung und Opferhilfe. Minen, die der Konstruktion nach gegen Personen gerichtet sind, sind somit durch den Vertrag von Ottawa verboten. Minen, die nicht gegen Personen, sondern gegen Fahrzeuge gerichtet sind, fallen allerdings nicht unter das Verbot. Bis heute (Stand: Oktober 2020) haben 164 Staaten das Abkommen unterzeichnet, das sind mehr als 80 Prozent aller Länder weltweit. Mit nur 32 fehlenden Staaten ist der Minenverbotsvertrag einer der weltweit am meisten akzeptierten Verträge. Die Vertragsstaaten verpflichten sich auch zur Räumung von verminten Gebieten und zur Unterstützung von Minenopfern. Alle Vertragsstaaten haben zudem beschlossen, bis 2025 eine minenfreie Welt zu erreichen.

Gegenwärtig sind 110 Millionen Landminen auf der Welt verlegt. Die Produktion einer Landmine kostet nur drei US-Dollar, die Räumung einer Mine verursacht jedoch Kosten in Höhe von 1.000 US-Dollar.
Bei der geschätzten Zahl an Minen ist es schlichtweg unmöglich in den nächsten Jahren die Welt Minenfrei zu räumen. Zumal es überhaupt nicht finanzierbar ist.

In den sogenannten asymmetrische Konflikte, zu denen Bürgerkriege, Terror und milizionäre / rebellierende Streitigkeiten zöhlen, werden sehr gerne Antipersonenminen verwendet und zum Beispiel Getreidefelder zu verminen. Ein Feld ist vermint ungeachtet der Tatsache ob eine oder zehn Minen in dem Feld liegen.

Bei der Verlegung von Minen ist es üblich, verschiedene Minenarten zu mischen, damit z. B. Minenräumpanzer nicht gefahrlos in ein Feld von Anti-Personenminen fahren können und im Gegenzug menschliche Minenräumer nicht ungefährdet Panzerminen entschärfen können. Panzerminen mit Druckzünder werden durch das Gewicht eines Menschen normalerweise nicht ausgelöst, aber durch Sicherungsminen, Aufnahmesicherungen und Sprengfallen wird ihre Räumung dennoch erschwert und ist für die Minensucher ein Lebensgefährlicher Job. Auch ist die Topografie ein Faktor der nicht immer den Einsatz von Panzerfahrzeugen ermöglicht.

In Afghanistan gibt es von staatlicher Seite kaum noch Minenräumer, da das Geld für die Löhne von circa 240 € im Monat der Männer seit Jahren weniger wird. Neben ihrem sowieso schon sehr gefährlichen Job, kommt die Gefahr von Terror noch hinzu. In den letzten Jahren habe die Taliban mehrere hundert Minenräumer von staatlicher, wie auch privaten Organisationen entführt und getötet.

Zu den am meisten belasteten Ländern gehören weiterhin: Afghanistan, Angola, Ägypten, Bosnien und Herzegowina, Laos, Kongo (Demokratische Republik), Kambodscha, Kolumbien, Kroatien, Ruanda, Vietnam, aber auch Regionen wie Berg-Karabach, Tschetschenien und die Falkland-Inseln.

Im Jahr 2017 wurden weltweit 2.793 Personen durch Antipersonenminen und oder explosiven Munitionsrückstände  getötet, 4.431 Personen wurden verletzt. 87 Prozent der Opfer waren Zivilisten, unter ihnen viele Kinder. Zu den körperlichen Schäden kommt noch die psychische Belastung hinzu. Viele Ortschaften die in Konflikten oder Kriege nicht eingenommen wurden, oder der Vertreibung von Menschen auf perfide Weise noch Wege und Pfade vermint wurden, sind an und durch diese Waffe getötet oder verletzt worden.
Wenn Menschen in ihren Dörfern zurück bleiben, benutzen diese oft die gleichen Pfade oder Wege, die nach ihrer Meinung Minenfrei sind. Einen halben Meter abseits jener Pfade oder Wege kann eine Tod bringende Mine liegen. Dieses Bewusstsein prägt Generationen von Menschen.
Zwangloses spielen von Kinder kann tödlich sein. Einem Fussball auf einem Feld hinterher zu laufen kann tödlich sein.
Auch wenn die Bewohner von Ortschaften ungefähr wissen, wo Minen liegen könnten, kann dies beim nächsten Erdrutsch, Starkregen oder Schneeschmelze schon völlig anders sein.

In mindestens 60 Staaten der Welt liegen noch Minen – teils registriert und gekennzeichnet, teil seit Jahrzehnten im Verborgenen.
Um ein Beispiel von Europa zu nennen: Der Kroatienkrieg von 1991-1995 hat bis heute circa 500 Quadratkilometer kontaminierte Ladefläche aufzuweisen. Flächen die zum größten Teil landwirtschaftlich genutzt werden könnten.

Minenopfer in Ruanda

Beispiel Ruanda

Bei dem Völkermord im Jahr 1994, bei dem in drei Monate schätzungsweise 1 Millionen Menschen ums Leben gekommen waren, gingen die Hutu-Rebellen nicht zimperlich mit dem Vokl der Tutsi und ihrem eigenen Land um. Ruanda könnte durch seine geographische Lage und den klimatischen Bedingungen das Land werden um die Hälfte der Bevölkerung südlich der Sahara zu ernähren.
Da bis zu 60% der Nutzfläche für Getreide vermint sind, ist eine Landwirtschaft kaum möglich.
Auch hier fehlt es an Equipment und finanziellen Mitteln um Minen zu räumen. Zwar gab es Ende der 90er von der Bundesregierung ein Projekt zur Beseitigung der Minen, dies aber nach wenigen Jahren eingestellt wurde.

Wie in allen Ländern in den Antipersonenminen verlegt sind, hindern dies die Menschen daran, in ihre Heimat zurückzukehren und es wieder aufzubauen. Der wirtschaftliche und landwirtschaftliche Schaden der Länder ist automatisch.

Autoren: Naike Juchem und Nila Khalil
25. November 2020

Quellen:
– Auswärtigesamt
– Convention on the Prohibition of the use
–  Dgvn.de
–  Landminen Index
– United Nations Mine Action Service (UNMAS)

Sehnsucht

Freiheit ist für mich sehr wertvoll

Sehnsucht
Von Nila Khalil

Gestern Abend saß ich mit Mynte Damgaard, ich kaufte am 25. August ihr Haus für meine Stiftung, in ihrem Wohnzimmer und sie stellte mir eine Frage, die ich gar nicht so leicht beantworten konnte.
„Was ist für dich Sehnsucht?“


Ich sah diese 79-jährige Frau an und wusste nicht, was ich ihr antworten konnte.
Vor zwei Jahren starb der Mann von Mynte und sie vermisst ihn sehr. Beide hatten vor über 50 Jahren den Hof ihrer Eltern übernommen. Die Landwirtschaft war hart und brauchte Anfang der 70er schon kaum Ertrag. Beiden wurde der Kinderwunsch verwehrt. 1975 bauten sie den Hof in ein Landschulheim um. Über 40 Jahren beherbergen sie tausende Kinder und Jugendliche.
Myntes Sehnsucht waren eigene Kinder und die Nähe zu ihrem Mann, der über 50 Jahre mit ihr das Leben teilte.
Mynte und Olaf hatten Sehnsucht nach einer friedlichen Welt und wollten Kinder ein Zuhause der Leibe und Geborgenheit geben  – wenn auch nicht für ihre eigenen Kinder, so gaben sie diese, wenn auch nur immer für ein paar Wochen, an tausende Kinder weiter. Alles in den beiden Häuser und Anwesen ist mit Liebe gebaut, dekoriert oder geplant gewesen.

Da wir schnellstmöglich eine Unterkunft für einen Teil meiner Mitarbeiterinnen, Mädchen und Frauen brauchten, kam ihr Anwesen wie gerufen.
Als ich mit einem Tross von Menschen am 25. August das Anwesen und Haus sah, spürte ich eine Aura die schwer zu beschreiben ist.
Der Grund von unserem Besuch in diesem Haus war allen klar: Wir kaufen ein Anwesen und Mynte geht mit diesem Geld in ein Altenheim – fertig.
Bei der Besichtigung von dem Anwesen und den anschließenden Gespräche sah ich die Traurigkeit bei dem Verlust ihres Lebenswerk in Myntes Augen.
Kann man jemanden die Wurzeln abhacken, die fünf Jahrzehnte alt sind? Ich hätte die Sehnsucht von Mynte zerstört.
Nun hat Mynte ein Lebenslanges Wohnrecht in ihrem Haus und auch wieder viele Kinder.

Mynte ist eine sehr angenehme Frau, mit einem großen Herz für Kinder. Also für uns und auch für sie war es Glück, dass wir uns gefunden haben.
Beim Tee und Plätzchen erzählte ich Mynte den Beginn meiner „Karriere“ in Afghanistan.
2005 hatte meine ehemalige Lehrerin, Shabnam, die Sehnsucht Bildung für Mädchen in Afghanistan weiter zu bringen. Sie wollte mich unbedingt an meine ehemalige Schule holen, damit ich die damalige Lehrerinnen an der Schule unterstütze. Ich bin und war nie Lehrerin. In Stuttgart hatte ich eine Ausbildung als Bürokauffrau gemacht. Vielleicht war irgendwo tief in mir die Sehnsucht wenigstens ein paar Mädchen Bildung und somit ein etwas besseres Leben zu geben.

In New York

Nun aber zurück zu der Frage von Mynte: Was ist für mich Sehnsucht?

Ist es die Sehnsucht nach meiner Freiheit, die ich mein Leben lang verteidige oder die Sehnsucht nach Frieden in Afghanistan?
Habe ich überhaupt noch Sehnsucht nach meinem Geburtsland?
Ist es die Sehnsucht für eine bessere Welt, die auch Mynte in ihrem Leben antrieb.

Was ist für dich Sehnsucht?“

Heimat? Liebe? Geborgenheit? Ich weiß noch nicht einmal wo meine Heimat ist.
Ohne Frage fühle ich mich in den Niederlanden sehr wohl und werde wohl auch die nächsten Jahre dort leben. Alleine schon wegen Lenara – oder nur wegen Lenara.
Oft stelle ich mir die Frage, was wäre wenn das UKE in Hamburg als erstes die Zusage für ihre Operationen gegen hätte, oder gar eine Spezialklinik in den USA.
Vielleicht ist meine Sehnsucht einfach nur eine Beständigkeit in oder für mein Leben.

Ich habe am Hindukusch gelebt und musste fliehen. Als Kind war meine Sehnsucht der Frieden und die Sicherheit keine Angst mehr zu haben.
In Deutschland hatte ich einen Beruf gelernt und konnte in dem Beruf arbeiten. Meine Sehnsucht waren meine Eltern. Ich hatte bereits einen deutschen Pass und wollte meine Eltern über die Familienzusammenführung nach Deutschland holen.
Der Terror in Afghanistan war schneller als die Behörden in Deutschland. Mir wurde durch einen Autobomben-Anschlag die Sehnsucht regelrecht zerfetzt.

Zurück in Afghanistan gab es keine Sehnsucht. Auf was auch?
Nach dem Suizid meiner Mutter war die Sehnsucht nach Stuttgart wieder da. Gleichzeitig aber auch die Sehnsucht nach Bildung für Mädchen.

Ich war in einem von Krieg und Terror gezeichneten Land und die Sehnsucht nach Frieden und Sicherheit kam nach 16 Jahren wieder zurück.

Mein Team von damals. Der Beginn von allem.

In den darauf folgenden Jahren kämpften ein paar mutige Frauen für die gleiche Sehnsucht nach Frieden und Sicherheit.
Was damals in einem kleinen schäbigen Büro an einer Mädchenschule begann, wurde Jahr für Jahr größer und mehr.

Alle unsere Sehnsucht wurde uns am 16. August genommen. Die Sehnsucht für eine Zukunft zerfiel am Flughafen in Kabul.
Die Sehnsucht auf Frieden wurde im Frühjahr 2020 in Doha zwar unterschrieben – aber uns paar mutigen Frauen war klar, dass dies das Ende jeglicher Hoffnung wird. Leider ist es im August 2021 auch so gekommen.

Nun sind es die gleichen Frauen wie einst in dem schäbigen Schulbüro, die jetzt über 5000 Kilometer entfernt sind und stehen wieder ganz am Anfang der Sehnsucht: Bildung und Sicherheit für Mädchen.

Da saß ich bei einer älteren Dame bei Tee und Gebäck in einem europäischen Land und konnte ihre Frage noch nicht einmal vernünftig beantworten.

Was ist für dich Sehnsucht?“

Meine Sehnsucht ist die Ruhe für mich.
Meine Sehnsucht ist das Vergessen von vielen Erinnerungen.
Meine Sehnsucht ist die Genesung und Gesundheit für Lenara.

Vor fast genau einem Jahr hatte ich Lenara gesagt, dass ich ihre Mutter sein werde und sie niemals wieder nach Afghanistan zurückkehren muss.

Die Sehnsucht nach Ruhe macht irgendwie immer einen großen Bogen um mich.

Irgendwo in Europa

Heute morgen saß ich mit Saina am Strand und erzählte ihr von Europa. Sie fragte mich, warum sie in Europa sei und nicht auch ihre Mutter.
Wie kann ich einem 3-jährigen Kind diese Frage beantworten?
Was sollte ich ihr sagen? Deine Mutter war so klug um dich in Sicherheit zu bringen – oder deine Mutter weiß, dass sie sterben wird.
Wie erklärt man einer 3-jährigen die Politik und Terror?
„Saina, ich bin nicht deine Mutter, ich werde aber mein bestes geben. Dies verspreche ich dir.“
Diese Worte von meiner Mutter sind nun 31 Jahre her und nun wiederhole ich diese bei Saina.

Ich habe in den letzten Wochen alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die Vormundschaft für Saina in den Niederlanden zu erreichen – und somit auch ein ständiges Aufenthaltsrecht.

Saina wird irgendwann Sehnsucht nach der leiblichen Mutter haben und ich weiß zur Zeit nicht, was ich ihr sagen kann.

Amira hat hin und wieder auch Sehnsucht nach ihrer Mutter – nur wird sie ihrer Mutter ins Gericht brüllen wollen.

Ich glaube in all diesem Chaos aus meinem Leben, wird die Sehnsucht auf Beschaulichkeit, Ruhe und Normalität von Jahr zu Jahr größer in mir.

Nila Khalil, 5. Oktober, irgendwo in Europa


Frauenrechte in Afghanistan

Unter dem Taliban-Regime, dass sich ab 1994 in Afghanistan langsam wie ein Geschwür ausbreitete und bis zum Ende ihrer Herrschaft, im Jahr 2001, wurden den afghanischen Frauen ihre Menschenrechte und ihr Würde abgesprochen worden.

Autorin Nila Khalil

Als die internationale Gemeinschaft unter der Führung der USA mit dem Versprechen auf Demokratie, Schutz der Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit nach Afghanistan kam, war die Hoffnung groß, dass sich die Situation der Frauen wieder verbessern würde und sie endlich die gleichen Rechte wie Männer bekämen.
Internationale Organisationen, insbesondere die UN, die Europäische Union und die Entwicklungsagentur der USA, sagten ihre Unterstützung zu, um die Lage der afghanischen Frauen zu verbessern.

Die UNO machte ihre Unterstützung der afghanischen Regierung davon abhängig, dass diese die Rechte der Frauen und ihre stärkere Beteiligung in der Afghanischen Gesellschaft gewährleistete.
Die UN koordinierten diese Hilfen für Frauen und allmählich zeichnete sich eine Verbesserung der Situation ab: Frauen erhielten mehr Zugang zu Bildung und beteiligten sich vermehrt an der Gestaltung von Politik und Gesellschaft. Die unabhängige Menschenrechtskommission Afghanistan, UNAMA ( United Nations Assistance Mission in Afghanistan) wurde gegründet, und die Gleichberechtigung der Frau wurde in der Verfassung Afghanistans festgeschrieben.

Niloofar Rahmani

Mädchen durften wieder in Schulen und Universitäten, Frauen nahmen an Wahlen teil, und fünfundzwanzig Prozent der Sitze des afghanischen Parlaments wurden Frauen zugewiesen. Auch in anderen Bereichen der Politik, der Gesellschaft und der Wirtschaft wurden Frauen aktiv und Arbeits- und Bildungsmöglichkeiten für Frauen nahmen zu.

Im Schlussdokument der Afghanistankonferenz  in Bonn im Dezember 2011 hat die internationale Gemeinschaft bekräftigt, auch nach 2014 und dem Abzug der ISAF-Truppen Afghanistan weiter helfen zu wollen. Bundeskanzlerin Angela Merkel sicherte damals Afghanistan langfristige Hilfe über den Abzug der internationalen Kampftruppen hinaus zu. „Afghanistan kann sich auch nach 2014 auf die Unterstützung der internationalen Staatengemeinschaft verlassen“, sagte Merkel.

Da die UNO, wie auch die NATO ihre militärische Präsenz in Afghanistan zurückschraubte und sich dadurch auch die Hilfen verringerten, erlahmte seitens der UNO, insbesondere der USA, auch das Interesse und die Aufmerksamkeit für den Schutz der sozialen Gerechtigkeit, der Demokratie und der garantierten Beteiligung von Frauen an der Politik.
Auch die Regierung unter Hamid Karsai auch nicht gerade mit Zuverlässigkeit glänzte, erfüllte diese ihre Verpflichtungen gegenüber Frauen nicht, denn die Gesetze und Vorschriften, die zur Sicherung der Frauenrechte eingeführt worden waren, standen lediglich auf dem Papier, wurden jedoch nicht angewandt.
Die Erwartung, dass die UNO und die Regierung Afghanistans die Gleichstellung und die Menschenrechte von Frauen gewährleisten würden, erfüllte sich nicht.
Im Gegenteil – niemand arbeitete ernsthaft an der Erfüllung dieser Verpflichtungen. Es zeigte sich beispielsweise, dass Frauen nur eine symbolische Rolle in der Struktur der afghanischen Regierung innehatten. Inzwischen hat sich, insbesondere aufgrund von wieder zunehmenden Sicherheitsproblemen, Armut, langlebigen Traditionen sozialer Unterdrückung und der Bedrohungen durch die Taliban, den IS und andere extremistische Gruppen, die Lage der afghanischen Frauen wieder verschlechtert, bis hin zu Lebensgefahr, und die Arbeits- und Bildungsmöglichkeiten haben sich verringert und sogar dramatisch verschlechtert.

Nach einer Besichtigung eines Terroranschlag an einer Mädchenschule mit 14 getöteten Mädchen und 3 Lehrerinnen.

Fortsetzung von Krieg und Unsicherheit
Der fortdauernde Krieg und Terror und die insgesamt unsichere Lage hat für Frauen das Leben in vielen Provinzen wo die Taliban wieder die Macht stark erschwert. Die Recherchen von Afghan Women´s Network ergab mit rund 100 Vorfällen in nur 71 Tagen (01.11.2018 – 10.01.2019) ein erschreckendes Bild: In fast allen der 34 Provinzen Afghanistans waren mindestens zwei Vorfälle zu finden. In den unsicheren Teilen des Landes können derzeit Mädchen, wie auch in der Vergangenheit, keine Schulen besuchen; viele Familien erlauben ihren Töchtern nicht, zur Schule zu gehen, weil es zu wenig weibliche Lehrkräfte gibt. Heute, im einundzwanzigsten Jahrhundert, können sechzig Prozent der afghanischen Frauen und Mädchen weder lesen noch schreiben.

Viele Frauen, die in mehreren Provinzen für Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen gearbeitet hatten, mussten ihre Arbeit aufgrund der Sicherheitslage einstellen, oder haben schon in den letzten Jahren im Verborgenen gearbeitet und auch agiert. Darüber hinaus töteten und erschossen die Taliban mehrere Frauen wegen des bloßen Verdachts, mit der Regierung zusammengearbeitet zu haben. Menschenrechtlerinnen leben in Afghanistan unter ständiger Lebensgefahr.

Gewalt gegen Frauen in der Familie und in der Öffentlichkeit
Traditionen sozialer Unterdrückung gibt es heute überall in Afghanistan; immer noch leiden rund drei von vier Frauen unter unterschiedlichen Formen von Gewalt, nicht nur in der Familie, sondern auch in der Gesellschaft – am Arbeitsplatz, an Ausbildungsorten und sogar auf offener Straße. Viele Familien bevorzugen klar die Geburt eines Jungen und sind unglücklich über die Geburt eines Mädchens.

Kinder und Frauen werden zwangsverheiratet oder an ältere Männer verkauft, manchmal werden sie getauscht, gegen Vieh oder gegen die Lösung eines Konfliktes. Frauen und junge Mädchen werden vergewaltigt und Gewalt gegen Frauen wird von manchen im Namen der Religion gerechtfertigt. Polygamie stellt eine weitere Herausforderung für Frauen dar. Ein Mann hat beispielsweise das Recht, mit bis zu vier Frauen gleichzeitig verheiratet zu sein, und diese Frauen besitzen keinerlei Rechte. Viele Fälle von Gewalt gegen Frauen werden mittels informeller Gerichte oder in Stammesversammlungen entschieden. Die Entscheidungen dieser Stammesversammlungen sind unfair und ungerecht, vor aller Augen werden Frauen gesteinigt oder ausgepeitscht. 2015 wurde in der Provinz Ghor eine Frau gesteinigt, obwohl sie kein Verbrechen begangen hatte.

Nicht wenigen Frauen werden durch ihre Ehemänner Ohren und Nasen abgeschnitten. Viele Frauen  suchen in den Frauen- und Schutzhäusern der wenigen Internationalen oder auch privaten Organisationen Zuflucht vor dieser immer stärker um sich greifenden Gewalt. In vielen Provinzen sind die Täter dieser Gewaltakte mächtige Männer, Kriegsherren, Regierungsbeamte oder Parlamentsabgeordnete, und die Regierung sieht sich nicht in der Lage, sie zu verhaften und oder zu bestrafen.
Basierend auf Zahlen von UNAMA wurden im Jahr 2017 rund 3800 Fälle von Gewalt gegen Frauen registriert; 19 der betroffenen Frauen haben sich selbst verbrannt.

Natasha war eine Mitarbeiterin von mir

2018 nahm die Zahl der Verbrechen weiter zu und lag bei knapp 4200. Im vergangen Jahr blieb die Zahl auf gleich hohem Niveau. Menschenrechtsorganisationen können durch die instabile Lage in vielen Regionen gar keine Hilfe, bzw. Registrierungen vornehmen und so liegt die Zahl der tatsächlichen Opfer um ein vielfaches höher.
Die sehr lasche Verfolgung der Behörden, lässt somit eine Straffreiheit für die Männer zu und ist als Hauptgrund für die Zunahme dieser Gewalt zu nennen.
Selbst in Kabul sind Frauen und Mädchen nicht vor körperlicher Gewalt sicher. Als Beispiel hierfür sei der Mord an Farkhunda genannt. Dieses Mädchen wurde vor 2015 von Dutzenden Männern brutal getötet und verbrannt – nur wenige Kilometer entfernt vom Präsidentenpalast und vor den Augen von Sicherheitskräfte.
Dieser Vorfall spiegelt die Tragweite der Tragödie wider, mit der afghanische Frauen konfrontiert sind. Zwar wurden mehrere Personen im Zusammenhang mit diesem Mord verhaftet, jedoch gingen sie letztendlich straffrei aus. Frauen und Mädchen sind selbst an ihrem Arbeitsplatz oder an den Universitäten nicht sicher. Sie werden auf dem Arbeitsmarkt und in Bildungseinrichtungen von Männern auf unterschiedliche Arten belästigt und aufgefordert, illegitime Dinge zu tun; es gibt keinerlei Gesetze zur Unterstützung von Frauen in diesen Bereichen.

Die Erfolge der afghanischen Frauen und deren mangelnde Anerkennung
Menschenrechtsaktivistinnen haben in den letzten Jahren bedeutende Erfolge in Afghanistan und über die Grenzen Afghanistans hinaus erzielen können, sie haben nationale und internationale Preise gewonnen und damit der Welt ein anderes Gesicht von Afghanistan gezeigt, als das von Krieg und Gewalt. Doch die Beteiligung von Frauen an der politischen Entscheidungsfindung ist immer noch verschwindend gering.
Trotz positiver Errungenschaften im Leben der afghanischen Frauen beschränken sich der Fortschritt und die Entwicklungsmöglichkeiten von Frauen in vielerlei Hinsicht auf Worte und Slogans. Zahllose Gesetze, Programme und Strategien wurden entwickelt, um die Stellung der afghanischen Frau zu stärken, doch deren Umsetzung war weniger erfolgreich. Immer wieder wurden diese Maßnahmen ignoriert.

Es ist offensichtlich, dass Frauenrechte in Afghanistan nur eine symbolische Rolle spielen, diese Doppelmoral und die frauenfeindlichen Einstellungen zeigen sich an folgendem Beispiel: Hamid Karsai hatte dem Parlament zwölf Ministeramtskandidaten zur Aussprache des Vertrauens präsentiert; das Parlament hat daraufhin den elf männlichen Kandidaten das Vertrauen ausgesprochen, Nargis Nehan aber, die als einzige Frau als Ministerin für Bergbau und Erdöl vorgeschlagen war, wurde abgelehnt.
Dies zeigt, dass in allen drei Organen der afghanischen Regierung Frauenfeindlichkeit herrscht und nach wie vor politische Entscheidungen auf der Grundlage gefällt werden, die männliche Dominanzkultur zu erhalten. In all den Jahren konnte keine einzige Frau Mitglied des Obersten Gerichtshofs von Afghanistan werden, stets lehnte das Parlament die Mitwirkung von Frauen in dieser Institution ab; Frauen gelten in Afghanistan immer noch als Menschen zweiter Klasse.

Ein Teil von meinem Team

Die allgemein unsichere Lage, das Versagen der afghanischen Regierung bei der Gewährleistung von Sicherheit für Frauen, die Einschränkungen und verschiedenen Arten von Diskriminierung sind Gründe dafür, dass Frauen nicht in der Lage sind, in Frieden in Afghanistan zu leben, und sich gezwungen sehen, allein oder mit der Familie in andere Länder zu gehen, insbesondere nach Europa, um dort Asyl zu beantragen.

Afghanische Frauen, die in Europa Asyl suchen, und der Albtraum der Flucht

Im Gespräch mit Dr. Idah Nabateregga von TERRE DES FEMMES sprach die Vorsitzende von Afghan Women´s Network, Nila Khalil im Dezember 2019 über die Europäische Asylanträge von Afghanischen Frauen.
„Es ist nicht einfach für afghanische Frauen und Mädchen, nach Europa zu kommen. In der Regel sind sie viele Risiken eingegangen, um mit ihren Familien in europäische Länder zu gelangen. Viele der Frauen und jungen Mädchen haben auf dem Weg entweder ihr Leben oder ihre Kinder und Familien verloren, sie wurden eingesperrt und mussten niederträchtiges Verhalten und abscheuliche sexuelle Belästigungen von Grenzsoldaten und Schmugglern erdulden. Zwar ist es auch für Männer nicht einfach, auf illegalem Wege zu reisen, doch für Frauen ist es noch einmal schwieriger. Aber trotz all dieser Gefahren und Probleme auf den Fluchtrouten haben afghanische Asylsuchende weniger Chancen auf Asyl als Asylsuchende aus anderen Ländern. Afghanische Asylsuchende dürfen bis zu dem Zeitpunkt, an dem ihnen Asyl gewährt wird, keine Sprachkurse besuchen. Zwar steht ihnen eine Unterkunft zur Verfügung, sie werden finanziell versorgt und genießen Schutz, doch sehen sie sich mit mentalen und psychischen Problemen konfrontiert.“

In den Lagern und an den Orten, wo Geflüchtete leben, finden sich viele Beispiele für diese Art von Problemen. Eine afghanische Flüchtlingsfrau in Hessen, die von Oktober 2017 bis Mai 2019 in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht war, sprach bei einem Treffen im Januar 2020 mit der Vorsitzenden von Afghan Women´s Network.

„In Afghanistan hatte ich viele Probleme in der Familie und durfte nicht draußen arbeiten. Mein Mann und ich wollten an einem Ort leben, an dem wir in Frieden und wir selbst sein konnten und wo wir in Sicherheit sind. Also sind wir Richtung Europa aufgebrochen, ohne zu wissen, dass wir mit unserem Leben spielten. Stundenlang waren wir auf gefährlichen Routen zu Fuß in Richtung Bulgarien unterwegs. Mein Mann und ich wurden mit anderen Männern und Frauen von bulgarischen Grenzsoldaten festgenommen. Diese Grenzsoldaten folterten uns und brachten uns anschließend in ein Gefängnis, wo wir zusammen mit gefährlichen Gefangenen eingesperrt wurden.
Sie haben uns mehrere Tage lang nichts zu essen gegeben und uns so schlimm behandelt, dass ich es nicht aussprechen kann. Nachdem wir aus dem Gefängnis entlassen worden waren, sind wir nach Deutschland gelangt. Leider wurde unser Asylantrag abgelehnt und wir sollten nach Bulgarien zurückgeschickt werden. Ich war eineinhalb Jahre in einem Krankenhaus für geistige Gesundheit, aber ich kann keinen geistigen Frieden finden.“ (Anm.: Das Gespräch ging über mehrere Stunden und was jetzt geschrieben ist, ist die Quintessenz von diesem Interview)

Afghanische Frauen in Europa und Gewalt in der Familie
Abgesehen von mentalen und psychischen Gesundheitsproblemen erleben afghanische Frauen und Mädchen in vielen europäischen Ländern, insbesondere in Deutschland sexuelle und auch häusliche Gewalt. Nach Quellen deutscher Medien wurden allein 2017 zwei afghanische Frauen in den Städten Frankfurt und Herzogenrath von ihren Ehemännern getötet.

Gewalt ereignete sich auch in einem Flüchtlingslager in Schwerin, wo im November 2017 eine afghanische Frau durch einen iranischen Mann vergewaltigt wurde. Gemäß der Aussage eines Verteidigers von Frauenrechten in Frankfurt leben einige afghanische Familien hier nach denselben traditionellen Vorstellungen wie in Afghanistan und erlauben ihren Frauen nicht einmal, an Sprachkursen teilzunehmen. Die Hilfsangebote vieler Organisationen und Vereinigungen, die Geflüchtete bei ihren Integrationsbemühungen unterstützen, laufen dann ins Leere.
Ein weiterer schwerer Fall von Gewalt afghanischen Männer ist der Mord an Mia im Dezember 2017.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass Unsicherheit, Ungerechtigkeit, mangelnde Rechtsstaatlichkeit und fehlende Gleichberechtigung der Männer die Hauptgründe dafür sind, dass viele afghanische Frauen in Europa Asyl beantragt haben. Niemand würde ohne die oben genannten Gründe derart viele Risiken eingehen, ohne dazu gezwungen zu sein, niemand würde seinen Geburtsort verlassen und in einem Land mit einer anderen Kultur und Sprache Asyl suchen.
Das Leben in Deutschland, oder deren westlichen Nachbarstaaten, ist nicht einfach, es muss von Null aufgebaut werden und es braucht Zeit, sich der Gesellschaft anzupassen und die neue Sprache und Kultur zu lernen. Angesichts der Situation afghanischer Asylbewerberinnen ist klar, dass diese mehr als manche andere Unterstützung benötigen – von Organisationen, die die Menschenrechte verteidigen, sowie von der deutschen und den europäischen Regierungen.

Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland heißt es, dass alle Menschen in diesem Land die gleichen Rechte haben und dass dieses Land demokratisch regiert wird. Aus diesem Grund erhoffen sich die afghanischen Frauen mehr von der Regierung dieses Landes. Gerade Frauen, die alleine sind oder allein die Verantwortung für ihre ganze Familie tragen, sind auf die Unterstützung der Bundesregierung und von Menschenrechtsorganisationen angewiesen. Geflüchtete Afghaninnen wünschen sich, dass ihre Fälle in Bezug auf die Situation in Afghanistan und die politischen und sozialen Probleme von Frauen in diesem Land überprüft werden.

Nila Khalil, Vorsitzende von Afghan Women´s Network und Mitglied der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen in Genf. Den Haag, 25. April 2020.

„Ich habe meine Kindheit verloren“ – Zwangsehe in Afghanistan

Somaya

„10 Tage vor meiner Abschlussprüfung musste ich
heiraten.“                                                

Heute berichte ich über die Geschichte von Somaya aus Afghanistan,  die mit 13 Jahren verkauft wurde, um eine Zwangsehe einzugehen.

„Wir haben dich gekauft und lassen dich nicht in die Schule.“

Somaya, war 13 Jahre alt und beendete gerade die siebte Klasse. „Ich habe meine Kindheit verloren“, so Somaya in einem Gespräch. Das Mädchen bat ihren neuen Ehemann und ihre Schwiegereltern, dass sie zur Schule zurückkehren dürfe, ihre Bitte wurde jedoch abgelehnt. Sie sei nun Ehefrau und hätte schließlich andere Aufgaben.

Alles Reden brachte nichts, so fing Somaya an zu fluchen und zu schlagen. Lies das Essen verbrennen oder versalzte es so, dass es ungenießbar war. Sie machte alles Erdenkliche falsch was sie nur falsch machen konnte, als Zeichen ihres Protestes.
Vor ihrer Ehe hörte sie von einem Frauenhaus und wie sich dort um Hilfe gekümmert wird. Somaya machte sich nach eineinhalb Jahren Ehe auf den Weg zu dem unbekannten Ort. ( Anm. : Aus Sicherheitsgründen wird der Ort in dem Artikel nicht erwähnt).

Samira Ansary, Mitbegründerin meiner Stiftung

Hoffnung auf ein besseres Leben

In drei Schulen vertraute sie sich Lehrerinnen an, zwei dieser Lehrerinnen konnten ihr genaue Angaben geben. In der letzten Schule wurde nach dem Gespräch sofort Kontakt zu dem Frauenhaus aufgenommen und noch am gleichen Tag wurde Somaya von einer Mitarbeiterin abgeholt und in Sicherheit gebracht.

Am nächsten Tag setzte Samira Ansary, einer Fachanwältin aus dem Team von Nila Khalil, die Scheidung und gleichzeitig eine Strafanzeigen gegen den Vater auf.

Nach monatelangen Kämpfen willigte der Ehemann schließlich der Scheidung zu. Somaya lebt jetzt mit ihrer Mutter und ihrem Bruder zusammen. Im Frauenhaus wurde ihr neben Unterricht auch das Nähen beigebracht. Mit Finanzieller Unterstützung von dem Frauenhaus konnte der heute 15 jährigen Somaya und ihrer Familie eine Existenz ermöglicht werden. Nun ist sie stolz auf ihre Arbeit als Näherin.

Das gesetzliche Mindestalter für Eheschließungen in Afghanistan beträgt 16 Jahre. Internationale Menschenrechtsorganisationen definieren jede Ehe mit einem Partner, der jünger als 18 Jahre ist, als Kinderehe. 2017 hat die afghanische Zentralregierung einen Aktionsplan gegen die Kinderheirat auf den Weg gebracht. „Die Öffentliche Arbeit von Menschenrechtlern und wirtschaftlicher Stärkung spielen eine wichtige Rolle bei der Eindämmung der Praxis von Kinderehen.“ Sagte Dr. Sima Samar, Leiterin der unabhängigen afghanischen Menschenrechtskommission (AIHRC) im Gespräch mit der Direktorin des Frauenhauses, Nila Khalil. „Wenn die AIHRC eine Beschwerde über die Eheschließung von Kindern erhält, dann können wir durch Behörden eingreifen“, so Dr. Samar weiter.

Besserung durch positive Öffentlichkeitsarbeit

Untersuchungen zufolge nimmt die Unterstützung der Afghanen für eine vorzeitige Eheschließung ab, selbst in relativ armen ländlichen Gebieten wie zum Beispiel in der Provinz Bamyan, berichtete die Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health im vergangenen Jahr. Die Forscher befragten über 1.000 Mädchen im Alter von 12- bis 15 Jahren und halb so viele Eltern in einigen Provinzen von Afghanistan. „Drei Viertel dieser Jugendlichen waren noch in der Schule und unverheiratet. Und obwohl drei Viertel der Eltern nie eine Schulbildung hatten, waren über 90% der Meinung, dass ihre Kinder die Sekundarschule abschließen sollten. Etwa 40% von ihnen gaben an, dass die Ehe bis nach dem Schulabschluss/ Abitur warten sollte.“ Sagte der leitende Autor der Studie, Dr. Robert Blum, im Gespräch. „Einstellungswandel bedeutet an und für sich keine Verhaltensänderung. Dies ist wirklich eine grundlegende Veränderung für ein Land mit einer neuen Generation.“ So Blum weiter.

Im Interview mit der leitenden Direktorin des Frauenhauses im Dezember 2019 erzählt Somaya ihre Geschichte:

„Ich heiße Somaya und mein Vater heißt Aminallah. Ich war in der siebten Klasse und 10 Tage vor meiner Abschlussprüfung musste ich heiraten. Meine Schwiegereltern ließen mich nicht zur Schule gehen. Ich bestand darauf, dass ich zur Schule gehen wollte. Aber meine Schwiegereltern sagten: „Wenn du zur Schule gehen würdest, wer würde die Hausarbeit erledigen?“ Sie sagten mir: „Wir haben dich gekauft und lassen dich nicht in die Schule.“ Immer wenn ich sagte, ich möchte zur Schule gehen, schlugen mich meine Schwiegereltern und mein Ehemann und sagten mir: „Du kannst nicht zur Schule gehen.“ Mein Mann war jung und unreif und seine Eltern ermutigten ihn, mich zu schlagen, erniedrigen und beleidigen. Ich habe mich nie bei meinem Vater oder bei irgendjemandem beschwert. Ich habe damit gelebt. Meine Schwiegereltern sind Analphabeten. In einem kleinen, schäbigen Haus lebten sie mit 15 Menschen. Meine Schwiegereltern zahlten meiner Familie 250.000 Afghani (circa 2900€) als Mitgift.
Aber im Gegenzug, Allah als mein Zeuge, gab mein Vater fast 300.000 Afghani für Gegenstände für ihre Wohnung aus. Er kaufte mir Goldschmuck, Bettwäsche und Kleidung. Meine Schwiegereltern traten und schlugen mich, aber sie peitschten mich nie, denn das hätte Spuren auf meinem Körper hinterlassen. Sie schlugen und beschimpften mich bei jedem Fehler den ich machte. Ich habe meine Kindheit verloren. Ich habe die Schule geliebt und bin sehr gerne zur Schule gegangen. Aber sie ließen mich nicht, so suchte ich Hilfe. Ich hörte von einem Haus in dem es Frauen gut geht. Ich sollte auf den Markt Lebensmittel kaufen gehen und hatte Geld für eine Busfahrkarte, so lief ich weg. Sechs Monate später kam mein Vater ins Gefängnis, er wurde zu zwei Jahren Haft verurteilt. Meine Schwiegereltern und Mann wurden im Sommer diesen Jahres zu einer Strafe von 500.000 Afgani verurteilt und aufgefordert meine Mitgift auszuliefern. Ich bin jetzt geschieden. Mein Mann und meine Schwiegereltern leben ihr Leben, und ich lebe mein Leben. Ich nähe Kleidung mit meiner Mutter. Wir sind jetzt die Ernährer. Mein Vater hat nie gearbeitet. Mein Leben ist besser, besonders jetzt, wo mein Vater nicht hier ist. Ich hatte in der Vergangenheit viele Probleme, nun wird es aber immer besser. Wir bezahlen unsere Ausgaben mit dem Geld, das wir durch Nähen verdienen. Für jedes Kleid bekommen wir zwischen 1500 und 3000 Afghani ( 17 – 35 €.). Unsere Straße hat fünf bis sechs Schneider, aber weil wir arm sind und nicht viel verlangen, haben wir viele Kunden. Im Moment habe ich nicht entschieden, ob ich wieder zur Schule gehen soll. Lehrerinnen von Afghan Network kommen am Nachmittag vorbei und machen mit mir Unterricht. So lerne ich trotz der Arbeit auch noch für die Schule.“

Nila Khalil, Vorsitzende von Afghan Women’s Network und Mitglieder der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen in Genf.
Den Haag, 7. Januar 2020

Zwangsheirat ist Vergewaltigung auf Lebenszeit

Zwangsheirat ist Vergewaltigung auf Lebenszeit. Weltweit wird jede fünfte minderjährige Frau zwangsverheiratet.

Autorin Nila Khalil

Nach Angaben von UNICEF gibt es 650 Millionen Mädchen und Frauen, die in einer Zwangsehen leben. Jährlich werden geschätzte 12 Millionen Mädchen zwangsverheiratet.

Die Zahl ist in den letzten Jahren zwar auf 10 Millionen gesunken, trotzdem spricht diese Zahl eine eindeutige Sprache. In den Zwangsehen ist Perversion sehr weit verbreitet, es gibt keinerlei Aufklärung in der Sexualität. Frauen haben nach der Meinung und Religion von dem Mann keine Rechte und werden dann auch so behandelt. Mädchen und Frauen haben in den muslimischen Ländern nicht die gleiche Stellung wie ein Mann und sind in deren Augen auch nichts wert.

Eine Zwangsheiratung ist Vergewaltigung auf Lebenszeit!

Die Perversion geht über das sexuelle noch weiter. Mädchen und Frauen werden wie Leibeigene behandelt und es ist völlig in Ordnung was der Mann mit „seiner“ Frau macht. Sklavenhaltung in einem Käfig, tägliche Vergewaltigung oder sogar Totschlag ist erlaubt. Hat ein Mann genügend Geld, kauft er sich für ein paar Hundert Euro, ein paar Schafe oder etwas Land wieder eine neue Frau.

Ich bin die Direktorin von sechs Frauenhäuser in Afghanistan, in denen Zwangsverheiratete Mädchen Schutz bekommen und wir auch für diese Kinder die Scheidungen vorbringen. Oft dauert es Jahre, bis es zu einer Scheidung kommt und so lange leben diese Mädchen in ständiger Angst und Lebensgefahr. Ich schreibe nun zwei Schicksale von Mädchen in unserer Einrichtung.  Die Geschichten beider Mädchen werden auch so in einem Buch stehen, das eine Freundin von mir schreibt.

Die ist nicht Ellaha

Ellaha wurde von ihrem Vater vor vier Jahren verkauft. Ihr Preis waren Fünfzig Schafe und eine kleine Ackerfläche. Ihr Mann war schon alt, hatte graue Haare und vor ihr schon drei Frauen geheiratet und diese umgebracht.

Sie wurde wie ein Hund an einer Kette gehalten und wurde auch schwanger von ihrem Mann. Eines Tages sei die Nachbarin vorbei gekommen und sie hätte ihr etwas zu trinken gegeben, später sei das Kind tot auf die Welt gekommen. Bei der zweiten Schwangerschaft hätte ihr Mann sie so fest in den Bauch getreten, dass sie sehr viel Blut verloren hatte und auch dieses Kind. Nach dem ihr Mann sie wieder vergewaltigte, hatte er vergessen die Tür von ihrem Raum richtig zu verriegeln. In jener Nacht ist sie weggelaufen. Sie wusste nicht wo hin und lief mehrere Tage ohne Schuhe, nur mit ihrem Kleid und Umhang bekleidet durch die Berge. Es war Oktober. Der erste Schnee war gefallen.

Als sie völlig erschöpft und unterkühlt an der Straße lag fand sie ein Mann mit einem Esel und nahm sie mit zu sich nach Hause. Aus Angst das er sie auch Missbrauchte oder noch schlimmer, zu ihrem Mann zurück bringen würde, denn er bekäme bestimmt Finderlohn für sie, sei sie trotz der Unterkühlung weglaufen und wollte lieber in den Bergen sterben.

Ellaha machte eine Pause, zog ihre Socken aus und alle Anwesenden in dem Raum sahen Füße die schwarzbraun waren. Geschundenes Fleisch, zwei Zehen am linken und eine Zeh am rechten Fuß waren nicht mehr da. Blasen und Beulen bis weit über die Knöchel. Ellaha zog von ihrem Kleid den rechten Arm hoch und auch dort waren schwarze Flecken vom Kältebrannt auf der Haut.

„Mein Gott, was Menschen alles erleben können wir uns gar nicht vorstellen“ sagte Sabine leise zu Hannes.

Ellaha erzählt weiter, dass sie nur durch Zufall von Svea gefunden wurde sonst wäre sie in den Bergen an Unterkühlung gestorben.

Svea hatte mit einem Anwalt nun schon den dritten Versuch unternommen, dass sie endlich geschieden wird, aber ihr Mann erscheine nie vor Gericht und auch die Gespräche mit den Stammesältesten haben bis heute nicht gebracht. Ihr Mann habe schließlich ein “Vermögen“ für sie bezahlt und will sie zurück haben. Solange sie nicht geschieden ist, kann sie auch das Haus nicht verlassen und wenn, dann nur mit einer Burka, damit sie nicht erkannt wird. Sie lebe zwar jetzt in Sicherheit aber trotzdem sei sie gefangen.

Zu ihrer Familie will sie nicht zurück, weil ihr Vater in der Schuld von ihrem Mann stehe und sein Gesicht nicht verlieren möchte und Ellaha wieder ausliefern würde. Sie hoffe nur, dass sie bald geschieden würde oder ihr Mann stirbt damit sie dann endlich frei sei.Hannes sah zu John und Gregory die neben ihm standen und die Geschichte von Ellaha filmten, alle waren fassungslos von dem, was dieses Mädchen erzählte.

Behar war neunzehn Jahre alt und sehr verschüchtert, auch sie möchte erzählen wie es ihr ergangen war.

Sie wurde von ihrem Stiefvater für 30000 Afghani, 400 Euro, verkauft, weil der Vater keine Arbeit hatte und er für vier Frauen in seinem Haus sorgen musste, dies aber nicht konnte oder wollte.

Als Nila dies übersetzt hatte, stockte jedem der Atem. „In Afghanistan ist ein Mann, der keinen Sohn hat, nicht so viel wert. Daher werden oft die Mädchen verkauft“ , so Nila weiter.

Behars Schwester wurde ein Jahr vor ihr Verkauft und sie Überlebte die Misshandlungen von ihrem Mann nicht. Behars Mann war eigentlich ihr Schwager. Nach vier Jahren Ehe und schon einem Fluchtversuch, bei dem ihr Mann ihr später mit Benzin die Beine anzündete und sie lebendig verbrennen wollte, habe sie sich beim Löschen die Arme und Hände verbrannt.

Nach langer Zeit mit allen Erniedrigungen, die folgten, floh sie das zweite mal aus dem Haus, als ihr Mann zu einer Stammesversammlung war. Auch sie sei tagelang unterwegs gewesen und wusste, wenn diese Flucht nicht gelinge, sie diese nicht überleben würde.

Eine US Militär Kolonne habe sie abseits der Straße gefunden und in einem Hospital behandelt. Auf dem Stützpunkt war ein Arzt der von dem Frauenhaus wusste und so kam sie in dieses Haus und möchte eigentlich nur noch sterben. Denn sie habe trotz der Salbe immer viele Schmerzen und sie schäme sich für ihre Haut.

Soweit ein sehr kleiner Auszug aus dem Buch.

Kinderehen in Afghanistan

In Afghanistan ist es verboten Mädchen unter 12 Jahren zu verheiraten und trotzdem wird es getan. Oft sind die Mädchen erst 10 Jahre alt!Viele Männer und Stammesälteste berufen sich bei einer Hochzeit, die gegen alle Menschenrechteverstößt, auf den Koran in dem steht, dassMohammed einst eine neun Jährigen geheiratet hat. Mohammed lebte 571 bis 632 nach Christus.

Wenn ich 600 nach Christus annehme, sind es immerhin 1419 Jahre bis zum Dezember 2019. Wer in diesen 1419 Jahren noch nicht begriffen hat, dass sich die Welt weiter gedreht hat, steht etwas weit in der Intelligenz zurück.

Zwangsehen gibt es nicht nur in der islamischen Welt. Auch in Europa, Afrika, Asien und Lateinamerika sind solche Ehen zu finden.Selbst den deutschen Behörden sind Kinderehen bekannt! In einer Zwangsehe dürfen Mädchen und Frauen keine Schule mehr besuchen, keine Ausbildung machen und auch sonst nicht am Gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Es ist ein Leben in ständiger Angst und Isolation. Den Mädchen wird alles verwehrt um ein Leben in Würde oder Selbstbestimmung zu führen. Sie sind in der Abhängigkeit von den Mann. Die Mädchen können nie richtig schreiben und lesen lernen und nur ihr bisschen Wissen an ihre Kinder weitergeben. So bleibt folglich auch die Bildung der Familie immer auf dem untersten Stand stehen. Bekommt die Frau ein oder zwei Mädchen, ist deren Leben auch schon vorprogrammiert.

Nila Khalil, Den Haag, 22. Dezember 2019

Muss ich erst sterben um zu leben

Muss ich erst sterben um zu leben

Ein Auszug aus mehreren Kapitel die den Beginn von meinem Leben beschreiben

Montag, 19. März 2007

Vor einem Tag kam ein Neuzugang, ein vielleicht 13-jähriges Mädchen mit Hypertrophie – starke Unterernährung in das Frauenhaus. Das völlig entkräftete Kind lag auf einer alten Matratze, in der linken Ecke von dem Schlafraum. Dieses Kind war so stark abgemagert, dass es schon in einem Lebensbedrohlichen Zustand war.

Emily kam mit ihrer Einschätzung über jenes Kind zu Hannes und sah ihn sehr besorgt an „Ich kann eine Lungeninfektion nicht mehr ausschließen. Zudem besteht die Gefahr des plötzlichen Herztodes. Ich haben ihr sofort eine Infusion mit Elektrolytlösungen gelegt. Ich kann dir nicht sagen, ob das Mädchen die nächsten 24 Stunden überlebt.“
Roger sah Fassungslos Emily und Hannes an und entschied, dass dieses Kind sofort ins PRT gefahren werde sollte. Hannes nickte „Okay, Abfahrt jetzt! Emily und die Kleine in mein Auto. Nila, komm du bitte mit, du musst mit dem Kind reden. Oliver, kommt ihr nach, wenn ihr hier fertig seid. Roger, bist du bereit?“ Der Major nickte Hannes zu. „Okay, dann Attacke auf nach Khost.“

Hannes fuhr den Armoured ans absolute Limit – so wie er es oft genug auf den Trainingsstrecken für dieses Auto lernte. Mit seinen fast 600 PS jagte er den Armoured über die engen Straßen in Richtung Khost.
„Roger, schau du bitte auf die rechte Seite und sag mir, was in 200 Meter gefährlich sein könnte. Nila, halte das Kind gut fest, es kann sein, dass ich oft stark bremsen muss. Rede mit ihr! Halte das Kind irgendwie wach. Wenn es ins Koma fällt, könnte es dies nicht überleben.“

Roger rief ins PRT nach Khost an und gab die Anweisungen, die Emily ihm sagte, den Ärzten im PRT-Hospital weiter.
Hannes raste mit voller Konzentration Richtung Khost.
Bremsen, schnelle Überholmanöver, bremsen und wieder Vollgas. Der gepanzerte Armoured jagte an alten Pickup’s, Bussen oder Fahrräder die Hühnerkäfigen auf dem Gepäckträger hatten vorbei.
Der Gegenverkehr kam oft bedrohlich nah oder wisch so weit aus, dass selbst ein Containerschiff noch Platz gehabt hätte hindurch zu fahren.
Immer wieder musste Hannes ausweichen, bremsen und Vollgas geben. Die unbändige Kraft des Armoured drückte die Insassen für zwei Sekunden in die Sitze, wenn Hannes wieder Vollgas gab.

An der kommenden Abbiegung ging es die nächsten 18 Kilometer über Sandpisten. Mit 163 km/h jagte der Armoured über die 5 Meter breite Piste. Zwei Mopeds waren 150 Meter vor ihnen. Es kam eine leichte links Kurve, Hannes merkte wie das Heck vom Auto in der Kurve nach rechts in Richtung der zwei Mopeds rutschte. Gegenlenken, kurz vom Gas um dann wieder Vollgas zu geben. Trotz dem Gewicht von über 4 Tonnen, die der Armoured hatte, merkte jeder den unglaublichen Schub, wenn Hannes das Gaspedal durch drückte – selbst auf Sand!

„Ich spüre Herzrhythmusstörungen auftreten. Fange mit Fremdbeatmung durch Sauerstoff an“ ,sagte Emily von der Rückbank. „Okay. Roger, wir kommen zu einer ungünstigen Zeit in Khost an, mach etwas! Soldaten sollen Straßen sperren oder blockieren, ich brauche freie Straßen. Lass dir etwas Einfallen, schnell!“
Roger tat, was Hannes ihm sagte und rief den Diensthabenden First Leutnant im PRT an.

Ein Mopedtaxi kam ihnen in 200 Meter Entfernung auf der Sandpiste entgegen, Hannes sah wie der Fahrer um sein Leben fürchtend nach rechts von seinem Sitz in ein Getreidefeld sprang. Im Abstand von 15 Zentimeter rauschte der schwarze Armoured an dem Dreirädrigen Taxi mit 150 km/h vorbei.

„Herzstillstand! Beginne mit Reanimation. Nila, halte ihren Körper gut fest, ich möchte ihr nicht noch die Rippen brechen.“

In 500 Meter sah Hannes einen Lkw fahren. Sechs Autos und ein Bus fuhren hinter dem Lkw auf der Piste. Die Piste war zu schmal um zu überholen. Hupen brachte sowieso nichts, weil dies in Afghanistan jeder tat. Diesen Sinn, oder Unsinn konnte er nicht verstehen. Der Lkw fuhr mit 40 km/h vor ihnen her. Hannes schaute sich das Gelände links neben der Piste an, so weit er dies sehen konnte.
„In zweihundert Meter wird die Böschung flacher. Was macht die Reanimation?“ Er lenkte das Auto weiter nach links an die aufsteigende Böschung. Der Abstand wurde immer weniger, bis er nur noch ein paar Zentimeter parallel zur Böschung fuhr.
„Was macht die Reanimation..?“
„Moment!“ Er fuhr immer noch wenige Zentimeter parallel zur Böschung. „Emily!“
„Atmung wieder da. Go!“ „Okay. Leute, festhalten. Es wird etwas holprig.“

Hannes lenkte den Armoured einen Meter die Böschung hoch, als das Heck auf gleicher Höhe war, gab er Vollgas. Steine, Büsche und Wurzeln schlugen gegen die gepanzerte Bodenplatte und Karosserie. Kleinere Büsche und Hecken flogen über die Motorhaube oder links am Auto vorbei. Die Fahrer der Autos hupten und gestikulierten wild mit den Armen, als der Armoured schräg an ihnen vorbei jagte. Eineinhalb Minute später war er wieder auf der Piste. Wegen dem losen Untergrund links an den Reifen von der Böschung und der feste Untergrund der Piste rechts, zog der Wagen nach dem Überholmanöver nach rechts. Hannes lenkte den Armoured kurz nach links, bremsen und gab wieder Vollgas.

Noch 20 Minuten bis Khost.
Ein Pickup mit Personen auf der Ladefläche kam ihnen entgegen. Links und rechts von dem Wagen hingen Hühnerkäfige. Die Menschen auf dem Pickup duckten sich und die Hühner flatterten wie wild, als der Außenspiegel von dem Land Rover 10 Zentimeter unterhalb der Käfige vorbei rauschte. 

Das Telefon von Roger klingelte und kurze Zeit später sagte er „die Soldaten haben die Ringstraße gesperrt.“ „Super, danke.“
Die Tachonadel ging an die 180 km/h Marke. Immer wieder kamen leichte Kurven, bei denen der Armoured jedes mal quer rutschte. Im Rückspiel sah man eine riesige Staubwolke.

„In 200 Meter rechts 8-10 Hammel an der Straße“, sagte Roger.
Hupen schien die Tiere nicht zu interessieren. Hannes musste eine Vollbremsung machen und der Armoured rutschte quer über den Sand.
Gegenlenken, bremsen, hupen – den Hammel völlig egal.
Die Böschung  auf der linken Seite war steiler, als die vorherige. „Festhalten!“ Mit 80 km/h fuhr der Armoured schrägt an den Hammel vorbei. Geröll von der Böschung schlug mit einer unglaublichen Lautstärke gegen die Karosserie.
„Noch drei Kilometer, dann kommt wieder Asphalt. Ist bei euch alles gut?“ Da Hannes von seinen Begleiter keine Antwort bekam, gab er noch etwas mehr Gas.
Die Abbiegung nach rechts, steuerte er mit 100 km/h an. Kurz vor dem Asphalt bremste Hannes das Auto so stark ab, dass dieses am Heck nach links ausbrach. Gegenlenken nach rechts und wieder gegenlenken nach links. Das Auto rutsche quer zum Asphalt. Der Winkel passte jetzt und Hannes gab Vollgas. Mit über 200 km/h rasten die fünf die Vierspurige abschüssige Straße auf Khost zu.

15 Kilometer waren es jetzt noch bis zur Ringstraße. 221 km/h zeigte die Nadel im Tacho an. Alles rauschte in Bruchteilen von Sekunden am Auge vorbei. Fahrzeuge auf der linken Straßenseite wurden zwischen der Sandpiste, Bäume und Sträucher, die die beiden Straßen trennte, überholt. Die Bäume und Sträucher auf der linken Seite waren oftmals keine 20 Zentimeter vom Außenspiegel entfernt. Immer wieder schlugen Steine, Büsche oder Müll gegen die Karosserie. Rechts war oft zwischen den Pkw, Busse oder Lkw auch nicht mehr Platz. Es find an sich zu stauen.
Noch drei Kilometer bis zur Ringstraße. Hannes musste auf die rechte Seite neben der Fahrbahn. Die Sandpiste war dort in einem schlechteren Zustand, aber wenn der Verkehr erst einmal stand, hatte Hannes keine Chance mehr auf die Ringstraße zu kommen.
Rechst von ihm fuhren Autos, Mopeds und Lkw. Im Rückspiel sah er den Abstand zu dem Autos rechst neben sich. „Passt.“ Er zog den Armoured nach rechts durch die gerade mal Einen Meter breitere Lücke, als der Armoured war, über die zwei Fahrspuren.
Der Armoured kam in einem zu steilen Winkel vom Asphalt auf den Sand und Schotter der Piste. Sofort lenkte Hannes nach links, das Heck war noch nach rechts im rutschen, als er schon das Lenkrad ganz nach rechts drehte. Nochmal stark gegenlenken und Vollgas. Bei diesem Manöver hatte der gepanzerte Armoured gar keine Zeit um weiter nach rechts zur rutschen. Die fast 600 PS sorgten so schnell für Vortrieb, dass es für das Auto nur eine vorgegebene Richtung gab.

Hannes sah zwei Humvees auf der rechten Seite der Straße als Vollsperrung stehen. 500 Meter waren es noch bis zur Ringstraße. „Verdammt, die Humvees stehen falsch! Nila, halte das Kind fest!“ Der Armoured schlug immer wieder in Löcher von der Piste ein. Die ersten Zelten und Buden aus Plastikplanen von den Händler an der Piste waren noch wenige Meter entfernt. Hannes hupte. Menschen und Hunde rannten nach rechts und links. In einem Abstand von weniger als einen halben Meter, schoss der Armoured mit 137 km/h an Menschen, stehende Mopeds, Karren, Zelte und Ware vorbei.

Durch den unebenen Untergrund hatte Nila es schwer, das Kind fest zu halten. Hannes sah nun besser die zwei Humvees auf der Straße stehen. Einer stand zu weit auf der Fahrbahn, die er brauchte. Die Soldaten sprangen zur Seite.
Vollbremsung. Scharf nach rechts lenken, das Heck vom Auto rutsche links über den Sand. Vor dem Auto waren immer noch Verkaufsstände, an denen der Armoured schräg vorbei rutschte. Schnell nach links lenken, sofort wieder nach rechts. Der Asphalt war noch viereinhalb Meter entfernt, das Auto rutsche immer noch quer über den Sand auf einen tieferliegenden Kanaldeckel zu. „Festhalten, es holpert gleich.“

Um nicht die Achse abzureißen, musste Hannes ganz nach links lenken, er ließ die Bremse los damit die Reifen drehten konnten, die Vorderachse knallte 30 Zentimeter hinunter auf den Kanaldeckel. Der Armoured machte einen Schlag nach links und eine Sekunde später gab es einen Schlag auf die rechte Seite. Der Humvee war nur noch eineinhalb Meter entfernt. Hannes gab Vollgas, er hatte den Winkel den er brauchte um auf den Asphalt der Ringstraße zu kommen.

5 Kilometer war nun die vierspurige Ringstraße. Trotz der Sperrung fuhren ein paar Busse, Autos, Mopeds und Fahrräder auf der Straße. Menschen waren auf oder an der Straße zu Fuß oder mit Karren unterwegs. Die Tachonadel war bei 118 km/h. Häuser, Händler, Fußgänger rauchten nur so am Auge vorbei.
Ein Moped kam in 30 Meter mit drei Personen links auf die Fahrbahn. Der Fahrer schaute gar nicht nach rechts, was sich ihm mit 100 km/h hupend näherte. Im letzten Augenblick sah der Mopedfahrer nach rechts, erschrak sich so sehr, als etwas großes schwarzes an ihm vorbei rauschte, dass er mit seinem Moped und den zwei Mitfahrer umfiel.

In 60 Meter stand rechts ein Bus, Menschen liefen über die Straße zum Bus. Da er nichts wusste, ob Menschen auch von rechts kommen, zog er das Auto ganz nach links auf einen Karren mit Gemüse zu. Der Mann mit dem Karren winkte und ruderte wie wild mit den Armen, aus Panik lief er nach links weg.

Noch 7 Minuten bis zum PRT.
„Erneute Fremdbeatmung“ sagte Emily. Hannes musste bald auf die andere Seite vom Kanal. Er sah die Kreuzung auf der linken Seite in 200 Meter und zog das Auto ganz nach rechts, bis auf wenige Zentimeter an den Fahrbahnrand. Menschen sprangen in Panik über die Waren der Händler um sich in Sicherheit zu bringen. Er bremste kurz vor der Kreuzung so stark ab, dass das Heck vom Auto nach rechst ausbrach. Gegenlenken, bremsen, gegenlenken – dies alles in Bruchteilen von Sekunden. Nun hatte er den passenden Winkel für die Kanalbrücke. „Festhalten!“

Beim Überfahren von der Brücke, hob für eine Sekunde das 4 Tonnen schwere Fahrzeug ab. Sofort lenke Hannes nach rechts. Das Heck rutschte beim aufsetzten auf den Asphalt nach links. Gegenlenken und wieder Vollgas.

Die Straße war auf dieser Seite vom Kanal schmäler. Autos, Busse, Bäume, Händler und die Mauer vom Kanal ließen ihm gerade mal drei Meter Platz. Mit 158 km/h rauschte der Armoured durch die 3 Kilometer lange Gasse.
„Noch 5 Minuten bis zum PRT“, war die Ansage von Hannes. Roger nickte und drückte die Schnellwahltaste auf seinem Telefon und sagte dem leitenden Offizier die Uhrzeit bis zum Eintreffen. „Alle ist vorbereitet“, sagte er nach dem kurzen Gespräch. „Danke, Roger. Emily, gib mir Status.“ „Herzfrequenz sehr unregelmäßig, Atmung setzte dreimal aus. Augenflimmern. Puls sehr schwach – unter 40, seit einer Minute nicht mehr ansprechbar!“
Hannes jagte mit 203 km/h aus der Stadt raus.
Das PRT kam in Sichtweite.
Noch 1 Kilometer. Die Tachonadel zeigte 215 km/h an. 400 Meter vor den Barrieren zum Camp bremste er auf 100 km/ h ab. 50 Meter waren es noch bis zu den Barrieren. Hannes steuerte dreimal so schnell wie üblich auf die 3 Meter hohen und 2 Meter breiten Betonwände zu. Wenige Zentimeter waren links, rechts, links zwischen Fahrzeug und Betonwand noch Platz.

Alle Soldaten in Champ waren bei der Einfahrt weit genug weg und in Sicherheit. Auf dem Gelände sah er rechts hinter den Wohncontainer schon zwei Ärzte vor dem Hospital stehen.
Der Wagen stand noch nicht, da hatte Emily schon die Tür auf. Packte das Kind und rannte mit den Kollegen in das PRT-Hospital. Hannes hörte noch, was Emily den Ärzten über den Status von dem Kind sagte.


Auf der kleinen Intensivstation lag ein Körper von einem, vielleicht, 13-jährigen Kind, der so schmal und zierlich war, als sei er von einem 8-jährigen Mädchen. Viele Geräte blinkten, piepsten oder zeigten das sie an waren. Mehrere Infusionen hingen an zwei Ständer neben dem Bett.

Emily kam ins Zimmer uns schaute in die Runde „Noch sehr kritisch…“ sie schluckte ihre Tränen herunter „…wenn sie diese Nacht überlebt, hat sie gute Chancen.“
„Was ist mit ihrem Gehirn?“ „Hannes, ich weiß es nicht. Auf der Fahrt hierhin, hatte sie zeitweise nicht selbst geatmet. Durch sofortiges Handeln mit Sauerstoff, könnte ich ein Hirnschaden ausschließlich – wohlgemerkt: könnte! Ich weiß es aber nicht! Lass uns bis morgen abwarten. Wir alle haben getan was nur möglich war.“
„Danke mein Engel.“


Geschlossen ging am Abend das Team zum Camp-Hospital, Major Roger Juarez ging auch mit. Roger hatte eine Bibel dabei.
Die Sanitäts-Soldaten grüßte Roger, als er mit der Gruppe ins Hospital kam.
Emily ließ sich von Arzt den aktuellen Befund geben. Sie kontrollierte die Geräte am Bett, fühlte den Puls, schaute dem Kind in die Augen, drückte und fühlte am Brustkorb, Arme und Beine.
Wortlos sah Roger zu Hannes und Nila. Die Tochter von Roger konnte im gleichen Alter sein wie dieses Mädchen. Noch wusste niemand ihren Namen, ihr Alter und wo sie herkam.
Marcel legte ein Stofftier, eine Tigerente,  zwischen den Kopf und ihren linken Arm. Marcel hielt ihre Hand fest und streichelte ihren Kopf – das war eine große Geste.

Roger las aus der Bibel im Matthäusevangelium. Schweigsam hörte jeder der Predigt von Roger zu.
Nach einer Stunde konnte Hannes nicht mehr. Er konnte nicht weiter auf diesen so stark geschwächten Körper schauen.

Nila ging mit Hannes an diesem Abend noch einmal ins Camp-Hospital. Marcel und Sabine saßen bei dem Kind. Marcel hielt die kleine Hand fest und streichelte es immer wieder. „Und?“ Fragte Hannes und sah zu Sabine. „Ihr Herzrhythmus normalisiert sich langsam. Nun hat sie schon die fünfte Infusion. Wenn Marcel sie los lässt, verändert sich ihr Herzrhythmus. Sie spürte, dass jemand da ist. Ich bleibe hier bei Marcel.“
Nila sprach auf Paschto mit dem Kind, in der Hoffnung, dass es noch keinen kognitiven Hirnschaden hatte. Hannes konnte nichts mehr tun, als nur noch zu hoffen und warten.
„Sabine, ruf mich an, wenn du es für nötig hältst.“ „Natürlich. Versuch zu schlafen. Hannes, du hast alles getan was du konntest. Mir ist bekannt, wie schnell du gefahren bist und das die Soldaten dir den Weg frei gemacht haben. Mehr ging nicht! Warte bis morgen. Roger war kurz vor euch hier gewesen.“

Dienstag, 22. März 2007
Kurz vor 6 Uhr klingelte sein Handy. Wie von einer Tarantel gestochen sprang Hannes aus dem Bett.
„Ich höre…“ Sabine rief an, sie sagte, dass das Mädchen die Augen geöffnet hat. „Ich bin in zwei Minuten da.“

Hannes stürmte aus der Tür seiner Unterkunft und  rannte zum Hospital. Er rannte so schnell er konnte. Edwin Moses hätte neben ihm alt ausgesehen.
Er riss die Tür vom Hospital auf, stürmte an drei verdutzt schauenden Soldaten vorbei und war in exakt zwei Minuten bei Sabine im Krankenzimmer.
Mit hochgezogenen Augenbrauen sah sie ihn an.

Hannes ging langsam ans Krankenbett. Das Kind sah ihn an. Es konnte noch nicht sprechen. Auf Paschto fragte er, wie es ihr geht. Ihre Augen bewegten sich. Ihm kamen die Tränen.
Nila kam ins Krankenzimmer „Wie guad, dess du wenigschdens Underhosa an haddeschd.“ Sie reichte ihm ein T-Shirt und Hosen. Sabine und Marcel grinsten sich an.
„Wie war die Nacht mit ihr?“ Fragte er Marcel. „Könnte ich dich auch fragen.“ Sabine grinste breit und knuffte Marcel in die Rippen. „Ab zwei Uhr ging das EKG so langsam in den grünen Bereich. Bis jetzt hat sie die siebte Infusion. Ihr Puls kommt langsam höher – ist jetzt bei 52. Jede halbe Stunde wurde es einen Schlag mehr.  Die Blutzirkulation ist im Aufbau. Ich merke es an ihren Finger und Zehen. Ich würde auf jeden Fall noch weitere Elektrolytlösungen geben.“ „Danke, Marcel.“

Nila sprach auf Paschto mit ihr, langsam bewegte das Kind seinen Kopf. Sie schaute zu Marcel und nickte leicht. Marcel drückte ihre Hand etwas fester und ihm kamen die Tränen. Wie hatte sich dieser Mann verändert. Hannes war sehr stolz auf seinen Freund. Er stellte sich hinter Marcel und legte ihm die Hand auf die Schulter „Je suis très fier de toi. Mon Ami.“ „Ich habe dir zu danken. Du hast mich verändert“, sagte der wohl beste Scharfschütze und Bodyguard auf diesem Planeten zu ihm.

Nila sprach mit dem Kind und sagte ihr wo es jetzt sei, wie die letzten 17 Stunden waren und das es keine Angst haben muss. Nila versprach ihm, dass es nie wieder zu seinem Mann zurückkehren wird.  Ein leichtes Lächeln huschte über das Gesicht von dem Kind.

Ein Ordonnanzoffizier brachte Frühstück für die vier ins Krankenzimmer.
Nila redete und redete mit dem Kind. Je mehr sie sprach umso mehr veränderte sich die Gesichtsfarbe von dem Mädchen. Leben kam zurück in diesen geschundenen Körper. Gott sei dankt.

Im Camp-Hospital saß Hannes links neben dem Bett bei dem Mädchen. Ein Gerät wurde schon ausgeschaltet. Es ging aufwärts.
Hannes gab Nila die drei Kinderbücher und sagte ihr, sie solle dem Kind die Fotos in den Büchern zeigen. Hoffentlich erkannte es die Bilder, die dort abgebildet waren.
„Woher haschd du diese Bücher?“
„Soldaten haben nicht nur Schokolade auf Patrouillenfahrten dabei – auch Bücher, Malbücher, Buntstifte und Spielzeug. Deeskalierende Maßnahmen nennt man so etwas. Ich hoffe bei Gott, dass es einen Ball oder Hund erkennt.“
Nila schlug das Vorschulbuch mit gemalten Bilder auf. Es waren Symbole die jeder kennt: Haus, Baum, Ball, Kamel, Hund, Katze, Maus…

Hannes beobachtete das Kind – seine Augen, Gesicht und Gestik. Musste das Kind bei solchen Symbolen zu lange denken, erkennt es Farben oder lag schon ein hypoxischer Hirnschaden vor? Das Mädchen sah ihn an und er hielt die kleine Hand fest. Ihre Augen bewegten sich zu Nila, dann zu ihm und wieder zu Nila. Sie wollte etwas sagen. Was aus ihrem Mund kam, konnte Nila nicht verstehen. Nila fragte, ob es die Worte wiederholen könnte – gleiches Resultat.
„Nila, lass gut sein. Durch die Intubation von gestern, ist ihr Kehlkopf geschwollen. Es soll einfach nur nicken, ob es die Symbole kennt.“
Das kleine Mädchen nickte bei den ersten Symbole, die Nila ihr zeigte. Hannes zeigte ihr drei Finger. Es sollte dreimal mit dem Kopf nicken – konnte es. Fünf Finger – konnte es auch. Immerhin konnte das Mädchen zählen.
Nila frag, ob sie ihre Zehen, Beine oder Arme bewegen könnte. Es waren minimale Bewegung zu sehen. Dieses Kind hatte gar keine Kraft mehr.

Ein Sanitäter schloss eine weitere Infusion an. Nila sagte dem Kind, was und wofür dies sei.

Nach 26 Stunden hatte sich der Gesundheitszustand wesentlich verbessert. Nila sprach mit dem Kind und sagte ihm, was Hannes vor einer halben Stunde ihr unterbreitete. Dem Kind kamen die Tränen. Sie konnte reden, wenn auch sehr leise. Ihr Name war Amira. Amira, die Prinzessin. Es wusste auch wie alt es war und woher es kam. Nila schrieb alles auf, was Amira über sich sagen konnte. Hannes strich Amira über den Kopf „Alles wird gut. Versprochen.“

Zurück im Hospital traute er seinem Augen nicht. Amira saß auf ihrem Bett. Nila hielt sie fest – trotzdem konnte sie schon sitzen. Was für ein Fortschritt! Hannes entfernte den Schlauch für die Infusion und die Saugknöpfe vom EKG. 

Er besorgte einen Rollstuhl und fuhr Amira einige Türen weiter ins Bad, damit Nila sie duschen konnte. Der Schweiß, Staub und Dreck der auf ihr war, musste endlich runter.
Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis die beiden aus der Dusche kamen. Jetzt sah er zum ersten mal, wie schön Amira war. Ihre dunklen Augen hatten endlich einen anderen Glanz – nicht mehr so matt, wie noch vor Stunden. Ihr schmales Gesicht mit dem etwas vorstehenden Kinn, sah so wunderschön aus. Ihre Wangenknochen standen extrem raus. Mit der Gewichtszunahme würde dies in der nächsten Zeit sich auch ändern.

Noch war Amira nur Haut und Knochen, und selbst die kleinste Größe an Kleider, die Hannes in der Kleiderkammer vom PRT organisierte, waren ihr zu groß. Immerhin noch besser, als die Lumpen die sie an hatte.
Er fragte einen Arzt, ob Amira das Hospital verlassen könnte. Er wollte ihr das PRT zeigen und vielleicht am Shop eine Coca-Cola trinken. Der Arzt wusste von der medizinischen Notfall-Ausbildung von Hannes und stimmte seinem Wunsch zu.

Mit dem Rollstuhl fuhr er Amira durch das Camp. Sie fuhren zu Roger ins Büro, zur Kantine und er zeigte Amira seine Unterkunft.

Nach der Führung durch das PRT saßen die drei vor dem Camp-Shop. Amira wollte Eis und Schokolade essen. Im Shop war sie von dem Angebot an Süßigkeiten, Essen und Getränken überwältigt. Hannes kaufte ihr Softeis und eine Handvoll Schokoriegel. „Jedzd überdreib mol ned. Es müssa koi 15 Schokoriegle sein“, sagte Nila und verdrehte die Augen bei dem Anblick von einem Berg an Süßigkeiten.

Mittwoch, 23. März 2007

Gleich nach dem Aufstehen gingen sie beide zu Amira ins Hospital. Als Amira beide sah, lachte sie. Sie lachte das erste Mal seit sie im PRT war.

Nila fuhr sie im Rollstuhl nochmals zum duschen. Dieses Mal waren sie schneller zurück.

Dem Diensthabenden Arzt sagte er, dass Amira mit zum Frühstück in die Kantine kommt und danach in die Stadt fahren werde, um Kleider für sie zu kaufen.
Der Arzt zeigte ihm den neusten Befund von den Blutwerten. Die Medikamente, die Amira bekam, zeigten erste Wirkung.
Da er den Arzt nicht sagen konnte, wann sie zurück sein werden, gab der Arzt ihm Medikamente mit und sagte, wann Amira welche nehmen sollte.

Stolz wie ein König schob Hannes den Rollstuhl vom Hospital zur Kantine.
Nila erklärte Amira das Essen, welches sie nicht kannte. Amira wollte Rührei mit Speck, Brot, Marmelade und Erdnussbutter.
Roger setzte sich zu den dreien an den Tisch. Seine Uniform mit all den Abzeichen und Symbole imponierte Amira sehr. Nila erklärte ihr, wer dieser Mann sei.
Der Gesichtsausdruck von Amira veränderte sich, als sie den Umschlag auf dem Tisch liegen sah, den Roger zu Hannes schob. Hannes sah zu Amira und schob den ungeöffneten Umschlag zu ihr. Sie sah ihn erschrocken an. Er nickte ihr zu. Sie sah Nila an und auch sie nickte.
Mit ihren schmalen Finger öffnete Amira den Umschlag. Amira sah fragen auf zu Nila, als sie das Dokument in ihren Händen hielt. Nila erklärte Amira dieses Dokument und um alles weitere würde sie und Hannes sich kümmern. Amira kamen die Tränen. Hannes nahm ihre kleine Hände „Alles wird gut. Wir versprechen es dir!“

Mit dem Rollstuhl fuhr er Amira zum Armoured. Jetzt erst sah er die „Kampfspuren“ von Schotter, Steine und Büsche von den fahrten über die Böschungen an dem 450.000 € teuren Wagen.
Hannes sah Nila und zog die Schultern hoch „Na ja, dafür wurde die Kiste schließlich gebaut.“
Er hob Amira aus dem Rollstuhl in das große Auto. Durch den Befund aus dem  Hospital wusste er, wie schwer – oder leicht, sie war.
Nila setzte sich rechts neben Amira auf die Rückbank und erklärte ihr das Fahrzeug und dessen Sinn. Nun erfuhr Amira auch, welchen Beruf Hannes hatte.

Auf zum shopping

Vom PRT ging es in die Stadt. Sie wollten im Zentrum von Khost in ein großes Kaufhaus fahren. Nila erzählte Amira mit welcher Geschwindigkeit sie vor zweieinhalb Tage über diese Straße gerast seien. Hannes sollte auf die Zahlen am Tachographen zeigen, damit Amira sich dies überhaupt vorstellen konnte.

Auf der Einfahrt zum Parkplatz von dem Shoppingcenter zeigte Hannes seine offizielle Dokumente von der Regierung über seine Person und Status, wie auch seinen Berechtigungsschein zum tragen einer Waffe in allen öffentlichen Gebäuden in Afghanistan. Kontrolliert wurde ein solches Fahrzeug sowieso nicht, denn die Wachmänner wussten, wer mit solchen Autos gefahren wurde. Ihm wurde ein Parkplatz in der Nähe vom Eingang zugewiesen.

Den Wachmänner am Eingang zeigte er wieder seinen Ausweis. Die Wachleute waren immer froh, wenn solche Personenschützer im Gebäude waren, sie kannten deren Ausbildung und Unterstützung im Ernstfall.

Das Shoppingcenter war riesig und es gab auch so gut wie alles zu kaufen. Computer, Laptop, Telefone, Fernseher, Kleider, Lebensmittel, Möbel von und in allen Preisklassen. Nila schien solche Gebäude zu kennen, sie bewegte sich völlig normal vorbei an den vielen Geschäften und deren Ware. Amira war noch nie in so einem Gebäude gewesen. Wer kein Geld oder ordentliche Kleidung hatte, bekam keinen Zutritt.

„Nila, wir sind hier um für Amira und für dich zu kaufen. Was immer ihr wollt – kauft es.“ Sie sah ihn wieder mit diesem – ich möchte nicht betteln Blick an. Er gab ihr 80.000 Afghani – umgerechnet 850 €. „Nimm dieses Geld und kauf! Wenn es nicht reicht, ich habe noch. Nein, keine Diskussion! Für euch beginnt ein neues Leben und dazu gehören auch vernünftige Kleider. Geht zum Friseur, wenn ihr wollt. Du bist jetzt Direktorin, meine schwäbische Schupfnudel.“

Sie gingen an Kleidergeschäfte vorbei, die Mode aus Afghanistan und Europa im Schaufenster hatten.
„Wir sollten zuerst Amira einkleiden, damit sie vernünftig aussieht.“ Hannes nickte Nila bei diesem Vorschlag zu.
In einem Geschäft mit westlicher Mode kauften sie Jeans, Blusen, T-Shirts und Unterwäsche.
Amira kam mit Nila aus der Umkleidekabine. Sie hatte Jeans, ein weißes T-Shirt und eine rote Bluse an. Nila kämmte ihr die Haare. Amira war kaum wieder zu erkennen. Nun war sie wirklich eine Prinzessin! In diesem Geschäft kaufte Nila zwei große Taschen mit Kleider für sie beide. Hannes bezahlte mit der Kreditkarte. „I han do Geld von dir bkomma.“ „Ich weiß. Lass mich nur machen.“

Das nächste war ein Schuhgeschäft. Amira kannte keine Sneaker oder Turnschuhe. Dort wurden fünf Paar Schuhe für sie gekauft. Nila kaufe sich drei Paar, wovon eines schwarze High Heels waren. 
Auf der gegenüberliegenden Seite von dem Technik Shop sah er eine Buchhandlung. Dort gab es sogar Bücher in Englischer, Deutscher und Französischer Sprache. Hannes kaufte ein Dutzend Bücher in der Buchhaltung. Kinderbücher, einen Weltatlas, ein Fotobuch von Europa und ein Buch über Tiere. Mit seinem Einkauf ging er zum Friseur zurück.

Erstaunt sah er auf Nila und Amira und stellte sich die Frage, wann die beiden Friseurinnen endlich mit ihrer Arbeit beginnen würden.
Er legte Amira das Buch über Europa auf den Schoß und zeigte ihr, wo er früher einmal gelebt hatte. Nila sah den Stapel an Bücher und schüttelte den Kopf „Du bisch mordsmäsich verrückt.“

Es wurde Nachmittag und Hannes bekam langsam Hunger. Er fragte Nila, wann denn mit einem Ergebnis des Friseur Besuchs zu rechnen sei. Ihre Antwort war die gleiche, wie vor 10 Minuten, 15 Minuten, 30 Minuten: gleich.
Gleich – war dann doch eine Zeitangabe die ihm sehr missfiel. Er gab Amira ihre Medikamente, setzte sich neben sie und erklärte in dem Europa-Buch die abgebildeten Fotos: Neuschwanstein bei Füssen, der Markusplatz in Venedig, die Sagrada Família in Barcelona, der Buckingham Palace in London, Notre Dame in Paris und noch so vieles mehr.
Amira lachte ihn an, wenn er bei seinen Ausführungen mit den Händen alles  bildlich darstellte.
Bei der Sagrada Família, sagte er ihr den vollständigen Katalanischen Namen: Basílica i Temple Expiatori de la Sagrada Família. Welche Farben die Fenstern hatten. Wie wunderschön die Krypta sei und wie oft er in diesem Gebäude mit Gott gesprochen hatte und das vielleicht in 15 Jahren diese Kirche fertig gebaut wäre.
Amira verstand kein Wort von ihm und trotzdem erzählte er ihr so viel. Immer wieder streichelte er ihr über den Arm oder ihre Wange.

Nila stand neben ihm „Wir sind fertig.“ Er sah sie an und ihm blieb für kurze Zeit die Luft weg. Ihre langen Haare hatte eine bräunliche Farbe – Nuancen Nougat, bekommen und waren jetzt leicht gewellt. Ihr Make-up war dezent und trotzdem auffallend, ihre Wimpern und Augenbrauen wurden gefärbt, das Make-up an ihren Augen war der Hammer. Durch verschiedene Farben, waren ihre kastanienbraunen Augen wie ein Schuss auf den Mond. Sie stand in ihren Blue-Jeans mit einer hellbraun karierten Bluse vor ihm. Sie sah aus wie eine Königin. Er bewegte die Lippen, es kamen aber keine Worte über diese. Sie grinste, kam einen Schritt auf ihn zu und gab ihm einen Kuss.

Bei Amina wurden die Haare bis auf Schulterlänge gekürzt und stufig geschnitten. Auch sie war leicht geschminkt. Durch die Farben sah man nun ihre Wangenknochen nicht mehr so extrem vorstehen. Mit ihren weißen Turnschuhe, Jeans, dem weißen T-Shirt und ihrer offen stehende roten Bluse, sah sie aus wie eine von Millionen Teenager in Europa. Nichts erinnerte an das Mädchen, dass er vor dem Tod rettete, dreckig und in Lumpen auf dem Rücksitz seines Autos lag.
Er gab ihr einen Kuss auf die Stirn und musste sich seine Tränen weg wischen. Sie nahm seine rechte Hand und streichelte diese. Es sah, dass sie nun ordentliche Fingernägel mit einem roten Nagellack hatte. Nila zeigte ihm auch ihre Hände, super schöne Maniküre, der Nagellack war Pfirsich.

In dem Shoppingcenter gab es verschiedene Restaurants. Sie gingen in das teuerste. Nila und Amina wurden wie Königinnen behandelt.
Eine riesige Platte an Essen wurde aufgetischt. Typische Reisgerichte wie, Chalau und Palau. Ein Qorma Eintopf, verschiedene Salate, Essiggemüse, Joghurt und frisches Brot kamen auf den Tisch. Als Getränk gab es Dookh, ein erfrischendes Joghurt-Getränk mit Gurken und Minze.
Amira lernte schnell, sie saß aufrecht am Tisch und konnte sich benehmen. Sie schaute zwar immer wieder zu Nila oder zu den Nachbartische, wie sie sich beim essen verhielten. Für ein Kind, dass bis vor drei Stunden noch nicht einmal die Existenz eines solches Gebäude kannte – lernte Amira sehr schnell.

Nach dem sehr guten Essen gingen sie noch durch das Kaufhaus. Amira hatte so vieles noch nicht gesehen. Sie Fragte Nila, was dies oder jenes sei. Hannes hätte ihr alles gekauft, was sie wollte oder nicht kannte.
An einem Geschäft wurden Fahrräder verkauft. Sie wollte immer ein Fahrrad haben, ihr Vater hätte eines gehabt. Es gab in dem Geschäft viele Modelle vom einfachen Fahrrad über Mountainbike bis hin zu sehr teuren Rennräder.
Amira war von einem Rennrad sehr angetan. Ein 26″ Rad mit etwas breiteren Reifen und konischen Rahmen gefiel ihr sehr gut. Amira hatte Geschmack. Das Rad hatte 24 Gänge, einen breiten leicht gebogenen Lenker. Der Rahmen war leucht-grün mit schwarzen schmalen Streifen. Die Felgen hatten die gleiche Farbe mit schwarzen Streifen in der Felgenausbuchtung. Dieses Rad sah sehr edel aus.
Hannes hob Amira auf den Sattel, noch kam sie mit ihren Füßen nicht auch den Boden. Sie wird aber wachsen.
Nila sah den Preis und sofort begann eine Diskussion. „Nila, nicht der Preis entscheidet, sondern Amira!“
Amira sah Nila an und ihre Augen verloren ihr leuchten. Hannes konnte sich gegen jegliche Diskussion von Nila durchsetzen. Ein Punkt für ihn.

Zurück im PRT-Hospital

Amira sollte immer noch langsam machen. Nila sortierte die neue Kleider ordentlich in den Spind und legte die Bücher auf einen Tisch neben das Bett.
Ein Sanitäter kam ins Zimmer um Amira Blut zu entnehmen. Infusion brauchte sie keine mehr, sie konnte mittlerweile essen. Es war zwar noch nicht viel – aber immerhin.
Amira lag auf dem Bett  Links neben ihr lag
die Tigerente und rechts hielt sie den kleinen Stoffhund fest. Nila fragte sie, wie sie sich fühlte und ob ihr etwas weh tat oder sie sonstige Schmerzen hätte. Amira ging es gut.

Vor dem Hospital stand das grüne Monster-Fahrrad. Dieses Fahrrad war der absolute Hammer. Die Farbe von dem Rahmen konnte man wahrscheinlich vom Mond aus sehen.
Hannes schob das Rad ins Krankenzimmer und wollte es Amira unbedingt vorführen. Also musste ihr Bett von der Wand weg. Er rollte das Bett diagonal in den Raum. Die Stühle stellte er auf den Tisch und schob diesen nach rechts in die Ecke.
Nun fuhr er mit dem Fahrrad im Kreis durch das Krankenzimmer um Amira herum. Sie lachte und freute sich so sehr.

Nichts auf dieser Welt ist schöner, als wenn Kinder lachen. Nach der achten Runde musste er aufhören, ihm wurde schwindelig. Amira und Nila lachten Tränen, als er versuchte vom Rad zu steigen.
Nila hielt ihm am Arm fest. Er legte seine Arme um sie und küsste diese wunderschöne Frau. Amira klatschte. Sofort sah Hannes sie an. Erschrocken schaute Amira zu ihm. „Mach dies noch einmal! Mach es nochmal!“ Amira klatschte wieder in die Hände. „Versuch nun bitte deine Beine zu bewegen.“ Leicht konnte sie ihre Beine anheben.
Es ging voran! Er gab ihr einen Kuss auf die Stirn „Du schaffst das. Alles wird gut, meine Prinzessin.“

Nila setzte sich zu Amira auf das Bett. Sie wollte mit ihr angefangen zu üben, was Amira in der Schule gelernt hatte und was sie konnte. Sie war nur bis zum Ende der Grundschule in eben jener Schule. Amira konnte rechnen, schreiben und auch lesen.
9Mit Nila als Lehrerin, konnte für Amira etwas in Erfüllung gehen, wo von Millionen Kinder in Afghanistan träumten.

Sein Handy klingelte – es war Samira. Sie wollte mit Nila wegen der Schule reden. Hannes gab das Telefon weiter.
Er sah in den Augen von Amira, dass sie dem Telefongespräch folgte. Noch wusste sie nicht, was ihre zukünftige Mutter für einen Beruf hatte und in welcher Position sie war.

Das Gespräch zwischen Nila und Samira ging sehr lange.
Hannes wollte sich um die neusten Blutwerte von Amira erkundigen.
Ihre Werte wurden immer besser. In zwei Tagen könnte sie das Krankenhaus verlassen.

Zurück im Zimmer, telefonierte Nila immer noch. Amira hatte sich in der Zwischenzeit ein Buch vom Tisch genommen und blättere darin. Es war das Fotobuch von Europa. Sie zeigte auf verschiedene Fotos und Hannes sollte ihr sagen, was dies für ein Gebäude oder jene für Landschaft sei.

Sie lachte, wenn er mit seinen Händen ihr diese Fotos erklärte. Beim Foto vom Ätna erklärte er, dass dies ein Vulkan sei und dieser 3300 Meter hoch ist und die Berge von Khost in Richtung Osten, doppelt so hoch seien. Bei der Darstellung mir seinen Händen von einem Vulkanausbruch mit Feuer und Lava, mussten Amira wieder lachen. Er sah zu Nila, die immer noch am Telefon war, dass sie ihn beobachtete und grinste.
Beim Atomium in Brüssel wurde es doch etwas schwieriger. Wie sollte er einen chemisch nicht weiter teilbaren Baustein der Materie beschreiben? Marie Sklodowska Curie könnte dies ganz locker.
Sie kamen auf die Seiten der Flüsse. Dort konnte er ihr wieder vieles bildlich darstellen: Rhein, Donau, Themse, Bosporus oder Seine. Bei dem Bild von der Seine in Paris kamen ihm die Tränen. Amira wusste nicht was sie falsch gemacht hatte.
„Du hast nichts falsch gemacht, mein Engel. Es sind die Erinnerungen.“ Nila hörte kurz auf zu telefonieren und sagte etwas auf Paschto zu Amira, sie nickte und blättere weite.
Es kam das Kapitel mit den Landschaften. Die Lofoten in Norwegen. Hannes erzählte ihr, dass diese als die schönste Inselgruppe der Welt gelten. Der Geirangerfjord in Norwegen, Umbrien in Italien oder die La Mancha in Spanien. Hannes erzählte ihr von dem Ritter Don Quijote und seinem weltklugen Knappen Sancho Panza. Amira lachte wieder, als er ihr aus diesem Weltklassiker von Miguel de Cervantes die Abenteuer von Don Quijote darstellte.

Nila hatte nach einer gefühlten Ewigkeit das Telefongespräch beendet.
Es wurde Zeit zum Abendessen. Amira wollte mit dem Fahrrad zur Kantine fahren.
„Also gut, versuchen wir es.“
Vor dem Hospital setzte Hannes Amira vorsichtig auf das Fahrrad. Nila stützte sie rechts, er links. Durch den Freilauf der Pedale, musste Amira ihre Beine nicht bewegen. Mit den Händen an der Lenkstange schoben sie Amira über den Platz vom PRT. Da sie keinen Rollstuhl dabei hatten, probierte Amira zu gehen.

Hannes hielt sie links am Arm fest und Nila rechst. Einen Schritt ging sie nach vorne. Der zweite Schritt. Sie taumelte bei jedem Schritt – wollte aber weiter gehen. Eine Soldatin hielt ihnen die Tür zur Kantine auf. Als sie drei Meter in dem Raum waren, fingen Soldaten an zu klatschen. Erst nur eine Handvoll, es wurde bei jedem Schritt mehr. Irgendwann standen alle Soldaten von ihrenTischen auf und klatschen, pfiffen und jubelten Amira zu. Dies sind Momente die immer im Herzen bleiben. Diese Anteilnahme von unbekannten Menschen war unglaublich.

Auf dem Rückweg versuchte sie in die Pedale zu treten. Dies war dann doch etwas viel für sie. Umstehende Soldaten feuerten sie an. Sie versuchte es noch einmal. Eine Runde schaffte sie schon. Es wurde geklatscht und gejubelt. Eine ganze Traube an Menschen begleitete sie zum Hospital. Hannes merkte, dass Amira auf dem Fahrrad immer sicherer wurde und ließ sie los. Er ging ein paar Zentimeter vor sie und klatsche ihr zu. Die letzten Zehn Meter fuhr sie alleine!

Amira ging an der Hand von Nila Schritt für Schritt in ihr Zimmer ins Hospital. Überglücklich nahm er Amira in die Arme und drehte sich mit ihr dreimal um die eigene Achse.

Um 6.30 Uhr war er im Krankenzimmer.

Amira schlief mit ihren zwei Stofftiere im Arm. Sie sah so anders aus – so friedlich und wunderschön. In den letzten Tagen fiel so vieles von ihr ab. Sie brauchte keine Angst mehr vor einem Mann zu haben und fand Vertrauen zu Menschen. Sie fing an zu leben und zu lachen.
Hannes stand an ihrem Bett und die Wut über ihren Ehemann kam in ihm hoch „Sag mir, wer dir dieses Leid angetan hat und ich schlage ihm den Schädel ein.“

Er sah, wie sie atmete, wir ihre schmale Brust sich hebte und senkte. War sie bald seine Tochter? Würde sie dies überhaupt wollen? Er dachte an ihren Patenonkel. Ein eiskalter Killer auf ihrer Geburtstagsfeier, der den Kindern zeigt, wie man mit einem Luftgewehr auf Dosen oder Luftballons schießt. Er stellte sich sein Team bei einer Schulabschlussfeier vor. Eine Ärztin die ihr bei 150 km/h über eine Sandpiste das Leben rettete. Ein Bodyguard der ihr das Auto reparierte, ein Scharfschütze der ihr jedes elektronische Geräte so installierte, dass sie den Funkkontakt der ISS abhören könnte.
„Prinzessin, du hättest die besten Menschen dieser Welt um dich!“
Sie öffnete ihr Augen. Als sie ihn sah, lächelte sie. Er beugte zu ihr, streichelte ihr Gesicht und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.

Amira wollte aufstehen und Hannes half ihr aus dem Bett. Sie konnte nun alleine stehen. Er führte sie zur Toilette. Schritt für Schritt ging es für sie immer besser. Kurz vor der Tür ließ er sie los. Sie schaffte drei Schritte alleine, drehte sich um und lächelte ihn an.

Bis zur Dusche wollte er sich nicht alleine gehen lassen, lies sie aber auf dem Weg dorthin immer wieder los. Es wurden immer mehr Schritte und ihr Gang wurde sicherer.

In der Zeit, die Amira duschte, las er ihren letzten Befund und schüttelte den Kopf. Ein Kind das Haarscharf vor dem Tod stand und nun einen solchen positiven Bericht. Wenn sie gestorben wäre, hätte er sich wahrscheinlich bei Svea vergessen. Sie hatte für ihr Fehlverhalten eine saftige Abmahnung bekommen und nun war Nila die Chefin. Ihr Gehalt lag dreimal höher, als das vom Polizeichef in Gardez! Wo wird die Karriere von Nila enden? Mit ihrer jetzigen Position, Gedanken und Mut könnte sie in die Politik gehen.

Mit dem Rennrad fuhr Amira langsam zur den Wohncontainer. Nila lag noch im Bett, als beide in den Raum traten. Amira wusste nicht, was sie nun tun sollte. Hannes nahm ihre Hand und führte sie ins Zimmer und ging ans Bett. Er kniete sich, strich Nila die Haare aus dem Gesicht und küsste sie liebevoll wach. Amira sah eine solche Situation bestimmt das erste mal in ihrem Leben. Nila öffnete ihre Augen, streckte sich und legte ihre Arme um seinen Hals. Sie zog ihn zu sich und küsste ihn. Sie drehte den Kopf zu Amira und lächelte ihr zu „So ist Liebe zwischen Mann und Frau.“ 
Nila stand auf und ging zu Amira „Guten Morgen, mein Engel“ und gab ihr einen Kuss.

Gemeinsam gingen sie Frühstücken.
Amira fuhr mit dem Rennrad ganz alleine bis zur Kantine. Die Soldaten auf dem Platz klatschen ihr wieder zu.
Am Frühstückstisch kam Roger zu ihnen. Er war sichtlich gerührt über diese unglaubliche Veränderungen von Amira. Die Haare, Kleider und vor allem ihr Gesundheitszustand.
Nach dem Frühstück fuhr Amira mit dem Rennrad langsam los. Hannes beschleunigte seinen Schritt und zeigte ihr, wo sie hin lenken sollte. Das bremsen war noch nicht ihr Ding. Hannes drückte ihr im schnellen Schritt leicht die Hand zu. Nun wurde das Fahrrad langsamer. Er erklärte ihr wie sie bremste und welche der beiden Bremsen für welches Rad sei.
Er half ihr vor dem großen Zelt der Instandsetzung vom Rad, nahm ihre Hand und ging mit ihr an den Militär Fahrzeugen vorbei, die im Zelte standen. Hinten links in einer Ecke stand das andere Monster-Fahrrad. Sie schaute ihn mit einem fragenden Blick an. „Das ist Mama ihr Rad.“
Nila kam zu ihnen und sah das zweite Rennrad „Du bisch scho verrückt!“ „Du brauchst doch auch ein Fahrrad.“ Er stieg auf das orange-blaue Rennrad und fuhr an den beiden vorbei zum Ausgang von der Instandsetzung.
„Komm Amira, wir fahren ein Rennen.“
Das Rad war schon sein Geld wert. Alles ging leicht und schnell. Die Übersetzung der Gangschaltung war sehr gut und schnell abgestimmt. Trotz den breiten Reifen fuhr sich dieses Rad sehr leicht. Es war hervorragend ausbalanciert. Das Rennrad war eine richtige Rennmaschine, so wie diese auch im Profisport eingesetzt werden – nur eben nicht mit diesen breiten Reifen.
Hannes war am Ende von Camp angelangt, drehte und fuhr Amira entgegen. Gemeinsam fuhren sie langsam durch das Camp. An den Wachtürmen vorbei, rüber zu den Wohncontainer, runter zur Kantine, auf den nächsten Wachturm zu und einmal quer über den Platz zur Instandsetzung zurück. Ein Sergeant schwenkte die Zielflagge. Großer Applaus von den Streckenzuschauer. Tour de France im PRT

Hannes hatte Angst, dass sich Amira überanstrengte, er wollte sicherheitshalber ein EKG bei ihr machen lassen.
Das Ergebnis von dem EKG war äußerst zufriedenstellend. Morgen würden sie nach Hause fahren.
Amira wollte nochmal eine Runde mit dem Rennrad fahren.
Eineinhalb Stunden fuhren beide kreuz und quer durch das Camp. Amira hat sehr viel Spaß, wenn einige Soldaten neben ihr her liefen und sie anfeuerten.

Die Rennräder standen an der Wand vom Camp-Shop. Im Schatten saßen die drei bei Coca-Cola und Softeis. Hannes zeigte Amira auf seinem Laptop, was die Tour de France war. Nun verstand sie auch warum die Männer und Frauen sie so anspornten.

Sie konnte gar nicht genug bekommen. Immer wieder wollte sie rauf aufs Rad und noch eine Runde fahren. Hannes ließ sie nun alleine fahren. „Hast du keine Angst, dass sie vom Fahrrad fällt?“ „Nein. Hier sind 300 Soldaten in ihrer Nähe. Schau sie dir doch an, was die alle für ein Spaß haben. Glaub mir, hier ist für Amira zur Zeit der sicherste Ort in ihrem Leben.“

Samstag, 24. März

Amira schlief noch. Sie hatte ihren Kopf auf einem Stofftier liegen. Sie schlief so friedlich.
Nila packte ihre neuen Kleider aus dem Schrank und legte die Kleider für den heutigen Tag parat. Amira wurde wach und sah beide an, sie lächelte.
„Guten Morgen meine Prinzessin.“ Hannes gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Nila sagte ihr, dass sie heute das Hospital verlassen würde und wie der Tag geplant sei.

In der Zeit, die Amira sich duschte und anzog, ließ Hannes sich von dem Oberarzt ihre Akte geben. In nur einer Woche hatte diese an dicke ganz schön zugenommen. Bis auf eine Kopie von dem ersten Schreiben – am Tag ihrer Einlieferung, blieb von Amira nichts zurück. Alles was in der Akte über Amira stand, ist ab jetzt geheim und wird bei Hannes in den Safe kommen.

Da Amira quasi Namenlos verstarb, genügten wenige Angaben über ihre Person für die örtlichen Behörden.

Nun ging es Gemeinsam zum frühstücken in die Kantine. Amira war gekleidet wie jeder Teenager in Europa: Sneakers, Jeans, weißes Top und darüber das graue ARMY T-Shirt. Dies war ihr viel zu groß. Nila machte links am Bund einen Knoten hinein und zog es ihr recht über die Schulter. Amira sah richtig sexy aus.

Cee saß mit anderen Soldaten beim Frühstück und die drei setzten sich zur Gruppe dazu. Es war ein gutes Gefühl, in mitten all den Soldaten so aufgenommen worden zu sein. In dieser einen Woche waren sie im Camp bekannt und beliebt. Hannes und Nila hatten viele gute Gespräche mit den Soldaten geführt.

Der Armoured rollte um 9.30 Uhr aus dem PRT in Khost. 130 Kilometer waren es bis nach Gardez.
Der Khost-Gardez-Pass war an seinem Scheitelpunkt erreicht. Nun ging es bis Gardez 1700 Höhenmeter nur noch Bergab. Die Weitsicht in dieser Höhe war unglaublich.
Amira wurde auf der Rückbank nervös –
sie kannte diese Gegend. Nila sprach sofort mit ihr und beruhigte sie.
Nila sah Hannes an und schüttelte gleich den Kopf. Sie wusste was er dachte. Amira fing an zu weinen. Hannes stoppte den Wagen an der Piste und schaute Nila tief in die Augen „Ich kann diesen Alptraum hier und heute beenden. Frag sie, ob sie dies möchte! Wir lassen sie entscheiden. Ich kenne jetzt ihre Heimat. Glaub mir, Marcel oder ich werden diesen Mann finden.“
„Hannes…“ „Nein! Sie entscheidet! Rede mit ihr. Amira hat im Shoppingcenter gesehen, für was ich fähig bin. Ich warte draußen auf ihre Entscheidung.“

Nila kam nach 10 Minuten aus dem Auto und sie schüttelte den Kopf.
Im Auto nahm Amira die Hände von Hannes. Sie würde ihr lebenlang nicht vergessen, was er bereit war für sie zu tun. Sie möchte nicht, dass er wegen ihr einen Menschen tötet. „Okay Prinzessin, ich akzeptiere deine Entscheidung.“

Gardez. Im Büro von Nila

Hannes wollte gerne noch etwas diesen sieben Frauen sagen, Nila sollte es übersetzten. „Ihr sieben Frauen werdet ein Teil von etwas sein, dass es in Afghanistan noch nicht gibt. Ihr werdet an eure persönlichen Grenzen kommen. Wachst aber darüber hinaus, wenn ihr seht welchen Erfolg eure Arbeit hat. In Kambodscha konnten wir ganze Dörfer von einer Mitarbeit für Nachhaltigkeit überzeugen. Ihr seid sieben Frauen und werdet es schaffen. Nila ist die Direktorin von einem Projekt das es de facto noch gar nicht gibt, aber schon jetzt auf drei Kontinenten bekannt gemacht wird.“

Als Nila fertig übersetzt hatte, dauerte es einen Moment bis die Worte wirkten. Samira und Anisia waren die ersten die nickten. Plötzlich kamen Vorschläge was man wie verbessern oder ausprobieren könnte. Hannes gab Nila eine Kuss „Dein Team wächst zusammen.“
Amira verfolgte dies alles aus der Ecke von dem Büro ihrer zukünftigen Mutter mit voller Konzentration. Hannes dachte, dass sie es jetzt verstanden hatte, wie sich ihr neues Leben verändern kann. Es wäre kein Schritt in ein neues Leben – es wäre ein Quantensprung!

Bei Nila zu Hause half Samira die Kleider und Schuhe von Amira einzuordnen. Samira kannte das Geheimnis von Amira und würde auch als Anwältin zur Verfügung stehen, um dieses Vorhaben zu vollenden.
Gemeinsam stellte man noch ein paar Möbel im Wohnzimmer um. Amira würde ein eigenes kleines Zimmer bekommen. Die Frauen machten schon Pläne, wie sie dies bewerkstelligen könnten.

Hannes baute die zwei Fahrräder zusammen und fuhr mit Amira durch die Stadt. Mit der Beschusshemenden Weste unter seinem Hemd, kam er schnell an seine Grenze, was die Atemluft anbelangte. Er hatte sich bei einer Höhe von 2300 Meter ganz schön vertan.
Amira und Hannes fielen mit den beiden Raketenfahrräder im Stadtbild von Gardez auf, wie Pinguine am Nordpol. Zum einen kosteten die zwei Fahrräder mehr Geld, als die Menschen in einem Straßenzug an Monatslohn zur Verfügung hatten und zum anderen waren es die Komplementären Farben der Räder. Wenigstens etwas Farbe in dieser Stadt dachte er, wenn sich die Leute nach ihnen umdrehten.

Hannes wollte zu Shabnam fahren um mit ihr zu reden, über das was mit Nila und Samira besprochen wurde.

Bei Shabnam ließ er sich auf einen Plastikstuhl fallen und wollte nur noch sterben! Er kam sich vor, als ob er mit einem Klapprad den Col du Galibier hochgefahren sei. Obwohl dieser Berg noch 200 Meter niedriger war als Gardez. Hannes zählte sich nun zur Elite des Radrennsports – auch wenn er nur 8 Kilometer durch Gardez gefahren war.

Amira sah ihn sehr besorgt an. Keuchend und nach Luft ringend, sagte er zu ihr „Tour de France.“ Sie lachte.

Shabnam fragte und fragte. Irgendwann war wieder genug Luft in der Lunge um auch endlich zu antworten. Er sagte ihr, was er mit ihr vor hätte und ob sie dem zustimmen würde. Natürlich würde sie dies machen wollen. Der zweite Punkt war Amira. Shabnam sollte schon die Wahrheit kennen. „Du bist ein guter Mensch.“

Shabnam erzählte Amira von den Begegnungen mit Hannes und dessen Team im Februar und was diese fremden Menschen ihr Gutes taten. Amira nahm die Hände von Hannes und sah ihn lange an „Du bist für mich der beste Mann auf der Welt.“ Er gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Lass uns zurück zu deiner Mutter fahren.“ Als Shabnam ihr dies übersetze, lächelte Amira und nickte.

Endlich war das Etappenziel erreicht. Nila und Samira sahen sich fragend an, als er bei ihr zu Hause auf dem dicken Teppich der Länge nach lag und nach Luft rang.
Diese dünne Bergluft war für seine sportlichen Höchstleistungen ein ungleicher Gegner.
Amira erzählte, dass sie bei Shabnam waren. Sie erzählte und erzählte. So viel hatte Shabnam doch gar nicht gesagt – sehr kurios!

Nila musste ihm helfen seine Beschusshemende Weste auszuziehen. Sport am Limit fordert nun mal sein Tribut. Er legte die Waffe auf den Tisch und ging duschen.
Duschen war gut, auch wenn das Wasser nur lauwarm war. Nila war schon viel von Deutschland gewöhnt. Sie hatte so vieles, von dem viele Menschen in Afghanistan nur träumen konnten. Ein Wasserboiler, Waschmaschine, Gasheizung, Möbel und so vieles mehr.

Nach dem duschen wollten die Frauen essen gehen. Nila und Samira verstanden sich wirklich sehr gut. Es freute ihn, dass bei ihnen so viel passte.
Hannes war von seiner sportlichen Höchstleistung im Profiradsport dermaßen geschafft, er wollte eigentlich nur noch auf die Couch. Die Frauen wollen in ein Restaurant. Also gut, fuhren sie in ein Restaurant in der Stadt.

Die Bilderkriegerin

Sarajewo habe sie die Kamera beiseite gelegt, um Verletzte ins Krankenhaus zu fahren, weil sie über die Vereinten Nationen noch an Kraftstoff gekommen wären. Erst hinterher dachte sie: „Du hast ja gar keine Fotos.“
So schrieb der „Spiegel“ über sie in einem Interview
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Sterbender bosnischer Soldat, Sarajevo, Bosnien, 21. November 1994 © Anja Niedringhaus/EPA.

Ein Nachruf an Anja Niedringhaus

Es muss im Jahr 2011 oder 12 gewesen sein, als ich in der Stadt Khost (oder Chost) eine Frau angerempelt hatte.
Sie kam von rechst aus einer kleinen Marksstraße raus und ich drehte mich on diesem Moment nach links und stieß mit einer Frau zusammen. Sofort entschuldige ich mich bei ihr „Endschuldigung,’s dud mir leid. I han sie gar ned gseha.“

Die Frau in Jeans und Hijab sah mich mit großen Augen an und stand regungslos vor mir. „Excuse me, I’m sorry. I didn’t see her at all“ , sagte ich nun auf Englisch, denn offenbar verstand die Frau koi Schwäbisch.

„Alles ist gut. Ich bin nur geschockt, hier jemand aus Deutschland zu treffen.“ Bei diesen Worten staunte ich nicht schlecht.
Fast zeitgleich kam die Frage: „was machen Sie hier?“ Wir lachten gleichzeitig, weil auch jeder die Frage der anderen beantworten wollte.
Wir luden uns auch gleichzeitig zu einem Tee ein.

In einem kleinen Restaurant unweit vom Busbahnhof saß ich dieser Frau gegenüber und sah ihre aufmerksamen Augen.

Sie stelle sich mir vor und ich muss zugeben, dass ich bis dato noch nichts von Anja Niedringhaus gehört – aber gesehen hatte.
Ich sah sie ahnungslos an und so sagte mir Anja, dass sie im September 2009 die Erste war, die Fotos nach dem ISAF-Raketenangriff bei Kundus machte. Dieser Luftangriff, bei dem über 90 Zivilisten uns Leben gekommen waren, wurde damals in Deutschland heftigst diskutiert.

Natürlich kannte ich dieses Fotos. Sie gingen schließlich wie ein Lauffeuer um die Welt. Ich hörte Anja aufmerksam und gebannt zu, was sie in Sarajevo, Belgrad oder Falludscha erlebte.

Eine Frau die die Realität von Krieg und Terror in Bilder festhält, erzählte mir von sinnlosen Kriegen und Opfer. Anja zeigte mir Fotos, von denen ich einige kannte. Nun kannte ich auch die Hintergründe zu diesen Fotos.

„Warum tust du dies? Warum bringst du dich so in Gefahr?“ Fragte ich sie.
„Warum tue ich dies? Um den Menschen begreiflich zu machen, wie Böse diese Welt ist und das wir für den Frieden kämpfen müssen und nicht für den Krieg. Warum tust du dies?“ „Wir müssen für die Freiheit von Mädchen kämpfen und nicht für den Krieg“, war meine Antwort.

Anja war eine unerschrockene Frau, die für ihre Fotos aus dem Irak 2005 sogar mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde.
Sie fotografierte die Welt auf ihre bekannte Weise und Blick durch die Kamera.

Anja starb am 4. April 2014 durch Kugeln aus einer AK47, die ein Afghanischer Polizei gezielt auf sie abfeuerte.
Anja wurde aus Dummheit und einem völlig falschen Glaube brutal ermordet.

Nila Khalil. 15. Oktober 2021

Meine Heimat

Wo ist meine Heimat?


Aufgewachsen in 2200 Meter Höhe am Hindukusch kannte ich nur diese Gegend als meine Heimat.
Aufgewachsen in einem Krieg kannte ich nur die Geräusche von Panzer, Raketen und Gewehre.
Aufgewachsen in Not, Angst und Armut kannte ich nur diese Heimat.
Geflohen aus dieser Heimat.

Aufbruch in eine neue Heimat.
Die Flucht brachte Angst, Not, Geräusche von Gewehren und den Tod.
Als 10-jährige wollte ich nicht mehr laufen, keine Angst mehr haben, keine Not mehr erleben.

Ich wollte sterben.

Als 10-jährige in ein Land zu kommen, dass ich nie kannte, war für mich befremdlich.
Als 10-jährige in einem Haus zu schlafen dessen Bewohner ich nicht kannte, war Angst.

Die Geräusche von Krieg waren weg und trotzdem da.
Fremde Verwandte gaben mir Liebe, Geborgenheit und Sicherheit.
Fremde Menschen gaben mir die Chance weiter in die Schule gehen zu können.
Fremde Menschen lernten mit mit eine fremde Sprache.
Fremden Menschen gaben mir einem Ausbildungsplatz.
Das fremde Land wurde meine Heimat.

Meine Heimat wurde mir Fremd.
Im Frühjahr 2005 wurde mir meine Heimat fremd und doch so bekannt.
Geräusche von Panzer, Raketen und Gewehren waren wieder da.
Die Angst kam zurück, wenn ich nachts die Decke über den Kopf schlug und nicht mehr leben wollte.
Fremde Menschen brachten mich an die Schule zurück. Fremde Menschen waren für mich da. Fremde Menschen glaubten an meine Stärke. Fremde Menschen gaben mir eine Tochter

Fremde Menschen schossen auf mich.
Fremde Menschen trieben mich mit meiner Tochter erneut zur Fluch.
Freunde nahmen meine Tochter in einem fremden Land auf. Erneut eine fremde Sprache lernen.

Meine Heimat brauchte mich
Zwischen den Welten der Heimat musste ich mich entscheiden. Ich entschied für die Heimat meiner Geburt.
Die Liebe zu meiner Heimat ließ mich wachsen und auch wenn die Geräusche von Krieg da waren, hatte ich keine Angst mehr.
Meine Heimat brachte mir eine zweite Tochter, die niemals ihrer Heimat sehen wird.
Ein fremdes Land wurde meine neue Heimat.

Am Montag, wenige Kilometer von meiner Heimat entfernt, wusste ich, dass ich dieser Heimat für immer den Rücken kehren werde.
Nun bin ich wieder in einem fremden Land und erfahre von fremden Menschen Hilfe, Geborgenheit und Sicherheit.

Meine Heimat wurde Deutschland und ich habe vielen Menschen für diese Heimat zu danken.
Meine Heimat wurden die Niederlande und ich habe mich endgültig entschieden.
Ich führer dies fort, was ich kann und wofür ich mein Lebenlang kämpfe: für die Freiheit und Menschenrechte.

Nila Khalil, Vojens Sogn, 22. August 2021

Dies ist das Mädchen

Dies ist das Mädchen

Dies ist das Mädchen, dass wegen deiner Angst nicht zur Schule gehen durfte.


Dies ist das Mädchen, dem du Säure ins Gesicht geschüttest hast.


Dies ist das Mädchen, dass nicht in die Schule gehen konnte, weil ihr sie gesprengt habt.


Dies ist die Frau, der ihr den Zutritt zur Universität verweigert habt.

Dies ist die Frau, die mit einer Hand kämpft und mit der anderen tröstet.

Dies ist ein unschuldiger Mensch, der angesichts tausender Probleme täglich eine Barriere hat.
Dies sind Frauen, die täglich diese Welt besser machen.
Dies sind Frauen, die Probleme, Trauer, Kummer und Schmerzen gewöhnt sind.

Dies sind gebildete Frauen, die Afghanistan dringend braucht und ihr verjagt habt.

Meinen tiefsten Respekt für diese Kämpferinnen der Welt.

Amira Khalil, 3. September 2021

Out of the Dark

Im Frühsommer 1995 erblickte ich in der Provinz Paktia, in Afghanistan, das Licht dieser Welt. Ich war die Erstgeborene von Aliyah und Rahman Dehwar. Ich wuchs in einem kleinen Haus aus Lehm mit zwei Zimmer auf. Es war ein einfaches ärmliches Leben das die Familie führte.

Mein Vater war Tagelöhner und arbeitete mal hier mal dort. Er war nicht sehr gebildet und konnte nicht richtig lesen und schrieben. Meine Mutter war zu Hause und kümmerte sich im mich. Am Tag ging sie mehrmals Wasser in einen Bach holen, der circa einen Kilometer vor dem Haus entfernt an dem kleinen Ort vorbei floss. Sie backte Brot auf einem Lehmofen vor dem Haus oder wusch die wenigen Kleider die wir hatten. Am Nachmittag ging sie Holz suchen für den Ofen oder für Vorrat in der kalten Jahreszeit

Im Herbst 1997 bekam ich eine Schwester, ihr Name war Safia. Als ich ungefähr 3 Jahre alt war, konnte ich viel mehr mit meiner Schwester spielen. Wir spielten mit Dinge die ich im oder am Haus fand. Ich durfte nie alleine das Hoftor aufmachen oder auf der anderen Seite der Mauer spielen. Ich verstand nicht warum. Wenn ich fragte, wurde mir immer gesagt, dort sind böse Menschen.

Mit vielleicht vier Jahren ging ich mit meiner Mama zum Bach Wasser holen oder am Nachmittag Holz sammeln. Ich hatte immer Angst vor den bösen Menschen und wusste nicht wer jetzt böse war und warum. War es der alte Mann, der einen kleinen Laden im Ort hatte, bei dem meine Mutter Mehl, Weizen oder Gemüse kaufte oder die Person, dessen Gesicht ich nie sah, weil sie eine Burka trug

Das neue Jahrtausend

Ein neues Jahrtausend wurde gefeiert und in diesem Jahr ging ich in eine Schule.
Es war ein kleines Haus bei uns im Ort. Ich und andere Mädchen wurden von einer älteren Frau dort unterrichtet. Wir lernten Zahlen und Buchstaben. Uns wurden Geschichten von früher aus Afghanistan erzählt, die uns so unglaublich vorkamen. Wir Mädchen kannten dieses Land so gar nicht. Jeden Tag lehrte die Frau uns etwas neues. Wir konnten bald unsere Namen schreiben und auch die Wörter von Gegenstände. Ich weiß noch sehr genau, als ich meine Mutter fragte, ob sie ihren Namen schreiben könne und sie Nein sagte. Ich schrieb “Mama Aliyah“ mit einem Stock in den Lehmboden an unserem Haus. Sie schaute sich die Zeichen lange an, nahm mich in den Arm und weinte.

Jahre ging es so, dass ich täglich meiner Mama und Schwester im Hof oder im Haus auf den Boden etwas geschrieben habe oder auch gerechnet. Ich war so stolz, das ich etwas konnte, wofür in der Familie niemand in der Lage war. Die Lehrerin gab mir andere Aufgaben als den Mädchen links, rechts oder vor mir in der Klasse. Wenn meine Freundin links neben mir nicht weiter wusste half ich ihr und erklärte ihr warum welche Zahlen diese oder jene Summer ergaben. Mir machte das lernen sehr viel Spaß.

Wenn wir am Nachmittag Wasser oder Holz nach Hause brachten, hatte ich die Holzstücke gezählt. Ich hatte meine Holzstücke immer gezählt und täglich die Zahl an der Wand korrigiert. In der kalten Zeit, wenn wir in dem Haus vor einer Blechtonnen saßen, die unser Ofen war, korrigierte ich die Zahlen, wenn ein oder zwei Holzstücke auf das Feuer gelegt wurden. Im Winter war es sehr kalt in unserem Haus und ich fror fast jede Nacht. Meine Schwester lag immer ganz nah bei mir und so hielten wir uns gegenseitig warm.

Bis morgens das Wasser warm war um sich halbwegs zu waschen, verging eine ganze Weile. Oft waren an kalten Tagen auch keine Schule und so vergingen die Tage sehr langsam und Eintönig.
Mein Vater hatte ein Fahrrad, ich wollte auch immer ein Fahrrad haben. Da ein Fahrrad ein Vermögen kostete, blieb dies immer nur ein Traum. Im stehen bin ich mit dem Fahrrad von meinem Vater im Hof immer im Kreis gefahren. Mit acht oder neun Jahren durfte ich mit dem Fahrrad an den Bach fahren um Wasser zu holen. Links und recht am Hinterreifen montierte mein Vater zwei große gelbe Kunststoff Kanister und so fuhr ich am Nachmittag zwei oder dreimal an den Bach Wasser holen. Ich war sehr stolz, dass ich Fahrrad fahren durfte und fuhr weiter aus dem Ort um an eine andere Stelle das Wasser zu holen. Das Mehrgewicht an Wasser war mir egal, ich konnte Fahrrad fahren.

Mit meiner Mutter musste ich nach der Schule Brot backen, Reis kochen, Gemüse putzen oder schälen. Neben der Schule, Wasser holen, Holz sammeln und kochen wurden meine Tage auch länger. Bei jeder Gelegenheit zählte ich dies oder das. 8 Möhren, 3 Zwiebeln, 34 Rosinen.

Ich war vielleicht zehn Jahre als, ich ein neues rotes dickes Baumwollkleid bekommen habe. Das Kleid gefiel mir, weil es warm hielt und mit seinen grünen und schwarzen Streifen sah es sehr schön aus. An einem Tag wurde ein kleines Fest gefeiert. Jemand brachte ein Rubab mit. Es wurde gesungen und es gab sogar einen kleinen Hammel, der im Hof auf einem Grill gebraten wurde. Wir hatten in den ganzen Jahren kaum ein solches Essen und an ein Fest mit Musik konnte ich mich auch nicht erinnern. Männer und Frauen aus der Nachbarschaft waren da. Die Frauen und wenigen Mädchen die auf dem Fest waren, bedienten die Männer mit Tee, Tabak oder Essen. Die Frauen sprachen mit mir und freuten sich, das ich heute heiraten würde. Heiraten? Ich wusste das meine Mutter und mein Vater verheiratet waren. Sie waren doch viel älter als ich. Wen sollte ich heiraten und warum? Mir wurde eine Burka über mein Kleid gezogen und ich diesem Augenblick dachte ich, ich ersticke. Die Musik hörte sich anders an und ich sah kaum noch etwas durch den gelochten Stoff vor meinen Augen. Mir wurde meine Freiheit, mein Leben genommen. Ich fing an zu weinen und meine Mutter und die Frauen sagten mir, dass ich nicht weinen muss, ich sei ja nun eine Frau.

Ich wurde bei Musik und Gesang einem Mann vorgestellt, den ich noch nie bei uns gesehen hatte. Er war älter, als mein Vater. Er hatte einen schwarzen Vollbart und die Haare unter seiner Pakol Mütze war schon dünner. Mehr konnte ich durch den Schleier nicht sehen. Ich zitterte am ganzen Körper und trotz der Hitze war mir sehr kalt. Nach dem Fest sollte ich mit dem Mann gehen. Ich weinte und konnte dies alles nicht mehr begreifen. Auf seinem Motorrad fuhr ich mit dem Mann, sein Name war Milad Gandapur, einige Zeit bis wir irgendwann an einem Haus waren. Ich hatte Angst vor dem Motorrad, Angst vor der Geschwindigkeit, Angst vor dem Mann.

Into the dark

Im Sommer 2005 betrat ich das erste Mal ein mir fremdes Haus. Es war etwas größer als das meiner Eltern, aber auch schäbiger. Im Haus roch es unangenehm und ich fühlte mich überhaupt nicht wohl, als ich den ersten Schritt in dieses Haus tat. Besser gesagt in dieses Haus gezerrt wurde. Milad Gandapur zog mir die Burka aus und es wurde mir noch kälter. Er streichelte mich und sagte immer wieder wie schön ich sei. Bei jedem Streicheln ging ich einen Schritt zurück. Irgendwann schlug ich mit dem Kopf und Rücken an eine Wand. Ich konnte nicht mehr fliehen. Der Mann streichelte mich immer weiter, immer fester. Er küsste mich und ich schlug wieder mit dem Kopf gegen die Wand. „Hör auf! Bitte hör auf! Lass mich in Frieden! Bitte hör auf!“ Ich flehte ihn an, er soll mich doch bitte in Ruhe lassen. Er griff mir irgendwo hin, wo mich noch nie jemand zuvor berührt hatte. Ich zitterte und mir wurde immer kälter. Er küsste mich und packte mir mit seinen Hand in den Unterleib.

Was in dieser Nacht passierte kann ich jetzt, 15 Jahre später, immer noch nicht schreiben. Wenn ich noch vor Stunden dachte, eine Burka nahm mir das Leben, ich hatte mich getäuscht! Milad Gandapur nahm mir mein Leben und brachte mir unglaubliche Schmerzen.

Der Alptraum von dieser Nacht wollte nicht enden und um mich war es nur noch dunkel und kalt. Der Körpergeruch von dieser Person war für mich widerlich und ich hatte das Gefühl mich ständig übergeben zu müssen. In mir, mit mir passiert etwas, das ich heute als Seelischen Supergau beschreibe.
Am Morgen musste ich meine Pflicht als Ehefrau aufnehmen. Kochen, putzen,- soweit man dies in einer solchen Hütte bezeichnen konnte.
Zum Wasser holen gehen, musste ich die Burka anziehen. Ich schleppte unter diesem fürchterlichen Stoff das Wasser fast doppelt so weit, wie bei meinen Eltern. Ich durfte von diesem Tag an auch nicht mehr in die Schule. „Frauen brauchen nichts zu lernen “ sagte mir ständig dieser Mann.

Mein Leben war wie in einem Gefängnis. Mit zwei, drei oder vier anderen Frauen musste ich Wasser holen oder Holz sammeln gehen und durfte mich auch sonst nur im Haus oder im Hof aufhalten. Die Stunden am Tag vergingen nicht und in den Nächten erst recht nicht. Ich war nur noch eine Hülle meiner selbst.
Ich schrieb Buchstaben und Wörter in dem Boden, wenn ich das Essen kochen musste oder sonst nichts zu tun hatte. Ich hatte Angst was ich gelernt hatte wieder zu vergessen. Sobald der Mann nach Hause kam, verwischte ich meine Wörter im Boden. Wenn er es doch sah, schlug er mich und brüllte „Du musst nicht schreiben können.“

Wenn ich mit den anderen Frauen Holz sammeln war, zählte ich die Schritte, ich zählte die Bäume oder die Häuser die links von unserm Haus waren. Ich musste mich beschäftigen um nicht verrückt zu werden. Die Gespräche von den Frauen kannte ich mit der Zeit alle. Immer der gleiche Ablauf, immer die gleichen Erzählungen. Ich fing irgendwann an, laut zu zählen. Die Schritte, die Bäume, die Häuser, das Holz. Die Frauen fragten mich, was ich mache und wofür. Ich erklärte das ich zähle und für was zählen gut ist. Langsam gab es mit den Frauen auch mal andere Gespräche. Wir zählten Schritte, Bäume, Holz…. Auf den Feldern schrieb ich Wörter in den Lehmboden: Baum, Holz, Haus, Amira. Die Frauen wollten auch wissen wie ihr Name aussah, wenn er geschrieben ist. So schrieb ich: Mina, Nasanin oder Wafa auf den Boden. Ich erklärte den Buchstaben für ein M, ein I, ein N und ein A.

Kleine Lichtblicke machten mein Leben etwas besser

Kleine Lichtblicke waren es, die mich über den Tag retteten. Die Frauen fingen an, mir Fragen zu stellen woher ich komme und warum ich schreiben und zählen kann. Ich sagte den Frauen, dass meine Mutter wollte, dass ich klug werde. Sie wollte immer das ich lerne. Sie war stolz, wenn ich Wörter oder Sätze auf den Boden schrieb. Ich brachte ihr bei, wie sie ihren Namen schrieb und wie mein Vater sein Name war.

Die täglichen Märsche zum Bach wurden immer besser und oft musste ich etwas lesen, was die Frauen zu Hause gesehen hatten und niemand wusste was dort stand. Briefe von Behörden konnte ich zum Großteil lesen und ihnen dann sagen, was in den Briefen stand und warum wo welche Zahl steht und was jenes Schreiben bedeutete. Die meisten Männer konnten auch nicht lesen und nahmen oft die Briefe mit zu Stammesälteste oder jemand der jemand kannte, der lesen konnte. Die Frauen hatten plötzlich einen Vorteil, sie wussten schon lange vor den Männern was in den Briefen stand. Langsam wurde ich von den anderen Frauen respektiert und es entstanden kleinere Freundschaften.
Das Leben als Ehefrau war nicht meine Welt. Dienen, putzen, kochen, gehorsam sein. Selbst ein Glas Tee konnte der Mann sich nicht selbst holen. Jeden Tag spürte ich mehr Hass gegen den Mann. Jeden Tag, wenn er wieder seine Lust an mir ausließ hasste ich ihn mehr. War ich nicht gehorsam, wurde ich von dem Mann geschlagen. Irgendwann fing er an mit Sand auf mein Essen zu werfen, wenn ich mal wieder nach seiner Meinung ungehorsam war. Ich kochte für den Mann und er behandelte mich wie Dreck. War die Hütte nicht sauber, wurde ich geschlagen. Was sollte ich in einem Lehmhaus auch viel sauber machen? Alles war sowieso falsch und geschlagen wurde ich dann auch.

Die nächste Stufe der Hölle begann

Nach einem langen Winter kam seine Mutter zu uns ins Haus. Sie war eine von Grund auf böse Frau und schimpfte den ganzen Tag mit mir. Ich musste für sie Brei kochen, denn mit ihren wenigen schwarzen verfaulten Zähne konnte sie nicht alles essen. Da sie nun im Haus wohnte, bekam ich weniger zu essen. Wenn ich mal das Glück hatte und mehr kochen konnte, schlug die Alte mir unter den Teller oder der Mann warf nur aus Spaß Lehm in mein Essen. Wenn die Alte mir das Essen auf den Boden warf und der Teppich wurde schmutzig, wurde ich geschlagen. Stunden verbrachte ich damit den alten abgetragenen Teppich sauber zu machen. Ich konnte auch nicht mehr schreiben und zählen, wenn die Alte in der Nähe war. Sie beobachtete mich ständig oder schikanierte mich. Ständig sagte sie, ich soll ihr doch ein Enkel bringen. Ich wusste nun, warum sie dies immer und immer wieder sagte. Die Alte ging mehrmals die Woche zu einer anderen Frau und kam mit ihr zurück. Sie war auch alt und hatte Warzen im Gesicht. Ich hatte Angst vor ihrem Gesicht. Mit ihr musste ich dann in den nächsten oder übernächsten Ort gehen um Gemüse, Obst oder Mehl zu kaufen.

Auf dem Rückweg musste ich ihren Einkauf auch tragen. Ich sprach kaum ein Wort mit dieser Frau. Sie war genau so böse die die Alte. Sie fragte mich vieles und ich gab keine Antwort. Sie wollte vieles von mir wissen und trotzdem gab ich keine Antwort. Mit einem Stock schlug sie mir ins Genick und auf den Rücken um Antworten zu bekommen. „Du kannst mich totschlagen, ich werde dir nichts sagen!“ Brüllte ich sie an. Natürlich wurde auch dies der Alten gesagt und am Abend und in der Nacht bekam ich von dem Mann die Strafe für mein Ungehorsam.
So vergingen die Tage in meinem Gefängnis und ich wollte nicht mehr leben. Ich konnte nicht mehr leben. Schmerzen, Gewalt, Schläge und dies jeden Tag.

Der Weg in meine Freiheit oder Tod

Es wurde Frühling, die Alte lag mit Fieber im Haus und ich sollte Wasser an den Bach holen gehen um ihr Fieber zu senken. Nasanin ging an jenem Tag mit mir Wasser holen. Mit Nasanin konnte ich endlich wieder reden. Ich heulte und erzählte ihr von den letzten Monaten. Unter den Pappeln am Bach nahm sie mich in die Arme und weinte mit mir. Im fließendem Wasser von dem Bach wusch ich mich endlich wieder richtig und Nasanin sah, trotz des Kleides, das ich an hatte, dass ich sehr dünn war. In der Sonne saßen wir an den Pappeln und sie erzählte mir, dass es ein Haus geben würde, wo sich um Frauen gekümmert würde. Ich müsste nach Süden laufen und nach dem vierten Ort müsste ich nach Westen Richtung Spera gehen. Wenn ich am Berg einen Ort sah, sollte ich in dem nächsten Ort nach einem Haus suchen, wo ein Tor in gelb mir weißen Streifen sei. Was mir in diesem Moment Nasanin sagte, war der Weg in meine Freiheit oder Tod.

Als wir vor unserem Ort waren nahm Nasanin mich in die Arme, sie hob die Burka hoch und gab mir einen Kuss. „Möge Allah dich beschützen, mein Kind.“ Dies waren die letzten Worte von ihr. Ich ging am Bach entlang und über die Felder die zu den nächsten Ortschaften führten. Mir war nicht klar, wie gefährlich dieser Weg war, denn ich wusste nichts von Minen in Felder. Ich lief den ganzen Tag und sobald ich etwas hörte legte ich mich auf die Erde und versteckte mich. Nach der zweiten Ortschaft versteckte ich mich nicht mehr, denn unter dieser fürchterlichen Burka erkannte mich niemand. Trotzdem blieb mir bei jedem Geräusch von einem Motorrad das Herz stehen. Wenn der Mann mich so weit vom Haus entfernt finden würde, er würde mich umbringen.

Into the light

Der Tag näherte sich der Nacht und ich versteckte mich auf einem Feld wo eine Herde Hammel stand. Die Tiere gaben mir in der Nacht Wärme. Ich streichelte die Tiere und redete mit ihnen.
Am Morgen ging ich noch einige Zeit nach Süden, bis ich einen Wegweiser nach Spera sah. Ich konnte zu meinem Glück lesen. Jeden Schritt den ich weiter nach Westen ging um so mehr weinte ich.

Unter der Burka lief mir der Schweiß über den Rücken. Ich sah den Ort am Berg und wusste jetzt nicht, ob Nasanin diesen Ort meinte. Der geheime Ort kam in Sichtweite und ich hoffte, dass dies auch der Ort sei. Langsam und ängstlich ging ich durch diesen Ort um das gelbe Tor mir den weißen Strichen zu suchen. Ich sammelte hier und da Holz oder klaute aus den Gärten, die keine Mauer hatten etwas Gemüse.

Ich wollte als Fremde nicht ausfallen. Ich ging durch jede Straße, an jedem Haus vorbei und sah das gelbe Tor. War es das richtige? Immer wieder ging ich durch den Ort bis ich mir sicher war, es gab in dem ganzen Ort kein zweites Tor mit weißen Streifen.
Mit meinem Gemüse und etwas Holz unter dem Arm stand ich vor dem Tor und lauschte ob ich etwas hörte. Ich hörte Stimmen von Mädchen. Leise, aber ich hörte sie. Mit all einem Mut und Verzweiflung klopfte ich an das Tor. Ich hörte einen kleinen Schieber in der Tür sich öffnen und sah das Gesicht von einem Mädchen. Ich hob meine Burka hoch sodass das Mädchen mein Gesicht sah. Sie nickte mir zu und öffnete das Tor. Schnell ging ich in den Hof und weinte nur noch.

Das Mädchen führte mich in einen Raum, der die Küche war und gab mir Reissuppe zu essen. Ich bekam Brot und etwas Fleisch. Seit Tagen hatte ich nichts richtiges mehr gegessen und war dankbar für jedes Stück Brot.
Eine ältere Frau kam zu mir und sprach sehr langsam mit mir. Auch sie stellte mir viele Fragen, ich antwortete freiwillig. Sie zeigte mir einen Platz wo ich mich ausruhen konnte. Mit einer Decke legte ich mich an die kühle Wand von dem Raum und meine Gedanken konnte ich gar nicht mehr einordnen. Alles war verschwommen. Zwei, drei Mädchen kamen zu mir und sprachen mit mir. Sie müssten in meinem Alter gewesen sein. Trotz meiner Kopfschmerzen begriff ich, dass es noch andere Mädchen so ergangen ist wie mir.

Nach Jahren keine Gewalt erlebt

Die erste Nacht ohne Gewalt war für mich eine Erholung und langsam schlief ich ein. Hier an diesem Ort mir vielen anderen Mädchen fühlte ich mich sicher. Seit ich mein Elternhaus verlassen musste, fühlte ich wieder so etwas wie Geborgenheit.
Seit zwei Jahren hatte ich nicht mehr so gut und friedlich geschlafen. In dieser Nacht fiel der Teufel von mir ab. All das Böse wich von mir. Ich sah noch das mit Furchen und Pusteln überzogene Gesicht der Alten und dachte an ihre Wadenwickel. Ich brachte ihr kein Wasser mehr und hörte im Traum wie sie nach mir brüllte. Ich sah den Mann voller Zorn gegen alles treten und auch er fluchte laut. Dann wurde es dunkel und ich schlief ein. Ob durch Erschöpfung oder Müdigkeit, kann ich 13 Jahre später immer noch nicht beantworten.

Der Tag begann und ich war immer noch sehr schwach. Ein Mädchen brachte mir einen Teller Reissuppe und Brot. Ich konnte noch nicht einmal mehr richtig aufstehen. Mit dem Rücken zur Wand saß ich da mit meinem Brot und dem Teller. Das Mädchen hieß Rahja und streichelte mich. Auch Rahja wurde Vergewaltigt und hatte sogar einen Schwangerschaftsabbruch. Noch eine gebrochene Seele!

Ich wollte aufstehen, konnte es aber nicht. Meine Beine waren ohne Kraft und Gefühl. Ich legte mich in meine Ecke und deckte mich zu.
Ich hörte Stimmen und Sprachen die ich noch nie gehört hatte. Ich hatte Angst vor dem was ich nicht verstand.

Eine kleine blonde Frau kam langsam auf mich zu und reichte mir ihre Hand. Ich sah noch nie eine Frau mit solchen Haaren. Sie sprach mit mir in einer Sprache die ich nicht verstand. „Doktor. Doktor“ war das einzige was ich verstand. Sie berührte mich so sanft und langsam, wie ich noch nie berührt wurde. Sie fühlte meine Brust ab, streichelte mir über den Rücken und Arme. Sie sprach mit mir was sie tat. Ich verstand es nicht. Sie zeigte mir Nadeln und an ihrem Arm zeigte sie mir, was sie bei mir machen wollte. Schlimmer wie all die Gewalt die ich erlebte konnte es kaum werden.

Sie steckte mir eine Nadel in den Arm und Rahja sollte einen Beutel festhalten aus dem Flüssigkeit in meinen Arm lief. Ab dann war alles nur noch verschwommen und ich bekam nur noch mit, dass ich in einem Auto war. Eine Frau aus Afghanistan, die keinen Hijab oder Burka trug, war bei mir und hielt mich fest. Ich sah ihr schönes Gesicht und ihre sanften Augen. Sie sprach sehr ruhig und langsam mit mir.
Die blonde Frau war auch im Auto. Sie hörte mein Herz ständig ab und drückte hier und da an meinem Körper. Auf einmal war nichts mehr da. Keine Gedanken, keine Geräusche – nichts.

Ein neues Leben beginnt

Ich weiß nur von anderen, wie ich die nächsten eineinhalb Tage verbrachte.
Im Schlaf spürte ich Wärme an meiner Hand. Ich spürte Energie, Liebe und Kraft. Als ich die Augen etwas öffnen konnte, sah ich einen großen Mann mit einem schmalen Gesicht und die Augen von einem Engel. Ich erinnere mich auch daran, dass ich kurze Zeit später das schöne Gesicht der Frau sah, die mich im Auto festgehalten hatte. Langsam wurde mir klar, wo ich bin und was all diese Leute bei mir machen. Ich war in Sicherheit.

Die Tage die folgten, werde ich nicht schreiben brauchen, denn die sind schon geschrieben.

Ich danke Naike und Nila für eure Zeit mit mir meine Worte zu schreiben. Ich danke euch für die Tränen mit mir und eure Bedingungslose Liebe.
Ich danke Nila für all die Jahre die du als Mutter für mich da bist.
Ich danke Marcel der über mein Leben wachte und nun seit vielen Jahren mein Patenonkel ist.
Ich danke Naike für all die Jahre der Freundschaft, Liebe und des Vertrauens.
Ich danke meinen Großeltern in Deutschland, die mich wie ihr eigenes Kind angenommen haben.
Ich danke Erik und Linda de Joost für eure Liebe und Fürsorge in den Niederlanden.
Ihr beide und eure Tochter wurdet ein Familie für mich in einem fremden Land.

Ihr alle habt mir ein Leben geschenkt, dass ich niemals hätte leben können. Ihr alle seit immer für mich da. Ihr seit die ganzen Jahre mit mir durch die Hölle der Aufarbeitung gegangen.

Amira Khalil, im Februar 2020



Die Situation von LGBT-Personen in Afghanistan

Der Rückschritt vom Fortschritt

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.“

So steht es in Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.

Auch der Artikel 21 des Kapitels „Gleichheit“ der Charta der Grundrechte
der Europäischen Union verbietet die Diskriminierung aufgrund der
sexuellen Ausrichtung

Autorinnen Naike Juchem und Nila Khalil

Bei dem ersten Gedanken über die Menschenrechte werden aber sehr viele Menschen vergessen: die Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender-Personen (Lesbian, Gay,
Bisexual and Transgender, LGBT).

Es gibt viele Studien über LGBT und deren damit einhergehende Diskriminierungen. Aber es gibt bis heute keine verlässlichen Zahlen über diese Menschen. Dies liegt zum einen daran, dass in vielen Ländern der Welt Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender-Personen verfolgt weden – auch in Europa.

Durch eine Staatliche und auch Gesellschaftliche Diskriminierung können und werden sich Millionen von Menschen nicht outen.
In vielen Ländern steht nicht nur die Homosexualität, sondern alles, was von Heterosexualität und dem binären Geschlechtermodell abweicht, unter Strafe – im Iran, Jemen, Sudan, Saudi-Arabien und Mauretanien, sowie in Teilen Nigerias und Somalias ist für gleichgeschlechtliche Liebe sogar die Todesstrafe ausgeschrieben. Jedoch ist die Lage für LGBT-Personen auch in manchen EU-Länder nach wie vor bedenklich.

Da die sexuellen Präferenzen nicht zu den offiziell erfassten ‚Personenstandsmerkmalen‘ zählen, gibt es dazu nur Daten aus empirischen Umfragen, wie viele Menschen sich als LGBT verstehen.

Die Umfrage „Sexual identity, UK: 2018“ des „Office of National Statistics” – nennt einen Anteil von rund 2 Prozent der Bevölkerung als LGBT, wobei die Anteile von 2014 bis 2018 leicht von 1,6 auf 2,2 Prozent ansteigen, was unter anderem darauf verweist, dass die Anzahl der Bisexuellen in Großbritannien, vor allem unter den Jüngeren, deutlich gestiegen ist.

Die YouGov-Studie „1 in 2 young people say they are not 100% heterosexual” (2015) nennt 46 Prozent unter den 18-24-jährigen Briten, die auch gleichgeschlechtliche Sex-Partner haben.

Eine europaweite Dalia-Studie: „Counting the LGBT population: 6 % of Europeans identify as LGBT“ (aus dem Jahr 2016) kommt zu dem Ergebnis, dass sich rund 6 Prozent der Europäer als LGBT bezeichnen. Die Spannweite beträgt dabei von 7,4 Prozent (in Deutschland) bis 1,5 Prozent (in Ungarn).

In den USA ist, nach den Ergebnissen der Studie: „Changes in American Adults’ Reported Same-Sex Sexual Experiences and Attitudes, 1973–2014“, der Anteil gleichgeschlechtlicher Sex-Partner im Zeitraum 1972 – 2014 bei den Frauen von 3,6 auf 8,7 Prozent gestiegen, bei den Männern von 4,5 auf 8,2 Prozent.

Diese Ergebnisse beruhen auf der Verwendung der Kinsey-Skala.

Nun ein Beispiel aus Afghanistan

Die Situation für LGBT-Menschen in Afghanistan ist nachdem die Taliban zur
Rückkehr an die Macht kam katastrophal.

Ein Interview mit Nimat* (*Sein Name wurde zum Schutz seiner Identität geändert), einem homosexuellen Mann, der im August 2021aus Afghanistan floh, als er hörte, dass die US-Streitkräfte mit den Taliban verhandelten .
Nimat hält sich derzeit als Migrant ohne Papiere in einem europäischen Land auf.

Afghanistan war vor der Machtübernahme durch die Taliban schon kein einladender Ort für LGBT-Menschen, dass sich die Lage für diese Menschen noch viel weiter verschlechtern wird, liegt auf der Hand.
Die Taliban wird eine extreme Auslegung der Scharia durchsetzen, in deren Folge viele Frauen, Oppositionelle und auch LGBT-Menschen hingerichtet werden.

„Mir wurde klar, dass es für mich in Afghanistan keine Hoffnung auf eine Zukunft gibt. Ich habe meiner Mutter gesagt, ich muss das Land verlassen, bevor sie mich finden und mir unter Folter viele Fragen stellen werden. Meine Mutter sagte: ‚Nein, warte, bis sich eine legale Möglichkeit ergibt. Du bist klug und vielleicht schaffst du es über ein Stipendium in ein europäisches Land zu kommen.“ Meine Mutter glaubt immer noch an ein gutes Ende, obwohl auch sie unter der Willkür der Taliban leidet. Zwei Tage später legte ich ihr nachts meinen Abschiedsbrief und Entschluss auf den Tisch. Ich konnte mit der Situation in Afghanistan nicht mehr umgehen, weil sie sehr hart für mich war. Ich hatte es satt, meine Identität, meine Sexualität und meine Ideologie zu verbergen. Ich konnte mit niemandem sprechen. Du bist die erste, die mir ruhig und gefasst zuhört.
In den letzten drei Jahren in Afghanistan war ich die ganze Zeit zu Hause. Ich habe Bücher gelesen, Filme gesehen und bin aus Angst zu Hause geblieben. Ich habe mich nicht getraut auszugehen. Ich ging nur für ein oder zwei Stunden mit meinen engsten Freunden und meiner Familie aus dem Haus. Noch nicht einmal mit Klassenkameraden oder anderen Jungs, weil ich Angst hatte.“

Seine Reise ins Asylverfahren verlief turbulent. Schließlich musste er einen Schleuser bezahlen, der ihn aus dem Iran in ein Land in Europa brachte. Er stellte einen Asylantrag, der jedoch später fälschlicherweise geschlossen wurde, wie er mir sagte. Er weiß nicht, wie es um seine Rechtsstellung bestellt ist.

Nimat verbrachte einige Zeit auf der Straße, bevor er einen Mann kennenlernte und bei ihm einzog. Er räumt ein, dass die Situation für LGBT- Menschen in Afghanistan düster ist, aber er glaubt, dass es für diejenigen, die aus dem Land geflohen sind, genauso schlimm ist. Komplizierte Verfahren und feindselige Systeme haben dazu geführt, dass einige Afghanen wie Nimat in einem rechtlichen Schwebezustand gestrandet sind.

Nimat lebt zwar nicht mehr auf der Straße, aber er hat immer noch Angst um seine Zukunft. Er erwägt, das Land, in dem er sich derzeit aufhält, in ein anderes europäisches Land zu verlassen, in der Hoffnung, dass das Asylverfahren anderswo nicht so turbulent verläuft.

Als Nimat noch in Afghanistan lebte, verheimlichte er seine Sexualität. Jetzt macht er sich Sorgen um die LGBT-Menschen, die nicht aus Afghanistan fliehen können.
Unter Tränen erzählt er: „Es gibt keine Untergrundgemeinschaft für LGBT, es gibt keine Oberschicht – nichts. Niemand spricht über seine Sexualität. Jeder versteckt sich. Niemand kennt meine Sexualität, nicht einmal meine Freunde – außer meinem Cousin weiß es niemand.“ 

Wie der Rest der Welt hat auch er in den letzten Tagen mit Entsetzen beobachtet, wie die Taliban die Kontrolle über Afghanistan übernommen haben.

„Es ist, als würde man The Walking Dead sehen“, sagt Nimat über die Taliban. „Es ist einfach so, als ob die Zombies das Land übernehmen würden. Sie haben das Land bereits übernommen, und es gibt keinen sicheren Ort mehr.“

Nimat macht sich große Sorgen um die LGBT’s in Afghanistan, aber er hat auch Angst um seine atheistischen Freunde, von denen er befürchtet, dass sie von den Taliban verfolgt werden.
Als Nimat noch in Afghanistan lebte, traf er sich einmal pro Woche mit einer Gruppe befreundeter Atheisten, um über die Bücher zu diskutieren, die sie lasen, und über verschiedene Ideologien zu sprechen. Da viele von ihnen ihren Atheismus offen zur Schau trugen, befürchtet Nimat, dass sie auf der Verfolgungsliste der Taliban ganz oben stehen könnten.

„Wir waren eine kleine Gemeinschaft, die donnerstags zusammenkam, um Bücher zu lesen und über verschiedene Ideologien in verschiedenen Ländern zu sprechen, wie Marxismus, Kapitalismus, Sozialismus und all das, und jetzt mache ich mir große Sorgen um diese Leute, weil sie versuchen wollten, das Land zu verlassen, und jetzt sind alle Wege versperrt. Ich mache mir große Sorgen um die Atheisten, weil sie sich exponiert haben, aber die LGBT-Gemeinschaft hat sich nicht exponiert. Nur vielleicht ein oder zwei haben sich geoutet. Ich habe Freunde, die ihre Facebook-Konten gelöscht haben, sie haben alle ihre Beiträge gelöscht, um sich zu verstecken, aber ich glaube nicht, dass das der richtige Weg ist. Es gibt keine Gemeinschaft, die Atheisten in Afghanistan unterstützt.“
Nimat weinte immer mehr und ich bat ihm eine Pause an. Dankbar nahm er dieses an.

„Die Taliban sagen: ‚Wir sind wegen der Scharia hier, wir wollen nur das islamische Recht‘, und das islamische Recht ist sehr eindeutig in Bezug auf Atheisten und LGBT’s. Es ist ganz klar, dass ein Atheist ein Ungläubiger ist und dass ein Ungläubiger gesteinigt oder gehängt werden muss. Für die LGBTs gilt das Gleiche. Niemand kann mit den Taliban verhandeln. Sie wollen zurück in die Zeit vor 1.400 Jahren, als Mohammed in den Wüsten Saudi-Arabiens lebte. Sie wollen so leben, und es gibt nichts Gutes an ihrem Denken und Tun. Nila, du weißt selbst wie es für Mädchen und Frauen in Afghanistan steht. Wie erst um mich? Für Atheisten und LGBT-Menschen gibt es keine Zukunft in Afghanistan.  Alle diejenigen, die für Menschenrechte und Freiheit kämpfen sind weg, leben in Angst oder werden Hingerichtet. Du selbst hast dein Leben der Aufklärung und Bildung gewidmet und sitzt nun mit mir in einem fremden Land.“

Einige Begriffe im Zusammenhang mit LGBT

Um nicht noch mehr Verwirrung in den in dieses Thema zu bringen, verzichten die Autorinnen bewusst auf das Gendersternchen.
Diese nachfolgende Aufstellung stellt nur einen Auszug dar, neben diesen Begriffen gibt es noch zahlreiche weitere, die hinsichtlich dieser Thematik relevant sind und wären – aber auch den Rahmen sprengen würden.

Die Sexualität

Die Sexualität in der Definition im weiteren Sinn: Alle psychischen und physischen Vorgänge, die mit dem eigenen Geschlecht und dem Sexualtrieb zusammenhängen.
– Definition im engeren Sinn: Geschlechtliches Verhalten zwischen Sexualpartnern.

Geschlechtsidentität: Bewusstsein, einem Geschlecht anzugehören.
Cisgender: Personen, bei denen die Geschlechtsidentität dem Geschlecht entspricht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde.
Binär: Begriff steht für „zweiteilig“ und reduziert auf zwei Geschlechter: männlich und weiblich.
Non-Binär: Sammelbezeichnung für Geschlechtsidentitäten, die sich also außerhalb der binären Einteilung befinden.
Genderfluid: Personen, die sich zwischen zwei oder mehr Geschlechtern bewegen, welches sich mit der Zeit oder in Abhängigkeit von Situationen verändern kann.
Genderqueer:
– Nicht eindeutig gegen die Begriffe “genderfluid“ oder und „non-binär“ abzugrenzen.
– Überbegriff für Personen, die nicht in die geschlechterbinäre Norm passen.
– Geschlechtsidentität von Personen, die sich sowohl als Frau und Mann (gleichzeitig oder abwechselnd) oder weder als Frau noch als Mann identifizieren.

Sexuelle Orientierung: Begehren einer Person hinsichtlich des Geschlechts einer Partnerin oder eines Partners für emotionale Verbundenheit, Liebe und Sexualität an. Zum Beispiel Homosexualität, Bisexualität und Heterosexualität.
Pansexuell: Sexuelle Orientierung, bei der Personen in ihrem Begehren keine Vorauswahl nach Geschlecht bzw. Geschlechtsidentität treffen.
Asexuell: Kein oder kaum Empfinden von sexueller Anziehung gegenüber anderen Menschen.
Demisexuell: Personen, die nur sexuelle Erregung verspüren, wenn zwischen ihnen und einer anderen Person eine starke emotionale Bindung besteht.
Autosexuell: Personen, die sich bevorzugt zu sich selbst hingezogen fühlen.

Politischer Hintergrund

Die Entwicklung der letzten Jahre belegt, dass das Bewusstsein für die Rechte
von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender-Personen (Lesbian, Gay,
Bisexual and Transgender, LGBT) in der Europäischen Union zunimmt. Mit
der rechtsverbindlichen Charta der Grundrechte der Europäischen Union
stärkt der Vertrag von Lissabon den Rahmen für eine Gesetzgebung zur
Nichtdiskriminierung. Die EU ist nun verpflichtet in all ihren Politikfeldern und
Tätigkeiten Diskriminierung zu bekämpfen, auch Diskriminierung aufgrund
der sexuellen Ausrichtung.
Auf internationaler Ebene ist man sich darüber einig, dass Diskriminierung
aufgrund der sexuellen Ausrichtung und Geschlechtsidentität bekämpft
werden muss; bestätigt wurde dies durch die Annahme zweier Empfehlungen
und einer Entschließung des Ministerkomitees des Europarates und der
Parlamentarischen Versammlung.
Vor diesem Hintergrund hat das Europäische Parlament im Jahr 2009 die
Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) aufgefordert,
die Situation von LGBT-Personen nach dem Inkrafttreten restriktiver
Rechtsvorschriften in Bezug auf ihre Rechte in einigen EU-Mitgliedstaaten
zu untersuchen.

Wichtigste Ergebnisse

Der Bericht der FRA über Homophobie, Transphobie und Diskriminierung
aufgrund der sexuellen Ausrichtung und Geschlechtsidentität zeigt drei
wesentliche Probleme auf, mit denen LGBT-Personen in der Europäischen
Union konfrontiert sind: dass sie gezwungen sind, ein Leben in
Verschwiegenheit und im „Verborgenen“ zu führen; dass sie gewalttätigen
Angriffen ausgesetzt sind; und dass sie keine Gleichbehandlung erfahren,
z. B. bei der Arbeit, bei Mietangelegenheiten oder beim Umzug innerhalb der Europäischen Union.
Unterschiedliche Entwicklungen
Was den Schutz von LGBT-Rechten anbelangt, so gibt es bei der Entwicklung im Bereich der Gesetzgebung in den einzelnen EU-Mitgliedstaaten Unterschiede.
Im Rahmen der Untersuchung der FRA wurden sechs zentrale (miteinander
verknüpfte) Punkte ermittelt, bei denen sich sowohl positive als auch negative
Tendenzen erkennen lassen:

• Versammlungsfreiheit und freie Meinungsäußerung
Schwierigkeiten bei Paraden von LGBT-Personen oder aggressive Gegenproteste,
aber auch Verbesserungen beim Schutz von Demonstrationsteilnehmern.
Informationsverbot gegenüber Minderjährigen hinsichtlich gleichgeschlechtlicher
Beziehungen.
• Hassreden und Hassverbrechen
Begrenzter Schutz vor Intoleranz und Gewaltakten gegen LGBT-Personen; nur
wenige Mitgliedstaaten verfolgen solche Vorfälle in zunehmendem Maße
strafrechtlich.

• Ungleichbehandlung und Diskriminierung
Trotz EU-Rechtsprechung bleibt der Schutz von Transgender-Personen unklar;
eine beträchtliche Anzahl von Gleichbehandlungsstellen befasst sich jedoch
mit dem Thema der sexuellen Ausrichtung in Beschäftigungsangelegenheiten
und anderen Bereichen.

• Freizügigkeit und Familienzusammenführung
Der Gleichbehandlungsgrundsatz in diesem Kontext wird nicht überall in
derselben Weise angewandt: einige EU-Mitgliedstaaten beschränken oder
verweigern die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften und Ehen, die in einem anderen Mitgliedstaat geschlossen wurden, andere Mitgliedstaaten
hingegen weiten die Gesetzgebung in diesem Bereich aus.

Internationaler Schutz von LGBT-Asylbewerbern
In zahlreichen Mitgliedstaaten herrscht nach wie vor die Haltung, dass
Asylbewerber, die Schutz vor Verfolgung aufgrund ihrer sexuellen Ausrichtung
oder Geschlechtsidentität beantragen, keinen Anspruch auf diesen Schutz
haben, wenn sie in ihrem eigenen Land leben können, ohne „sich zu
offenbaren“.

• Geschlechtsangleichung
Erschwerter Zugang zu Behandlungsmöglichkeiten, Schwierigkeiten bei der
rechtlichen Anerkennung und Gleichbehandlung in den meisten Bereichen
des gesellschaftlichen Lebens; in einigen EU-Mitgliedstaaten hat sich diese
Situation jedoch gebessert.
Ungleiche Verhältnisse
Diese unterschiedlichen Entwicklungen zeigen, dass Fortschritte in der
Europäischen Union verschieden schnell und ungleichmäßig erfolgen:
Zwischen den EU-Mitgliedstaaten bestehen weiterhin gravierende
Unterschiede. Die Hauptursachen für die Hindernisse sind in der anhaltenden
Intoleranz und der negativen Einstellung gegenüber LGBT-Personen zu finden.

Abschließend noch die Resolution der Generalversammlung 217 A (III).

Allgemeine Erklärung der Menschenrechte

PRÄAMBEL

Da die Anerkennung der angeborenen Würde und der gleichen und unveräußerlichen Rechte aller Mitglieder der Gemeinschaft der Menschen die Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt bildet, da die Nichtanerkennung und Verachtung der Menschenrechte zu Akten der Barbarei geführt haben, die das Gewissen der Menschheit mit Empörung erfüllen, und da verkündet worden ist, daß einer Welt, in der die Menschen Rede- und Glaubensfreiheit und Freiheit von Furcht und Not genießen, das höchste Streben des Menschen gilt, da es notwendig ist, die Menschenrechte durch die Herrschaft des Rechtes zu schützen, damit der Mensch nicht gezwungen wird, als letztes Mittel zum Aufstand gegen Tyrannei und Unterdrückung zu greifen, da es notwendig ist, die Entwicklung freundschaftlicher Beziehungen zwischen den Nationen zu fördern, da die Völker der Vereinten Nationen in der Charta ihren Glauben an die grundlegenden Menschenrechte, an die Würde und den Wert der menschlichen Person und an die Gleichberechtigung von Mann und Frau erneut bekräftigt und beschlossen haben, den sozialen Fortschritt und bessere Lebensbedingungen in größerer Freiheit zu fördern, da die Mitgliedstaaten sich verpflichtet haben, in Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen auf die allgemeine Achtung und Einhaltung der Menschenrechte und Grundfreiheiten hinzuwirken, da ein gemeinsames Verständnis dieser Rechte und Freiheiten von größter Wichtigkeit für die volle Erfüllung dieser Verpflichtung ist, verkündet die Generalversammlung diese Allgemeine Erklärung der Menschenrechte als das von allen Völkern und Nationen zu erreichende gemeinsame Ideal, damit jeder einzelne und alle Organe der Gesellschaft sich diese Erklärung stets gegenwärtig halten und sich bemühen, durch Unterricht und Erziehung die Achtung vor diesen Rechten und Freiheiten zu fördern und durch fortschreitende nationale und internationale Maßnahmen ihre allgemeine und tatsächliche Anerkennung und Einhaltung durch die Bevölkerung der Mitgliedstaaten selbs wie auch durch die Bevölkerung der ihrer Hoheitsgewalt unterstehenden Gebiete zu
gewährleisten.

Autorinnen Naike Juchem und Nila Khalil, 9. Oktober 2021

Quellen

– ILGA EUROPE (International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association

– Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland und der Welt, Berlin

https://rainbow-europe.org/#8656/0/0

Der Reale Alptraum

Luftrettung aus Luxemburg

Wo fange ich an?

Dienstag, 3. März, Schiphol, 14 Uhr.
Ich fahre mit meiner Tochter von Den Haag zum Flughafen Schiphol. Die Gespräche sind wie immer bei einem Abschied: wir sprachen über die letzten drei Monate und was wir zwei Ulknudeln für einen Spaß hatten. Amira war traurig, dass ich zurück fliege. Verständlich, ging mir doch auch so. Ich musste zurück wegen der Arbeit. In drei Monaten Abwesenheit hat sich doch so einiges angesammelt. Natürlich habe ich ein gutes Team von über 30 Frauen und ein paar Männer,  die oft an und über ihre eigenen Grenzen gehen. Ich kann mich auf meine Mitarbeiter verlassen, trotzdem bin ich die Chefin und kann oder muss Entscheidungen treffen, die eben an mir hängen bleiben.

Beim Warten nach den Check-in mit Cappuccino und Kuchen raste die Zeit bis zum Boarding nur so. Ich drückte Amira und gab ihr einen Kuss. „Maus, wir sehen uns doch bald wieder.“

Meine Gedanken waren zerstreut. Was habe ich vergessen in Den Haag zu tun? Wie setzte ich die Ideen von Amira und ihren Kollegen in Afghanistan um?
Die neusten Nachrichten von BBC an der Grenze zu Europa machen mir Sorgen.
Wie soll ich im April mein Referat für den Word Human Right Council aufbauen? Seit Januar schreibe ich an diesem Referat und täglich könnte ich den Entwurf in die Tonne treten!
Mir ging der immer noch nicht fertig geschrieben Artikel über Genitalverstümmelung wieder durch den Kopf.

Das Boarding fing an und mein bisschen Handgepäck war schnell verstaut. Ich schnallte mich an und schaute Gedankenverloren aus dem Fenster. Irgendwie bekam ich ein schlechtes Gewissen, wenn man in Zeiten von Klimaschutz, Tierwohl und Wir-müssen-die-Welt-retten etwas über Flug, Fleisch oder Mode sagt, kommt dies bei einigen Mitmenschen einem Suizid gleich. Na gut, ich fliege nach Afghanistan, ich bin vor 30 Jahren die Strecke gelaufen – soll mir erst mal einer nach machen. Dann bin ich eben eine der jenigen die für alles Schlechte auf dieser Welt verantwortlich ist.

Neben mich setzte sich eine junge Frau in vielleicht meinem Alter, mit ihrer Tochter die so um die 11 Jahre alt sein konnte. Es gab eine kurze Begrüßung und ich schaute wieder aus dem Fenster.
Ich fliege in die Türkei! Die beiden neben mir auch. Es ist sehr unwahrscheinlich das sie vorher aussteigen. Mir kamen Zwangsehen und Genitalverstümmelung in den Sinn. Habe ich jetzt schon Paranoia! Ich schloss die Augen und das Flugzeug rollte an. Goodbye Europe.

Nach einer dreiviertelstunde nahm ich mein Tablet und wollte etwas tun – nur was? Ich las die Informationen von Sandra über ihr Hilfsprojek in Gambia und sah instinktiv zu dem Mädchen neben mir. Das Mädchen sah mich an und lächelte. „Ich werde bald eine Frau“ ,sagte es zu mir. PARANOIA! „Ich heiße Nesrin und Sie?“ Fragte sie mich auf Deutsch. Mein Tablet war auf Deutsch eingestellt. „Nila. Hallo Nesrin.“ Nesrin sah auf mein Tablet und sah die Fotos von Sandra aus Gambia. „Wo ist das?“ „Nesrin, lass die Frau in Ruhe. Du störst sie.“ Waren die Worte von der Mutter. „Unsinn. Nesrin stört mich nicht.“

Ich erklärte ihr die Fotos und was es damit auf sich hatte. Nesrin hörte aufmerksam zu. „Was haben die für Blätter vor sich?“ Fragte sie mich. „Dies sind Verträge. Diese Verträge garantieren den Kindern, dass sie in die Schule gehen müssen und nicht vor der Volljährigkeit verheiratet und auch nicht gewaltsam operiert werden dürfen.“
Die Mutter schaute mich mit großen Augen an. „Wie kommen Sie auf ein solches Thema? Entschuldigung, ich heiße Melek.“ Ich erklärte den beiden welchen Beruf ich habe und für welche Organisationen ich arbeite. Melek wollte auf einmal so vieles darüber wissen. „Willst du es dir noch mal überlegen?“ Ging es mir durch den Kopf. Verdammte Paranoia – oder doch nicht?

Melek wurde in Deutschland geboren und hält auch nicht viel von Traditionen und Religionen. Welcome in the club.
Na gut, ich lege mein Tablet weg und erklärte den beiden womit ich als Menschenrechtlerin mein Geld verdiene. Warum ich zurück nach Afghanistan fliege und was ich die letzten drei Monate in Europa gemacht habe.
Melek und Nesrin flogen in die Türkei, weil der Opa gestorben sei und nun sich jemand um die Beerdigung und alles andere kümmern müsste. So hatten wir auf dem Flug eine doch sehr angenehme und freundliche Unterhaltung.

Ankunft Istanbul-Atatürk Flughafen

Dienstag um kurz vor 21 Uhr ladete die Boeing 767 auf dem Istanbuler Flughafen. Am Zoll gab es Kontrolle auf COVID-19. Negativ. „Natierlich negadiv! I han gnügend Kässchbädzle gessa.“ Mit meiner schwäbischen Impfung auf das Coronavirus konnte der Beamte nichts anfangen, Melek lachte sich schlapp.
Nach einer guten halbe Stunde warten auf die Koffer verabschiedeten wir uns.
Ich ging zum nächsten Terminal.

Das Check-in war schnell erledigt. Ich setzte mich auf einer der Sitzreihen und legte meine Beine auf den kleinen Koffer. Dann rief ich Amira an und sagte ihr, dass ich nun in Istanbul sei Um 22.20 Uhr rief ich Naike an und bedanke mich für die schöne Zeit bei ihr. Ich versucht etwas die Augen zuzumachen.

Um 23.15 Uhr ging ich zum Gate. Die Zeit schien irgendwie stehen geblieben zu sein. Die Uhr an der Wand zeigte 23.22 Uhr. Nochmal sitzen, warten und irgendwie entspannen. Bald bin ich zu Hause. Ich machte die Augen auf und die Uhr zeigte 23.28 Uhr. Irgendwie hatte ich den Zeitsprung bis 23.45 Uhr überlebt.

Das Boarding begann

Heimat ich komme! Was esse ich als erstes wenn ich zu Hause bin? Verdammt, Kühlschrank ist ja leer. Egal – gehe ich in Gardez eben zu Ava mich selbst einladen.
Das Flugzeug rollte an. Es ging nach Hause – oder da wo ich eben wohne. Meine Heimat im Herz ist Schduddgard.
Am Wochenende gibts Käsespätzle mit 7 Kilo Käse. Schöner Traum.

Ich versuchte zu schlafen. Im sitzen kaum möglich. Auch wenn der Flieger nicht voll war, kann man sich kaum richtig auf eine Sitzreihe legen. Wer zum Teufel baut einen solchen Käse?

Irgendwann brachte eine Stewardess das Frühstück. Es war nicht berauschend, aber immerhin konnte ich etwas essen. Mama hätte frische Laugeweggle, Wurschd, Marmelade ond Käs gbrachd. So schaute ich auf Plastik verpacktes Lebensmittel. Plastik! Da war doch was! Ich bin ein Umweltsünder.

Landeanflug auf Kabul

Time to Destination 1.30 hour.

Der Landeanflug auf den Hamid Karzai International Airport in Kabul begann.

Heute in Kabul noch kurz ein Meeting mit Freundinnen zum Weltfrauentag abhalten und dann mit dem nächsten Flieger ab nach Hause – SCHLAFEN. Ach nee – erst essen.

Ich schaltete mein Handy an um Ava anrufen und mich selbst zum essen einzuladen. Das Telefon hört gar nicht mehr auf zu klingen. Ständig kamen Nachrichten: Google Mail von Janina. Bing, bing, bing. Googel Mail von Zoja. Bing, bing, bing. Sprachbox Nachricht von Liah. Bing, bing, bing….

Habe ich etwas verpasst? Das Handy hörte gar nicht mehr auf mit Mitteilungen.

Die wenigen Leute um mich herum schauten schon genervt. Ich schaltete den Ton aus. Wo fange ich jetzt an wen anzurufen? Mariam rief in diesem Augenblick an. Ich kenne sie seit vielen Jahren, sie leitet ein Frauenhaus in der Provinz Parwan. Was mir Mariam sagte, zog mir den Boden unter den Füßen weg! „Mariam, bitte nochmal. Langsam und ruhig.“ Die Worte von Mariam hämmerten sich mir ins Hirn wie mit einem Presslufthammer. „Ich bin gleich bei dir“ , waren meine Worte nach dem sie mir einen Alptraum schilderte.

Taxistand am Flughafen in Kabul

In zügigen Schritten ging ich zum nächsten Taxi und gab dem Fahrer die Adresse von Mariam. Ich gab dem Fahrer 20 US-Dollar mit der Bitte doch zügig und am besten mit Schallgeschwindigkeit zur angegebenen Adresse zu fahren.
Zwanzig Minuten vor der Ankunft schrieb ich Mariam, wann ich an ihrem Haus sei.

Mariam stand mit ihrem Wagen schon an der Straße als ich mit dem Taxi vor fuhr. Ich sofort in ihr Auto um zu einer geheimen Adresse zufahren, wo sie ihr Frauenhaus hat. Mariam war völlig aufgelöst und kaum noch fähig zu fahren. „Halte an! Ich fahre weiter.“ In noch keinen 10 Sekunden hatten wir die Plätze getauscht und ich mit Vollgas zu ihrer Einrichtung. Immer wieder sagte mir Mariam das gleiche. Mein Hirn setzte bei ihren Worten aus!

An der Adresse angekommen, ging es im Laufschritt in ihren kleinen Medizinischen Raum. Mariam riss die Tür auf und was ich in diesem Augenblick sah, werde ich niemals wieder vergessen!
Sarah und Leandra, zwei Mitarbeiterinnen von Mariam, standen Fassungslos neben einem Körper, wo die Haut an Rücken und Beinen verbrannt war. Madina, eine Ärztin und Freundin von uns war auch im Raum. Ihr Blick zu mir sagte mehr als Tausend Worte. Ein Geruch stieg mir in die Nase, den ich nicht beschreiben kann und auch nicht will. Ich wurde mit Informationen über das was ich sah bombardiert.
Ich sah immer noch diesen verbrannten Körper und hatte das Gefühl, jemand drückt mir mein Hirn zusammen. „Verbrennungsgrad II a, II b und III“ sagte Madina zu mir. Wir sprachen auf Englisch, wir wollten dem Kind nicht noch mehr zumuten. Auch wenn das Kind sediert war, musste es nicht alles mitbekommen. Mir war sofort klar, in Afghanistan gibt es keine Klinik und keine Ärzte die dafür auch nur annähernd ausgebildet sind.
Ich musste aus diesem Raum.

Die Zeit läuft gegen uns

Im Büro von Mariam rief ich Ava aus meinem Team an und bat um sofortige Unterstützung. Die Zeit läuft. Ich sagte Ava, was wie wann gebraucht wird.
Ava, Janina und Zoja machten sich wenige Minuten später auf den Weg zum Flughafen in Gardez, um mit einem Kleinflugzeug nach Kabul zu kommen.

Ich rief Erik in Den Haag an und schilderte ihm vor welchem Problem ich stehe. Irgendwie konnte ich, trotz zitternder Hand, noch ein paar Fotos von dem Mädchen machen um diese Erik zu schicken. Fünf Minuten später rief er mich an und stellte mir medizinische Fragen, die ich zusammen mit Madina beantworten konnte.
Mittlerweile kamen noch drei Mitarbeiterinnen von Mariam ins Büro. Wir mussten uns aufteilen um voran zukommen.

Im Büro von Mariam schrieb ich Fragen, Punkte und Situation auf ein Whiteboard. Nach 10 Minuten war klar, wir brauchen Helfer für all diese Aufgaben.
Mariam griff sofort zum Telefon um Freunde und Bekannte anzurufen. Ich rief Zoja an, sie sollte sich mit dem Stiftungsrat in Verbindung setzen, wir brauchen schnell verdammt viel Geld! Dann rief ich eine Freundin von Afghan Women’s Network in der Provinz Daikondi an. Auch sie leitet ein Frauenhaus und hat ein gutes Team. Über Skype verteilte ich die Aufgaben an mein Team in Gardez und das von Kiana in Daikondi.

Wo gibt es überhaupt Hilfe?

Der nächste Schritt war das Internet um zu schauen wo es überhaupt Kliniken für solche Verbrennungen gab. Alles was igendwie in diese Richtung ging, gab es nur in Australien, USA und Deutschland.
In Europa war es jetzt früh am Morgen etwas um die 5 Uhr. Ich rief wieder Erik an und teilte ihm Status mit. Er würde sich sofort mit Amira, Anjana und Elly in den Niederlanden nach Kliniken umschauen.

Ich rief in eine Klinik nach Bochum an, die laut Internet für solche Verbrennungen geeignet sei.
Ich hatte die Zentral am Telefon und erklärte um was es ging. Endlich wurde ich weitergeleitet. Wieder musste ich einem Arzt alles erklären. Ich ließ mir die Mail Adresse der Klinik geben und schicke sofort die Fotos von dem Kind. Während dem Gespräch schaute sich der Arzt die Fotos an und sagte mir, dass die Klinik dafür ausgerichtet sein. Super passt. Warum aber Afghanistan? Also nochmal erklären. 
„Aha, Soso, Jaja. Kompliziert.“ Welchen Trottel habe ich da am Telefon! Kostenzusage?  „Weiß ich noch nicht! Ist am laufen! Machen Sie sich über Geld keine Sorgen! Ich brauche klare Ansage und diese zügig.“ Wieder nur herumgeeier.

Mittlerweile kamen vier Freunde von Mariam ins Büro. Aufgabenverteilung für Transport nach Irgendwo. Transport zum Flughafen sichern. Wann – noch nicht bekannt.
Ich rief nach Ludwigshafen in die BG Klinik an. Gleiches geeier wie in Bochum. Im gleichen Moment bekam ich die Nachricht vom Zoja auf mein Laptop: Geld kein Problem. Bis jetzt schon über ein viertel Million US-Dollar. Zeitgleich kam die Mail der Kostenzusage aus Dänemark auf mein Laptop. Ich schickte sofort die Kostenzusage nach Bochum und Ludwigshafen weiter. Von beiden Kliniken bekam ich immer noch keine konkrete Antwort.
Amira rief an und gab den Status aus den Niederlanden durch. Aaliya saß neben mir und notierte alles, was meine Tochter mir sagte.

Nächster Versuch im UKE in Hamburg. Nochmals gleiche Litanei herunter gespult. Endlich sprach ich mit einem Doktor, der offensichtlich wusste was er tat. Er gab auch Tipps um vor Ort das schlimmste zu verhindern: das Austrocknen der Haut! Verdammt, da hatte keiner dran gedacht. Alles was er mir sagte, notierte ich.
Neue Aufgabenverteilung: ein Fahrer sollte sich auf den Weg zum Flughafen nach Kabul machen und mein Team abholen. Zwei sollten sich auf den Weg in Krankenhäuser und Apotheken machen,  und alles besorgen was der Arzt aus Hamburg mir sagte.

Der Transport nach Irgendwo war auch noch nicht geklärt.
Anruf von Malika aus Kabul. Sie hörte von dem Problem und bot sofort ihre Hilfe an. Sie sollte in Kabul noch Medikamente und Spezielleverbände für die Wunden besorgen.
Nun waren wir in halb Afghanistan vernetzt. Alles nur erdenkliche wurde in Erwägung gezogen. Anrufen, Erklären, Mails schreiben, besorgen, planen. Im Büro von Mariam waren fünf Mitarbeiterinnen schon mit Hochdruck daran beschäftigt.

Die Zeit läuft uns davon! Krisensitzung. Wie machen wir weiter? Gibt es ein weiter oder soll eine Lösung her, die Madina, Mariam und ich schon seit Stunden im Kopf hatten, aber nicht aussprachen: Tod durch Überdosis Methadon!

Ich setze mich seit 15 Jahren für die Rechte der Frauen ein. Leite seit 13 Jahren sechs Frauenhäuser, eine Mädchenschule und bin Menschenrechtlerin. Jetzt stehe ich zwischen meinem Verstand und der Realität zwei Zimmer weiter.

Ich rief nochmals ins UKE nach Hamburg angerufen. Ich sprach mit Doktor Kürster über den Status von Lenara und auch welche „Option“ wir in Betracht ziehen würden. Nach einem Gespräch von circa einer dreiviertelstunde sagte er etwas zu mir, was ich niemals vergessen werde: „Was achten Sie mehr, dass Leben oder den Tod? Ist ein Mensch mit einer Behinderung oder Krankheit weniger wert zu leben?“ „Ich achte das Leben und jeder Mensch ist gleich wert zu leben“ ,war meine Antwort. „Dann tun Sie alles, was in ihrer Macht steht.“
Ich übersetze das Gespräch im groben und im Raum und via Skype hörte man nur das Summen der Computer.
Was machen wir nun? Ene Mene Muh? Die Zeit rannte gerade so weg und wir hatten nichts erreicht.

9 Uhr Ortszeit.

Mein Team traf ein und ich besprach mit meinen Freundinnen die zwei Möglichen des weitermachen oder beenden.
Ava nahm mich in den Arm und fing an zu weinen „Nila, du sagtest vor 13 Jahren schon, dass wir oft an unsere Grenzen kommen werden und darüber hinaus wachsen werden. Wir überschreiten jetzt die Grenze und wir werden wachsen!“
Ava hatte recht.
Okay. Let’s go. Next step.

Madina rief zwei Kolleginnen von sich im Krankenhaus an und bat sie um Hilfe. Lenara sollte für einen Transport nach Irgendwo vorbereitet werden.
Janina kümmerte sich unterdessen mit einem Team von vier anderen Frauen und zwei Männer um ein Visa für Lenara. Also irgendwie ein Foto von dem Kind machen.

Janina ist in ihrem Job als Anwältinein Ausnahmetalent und kümmerte sich um Dokumente und setze sich schon mit den Botschaften aus Deutschland, Niederlande und USA auseinander. Noch wusste niemand wo die Reise hinführen wird.

Von Erik kam um 14 Uhr Ortszeit das Okay einer Spezialklinik für Verbrennungen in Rotterdam. Also sich auf die Niederlande konzentrieren. Erik bekam vom Stiftungsrat gleiche Mail mit der Kostenübernahme wie ich.
Wieder musste meine Tochter ran und alles was Janina sagte, gab Amira der Niederländischen Botschaft in Kabul weiter. Die Telefonkonferenz von Afghanistan nach den Niederlande und zurück nach Afghanistan lief auf Hochtouren. Ich war stolz auf meine Maus!
Erik machte Zeitgleich Druck beim Bürgermeister von Den Haag und anderen Politiker. Es wurde ein Visum zugesichert.

Die Luftrettung

Die Klinik war nun gesichert. Wie aber dieses Kind von Afghanistan so schnell wie möglich nach Rotterdam schaffen?
Der Transport mit der Luftrettung
war soweit endlich geklärt – aber nur in Europa!
Auch da wurde sehr viel telefoniert. Von der Luftrettung aus Luxemburg wurde ein Flug bis in die Ukraine zugesichert.
Ich rief einen Freund in den USA an und gab den Status durch, bevor er die Augen geöffnet hatte – blöde Zeitverschiebung. Malcolm würde sich sofort an die Arbeit machen.

Mittlerweile war es weit nach 16 Uhr in Kabul und ich wusste nicht, wie lange ich schon wach war. Um 17.30 Uhr war soweit alles geklärt. Die Wunden von Lenara nach Vorgaben von Dr. Kürster behandelt. Da Lenara sediert war, konnte vieles ohne ihr größere Schmerzen zu verursachen, einiges an der verbrannten Haut behandelt werden.
Ein Team von weit über 30 Personen auf drei Kontinenten lief immer noch auf Hochtouren. Das Team um Janina kümmerte sich um alles was an Dokumente für den Flug und Lenara gebraucht wurde.

Um 17.43 Uhr kam die Auftragsbestätigung der Luftrettung aus Luxemburg auf mein Laptop. 46 Seiten umfasste diese Zusage.
Zoja hat Englisch studiert und las die 46 Seiten schneller, als ich schreiben konnte. Wieder Arbeitsaufteilung um die erforderlichen Punkte so schnell wie möglich abzuhaken.

Ein Notarzt aus Luxemburg rief an und konnte nicht glauben, dass ich Deutsch sprach. Zoja kann auch Deutsch! So wurden die Punkte, die wir zeitlich gar nicht schaffen konnten besprochen und auch von der Leitstelle in Luxemburg notiert. Die Leitstelle würde diese oder jene Genehmigung für uns erstellen lassen. Dem Notarzt gab ich noch den Status von Lenara durch und er versicherte, dass er morgen früh in Charkiw/ Ukraine sei. Ich sagte ihm die Abflugzeit von Kabul aber nicht wisse mit welches Flugzeug ich kommen werde. „Et wäert net eng flësseg Nosschuel sinn“ ( Es wird keine Fliegende Nussschale sein.) War die Antwort von dem Notarzt.

Der Abend wurde immer später und mir dröhnte der Kopf wie ein Triebwerk von einem Jumbojet. Die Aufgaben waren soweit alle abgearbeitet. Janina und ihr Team waren immer noch voll beschäftigt mit mailen, scannen und telefonieren.

Ich rief meine Tochter in den Niederlanden an und gab den aktuellen Status durch.
Janina reichte mir eine Anklageschrift gegen den Ehemann, die Eltern von Lenara und Unbekannt. „Damit sind wohl auch jene gemeint, die der Hochzeit zugestimmt haben?“ Janina nickte mir zu „Nila, ich bin es so leid! Wir werden diesen Fall öffentlich machen! Es muss endlich mal Schluss sein.“
Ich sah den Empfänger dieser Schriften und war unglaublich stolz auf meine Freundin.

Madina sprach schon seit eineinhalb Stunden mit mir, dass ich doch endlich schlafen sollte. Ich verwies immer noch auf Punke die nicht geklärt seien. Ava sagte in einem nicht gerade freundlichen Ton, dass sie mir jetzt die Leitung entziehen würde, wenn ich nicht langsam mal an mich denken würde! Mit der Drohung und einem Kebab in ihrer Hand nahm ich dann doch ihren Rat an. Madina gab mir eine leichte Schlaftablette.
Mit Kebab und Cola legte ich mich im zweiten Stock in ein Zimmer um zur Ruhe zu kommen. Ich rief Amira an und muss wohl während des Gesprächs eingeschlafen sein. Soviel zu „leicher“ Schlaftablette.

4 Uhr Ortszeit. 60 Kilometer vom Flughafen Kabul entfernt.

Ich wurde von Ava geweckt und machte mich noch schnell etwas frisch. Im Haus war das komplette Krisenmanagement schon wach – oder immer noch.
Ein Freund von Mariam kam mit einen Kleinbus. Der Raum zwischen dem Fahrersitz und erste Reihe in Bus wurde mit Decken und einer Matratze aufgebaut, sodass Lenara weich liegen konnte. Auf dem Bauch und Gesicht hat sie zum Glück keine Verbrennungen. Mit vier Leuten trugen wir sie auf einer Trage in den Bus. Die zwei Ärztinnen, Dunya und Farah, Janina, Zoja, ich und Idris der Fahrer, machten uns auf den Weg zum Flughafen.

Die Flugzeugkennnummer, Flugroute, Genehmigung und alles was wir brauchten, druckte Janina in der Nacht noch aus. Zum Glück hat sie Zugriff auf mein Laptop und konnte die Mails aus den USA beantworten.

Am Flugplatz ging die Kontrolle sehr zügig. Janina kann in ihrer Rolle als Anwältin ganz schön fordernd sein.
Mit einem Begleitfahrzeug ging es zum Parkplatz wo unser Flugzeug stand.
Die schmale und steile Treppe in den Airbus A318 erwies sich als Problem für eine Trage mit einem Kind drauf. Zwei Mechaniker kamen zu Hilfe und so schafften vier Männer Lenara ins Flugzeug.
Im vorderen Bereich nach dem Cockpit legten wir alles an Decken hin, was wir im Auto hatten. Es begann eine Diskussion mit den beiden US Piloten, weil wir Lenara nicht anschnallen konnten. Janina, Zoja und ich texteten die Jungs dermaßen zu, bis sie endlich ihr Okay gaben.

Ich verabschiedete mich von Janina und Zoja. Beide hatten heute in Kabul noch einiges vor. Die zwölfseitige Anklageschrift wollten sie persönlich dem obersten Richter von Afghanistan aushändigen.

Es war 6 Uhr als die Turbinen des Airbus A318 hochliefen.

Starterlaubnis checken, beim Tower anmelden und rollen.
Um 6.11 Uhr hob der A318 mit Ziel Charkiw in der Ukraine ab. Ich sprach mit Lenara was nun kommt, wo es hin geht und wer alles bei ihr ist.
Die Ärztinnen Dunya und Farah überwachten den Puls, Herz und Atmung von Lenara. Sie lag in einer Alu-Schutzfolie auf dem Boden und weinte. Weiter Schmerzmittel ohne Hightechgeräte sind äußerst schwer zu dosieren. Also, hopp oder top. Noch einmal Schmerzmittel verabreichen.

Die Zeit des Nichtstun war für mich das schlimmste. Also auf ins Cockpit und mit den Piloten reden. Ich fragte den Co-Piloten „How long is it until arrival? How long the distance to the destination?“ Die Antwort war nicht sehr erbauend. „Kann die Kiste auch schnell? The plane doesn’t fly faster?“ Wenn Blicke am frühen Morgen töten könnten! „Let’s go! Faster.“
Der Pilot erzählte mir etwas von Flugrouten, Flughöhe, Flugverkehr und Gesetzte und so ein Zeugs. „Des mog älles sai, nur gib Gas. Ihr wolld do koi Leiche im Flugzeug.“ Schwäbisch känned die Jungs a ned. Ich zeigte den beiden die Fotos von Lenara – dies half. Faster Boys!

Meine Gedanken rasten nur so durch mein Hirn. Die Worte von Dr. Kürster hallten in meinen Ohren und ich weinte.
In meinem Leben hatte ich mir noch nie diese Fragen stellen müssen. Ich schämte mich dafür. Was ist für Lenara Erlösung? Darf ich diese Frage überhaupt stellen?

How long is it until arrival?

„How long is it until arrival? How long the distance to the destination?“.„We are about to leave Turkmenistan’s airspace. After 1579 kilometers to the airport Charkiw.“ Die Hälfte! Die Hälfte sind wir erst geflogen!
Der Pilot bat mich das ich mich zu ihnen setzten sollte. Mason war in meinem Alter, der Co-Pilot, Gavin, war fünf Jahre jünger. Ich erzählte den beiden den Alptraum der letzten 24 Stunden. Immer wieder fragte ich die Zeit bis zur Destination. 927 Kilometer. Es wird weniger!

Ich ging zu Lenara und sprach langsam mit ihr. Das Mädchen bekam in den letzten 48 Stunden so viele Medikamente, dass es zum Glück kaum vieles wahr nahm.
Ein Mädchen von 11 Jahren lag in einem Flugzeug eingehüllt in einer Thermofolie und kämpfe um sein Leben.
Hilflos und Wortlos sah ich zu Dunya. Auch ihr Blick war weit von allem Verständnis. Garvin kam zu uns und sagte „Time to Destination in 36 minutes.“ „Danke Gavin.“ Ich hob die Alu-Schutzdecke hoch um Gavin die perversion der Menschheit an einem Kind zu zeigen.

Mason meldete das Flugzeug beim Tower an und sagte mir, das Flugzeug aus Luxemburg sei schon da. Hallelujah!
Der Boden kam näher und Mason setzte den A318 so sanft auf, dass man es kaum merkte Boden unter den Räder zu haben. Der Tower gab die Position zum parken an. Ich sah den Learjet aus Luxemburg und musste weinen.
„Lenara, die Hälfte hast du geschafft.“

Gavin öffnete die Tür und klappte die Treppe aus und ich sofort aus dem Flieger. Ein Mittelgroßer Mann kam auf mich zu.
„Ich bin Leon, wir hatten bestimmt gestern telefoniert.“ Ich nickte „Hatten wir. Nila. Hallo Leon.“
Mit Leon und Frederik, einem zweiten Notarzt ging es wieder rein ins Flugzeug. Dunya und Farah sagen den beiden alles, was über den Status von Lenara wichtig war.

Beamte vom Zoll, zwei Ärzte und vier Männer von der Flughafen Feuerwehr kamen ans Flugzeug.
Die Luxemburger Notärzte hatten Lenara erst einmal untersucht und einige Geräte angeschlossen.
Ich kümmerte mich mit den Beamten vom Zoll um die Papiere. Die Beamten konnten kein Englisch und ich kein Russisch. Jarina hatte zum Glück alle Dokumente in vier Sprachen ausgefertigt. Zum Glück habe ich solch wunderbare Menschen in meinem Team. Mit einem Berg von Dokumenten saßen wir im Flugzeug und klärten alles ab. Henry, der Pilot aus Luxemburg, hatte auch noch einiges an Dokumente dabei.

Die Übergabe von Lenara dauert länger als geplant. Der Herzkreislauf war bei ihr nicht besonders stabil. Die Luxemburger Notärzte legten Kanülen, Infusionen und gaben Lenara nochmals Spritzen.
Die beiden Ärzte aus der Ukraine konnten wenig tun. Sie dokumentierten den Gesundheitszustand von Lenara für ihr Ministerium oder was auch immer.

Ich rief Amira an und gab Status durch. Endlich war Lenara soweit sediert und stabil um in das andere Flugzeug zu tragen. Die Feuerwehrmänner halfen die Trage aus dem A318 zu schaffen und rein in den Learjet. Leon und Frederik schlossen EKG und noch so einiges an Kabel und Geräte an.
Henry sah ungeduldig zu Leon und wartete auf das GO.
Endlich war Lenara für den Weiterflug bereit.
Henry meldete sich bein Tower an und noch keine zwei Minuten später rollte der Learjet zur Startbahn.

Luftrettung aus Luxemburg

Take off um 12.43 Uhr

Henry sagte mir, dass er Rotterdam anfliegen werde. Leon schickte das Übergabeprotokoll an die Leitstelle nach Luxemburg. Ich rief noch schnell Erik an und er sagt mir, dass Lenara noch am gleichen Abend operiert werden würde.

Der Learjet war doch erheblich kleiner als der A318. So konnte ich mich von meinem Sitz nicht all zu viel bewegen und sah die ganze Zeit auf Lenara.
Leon lenkte mich ab und fragte mich sehr viel. „Warum kannst du so gut Deutsch?“ War die dritte Frage von ihm. Ich erzählte Frederik und Leon meine Geschichte von vor 30 Jahren und was ich nun beruflich mache.

Ambulanzjet Learjet 45

Immer wieder sah ich auf Lenara und hoffte das sie die letzten 2000 Kilometer noch schafften würde. Leon sprach offen mit mir und auch die Möglichkeiten einer Heilung. Ich frage ihn, wie er die andere Option für Lenara sah, er sei schließlich Arzt.
„Du und ich schützen das Leben und da ist jede Anstrengung wichtig. Wir tun was wir können, mehr Macht haben wir noch nicht.“

In all dem Chaos am Morgen dachte ich nicht daran, dass ich auch irgendwann mal Hunger bekomme würde. Die Bordküche im Learjet gab zwei Snickers her – besser als nichts.
Ständig schaute ich auf das EKG an der Wand vor mir und war froh, wenn die Kurve einen Zentimeter höher ging, als die zuvor.

Wir waren über deutschen Luftraum.
Noch keine 1000 Kilometer bis nach Rotterdam.
Ich erzählte Frederik und Leon, dass ich am Dienstagnachmittag erst von Schiphol nach Istanbul und dann weiter nach Kabul geflogen sei. Dies konnten die beiden gar nicht glauben. So erzählt ich ihnen die letzten 24 Stunden.
Henry sagte zwischendurch was unter, links oder rechts von uns für eine Stadt war: Hannover. Osnabrück.
„Wir sind gleich in den Niederlanden“ sagte Henry.
Frederik gab der Leitstelle in Luxemburg den Status von Lenara durch. „Super, ich habe Dr. de Joost an der anderen Leitung“, hörte ich von Henry über den Funk.
„Darf ich mit Erik sprechen?“ Henry winkte mich ins Cockpit und gab mir einen Kopfhörer. Es war schön die vertraute Stimme von Erik zu hören. Er sagte das alles vorbereitet sei und zusätzlich zwei Ärtze in die Klinik kommen würden, die sich auf Säure-Verbrennungen spezialisiert hätten. Ich sprach noch kurz mit Amira und war über ihre Gelassenheit erstaunt. Meine kleine Maus!

Rotterdam The Hague Airport

Um 15.40 Uhr meldete Henry den Learjet
beim Tower an und bekam die Landeposition zugewiesen.
24 Stunden später landete ich wieder in dem Land, wo ich eigentlich erst im Herbst wieder sein wollte.
Durch das Fenster sah ich den Rettungswagen auf den Learjet zukommen. Noch während Henry das Flugzeug langsam zum Parkplatz rollte, wurde bei Lenara alles für die letzten Kilometer vorbereitet.

Ich sah das Follow-Me Auto vom Flughafen und dahinter das Auto von meine Tochter und Erik auf dem Beifahrersitz.
Erik nahm mich in die Arme und ich fing an zu weinen. Amira verstaute mein Handgepäck das einmal um die halbe Welt geflogen war.
Leon übergab das Protokoll von Lenara an einen anderen Notarzt. Ich umarmte Leon und Frederik. Bedankte mich für ihre Arbeit und Leon gab mir sein Handynummer. Er wollte wissen wie es mit Lenara weitergeht. „Wir bleiben bin in Kontakt. Versprochen.“ Ich gab ihm einen Kuss.

Mit Erik und Amira folgten wir dem Rettungswagen. Ich hörte die Sirenen und sah immer wieder dieses blaue Licht und mit einem Schlag fiel alles von mir ab. Über 30 Menschen auf drei Kontinenten waren verantwortlich für das, was vor uns mit Blaulicht auf den Straßen von Flughafen zur Spezialklinik jagte.

Brandwonden Klinik Rotterdam

In der Klinik angekommen ging es sofort in den OP Bereich. In einem Zimmer in der Rettungsstadion sprach Professor de Friese und zwei weitere Ärzte mit uns, was nun geplant sei. Wenn der Gesundheitszustand von Lenara soweit stabil sei – was anhand von den Protokollen gut aussehe, würden sie Lenara in ein künstliches Koma legen um dem Kind die Schmerzen zu nehmen und um auch Zeit zu gewinnen, die Haut zu regenerieren. Wir würden benachrichtigt werden, sobald Klarheit bestehen würde.
Da Amira am Vortag als Bevollmächtigte Betreuerin für Lenara eingesetzt wurde, würden wir natürlich über alle Schritte informiert werden.

Am Donnerstag Abend um 18.40 Uhr verließen wir das Krankenhaus. Mehr konnten wir jetzt sowieso nicht tun.
Auf dem Weg zu Amira bestellen wir Pizza mit allem und viel! Ich hatte Hunger wie ein Bär.

Um 19.15 Uhr waren wir an der Wohnung von Amira in Den Haag  angekommen und gleichzeitig kam der Pizzabote um die Ecke.

Mit einem Glas Wein und unserer Pizza saßen wir schweigend in der Küche.
„Mama, ich bin sehr stolz auf dich!“ Ich nahm Amira in die Arme und wir beide fingen an zu weinen.

Freitagnacht 2.18 Uhr

Um 2.18 Uhr klingelte das Handy von Amira und Professor de Friese teilte uns mit, dass Lenara in einem künstlichen Koma liege und ihr Gesundheitszustand sehr kritisch sei. Nun würde es Zeit brauchen um ihr eine Überlebenschance zugeben.
Ich rief Madina an und gab ihr den Status von Lenara bekannt. Dann sprach ich mit Janina und sie sagte mir, dass sie auch bei der Staatsanwaltschaft in Kabul war und der Mann von Lenara heute dem obersten Richter von Afghanistan vorgeführt werde. Auch zieht sie eine Strafanzeige von Niederländischer Seite in Betracht, würde sich da aber erst mit der Botschaft in Kabul in Verbindung setzen. Der Strafantrag gegen die Eltern von Lenara sei auch raus.

So weit der Stand am Freitag den 6. März 2020

Ich kann nicht mehr als meinen Dank allen Freunden und Menschen sagen, die für das Leben von Lenara kämpfen und sich weit über ihre Grenzen eingesetzt haben.

Nila Khalil, Den Haag, 6. März 2020

Afghanistan steht vor einem Wirtschaftsbankrott

Zentralbank in Kabul

Das Geld ist alle und dies zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt: der Winter steht vor der Tür.

Autorinnen Nila Khalil und Samira Ansary

Die afghanische Zentralbank hat in den Wochen, bevor die Taliban die Kontrolle über das Land übernahmen, den größten Teil ihrer Bargeldreserven in US-Dollar aufgebraucht. Dies geht aus einer Bewertung hervor, die für die internationalen Geberländer für Afghanistan erstellt wurde und die sowieso schon aktuelle Wirtschaftskrise nun noch weiter verschärft.

In einem zweiseitigen Bericht, der Anfang September von hochrangigen internationalen Wirtschaftsvertretern für die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds (IWF) verfasst wurde, steht, dass die schwere Bargeldknappheit des Landes bereits Moante vor der Übernahme durch die Taliban begann.

In dem Bericht wird kritisiert, wie die frühere Führung der Zentralbank in den Monaten vor der Eroberung durch die Taliban mit der Krise umgegangen sei und warum eine ungewöhnlich hohe Zahl an US-Dollar versteigern und darüber hinaus Geld von der Zentralbank in Kabul in Zweigstellen der Provinzen gebracht wurde. In dem Bericht an die Weltbank und IWF steht: „Die Devisenreserven in den Tresoren der Zentralbank in Kabul sind erschöpft, die Zentralbank kann die Bargeldanforderungen nicht erfüllen und die Hauptursache des Problems ist die Misswirtschaft der Zentralbank vor der Machtübernahme durch die Taliban.“

Korruption hat kein Gewissen

Shah Mehrabi, der Vorsitzende des Prüfungsausschusses der Zentralbank, der die Bank vor der Übernahme durch die Taliban mit beaufsichtigt hatte, verteidigte das Vorgehen der Zentralbank und erklärte, sie habe versucht, einen Ansturm auf die afghanische Landeswährung zu verhindern. Es ist schon sehr bezeichnend, dass gerade solche Personen wie Mehrabi nach dem Sturz der Regierung noch im Amt sind.

Das Ausmaß der Bargeldknappheit ist mittlerweile in alle Städten von Afghanistan zu sehen, wo die Menschen stundenlang Schlange stehen, um ihre Ersparnisse in Dollar abzuheben, obwohl sie nur eine begrenzte Menge abheben können. Oder auch auf Märkte, wo die Menschen ihr bisschen Hab und Gut gegen etwas Geld verkaufen.

Seit fast zwei Jahrzehnten hat die Wirtschaft unter den Folgen der innerstaatlichen Instabilität zu leiden. Die Folgen sind verheerend. Viele Jungen ab 10 Jahre versuchen als Tagelöhner etwas Geld für die Familien zu beschaffen und somit können sie nicht weiter zur Schule gehen. Aus dieser Armut resultiert ein Analphabetismus, der mittlerweile weit über der Hälfte der Bevölkerung liegt.

In den letzten Monaten haben sich die Preise für Grundnahrungsmittel erneut um ein vielfaches verteuert. Gleichzeitig haben
durch die Machtübernahme der Taliban viele Menschen ihre Arbeit verloren. Millionen von Menschen stehen angesichts des nahenden Winters vor einer humanitäre Katastrophe. Ich hatte im Januar 2020 schon darüber berichtet und die aktuelle Wirtschaftskrise gepaart mit der Taliban als „Regierung“ macht es für die Menschen nicht einfacher.

Alleine der UN fehlen 1 Milliarde US-Dollar, um die Menschen in Afghanistan über den Winter zu bringen.
Auch wenn die Taliban sich als moderat hinstellt, sind sie es nicht. Faktisch werden sich Hilfsorganisationen bei der aktuellen Gefahrenlage durch die Taliban wohl kaum an Humanitärer Hilfe beteiligen. So wird es diesen Winter die ärmsten der Armen treffen. Die Menschen haben zum einen kein Geld für Lebensmittel und für Gas, bzw. andere Brennstoffe kein Geld.

Es kommt kein Geld mehr

Unter der Regierung Ghani war die Zentralbank auf Bargeldlieferungen in Höhe von 249 Millionen US-Dollar angewiesen. Dieses Geld wurde alle drei Monate in Kisten mit gebundenen 100 US-Dollar-Noten geliefert und in den Tresoren der Zentralbank und im Präsidentenpalastes gelagert.

Dieser Geldstrom ist nun versiegt, da ausländische Regierungen zur Zeit noch nicht direkt mit den Taliban verhandeln. In Anbetracht der Not von Millionen Menschen, muss es sehr bald eine Lösung geben – ob man nun will oder nicht.

Afghanistan steht vor einem Staatsbankrott

Die Zentralbank, die eine Schlüsselrolle in Afghanistan spielt, weil sie die Hilfsgelder von der EU und der USA verteilt, erklärte am Mittwoch, sie habe einen Plan zur Deckung des Devisenbedarfs des Landes ausgearbeitet – nannte jedoch keine Einzelheiten. Der Mangel an einer stabilen Währung macht es den Taliban schwer, ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen, einschließlich der Bezahlung von Strom oder der Auszahlung von Gehältern an Regierungsangestellte, Universitäts Professoren, Ärzte und und und. Diese Menschen, die Afghanistan dringend braucht, werden schon seit Monaten nicht mehr bezahlt.

Die Auslandsreserven Afghanistans in Höhe von rund 9 Milliarden US-Dollar wurden eingefroren, als die Taliban Kabul erobert hatten, und die Zentralbank nur noch über die Bargeld in ihren Tresoren verfügte.

Dem Bericht zufolge versteigerte die Zentralbank zwischen dem 1. Juni und dem 15. August 1,5 Milliarden Dollar an lokale Devisenhändler, was als auffallend hoch bezeichnet wurde. Am 15. August hatte die Zentralbank ausstehende Verbindlichkeiten in Höhe von 700 Mio. US-Dollar und 50 Mrd. Afghanis (569 Mio. US-Dollar) gegenüber den Geschäftsbanken. Dies ist einer der Hauptgründe für die nun leeren Kassen im Land.

Nach vorliegenden Berichten hatte die
afghanische Zentralbank Auktionen für den Devisenhandel angemeldet, aber da ging es um einen Betrag von fast 1,5 Milliarden Dollar. Tatsächlich verkaufte die Zentralbank Betrag  lediglich 714 Millionen US-Dollar an Devisenhändler.

Wo ist das Geld?

Der Bericht stellt auch die Entscheidung der Zentralbank in Frage, einen Teil ihrer Reserven in Provinzfilialen verlagern zu haben, was ein sehr hohes Risiko für die Banken darstellte.

Ende 2020 seien rund 202 Millionen US-Dollar in Filialen in den Provinzen des Landes aufbewahrt worden – obwohl zum damaligen Zeitpunkt schon dreiviertel der Provinzen unter der Kontrolle der Taliban waren.
Im Jahr 2019 waren es lediglich 12,9 Millionen US-Dollar, die in den Filialen aufbewahrt wurden.

In dem Bericht heißt es weiter, dass:
„Einiges an Geld in den Provinzfilialen verloren gegangen sei,“ (gestohlen trifft es wohl besser)“, ohne aber genaue Höhe des Verlustes an Geld anzugeben.

Der ehemalige Leiter der Zentralbank, Ajmal Ahmady, der das Land am Tag nach dem Sturz der Regierung durch die Taliban verließ, reagierte bis zum jetzigen Zeitpunkt auf keine E-Mails oder anderen Nachrichten von den Wirtschaftsvertretern für die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds.

Ahmady erklärte in den letzten Wochen auf Twitter, er habe sein Bestes getan, um die Situation zu meistern, und machte für etwaige Liquiditätsengpässe und des Einfrierens vom Zentralbankvermögen ausländische Regierungen dafür verantwortlich.

In seinen Erklärungen sagte er, dass die Zentralbank die Wirtschaft vor dem Fall von Kabul gut geführt habe und das kein Geld von einem Reservekonto gestohlen worden sei. Weiter teilte er mit: „das er sich schlecht fühle, weil er Mitarbeiter zurückgelassen habe.“  Ahmady müsse um seine Sicherheit fürchten, daher habe er sich abgesetzt.

Nila Khalil und Samira Ansary, Kodling. 2. Oktober 2021

Der IStGH klagt die Taliban an

Das Vetorecht von China und Russland könnte eine Anklage des Internationalen Strafgerichtshofs gegen die Taliban blockieren.

Autoren Nila Khalil und Samira Ansary

Der neue Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs, Karim Khan, hat das Gericht gebeten, eine Untersuchung der mutmaßlichen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die von den Taliban und den Anhängern des Islamischen Staats in Afghanistan seit 2003 begangen wurden, wieder aufzunehmen.

Dies ist eine große Herausforderung für den britischen Juristen Khan, denn die globale Machtpolitik der USA, China und Russlands legen bei Anklagen gegen die Menschlichkeit oft ihr Vetorecht ein.

IStGH – den USA, China und Russland ein Dorn im Auge

Karim Khan hat die bisherige Chefanklägerin, Fatou Bensouda aus Gambia, Mitte Juni 2021 abgelöst. Er wurde für eine Amtszeit von neun Jahren gewählt.

Khan wird sein Amt in einer kritischen Zeit für das Gericht antreten. Es steht unter großem politischen Druck wegen geplanten 

Ermittlungsverfahren zu Kriegsverbrechen in Palästina und in Afghanistan. Dadurch wären auch Prozesse gegen Militärs aus Israel oder den USA möglich. Den Grundlagenvertrag des Tribunals, das sogenannte Römische Statut, haben 123 Staaten ratifiziert. Die USA gehören dem IStGH – ebenso wie Russland und China – nicht an und haben ihn wiederholt scharf attackiert. Ermittlungen des Strafgerichtshofs gegen US-Bürger lehnt Washington als „illegitim“ ab.

Der neuste Schritt von Karim Khan zeigt die Entschlossenheit, das Völkerrecht nicht nur zur Untersuchung vergangener, sondern auch aktueller Verbrechen gegen die Menschlichkeit anzuwenden. Der Internationale Strafgerichtshof mit Sitz in Den Haag hat den Taliban über die afghanische Botschaft in den Niederlanden mitgeteilt, dass er beabsichtigt, eine Untersuchung wieder aufzunehmen.

Bereit im Frühjahr 2018 reichte die Chefanwältin aus dem Netzwerk von Nila Khalil, Samira Ansary, dutzende Beweise an Menschenrechtsverletzungen persönlich bei Fatou Bensouda ein. Durch die Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen zwischen den USA und der Taliban, im September 2019, wurden frühere IStGH-Untersuchung im April 2020 ausgesetzt, nachdem die damalige afghanische Regierung von Ashraf Ghani darum gebeten hatte, Zeit zu erhalten, um in Zusammenarbeit mit den IStGH-Anwälten Beweise zu sammeln.

Da die Nationlarmee von Afghanistan am 16. August gegen die Taliban kapitulierte und Ashraf Ghani sich ins Exil abgesetzt hat, wird es täglich schwieriger Beweise und Dokumente der Verbrechen gegen die Menschlichkeit der Taliban und andere Terrorgruppen zu sichern.

Khan kündigen auf einer Pressekonferenz in Den Haag mit: „Das es keine Aussicht mehr auf eine echte und wirksame innerstaatliche Untersuchung der Verbrechen in Afghanistan gibt. Sein Vorschlag sieht vor, mutmaßliche Kriegsverbrechen, die von den USA und der afghanischen Armee begangen wurden, zwar nicht als vorrangig einzustufen, aber nicht fallen zu lassen, da sie nicht fortgesetzt werden.

Die derzeitige De-facto-Kontrolle des afghanischen Territoriums durch die Taliban und ihre Auswirkungen, auch auf die Strafverfolgung und die Justiz in Afghanistan, stellen eine grundlegende Änderung der Innenpolitischen Umstände dar. Die Schwere, das Ausmaß und der anhaltende Charakter der Taliban und des Islamischen Staates – zu deren Terroranschläge auf Zivilisten, gezielte außergerichtliche Hinrichtungen, die Verfolgung von Frauen und Mädchen und Verbrechen gegen Kinder, muss schnellstmöglich gehandelt werden, bevor es zu weiterer Eskalation kommt. Eines der Kriterien für die Entscheidung, ob die ins Stocken geratenen Ermittlungen wieder aufgenommen werden sollen, hängt davon ab, inwieweit innerstaatliche Rechtsmittel zur Verfügung stehen.

In seiner Stellungnahme sagt Khan, dass der IStGH für seine Ermittlungen nicht verpflichtet sei, sich ein Urteil über die De-jure- oder De-facto-Regierung des Landes zu bilden. Er sagt auch, dass es keine Institution innerhalb oder außerhalb des Landes gibt, die seiner Ansicht nach legitimerweise eine weitere Verschiebung der IStGH-Untersuchung beantragen kann.

Es besteht Hoffnung zur Anklage

Eines der Verbrechen, das wahrscheinlich untersucht wird, ist das Selbstmordattentat am 26. August 2021 auf dem Flughafen von Kabul, zu dem sich der Islamische Staat in der Provinz Chorasan bekannte.

Letztes Jahr gaben die Richter des IStGH einem Antrag der Staatsanwaltschaft statt, eine umfassende Untersuchung gegen Afghanistan wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen einzuleiten, die nach 2003 begangen wurden.

Der Staatsanwalt wurde zunächst von einer unteren Kammer abgewiesen, die der Meinung war, dass eine Untersuchung nicht „im Interesse der Justiz“ sei. Da der Staatsanwalt dem zuständige IStGH-Gremium mit ausreichend Dokumentationen überzeugen konnte, intervenierte die afghanische Regierung im April 2020 mit einem Antrag auf Vertagung, um das Verfahren auszusetzen, mit dem Argument: „Einige der Verbrechen am besten im Inland untersuchten zu lassen. Der Antrag, der der afghanischen Regierung das Recht gab, einen Aufschub zu beantragen, war nicht dazu gedacht, eine Lücke in der Straflosigkeit zu schaffen oder die ‚goldene Stunde‘ zu vergeuden, sobald die Bedingungen für die Eröffnung einer Untersuchung erfüllt seien.

Da unter anderem auch in diesem Fall Verbrechen nach Artikel 5: Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und Völkermord; weiterhin begangen wurden, hatte das hinauszögern seitens der nun regierenden Taliban den Anschein, man lässt vieles im Sand verlaufen.

In belegbaren Dokumenten, die dem IStGH von der Staatsanwaltschaft in Den Haag vorgelegt wurden, ist ganz klar die Glaubwürdigkeit gegeben. In den geheimen Dokumenten, ist eindeutig belegt, dass die Taliban Tausende von Gefangenen, die mit Al-Qaida und IS-Terrorgruppen in Verbindung stehen, aus der Hafteinrichtungen des Luftwaffenstützpunkts Bagram entlassen haben.

Nach Sichtung der Daten und Dokumente, kann die Staatsanwaltschaft, wie auch der IStGH davon ausgehen, dass die Taliban jetzt und in Zukunft Verbrechen nach Artikel 5 nicht ernsthaft untersuchen werden.

Auch die britische Organisation: Coalition for Genocide Response (Koalition für die Bekämpfung des Völkermordes) begrüßte die neuerliche Anklage, denn auch sie befürchten, dass in den nächsten Monaten die Gefahr von Gräueltaten, einschließlich des Völkermordes an Ethnien der Hazara größer wird.

In einer privaten Email schrieb Ewelina U. Ochab, Mitbegründerin der Coalition for Genocide Response: „Das Mandat des IStGH, hochrangige Täter zu verfolgen, wenn Staaten nicht in der Lage oder nicht willens sind, ist eines, das konsequent und ohne Furcht oder Bevorzugung angewandt werden sollte, und als solches darf es nicht die Verbrechen anderer mutmaßlicher Täter in der Region vernachlässigen, einschließlich der Staatsangehörigen von Nichtvertragsstaaten, die sich zum betreffenden Zeitpunkt in Afghanistan aufhielten.“

Das Vetorecht verhindert Aufklärung

Im Jahr 2015 war der IStGH nicht in der Lage, die Aktionen des IS in Syrien zu untersuchen, da eine Anklage nach dem Völkerrecht durch den UN-Sicherheitsrat erfolgen musste. Da es zur damaligen Zeit Anklagen seitens des IStGH gegen Truppen von Präsident Baschar al-Assad ging, legte Russland sein Veto ein. Womit der gesamte Antrag auf Völkermord gegen den IS und Syrien von Russland im Weltsicherheitsrat blockiert wurde.

Nun bleibt abzuwarten, wie sich Russland und China in Afghanistan engagieren werden und sie eventuell von ihrem Vetorecht gebraucht machen werden, um dem IStGH erneut eine Anklage gegen Terroristen zu Blockieren.

Nila Khalil und Samira Ansary, Kodling, 28. September 2021

Die Ethnologie in Afghanistan

Um Afghanistan zu begreifen, muss man sehr weit in der Geschichte zurück gehen und auch die Ethnologie wie auch die Anthropologie in Betracht ziehen.

Autorin Naike Juchem

Was wir in Europa bis Anfang 1990 als Jugoslawien kannten, funktionierte in diesem – ebenfalls Vielvölkerstaat nur, weil man von Grund auf alles an Ethnien bekämpfte. Der Jugoslawien Krieg zeigte, wie verfeinert die Menschen in diesem Staatsgebiet waren. Es endete im Völkermord.

Wenn Afghanistan eine Zukunft haben sollte, kann es nur die Aufteilung des Staatsgebiet zur Folge haben.

Die Probleme in Afghanistan liegen in den vielen Ethnien die in diesem Land leben. Seit Jahrzehnten kämpft jeder gegen jeden. Dies ist und war der Nährboden für den Fundamentalismus, aus den der Terror resultiert.
Auf lange Sicht gesehen, wird es in Afghanistan niemals Frieden geben, solange es ein territoriales Land gibt.
Es muss endlich in Betracht gezogen werden, dass diese Form als Land so nicht existieren kann und wird.

Die Ethnologie in Afghanistan

In der Ethnologie und Anthropologie bezeichnet man als Clan eine Verwandschaftsgruppe , die sich auf einen gemeinsamen Ahn bezieht, ohne dabei jedoch die Abstammung lückenlos herleiten zu können. Eine genauere Definition von Clan, die sich in der englisch- und deutschsprachigen Forschungsliteratur durchgesetzt hat, geht auf den US-amerikanischen Anthropologen George P. Murdock (1897–1985) zurück. Murdock bezeichnet eine Verwandtschaftsgruppe, die gemeinsam auf einem Territorium zusammen lebt, als Clan. Eingeschlossen werden hier die angeheirateten Ehepartner, ausgeschlossen die wegheiratenden. Die Zugehörigkeit wird durch die Patrilinearität bestimmt. Diese Definition trifft auch auf Afghanistan zu.

Die Rolle der Ethnien und Stämme in der afghanischen Staatsbildung und Politik geht auf eine Zeit zurück, als Afghanistan im 18. Jahrhundert im Anschluss an eine neuntägige „Jirga“ gegründet und die Regierung von Ahmad Shah Abdali konstituiert wurde. Der Chronist der afghanischen Geschichte Mir Mohammad Ghobar schrieb, dass diese „Jirga“ sich aus Khans der Gheljaeis, Usbeken, Hazaras, Belutschen und Tajiken zusammensetzte.

Nach der Machtübernahme durch die Paschtunen wurde die Rolle andere Ethnien in der Geschichte Afghanistans unbedeutender. Die Paschtunen versuchten, den neuen Staat alleine zu prägen.
Der deutsche Afghanistan-Experte Conrad Schetter schreibt dazu: „Die herrschende paschtunische Familie, welche durch Britisch Indien an die Macht gekommen war, favorisierte paschtunische Elemente bei ihrem Konzept von Staat und Nation Die Politik der herrschenden Familie setzte die eigenen ethnischen Muster ein, um öffentliche Güter und die Verwaltung unter ihre Kontrolle zu bringen.“
Die nicht-paschtunischen Ethnien, d.h. Tajiken, Hazaras und Uzbeken, verloren allmählich unter dem Druck der herrschenden Ethnie an Einfluss. Der Prozess der „Staats- und Nationsbildung“ beschränkte sich damit auf Aktionen und Reaktionen zwischen der Zentralregierung in Kabul und paschtunischen Stämmen. Aber auch zwischen den paschtunischen Stämmen gab es ständig Kämpfe und politische Rivalitäten.

Der iranische Soziologe Hossein Boshiria schreibt in seinem Dossier: „Die wichtigsten politischen Spannungen ereigneten sich unter paschtunischen Stämmen selbst; insbesondere zwischen Durranis und Barekzais gab es immer politische Rivalitäten.“ Man kann also sagen, dass der Prozess der „Staats- und Nationsbildung“ mit oder ohne Erfolg untrennbar mit der Rolle der Paschtunen in Bezug auf die Zentralregierung im Zusammenhang stand.

Die Stämme als Hindernis der Staatsbildung

Der italienische Afghanistan-Experte Antonio Giustozzi meint, dass Spannungen zwischen regionalen Fürsten und der Zentralregierung geschichtliche Wurzeln haben. Diese Spannungen lassen sich in verschiedenen Phasen der afghanischen Geschichte beobachten:

Amir Abdul Rahman Khan (Regierungszeit 1880 bis 1901) ist der erste afghanische Herrscher, der große Anstrengungen zur Stärkung der Nation und Errichtung einer Zentralregierung unternahm. Er ging dabei so grausam vor, dass man ihm den Titel „eiserner Emir“ gab. Abdul Rahman Khan siedelte Bevölkerungsteile um und setzte Paschtunen an ihre Stelle. Trotzdem konnte er die Prozesse der Staats- und Nationsbildung nicht vorantreiben, denn einerseits unterdrückte er wichtige afghanische Ethnien, und andererseits gelang es ihm nicht mit den Stammesfürsten der ländlichen Regionen eine produktive Beziehung herzustellen. Barfield schildert diese Situation so:

„Mit der Unterdrückung von Rivalen innerhalb seines Clans, der religiösen Bewegungen und ländlichen Unruhen durch Abdul Rahman Khan, entstand in Afghanistan eine Schicht der ‚politischen Elite‘, die sich zunächst aus wenigen Personen zusammensetzte, aber großen Einfluss durch die Regierung von Abdul Rahman Khan hatte. Da diese Elite ihre ethnischen und ländlichen Bindungen abgelegt hatten, spielten die autonomen regionalen Stammesfürsten eine Vermittlungsrolle zwischen der Kabuler Zentralregierung und dem Volk. Die Loyalität dieser Stammesfürsten basierte auf deren ethnischen, regionalen, religiösen Netzwerken und Stammesrivalitäten. Die Loyalität ihrer Anhänger galt an erster Stelle diesen Stammesführern und erst an zweiter Stelle der Zentralregierung.“

Nach Abdul Rahman Khan versuchte Amanullah Khan mit einer unterschiedlichen Art und sanfter Annäherung den Prozess der Staats- und Nationsbildung voranzutreiben. Er unterdrückte andere Ethnien nicht und schaffte die bis dahin geltende Versklavung der Hazaras ab.

Auch die Anstrengungen Amanullahs blieben ohne Ergebnis. Erschöpft vom Krieg gegen England widmete er sich der Modernisierung Afghanistans. Scheinbar hatte er es aber versäumt, tiefgehende Beziehungen zu Paschtunen herzustellen. Er hat versucht sensible Punkte der paschtunischen Tradition, wie das Verbot der Heirat von Minderjährigen, das Verbot der Polygamie und Bildung für Frauen uvm. zu etablieren. Das war für die Paschtunen ein rotes Tuch. Gerade diese Unzulänglichkeit war ein Grund für das Scheitern der Modernisierung und den Prozess der Staats-und Nationsbildung.

Jules Stewart erklärt beispielsweise, wie die paschtunischen Stämme Amanullah provozierten. Im Dezember 1927 unternahm der König auf Einladung der italienischen Regierung eine Europareise. Er kam im Juni 1928 wieder zurück und begann, inspiriert von seiner Eindrücken, mit neuen Reformen. Die Engländer verteilten indessen ein Bild von Königin Soraya unter den paschtunischen Stämmen; in diesem Bild war sie ohne Kopftuch zu sehen während eines gemeinsamen Essens mit ausländischen Männern, wobei der französische Präsident ihr die Hand küsst. Dies war der Grund, warum Amanullah gleich bei seiner Rückkehr nach Afghanistan mit einer schweren Welle der Unruhe unter den Stämmen und Geistlichen konfrontiert wurde, die ihn am Ende, ein Jahr später, seine Herrschaft kostete.

Die Stammesfürsten kontrollierten unter Amanullah nicht nur ihre eigenen Stämme, sondern übten über einen „Stämmebund“ Einfluss auf das Land aus und widersetzten sich der Modernisierung des Landes. Die „Loya Jirga“ widersetzte sich dem Wunsch Amanullahs das Mindestalter für die Heirat bei Mädchen auf 18 und bei Männern auf 21 festzulegen und die Polygamie abzuschaffen. Die Regierung Amanullahs stand kurz vor dem Sturz. Den beschriebenen Stämmebund bezeichnet Ibn-e Khaldoun als „asabieyeh“. Es ist jene strategische Koalition unter Mitgliedern eines Stammes oder mehrerer Stämme, die sie in einer Krisensituation zusammenbindet. Diese Form des Widerstandes ist alteingesessen und wird immer wieder dann ins Leben gerufen, wenn die Traditionen und Religion gefährdet wird. Im Fall Amanullahs haben sich Stammesführer, Geistliche und Feudalherren bereits 1924 erstmalig in Paghman getroffen, um gegen die Reformen des Königs vorzugehen.

Der Islam in Afghanistan

Islamischer Fundamentalismus, eine rückwärtsgewandte Religiosität und mittelalterliche Denk￾und Lebensweisen bestimmen häufig das Bild von Afghanistan. Dabei hat das Land mittlerweile eine Verfassung, einen direkt gewählten Präsidenten und ein demokratisch gewähltes Parlament. Trotzdem können sich bestimmte religiöse Kräfte über das Gesetz stellen. Wie groß
ist ihr Einfluss? Wie wird der Islam in Afghanistan verstanden?

Am 12. August 2012 musste ein beliebter afghanischer Sänger, Shafiq Monir, sein seit langem geplantes Konzert in der Stadt Herat absagen. Grund war der Aufruf einiger Gelehrter der Stadt, allen voran der
des populären Predigers Sheikh Mojib ar-Rahman Ansari. Ansari wollte das Konzert verhindern, weil er es für unmoralisch hielt. Dem Druck Ansaris und seiner Befürworter folgend, strichen die Behörden das Konzert schließlich. Das ist nicht das erste und wird wohl auch nicht das letzte Mal sein, dass bestimmte religiöse Kräfte in Afghanistan eine eigenwillige Interpretation des Islam vornehmen und
sie den anderen aufzwingen. Auch vielen Afghanen diente der Vorfall als Beleg dafür, warum Afghanistan in der allgemeinen Wahrnehmung als ein rückschrittliches und vormodernes Land gilt. Mit Afghanistan werden seit mittlerweile über dreißig Jahren islamischer Fundamentalismus,
rückwärtsgewandte Religiosität und mittelalterliche Denk- und Lebensweisen assoziiert. Es gilt als ein Land, in dem es keine Spur von Zivilität und Zivilisation gibt. Viele können vielleicht den politischen Anarchismus und die damit einhergehende religiös legitimierte bzw. motivierte Gewalt in der Zeit des Bürgerkrieges bis Ende 2001 noch nachvollziehen; es herrschte letztlich überall im Land Krieg und es gab keine souveräne Zentralregierung, die für Gesetz und Ordnung sorgen konnte. Inzwischen hat Afghanistan eine mit viel Aufwand verabschiedete Verfassung, einen vom Volk direkt gewählten Präsidenten und ein demokratisch gewähltes Parlament. Trotzdem können bestimmte religiöse Kräfte sich über das Gesetz stellen, ihre Meinung der Politik aufzwingen und letzten Endes die Souveränität des Staates sabotieren. Wie groß ist der Einfluss religiöser Akteure? Wie wird der Islam in Afghanistan verstanden?

Religiöse Akteure

Die Religiöse Akteure und insbesondere die offiziellen Träger des Islam, die ‘olama’, haben in der politischen Geschichte Afghanistans immer wieder eine weitreichende Rolle gespielt. Diese Tatsache geht nicht zuletzt darauf zurück, dass sie im Prozess der Meinungsbildung und der politischen Orientierung vieler Menschen ein wichtiger Faktor sind. Die politische Klasse ist stets darum bemüht gewesen, für ihre Regierungsbeschlüsse und -praktiken die Zustimmung der ‘olama’ zu gewinnen. Die ‘olama’ wurden aber andererseits oft für bestimmte Politiken, die im Grunde mit eindeutigen Anforderungen des Islam nicht konform waren, benutzt. Amir Abdorrahman Khan (1881-1901), der sogenannte Eiserne
Emir, konnte seine nationalistische Unterdrückungspolitik beispielsweise im Namen des Islam durchführen. Legitimiert durch Fatwas der ‘olama’ ging er erbarmungslos gegen religiöse und ethnische Minderheiten vor. Unterstützt durch einige ‘olama’ ließ er sogar religiöse Stiftungen in Beschlag nehmen. Dem als Reformkönig geltenden Amanullah (1919-1929) dagegen verweigerten die ‘olama’ ihre Unterstützung. So gelang es ihm nicht, liberale Reformen durchzusetzen.
Nach einer Europareise in Begleitung seiner freizügig gekleideten Frau teilte Amanullah der „Großen Ratsversammlung“ seine Pläne zur Modernisierung des Landes mit. Dazu gehörten das Verbot der Sklaverei, die Religions- und Meinungsfreiheit und die Schulpflicht für Mädchen. Die religiösen Akteure, allen voran der einflussreiche Fazl Omar Mojaddadi, bekannt als Hazrat-e Shur Bazar, lehnten die Reformmaßnahmen ab und bezeichneten sie als nicht islamisch. Der anschließende Volksaufstand gegen Amanullahs Modernisierungsvorhaben führte letztlich zu seinem Sturz. Trotz
derartiger Einflussnahmen wurden ‘olama’ nicht als eine politische Größe, sondern als eine religiöse Instanz angesehen. Die politisch zentrale Bedeutung, die den ‘olama’ in der Zeit des Widerstandes gegen die sowjetische Usurpation und des damit einhergehenden Bürgerkrieges zukam, war allerdings eine ganz neue Erscheinung, die das Selbstverständnis der ‘olama’ und ihr Bild in der Gesellschaft
völlig veränderte. Diese neue gesellschaftspolitische Position religiöser Akteure ist u.a. auf die großzügigen finanziellen und militärischen Zuwendungen der Länder zurückzuführen, die die Widerstands- bzw. Bürgerkriegsparteien unterstützten. Die Führung dieser Parteien war zumeist in
den Händen religiöser Akteure. Bald beanspruchten die ‘olama’, welche gewohnt religiöse Orientierung der Menschen bestimmten, auch die politische Führung. Während sie vor Kriegsbeginn allgemein auf die Gnade der politischen Klasse angewiesen waren, stellten sie während des Kriegs selbst die
politische Führung dar. Diese Rolle wollen sie auch unter der neuen politischen Ordnung weiter ausüben, solange sie sich nicht als zivile sondern als religiös legitimierte politische Akteure verstehen


Der gelebte Islam in Afghanistan

Wie überall in der islamischen Welt zeichnet sich der Islam in Afghanistan durch eine Vielzahl von heterogenen Prägungen und Eigenheiten aus. Noch vor Kriegsbeginn wurde diese „Kultur der Ambiguität“ im Alltag gelebt. Trotz aller Diskriminierung lebten auch nichtmuslimische Gemeinschaften wie Sikhs, Hindus, Juden neben schiitischen und sunnitischen Muslimen. Viele Gelehrte sahen den unterschiedlichen Islamauffassungen und -praxen gelassen entgegen und richteten sich dabei nach der bekannten Tradition des Propheten, dass der Dissens muslimischer Gemeinschaft ein Zeichen
der Gottesgnade sei eine Tradition, die in der islamischen Geschichte vielerorts jahrhundertelang praktiziert wurde. Dieser Usus kennzeichnete die sogenannte Blütezeit der muslimischen Kultur (750-1250) mit ihren Zentren wie Bagdad, in denen sich Kunst, Wissenschaft und
Forschung glanzvoll entfalten konnten. Schon in der frühislamischen Zeit gab es ganz legitim nebeneinander existierende divergente Lesarten des Korans und damit der Scharia. Diese Tatsache hat bis zum Aufkommen des ideologisierten Islam im 19. Jahrhundert kaum jemanden in der islamischen Welt gestört. Mehrdeutigkeit sprach nicht gegen eine göttliche Herkunft des Korans oder der Scharia. Wer kann schon behaupten, die Scharia gänzlich zu erfassen? Als Gelehrte hatte man lediglich den bescheidenen Anspruch, eine eigene Interpretation der Scharia zu präsentieren und nicht die Scharia. Daher hat man die Meinung eines Gelehrten als Ergebnis seiner individuellen
wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Scharia, als seinen ijtihad verstanden und nicht als „den einen wahren Islam“. Dementsprechend haben auch die meisten Gelehrten in Afghanistan andere Meinungen und Praktiken respektiert. Darüber hinaus weist der Islam in Afghanistan mystische Züge auf. Bis zum Aufbruch des Widerstandskampfes gegen die sowjetische Usurpation und des damit einhergehenden Bürgerkrieges hielt der mystische Islam Distanz zur Politik und forderte gemäß seines Selbstverständnisses Toleranz
von den Menschen. Erst in der Kriegszeit mischte er sich zunehmend in die Politik ein und kämpfte wie die anderen Strömungen um mehr politischen Einfluss.
Eine der wichtigsten Bruderschaften in Afghanistan stellt die Naqshbandeyya dar. Der Orden geht auf Muhammad Bahaoddin an-Naqshbandi (gestorben 1389) zurück und hat sich zunächst in Zentralasien
verbreitet. In Afghanistan hat die Nashbandeyya vor allem unter den Tadschiken der Großstädte, aber auch unter einigen paschtunischen Stämmen im Süden und Südosten ihre Anhänger. Ein weiterer mystischer Orden in Afghanistan ist die Qadereyya. Der Begründer der ebenfalls einflussreichen
Bewegung, Abd al-Qader Gilani (gestorben 1166), stammte aus Bagdad. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam die Bruderschaft nach Afghanistan. Im Gegensatz zu diesen beiden Orden, die vor allem in der Hauptstadt präsent waren, hatte der Chishteyya-Orden seine Anhängerschaft insbesondere in und um Herat, im Westen des Landes. Die Chisteyya wurde von Moinoddin Muhammad Chishti (gestorben 1236) gegründet und hat sich über die Grenzen des heutigen Afghanistans hinaus vor allem auf dem indischen Subkontinent verbreitet.
Viele Menschen haben zwar die ‘olama’ als offizielle Träger des Islam betrachtet, sie hatten aber gleichzeitig ihre Beziehungen zu mystischen Bruderschaften und pflegten in ihrem Alltagsleben deren in der Regel offene Haltung, z.B. zur Musik oder zum Verkehr mit anderen religiösen Gruppen. Man legte ebenfalls viel Wert auf große zumeist mystisch orientierte Dichter. Ihre Gedichte wurden als Interpretation der koranischen Botschaft angesehen, ihre Einstellungen zum Leben und zur Welt wurden besonders geschätzt. Man nahm die Aufforderungen von Hafez (1320-1389) „In diesen beiden
Ausdrücken liegt der Schlüssel zum Frieden im Diesseits und Jenseits“ und „Übe den Freunden gegenüber Großmut und den Feinden gegenüber Toleranz“ genauso ernst wie die Botschaft von Saadi (1190-1283): „Die Kinder Adams sind aus einem Stoff gemacht als Glieder eines Leibs von Gott, dem Herrn, erdacht. Sobald ein Leid geschieht nur einem dieser Glieder dann klingt sein Schmerz sogleich in allen wider.“
Auch die Gedichte von Maulana Jalaloddin Balkhi (1207-1273) haben einen großen Platz im Alltagsleben der Menschen gehabt. Maulana sah die Liebe als Hauptkraft des Universums und das Universum als ein harmonisches Ganzes. Sein kultureller Kontext prägte selbstverständlich seine Vorstellungen von Gott, sein Gott kannte aber keine religiösen oder sonstigen Grenzen: „Was soll ich tun, o ihr Muslime? Denn ich kenn‘ mich selber nicht. Weder Christ noch bin ich Jude, und auch Pars und Muslim nicht. Nicht von Osten, nicht von Westen, nicht vom Festland, nicht vom Meer Nicht stamm‘ ich vom Schoß der Erde und nicht aus des Himmels Licht.“
Noch mehr als Hafez und Maulana wird in Afghanistan der große mystische Dichter Abdolqader Bidel Dehlavi (1645-1721) verehrt und gelesen. Er lebte und wirkte im Mogulreich und gehörte dem
Qadereyya-Orden an. Seine Gedichte wurden von vielen Afghanen wie Koranverse rezitiert. Man beschäftigte sich mit ihm und seiner Philosophie in Lesungen und Diskussionsrunden. Eine Abendreihe über ihn unter dem Shab-e Aschoqan Bidel“ ist vielen Afghanen immer noch in Erinnerung geblieben. Der Meister der afghanischen klassischen Musik, Ostad Muhammad Hosain Sarahang (1923-1982), war der bekannteste Interpret der Dichtung von Bidel und sorgte mit seiner faszinierenden Stimme für die Omnipräsenz von Bidels Gedanken im Alltag vieler afghanischer Familien. Bidel wird als Anhänger einer gewissen pantheistischen Philosophie Vahdat al-vojud („Einheit der Existenz“) bezeichnet, der in dem als sehr komplex angesehenen Indischen Dichtungsstil dichtete. Indem er diese komplexe Ausdrucksweise pflegte, machte er doch die Ambiguität des Seins deutlich. „Solange die Einzelnen nicht zueinanderfinden, kann keine Gemeinschaft existieren.“
„Eine Ähre ist keine, wenn die Körner nicht zusammenwachsen.“


Die Kriegszeit

Krieg wurde in vielen Fällen der Religion halber geführt. So spricht man in der Geschichtswissenschaft vom „Religionskrieg“ oder „Glaubenskrieg“ oder auch vom „Konfessionskrieg“. Krieg verändert gleichzeitig den Zugang zur Religion und deren Textgrundlagen. In der Kriegssituation duldet man keine Dissidenten und keinen Zweifel an eigenen, eindeutig formulierten und für absolut richtig gehaltenen Zielen. Auch die Religion soll im Dienste des Krieges und der mit ihm einhergehenden
Gewalterscheinungen stehen und sie legitimieren. Auf diese Weise entsteht religiöser Fundamentalismus. So entstand er in der Geschichte des Christentums und so erschien er in der islamischen Geschichte. Der über dreißig Jahre andauernde Kriegszustand in Afghanistan hat kaum Platz fürs Weiterbestehen einer Kultur der Pluralität und Toleranz übrig gelassen. Vielmehr setzte sich ein einseitiges, für eindeutig gehaltenes und damit fundamentalistisches Verständnis des Islam durch.
Bereits im „Jahrzehnt der Verfassung“  1963-1973 haben sich vor allem in Kabul kleine islamistische Kreise gebildet. Ihr vordergründiges Anliegen war die Bekämpfung von marxistisch orientierten Gruppen, die über eine beachtliche Anhängerschaft unter den Studenten verfügten. Sie bezeichneten sich teils als „Jungmuslime“ und teils als
„Islamische Gemeinschaft“ und wurden hauptsächlich von Persönlichkeiten geführt, die an der Al-Azhar-Universität in Kairo ausgebildet worden waren und mit dem Gedankengut der „Muslimbrüder“  vertraut waren. Zu den Führungskadern dieser Gruppen gehörten die Dozenten Gholam Muhammd Neyazi (gest. 1978) und Borhanoddin Rabbani (1940-2011) und die Studenten Golboddin Hekmatyar (geb. 1947) und Ahmad Shah Massud (1951-2001).
Die drei Letzteren führten später nicht nur die wichtigsten Widerstandsparteien gegen die sowjetischen Truppen, sie lieferten sich auch gegenseitig blutige Kämpfe, die nach dem Rückzug der sowjetischen Armee noch erbitterter weitergeführt wurden. Die Logik des Krieges hat sich mit der Zeit fast aller
religiösen Akteure und der mystischen Bruderschaften bemächtigt. Die herausragende Figur des Naqshbandeyya-Ordens Sebghatollah Mojaddadi (geb. 1925) mit seiner Partei Nationale Rettungsfront und der geistliche Führer des Qadereyya-Ordens Pir Sayyed Ahmad Gailani (geb. 1932) mit seiner Organisation Nationale Islamische Front und die Chishteyya-Bewegung in der Herat-Region waren nicht nur an dem Widerstandskampf beteiligt, sondern auch an den schmutzigen Brüderkriegen der
Mujahidin. Die intellektuelle Nahrung der Gruppen waren nicht mehr und konnten auch nicht mehr die Gedichte von Maulana oder Bidel sein, sondern die Gedanken von den fundamentalistischen Vordenkern Sayyid Qutb (1906-1966) und Abu Ala Maududi (1903-1979). Die großzügigen finanziellen und militärischen Mittel, die die Kriegsparteien über Jahrzehnte erhielten, begünstigten und verfestigten
die fundamentalistische Auffassung des Islam umso mehr. Fundamentalismus war schließlich der Marktrenner.
Trotz einer einigermaßen demokratisch gewählten und halbwegs funktionierenden Zentralregierung herrscht weiterhin der Kriegszustand in Afghanistan und in den Köpfen einiger religiöser Akteure. Viele
Menschen, insbesondere viele junge Männer und Frauen in den Großstädten, wollen dennoch zu einem normalen Leben zurückfinden. Geschäfte, wissenschaftliche Tätigkeiten, künstlerische Aktivitäten und literarisches Schaffen kehren in den Lebensalltag zurück und damit auch eine Kultur der Vielfalt. Wenn man einen Augenblick die kriegerischen Momente, die ebenfalls zum Alltag der Menschen gehören, ausblendet, spürt man in Kabul, in Herat, in Kandahar und in Mazar einen Hauch, einen sehr dünnen Hauch vom Bagdad des 10. Jahrhunderts voller Tüchtigkeit und Pluralität.

Die Ethnien in Afghanistan

– Iranische Völker

Über 85 % der Menschen sprechen eine iranische Sprache als Muttersprache und gehören somit einem iranischer Volksgruppen an.

Die größte und einflussreichste Ethnie in Afghanistan sind die Paschtunen, nach denen Afghanistan auch benannt ist. Seit der Abspaltung Afghanistans vom Iran im 18. Jahrhundert prägen die Paschtunen das Land. Historisch waren sie Nomaden, heute sind jedoch die meisten Paschtunen sesshaft, sind aber in viele Stämmen eingeteilt, die bekanntesten sind die Durrani und die Ghilzai, die vor allem im Osten des Landes leben. Auch ein Großteil der Taliban-Bewegung war bzw. ist paschtunisch, weshalb sie in der Region ein schlechtes Bild haben. Deren Sprache, das Paschtu, ist jedoch nicht die häufigste Muttersprache, da mehrere Volksgruppen Persisch sprechen, dazu gehören die
Tadschiken, Hazara, Aimaken und Perser.

Die Tadschiken und Perser machen mit etwa 27 % die zweitgrößte ethnische Gruppe aus, sprechen Persisch und sind genau wie die Paschtunen in der Regel sunnitisch, was sie von den Hazara und den iranischen Persern unterscheidet, es gibt jedoch im Norden und Westen einige schiitische Tadschiken. Der Begriff „Tadschike“ ist in Afghanistan nicht genau definiert, häufig werden alle Sunniten, die Persisch sprechen, als Tadschiken bezeichnet. Die Tadschiken machen die Mehrheit der Stadtbevölkerung aus und beherrschen die Basare. Sie teilen sich in viele Stämmen auf.

Die Hazara sprechen den persischen Dialekt Hazaragi und sind schiitisch. Sie haben eine mongolische Abstammung, man geht davon aus, dass sich mongolische Soldaten nach der Expansion im 13 Jh. in der Region niedergelassen haben und mit der schiitischen, persischen Bevölkerung vermischt haben. Aufgrund der ethnischen Herkunft, Sprache und des schiitischen Glaubens sind sie immer wieder Opfer von Diskriminierung und Gewalt, insbesondere von paschtunischer Seite. Im Bürgerkrieg wurden einige Hazara gezielt von sunnitischen Islamisten getötet. Viele Hazara sind ins Ausland geflüchtet, vor allem in den Iran, nach Pakistan und Europa. In den Zielländern werden sie ebenfalls häufig diskriminiert.

Die Aimaken stellen ebenfalls eine bedeutende persischsprachige Minderheit dar, sind sunnitisch und bezeichnen sich häufig auch als Tadschiken oder Perser. Sie sind ebenfalls in zahlreiche Stämmen aufgeteilt, die im Westen und Zentrum des Landes leben.

Die Belutschen leben im Süden des Landes, sprechen Belutschisch und sind sunnitisch. Viele sehnen sich nach einem belutschischen Nationalstaat mit den Belutschen in Pakistan und im Iran.

Weitere iranische Volksgruppen in Afghanistan sind die Kurden, die etwa 0,6 % der Bevölkerung ausmachen, sowie zahlreiche ostiranische Volksgruppen im Pamirgebirge wie die Wakhi, Sanglechi, Shughni, Ishkamini, Munji oder Tangshewi. Deren Zahlen sind rückläufig, da zu wenig getan wird, um die Sprachen und Kulturen dieser Völker zu erhalten. Einige Sprachen sind gefährdet, da die Menschen Persisch oder Paschtu annehmen und an ihre Nachkommen weitergeben. Mit dem Aussterben der Sprache ist in der Regel auch die Grundlage der ethnischen Kultur dieser Völker in großer Gefahr.

Die Turkvölker

Die Usbeken sind mit rund 9 % die größte turksprachige Ethnie Afghanistans und leben vor allem im Norden nahe Usbekistan. Afghanistan hat die größte usbekische Bevölkerung nach Usbekistan. Sie sind sunnitisch und in Konflikten mit den Tadschiken verbündet.

Die Turkmenen leben entlang der turkmenischen Grenze im Norden des Landes und machen zwischen 3 und 5 % der Bevölkerung aus. Sie sind sunnitisch. Einige Turkmenen, Usbeken, Kirgisen und Tadschiken sind in den 1920er Jahren wegen der stalinistischen Politik und der daraus folgenden Hungersnöte wegen der Zwangskollektivierung nach Afghanistan geflohen. Viele leben direkt an der Grenze zu Turkmenistan und wünschen sich einen Anschluss an Turkmenistan.

In der Provinz Wakhan leben einige kirgisische Nomaden, die faktisch von der Außenwelt isoliert sind. Sie sind teilweise ebenfalls Flüchtlinge des Kommunismus nach der russischen Revolution.

Auch gibt es noch zahlreiche weitere kleine turksprachige Gruppen wie die  Qizilbasch, Kasachen, Türken oder Afscharen, die nur eine geringe Zahl ausmachen. Sie leben teilweise nomadisch.

Die Sadat werden in Afghanistan als ethnische Gruppe anerkannt.
Die mehrheitlich in Balch und Kundus im Norden und in Nangarhar im Osten lebenden Sayyiden sind sunnitische Muslime, aber es gibt auch einige, darunter in der Provinz Bamiyan, die dem schiitischen Islam angehören. Diese werden oft als Sadat bezeichnet, ein Wort, das traditionell „im nördlichen Hedschas-Gebiet und in Britisch-Indien gleichermaßen auf die Nachfahren von Hasan und Hussein, Söhnen von Ali und Enkeln von Mohammed, angewendet wurde“.

Die dravidischen Brahui machen 0,8 % der Bevölkerung aus und leben vor allem im Süden mit den Belutschen zusammen.

Die Nuristani leben nordwestlich von Kabul. Deren Sprachen: Kati und Ashkun sind zwar indoiranisch, aber weder iranisch noch indoarisch. Es wird behauptet sie seien die direkten Nachfahren der Griechen, die sich während des Indienfeldzugs Alexander des Großen in Nuristan niedergelassen haben. Diese These wird jedoch von verschiedenen Experten angezweifelt. Da sie lange Zeit nicht muslimisch waren, wurden sie früher als Kafiren bezeichnet.

Auch leben in Afghanistan noch zahlreiche kleine indoarische Völker, die zusammen etwa 1,5 % ausmachen. Die Paschai sind die größte Ethnie, weitere sind die: Punjabi, Sindhi, Kohistani, Gujjar und Roma. Die Indoarier, die nicht in den letzten Jahrhunderten eingewandert sind, sprechen dardische Sprachen. Die meisten Indoarier in Afghanistan sind sunnitisch, wobei es auch einige Sikhs und Hindus gibt. 

Urdu gilt als Lingua Franca der indischen Völker in Afghanistan.

Durch die teilweise verfeindeten Ethnien und Stämme existiert in weiten Teilen der afghanischen Bevölkerung kein Nationalgefühl. Viele Bewohner Afghanistans fühlen sich unterdrückt und möchten nicht als „Afghanen“ bezeichnet werden. Eskaliert ist die Situation, als es elektrische Personalausweise mit dem Eintrag „Nationalität: Afghane“ geben sollte. Ethnische Konflikte spielen eine wichtige Rolle im 

Bürgerkrieg. Durch die Spaltung des Landes und Sprachprobleme ist eine politische Entwicklung kaum möglich. Daher ist auch ein gemeinsamer Kampf gegen die Taliban schwer möglich.

Viele Volksgruppen, vor allem Hazara und Tadschiken, fühlen sich gegenüber den Paschtunen benachteiligt. Paschtunische Nationalisten versuchen, einen paschtunischen Nationalstaat auf Kosten der Minderheiten aufzubauen Ethnischer Separatismus ist entstanden. Viele Turkmenen möchten ihre Siedlungsgebiete an Turkmenistan anschließen, Usbeken an Usbekistan. Die Hazara streben nach einem unabhängigen Hazaristan.


Fazit

Afghanistan ist entgegen der herrschenden Auffassung kein stammesorientierter Staat. Vielmehr ist der „Stamm“ nur die „politische Einheit“ eines Teils von Afghanistan und bezieht sich auf die Paschtunen. Nations- und Staatsbildung sind in den vergangenen 100 Jahren in einer Wechselbeziehung zwischen der Zentralregierung und Stämmen aus zwei wesentlichen Gründen misslungen:

a) Der Widerstand der Stämme gegenüber dem „modernen Staat“.
b) Die „ineffiziente“ Politik der Zentralregierungen gegenüber den Stämmen und die mangelnde Verbreitung des Verwaltungsapparates in den Stämmen und ländlichen Regionen.

Um die Nations- und Staatsbildung in Afghanistan zu verwirklichen, müssen alle „politischen Einheiten“ berücksichtigt und in einem weiteren Schritt die Art ihrer Beziehung zut Zentralregierung definiert werden. In der gegenwärtigen Phase, nach 2001, sind im Prozess der Nations- und Staatsbildung zwar auch andere politische Gruppierungen auf die Bühne getreten, die zu verschiedenen Ethnien gehören, d.h aber nicht das sie auch die Interessen ihrer Ethnie vertreten, da sie nicht demokratisch gewählt worden sind. Beispielsweise bedeutet die Präsenz von nicht-paschtunischen Stammesfürsten nicht zwangsläufig, dass sie ihren eigenen Stamm vertreten. Es muss deshalb in Kabul eine politische Struktur entstehen, an der sich in natürlicher Form verschiedene politische Einheiten beteiligen können.

In der jetzigen Situation ist die Macht in Form von „Kontingentierung“ unter bestimmte Personen verteilt worden, und zwar unter der Annahme, dass die jeweiligen Personen einen Stamm repräsentieren. Das führt zur Unterdrückung der politischen Dynamik in den Ethnien und dazu, dass politische Akteure einer Ethnie gezwungen sind, zur Teilnahme an politischen Entscheidungen den Führer des jeweiligen Stammes als Brücke zu nutzen. So muss z. B. eine neu unter den Uzbeken entstandene politische Einheit zu ihrer Bestand- und Beteiligungssicherung auf der politischen Landschaft von General Dostum genehmigt werden. Dostum ist seit den Neunziger Jahren der Anführer der usbekischen Miliz. Nach dem Sturz der Taliban 2001 hat er an Macht gewonnen und ist der Anführer aller Usbeken. Daher muss jeder Usbeke, der sich politisch engagieren will, die Linie Dostums einhalten.

Weiter lässt sich feststellen, dass ein moderner Staat auch moderne Strukturen verlangt. Die Loya Jirga stellt ein Parallelorgan zu anderen Institutionen wie Parlament und Senat dar und verringert deren Einfluss. Darüber hinaus verstärkt sie die Legitimation von Anführern in Stämmen und ländlichen Regionen. Dies wiederum bewirkt eine Stärkung der traditionellen Institutionen und Schwächung des staatlichen Verwaltungsapparates in diesen Regionen. Moderne Institutionen müssen in den zentralen Blickwinkel der Regierung rücken, damit durch ihre Stärkung die politische Struktur rational und effizient gestaltet werden kann.

Naike Juchem, 15. September 2021


Quellen
–  Conrad Schetter, Ethnicity and the Politics Reconstruction in Afghanistan. Bonn: Center for Development Studies (ZEF), Universität Bonn.

– Dr. Abbas Poya, Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS), School of History.

– Dr. Najibullah, Retrieved June 28, 2012, from Afghanistan’s Information Network

– Mohammad Hossein Allafi: Islamistischer Wirrwarr kontra Demokratie?  2014
– Thomas Bauer, Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams, Berlin 2011

– Thomas Barfield, Afghanistan; A Cultural and Political History. Princeton and Oxford: Princeton University / WordPress

Dschihadisten in Europa

Mit Blick auf den Sturz der afghanischen Regierung durch die Taliban, sind sehr viele Menschen über die Zukunft von Afghanistan besorgt, doch gibt es auch eine andere Sorge, die noch nicht in den Medien angekommen ist: die Gefährder.

Autorinnen Naike Juchem und Nila Khalil

Der Begriff des Gefährders ist innerhalb der letzten Jahre zu einer festen Größe im Sprachgebrauch der Sicherheitsbehörden avanciert. Er findet z.B. als Bezeichnung für Personen Verwendung, von denen eine islamistisch motivierte Terrorgefahr ausgeht. Der Begriff erstreckt sich aber auch auf andere Phänomenbereiche der politisch motivierten Kriminalität. Der Gefährderbegriff ist allerdings nicht legal definiert. Er ist also nicht als Rechtsbegriff im deutschen Gesetz verankert. Vielmehr handelt es sich um einen polizeilichen Arbeitsbegriff, der insbesondere im Zusammenhang mit Terrorismus verwendet wird. 2004 wurde der Begriff des Gefährders durch die Arbeitsgemeinschaft der Landeskriminalämter und des Bundeskriminalamtes folgendermaßen definiert:

„Ein Gefährder ist eine Person, bei der bestimmte Tatsachen die Annahme rechtfertigen, dass sie politisch motivierte Straftaten von erheblicher Bedeutung, insbesondere solche im Sinne des § 100a der Strafprozessordnung (StPO), begehen wird.

Zahl der Gefährder in Europa

Deutschland
Der Bundesnachrichtendienst (BND) warnt vor neuen Terroranschläge von islamistischen Terrorgruppen und einer daraus resultierenden Bedrohung auch für Europa. Die Gefährdung durch  Terrorgruppen wie  Al-Qaida und den Islamischer Staat (IS) sind weltweit nicht zurückgegangen. „Wir haben momentan überhaupt keinen Anlass dazu, Entwarnung zu geben“, so der BND-Präsident Bruno Kahl.

Die Zahl der Gefährder wird in Deutschland von keiner offiziellen Stelle regelmäßig veröffentlicht und ist somit auch nicht Teil des Bundesverfassungsschutzberichts. Aufschluss geben Anfragen der Parteien im Deutschen Bundestag oder Abfragen der Presse beim Bundeskriminalamt (BKA).

Das BKA listet 679 Personen als Gefährder und 509 Personen als relevante Personen im Bereich der politisch-motivierten Kriminalität mit religiösem Hintergrund auf. Dabei dürfte es sich ausschließlich um Mitglieder der islamistischen Szene handeln (Stand: 01.11.2019).

Beim Rechtsextremismus liegen die Zahlen bei 46 Gefärdern bzw. 126 relevanten Personen (Stand: 25.11.2019). Die wenigsten Gefährder und relevanten Personen listet das BKA im Bereich der politisch-motivierten Kriminalität auf. Hier geht das BKA von fünf Gefährdern und 85 relevanten Personen aus. (Stand: 15.10.2019). Im Bereich der sogenannten Ausländischen Ideologie (u.a. die kurdische Arbeiterpartei PKK) zeigt die Liste 21 Gefärdern bzw. 50 relevanten Personen.

Frankreich

In Frankreich sehen die Zahlen sehr viel dramatischer aus als in Deutschland.

Wie der französische Innenminister Gérald Darmanin am 30. August 2021 in der Generaldirektion für Innere Sicherheit  (Inlands Geheimdienst) mitteilte, sind derzeit 8.132 Gefärder in den Dateien zur Prävention von Radikalisierung mit terroristischem Hintergrund registriert. Nach der Einschätzung der französischen Geheimdienste DGSE und DCRI ist die Gefahr von Terroranschlägen durch Islamisten extrem hoch.

Belgien

Im Jahr 2014 erlebte Belgien den ersten Anschlag des sogenannten Islamischen Staates (IS) auf westlichem Boden und 2016 mit den Bombenanschlägen auf den Brüsseler Flughafen und einer Metrostation einen der tödlichsten Anschläge in der Geschichte des Landes. In den letzten Jahren ist klar geworden, dass die Gefahr, die von terroristischen Organisationen wie dem Islamischen Staat oder Al-Qaida ausgeht, nicht gebannt ist. Im Gegenteil, es ist die Rede von einem neuen Ausbruch des dschihadistischen Terrorismus.
Nach Informationen des Allgemeine Nachrichten- und Sicherheitsdienst (SGRS), sind in Belgien 645 Dschihadisten in der offiziellen Datenbank gespeichert.
Diese Zahl der potenziellen Terroristen ist für ein Land mit weniger als zwölf Millionen Einwohnern extrem hoch.

Niederlande

Nach den Unterlagen vom Allgemeinen Nachrichten- und Sicherheitsdienst (AIVD) der Niederlande, lag die Zahl der Dschihadisten im Jahr 2000 bei etwas 750 Personen, wovon etwa 150 Personen sich im Ausland aufhalten. Die Tatsache, dass die Zahlen seit Jahren ziemlich gleich bleiben, liegt am Mangel von islamistischen Führungspersönlichkeiten sowie auf interne Spaltungen und Zersplitterung der Netzwerke unter sich. Infolgedessen und aufgrund eines stärkeren Bewusstseins der polizeilichen Arbeit und Sicherheitsprävention, ist die Bewegung weniger nach außen gerichtet und erreicht weniger Menschen mit ihrer Botschaft.

Es gibt einen Weltterrorismusindex, in dem die fast 16.000 Anschläge aufgeführt sind, die jedes Jahr verübt werden. Hauptsächlich trifft dies aus Nigeria, Sudan, Syrien, Pakistan, Malaysia und Afghanistan zu.
Warum trifft es hier vornehmlich nur muslimische Länder, wenn man all zu oft der Annahme ist, das der Terror sich auf Europa bezieht?
Um diese Frage zu klären, muss man in der Zeit einige Jahre zurückgehen.

Krieg gegen die Ungläubigen

„Der Befehl, die Amerikaner und ihre Verbündeten zu töten, ist eine individuelle Verpflichtung für jeden Muslim“, hatte Osama bin Laden Anfang 1998 gesagt.

Im Zweiten Golfkrieg, der vom 17. Januar bis 28. Februar 1991 war, und der Irak der größten Kriegskoalition seit dem Zweiten Weltkrieg gegenüber stand, zeichnete sich dieser Krieg durch die ungewöhnlich asymmetrische Verteilung der Kriegsopfer, die einseitige Verfügung des Kriegsendes und den hohen Grad an mittelbaren Umweltschäden aus, etwa durch Geschosse mit angereichertem Uran.

In all diesem Chaos aus Zerstörung durch Bomben und das wegbrechen von politischen Strukturen bildeten sich kleine fundamentalistische Gruppen, um ihre gewünschte Staatsform wie im Iran zu etablieren. Was als loser Zusammenschluss ohne genaue Ziele begann, entwickelte sich mit dem Ende des zweiten Irak Krieges zur gefährlichsten Terror-Organisation von Islamisten: Al-Qaida. So konnte am Vormittag des 7. August 1998 ein mit Sprengstoff beladener Kleinlastwagen zum Eingang der amerikanischen Botschaft in der kenianischen Hauptstadt Nairobi verfahren und vor dem Tor der Botschaft eine Autobombe zünden, deren Wucht der Explosion ist so stark was, dass die komplette Fassade der US-Botschaft aufgerissen wird und ein weiteres Gebäude kollabiert. 213 Menschen wurden Opfer bei diesem Anschlag.

Fast zur gleichen Zeit wurde das Botschaftsgebäude der USA in Daressalam, der Hauptstadt von Tansania, ebenfalls Ziel eines Bombenanschlags, bei dem elf Menschen ums Leben kamen.

Die anschließenden Ermittlungen ergaben, dass die Anschläge vom einem bis dahin unbekannten Terrornetzwerk namens Al-Qaida, aus Pakistan, unter Führung von Osama bin Laden begannen wurden.

Terrorismus und sein Konzept

Die europäischen Geheimdienste definieren Terrorismus als: „eine Handlungsweise, auf die Gegner zurückgreifen, die die Regeln der konventionellen Kriegsführung brechen, um die Unzulänglichkeit ihrer Mittel auszugleichen und ihre politischen Ziele zu erreichen und wahllos Zivilisten angreift und dass die von ihm ausgeübte Gewalt in erster Linie darauf abzielt, die Auswirkungen seines brutalen Ausbruchs auf die öffentliche Meinung auszunutzen, um Regierungen zu zwingen, deren Forderungen zu erfüllen.“

Der Terrorismus ist weltweit verbreitet und nimmt viele Formen an. Ihre ständige Weiterentwicklung macht sie besonders schwer fassbar. Aus diesem Grund ist der 20 jährige ISAF Einsatz in Afghanistan auch gescheitert. Terror ist nicht erkennbar!

Dschihadismus, die größte Terroristische Bedrohung im 21. Jahrhundert

Trotz der verstärkten Anti-Terror-Maßnahmen auf internationaler Ebene nehmen die Aktivitäten terroristischer Gruppen zu. Wie die Anschläge in Paris, Berlin, Madrid, Brüssel, Antwerpen oder anderen Städten gezeigt haben, kein europäische Land ist immun gegen diesen Terror.

Der Terrorismus ist ein altes Phänomen und ist oft mit einer Vielzahl von Forderungen verbunde. In den letzten Jahrzehnten haben Organisationen mit nationalistischem Hintergrund, Bewegungen im Zusammenhang mit der Entkolonialisierung und Gruppen, die extremistische Ideologien mit politischer oder religiöser Grundlage vertreten, Anschläge in vielen Ländern der Welt verübt.

Seit einigen Jahren geht jedoch die größte Gefahr von dschihadistischen Netzwerken aus. Diese Bedrohung hat weltweit ein noch nie dagewesenes Ausmaß erreicht und wird insbesondere von Daesh, Al- Qaeda, IS, Taliban und den mit ihnen verbundenen Netzwerken verkörpert, deren Ziel die Durchsetzung einer totalitären islamischen Ideologie durch Gewalt ist.

Die Rekrutierung

Nach Ansicht der Dschihadisten befinden sie sich im Krieg mit dem Westen und der Kampf gegen den Westen ist obligatorisch. Der Beitrag, den sie zum Kampf leisten, kann von der Mittelbeschaffung bis zu dschihadistischen Aktionen, von der Erweiterung des Wissens bis zur Online-Propaganda und vom Aktivismus für Gefangene bis zur Verübung von Anschlägen reichen.

So verließ Anfang September 2012 der damals 21-jährige Houssien Elouassaki seine Heimatstadt Vilvoorde in Richtung Syrien. Um nach Syrien zu gelangen, reiste er in die Südtürkei und überquerte dort die syrische Grenze. Kurz nach seiner Einreise nach Syrien trat er in die dschihadisten Gruppe: Majlis Shurat al-Mujahidin.
Ihm gelang es, Dutzende von belgischen und niederländischen Kämpfern für diese Gruppe zu rekrutieren. Schnell wurde er der Anführer der Gruppe,
Von Abu Atheer belohnt, übernahm er die Verantwortung für alle ausländischen Kämpfer,  die sich der Gruppe anschlossen.
Elouassaki war einer der allerersten Belgier, die sich dem syrischen Dschihad anschloss. Im Laufe der Jahre haben 422 ausländische terroristische Kämpfer Belgien und die Niederlande verlassen, um sich dem Kampf gegen das Regime von Bashar al-Assad anzuschließen.
In den Anfangsjahren des syrischen Bürgerkriegs verließ viele junge Muslime die Europäische Heimat um sich dem Dschihad anzuschließen. Wobei die meisten von ihnen aus drei bestimmten Netzwerken stammen:  zum einen aus dem Shariah4Belgium, dem Resto du Tawheed und das Netzwerk von Khalid Zerkani. Dies ist nach ihrem Anführer, dem belgisch-marokkanischen Dschihad-Veteranen, benannt.

Im Laufe der Jahre wurden mindestens
80 Personen rekrutiert, die aus dem Dunstkreis von Shariah4Belgium kamen. Bei Resto du Tawheed und dem Zerkani-Netzwerk sollen es sich mindestens um100
Personen handeln.

Als Abu Atheer im April 2013 Abu Bakr al-Baghdadi die Treue schwor, folgte die Mehrheit der belgischen Kämpfer seinem Beispiel und schloss sich dem späteren Islamischen Staat an.
Einige weigern sich und schließen sich der Jabhat an-Nusra Bewegung an,
Die Lager der ausländischen Kämpfer in Syrien waren plötzlich gespalten. Ein Großteil der ausländischen Kämpfer schloss sich daraufhin Katiba al-Battar al-Libi an, einer kleinen Untergliederung des Islamischen Staates. Es ist bemerkenswert, dass der kleines Zeig des IS nur kurze Zeit existierte, aber am radikalsten war. Mitleider dieser Gruppe waren für die Anschläge in Paris (November 2015) und Brüssel (März 2016) verantwortlich.

Im März 2019 beendete eine massive Luftoffensive der Koalitionstruppen die territoriale Existenz des Islamischen Staates in seiner letzten Hochburg, der syrisch-irakischen Grenzstadt Bagdad.  Hunderte, wenn nicht Tausende von Männern, Frauen und Kinder des Islamischen Staates wurden buchstäblich in die Luft gesprengt.
Jüngsten Zahlen der Geheimdienste zufolge sind etwa 130 ausländische terroristische Kämpfer nach Belgien zurückgekehrt. 165 der etwa rund 290 zurückgebliebenen Personen sind nach dem Bericht des Auslandsnachrichtendienstes tot.
Der Verbleib von etwa 125 Personen ist unbekannt. Es ist möglich, dass sie auf
andere Kriegsschauplätze verlagert wurden. Da der Islamische Staat bekanntlich seine Kämpfer aus Syrien und Irak über Libyen oder Ägypten in die Sahelzone, Zentralafrika oder nach Afghanistan und Pakistan verlegt.
Bisher gibt es keine Beweise dafür, dass belgische Kämpfer auf diese Weise nach Afrika oder Zentralasien gegangen sind. Ausschließen kann man es nicht.

Auch der Allgemeine Nachrichten- und Sicherheitsdienst (AIVD) in den Niederlanden überwacht den dschihadistischen Terrorismus, da dieser nach wie vor die größte Bedrohung darstellt. Der radikale Islam ist der Nährboden für dschihadistisch-terroristische Gewalt, so wurde am 18. März 2019 ein Anschlag auf eine Straßenbahn in Utrecht verübt, bei dem vier Menschen getötet und zwei schwer verletzt wurden. Am 20. März 2020 verurteilte das Landgericht Utrecht den Dschihadisten Gökmen T. deshalb zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe.

Die niederländische dschihadistische Bewegung ist im öffentlichen Leben nicht sehr präsent. Trotzdem gab es in Europa, auch in den Niederlanden, eine relativ hohe Zahl von Verhaftungen, vermeidbaren Anschlägen und Vorfällen, die mit dem dschihadistischen Terrorismus in Verbindung gebracht werden können.
Da ein kleiner Teil der bestraften Dschihadisten Rückkehrer aus dem IS Gebiet sind, können sie neue, transnationale Netzwerke bilden.
Nach offiziellen Angaben des AIVD wurden 2019 folgende Personen aus der niederländischen Dschihad-Bewegung festgenommen.

Im Februar 2019 wurde in De Lutte ein Mann festgenommen, der der dschihadistischen Bewegung in den Niederlanden angehören soll. Er wird verdächtigt, ein terroristisches Verbrechen vorzubereiten. Bei seiner Verhaftung wurde eine Schusswaffe gefunden.

Im März 2019 wurde in Breda ein Mann wegen des Verdachts auf Beteiligung am Terrorismus festgenommen. Er soll sich der Al-Qaida-Schwesterorganisation Al Shabaab in Somalia angeschlossen haben.

Im Juli 2019 wurde in Maastricht ein Mann wegen des Verdachts der Anstiftung zu einer terroristischen Straftat festgenommen. Er wird außerdem verdächtigt, durch das Sammeln und Verbreiten von Informationen im Internet für den Terrorismus zu trainieren.

Der Mann war auf Websites aktiv, auf denen transnationale Online-Netzwerke alle Arten von dschihadistischen Informationen verbreiten, dschihadistisches Wissen aufbauen und pflegen sowie Propaganda produzieren und verbreiten. Dschihadisten erhalten über diese Netze Zugang zu Propaganda, Predigten und Reden von Dschihad-Gelehrten, aber auch zu Lehrmaterial, das für Anschläge genutzt werden kann.

Im Oktober 2019 wurde in Uithoorn eine Frau festgenommen, ebenfalls wegen des Verdachts der Anstiftung zu einer terroristischen Straftat. Sie wird außerdem verdächtigt, sich an einer terroristischen Vereinigung beteiligt und Gelegenheit, Mittel, Kenntnisse und Fähigkeiten zur Begehung einer terroristischen Straftat zur Verfügung gestellt zu haben. Sie war in ähnlichen Online-Netzwerken aktiv wie der oben erwähnte Mann aus Maastricht.

Im November 2019 wurden zwei Männer aus Zoetermeer unter dem Verdacht festgenommen, einen Anschlag in den Niederlanden vorbereitet zu haben. Ein Zeitpunkt und ein Ziel waren noch nicht bekannt.

Ebenfalls im November 2019 wurde ein Fünfzehnjähriger in Heemskerk wegen Anstiftung zu einer terroristischen Straftat und Verbreitung von hetzerischem Material festgenommen. Er verbreitete dschihadistisches Material über soziale Medien.

Im November wurden in den Niederlanden und Belgien insgesamt sechs Personen unter dem Verdacht der Terrorismusfinanzierung festgenommen. Das Geld wurde über eine Stiftung zur Unterstützung von Kriegsopfern gesammelt, aber die Verdächtigen sollen das Geld an ISIS-Kämpfer oder mit ISIS verbundene Personen in der Türkei und in Syrien übergeben haben.

Die Einschätzung der dschihadistisch-terroristischen Bedrohung ist nach wie vor geprägt von der Gefahr von Anschlägen im Westen durch einige wenige global agierende dschihadistische Organisationen, lokale Netzwerke und Einzelpersonen. Die Bedrohung des Westens hat seit 2017 abgenommen, was insbesondere durch den starken Rückgang der Zahl der Anschläge in Europa in den letzten Jahren belegt wird.
Die Bedrohung hat also abgenommen, ist aber immer noch erheblich.

Dschihadistische Bedrohung in den Niederlanden
Dies hat mit organisatorischen und ideologischen Spaltungen sowie mit einem Mangel an Hierarchie und Führung zu tun. Auch wächst die Bewegung nicht: Es kommen nur wenige neue Mitglieder hinzu und nur wenige treten aus.

Dennoch stellt die Bewegung nach wie vor eine Bedrohung dar. Schließlich folgen die Dschihadisten in den Niederlanden einer Ideologie der Gewalt und verbreiten diese hauptsächlich in geschlossenen Online-Kreisen. Einige Dschihadisten sprechen auch Drohungen gegen niederländische Personen oder Objekte aus, und es gibt Dschihadisten, die tatsächlich terroristische Gewalttaten begehen wollen.

Eine ernstzunehmende Bedrohungdurch ISIS und Al-Qaida

Die internationale dschihadistische Bedrohung des Westens geht in erster Linie von IS, Al-Qaida und den ihnen angeschlossenen Organisationen und Netzwerken aus. Die Gruppen, die mit Al-Qaida und IS verbunden sind, sind hauptsächlich in lokale oder regionale Konflikte verwickelt. Einige Gruppen verüben auch Anschläge gegen westliche Interessen in ihrer Region oder im Westen selbst.

Eine weitere Bedrohung geht von dschihadistischen Netzwerken oder Einzelpersonen aus, die keiner dieser Organisationen angehören. Einige Netze oder Personen sind tatsächlich an der Unterstützung  oder an der Planung und Durchführung von Angriffen beteiligt.

Die akute Bedrohung Europas durch den IS hat sich im vergangenen Jahr weiter abgeschwächt, aber die Gruppe beabsichtigt trotz des Verlusts ihres geografischen „Kalifats“ weiterhin, Anschläge in westlichen Ländern zu verüben oder verüben zu lassen. Im März 2019 fiel ihre letzte Hochburg, Baghuz.

Geografisch gesehen existiert das „Kalifat“ nicht mehr, aber das bedeutet nicht das Ende vom IS. Die Organisation hat sich in den letzten Jahren von einer zentral geführten Organisation zu einer so genannten „Aufstandsbewegung“ im Irak und in Syrien gewandelt. Das bedeutet, dass Untergrundzellen Anschläge, Morde und Raubüberfälle verüben, wichtige Personen gegen Lösegeld entführen und so weiter.

Die zentrale Führung in Syrien und im Irak ist nach wie vor intakt und steht nach wie vor in Kontakt mit IS-nahen dschihadistischen Organisationen. Diese so genannten „Provinzen“ sind an lokalen und regionalen Konflikten in verschiedenen Ländern und Regionen, unter anderem in Afrika und Südasien, beteiligt und stellen daher auch dort eine Bedrohung für die westlichen Interessen dar. Gleichzeitig kann die IS-Führung diesen „Provinzen“ eine gewisse Orientierung geben.

Weder der Tod von IS Führer Abu Bakr al-Baghdadi im Oktober 2019 noch die Ernennung seines Nachfolgers Abu Ibrahim al-Hashimi al-Qureishi haben die Bedrohung durch den IS beeinträchtigt. Der ISIS versucht nach wie vor, Anschläge im Westen zu verüben, wobei Syrien und der Irak wahrscheinlich seine Hauptstützpunkte bleiben werden.
Da in Afghanistan seit August 2021 die Regierung in einem territorialen Land hat, wird davon ausgegangen, dass sich der IS auf dieses neue Gebiet konzentrieren. Neueste Terroranschläge, wie zum Beispiel am Flughafen in Kabul oder in der Provinz Herat.

Auch Al-Qaida will weiterhin Anschläge im Westen verüben. Die Möglichkeiten, von Pakistan/Afghanistan aus, wo sich die höchste Al-Qaida Führung befindet, Anschläge gegen den Westen vorzubereiten und auszuführen, sind in den letzten Monaten extrem gestiegen.

Die von ihnen ausgehende Bedrohung hängt zum Teil von den militärischen Entwicklungen in dem Gebiet ab. Die Ende 2019 von der syrischen Armee begonnene Offensive gegen Kämpfer im Nordwesten Syriens könnte sich langfristig als entscheidend erweisen.

Die Bedrohung durch Gewalt von Al-Qaida-Mitgliedsorganisationen wurde durch einen Anschlag auf eine US-Militärbasis im Dezember 2019 deutlich, zu dem sich Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAS) bekannte. Darüber hinaus ermutigt Al-Qaida, wie auch der IS, die angeschlossenen Organisationen, selbst Anschläge zu verüben.

Neben Al-Qaida und ISIS gibt es dschihadistische Netzwerke in und außerhalb Europas, die sich ebenfalls auf die Planung und Unterstützung von Anschlägen konzentrieren. Im Prinzip können Dschihadisten im Schengen-Raum unerkannt reisen. Dies ermöglicht es Dschihadisten aus einem Schengen-Land, einen Anschlag in einem anderen zu verüben.

Darüber hinaus gibt es transnationale Vermittlungsnetze, die Dschihadisten unterstützen. Diese Netze verbinden Dschihadisten im Westen und in anderen Teilen der Welt und tragen damit erheblich zur internationalen Bedrohung durch den Dschihadismus bei.

Bedrohung durch Heimkehrer

Rückkehrer haben ein höheres Bedrohungsprofil als Dschihadisten, die das Land nicht verlassen haben. Dies gilt insbesondere für Männer, da sie in der Regel über eine Kampf- und Sprengstoffausbildung, Kampferfahrung und angesammelte internationale dschihadistische Kontakte verfügen. Nach ihrer Rückkehr könnten diese Erfahrungen und Kontakte genutzt werden, um lokale und transnationale Netzwerke zu stärken und/oder sie zu gewalttätigen Aktionen zu mobilisieren.

Viele Rückkehrer engagieren sich in der Propaganda oder als Vermittler und schließen sich der dschihadistischen Ideologie an. Bislang wurde nur wenigen Rückkehrern nachgewiesen, dass sie an tatsächlichen Angriffen beteiligt waren.

Die europäischen Geheimdienste schätzen die Gewaltgefahr, die von weiblichen Rückkehrern ausgeht, geringer ein als die von Männern, da sie nicht unbedingt an einer Waffenausbildung teilgenommen oder Kampferfahrung gesammelt haben.

Einige dieser Frauen können jedoch eine stärkere Rolle in den Netzwerken spielen. Grund dafür sind ihre Erfahrungen in Syrien und der Status, den sie daraus ableiten können. Eine mögliche Inhaftierung kann auch zu ihrem Status und Einfluss in den Netzwerken beitragen. Sie werden von anderen Frauen als Heldinnen angesehen.

Weibliche Dschihadistinnen

Nach dem Fall der letzten IS-Hochburg Baghuz im März 2019 landeten viele dschihadistische Frauen und ihre Kinder in Flüchtlingslagern im Nordosten Syriens. Nicht nur die humanitäre Situation in diesen Lagern ist besorgniserregend, auch die Sicherheitslage ist schlecht. Kinder, die in den Lagern aufwachsen, kommen immer noch mit dem radikalen Gedankengut vom IS in Berührung und können rekrutiert werden. Dies trägt weiterhin zur langfristigen terroristischen Bedrohung bei.

Austausch der Geheimdienste auf europäischer Eben

Die internationale Zusammenarbeit zwischen den europäischen Geheimdiensten hat sich als entscheidend für die Terrorismusbekämpfung erwiesen. Diese Zusammenarbeit ist teilweise in der Gruppe für Terrorismusbekämpfung (CTG) verankert. Es handelt sich um eine europäische Partnerschaft der Sicherheitsdienste der EU-Länder sowie Norwegens, des Vereinigten Königreichs und der Schweiz.

Die eingerichtete Plattforme, auf der Daten über Dschihad-Kämpfer direkt untereinander ausgetauscht werden, erleichtert die Zusammenarbeit und trägt dazu bei, einen besseren Einblick in transnationale und internationale Verbindungen zu gewinnen.
Konkret führt diese Zusammenarbeit dazu, dass potenzielle dschihadistische Angreifer in Europa früher erkannt, identifiziert und festgenommen werden.

Autoren Naike Juchem und Nila Khalil, 12. September 2021

Quellen
– Bundeszentrale für politische Bildung

– Report on intelligence files in the European Union: Council Implementing Regulation (EU) 2021/138 of 5 February 2021 implementing Article 2(3) of Regulation (EC) No 2580/2001 on specific restrictive measures directed against certain persons and entities with a view to combating terrorism
– Official Journal of the European Union
L 43/8 vom 8. Februar 2021

– Le Terrorisme Islamiste en Europe von Guy Van Vlierden und Pieter Van Ostaeyen

– Nauel Semaan, Terrorismusbekämpfung bei der Konrad Adenauer Stiftung

– Wissenschaftlicher Dienst des Deutschen Bundestages (2017): Sachstand Legaldefinition des Begriffes „Gefährder“. WD 3 – 3000 – 046/17.

– Wegner, M. & Hunold, D. (2017): Die Transformation der Sicherheitsarchitektur – die Gefährergesetze im Lichte des Vorsorge-Paradigmas. KriPoZ (6), S. 367-375.
– BKA: Kriminalität im Kontext von
Zuwanderung 2020 in Zahlen.(Bundeslagebild 2020)

– Nationaal Coördinator Terrorismebestrijding en Veiligheid (NCTV)

– Nachrichtendienste:
  AIVD (Niederlande)
  BND (Deutschland)
  DGSE und DCRI (Frankreich)

Die CIA und die Drogen

Die CIA und ihr schmutziges Spiel um Macht, Geld und Drogen

Autorin Naike Juchem

Mit Flugzeugen tief über Drogenplantagen hinweg und die Baretta 92 im Holster kämpfen furchtlose CIA Typen gegen die Drogenkartelle in Costa Rica an.
Sie stehen für das Gute in der Welt und retten den armen Bauern ihre Existenzen.
Die CIA als der Strahlemann der Welt.

Soweit die Filme aus Hollywood. Die Realität ist eine andere. Diese CIA geht über Menschen, Regierung und gar Völker – um ihre gierige Macht immer weiter zu treiben.


Als der Einfluss der internationalen Gemeinschaft durch die Führung der USA und der Vereinten Nationen wuchs, beseitigte das Prohibitionsregime schließlich auch noch die letzten Überreste des legalen Opiumhandels.

Aber der Kalte Krieg wurde auch mit verdeckten Operationen geführt, die an den Brennpunkten der globalen Konfrontation Bündnisse mit Kriegsherren und Verbrechersyndikaten begünstigten. Das unsichtbare Aufeinanderprallen konkurrierender Kräfte hemmte die Verbotsbemühungen der internationalen Gemeinschaft durch informellen staatlichen Schutz für Drogenhändler, die den Geheimdiensten nützlich waren.

In den 40 Jahren des Kalten Kriegs war die internationale Rauschgiftkontrolle auf diese Weise das Ergebnis einer subtilen, kaum verstandenen Wechselwirkung von Prohibition und Protektion. Es waren diese einander widerstrebenden Kräfte, die den globalen Drogenhandel in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg formten.

Der kommunistische Block – mit seinem Puritanismus, seiner Repression und seinem regulierten Handel – erwies sich als mächtige Kraft der Drogenprohibition und schloss einen großen Teil der Erde für den illegalen Drogenhandel. Nach seiner Machtübernahme 1949 startete das kommunistische Regime in China eine Antiopiumkampagne, die 1952 in der Identifizierung von 369.000 Drogenhändlern und 82.000 Verhaftungen, 35.000 Urteilen und 880 öffentlichen Hinrichtungen kulminierte. Die anschließende Phase der Massenmobilisierung und Zwangsbehandlung befreite die Süchtigen so rasch von ihrer Abhängigkeit, dass China, einst der größte Produzent und Konsument von Opium, Mitte der 50er Jahre drogenfrei war.

Die autoritäre Herrschaft der chinesischen Kommunisten über einen großen Teil der eurasischen Landmasse legte für diese riesige Region die illegale Opiumproduktion still und lenkte den Handel auf neue Schmuggelrouten um. Obwohl die asiatische Opiumzone dadurch schrumpfte, stimulierten geopolitische Entwicklungen zusammen mit den Kräften des illegalen Marktes eine beständige Ausweitung der Produktion im übrigen asiatischen Raum von der Türkei bis nach Laos.

Gleichzeitig boten verdeckte Operationen der USA Drogengroßhändlern innerhalb der asiatischen Opiumregion Schutz. Als der Kommunismus in den späten 40er Jahren in China und Osteuropa vorrückte, erkannte Washington darin eine unmittelbare globale Bedrohung. Die Regierung Truman, die neue Waffen für eine neue Art des Kriegs brauchte, schuf 1947 die Central Intelligence Agency (CIA) mit zwei Hauptaufgaben: Spionage und Geheimaktionen. Mit radikalem Pragmatismus schlossen ihre Agenten Bündnisse mit jeder Gruppe, die im Kampf gegen den Kommunismus nützlich sein konnte, auch mit Drogenhändlern.

Am Eisernen Vorhang verschmolzen verdeckte Kriegführung und Opiumhandel miteinander

Während des Kalten Kriegs konzentrierte sich der asiatische Opiumhandel auf drei unterschiedliche Regionen: Türkei, Zentralasien und Südostasien. Auf dem anatolischen Plateau lieferten die Opiumbauern legale Opiumquoten an eine staatliche Vermarktungsgesellschaft, verkauften illegale Überschüsse an Schmuggler und fachten damit einen Handel an, der östlich zu den iranischen Opiumhöhlen und westlich zu den Heroinlabors von Marseille führte. In Zentralasien bedienten die Mohnfelder Afghanistans und Pakistans regionale Märkte, besonders die fast grenzenlose Nachfrage des Iran nach Rauchopium. In Südostasien produzierten die Hochländer von Birma, Thailand und Laos – das berühmte Goldene Dreieck – Rauchopium für regionale Märkte, bis sie Anfang der 70er Jahre begannen, Heroin für Europa und Amerika herzustellen.

Es war einer der Zufälle der Geschichte, dass der Eiserne Vorhang in den späten 40er Jahren an den Rändern der asiatischen Opiumzone fiel, sodass dort für die Dauer des Kalten Kriegs verdeckte Kriegführung und Opiumhandel miteinander verschmolzen. Entlang dieser 7.500 Kilometer langen Grenze Chinas und der Sowjetunion konvergierten Geschichte und Geografie zur Bildung zweier Brennpunkte des Kalten Kriegs: Afghanistan im Westen und das südostasiatische Goldene Dreieck im Osten. Östlich wie westlich des massiven, 3.000 Kilometer langen und 7.500 Meter hohen Gebirgsriegels von Himalaja und Hindukusch zogen über die Handelsrouten der beiden Regionen seit ewigen Zeiten Karawanen aus China und Zentralasien.

Über diese Handelswege verbreiteten sich Waffen, Opium und auch der Islam, wodurch die Bergvölker der unwegsamen Hochländer Traditionen des Handels, des Raubs und des Widerstands gegen die Tieflandreiche ausbilden konnten. Auf den Handelsrouten durch Nordafghanistan nach Kabul „befriedigte der regelmäßige Überfall auf Karawanen die Gelüste der lokalen Eliten“. In ähnlicher Weise verführten Karawanenrouten, die vom Yunnanplateau in Südchina ausgingen, die Bergstämme von Assam bis Tongking zu Überfällen und regten Handel und Opiumanbau an.

CIA-Geheimkrieg und der Drogenhandel

40 Jahre lang kämpfte die CIA mehrere Geheimkriege um diese beiden Regionen an den äußeren Enden des asiatischen Massivs – in Birma in den 1950er Jahren, in Laos in den 1960er Jahren, in Afghanistan in den 1980er Jahren. Als die CIA in diesen zerklüfteten Bergregionen Stammesarmeen mobilisierte, nutzten deren Kriegsherren die Waffen und den Schutz des Geheimdienstes, um groß ins Drogengeschäft einzusteigen.

Aus der beschränkten Perspektive des Kalten Kriegs erhöhte die Duldung des Drogenhandels häufig die geheimdienstliche Effizienz. Aus der Sicht eines CIA-Agenten, der die Erfüllung seines Auftrags vor Augen hatte, befreite der Opiumhandel seine Organisation von den unbezahlbaren Kosten, die entstanden wären, hätte er sich selbst um die Wohlfahrt von Stämmen mit Tausenden von Mitgliedern kümmern müssen. Ebenso bedeutsam war, dass während der blutigen Kriege, die sich mit schweren Verlusten über Jahre hinzogen, die Kontrolle über diese zentrale landwirtschaftliche Einnahmequelle dem von der CIA ausgewählten Kriegsherrn die Herrschaft über Stämme, Clans und Dörfer ermöglichte. Da erbarmungslose Drogenfürsten wirkungsvolle antikommunistische Verbündete waren und Opium ihre Macht vermehrte, hatten CIA-Agenten, die eine halbe Welt von der Heimat entfernt allein auf sich gestellt operierten, allen Grund, den illegalen Drogenhandel zu dulden.

Anders als einige andere Geheimdienste benutzte die CIA den Drogenhandel nicht zur Finanzierung ihrer verdeckten Operationen. Ihre Mitschuld war auch nicht das Werk einiger weniger korrupter Agenten, die nach einem Anteil an den enormen Profiten gierten. Die Rolle der CIA im Heroinhandel war vielmehr eine unbeabsichtigte Konsequenz ihrer Taktik, ihrer „Realpolitik“ im Kalten Krieg.

Diese verdeckten Bündnisse mit nützlichen Drogenbaronen in Birma, Laos, Afghanistan und Nicaragua trugen in beträchtlichem Umfang zur Ausweitung des Drogenhandels in wichtigen Quellregionen bei, auch wenn das genaue Ausmaß nicht quantifizierbar ist. Da die Drogenbauern für jede neue Ernte Kredite und verlässliche Märkte brauchten, hatte jede Ausweitung der Drogenproduktion drei Voraussetzungen: Finanzierung, Logistik und, vor allem, Schutz.

So erforderte das plötzliche Anschwellen der birmanischen Opiumproduktion in den 50er Jahren die Lufttransportlogistik der CIA, den militärischen Schutz durch Thailand und taiwanisches Finanzkapital. In gleicher Weise beruhte die steil ansteigende Opiumproduktion in Afghanistan in den 80er Jahren auf der logistischen Unterstützung des pakistanischen Geheimdienstes Interservice Intelligence (ISI), dem Schutz einer CIA-Geheimoperation und den Diensten pakistanischer Banken, besonders der Bank of Credit & Commerce International.

Aus den Hochländern gelangte das Opium zu den Labors und städtischen Märkten, wo es Verbrechersyndikate und korrupte Staatsdiener übernahmen, und auch unter ihnen fand die CIA antikommunistische Verbündete. Seit Beginn der Drogenprohibition in den 20er Jahren setzten staatliche Sicherheitsdienste auf der ganzen Welt Rauschgifthändler als nützliche geheimdienstliche „Aktivposten“, als Handlanger bei verdeckten Aktionen ein – von Chiang Kai-sheks Nationalchinesen, die sich der Green Gang bedienten, um in den 20er Jahren die Kommunisten zu bekämpfen, bis hin zu den Gaullisten in Frankreich, die das Marseiller Milieu in den 60er Jahren gegen terroristische Militärs einsetzten.

Im Kontext des Kalten Kriegs gab es eine ähnliche Affinität zwischen Geheimkriegsagenten und Verbrechersyndikaten. Ihre grundlegendste Gemeinsamkeit besteht in der Ausübung der „klandestinen Künste“, wie es ein ehemaliger CIA-Agent einmal genannt hat: die grundlegende Fähigkeit, außerhalb der normalen Kanäle der Zivilgesellschaft zu operieren. Unter allen Institutionenmoderner Gesellschaften können nur Geheimdienste und kriminelle Syndikate verdeckte Operationen durchführen, ohne Spuren zu hinterlassen.

In dem Maße, in dem unser Wissen über den Kalten Krieg wächst, wird auch die Liste der Drogenhändler, die für die CIA arbeiteten, immer länger: Korsensyndikate, irreguläre Truppen der Nationalchinesen, laotische Generäle, afghanische Kriegsherren, haitische Oberste, panamaische Generäle, honduranische Schmuggler und nicaraguanische Contra-Kommandeure. Diese Bündnisse mögen nur einen Bruchteil aller CIA-Operationen darstellen, aber sie hatten einen beträchtlichen Einfluss auf den Drogenhandel.

Die Schlachtfelder wurden zu Ödländern des Geheimkriegs, auf denen nur noch Opium blühte

Blickt man auf die Geheimkriege der CIA zurück, die zu Verstrickungen in den Drogenhandel führten, springt der Kontrast zwischen ihren kurzfristigen operativen Vorteilen und den langfristigen politischen Kosten ins Auge. Bei jeder dieser verdeckten Operationen nutzten Kriegsherren einheimischer Stämme Waffen, Logistik und politischen Schutz der CIA, um zu großen Drogenbaronen aufzusteigen, die Opiumproduktion in ihren Gebieten auszuweiten und Heroin auf den internationalen Märkten anzubieten. Statt diesen Drogenhandel zu stoppen, duldete ihn die CIA, blockierte, wo notwendig, Untersuchungen und machte die Geheimkriegsgebiete damit zu prohibitionsfreien Regionen, in denen der Handel unbehindert expandieren konnte.

Sobald ein CIA-Geheimkrieg zu Ende war, blieb sein Erbe in Form steigender Drogenproduktion erhalten. Die amerikanischen Agenten mochten abgereist sein, aber die Marktverbindungen der Geheimkriegszone und die Macht des Kriegsherrn vor Ort blieben und verwandelten diese Regionen auf künftige Jahrzehnte hin in große Drogenanbieter. Ihre Schlachtfelder wurden zu Ödländern des Geheimkriegs, auf denen nur noch Opium blühte. So entstanden Regionen, die dauerhaft vom Drogenhandel abhängig waren.

Da diese Geheimkriege außerhalb der konventionellen Diplomatie ausgefochten wurden, blieb ihr Ausgang außer Reichweite internationaler Regelungen: Die betroffenen Gesellschaften erhielten keine Aufbauhilfe und waren gezwungen, als Ersatz die Opiumproduktion auszuweiten. Nach der CIA-Intervention in den 50er Jahren stieg die birmanische Opiumproduktion von 18 Tonnen 1958 auf 600 Tonnen1970. Während des verdeckten Kriegs der CIA in den 80er Jahren nahm die afghanische Ernte von geschätzten 100 Tonnen 1971 auf 2.000 Tonnen 1991 zu – und stieg im Gefolge des Kriegs weiter auf 4.800 Tonnen. Ein Jahrzehnt nach dem Ende des Kalten Kriegs waren die drei größten verdeckten Schlachtfelder der CIA – Afghanistan, Birma und Laos – in dieser Reihenfolge auch die drei führenden Opiumproduzentender Welt.

Während des Kalten Kriegs war der stetige Zuwachs des illegalen Opium- und Kokaanbaus auf diese Weise das Werk zusammenwirkender globaler Kräfte, das heißt der nicht zu unterdrückenden Nachfrage nach illegalen Drogen, der Geheimbündnisse mit Drogenbaronen und der unbeabsichtigt stimulierenden Wirkung der Drogenprohibition.

In diesem Komplex sozialer Kräfte spielten die CIA-Geheimbündnisse mit Drogensyndikaten eine katalytische, wenn auch nicht intendierte Rolle bei der Ausweitung des globalen Heroinhandels. An zwei entscheidenden Wegscheiden, als das Heroinangebot und die Zahl der Süchtigen in den USA in den späten 40er und den späten 70er Jahren beträchtlich abgenommen hatten, trugen die CIA-Geheimbündnisse zu einem Anstieg des Opiumangebots bei, das bald den US-Drogenhandel wieder belebte. So gering der Anteil dieser Bündnisse an den Gesamtoperationen der CIA auch gewesen sein mochte, sie hatten erhebliche Auswirkungen auf den globalen Heroinhandel.

CIA-Affären mit Drogenbaronen

Die erste dieser CIA-Affären mit Drogenbaronen spielte sich ab, als der weltweite Drogenhandel sich auf dem Tiefpunkt seiner jüngeren 200-jährigenGeschichte befand: mitten im Zweiten Weltkrieg. In den USA war der Reinheitsgehalt illegalen Heroins von 28 Prozent 1938 auf nur drei Prozent drei Jahre später gefallen – ein Rekordtief. Zugleich hatte die Anzahl der Süchtigen rapide abgenommen: Nur noch etwa 20.000 waren es1944/45, ein Zehntel derjenigen, die noch 1924 gezählt worden waren.

Ende der 40er Jahre sah es ganz danach aus, als würde die Heroinsucht in den USA ein unbedeutendes Problem werden. Innerhalb eines Jahrzehnts jedoch blühten die Drogensyndikate wieder, die asiatischen Mohnfelder dehnten sich aus, in Marseille und Hongkong schossen Heroinraffinerien aus dem Boden. Der Grund für diese Erholung des Heroinhandels ist, zumindest teilweise, in einer Abfolge von CIA-Bündnissen mit Drogenhändlern zu suchen: mit korsischen Syndikaten in Marseille, nationalchinesischen Truppen in Birma und korrupten thailändischen Polizisten.

Der Kalte Krieg war ein globaler Konflikt, aber Europa und Südostasien waren in den späten 40er Jahren seine wichtigsten Schlachtfelder. Von1948 bis 1950 verbündete sich die CIA in ihrem Kampf gegen die Kommunistische Partei Frankreichs um die Kontrolle des strategischen Mittelmeerhafens Marseille mit der korsischen Unterwelt. Mit Unterstützung der CIA erlangten die Korsen die Kontrolle über den Hafen und nutzten sie im folgenden Vierteljahrhundert, um Heroin in die USA zu exportieren.

Gleichzeitig führte die CIA in Südostasien eine Reihe von verdeckten kriegerischen Operationen entlang der chinesischen Grenze durch, die den Anstoß zur Entstehung des Heroinkomplexes des Goldenen Dreiecks gaben. 1950 bewaffnete der Geheimdienst Überreste der nationalchinesischen Armee für eine Invasion Südwestchinas und unterhielt sie danach entlang der birmanisch-chinesischen Grenze als Puffer gegen die befürchtete Invasion der chinesischen Kommunisten in Südostasien.

Im Verlauf des folgenden Jahrzehnts verwandelten nationalchinesische Truppen den Nordosten Birmas in den weltgrößten Opiumproduzenten. Nachdem die Nationalchinesen das Opium über die Grenze nach Thailand transportiert hatten, übernahm der Chef der thailändischen Polizei, General Phao Siyan an, ein weiterer enger Verbündeter der USA, die Kontrolle des Exports und des lokalen Vertriebs und unterstützte mit den Profiten eine antikommunistische Allianz.

Das zweite Mal war die Komplizenschaft der CIA bei der Wiederbelebung des Drogenhandels noch eindeutiger. Mitte der 70er Jahre drosselten erfolgreiche Operationen der US-Antidrogenbehörde DEA von der Türkei bis Mexiko den Heroinzufluss in die USA, wodurch sich die Zahl der Süchtigen im Land um mehr als die Hälfte verminderte, von geschätzten 500.000 auf 200.000. 1979 jedoch schuf die geheime Militäroperation der CIA in Afghanistan alle Voraussetzungen für eine Ausweitung des zentralasiatischen Drogenhandels.

Um den afghanischen Widerstand gegen die sowjetische Besetzung zu stützen, verbündete sich die CIA über den pakistanischen Geheimdienst mit afghanischen Kriegsherren, die Waffen, Logistik und Schutz der CIA nutzten, um zu großen Drogenfürsten aufzusteigen. Innerhalb eines Jahres eroberte die anschwellende zentralasiatische Heroinproduktion über 60 Prozent des US-Marktes, beendete die lange Knappheit und ließ die Zahl der Süchtigen auf den früheren Höchststand zurückschnellen.

Im Jahr als die Freiheit am Hindukusch verloren ging

Taliban enter outskirts of Kabul as US begins embassy evacuation“

Autorin Nila Khalil

Am Sonntagnacht klingelte mein Notfall Telefon. „Kabul fällt!“  Dies waren die Worte von meiner Freundin und langjährige Weggefährtin Samira Ansary.
Mit einem Schlag war ich hellwach. Der Tag X traf mich am 15. August 2021 um 1.12 Uhr. „Ich komme“ ,war meine Antwort.

Ich rief meinen Bodyguard an – der in Schottland lebt und sagte ihm: „es geht los.“
Der schwerste Gang war an die Schlafzimmertür meiner Eltern, sie leben seit einem Jahr bei mir im Haus in Den Haag. Ohne ein Wort zu sagen, sah meine Mutter mich mit Tränen in den Augen an. Sie wusste das es soweit war.

Die nächsten Anrufe galten jenen Personen die seit 6 Jahren auf einem Notfallplan stehen.

Um 2 Uhr fing in drei Länder auf drei Kontinenten und Australien eine Organisation an zu laufen, die 1000 mal durchgesprochen wurde. Gleichzeitig telefonierte ich mit Freunden in Afghanistan um überhaupt einen Überblick der Lage vor Ort zu bekommen. Mein Mailfach füllte sich in wenigen Minuten. Meine Eltern lasen die Mails und druckten die wichtigsten aus. Alle Mails wurden an die andere Personen weitergeleitet – sofern sie diese nicht schon hatten.

Gegen 5 Uhr kamen Erik, Linda, Marpe de Joost und meine Tochter in mein Haus, um sich einen Überblick via Internet in Afghanistan zu verschaffen. Im Fernsehen kamen auf den Afghanischen Sender fast die gleichen Meldungen. Egal welche Seiten wir im Internet sahen – sie zeigten fast alle das gleiche.

Um 6.17 Uhr kam die Nachricht von meinem Bodyguard: bin auf dem Weg.
Um 6.23 Uhr kam die Nachricht von einem, ich nenne ihn mal, Staatsminister, „bis heute vormittag hast du ein Flugzeug.“

Afghanistan Ende Juli

Die Meldungen von dem Vorrücken der Taliban in immer mehr Städte und Provinzen machte mir und meinem Team in Afghanistan große Angst. Mit meinem Team wurde beschlossen, dass wir alle Mädchen und Frauen aus unseren 6 Häuser ruhig und unauffällig zusammen ziehen. Bei knapp 300 Mädchen und Frauen, die an geheimen Orten leben, ist dies gar nicht so einfach.
Aus eben jenen Sicherheitsgründen der Gefahr, der Taliban ausgeliefert zu sein, sind diese geschundenen und zwangsverheitaten Mädchen und junge Frauen räumlich getrennt. Diese nun alle an einem zentralen Ort, ist äußerst gefährlich. Zumal zwei unserer Frauenhäuser in einer Provinz sind, wo die Taliban seit Wochen sehr präsent ist.

Mein Team hatte es hinbekommen unauffällig die beiden Häuser zu räumen, um die Mädchen, Frauen und Mitarbeiterinnen in meine Heimatstadt zu bringen – wo unsere Zentrale, Schule und ein weiteres Frauenhaus von uns ist.

Ab Mitte der ersten Woche im August
wurden mit allen Beteiligten der 40-seitige Notfallplan täglich via Telefon und Video besprochen. Alle wussten es passiert etwas – nur nicht wann.

Time to say goodbye

Im Mai 2020 schrieb ich nach einem Terroranschlag in meiner Heimatstadt, 5000 Kilometer entfernt mein Testament.
Am Sonntagmorgen legte ich den Schnellhefter mit meinem Willen – wenn mir etwas passieren sollte, auf den Esszimmertisch in meinem Haus. Es brauchte keine Diskussionen über meine Entscheidung, denn die gab es in letzten Monaten mehr als genug.

Um 7.30 Uhr fuhr Marpe mich die wenigen Kilometer zu dem kleinen Flugplatz „The Hague Airport“ nach Den Haag.
An einem abgesprochen Treffpunkt traf ich Joris, den Piloten, der mich in ein europäisches Land, welches ich hier nicht nennen werde, fliegen soll, um dort meinen Bodyguard und eben jenes Flugzeug für nach Afghanistan zu treffen.

Marpe war sehr gefasst, auch wenn wir beide Tränen in den Augen hatten. „Al het beste, mijn engel“, sagte sie unter Tränen.

Schweigend ging ich mit Joris zu seiner Cessna 172, die mich zu einer Militärbasis in einem europäischen Land fliegen soll.
Nach dem Check und Anmelden, rollte Joris los und wenig später spürte ich den Boden nicht mehr.

Kurs in einen Alptraum

Die Schönheit von meiner Wahlheimat nahm ich kaum wahr. Meine Gedanken waren klar und trotzdem lief vor meinen Augen ein Film ab, bei dem mir kalt wurde.
Ich musste mich irgendwie ablenken und scrollte auf meinem Smartphone herum.
Auf Facebook wurde mir ein Beitrag vom  „The Guardian“ angezeigt: Taliban enter outskirts of Kabul as US begins embassy evacuation.

Ihr Feiglinge! Versteckt euch in dem best abgesichertsten Gebäude in Afghanistan und packen die Koffer.

US Botschaft in Kabul

Der Flug über die Nordsee war sehr eintönig und mir gingen zig Wie- Warum-Wieso-Fragen durch den Kopf. Joris machte gar keine Anstalten für ein Gespräch – er wusste wohin ich fliegen muss.

Um kurz nach 10 Uhr war die kleine Cessna in der Nähe der Militärbasis. Ich sah ein riesengroßes Flugzeug auf dem Rollfeld stehen und sagte zu Joris: „Dit wordt waarschijnlijk mijn taxi.“
Joris bekam vom Tower die Landeposition mitgeteilt. Die kleine Cessna rollte auf einen Hanger zu, wo eine beachtliche Gruppe an Menschen stand.
Das Kleinflugzeug kam zum stehen, da kam auch schon ein kleine Gruppe von Menschen auf die Cessna zu. Drei der Leute kannte ich: meinen Bodyguard, den Staatsminister von dem Land, in dem ich jetzt war und der Außenminister.

Marcel umarmte mich fest und gab mir einen Kuss auf die Wange „Ich bin bei dir. Alles wird gut.“ Ich streichte sein schönes Gesicht „ich weiß.“
Der Staatsminister drückte mich fest an sich und wuschelt mir die Haare – macht er immer. Der Außenminister reichte mir die Hand und sah mich offen an „Sie wissen was sie tun?“ Ich nickte „Ja! Weiß ich. Jasper auch.“

In einem sehr großen Raum unterhalb vom Tower wurden mir noch einige Personen aus der Gruppe vorgestellt. Militärs, die drei Piloten, Leute vom Geheimdienst, Beamte und Politiker.
Neueste Bilder und Informationen aus Afghanistan wurden der Gruppe gezeigt und die aktuelle Lage analysiert.
Eine Frau aus dem Innenministerium hatte zwei Ordner mit den Namen bei sich, die Asyl in eben jenem Land bekommen werden, die als erste Gruppe einreisen werden. 107 Namen. Ich kenne von jedem dieser Namen den Lebenslauf.
Im zweite Ordner waren die Namen derer 87 Personen die als letztes eingeflogen würden. Wovon dieser Liste 17 Personen in Zukunft in den Niederlande leben werden. 90 Mädchen und junge Frauen und 10 Mitarbeiter aus meinem Team werden diese Woche Australien als neue Heimat haben.

Die Piloten und ein Major gaben der Gruppe die Flugroute bekannt und das nach Anweisung des Militärs eine Landung in Usbekistan vorgenommen werde.
Ich erkläre den circa 50 Personen in dem Raum noch einmal den Notfallplan und wie der Status aktuell vor Ort sei.

Um 15.30 war alles analysiert, diskutiert und erklärt. Mit einem Bus fuhr mein Bodyguard, ich, 18 Soldaten, die Piloten und vier Männer vom Militärischen Geheimdienst an den Airbus A330.

An Bord zwischen dem Cockpit und der 1. Klasse standen eine Unmenge an Koffer und Taschen. Dies waren zweifellos die Waffen und Ausrüstung der Soldaten, vom Geheimdienst und von Marcel.

Das Flugzeug rollte um 16.17 Uhr zur Startbahn mit Ziel Afghanistan. Mit einem Schlag wurde mir klar, ich werden meine Heimatstadt wahrscheinlich nie wieder sehen werden.

Termez, Usbekistan

Termez Usbekistan

Auf dem Flug lenkte ich mich ab und sprach sehr viel mit Marcel. Er zeigte mir die neusten Foto von seiner Familie und wie stolz er auf seine beiden Söhne sei. Seine Frau, eine wunderschöne Frau mit den wohl schönsten rötlichen Haaren die ich je gesehen habe, lächelte auf dem Hochglanzfoto mich an.
Die Erinnerungen an die Urlaube, oder Kurztrips, bei ihnen in Schottland taten mir gut und lenken etwas von meiner Angst ab.
Marcel ist ein eiskalter Killer und trotzdem ein Mensch mit einem sehr guten, herzlichen und fürsorglichen Charakter. Nur seine Frau kennt seinen „Beruf“.

Mittlerweile war ich schon 18 Stunden wach und fand keine Ruhe in mir. Ich nahm den Ordner mit dem Notfallplan und las wieder die Punkte durch. Mittlerweile könnte ich den Text auch rückwärts auswendig sagen. Marcel hielt meine Hand und sagte immer wieder, dass alles gut werde. Die 18 Soldaten seien ausgebildete Elite-Kampfsoldaten und Scharfschützen. Sie wären für meine und unsere Sicherheit abgestellt – immerhin ein kleiner Trost.

Die Bordküche war prall gefüllt und wir konnten Essen und Trinken was wir wollten. Es gab nur keinen Platzservice durch eine Stewardess – und so etwas nennt man dann 1. Klasse.
Also ging ich die drei Reihen nach vorne in die Bordküche und machte mir Hähnchenfleisch in pikanter Chili-Sojasauce mit Reis warm. Bis das Essen warm war, aß ich ein Stück Apfelstreuselkuchen und trank einen Kaffee dabei.

Zwei der Männer vom Militärischen Geheimdienst, die vor mir saßen, kamen auch an die Bordküche und schauten nach dem Menüplan. Einer der beiden nahm das gleiche wie ich und der andere machte sich Pasta mit Tomaten-Auberginensauce warm.
„Would you like a can of cola?“ Fragte mich der eine. „With pleasure.“ „I’m Mikkel and he’s Steen.“ Hello, i am Nila.“ „I know.“
Bei Kuchen und Kaffee standen wir in der Küche und Mikkel fragten mich sehr viel über Afghanistan. Ich sagte das, was ich schon mein Lebenlang kenne und weiß. Da meine Einschätzung und deren Analyse übereinstimmten, wurde ich von Steen gefragt, ob ich nicht besser das Ressort wechseln möchte. Ich schüttelte den Kopf und erzählte von den Frauenhäuser und meiner Arbeit in den letzten 14 Jahren in Afghanistan.

Nach und nach füllte sich der Bericht an der kleinen Bordküche. Wir hatten sehr angenehme Gespräche bei einem vorzüglichen Rotwein.

Der Landeanflug auf eine NATO Militärbasis in Usbekistan begann.
Das Flugzeug rollte zu einer Parkposition und wurde kurze Zeit später betankt.
Die Männer vom Militärischen Geheimdienst telefonierten wie wild und ich merkte, dass etwas nicht stimmte. Marcel sah mich wortlos an.

In der anderen Bordküche, hinter der 1. Klasse, und erste Reihe links und recht dahinter war ein Chaos an PC’s, Drucker und Kabel.
Ich stand in der Gruppe und sah Dokumente vom Geheimdienst. Uns wurde die chaotische Lage in Kabul aufgezeigt.
Nach deren Meldungen hätte die Armee keinen Widerstand geleistet und alle Flüge wären eingestellt.
Mikkel reichte mir zwei Seiten, auf denen ein Alptraum zu lesen war. Ich konnte dies nicht glauben. „I can’t believe this! Is that really true?“ „Yes. it’s true.“

Ich stehe einen Steinwurf von der Grenze zu Afghanistan und 450 Kilometer Luftlinie von meiner Heimatstadt entfernt, und muss solche Nachrichten erst einmal verarbeiten.
Was nun? Es gibt kein Vertrauen mehr zu Menschen, denen ich jahrelang vertraut hatte. Ranghohe Polizisten und Militärs könnten jetzt unsere Feinde sein.
Müssen wir so kurz vorm Ziel aufgeben?

Es wurden wieder aktuelle Satellitenbilder ausgewertet und die Nachricht, dass sich die Armee kampflos ergeben hätte, war nun der größte Risikofaktor. Mit einem Jumbojet auf einem Flughafen zu landen, der unter Kontrolle von Terroristen sein wird, wird dies ein Himmelfahrtskommando.
Ich rief Samira an und fragte nach dem aktuellen Status in der Stadt. „Die „Party“ ist in Kabul. Hier ist es noch ruhig. Wir haben alle Angst, aber noch ist es ruhig.“ Da Samira Englisch sprach, musste ich das Gespräch für die Gruppe nicht übersetzen. Es wurde nochmals wie wild telefoniert und niemand konnte oder wollte eine Entscheidung treffen.

Der Kapitän von dem Flugzeug sagte, dass es nicht besser werden würde, wenn wir noch länger warten. In Europa wurde heftig diskutiert. Der Staatsminister fragte mich, wie schnell alle Mädchen und Frauen am Flughafen sein können. Samira sagte in zweieinhalb Stunden. Ich fragte den Staatsminister nochmal: „hast du eben Alle gesagt?“ „Ja. Alle! Wir können für einen weiteren Flug nicht garantieren und ich lasse dich nicht in dem Land zurück.“

Notfallplan 2.0

Alles was in den letzten 6 Jahren geplant wurde, konnte ich jetzt in die Tonne treten.
„Ich habe zu lange gewartet. Wir hätten vor Wochen schon Evakuieren müssen.“
Mikkel wedelte mit den zwei Blätter, die ich kurz zuvor gelesen hatte. „Niemand konnte dies ahnen. Also gibt dir jetzt nicht die Schuld! Wir sind hier und es wird eine Lösung geben.“
In weniger als 10 Minuten war klar, dass es nur eine Landung geben wird.
„Wir müssen weit weg von der Aufmerksamkeit auf dem Flughafen diese Aktion durchführen“, sagte Marcel in einem militärischen Befehlston. „That means?“ Fragte der Kommandant der Spezialeinheit. „Hinten! Am Ende vom linken Rollfeld. Da ist Schutz für die Mädchen und niemand rechnet damit.“

Satellitenbilder vom Militärischen Geheimdienst wurden ausgedruckt und besprochen. Jeder Meter auf dem Flughafen wurde analysiert. Wo bleibt das Flugzeug stehen? Von wo müssen wir landen? Wie und wo kann man das Flugzeug drehen? Muss das Flugzeug bei der Evakuierung zuerst gedreht werden?
Wo ist Schutz für die Mädchen und Frauen bis wir da sind? Wie weit ist es von diesem oder jenem Punkt, bis zum Flugzeug, zum Flughafengebäude oder oder oder.
Es wurde gerechnet, skizziert, notiert und diskutiert.

Der Co-Pilot rechnete die Länge der Startbahn. Am Ende der beiden Rollbahnen war noch eine Querverdindung zur anderen Piste. Je nach Windverhältnisse werden Flughäfen aus verschiedenen Richtungen angeflogen. Es ist völlig normal, dass die Flugzeug drehen um zum Terminal oder eben Startbahn zu kommen. Wir werden unter diesen Umständen nicht ans Terminal können. Also bleibt eine Evakuierung nur über die Notfalltreppen am Flugzeug.
Der Kapitän sagte, „Wir kommen von der anderen Seite! So tief und kurz es geht. Rollen bis zum Ende der Startbahn, sammeln die Kinder ein und dann einmal links herum und Abflug.“
Es gab keine andere Option um – hoffentlich, sicher und schnell zu starten.

Termez, Usbekistan

Es wurde entschieden, dass wir drei der vier Notfalltüren auf der rechten Seite benutzen und wie ohne Chaos – aber sehr zügig das Flugzeug beladen wird. Ich schickte die Satellitenbilder und einen Sitzplan vom Flugzeug mit allen Skizzen und Notizen an Samiras Mail Adresse. Sie mussten dies den Mädchen und Frauen erklären – wie; war mir in diesem Moment egal. Die Mädchen haben noch nie ein Flugzeug gesehen und von innen schon gar nicht.

Die Piloten zeigten den Soldaten wo die Notfalltreppen am Flugzeug sind und wie diese funktionierten. Eine Hühnerleiter mit aufklappbarem Geländer trifft wohl besser zu.

Die Kampfsoldaten und Marcel besprachen ihren Einsatz bei der Landung, wie sie das Flugzeug absichern werden und wer außerhalb welche Aufgabe hatte.
9 Scharfschützen, 10 Elite-Soldaten und zwei Männer vom Militärischen Geheimdienst gegen eine unbekannte Zahl von Terroristen. Mikkel und Steen waren für das Filmen aus dem Flugzeug verantwortlich.

Marcel sprach ein weiteres Problem an. Wir waren nicht mehr genug Leute, um an den Türen und im Flugzeug für Ordnung zu sorgen. Einer der Piloten erklärten sich bereit, dass er an die zweite Türen gehen würden. Ich sollte an Tür 3. Mikkel würde an die vierte Tür gehen.

Die Scharfschützen würden das Flugzeug absichert. Ein Scharfschütze an der ersten Tür direkt hinter dem Cockpit. Dort war die 1.Klasse, da diese von uns schon besetzt war, konnte diese Tür auch nicht zur Evakuierung benutzt werden.
Vier Scharfschützen wären an den Türen vom Gepäckraum. Zwei außerhalb des Flugzeugs auf der rechten Seite um das Flugzeug nach hinten abzusichern. Der letze und Marcel draußen auf der linken Seite.
Da meine Mädchen und Mitarbeiterinnen von links kommen werden, waren sie abgesichert.
Ich sprach meine Angst in der Gruppe an, wenn es zu einem Schusswechsel kommen sollte, könnten die Kinder Panik bekommen.
„Nila, don’t worry, we are trained for this.“ Der Kommandant der Spezialeinheit erklärte mir noch einmal die Positionen der Scharfschützen und wer welche Aufgabe bei der Evakuierung hatte.

Die Internationale Flugbehörde in Kanada und für Europa, in Paris, waren schon seit Sonntagmorgen über diesen Flug – der keine offizielle Kennung hatte, informiert.
Der Flug wurde nun von Termez nach Multan in Pakistan, als Frachtflug registriert. Bei den afghanischen Behörden wurde eine Überfluggenehmigung beantragt und diese wurde auch bewilligt. Lediglich der Luftraum über Kabul sei gesperrt. Also muss das Flugzeug einen Bogen fliegen, und nah an dem chinesischen Luftraum bleiben.
Auf den Luftkarten zeigt uns der Co-Pilot die genannte Flugroute und grinste „A minute before we landing, they don’t know we’re coming.“

Wir standen schon fast 5 Stunden in Termez und die Zeit lief gegen uns. Ich rief Samira an und sie bestätigte, das in einer Stunde alle am Flugplatz seien. Dieses Gespräch hörte unter anderem auch der Staatsminister in Europa und er gab grünes Licht.

Der Kapitän sagte über die Lautsprecher, wie er anfliegen werden und das dies etwas unangenehm für den Magen werden könnte. Er würde dies nun beim Start schon mal vorführen.

45 Minuten bis zur Freiheit

Der A330 rollte an und mit einem unglaublichen Schub jagte die Maschine über die Startbahn. Es dauerte wirklich nur Sekunden und ich hatte das Gefühl als ob ich senkrecht in den Himmel geschossen werde. Wenige Augenblick später dachte ich, ich falle – trotz Sicherheitsgurt, nach rechts aus meinem Sitz. Jegliche Achterbahn ist ein Ponyhof gegen einen solchen Start.

„We’ll be landing in 45 minutes. Down, in, out. The pilots leave the engines on. Everything has to happen very quickly.“ Eine klare Ansage vom Kommandant der Spezialeinheit.
Die Männer zogen ihre Schutzwesten und Helme an. Die Waffen wurden klar gemacht und die Body-Cam’s gecheckt.
Die Koffer der Waffen und alles was nicht mehr gebraucht wurde, kam im Heck vom Flugzeug in einen Raum, wo die Kojen für die Crew sind. Jeder Sitzplatz wird bei diesem Flug gebrauch. Eigentlich sollte man meinen, dass ein so großes Flug eine ganze Ortschaft aufnehmen könnte, und jetzt zählte jeder Platz.

Die Gruppen für den Außeneinsatz setzte sich im Flugzeug in den Bereich der Türen. Ich setzte mich in die zweite Reihe an meiner Tür. Marcel setzte sich neben mich.
Wenn man 1.Klasse gewöhnt ist, kommt einem die Economy Claas wie ein Hühnerkäfig vor.

Es waren noch 28 Minuten bis zur Landung. Mir schlug das Herz bis zum Hals. Marcel hatte sein Gewehr auf dem Schoß liegen. Mir gingen Bilder von der Erstürmung der Landshut durch den Kopf und sah die Panzer auf dem Rollfeld stehen. Ich sprach meine Gedanken laut aus. „Nila, niemand weiß das wir kommen. Es gibt keinen Flugverkehr. Warum sollen die Panzer auf das Rollfeld stellen?“ Wo er recht hatte, hatte er recht.

17 Minute bis zur Landung.

Über die Lautsprecher wurde nochmals gesagt, wie wir meine Mädchen und Mitarbeiterinnen ins Flugzeug schaffen müssen. Ich zählte die Reihen, die für mich zuständig waren. Von Reihe 25 bis 32.
Wie kann ich dies Kenntlich machen? Wenn 300 Menschen in Panik in ein Flugzeug stürmen, wird der sowieso schon enge Raum noch kleiner.
In dieser Sekunde kam mir die Idee: die Gepäckklappen über den Sitzen.
Ich schnallte mich ab, zwängte mich an Marcel vorbei und öffnete die Klappen hinter unserer Sitzreihe. Dann lief ich den Gang richtig Cockpit. Bei Reihe 25 öffnete ich links und recht die Klappen. Das gleiche auf dem anderen Gang der Mittleren Sitzgruppe. Ich lief den Gang hoch zu Mikkel und tat bei Reihe  32 das gleiche. „Was machst du?“ Fragte Mikkel. Ich erkläre ihm mein Vorhaben. „Sehr gut. So könnten wir vielleicht ohne größeres Chaos das Flugzeug laden.“

Noch 12 Minuten bis zur Landung.

Ich setze mich neben Marcel und er gab mit einen Kuss „Klasse Idee.“
„10 minutes until landing“, kam es über die Lautsprecher.
„Stellen Sie den Sitz in eine aufrechte position, klappen Sie den Tisch nach unten, wir wünschen Ihnen….“ auf diese Ansage einer Stewardess wartete man bei diesem Flug vergebens. Jeder wusste was er zu tun hatte. Mein Puls war extrem hoch und ich hatte Angst. Im Flugzeug waren Männer die wussten was sie taten. Dies gab mir dann doch etwas Sicherheit.

Anflug auf Gardez

„5 minutes until landing.“

Bei einem normalen Linienflug sieht man schon lange die Landschaft durch die Fenster – hier war immer noch der Himmel zu sehen. Wir waren so kurz vorm Ziel immer noch über den Wolken.
„3 minutes to landing. Now it gets uncomfortable.“
Das Flugzeug legte sich wie beim Start in eine Steilkurve nach links und gleichzeitig nach unten. Ich dachte, mir schlägt jemand die Faust in den Magen.
Es ging in einer gefühlten Schallgeschwindigkeit durch die Wolken.
Jetzt erst sah ich den Hindukusch. „Die Freiheit wird am Hindukusch verteidig…“ sagte einst ein deutscher Politiker. Welche Freiheit?

Der Boden kam unglaublich schnell näher und die Bremsklappen zeigten ihre Wirkung. Durch mein Fenster sah ich meine Heimatstadt näher kommen und mit einem Ruck setzte das Flugzeug auf und sofort bremsten die Reifen diese gewaltige Masse ab.
Nun waren wir im Taliban-Land gelandet und die Zielscheibe meiner Feinde.

Aus meinem Fenster sah ich Häuser und Bauten weit vom Flugfeld entfernt. Ich versuchte jeden Zentimeter zu erfassen. Von wo kommen die Taliban? Schießen sie schon? Wo ist Samira und die Kinder?
Das Flugzeug rollte und rollte immer weiter vom Flughafengebäude weg.
Ich presse mein Gesicht gegen das Fenster um nach vorne zu schauen. Von rechts müssen die Kinder bald kommen. Wie weit ist diese verdammte Rollbahn?
Das Flugzeug bremsten sehr stark ab.
Im Augenwinkel sah ich Menschen laufen.
„Stop!“ Brüllte ich durch das Flugzeug. „Stop!“
Das Flugzeug stand noch nicht, da wurden schon die Türen aufgemacht. Noch im rollen betätigte ein Soldat den Schalter um die Treppe auszufahren.

Das Flugzeug stand

Ab jetzt ging alles in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit. Die Spezialeinheit stürmte mit Marcel aus dem Flugzeug. Ich sah wie die Scharfschützen unter dem Flugzeug auf die anderen Seite liefen.
Die anderen Soldaten liefen den Kinder entgegen. Im laufen zeigen die Soldaten auf die drei Notleitern. Hand in Hand rannten zwei Kinder oder Erwachsene auf das Flugzeug zu. Diese Maßnahme haben wir schon 1000 mal durchgeführt. Seit Jahren machen wir so einen Teil von Bewegungsport. Jetzt wissen die älteren Frauen und Kinder – die schon länger bei uns sind, warum wir dies immer und immer wieder trainiert haben.
Wenn Menschen in Panik sind, und dann stürzen, kann es sein, dass die Person die auf dem Boden liegt, es gar nicht mehr auf die Füße schafft oder sogar tot getreten wird.

Ich hörte Schüsse. Wusste nicht wo und von wem. Die ersten Mädchen hatten die Leiter erreicht. „Hoch, hoch, hoch!“ Brülte ich. Die Frauen und Mädchen kannten eine solche Leiter gar nicht. Ängstlich bewegte sich Marwa die Stufen hoch. „Komm hoch! Schau nicht nach unten! Sieh mich an! Kommt hoch! Schneller!“ Ich zog Marwa ins Flugzeug und sagte, wo sie sich hinzusetzen sollte.
Nach und nach kamen die Mädchen und Frauen die Leiter hoch. „Rein, rein, rein“, schrie ich gegen den Lärm der Turbinen an.
Ich hörte wieder das geschossen wurde. Ich zog zwei weite Mädchen ins Flugzeug, die bei der Höhe der Leiter Angst bekam. „Kommt rein! Ihr braucht keine Angst. Sofort nach links auf die andere Seite. Los, los, los.“

Ich hörte meinen Namen rufen und sah Ava mit einem Kind auf dem Arm. Sie hatte zwei große Taschen links und rechts an sich hängen, und noch das Kind auf dem Arm! Ich lief die steile Treppe herunter und packte das Kind.
Janina hatten einen großen Rucksack auf dem Rücken und ein Kind an der Hand. Der Rucksack schien sehr schwer zu sein, denn sie kam kaum die Treppe hoch. „Lass das Kind los! Lass das Kind los!“ Brüllte ich.
Ich packte das Kind am rechten Arm und zog es die Treppe hoch. „Janina, schmeiß den Rucksack in die Bordküche und schaff Ordnung im Flugzeug! Alle Sitze von außen nach innen besetzen.“

Ich sah auf den letzten 300 Meter zum Flugzeug niemand mehr laufen, also scheinen alle am oder im Flugzeug zu sein. Ich hörte im Flugzeug wie Ava und Zoja die Kinder zählten. „Rein, rein, rein!“ schrie ich nach draußen. An meiner Treppe waren noch etwa 20 Mädchen und Frauen, als die Turbinen hochliefen. Hinter den Mädchen und Frauen sicherten die Soldaten ab. Es fielen wieder Schüsse.
5 Mädchen standen noch an der Treppe. Marcel kam gelaufen und schoss links am Flugzeug vorbei. Hinter uns hörte ich Schüsse.
Bei Mikkel waren noch 5 Frauen an der Treppe. Ich schrie: „hier her. Komm zu mir!“
Wieder fielen Schüsse. Mina stand wie angewurzelt auf der vierten Stufe. „Komm hoch! Komm hoch!“ Schrie ich. Ein Soldaten hinter ihr drückte sie die Leiter hoch. Ich griff nach der Hand von Mina und zerrte sie ins Flugzeug. Marcel kam mit einem Soldaten als letztes die steile Leiter hoch und packte im gleichen Augenblick die schwere Tür und zog sie zu sich. Die Leiter bewegt sich hoch, als das Flugzeug rollte.
Ich hörte im Flugzeug das Kommando „Go, go, go.“

Das Flugzeug fuhr die wenigen Meter auf der Querverdindung und beschleunigte in Richtung Flughafengebäude.
„Ready for take off“ , kam es durch die Lautsprecher. Die Soldaten und meine Mitarbeiterinnen schnallten noch Kinder und Frauen an. Ich war in der Mitte der Sitzreihen fertig. Noch drei Reihen am Fenster musste ich machen. Das Flugzeug wurde immer schneller.
„Attention, attention. We take off, we take off“, war die Durchsage über die Lautsprecher.

Marcel zog mich am Arm zu sich und  schubste mich in eine Sitzreihe links von mir. „Auf den Boden! Halte dich fest.“
In diesem Moment war das Flugzeug in der Luft. Der Geräuchspegel im Flugzeug war sehr laut. Die Kinder und Erwachsene hatte Angst. Mit vollem Schub ging es fast senkrecht in den Himmel. Der Druck im Kopf und Ohren war gewaltig.
„Nila, Nila!“ Schrieen die drei Mädchen in deren Sitzreihe ich auf dem Boden lag. „Alles ist gut. Habt keine Angst.“
Es ging immer weiter nach oben. Ich lag mit dem Bauch auf dem Boden und packte mit beiden Händen die Sitzhalterung der vorderen Reihe.
Das Flugzeug schoss immer weiter in den Himmel und mir schnitt das Aluminium von der Sitzhalterung in die Hand. Links drücken mir die Beine von zwei Mädchen in die Rippen.

Nach ein paar Minuten hörte ich „Save. We are over the airspace of Pakistan“ über die Lautsprecher. Ich fing an zu weinen. Wir haben es tatsächlich geschafft. Wir sind in Sicherheit. „Nila, come into the cockpit, please“ , sagte der Flugkapitän.
Ich quetschte mich vom Boden auf den Knien aus der Sitzreihe.
Auf dem Weg nach vorne sah ich verängstigte Kinder und Frauen. Mein Team und die Soldaten an Bord kümmerten sich um sie. Samira kam auf mich zu und weinte „Wir haben es geschafft.“ Ich umarmte meine Freundin „Ja.Wir haben es geschafft. Danke für alles.“

Im Cockpit wurde mir ein Telefonhörer gereicht. Am Telefon war der Staatsminister und langjähriger Freund von mir. Ich sagte ihm, „alles ist gut. Wir sind auf dem Heimweg. Drei Kleinkinder die nicht auf den Listen stehen, sind noch an Bord. Ich kann dir erst mehr sagen, wenn ich einen Überblick in dem Chaos habe.“

Ordnung schaffen im Chaos

Um nun Ruhe in das Flugzeug zubekommen, bat ich nach dem Mikrofon für die Lautsprecher. Steen zeigte mir den Hörer, den die Stewardessen immer benutzten um zu erklären, wo die Schwimmwesten sind und was man alles beachten muss.

Ich erkläre den Mädchen und Frauen, wo dieser Flug hingehen wird und wir non Stop fliegen werden. Wo die Toiletten im Flugzeug sind und wie man diese benutzt. Wir haben schließlich einen langen Flug vor uns. Wer Schmerzen oder Übelkeit hat, sollte sich bitte melden.

Elite-Soldaten als „Saftschubse“

Nach zwei Stunden hatten wir das Chaos und die Angst der Mädchen und Frauen im Griff und sie mit Getränken versorgt. Da wir vor dem Start eine kurze Einweisung in das bedienen der Bordküchen bekamen, konnten wir auch das Essen warm machen. Wie die Flugbegleiter_innen dies gleichzeitig für alle Passagiere hinbekommen, ist mir ein Rätsel. Wir machten es so gut es ging. Mein Team und einige Soldaten verteilen das Essen.

In der 1.Klasse saß ich direkt hinter dem Cockpit mit Ava, Janina, Samira und Zoja auf dem Boden. Vor uns die Männer vom Militärischen Geheimdienst, Marcel und der Kommandant der Spezialeinheit.
Wir besprachen jetzt den Einsatz. Steen wollte uns „Mädels“ die Filmaufnahmen nicht zeigen. Janina sagte ihm die passende Antwort: „Die „Mädels“ haben schon schlimmeres gesehen.“
Was wir sahen, werde ich nicht schreiben, denn dies sind Aufnahmen vom Geheimdienst. Die Auswertungen werden nun wahrscheinlich noch einige Tage dauern.

Janina öffnete ihren Rucksack, zog drei Festplatten heraus und sagte trocken: „diese Auswertungen werden Jahre brauchen.“ Ich sah Janina fragend an. „Nila, du glaubst doch nicht, dass wir all unsere Daten zurücklassen. Wir haben sämtliche Festplatten ausgebaut und alles andere verbrannt oder zerstört.“ Ihr kamen die Tränen. „Alles wofür wir gelebt haben, existiert nicht mehr.“

Das Fazit der Freiheit

Es mag sein, dass ich als Heldin gefeiert werde – dies bin ich nicht!
Ich habe durch jahrelange Freundschaften und Zusammenarbeit ein unglaublich starkes Team an meiner Seite. Auch habe ich vor vielen Jahren durch Zufälle die vielleicht richtigen Menschen getroffen, um aus einer alten Schule und einem heruntergekommen Haus, einen Grundstein für mein Leben zu legen.

Vieles habe ich mit wunderbaren Menschen in den letzten Jahren geschafft und aufgebaut. Immerhin hatten wir ein Netzwerk von 46 Frauenhäuser in Afghanistan und Pakistan.

Vor 31 Jahren wurde ein 10-jähriges Mädchen gezwungen seine Heimat und Eltern zu verlassen. Eine Flucht in Angst, Gewalt, Entbehrungen und Tod zu erleben, wünscht man niemand.

14 Jahre lebte dieses verängstigtes Kind in einem fremden Land bei einer fremden Tante und Onkel. Mir wurde von beiden sehr viel mit auf den Weg gegeben, wofür ich meinen heutigen Eltern für immer dankbar sein werde.

In den letzten 16 Jahren verlief mein Leben nicht gerade lustig. 2005 kam mein Vater bei einem Autobombenanschlag ums Leben. Ich flog damals von Deutschland zurück ins Chaos aus Krieg und Terror.

Eineinhalb Jahre nach dem Tod von meinem Vater, fand ich eines morgens meine Mutter tot in ihrem Bett – sie hatte sich das Leben genommen. Ihr Trauma von diesem Heimtückischen Anschlag hatte sie nicht verkraften.
Die Taliban nahm mir das zweimal meine Eltern.

Die Taliban wollten mich schon 2017 töten. Feige aus dem Hinterhalt hatten sie auf mein Auto geschossen. Die Quittung waren 4 erschossen Kämpfer der selbst ernannten Gotteskrieger.

Meine Tochter schaffte ich wegen diesen Terroristen 5000 Kilometer weit in Sicherheit  – ich kam zurück und stellte mich dem Terror entgegen.

Nun habt ihr Gotteskäpfer wieder ein ganzen Land als Geisel und eure Worte sind nur Lügen.

Ihr zeigt dieser Welt euren menschenverachtenden „Glauben“ und seid nur mir euren Waffen stark.
Auch diesmal habe ich aus privater Rache gegen euch, meine Stärke gezeigt!

Das kleine Flüchtlingskind von einst, kam mit Kampfsoldaten und einem Flugzeug mitten in euer Reich um wenigstens ein paar Zeitzeugen eurer Grausamkeit zu retten.

Durch euch habe ich meine Heimat, meine Kindheit und Eltern verloren.
Durch mich haben wieder einmal ein paar von euch das Leben verloren.

Quid pro quo

Nila Khalil, im Jahr als die Freiheit am Hindukusch verloren ging

Die Zukunft von Afghanistan wird schwarz

Afghanistan ist seit 70 Jahren der Spielball der Nationen und keiner weiß es.

Um die Lage von Afghanistan zu begreifen, muss man die Machenschaften der UdSSR, CIA, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emirate kennen; und zum anderen in der Geschichte weiter zurückgehen.

Autoren Naike Juchem und Nila Khalil

Ende der 70er Jahren kam Afghanistan hin und wieder in den Medien vor, als die UdSSR in Afghanistan intervenierte. Die UdSSR war eine Weltmacht und sah eine Bedeutung durch die USA mit ihrer Kriegsmarine und Atombomben.

Das Territorium der UdSSR umfasste nach dem zweiten Weltkrieg eine Fläche von 22,4 Millionen Quadratkilometern. Dies war fast ein Sechstel des Festlandes der Erde. Von der West-Ost-Richtung erstreckte sich die UdSSR vom Schwarzen Meer, der Ostsee bis hin zum nördlichen Pazifischen Ozean.

Die UdSSR hat trotz dieser gewaltigen Größe keinen geografischen Zugang zum südlichen Pazifik, bzw. Indischen Ozean. Um auch dort mit der seiner Marie präsent sein zu können, wollte man einen Korridor von Usbekistan, was zur Russischen Föderation gehörte, durch Afghanistan und Pakistan. Da Pakistan an der Küste des Arabischen Meeres, eines Nebenmeeres des Indischen Ozeans liegt, wäre der militärische Zugang in den südlichen Pazifik gesichert gewesen.

Dieses Vorhaben scheiterte am Widerstand der Mujahideen, die umfassend mit finanzieller, materieller und personeller Unterstützung aus den arabischen Staaten profitiert habe. Hier sei die CAI, Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Pakistan erwähnt.

Der Begriff Mujahideen verwenden Muslime um diejenigen zu beschreiben, die sich als Krieger im Namen Allahs für den Islam zu kämpfen sehen. Das Wort ist von der gleichen arabischen Wurzel wie der Dschihad – der heilige Krieg.

Ein Sinnloser Krieg gegen einen unsichtbaren Feind

Im Februar 89 beendeten die UdSSR einen Sinnlosen Krieg und zogen sich aus Afghanistan zurück. Was übrig blieb war ein Chaos aus innenpolitischer Zerstrittenheit und ein Land das wirtschaftlich am Boden lag.

Durch den Rückzug der UdSSR sahen sich die Mujahideen als „Arbeitslos“ und durch die Zerstrittenheit der vielen Ethnien im Land, sahen diese nun endlich die Möglichkeit einen Gottesstaat nach ihrem Willen aufzubauen. Auch hier waren Religionsgelehrte aus dem arabischen Raum im Hintergrund.

Kaum ein anderes Land der Welt befindet sich seit so langer Zeit in einem permanentem Kriegszustand. Im Zuge dieses Kriegs wurde das gesamte Land in Schutt und Asche gebombt; 1,5 Mio. Menschen verloren ihr Leben. Weitere Kriegsfolgen sind die Erblast von über 10 Mio. Anti-Personen Minen ( in keinem anderen Land der Welt liegen mehr Minen), eine Analphabetenrate von über 90 % und die Flucht von zeitweise bis zu 6,5 Mio. der 14 Mio. Einwohner Afghanistans nach Pakistan und Iran.

Auf den ersten Blick gleicht der Afghanistankrieg einem undurchsichtigen Chaos, in dem andauernd neue Fraktionen auftreten, die sich in ständig wechselnden Koalitionen bekämpfen. Jedoch lassen sich auf den zweiten Blick zwei Konfliktebenen unterscheiden: Zum einen gibt es die internationale Konfliktebene, da der Afghanistankrieg stark von den sicherheitspolitischen, wirtschaftspolitischen und ideologischen Interessen ausländischer Mächte, insbesondere seiner Anrainerstaaten, bestimmt wird. Zum anderen gibt es die innerafghanische Konfliktebene, auf der zunehmend Ethnizität an Bedeutung gewinnt. Beide Konfliktebenen sind miteinander verzahnt und haben in den Kriegsparteien ihre Überschneidungspunkte. Daher wird die Zukunft von Afghanistan nur jene gestalten können, die langfristig die Fraktionen militärisch und politisch behaupten. Da es an ausländischer Unterstützung für die Taliban nicht mangelt, ist ein erneuter Krieg unumgänglich.

Um Afghanistan zu begreifen, muss man in der Geschichte zurückgehen

Ein Reich mit der Bezeichnung Afghanistan existiert seit 1747. Afghanistan in seinen heutigen Grenzen entstand jedoch erst Ende des 19. Jahrhunderts als Pufferstaat zwischen den Interessengebieten der Kolonialmächte Britisch-Indien und Russland. In dieser Staatsgründung war das wesentliche Konfliktpotential Afghanistans schon von Anfang an angelegt.

Bei Afghanistan handelt es sich um einen Vielvölkerstaat, in dem über 50 ethnische Gruppen leben. Die größte Ethnie sind die segmentär organisierten Paschtunen, die in verschiedene Stammesverbände zerfallen; die Konföderationen der Durrani und Ghilzai bilden die umfassendsten paschtunischen Stammeseinheiten. Weitere wichtige ethnische Gruppen sind die Usbeken in Nordafghanistan und die Hazara im zentralen Hochland. Unter der Sammelbezeichnung Tadschiken wird die persischsprachige, sunnitische Bevölkerung Afghanistans zusammengefasst.

Die ethnische Vielfalt in Afghanistan drückte sich seit Jahrzehnten in der gesellschaftlichen Schichtung aus. Die Paschtunen erschienen nach außen hin als die staatstragende Ethnie. Sie stellten von 1747 bis 1973 mit dem Königshaus, das dem durranischen Stammesverband angehört, die Spitze des Landes. Auch die traditionelle Elite bestand in ihrer Mehrheit aus paschtunischen Adligen. Die Tadschiken bildeten das Gros der Mittelschicht, weshalb sie die Wirtschaft und staatliche Verwaltung dominierten. Die Usbeken hatten auf den afghanischen Machtapparat nur wenig Einfluss und waren weitgehend auf ihren Siedlungsraum beschränkt. Die Hazara bildeten aufgrund ihres turko-mongoliden Aussehens und ihrer schiitischen Konfession eine marginalisierte Ethnie, die weitgehend von der Partizipation an den gesellschaftlichen Ressourcen ausgeschlossen bleibt.

Die CIA tragen eine Mitschuld an dem Chaos in Afghanistan *

Der auf Drogen aufgebauten Irrsinn zeichnete sich ab, als der weltweite Drogenhandel sich auf dem Tiefpunkt seiner jüngeren 200-jährigenGeschichte befand: mitten im Zweiten Weltkrieg. In den USA war der Reinheitsgehalt illegalen Heroins von 28 Prozent 1938 auf nur drei Prozent drei Jahre später gefallen – ein Rekordtief. Zugleich hatte die Anzahl der Süchtigen rapide abgenommen: Nur noch etwa 20.000 waren es1944/45, ein Zehntel derjenigen, die noch 1924 gezählt worden waren.

Ende der 40er Jahre sah es ganz danach aus, als würde die Heroinsucht in den USA ein unbedeutendes Problem werden. Innerhalb eines Jahrzehnts jedoch blühten die Drogensyndikate wieder, die asiatischen Mohnfelder dehnten sich aus, in Marseille und Hongkong schossen Heroinraffinerien aus dem Boden. Der Grund für diese Erholung des Heroinhandels ist in einer Abfolge von CIA-Bündnissen mit Drogenhändlern zu finden.

Die CAI unterhielt sehr enge Kontakte zu korsischen Drogensyndikate in Marseille, nationalchinesischen Truppen in Birma und korrupten thailändischen Polizisten.

  • lesen Sie hierzu den externen Bericht: Die CIA und ihr Opium

Eine unlösbare Zwickmühle

Die weltweit zunehmende islamistische Gewalt, der Staatszerfall in Asien und Afrika und der daraus resultierende Flüchtlingsstrom nach Europa zwingen die internationale Gemeinschaft, sich verstärkt mit der Befriedung von Krisenregionen und mit gesellschaftlichem Wiederaufbau zu beschäftigen. Wie man aber Lösungen für die Konflikte und Kriege erarbeiten will, sind äußerst schwierig, da zu viele Interessen an politischen, wirtschaftlichen und nicht zuletzt religiösen Gründen auf keine Einheit hinauslaufen werden – und dies auf dem Rücken der Zivilgesellschaft ausgetragen werden.

Nach fast 20 Jahre des internationalen ISAF Einsatz in Afghanistan herrscht in der Öffentlichkeit die Ansicht vor, der ISAF Einsatz sei generell fehlgeschlagen. Zwar waren fast alle militärischen Operationen zur Bekämpfung der Taliban von Erfolg gekrönt, und dennoch gelang es trotz gewaltiger finanzieller und personaler Anstrengungen nicht, eine stabile politische und funktionierende Verwaltung, sowie eine effektive Justiz zu etablieren.

Ebenso ist ein Großteil der afghanischen Bevölkerung der Meinung, die Lasten des Krieges seien ungerecht verteilt worden und sie hätte vom bisherigen Wiederaufbau nicht ausreichend profitiert. Bei Frauenrechten, Bildung, Gesundheit und Medien kann die internationale Allianz erfolgreiche Erfolge vorweisen, aber leider stehen diese Errungenschaften auf sehr wackeligen Beinen, da ihnen die ökonomische und gesellschaftliche Unterstützung fehlt.

Die internationalen Beziehungen zwischen Deutschland und Afghanistan gibt es schon seit 1919. Während der kritischen Sicherheitslage von Mitte der 1980er-Jahre bis 2001, hatte Deutschland kein Botschaft in Afghanistan unterhalten. Erst nach der Afghanistan-Konferenz von 2001 wurde wieder ein deutsches Verbindungsbüro in Kabul eingerichtet, das im Folgejahr wieder zur Botschaft aufgewertet wurde. Die deutsche Botschaft war die erste diplomatische Vertretung eines Staates in Afghanistan nach Ende des Taliban-Regimes.

Afghanistan liegt laut der Weltbank beim Investitionsklima auf Platz 162 von 175 untersuchten Ländern. 60 Unternehmen aus Deutschland waren schon kurz nach dem Sturz des Taliban-Regimes in Afghanistan vertreten.

Während die großen deutschen Konzerne zumeist mit Subunternehmen in Afghanistan tätig sind, unterhalten vor allem kleine und spezialisierte deutsche Firmen Vertretungen in dem Land. Siemens baut zum Beispiel das Telefonnetz aus und ist an der Modernisierung von zwei Wasserkraftwerken beteiligt. Der Essener Baukonzern Hochtief repariert und baut Straßen.

Die in Hamburg lebende Familie Rahimi, hat das 1968 in Kabul gegründete Hoechst-Werk vor einigen Jahren gekauft und stellt dort Hustensaft, Schmerzmittel und Antibiotika her. Die Afghanistan Investment Support Agency, wirbt damit, dass ihr Land als einen der weltweit am schnellsten wachsenden Märkte anpreist und seit 2003 bereits 2,4 Mrd. Dollar investiert wurden. Der Internationale Währungsfonds rechnete im Jahr 2007 mit einem Wirtschaftswachstum in Afghanistan von zwölf Prozent.

Die Meinung der meisten in Afghanistan engagierten Staaten lässt sich mit wenigen Worten beschreiben: Sicherheit ist Voraussetzung für politische Stabilität und politische Stabilität für wirtschaftlichen Aufbau. Heute ist klar, dass diese Strategie nicht funktioniert hat.

Alle Bemühungen der Alliierten für Sicherheit und Ordnung in Afghanistan aufzubauen, sind am Tag mit den „Friedensgesprächen“ in Doha, zwischen den USA und der Taliban gescheitert. Die USA lies mit ihrer Unterzeichnung das Volk von Afghanistan ins offene Messer laufen. Dieses perfide Abkommen mit Terroristen und das Versprechen, die USA werde ihre Truppen abziehen, war der ungehinderte Zugang der Taliban, um wieder die Herrschaft über Afghanistan zu gewinnen.

Nichts wurde in all den Jahren an Frieden und Sicherheit gewonnen.

Die Lage in Afghanistan hat sich seit Mai 2020 dramatisch verschlechtert und mit jedem weiteren Tag rücken die Taliban in immer mehr Städte und Provinzen vor.

Es ist abzusehen, dass ohne Alliierte Hilfe Afghanistan erneut ins Mittelalter katapultiert wird. Da im letzten Jahr China schon Truppen in die Nähe von Afghanistan verlegt hat, ist nun die Frage, wer wird als erstes das aufkommenden Taliban-Regime bekämpfen.

Die unglaublich Menge an Ressourcen werden einen nächsten Krieg nicht verhindern

Der run auf Ressourcen hatte nach dem Sturz des Taliban-Regimes schon einige Länder auf den Plan gerufen.

Die Türkei mischt seit 2001 in dem NATO geführten ISAF Einsatz kräftig mit und arbeitete in Afghanistan mit den selben Instrumenten wie die anderen Staaten: Streitkräfte, Institutionen

der Entwicklungszusammenarbeit und Hilfsorganisation. Die Türkei hat aber zwei weitere Punkte im Blick: die Außenwirtschaftspolitik und Investitionen durch private Firmen.

Bereits 2001 hatte die Türkei ihr ökonomisches Interessen klar definiert: der Energie- und im Transportsektor.

Die nachgewiesenen Öl- und Gasbestände in Afghanistan sind mittel- und langfristig für die türkische Wirtschaft genauso interessant wie auch chinesische Pläne, neue überregionale Transportwege (Projekt Seidenstraße) zu bauen, die durch Afghanistan bis nach Anatolien führen soll.

Die Ressourcen sind Fluch und Segen für Afghanistan. So haben US-amerikanische Geologen vor 10 Jahren riesige Vorräte an Lithium, Kupfer, Eisen und Gold entdeckt, die bis zu 1000 Milliarden Dollar wert sein sollen. Die Vorräte an Kupfer, Lithium, Eisen, Gold und Kobalt reichten aus, das Land zu einem weltweit führenden Rohstoffexporteur zu machen. Afghanistan hat somit das Potenzial, zum „Saudi-Arabien des Lithiums“ zu werden. Lithium wird für wiederaufladbare Batterien gebraucht – für Handys, Laptops oder Elektroautos.

Die US-Geologen beschreiben zudem große Vorkommen von „seltenen Erden“, die für nahezu alle Hightech-Produkte gebraucht werden und die zu 97 Prozent in China abgebaut werden. Westliche Exportunternehmen sind auf solche Rohstoffe angewiesen. Käme der Abbau von Bauxit in der Nähe von Baghlan in Gang, könnte gleichzeitig der seltene Rohstoff Gallium gewonnen werden, der etwa für Dünnschicht-Solarzellen gebraucht wird.

Der Sensationsfund könnte das Rückgrat der Wirtschaft werden. Der Nachteil wird die weitere Destabilisierung der Region werden. Durch eben jene Vorkommnisse könnte Afghanistan zum geopolitischen und geoökonomischen Brennpunkt der Welt werden.

Die Geschichte zeigt, dass solche Ressourcen für die betroffenen Länder eher Fluch als Segen sind. Gleiches ist heute schon im Kongo zu sehen.

Entdeckt wurden viele der Rohstoffreserven mithilfe von Karten- und Datenmaterial sowjetischer Bergbauexperten, die noch aus der Zeit der sowjetischen Besatzung in den 80er Jahren stammen. Nach dem Rückzug der sowjetischen Truppen und dem darauffolgenden Chaos nahmen afghanische Geologen die Karten an sich und brachten sie nach dem Sturz der Taliban 2001 in offizielle Dokumentensammlungen zurück. Dort fanden die US-Geologen die Aufzeichnungen 2004 und stellten auf ihrer Basis eigene Forschungen an. 2007 bereits veröffentlichten sie Berichte über die zur Rede stehenden Riesenvorkommen, allerdings ohne auf größeres Interesse der Regierung zu stoßen. Erst 2009 wurde eine Pentagon-Abteilung zur Wirtschaftsförderung auf die Erkenntnisse aufmerksam und ließ die Unterlagen nochmals prüfen.

Nun bleibt abzuwarten, wie politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich dieses enorme Kapital einsetzen lässt um eine weitere Eskalation des Terrors zu verhindern.

2012 investierte TPAO, die staatliche Ölfirma der Türkei, 100 Millionen US-Dollar und startete Bohrungen auf bereits explorierten Öl- und Gasfeldern im Norden Afghanistans. Die eigenen Interessen offen zu verfolgen hat der Türkei bislang nicht geschadet. Im Gegenteil, die afghanische Seite sieht sich eher auf gleicher Augenhöhe, wenn sie als Wirtschaftspartner und nicht als Hilfeempfänger angesprochen wird. Etlichen türkischen Bauunternehmen gelang es in relativ kurzer Zeit, auf dem afghanischen Markt Fuß zu fassen. Im Hoch- und Tiefbau hatten sie in den ersten Jahren des westlichen Engagements mehrere Nato-Aufträge übernommen. Dank der Erfahrungen, die sie dabei sammelten, konnten sie sich später größere öffentliche Bau- und Infrastrukturprojekte sichern. So wurden mehrere Abschnitte der afghanischen Ringroad, die die größeren Städte des Landes miteinander verbinden soll, von türkischen Unternehmen gebaut.

Auch in der Handelspolitik machte die Türkei lokale wirtschaftliche Engpässe für die eigene Wirtschaft zu nutzte. So sind türkische Geschäftsleute auf dem afghanischen Markt stark vertreten. Türkische Produkte sind begehrt. Oft sind sie der chinesischen, pakistanischen und iranischen Konkurrenz qualitativ überlegen und bezahlbar. Ein Vorzug türkischer Unternehmer ist zweifellos, dass sie risikobereiter sind als die meisten europäischen und US-amerikanischen Unternehmen.

Auch türkische Unternehmer und ihre Mitarbeiter wurden entführt oder gar getötet. Dennoch haben sie es größtenteils vermieden, sich hinter hohen Mauern und Stacheldraht zu verschanzen. So vermittelten sie den Einheimischen das Gefühl, sich nicht von ihnen abzuheben. Türkische Firmen werden vor Ort aber auch deshalb geschätzt, weil sie afghanische Arbeitskräfte einsetzen. Zwar ist der Verdienst bescheiden, doch einen Arbeitsplatz zu haben ist in Afghanistan mit seiner extrem hohen Arbeitslosigkeit bereits ein Privileg.

Die Türkei zieht die Fäden im Hintergrund

Die Türkei befürwortet eine regionale Lösung des Konflikts und initiierte deshalb den sogenannten Istanbul-Prozess. Die Türkei bindet darin nicht nur alle Nachbarn Afghanistans ein, sondern kooperiert auch mit USA, Russland, China sowie auch mit Großbritannien und Deutschland.

Türkische Generäle hatten mehrfach die Leitung verschiedener Teile der ISAF-Truppen. Zweimal kommandierten türkische Offiziere den gesamten ISAF-Einsatz. Dreimal übernahm die Türkei die Verantwortung für die Sicherheit in der Hauptstadt Kabul und in der Provinz Wardak. Heute schützen türkische Truppen den internationalen Flughafen in Kabul – auch dies aus wirtschaftlichen Gründen, für deren Export.

Auch ist die Türkei maßgeblich an der Ausbildung der Afghanischen Nationalarmee und der Nationalpolizei beteiligt und finanziert mehrere Militärschulen. So kommen Waffen aus Deutschland, Frankreich und Israel legal ins Land. Da die türkischen Geheimdienste mit internationalen Partnern zusammen arbeiten, ist es für andere Dienste sehr schwer – wenn nicht gar unmöglich, dieses Netzwerk zu durchschauen.

Ein falsches Spiel von „Brüder im Glauben“

Ungeachtet dieser engen Zusammenarbeit wird die türkische Beteiligung an militärischen Maßnahmen oft nur als symbolisch bezeichnet. Denn die Türkei hat es von Beginn an abgelehnt, sich an militärischen Aktionen gegen die Taliban, an der Terrorbekämpfung, aber auch an Operationen gegen die Produktion von Drogen und den Handel mit ihnen zu beteiligen; selbst bei der Minenräumung enthält sich die Türkei.

Die Türkei sieht sich nicht als Besatzungsmacht und signalisieren – mit Erfolg, der afghanischen Bevölkerung. Das dieser „brüderliche Glaube“ sehr zum Nachteil der Bevölkerung werden kann, wird seit Jahren nicht gesehen – und dies ist ein fataler Fehler in Anbetracht der immer stärker werdenden Taliban.

Nicht einmal wurde Militärcamps der Türkei seitens der Taliban angegriffen, womit sich bei der Bevölkerung ein positives Bild für die Türkei zeigt.

Doch solange die türkische Regierung immer noch im Glauben ist, sich in einem Konkurrenzkampf mit dem Westen zu befinden, wird Afghanistan von Menschen gleichen Glaubens still und heimlich unterwandert.

Die Taliban braucht keinen Drogenhandel – sie bekommen Steuern

Opium ist trotz allem für Afghanistan eine sehr lukrative Einnahmequelle und dies weiß eigentlich jeder. Die Taliban war in Afghanistan nie weg. In den letzten 10 Jahren haben sie immer wieder Provinzen und Städte eingenommen. So kamen sie auch immer an Waffen und Munition, die sie bei den Stürmungen auf Militär- oder Polizeikasernen erbeuteten.

Die Taliban haben in Afghanistan eigene staatsähnliche Strukturen aufgebaut, mit sogar eigenen Gerichten. Durch den illegalen Landraub, verfügt die Taliban quasi über ihr eigenes Land – so hat diese Terrorgruppe Steuereinnahmen. Auch durch die Besetzung und Kontrolle von Grenzübergänge, bekommen die Taliban Einnahmen durch Zollgebühren.

Der Geldstrom aus dem Ausland, wie dieser noch in den 90er Jahren war, ist nicht mehr in dem Maße, wie einst. Auch wenn Geheimdienste Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Pakistan im Visier haben, dementieren dies vehement.

Durch den alltäglichen Terror und seit Wochen das schnelle Vorrücken auf Städte und Provinzen, mangelt es den Taliban nicht an finanziellen Mitteln. Sie plündern und rauben was ihnen unter die Finger kommt.

Was kommt wird alle bisherigen Prognosen übersteigen

Der Krieg rückt näher, und somit auch die Angst vor einer erneuten Übernahme der Taliban. Die nächsten Wochen werden zeigen, wie sich die internationale Gemeinschaft in Afghanistan verhält. Je mehr Staaten ihre Botschaften schließen werden, desto mehr verliert die Bevölkerung den Glauben an die Regierung und das bisherige Staatssystem.

Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Taliban Kabul angreift und die jetzige Regierung stürzen wird. Die Apokalypse steht vor der nächsten Stufe und das was kommt, wird ein Massenmord.

Die Menschen wissen nicht mehr wohin sie noch fliehen sollen, und die hoch ausgebildeten Militärs werden sich wohl kaum der Taliban beugen. Wenn das jetzige Staatssystem zusammen bricht und die Soldaten und Polizisten keinen Sold und Lohn bekommen werden, steht einem Bürgerkrieg kaum noch was im Weg.

Die Taliban wird ihrerseits die zivil Bevölkerung als Schutzschilde nutzen, wie sie dies vor 20 Jahren schon einmal taten und in den von ihnen kontrollierten Provinzen schon seit Jahren tun.

Mit jedem Tag, an dem die Taliban Städte und Provinzen einnehmen, sinkt die Hoffnung auf ein Ende der Gewalt und Terror.

Naike Juchem und Nila Khalil, 14. August 2021

Quelle

– Alfred W. McCoy. Professor an der Universität Wisconsin für südostasiatische Geschichte. Die CIA und das Heroin. Weltpolitik durch Drogenhandel

– Bundeszentrale für politische Bildung

– Library.fes.de Conrad Schetter

– Naike Juchem & Nila Khalil: Die Zukunft von Afghanistan wird schwarz

– Naike Juchem, Textauszug aus Kapitel 11, Teil III: Zu Besuch bei der Deutschen Botschaft

– Stiftung Wissenschaft und Politik

ISAF Vertrag der NATO von September 2014

In der Erkenntnis, dass die Mission der ISAF bis Ende 2014 abgeschlossen sein wird

Autorin Naike Juchem

So steht es in einem Papier, dass zur Friedens erhaltende Maßnahmen aufgesetzt wurde. Wie engstirnig und offensichtlich auch unwissend jene Herren waren, zeigten die vergangenen 7 Jahren.
Alle Bemühungen für Frieden, Sicherheit und Stabilität waren umsonst – oder nie ernsthaft gewollt.

Man glaubte 2001 mit dem US geführten Einsatz mal eben „die Achse des Bösen“ zu bekämpfen. Es wurde ein Desaster auf ganzer Linie, bei dem über 5000 Soldaten_innen ihr Leben verloren.
Nach 20 Jahren Friedensbemühungen bleiben aus Trümmer nichts zurück.

Viele Menschen hatten versucht in Afghanistan demokratische Wahlen,  Infrastrukturen und eine Normalität zu geben. Der unsichtbare und feige Feind sitzt lieber im Dreck und schwört auf den Koran.
Eine Rückwärts gewandte Gruppe von Männer, die sich selbst als Schüler- und Krieger Gottes sehen, missachten jeglichen Respekt vor dem Leben.

Was bleibt, sind die Narben von Hunger, Armut, Terror, Leid und Tod.
The never ending war – geht in die Verlängerung ,und wie immer leidet das Volk am meisten.

In dem nachfolgenden NATO Vertrag sind nur zwei Artikel aufgeführt, in denen das vorprogrammierte Chaos Festgeschrieben steht.

ISAF Vertrag der NATO von September 2014
(Auszug)

Zustimmung zwischen der Organisation des Nordatlantikvertrags und der Islamischen Republik Afghanistan über den Status der NATO-Streitkräfte und NATO-Personal, das einvernehmlich von der NATO geführte Aktivitäten in Afghanistan durchführt

Die Organisation des Nordatlantikvertrags, im Folgenden NATO

vertreten durch Herrn Maurits R. Jochems
Oberster ziviler Vertreter der NATO in Afghanistan,

und

die Islamische Republik Afghanistan, im Folgenden Afghanistan

vertreten durch Herrn Mohammed Haneef Atmar
Nationaler Sicherheitsberater,

im Folgenden als „Parteien“ bezeichnet,

In Anbetracht dessen haben die Staats- und Regierungschefs der Islamischen Republik Afghanistan und die zur Internationalen Sicherheitshilfe (ISAF) beitragenden Staaten in der Erklärung des Chicagoer Gipfels 2012 zu Afghanistan ihr festes und gemeinsames Engagement für ein souveränes, sicheres und demokratisches Engagement erneuert Afghanistan;

Bestätigung des gemeinsamen Verständnisses der Vertragsparteien über die Bedrohung der internationalen Gemeinschaft durch den Terrorismus und ihres gemeinsamen Engagements, wirksame Maßnahmen zur Bekämpfung dieser Bedrohung zu ergreifen und sicherzustellen, dass Afghanistan nie wieder ein sicherer Hafen für Terroristen wird;

In der Erkenntnis, dass die Mission der ISAF bis Ende 2014 abgeschlossen sein wird;

Unter Hinweis auf das Engagement der NATO und anderer Mitglieder der internationalen Gemeinschaft, mit Afghanistan zusammenzuarbeiten, und auf das Abkommen der Vertragsparteien auf dem NATO-Gipfel in Lissabon zur Erneuerung und zum Aufbau einer robusten dauerhaften Partnerschaft, die ihre frühere Sicherheitskooperation ergänzt und darüber hinaus fortgesetzt wird;

Bekräftigung der Absicht der Vertragsparteien, dass diese dauerhafte Partnerschaft ein individuelles Programm von Kooperationsaktivitäten mit Sicherheitsministerien und anderen nationalen Institutionen sowie die Verbesserung der Fähigkeiten und Fertigkeiten der afghanischen Sicherheitskräfte, einschließlich ihrer Fähigkeit zur Bekämpfung der Bedrohungen durch den Terrorismus, umfasst Ausbildung und Unterstützung spezialisierter afghanischer Einheiten und angemessener Zugang zu NATO-Kursen, -Institutionen sowie militärischem und zivilem Fachwissen; und

Schließlich bekräftigen sie das Abkommen der Vertragsparteien über den Wert der NATO, die ab 2014 eine Mission außerhalb Afghanistans zur Bekämpfung, Ausbildung, Beratung und Unterstützung in Afghanistan führt;

Habe wie folgt zugestimmt:

Artikel 1: Definitionen
Abs. 1: „NATO“ bezeichnet die Organisation des Nordatlantikvertrags, ihre Nebenorgane, ihr militärisches Hauptquartier, alle ihre konstituierenden nationalen Elemente / Einheiten und die konstituierenden nationalen Elemente / Einheiten der operativen Partner.

Abs. 2: „NATO-Mitgliedstaaten“ sind derzeit Albanien, Belgien, Bulgarien, Kanada, Kroatien, die Tschechische Republik, Dänemark, Estland, Frankreich, Deutschland, Griechenland, Ungarn, Island, Italien, Lettland, Litauen, Luxemburg, die Niederlande, Norwegen, Polen, Portugal, Rumänien, Slowakei, Slowenien, Spanien, Türkei, Vereinigtes Königreich und Vereinigte Staaten.

Abs. 3: „Betriebspartner“ sind andere Staaten als die NATO-Mitgliedstaaten, die nach engen Konsultationen:
3,1: wurden von der afghanischen Regierung zur Teilnahme an von der NATO geführten Aktivitäten in Afghanistan zugestimmt und akzeptiert; und
3,2: wurden vom Nordatlantikrat zur Teilnahme an von der NATO geführten Aktivitäten in Afghanistan zugestimmt und akzeptiert.

Abs. 4: „NATO-Streitkräfte“ sind die Mitglieder der Streitkräfte, die Mitglieder der zivilen Komponente, das NATO-Personal sowie sämtliches Eigentum, die Ausrüstung und das Material der NATO, der NATO-Mitgliedstaaten und der auf dem Gebiet Afghanistans anwesenden Einsatzpartner.

Abs. 5: „Angehöriger der Streitkräfte“ bezeichnet jede Person, die zu den Land-, See- oder Luftverkehrsdiensten der NATO-Mitgliedstaaten und Betriebspartner gehört, die im Rahmen von Kommando- und Kontrollvereinbarungen der NATO tätig sind, um einvernehmlich von der NATO geführte Aktivitäten zu unterstützen oder damit verbunden zu sein.

Abs. 6: „Mitglied der zivilen Komponente“ bezeichnet jede Person, die von den NATO-Mitgliedstaaten oder operativen Partnern beschäftigt oder engagiert wird, die im Rahmen von NATO-Kommando- und Kontrollvereinbarungen zur Unterstützung oder im Zusammenhang mit einvernehmlich von der NATO geführten Aktivitäten tätig sind und kein Mitglied sind der Macht. „Mitglied der zivilen Komponente“ bedeutet jedoch nicht Personen mit ständigem Wohnsitz in Afghanistan oder afghanische Staatsangehörige, die normalerweise in Afghanistan wohnen.

Abs. 7: „NATO-Personal“ bezeichnet das militärische und zivile Personal, das der NATO zugewiesen oder angeschlossen ist oder von ihr beschäftigt wird.

Abs. 8: „NATO-Auftragnehmer“ sind Personen und juristische Personen, die im Rahmen eines Vertrags oder Unterauftrags mit oder zur Unterstützung der NATO, der NATO-Mitgliedstaaten oder der operativen Partner Waren und Dienstleistungen in Afghanistan an oder im Auftrag von NATO-Streitkräften liefern.

Abs. 9: „Mitarbeiter von NATO-Auftragnehmern“ bezeichnet die Mitarbeiter von NATO-Auftragnehmern.

Abs. 10: „Vereinbarte Einrichtungen und Gebiete“ bezeichnet die von Afghanistan an den in Anhang A aufgeführten Standorten bereitgestellten Einrichtungen und Gebiete auf dem Gebiet Afghanistans sowie andere Einrichtungen und Gebiete auf dem Gebiet Afghanistans, die Afghanistan künftig möglicherweise zur Verfügung stellt Die NATO, die NATO-Mitgliedstaaten und operationellen Partner, die NATO-Streitkräfte, die NATO-Auftragnehmer, die Mitarbeiter der NATO-Auftragnehmer und andere, wie einvernehmlich vereinbart, haben das Recht, gemäß diesem Abkommen Zugang zu und Nutzung zu erhalten.

Abs. 11: „Afghanische nationale Verteidigungs- und Sicherheitskräfte“ oder „ANDSF“ bezeichnet die Einheit, die sich aus Mitgliedern der Sicherheitskräfte des Innenministeriums und des afghanischen Verteidigungsministeriums sowie gegebenenfalls der Nationalen Sicherheitsdirektion und anderen Einheiten zusammensetzt einverstanden.

Abs. 12: „Steuern“ bezeichnet alle Steuern, Abgaben (einschließlich Zölle), Gebühren und ähnliche oder damit verbundene Abgaben jeglicher Art, die von der afghanischen Regierung erhoben werden und im Sinne dieses Abkommens von afghanischen Regierungsbehörden auf jeder Ebene bezeichnet werden. einschließlich der Provinz- und Distriktebene sowie von den Behörden dieser Regierungsbehörden.

Abs.13: „NATO-Streitkräfte“ sind die zuständigen Behörden der NATO, der NATO-Mitgliedstaaten oder der Einsatzpartner.

Artikel 11: Status des Personals

Abs. 1: Afghanistan behält zwar seine Souveränität bei, erkennt jedoch die besondere Bedeutung der Disziplinarkontrolle, einschließlich gerichtlicher und außergerichtlicher Maßnahmen, durch die Behörden der NATO-Streitkräfte gegenüber Mitgliedern der Streitkräfte und Mitgliedern der zivilen Komponente sowie des NATO-Personals an. Afghanistan erklärt sich daher damit einverstanden, dass der Staat, zu dem das Mitglied der Streitkräfte oder die Mitglieder der betreffenden zivilen Komponente gehören, oder der Staat, dessen Staatsangehöriger die Staatsangehörige ist, das ausschließliche Recht hat, die Zuständigkeit für diese Personen in Bezug auf auszuüben alle in Afghanistan begangenen Straftaten oder zivilrechtlichen Straftaten. Afghanistan ermächtigt diese Staaten, in solchen Fällen vor Gericht zu stehen oder gegebenenfalls andere Disziplinarmaßnahmen in Afghanistan zu ergreifen.

Abs. 2: Auf Ersuchen Afghanistans informiert die NATO Afghanistan über den Status von Strafverfahren in Bezug auf Straftaten, die angeblich von Mitgliedern der Streitkräfte oder Mitgliedern der zivilen Komponente oder von NATO-Mitarbeitern, an denen afghanische Staatsangehörige beteiligt sind, in Afghanistan begangen wurden, einschließlich der endgültigen Anordnung der Ermittlungen oder Anklage. Auf Ersuchen bemüht sich die NATO auch, die Teilnahme und Beobachtung solcher Verfahren durch Vertreter Afghanistans zu ermöglichen und zu erleichtern.

Abs.3: Im Interesse der Gerechtigkeit unterstützen sich die Vertragsparteien gegenseitig bei der Untersuchung von Vorfällen, einschließlich der Sammlung von Beweismitteln. Bei der Untersuchung von Straftaten berücksichtigen die Behörden der NATO-Streitkräfte jeden Bericht über Ermittlungen der afghanischen Behörden.

Abs. 4: Die NATO erkennt die entscheidende Rolle an, die afghanische Strafverfolgungsbeamte bei der Durchsetzung des afghanischen Rechts und der afghanischen Ordnung sowie beim Schutz des afghanischen Volkes spielen. Relevante afghanische Behörden benachrichtigen die Behörden der NATO-Streitkräfte unverzüglich, wenn sie den Verdacht haben, dass ein Mitglied der Streitkräfte oder ein Mitglied der zivilen Komponente oder das NATO-Personal an der Begehung eines Verbrechens beteiligt ist, damit die Behörden der NATO-Streitkräfte unverzüglich Maßnahmen ergreifen können. Angehörige der Streitkräfte sowie Mitglieder der zivilen Komponente und des NATO-Personals dürfen von afghanischen Behörden nicht festgenommen oder inhaftiert werden. Mitglieder der Streitkräfte sowie Mitglieder der zivilen Komponente und des NATO-Personals, die von afghanischen Behörden aus irgendeinem Grund, einschließlich afghanischer Strafverfolgungsbehörden, festgenommen oder inhaftiert wurden, werden unverzüglich den zuständigen Behörden der NATO-Streitkräfte übergeben.

Abs.5: Afghanistan behält sich das Recht vor, die Zuständigkeit für NATO-Auftragnehmer und Mitarbeiter von NATO-Auftragnehmern auszuüben.

Das Friedensabkommen von Doha

Ich versuche nun das Friedensabkommen von Doha mal etwas einzuordnen

Autorin Nila Khalil

Ich habe eine Flut von Mails bekommen und musste über viele Stunden die alle erst lesen, dann übersetzten und zusammen geschrieben.

Zwei wichtige Dokumente für den Beginn eines afghanischen Friedensprozesses wurden unterzeichnet. Das Doha-Abkommen zur Friedenssicherung in Afghanistan und eine gleichzeitige bilaterale Erklärung zwischen den USA und Afghanistan. Die beiden Dokumente zusammen sollen die Tür für innerafghanische Friedensgespräche öffnen, dh zwischen der Taliban und der Islamischen Republik Afghanistan am 10. März.

Die Erklärung der Taliban, die Gewalt nach dem Ende der Woche der „Reduzierung der Gewalt“ am 2. März nicht niedrig zu halten; ihre anhaltende Weigerung, mit der afghanischen Regierung zu sprechen; die Weigerung der Regierung, Gefangene freizulassen, die die USA den Taliban mitgeteilt hatten, und der innenpolitische Konflikt nach den Wahlen in Kabul stellt jeweils ein erhebliches Hindernis für den geplanten Beginn der Gespräche dar.

Das „Doha-Abkommen“ Das am 29. Februar 2020 in Katars Hauptstadt Doha unterzeichnete „Abkommen zur Friedenssicherung in Afghanistan“ der USA und der Taliban bezeichnet sich selbst als zwei der „vier Teile“ dessen, was ausmachen wird ein zukünftiges „umfassendes Friedensabkommen“ für Afghanistan: Garantien der Taliban, Afghanistan nicht von Al-Qaida und ähnlichen Gruppen nutzen zu lassen, um die USA und ihre Verbündeten zu bedrohen und US- und andere ausländische Truppen abzuziehen.

Die Unterzeichner dieses Abkommens: Der US-Afghanistan-Gesandte Zalmay Khalilzad und der stellvertretende Vorsitzende der Taliban für politische Angelegenheiten, Mullah Abdul Ghani, besser bekannt als Mullah Baradar. Es wurde von US-Außenminister Mike Pompeo und Ministern und Top-Diplomaten aus fast 30 anderen Ländern bezeugt, aber nicht von jemandem aus der afghanischen Regierung oder einem anderen Vertreter der Islamischen Republik Afghanistans.

Das Doha-Abkommen ist als „die ersten beiden Teile“ eines „umfassenden Friedensabkommens“ vorhanden.

Die beiden Hauptteile des Doha-Abkommens sind: Garantien, Durchsetzungsmechanismen und Ankündigung eines Zeitplans für den Abzug aller ausländischen Streitkräfte aus Afghanistan“; angegeben als „alle Streitkräfte der Vereinigten Staaten, ihrer Verbündeten und Koalitionspartner, einschließlich aller nicht diplomatischen Zivilpersonen, privaten Sicherheitsunternehmen, Ausbilder, Berater und Hilfspersonal. Garantien und Durchsetzungsmechanismen, die verhindern, dass eine Gruppe oder Einzelperson den Boden Afghanistans gegen die Sicherheit der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten nutzt. Sie werden als Mitglieder der Taliban und „jede Gruppe oder Einzelperson, einschließlich al-Qaida“, angegeben.

Die erste Garantie bezieht sich auf eine große Forderung der Taliban, die behaupten, dass die Anwesenheit von US-amerikanischen und anderen ausländischen Truppen, die sie als „Besatzung“ bezeichnen, der Hauptgrund für den anhaltenden Krieg in Afghanistan ist. Die zweite Garantie legt die Maßnahmen fest, die die Taliban ergreifen müssen, um ein großes Sicherheitsbedenken der USA auszuräumen. Der US-Rückzug soll schrittweise erfolgen, und nur die zweite und letzte Phase sind zustandsabhängig. Erstens werden die USA 135 Tage nach der Unterzeichnung des Abkommens, dh bis Mitte Juli 2020, ihre Truppenzahlen auf 8.600 (derzeit 12-13.000) reduziert und sich vollständig von fünf Militärbasen zurückgezogen haben. NATO-Verbündete und andere Koalitionskräfte werden ebenfalls proportional reduziert.

Am Ende der zweiten Phase, die neuneinhalb Monate dauert, dh bis Ende April 2021, werden die USA den Rest ihrer Truppen abgezogen haben, aber nur „mit dem Engagement und den Maßnahmen in Bezug auf die Verpflichtungen der Taliban zum Teil 2 dieser Vereinbarung. Teil 2 befasst sich mit Bedrohungen der Sicherheit der USA und ihrer Verbündeten durch die Taliban, Al-Qaida und andere Gruppen. Darüber hinaus sieht das Doha-Abkommen vor, dass „innerafghanische Verhandlungen“, dh die echten afghanischen Friedensgespräche, am 10. März 2020 beginnen. Dies ist zehn Tage nach der Unterzeichnung des Abkommens. Dies ist eine Bestimmung, die ebenfalls als in einer früheren Vereinbarung enthalten gemeldet wurde. Entwurf der Vereinbarung, die bereits im September 2019 fast unterzeichnet wurde. Das Abkommen nennt zwei Ziele für diese Verhandlungen: Einen „dauerhaften und nachhaltigen Waffenstillstand“ und ein „Abkommen über die künftige politische Roadmap Afghanistans“.

Diese Vereinbarung legt den Taliban nur wenige Verpflichtungen auf.

Die Taliban hat sich verpflichtet, „keinem ihrer Mitglieder, anderen Einzelpersonen oder Gruppen, einschließlich Al-Qaida, zu erlauben, den Boden Afghanistans zu nutzen, um die Sicherheit der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten zu bedrohen“. Die Taliban setzen sich auch ausdrücklich dafür ein, dass freigelassene Gefangene die Sicherheit der USA und ihrer Verbündeten nicht gefährden dürfen. Die Hoffnung, dass die US-Verbündeten Afghanistan umfassen könnten, also die afghanische Regierungstruppen und Zivilisten, die in von der Regierung kontrollierten Gebieten leben, wurde durch die Wiederaufnahme der Gewalt gegen afghanische Streitkräfte durch die Taliban am Tag nach der Unterzeichnung des Abkommens zunichte gemacht. Die Verpflichtungen der Taliban gegenüber Al-Qaida und anderen Gruppen umfassen: „eine klare Botschaft senden“, dass sie „keinen Platz in Afghanistan haben.“ Verhinderung von Rekrutierung, Schulung und Spendenbeschaffung, die Mitglieder der Taliban anweisen, nicht mit ihnen zusammenzuarbeiten, keine Visa, Pässe oder andere Dokumente zur Verfügung zu stellen, die ihnen die Einreise nach Afghanistan ermöglichen.

Mit Asyl- oder Aufenthaltssuchenden in Afghanistan so umzugehen, dass diese Personen keine Bedrohung für die USA und ihre Verbündeten darstellen. Es gibt keine Bestimmung, die die Taliban verpflichtet, ausländische Kämpfer zu übergeben oder zu vertreiben. In der Tat wird der Begriff „ausländische Kämpfer“ überhaupt nicht verwendet. Vielmehr werden sie als solche bezeichnet, die eine Bedrohung für die USA und ihre Verbündeten darstellen. Einzelheiten darüber, wie die Verpflichtungen der Taliban überwacht und überprüft würden, fehlen in der Vereinbarung völlig! Es könnte in das Friedensabkommen aufgenommen worden sein, was Pompeo als die zwei „militärische Umsetzungsdokumente“ bezeichnete, die klassifiziert wurden, um „unsere Soldaten zu schützen“. Nur der US-Kongress habe Zugang zu ihnen, sagte er auf einer Pressekonferenz am 1. März 2020 in Washington DC.

Ein Bericht der Washington Post vom 28. Februar, der auf einem Interview mit General Austin „Scott“ Miller, dem Kommandeur der US-Truppen und der NATO Resolute Support Mission, basiert, zeigte, dass das US-Militär eine Art „Hotline“ mit den Taliban eingerichtet hatte, die es bereits gegeben hatte verwendet, um dringende Botschaften zu übermitteln, um Verstöße in der Woche zur Reduzierung von Gewalt zu beheben, die am 28. Februar 2020 endete. Eine solche Vereinbarung könnte verwendet werden, um Bedenken beider Seiten hinsichtlich der Bedrohung der US-Sicherheit durch Taliban oder andere Gruppen oder des Abzugs von US-Truppen auszuräumen. Im Gegensatz zu den Verpflichtungen der Taliban enthält das Abkommen neben dem Abzug ihrer Truppen noch viel mehr Verpflichtungen für die USA, obwohl alle die USA wirklich nur dazu verpflichten, das Angebot zur Erreichung verschiedener Ziele zu suchen oder zu beantragen. Die USA haben zugestimmt:Sie arbeiten mit um „allen relevanten Seiten“ an einem Plan zur Freilassung von bis zu 5.000 Taliban-Gefangenen und bis zu 1.000 Gefangenen der „anderen Seite“ (der Wortlaut ist seltsam, was darauf hinweist, dass dies möglicherweise nicht nur Afghanen betrifft, die von den Taliban gehalten werden, sondern möglicherweise auch ausländische Geiseln – oder es ist eine Möglichkeit zu vermeiden, die Regierungstruppen zu benennen, da die Taliban die afghanische Regierung nicht anerkennen) bis zum 10. März, dem „ersten Tag der innerafghanischen Verhandlungen.“

Der nächste Punkt ist die Aufhebung der Sanktionen gegen Taliban-Mitglieder, wenn die innerafghanischen Gespräche beginnen. Die USA werden ihre eigenen Sanktionen überprüfen, um sie bis zum 27. August 2020 aufzuheben und „diplomatische Zusammenarbeit mit anderen Mitgliedern des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen und Afghanistans“ aufzunehmen, um die UN-Sanktionen bis zum 29. Mai 2020 aufzuheben. Suche nach „positiven“ Beziehungen zu den Taliban und der neuen afghanischen islamischen Regierung nach der Ansiedlung, wie durch den innerafghanischen Dialog und die Verhandlungen bestimmt.

Suche nach wirtschaftlicher Zusammenarbeit für den Wiederaufbau eines Afghanistan nach der Besiedlung nicht in die inneren Angelegenheiten Afghanistans eingreifen und die Anerkennung und Billigung des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen für dieses Abkommen beantragen. Staatssekretär Pompeo sagte in seiner Pressekonferenz am 1. März auch, dass es keine „Nebengeschäfte“ gebe. Die US-afghanische ErklärungDer Titel der „Gemeinsamen Erklärung der Islamischen Republik Afghanistan und der Vereinigten Staaten von Amerika zur Friedenssicherung in Afghanistan“ vom 29. Februar 2020, in der die IRoA das Doha-Abkommen „zur Kenntnis nimmt“, spiegelt sich in der Verwendung ähnlicher Formulierungen wider und Konzepte, dass es als Kontext zum US-Taliban-Abkommen betrachtet werden muss.

Das Abkommen wurde notwendig, weil sich die Taliban weigerten, direkte Kontakte zu Regierungsbeamten aufrechtzuerhalten, und die USA einen Weg finden mussten, die afghanische Regierung trotz dieser Tatsache an Bord zu bringen. In der Erklärung heißt es: Das Abkommen zwischen den Vereinigten Staaten und den Taliban ebnet den Weg für innerafghanische Verhandlungen über eine politische Einigung und einen dauerhaften und umfassenden Waffenstillstand. Die Islamische Republik Afghanistan bekräftigt ihre Bereitschaft, an solchen Verhandlungen teilzunehmen, und ihre Bereitschaft, einen Waffenstillstand mit den Taliban abzuschließen.

Bezeichnenderweise bezieht sich diese Erklärung nicht auf den 10. März 2020 als das Datum, bis zu dem die innerafghanischen Friedensgespräche beginnen sollten. Es heißt lediglich, dass beide Seiten sich verpflichten, „die Voraussetzungen für eine politische Einigung“ und einen „dauerhaften, nachhaltigen Waffenstillstand“ zu schaffen. Die Vereinbarung scheint jedoch einen schnellen Zeitplan vorzusehen. Zum Beispiel hat sich die IRoA verpflichtet, mit dem UN-Sicherheitsrat zusammenzuarbeiten, um Mitglieder der Taliban zu entfernen, wenn die innerafghanischen Verhandlungen beginnen, und mit dem Ziel, dies bis zum 29. Mai 2019 nach Abschluss einer „Rahmenvereinbarung“ und eines „dauerhaften und umfassenden“ Waffenstillstands. Diese Bestimmung über eine Rahmenvereinbarung ist interessant.Es spiegelt den Ansatz des US-Gesandten Khalilzad wider, mit den Taliban zu verhandeln.

Im Januar 2019 erzielte er erstmals eine Rahmenvereinbarung mit den Taliban, in der die Tagesordnung für die Verhandlungen festgelegt und beide Parteien zu Gesprächen verpflichtet wurden. In einer zweiten Phase, von Januar 2019 bis Februar 2020, verhandelten beide Parteien die Einzelheiten der bereits vereinbarten Tagesordnungspunkte. Die US / IRoA-Erklärung greift einen Großteil des Doha-Abkommens auf, obwohl der Wortlaut häufig unterschiedlich ist.Ein umfassendes und in der Erklärung auch nachhaltig Friedensabkommen, das aus vier „miteinander verbundenen und unabhängigen“ Teilen besteht.Ein zweiphasiger Abzug der US-Truppen, der zweite auf Bedingungen beruhend und vertrauensbildende Maßnahmen wie ein Gefangenenaustausch und die Streichung von Taliban von UN-Sanktionen. Verpflichtung der USA, positive Beziehungen zu Afghanistan aufrechtzuerhalten und die Androhung von Gewalt gegen Afghanistan nicht zu nutzen.

Die afghanische Regierung verpflichtet sich hauptsächlich, sich den geplanten innerafghanischen Friedensgesprächen anzuschließen, ein Ziel, das sie ohnehin lange angestrebt hatte! Es übernimmt auch die Verpflichtung, Al-Qaida, das lokale islamische Staatsunternehmen, ISKP und andere terroristische Gruppen auf seinem Boden zu bekämpfen, auch durch die Herstellung oder den Vertrieb von Betäubungsmitteln. Im Gegensatz dazu gibt es im Abkommen zwischen den Taliban und den USA keinen Hinweis auf eine andere terroristische Gruppe außer Al-Qaida oder Betäubungsmittel.

Die USA verpflichten sich ferner zu: Weiterhin die afghanischen Sicherheitskräfte und andere Regierungsinstitutionen zu unterstützen und nach Finanzmitteln für sie suchen. Regionalen Konsens für eine politische Lösung in Afghanistan herstellen und sich nicht in afghanische innere Angelegenheiten eingreifen.Die USA bieten auch an, die Anti-Terror-Operationen gegen Al-Qaida, ISKP und „andere internationale Terroristengruppen“ fortzusetzen, wenn die Islamische Republik Afghanistan dies wünscht, im Einklang mit den gegenseitigen Verpflichtungen im Rahmen bestehender Sicherheitsabkommen.

Beide Seiten betonen die „besondere Bindung“ zwischen den USA und den afghanischen Sicherheitskräften, die in den Jahren ihres gemeinsamen Kampfes geknüpft wurden. Sie drücken auch ihr Engagement für ihre Investitionen in den Aufbau der afghanischen Institutionen aus, die zur Schaffung demokratischer Normen und der Rechte der Bürger erforderlich sind und für die Förderung des sozialen und wirtschaftlichen Fortschritts. Die USA bekräftigen ferner, dass sie die Islamische Republik Afghanistan als souveränen UN-Mitgliedstaat anerkennen. Dies liest sich wie eine Zusicherung, dass das Doha-Abkommen keine quasi-diplomatische Anerkennung der Taliban als legitime oder sogar parallele Regierung darstellt – daher die umständliche Formel, die im Abkommen des „Islamischen Emirats Afghanistan“ verwendet wird, das von den Vereinigten Staaten nicht anerkannt wird Staaten als Staat und bekannt als die Taliban.

Die IEA ist die Selbstbezeichnung der Taliban und drückt ihre Position aus, dass sie immer noch die legitime Regierung des Landes sind, die durch eine ihrer Ansicht nach illegale militärische Intervention gestürzt wurde. Die US-Intervention wurde vom UN-SC sanktioniert.Während die USA dies nicht anerkennen Die Taliban „als Staat“ haben die Bewegung als politische Einheit und Partei des Konflikts in Afghanistan anerkannt. Dies hat bereits aufeinanderfolgende Regierungen in Kabul verärgert, beginnend mit der Einrichtung des politischen Büros der Taliban im Jahr 2013 in Doha, wobei zunächst die IEA-Insignien und die Flagge verwendet wurden. Problematische Lücken und offene FragenDas auffälligste Merkmal des Abkommens von Doha ist, wie sehr es die afghanische Regierung und die IRoA aus dem Weg räumt und wie viel es daher einem diplomatischen Sieg der Taliban gleichkommt.

Dies trotz der gleichzeitig abgegebenen US-afghanischen Erklärung, die viele Erklärungen enthält, die Kabul versichern sollen, dass die US-Unterstützung fortgesetzt wird. Bei näherer Betrachtung sehen diese Unterstützungsbekundungen jedoch eher schwach aus. Die USA scheinen Verbündete finanziell zu belasten, beispielsweise die Finanzierung der afghanischen Streitkräfte, und haben Ghani bislang nicht offiziell als Wahlsieger 2019 anerkannt, was seine Position gegenüber den Taliban in den geplanten Gesprächen gestärkt hätte. Es wurde nur „bemerkt“, dass er zum Gewinner erklärt wurde und die neue Regierung aufforderte, inklusiv zu sein und die Bestrebungen aller Afghanen widerzuspiegeln. Die Erklärung und das Abkommen enthalten vier Details, die die Position der afghanischen Regierung weiter schwächen: Erstens haben die USA nicht angekündigt, ihren Truppenabzug erst dann abzuschließen, wenn ein Friedensabkommen abgeschlossen ist!

Erstens: Der Abschluss des Rückzugs, ist nur an die Verpflichtungen der Taliban gemäß Teil 2 des Abkommens gebunden, der sich mit Bedrohungen der Sicherheit der USA und ihrer Verbündeten durch die Taliban, Al-Qaida und ähnliche Gruppen befasst. Verteidigungsminister Esper nannte die 14-monatige Frist in einem Fernsehinterview am Tag der Unterzeichnung der Vereinbarung. Darüber hinaus bestand er über eine Stellungnahme in der Washington Post am 1. März darauf, dass der Rückzug von Fortschritten beim innerafghanischen Friedensabkommen abhängig sei. Dies wird jedoch weder in der Vereinbarung noch in der Erklärung erwähnt. Was das Abkommen betrifft, können die USA mit innerafghanischen Gesprächen und laufenden innerafghanischen Konflikten abreisen.

Zweitens: Schien die Bestimmung, dass die afghanische Regierung vor Beginn der innerafghanischen Friedensgespräche „bis zu 5.000“ Taliban-Gefangene freigelassen hat, nicht mit der Regierung vereinbart worden zu sein. Dem zuzustimmen würde bedeuten, dass die afghanische Regierung ihren einzigen starken Verhandlungschip mit den Taliban verschenkt, noch bevor die Gespräche beginnen. (Die Taliban haben diese Bestimmung als Freilassung aller ihrer Gefangenen gelesen, siehe diesen Medienbericht.) Drittens: Sieht das Abkommen nicht die künftige direkte Rolle der afghanischen Regierung vor. Es heißt nur, dass „afghanische Seiten“ an Gesprächen mit den Taliban teilnehmen sollten. In der Zwischenzeit bestand Sher Abbas Stanakzai von den Taliban in einem Interview am 29. Februar in Doha darauf, dass „es heute keine Regierung in Afghanistan gibt“, weil „die Regierungen Kabuls nicht anerkannt wurden weil sie„ Marionetten “sind.

Die Wahlen wurden nicht transparent abgehalten, und die öffentliche Wahlbeteiligung war recht gering. Viertens: Ist es ein Blickfang, dass das Abkommen zwischen den USA und den Taliban die USA und ihre Verbündeten schützt, nicht jedoch die afghanische Bevölkerung, Regierung oder Sicherheitskräfte vor Bedrohungen durch die Taliban und terroristische Gruppen wie Al-Qaida. Die USA haben dagegen eine für die Taliban äußerst günstige Einigung erzielt. Abdul Salam Za’if, ehemaliger Taliban-Diplomat, der nach seiner Inhaftierung in Guantánamo nach Kabul zurückkehrte (er betrachtet sich immer noch als Mitglied der Bewegung und verwendet „wir“ für die Taliban), sagte in einem Interview in Doha, wo er an der Unterzeichnung teilnahm Zeremonie, dass „alle“ ihre Forderungen erfüllt worden waren. Es war daher nicht verwunderlich, dass die Taliban die Unterzeichnung des Abkommens als „Tag des Sieges“ feierten.

Der Taliban-Führer Mawlawi Hebatullah Akhunzada verwendete den Begriff auch in einer Erklärung vom 29. Februar, die auf der Website der Taliban veröffentlicht wurde. Er sagte, die im Abkommen mit den USA verankerte „Beendigung der Besetzung Afghanistans“ sei ein „Sieg. Ein anderer Teil seiner Erklärung hat viele in der afghanischen Öffentlichkeit besonders geärgert, nämlich als er all jenen, die sich gegen die Taliban ausgesprochen hatten, Vergebung und Verzeihung anbot: „Jeder, der an Feindseligkeiten gegen das Islamische Emirat teilnahm oder Vorbehalte gegen das Islamische Emirat hat, ist vergeben und begnadigt für alle vergangenen Handlungen.“

Hadi Marifat, Exekutivdirektor der afghanischen Organisation für Menschenrechte und Demokratie, nannte dies eine Beleidigung, der Taliban-Führer hätte stattdessen „seine Opfer um Vergebung bitten“ sollen. Viele offene FragenEs gibt auch einige offene Fragen zu beiden Dokumenten, wie zum Beispiel: Was würde mit dem bestehenden bilateralen US-afghanischen Sicherheitsabkommen geschehen, das im Oktober 2014 unterzeichnet wurde und normalerweise unter dem Akronym BSA bekannt ist. Würde der Abzug des nicht-diplomatischen Zivilpersonals, privater Sicherheitsunternehmen, Ausbilder, Berater und des Personals der unterstützenden Dienste der amerikanischen und anderer Streitkräfte sowie der Streitkräfte anderer Nationen auch ausländische Geheimdienste, insbesondere CIA-Paramilitärs, abdecken? Die Taliban setzen ihren Kampf gegen die afghanischen Regierungstruppen fortUnmittelbar nach der Unterzeichnung des Abkommens töteten die Taliban jede Illusion, dass die einwöchige „Reduzierung der Gewalt“, die am 28. Februar endete, aber für den Tag der Unterzeichnung in Doha verlängert wurde, zumindest bis zum Beginn des Abkommens andauern könnte innerafghanische Friedensgespräche.

Am 1. März hatte Präsident Ghani seine Absicht angekündigt, die Reduzierung der Gewalt zumindest bis dahin aufrechtzuerhalten. Auch das US-Militär und die US-Diplomaten haben den Eindruck erweckt, dass, wie General Miller am 27. Februar sagte, „die Taliban ihre Angriffe nach der Woche der Reduzierung der Gewalt weiter reduzieren werden“, einschließlich der Angriffe auf afghanische Regierungstruppen. Aber Stanakzai sagte: Basierend auf dem Abkommen wird der Krieg zwischen dem Islamischen Emirat Afghanistan und den USA ab morgen (1. März) auf Null fallen, was bedeutet, dass sie keine Angriffe aufeinander inszenieren werden, sondern wenn es um den Krieg zwischen den Taliban und den USA geht Die Regierungstruppen von Kabul (Begriff, den die Taliban für die afghanische Regierung verwenden) benötigen ein neues Abkommen, das in den innerafghanischen Gesprächen erörtert wird.

Am Abend des 2. März bestätigte der Taliban-Sprecher Zabihullah Mujahed gegenüber AFP, dass: Die Reduzierung der Gewalt ist jetzt beendet und unsere Operationen werden normal fortgesetzt. Gemäß dem Abkommen (US-Taliban) werden unsere Mudschaheddin keine ausländischen Streitkräfte angreifen, aber unsere Operationen gegen die Regierungstruppen von Kabul werden fortgesetzt. Der Terror geht weiterKleine Kämpfe und andere Vorfälle ereigneten sich tatsächlich am Tag nach der Unterzeichnung des Abkommens. Zu den am 1. und 2. März gemeldeten Vorfällen gehörten: Kämpfe in Zabul. Ein Attentat auf einen Militäroffizier der Regierung in Kandahar.Berichte über die Entführung von 50 Zivilisten im von den Taliban kontrollierten Bezirk Chak in der Provinz Maidan Wardak.

Die Detonation einer Motorradbombe bei einem Fußballspiel in Nader Shah Kot, Provinz Khost, bei dem drei Zivilisten getötet wurden.Es war nicht sofort klar, ob dies die einzigen Vorfälle waren, die am 1. und 2. März stattfanden, ob die Taliban hinter einigen oder allen von ihnen steckten oder ob sie die Anzahl der Sicherheitsvorfälle bereits auf ein höheres Niveau als bei der Reduzierung von erhöht hatten Gewaltwoche.

Berichten zufolge hatte das afghanische Innenministerium am 3. März in den vergangenen 24 Stunden 33 Taliban-Angriffe in 16 Provinzen mit sechs Toten und 14 Verwundeten gezählt! Das ist deutlich mehr als in der Woche der „Reduzierung der Gewalt“, liegt aber immer noch 50 bis 60 Prozent unter dem üblichen Durchschnitt! Am Tag der Unterzeichnung des Abkommens von Doha wurden vier Polizisten getötet und ein fünfter verletzt, was der Polizeisprecher von Kandahar, Jamal Nasir Barakzai, als „ferngesteuerte“ Landminenexplosion im Bezirk Mianeshin in der Provinz Kandahar bezeichnete. Barakzai sagte, die Polizisten hätten einen Kontrollposten in der Gegend mit Lebensmittel versorgt. Während der Woche der Reduzierung der Gewalt waren Menschen in einer Reihe von Provinzen, aus die Straßen gegegen um ihre Forderung nach einem dauerhaften Waffenstillstand und Frieden zu demonstrieren. Die Ankündigung der Taliban, in den Krieg zurückzukehren, und diese ersten Angriffe, insbesondere gegen die Fußballspieler und Anhänger in Khost, haben möglicherweise bereits die Hoffnungen derer zunichte gemacht, die jetzt Frieden fordern. Hindernisse für die laufenden Gespräche.a) Freilassung der Gefangenen.

Das erste unmittelbar umstrittene Thema ist die Freilassung von Gefangenen, die im US-Taliban-Abkommen vorgesehen ist, bevor die Gespräche am 10. März beginnen und in der US-afghanischen Erklärung vager formuliert sind: Um die Voraussetzungen für eine politische Einigung und einen dauerhaften, nachhaltigen Waffenstillstand zu schaffen, wird die Islamische Republik Afghanistan an einer von den USA unterstützten Diskussion mit Vertretern der Taliban über vertrauensbildende Maßnahmen teilnehmen, um zu prüfen, ob eine erhebliche Anzahl von Gefangenen freigelassen werden kann beide Seiten. Die Vereinigten Staaten und die Islamische Republik Afghanistan werden das IKRK um Unterstützung bitten, um diese Diskussion zu unterstützen. Es scheint offensichtlich, dass Khalilzad den Taliban die Freilassung von Gefangenen versprochen hatte, ohne die Zustimmung von Präsident Ghani zu erhalten.

Ghani hatte bereits am 20. Februar mehr als eine Woche vor der Unterzeichnung des Doha-Abkommens klargestellt, dass dieses Thema Teil der Verhandlungen der afghanischen Regierung mit den Taliban sein muss. Auf einer Pressekonferenz in Kabul am 1. März bekräftigte er, dass er „keine Verpflichtung“ zur Freilassung von 5.000 Gefangenen eingegangen sei, dass die Freilassung von Häftlingen „nicht im Bereich der USA liege. Nur die afghanische Regierung hat diese Autorität.“ Er sagte, das Thema „könnte in die Tagesordnung der innerafghanischen Gespräche aufgenommen werden“, könne aber nicht „eine Voraussetzung für Gespräche“ sein. Anstelle des fast sofortigen Gefängnisaustauschs, der in der Vereinbarung vorgesehen ist, ist in der Erklärung kein Zeitplan festgelegt.

Vielmehr wird der Gefängnisaustausch als Beispiel für eine „vertrauensbildende Maßnahme“ angeführt, bei der die USA Gespräche zwischen der afghanischen Regierung und den Taliban führen sollen. Zu diesem Zweck hatte Ghani vor der Unterzeichnungszeremonie ein sechsköpfiges Verhandlungsteam nach Doha geschickt. Die Taliban sagten, sie hätten sich geweigert, die Gruppe zu treffen. Am 2. März sagte ein Sprecher des Präsidenten, das Team habe „Kontakt“ mit den Taliban aufgenommen. Am 3. März bestätigte Suhail Shahin, der Sprecher des Doha-Büros der Taliban, dies indirekt, bestand jedoch darauf, dass sich nur „die für die Gefangenen auf beiden Seiten zuständigen Behörden treffen könnten, um die Freilassung der Gefangenen zu erörtern“. Die Gefangenenfrage gibt Ghani die Möglichkeit, die Taliban, die sich bisher geweigert haben, direkt mit Vertretern der Regierung zu verhandeln, dazu zu bringen, sich offiziell mit der Regierung zusammenzusetzen und nicht nur mit Einzelpersonen in ihren privaten Funktionen, wie dies der Fall war während des innerafghanischen Dialogs im Juli 2019 in Doha.Wenn Kabul die Taliban nicht dazu bringen kann, die Regierung als mindestens ein Element des Verhandlungsteams der anderen Seite zu akzeptieren, würde dies den Taliban von Beginn der Friedensgespräche an die Oberhand geben.

Die Taliban würden nur einer heterogenen Delegation gegenüberstehen, die die Verwaltung nicht vertritt. Noch schädlicher wäre es, wenn die Taliban ein Veto einlegen könnten, wer ein „akzeptables“ Mitglied der Kabuler Delegation ist, wie dies auch für das Doha-Treffen im Juli 2019 der Fall war. Stanekzai hat klargestellt, dass wie im Abkommen zwischen den USA und den Taliban festgelegt, die innerafghanischen Gespräche am 10. März erst beginnen würden, „sobald 5.000 unserer Geiseln freigelassen wurden. Wenn die Gefangenen nicht rechtzeitig freigelassen werden, werden sich die innerafghanischen Gespräche verzögern.“ b) Wohin ein Kabul-Verhandlungsteam? Nur noch eine Woche bis zum angeblichen Beginn der afghanischen Friedensgespräche, sind die beiden Regierungschefs der Nationalen Einheit, die in der Praxis seit langem praktisch nicht mehr existieren, Ashraf Ghani und Dr. Abdullah, jetzt im Streit darüber, wer gewann die Präsidentschaftswahl im September 2019.

In den letzten Tagen hat das Ghani-Lager darauf bestanden, dass er die Wahl gewonnen hat, basierend auf dem Urteil der Unabhängigen Wahlkommission vom 18. Februar. Abdullah hat nicht eingeräumt, eine Haltung, die irgendwie durch das Versäumnis der meisten Regierungen gestützt wird, Ghani zu seiner zweiten Amtszeit zu gratulieren. Das Ghani-Lager versuchte, Abdullah an Bord zu bringen, indem es Abdullah eine Rolle als Leiter des IRoA-Verhandlungsteams anbot, dessen Mitglieder von dem geplanten Beginn der innerafghanischen Gespräche nominiert werden müssen. Es bot jedoch keine exekutive Regierungsrolle an und hat sich geweigert, eine neue Version der National Unity Government (NUG) in irgendeiner Form zu akzeptieren. Abdullah hat in keiner Weise eine öffentliche Erklärung zu diesem Angebot abgegeben, außer dass es zu diesem Thema keine Kontakte zum Palast gab und dass die Bemühungen zur Bildung eines Verhandlungsteams beschleunigt werden, sobald der US-Chefunterhändler Zalmay Khalilzad Kabul besucht. Dass Abdullah, im Gegensatz zu den meisten anderen Schwergewichts-Politikern an der Zeremonie zur gemeinsamen Erklärung der USA und Afghanistans am 29. Februar in Kabul teilnahm, könnte als versöhnlicher Schritt angesehen werden. Er hat jedoch klargestellt, dass seine Anwesenheit keine Anerkennung dafür darstellt, dass Ghani die Wahl gewonnen hat. Während einer separaten Pressekonferenz erklärte er, dass er als Teil der NUG anwesend sei. Wahrscheinlicher war seine Anwesenheit darauf ausgelegt, weiterhin gute Beziehungen zu den USA zu gewährleisten.

Bisher scheinen die beiden politischen Lager zumindest in dieser Frage eine gemeinsame Sprache gefunden zu haben, dass Gespräche mit den Taliban eng mit der Verteidigung dessen verbunden sind, was beide heute als „republikanisches System“ bezeichnen, wie es in der aktuellen Verfassung verankert ist. Es gibt jedoch keinen Hinweis darauf, dass sie sich getroffen haben, um ein Team oder eine Verhandlungslinie zu erörtern, oder dass entweder Ghani oder Abdullah Maßnahmen ergriffen haben, um die Beteiligung einer breiteren afghanischen Gesellschaft sicherzustellen, die von der organisierten Zivilgesellschaft vertreten wird und Frauen als Schlüssel darstellt Komponente im Verhandlungsteam. Es gibt in der Tat keine Anzeichen dafür, dass sie die Notwendigkeit einer engen Koordinierung bei der Verteidigung der demokratischen und Menschenrechte der afghanischen Bürger, wie sie im gegenwärtigen afghanischen Rechtssystem verankert sind, zumindest vollständig berücksichtigt haben. Wenn diese beiden Führer keinen für beide Seiten akzeptablen Kompromiss zwischen der Regierung und dem Verhandlungsteam erzielen, würde dies eindeutig jede IRoA-Delegation in Gesprächen mit den Taliban in hohem Maße untergraben. c) drohende Einweihungen Für die Zeit der Unterzeichnung der Erklärung schien der Streit zwischen Abdullah und Ghani über den Präsidenten in einen Waffenstillstand geraten zu sein, da die beiden Rivalen die Pläne für ihre Einweihungszeremonien am 26. Februar 2020 verschoben hatten, vermutlich aufgrund des Drucks der USA.

Nun scheint Ghani zumindest einen neuen Termin im Tagebuch zu haben, den 9. März 2020, am Tag vor Beginn der Friedensgespräche. Mitglieder des Lagers Ghani scheinen jedoch zu glauben, dass das Datum nicht in Stein gemeißelt ist, zumal sich die Gemeinsame Erklärung nicht darauf bezieht. Die jüngste Haltung der US-Regierung zum Streit um das Präsidentenamt ist nicht klar. Ein am 26. Februar von US-Gesandter Khalilzad veröffentlichter Tweet, der besagt, dass „der Wahlprozess abgeschlossen ist, Präsident Ghani, als erklärter Gewinner“, wurde weithin als Anerkennung von Ghanis Sieg in Kabul interpretiert. Es war jedoch weit entfernt von den üblichen offiziellen Glückwünschen, die neu gewählte Präsidenten erhalten hatten, keine große Gewissheit darüber zu haben, dass Washington seinen Anspruch unterstützt. Fazit Mit ihrer Zustimmung zu den Taliban haben die USA die afghanische Regierung und die Republik weiter untergraben und den Taliban einen diplomatischen Sieg beschert. Darüber hinaus hängt die Vereinbarung jetzt an einem sehr dünnen Faden.

Khalilzads offensichtlicher Doppelhandel, den Taliban mitzuteilen, dass ihre Gefangenen befreit werden würden, ohne dass Ghani diesbezüglich eine Einigung erzielt, droht die innerafghanischen Gespräche von Anfang an zu untergraben. Seine Zustimmung zu den Forderungen der Taliban an die Gefangenen würde Kabuls einzige starke Karte als Gegenleistung für das Versprechen, Gespräche aufzunehmen, wegnehmen. Es ist nicht verwunderlich, dass Ghani den Freilassungen nicht zugestimmt hat, obwohl dies ihn in eine noch prekärere Lage brachte, da er das Risiko eingeht, die USA, den wichtigsten Geldgeber und militärischen Unterstützer seiner Regierung, zu bekämpfen. Dieses jüngste Beispiel der USA, die die afghanische Regierung untergraben, war nicht das erste: Die Wahlen wurden auch durch Khalilzads Rede von einer „Übergangsregierung“ beschädigt, und das Fehlen jeglicher ausdrücklicher Unterstützung für wichtige Verfassungsinstitutionen im Abkommen ist ebenfalls besorgniserregend. Am wichtigsten ist, dass die USA vor langer Zeit ihren ursprünglichen Ansatz aufgegeben haben, dass „nichts vereinbart wird, bis alles vereinbart ist“, als sie beschlossen, die beiden Themen der Gespräche zwischen der Taliban- und der afghanischen Regierung und einen dauerhaften Waffenstillstand in die Zeit nach ihrer Entfernung zu verbannen ( der Hauptfeind der Taliban). Darüber hinaus sollen seine Verpflichtungen dazu führen, dass afghanische Regierungstruppen oder Zivilisten ungeschützt bleiben.

Der Rückzug begann „heute“, teilte Trump der amerikanischen Öffentlichkeit am 1. März mit, und der Befehl zum Beginn des Rückzugs wurde am 2. März erteilt. In der Zwischenzeit haben die Taliban beschlossen, ihre „Reduzierung der Gewalt“ nicht über die Unterzeichnung des Abkommens hinaus auszudehnen. Afghanen sehen sich nun der unangenehmen Aussicht gegenüber, dass der „Dschihad“ der Taliban nur andere Afghanen anspricht, fast alle Mitmuslime. Dies war der eigentliche Charakter der meisten Kriegsanstrengungen der Taliban seit dem Ende 2014 abgeschlossenen ISAF-Rückzug. jetzt ist es offiziell geworden.

Die USA haben unterdessen die Wahl, ob sie sich an die im Doha-Abkommen festgelegte Bedingung halten oder nicht, wenn sie über ihren Truppenabzug entscheiden. Vor dem Hintergrund der Entscheidung der Taliban, die Angriffe auf afghanische Regierungstruppen und möglicherweise zivile Regierungsanlagen, jedoch nicht auf US-amerikanische oder andere ausländische Ziele, wieder aufzunehmen, begann das umstrittene Problem des Gefangenenaustauschs und die innenpolitischen Turbulenzen zwischen den Lagern Ghani und Abdullah in Kabul innerafghanische Friedensgespräche innerhalb der geplanten zehn Tage erscheinen zunehmend unwahrscheinlich. Nur drei Tage nach der Unterzeichnung des Doha-Abkommens und der gemeinsamen US-afghanischen Erklärung wird bereits geklärt, was geschehen muss, bevor sich afghanische Parteien zusammensetzen können, um über den Frieden zu diskutieren. Das mag geklärt werden, aber anscheinend nicht ohne Zugeständnisse von Ghani oder den Taliban oder beidem an Gefangene. In der Zwischenzeit widerspricht die Wiederaufnahme der Taliban-Angriffe dem Geist des Doha-Abkommens. Die geringe Hoffnung und Dynamik, die durch die siebentägige Reduzierung der Gewalt in diesem gewalttätigsten Konflikt der Welt geschaffen wurde, ist möglicherweise bereits verloren gegangen.

Nila Khalil, Vorsitzende von Afghan Women’s Network und Mitglied der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen in Genf. 16. April 2020

Afghanische Kriegsverbrechen vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag

Afghanische Kriegsverbrechen vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag

Autorin Nila Khalil

Die afghanische Regierung verhindert einen weiteren Versuch eine Untersuchung des IStGH gegen Kriegsverbrechen ab den Jahr 2003 zu verhindern.

Die afghanische Regierung hat beim IStGH einen Antrag gestellt, die Ermittlungen des IStGH in Afghanistan aufzuschieben, da inländische Ermittlungen zu mutmaßlichen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit auf afghanischem Boden stattfinden. Sie argumentiert, dass die IStGH Untersuchungen nicht erforderlich seien. Dieser Antrag wurde gestellt, nachdem die Berufungskammer des Internationalen Strafgerichtshofs der Staatsanwaltschaft des IStGH im März 2020 die Zuständigkeit für diese Verbrechen übertragen hatte. Um ihre Behauptung zu beweisen, belegte die afghanische Regierung 151 untersuchte Fälle und bittet um einen Aufschub bis zum 12. Juni 2020, um weitere Informationen und Unterlagen zu diesen Fällen einzureichen. Die Staatsanwaltschaft des IStGH akzeptierte den Antrag.

Die Chefanklägerin Fatou Bensouda vom IStGH teilte den Richtern der Vorverfahrenskammer am 15. April 2020 mit, dass die afghanische Regierung einen Antrag auf Aufschub ihrer Untersuchung von Fällen gestellt habe. Die Anfrage erfolgte als Antwort auf die Mitteilung der Staatsanwaltschaft an Afghanistan und andere relevante Staaten über die Entscheidung der Berufungskammer des IStGH, eine Untersuchung mutmaßlicher Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu genehmigen, die seit dem 1. Mai 2003 auf afghanischem Gebiet begangen wurden. Die Untersuchung umfasst auch begangene Verbrechen in CIA Gefängnisse in Polen, Rumänien und Litauen, die seit dem 1. Juli 2002 einen Zusammenhang mit dem Krieg in Afghanistan haben, die sogenannten „außerordentlichen Überstellungen“ der CIA von „Krieg gegen den Terror“ -Häftlingen durch diese Staaten.

In ihrem Antrag stellt die afghanische Regierung die Annahme des IStGH in Frage, dass sie keine echten Ermittlungen durchführt. Die Regierung gibt an, dass sie „Staatsangehörige oder andere Personen in diesem Zuständigkeitsbereich“ untersucht oder untersucht hat, die angeblich Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben.

Die Ermittlungen und Verfahren… decken Vorwürfe von Verbrechen ab, die von afghanischen Streitkräften, den Taliban und anderen terroristischen Gruppen und internationalen Streitkräften begangen wurden. Die mutmaßlichen Verbrechen, die von den afghanischen Behörden untersucht wurden oder werden, umfassen sowohl Kriegsverbrechen als auch Verbrechen gegen die Menschlichkeit, einschließlich Luftangriffen auf Zivilisten, Angriffe auf Zivilisten und ziviles Eigentum, Tötung und Verletzung von Zivilisten, Inhaftierungen und Folter sowie Zerstörung von zivilen Einrichtungen.

Die Regierung bestätigt 151 Fälle für diese Behauptung. Dazu gehören 33 Fälle von Kriegsverbrechen und drei Fälle von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, an denen Mitglieder der Taliban und angeschlossene Gruppen beteiligt waren. 26 Fälle von Kriegsverbrechen gegen die afghanischen Nationalen Sicherheitskräfte (ANSF) und internationale Streitkräfte; vier Kriegsverbrechen und drei Verbrechen gegen die Menschlichkeit, an denen Mitglieder des Islamischen Staates für die Provinz Khorasan beteiligt waren, und 47 Fälle von Folter im Gefängnis Pul-e Charkhi (dem größten des Landes), im Internierungslager Bagram, im Internierungslager Kabul und in den Haftzentren der Nationalen Direktion für Sicherheit (Inlandsgeheimdienst) in Kabul und anderen Provinzen. Darüber hinaus wurden 30 Kriegsverbrechen und fünf Verbrechen gegen die Menschlichkeit untersucht, bei denen die Identität der Täter derzeit nicht bekannt ist.

Zu den Verbrechen, die Mitgliedern der Taliban zugeschrieben werden, gehören Mord, Folter, brennende Zivilisten, Geiselnahme, Selbstmordattentate, Zwangsheirat von Frauen und Vergewaltigung von Kindern. Zu den Fällen gegen die ANSF gehören die Begehung von Mord, Verletzungen, Tötungen von Zivilisten (von Mitgliedern des NDS begangen) und die Zerstörung von Zivilobjekten. Luftangriffe auf zivile Häuser und Objekte in den Provinzen Kapisa, Nangrahar und Badghis sind die Verbrechen, die der von internationalen Truppen unterstützten afghanischen Luftwaffe zugeschrieben werden („Resolute Support Mission Forces“). Verbrechen, die gegen Mitglieder der IS untersucht werden, sind Selbstmordattentate, bei denen Zivilisten getötet und Schulen gewaltsam gestürmt wurden.

Von diesen 151 Fällen räumt die Regierung ein, dass nur 28 vor Gericht gestellt wurden oder zu einer Verurteilung der Täter geführt haben. Die verbleibenden 123 Fälle werden untersucht und / oder Haftbefehle gegen Verdächtige wurden an die afghanische Nationalpolizei (ANP) und Inlandsgeheimdienst gerichtet. In der Anfrage an den IStGH wurde nicht angegeben, ob Verdächtige in diesen 123 Fällen festgenommen wurden.

Die afghanische Regierung gab keine näheren Angaben zu den Fällen, sagte jedoch, sie werde vor dem 12. Juni 2020 zusätzliche Informationen und unterstützende Materialien vorlegen, die „sowohl die Vergangenheit als auch die aktuelle nationale Untersuchung“ abdecken. Die Regierung bat um mehr Zeit mit der Begründung, dass die Covid-19-Pandemie Schwierigkeiten beim Sammeln wesentlicher Dokumente und Materialien für den Antrag verursacht habe. Der Antrag der afghanischen Regierung wird gemäß Artikel 18 des IStGH gestellt. Es soll das Prinzip der Komplementarität stärken, wonach das Gericht wirksame innerstaatliche Ermittlungen in Bezug auf Kriegsverbrechen aufnimmt. Sobald die IStGH-Richter eine Untersuchung genehmigt haben, muss der Staatsanwalt die zuständigen Staaten informieren, die dann 30 Tage Zeit haben, um zu reagieren. Die afghanische Regierung hat daraufhin Artikel 18 Absatz 2 verwendet, um einen Aufschub zu beantragen, sowie Regel 53 der Geschäftsordnung des IStGH.

Artikel 18 Absatz 2 lautet:

Innerhalb eines Monats nach Erhalt dieser Mitteilung kann ein Staat den Gerichtshof darüber informieren, dass er seine Staatsangehörigen oder andere in seinem Zuständigkeitsbereich befindliche Personen in Bezug auf Straftaten untersucht oder untersucht hat, die Straftaten gemäß Artikel 5 darstellen können und sich auf die bereitgestellten Informationen beziehen in der Mitteilung an die Staaten.

Grundsätzlich heißt es in diesem Absatz, dass ein Vertragsstaat des Statuts, in diesem Fall Afghanistan, das Recht hat, die Zulässigkeit bestimmter Fälle, jedoch nicht der gesamten Untersuchung, anzufechten, indem er Beweise vorlegt, die entweder „seine Staatsangehörigen oder andere in seinem Zuständigkeitsbereich“ nachweisen können.; Werden untersucht oder wurden im Inland untersucht. Wenn dies zutrifft, wäre der IStGH nicht für die Fälle dieser Personen zuständig, wenn sie Gegenstand einer innerstaatlichen Untersuchung oder Strafverfolgung sind.Auf Ersuchen dieses Staates verschiebt der Staatsanwalt die Untersuchung dieser Personen durch den Staat, es sei denn, die Vorverfahrenskammer beschließt auf Antrag des Staatsanwalts, die Untersuchung zu genehmigen.

Dies bedeutet, dass der Staatsanwalt, wenn er den Antrag eines Staates auf Aufschub erhält und davon überzeugt ist, dass glaubwürdige Ermittlungen stattfinden, jede Untersuchung gegen diese Personen aufschiebt. Wenn der Staatsanwalt nicht von den Forderungen des Staates überzeugt ist, kann er eine gerichtliche Genehmigung einholen, um die Untersuchung fortzusetzen.

Die Kernbotschaft dieser Delegationen und von Präsident Ghani war, dass die afghanische Regierung bereit ist, die mutmaßlichen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu untersuchen, aber Zeit braucht, um ihre nationalen Kapazitäten aufzubauen. Ziel war es, den Staatsanwalt des IStGH davon zu überzeugen, keine Genehmigung bei der Untersuchungskammer einzuholen.

Um ihre nationalen Kapazitäten zu verbessern, hat die afghanische Regierung einige praktische Schritte unternommen, um ihre Absicht zur Verfolgung von Kriegsverbrechen zu demonstrieren, indem sie beispielsweise Straftaten gemäß Artikel 5 in ihr überarbeitetes Strafgesetzbuch aufgenommen hat, das 2018 in Kraft trat. Die einrichtung der International Crimes Investigation Unit (ICIU) innerhalb der Struktur ihrer Generalstaatsanwaltschaft zur Untersuchung von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit und durch die Übersetzung in seine Landessprachen (Dari und Paschtu) und die Veröffentlichung im Amtsblatt im Jahr 2018.

Diese Schritte wurden als Argumente verwendet, um die Position der afghanischen Regierung zu verteidigen, dass sie ihren Untersuchungsverpflichtungen sowohl dem IStGH nachgekommen ist und nationales Recht, wie in seiner Erklärung widergespiegelt, die während der Berufungsverhandlungen beim IStGH im Dezember 2019 vorgelegt wurde. Dies sind zwar Schritte zu mehr Rechenschaftspflicht bei Kriegsverbrechen in Afghanistan, aber sie reichten aus mehreren Gründen nicht aus, um sie dem IStGH zu demonstrieren dass die Regierung bereit und in der Lage war, Ermittlungen aufzunehmen und strafrechtlich zu verfolgen.Erstens: Existiert das 2007 vom afghanischen Parlament verabschiedete und seit 2008 geltende „Amnestiegesetz“ immer noch.

Das Gesetz sieht diejenigen straflos vor, die seit 1978 Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben ( habe schon darüber berichtet), auch für solche Verbrechen, die angeblich nach dem 1. Mai 2003 begangen wurden und unter die zeitliche Zuständigkeit des IStGH fallen. Ähnliche Bedenken hinsichtlich der Straflosigkeit wurden im Zusammenhang mit der Initiative zur Freilassung von Taliban-Gefangenen im Zusammenhang mit den laufenden Friedensbemühungen geäußert.

Zweitens: Dies ist das erste Mal in der Geschichte, dass diese Bestimmungen (ein Aufschubantrag) der IStGH-Kernrechtsdokumente verwendet wurden. Daher gibt es keine offiziellen Leitlinien oder Interpretationen. Eine eingehende Prüfung dieser Bestimmungen zeigt jedoch, dass der Staatsanwalt den Antrag der afghanischen Regierung auf der Grundlage der sogenannten „Komplementaritätsschwellen“ prüfen muss, wobei das Gericht die Fähigkeit und Bereitschaft eines Staates beurteilt, die am meisten verantwortlichen Personen zu untersuchen Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Sinne von Artikel 5 des Statuts.

Die Staatsanwaltschaft muss dies auf der Grundlage der vom Staat vorgelegten Beweise beurteilen, die sie auch überprüfen müsste, ob sie echt sind. Die „verantwortungsvollsten Personen“ könnten diejenigen sein, die eine Schlüsselrolle bei der Politikgestaltung und der Anordnung oder Verurteilung der mutmaßlichen Verbrechen gespielt haben. Während des Prüfungsverfahrens könnte die Staatsanwaltschaft prüfen, ob die von der afghanischen Regierung vorgelegten Fälle gegen die „verantwortungsvollsten“ Täter gerichtet sind, die ihre Ermittlungen implizieren könnten, und ob die Verdächtigen auf die Begehung derselben Art von Verhalten untersucht werden, die sie tun würde wahrscheinliches Ziel. Daher erwähnte die Staatsanwaltschaft in ihrer Mitteilung vom 15. April, dass sie nach Erhalt der versprochenen Informationen und unterstützenden Materialien entscheiden wird, ob diese Materialien den „Umfang“ ihrer Untersuchung beeinflusst oder nicht.Bevor die Staatsanwaltschaft des IStGH 2017 ihren Antrag bei der Vorverfahrenskammer auf Genehmigung einer Untersuchung in Afghanistan einreichte, übermittelte die afghanische Regierung der Staatsanwaltschaft Einzelheiten zu 15 Fällen.

Die Fälle, die von afghanischen Institutionen untersucht wurden, betrafen Verbrechen afghanischer Soldaten, Mitglieder des Haqqani-Netzwerks (habe im November schon darüber berichtet) und Mitglieder von Milizgruppen. Mit Ausnahme von Anas Haqqani und Hafez al-Rashid, zwei hochrangigen Mitgliedern des Haqqani-Netzwerks, die 2019 bei einem Gefangenentausch freigelassen wurden, waren die anderen Täter unauffällige Personen, und ihre kriminellen Handlungen stellten keine Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar.

Andere Versuche, das Gericht mit seinen Straßanträge aufzuschieben.

Dies ist nicht das erste Mal, dass die afghanische Regierung versucht, die IStGH-Untersuchungen in Afghanistan zu verhindern. Seit ihrer ersten direkten Kommunikation mit dem IStGH im Jahr 2016 hat die afghanische Regierung immer erklärt, dass die Gerechtigkeit der Opfer von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Zusammenhang mit den Afghanistan-Konflikten Teil ihrer innenpolitischen Agenda ist. Bevor der Staatsanwalt in Den Haag die Erlaubnis der Vorverfahrenskammer einholte, im November 2017 eine Untersuchung einzuleiten, entsandte die afghanische Regierung mindestens vier Delegationen, um IStGH-Beamte persönlich zu treffen. Präsident Ashraf Ghani traf Fatou Bensouda zweimal, auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2017 und auf der UN Generalversammlung in New York im September 2017.

Die Kernbotschaft dieser Delegationen und von Präsident Ghani war, dass die afghanische Regierung bereit war, die mutmaßlichen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu untersuchen, aber Zeit brauchte, um ihre nationalen Kapazitäten aufzubauen. Ziel war es, den Staatsanwalt des IStGH davon zu überzeugen, keine Genehmigung bei der Untersuchungskammer einzuholen. Deßweiteren verfügt die International Crimes Investigation Unit der afghanischen Regierung, die mit der Untersuchung von Kriegsverbrechen beauftragt war, über sehr begrenzte Kapazitäten in Bezug auf Quantität und Qualität. Die 22 Mitarbeiter haben fast keine Berufserfahrung im internationalen Strafrecht oder in der Dokumentation internationaler Verbrechen, einem hochspezialisierten und komplexen Rechtsgebiet. Die Einheit hat noch keinen Fall vor einem Gericht eingereicht. Auch wurde noch keine Maßnahemen ergriffen ein Gericht zu autorisieren, an das diese Einheit ihre Fälle vorbringen kann.

Zum nächsten erfordert die Untersuchung von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit Schutzmechanismen für Opfer und Zeugen, die auch noch von keinem afghanischen Gesetz vorgesehen sind. Angesichts der gegenwärtigen politischen Turbulenzen in Afghanistan wäre es realistisch für die afghanische Regierung eine Herausforderung, die politische Stärke zu haben, frühere oder derzeitige Beamte auf höchster Ebene zu verfolgen, die möglicherweise die Verantwortung auf Befehlsebene für Kriegsverbrechen tragen.

Was die Anfrage an den IStGH nicht abdeckt.

Unter den 151 Fällen, die die afghanische Regierung in ihrem Aufschubantrag dargelegt hat, deckt keiner die mutmaßlichen Verbrechen ab, die den Streitkräften der Vereinigten Staaten oder ihrer Central Intelligence Agency (CIA) im Antrag der IStGH Staatsanwaltschaft auf eigene Ermittlungen zugeschrieben wurden. Die afghanische Regierung hat mit den USA, der NATO und anderen ausländischen Regierungen Abkommen über den Status der Streitkräfte unterzeichnet, die ihnen das ausschließliche Recht einräumen, ihre eigenen Soldaten zu verfolgen (Text des Abkommens mit der NATO, Artikel 11 werde ich noch schreiben).Nach einer zehnjährigen Voruntersuchung wurde der Antrag der Staatsanwaltschaft in Den Haag im November 2017 bei der Vorverfahrenskammer und im Dezember 2019 bei der Berufungskammer eingereicht. Auf der Grundlage dieser Inhalte ermächtigten die Richter der Berufungskammer sie, eine Untersuchung in Afghanistan einzuleiten. In dem Antrag wurden die US-Streitkräfte und die CIA sowie die Taliban und ihre angegliederte Gruppe (das Haqqani-Netzwerk) und die afghanischen nationalen Sicherheitskräfte, insbesondere die NDS, als die wichtigsten mutmaßlichen Gruppen bei der Begehung von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschheit genannt.

In Aktennummer 187 des Antrags heißt es:

Die verfügbaren Informationen bieten eine vernünftige Grundlage für die Annahme, dass Angehörige der US-Streitkräfte in der Zeit seit dem 1. Mai 2003 Kriegsverbrechen wie Folter und grausame Behandlung, Verbrechen gegen die persönliche Würde sowie Vergewaltigung und andere Formen begangen haben sexueller Gewalt. In der Zeit seit dem 1. Juli 2002 haben Mitglieder der CIA die Kriegsverbrechen der Folter und grausamen Behandlung begangen; Verbrechen über die persönliche Würde; und Vergewaltigung und andere Formen sexueller Gewalt. (Anm.: Zusammenfassung)

Aufgrund dieser Anschuldigungen nahmen die USA eine feindliche Position gegenüber hochrangigen IStGH Mitarbeitern ein, einschließlich der Staatsanwaltschaft und der Richter. Die USA argumentierten, dass der IStGH nicht für US-Bürger zuständig sei, da die USA das Römische Statut nicht unterzeichnet hätten. Der Staatsanwalt in Den Haag argumentierte, dass der IStGH zuständig sei, da die US-Bürger Kriegsverbrechen auf dem Territorium Afghanistans begangen hätten, das Vertragsstaat des IStGH ist. Da die USA jedoch jegliche Zuständigkeit des IStGH für ihre Bürger ablehnen, haben sie beim IStGH keinen Antrag auf Aufschub gestellt. Der Antrag der afghanischen Regierung deckt keine mutmaßlichen Fälle ab, die US-Bürgern zugeschrieben werden. Daher wird die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen in Fällen fortsetzen, die Angehörige der CIA und der US-Streitkräfte betreffen.

In der Anfrage der afghanischen Regierung werden keine Verbrechen der Hezb-e Islami unter der Führung von Gulbuddin Hekmatyar oder Al-Qaida erwähnt, die beide seit dem 1. Mai 2003 als am afghanischen Konflikt beteiligte Gruppen genannt werden. Hekmatyar und die afghanische Regierung haben 2017 Frieden geschlossen, im selben Jahr, als die IStGH Staatsanwaltschaft ihren Antrag einreichte. Seitdem wurden ihm oder seiner Partei keine Verbrechen zugeschrieben. Die Staatsanwaltschaft in Den Haag stellte in ihrem Antrag klar, dass diese Gruppen derzeit nicht im Mittelpunkt ihrer Ermittlungen stehe. Der Umfang ihrer Untersuchung ist jedoch im Allgemeinen nicht begrenzt. Wenn sie während ihrer Ermittlungen Beweise dafür findet, dass eine dieser Gruppen Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen hat, die so schwerwiegend sind, wie es der IStGH im Zusammenhang mit anderen Parteien im Krieg nach 2003 angestrebt hat, kann sie gegen Mitglieder dieser Gruppen ermitteln.

Die Staatsanwaltschaft sagt auch, dass der IS derzeit kein Schwerpunkt ihrer Ermittlungen ist, obwohl der Antrag der afghanischen Regierung auf Aufschub sieben Fälle gegen Mitglieder der IS umfasst. Seit 2017 hat der IS jedoch die Verantwortung für viele Angriffe gegen Zivilisten übernommen, insbesondere gegen Mitglieder der Sikh- und Schiitengemeinschaften. Der jüngste Angriff erfolgte am 25. März 2020 gegen einen Sikh-Tempel in Kabul, bei dem 26 Menschen starben. Als Reaktion auf den Angriff gab die afghanische Regierung am 4. April 2020 bekannt, dass der IS – Führer Mawlawi Abdullah Orakzai und 19 Mitglieder seiner Führung in der Provinz Kandahar festgenommen wurden. Bisher wurden keine Nachrichten über die Ermittlungen gegen sie gemeldet.

Nachdem der Inlandsgeheimdienst die Verhaftung von Orakzai veröffentlicht hatte, rief das pakistanische Außenministerium den afghanischen Botschafter Atif Mashal nach Pakistan. Durch ihn bat Pakistan Afghanistan, Orakzai zur „weiteren Untersuchung“ an Pakistan auszuliefern. Der Antrag wurde von der afghanischen Regierung am 11. April 2020 abgelehnt. Laut der Erklärung des pakistanischen Außenministeriums war Orakzai „an Aktivitäten gegen Pakistan in Afghanistan beteiligt“. Orakzai besitzt die pakistanische Staatsbürgerschaft, aber als Führer des IS hat er Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit auf afghanischem Boden begangen. Nach internationalem Recht, einschließlich des Römischen Statuts und afghanischen Gesetzen einschließlich des afghanischen Strafgesetzbuchs, fällt die Untersuchung von Verbrechen auf afghanischem Boden unter die Zuständigkeit der afghanischen Staatsanwaltschaft und Justiz.

Was passiert als nächstes

Die Chefanklägerin Fatou Bensouda betonte in ihrer Mitteilung an die Vorverfahrenskammer, dass sie bis zum 12. Juni 2020 warten werde, um weitere Informationen von der afghanischen Regierung zu erhalten, und dann „nur prüfen könne, ob die Informationen auch Auswirkungen auf eigene beabsichtigte Untersuchungen habe oder nicht“. Sie fügte hinzu, dass zu diesem Zeitpunkt und aufgrund des Ausbruchs von Covid-19 ihre Ermittlungen ausgesetzt sind und sie „keine aktiven Ermittlungsmaßnahmen in Bezug auf den Umfang der Anfrage der afghanischen Regierung ergreife“.

Die afghanische Regierung muss bis zum 12. Juni viel beweisen, um glaubwürdige Ermittlungen gegen Kriegsverbrechen gegen Einzelpersonen auf höchster Ebene zu beweisen, die die Notwendigkeit einer Untersuchung des IStGH zunichte machen könnten. Wenn die darin enthaltenen Informationen nicht ausreichen, um die Staatsanwaltschaft zu überzeugen, wird sie die Genehmigung der Vorverfahrenskammer einholen, um ihre Ermittlungen fortzusetzen. In dieser Situation haben beide Parteien (der Staatsanwalt und die afghanische Regierung) das Recht, gegen jede Entscheidung der Richter Berufung einzulegen. Wenn die Staatsanwaltschaft jedoch überzeugt ist, wird sie die Untersuchung der einschlägigen Fälle gemäß Artikel 18 Absatz 3 verschieben, der „sechs Monate nach dem Datum der Stundung oder zu einem beliebigen Zeitpunkt, zu dem es stattgefunden hat, von der Staatsanwaltschaft überprüft werden kann wesentliche Änderung der Umstände aufgrund der mangelnden Bereitschaft oder Unfähigkeit des Staates, die Untersuchung tatsächlich durchzuführen.“

Da der Aufschubantrag eines Staates auf bestimmte Fälle beschränkt ist, die den gezielten Fällen des Staatsanwalts ähneln könnten, könnte der Staatsanwalt die Fälle untersuchen, die der Antrag der afghanischen Regierung nicht abdeckt. Selbst wenn die afghanische Regierung dieses Argument gewinnt, was schon eine Herausforderung darstellt, ist es für die afghanische Regierung wahrscheinlich zu spät, die gesamte IStGH Untersuchung in Afghanistan zu verhindern.

Nila Khalil, Den Haag 20. Mai 2020

Die buddhistischen Statuen im Bamiyan Tal

Autorin Nila Khalil

Die tragische Geschichte von den einzigartigen buddhistischen Statuen in Bamiyan Tal Die Buddha-Statuen von Bamiyan waren einst die größten stehenden Buddha-Statuen der Welt. Sie befanden sich bis zur Zerstörung durch die Taliban im März 2001 im 2500 Meter hoch gelegenen Tal von Bamiyan, das sich im Zentrum von Afghanistan befindet und von der UNESCO als Weltkulturerbe gelistet ist.

Der Tag an dem die Seele starb, war am 12. März 2001, da sprengten die Taliban auf Anordnung von Mullah Omar, Anführer der Taliban und damaliger de facto Staatschef Afghanistans, die Buddha-Statuen von Bamiyan in die Luft. Zuvor hatten die Taliban über nahezu einen Monat erfolglos versucht, die Buddhas durch Beschuss mit Panzern, Geschützen und Raketen zu zerstören. Die beiden größten und bekanntesten dieser Statuen waren 53 bzw. 35 m hoch. Daneben waren eine ganze Reihe von weiteren, kleineren Buddha-Statuen in die dortigen Felsklippen eingearbeitet.

Sie waren historische Zeugnisse einer dort etwa vom 3. bis zum 10. Jahrhundert praktizierten, und in ihrer Art einzigartigen buddhistischen Kunst. Es gibt Bestrebungen, die Statuen wieder aufzubauen. Hierzu wurden auch Hilfsgelder zugesichert, ohne dass jedoch ein konkreter Beschluss gefasst wurde. Da die Taliban seit Jahren wieder auf dem Vormarsch sind, ist mit einem Wiederaufbau in naher Zukunft nicht mehr zurechnen. Wie kamen die Buddhas ins Bamiyan-Tal? Durch die Geostrategischelage von Bamiyan an einer der Haupthandelsrouten vom Nahen Osten nach China und Indien hatte das Tal bereits in der Antike eine große Bedeutung.

Die Handelskarawanen trugen sowohl zum kulturellen als auch zum materiellen Wohlstand der Region bei, der den Bau der riesigen Statuen erst ermöglichte. Entlang dieser Handelsstraßen waren in Zentralasien eine Reihe unterschiedlich großer Siedlungen entstanden. Unter der Herrschaft der Kuschana-Dynastie festigte sich der Buddhismus langsam in der Region. Zwischen dem 2. und 4. Jahrhundert n. Chr. entstanden dort eine Reihe von buddhistischen Stupas, Tempel und Klosterstätten. Im Bamiyan-Tal war eines der größeren Kloster- und Tempelanlagen und beherbergte im 6. Jahrhundert mehrere tausend buddhistische Mönche.

Der Zeitpunkt, an dem in Bamiyan der Buddhismus einzog, wird zwischen dem 2. und 4. Jahrhundert n. Chr. angenommen. Im 8. Jahrhundert geriet Bamiyan unter islamische Herrschaft. Dennoch konnte sich der Buddhismus noch etwa zwei Jahrhunderte in dieser Region halten. In der Felswand, aus der die großen Statuen herausgearbeitet worden waren, befanden sich auch aus dem Fels gegrabene Höhlen, in denen die Mönche wohnten, und Gebetshallen mit reichhaltigen Wandmalereien. Rund um die Figuren wurden Gänge und Galerien geschaffen.

Ein japanisches Archäologen-Team schätzte die Zahl der Wohnhöhlen auf rund 900. Terror macht selbst vor Kunst und Kultur nicht Halt. Mit der Verdrängung des Buddhismus durch den Islam verloren die Statuen an Bedeutung und wurden zum Ziel von Zerstörungen, da die Darstellung menschlicher Figuren nicht erwünscht waren. So verloren die Statuen zuerst ihren Schmuck, dann die Gesichter und Hände. Die Statuen wurden in den letzten Jahrhunderte mehrfach beschädigt. Insbesondere die Geschlechtsteile der Skulpturen sollen Ende des 19. Jahrhunderts auf Befehl von Abdur Rahman Khan mit Artillerie beschossen worden sein, als seine Truppen im Rahmen der Feldzüge in Hazarajat einmarschierten.

1824 wurde Bamiyan von den ersten Europäern besucht. Der deutsche Oberleutnant Oskar von Niedermayer, fertigte 1916 die ersten beiden Lichtbilder der Statuen an. Für seine Verdienste bei seiner Nahost Expedition wurde von Niedermayer am 5. September 1916 mit der Verleihung des Ritterkreuzes in den Militär-Max-Joseph-Orden aufgenommen. Damit verbunden war die Erhebung in den persönlichen Adel und er durfte sich ab diesem Zeitpunkt Ritter von Niedermayer nennen. 1930 begannen französische Archäologen mit Forschungs- und Freilegungsarbeiten sowie Notsicherungen, um dem Verfall der Statuen entgegen zu wirken.

Mitte Juni 1938 besuchte der deutsche Schriftsteller Hans-Hasso von Veltheim das Bamiyan-Tal und veröffentlichte 1951 in seinen „Tagebüchern aus Asien“ einen ausführlichen Bericht über jene Anlage. Von Veltheim fand die Gesichter der beiden Buddhas bis zur Oberlippe abgehauen vor und vermutete aufgrund der sorgfältigen Bearbeitung, dass buddhistische Gläubige selbst beim Ansturm der Horden von Dschingis Khan, im Jahre 1222, die Gesichter entfernt haben könnten, um die verehrten Statuen nur verstümmelt in die Hände der Mongolen fallen zu lassen.

Die Zeit der Kriege und Terror Vor dem Einmarsch der Roten Armee in Afghanistan, im Jahre 1979, war Bamiyan ein Touristenziel aus aller Welt. Während der folgenden Kriege war das Plateau oberhalb der bis zu 100 Meter hohen Felswand mit den Statuen ein immer wieder umkämpfter strategisch wichtiger Ort, von dem aus das südlich gelegene Tal kontrolliert werden konnte. So befanden sich dort nacheinander Stellungen der sowjetischen Truppen, der Mudschahedin und schließlich der Taliban. Die Höhlen wurden als Munitionsdepots verwendet.

Im September 1998 zerstörten die Taliban den bis dahin noch vorhandenen Teil des Kopfes des kleineren Buddha. Dabei wurden die darüber befindlichen Reste an Wandmalereien ebenfalls weitgehend zerstört. Am 12. März 2001 sprengten Taliban-Milizen auf Anordnung von Mullah Mohammed Omar die Statuen. Zusätzlich zu den beiden großen Statuen wurden auch eine der kleineren, sitzenden Buddha-Statuen und die etwa 10 Meter hohe Statue im benachbarten Kakrak-Tal gesprengt. Für die Zerstörung der Statuen brauchten die Taliban vier Tage. Dieser Akt wurde als ein performativer Ikonoklasmus gedeutet, der sich letztlich auch gegen das als westlich wahrgenommene Konzept des Kulturerbes gerichtet habe. Die Zerstörung konnte trotz vielfältiger Interventionen der UNO, westlichen- und islamischen Regierungen nicht verhindert werden. Neben den Statuen von Bamiyan wurden auch fast alle buddhistischen Ausstellungsstücke des Museums in Kabul zerstört, die einen unwiederbringlichen Schatz an buddhistischer Kunst darstellten.

Tausendjährige Spurensuche nach Taliban

Mit den ISAF Einsatz der US geführten Militär Allianz, konnte ein Team von Archäologen unter der Leitung von Professor Zemaryalai Tarzi, von der Universität Kabul, der in den 1970er-Jahren die Statuen inklusive deren Fresken umfangreich restauriert hatte, im Jahr 2002 mit Ausgrabungen im Bamiyan-Tal wieder begonnen werden. Den vermuteten dritten großen Buddha zu finden, war ebenfalls ein Ziel dieses Projekts. Die Archäologen stützten sich bei ihrer Suche auf die Überlieferung Xuanzangs, nach der sich dieser Buddha innerhalb der Mauern eines östlich der Stadt Bamiyan gelegenen buddhistischen Mönchsklosters befinden sollte. Im Jahr 2006 war sich Tarzi nach an mehreren Orten durchgeführten Ausgrabungen sicher, das richtige Kloster in einer Entfernung von etwa 1,5 Kilometern gefunden zu haben. Aufgrund der Größe dieses Tempelkomplexes mahnte er allerdings zu Geduld. Die Ausgrabungen würden weiter fortgesetzt werden.

Mitte 2008 wurde der Fund einer weiteren Statue, nämlich einer 19 Meter großen Darstellung eines schlafenden Buddhas, bekanntgegeben. Die meisten Teile dieser Statue waren jedoch praktisch nicht mehr vorhanden, während deren Hals, Schultern, Teile des rechten Armes und deren Kopfkissen gefunden werden konnte. Während die Suche nach dem 300 Meter großen Buddha im Jahr 2009 weiter im Gange war, hatten die Archäologen bereits mehrere Klosterstätten freigelegt und außerdem auch Ausgrabungsarbeiten bei der großen Stupa Bamiyans durchgeführt. Neben Tarzis Team führen auch japanische Archäologen Ausgrabungen im Bamiyan-Tal durch. Die Angst vor einem Kollateralschaden Mit dem Abzug der US und Nato Truppen ab 2021 wächst die Angst vor einem archäologischen Kollateralschaden durch die blinde Wut der Taliban. Was die Gotteskrieger 2001 schon einmal schafften zu zerstören, wird diese wohl kaum davon abhalten 20 Jahre archäologische Arbeit und Forschung binnen Tage zu zerstören.

Nila Khalil, Den Haag, 22. Oktober 2020

Schönste Pilotin der Welt

Autorin Nila Khalil

„Schönste Pilotin der Welt“ oder „Weibliches Top Gun“,
schrieben einst einige Zeitungen über Niloofar Rahmani.


Sie war das Symbol der neuen starken Frauen in Afghanistans, die dem Terror Widerstand leistete und sollte der Beweis für die neue Freiheit für Frauen nach den Taliban sein.
Niloofar bekam und bekommt Todesdrohungen seitens der Taliban, aber auch aus der eigener Familie. Mit ihrer unkonventionellen Arbeit beschäme sie schließlich die Familie.

Niloofar ist die erste Luftwaffenpilotin seit Jahrzehntenin Afghanistan, sie war Covergirl und Hoffnungsträgerin zugleich. 2016 beantragte Niloofar Asyl in den USA und musste sich in Afghanistan als Verräterin beschimpfen lassen.
Die afghanische Regierung reagierte heftig auf Niloofars Asylantrag. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums,
Mohammed Radmanisch, sagte damals, Rahmani habe die Drohungen gegen sie nur erfunden, um Asyl beantragen zu
können. „Hätte sie wirklich Probleme gehabt, hätte sie sich bei zahlreichen Stellen beschweren können. Rahmani sei eine Schande für Afghanistan. Ein Offizier müsse Tapferkeit im Angesicht des Feindes zeigen und dürfe nicht davon rennen.


Schon als Kind wollte Niloofar Pilotin werden wollen, es sei ihr großer Traum gewesen. Ihre Vorbilder seien zwei Hubschrauberpilotinnen, die es während der Sowjetzeit in Afghanistan gab. Die Eltern unterstützten Niloofar immer,
auch als Unbekannte Niloofar Bruder angegriffen hatten. Die Familie musste seither mehrmals umziehen, um sich zu schützen.


2017 verlieh ihr das US –
Außenministerium den Courageous Women Award. Mich
elle Obama hielt die Rede und sagte, Niloofar Rahimi fliege weiter, trotz der Drohungen der Taliban und aus ihrer Familie.
In den sozialen Medien wurde Rahmanis Motive emotional diskutiert. Die Frauenrechtlerin Waschma Frogh, die ein Jahr als Beraterin im afghanischen Verteidigungsministerium gearbeitet hatte, sagte, der Fall sollte endlich eine nationale Debatte über die Behandlung von Frauen in den Streitkräften auslösen.

Auch der Journalist Bilal Sarwary schrieb 2017: Das Land habe diese Frau wie auch vi
ele andere im Stich gelassen.
Von vielen Afghanen wurde Rahmani angesichts der instabilen Politischen Lage im Land entweder Deserteurin oder Feigling genannt.

Wo für?

Autorin Nila Khalil

Zwanzig Jahren versuchte man in Afghanistan Frieden und Stabilität zu bekommen.
Zwanzig Jahre wurde gegen einen Terror gekämpft, der feige und menschenverachtend ist.
Wo für?

Zwanzig Jahre wurde unglaublich viel Geld in Infrastruktur investiert um dem Volk von Afghanistan ein Leben zurück zur Normalität zu geben.
Zwanzig Jahre wurde gegen jede Entwicklung dieses Landes Terror betrieben. Ob nun Ingenieure aus Schweden für ein ausreichendes Stomnetz sorgen oder Menschenrechtler.
Der Terror macht vor Kinder, Frauen, ältere Männer  – ja, vor dem ganzen Volk keinen Halt. Ein Volk, dass den islamischen Glauben hat, wird von Terroristen gegängelt, entführt, vergewaltigt und ermordet, die im „Glauben“ des Islams handeln.
Wo für?

Zurück zum Anfang

Knapp vier Wochen nach den Terroranschlag von New York und Washington, im September 2001, hatten die USA und Großbritannien mit dem Militärschlag gegen das Taliban-Regime in Afghanistan begonnen und dabei mehrere Städte attackiert. Es wurde mit Kanon auf Spatzen geschossen.

Der damalige US-Präsident George W. Bush sagte kurz nach Beginn der Militärschläge, er habe der Taliban- Führung vor Wochen mehrere Forderungen gestellt und keine sei erfüllt worden. Nun müssten die Taliban die Konsequenzen tragen – die Konsequenzen trugen und ertrugen ausschließen das Volk.

Wenige Minuten nach den Angriffen der alliierten Militärs hatte der Fernsehsender „El Dschasira“ ein Video mit einem Statement von Osama Bin Laden gezeigt, in dem Bin Laden zum Heilige Krieg gegen die Juden und Christen aufrief.

Der islamische Terror kam nach Europa und es wurden Menschen in Rom, Barcelona, Madrid, London und Paris Opfer von einem „Glauben“ der mit einer friedlichen Religion sehr wenig zu tun hat, und dies nicht nur mit Bomben und Gewehre, auch mit Milzbrand!
Die meisten Opfer von Bomben und Gewehren dieses islamischen Terrors waren und sind Muslime.
Für was?

UN-Konferenz in Deutschland

Während in Afghanistan weiter Bombe fallen wird Ende November 2001 die UN-Konferenz zur Zukunft Afghanistans auf dem Petersberg bei Bonn einberufen.
Repräsentanten möglichst vieler ethnischer Gruppen Afghanistans waren bei dieser Konferenz anwesend und man versuchte unter hochdruck Frieden in Afghanistan zu erreichen
Es zeichte sich damals schon ab, dass es doch sehr große Defizite zwischen der Interimsregierung unter dem Paschtunenführer Hamid Karsai, anderen Volksgruppen und der Nordallianz gibt.

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hatte kurz vor Weihnachten in New York die Resolution zur Entsendung einer multinationalen Schutztruppe für Afghanistan verabschiedet.
Eine Schutztruppe sollte auf der Basis der Petersberger Vereinbarungen zunächst für sechs Monate die afghanische Übergangsregierung bei der Gewährleistung der Sicherheit in Kabul und Umgebung unterstützen. Nach dieser Resolution ist die Schutztruppe auch zur Waffengewalt gegen Eigenschutz, der Übergangsregierung und der Bevölkerung ermächtigt.

Das Katz und Mausspiel – wobei niemand weiß wer die Katze ist.

Bereits seit 2001 unterhält die CIA eine Abteilung die zur Terrorismusbekämpfung in Afghanistan operiert und die parallel und getrennt zum Einsatz des US-Militärs agiert. Die CIA rekrutiert mit diesem Ableger afghanische Paramilitärs und
rüstet dieses auf um diese Gruppen gegen Al-Qaida- und Tabilan-Kämpfer einzusetzen.

Am 4. September 2009 wurde ein Luftangriff auf zwei entführte Tanklaster bei Kundus ausgeführt, deren Einsatz ein deutscher Obest befehligte und bei dem es mehrere getötete Zivilisten gab. In Deutschland kochte dieser Vorfall über und es wurde eine politische Schlammschlacht geführt.

Die afghanische Einheiten, die vom der CIA unterstützt werden, haben standrechtliche Hinrichtungen und andere schwere Menschenrechtsverletzungen verübt und wurden bis heute nicht für diese Kriegsverbrechen zur Rechenschaft gezogen.

In dem Human Right Watch Bericht vom Oktober 2019 steht in dem 53-seitige Bericht: „They’ve Shot Many Like This“, * dass alleine im Zeitraum von Ende 2017 bis Mitte 2019 14 Fälle von Menschenrechtsverletzungen dieser paramilitärischen Kampftruppen vorliegen.

Auszug aus der Stellungnahme der CIA vom 30. Oktober 2019

„Die Grausamkeit der Taliban und die gezielte Tötung von Zivilisten sind die Hauptursachen für das anhaltende
Leidens. Seit vielen Jahren haben wohlmeinende Journalisten und Nichtregierungsorganisationen über angebliche Übergriffe der afghanischen Streitkräfte berichtet.
Der CIA wurde keine Zeit zur Verfügung gestellt um die einzelnen Anschuldigungen in diesem Bericht zu untersuchen, und eine bestimmte Rolle in den Antiterroroperationen der afghanischen Regierung zu bestätigen oder zu dementieren können. Wir können mit einiger Sicherheit sagen, dass viele, wenn nicht sogar alle, der gegen die afghanischen Streitkräfte vorgebrachten Behauptungen wahrscheinlich falsch
oder übertrieben sind.“

Die Bilanz von 20 Jahren Bemühungen für Frieden sind erschreckend.

Nun ziehen sich die Alliierten Truppen von dem ISAF Einsatz aus Afghanistan zurück und haben in Zwanzig Jahren Stabilisierung für Frieden nichts erreicht.  Im Gegenteil.
Der Allgegenwärtige Terror in Afghanistan kostet täglich bis zu 50 Menschen das Leben.
3.596 Soldaten sind in 20 Jahren Friedenssichernden Krieg gefallen. Wo für?
Allein von 2009 bis 2020 wurden in Afghanistan 36928 Zivilisten durch Terror getötet. Im gleichen Zeitraum wurden 72334 Menschen verletzt.
Hunderttausende wurden Obdachlos oder sind im Land auf der Flucht vor dem Terror.
Wo für?

Afghanistan zählt nach über 40 Jahren Kreig zu den ärmsten Länder der Welt und Hilfe der Vereinten Nationen für die Menschen wird immer weniger. Hunger, Armut und Obdachlosigkeit haben schon lange überhand genommen und es wird täglich schlimmer.
Afghanistan wird niemals zur Ruhe kommen, solange es die Taliban gibt.
Mit dem Abzug der ISAF Truppen ist nun jede Hoffnung auf Frieden verloren gegangen.
Die Zukunft für Afghanistan wird schwarz.

Nila Khalil, Den Haag, 3. Juli 2021

Meine Flucht aus Afghanistan

Mein Name ist Nila.
Ich wurde 1980 in Afghanistan geboren. Als der Krieg der Sowjets bereits 10 Jahre dauerte und die Lebensverhältnisse immer schlechter wurden, bin ich im Frühjahr 1990 mit Verwandten, ohne meine Eltern, sie hatten das Geld für ihre Flucht nicht, nach Deutschland geflohen.
Die Flucht ging über den Iran, Türkei, Bulgarien, Rumänien, Österreich bis schließlich nach Deutschland.


Ich erlebte als Kind Tod, Gewalt, Hass, Hunger und Angst.
Zu Beginn unserer Flucht trat mein Cousin auf eine Landmine und wurde buchstäblich wenige Meter neben mir zerfetzt.
Der Krieg und aufkommende Terror der links und rechts von uns tobte, ließ uns nur Nachts wandern. Die Gefahr aufgegriffen zu werden, war zu groß.

Flüchtigslager im Iran

Im Iran lebten wir zwei Wochen in einem Flüchtigslager mit vielen anderen Afghanen. Zu viel Gewalt und zu wenig Toiletten war eine unerträglich Situation. Mein Onkel beschloss, dass es keine Sinn machen würde im Iran auf irgend eine Besserung zu warten. Ein Fahrer mit einem Pickup sollte unsere kleine siebenköpfige Gruppe an die Grenze der Türkei bringen. Nach wenigen Stunden ging das Auto „kaputt“ und wir mussten wieder laufen – heute weiß ich, es war Absicht von dem Fahrer, denn Geld bekam mein Onkel nicht mehr zurück.

Humanitäre Hilfe in der Türkei

In der Türkei bekamen wir in einer Einrichtung vom Roten Halbmond Lebensmittel und neue Kleider. Meine Tante, dessen Sohn auf die Landmine trat, bekam fürchterliche Bauchschmerzen und musste ins Krankenhaus. Die Blinddarm Operation musste mein Onkel bezahlen. Nach der zweiwöchigen Zwangspause ging es weiter nach Bulgarien. Mal mit dem Bus und wieder weite Strecken zu Fuß. Ich hatte überhaupt kein Zeitgefühl mehr. Schmerzen in den Beinen und Sonnenbrand auf der Haut.

In Bulgarien

In der Nähe von Sofa wurden wir in ein Gefängnis eingesperrt. Ein feuchtes Kellerloch beschreibt es besser. Mein Onkel bezahlte „Lösegeld“ und nach zwei Tagen wurden wir endlich entlassen.
Gingen wir durch Ortschaften,  wurden wir beschimpft oder sogar mit Steinen beworfen.
Also gingen wir wieder nur Nachts.

In Rumänien

Rumänien war 1990 das Armenhaus von Europa und das brutale Regime von Ceaușescu war noch überall spürbar. Am Tag hatten wir uns vor der Polizei und Bevölkerung versteckt und fast jede Nacht sind wir gelaufen. Immer auf der Hut vor der Polizei oder anderen Autos.

In Österreich

Im September sind wir in Österreich angekommen und ich musste völlig entkräftet und abgemagert in ein Spital. Ich hatte selbst zum weinen keine Kraft mehr. Ich konnte nicht mehr und wollte auch nicht mehr weiter.
Mein Onkel und seine Frau hatte in Afghanistan studiert und konnten mehrer Sprachen. Mit dem Behörden wurde verhandelt, dass wir nach Deutschland zu unseren Verwandten durften.
Unsere Verwandten die ich gar nicht kannte, kamen aus Stuttgart, Bochum und Oberhausen uns abholen.
Ich sollte zu Mila und Milad Faani  nach Stuttgart. Beide sind 1980 mit mitte 20 schon geflohen.
Als wir in Salzburg über die Grenze fuhren und Mila mir sagte, dass ich nun in Deutschland und in Sicherheit sei, fing ich an zu weinen.

In Stuttgart Wangen in der Nätherstraße begann mein neues Leben.

Am Nachmittag saßen alle im Haus bei Mila und Milad und sprachen sehr viel. Ich hörte den Gesprächen bei warmen Kakao und Käsekuchen zu. Vieles konnte ich damals nicht begreifen, oder wollte es auch nicht.
Die erste Nacht im eigenen Bett war für mich eine Wohltat. Mila schlief bei mir und hielt mich fest. „Ich bin nicht deine Mutter, werde aber mein Bestes geben. Dies verspreche ich dir.“
Mila hatte in Afghanistan BWL studiert und arbeitete seit 1981 bei Mercedes-Benz in der Verwaltung. Milad hatte Maschinenbau studiert und war bei Mercedes-Benz Vorarbeiter.
Milad hatte bei Mercedes als Fließbandarbeiter angefangen und Ende der 80er seinen Meisterbrief gemacht. Beide erzogen mich in einem freien, liberalen und weltoffen Denken, wofür ich ihnen heute noch sehr dankbar bin.
Mila und eine pensionierte Lehrerin aus der Nachbarschaft unterrichteten mich in deutsch. Ich musste eine völlig neue Schrift, Sprache und Kultur lernen. Im Frühjahr 1991 musste ich bei der Jugendbehörde einen Eignungstest machen, um festzustellen für welche Schule ich geeignet sei. Ich konnte auf die Realschule. Dort blieb ich auch und machte meine Mittlere Reife.
Nach der Schule lernte ich Bürokauffrau und arbeitete auch in diesem Beruf. Ich sparte Geld um meine Eltern nach Deutschland zu holen. Ich hatte bereits den deutschen Pass und wollte über die Familiezuführung dies erreichen.

Der Alptraum

Im Sommer 2005 kam ein Anruf aus Afghanistan und Milad wurde mitgeteilt, dass mein Vater bei einem Bombenanschlag ums Leben gekommen war. 12 Personen seien bei diesem Terroranschlag getötet worden. Die Leiche von meinem Vater sei bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Als mir Mila und Milad dies mitteilten, schrie und heulte ich: „Ich muss zurück nach Afghanistan! Ich muss!“ Alles reden von den beiden brachte nichts. Am nächsten Morgen rief ich meine Chefin an und sagte ihr von meinem Entschluss. Drei Tage später saß ich im Flugzeug auf dem Weg nach Kabul.

Raus aus dem Paradies, hinein in den Krieg.

Da stand ich nun mit meinen 25 Jahren in einem Land, dass nicht meine Heimat war.
Meine Mutter überlebte schwerst traumatisiert diesen Anschlag und ich kümmerte mich um sie so gut es unter den Umständen möglich war. Durch Zufall traf ich Shabnam, meine ehemalige Lehrerin, in der Stadt und sie hatte nach unserem Gespräch die absurde Idee, dass ich Lehrerin werden sollte. „Du bist ein kluges Mädchen und so etwas braucht diese Stadt.“ Mein Beruf war schon besiegelt ohne das ich gefragt wurde. Shabnam hatte Anfang der 70er in Deutschland Lehramt studiert und sie brachte mir all ihr Wissen bei.
So wurde ich im Herbst 2005 Lehrerin an einer Mädchenschule in dem Land, aus dem ich 15 Jahre zuvor geflohen war.

Von einer Freundin hörte ich von einem Frauenhaus in den Bergen zu Pakistan und fuhr eines Tages mit meinem alten Datsun dieses Haus suchen. Was ich vorfand war mehr ein großes Gebäude das irgendwie nach einem Haus aussah. Tristesse auf dem gesamten Gelände und Mädchen die durch Zwangsheirat traumatisiert waren, vegetierten vor sich hin. Der Leiterin des Frauenhauses erzählte ich von meiner Wunsch, den Mädchen und jungen Frauen etwas Bildung beizubringen. Svea war von der Idee begeistert und so fuhr ich alle zwei Wochen die fast 100 Kilometer zu dem Frauenhaus um den Mädchen die Grundformen von lesen und schreiben beizubringen.


Im Sommer 2006 wurde ich von meinen Lehrerkolleginnen als Direktorin der Schule einstimmig vorgeschlagen und so nahm ich die neuen Herausforderungen an.
Neben all dem pflegte ich noch meine Mutter und wusste oft nicht, wie ich überhaupt noch an sie ran kommen könnte. Sie war oft sehr apathisch und starrte ins Leere. Oft weinten wir zusammen und ich wusste keinen Rat mehr.
Im Herbst 2006 fand ich sie eines Morgens tot im Bett – sie hatte den Freitod gewählt. Nun war ich ganz alleine.
Mein Geld in einer Keksdose und den deutschen Pass vor mir auf dem Tisch, brachten mich zum zweifeln. Ich hatte das Privileg um in wenigen Stunden das Land verlassen zu können. Mein Verstand schrie: geh. Mein Herz sagte: bleib.
Ich hatte plötzlich eine Verantwortung die ich nie wollte. Ich hatte Kolleginnen die an mich glaubten. Ich unterrichtete Kinden in der Schule und im Frauenhaus, die an mich glaubten.

Die Zufälle im Leben

Im Frühjahr 2007 traf ich in meiner Stadt einen deutschen, der sich die Projekte von Deutschland anschauen wollte, die ab 1968 in Gardez gebaut wurden. Unter anderem auch meine Schule. Mit ihm, einem Kamerateam aus Australien und einer Journalistin aus den USA fuhr ich in das Frauenhaus in die Berge in der Nähe von Pakistan.
Er war der Mann, der den Stein ins rollen brachte. Seine Kontakte aus früheren Jahren in der Humanitären Hilfe in Kambodscha und Thailand waren der Grundstein für eine Hilfsorganisationen die in meinem Beisein in Istanbul gegründet wurde. In vier Tagen wurde etwas geschaffen, von dem ich nie zu träumen gewagt hätte. Ich wurde die Direktorin einer Stiftung, die sich um zwangsverheiratete und misshandelte Mädchen kümmert und von Anfang an über eine unglaubliche Summe Geld verfügte.

Durch Zufall trafen wir einen Major der US Armee im PRT ( Provincial Reconstruction Teams) Khost und in ihm fand ich und wir einen Menschen der an das Frauenhaus glaubte. Major Roger Juarez stellte Soldaten für uns ab, die halfen das Frauenhaus etwas bewohnbarer zu machen. Roger schickte zwei Militär Ärztinnen an das Frauenhaus und sorge auch dafür, dass dringende Operationen von den Mädchen im Camphospital durchgeführt wurden. Mit dem unglaublich vielen Geld der neuen Stiftung wurde ein Frauenhaus nach meinen Vorstellungen an einem geheimen Ort gebaut. Auch da war Roger der Chef und nach seinem Architekten Plan wurde das erste Frauenhaus unserer Stiftung quasi aus dem Boden gestampft. Wir wurden auf drängen von Roger auch vom PRT in Gardez mit sehr viel Hilfe unterstützt. Ich kann sagen, dass mir die US Armee in vielen vielen Bereichen tatkräftige Unterstützung gab und ich lernte Menschen und keine Soldaten kennen.


Im April 2007 wurde ich auf nicht gerade legalen Weg Mutter von einem 12-jährigen Mädchen. Mit ihr hatte ich viele Probleme durch ihre traumatische Erlebnisse.

Die ersten Schritte in die Politik

Ab 2010 ging es für mich in die Lokalpolitik. Ich wollte mich nie politisch engagieren, sah aber ein, dass ich diesen Schritt gehen musste um voran zukommen.
Mit einem jungen und engagierten Team in der Schule in Gardez ging es nun auch auf politischer Ebene voran.
Wir wurden als die Speerspitze der neuen Frauenbewegung in Afghanistan gesehen. Schnell sprach sich in den Kreise von Dr. Sima Samar herum, was wir bewegten. Sima brachte mich zu UNAMA und plötzlich war ich bei der größten Institution der Welt: der UN.
Ich schaffte mich vom einfachen Mitglied der UNAMA hoch bis zur Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen in Genf.
Als ehemaliges Flüchtlingskind zur Bürokauffrau und dann Lehrerin bis hin zur Menschenrechtlerin ist ein Weg, den ich nie zu träumen gewagt hätte. Durch meinen Ehrgeiz und mein Auftreten selbst vor der Regierung in Afghanistan machte ich mir nicht nur Freunde. Es war zum Teil Lebensgefährlich was ich tat. So entschloss ich mich der Vernunft zu beugen und wurde bei Veranstaltungen oder Fahrten zu anderen Terminen von einem Bodyguard begleitet.


Neben meinem Bodyguard gehörte die Beschusshemmende Weste zum Alltag wie der Lippenstift oder die High Heels.
Da ich nun eine Tochter hatte, wurde ich von meinen Team aus der Schusslinie geholt und war nur noch bei Veranstaltungen die räumlich gesichert wurden.

Mein Auto, August 2016

Der Terror kam sehr nah

Im August 2016 wurde ich zum Ziel der Taliban. Mein Fahrer fuhr in einen Hinterhalt der Taliban und wenn ich kein gepanzertes Auto gehabt hätte, wären wir im Kugelhagel gestorben. Mein Freund und Bodyguard tat das, wofür er ausgebildet wurde und so verloren vier Kämpfer der Taliban an jenem Tag ihr Leben.
Die Sicherheit von meiner Tochter stand immer an oberster Stelle und so schaffte ich sie wenige Tage später nach Europa.
Amira kam in eine Einrichtung in der Flüchtlingskinder ohne Eltern untergebracht sind und machte in den Niederlande ihre Ausbildung als Erzieherin.

In den letzten Jahren war ich mit meiner Tochter immer wieder auf Urlaub in Deutschland bei meinen Eltern (Mila und Milad) oder in dem Niederlande. Da ich und Amira den Gründer jener Einrichtung seit 2007 kennen und wir auch sehr eng zusammen arbeiten, war es ein logischer Schritt, dass meine Tochter in die Niederlande ging. In meinem drei Monate „Urlaub“ im Frühjahr und wieder im Herbst, arbeitete ich dann auch in und von den Niederlande aus.
Dr. Erik de Joost wollte mir 2016 schon die Leitung seiner Einrichtung übertragen. Ich lernte ab. Meine Arbeit war in Afghanistan. Dort wurde ich gebraucht. Trotz des Terror gegen mich, ging ich zurück um das zu tun was ich kann: kämpfen.

Das Leben geht andere Wege

Im Dezember 2019 kam ich wieder auf „Urlaub“ in die Niederlande und wollte nur drei Monate bleiben. Mein Leben war für die Rechte der Mädchen in Afghanistan zu kämpfen vorgesehen. Also ging es am 4. März 2020 mit einem Linienflug von Schiphol über Istanbul zurück nach Kabul. Das ich 48 Stunden später mit einem Mädchen das lebendig verbrannt werden sollte, mit einem Ambulanzjet in Rotterdam wieder landen würde, war mir am 4. März nicht bewusst.
Vom Ministerie van Volksgezondheid wurde mir am 9. März per sofort die Vormundschaft für jenes Kind übertragen. Ich musste über Operationen, Leben oder Tod entscheiden. Der März war für mich der Alptraum. Meine Eltern kamen am 13. März von Stuttgart nach Den Haag und ich bin ihnen für die wohl schwerste Zeit in meinem Leben sehr dankbar.
Zurück nach Afghanistan war nicht mehr möglich. Ich hatte die Verantwortung für ein Kind, dass ab dem 6. März bis zum 13. August im künstlichen Koma lag.

Meine Heimat im Herzen war immer Stuttgart gewesen. In Gardez hatte ich 14 Jahre nur gewohnt und gearbeitet. Wo ist also meine Heimat? Durch die Umstände von Lenara bin ich die nächsten Jahre an die Niederlande und die Klinik gebunden. So kaufte ich mir an Ostern ein Haus in der Nähe von Den Haag.
Dr. Erik de Joost und seine Tochter Marpe wollten, dass ich nun endlich die Leitung der Einrichtung übernehmen sollte.
In langen Gesprächen mit meinen Eltern, mit Erik, Linda und Marpe de Joost und meinem Team in Afghanistan gab ich nach. Und so bin ich seit dem 1. April die Leiterin einer seit 27 Jahren bestehenden Einrichtung für traumatisierte und sozialschwache Kinder in der Nähe von Den Haag.
Meine Arbeitstage haben in der Regel 16 bis 18 Stunden und all die vielen Probleme in Afghanistan, mit Lenara und die Bürokratie in den Niederlanden und Europa sind ungleiche Gegner für mich. Mit schwerem Herzen gab ich zum 1. April die Leitung der Mädchenschule in Gardez und der Frauenhäuser ab.
In 13 Jahren hat sich ein Netzwerk von 46 Frauenhäuser gebildet. 6 dieser Häuser sind in meinem Privatbesitz und drei aus Sicherheitsgründen außerhalb von Afghanistan. Ich gab mein Lebenswerk an Freunde ab. Ich bin immer noch die Chefin, wenn ich auch die Leitung nur noch kommissarisch habe.

Das Corona Jahr

Das Jahr 2020 hätte turbulenter nicht sein können. In meinem Leben passte auf einmal nichts mehr zusammen und die Arbeit und Sorgen wurde nicht weniger,  auch wenn ich 36 Stunden arbeiten würde. Auf einer Freizeit mit 20 Jugendlichen aus unserer Einrichtung, traf ich in Juli auf dem Ijsselmeer eine weiter persönliche Veränderung – ich gab die Leitung und den Ersten Vorsitz des Netzwerkes Afghan Women’s zum 1. September 2020 ab.
Meine ganze Kraft gilt meinen beiden Töchter und mit der Leitung der Kinder- und Jugendeinrichtung habe ich mehr als genügend Aufgaben, was meinen Arbeitstag nicht gerade weniger macht.

Noch eine Anmerkung:
Ich bin zwar in einem muslimischen Land geboren, habe aber sonst mit dem Islam nichts zu tun.
Ich mag Weihnachten und Käsespätzle sehr.

Nila Khalil, Den Haag, 17. November 2020

Zur Stellung der Frau im Islam

Autorin Nila Khalil

Zur Stellung der Frau im Islam ( kleiner Auszug)

Worte von der wunderbaren Nila Faani, denen ich nichts mehr hinzuzufügen kann.

Um es gleich vorweg zu nehmen, ich verurteile KEINE Religion, denn auch Frauenrechte waren in der Christlichen Gesellschaft und westlichen Ländern auch lange nicht da, wo sie heute sind.
Nur, Leben wir im 21. Jahrhundert und man könnte sich schon mal so langsam von einem überalterten Weltbild befreien.

In den islamischen Ländern beinhaltet das Familienrecht heute zahlreiche die Frauen diskriminierende Bestimmungen, da das Familienrecht auf einem hierarchischen Rollenverständnis von Mann und Frau basiert. Zwar wurden in den letzten Jahren in diversen muslimischen Ländern verschiedene Reformversuche unternommen. Doch diese wurden von konservativen Kräften oft als Angriff auf das islamische Recht und seine Werte zurückgewiesen, und so bleibt das Familienrecht bis heute Gegenstand kontroverser Debatten um kulturelle, rechtliche  und religiöse Identität. Die Islamisierung in Afghanistan, Irak, Iran, Syrien oder Türkei, um nur einige der Länder zu nennen, erschwert eine Reform des Familienrechts und somit auch die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau zusätzlich.

Die Ehe im Islam ist ein Vertrag zwischen Mann und Frau. Dieses Verständnis gilt eigentlich auf der ganzen Welt als Ehe; und eine Einwilligung von beiden Seiten ist grundsätzlich erforderlich.
Die Heiratsfähigkeit wird im klassisch-islamischen Recht mit der Pubertät erreicht. Allerdings gibt es verschiedene Ansichten darüber, wann dieses Alter erreicht ist. Das positive Recht, dazu später mehr, kann ein höheres Alter vorsehen. Die Altersschranken vor allem für Mädchen bleiben in vielen islamischen Staaten jedoch tief und geht mitunter auf ein Alter von 10 Jahren der Mädchen aus. Auch wenn das positive Recht ein höheres Heiratsalter vorsieht, bleibt eine Ehe, die bereits zuvor nach islamischem Recht geschlossen wurde, oftmals gültig. Somit bleiben Kinderehen weiterhin möglich. Arrangierte Ehen sind in den Städten und gut florierenden Provinzen der Länder in dem der Islamische Glaube vorherrschend ist, seltener geworden, in ländlichen Gebieten jedoch immer noch oft praktiziert.
In Artikel 16 Absatz 2 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte steht: Die Ehe darf nur auf Grund der freien und vollen Willenserklärung der zukünftigen Ehegatten geschlossen werden. Zwangsverheiratung ist und bleibt eine Form von Gewalt im Namen der Ehe.
Um es gleich vorweg zu nehmen, Zwangsehen gibt es NICHT nur in de Islamischen Welt. Darauf habe ich in anderen Text auch schon öfter hingewiesen.
Das Familienrecht in islamischen Ländern stützt sich grundsätzlich auf drei Rechtsquellen; das positive Recht, das klassisch-islamische Recht und das Gewohnheitsrecht. Ähnlich anderen Rechtsbereichen wie das Strafrecht wurde das Familienrecht zwar in den letzten Jahren als positives Recht kodifiziert, enthält aber inhaltlich so viele Verweise auf das klassisch-islamische Recht wie kein anderer Rechtsbereich.
In den islamischen Ländern beinhaltet das Familienrecht noch heute zahlreiche diskriminierende Bestimmungen für Mädchen und Frauen, da das Familienrecht auf einem hierarchischen Rollenverständnis von Mann und Frau basiert.
Nächstes ist die Polygamie in der Religion des Islams. Ein Mann hat nach dem Koran das Recht, vier Frauen zu heiraten, wenn er fähig ist, sie gleich zu behandeln. Im Zuge der Reformierungsbemühungen haben Ägypten, im Jahr 2000, und Marokko, 2004, Einschränkungen im Familienrecht eingefügt, die zum Beispiel die Einwilligung der ersten Frau verlangen. Ausserdem muss gerichtlich überprüft werden, ob ein Mann die ökonomischen Voraussetzungen erfüllt, um eine polygame Ehe einzugehen. Fraglich bleibt dabei oftmals, ob bei der Einwilligung der ersten Ehefrau eine tatsächliche Wahlmöglichkeit im Hinblick auf die Konsequenzen besteht oder bestanden hat. In der Türkei und in Tunesien ist die Polygamie gesetzlich verboten.
Die umstrittene und viel diskutierte Sure 4:34 des Korans sieht ein Züchtigungsrecht des Ehemannes vor, das er kraft seiner Autorität gegenüber seiner Ehefrau im Falle von Ungehorssam habe. Dies verstößt schon gegen Menschenrechtsverletzungen in den Artikel 1 bis 5 der AEMR ( Allgemeine Erklärung der Menschenrechte).
Entsprechend hat die Ehefrau dem Ehemann gegenüber die Pflicht zum Gehorsam, auch dies verstößt eindeutig gegen Menschenrechte.
Die „Pflichten“ beinhaltet die Führung des Haushalts, die Kindererziehung, aber auch das Ersuchen um Erlaubnis, falls sie arbeiten oder reisen möchte. Falls der Ehemann seinen Pflichten zum Unterhalt nicht nachkommt, kann die Frau ihm ihren Gehorsam verweigern. Dies gilt auch umgekehrt: Kommt die Frau ihren Pflichten nicht nach, ist der Ehemann nicht verpflichtet, für ihren Unterhalt zu sorgen. Auch hier finden wir weiter Verstöße gegen  Artikel 18, 19, 22 und 23 der AEMR.
Artikel 6 der AMER ist auch ein oft kontrover geführter Grundsatz von Menschenrechtskonvention. Je nach Land bestehen für Frauen zudem eine Bekleidungsvorschriften oder gar Vorschriften zur Geschlechtersegregation etwa im Bildungsbereich. Teilweise werden Frauen vom öffentlichen Leben bzw. von öffentlichen Ämtern ausgeschlossen. In Gerichtsverfahren, so etwa bei Zeugenaussagen oder der Bemessung einer Kompensationszahlung, hat eine Frau eine deutlich geringere Position als ein Mann. Oft wiegt ihre Aussage nur halb so viel wie die des Mannes.
Weitere Vorbehalte gegenüber der UN-Frauenrechtskonvention ist
das Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau ist von fast allen Staaten weltweit ratifiziert worden. Die meisten islamischen Länder haben jedoch zahlreiche Vorbehalte angebracht bzw. den Vorrang des islamischen Rechts reklamiert, so etwa das Königreich Saudi Arabien wörtlich: «In case of contradiction between any term of the Convention and the norms of islamic law, the Kingdom is not under obligation to observe the contradictory terms of the Convention.» Auch wenn die Zulässigkeit solch genereller Vorbehalte höchst umstritten ist, zeigt sich damit klar der Unwille vieler muslimischen Staaten, den Frauen Rechte einzuräumen, die über das islamische Recht hinausgehen.

Nun komme ich noch auf meine, und derer von tausend engagierten Frauen, Arbeit zu sprechen.
Seit den 1980er Jahren hat sich neben der schon existierenden säkularen feministischen Bewegung in verschiedenen islamischen Ländern eine islamische Frauenrechtsbewegung entwickelt, die versucht, durch Neuinterpretation der religiösen Quellen für eine Gleichstellung von Mann und Frau im Islam zu argumentieren. Eine andere Argumentationsstrategie greift auf ein „goldenes Zeitalter“ im Islam zurück und möchte damit frauenfeindliche Interpretationen und Praktiken als unislamisch darstellen. Dazu gab es erst vom 25. November, der Tag gegen Gewalt an Frauen,  bis zum 10. Dezember, dem Tag der Internationalen Menschenrechte, in Afghanistan sehr viele Kundgebungen und Veranstaltungen. Die „Orange Days“ fanden 2019 in 70 Länder der Welt statt.
Die Hauptthemen der islamischen Feministinnen beziehen sich auf rechtliche Fragen wie die Gleichstellung der Ehepartner, Zwangsehe, Kinderehe, Scheidung bzw. Verstossung, die männliche Vormundschaft einer Frau und das Sorgerecht, sowie auf Kleidervorschriften der Frau Kopftuch Hijab bzw. Gesichtsschleier Niqab. Auch darüber habe ich schon berichtet. Auf Fragen zur Sexualität der Frau und insbesondere sexuellen Gehorsam, Gewalt gegen Frauen, wie das Züchtigungsrecht oder die Einbindung von Frauen in religiösen Berufen und in der Moschee, Frau als Vorbeterin, etc.
Der islamische Feminismus stösst wie der säkulare Feminismus in der islamischen Welt zwar manchmal auf Zustimmung, aber auch vielfach auf Ablehnung. Gerade muslimische Traditionalisten und islamische Fundamentalisten lehnen die Neuinterpretation der religiösen Quellen ab. Unter Umständen werden Vorwürfe wie Verwestlichung und Häresie, also eine verdammende Meinung, gegen islamische Feministinnen angeführt.

Nila Khalil, Den Haag, 28 Dezember 2019

Ich habe meine Kindheit verloren

Autorin Nila Khalil

„Ich habe meine Kindheit verloren“ – Zwangsehe in Afghanistan

„10 Tage vor meiner Abschlussprüfung musste ich heiraten.“                                                

Heute berichte ich über die Geschichte von Somaya aus Afghanistan,  die mit 13 Jahren verkauft wurde, um eine Zwangsehe einzugehen.

„Wir haben dich gekauft und lassen dich nicht in die Schule.“

Somaya, war 13 Jahre alt und beendete gerade die siebte Klasse. „Ich habe meine Kindheit verloren“, so Somaya in einem Gespräch. Das Mädchen bat ihren neuen Ehemann und ihre Schwiegereltern, dass sie zur Schule zurückkehren dürfe, ihre Bitte wurde jedoch abgelehnt. Sie sei nun Ehefrau und hätte schließlich andere Aufgaben.

Alles Reden brachte nichts, so fing Somaya an zu fluchen und zu schlagen. Lies das Essen verbrennen oder versalzte es so, dass es ungenießbar war. Sie machte alles Erdenkliche falsch was sie nur falsch machen konnte, als Zeichen ihres Protestes.
Vor ihrer Ehe hörte sie von einem Frauenhaus und wie sich dort um Hilfe gekümmert wird. Somaya machte sich nach eineinhalb Jahren Ehe auf den Weg zu dem unbekannten Ort. ( Anm. Aus Sicherheitsgründen wird der Ort in dem Artikel nicht erwähnt).

Hoffnung auf ein besseres Leben

In drei Schulen vertraute sie sich Lehrerinnen an, zwei dieser Lehrerinnen konnten ihr genaue Angaben geben. In der letzten Schule wurde nach dem Gespräch sofort Kontakt zu dem Frauenhaus aufgenommen und noch am gleichen Tag wurde Somaya von einer Mitarbeiterin abgeholt und in Sicherheit gebracht.

Am nächsten Tag setzte Samira Ansary, eine Fachanwältin aus dem Team von Nila Khalil, die Scheidung und gleichzeitig eine Strafanzeigen gegen den Vater auf. Nach monatelangen Kämpfen willigte der Ehemann schließlich der Scheidung zu. Somaya lebt jetzt mit ihrer Mutter und ihrem Bruder zusammen. Im Frauenhaus wurde ihr neben Unterricht auch das Nähen beigebracht. Mit Finanzieller Unterstützung von dem Frauenhaus konnte der heute 15 jährigen Somaya und ihrer Familie eine Existenz ermöglicht werden. Nun ist sie stolz auf ihre Arbeit als Näherin.

Das gesetzliche Mindestalter für Eheschließungen in Afghanistan beträgt 16 Jahre. Internationale Menschenrechtsorganisationen definieren jede Ehe mit einem Partner, der jünger als 18 Jahre ist, als Kinderehe. 2017 hat die afghanische Zentralregierung einen Aktionsplan gegen die Kinderheirat auf den Weg gebracht. „Die Öffentliche Arbeit von Menschenrechtlern und wirtschaftlicher Stärkung spielen eine wichtige Rolle bei der Eindämmung der Praxis von Kinderehen.“ Sagte Dr. Sima Samar, Leiterin der unabhängigen afghanischen Menschenrechtskommission (AIHRC) im Gespräch mit der Direktorin des Frauenhauses, Nila Khalil. „Wenn die AIHRC eine Beschwerde über die Eheschließung von Kindern erhält, dann können wir durch Behörden eingreifen“, so Dr. Samar weiter.

Besserung durch positive Öffentlichkeitsarbeit

Untersuchungen zufolge nimmt die Unterstützung der Afghanen für eine vorzeitige Eheschließung ab, selbst in relativ armen ländlichen Gebieten wie zum Beispiel in der Provinz Bamyan, berichtete die Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health im vergangenen Jahr. Die Forscher befragten über 1.000 Mädchen im Alter von 12- bis 15 Jahren und halb so viele Eltern in einigen Provinzen von Afghanistan. „Drei Viertel dieser Jugendlichen waren noch in der Schule und unverheiratet. Und obwohl drei Viertel der Eltern nie eine Schulbildung hatten, waren über 90% der Meinung, dass ihre Kinder die Sekundarschule abschließen sollten. Etwa 40% von ihnen gaben an, dass die Ehe bis nach dem Schulabschluss/ Abitur warten sollte.“ Sagte der leitende Autor der Studie, Dr. Robert Blum, im Gespräch. „Einstellungswandel bedeutet an und für sich keine Verhaltensänderung. Dies ist wirklich eine grundlegende Veränderung für ein Land mit einer neuen Generation.“ So Blum weiter.

Im Interview mit der leitenden Direktorin des Frauenhauses im Dezember 2019 erzählt Somaya ihre Geschichte:

„Ich heiße Somaya und mein Vater heißt Aminallah. Ich war in der siebten Klasse und 10 Tage vor meiner Abschlussprüfung musste ich heiraten. Meine Schwiegereltern ließen mich nicht zur Schule gehen. Ich bestand darauf, dass ich zur Schule gehen wollte. Aber meine Schwiegereltern sagten: „Wenn du zur Schule gehen würdest, wer würde die Hausarbeit erledigen?“ Sie sagten mir: „Wir haben dich gekauft und lassen dich nicht in die Schule.“ Immer wenn ich sagte, ich möchte zur Schule gehen, schlugen mich meine Schwiegereltern und mein Ehemann und sagten mir: „Du kannst nicht zur Schule gehen.“ Mein Mann war jung und unreif und seine Eltern ermutigten ihn, mich zu schlagen, erniedrigen und beleidigen. Ich habe mich nie bei meinem Vater oder bei irgendjemandem beschwert. Ich habe damit gelebt. Meine Schwiegereltern sind Analphabeten. In einem kleinen, schäbigen Haus lebten sie mit 15 Menschen. Meine Schwiegereltern zahlten meiner Familie 250.000 Afghani (circa 2900€) als Mitgift.
Aber im Gegenzug, Allah als mein Zeuge, gab mein Vater fast 300.000 Afghani für Gegenstände für ihre Wohnung aus. Er kaufte mir Goldschmuck, Bettwäsche und Kleidung. Meine Schwiegereltern traten und schlugen mich, aber sie peitschten mich nie, denn das hätte Spuren auf meinem Körper hinterlassen. Sie schlugen und beschimpften mich bei jedem Fehler den ich machte. Ich habe meine Kindheit verloren. Ich habe die Schule geliebt und bin sehr gerne zur Schule gegangen. Aber sie ließen mich nicht, so suchte ich Hilfe. Ich hörte von einem Haus in dem es Frauen gut geht. Ich sollte auf den Markt Lebensmittel kaufen gehen und hatte Geld für eine Busfahrkarte, so lief ich weg. Sechs Monate später kam mein Vater ins Gefängnis, er wurde zu zwei Jahren Haft verurteilt. Meine Schwiegereltern und Mann wurden im Sommer diesen Jahres zu einer Strafe von 500.000 Afgani verurteilt und aufgefordert meine Mitgift auszuliefern. Ich bin jetzt geschieden. Mein Mann und meine Schwiegereltern leben ihr Leben, und ich lebe mein Leben. Ich nähe Kleidung mit meiner Mutter. Wir sind jetzt die Ernährer. Mein Vater hat nie gearbeitet. Mein Leben ist besser, besonders jetzt, wo mein Vater nicht hier ist. Ich hatte in der Vergangenheit viele Probleme, nun wird es aber immer besser. Wir bezahlen unsere Ausgaben mit dem Geld, das wir durch Nähen verdienen. Für jedes Kleid bekommen wir zwischen 1500 und 3000 Afghani ( 17 – 35 €.). Unsere Straße hat fünf bis sechs Schneider, aber weil wir arm sind und nicht viel verlangen, haben wir viele Kunden. Im Moment habe ich nicht entschieden, ob ich wieder zur Schule gehen soll. Lehrerinnen von Afghan Network kommen am Nachmittag vorbei und machen mit mir Unterricht. So lerne ich trotz der Arbeit auch noch für die Schule.“

Nila Khalil, Vorsitzende von Afghan Women’s Network und Mitglieder der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen in Genf.
Den Haag, 7. Januar 2020

Landraub in Afghanistan

Autorin Nila Khalil

Landraub in Afghanistan

Ein Bericht von
Fazan Muzhary von Afghanistan Analysts Network in Zusammenarbeit mit Nila Khalil, Samira Ansary und Sarah Reza Kezemi von Afghan Women’s Network.

Als die Taliban ihre Kontrollbereiche im ganzen Land erweitert haben, sind Einzelberichte über Taliban-Kommissionen und Kommandeure in mehreren Provinzen aufgetaucht, die Staatsland verkaufen. Ein genauerer Blick auf die drei bekanntesten Beispiele – Helmand, Uruzgan und Takhar zeigt jedoch ein düstereres Bild, als Medienberichte und Behauptungen von Regierungsbeamten vermuten lassen. Obwohl es klar ist, dass die Taliban an der „Landbewirtschaftung“ beteiligt waren einschließlich Umverteilung, Verpachtung und Besteuerung von Land sowie der Errichtung neuer Basare und Townships, gibt es keine eindeutigen Beweise dafür, dass sie systematisch Staatsland verkauft haben. Dies bedeutet nicht, dass ihre Interventionen nicht problematisch sind, nicht zuletzt aufgrund des Fehlens eines ordnungsgemäßen Dokumentationssystems oder sogar der Klarheit darüber, ob das Land verschenkt, verkauft, verpachtet oder vermietet wurde.
Wenn die Taliban jemals Teil einer neuen Regierung werden, sind mit der Verwirrung um den Landraub mit neunen Streitigkeiten vorprogrammiert.
Die Landstreitigkeiten waren lange Zeit die Auslöser für gewaltsame Konflikte in Afghanistan. Der Wettbewerb um Land nahm in Zeiten wachsender Bevölkerung und wirtschaftlicher Not immer mehr zu. Das Privateigentum an Land in Afghanistan ist ein komplexes rechtliches Problem, da das Landeigentum sowohl auf Regierungsgesetzen als auch auf ein informelles System des lokalen Konsenses beruht und in beiden Bereichen erhebliche Mängel aufweist. Das formelle und das informelle System widersprechen sich manchmal und weisen zwei unterschiedlichen Eigentümern den selben Landabschnitt zu. Das System, dass das Staatsland regelt, ist noch komplexer, da diese Kategorie rechtlich nicht nur Land im Besitz der Regierung umfasst, sondern auch jedes Land, in dem Privateigentum nicht rechtlich nachgewiesen werden kann, was angesichts der Anzahl von Personen, die keine Eigentumsurkunden haben oder andere Dokumentation haben, zu vielen Problemen in den Ortschaften und Volksgruppen ein gewaltiges Problem darstellt.
Nicht alle staatlichen Grundstücke können an private Eigentümer verkauft oder verpachtet werden. Es gibt viele Unterkategorien, die nach dem Landverwaltungsgesetz von 2008 nicht verkauft werden können. Dies schließt Land ein, das in den letzten fünf Jahren für die Landwirtschaft und Beweidung genutzt wurde, Weiden, Wälder, Minen, historische Stätten oder jeden Teil des Landes, der vom Staat für öffentliche Zwecke als notwendig bestimmt wird, einschließlich den Stadtentwicklungsplänen.
Alle afghanischen Regierungen im Laufe der Geschichte, einschließlich der Taliban-Regierung von 1996-2001, haben Land als Instrument genutzt, mit der Beschlagnahmung, Umverteilung und des Verkaufs, insbesondere in Zeiten von Krieg und Eroberung. Politiker auf lokaler und nationaler Ebene haben staatseigenes Land verkauft und verteilt, um ihre Unterstützer zu belohnen und zu stärken.

In der modernen Geschichte Afghanistans war dieses Phänomen in den Jahrzehnten der Herrschaft von Amir Abdul Rahman (1880-1901) am ausgeprägtesten, als die Regierung von Kabul Land in Zentral- und Nordafghanistan einnahm und es einer großen Anzahl paschtunischer Siedler aus anderen Ländern übergab oder verkaufte Teile des Landes. Dieser Landtransfer setzte sich bis in die 1970er Jahre auf einem niedrigeren Niveau fort. Der Fall der Taliban im Jahr 2001 und die anschließende Machtumbildung führten zu einer neuen Runde des Landraubes, als mächtige Politiker, Kommandeure und Einheimische im ganzen Land Land beschlagnahmten, oder zurücknahmen. Dies schloss neue Regierungsbeamte und andere mächtige Persönlichkeiten ein, die Staatsland zu ihrem eigenen persönlichen Vorteil verkauften. Die afghanische Regierung reagierte mit dem Erlass des Dekrets 99 im April 2002 und der Anordnung eines landesweiten Einfrierens der Verteilung von Staatsland, um dem entgegenzuwirken. Was als weit verbreitete Verteilung von öffentlichem Land an unverdiente Begünstigte in den örtlichen Provinz angesehen wurde und auf nationaler Ebene sich fortsetzte. Trotzdem wurde die Verteilung von staatseigenem Land an mächtige Militärkommandanten, politische Persönlichkeiten und bereits wohlhabende Einzelpersonen nach diesem Datum weiter fortgesetzt.
Im Rahmen ihres Mandats zum Staatsaufbau erließ die afghanische Regierung nach 2001 mehrere neue Gesetze zu Eigentum und Staatsgrundstücken und übertrug die Verantwortung auf verschiedene Regierungsbehörden, Abteilungen und Kommissionen. Dieser Rahmen sah die zentrale Verteilung von Staatsgrundstücken vor, bei denen jeder einzelne Verkauf von Staatsgrundstücken vom Präsidenten genehmigt werden muss. Andere am Verkauf beteiligte Unternehmen konnten nur Empfehlungen aussprechen, die dann wiederum der Zustimmung des Präsidenten unterlagen. Afghanistan verfügt zwar über einen rechtlichen Rahmen mit detaillierten Richtlinien, Regeln und Standard, verfügt jedoch nicht über die institutionellen Kapazitäten für die konsequente Durchsetzung dieser Gesetze. Eine Untersuchung der UNAMA im Jahr 2015 ergab, dass das afghanische System zur Verteilung von Staatsland unter dem „Fehlen einer übergreifenden Landverteilungspolitik und dem nahezu fehlenden integrierten, transparenten und rechenschaftspflichtigen Landverteilungssystem“ litt . Ein weiteres kompliziertes Problem ist die Tatsache, dass der größte Teil des besten Staatslandes bereits eingenommen wurde. Wie Nila Khalil von UNAMA dies vor dem Regierungsrat in Kabul im Jahr 2015 sagte.
„Landraub ist weit verbreitet und es gibt wenig bis gar kein solches Staatsland mehr, das verteilt oder verkauft werden kann, weil alles von den Taliban oder mächtigen Investoren erobert und vom Staat noch nicht zurückgewonnen wurde. Untersuchungen von meinem juristischen Team ergaben, dass es sich bei den genannten Grundstücken um wünschenswerte Staatsgrundstücke handelte und um Grundstücke, die für einen bestimmten Zweck genutzt werden können, zum Beispiel für die Unterbringung in oder in der Nähe eines Stadtgebiets, für die Landwirtschaft oder die kommerzielle Entwicklung oder weil das Land wertvoll oder potenziell wertvoll war. Die Möglichkeiten für die Regierung, durch den Verkauf von Staatsgrundstücken erhebliche Einnahmen zu erzielen, scheinen relativ begrenzt zu sein, da das, was noch verkauft werden kann, in der Regel Land ist, das nicht attraktiv genug ist, gestohlen oder bereits verkauft wurde.“
Berichte, dass die Taliban Staatsgrundstücke in von ihnen kontrollierten Gebieten verkauften, erreichten das juristische Team um Samira Ansary erstmals 2013 durch einen Mitarbeiter von Afghan Women’s Network aus der Provinz Helmand. Im Jahr 2017 gab es Medienberichte, dass die Taliban Staatsgrundstücke in der Provinz Uruzgan verkauft und sogar eine ganz neue Gemeinde in der Provinz Takhar im Norden eingeweiht hatten. Auf der Grundlage dieser Berichte beschloss das Juristische Team aus Gardez sich dieses Thema genauer zu untersuchen. In den drei untersuchten Provinzen Helmand, Uruzgan und Takhar wurde die staatliche Landumverteilung durch die Taliban zwar bestätigt, aber das Bild hinsichtlich des Verkaufs von Staatsland war weniger klar. Zum Zeitpunkt des Schreibens ist das Autorenteam nicht in der Lage, weitere Fälle zu finden, in denen die Taliban Staatsgrundstücke verkauften oder umverteilten.
(Anmerkung: Es ist schwierig, mit Menschen zu sprechen, die in Gebieten leben, die von den Taliban kontrolliert werden. Da recherchen in diesem Thema und Gebieten zumal Lebensgefährlichen sind, bleiben nur Aussagen oder kleinere Protokolle von Mitarbeitern aus bekannten Organisationen als Grundlage dieses Artikels.)
Auch konnten Anwohner in den von der Regierung kontrollierten Gebieten nicht die erforderlichen Angaben machen. Der Sprecher der Taliban, Zabihullah Mujahed, lehnte den Begriff des Landverkaufs in einem WhatsApp-Interview vollständig ab und erklärte gegenüber Sarah Reza Kezemi, von Afghan Women’s Network, dass dies während der Kriegszeit nicht die Politik der Taliban gewesen sei. Stattdessen hätten Arme und Landlose Menschen sowie Verwandten von Märtyrern in einigen Gebieten Grundstücke erhalten, auf denen Häuser gebaut werden konnten und diese Art der Verteilung in „toten Wüsten“ stattgefunden habe.
Mujahid gab nicht an, wie viel Land an Landlose oder Arme verteilt wurde oder in welchen Provinzen dies geschehen war. Er räumte jedoch ein, dass in einigen Fällen Land für Geschäfte verteilt worden war, wie dies in Takhar der Fall war.
Bewohner von Ortschaften in der Provinz Helmand sagten, die Taliban hätten tatsächlich Land verkauft, könnten jedoch keine Einzelheiten darüber liefern, welche Taliban-Kommandeure oder -Kommissionen an den angeblichen Transaktionen beteiligt gewesen seien.
In Uruzgan konnte erneut die Umverteilung von Land, sowohl staatlichem als auch privatem Land, bestätigt werden, aber nicht die Behauptungen dass die Taliban Staatsland verkauften.
In Takhar herrschte erhebliche Verwirrung über die Bedingungen, unter denen Menschen Land für eine ganz neue Ortschaft erhalten hatten. Laut Mujahed hatten die Menschen in Takhar das Land erhalten, ohne eine Zahlung zu leisten. Die Einheimischen sagten Fazan Muzhary, dass sie für die Grundstücke und Geschäfte bezahlt hätten, obwohl die Beträge recht niedrig waren. In allen drei Provinzen befand sich das verkaufte oder verteilte Land in Wüstengebieten und war in der Vergangenheit nicht bewässert worden. Wie sich in den letzten Jahren herausgestellt hatte, gaben Recherchen den Beweis das die zunehmende Entwicklung bisher nicht genutzter Wüstengebiete, die hauptsächlich durch den Opiumanbau bedingt sind, durch jenes hin und her verteilen im Besitz der Taliban sind.

Nun zwei Punke aus den Provinzen Helmand und Uruzgan
Die Landvergabe in der Provinz Helmand
Laut den Befragten in Helmand, darunter Anwohner, pro-Taliban-Gesprächspartner, Journalisten und Parlamentarier, begannen die Taliban um 2010 mit der Verteilung von Staatsland in den Wüstengebieten von Nad Ali, Marja, Greshk und anderen Distrikten. Nach Angaben der Anwohner hatten einige ehemalige Mudschaheddin-Kommandeure und Älteste, die mit einem ehemaligen Gouverneur in Verbindung standen, seit etwa 2006 Wüstenland erobert und verkauft. Als die Taliban zwischen 2009 und 2010 die Kontrolle über diese Gebiete übernahmen, nahmen sie die meisten großen Grundstücke zurück. Es waren Felder die Tausende von Jeribs umfassen (ein Jerib entspricht ungefähr 0,2 Hektar) und begannen, diese neu zu verteilen.
Im Laufe der Zeit bauten die Anwohner mehrere neue Basare, darunter einen in der Nähe von Shawal, den Esmat-Basar, der zu einem wichtigen Knotenpunkt für die Taliban geworden ist. In dem Ort ist ein Taliban-Gericht tätig, und die Menschen vor Ort nehmen Land zur Beilegung der Streitigkeiten mit.
Drei Personen, zwei die in den von Taliban kontrollierten Gebieten leben und eine Person, die regelmäßig dort hin reist, beschrieben die Prozesse, in denen es um solche Umverteilungen ging. Eine andere Person beschrieb, wie sein Verwandter, der beide Beine und ein Auge verloren hatte, als eine Rakete sein Haus in der Gegend von Zarghun Kalay in Nad Ali traf, dasss er Land von den Taliban erhielt. Er erklärte, dass sein Verwandter im Frühjahr 2019 mit zwei Dorfbewohner und den Imam seines Dorfes zum Esmat-Basar fuhr, um ein Stück Land anzufordern. Die beiden Dorfbewohner und der Imam sahen, dass er tatsächlich bei einem Angriff verletzt worden war. Anschließend schrieb er einen Antrag an die Militärkommission der Taliban, in dem er um ein Stück Land bat. Als Antwort auf seinen Antrag versorgten ihn die Taliban mit 20 Jeribs Land in der Wüste in der Nähe von Shurab, wo sich früher eine britisches PRT (Provincial Reconstruction Team) befand. Seit er dieses Land erhalten hatte, hätte der Mann ein Haus gebaut und Sonnenkollektoren installiert und lebe dort seit der Vertrag “rechtens“ sei.
Die beiden anderen Personen bestätigten dieses Verfahren und sagten, dass in den meisten Fällen Behinderte und Waisen 20 Jeribs erhielten, manche würden 15 Jeribs erhalten. Den Grund für diese Unterschiede können sie aber nicht sagen.
Alle drei Personen sagten, der Empfänger sei nicht für das Land belastet worden, sondern müsse lediglich 4.000 pakistanische Rupien (ungefähr 26 Dollar) für den Traktor zahlen, mit dem das Land abgegrenzt wurde. Alle drei Personen sagten im Gespräch mit Fazan Muzhary, dass viele Menschen ihre Anträge bei der Militärkommission der Taliban eingereicht hätten, die meisten jedoch bisher kein Land erhalten haben. Die Verteilung scheint auf Eis zu liegen, aber sie erwartet, dass sie in naher Zukunft wieder beginnen würde.

Warum Menschen Land in den Wüstengebieten kaufen, hat zwei Gründe:
Erstens ist dort billiges Land zu kaufen. Das Land in den Wüstengebieten von Nad Ali und Marja ist viel billiger als in anderen Teilen dieser Bezirke. (Anm.: In den Bezirken Nad Ali, Nawa oder Marja wird ein Jerib Land für 700.000 bis 900.000 Rupien verkauft 4.431 bis 5.697 US Dollar, während in den Wüsten ein Jerib 40.000 bis 60.000 Rupien, also ungefähr 253 bis 379 US Dollar kostet.)

Der zweite Grund ist, dass sie für die afghanische Regierung nicht sichtbar sind, insbesondere für den Mohnanbau. Der Hauptzweck von Menschen, die Land in dieser Gegend gekauft haben, war der Anbau von Mohn und Cannabis. Der Grund dafür ist, dass das Gebiet völlig außerhalb der Kontrolle der Regierung liegt und niemand die Mohnernte zerstören kann. Obwohl es einige Bauern gibt, die auf ihren Feldern Weizen und Mais anbauen, ist Mohn das häufigste Produkt in der Wüste.

Dieser Trend wurde auch von Analytiker der Universität Kabul festgestellt, die den Anbau im Südwesten untersuchten,  in den Jahren von 2008 bis 2011 gab es seitens der der Afghanischen Regierung einige Maßnahmen um denOpiumanbau in Helmand einzuschränken. Die Bauern in diesen Wüstengebieten haben keinen Zugang zum großen Wasserkanal Boghra und sind auf solarbetriebene Brunnen angewiesen um ihr Ernten bewässern.
Nach Recherchen Fazan Muzhary sagten auch einige Bewohner jener Felder aus, dass in einigen Gebieten eine Bedingung für das Erhalten von Land darin bestehen, dass sich ein Familienmitglied der Taliban anschließt müsse. Dies hat eine pro-Taliban-Gemeinschaft in den Wüstengebieten geschaffen.
Die afghanische Regierung in Helmand konnte die Verteilung von Staatsland in diesen Bezirken nicht verhindern, obwohl sie es versucht hatte. Im Dezember 2017 gab das Büro des Gouverneurs eine Warnung heraus, die besagte, dass die Verteilung von Staatsland durch die Taliban illegal sei und Uneinigkeit schüren würde, die durch Profit motiviert sei. Die Regierung warnte davor, dass von den Taliban verteiltes Land beschlagnahmt würde und dass die Beteiligten gesetzlich geregelt würden und dass Personen, die Staatsland pachten wollten, sich an die Landbehörde in Lashkargah wenden sollten.
Es ist unnötig zu erwähnen, dass die Regierung bisher nicht in der Lage war, die Verteilung von Land zu verhindern, geschweige denn ihre beabsichtigte Politik der Rückeroberung des Landes oder der Bereitstellung neuer Pachtverträge umzusetzen. Durch dieses lasche Verhalten der Regierung wird dr Boden für Terror immer weiter gesät.

Der Abgeordneter Mirwais Khadem sagte im Gespräch mit Sarah Reza Kezemi, dass die Taliban kürzlich den Verkauf von Staatsland an die lokale Bevölkerung vollständig eingestellt hätten und das die Menschen, die relativ kleine Grundstücke erhalten hätten, entweder von den Taliban oder von Stammesältesten das Land weiter kultivieren und sogar verkaufen durften. Laut der Aussage von Khadem wurden jedoch große Grundstücke beschlagnahmt und neu verteilt, die zuvor vom Staat beschlagnahmt worden waren. Die Taliban kontrolliere auch das Graben neuer Brunnen in ihren Gebieten, da dies ein primärer Weg ist, um Land in die Wüste auszudehnen. Wenn ein Eigentümer einen Brunnen benötigt, sollte er die Erlaubnis der Militärkommission der Taliban einholen, die auf der Grundlage der Bedürfnisse der Person entscheidet.

Landvergabe in der Provinz Uruzgan
In Uruzgan konzentrierten sich die Berichte über Landverkäufe der Taliban weitgehend auf die Gebiete um die Provinzhauptstadt Tirinkot. Obwohl der Verkauf von Staatsgrundstücken nicht bestätigt werden konnte, ist klar, dass die Taliban nach der Ausweitung ihrer Kontrolle auf dieses Gebiet, im Jahr 2015 und so Stück für Stück in die Landbewirtschaftung eingegriffen haben, nachdem sie ihre Kontrolle fest etabliert hatten. Zu den betroffenen Gebieten gehörte Sarmurghab , Mehrabad, Sahnan und Darafshan.
In Sarmurghab verteilten die Taliban eine große Menge privaten Landes in einem Gebiet, das als Nabi Khan Hadda bekannt ist. Das Land gehörte Haji Muhammad Nabi Khan Tokhi, der von der örtlichen Regierung die Erlaubnis erhalten hatte, dort eine Gemeinde zu errichten, der dann aber nach Kandahar zog, als die Taliban die Kontrolle über sein Gebiet übernahmen. ( Anm.: Nabi Khan Tokhi starb im Juni 2019). Laut dem ehemaligen Vorsitzenden des Provinzrates, Amanullah Hotak, hatten die Menschen bereits etwa 60 Geschäfte und einige Häuser in Nabis Gemeinde gebaut, bevor die Taliban die Kontrolle über das Gebiet übernahmen. Nach der Ankunft der Taliban wurde der Basar weiter ausgebaut. In Sarmurghab verkauften oder gaben die Taliban den Anwohnern zahlreiche zusätzliche Grundstücke für Geschäfte und Häuser.
Laut Sharifullah Sharafat, einem lokalen Journalisten, der mit Azadi Radio zusammenarbeitet, ist die Siedlung nun zu einer großen und funktionierenden Stadt geworden. Im Gespräch mit dem juristischen Team von Afghan Women´s Network sagte er: „Ich war vor zwei Jahren in dieser Gegend. Es ist vollständig unter der Kontrolle der Taliban. Es gab mehr als 2.000 Geschäfte und alle Arten von Einrichtungen, einschließlich Kliniken. Dieses Gebiet sei eine wichtige Stadt geworden.Viele Menschen aus Tirinkot gehen jetzt zu ihren Einkäufen nach Nabi Khan Hadda, insbesondere nachdem die afghanische Regierung die Verwendung pakistanischer Rupien in Tirinkot verboten habe. Da die Verwendung von pakistanischen Rupien in Nabi Khan Hadda erlaubt sei, gehen die Leute dorthin um ihre Einfäufe zu erledigen. Die Waren in Nabi Khan Hadda seien zudem auch billiger als anderorts.“ (Anm.: Diese Zahlen und Angaben konnten nicht unabhängig überprüft werden.)

Soweit nun einen kleinen Einblick in die Verwirrungen der Afghanischen Regierung und Taliban.
Ich könnte nun den ganzen umfassenden Text übersetzten und auch so schreiben, dass dies in Deutschland oder Österreich verstanden wird, wie grotesk dies alles ist und eben dadurch es auch nie zu einem Frieden und schon gar nicht zu einer Stabilen Innenpolitischen Lage in Afghanistan kommen kann und wird.
Dieser Bereich ist ein Auszug von hunderten DIN A4 Seiten der von Juli 2013 bis März 2020 geht.

Nila Khalil, Vorsitzende von Afghan Women’s Network.
Den Haag, 15. April 2020
In Zusammenarbeit mit Fazan Muzhary von Afghanistan Analysts Network und Samira Ansary sowie Sarah Reza Kezemi von Afghan Women’s Network.

Anmerkung: Zum Schutz der Person habe ich die Gesichter unkenntlich gemacht.

Massive Ordnance Air Blast

Autorin Nila Khalil

Ich bin unglaublich wütend, was ich vorhin über die Präsidentenwahl der USA gelesen habe.
Oft muss ich den Schwachsinn  lesen, dass Mr. American First kein Kriegstreiber sei. Dies ist faktisch falsch!
Am 20. Januar 2017 wurde Mr. American First als 45. Präsident der USA in das Amt offiziell bestätigt und vereidigt.

Im April 2017 wurde die Massive Ordnance Air Blast über Afghanistan abgeworfen und mir kann KEINER sagen, dass der Präsident der USA von diesem Einsatz nichts wusste!
Nun mal eine kurze Erklärung, was die Massive Ordnance Air Blast überhaupt ist.

Die GBU-43/B Massive Ordnance Air Blast der United States Air Force ist die sprengkraftstärkste konventionelle Fliegerbombe im Arsenal der US-Streitkräfte. Sie enthält 8,48 Tonnen Sprengstoff und entwickelt eine nominelle Sprengkraft von 11 Tonnen TNT-Äquivalent und einen Sprengradius von 150 Meter.

Im Januar dieses Jahres habe ich über diesen Einsatz der Massive Ordnance Air Blast schon berichtet.
Im nachfolgenden Text, kann man dies auch alles nachlesen.

Die Lage in Afghanistan und die unglaublich Menschenverachtende Militär-Politik der USA.

Mit dem NATO ISAF Einsatz von 2001 wollte man die Terroristen in Afghanistan besiegen. Wer ist nun mehr der Terrorist?

Die damalige Allianz der USA und Großbritannien im Kampf gegen die Taliban Herrschaft, sollte eine Befreiung für das Volk sein. Mit dem Einmarsch von unzähligen NATO Soldaten sollte die Regierung im Kampf gegen den Terror gestärkt werden. Bis heute ist dieser ISAF Einsatz auf ganzer Linie gescheitert. Spezialeinheit wie das US Special Operations Command, die KSK der Bundeswehr oder die SAS aus Großbritannien konnten dem Terrorismus wenig entgegen setzen. Die Zivilbevölkerung litt und leidet am meisten unter dem gutgemeinten Vorsatz von „Frieden sichern“.

In nun 19 Jahren wurden Hunderttausende Afghanen getötet, zu Waisen, Verstümmelt, Traumatisiert, Obdachlos, Analphabeten, Bettelarm. Sieht so eine Militärische Intervention für Frieden aus? Nein! Terror wurde geschaffen. Terror von IS, Al Qaida und Taliban. Terror von Armeen der USA und der Nato. Das Böse besiegen in dem man böses selbst tut und fördert ist nicht das was Afghanistan braucht. 40 Jahre Krieg sollten endlich genug sein!

Frieden, Sicherheit und Zukunft sind es, was die Menschen in Afghanistan endlich wollen. Arbeiten und ihre Familien ernähren. Bildung muss eines der Elementarsten Bausteine für die Zukunft von Afghanistan sein. Die Wirtschaft kann nur wachsen,  wenn es in Afghanistan Frieden gibt.

Im April 2017 warf das US-Militär die sogenannte „Mutter aller Bomben“ über Afghanistan ab. Die Auswirkungen dieser monströsen Waffe blieben lange im Dunkeln. Doch nun wird immer mehr deutlich, was für einen Schaden die Bombe angerichtet hat – und wie zahlreiche Menschen im Schatten der Ignoranz darunter leiden.

Es war ein kleiner Bericht, der kaum Beachtung fand. Vor wenigen Wochen berichtete der afghanische Lokalsender Kabul News aus dem Distrikt Achin in der östlichen Provinz Nangarhar. 2017 geriet Achin kurzzeitig in die Schlagzeilen. Der Grund: Die afghanische IS-Zelle sowie die „Mutter aller Bomben“ („Massive Ordnance Air Blast oder „MOAB“), die größte nicht-nukleare Bombe des US-Militärs, die in ebenjener Region abgeworfen wurde. Doch nun berichten Einwohner Achins von mysteriösen Krankheiten, die seit der Detonation der Bombe regelmäßig auftreten und sich mittlerweile stark verbreitet haben. Gegenüber Kabul News sprechen einige Menschen aus Achin von einer „Seuche“, die vor allem Kinder befällt. Genannt werden unter anderem auffällige Hautkrankheiten.

Vor wenigen Tagen berichtete auch der afghanische Mainstream-Sender Tolo News, der eher US-freundlich gesinnt ist, über die Auswirkungen der Bombe in Achin, und zwar auf Mensch und Umwelt. „Nachdem die Bombe hier benutzt wurde, sind viele Krankheiten aufgetaucht. Viele Menschen haben Hautprobleme“, meint etwa Jam Roz, ein Einwohner Achins. Der afghanische Militäranalyst Atiqullah Amarkhil betont die langfristigen Effekte, die die Bombe auf Menschen hat: „Die Bombe hat Auswirkungen auf die Augen. Betroffene spüren Irritationen im Sehfeld. Hinzu kommen Auswirkungen auf die inneren Organe. Dies wird dann deutlich, wenn man die Luft im Detonationsumfeld einatmet. Des Weiteren sind Auswirkungen auf schwangere Frauen und Neugeborene wahrzunehmen.“

Eine weitere Folge ist die massive Zerstörung von Flora und Fauna. Laut den Einwohnern des Distriktes Mohmand Dara, der ebenfalls in der Provinz Nangarhar liegt, sind zahlreiche Ackerflächen aufgrund der Bombe zerstört und dort könne nichts mehr angebaut werden. Berichtet wird auch von vertrockneten Bäumen und Pflanzen sowie von Felsen, die schnell zu Staub zerfallen. „Derartige Berichte sind äußerst besorgniserregend und müssen ernst genommen werden. Die „Mutter aller Bomben“ und andere Waffen haben Afghanistan im Laufe der Jahre verseucht und die Lebensgrundlage vieler Menschen zerstört. Viele der betroffenen Regionen sind abgelegen und schwer zu erreichen, weshalb es noch lange dauern wird, bis wir uns über alle Folgen bewusst sind“, meint der afghanische Anthropologe Sayed Jalal Shajjan.

Was ist los in Nangarhar? Und überhaupt: Was ist los in ganz Afghanistan, das in diesem Jahr vom US-Militär derart bombardiert wurde wie schon lange nicht mehr? Allein im vergangenen Oktober fanden laut dem Pentagon mindestens 797 amerikanische Luftangriffe statt. Im Durchschnitt sind das 26 Angriffe pro Tag. Dies ist der afghanische Alltag, und zw