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Nepper,Schlepper, Bauernfänger

Der Wortfinsung der Querdenker sind keine Grenzen gesetzt

Nepper,Schlepper, Bauernfänger

Nepper und Bauernfänger gibt es schon seit tausenden Jahren und wird es auch immer geben. Ob es nun der Enkeltrick, die vielversprechend Liebe, das super Schnäppchen im Internet oder die neueste weltweite Pandemie.

Autorin Naike Juchem

Die Bauernfänger von heute nutzen die Medialewelt des Internets für sich und erreichen täglich ihre Opfer. Im Sommer 2015 wurde eine Panik über die Flüchtlinge gemacht. Flüchtlingeswelle  Invasion und Islamisierung waren die Schlagwörter. Tausende sahen sich und die Kultur gefährdet. Lügen und Übertreibungen von ein paar Spinner mobilisierten das „Volk“ und so wurde ganz schnell aus einer Welle die Flüchtlingsflut. Wenn Medien, Politik und Gesellschaft sich dagegen stellte, kam sofort die Opferrolle: die anderen bekommen…, die anderen haben…, die anderen fordern….
Plötzlich kam ein neues Schlagwort in den Wortschatz derer die ein paar Spinner hinterher liefen: Lügenpresse.


Jene die am meisten logen und die Fakten verdrehten wurden wie Helden gefeiert. Sie manipulierten die Menschen und schürten weiter Angst und Unwahrheiten. Der Rechtspopulismus bekam einen neuen Aufwind, wie es dieser seit den 70er nicht nicht mehr erlebt hatte.
Was ist aus der großen Flüchtlingsflut oder gar der Invasion geworden? Zumindest nicht das, was Rechtspopulistische Parteien und Gruppierungen in ihren Prophezeiungen von sich gegeben hatten.

Sars-CoV-2 kommt

Anfang 2020 betrat ein mikroskopisch keiner Virus die Bühne der Welt: Sars-CoV-2.
Die Regierungen standen vor etwas, welches es so in der Art seit Beginn der Menschheitsgeschichte nicht gegeben hat.
Im Frühjahr 2020 kochten die wüstesten Spekulationen hoch und man sah der Apokalypse ins Auge. Toilettenpapier, Nudeln, Mehl und Hefe wurden in der westlichen Hemisphäre gehortet, als ob es kein Morgen mehr geben würde. Jene unbegründete Panik, brachte Menschen dazu, sich wegen einem Packen Toilettenpapier zu brügeln.

Stolz ist man auf die Rebellion

Dubiose „Wissenschaftler“ stellten Fest, dass auf Desinfektionsmittel von vor zig Jahren bereits stand, dass jenes Mittel vor SARS schütze und man von den regierenden belogen wurde. SARS ist lediglich ein Virenstamm, an dem Sars-CoV-2 angegliedert ist. Diesen kleinen aber doch gewaltigen Unterschied wurde von den Bauernfänger außer acht gelassen.
Die Fakten wurden verdreht und das „Volk“ glaubte plötzlich an die wildesten Verschwörungstheorien. Neue „Fach-Virologen“ und Doktoren traten auf die Bühne der Öffentlichkeit und rissen wissenschaftliche Studien aus dem Kontext heraus schürten weiter ihre „Meinung“ an. Das „Volk“ fing an der Lügenpresse nichts mehr zu glauben und stelle alles in Frage – nur deren Helden nicht. Ein Dr. Hanswurst, der über Social Media Kanäle etwas zu Sars-CoV-2 sagte, wisse schließlich worüber er das „Volk“ informieren würde. Das jener Hobby-Virologe ein Doktortitel im Maschinenbau hatte, interessierte das „Volk“ nicht. Jene die anderen Meinung als die falsche hält, schafft es nicht, die vorgesetzten Lügen zu recherchieren oder hinterfragen.

Eine gefühlte Meinung ist nicht die Wahrheit

Jene „Fachleute“ ziehen ganz bewusst auf die Empathie ab. Sie schmeicheln mit Komplimente und Parolen: „haltet zusammen und lasst euch nicht blenden.“
Die Manipulation läuft immer besser und die „Mainstream Medien“ wollen die Bürger gefügt machen.
Das Reframing zum mobilisieren des „Volks“ wurde erneut ausgegraben und der Politik die Schuld zugewiesen.
Die neue Querdenker-Bewegung nahm immer mehr Fahr auf und das Karussell des Irrsinns drehte sich schnell.
Die Grundrechte seien in Gefahr und man muss sich gegen „die-da-oben“ endlich wehren.


Man zog öffentlich Vergleiche zur Nazi-Diktatur. Die Maschinerie des täuschens und verdrehen erreichte die nächste Stufe. das Namedropping. So nennt man die Manipulatoren die sich mit berühmten Namen schmücken. Eine junge verzogene Studentin aus Kassel verglich sich mit Anne Frank und das „Volk“ jubelte.

Die Studentin Jana aus Kassel vergleicht sich gerne mit Anne Frank

Die Manipulatoren appellieren in der Pandemie gerne an das Gewissen ihrer Opfer. Hier kommt als erster Punkt die Gesundheit. Es folgt sofort wieder die Opferrolle, denn die Pharmaindustrie will nur Geld verdienen – der Kreislauf des Kapitalismus funktioniert eben so. Die Firmen die Toilettenpapier herstellen, machen dies nicht aus reiner Gefälligkeit für des Menschenwohl. Soweit denkt dann „Volk“ noch nicht.

Querdenken-Initiator Michael Ballweg

Die Manipulatoren sprechen die Sprache des „Volks“ und geben nur ihre Wahrnehmung und Meinung weiter, selbst wenn diese völliger Unsinn sind. Zum Nachdruck werden Gleichgesinnte gesucht, die in die gleiche Kerbe schlagen und somit den „Volk“ keine Zeit zum Denken geben. Schlagwörter werden immer wieder gebraucht und ins Gedächtnis gerufen. Schnell werden Merchandise und Bücher zuhauf angeboten, man sympathisiert schließlich mit jenen, die man manipuliert.
Somit ist die Blase der Manipulation komplett.

Querdenker-Demo in Berlin 2021

Die Minderheit sieht sich in der Mehrheit

Das „Volk“ sieht sich in der Mehrheit und Meinung bestätigt. Deren gefühle Meinung steht aber nicht für die Allgemeinheit. Die Manipulatoren halten weiter mit „Fakten“ das „Volk“ bei der Stange. Immer kuriosere Behauptungen werden gegen Politiker, Wissenschaftler und „Schlafschafe“ gesteut. Man sieht sich in einer („gefühlten“) Diktatur und das man in seinen Grundrechten beschnitten wird. Man darf seine Meinung nicht mehr sagen – obwohl sie dies tagtäglich tun. Die Medien sind sowieso an allem schuld und liefern täglich falsche Zahlen.
Man hat ja gehört und gelesen, dass dies alles gar nicht wahr sein. Ihre „Fakten“ und Quelle würden dies ja schließlich alles widerlegte. Die Manipulatoren nutzen oft offizielle Statistiken oder gar Artikel aus dem Grundgesetz  – nehmen sich aber nur diese Zahlen oder Artikel heraus, die ihnen passen.

Artikel 20 des Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland

Art. 20, Absatz 1. Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.

Art. 20, Absatz 2. Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt.

Art. 20, Absatz 3. Die Gesetzgebung ist an die verfassungsmäßige Ordnung, die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung sind an Gesetz und Recht gebunden.

Art. 20, Absatz 4. Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.

Nun liegt es an jedem selbst, wem man glauben sollte.

Naike Juchem, 29. November 2021

Zum Schluss noch eine Sammlung an „Meinungen“ von verschiedenen Facebook-Accounts

Helden die niemand kennt

Alexey Ananenko, Boris Baranov und Valery Bezpalov

Helden die niemand kennt

Die Atomkatastrophe vom 26. April 1986 on Tschernobyl ist vielen noch im Gedächtnis.
Alexey Ananenko, Boris Baranov und Valery Bezpalov kennt so gut wie niemand.

Autorin Naike Juchem

Durch eine Kettenreaktion ereignete sich am 26. April 1986 in Block 4 des AKW von Prypjat – besser bekannt unter Tschernobyl, ein Radioaktiver Super-Gau.

Was am 26. April passierte war der größte anzunehmen Unfall in der Nuklearenergie. Es sollte aber nicht das Ende sein.
10 Tage nach dem Unfall in Block 4 des AKW’s Tschernobyl wurde den Ingenieuren klar, dass es eine viel größeren und mit Abstand tödlichere Gefahr gab – eine Kerndampfexplosion.
Bei Kernexplosionen, wie zum Beispiel bei Atombomben werden Temperaturen von über 100 Millionen Kelvin (99.999.726,8° Celsius) erreicht, dagegen haben chemische (TNT) Explosionen eine Temperatur von bis zu einigen tausend Kelvin. Die sehr hohe Temperatur von Atombombenexplosionen ist auch Ursache für die Bildung des uns allen bekannten charakteristischen
Feuerballs. Die Sprengwirkung einer atomaren Explosion wird in der Einheit Kilotonnen oder Megatonnen 
TNT-Äquivalent angegeben. Was der Nachwelt an Sprengwirkung der Atombombe vom 6. und 9. August 1945 von Hiroshima und Nagasaki kennt, wäre bei einer Kerndampfexplosion in Block 4 der Untergang der westlichen Hemisphäre gewesen.
Die Druckwelle hätte zum einen alles Leben und Gebäude in einem Umkreis von mehr als 300 Kilometer zerstört. Auch hätte die ionisierende Direktstrahlung und der folgende Fallout sein übriges in Europa, Asien und Ostafrika getan. Elektrische und elektronische Anlagen und Systeme wären durch den nuklearen
elektromagnetischen Puls zerstört worden.
Fahrzeuge, Flugzeuge und Satelliten wären davon betroffen gewesen. Wir wären von einer auf die andere Sekunde im Mittelalter gewesen – wenn wir dies überhaupt noch überlebt hätten.

Dank dem Einsatz von Alexey Ananenko, Boris Baranov und Valery Bezpalov konnte jene bevorstehenden Katastrophe verhindern werden.

Was wäre wenn es zu einer Kerndampfexplosion gekommen wäre?

Das Kühlsystem des Reaktors 4 war ausgefallen, und unter dem brennenden Kern bildete sich ein riesiges Wasserbecken. Ohne die Möglichkeit den Reaktorkern zu kühlen, wäre es nur eine Frage der Zeit gewesen bis sich der radioaktive Kern in Lava verwandelt hätte.
Die Hitze der Lava hätte den Beton geschmolzen und somit hätte das hochangereichertem Uran das Wasserbecken erreicht. In wenigen als 1 Mikrosekunde (Sekunden 10 hoch 6) hätte es eine Explosion von 3-5 Megatonnen gegeben – die Sprengkraft der Atombombe in  Hiroshima hatte 12.500 Tonnen TNT.  Zum Vergleich: 1 Millionen Tonnen ist eine Megatonne.
Die Explosion in Block 4 hätte zu einer völligen Zerstörung des AKW geführt.

Block 4 des AKW von Prypjat

Der 6. MAI 1986

10 Tage nach der Katastrophe war Pripjat bereits evakuiert und die Brände im Kraftwerk brannten noch immer.
Es wurde von der damaligen Führung
beschlossen, dass ein kleines Team von Männern in das Untergeschoss von Block 4  geschickt werden sollte, um die Ventile des Sprudelbeckens manuell zu öffnen.

Die einzige Möglichkeit dieser Apokalypse entgegen zu wirken, war das öffnen der Schleusen des Sprudelbeckens um das Wasser manuell abzulassen. Zu diesem Zweck beschlossen die Experten, dass Männer benötigt werden, die die Gegebenheiten des Reaktors kannten. Es gab nur ein Problem: jene drei Personen, die zu den Ventilen gehen würden bezahlen diesen Einsatz mit ihrem Leben.

Valery Bezpalov, Boris Baranov und Alexei Ananenko waren jene Männer.
Die Verantwortlichen sagten Alexej Ananenko, dass er hinuntergehen sollte, um die Ventile des Sprudelbeckens zu öffnen. Ananenko und Bezpalov baten den Schichtführer um eine weitere Person, da zwei Ventile geöffnet werden mussten.
Boris Baranov sagte zu, dass er helfen würde.
Mit falschen Strahlungswerten von einem Bereich überhalb des Sprudelbeckens wurden die Männer getäuscht.
Mit Schutzausrüstung, Taschenlampe, Dosimeter und Schraubenschlüssel gingen die drei Männer in den Bereich der Explosion. Sie mussten in völliger Dunkelheit arbeiten, und jede Minute durch das Kniehohe Wasser brachte sie ihrem Untergang näher. Die Männer tasteten sich in der Dunkelheit über riesige Rohren kriechend weiter zu den Ventilen.

Leitstand des AKW von Prypjat. Aufgenommen im August 2014

Die Jahre nach dem Super-Gau

In den Jahren nach der Katastrophe und selbst nachdem der zerstörte Reaktor in einem Stahl- und Betonsarkophag versiegelt worden war, arbeiteten Hunderttausende von Menschen in der Region als Liquidatoren und kämpften darum, die Ausbreitung der ausgetretenen Kontamination einzudämmen.

Die Liquidatoren wurden Anfänglich in dem Kinder-Sommerlager ‚Skazochniy‘ in der Nähe von Pripjat untergebracht. Zu den täglichen Messungen der
Strahlungswerten bekamen die Liquidatoren zusätzlich Jodtabletten.
Nach Jahren des Aufenthalts in jenem Lager, war dieses irgendwann so hoch kontaminiert, dass die Liquidatoren auf Schiffen untergebracht wurden, die aus der gesamten Sowjetunion herangeschafft wurden.

Was bleibt nach Tschernobyl?

Die Explosion des Reaktorkerns in Tschernobyl führte dazu, dass auch Kernbrennstoffe wie Plutonium-239 (Pu-239) und Radionuklide wie Strontium-90 (Sr-90) aus dem Reaktor in die Umgebung der Anlage geschleudert wurden. Der anschließende mehrtägige Brand des Grafits mit Temperaturen von weit über 2000 Grad Celsius transportierte die leichter flüchtigen Radionuklide wie Iod und Cäsium in große Höhen der Atmosphäre, von wo sie sich mit Höhenwinden über große Gebiete bis nach Mittel- und Nordeuropa ausbreiteten. 

Die Nuklidzusammensetzung in den radioaktiven Wolken änderte sich mit der Entfernung zum Reaktor. In unmittelbarer Nähe wurden die weniger flüchtigen Elemente, wie Strontium (zum Beispiel Sr-90) oder Plutonium (zum Beispiel Pu-239), abgelagert. Vor allem Cäsium- und Iod-Isotope wurden dagegen über weite Strecken transportiert. 

Außerhalb der Sperrzone in Tschernobyl wurden Gebiete in Russland, Belarus und der Ukraine mit einem hohen Cäsium-137 (Cs-137) Aktivitätsniveau der obersten Bodenschicht (Größer-gleich 37 Kilobecquerel pro Quadratmeter) als kontaminiert definiert und unterliegen seitdem der sogenannten radiologischen Kontrolle. Das betrifft nach offiziellen Angaben in Belarus eine Fläche von etwa 46.500 Quadratkilometer, in Russland von 57.000 Quadratkilometer und in der Ukraine von 41.800 Quadratkilometer (einschließlich Sperrzone). 

Der Mensch versucht die Elemente zu beherrschen und scheitert all zu oft. In den letzten 35 Jahren gab es immer wieder kleine- und auch größere Unfälle in der Atomenergie. Bei einem ständig steigenden Bedarf an Strom, werden wir mit dem Bewusstsein leben müssen, das hin und wieder Männer wie Alexey Ananenko, Boris Baranov oder Valery Bezpalov braucht, um die Welt zu retten.

Alexej Ananenko präsentiert die prestigeträchtige Auszeichnung „Held der Ukraine“, die ihm im Juli 2019 von Präsident Volodymyr Zelenskyy verliehen wurde.

Boris Baranov starb 2005 an einem Herzinfarkt. Alexei Ananenko und Valery Bezspalov leben noch.

Naike Juchem, 27. November 2021

Quellen
– Bundesamt für Umwelt und Naturschutz und nukleare Sicherheit
– EX UTOPIA.com
– Kernenergie.ch

MS „Wilhelm Gustloff „

Am 5. Mai 1937 war der Stapellauf das deutschen Kreuzfahrtschiff „Wilhelm Gustloff“ in Hamburg. Adolf Hitler war bei der Tafe zugegen.

Autorin Naike Juchem

Die Zeit von ihrer Indienststellung bis zur Übergabe als Lazarettschiff, im September 39, war für die „Gustloff“ ziemlich unspektakulär. Nach dem Kriegsbeginn wurde die „Wilhelm Gustloff“ der Kriegsmarine als Lazarettschiff übergeben und lag als Wohnschiff in Gotenhafen – dem heutigen Gdynia.

Die „Wilhelm Gustloff “ zwölf Seemeilen vor der polnischen Küste, in der Nähe des Kurorts Leba in 45 Metern Tiefe.

Bei ihrer Versenkung durch das sowjetische U-Boot S-13 vor der Küste Pommerns, kamen am 30. Januar 1945 mehr als 10.000 Menschen ums Leben – genau weiß es niemand.
Bezogen auf ein einzelnes Schiff gilt der Untergang der „Wilhelm Gustloff“ als die verlustreichsten Schiffskatastrophen der Menschheitsgeschichte.

Im Januar 1945 rückt die Rote Armee immer weiter vor, und so sollte die „Wilhelm Gustloff“ als eines der letzten Schiffe Soldaten und Flüchtlinge aus Ostpreußen über die Ostsee nach Westen bringen.
Da die „Gustloff“ war inzwischen militärisch grau gestrichen – obwohl für neutrale Schiffe nach internationalem Seerecht die Farbe Weiß vorgeschrieben war.

Auf dem Weg von Gdynia zur Halbinsel Hel

Die letzte Fahrt der „Wilhelm Gustloff“ mit fatalen Fehler

Kapitän Petersen und drei weitere Kapitäne waren an Bord. Sie kannten die drohende Gefahr durch sowjetische U-Boote, konnten sich aber nicht auf ein angemessenes Vorgehen einigen und rungen stundenlang miteinander um eine Antwort auf die Frage, wie und wann das Schiff seinen gefahrvollen Weg nehmen sollte. Der militärische Kommandant, 
Korvettenkapitän Wilhelm Zahn, schlug vor, abgedunkelt durch flache Küstengewässer zu fahren, in denen U-Boote nicht operieren konnten. Er setzte sich jedoch nicht gegen Kapitän Petersen durch, der sich angesichts der Überladung des Schiffes für eine Route durch tiefes Wasser nördlich entlang der Stolpe-Bank entschied.

Die letzte und todbringende Reise der „Gustloff“ beginnt um 13:10 Uhr. Mit schätzungsweise über 10.000 Menschen an Bord. Darunter 162 Verwundete, rund 340 Marinehelferinnen und 1.100 U-Bootsoldaten.
Zum Zeitpunkt des Auslaufens wurden offiziell 7.956 Menschen registriert. Es wird geschätzt, dass weitere 2.500 Flüchtlinge den Weg auf die „Gustloff“ fanden. Auf Befehl sollten statt der 18 Motorrettungsboote für je 96 Personen nur 4 mitnehmen werden. Bei dem sowieso schon vollausgeladenen Schiff, ist diese Maßnahme nicht nachvollziehbar.

Nach Stop vor der Halbinsel Hel, kam der Befehl zum Weitermarsch, denn die Marinesoldaten der 2. U-Boot- Lehrdivision, sollten nach Kiel gebracht werden, um erneut in den Kriegseinsatz zugehen.
Trotz feindlicher U-Bootwarnung und mangelhafter Geleitsicherung, von zwei Schiffen und später noch durch das Torpedoboot „Löwe“ , setzte die „Gustloff“ ihre Fahrt fort.

Ein vermeintlicher Funkspruch der Kriegsmarine veranlasste Kapitän Petersen zudem die Positionslichter zu setzen, um eine Kollisionsgefahr mit einem angeblich entgegenkommenden Minenlegergeschwader zu verringern. Durch diese Maßnahme war das Schiff in der Dunkelheit auszumachen. Tatsächlich befand sich kein Minensucher auf Gegenkurs mit der „Gustloff“. Anlass und Absender des Funkspruchs konnten nie geklärt werden.

Auf der Höhe von Stolpmünde wurde die „Gustloff“ gegen 21 Uhr von dem sowjetischen U-Boot S-13 gesichtet. Um 21:16 Uhr ließ dessen Kommandant,
Alexander Iwanowitsch Marinesko, aus etwa 700 Metern Entfernung vier
Torpedos abschießen. Ein Torpedo klemmte, drei trafen die „Gustloff“ am Bug, unter dem E-Deck und im Maschinenraum. Durch den Treffer im Maschinenraum brach die Stromversorgung ab.

Notrufe die viel zu spät registriert wurden

Unmittelbar nach der Torpedierung ordnete Kapitän Petersen den diensthabenden Funkern der U-Boot-Lehrdivison die Aussendung eines Notrufs über Funk an. Die „Gustloff“ verfügte über drei Funkanlagen mit größerer Reichweite, die erst drei Tage zuvor in der Werft in Gotenhafen installiert wurden. Durch den Stromausfall an Bord war die Funkanlagen unbrauchbar. Ferner wurden durch die Explosionen an Bord die Röhren der Sender und Empfänger beschädigt. Ein Notruf via Funk durch die Funkstation war also unmöglich, unter anderem auch deshalb, weil die Batterien für den Notbetrieb nicht geladen waren. Auf der Brücke befand sich ein tragbares UKW-Sprechfunkgerät, welches aber über eine sehr geringe Reichweite von wenigen Tausend Metern verfügte, und nur zur Kommunikation innerhalb eines Konvois diente.

Der 20-jährige Funkgefreite Rudi Lange versendete über dieses Funkgerät Notrufe, doch wurden die Funksprüche anfangs von keinem empfangen. Das Torpedoboot 
„Löwe“ verfügte zwar über Empfangsmöglichkeiten, doch war die Station zum Zeitpunkt des Untergangs nicht besetzt. Erst nachdem die Gustloff rote Leuchtsignale geschossen hatte, nahm die „Löwe“ Kontakt mit der „Gustloff“ auf, und verbreitete den Funkspruch um 21:30 auf der Frequenz der U-Bootflotte – aber nicht auf der Frequenz der zuständigen Leitstelle Oxhöft der 9. Sicherungs- Division.
Wegen dieser falsche Frequenz erfuhr die Leitstelle und die angeschlossenen Schiffe viel zu spät vom Notruf der „Gustloff.“

Ein Alptraum unter Deck von einem der wenigen Überlebenden

Der Torpedotreffer mittschiffs hatte das leer gepumpte Schwimmbad im Unterdeck getroffen. Dies war die Notunterkunft vieler Marinehelferinnen. Dort spietlen sich grauenvolle Szenen ab. „Unter den Füßen der Flüchtenden waren Menschenleiber, meist Frauen und Kinder, gefallen, niedergerissen, totgetrampelt“, erinnert sich der Überlebende Heinz Schön, damals ein 18-jähriger Zahlmeister-Assistent. „Willenlos wurde ich nach oben getragen, eingeklemmt in ein tobendes schreiendes Menschenbündel, in dem sich einer an den anderen klammert. Auf den zwei Meter breiten Treppen hoch zu den Decks bildete sich schnell ein Teppich aus Toten. Es starben Schwache, es starben Kinder, und es starben diejenigen, die den Gestrauchelten aufhelfen wollten.“ So Schön in einem Interview.

Der Kampf um die vier Rettungsboote

Vor Heinz Schön stehen zwei Offiziere der Kriegsmarine mit entsicherten Pistolen: „Nur Frauen und Kinder!“ Ein alter Pfarrer drückt Schön ein Baby aus der Entbindungsstation in die Hand, der Pfarrer selbst trägt die Mutter. Ein Leutnant schafft ihnen Platz.

Herbeieilende Schiffe konnten nur 1.252 Menschen retten, darunter alle vier Kapitäne und den Marinemaler Adolf Bock, dessen Berichte und Bilder später unter anderem im Stern veröffentlicht wurden. Das Torpedoboot „Löwe“, das die „Wilhelm Gustloff“ begleitet hatte, rettete 472 Menschen, das hinzugekommene
Flottentorpedoboot T 36 unter Kapitänleutnant Robert Hering weitere 564 Überlebende aus Booten, von Flößen und aus dem Wasser. T 36 wurde während der Rettungsaktion ebenfalls von S 13 angegriffen, wehrte sich aber mit Einsatz von Wasserbomben, worauf das sowjetische U-Boot abdrehte. 
Das Minensuchboot M 341 rettete 37, der Marinetender TS II 98, das Minensuchboot M 375 43 und der Frachter „Göttingen“ 28 Menschen. Zwei wurden in den Morgenstunden von dem Frachter „Gotenland“ geborgen, sieben von dem Torpedofangboot TF 19, ein Kleinkind vom Vorpostenboot Vp 1703.

Nur wenige Minuten nach den Torpedotreffern passierte der Schwere Kreuzer „Admiral Hipper: die sinkende „Wilhelm Gustloff.“ Der Kommandant der „Admiral Hipper“ entschied jedoch, nicht anzuhalten, um an der Bergung der Schiffbrüchigen teilzunehmen. Seine Begründung, man habe Torpedolaufbahnen gesehen und daher nicht angehalten, wurde von Experten angezweifelt. Da ein U-Boot längere Zeit zum Nachladen braucht, konnte die „Admiral Hipper“ ohne Probleme Kiel erreichen.

Gegen 22:15 Uhr, sank die „Gustloff“ etwa 12 Seemeilen von der pommerschen Küste bei Leba und liegt in 45 Meter Tiefe.

Abschießen die Frage, ob die Torpedierung der „Gustloff“ als Kriegsverbrechen eingestuft werden kann

Einfache Antwort: Nein

Die Torpedierung war kein Kriegsverbrechen, da Wehrmachts Soldaten vor dem Auslaufen der „Gustloff“ notdürftig ein paar Flakgeschütze auf das oberste Deck montierten, galt das Schiff somit als Kriegsschiff.
Die Versenkung war vielmehr eine Tragödie, die in erster Linie durch Gewissenlosigkeit verursacht worden war – nach Stop vor der Halbinsel Hel und dem Befehl zur Weiterfahrt.
Da Hitlers Reichsregierung die Ostsee am 11. November 1944 zum sogenannten Operationsgebiet erklärte und Deutsche Kriegsschiffe den Befehl hatten, „auf alles zu feuerten was schwimmt“, sind sich die Experten einig,  dass die dann auch für den Gegner galt. Außerdem hatte die Sowjetunion nie eine der Konventionen zur Seekriegsführung unterzeichnet.

Heute liegt das Wrack zwölf Seemeilen vor der polnischen Küste, in der Nähe des Kurorts Leba in 45 Metern Tiefe. In polnischen Seekarten ist es als Navigationshindernis Nr. 73 verzeichnet.

Warum mir diese Tragödie so wichtig ist, möchte ich auch gerne schreiben.
Eine meiner Freundinnen kommt aus Polen und deren Mutter war auf dem vorrausfahren Schiff gewesen.
Eine andere Freundin kommt aus Gdynia und durch sie und ihre Schwester habe ich über die „Wilhelm Gustloff“ sehr viel erfahren.
Im Oktober 2020 und September 2021 war ich im Marine Museum in Gdynia und las erschütternde Berichte von Menschen, die in den nachfolgenden Tagen tausende Todesopfer an den Stränden der Danzigerbucht sahen.

Quellen:
– Polanska Radio: Tragedia statku „Wilhelm Gustloff“
– Marine Museum Gdynia
– Dr. Willi Kramer
– Christopher Dobson: Die Versenkung der „Wilhelm Gustloff „

Minen

Minen

Autoren Naike Juchem und Nila Khalil

2018 sind in Afghanistan 1.415 Menschen durch Minen und explosive Kriegsreste getötet oder verletzt worden, wie der United Nations Mine Action Service (UNMAS) berichtete. Die Zahl der Opfer von Landminen und anderen Sprengstoffen in Afghanistan stieg laut dem Minenräumdienst der Vereinten Nationen in den vergangenen Jahren deutlich an, seit 2012 habe diese sich mehr als verdreifacht. 2017 seien pro Monat mehr als 150 Menschen durch Minen oder andere nicht explodierte Munitionsrückstände verletzt oder getötet worden. 2012 seien es noch 36 Tote und Verletzte je Monat gewesen. Insbesondere Kinder sind gefährdet, acht von zehn Opfern seien Kinder.

Seit 1989 wurden der UNMAS zufolge in Afghanistan mehr als 730.000 Antipersonenminen und 30.145 Anti-Tank-Minen geräumt.
Trotz dieser immens hohen Zahl an beseitigten Landminen liegen in keinem Land der Erde so viele Minen wie in Afghanistan.
Mehr als 5000 kartierte Flächen sind bekannt und jeder Schritt in diesen Gebieten ist Lebensgefährlich. Durch Erderosionen bei Starkregen oder Schneeschmelze werden all zu oft auch Minen mit in Täler oder Flächen gespült, die vorher Minenfrei waren oder dort Minen bereits entfernt wurden.

Was sind Minen?Antipersonenminen und Antifahrzeugminen

Landminen – Antipersonenminen und Antifahrzeugminen – sind geduldige und heimtückische Waffen: Sie sind oft mit dem bloßen Auge nicht sichtbar und lösen aus, wenn Erwachsene oder Kinder mit ihnen unabsichtlich in Kontakt kommen. Die geschieht häufig auch noch Jahrzehnte, nachdem sie verlegt worden sind. Betroffene werden getötet oder langfristig und schwer verletzt.

Über 600 verschiedene Minentypen sollen weltweit existieren.
Nachweislich wurden vor dem Verbot von Antipersonenminen in 54 Ländern produziert. Deutschland, Österreich, Frankreich, Belgien gehörten zu jenen Produktionsstätten.
Durch die Ottawa-Konvention wurde in den angeführten europäischen Ländern die Produktion von Antipersonenminen eingestellt, was aber nicht heißt das Rheinmetall, EADS oder auch Diehl bzw. deren Tochterfirmen in Ländern wie Myanmar, Pakistan, Russland, die USA und China weiter produzieren. Man gab dieser unmenschlichen Waffen einen neuen Namen: Antifahrzeugminen

Die Zahl der Produzenten erhöht sich signifikant, wenn man die Länder einbezieht, die Antifahrzeugminen und andere high-tech Minen entwickeln und produzieren. Weiterhin werden weltweit in Staaten wie Deutschland, Österreich, Frankreich und Belgien neue Minen entwickelt, produziert und auch exportiert. Minen, die nach Herstellerangaben gegen Fahrzeuge gerichtet sind, oder auch sog. „intelligente“ Minen.

Ähnlich wie bei Landminen zeigen sich auch die Produzenten von Streumunition erfinderisch. In über 30 Ländern wurden bislang weit über 200 verschiedene Typen von Streumunition produziert Zu den größten Produzenten gehören die USA, Russland und China, bis 2008 aber auch Deutschland.

Landminen lösen aus, wenn sie in Kontakt mit einem Menschen oder Tier kommen. Dabei töten oder verletzten sie fast immer die Betroffenen. Da sie dabei nicht zwischen Kämpfenden und der Zivilbevölkerung unterscheiden und noch Jahre nach Konfliktende im Erdreich versteckt liegen bleiben, stammen fast Dreiviertel aller Minenopfer aus der Zivilbevölkerung. Kontaminierte Gebiete stellen somit eine große Gefahr für die Bevölkerung dar dar. Deswegen wurden sogenannte Antipersonenminen durch die Ottawa-Konvention, die 1999 in Kraft trat und bislang von 164 Staaten ratifiziert worden ist, verboten. Seitdem ist der geschätzte weltweite Bestand von 160 Mio. auf 50 Mio. Landminen zurückgegangen und 33 ehemals kontaminierte Länder/Gebiete sind als minenfrei erklärt worden. Allerdings sind wichtige Staaten, wie die USA, China oder Russland, dem Abkommen nicht beigetreten. Die Betroffenen, die eine Minenexplosion überlebt haben, tragen oft lebenslange Verletzungen und Behinderungen mit sich. Sie sind somit noch lange nach dem Vorfall auf Hilfe angewiesen. Obwohl auch die Notwendigkeit der Opferhilfe in der Ottawa-Konvention festgehalten ist, geht diese oft nicht weit genug und wird zu früh eingestellt. Hier leistet zum Beispiel die Hilfsorganisation Handicap International (HI) einen wichtigen Beitrag: Sie versorgt die Überlebenden und ihre Angehörigen – und setzt sich für eine Welt ohne Minen ein.

Das Ottawa-Abkommen

Da die Abrüstungsverhandlungen innerhalb der Vereinten Nationen sehr festgefahren waren, einigte sich 1997 ein Großteil der internationalen Staatengemeinschaft außerhalb des UN-Rahmens auf ein Verbot von Antipersonenminen (Ottawa-Vertrag), das 1999 in Kraft getreten ist.

Es war das erste Mal, dass kleinere und mittelgroße Staaten (vor allem Kanada und Norwegen, aber auch Australien und Simbabwe) zusammenkamen und eine Vorgehensweise zum Verbot von Antipersonenminen beschlossen, anstatt sich von traditionellen Mächten, die sich nicht zum Verbot von Landminen verpflichtet hatten (wie China, Russland und die USA), zurückhalten zu lassen. Selbst die meisten ehemaligen Minenproduzenten und viele Anwender, darunter Belgien, Kambodscha, Italien, Mosambik und Südafrika, schlossen sich dem Prozess an. Zusätzlich spielte auch erstmals die Zivilgesellschaft eine entscheidende Rolle bei der Ausarbeitung eines völkerrechtlichen Verbots-Vertrages, indem sie global einen hohen Druck auf die Staaten ausübte.

Der Vertrag war somit das Ergebnis einer ungewöhnlich kohärenten und strategischen Partnerschaft zwischen Regierungen, internationalen Organisationen wie dem IKRK, UN-Organisationen und der Zivilgesellschaft, vertreten durch die Internationale Kampagne für ein Verbot von Landminen (ICBL). Die ICBL wurde 1992 von mehreren Organisationen gegründet, darunter HI, und spielte bei der eigentlichen Ausarbeitung und Formulierung des Vertrags von Anfang an eine wichtige Rolle. Bei allen diplomatischen Treffen im Vorfeld der Verhandlungen sowie während der Verhandlungen selbst erhielt sie einen formellen Platz am Tisch und Mitspracherecht.

Das Ottawa-Abkommen war auch ein Meilenstein des humanitären Völkerrechts und verbietet Produktion, Einsatz, Weitergabe und Lagerung von Anti-Personen-Minen und verpflichtet die Vertragsstaaten zu Entminung und Opferhilfe. Minen, die der Konstruktion nach gegen Personen gerichtet sind, sind somit durch den Vertrag von Ottawa verboten. Minen, die nicht gegen Personen, sondern gegen Fahrzeuge gerichtet sind, fallen allerdings nicht unter das Verbot. Bis heute (Stand: Oktober 2020) haben 164 Staaten das Abkommen unterzeichnet, das sind mehr als 80 Prozent aller Länder weltweit. Mit nur 32 fehlenden Staaten ist der Minenverbotsvertrag einer der weltweit am meisten akzeptierten Verträge. Die Vertragsstaaten verpflichten sich auch zur Räumung von verminten Gebieten und zur Unterstützung von Minenopfern. Alle Vertragsstaaten haben zudem beschlossen, bis 2025 eine minenfreie Welt zu erreichen.

Gegenwärtig sind 110 Millionen Landminen auf der Welt verlegt. Die Produktion einer Landmine kostet nur drei US-Dollar, die Räumung einer Mine verursacht jedoch Kosten in Höhe von 1.000 US-Dollar.
Bei der geschätzten Zahl an Minen ist es schlichtweg unmöglich in den nächsten Jahren die Welt Minenfrei zu räumen. Zumal es überhaupt nicht finanzierbar ist.

In den sogenannten asymmetrische Konflikte, zu denen Bürgerkriege, Terror und milizionäre / rebellierende Streitigkeiten zöhlen, werden sehr gerne Antipersonenminen verwendet und zum Beispiel Getreidefelder zu verminen. Ein Feld ist vermint ungeachtet der Tatsache ob eine oder zehn Minen in dem Feld liegen.

Bei der Verlegung von Minen ist es üblich, verschiedene Minenarten zu mischen, damit z. B. Minenräumpanzer nicht gefahrlos in ein Feld von Anti-Personenminen fahren können und im Gegenzug menschliche Minenräumer nicht ungefährdet Panzerminen entschärfen können. Panzerminen mit Druckzünder werden durch das Gewicht eines Menschen normalerweise nicht ausgelöst, aber durch Sicherungsminen, Aufnahmesicherungen und Sprengfallen wird ihre Räumung dennoch erschwert und ist für die Minensucher ein Lebensgefährlicher Job. Auch ist die Topografie ein Faktor der nicht immer den Einsatz von Panzerfahrzeugen ermöglicht.

In Afghanistan gibt es von staatlicher Seite kaum noch Minenräumer, da das Geld für die Löhne von circa 240 € im Monat der Männer seit Jahren weniger wird. Neben ihrem sowieso schon sehr gefährlichen Job, kommt die Gefahr von Terror noch hinzu. In den letzten Jahren habe die Taliban mehrere hundert Minenräumer von staatlicher, wie auch privaten Organisationen entführt und getötet.

Zu den am meisten belasteten Ländern gehören weiterhin: Afghanistan, Angola, Ägypten, Bosnien und Herzegowina, Laos, Kongo (Demokratische Republik), Kambodscha, Kolumbien, Kroatien, Ruanda, Vietnam, aber auch Regionen wie Berg-Karabach, Tschetschenien und die Falkland-Inseln.

Im Jahr 2017 wurden weltweit 2.793 Personen durch Antipersonenminen und oder explosiven Munitionsrückstände  getötet, 4.431 Personen wurden verletzt. 87 Prozent der Opfer waren Zivilisten, unter ihnen viele Kinder. Zu den körperlichen Schäden kommt noch die psychische Belastung hinzu. Viele Ortschaften die in Konflikten oder Kriege nicht eingenommen wurden, oder der Vertreibung von Menschen auf perfide Weise noch Wege und Pfade vermint wurden, sind an und durch diese Waffe getötet oder verletzt worden.
Wenn Menschen in ihren Dörfern zurück bleiben, benutzen diese oft die gleichen Pfade oder Wege, die nach ihrer Meinung Minenfrei sind. Einen halben Meter abseits jener Pfade oder Wege kann eine Tod bringende Mine liegen. Dieses Bewusstsein prägt Generationen von Menschen.
Zwangloses spielen von Kinder kann tödlich sein. Einem Fussball auf einem Feld hinterher zu laufen kann tödlich sein.
Auch wenn die Bewohner von Ortschaften ungefähr wissen, wo Minen liegen könnten, kann dies beim nächsten Erdrutsch, Starkregen oder Schneeschmelze schon völlig anders sein.

In mindestens 60 Staaten der Welt liegen noch Minen – teils registriert und gekennzeichnet, teil seit Jahrzehnten im Verborgenen.
Um ein Beispiel von Europa zu nennen: Der Kroatienkrieg von 1991-1995 hat bis heute circa 500 Quadratkilometer kontaminierte Ladefläche aufzuweisen. Flächen die zum größten Teil landwirtschaftlich genutzt werden könnten.

Minenopfer in Ruanda

Beispiel Ruanda

Bei dem Völkermord im Jahr 1994, bei dem in drei Monate schätzungsweise 1 Millionen Menschen ums Leben gekommen waren, gingen die Hutu-Rebellen nicht zimperlich mit dem Vokl der Tutsi und ihrem eigenen Land um. Ruanda könnte durch seine geographische Lage und den klimatischen Bedingungen das Land werden um die Hälfte der Bevölkerung südlich der Sahara zu ernähren.
Da bis zu 60% der Nutzfläche für Getreide vermint sind, ist eine Landwirtschaft kaum möglich.
Auch hier fehlt es an Equipment und finanziellen Mitteln um Minen zu räumen. Zwar gab es Ende der 90er von der Bundesregierung ein Projekt zur Beseitigung der Minen, dies aber nach wenigen Jahren eingestellt wurde.

Wie in allen Ländern in den Antipersonenminen verlegt sind, hindern dies die Menschen daran, in ihre Heimat zurückzukehren und es wieder aufzubauen. Der wirtschaftliche und landwirtschaftliche Schaden der Länder ist automatisch.

Autoren: Naike Juchem und Nila Khalil
25. November 2020

Quellen:
– Auswärtigesamt
– Convention on the Prohibition of the use
–  Dgvn.de
–  Landminen Index
– United Nations Mine Action Service (UNMAS)

Tjeerd Royaards

Tjeerd Royaards ist ein preisgekrönter niederländischer redaktioneller Karikaturist, der in Amsterdam lebt. Seine Arbeiten wurden bei CNN, The Guardian, Der Spiegel, Le Monde, Courrier international, Ouest-France, Internazoniale und Politico Europe veröffentlicht. Tjeerd ist Chefredakteur von Cartoon Movement, einer globalen Plattform für redaktionelle Cartoons und Comic-Journalismus. Er ist auch im Beirat des Cartoonists Rights Network International.

Tjeerd Royaards zeigt mit seinen Cartoons die Realität dieser Welt. Ob nun Menschenrechtsverletzungen oder Klimawandel

Seine Gedanken zum Klimawandel. Auf unserer Website gibt es zu diesem Thema ein paar sehr gute Beiträge von Evke Freya von Ahlefeldt.

Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte wird in und von vielen Staaten völlig Missachtet.

Die Flüchtlingspolitik von Europa lässt sehr zu wünschen übrig.

Kein Mensch flieht ohne Grund

Nicht nur gegen einen Ball wird getreten – auch gegen Menschenrechte.

Sehnsucht

Freiheit ist für mich sehr wertvoll

Sehnsucht
Von Nila Khalil

Gestern Abend saß ich mit Mynte Damgaard, ich kaufte am 25. August ihr Haus für meine Stiftung, in ihrem Wohnzimmer und sie stellte mir eine Frage, die ich gar nicht so leicht beantworten konnte.
„Was ist für dich Sehnsucht?“


Ich sah diese 79-jährige Frau an und wusste nicht, was ich ihr antworten konnte.
Vor zwei Jahren starb der Mann von Mynte und sie vermisst ihn sehr. Beide hatten vor über 50 Jahren den Hof ihrer Eltern übernommen. Die Landwirtschaft war hart und brauchte Anfang der 70er schon kaum Ertrag. Beiden wurde der Kinderwunsch verwehrt. 1975 bauten sie den Hof in ein Landschulheim um. Über 40 Jahren beherbergen sie tausende Kinder und Jugendliche.
Myntes Sehnsucht waren eigene Kinder und die Nähe zu ihrem Mann, der über 50 Jahre mit ihr das Leben teilte.
Mynte und Olaf hatten Sehnsucht nach einer friedlichen Welt und wollten Kinder ein Zuhause der Leibe und Geborgenheit geben  – wenn auch nicht für ihre eigenen Kinder, so gaben sie diese, wenn auch nur immer für ein paar Wochen, an tausende Kinder weiter. Alles in den beiden Häuser und Anwesen ist mit Liebe gebaut, dekoriert oder geplant gewesen.

Da wir schnellstmöglich eine Unterkunft für einen Teil meiner Mitarbeiterinnen, Mädchen und Frauen brauchten, kam ihr Anwesen wie gerufen.
Als ich mit einem Tross von Menschen am 25. August das Anwesen und Haus sah, spürte ich eine Aura die schwer zu beschreiben ist.
Der Grund von unserem Besuch in diesem Haus war allen klar: Wir kaufen ein Anwesen und Mynte geht mit diesem Geld in ein Altenheim – fertig.
Bei der Besichtigung von dem Anwesen und den anschließenden Gespräche sah ich die Traurigkeit bei dem Verlust ihres Lebenswerk in Myntes Augen.
Kann man jemanden die Wurzeln abhacken, die fünf Jahrzehnte alt sind? Ich hätte die Sehnsucht von Mynte zerstört.
Nun hat Mynte ein Lebenslanges Wohnrecht in ihrem Haus und auch wieder viele Kinder.

Mynte ist eine sehr angenehme Frau, mit einem großen Herz für Kinder. Also für uns und auch für sie war es Glück, dass wir uns gefunden haben.
Beim Tee und Plätzchen erzählte ich Mynte den Beginn meiner „Karriere“ in Afghanistan.
2005 hatte meine ehemalige Lehrerin, Shabnam, die Sehnsucht Bildung für Mädchen in Afghanistan weiter zu bringen. Sie wollte mich unbedingt an meine ehemalige Schule holen, damit ich die damalige Lehrerinnen an der Schule unterstütze. Ich bin und war nie Lehrerin. In Stuttgart hatte ich eine Ausbildung als Bürokauffrau gemacht. Vielleicht war irgendwo tief in mir die Sehnsucht wenigstens ein paar Mädchen Bildung und somit ein etwas besseres Leben zu geben.

In New York

Nun aber zurück zu der Frage von Mynte: Was ist für mich Sehnsucht?

Ist es die Sehnsucht nach meiner Freiheit, die ich mein Leben lang verteidige oder die Sehnsucht nach Frieden in Afghanistan?
Habe ich überhaupt noch Sehnsucht nach meinem Geburtsland?
Ist es die Sehnsucht für eine bessere Welt, die auch Mynte in ihrem Leben antrieb.

Was ist für dich Sehnsucht?“

Heimat? Liebe? Geborgenheit? Ich weiß noch nicht einmal wo meine Heimat ist.
Ohne Frage fühle ich mich in den Niederlanden sehr wohl und werde wohl auch die nächsten Jahre dort leben. Alleine schon wegen Lenara – oder nur wegen Lenara.
Oft stelle ich mir die Frage, was wäre wenn das UKE in Hamburg als erstes die Zusage für ihre Operationen gegen hätte, oder gar eine Spezialklinik in den USA.
Vielleicht ist meine Sehnsucht einfach nur eine Beständigkeit in oder für mein Leben.

Ich habe am Hindukusch gelebt und musste fliehen. Als Kind war meine Sehnsucht der Frieden und die Sicherheit keine Angst mehr zu haben.
In Deutschland hatte ich einen Beruf gelernt und konnte in dem Beruf arbeiten. Meine Sehnsucht waren meine Eltern. Ich hatte bereits einen deutschen Pass und wollte meine Eltern über die Familienzusammenführung nach Deutschland holen.
Der Terror in Afghanistan war schneller als die Behörden in Deutschland. Mir wurde durch einen Autobomben-Anschlag die Sehnsucht regelrecht zerfetzt.

Zurück in Afghanistan gab es keine Sehnsucht. Auf was auch?
Nach dem Suizid meiner Mutter war die Sehnsucht nach Stuttgart wieder da. Gleichzeitig aber auch die Sehnsucht nach Bildung für Mädchen.

Ich war in einem von Krieg und Terror gezeichneten Land und die Sehnsucht nach Frieden und Sicherheit kam nach 16 Jahren wieder zurück.

Mein Team von damals. Der Beginn von allem.

In den darauf folgenden Jahren kämpften ein paar mutige Frauen für die gleiche Sehnsucht nach Frieden und Sicherheit.
Was damals in einem kleinen schäbigen Büro an einer Mädchenschule begann, wurde Jahr für Jahr größer und mehr.

Alle unsere Sehnsucht wurde uns am 16. August genommen. Die Sehnsucht für eine Zukunft zerfiel am Flughafen in Kabul.
Die Sehnsucht auf Frieden wurde im Frühjahr 2020 in Doha zwar unterschrieben – aber uns paar mutigen Frauen war klar, dass dies das Ende jeglicher Hoffnung wird. Leider ist es im August 2021 auch so gekommen.

Nun sind es die gleichen Frauen wie einst in dem schäbigen Schulbüro, die jetzt über 5000 Kilometer entfernt sind und stehen wieder ganz am Anfang der Sehnsucht: Bildung und Sicherheit für Mädchen.

Da saß ich bei einer älteren Dame bei Tee und Gebäck in einem europäischen Land und konnte ihre Frage noch nicht einmal vernünftig beantworten.

Was ist für dich Sehnsucht?“

Meine Sehnsucht ist die Ruhe für mich.
Meine Sehnsucht ist das Vergessen von vielen Erinnerungen.
Meine Sehnsucht ist die Genesung und Gesundheit für Lenara.

Vor fast genau einem Jahr hatte ich Lenara gesagt, dass ich ihre Mutter sein werde und sie niemals wieder nach Afghanistan zurückkehren muss.

Die Sehnsucht nach Ruhe macht irgendwie immer einen großen Bogen um mich.

Irgendwo in Europa

Heute morgen saß ich mit Saina am Strand und erzählte ihr von Europa. Sie fragte mich, warum sie in Europa sei und nicht auch ihre Mutter.
Wie kann ich einem 3-jährigen Kind diese Frage beantworten?
Was sollte ich ihr sagen? Deine Mutter war so klug um dich in Sicherheit zu bringen – oder deine Mutter weiß, dass sie sterben wird.
Wie erklärt man einer 3-jährigen die Politik und Terror?
„Saina, ich bin nicht deine Mutter, ich werde aber mein bestes geben. Dies verspreche ich dir.“
Diese Worte von meiner Mutter sind nun 31 Jahre her und nun wiederhole ich diese bei Saina.

Ich habe in den letzten Wochen alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die Vormundschaft für Saina in den Niederlanden zu erreichen – und somit auch ein ständiges Aufenthaltsrecht.

Saina wird irgendwann Sehnsucht nach der leiblichen Mutter haben und ich weiß zur Zeit nicht, was ich ihr sagen kann.

Amira hat hin und wieder auch Sehnsucht nach ihrer Mutter – nur wird sie ihrer Mutter ins Gericht brüllen wollen.

Ich glaube in all diesem Chaos aus meinem Leben, wird die Sehnsucht auf Beschaulichkeit, Ruhe und Normalität von Jahr zu Jahr größer in mir.

Nila Khalil, 5. Oktober, irgendwo in Europa


Schottland

Schottland – warum Schottland?

By yon bonnie banks and by yon bonnie braes,
Where the sun shines bright on Loch Lomond.
Where me and my true love were ever wont to gae,
On the bonnie, bonnie banks of Loch Lomond.

Oh ye’ll take the high road and I’ll take the low road,
And I’ll be in Scotland afore ye;
But me and my true love will never meet again
On the bonnie, bonnie banks of Loch Lomond.

Wenn Gott diese Welt erschaffen hatte, dann hatte er sich bei Schottland sehr viel Zeit, Liebe und Mühe gegeben.
Ich liebe Schottland.
Die Weiten, die Ruhe und diese unglaublich schöne Landschaft.

Mein Bodyguard ist Franzose und lebt seit Jahren mit einer Frau aus Inverness zusammen. Daher die Einleitung von dem Lied: The Bonnie Banks of Loch Lomond.

Beide habe zwei wunderbare Jungen, bei denen ich und Amira Paten sind.

Meine Beziehung  und Freundschaft zu Marcel geht um vieles weiter, als „nur“ Bodyguard. Er ist ein Teil von meinem Leben und Familie. So auch Haylie Mc Farland (oder auch Bonnie Banks), die Frau von Marcel. Sie war bis vor 9 Jahren für verschiedene Hilfsorganisationen als Medizinische Fachkraft in einigen Ländern in Afrika und Asien im Einsatz – auch in Afghanistan, wenn Marcel bei mir war.


Am 14. August gab es in Haiti ein schweres Erdbeben. Als ich am 16. August mit Marcel auf dem Rückflug von Afghanistan war, packte Bonnie zwei Tage später ihre Tasche und machte sich auf den Weg nach Haiti.
Drei Wochen war sie dort für CARE im Einsatz. Haylie kennt von Kriegsgebieten über Terror bis zu Naturkatastrophen das  ganze Spektrum an Verletzungen. Sie könnte auch eine Operation bei Kerzenlicht durchführen.


In den vielen Jahren wo ich Haylie und Marcel kenne, ist eine wunderbare Freundschaft entstanden. Wenn ich mal wieder kurz am Limit von mir selbst stand und stehe, fliege ich zu ihnen nach Schottland. Dort komme ich zur Ruhe und bekomme auch wieder meinen Akku geladen. Mit Haylie gehe ich gerne stundenlang wandern. Wir beide sind uns in vielen Dingen sehr ähnlich und sie ist die beste Trösterin und Therapeutin für mich.

Als ich im März 2020 die Verantwortung für Lenara übernommen hatte, war Haylie für mich bei vielen Fragen da. Sie kam auch schon dreimal in die Niederlande geflogen, um mir beizustehen und auch mit den Ärzten einiges abzuklären.
Bonnie war auch die letzten zwei Wochen mit ihren Söhne bei mir gewesen und hat tatkräftig mein Team und mich unterstützt. Immerhin hat sie viele Mädchen und Frauen aus unseren Häusern über Jahre betreut und Medizinisch versorgt.

Heute habe ich sie zum Flughafen gefahren und sie fehlt mir jetzt schon sehr.

Nun möchte ich euch ein paar Fotos von diesem wunderschönen Fleckchen Erde zeigen.

Die Arrondissement von Paris

Paris besteht aus mehreren Stadtbezirken, den Arrondissements. Die spiralförmig angeordneten Bezirke beginnen im Zentrum der Stadt und setzen sich im Uhrzeigersinn bis nach außen hin in die Vororte fort. Ende des 19. Jahrhunderts weitete Napoleon III. die ursprünglichen zwölf zu insgesamt zwanzig Arrondissements aus.

Erstes Arrondissement (Louvre)

Das an der Seine gelegene Erste Arrondissement begeistert mit einer schönen Architektur, luxuriösen Geschäften und natürlich vielen bedeutenden Sehenswürdigkeiten. Neben der Fußgängerbrücke Pont des Art, dem Stadtpalast Palais Royal und den Tuilerien befinden sich hier auch die Rue de Rivoli und der Louvre. In diesem Bezirk können Besucher der Stadt wahrhaft malerische, postkartenähnliche Motive genießen. Das historische Erste Arrondissement gehört zu den ältesten der Stadt, und einige Teile auf der rechten Seite der Seine gab es sogar bereits im frühen Mittelalter. Das Palais Royal gilt als atemberaubendes Beispiel der Architektur des 17. Jahrhunderts und bietet mit seinem Garten inmitten der bei Touristen beliebten Stadt einen wunderbaren Rückzugsort, in dem Besucher die Ruhe genießen können. Im Herzen der Stadt befindet sich auch der Jardin des Tuileries, eine öffentliche Parkanlage neben dem Louvre. Die Grünanlage begeistert mit ihrer schönen Architektur aus der Zeit der Renaissance, mit Statuen im Park als Ausdruck einstiger gälischer Pracht und mit hübschen Cafés. Die bekannte französische Rue de Rivoli, die auf Anweisung von Napoleon Bonaparte einst in der Nähe des nördlichen Teils des Louvres angelegt wurde, verläuft mitten durch das Erste Arrondissement. In der historischen Straße spiegelt sich die Entwicklung der Stadt von historischen Bauwerken über imposante Plätze bis hin zu einer modernen Stadtplanung wider. Mittlerweile ist sie von luxuriösen Modeboutiquen gesäumt. Ihren Namen verdankt sie übrigens der Schlacht von Rivoli, aus der die Armee Napoleons siegreich hervorging.

Zweites Arrondissement (Bourse)

Auf der rechten Uferseite der Seine befindet sich mit dem Zweiten Arrondissement der kleinste Bezirk der Stadt. Nichts desto trotz hat er viel zu bieten: die Pariser Oper und viele Ladenpassagen sind nur einige der prachtvollen Attraktionen. Heraus sticht vor allem auch die Passage des Panoramas aus dem 19. Jahrhundert, die ursprünglich dazu dienen sollte, den wohlhabenderen Teil der Bevölkerung von den dunklen, schmutzigen Bürgersteigen fernzuhalten, als es noch keine Gaslaternen gab. Das Zweite Arrondissement ist auch für seine Textilindustrie bekannt. Für Modebegeisterte, die diese hautnah erleben möchten, lohnt sich ein Besuch der Gegend am frühen Morgen.

Drittes und Viertes Arrondissement (Marais)

Der Marais wird oft mit dem schillernden SoHo in Manhattan verglichen, versprüht aber dennoch ein unvergleichliches Pariser Flair. Zu den Attraktionen der Gegend zählen exklusive Boutiquen, kleine, luxuriöse und kostspielige Hotels und jede Menge Galerien. Nach ihrer Trockenlegung wandelte sich die einstige Sumpflandschaft zu einem schicken und beliebten Pariser Stadtteil. Noch immer befinden sich dort einige hohe, edle Stadthäuser aus dem 17. Jahrhundert sowie verschiedene, für die Gegend typische Gassen. Im 19. Jahrhundert wurde der Marais zu einem Zentrum des jüdischen Lebens in Paris. Mittlerweile ist dieses zwar etwas verblasst, doch einige Läden mit hebräischen Schriftzügen sowie einige kleine jüdische Museen lassen sich nach wie vor entdecken. Der Marais kann auch mit besonders innovativen kulinarischen Kreationen aufwarten – so lassen sich auf dem wunderbaren Marché des Enfants Rouges sowie in den kleinen umgebenden Straßen in der Nähe der Place de la République verschiedene Köstlichkeiten erstehen.

Sechstes Arrondissement (Saint-Germain des Prés)

Das kultige Saint-Germain des Prés ist Inbegriff der Pariser Bourgeoisie. Hier reihen sich vornehme Wohnblöcke an moderne Kunstgalerien, Patisserien, Bäckereien, Antiquitätenläden, lebendige Cafés und bürgerliche Restaurants. Noch immer erinnert in der Gegend einiges an die einstige Blütezeit in den Fünfzigerjahren, als in den Boulevards Jazzklänge vernommen werden konnten und sich die Intellektuellen im berühmten Café de Flore trafen, um gemeinsame Diskussionsrunden zum Thema Philosophie abzuhalten.

Siebentes Arrondissement (Palais-Bourbon)

Das kleine Siebente Arrondissement auf der linken Uferseite der Seine lockt mit zahlreichen berühmten Sehenswürdigkeiten wie dem Eiffelturm, dem Hôtel des Invalides, dem Musée d’Orsay und dem Musée Rodin. Der zentral gelegene Bezirk galt bereits im 17. Jahrhundert als Mittelpunkt des Pariser Adels und umfasst unter anderem den einst besonders bei der aristokratischen Gesellschaft beliebten Stadtteil Faubourg Saint-Germain. Im Siebenten Arrondissement befinden sich auch der Sitz der französischen Nationalversammlung sowie verschiedene ausländische diplomatische Vertretungen.

Achtes Arrondissement (Elysée)
Das Achte Arrondissement begeistert mit der Prachtstraße Champs-Elysées. Die wahrscheinlich berühmteste Straße der Welt führt von der Place de la Concorde bis zum Triumphbogen. Auch Attraktionen wie der hübsche Parc Monceau und die Kirche La Madeleine sind einen Besuch wert. Südlich der Champs-Elysées befinden sich das imposante Grand Palais – Ausstellungsgebäude und Museum in einem – und das Petit Palais, welches das städtische Museum der schönen Künste beherbergt. Der Élysée-Palast, seit 1848 offizieller Amtssitz des Staatspräsidenten der Französischen Republik, liegt nördlich der Prachtstraße.

Neuntes Arrondissement (Opéra)

Das Neunte Arrondissement ist durch Gegensätze geprägt. Im Süden befinden sich prestigeträchtige Boulevards, im Norden hingegen liegt das berühmte Pariser Rotlichtviertel Pigalle. In den letzten Jahren hat sich die Gegend um den Süden von Pigalle gewandelt und mit der Entstehung junger Boutiquen und einer Kaffeehauskultur den hippen Spitznamen „SoPi“ (kurz für „South Pigalle“) erhalten. Die Opéra Garnier, die Galeries Lafayette und die Kirche La Trinité sind nur einige bekannte Attraktionen der Gegend.

Im Zehnten Arrondissement befindet sich der Bahnhof Gare du Nord. Besucher sollten hier sehr auf ihr Gepäck achtgeben und aufpassen, dass sie auf den langen Rolltreppen nicht angerempelt und bestohlen werden. Unweit des Bahnhofs liegt der Canal Saint-Martin, an dem sich im Sommer gern die Pariser Jugend versammelt. Auf beiden Seiten ist der hübsche Kanal von Bars und Restaurants wie Chez Prune gesäumt, die mit nostalgischem Schick begeistern. Entlang des im 19. Jahrhundert errichteten Kanals lassen sich Bouleplätze entdecken und schöne Radwege erkunden. Der nicht weit entfernte Schiffahrtskanal Canal de l’Ourcq ist von Hochhäusern aus den Siebzigerjahren und zwei Programmkinos umgeben und lockt im Sommer vor allem Wassersportbegeisterte an.

Elftes Arrondissement (Popincourt)

Das Elfte Arrondissement ist vor allem für das Szeneviertel Oberkampf berühmt, das mit seinem pulsierenden Nachtleben mitten in einer doch eher ruhigeren Stadt Besucher anzieht. Die weltoffene Gegend ist bei Studenten und Künstlern beliebt, und auf Hinterhöfen hinter günstigen Lebensmittelläden und Discountern versteckt befinden sich einige Studios. Durch ihr junges, unkonventionelles Flair ist die Gegend ein guter Ausgangspunkt für alle, die die Stadt unter einem jugendlich-fortschrittlichen Gesichtspunkt erkunden möchten.

Zwölftes Arrondissement (Reuilly)

Zu den Attraktionen des Zwölften Arrondissements zählt die Place de la Bastille mit der Opéra Bastille. Als einer der größeren Bezirke bietet dieses Arrondissement bezahlbaren Wohnraum sowie durch öffentliche Verkehrsmittel eine gute Anbindung an den restlichen Teil der Stadt.

Dreizehntes Arrondissement (Gobelins)

Im Dreizehnten Arrondissement leben chinesische, vietnamesische, kambodschanische und laotische Bevölkerungsgruppen. Mit seinen Hochhäusern aus den Sechzigerjahren und weitläufigen Boulevards versprüht dieser Teil von Paris ein deutlich anderes Flair als der Rest der Stadt. Die Avenue d’Ivry, die Avenue de Choisy and der Boulevard Masséna treffen an einem Knotenpunkt dreiecksförmig aufeinander. In den Straßen reihen sich fernöstliche Lebensmittelgeschäfte, Bars mit vietnamesischen Nudelspezialitäten und chinesische Konditoreien aneinander und der Duft exotischer Gewürze liegt in der Luft. Um den Hügel Butte-aux-Cailles herum befinden sich einige sehenswerte Bars und Restaurants, und ein kleiner buddhistischer Tempel, der versteckt in einer Tiefgarage an der Avenue d’Ivry liegt, ist ebenfalls sehenswert. Ein Besuch der Gegend lohnt sich vor allem, wenn das chinesische Neujahrsfest gefeiert wird und sich Drachentänze sowie Kampfsportvorführungen bewundern lassen.

Vierzehntes Arrondissement (Observatoire)

Obwohl sich im Vierzehnten Arrondissement das vielseitige Viertel Montparnasse befindet, in dem vor allem in den Zwanzigerjahren die Kunst- und Literaturszene der Stadt aufblühte, ist in den Bezirk mittlerweile eher etwas Ruhe eingekehrt. Sehenswert sind vor allem der Friedhof Montparnasse, auf dem französische Berühmtheiten begraben sind, und die Katakomben, die von der Place Denfert-Rochereau aus zugänglich sind.

Fünfzehntes Arrondissement (Vaugirard)

Das Fünfzehnte Arrondissement ist unter allen zwanzig Pariser Arrondissements das größte und bevölkerungsreichste, doch es ist touristisch noch nicht besonders gut erschlossen. Eine dicht besiedelte Wohngegend und ein Geschäftsviertel prägen den Bezirk auf der linken Uferseite der Seine im südwestlichen Teil der Stadt. Der Parc André Citroën sticht hervor, denn er gilt als besonders innovativer und interessanter Park unter den modernen Pariser Grünanlagen.

Sechzehntes Arrondissement (Passy)

Neben dem exklusiven Siebenten Arrondissement gilt auch das Sechzehnte Arrondissment – und insbesondere der Stadtteil Passy – als bevorzugte Wohngegend der wohlhabenderen Pariser Bevölkerung. Die von der Place de Costa Rica bis zur Chaussée de la Muette reichende Rue de Passy ist von exklusiven, luxuriösen Boutiquen und eleganten Ladenketten gesäumt. In den Geschäften lassen sich oft amerikanische Akzente vernehmen, immerhin ist die Gegend bei Geschäftsleuten, die mit ihren Familien aus Nordamerika hergezogen sind, sehr beliebt. Im Palais de Tokyo können Besucher, die sich für moderne Kunst interessieren, viele kostenlose Ausstellungen besuchen. Ebenfalls sehenswert sind der Friedhof Cimetiere de Passy sowie das Maison de Balzac. Mittlerweile wurde das Haus des berühmten französischen Schriftstellers Honoré de Balzac in ein Museum umgewandelt.

Siebzehntes Arrondissement (Batignolles-Monceau)

Ebenso wie die Gegend „SoPi“ erfährt auch das Siebzehnte Arrondissement einen Wandel. Der Bezirk, in dem immer mehr Bars und Bistros entstehen, erfreut sich bei den sogenannten „Bobos“ (abgeleitet von „bourgeois-bohémien“; Bezeichnung für meist jüngere, liberale, gebildete und wohlhabende Bürger mit nichtkonformistischen Werten) immer größerer Beliebtheit. Das Viertel Batignolles bietet neben günstigen Mieten auch eine gute Anbindung an Sehenswürdigkeiten wie die Champ-Elysées und den Parc Monceau. Es liegt zwar etwas abseits der Touristenpfade nördlich des Triumphbogens, der nordöstliche Teil des Viertels wird aber immer belebter. Das Siebzehnte Arrondissement ist besonders für seine Architektur im Haussmann-Stil berühmt, und die ruhigen, typischen Pariser Straßen lassen sich wunderbar bei einem Spaziergang erkunden.

Achtzehntes Arrondissement (Butte-Montmartre)

Das Achtzehnte Arrondissement beherbergt das berühmte historische Viertel Montmartre. Es ist vor allem für die Basilika Sacré-Cœur mit ihrer weißen Kuppel bekannt, die sich auf dem Hügel Montmartre befindet. Von oben wird ein herrlicher Ausblick geboten. Kleine Kopfsteinpflasterstraßen führen hinauf auf den Hügel mit kleinen Bars und Cafés, von deren winzigen Terrassen aus eine wunderbare Aussicht genossen werden kann. Sehenswert sind auch das kleine Museum Espace Dali, in dem sich Werke des bekannten Künstlers des Surrealismus, Salvador Dali, bewundern lassen. Auch ein Weinberg, der Friedhof Cimietiere de Montmartre, auf dem viele bekannte Künstler begraben wurden sowie eine Standseilbahn, die den Berg hinauf fährt, zählen zu den Attraktionen der Umgebung. Das Viertel Montmartre konnte einen großen Teil seines historischen Charakters bewahren und auch wenn es im Sommer manchmal etwas voller wird, lohnt sich ein Besuch durchaus, um in das wahre Pariser Leben einzutauchen.

Neunzehntes Arrondissement (Buttes-Chaumont)

Der unter Napoleon III. nach einem britischen Entwurf errichtete Parc des Buttes-Chaumont ist ein beliebtes Ziel im Neunzehnten Arrondissement im Norden von Paris. Der Hauptkonstrukteur Baron Haussmann nutzte Dynamit, um durch Sprengungen besonders dramatische, sich voneinander abgrenzende Landschaften zu schaffen. So befinden sich in dem Park unter anderem ein Felsen, ein romantischer Wasserfall, ein kleiner Tempel, der einem alten römischen Relikt nachempfunden wurde, eine Grotte sowie über 24 Hektar große Grünflächen und Blumenbeete. Auch die Straßen, die zu dem Park führen, lassen sich gut erkunden und bieten einen Einblick in einen älteren, originelleren Teil von Paris.

Zwanzigstes Arrondissement (Menilmontant)

Das Zwanzigste Arrondissement besteht vor allem aus Wohngebieten, bietet jedoch mit dem Cimitiere du Pere-Lachaise auch eine äußerst bekannte Attraktion. Auf dem scheinbar meistbesuchten Friedhof der Welt sind bekannte Pariser Schriftsteller, Künstler und Politiker sowie Berühmtheiten wie Oscar Wilde und Jim Morrison begraben

Der falsche Glauben mit Nationalismus und Rassismus die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

KZ Dachau

Seit einer Woche erleben wir über sämtliche Medien die eskalierende Gewalt in den USA. Hervorgerufen durch den Tod an dem Afroamerikaner George Floyd.
Mit wachsender Sorge sehe ich in den letzten Jahren wie der Nationalsozialismus und Rassismus immer weiter in die Öffentlichkeit getragen wird und viele Rechtspopulisten diesen immer weiter anfeuern. In den Niederlanden wird nach Deutschland geschaut und die Wahlergebnisse der AfD gefeiert.
Die Niederlande sind seit 2015 mit rechtspopulistischen Parteien konfrontiert. Zu erst mit Pim Fortuyns von der LPF, dann mit Geert Wilders „Partei für die Freiheit“.

Nun aber der Reihe nach.
Den Haag, anno 2018. Die Niederlande sind aus der EU ausgetreten und haben ihre Grenzen hermetisch geschlossen. Muslimen wird der Zutritt verwehrt. Der Bau von Moscheen ist verboten, ebenso der Koran. Die Polizei hat Razzien durchgeführt, um das Buch in allen muslimischen Haushalten aufzuspüren und zu entfernen. Wer unbedingt ein Kopftuch tragen will, muss dafür eine kopvoddentax zahlen, eine „Schädelfetzensteuer“. Aus den weitaus meisten Asylbewerberheimen sind Haftanstalten geworden, in denen männliche Flüchtlinge und Immigranten einsitzen, denen vor dem Schließen der Grenzen noch die Einreise gelungen war. Die rechtspopulistische Regierung in Den Haag will die Mütter und Töchter des Landes vor muslimischen Testosteronbomben schützen und einen angeblich drohenden „Sex-Jihad“ verhindern.

So hätten die Niederlande zukünftig aussehen können, wäre die ebenso europa- wie islamfeindliche „Partei für die Freiheit“ PVV (Partij voor de Vrijheid) von Geert Wilders bei der Wahl im März 2017 an die Macht gekommen. Denn diese Forderungen hatte er im niederländischen Parlament immer wieder gestellt; sie finden sich auch im Parteiprogramm der PVV wieder.

Dieses Schreckensszenario hat sich zum Glück nicht bewahrheitet. Im März 2019 wurde die Partei des niederländischen Ministerpräsidenten Mark Rutte, die rechtsliberale VVD, bei den Provinzwahlen im Land überraschend geschlagen. Es siegte eine Partei, die bei den letzten Provinzwahlen nicht einmal gegründet war und sich mit dieser Wahl ihren Platz unter den neuen europäischen Rechten sichert: Forum voor Democratie (FVD).
Diese erst 2016 gegründete rechtspopulistische Partei, geführt von Thierry Baudet, ist auf Anhieb die stärkste Kraft geworden und überholt damit sowohl die Regierungsparteien als auch die rechte Konkurrenz von Geert Wilders und seiner PVV.
Soweit mal eine kleine Einordnung der Parteienlandschaft in den Niederlanden.

Am 13 April 1985 hat Danuta Danielsson eine jüdisch-polnische Frau, deren Mutter in ein Konzentrationslager im Zweiten Weltkrieg verschleppt wurde, mit ihrer Handtasche in Växjö, Schweden, einen lokalen Neo Nazi getroffen. Die Neo-Nazis wurden anschließend aus der Stadt vertrieben und eine Statue wurde zu ihrer Ehre gemacht. Vor 34 Jahren lehrte uns Danielsson die Menge an Respekt, die dem Faschismus gegeben werden muss: Keine.

Wir sehen den Anstieg von Rechtspopulisten in Frankreich, Österreich, Polen, Italien und Ungarn. Die neuen Höhenflüge solcher Parteien resultiert sehr oft aus Unkenntnis der Menschen  und die gleichsame Verbreitung von Fake News via Sozialen Netzwerken. Mit vielem sind die Menschen überfordert und schnappen alles auf, was ihnen Angst macht oder sie nicht zuordnen können/ wollen. Die Boulevardpressen in Europa tun ihr bestes dafür, dass dies auch so bleibt. Europa hat seit 75 Jahren Frieden und eine Stabilität erreicht, die in vielen Ländern der Welt mit Neid betrachtet wird. Leider ist diese Sicherheit und Stabilität durch immer neueres anfeuern von Nationalismus gefährdet und Menschen mit einer anderen Hautfarbe, Herkunft und Religion werden öffentlich angegriffen, verfolgt und sogar ermordet. Den Einwohnern in Europa ist offensichtlich nicht mehr bewusst, in welch einem Zustand Europa nach dem zweiten Weltkrieg war!

Ich kam als 10 jährige 1990 aus Afghanistan und bin damals vor Krieg und Terror geflohen und habe die Schrecken von eben jenen Krieg hautnah erlebt. All jene die seit Jahren auf die Straßen gehen um lauthals gegen Ausländer, Flüchtlinge und Migranten ihren Hass öffentlich zeigen, die Häuser anzünden und sogar noch weiter gehen und Menschen umbringen, möchte ich sagen: Nationalismus und Rassismus TÖTET!
Haben die Staaten der Europäische Union nicht genug Leid mit dem Aufstieg der NSDAP erlebt? Wollen so viele in jene Zeit von 1933 zurück? Wer Krieg erleben möchte, kann dies doch gerne mal in Syrien, Irak oder Afghanistan erleben. Ich lebte von 2005 bis 2019 im Krieg und Terror und wünsche dies niemandem. Es ist leicht in einem sicheren Land mit all den Vorzügen von Infrastruktur zu leben um andere Menschen zu wünschen, sie sollen doch bitte in ihre Heimat zurückkehren. Wohin? Viele Länder die einst weiter Entwickelt waren als Europa wurde und werden täglich zerbombt. Kein Mensch flieht ohne Grund!

Ich bin nur ein Flüchtling, die in jungen Jahren nach Deutschland gekommen ist und sich so gut es ging auch in dieses Land integriert hat. In der Schule lernte ich natürlich auch die Zeit des zweiten Weltkrieg und wollte mehr über diese dunkelste Epoche von Europa wissen. Ich bemühte mich die Deutsche Geschichte im Dritten Reich zu begreifen. Nicht nur in Bücher, auch Lebendig. Mein damaliger Lehrer, Norbert Dellinger, war dafür sehr offen und ist mit mir und seiner Familie zu einigen Orten und auch Konzentrationslagern gefahren. Norbert war ein guter Lehrer und hat mir, und seiner Tochter, die im gleichen Alter war wie ich, so einiges außerhalb der Schule und dem Lehrplan gezeigt. Vielleicht war Norbert es, der mich zu einer Kämpferin für Menschenrechte gemacht hat. Er schmunzelt immer, wenn ich ihm dies sage.

KZ Dachau

Mit Norbert und seiner Familie fuhr ich 1996 in das Konzentrationslager nach Dachau um die Geschichte zu begreifen. Auch wusste ich, dass Dachau kein „Vernichtungslager“ war wir zum Beispiel Auschwitz. Trotzdem haben sich die Erlebnisse von damals mir ins Gedächtnis gebrannt und so war ich vor sechs Jahren mit Amira und meinen Eltern nochmals in Dachau. Ich fand es wichtig, dass auch Amira diese Geschichte begreift und auch warum ich mich seit Jahren so für Menschenrechte einsetzte.
In den letzten 15 Jahre wurde der Drang nach Gerechtigkeit der Menschen und Völker in mir so stark, dass ich es sogar bis zur größten Internationalen Regierungsorganisation der Welt geschafft habe und ein klein wenig mit meinen Gedanken und Erlebnisse in Referaten und Publikationen auf Menschenrechtsverletzungen und den Anstieg von Nationalismus und Rassismus einem doch breiten Publikum vorstellen kann.

Nila Khalil, Den Haag am 2. Juni 2020.

Der Alltägliche Rassismus

Ich möchte nun meine Erlebnisse zum Alltäglichen Rassismus schreiben.

Am 2. November sprach ich mit Jolien van de Wiel, sie ist seit dem 13. August die Therapeutin von Lenara. Jolien ist so alt wie ich und durch die noch vielen Operationen bei Lenara werden wir die nächsten Jahre oft zusammen sein. Ich mag Jolien und wir beide sind in kurzer Zeit gute Freundinnen geworden.

Autorin Nila Khalil

Wir kamen am 2. November auf die Präsidentenwahl in den USA zusprechen und den Rassismus den der noch amtierenden 45. Präsident der USA so gerne befeuert.
Nun, ich bin eine afghanin mit einem deutschen Pass und lebe in den Niederlanden. Rassismus erlebe ich an meiner Person kaum noch. Dies liegt vielleicht daran, dass ich als deutsche angesehen werde. Ich frage auch nicht nach. Rassismus erlebe ich aber an meinen Kindern, also die von der Kinder- und Jugendeinrichtung, fast täglich. Die Blicke einiger Menschen sagen mehr als tausend Worte.
Wenn ich mit einem oder mehreren Kindern aus Eritrea in die Stadt oder wo hin auch immer gehe, sehe ich die Blicke der Leute. Es ist die Hautfarbe die offensichtlich die Menschen stört. Wir haben auch muslimische Kinder in unserer Einrichtung und wenn Jugendliche Mädchen ein Hijab tragen, ist dies ihr gutes Recht. Ich / wir schreiben den Kinder keine Religion vor.

Nun zu einem Erlebnis, dass zeigt wie sehr der Rassismus in den Köpfen vieler Menschen ist – ob nun gewollt oder ungewollt.
Vor zwei Wochen war ich mit meiner Tochter Amira und Teline, eine Mitarbeiterin von mir, in einem Café in Delft. Teline ist seit 27 Jahren in den Niederlande. Auch sie kam als Flüchtlingskind aus Afghanistan und hat fast gleiche Fluchtgeschichte wie ich. Teline ist drei Jahre älter als ich und könnte meine Schwester sein – im Geiste sind wir es auch.
Seit 13 Jahren ist sie bei Erik de Joost in der Einrichtung für den Beriebsablauf und Dolmetscherin tätig. Ich kenne Teline seit ihrem ersten Tag in der Einrichtung.
Unsere Zusammenarbeit war in all den Jahren sehr kollegial und freundlich. Sie arbeitete in den Niederlanden und ich in Afghanistan. Seit dem 1. April 2020 bin ich ihre Chefin, was unserer Freundschaft kein Hindernis darstellt.
Wir drei saßen also in dem Café bei Kaffee und Kuchen. Wir sprachen in paschtu über belangloses. Durch Corona hat man in den Cafés und Restaurants einen großen Abstand zu den anderen Besucher. Körperliche Distanz nennt man dies. Für Ohren gilt dies nicht! Zwei Tische neben uns saßen zwei ältere Damen und ich merkte, dass deren Ohren immer länger wurden und beide über uns sprachen. Wir drei können ja auch niederländisch und sprachen auf paschtu über jenes, was beide älteren Damen über uns so erzählen.
Es kamen dann die Sprüche wie immer: Islam, Ausländer, Schmarotzer….. das übliche eben.
Woher die beiden älteren Damen auf die Religion kamen, erklärte sich uns nicht. Keine von uns trug ein Hijab und keine hat den muslimischen Glauben. Das wir „Ausländer“ sind, ist in vielleicht durch die Hautfarbe zu erkennen, mehr auch nicht. Teline hat einen niederländischen Pass, Amira die niederländische Daueraufenthaltsgenemigung und ich einen deutschen Pass. Schmarotzer konnten wir uns beim besten Willen nicht erklären, denn wir waren vernünftig gekleidet.
Teline sah uns beide an, nahm tief Luft und rollte mit den Augen.  Sie fing an auf niederländisch zu sprechen und dies extra etwas lauter. Ich sagte ihr, „lass gut sein. Lass die Damen in ihrem Glauben.“ Teline schüttelte den Kopf. „Nee Nila, ik laat het niet goed zijn. Ik ben een burger van dit land. (Nein Nila, ich lasse es nicht gut sein. Ich bin eine Bürgerin dieses Landes.) Teline dreht sich zu den beiden Damen und sprach diese offen an, warum sie auf diese Haarsträubende Meinung über uns kommen würde. „Kijk naar ons! Lijken we op parasieten? Lijken we op moslims? Alleen omdat we in een andere taal spreken, wil nog niet zeggen dat we zijn wat u wilt dat we zijn. We werken met z’n drieën in Nederland en we betalen onze belasting en je pensioen.“ (Schauen Sie uns an! Sehen wir wie Schmarotzer aus? Sehen wir wie Muslime aus? Nur weil wir uns in einer anderen Sprache unterhalten,  sind wir nicht das, was Sie gerne hätten. Wir drei arbeiten in den Niederlanden und wir bezahlen unsere Steuern und Ihre Rente.)
Völlig konsterniert sahen uns die beiden älteren Damen an und bekamen einen hoch roten Kopf.

Nun eine Geschichte, die schon sehr lange zurück liegt und trotzdem noch im Kopf ist.

Als ich 1990 nach Deutschland kam war alles fremd für mich. Die Umgebung, die Sprache, die Kultur. Meine damalige Tante Mila und Onkel Milad, nach 30 Jahren „Tocher“ von beiden, kann ich mittlerweile von meinen Eltern sprechen, sind 10 Jahre früher aus Afghanistan geflohen. Beide kam 1980 nach Deutschland. Mein Vater arbeitete nach der Ankunft in Deutschland bei Mercedes am Fließband, wurde Vorarbeiter, machte 1987 seinen Meisterbrief als Werkzeugbauer und bekam 2003 (zum 50.Geburtstag) eine Stelle in der Prototypen Entwicklung bei Mercedes-Benz.
Mila, meine Mutter, hatte in Afghanistan BWL studiert und auch dort bis zu ihrer Flucht gearbeitet. In Stuttgart war sie ab 1981 bei Merzedes in der Verwaltung. Also nichts mit Sozialschmarotzer oder Pack.

Mit mir sprachen beide deutsch und brachten mir auch sehr viel bei. So wurde ich im Herbst 1990 von meiner Mutter und einer pensionierten Lehrerin aus der Nachbarschaft in deutsch unterrichtet. Im Frühjahr 1991 musste ich beim Jugendamt und der Schulaufsicht einen Eignungstest machen, für welche Schule ich geeignet war. Ich konnte auf die Realschule gehen.

Ich kann mich noch sehr gut an meine Schulzeit erinnern. Es war 1993. Ich war schon zwei Jahre an der Realschule in Stuttgart und bekam zufällig im Lehrerzimmer eine Unterhaltung mit, wo eine Mutter sich über mich ausgelassen hatte. Ihre Tochter kam, durch Umzug bedingt, nach den Osterferien bei uns in die Klasse und eben jene Mutter äußerte sich bei meinem Klassenlehrer über mich: „Sie haben ja ein Flüchtlingskind in der Klasse. Ist dies für die Klassenleistung nicht hinderlich?“ Als ich dies hörte, setzte für einen Augenblick mein Herz aus. Mein Klassenlehrer, Herr Dellinger, zu dem ich heute noch Kontakt habe, erklärte der besorgten Mutter, dass ich keineswegs das Leistungniveau senken würde und er es sich verbiete, dass sie so über mich denken würde.
Am gleichen Tag, nach der großen Pause, wurde von meinem Klassenlehrer in der Klasse klar gestellt, dass alle Mitschüler an dieser Schule, Schüler der Linden Realschule seien und es keinen Unterschied geben wird und er dies auch nicht dulde.
Ich wusste wer die Tochter von jener Mutter war und brauchte lange um mit ihr zu reden. Täglich sah ich Susanne in der Klasse, auf dem Pausenhof oder im Leistungskurs. Wie gehe ich damit um? Soll ich es ignorieren oder soll ich sie fragen; es klar stellen? Es tat mir im Herz weh und ich wusste nicht was ich machen sollte.
Da ich mit der Tochter von meinem Klassenlehrer befreundet war und dies immer noch bin, war ich früher sehr oft bei ihnen zu Hause. In den Sommerferien sprach ich Norbert, also Herr Dellinger, darauf an. Über zwei Monate trug ich diese Worte mit mir und wusste nicht mit wem ich sonst hätte reden können. Natürlich wussten es meine Eltern und sagten: ich soll mir dies nicht so zu Herzen nehmen.
Mit Norbert sprach ich darüber und er war traurig, dass ich zwei Monate diesen Schmerz mit mir versuchte auszumachen. Zwei Tage später rief mich Norbert an und fragte, ob ich mit Yvonne, seiner Tochter, ins Schwimmbad möchte. Ich sagte zu und Norbert kam mich abholen. Wir fuhren nicht ins Schwimmbad, sondern zu ihm nach Hause und er hatte jene Mutter mit Tochter zu sich bestellt. Im Garten erklärte er den beiden von unserer Unterhaltung, von vor zwei Tagen und wie weh mir dies tat. Susanne, die Tochter, entschuldigte sich sofort und die Mutter war etwas pikiert über diese Konfrontation. Ich erzählte beiden meine Flucht aus Afghanistan über den Iran, Türkei, Bulgarien, Rumänien, Österreich bis nach Deutschland. Wie und was ich auf dieser Flucht erlebt hatte und wie ich mich, was ich hoffte, in Deutschland integriert zu haben. Das hatte gesessen! Seit jener Zeit wurde ich in der Schule nie wieder als Flüchtling oder Ausländer bezeichnet.

In der Schule waren damals auch Kinder von türkischen Eltern, die meisten in Deutschland geboren, also nichts mit Ausländer. Ich war die Exotin. Afghanistan war den meisten in den 90er kein Begriff. „Ein Land von da hinten“, hörte ich oft. Den Dialekt lernt man als Kind am schnellsten. Da i in Schduagard gewohnt hänn, lernde i des schwäbisch no vor däm Hochdeidsch. Dies war am Anfang unglaublich schwierich. I kannde die schwäbische Wördr füe viele Gegenschdänd, abr ned die Hochdeidsche. Moi Ufsädze vo damals wara scho der Brüller.

Da ich heute immer noch hin und wieder an meiner ehemaligen Schule bin, folgt ein Text den meine Tochter bei unserem letzten Besuch im Februar 2020 geschrieben hat.

https://naike-juchem.com/2021/10/18/mit-mama-zu-besuch-in-ihrer-ehemaligen-schule/

Stuttgart

Wie es als Teenager so ist, geht man auch gerne shoppen. In einem Geschäft von C&A war ich mit einer deutschen Freundin, die einen afro-amerikanischen Vater hatte (muss ich hier leider erwähnen), beim aussuchen und anschließend anprobieren von jenen Kleider. Ich stand in der Umkleidekabine und wollte die Kleider anprobieren. Eine Mitarbeiterin von C&A riss den Vorhang auf und brüllte mich an, „Hier wird nix klaud!“ Fassungslos und nur in Unterwäsche sah ich die Frau an. Auf meine Erklärung hin, dass ich jene Teil gerne anprobieren möchte, kam von der Mitarbeiterin nochmals gleiches gebrüll. Die umstehenden Leute schauten natürlich in Richtung der Umkleidekabine. Mir war dies mega peinlich und unter den Augen der Mitarbeiterin zog ich meine Kleider an.
Dieses Erlebnis ist nun 25 Jahre her und wenn ich heute noch in ein Geschäft gehe, denke ich an diesen Vorfall. Ein Geschäft von C&A habe ich seit jenem Tag nie wieder betreten.

Nun noch ein Vorfall von alltäglichen Rassismus.

Vor drei Jahren bin ich mit meiner Tochter, sie war damals 22 Jahre alt, in Stuttgart gelandet und wie so üblich steht man in der Schlage vor dem Zoll. Neben uns stand ein Ehepaar dass ich um mitte 50 schätzte. Ich hielt die Pässe von mir und meiner Tochter in der Hand und der Mann sah nur den afghanischen Pass meiner Tochter. Zu seiner Frau sagte er, „wie können sich die Ausländer einen Flug leisten, die handeln bestimmt mit Opium.“ Bei dem gehörten rieß meine Tochter die Augen auf. Die Frau nickte ihm zu und setzte noch einen drauf. „Die haben bestimmt auf der Bordtoilette die Burkas gegen die Miniröcke getauscht.“ In den Augen von Amira sah ich schon ihren kampfgeist. Ich sprach auf paschtunisch zu ihr, „mal schauen, wo dieses Schauspiel noch hinführt. Bleibt ruhig.“
Die Frau stichelte weiter, „hast du gesehen, die haben sogar Markenkleider an.“ (Wir beide mögen Kleider von Esprit) „Das sind Kopien, da wo die herkomme wird alles kopiert.“ (Welch eine Scharfsinnige Analyse). Amira blies hörbar die Luft aus.
Endlich waren wir an der Reihe und ich gab der Zollbeamtin unsere Pässe. Der Blick der Beamtin fiel auf die vielen Stempel in meinem deutschen Reisepass. Freundlich sagte diese, „Sie sind ja eine richtige Globetrotterin.“ Ich sagte ihr, dass ich bei der Menschenrechtskommission der UN sei und durch den Job eben auch sehr viel unterwegs. Ich sagte der freundliche Beamtin, dass ich mit meiner Tochter in Genf bei UNICEF war.“ Ein leichter Blick nach rechts zu dem Ehepaar musste ich mir geben. Amira sagte zu den beiden Herrschaften, „ist schon blöd, wenn die Vorurteile so schnell zusammen fallen. Im übrigen hatte meine Mutter in ihrem Leben noch nie eine Burka getragen. Schönen Tag noch.“

Wir beide gingen grinsend zur Gepäckausgabe und jenes Ehepaar hielt einen maximalen Abstand zu uns und stand auf der gegenüber liegenden längsseite, wie geprügelte Hunde.

Nila Khalil, Den Haag, 18. November 2020

Wie lange sind wir Flüchtlinge

Ich las gestern bei Kalle Khalil seine Gedanken zu dieser Frage und seit dem lässt mich diese Frage nicht los.

Autorin Nila Khalil

Heute Morgen rief ich nach Luxemburg an und stellte gleiche Frage an Leon. Seine Antwort war:
„Hues du ze vill Gras gefëmmt?“ (Hast du zu viel Gras geraucht?)
„Bis jetzt noch in einem ertäglichen Rahmen. Ist aber auch die falsche Antwort.“ „Du kënnt zimlech fréi moies ganz scheene Froen stellen. Ech hunn keng Sorsch um daad gemacht und wäert ma och keng Sorsch doriwwer maache. Du, ech, mir sinn Mënsch. Punkt.“ (Ich habe mir keine Gedanken darüber gemacht und werde sie mir auch nicht machen. Du, ich, wir sind Menschen. Punkt.)
Trotzdem sprach ich noch fast eine Stunde mit Leon und sagte ihm, was er seit unserer letzten Unterhaltung noch nicht wusste.

Mit Rebecca traf ich mich heute um 11 Uhr in Rotterdam an der Brandwonden Klinik. Sie war schon auf dem Parkplatz als ich kam. Ihre Begrüßung war eine andere als die zwei Monate zuvor. Sie drückte mich fest und ihre Augen hatten wieder ein Strahlen. Sie würde sich auf morgen freuen, wenn sie mit den Kindern zu uns nach Den Haag kommen kann und sie würde gerne zwei Wochen bleiben. Dies hatten wir gestern schon besprochen.

Gemeinsam gingen wir in die Klinik und es war auch für mich heute ein anderes Gefühl. Die Prozedur in der Intensievstation war ja auch immer die gleiche und das Umziehen in diese furchtbaren grünen Kleider war auch anders wie sonst. Zurück ins Stationszimmer und unser Outfit kontrolieren lassen. Ich schaute mir das EEG von Lenara der letzten eineinhalb Tage an. Die neuenTöne und Musik aus Schottland und Irland scheinen Lenara zu gefallen. Die EEG Kurven zeigten eine Veränderung. Kann auch sein, dass sie solche Töne gar nicht kannt und ihr Gehirn mehr „Arbeit“ braucht um diese zu verarbeiten.
Im Zimmer von Lenara las ich das nächste Kapitel aus Peter Pan, Wendys Geschichte.
Ich sprach wieder so einiges mit ihr. Wie das Wetter gestern war, was mein Vater am Abend gegrillt hatte und wie ich den gestrigen Tag verbracht hatte.
Heute will ich aber nicht über Lenara schreiben, sondern über jene Frage von Kalli.

Wie lange sind wir Flüchtlinge?

Um kurz vor 15 Uhr war ich im Umkleideraum und auch Rebecca kam kurze Zeit später in den Raum. Sie sagte noch, dass sie gestern lange mit ihren Eltern und Schwiegereltern gesprochen hatte und sie alle die Entscheidung begrüßten, dass Rebecca für eine Zeit nach Den Haag ginge. Auch habe sie mit der Klassenlehrerin von Luuk gesprochen und sie würde mich am Montag bezüglich des Schulunterrichts anrufen. „Sehr gut. Es freut mich, dass du meine Hilfe annimmst. Nun hätte ich aber auch eine Frage an dich.“
„Graag. Natuurlijk. Vraag het me.“
„Wie lange bin ich Flüchtling?“
Rebecca sah mich an, als ob in diesem Augenblick ein UFO landen würde.
„Je meent het nu niet meer! (Du meinst es jetzt nicht ernst!)“
„Doch! Es ist eine Frage über die ich nun seit Stunden nachdenke.“
Rebecca schüttelte immer wieder den Kopf.
„Nee, du bischt doch niet an Fluchtling. Du wonscht doch hier bij ons.“

Mit zwei großen Tassen Kaffee saßen wir wieder in unser Nische und erzählte ihr meine Gedanken.
„Ich kann mich noch sehr gut an meine Schulzeit erinnern. Es war 1993. Ich war schon fast 3 Jahre an der Realschule in Stuttgart und bekam zufällig im Lehrerzimmer eine Unterhaltung mit, wo eine Mutter sich über mich ausgelassen hatte. Ihre Tochter kam, durch Umzug bedingt, nach den Osterferien bei uns in die Klasse und eben jene Mutter bezeichnete mich bei meinem Klassenlehrer: „Sie haben ja ein Flüchtlingskind in der Klasse. Ist dies für die Klassenleistung nicht hinderlich?“ Als ich das hörte, setzte für einen Augenblick mein Herz aus. Mein Klassenlehrer, Herr Dellinger, zu dem ich heute noch Kontakt habe, erklärte der besorgten Mutter, dass ich keineswegs das Leistungniveau senken würde und er es sich verbiete, dass sie so über mich denken würde.“
Rebecca schaute mich mit offenem Mund an und war nicht in der Lange etwas zu sagen.
„Am gleichen Tag, nach der großen Pause, wurde von meinem Klassenlehrer dies in der Klasse klar gestellt, dass alle Mitschüler in dieser Schule, Schüler der Linden Realschule seien und es keinen Unterschied geben wird. Ich wusste wer die Tochter von jener Mutter ist, und brauchte lange um mit ihr zu reden. Täglich sah ich Susanne in der Klasse, auf dem Pausenhof, im Leistungskurs. Wie gehe ich damit um? Soll ich es ignorieren oder soll ich sie fragen; es klar steellen? Rebecca, wie geht man als 13 jährige damit um, wenn du als ein Mensch angesehen wirst, der den Klassenspiegel senkt?“
„Ik weet het niet. Ik vind het heel verdrietig om dit van je te horen. (Ich weiß es nicht. Es macht mich sehr traurig dies von dir zu hören.)
„Es tat auch mir im Herz weh. Da ich mit der Tochter von meinem Klassenlehrer befreundet war und dies immer noch bin, war ich früher sehr oft bei ihnen zu Hause. In den Sommerferien sprach ich Norbert, also Herr Dellinger, darauf an. Über zwei Monate trug ich diese Worte mit mir und wusste nicht mit wem ich sonst hätte reden können. Natürlich wussten es meine Eltern und sie sagten: „Lass sie laufen, du bist besser als sie.“ Das brauchte mich nicht viel weiter, denn die Worte blieben in meinem Kopf. Mit Norbert sprach ich darüber und er war traurig, dass ich zwei Monate diesen Schmerz mit mir versuchte auszumachen.“
„Nila, het spijt me zo.“ (Das tut mir so leid.)
„Zwei Tage später rief mich Norbert an und fragte, ob ich mit Yvonne, seiner Tochter, ins Schwimmbad möchte. Ich sagte zu und Norbert kam mich abholen. Wir fuhren nicht ins Schwimmbad, sondern zu ihm nach Hause und er hatte jene Mutter mit Tochter zu sich bestellt. Im Garten erklärte er den beiden von unserer Unterhaltung, von vor zwei Tagen, und wie weh mir das tat. Susanne, die Tochter entschuldigte sich sofort und die Mutter war noch etwas pikiert über diese Konfrontation. Ich erzählte beiden meine Flucht aus Afghanistan über den Iran, Türkei, Bulgarien, Rumänien, Österreich nach Deutschland. Wie und was ich auf dieser Flucht erlebt habe und wie ich mich, was ich hoffte, in Deutschland integriert zu haben. Das hatte gesessen! Seit jener Zeit wurde ich nie wieder als Flüchtling bezeichnet.“


Fassungslos sah mich Rebecca an.
„Nila, du bist eine unglaublich starke Frau. Ich hatte gestern sehr lange mit meinen Eltern über dich gesprochen und habe ihnen auch gesagt, dass du aus Afghanistan stammst, in Deutland gelebt hast und die letzten Jahre in Afghanistan unglaublich viel aufgebaut und erreicht hast. Ich hörte den Respekt und die Anerkennung heraus und es ist nicht ein negatives Wort über dich gefallen. Geen negatief woord!“
„Du hast mich ihnen ja beschrieben. Dann mal anders herum, wie hast du mich die ersten Male wahrgenommen, als wir uns hier begegent sind und wir uns nur kurz begrüßt hatten?“
„Dat is een schöne vrouw. Die heeft ook veel te lijden.“ (Die auch viel Leid zu tragen hat.)
„Jetzt lass doch mal mein Aussehn weg.“
„Äh, hoe moet ik je zien?“ (Äh, wie soll ich dich sehen?)
„Wie du mich eben wahrgenommen hast.“
„Als een mooie vrouw.“
„Rebecca, dass meine ich nicht! Hast du mich als Ausländerin oder Muslime gesehen?“
„Nee. Wie kommst het darauf? In de Nederland wonen veel mensen uit veel landen.“

So ging die Unterhalung weiter und es war für mich nicht die Antwort auf meine Frage oder nicht die richtige Antwort.

Ich selbst sehe mich als einen weltoffenen, liberalen, etwas klugen Menschen. Ich habe nichts mit einem Glauben zu tun und renne auch nicht jeder Meinung sofort hinter her. In Deutschland wurde ich in den Jahren von 1990 bis 2005 selten als Flüchtling gesehen, eher als eine Ausländerin. Das ist heute auch mit dunkelhäutigen so, die in Deutschland geborne sind.

Anmerkung: Laut Amnesty International gilt folgende definition: Farbige/farbig ist ein kolonialistischer Begriff und negativ konnotiert. Eine Alternative ist die Selbstbezeichnung People of Color (PoC, Singular: Person of Color). Begriffe wie „Farbige“ oder „Dunkelhäutige“ lehnen viele People of Color ab. Die Initiative „der braune mob e. V.“schreibt: „Es geht nicht um ‚biologische‘ Eigenschaften, sondern gesellschaftspolitische Zugehörigkeiten.“ Um das deutlich zu machen, plädieren sie und andere dafür, die Zuschreibungen Schwarz und Weiß groß zu schreiben.* Eine alternative Schreibweise ist, weiß klein und kursiv zu schreiben.
Möchte meine Gedanken schon im Polítical Corréctness schreiben.
Anmerkung: Für mich hat sich noch nie die Frage nach der Hautfarbe gestellt und käme mir auch etwas blöd vor einen maximalpigmentierten Menschen mit: „Hallo PoC, wie geht es dir?“ anzureden.
Phu, ich merke die Frage mit der Hautfarbe bringt mich doch ganz schön ins schlingern.

Nun zurück zu der einen Frage, bevor meine Gedanken weiter ausufern.

Die letzten 14 Jahren in Afghanistan war ich die Deutsche, obwohl ich in Afghanistan geboren bin. Die ersten Jahre wurde ich immer als: “Nila die Deutsche, die dies und jenes nun hier vor hat aufzubauen, organisieren“; oder um was es auch immer mit der Vorstellungen meiner Person ging.

Seit Dezember bin ich in den Niederlanden und da ich anfangs nur auf Besuch dort war, wurde ich bei Treffen mit Politer oder Behörden als: “Frau Nila Khalil, Menschenrechtlerin aus Afghanistan“; vorgestellt. Da wurde plötzlich mein Beruf, obwohl er dies nicht ist, mit vorgestellt. Bin ja eigentlich nur Bürokauffrau.
Seit März hat sich einiges in der Anrede geändert und ich stelle mich selbst vor mit: Nila Khalil.
Dies bin ich auch im Krankenhaus, auf der Bank oder bei den Nachbarn.

Nachbarn: Gutes Stichwort. Meine Eltern sind seit dem 13. März in Den Haag und hatten ja auch schon Kontakt mir den Nachbarn und sie haben sich immer als Mila oder Milad Faani aus Stuttgart vorgestellt. Die Nachbarn fragten nach dem Nachnamen und es wurden denen gesagt, dass dieser aus Afghanistan stamme. Hier wurden sie nun gefragt, warum sie aus Stuttgart nach Den Haag kommen. Also ist Afghanistan völlig außenvor.

Nun habe ich mir den Kopf frei geschrieben und bin immer noch nicht schlauer, aber der Gedanke nach dem, wie lange ich Flüchtling bin, ist für einige Zeit aus meinem Hirn.

Nila Khalil, Den Haag 2. Mai 2020

Nanoforschung – Mit Nanopartikeln gegen Krebs

LMU-Wissenschaftler haben Nanopartikel entwickelt, die gezielt Krebszellen abtöten. Dies könnte der Tumorbekämpfung neue therapeutische Optionen eröffnen.

Chemotherapien gegen Krebs haben häufig schwere Nebenwirkungen, da die verabreichten Medikamente auch für gesunde Zellen toxisch sind. Calciumphosphat und Citrat werden bereits seit einiger Zeit als vielversprechende Alternativen diskutiert, da sie zwar zum Zelltod führen, wenn sie in hohen Konzentrationen ins Zellinnere gelangen, ansonsten aber für den Körper gut verträglich sind. Allerdings fehlten bisher Möglichkeiten, diese Stoffe an den strengen Kontrollmechanismen der Zellen vorbei ins Zellinnere zu schleusen. Jetzt haben Wissenschaftler um Dr. Constantin von Schirnding, Dr. Hanna Engelke und Prof. Thomas Bein vom Department Chemie der LMU neuartige amorphe Nanopartikel entwickelt, die aus genau jenen gewünschten Stoffen bestehen. Die Partikel können die Hindernisse nun überwinden und gezielt Krebszellen abtöten.

Calciumphosphat und Citrat sind an der Regulation vieler zellulärer Signalwege beteiligt. Um toxische Dosen im Zellinneren zu vermeiden, kontrollieren Zellen die Aufnahme dieser Stoffe streng. Die von den Wissenschaftlern entwickelten Nanoteilchen umgehen diese Kontrolle: „Wir haben amorphe, poröse Nanopartikel aus Calciumphosphat und Citrat hergestellt, die von einer Lipidschicht umgeben sind“, sagt von Schirnding. Durch die Beschichtung können die Teilchen in die Zelle eindringen, ohne dass deren Warnmechanismen anschlagen. Dort lösen sie sich sehr effizient auf und setzen große Mengen Calcium und Citrat frei.

Zellversuche zeigten, dass die Partikel in der Lage sind, Krebszellen selektiv abzutöten – gesunde Zellen dagegen überleben, obwohl sie die Partikel ebenfalls aufnehmen. „Offensichtlich können die Teilchen sehr toxisch sein, wenn sie es mit Krebszellen zu tun bekommen. Und je aggressiver der Tumor war, desto besser wirkten die Teilchen“, sagt Engelke.

Bei der Aufnahme in die Zellen werden die Nanoteilchen von einer zusätzlichen Membran überzogen. Die Wissenschaftler vermuten, dass es in den Krebszellen einen noch unbekannten Mechanismus gibt, der die zusätzliche Membran löchrig macht, sodass die Bestandteile der Partikel in das Zellinnere eindringen können. In den gesunden Zellen dagegen bleibt die Membran intakt und die Nanokügelchen werden als Ganzes wieder ausgeschieden.

„Die hochselektive Toxizität der Partikel ermöglichte es uns, zwei verschiedene aggressive pleurale Tumore bei Mäusen erfolgreich zu behandeln und ihre Größe nach nur zwei lokalen Anwendungen um etwa 40 bzw. 70 Prozent zu reduzieren“, sagt Engelke. Pleurale Tumore sind häufig Metastasen von Lungentumoren, die im sogenannten pleuralen Spalt zwischen Lunge und Brust angesiedelt sind. Übliche Chemotherapeutika haben hier keinen Zugang, weil der pleurale Raum nicht mit Blut versorgt wird. „Unsere Partikel dagegen können direkt in den pleuralen Spalt eingebracht werden“, sagt Bein. Dabei zeigten sich im Verlauf von zwei Monaten keine Anzeichen von gravierenden Nebenwirkungen. Die Forscher sind daher überzeugt, dass die neuen Nanopartikel großes Potenzial für die Entwicklung neuer Therapien gegen Krebs haben.

Wassermangel infolge der Klimaveränderung Die weltweite Situation ist alarmierend

Ein Bericht von Evke Freya von Ahlefeldt

„Der nächste Krieg im Nahen Osten wird ums Wasser geführt“, prophezeite bereits 1985 der damalige UN-Generalsekretär Boutros Ghali. 

Es werden noch keine Panzer zum Schutz oder Verteidigung von Brunnen aufgefahren, aber internationale Konflikte um Wasser um gibt es schon lange. So ringen Indien und Pakistan  am Indus um Wasserrechte. Irak und Türkei streiten um das Wasser von Tigris und Euphrat. Auch Ägypten und Äthiopien streiten im Becken des Blauen Nils um Wasser.

In 17 Ländern der ist jetzt schon ein Wassermangel festzustellen. Darunter sind die arabischen Golfstaaten, Israel, Jordanien, der Libanon, Libyen, Botswana und Eritrea. Aber auch der kleine Mittelmeerstaat San Marino, Turkmenistan sowie Indien und Pakistan und Afghanistan gehören dazu.
Auch in Europa sind in Italien, Portugal, Spanien und Griechenland die Folgen spürbar. Auch in einige Balkanstaaten und erstaunlicherweise in Belgien sehen Forscher des World Resources Institute der Entwicklung an Wassermangel mit Sorge.

Der Zugang zu sauberem Wasser und Hygiene ist essentiell für Überleben und Entwicklung – ganz besonders für kleine Kinder. „Wasser und Sanitärversorgung für alle“ lautet demnach das sechste der UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung.

Nachfolgend 10 Punkt die die Auswirkungen der Klimaveränderungen deutlich zeigen.

1. Die Wasserkrise geschieht jetzt!

2,2 Milliarden Menschen weltweit haben keinen regelmäßigen Zugang zu sauberem Wasser. Eine unfassbare Zahl. Rund 785 Millionen Menschen haben noch nicht einmal eine Grundversorgung mit Trinkwasser. Betroffen sind vor allem Menschen oder Familien in den ärmeren Regionen der Welt – und dort vor allem in den ländlichen Gebieten.

Dabei sind mehr als zwei Drittel der Erde von Wasser bedeckt, allerdings sind nur weniger als drei Prozent davon trinkbar. Und dieses Trinkwasser ist zudem sehr ungleich verteilt. Besonders in Afrika, Lateinamerika und Asien herrscht vielerorts dramatische Wasserknappheit. Schätzungsweise 3,6 Milliarden Menschen leben heute in Gebieten, die mindestens einen Monat pro Jahr extrem wasserarm sind. Laut einer aktuellen Untersuchung von UNICEF leben weltweit mehr als 1,42 Milliarden Menschen in Gebieten mit insgesamt hoher oder extrem hoher Wasserunsicherheit, darunter 450 Millionen Kinder.

Eine Besserung ist momentan nicht in Sicht. Der UN-Weltwasserbericht aus dem Jahr 2019 plädierte für „grüne“ Lösungen – etwa natürliche Wasserkreisläufe, die für die Wasserversorgung genutzt werden sollten. Wann findet ein echtes Umdenken statt?

2. Wasser muss nicht nur sauber, es muss „sicher“ sein.

Hier bei UNICEF wird von „sicherem“ Wasser gesprochen, wenn es für die Menschen in der Nähe ihres Zuhauses zugänglich, bei Bedarf verfügbar und natürlich frei von Verunreinigungen ist.

Nur dann können sich Familien darauf verlassen, dass ihre Gesundheit nicht gefährdet ist. Was nützt es, wenn es zwar Wasser in der Nähe gibt, es aber aus einem verschmutzten Fluss kommt und voller Krankheitserreger steckt?

So ist die Situation etwa für Baraka aus dem Südsudan. Mit seiner Mutter und seinen Geschwistern lebt der Fünfjährige am Stadtrand der Hauptstadt Juba. Im Bürgerkrieg wurden Wasserstellen und Brunnen gezielt beschädigt und zerstört. Die einzige Alternative für die Familie: Wasser aus einem nahegelegenen Fluss holen. Verschmutztes Wasser, das mit Keimen und Bakterien verunreinigt sein und zu Krankheiten führen kann.

3. Ohne Wasser und Hygiene verbreiten sich Krankheiten besonders schnell.

Spätestens seit Auftreten des Coronavirus sind auch wir hier noch stärker dafür sensibilisiert, dass Hygiene äußerst wichtig ist für die Vermeidung von Krankheiten. Speziell in den ärmeren Regionen der Erde ist verschmutztes Wasser aus Flüssen ein Problem – ein weiteres ist mangelnde Hygiene. Rund zwei Milliarden Menschen nutzen keine sicheren Sanitäranlagen. Dazu gehört etwa eine Toilette, die dafür sorgt, dass Menschen nicht in Kontakt mit den Ausscheidungen kommen, und ein System, das die Ausscheidungen sicher entsorgt.

Krankheiten können sich so schnell ausbreiten – eine tödliche Gefahr für kleine Kinder. Auch hier ist der Südsudan ein mahnendes Beispiel: Ein Cholera-Ausbruch hatte dort seit dem Sommer 2016 über 400 Todesopfer gefordert.

In der Regenzeit drohen weitere Ausbrüche: Überflutungen verschmutzen die Wasserquellen, viele sanitäre Anlagen sind in schlechtem Zustand – oder gar nicht erst vorhanden. 

4. „Open defecation“ ist weiter verbreitet, als man denkt.

Hierzulande praktisch undenkbar, in vielen Regionen der Welt Alltag: Rund 673 Millionen Menschen praktizieren den Stuhlgang im Freien. Sie verfügen also noch nicht einmal über eine einfache Toilette, sondern verrichten ihre Notdurft am Straßenrand, auf Feldern oder im Gebüsch.

Wie kann man das ändern? Unter anderem durch Aufklärung: UNICEF kümmert sich beispielsweise in ländlichen Dorfgemeinschaften nicht nur um Ausbau und Wartung der Wassersysteme oder den Bau von Latrinen, sondern schult auch so genannte „Wasserkomitees“.

Die Mitglieder der Komitees informieren andere Dorfbewohner dann beispielsweise über einfache Hygienepraktiken oder die Gefahr von Krankheiten. Oder sie überprüfen die Qualität des vorhandenen Trinkwassers.

Mali im August 2021

5. Wie immer: Die Kinder sind am meisten gefährdet.

Noch immer gehören der Mangel an sauberem Wasser und Hygiene zu den häufigsten Todesursachen bei Kindern unter fünf Jahren. Jeden Tag sterben mehr als 700 Kinder an vermeidbaren Krankheiten wie etwa Durchfall, die durch verunreinigtes Wasser oder mangelnde Hygiene hervorgerufen wurden.

Dabei ist Hygiene einer der einfachsten und kostengünstigsten Wege, um lebensgefährliche Krankheiten zu verhindern. Die Kinder auf den Philippinen haben nach dem großen Taifun 2013 gelernt, beim Händewaschen mit Seife zweimal „Happy Birthday“ zu singen – das ist genau die richtige Zeit, um gefährliche Krankheitserreger zu beseitigen. Ein wichtiger Hinweis, denn in einigen der ärmsten Regionen der Erde ist Händewaschen nicht selbstverständlich.

Das gründliche Händewaschen mit Seife ist, wenn es richtig gemacht wird, auch im Kampf gegen das Coronavirus ein wichtiger Faktor – das haben wir im vergangenen Jahr immer wieder gehört. Das Problem: Milliarden von Menschen weltweit haben keinen ständigen, einfachen Zugang zu einem Ort, an dem sie sich die Hände waschen können.

6. Unzählige Babys werden unter unhygienischen Bedingungen geboren.

Laut UN verfügte 2019 jedes vierte Krankenhaus weltweit nicht über fließendes Wasser und Seife zum Händewaschen. 21% hatten keine einfachen Toiletten. Unter solchen Umständen sind sichere Geburten kaum möglich. Und Hygiene ist rund um die Geburt lebenswichtig. Wird beispielsweise die Nabelschnur mit einem nicht sterilen Gegenstand durchtrennt, kann das Baby Gefahr laufen, sich mit einer lebensbedrohlichen Krankheit wie Tetanus zu infizieren.

In Notsituationen ist die Lage besonders dramatisch: Als zum Beispiel 2015 zwei schwere Erdbeben Nepal erschütterten, wurden unter anderem viele Krankenhäuser und Geburtszentren zerstört – in einigen Regionen sogar rund 70 Prozent der Geburtszentren. UNICEF richtete Gesundheitsstationen und Notunterkünfte ein, wo Mütter ihre Babys sicher und unter hygienischen Bedingungen auf die Welt bringen konnten.

7. Wassermangel verhindert Schulbildung.

Wenn Kinder täglich lange Wege gehen müssen, um Wasser für die Familie zu holen, verpassen sie oft die Chance, zur Schule zu gehen. Gerade für Kinder ist dies wertvolle Zeit, in der sie nicht Kind sein und nicht lernen können. So ergeht es zum Beispiel Aysha aus Äthiopien. Dies ist ein Tag in ihrem Leben…

Hinzu kommt: Wenn Schulen kein sicheres Trinkwasser und keine Toiletten haben, können Kinder nicht in einer angemessenen Umgebung lernen. Und Mädchen bleiben während ihrer Menstruation häufig lieber zu Hause.

2019 hatten nur etwa 69% der Schulen weltweit grundlegenden Zugang zu Trinkwasser, und nur 66% hatten sanitäre Anlagen. Rund 900 Millionen Kinder haben an ihrer Schule keinen Zugang zu Hygiene. Besonders betroffen sind die afrikanischen Länder südlich der Sahara.

8. Der Klimawandel macht es noch schlimmer.

Das sich verändernde Klima wirkt sich unter anderem auf Niederschläge aus: Intensität, Dauer und Verteilung über die Jahreszeiten hinweg verändern sich. Dies wiederum beeinflusst die Menge und Qualität des Trinkwassers. Der Klimawandel verschärft insgesamt die Wasserknappheit und kann die Konkurrenz um die begrenzten Wasserressourcen noch verstärken. Zahlreiche Menschen werden in Zukunft gezwungen sein, in andere Gebiete zu ziehen.

Extreme Wetterereignisse können zudem Wassersysteme und Infrastruktur beschädigen, die insbesondere Kinder für ihr Überleben und ihre Entwicklung benötigen, wie z.B. sanitäre Einrichtungen und Wasserleitungen in Schulen und Gesundheitseinrichtungen.

Das globale Wetterphänomen El Niño hat uns in den vergangenen Jahren vorgeführt, welche Auswirkungen der Klimawandel haben kann. Insbesondere die Länder des östlichen und südlichen Afrika wurden mit voller Wucht getroffen: Extreme Trockenheit und Dürre wechselten sich mit sintflutartigen Regenfällen ab.

Wohin führen uns die düsteren Prognosen des Klimawandels? Bereits jetzt leben rund 500 Millionen Kinder in Gebieten, die aufgrund extremer Wetterereignisse wie Zyklone, Hurrikane und Stürme sowie des steigenden Meeresspiegels einem extrem hohen Überschwemmungsrisiko ausgesetzt sind. 450 Millionen Kinder leben in Gebieten mit hoher oder extrem hoher Wasserunsicherheit. Bis 2040 wird fast jedes vierte Kind auf der Welt in einem Gebiet leben, das von extremer Trockenheit betroffen ist – wenn wir nicht bald handeln.

9. In Konflikten und Krisen haben Kinder doppelt so häufig keinen Zugang zu Wasser.

Weltweit benötigen Millionen Menschen in Notsituationen dringend sauberes Wasser. Ein besonders eindringliches Beispiel ist der Bürgerkrieg in Syrien, der mittlerweile seit 10 Jahren andauert. Die Kämpfe haben dort tiefe Spuren hinterlassen: Die Wasserversorgung ist in vielen Orten immer wieder zusammengebrochen, Millionen Menschen waren in den vergangenen Jahren betroffen.

UNICEF bekämpft den Wassermangel in Syrien mit Notlieferungen auf Trucks sowie dem Bau und der Reparatur von Brunnen und Infrastruktur. Tagtäglich versorgen unsere Kollegen die Kinder in den zerstörten Städten und Flüchtlingsunterkünften mit sauberem Wasser. Ein besonderes Anliegen ist der Wiederaufbau der dauerhaften Wasserversorgung von Schulen.

10. Wir müssen mehr tun!

Die Zahlen und Fakten machen deutlich: Die Welt ist noch nicht auf dem richtigen Weg, um das sechste der UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung zu erreichen: „Wasser und Sanitärversorgung für alle“.

UNICEF arbeitet bereits auf höchster politischer Ebene und fordert Regierungen dazu auf, ihre Verpflichtungen zur Verbesserung des Zugangs zu Wasser und Hygiene einzuhalten und daran zu arbeiten, die Auswirkungen des Klimawandels einzudämmen. Außerdem sollte die Zusammenarbeit von Regierungen und nationalen Statistikämtern gestärkt werden, um die Erhebung, Analyse und Verbreitung von Daten zu verbessern.

Vor dem Hintergrund der globalen Wasserkrise hat UNICEF die Initiative „Water Security for All“ gestartet, um langfristig zu erreichen, dass jedes Kind Zugang zu einer nachhaltigen und klimaresistenten Wasserversorgung hat. Die Initiative soll Ressourcen, Partnerschaften und Innovationen bündeln und Unterstützung für die „Hotspots“ mobilisieren, in denen Investitionen in die Wasser- und Sanitärversorgung sowie Hygiene am dringendsten sind. 

Technische Entwicklungen und Innovationen könnten weiterhelfen, wie dieses Beispiel aus Malawi zeigt: In einem Dorf nahe der Stadt Blantyre hat UNICEF eine solarbetriebene Pumpe installiert, die der Gemeinde hilft, sich auf zukünftige Notsituationen vorzubereiten.

Die Solarpumpe reicht tiefer in den Boden als eine Handpumpe. Das bedeutet, dass die Menschen auch während einer Dürre, wenn der Grundwasserspiegel sinkt, Zugang zu Wasser haben. Zudem ist die Pumpe wartungsarm, und Solarstrom ist billiger, umweltfreundlicher und nachhaltiger als teure Dieselgeneratoren.

Quellen:
– UNICEF Report  Save the Water  
World Resources Institute

Der Wald dieser Erde könnte zu einem Bumerang des Lebens werden

Autorin: Evke Freya von Ahlefeldt

Mit der globalen Erwärmung nimmt auch das Wachstum der Bäume tendenziell ab und ihre Sterblichkeitsrate zu. Die Bäume speichern dadurch weniger Kohlenstoff. 

Gleichzeitig gilt: Je höher die Temperatur steigt, desto mehr atmet die Flora (denn nicht nur Bäume produzieren den lebenswichtigen Sauerstoff für das Leben auf der Erde) auf und setzen Kohlenstoff frei. Langfristig kann die globale Erwärmung daher die wesentliche Rolle der Wälder als CO2-Speicher in Frage stellen. Dies ist ein Teufelskreis, an dem viele Forscher sich Gedanken um Lösungen zu machen.

Zur Zeit bleibt der in Wäldern enthaltene Kohlenstoffvorrat bis zu einer Tagestemperatur von 32°C stabil. Jenseits dieser Schwelle wird dieser Vorrat auf ein Minimum reduziert. Oberhalb dieser Schwelle nimmt der Bestand sehr stark ab. Das Risiko ist immens. Die Forscher am französischen Forschungszentrum CIRAD in Montpellier errechneten, dass die Tropenwälder, die vor allem in Lateinamerika, Afrika und Asien zu finden sind, derzeit das Äquivalent von einem Vierteljahrhundert Kohlendioxid-Emissionen speichern.

Nach den Ozeanen sind die Wälder der zweitgrößte Kohlenstoffspeicher der Welt. Doch die entscheidende Rolle, die sie bisher gespielt haben, ist der globalen Erwärmung ausgeliefert. Wenn die globale Erwärmung nicht unter 2°C gehalten wird, wie im Pariser Klimaabkommen festgelegt, wird die Tagestemperatur in dreiviertel der Tropenwälder 32°C überschreiten. Dies ist die Grenze, die diese Wälder aushalten können.

Zig Milliarden Tonnen CO2

Forscher an den Universitäten von Leeds und Manchester warnt, dass jeder weitere Temperaturanstieg zu schnellen Verlusten von Waldkohlenstoff in den Tropen führen wird. Wird diese Grenze überschritten, besteht die Gefahr, dass die Wälder ihrerseits zu Kohlenstoff-Emittenten, also wie Industriebetriebe welche für den Ausstoß der Emissionen mit verantwortlich sind, umgewandelt. Die grüne Lunge unserer Erde kann sich zu einem Bumerang für alles Leben auf dieser Welt entwickeln.

Jedes weitere Grad an Temperaturanstieg würde 51 Milliarden Tonnen CO2 aus den Tropenwäldern in die Atmosphäre freisetzen.  Zum Vergleich: Im Jahr 2019 wurden die weltweiten Kohlendioxid-Emissionen laut Global Carbon Project an der Stanford Universität auf 43,1 Milliarden Tonnen Kohlendioxid geschätzt.

Für diese Studie wurden mehr als eine halbe Million Bäume von zehntausend verschiedenen Arten in 813 tropischen Wäldern in vierundzwanzig Ländern auf der ganzen Welt gemessen.
Die Beobachtung und Ergebnisse dieser Forschung gehen auf die letzten vierzig Jahre zurück.

Das im Mai 2020 von der UNO anlässlich des Welttages der Biodiversität veröffentlichtes Dokument: THE STATE OF THE WORLD, macht auf den Rückgang der weltweiten Wälder aufmerksam.

Seit 1990 sind fast 420 Millionen Hektar Wald verloren gegangen um die Flächen für
andere Nutzungen zu gewinnen.
Obwohl sich die Abholzung in den letzten drei Jahrzehnten verlangsamt hat, gehen immer noch jedes Jahr fast 10 Millionen Hektar für landwirtschaftliche Flächen verloren.
Wissenschaftler bestätigen, dass die Waldzerstörung in einem alarmierenden Tempo fortschreitet und wesentlich zum Verlust der biologischen Vielfalt beiträgt.

Evke Freya von Ahlefeldt, Paris, 29. Juni 2021


Quellen:
– Bruno Hérault, Forscher für Tropenwälder am französischen Forschungszentrum CIRAD, Montpellier
– Global Carbon Project (GCP) der Universität Stanford
– UN Bericht von Mai 2020: THE STATE OF THE WORLD

Anwendungen der Nanotechnologie in Pflanzenwachstum und Pflanzenschutz

Autorin Dr. rer. nat. Patricia Lefèvre

Im Zeitalter des Klimawandels stehen die globalen Agrarsysteme vor zahlreichen, noch nie dagewesenen Herausforderungen. Um Ernährungssicherheit zu erreichen, ist fortschrittliche Nanotechnologie ein praktisches Werkzeug, um die Pflanzenproduktion zu steigern und Nachhaltigkeit zu gewährleisten. Die Nanotechnologie hilft, die landwirtschaftliche Produktion zu verbessern, indem sie die Effizienz von Betriebsmitteln erhöht und relevante Verluste minimiert. Nanomaterialien bieten eine größere spezifische Oberfläche für Düngemittel und Pestizide. Darüber hinaus ermöglichen Nanomaterialien als einzigartige Träger von Agrochemikalien die gezielte kontrollierte Abgabe von Nährstoffen mit erhöhtem Pflanzenschutz. Aufgrund ihrer direkten und beabsichtigten Anwendungen in der präzisen Steuerung und Kontrolle von Inputs (Düngemittel, Pestizide, Herbizide) unterstützen Nanotools, wie z.B. Nanobiosensoren, die Entwicklung von Hightech-Agrarbetrieben. Die Integration von Biologie und Nanotechnologie in Nanosensoren hat ihr Potenzial, Umweltbedingungen oder Beeinträchtigungen zu erkennen und zu identifizieren, stark erhöht.

1. Einleitung

Um den zunehmenden Herausforderungen einer nachhaltigen Produktion und Ernährungssicherheit zu begegnen, wurden in den letzten Jahren bedeutende technologische Fortschritte und Innovationen im Bereich der Landwirtschaft gemacht. Solche kontinuierlichen landwirtschaftlichen Innovationen sind entscheidend, um den steigenden Nahrungsmittelbedarf der explodierenden Weltbevölkerung durch den Einsatz von natürlichen und synthetischen Ressourcen zu decken. Insbesondere die Nanotechnologie hat das Potenzial, effektive Lösungen für die vielfältigen Probleme in der Landwirtschaft zu bieten. Um die Lücke zwischen Massenmaterialien und atomaren oder molekularen Strukturen zu schließen, sind Nanopartikel von großem wissenschaftlichem Interesse. In den letzten zwei Jahrzehnten wurde eine beträchtliche Menge an Forschungsarbeiten zur Nanotechnologie durchgeführt, wobei die zahlreichen Anwendungen in der Landwirtschaft im Vordergrund standen. Der Einsatz von Düngemitteln spielt eine zentrale Rolle bei der Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion; der übermäßige Einsatz von Düngemitteln verändert jedoch irreversibel die chemische Ökologie des Bodens, wodurch die verfügbare Fläche für die Pflanzenproduktion weiter reduziert wird. Nachhaltige Landwirtschaft beinhaltet einen minimalen Einsatz von Agrochemikalien, die letztendlich die Umwelt schützen und verschiedene Arten vor dem Aussterben bewahren können. Nanomaterialien steigern die Produktivität von Nutzpflanzen, indem sie die Effizienz von landwirtschaftlichen Betriebsmitteln erhöhen, um eine gezielte und kontrollierte Zufuhr von Nährstoffen zu ermöglichen und so den minimalen Einsatz von landwirtschaftlichen Betriebsmitteln zu gewährleisten. In der Tat hat die Unterstützung der Nanotechnologie bei Pflanzenschutzmitteln exponentiell zugenommen, was eine Steigerung der Ernteerträge gewährleisten kann. Darüber hinaus besteht das Hauptanliegen in der landwirtschaftlichen Produktion darin, eine beschleunigte Anpassung der Pflanzen an die fortschreitenden Faktoren des Klimawandels wie extreme Temperaturen, Wassermangel, Salzgehalt, Alkalinität und Umweltverschmutzung mit toxischen Metallen zu ermöglichen, ohne die bestehenden empfindlichen Ökosysteme zu gefährden. Darüber hinaus hat die Entwicklung und Nutzung von Nanosensoren in der Präzisionslandwirtschaft zur Messung und Überwachung des Pflanzenwachstums, der Bodenbeschaffenheit, von Krankheiten, des Einsatzes und der Durchdringung von Agrochemikalien und der Umweltverschmutzung die menschliche Kontrolle der Boden- und Pflanzengesundheit, die Qualitätskontrolle und die Sicherheitssicherung wesentlich verbessert und damit einen großen Beitrag zu einer nachhaltigen Landwirtschaft und zu Umweltsystemen geleistet. Nanomaterial-Engineering ist die modernste Schiene der Forschung, die die Entwicklung von Hightech-Agrarbereichen unterstützt, indem sie eine größere spezifische Oberfläche bietet, der für die nachhaltige Entwicklung von landwirtschaftlichen Systemen entscheidend ist. Daher kann die Nanotechnologie nicht nur die Unsicherheit reduzieren, sondern auch die Managementstrategien der landwirtschaftlichen Produktion als Alternative zu konventionellen Technologien koordinieren. In vielen Fällen bieten Agro-Nanotech-Innovationen kurzfristige Techno-Fixes für die Probleme der modernen industriellen Landwirtschaft. Die vorliegende Übersicht fasst die Anwendungen der Nanotechnologie in der Landwirtschaft zusammen, die die Nachhaltigkeit von Landwirtschaft und Umwelt sicherstellen können.

2. Nano-Farming: Eine neue Grenze in der landwirtschaftlichen Entwicklung

Die Nanopartikeltechnologie ist eine der neuesten technologischen Innovationen, die einzigartige zielgerichtete Eigenschaften mit erhöhter Festigkeit aufweisen. Der Begriff „Nanotechnologie“ wurde erstmals 1974 von Norio Taniguichi, einem Professor an der Tokyo University of Science, geprägt. Obwohl der Begriff „Nanotechnologie“ seit langem in verschiedenen Disziplinen eingeführt wurde, ist die Idee, dass Nanopartikel (NPs) für die landwirtschaftliche Entwicklung von Interesse sein könnten, eine neuere technologische Innovation und befindet sich noch in der fortschreitenden Entwicklung. Jüngste Fortschritte bei der Herstellung von Nanomaterialien unterschiedlicher Größe und Form haben zu einer Vielzahl von Anwendungen in der Medizin, Umweltwissenschaft, Landwirtschaft und Lebensmittelverarbeitung geführt. Im Laufe der Geschichte hat die Landwirtschaft immer von diesen Innovationen profitiert. Da die Landwirtschaft mit zahlreichen und noch nie dagewesenen Herausforderungen konfrontiert ist, wie z. B. reduzierte Ernteerträge aufgrund von biotischen und abiotischen Stressfaktoren, einschließlich Nährstoffmangel und Umweltverschmutzung, hat das Aufkommen der Nanotechnologie vielversprechende Anwendungen für die Präzisionslandwirtschaft geboten. Der Begriff Präzisionslandwirtschaft oder Farming ist in den letzten Jahren aufgetaucht und steht für die Entwicklung der drahtlosen Vernetzung und Miniaturisierung der Sensoren zur Überwachung, Bewertung und Steuerung landwirtschaftlicher Praktiken. Genauer gesagt bezieht er sich auf das standortspezifische Pflanzenmanagement mit einer breiten Palette von Vor- und Nachproduktionsaspekten der Landwirtschaft, die von Gartenbaukulturen bis hin zu Feldfrüchten reichen. Die jüngsten Fortschritte im Tissue Engineering und in der Entwicklung von Nanomaterialien auf der Basis von CRISPR (clustered regularly interspaced short palindromic repeats)/Cas (CRISPR-associated protein) mRNA und sgRNA für die genetische Modifikation (GM) von Nutzpflanzen sind eine bemerkenswerte wissenschaftliche Leistung. Darüber hinaus bietet die Nanotechnologie hervorragende Lösungen für eine zunehmende Anzahl von Umweltproblemen. So bietet die Entwicklung von Nanosensoren weitreichende Perspektiven für die Beobachtung von Umweltstress und die Steigerung des Bekämpfungspotenzials von Pflanzen gegen Krankheiten. Daher haben solche kontinuierlichen Verbesserungen in der Nanotechnologie mit besonderem Schwerpunkt auf der Identifizierung von Problemen und der Entwicklung von kooperativen Ansätzen für ein nachhaltiges landwirtschaftliches Wachstum ein bemerkenswertes Potenzial, um breite soziale und gerechte Vorteile zu bieten.

3. Quellen und Synthese von grünen Nanopartikeln

Nanopartikel (NPs) sind organische, anorganische oder hybride Materialien mit mindestens einer ihrer Dimensionen im Bereich von 1 bis 100 nm (auf der Nanoskala). NPs, die in der Natur vorkommen, können aus den Prozessen von photochemischen Reaktionen, Vulkanausbrüchen, Waldbränden, einfacher Erosion, Pflanzen und Tieren oder auch von den Mikroorganismen produziert werden. Die Produktion von aus Pflanzen und Mikroorganismen gewonnenen NPs hat sich als eine effiziente biologische Quelle für grüne NPs herausgestellt, die in letzter Zeit aufgrund ihrer umweltfreundlichen Natur und der Einfachheit des Produktionsprozesses im Vergleich zu anderen Wegen die besondere Aufmerksamkeit der Wissenschaftler auf sich zieht. Für die Nutzung der grünen Nanotechnologie werden derzeit eine Reihe von Pflanzenarten und Mikroorganismen, darunter Bakterien, Algen und Pilze, für die NP-Synthese verwendet. Zum Beispiel werden Medicago sativa und Sesbania-Pflanzenarten zur Herstellung von Gold-Nanopartikeln verwendet. Ebenso können anorganische Nanomaterialien aus Silber, Nickel, Kobalt, Zink und Kupfer in lebenden Pflanzen, wie Brassica juncea, Medicago sativa und Heleanthus annus, synthetisiert werden. Mikroorganismen, wie Kieselalgen, Pseudomonas stuzeri, Desulfovibrio desulfuricans NCIMB 8307 Clostridium thermoaceticum und
Klebsiella aerogens werden zur Synthese von Silizium-, Gold-, Zinksulfid- bzw. Cadmiumsulfid-Nanopartikeln verwendet. Obwohl eine große Anzahl von Mikroorganismen zur Synthese von grünen NPs verwendet wird, werden Pilze, hauptsächlich Verticillium sp,
Aspergillus flavus, Aspergillus furnigatus, Phanerochaete chrysoparium und Fusarium oxysporum, als die effizientesten Systeme für die Biosynthese von metall- und metallsulfidhaltigen NPs angesehen.

Alle NPs sind dreidimensionale (3D) Objekte. Eindimensionale (1D) NPs beziehen sich auf die NPs, die 2 Dimensionen auf der Nanoskala und 1 Dimension auf der Makroskala haben (Nanodrähte, Nanoröhren), während zweidimensionale (2D) NPs 1 Dimension auf der Nanoskala und 2 Dimensionen auf der Makroskala haben (Nanoschichten, Nanofilme). 3D-NPs wiederum haben 0 Dimensionen auf der Nanoskala und 3 Dimensionen auf der Makroskala (Nanokugeln, Nano-Blumen), während null-dimensionale (0D) NPs durch alle 3 Dimensionen auf der Nanoskala charakterisiert sind. So wurde eine reiche Vielfalt an physikalischen und chemischen Methoden entwickelt, um die nulldimensionalen NPs mit gut kontrollierten Abmessungen zu synthetisieren oder herzustellen. Nulldimensionale NPs, wie z. B. Quantenpunkte, haben eine breite Akzeptanz und Anwendung in Leuchtdioden, Solarzellen, Einzelelektronentransistoren wie sie in Lasern verwendet werden. Die Synthese von zweidimensionalen NPs, wie z. B. Kreuzungen (kontinuierliche Inseln), verzweigte Strukturen, Nanoprismen, Nanoplatten, Nanoblätter, Nanowände und Nanoplatten sind zu einem wichtigen Bereich in der Nano-Engineering-Forschung geworden. Solche geometrischen Strukturen von NPs haben die Untersuchung und Entwicklung neuer Anwendungen in Sensoren, Photokatalysatoren, Nanocontainern und Nanoreaktoren gesprengt. Im Gegensatz dazu haben dreidimensionale NPs in letzter Zeit aufgrund ihrer großen Oberfläche und anderer überlegener Eigenschaften wie Absorptionsstellen für alle beteiligten Moleküle auf kleinem Raum, die zu einem besseren Transport der Moleküle führen, großes Forschungsinteresse auf sich gezogen. Daher haben die Verbesserung und Entwicklung neuartiger Technologien zur Herstellung von NPs mit ihrem Anwendungspotenzial eine besondere Bedeutung, insbesondere bei der Entwicklung nachhaltiger Agrar- und Umweltsysteme.

4. Verabreichungsoptionen mit Nanopartikeln: Ein neues Fenster für nachhaltige Landwirtschaft

Die Nanotechnologie gilt als eine der Schlüsseltechnologien des einundzwanzigsten Jahrhunderts, die verspricht, traditionelle landwirtschaftliche Praktiken voranzutreiben und eine nachhaltige Entwicklung zu ermöglichen, indem sie die Bewirtschaftungs- und Erhaltungstaktiken bei reduzierter Verschwendung von landwirtschaftlichen Betriebsmitteln verbessert. Die Verabreichungssysteme von Agrochemikalien und organischen Molekülen, einschließlich des Transports von DNA-Molekülen oder Oligonukleotiden in die Pflanzenzellen, sind wichtige Aspekte der nachhaltigen landwirtschaftlichen Produktion sowie der Präzisionslandwirtschaft. Bei herkömmlichen Methoden werden Agrochemikalien in der Regel durch Sprühen und/oder Ausbringen auf die Pflanzen aufgebracht. Infolgedessen erreicht nur eine sehr geringe Anzahl von Agrochemikalien die Zielstellen der Pflanzen, die weit unter der für ein erfolgreiches Pflanzenwachstum erforderlichen minimalen Wirkkonzentration liegt. Die Verluste sind auf die Auswaschung von Chemikalien, den Abbau durch Photolyse, Hydrolyse und auch durch mikrobiellen Abbau zurückzuführen. Bei der Ausbringung von Düngemitteln sollte beispielsweise mehr Wert auf die Bioverfügbarkeit der Nährstoffe gelegt werden, die durch die Chelatbildung im Boden, den Abbau durch Mikroorganismen, Verdunstung, Überdosierung, Hydrolyse und Abflussprobleme verursacht wird. Bei der Anwendung von Pestiziden ist die Wirksamkeitsverbesserung durch das Abdriftmanagement in den Vordergrund zu stellen. Um umweltfreundliche landwirtschaftliche Praktiken zu gewährleisten, hat der jüngste Fortschritt der Nanotechnologie-basierten Synthese von Düngemitteln, Pestiziden und Herbiziden mit langsamer oder kontrollierter Freisetzung daher eine besondere Aufmerksamkeit in der landwirtschaftlichen Produktion erhalten. Im Laufe der Zeit hat sich die Nanotechnologie allmählich von den experimentellen Versuchen im Labor zu praktischen Anwendungen entwickelt. Das Ziel der kontrollierten Verabreichungstechniken ist die dosierte Freisetzung notwendiger und ausreichender Mengen von Agrochemikalien über einen bestimmten Zeitraum und die Erzielung der vollen biologischen Wirksamkeit bei gleichzeitiger Minimierung von Verlusten und schädlichen Wirkungen. Nanopartikel bieten die Vorteile einer effektiven Abgabe von Agrochemikalien aufgrund ihrer großen Oberfläche, der einfachen Anhaftung und des schnellen Stofftransfers. Aus diesen Gründen werden mikronische oder submikronische Partikel durch verschiedene Mechanismen in die Agrochemikalien eingearbeitet, wie z. B. Kapselung, Absorption, oberflächliche Anhaftung von Ionen oder schwachen Bindungen und Einschluss in die Nanomatrix der Wirkstoffe. Beispielsweise verlängert die Kapselung von Kaliumnitrat durch Graphenoxid-Filme den Freisetzungsprozess des Düngers beträchtlich, und eine solche Formulierung scheint bei einer großtechnischen Produktion zu relativ geringen Kosten möglich zu sein. Nanomaterialien verbessern die Stabilität von Agrochemikalien und schützen sie vor Abbau und anschließender Freisetzung in die Umwelt, was letztendlich die Wirksamkeit erhöht und die Mengen an Agrochemikalien reduziert.

Abgesehen von den landwirtschaftlichen Anwendungen bietet die Konvergenz der Nanotechnologie mit der Biotechnologie auch Möglichkeiten als neue Werkzeuge der molekularen Transporter, um Gene zu modifizieren und sogar neue Organismen zu produzieren. Zum Beispiel implizieren Nanobiotechnologien Nanopartikel, Nanokapseln und Nanofasern, um fremde DNA und die Chemikalien zu transportieren, die die Modifikation der Zielgene erleichtern. Bei der Einbringung von genetischem Material stehen virale Gentransportvektoren vor zahlreichen Herausforderungen, wie z. B. begrenzte Wirtsreichweite, begrenzte Größe des eingebrachten genetischen Materials, Transport durch die Zellmembran und auch das Problem des Traffickings des Zellkerns. Im Gegensatz dazu bieten die jüngsten Durchbrüche in der Nanobiotechnologie den Forschern größere Möglichkeiten, das genetische Material einer Spezies vollständig durch eine andere zu ersetzen. In der Gentechnik wurden Siliziumdioxid-Nanopartikel entwickelt, um DNA-Fragmente/-Sequenzen ohne unerwünschte Nebenwirkungen an die Zielspezies, wie Tabak- und Maispflanzen, zu liefern. Darüber hinaus wird das NP-gestützte Transportsystem auch zur Entwicklung insektenresistenter neuartiger Pflanzensorten eingesetzt. So werden beispielsweise DNA-beschichtete NPs als Geschosse in der Gen-Gun-Technologie zum Beschuss von Zellen oder Geweben eingesetzt, um die gewünschten Gene auf die Zielpflanzen zu übertragen. Die jüngsten Fortschritte in der Entwicklung von Chitosan-NPs mit eingeschlossener SiRNA als Trägermedium haben eine neue Möglichkeit der Pflanzenverbesserung eröffnet, die eine zielgerichtete Kontrolle von Schadinsekten ermöglicht, da Chitosan ein effizientes Bindungspotenzial mit RNA sowie eine Penetrationsfähigkeit durch die Zellmembranen besitzt. Zeitgenössische Fortschritte bei der spezifischen Übertragung von CRISPR/Cas9 single guide RNA (sgRNA) auf der Basis von Nanomaterialien haben eine neue Ära in der Gentechnik eingeleitet. Das CRISPR/Cas9-System, bestehend aus CRISPR-Repeat-Spacer-Arrays und Cas-Proteinen, ist ein RNA-gesteuertes Abwehrsystem in Prokaryoten und wurde bereits erfolgreich für das Genome Editing in Pflanzen eingesetzt. Die geringe Transporteffizienz ist jedoch immer noch eine große Hürde, die seine Anwendung behindert. Interessanterweise könnten Nanomaterialien das Ausmaß der Off-Target-Veränderungen minimieren, indem sie die Effizienz und Spezifität der CRISPR/Cas-Systeme verbessern. Zum Beispiel kationische Arginin-Gold-Nanopartikel.

5. Nano-Dünger: Eine effiziente Quelle für eine ausgewogene Ernährung der Pflanzen

Generell ist die Ergänzung der essentiellen Nährstoffe (Elementdüngung) zur Verbesserung der Pflanzenproduktivität und Bodenfruchtbarkeit unumgänglich. Dennoch wird das präzise Düngemittelmanagement als eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine nachhaltige landwirtschaftliche Entwicklung angesehen. Nahrung ist jedoch ein grundlegendes Menschenrecht. Die globale Ernährungssicherheit ist weltweit ernsthaft in Frage gestellt. Die Ernährungssicherheit ist unter anderem durch die Begrenzung der verfügbaren natürlichen Ressourcen bedroht. Es wird davon ausgegangen, dass die derzeitige Weltbevölkerung (sieben Milliarden) im Laufe der Zeit zunehmen und bis 2050 etwa neun Milliarden erreichen wird. Um die wachsende Bevölkerung zu ernähren, werden etwa 60-100 % mehr Nahrungsmittel benötigt. Um den erhöhten Nahrungsmittelbedarf zu decken, wird intensive Landwirtschaft betrieben, was letztendlich zu einem Teufelskreis aus Erschöpfung der Bodenfruchtbarkeit und Rückgang der landwirtschaftlichen Erträge führt. Man schätzt, dass ca. 40 % der weltweiten landwirtschaftlichen Flächen ernsthaft degradiert sind, was zu einem starken Verlust der Bodenfruchtbarkeit aufgrund dieser intensiven Anbaumethoden führt. Infolgedessen wird eine riesige Menge an Düngemitteln eingesetzt, um die Bodenfruchtbarkeit und die Produktivität der Pflanzen zu verbessern. Es wurde auch eindeutig festgestellt, dass ein Drittel der Pflanzenproduktivität auf Düngemittel zurückzuführen ist und der Rest von der Effizienz der Nutzung anderer landwirtschaftlicher Betriebsmittel abhängt. Dennoch übersteigt die Nährstoffnutzungseffizienz konventioneller Düngemittel kaum 30-40%. Die Nährstoffnutzungseffizienz konventioneller Düngemittel, z. B. für Stickstoff (N) 30-35 %, Phosphor (P) 18-20 % und Kalium (K) 35-40 %, blieb in den letzten Jahrzehnten konstant. Darüber hinaus hängt die Nährstoffnutzungseffizienz von konventionellen Düngemitteln, die direkt in den Boden eingebracht oder auf die Blätter gesprüht werden, weitgehend von der Endkonzentration der Düngemittel ab, die die Zielorte erreichen. Im wahrsten Sinne des Wortes erreicht eine sehr geringe Menge, die weit unter der gewünschten Mindestkonzentration liegt, den Zielstandort aufgrund von Auswaschungsverlusten von Chemikalien, Abdrift, Abfluss, Hydrolyse, Verdunstung, photolytischem oder sogar mikrobiellem Abbau. Als Folge davon beeinträchtigt die wiederholte Verwendung von zu viel Düngemitteln das inhärente Nährstoffgleichgewicht des Bodens. Außerdem werden die Gewässer durch die Auswaschung von giftigen Stoffen in Flüsse und Wasserreservoirs stark verschmutzt, was auch die Verunreinigung des Trinkwassers zur Folge hat. Es wurde berichtet, dass Anfang 1970 nur 27 kg NPK ha-1 benötigt wurden, um eine Tonne Getreide zu produzieren, während es im Jahr 2008 auf 109 kg NPK ha-1 gestiegen ist, um das gleiche Produktionsniveau zu erreichen. Nach Angaben der International Fertilizer Industry Association (IFIA) ist der weltweite Düngemittelverbrauch stark angestiegen, und es wurde prognostiziert, dass der weltweite Bedarf bis zum Jahr 2016-2017 192,8 Mio. t erreichen wird. Von diesen großen Mengen an konventionellen Düngemitteln verbleibt ein großer Teil der Chemikalien im Boden oder kann in die anderen Umweltkompartimente gelangen, was zu einer starken Umweltverschmutzung führt, die das normale Wachstum von Flora und Fauna beeinträchtigen kann.
Die Verwendung von technisch hergestellten Nanomaterialien im Rahmen einer nachhaltigen Landwirtschaft hat einen völlig neuen Weg der Nahrungsmittelproduktion aufgezeigt, der möglicherweise die Unsicherheiten im Pflanzenbau mit begrenzten verfügbaren Ressourcen überwinden könnte. Die Revolution der grünen Nanotechnologie hat die globale Landwirtschaft dramatisch verändert und Nanomaterialien als Nanodünger haben das Versprechen geweckt, die Projektion des globalen Nahrungsmittelbedarfs und auch die nachhaltige Landwirtschaft zu erfüllen. Um den Makro- und Mikronährstoffmangel durch eine verbesserte Effizienz der Nährstoffnutzung zu lindern und das chronische Problem der Eutrophierung zu überwinden, können Nanodünger eine beste Alternative sein. Nanodünger, die gezielt synthetisiert werden, um die Freisetzung von Nährstoffen in Abhängigkeit vom Bedarf der Pflanzen zu regulieren und gleichzeitig Differenzverluste zu minimieren, haben ein immenses Potenzial. Konventionelle Stickstoffdünger zum Beispiel zeichnen sich durch enorme Verluste aus dem Boden durch Auswaschung, Verdunstung oder sogar den Abbau von bis zu 50-70% aus, was letztlich die Effizienz der Düngemittel reduziert und die Produktionskosten erhöht. Auf der anderen Seite synchronisieren Nanoformulierungen von stickstoffhaltigen Düngemitteln die Freisetzung von Dünger-N mit dem Aufnahmebedarf durch die Pflanzen. Dementsprechend verhindern Nanoformulierungen unerwünschte Nährstoffverluste durch direkte Internalisierung durch die Pflanzen und vermeiden dadurch die Wechselwirkung der Nährstoffe mit Boden, Wasser, Luft und Mikroorganismen. So reduziert der Einsatz von porösen Nanomaterialien wie Zeolithen, Ton oder Chitosan die Stickstoffverluste deutlich, indem die bedarfsgerechte Freisetzung reguliert und die Pflanzenaufnahme verbessert wird. Ammoniumgeladene Zeolithe haben das Potenzial, die Löslichkeit von Phosphatmineralien zu erhöhen und damit eine verbesserte Phosphorverfügbarkeit und -aufnahme durch Nutzpflanzen aufzuweisen. Graphenoxid-Filme, ein Nanomaterial auf Kohlenstoffbasis, können den Prozess der Kaliumnitratfreisetzung verlängern, was die Funktionsdauer verlängert und Verluste durch Auswaschung minimiert. Außerdem zeigten sie, dass Nanomaterialien in der Pflanzenproduktion ein größeres Potenzial haben als herkömmliche Düngemittel. Sie zeigten, dass die Anwendung von Nanocalcit (CaCO3-40%) mit Nano-SiO2 (4%), MgO (1%) und Fe2O3 (1%) nicht nur die Aufnahme von Ca, Mg und Fe verbesserte, sondern auch die Aufnahme von P mit den Mikronährstoffen Zn und Mn deutlich erhöhte. Es gibt viele verschiedene Formen von Nanodüngern. Basierend auf ihren Wirkungen können Nanodünger als Kontroll- oder Langzeitdünger, Kontrollverlustdünger, Magnetdünger oder Nanokompositdünger als kombinierte Nanovorrichtung klassifiziert werden, um eine breite Palette von Makro- und Mikronährstoffen in wünschenswerten Eigenschaften zu liefern. Nanodünger werden hauptsächlich durch die Verkapselung von Nährstoffen mit Nanomaterialien hergestellt. Die anfänglichen Nanomaterialien werden sowohl mit physikalischen (top-down) als auch mit chemischen (bottom-up) Ansätzen hergestellt, danach werden die gewünschten Nährstoffe in nanoporösen Materialien eingekapselt oder mit einem dünnen Polymerfilm beschichtet oder als Partikel oder Emulsionen in Nanogröße geliefert, wie es für kationische Nährstoffe (NH4+, K+, Ca2+, Mg2+) oder nach Oberflächenmodifikation für anionische Nährstoffe (NO3-, PO4-, SO4-) der Fall ist.

Die landwirtschaftliche Produktion kann durch ein ausgewogenes Düngemittelmanagement, Bewässerung und die Verwendung von Qualitätssaatgut um 35-40 % gesteigert werden. Es wurde eifrig beobachtet, dass die Anwendung von nanoformulierten Düngemitteln ein erhebliches Potenzial zur Steigerung der Pflanzenproduktivität hat. Zum Beispiel kann die Verwendung von Kohlenstoff-Nanopartikeln zusammen mit Dünger die Kornerträge von Reis (10,29 %), Frühjahrsmais (10,93 %), Sojabohnen (16,74 %), Winterweizen (28,81 %) und Gemüse (12,34-19,76 %) erhöhen. Es wurde gezeigt, dass die Anwendung von Chitosan-NPK-Dünger den Ernte-Index, Ernte-Index und Mobilisierungs-Index der ermittelten Weizen-Ertragsvariablen im Vergleich zu den Kontroll-Ertragsvariablen signifikant erhöht. Nanomaterialien stimulieren eine Reihe von lebenswichtigen Facetten der Pflanzenbiologie, da die Wurzel- und Blattoberflächen der Pflanzen die Hauptnährstoffschleusen der Pflanzen sind, die im Nanomaßstab hochporös sind. Folglich kann die Anwendung von Nanodünger die Nährstoffaufnahme von Pflanzen durch diese Poren verbessern oder der Prozess kann die Komplexierung mit molekularen Transportern oder Wurzelexsudaten durch die Schaffung neuer Poren oder durch die Ausnutzung von Endozytose oder Ionenkanälen erleichtern. Darüber hinaus wurde in einer Vielzahl von Untersuchungen eindeutig festgestellt, dass die Verkleinerung von Nanomaterialien die Erhöhung des Oberflächenmassenverhältnisses der Partikel ermöglicht, was zur Folge hat, dass eine große Menge an Nährstoffionen langsam und kontinuierlich über einen längeren Zeitraum adsorbiert und desorbiert wird. Auf diese Weise gewährleisten die Nanoformulierungen von Düngemitteln eine ausgewogene Ernährung der Pflanzen während des gesamten Wachstumszyklus, was letztendlich die landwirtschaftliche Produktion verbessert. Es ist anzumerken, dass die erhöhte Effizienz eines Produktes die Landwirte dazu anregen kann, das Produkt gewinnbringender einzusetzen.

Als vielversprechendes interdisziplinäres Forschungsgebiet hat die Nanotechnologie in der Landwirtschaft ihre enorme Bedeutung erlangt. Neben den Makronährstoffen spielen auch Mikronährstoffe wie Mangan, Bor, Kupfer, Eisen, Chlor, Molybdän, Zink eine wesentliche Rolle bei der stetigen Steigerung der Pflanzenproduktivität. Zahlreiche Faktoren, wie z. B. der pH-Wert des Bodens (Alkalität oder saurer Zustand), begünstigen jedoch bei extensiver landwirtschaftlicher Praxis deren Mangel in der Pflanzenproduktion. Der Mangel an Mikronährstoffen vermindert nicht nur die Produktivität von Nutzpflanzen, sondern beeinträchtigt auch die menschliche Gesundheit durch den Verzehr von Lebensmitteln mit Mikronährstoffmangel. Eisenmangel beispielsweise verursacht Anämie, Wachstumsstörungen, Probleme mit der reproduktiven Gesundheit und sogar eine verminderte kognitive und körperliche Leistungsfähigkeit beim Menschen. Im Gegensatz dazu würde die Supplementierung von nanoformulierten oder in Nanoform eingeschlossenen Mikronährstoffen zur langsamen oder kontrollierten Freisetzung von Nährstoffen den Aufnahmeprozess durch Pflanzen stimulieren, das Wachstum und die Produktivität von Nutzpflanzen fördern und auch zur Erhaltung der Bodengesundheit beitragen. Zum Beispiel beeinflusst die Anwendung von Nano-Zinkoxid in niedrigen Dosen in zinkarmen Böden das Wachstum und die physiologischen Reaktionen, wie die Spross- und Wurzelverlängerung, das frische Trockengewicht und die Photosynthese bei vielen Pflanzenarten im Vergleich zur Kontrolle positiv. Es wurde auch gezeigt, dass die Anwendung von Zinkoxid-Nanopartikeln mit anderen Düngemitteln in zinkarmen Böden nicht nur die Nährstoffausnutzung fördert, sondern auch die Produktivität von Gerste um 91 % im Vergleich zur Kontrolle erhöht, während traditionelles ZnSO4 in großen Mengen die Produktivität um 31 % im Vergleich zur Kontrolle erhöht.

Wissenschaftliche Innovationen sind auf die Verbesserung des menschlichen Wohlergehens ausgerichtet. Ebenso zielen Pflanzenwissenschaftler darauf ab, die natürliche genomische Vielfalt verschiedener domestizierter Nutzpflanzen wiederherzustellen und Technologien zur Verringerung des Düngerverbrauchs zu verbessern, ohne die Produktivität der Pflanzen und eine nachhaltige Umwelt zu beeinträchtigen. Im Zuge dessen wird in der nachhaltigen Landwirtschaft ein neuer Begriff, „Kontrollverlustdünger“, verwendet. Diese Art von Düngemitteln wurde entwickelt, um die punktuelle Verschmutzung durch Inputs in der Landwirtschaft zu reduzieren, die durch die Bildung eines Nanonetzwerks durch Selbstorganisation bei Kontakt mit Wasser im Boden funktionieren. Die eingeschlossenen Nährstoffe des Düngers gelangen über Wasserstoffbrücken, Oberflächenspannung, molekulare Kraft oder viskose Kraft in das Bodennetzwerk. Infolgedessen vergrößert sich ihre räumliche Skala, so dass sie leicht durch die Bodenfiltration blockiert werden und im Boden um die Pflanzenwurzeln herum fixiert bleiben, was die Nährstoffaufnahme durch die Pflanzen erleichtert, um die Anforderungen während des Wachstumszyklus zu erfüllen. Ein solcher neuartiger Ansatz wurde zum Beispiel erfolgreich eingesetzt, um die Transferrate von Stickstoff in die Umwelt zu reduzieren. Es wurde auch gezeigt, dass die Anwendung von Düngemitteln mit Kontrollverlust nicht nur den Stickstoffabfluss und den Auswaschungsverlust um 21,6 % und 24,5 % verringert, sondern auch einen Anstieg des mineralischen Reststickstoffs im Boden um 9,8 % zusammen mit einer um 5,5 % gesteigerten Weizenproduktion im Vergleich zu herkömmlichen Düngemitteln bewirkt. Obwohl eine Reihe von Forschungsarbeiten zu diesem Thema veröffentlicht wurden, sind die Informationen und Forschungen über das breitere Potenzial noch unzureichend. Daher sollten weitere Forschungsarbeiten durchgeführt werden, um neue und vielversprechende Ansätze zu erforschen, die die Migration anderer Makro- und Mikronährstoffe als Schadstoffe im Mikrobereich in die Umweltmatrix kontrollieren können.

6. Nanomaterialien in der Saatgutkeimung, dem Pflanzenwachstum und der Qualitätsanreicherung

Die Nanowissenschaft ist eine neue Plattform wissenschaftlicher Innovation, die die Entwicklung von Ansätzen für eine Reihe kostengünstiger Nanotech-Anwendungen zur verbesserten Keimung von Saatgut, Pflanzenwachstum, Entwicklung und Akklimatisierung an Umgebungen beinhaltet. Die Keimung von Samen ist eine sensible Phase im Lebenszyklus von Pflanzen, die die Entwicklung, das Überleben und die Populationsdynamik von Sämlingen ermöglicht. Die Keimung von Samen wird jedoch in hohem Maße von verschiedenen Parametern wie Umweltfaktoren, genetischen Merkmalen, der Verfügbarkeit von Feuchtigkeit und der Bodenfruchtbarkeit beeinflusst. In diesem Zusammenhang hat eine Vielzahl von Studien gezeigt, dass die Anwendung von Nanomaterialien positive Auswirkungen auf die Keimung sowie das Pflanzenwachstum und die Entwicklung hat. Zum Beispiel beeinflusst die Anwendung von mehrwandigen Kohlenstoff-Nanoröhren (MWCNTs) positiv die Keimung von Samen verschiedener Pflanzenarten wie Tomate, Mais, Sojabohne, Gerste, Weizen, Mais, Erdnuss und Knoblauch. In ähnlicher Weise stimuliert die Anwendung von Nano-SiO2, TiO2 und Zeolith die Samenkeimung bei Nutzpflanzen positiv. Außerdem wurde festgestellt, dass Fe/SiO2-Nanomaterialien ein signifikantes Potenzial zur Verbesserung der Keimung von Gerste und Mais haben. Trotz einer beträchtlichen Menge an Forschungsergebnissen über die positiven Auswirkungen von Nanomaterialien auf die Keimung sind die zugrundeliegenden Mechanismen, wie Nanomaterialien die Keimung stimulieren können, immer noch unklar. Einige Studien haben gezeigt, dass Nanomaterialien das Potenzial haben, die Samenschale zu durchdringen und die Fähigkeit zur Absorption und Nutzung von Wasser zu verbessern, was das enzymatische System stimuliert und letztendlich die Keimung und das Wachstum der Keimlinge verbessert. Dennoch ist der Mechanismus der durch Nanomaterialien induzierten Wasseraufnahme im Inneren des Samens noch weitgehend unbekannt.

Wirkung von Nanomaterialien auf die Physiologie von Pflanzen und den Pflanzenschutz.

Zusätzlich zur Keimung wird berichtet, dass Nanomaterialien wie ZnO, TiO2, MWCNTs, FeO, ZnFeCu-Oxid und Hydroxyfullerene das Wachstum und die Entwicklung von Nutzpflanzen mit Qualitätsverbesserung bei vielen Pflanzenarten wie Erdnuss, Sojabohne, Mungobohne, Weizen, Zwiebel, Spinat, Tomate, Kartoffel und Senf steigern. Zum Beispiel haben Kohlenstoff-Nanomaterialien Fullerole, als OH-funktionalisierte Fullerene, allgemein positive Effekte auf das Pflanzenwachstum ausgeübt. Es wurde gezeigt, dass Fullerene das Hypokotyl-Wachstum in Arabidopsis durch Stimulation der Zellteilungen verstärken. Es wurde auch festgestellt, dass die Beizung von Saatgut mit Fullerol nicht nur die Anzahl der Früchte, die Fruchtgröße und den endgültigen Ertrag um bis zu 128% erhöht, sondern auch den Gehalt an bioaktiven Verbindungen wie Cucurbitacin-B, Lycopin, Charantin und Inulin in Früchten der Bittermelone (Momordica charantia) stimuliert. Yousefzadeh und Sabaghnia zeigten, dass die Anwendung von Nano-Eisendünger nicht nur die agronomischen Eigenschaften von Dracocephalum moldavica mit der Aussaatdichte erhöhte, sondern auch den Gehalt an ätherischem Öl in den Pflanzen verbesserte. In ähnlicher Weise wurde festgestellt, dass die Blattapplikation von Nano-Zink- und Bor-Düngern den Fruchtertrag und die Fruchtqualität erhöht, einschließlich 4,4-7,6 % Erhöhung der gesamten löslichen Feststoffe (TSS), 9,5-29,1 % Verringerung der titrierbaren Säure (TA), 20,6-46,1 % Erhöhung des Reife-Index und 0,28-0,62 pH-Einheiten Erhöhung des Saft-pH bei Granatapfel (Punica granatum) ohne die physikalischen Eigenschaften der Früchte zu beeinträchtigen. Diese Ergebnisse zeigten die Perspektiven von Nanomaterialien zur Verbesserung der Ernteerträge und der Produktqualität. Obwohl der genaue Mechanismus hinter der Förderung des Pflanzenwachstums und der verbesserten Qualität nicht klar ist, kann er zumindest teilweise durch die Möglichkeiten der Nanomaterialien erklärt werden, mehr Nährstoffe und Wasser zu absorbieren, was wiederum dazu beiträgt, die Vitalität der Wurzelsysteme mit erhöhter enzymatischer Aktivität zu verbessern. Darüber hinaus haben die Untersuchungen von Nährstoffen zur langsamen/kontrollierten Freisetzung oder zum Kontrollverlust von Nanodüngern, die in Wasser und Boden durchgeführt wurden, bestätigt, dass die langfristige Verfügbarkeit aller dotierten Nährstoffe für die Pflanze über die gesamte Anbauperiode entscheidend für die Förderung von Keimung, Wachstum, Blüte und Fruchtbildung ist. Zum Beispiel setzt der mit Hydroxylapatit-Nanomaterial umhüllte Harnstoffdünger Stickstoff langsam und gleichmäßig über bis zu 60 Tage frei, während der herkömmliche Schüttdünger nur innerhalb von 30 Tagen mit ungleichmäßiger Freisetzung verloren geht, was die Nährstoffeffizienz der Pflanzen reduziert und das Pflanzenwachstum negativ beeinflusst. Umgekehrt bietet die Untersuchung in verschiedenen Studien widersprüchliche Beweise über die positiven Auswirkungen von Nanomaterialien auf die Keimung und das Wachstum von Nutzpflanzen. Diese Variabilität kann durch eine Reihe von Faktoren entstehen, die mit den Eigenschaften der Nanomaterialien zusammenhängen, wie z. B. Größe, Form, Oberflächenbeschichtung und elektronische Eigenschaften, die Dosis sowie die Art der Anwendung und die untersuchte Pflanzenart. Es wurde gezeigt, dass die Anwendung von TiO2 in einer Dosierung von 2,5 % die Photosynthese in Spinat um 3,13 % erhöhte; dies nahm jedoch jenseits von 4 % der Konzentration ab. Es wurde auch gezeigt, dass 15 mg kg-1 Nano-Fe/SiO2 die Sprosslänge von Gersten- und Maissämlingen um 8,25 % bzw. 20,8 % erhöhte; die Sprosslänge wurde jedoch negativ beeinflusst, wenn die Konzentration 25 mg kg-1 erreichte, was bedeutet, dass das Pflanzenwachstum von der Konzentration der Nanomaterialanwendung abhängt. Es wurde gezeigt, dass die Leistung des Pflanzenwachstums von der Art der Nanomaterialapplikation beeinflusst wurde. Sie fanden heraus, dass die Blattapplikation von Nano-Fe3O4 das Gesamtchlorophyll, das Gesamtkohlenhydrat, den Gehalt an ätherischem Öl, den Eisengehalt, die Pflanzenhöhe, die Zweige/Pflanze, die Blätter/Pflanze, das Frischgewicht und das Trockengewicht von Ocimum basilicum-Pflanzen im Vergleich zur Bodenapplikation signifikant erhöhen konnte.

7. Nanomaterialien beschleunigen die anpassung von Pflanzen an fortschreitende Klimafaktoren

Die Ernährungssicherheit ist heute eine Herausforderung für die steigende Bevölkerung aufgrund der begrenzten verfügbaren Ressourcen bei fortschreitendem Klimawandel auf der ganzen Welt. Der fortschreitende Klimawandel bezieht sich auf die Veränderungen der klimatischen Ausgangsbedingungen im Laufe der Zeit, wie z. B. Temperaturen, Wassermangel, Kälte, Salzgehalt, Alkalinität und Umweltverschmutzung mit toxischen Metallen. Daher besteht das Hauptanliegen darin, eine beschleunigte Anpassung der Pflanzen zu ermöglichen, ohne die bestehenden empfindlichen Ökosysteme bei der Bewältigung der Umweltbelastungen zu gefährden. Die Bewältigung dieser Aufgabe erfordert eine mehrgleisige Strategie, wie die Aktivierung des pflanzlichen Enzymsystems, die hormonelle Regulation, die Expression von Stressgenen, die Regulierung der Aufnahme von toxischen Metallen und die Vermeidung von Wasserdefizitstress oder Sturzfluten durch Verkürzung des Lebenszyklus der Pflanzen. Es wurden verschiedene Anstrengungen von Forschern unternommen, um Technologien und Praktiken für nachhaltige landwirtschaftliche Systeme zu entwickeln, indem negative Auswirkungen auf Umweltkompartimente vermieden werden. Fortschritte in der Nanomaterialtechnik legen nahe, dass Nanodünger die Pflanzenproduktion in bestehenden ungünstigen Umgebungen steigern können. Salinitätsstress schränkt die Pflanzenproduktion auf etwa 23% der Anbauflächen weltweit stark ein. Im Gegensatz dazu wurde berichtet, dass die Anwendung von Nano-SiO2 die Keimung von Samen verbessert, das Frischgewicht der Pflanzen, das Trockengewicht und den Chlorophyllgehalt mit Prolin-Akkumulation in Tomaten- und Kürbispflanzen unter NaCl-Stress erhöht. Es wurde auch gezeigt, dass das Blattspray von Nanopartikeln, Eisensulfat (FeSO4), eine positive Reaktion auf die Salzstresstoleranz bei Sonnenblumenkulturen zeigt. Sie berichteten, dass die Anwendung von Nano-FeSO4 nicht nur die Blattfläche, das Trockengewicht der Triebe, die Netto-Kohlendioxid (CO2)-Assimilationsrate, die substatale CO2-Konzentration (Ci), den Chlorophyllgehalt, die maximale photochemische Effizienz des Photosystems II (Fv/Fm) und den Eisen (Fe)-Gehalt erhöhte, sondern auch den Natrium (Na)-Gehalt in den Blättern signifikant verringerte. Kürzlich wurde auch erforscht, dass Silizium-Nanopartikel (SiNPs) den UV-B-induzierten Stress in Weizen effektiv lindern können. Nano-Zeolith kann die langfristige Verfügbarkeit von Nährstoffen verbessern und die Keimung und das Wachstum von Pflanzen fördern. Zeigten eine hervorragende Leistung, um die Anwendung von Nanomaterialien zu erforschen. Sie fanden heraus, dass der Lebenszyklus von Weizenpflanzen, die mit Nanodünger gedüngt wurden, 23,5 % kürzer war (130 Tage im Vergleich zu 170 Tagen) für die Ertragsproduktion ab dem Zeitpunkt der Aussaat im Vergleich zu Pflanzen, die mit herkömmlichem Dünger gedüngt wurden. Eine solche Beschleunigung des Pflanzenwachstums und der Produktivität durch die Anwendung von Nanodüngern zeigt deren Potenzial als wirksame Werkzeuge in der landwirtschaftlichen Praxis, insbesondere in Gebieten, die von Trockenheit oder sogar plötzlichen Sturzfluten betroffen sind, wo die frühe Reife der Pflanzen ein wichtiger Aspekt für eine nachhaltige Pflanzenproduktion ist. Darüber hinaus hat sich gezeigt, dass Nanomaterialien bei der Entgiftung oder Sanierung von schädlichen Schadstoffen wie Schwermetallen wirksam sind.

Die Produktivität von Nutzpflanzen wird auch weitgehend von biotischen Faktoren wie Schädlingen und Krankheiten beeinflusst. Um Ernteverluste zu minimieren, waren Landwirte bisher stark auf Pestizide angewiesen, die sich negativ auf die menschliche Gesundheit und die Umweltverträglichkeit auswirken. Jüngste Studien haben jedoch gezeigt, dass Nanomaterialien die Risiken von Schädlingen und Krankheiten erfolgreich reduzieren und damit die Schwere der Ertragsverluste und Umweltgefahren minimieren könnten. Zum Beispiel besitzen biosynthetisierte AgNPs, die aus dem Stammextrakt der Baumwollpflanze (Gossypium hirsutum) gewonnen wurden, eine starke antibakterielle Aktivität, wie die Hemmzone für Xanthomonas axonopodis pv. malvacearum und Xanthomonas campestris pv. campestris, zwei wichtige bakterielle Krankheitserreger von Nutzpflanzen der Familie Malvaceae bzw. Brassicaceae, zeigt. Metalloxid-Nanomaterialien wie CuO, ZnO und MgO könnten auch viele Pflanzen- und bodenbürtige Krankheiten, die durch Botrytis cinerea, Alternaria alternate, Monilinia fructicola, Colletotrichum gloeosporioides, Fusarium solani, Fusarium oxysporum fsp Radicis Lycopersici, Verticillium Dahliae, Phytophthora infestans und Ralstonia solanacearum verursacht werden, in vielen Pflanzenarten wirksam kontrollieren. Daher kann der vernünftige Einsatz von Nanomaterialien die Produktivität von Pflanzen erhöhen, ohne die Umwelt zu belasten. In den letzten Jahren haben sich die Forschungen zur Verwendung von Nanokompositen im Bereich des Pflanzenschutzes aufgrund ihrer hohen Wirksamkeit und Umweltfreundlichkeit stark ausgeweitet. Zum Beispiel zeigen Ag-inkorporierte Chitosan-Nanokomposite mit dem Fungizid Antracol eine erhöhte antimykotische Aktivität im Vergleich zu jeder Komponente allein. Auch die Entwicklung von Nanokompositen mit Bacillus thuringiensis (Bt), die aktives Bt enthalten, hat die Wirksamkeit und Haltbarkeit von Pestiziden weiter erhöht und die bisher erforderliche Dosierung reduziert. Die Mechanismen, die hinter solchen Wirkungen von Bt-basierten Nanokompositen stehen, müssen jedoch noch aufgeklärt werden.
Trotz zahlreicher Studien zur Nanomaterialien-induzierten Pflanzenwachstumsförderung und Stresstoleranz sind die zugrundeliegenden Mechanismen noch weitgehend unentdeckt. Die einflussreichen Effekte von Nanomaterialien auf das Pflanzenwachstum unter ungünstigen Bedingungen lassen sich zumindest teilweise durch die erhöhte Aktivität von Enzymsystemen erklären. So erhöht die Anwendung von Nanomaterialien wie Nano-SiO2 oder Nano-ZnO die Akkumulation von freiem Prolin und Aminosäuren, die Nährstoff- und Wasseraufnahme sowie die Aktivität von antioxidativen Enzymen wie Superoxid-Dismutase, Katalase, Peroxidase, Nitrat-Reduktase und Glutathion-Reduktase, was letztlich die Toleranz der Pflanzen gegenüber extremen Klimaereignissen verbessert. Darüber hinaus könnten Nanomaterialien auch die Expression von Stressgenen regulieren. Zum Beispiel zeigte eine Microarray-Analyse, dass eine Reihe von Genen durch die Anwendung von AgNPs in Arabidopsis hoch- oder herunterreguliert wurden. Unter den hochregulierten Genen ist ein Großteil mit der Reaktion auf Metalle und oxidativen Stress verbunden (Kationenaustauscher, Cytochrom P450-abhängige Oxidase, Superoxid-Dismutase und Peroxidase). Im Gegensatz dazu stehen die herunterregulierten Gene im Zusammenhang mit der Reaktion auf Pathogene und hormonelle Stimuli, einschließlich systemisch erworbener Resistenz, Ethylen-Signalisierung und Auxin-regulierten Genen, die an Wachstum und Organgröße beteiligt sind. Solche durch Nanomaterialien induzierten Reaktionen sind direkt am Pflanzenschutz gegen Stress beteiligt. Die Reaktion der Pflanzen auf Nanodünger variiert jedoch mit der Pflanzenart, ihren Wachstumsstadien und der Art der verwendeten Nanomaterialien. Daher sind weitere Arbeiten erforderlich, um die Signalkaskaden und die Gene zu identifizieren, die durch spezifische Nanomaterialien in verschiedenen Pflanzenarten reguliert werden, bevor die Technologie das Tor zum Bauernhof erreicht.

8. Nanomaterialien als Nanosensoren: Messung und Überwachung von Störeinflüssen

Die Nanomaterialtechnik ist die zukunftsweisende Forschungsschiene für eine nachhaltige landwirtschaftliche Entwicklung. Der Einsatz von Nanomaterialien in der Präzisionslandwirtschaft reduziert Kosten und Aufwand, erhöht die Effizienz und führt zu einer umweltverträglichen Entwicklung. Die Entwicklung von Nanosensoren zur Messung und Überwachung des Pflanzenwachstums und der Bodenbedingungen, des Nährstoffmangels, der Toxizität, der Krankheiten und des Eintrags von Agrochemikalien in die Umwelt würde dazu beitragen, die Boden- und Pflanzengesundheit, die Produktqualität und die allgemeine Sicherheit für eine nachhaltige Landwirtschaft und Umweltsysteme zu gewährleisten. Natürlich haben biologische Organismen den Sinn, die vorhandenen Umweltbedingungen zu erkennen. Die Kombination von Biologie mit Nanomaterialien in Sensoren hat jedoch eine breitere Perspektive geweckt, um die Spezifität, Empfindlichkeit und schnelle Reaktionen auf die Beeinträchtigungen zu erhöhen. Zum Beispiel wird ein auf Nanosensoren basierendes globales Positionierungssystem (GPS) für die Echtzeitüberwachung von bewirtschafteten Feldern während der gesamten Vegetationsperiode eingesetzt. Solche Netzwerke von drahtlosen Nanosensoren überwachen den kontrollierten Freisetzungsmechanismus über nanoskalige Träger, die drahtlose Signale verwenden, die sich überall auf den bewirtschafteten Feldern befinden. Dies kann eine umfassende Echtzeit-Überwachung des Pflanzenwachstums und effektive, qualitativ hochwertige Daten gewährleisten, die Möglichkeiten für exzellente Managementpraktiken bieten, indem sie eine Überdosierung von landwirtschaftlichen Betriebsmitteln vermeiden. Die Automatisierung des Bewässerungssystems durch den Einsatz von Sensortechnologie hat das große Potenzial, die Effizienz der Wassernutzung zu maximieren. Im Szenario der Wasserbegrenzung schätzen Nanosensoren die Bodenwasserspannung in Echtzeit, verbunden mit einer autonomen Bewässerungssteuerung. Ebenso würde eine schnelle und genaue Erkennung von Insekten oder Krankheitserregern bei der rechtzeitigen Anwendung von Pestiziden oder Düngemitteln helfen, um die Nutzpflanzen vor Befall zu schützen. Dieser Sensor unterscheidet die emittierten flüchtigen organischen Stoffe in vielen Wirtspflanzenarten in Bezug auf die Insektentypen. Es wurde gezeigt, dass ein auf Nanogold basierender Immunosensor effektiv ist, um die Karnal-Bunt-Krankheit in Weizenpflanzen zu erkennen. Darüber hinaus hat im Bereich der Nanobiotechnologie die Entwicklung bionischer Pflanzen durch das Einfügen von Nanopartikeln in die Zellen und Chloroplasten lebender Pflanzen zur Erkennung oder Abbildung von Objekten in ihrer Umgebung und zur Kommunikation als Infrarotgeräte oder sogar zur Selbstversorgung von Pflanzen als Lichtquellen ein großes Potenzial für die Präzisionslandwirtschaft. So wurde beispielsweise berichtet, dass das Einfügen von einwandigen Kohlenstoff-Nanoröhren (SWNTs) die Elektronentransferrate von lichtangepassten Chloroplasten unter in vivo-Bedingungen um 49% erhöht, indem die Photoabsorption gesteigert wird. Sie zeigten auch, dass SWNTs zur Lichtsammelkapazität im nahen Infrarot beitragen, indem sie die Erzeugung reaktiver Sauerstoffspezies im Chloroplasten unterdrücken und den Sensing-Prozess in Pflanzen beeinflussen können; was zu einer erhöhten photosynthetischen Effizienz und Quantenausbeute von Pflanzen führt. Daher eröffnen die Fortschritte bei nanobionischen Ansätzen zur Verbesserung von Nutzpflanzen und zur Umweltüberwachung ein neues Fenster für die Erforschung funktioneller Pflanzen-Nanomaterial-Hybride.

Pflanzen reagieren auf Stress durch verschiedene physiologische Veränderungen, die durch Stresshormone, wie Jasmonsäure, Methyljasmonat und Salicylsäure, vermittelt werden. Es wurde ein modifizierter Goldelektroden-Nanosensor mit Kupfer-Nanopartikeln entwickelt, um den pathogenen Pilzbefall durch Überwachung des Salicylsäuregehalts in Ölsaaten zu erkennen. Dementsprechend sind mehrwandige Kohlenstoff-Nanoröhren (MWCNTs) auch kompetent in der Untersuchung des Pflanzenwachstums durch die Regulierung von Hormonen, wie z.B. Auxin, was den Wissenschaftlern helfen kann, zu erforschen, wie Pflanzenwurzeln an ihre Umgebung akklimatisiert werden, insbesondere an marginale Böden. Es wurde gezeigt, dass eindimensionale Kaliumniobat (KNbO3) Nanofasern aufgrund ihres großen Oberflächen-Volumen-Verhältnisses ein großes Potenzial zur Messung der Luftfeuchtigkeit haben. Die KNbO3-Nanofaser-basierten Feuchtigkeits-Nanosensoren zeigen ein logarithmisch-lineares Abhängigkeitsverhalten des Leitwertes mit der relativen Luftfeuchtigkeit innerhalb von zwei Sekunden, wobei der Leitwert von 10-10℧ auf 10-6℧ für eine relative Luftfeuchtigkeit von 15% bis 95% bei Raumtemperatur ansteigt.

Kürzlich wurde eine einfache, markierungsfreie, glutathion-regulierte dual-funktionale Plattform auf Basis von Upconversion-Nanopartikeln (UCNPs)/AuNPs für die Turn-On-Fluoreszenz-Detektion von Acetylcholinesterase (AChE)-Aktivität und toxischem Cd2+ in realen Wasserproben entwickelt. Außerdem wurden bedeutende Fortschritte bei der Überwachung und Quantifizierung kleiner Schadstoffmengen wie Pestiziden erzielt. Zum Beispiel haben Photosystem-II-haltige Biosensoren das Potenzial, mehrere Gruppen von Pestiziden zu binden und können auch die chemischen Schadstoffe überwachen. Solche Nanosensoren bieten eine einfache und kostengünstige effektive Technologie für den Nachweis spezifischer Pestizide mit einer breiten Palette von organischen Schadstoffen, bevor diese in die landwirtschaftliche Umwelt gelangen. Sicherlich ist die intelligente Anwendung von Nanosensoren in der Landwirtschaft ein aufstrebendes Werkzeug, das

9. Nanomaterialien im pestizidbasierten Pflanzenschutz

Die Unterstützung durch Nanotechnologie in Pflanzenschutzmitteln hat exponentiell zugenommen, um eine höhere Pflanzenproduktion zu erreichen. Im Allgemeinen werden beim konventionellen Pflanzenschutz Fungizide, Herbizide und Insektizide in großem Umfang und in Überdosis eingesetzt. Von den eingesetzten Pestiziden gehen mehr als 90 % entweder in der Umwelt verloren oder erreichen nicht die für eine effektive Schädlingsbekämpfung wichtigen Zielorte. Dies erhöht nicht nur die Kosten der Pflanzenproduktion, sondern führt auch zur Erschöpfung der Umweltsysteme. Es ist anzumerken, dass das Vorhandensein von Wirkstoffen in minimaler effektiver Konzentration einer Formulierung an den Zielorten wesentlich für die Gewährleistung eines besseren Schutzes der Pflanzen vor Schädlingsinvasion und nachfolgenden Ernteverlusten ist. In diesem Zusammenhang ist die Entwicklung neuer Pflanzenschutzformulierungen seit langem ein sehr erkenntnisreiches Feld der Agrarforschung. Eine solche Technologie ist die Nanoformulierung oder Verkapselung von Pflanzenschutzmitteln, die den Pflanzenschutzsektor revolutioniert hat. Die Nanoformulierung von Pestiziden enthält eine sehr kleine Anzahl von Partikeln, die als Wirkstoffe von Pestiziden fungieren, während andere konstruierte Nanostrukturen ebenfalls nützliche pestizide Eigenschaften haben. Die Nanoverkapselung von Pestiziden ist die Umhüllung von Wirkstoffen von Pestiziden mit einem anderen Material unterschiedlicher Größe im Nanobereich, wobei die eingekapselten Materialien als innere Phase des Kernmaterials (Pestizide) und die Verkapselungsmaterialien als äußere Phase, d.h. die umhüllenden Nanomaterialien, bezeichnet werden.
Nanoformulierungen oder Verkapselungen von Pestiziden ermöglichen die Persistenz oder kontrollierte Freisetzung von Wirkstoffen in Wurzelzonen oder im Inneren von Pflanzen, ohne die Wirksamkeit zu beeinträchtigen. Andererseits schränken herkömmliche Formulierungen von Pestiziden oder Herbiziden nicht nur die Wasserlöslichkeit der Pestizide ein, sondern verletzen auch andere Organismen, was zu einer erhöhten Resistenz der Zielorganismen führt. Im Gegensatz dazu helfen Nanoformulierungen, die oben genannten Einschränkungen zu überwinden. Petosa zeigte beispielsweise, dass Nanoformulierungen von Pestiziden die Ernteerträge steigern, indem sie die Wirksamkeit von Pestiziden durch die Regulierung des Transportpotenzials von Pestiziden erhöhen. Sie fanden heraus, dass Nanoformulierungen, die polymere Nanokapseln und das Pyrethroid Bifenthrin (nCAP4-BIF) kombinieren, eine erhöhte Elution mit der Zeit und ein erhöhtes Transportpotenzial zeigen, sogar nach der Zugabe von Dünger in lehmigem Sandboden, der mit künstlichem Porenwasser gesättigt ist, das Ca2+ und Mg2+ Kationen enthält. Dies bedeutet, dass nCAP4 ein vielversprechendes Transportvehikel für Pestizide wie Pyrethroide im Pflanzenschutz sein könnte. Dies könnte möglicherweise auf das erhöhte Dispersionspotenzial und die Benetzbarkeit von Nanoformulierungen zurückzuführen sein, die den Abfluss von organischen Lösungsmitteln und die unerwünschte Bewegung von Pestiziden reduzieren. Darüber hinaus zeigen Nanomaterialien in Pestizidformulierungen einige nützliche Eigenschaften wie erhöhte Steifigkeit, Permeabilität, thermische Stabilität, Löslichkeit, Kristallinität und auch biologische Abbaubarkeit, die für ein nachhaltiges Agrarumweltsystem wichtig sind. Noch wichtiger ist, dass die rechtzeitige und kontrollierte Freisetzung von Wirkstoffen die Gesamtmenge der für die Schädlings- und Krankheitsbekämpfung erforderlichen Pestizide reduziert, ein wichtiges Merkmal des integrierten Pflanzenschutzes (IPM). Darüber hinaus verlangt die nachhaltige Landwirtschaft einen minimalen Einsatz von Agrochemikalien, um die Umwelt und andere Nicht-Zielarten zu schützen. Darüber hinaus reduziert der minimale Einsatz von Pestiziden die Kosten für die Pflanzenproduktion. Schätzungen zufolge belaufen sich die jährlichen Ernteverluste in der Landwirtschaft aufgrund von Pflanzenkrankheiten, Schädlingen und Unkraut weltweit auf 2000 Milliarden US-Dollar, wobei allein in den USA die Kosten für die Bekämpfung von Krankheitserregern durch den Einsatz von Fungiziden 600 Millionen US-Dollar übersteigen. Faszinierenderweise wird unter diesen Umständen der Einsatz von NPs als effiziente Alternative zur direkten Unterdrückung der Pathogeninfektion und -aktivität berichtet, was zu erhöhtem Pflanzenwachstum und Ertrag führt. Zum Beispiel werden Halloysite, eine Art von Ton-Nanoröhren, als kostengünstige Träger von Pestiziden in der Landwirtschaft eingesetzt. Diese Nanoröhrchen weisen nicht nur eine verlängerte Freisetzungsdauer von Wirkstoffen (AI) auf, sondern bieten auch die Gewähr für einen besseren Kontakt mit minimalen Umweltauswirkungen. Nano-Siliziumdioxid ist ein solches Beispiel, das von Natur aus hydrophob ist und bei Kontakt in die Kutikula-Schicht der Insekten eindringen kann, was letztendlich zum Tod der Insekten führt. De Jorge zeigte eine hervorragende Leistung, um die Bedeutung der Nanoformulierung bei der kontrollierten Freisetzung von AI zu erforschen. Sie haben untersucht, dass die Nanofaser-Formulierung des Pheromons von Grapholita molesta (Lepidoptera:Tortricidae) (Busck) keine Auswirkungen auf die Mortalität im Laufe der Zeit hat, was auf eine kontrollierte Freisetzung von AI und einen langfristigen Lock- und Tötungseffekt von Pheromon und Insektizid hindeutet.

Darüber hinaus haben viele Untersuchungen den Nachweis erbracht, dass Nanoformulierungen von Pestiziden die Ausweitung der pflanzenbasierten systemischen erworbenen Resistenz (SAR) gegen Schädlinge erleichtern. Zum Beispiel können Siliziumdioxid-Nanosphärenformulierungen die Fähigkeit von Pestiziden erhöhen, durch die Pflanze zu dringen und den Zellsaft zu erreichen, wodurch eine systemische Wirkung zur Kontrolle von kauenden oder saugenden Insekten wie Blattläusen ausgeübt wird. Solche Arten von Hohlformulierungen schützen Pestizide auch vor Photodegradation durch direkte Sonneneinstrahlung. Es wurde auch beobachtet, dass Nanoformulierungen das nicht-systemische Verhalten von Pestiziden verändern. Das nicht-systemische Verhalten von Ferbam kann sich ändern und das Penetrationspotenzial in Teeblätter erhöhen, wenn es mit metallischen NPs (AuNPs) formuliert wird. Diese Art von Erkenntnissen bietet offensichtlich eine neue Grenze für die Entwicklung von Pestizidformulierungen, um eine pflanzenbasierte systemische Resistenz zu erreichen. Es sind jedoch weitere Studien erforderlich, um das Verhalten und den Verbleib von Pestiziden und ihre Wechselwirkungen mit Biomakromolekülen in lebenden Systemen oder der Umwelt zu entschlüsseln. In der Zwischenzeit zeigte Patil, dass aus Latex hergestellte bioaktive AuNPs das katalytische Potenzial von Trypsin, einer lebenswichtigen Insektenprotease, reduzierten und damit die biologische Kontrolle über die zerstörerischen Insekten ermöglichten. Diese katalytische Hemmung könnte auf die Wechselwirkung der metallischen NPs mit Proteinen über kovalente Wechselwirkungen, elektrostatische Wechselwirkungen oder die Bindung an die -SH-Gruppe der Aminosäure zurückzuführen sein.
Die potenzielle Anwendung von technisch hergestellten Nanomaterialien in der Landwirtschaft wird auch im Krankheits- und Unkrautmanagement festgestellt. Anorganische NPs, wie ZnO, Cu, SiO2, TiO2, CaO, MgO, MnO und AgNPs spielen eine wichtige Rolle in verschiedenen Bereichen des Pflanzenschutzes, einschließlich der mikrobiellen Aktivität und bakterieller Krankheiten. Zum Beispiel wurde kürzlich gezeigt, dass ZnO-Nanopartikel eine effektive Wachstumskontrolle von Fusarium graminearum, Penicillium expansum, Alternaria alternate, F. oxysporum, Rhizopus stolonifer, Mucor plumbeus und A. flavus sowie von pathogenen Bakterien Pseudomonas aeruginosa bieten. Die Nano-Cu-Applikation erwies sich als wirksamer gegen Phytophthora infestans im Vergleich zu derzeit verfügbaren Nicht-Nano-Cu-Formulierungen in Tomaten. Außerdem haben sich Si und TiO2 als vielversprechend erwiesen, um Pflanzenkrankheiten direkt durch antimikrobielle Aktivität zu unterdrücken. MONPs hemmen die Entwicklung von Pilzkonidien und Konidiophoren, was letztendlich zum Absterben der Pilzhyphen führt. Ebenso werden Unkräuter als ernsthafte Bedrohung für die weltweite landwirtschaftliche Produktion angesehen, da sie mit den Nutzpflanzen um deren Nährstoffe, Wasser und Licht konkurrieren. Die Anwendung von Nanomaterialien, die Herbizide enthalten, bietet jedoch eine umweltfreundliche Lösung. Zum Beispiel zeigte Sharifi-Rad, dass Keimung, Wurzel- und Sprosslängen, Frisch- und Trockengewichte sowie photosynthetische Pigmente mit Gesamtprotein bei Unkräutern, die SiO2-Nanopartikeln ausgesetzt waren, signifikant abnahmen. In ähnlicher Weise zeigte Kumar, dass Herbizid (Metsulfuron Methyl)-beladene Pektin (Polysaccharid)-Nanopartikel sowohl unter Labor- als auch unter Feldbedingungen zytotoxischer für Chenopodium album-Pflanzen sind und im Vergleich zum kommerziellen Herbizid nur eine sehr geringe Menge an AI benötigt wird. Normalerweise kontrollieren oder töten kommerzielle Herbizide die oberirdischen Teile der Unkräuter, ohne die unterirdischen Teile wie Rhizome oder Knollen zu beeinflussen. Infolgedessen kommt es zum Nachwachsen von Unkräutern; Nanoherbizide hingegen verhindern das Nachwachsen von Unkräutern. Somit haben die Nanomaterialien in Pestiziden, Fungiziden und Herbiziden einen enormen Spielraum in der nachhaltigen landwirtschaftlichen Entwicklung.

10. Schlussfolgerung

Im Bereich der Landwirtschaft wurde die Nanotechnologie eingesetzt, um die Pflanzenproduktion mit Qualitätsverbesserung zu erhöhen, indem die Anbausysteme schematisch verbessert wurden. Das Aufkommen von technisch hergestellten Nanomaterialien und ihre Wirkung im Rahmen einer nachhaltigen Landwirtschaft haben die weltweite Landwirtschaft durch ihre Neuartigkeit, ihr schnelles Wachstum und ihre enorme Bedeutung für die Deckung des weltweiten Nahrungsmittelbedarfs dramatisch verändert. In der nachhaltigen Landwirtschaft ist der Schutz der Umwelt vor Verschmutzung das entscheidende Ziel für den Handel, und Nanomaterialien bieten eine Garantie für ein besseres Management und die Erhaltung der Inputs für die Pflanzenproduktion. Das Potenzial von Nanomaterialien ermutigt zu einer neuen grünen Revolution mit reduzierten landwirtschaftlichen Risiken. Allerdings gibt es noch große Wissenslücken über die Aufnahmefähigkeit, den zulässigen Grenzwert und die Ökotoxizität verschiedener Nanomaterialien. Daher ist weitere Forschung dringend erforderlich, um das Verhalten und den Verbleib von veränderten landwirtschaftlichen Inputs und ihre Interaktion mit Biomakromolekülen, die in lebenden Organismen vorhanden sind, zu entschlüsseln.
Vereinfachter Überblick über mögliche Anwendungen von Nanomaterialien in der nachhaltigen landwirtschaftlichen Produktion. Verbesserung der Produktivität von Nutzpflanzen durch den Einsatz von Nanomaterialien in der Gentechnik von Zielpflanzen und intelligente Überwachung der Reaktion von Pflanzen auf ihre Umwelt mit Nanosensoren.

Autorin: Dr. rer. nat. Patricia Lefèvre, Laboratoire Interdisciplinaire Carnot de Bourgogne, Dijon

Eine kleine Geschichte über die Kassette

Auch ich muss mich als Kind jener Technologie outen und habe so einige schöne Erinnerungen an die Kassette.
Die ersten Lebensjahre von mir waren nicht gerade die musikalischen Highlights der Welt. Es war mehr Benjamin Blümchen, die Schlümpfe und Tabaluga. Im heranwachsen kamen Hörspiele von TKKG oder Die drei ??? in das
répertoire von klein Evke.
Ich hatte damals ein rotes Sony Kassette-Radio mit einem gelb blauen Mikrofon. Ich schleppe dieses Teil fast überall mit hin- zum Leidwesen vieler Menschen. Evke hatte den Traum Popstar zu werden und sang in sein buntes Mikrofon.

Mit ungefähr 10 Jahren bekam ich zum Geburtstag eine mega Stereoanlage mit CD Spieler und alles was es an Technik gab – so gar Equalizer! Ich war stolz auf meine Anlage, die sogar noch zwei Kassette-Decks hatte. CD’s konnte man zu jener Zeit noch nicht selbst bespielen, so nahm ich weiterhin Musik von CD oder Radio auf meine geliebten Musik Kassetten auf.

Nun ein Nachruf an einen großen Ingenieur dessen Erfindung jeder kennt, aber den Namen nicht: Lou Ottens.

Der Niederländer Lou Ottens gilt als der Vater des Tonbandes. Er starb am 6. März 2021 im Alter von 94 Jahren. Seit seiner Erfindung im Jahr 1962 wurden weltweit über hundert Milliarden Kassetten verkauft.

Seine Erfindung veränderte das Leben von Generationen an Musikfans. Die Erfindung von Lou Ottens machte Musik zum ersten Mal wirklich tragbar und ermöglichte den Musikfans die Zusammenstellung ihrer Lieblingslieder. Von den 1960er bis 1980er Jahren wurden weltweit mehr als 100 Milliarden Kassetten hergestellt. „Es hat uns alle traurig gemacht, vom Tod von Lou Ottens zu erfahren“, sagte Olga Coolen, Direktorin des Philips-Museums in Eindhoven, in einer AFP Erklärung. „Lou war ein außergewöhnlicher Mann, der Technologie liebte, obwohl seine Erfindungen bescheidene Anfänge hatten.“
Der Niederländer aus Bellingwolde zeigte schon in jungen Jahren, als die Niederlande im Zweiten Weltkrieg von Nazideutschland besetzt waren, sein Interesse an Technologie. Er baute insbesondere ein Radio, das es ihm ermöglichte, das „freie niederländische“ Radio Oranje zu empfangen, dank einer speziellen Antenne, die er „Germanenfilter“ nannte, weil es damit möglich war, den Nazi-Störsendern auszuweichen.
Lou Ottens kam nach seinem Ingenieurstudium zu Philips, wo er und sein Team das weltweit erste tragbare Tonbandgerät entwickelten. Aber er war schnell frustriert über das sperrige Spulensystem, das manuelles Aufziehen erforderte, und so erfand er 1962 die Kassette. „Die Kassette wurde aus Ärger mit dem bereits existierenden Tonbandgerät erfunden, so einfach ist das“, sagte  einst Lou Ottens in einem Interview.

Nanohybride in der Medizin

Die Heilung von Krebs ist nach wie vor eine der großen Herausforderungen der Medizin. Viel wurde schon erreicht. Dennoch müssen die derzeit verwendeten Methoden weiter verbessert werden. Nanotechnologie verspricht einen wesentlichen Beitrag dafür.

Autorin Dr. rer. nat.Patricia Lefèvre

Bösartige Tumore müssen entfernt werden, um ein weiteres Ausbreiten der Krebszellen zu verhindern. Hier greifen Doxorubicin die Tumorzellen an und zerstören sie gezielt. Die heute Medizin kennt dafür verschiedene Verfahren, die jedoch alle mit starken Nebenwirkungen durch die Chemotherapie verbunden sind. Eine gezielte Bestrahlung der Tumore mit radioaktiver Strahlung, Röntgenstrahlen oder Mikrowellen zerstört zwar die Krebszellen, alerdings lässt sich die Bestrahlung nicht so zielgenau einsetzen. So wird schließlich auch gesundes Gewebe zerstört. Das molekulare Drug-Targeting ist zwar vielversprechend, leidet aber unter den hohen Kosten, der Aktivierung des Immunsystems und der
reduzierte Verweildauer im Blut noch nicht das non plus ultra.

In Laboratorien auf der ganzen Welt wird seit über 25 Jahren auf diesem Gebiet geforscht und es kommen immer mehr neue „Bausteine“ hinzu.
Die Nanotechnologie mit ihren sogenannte Magnetflüssigkeits-Hyperthermie (Eisenoxid-Nanopartikeln, auch IONPs genannt), stehen kurz vor der weltweiten Zulassung in der Krebstherapie.
Die IONPs werden durch Injektionen in den Körper gespritzt und durch die spezielle biochemische Oberfläche dieser Partikel betrachten die gefräßigen Krebszellen sie als Nährstoff. Hat sich die gesamte Krebsgeschwulst schließlich mit Nanopartikeln „vollgefressen“, schalten die Mediziner ein neu entwickeltes Magnetfeldtherapie-System ein.
Das für den Menschen ungefährliche Magnetwechselfeld erwärmt die Nanopartikel, nicht aber das gesunde Gewebe. Die Krebszellen bekommen dadurch hohes Fieber und sterben ab. Für ihre Beseitigung sorgt dann der menschliche Körper selbst. Die Nanopartikel werden ausgeschieden und über den normalen Stoffwechsel abgebaut.

Krebs wird auch durch Chemotherapie bekämpft. Dabei werden Stoffe verwendet, die ihre Wirkung möglichst gezielt auf Krebszellen ausüben und diese abtöten oder in ihrem Wachstum hemmen. Aber auch normale Körperzellen können – wenn auch weniger stark – von der Chemotherapie geschädigt werden.

Die Nanotechnologie könnte langfristig dafür sorgen, dass Medikamente direkt und ausschließlich an erkrankte Zellen abgegeben werden. Solche Medikamentenfähren unterscheiden chemisch die Oberflächen erkrankter Zellen von denen gesunder. Sie docken dann am kranken Gewebe an und geben den Wirkstoff direkt an die einzelne Zelle ab.

Nanotechnologie verspricht aber nicht nur für die Krebstherapie große Fortschritte. Auch bei der Implantation von Zähnen oder erkrankten Gelenken, beispielsweise von Hüftgelenken, helfen die winzig kleinen Partikel.

Das Einsetzen künstlicher Zähne in den Kiefer ist ein großer Fortschritt gegenüber den in der Vergangenheit unvermeidlichen Zahnprothesen. Allerdings kommt es noch immer häufig zu Abstoßungsreaktionen, die das Einwachsen des Implantats verhindern. Es kann zu Entzündungen und Komplikationen kommen. Zähne sind beim Kauen besonderen Belastungen ausgesetzt und müssen daher sehr fest einwachsen.

Auch hier kommt die Nanotechnologie ins Spiel. Studien deuten darauf hin, dass bioaktive Moleküle einer nanotechnologisch hergestellten Oberfläche des Implantats eine sanfte Einbettung. Die extrem dünne knochenähnliche Beschichtung enthält Substanzen, die Knochenzellen an sich binden und dadurch verbinden sich die Implantate schneller mit dem Kieferknochen und wachsen so fester und dauerhafter ein.

Dies sind nur wenige Beispiele für die ungeahnten Möglichkeiten, die die Nanotechnologie für die Gesundheit eröffnen wird. Große Erwartungen bestehen beispielsweise auch für neue diagnostische Verfahren durch Nanopartikel, die sich gezielt an bestimmten Organe oder Zellen anlagern.

Dr rer. nat. Patricia Lefèvre, Laboratoire Interdisciplinaire Carnot de Bourgogne, Dijon, 16. Juni 2021

The Wind of change

Willy Brandt am 7. Dezember 1970 in Warschau

The Wind of change

Autorin Naike Juchem

The future’s in the air
Can feel it everywhere
Blowing with the wind of change

Take me to the magic of the moment
On a glory night
Where the children of tomorrow dream
away
In the wind of change

Eine Frau mit wehenden langen Haaren reckt kämpferisch einen Stab in die Luft.
Die Skulptur von Hayat Nazer die an klassische Revolutionsfiguren angelehnt ist, steht seit August 2020 in Beirut und symbolisiert einen Neuanfang, nach dem es am 4. August eine gewaltige Explosion im Hafen von Beirut gab.

So hatte es die Scorpions 1990 gesungen.
Wo ist nach über 30 Jahren der wind of change?
Die Welt zerfällt immer mehr in Hass, Ausbeutung, Gewalt und Machtgier.

Where the children of tomorrow dream
Wir sehen Bilder von Krieg, Flucht, Terror und bitterster Armut. Kinder im Dreck in Flüchtlingslager eingepfercht oder in den Kobald-Minen im Kongo hart schuften.

Blows straight into the face of time
Mit voller Wucht trifft es Menschen die ihre Existenzen verloren haben und so mancher Zeitgenosse lacht darüber.

The world is closing in
Wir erleben eine Umwelt die uns Menschen zeigt, die armselig wir doch sind. Der Mensch versucht seit jeher die Element zu beherrschen und scheitern schon bei Wind und Wasser.

Take me to the magic of the moment
Welchen?
Der Augenblick wo ein Sportler eine olympische Medaille bekommt oder wo Menschen mit den Händen nach ihrem Besitz im Schlamm graben?

„The wind of change“ haben wir oft verspielt und wenn es einen Augenblick der Solidarität gibt, ist dies in einer Woche vergessen und man geht zum altbekannte Hass, Ausbeutung, Gewalt und Machtgier über.

This is the world we created

Naike Juchem, 23. Oktober 2021

Pompeji

Von Pompeji hat jeder von uns schon in den Geschichtsbücher gelesen und vielen ist auch der Untergang dieser Stadt bekannt.

Autorin Naike Juchem

Neben Pompeji wurden auch weitere Städte wie Herculaneum, Stabiae
und Oplontis vollständig verschüttet. Anders aber als Her­cu­la­neum, das von Lava- und Schlammströmen völlig ausgelöscht wurde, blieben die Trümmer
Pompeis unter einer meterhohen Ascheschicht bewahrt.

Der Tresen war schon 2019 in Teilen ausgegraben worden. Bei den Arbeiten fanden die Experten auch Essensreste und Knochen von Menschen und Tieren, die vor rund 2000 Jahren Opfer der Vulkan-Katastrophe am Golf von Neapel wurden. Bei den menschlichen Überresten handelt es sich ersten Erkenntnissen zufolge um die eines damals etwa 50 Jahre alten Menschen, der vermutlich zum Zeitpunkt der Katastrophe auf einer Art Bett lag. Weitere Überreste würden noch untersucht.

Die Stadt Pompeji

Aus heutiger Sicht ist diese Katastrophe ein Glücksfall für die Archäologie. Denn der Vulkanausbruch konservierte das römische Alltagsleben der beiden Städte wie eine zeitlich unverfälschte Momentaufnahme für die Nachwelt.

In der Antike galt Pompeji als eine wohlhabende Stadt. Auf einer kleinen Hochebene etwa zehn Kilometer südlich des Vesuv gelegen, bot sich den Bewohnern ein reizvoller Blick auf den Golf von Neapel. Vor den Toren der festungsartigen Stadtmauer mündete der Fluss Sarno ins Meer.

Hier war ein geschäftiger Hafen entstanden, in den regelmäßig Schiffe aus Griechenland, Spanien, Nordafrika und dem Nahen Osten einliefen. Papyrus, Gewürze, Trockenobst und Keramik wurden gegen Wein, Getreide und die teure Fischsoße Garum aus der Region getauscht.

Pompeji dehnte sich über eine Fläche von etwa 60 Hektar aus. Die Straßen bildeten dabei das typisch antike Gitternetz. Die gesamte Stadt wurde von einer Mauer mit acht Toren und elf Wachtürmen umgeben. Neben der Sicherheit wurde viel Wert auf Luxus gelegt.

Ein Theater und die Stabianischen Bäder sorgten für Kurzweil der reicheren Bürger. Eine Basilika (römische Prachthalle) diente zugleich als Börse und Gerichtshof. Unweit davon fand sich das Forum (zentraler Platz einer Stadt in der Antike) mit dem Jupitertempel. Eine große Sportanlage war von Säulenhallen und schattigen Platanen umgeben, ein Schwimmbad versprach den Athleten Abkühlung.

Lebensbedingungen in Pompeji

Die meisten Einwohner Pompejis lebten jedoch in beengten Verhältnissen. Meist bewohnten sie eine Ein- oder Zweizimmerwohnung über einem Laden. Da es weder Herde noch fließendes Wasser gab, kaufte man sein Essen in einer öffentlichen Garküche, einer Art Imbiss der Antike. Das Wasser wurde an öffentlichen Brunnen geholt, die es an jeder Straßenecke gab.

In Pompeji lebten aber auch zahlreiche wohlhabende Bürger. Dokumentiert ist dies durch Ausgrabungen größerer Häuser und Paläste. Ein Beispiel ist das Haus der Vettier. Es ist heute vollständig ausgegraben. Die beiden Kaufleute Vettius Restitutus und Aulus Vettius Convivus müssen eine Riesensumme für die Ausschmückung ausgegeben haben.

Das Gebäude ist in zwei Hälften aufgeteilt und wird durch einen Garten mit überdachtem Säulengang – einem sogenannten Perystil – verbunden. Mehr als die Architektur beeindrucken aber die Gemälde. Sie stammen vorwiegend aus der Zeit nach dem großen Erdbeben, das die Region 62 nach Christus erschütterte, und bilden eine Pinakothek – in der Antike der Raum des Hauses, in dem Tafelbilder aufbewahrt wurden.

Der große Ausbruch

Trotz zahlreicher Warnzeichen kam der Ausbruch des Vesuvs am 24. August 79 nach Christus für viele überraschend. Schwarzer Rauch zog in Richtung Stadt, der Himmel verdunkelte sich, und es begann Asche und Bimsstein zu regnen. Panik griff um sich. Einige flohen, andere suchten Schutz in ihren Häusern. Etwa ein Drittel der Bevölkerung kam bei dieser Eruption ums Leben. Die Menschen erstickten oder wurden durch herabfallendes Gestein erschlagen.

Noch verheerender war der zweite Ausbruch am nächsten Tag. Lavamassen drangen in die Häuser ein, und es gab kaum ein Entkommen. Der größte Teil der Opfer wurde bei diesem zweiten Ausbruch am 25. August getötet.

Pompeji wird geplündert

Das Wissen um die Städte Pompeji und Herculaneum war nach der Katastrophe verloren gegangen. Erst in der Renaissance wurde man auf vereinzelte Funde am Fuß des Vesuvs aufmerksam.

Die Beschreibungen des Archäologen Johann Joachim Winckelmann (1717-1768) entfachten einen regelrechten Antikeboom. Wer etwas auf sich hielt und es finanzieren konnte, fuhr nach Pompeji, um sich die frühen Ausgrabungen anzusehen. Dabei wurde eher willkürlich nach einzelnen Fundobjekten gewühlt als systematisch gegraben.

War eine Stelle vielversprechend, wurden Löcher gegraben. Anschließend wurden davon ausgehend waagerechte Schächte in das Lavagestein getrieben. Vieles wurde dabei zerstört. Vor allem aber war ein Objekt später selten seinem Fundort zuzuordnen. Was für eine Sammlung als wertvoll erachtet wurde, nahm man mit, anderes wurde zerstört. Dabei scheute man sich nicht, ganze Wandgemälde von den Mauern zu lösen und wegzuschaffen.

Systematische Grabungen

Im 19. Jahrhundert erkannte der italienische Monarch Vittorio Emmanuele II. (1820-1878) die Bedeutung der römischen Vergangenheit für Italien. Er setzte sich als erster für eine systematische Forschung ein und berief Giuseppe Fiorelli (1823-1896) zum Leiter der Ausgrabung der antiken Stadt Pompeji.

Von Anfang an bemühte sich der Archäologe Fiorelli darum, Ordnung in die bisher chaotischen Ausgrabungsversuche zu bringen. Er begann, das Gestein horizontal Schicht für Schicht abzutragen. So konnte er ganze Häuser ans Tageslicht bringen und einen Plan der gesamten Stadt rekonstruieren.

Dazu gehörte vor allem eine lückenlose Dokumentation der Fundobjekte, die er mit genauem Fundort und Datum versah und in einem ausführlichen Tagebuch beschrieb. Die meisten Funde beließ Fiorelli an Ort und Stelle. Einmal ausgegraben, versuchte er die Häuser vor Wetter und Dreck zu schützen. Dennoch verloren viele Malereien durch Sonneneinstrahlung unwiederbringlich ihre Leuchtkraft.

Die schlafenden Toten

Durch seinen Ordnungssinn und die vorsichtigen Grabungen hinterließ Fiorelli der Nachwelt ein einzigartiges Zeugnis antiker Stadtkultur. Da die Asche des Vulkans die Stadt über die Jahrhunderte hinweg so gut konservierte, ist in Pompeji viel mehr erhalten geblieben als in anderen antiken Städten.

Die meisten menschlichen und tierischen Skelette fand Giuseppe Fiorelli unter dem meterhohen vulkanischen Material begraben. Mit der Zeit hatten sich die Körper der Toten zersetzt. In der schnell erkalteten Lava blieben nur die Knochen in einer Hohlform zurück.

Giuseppe Fiorelli kam auf die Idee, diese Hohlräume mit Gips auszufüllen. Nachdem man anschließend das vulkanische Gestein abgeschlagen hatte, entstanden so Skulpturen, die den Todeskampf der Bewohner Pompejis bis heute festhalten. Nur bei wenigen der geborgenen Toten fanden sich ernsthafte Verletzungen. Die meisten Menschen scheinen in ihrem „Gefängnis aus Lava“ erstickt zu sein.

Fürs Publikum freigegeben

Bis zu Fiorellis Arbeiten waren die Ausgrabungen in Pompeji eine recht exklusive Angelegenheit. Nur Prominente und gesellschaftlich Hochgestellte konnten sie besuchen. Giuseppe Fiorelli öffnete Teile der Ausgrabungen für die gesamte Öffentlichkeit.

Es war ihm ein Anliegen, dass jedermann Zugang zur römischen Antike bekam. Was er nicht ahnen konnte, war der ständig zunehmende Strom an Touristen, der sich von nun an durch die antiken Straßen drängelte. Durch Verschmutzung, Willkür und den Abrieb tausender Rucksäcke wurden zahlreiche Kunstwerke unwiederbringlich zerstört.

Es fehlt auch zunehmend an Geld, das riesige Areal weiter zu erforschen und die bereits ausgegrabenen Häuser entsprechend zu schützen. Viele Bauten sind nach ihrer Ausgrabung von der Zerstörung bedroht, wenn sie nicht konserviert oder restauriert werden.

2010 stürzten bereits einige Gebäude nach heftigen Regenfällen ein, da sie aufgrund drastischer Kürzungen im Kulturhaushalt nicht mehr vor dem Verfall gerettet werden konnten. Große Teile des Areals sind aus diesen Gründen für die Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich.

Durch Fördergelder der EU konnten in den vergangenen Jahren notwendige Restaurierungsarbeiten wieder aufgenommen werden. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten wurden 2015 sechs restaurierte Häuser der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht.

McDonalds der Frühgeschichte
Der gelb bemalte Tresen ist mit Bildern von Tieren, der Darstellung einer Alltagssituation und dem Abbild einer Nereide, einer Nymphe des Meeres, auf einem Seepferdchen, verziert. Die abgebildeten Enten und ein Hahn waren wohl Tiere, die in der Verkaufsstätte geschlachtet und verkauft wurden. In dem Steintisch sind außerdem Löcher eingekerbt, bei denen die Forscher davon ausgehen, dass darin die Lebensmittel zum Verkauf auslagen.

Quelle
– Archäologie heute, Thema Pompeji
–  Spektrum.de  Archäologie

Mit Mama zu Besuch an ihrer ehemaligen Schule.

Mit Mama zu Besuch an ihrer ehemaligen Schule.

Von Amira Khalil

Meine Mama hat seit Jahren ein Freundschaftliches Verhältnis zu ihrem früheren Klassenlehrer von der Realschule an der sie ab 1990 war. Herr Dellinger, der ehemalige Klassenlehrer von Mama, wollte unbedingt, dass sie an die Schule kommt und ein Referat über Menschenrechte hält. Herr Dellinger ist seit einigen Jahren in Pension, hat aber noch engen Kontakt zur Schule, da es einige Projekte und Projektwochen gibt, die er vor Jahren mit aufgebaut hatte: Kinder der Welt, ist eines seiner Projekte.

Die Projekte an der Schule finde ich sehr interessant. So zum Beispiel: Prävention in Medien und Gewalt.
Auch gibt es einen Jugend Auslands Berater für ein FSJ, Schulaufenthalte, Workshops oder Au-pair Angebote von der Schule. An der Schule werden 632 Schüler aus 31 Nationen unterrichtet.

Nun bin ich das erste Mal dabei und erlebe wie nach 24 Jahren immer noch der Name Nila Khalil an der Schule präsent ist. Im Lehrerzimmer ist eine Stimmung zwischen Respekt, Hochachtung und Schock über den Lebenslauf von Mama. Herr Dellinger hatte im Vorfeld schon einiges den Lehrer und Lehrerinnen über Mama erzählt – denn nicht jeder Lehrer kennt sie noch als Schülerin von dieser Schule.
Die Konrektorin, Frau Tokic, las am Vortag das Referat von Mama und wollte statt der Menschenrechte doch lieber den Lebenslauf von Mama den Schüler und Schülerinnen vorstellen.


„Ihr lernt für euch. Macht etwas daraus.“

Nach der ersten Pause trafen sich alle Klassen mit ihren Lehrer in der Schulaula. Mama und ich wurden von der Rektorin, Frau Albrecht, vorgestellt und Mama erzählte ihren Lebenslauf: Als 10-jähriges Mädchen aus Afghanistan geflohen und in Deutschland eine Heimat gefunden. Die 14 Jahre, die sie in Deutschland gelebt hatte. Ihre Arbeit und Engagement seit 2005 in Afghanistan.
Je länger Mama sprach um so ruhiger wurde es in der Aula.
Da stand eine Frau auf der kleinen Bühne und erzählte in einer ruhigen Stimme ihre Lebensgeschichte und auch die Chancen die ihr in Deutschland geboten wurde. Wenn ich in die Runde der Zuhörer schaute, sah ich viele Schüler und Schülerinnen mit dem Kopf nicken.
„Ihr lernt für euch. Macht etwas daraus.“ Waren die letzten Worte von Mama nach ihrer Rede von circa einer dreiviertelstunde.

Herr Dellinger und Frau Albrecht meinten, ich sollte auch noch etwas sagen – war mir doch etwas peinlich. Also erzählte ich kurz mein Leben von 1995 bis 2007 – und das danach. Wie ich begriff, welche Chancen ich durch Nila bekommen hatte und dies durch Willen und Unterstützung auch soweit recht erfolgreich geschafft habe. Ich erzählte noch von meiner Arbeit in den Niederlanden und wie wir dort mit den Kinder und Jugendlichen lernen.

Auch wenn an der Schule Schüler und Schülerinnen aus 31 Nationen unterrichtet werden, sind es gerade 15 Schüler und
Schülerinnen die eine Flucht aus Syrien, Kurdistan und Afghanistan erlebt haben. Zwei Mädchen: Die 10-jährige Alia aus Syrien, die 14-jährige Kira aus Kurdistan und der gleichaltrige Karin aus Afghanistan, stellten sich ihren Mitschüler und Mitschülerinnen vor. Sie erzählten
und über ihre Erlebnisse der Flucht. Kopfschütteln, Fassungslosigkeit und Entsetzen sah ich den Mitschülern und Zuhörerinnen an.

Es klingelte zur großen Pause und nicht so wie sonst, stürmten die Schüler und Schülerinnen raus auf den Pausenhof. Es war ein ruhiges und oft schweigsames aufstehen oder gehen, es hatte ja nicht jeder Schüler einen Sitzplatz in der Aula.
Eigentlich waren nur zwei Doppelstunden für das Referat von Mama eingeplant. Die Rektorin, Frau Albrecht und Konrektorin, Frau Tokic beschlossen noch vor der Pause, dass es danach in diesem Thema weiter gehen sollte.

Im Lehrerzimmer wurde ich von Frau Munz, Frau Blessing und Herr Pollak über meine Arbeit in Den Haag ganz schön gelöchert und ich sah, dass sie immer wieder voller Stolz zu Nila schauten, die mit einer Tasse Kaffee bei ihrem ehemaligen Lehrer und zwei anderen Lehrerinnen saß.

Die vielen Schwierigkeiten von Flüchtlingskinder

Nach der Pause sprach Kira, sie kommt aus Kurdistan, von den Zuständen des Krieges und Terror in ihrer Heimat. Ihre Geschichte war 1:1 derer Kinder und Jugendlichen in unserer Einrichtung in Den Haag. Ich sah bei vielen Schülern und Schülerinnen Tränen in den Augen.
Karim, er kommt aus Afghanistan und ist seit zwei Jahren in Deutschland. Auch er wollte noch auf seine Geschichte eingehen, da er aber Angst hatte, nicht die richtigen Deutsche Wörter zu finden, sprach er auf Deutsch – Paschto und Mama übersetzte die Wörter oder Sätze von ihm auf Deutsch (Schwäbisch).

Es begann eine Gesprächsrunde die Anfänglich sehr zögerlich mit lapidaren Fragen der Mitschüler und Mitschülerinnen begann. Ich glaube es war ihnen unangenehm ihre drei Mitschüler, mich oder Mama direkt anzusprechen. So fragte Mama ganz offen heraus, welche Schwierigkeiten Karim beim lernen der Deutschen Sprache hat. Wie zu erwarten war es das Genitiv und Akkusativ. Ja, dies kenne ich nur all zu gut und musste bei den Antworten von Karim doch sehr grinsen. Es ist mit dem Maskulinum, Feminininum und Neutrum auch nicht so einfach. Hinzukommt die unterschiedliche Schriftform in den Sprachen. Das paschtunische Alphabet umfasst je nach Zählweise 40 bis 44 Buchstaben und basiert auf dem persischen Alphabet, welches wiederum eine modifizierte Form des arabischen Alphabets ist. In Paschto – oder Arabisch, wird von rechts nach links geschrieben. In der deutschen, englischen oder französischen Sprache wird von links nach rechts geschrieben.
Es sind sind solche Kleinigkeiten die viele Mitschüler und Schülerinnen gar nicht sehen – geschweige wissen.
Jedenfalls merkten die Mitschüler, dass Karim nicht dumm ist, er kann diese Grammatik nicht kennen und oft nicht verstehen. Meine Mutter bestätigte dies, dass auch dies für sie damals sehr schwer war.

Jedenfalls kamen auf einmal die Fragen viel schneller und zum Teil auch persönlicher. Das Interesse an den „Anderen“ wurde größer und so stellte sich in dieser Gesprächsrunde heraus, dass es
oft ganz banale Dinge waren, die die Mitschüler und Schülerinnen von Kindesbeinen her kennen, für Flüchtlingskinder oft schon eine Herausforderung  sind.

Als ich und Mama merkten, dass einige Fragen an Alia, Kira und Karim doch sehr persönlich wurden, und wir die drei auch nicht kompromittieren wollten, antwortete ich und erzählte von den Alpträumen der Kinder und Jugendlichen in unserer Einrichtung in Den Haag.
Wieder wurde es sehr ruhig in der Aula und die Mitschüler und Mitschülerinnen begriffen, dass Bilder von Krieg im Fernsehen etwas anders sind, als es selbst erlebt zu haben.

Mein Resümee

Ich möchte jetzt zum Schluss kommen und ein kleines Resümee ziehen.
Wenn Menschen begreifen, was andere erlebt haben, und darüber gesprochen wird, sehen sehr viele die „Ausländer“ auf einmal mit anderen Augen.
Die drei Stunden hatten am Ende das gleiche Resultat gezeigt, wie meine „Het huidige kerstverhaal“ ( Die Weihnachtsgeschichte der Gegenwart), die wir im Dezember 2019 mit sehr großem Erfolg noch dreimal im Januar aufgeführt hatten. Es gab Gespräche um Vorurteile abzubauen und es gab die Möglichkeiten direkte Fragen zu stellen um ein Verständnis des „Anderen“ zu bekommen.
Nur so kann Integration gelingen und Fremdenhass abgebaut werden.

Amira Khalil, Stuttgart 28. Februar 2020

Ist es sexy dünn zu sein?

Ist es exy dünn zu sein?

Von Amira Khalil

Dies wird uns allen in der Werbung vor Augen geführt: Sexy Frauen an der Cocktail-Bar, sexy Frauen im Haushalt, sexy Frauen beim Einkaufen.
Die Models sind perfekt gestylt, um dein neues Kleid, die High Heels oder Spülmittel zu kaufen.
Die neuste Generation der Influencer zielt in gleiche Richtung ab. Aufgestylte junge Frauen erklären dir die neuesten Trends in Essen, Gesundheit, Sport oder Musik.

Alle sind hipp, cool, sexy und bei bester Gesundheit – wirklich?
Dünn ist sexy und dir liegt mit deinem durchtrainierten Körper, den mega-geilen Fingernägel und super-chicen Make up die Welt zu Füßen. Du bist erfolgreich und die Königin auf dem Dancefloor.
Ist es wirklich so?


Nicht jeder Mensch hat einen perfekten Body-Mass-Index. Wir alle sind verschieden und ganz individuell – und dies ist auch gut so!

Nun werden sich einige fragen, die mein Profilfoto sehen: „die Tussi hat mit ihrem Body und Aussehen gut reden.“
Stimmt! Ich bin extrem dünn – aber ob mir dies gefällt, steht nicht auf meinem Foto.

Nun möchte ich dies erklären.
Ich wurde 1995 in Afghanistan geboren und war ein ganz normales Kind. Ich hatte auch bis zu meinem 10. Lebensjahr eine Kindheit, die in Anbetracht von Kriegsspuren und Terror, recht normal verlief.
Mit 10 Jahren wurde ich aus der Armut, Glaube oder Tradition heraus mit einem um Jahrzehnte älteren Mann verheiratet.
Zwei Jahre erlebte ich in dieser „Ehe“ die Hölle auf dieser Welt. Von hundertfacher Vergewaltigung über seelische Misshandlungen war alles dabei. Auch wurde mir aus „Spaß“ das Essen verweigert oder es wurde Sand in mein Teller geworfen.
Nach zwei Jahren der körperlichen und seelischen Folter bin ich geflohen. Wohlwissend wenn ich gefunden werden würde, es meinen Tod bedeutete. Tod war ich eigentlich schon seit zwei Jahren.
Ich fand zwei Tage nach meiner Flucht ein Frauenhaus und bekam dort sofort etwas zu essen. Ich war so geschwächt, dass ich kaum noch essen konnte. Einen Tag später kam zu meinem Glück eine Ärztin in jenes Frauenhaus und ich wurde sofort in ein Militär-Hospital gebracht und mir wurden spezielle Elektrolysen angehängt, um ein Organversagen zu verhindern. Zwei Tage kämpfte ich um mein Leben.

Dies alles ist nun 14 Jahre her und  ich werde alle 6 bis 8 Wochen an meine schlimme Vergangenheit erinnert. In der Folge von meiner Mangelernährung habe ich Marasmus und brauche eben in den genannten Zeitabstände spezielle Elektrolysen. Mein Körper kann nur noch bis zu 80 % Kohlenhydrate und Ballaststoffe aufnehmen. Ich würde trotz essen verhungern!

Seit 2016 lebe ich in den Niederlanden und habe eine Ausbildung als Staatliche Erzieherin gemacht.
In der Berufsschule war ich natürlich die Exotin. Ein Mädchen kommt aus Afghanistan und kann schon die  Niederländische und Deutsche Sprache – dies habe ich meiner Mama zu verdanken. Ich hatte nach kurzer Zeit Freundinnen in der Schule – auch eine etwas korpulente. Wir waren das „Dreamteam“ der Schule, dies sagte natürlich niemand laut. Die Blicke und getuschel reichten. Meine Freundin Mele merkte dies auch und sie fühlte sich auf einmal in meiner Gegenwart deplatziert, und ich mich schuldig. 

Wenn ich mit Mele in der Stadt war, wollte sie auf einmal keine Waffel, Eis oder was auch immer, nicht mehr mit mir essen. Ich merke schon die Veränderungen an Mele und sah auch, dass sie abgenommen hatte und offensichtlich auch noch dabei war.

Ich sagte ihr immer wieder, dass mir ihre Figur egal sei und es mir auf das Herz von einem Menschen ankommt. Sie nickte zwar immer, aber im Kopf kam es bei ihr nicht an.

Es kam eine Zeit, wo Mele mich regelrecht versetzte. Sie hatte plötzlich nach der Schule oder am Wochenende etwas anderes vor.
An einem Samstagnachmittag im November traf ich in einem Café die Eltern von Mele und sprach sie darauf an. Ihre Mutter war geschockt von dem was ich sagte, dass Mele mich nicht mehr treffen möchte und ständig andere Gründe anführte. Ihrer Mutter hatte Mele das Gegenteil gesagt – ich hätte keine Zeit mehr für sie.

Ich fuhr an diesem Nachmittag mit den Eltern von Mele zu ihnen nach Hause und konfrontierte sie mit meiner Anwesenheit.
In ihrem Zimmer hatte sie SlimFast Produkte versteckt. Mele wollte mit diesen SlimFast Produkten aus der Werbung in kürzester Zeit ihr Gewicht um die Hälfte reduzieren und war auch auf dem besten Weg dort hin – sie hatte schon Anfänge von Bulimie. Mele erklärte ihren Durchfall  und das öftere übergeben mit ihrer Periode. Ich zog hörbar die Luft ein und nahm die SlimFast Dose aus ihrem Schrank. „Inulin, Maltodextrin, Sucralose, Natriumcarboxymethylcellulose und so weiter und so weiter. Weißt du überhaupt was all diese Inhaltsstoffe sind?“
Mele und ihre Mutter sahen mich fragend an.
„Inulin ist ein unverdaulicher Zucker. Bei zuviel Sucralose kann es zu sehr unerwünschten Nebenwirkungen wie Blähungen und Durchfall kommen. Also nix mit Periode.“ Beide sahen mich völlig entgeistert an und die Mutter frage, woher ich dies alles wüsste. „Weil ich krank bin! Ich muss auf vieles achten, was ich esse. Würde ich dieses Zeugs zu mir nehmen, wäre es mein sicherer Tod.“

Ich frage Mele was dies soll und warum sie den Kontakt zu mir mied.
„Du bist so sexy dünn. Die Jungs schauen dir alle nach und jeder möchte mit dir gehen.“
Ich konnte diese Worte von ihr gar nicht fassen. „Ist dir schon mal aufgefallen, dass mich die Jungs nicht interessieren?“ Mele nickte und sagte dann „Es wird wohl nicht der richtige dabei gewesen sein.“
Wohl wahr! Ich erzählte Mele und ihrer Mutter meine Zeit als „Ehefrau“ in Afghanistan und welche seelischen Grausamkeiten ich als Mädchen erlebte.

Noch am gleichen Abend sprach ich mit Marpe de Joost, eine langjährigen Freundin meiner Mutter und meine damalige Chefin, über den Mobbing an der Schule und welches Pulver Mele zu sich nahm. Marpes Vater, der zum einen Mediziner ist und zum anderen mein Chef war, erzählte ich auch die Geschichte von Mele und ihrer SlimFast Idee. Erik riss die Augen auf und sagte mir, wie schädlich solche „Wundermittel“ seien.

Marpe ist promovierte Psychologin und war mit meinen Gedanken der Aufklärung und Klarstellung über den Mobbing an der Schule einverstanden.
Mit Marpe, ging ich vor den Weihnachtsferien 2016 in die Schule und erzählte der Klasse meine Lebensgeschichte – die komplette. Wie zu erwarten war, waren meine Schulkameraden bei dem erzählen von meinem Lebenslauf am weinen und wussten dann auch, warum ich so dünn bin und welche Probleme ich alle 6 bis 8 Wochen habe. Auch begriffen meine Schulkameraden was sie der Partnerin vom „Dreamteam“ angetan hatten. Mobbing kann Menschen zerstören!

Mele nahm sich unsere Unterhaltung an jenem Samstag sehr zu Herzen und verzichtet auf die SlimFast Produkte. In den letzten drei Jahren hat Mele einige Kilos abgenommen – aber in einem VERNÜNFTIGEN Maß.

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl

Am 26. April 1986 kam es im sowjetischen Atomkraftwerk Tschernobyl zur Reaktorexplosion. Die Katastrophe offenbarte die Gefahren der Atomenergie, die seit dem Reaktorunglück im japanischen Fukushima 2011 erneut diskutiert werden.

Autorin Naike Juchem

Die Explosion in einem Kernkraftwerk in der Nähe der Stadt Tschernobyl (damals Sowjetunion, heute Ukraine) in der Nacht zum 26. April 1986 war der bisher größte Unfall in einer Atomanlage. Während der Reaktor in Block 4 zu Instandhaltungs- und Prüfarbeiten abgeschaltet werden sollte, kam es zu einem technischen Fehler und der Reaktor explodierte. Gemäß der „International Nuclear and Radiological Event Scale“ (INES), einer internationalen Bewertungsskala zur Einordnung von nuklearen und radiologischen Ereignissen, wird das Unglück mit der höchsten Stufe 7 und damit als katastrophaler Unfall bewertet.

Block 4 des Reaktors in Tschernobyl

Der Unfall passierte während eines Tests

Ursache für den Unfall war ein planmäßiger Test. Es sollte überprüft werden, ob der Reaktor auch bei einem allgemeinen Stromausfall noch genügend eigenen Strom produzieren könnte, um sicher abgeschaltet zu werden. Doch das Experiment schlug fehl, der Reaktorblock explodierte, große Mengen radioaktiven Materials drangen durch den von der Explosion abgehobenen Reaktorkerndeckel und das zerstörte Dach des Reaktorgebäudes in die Umwelt. Schwedische Messstationen registrierten bereits am Morgen der Katastrophe radioaktiven Niederschlag. Die Regierung in Moskau reagierte mit einer Informationssperre. Die Bevölkerung wurde erst Mitte Mai über das tatsächliche Ausmaß des Unfalls informiert.

Die Folgen des Unfalls waren fatal: Die Bevölkerung in unmittelbarer Umgebung des Reaktorgeländes war der Radioaktivität schutzlos ausgesetzt. Die Evakuierung aller Wohngebiete in einer 30-Kilometer-Zone um das Atomkraftwerk lief erst nach einer Woche an. Insgesamt wurden bis zu 350.000 Menschen evakuiert, umgesiedelt oder verließen das Gebiet auf eigene Initiative. Die sowjetische Führung schickte Hunderttausende so genannter Liquidatoren, also Helfer – unter anderem Feuerwehrleute, Busfahrer, Ärzte, Wehrpflichtige – in das Reaktorgebiet, um die Katastrophe einzudämmen.

Folgen der Katastrophe für Mensch und Umwelt

Durch Wind und Regen gingen in den Tagen nach der Katastrophe radioaktive Isotope auch über weiten Teilen Europas nieder. In Deutschland war insbesondere der Süden des Landes betroffen, wo heftige lokale Niederschläge zu einer Ablagerung des Radionuklids Cäsium-137 in den Böden führte. In einigen Gegenden Bayerns sind zum Teil Pilze, Wildschweine und Waldbeeren noch immer belastet.

Über die Zahl der Opfer und die Spätfolgen herrscht bis heute Uneinigkeit. Nach einem Bericht des „Tschernobyl Forums“ der Internationalen Atomenergie-Behörde (IAEA), der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und anderen UN-Organisationen sowie den Regierungen von Russland, Belarus und der Ukraine von 2005 seien im Jahr des Unglücks lediglich 28 Bergungsarbeiter an akutem Strahlungssyndrom gestorben; drei weitere Kraftwerksangestellte waren demnach direkt bei der Explosion umgekommen. In Belarus, der Ukraine und in den vier am stärksten kontaminierten Gebieten Russlands wurden zwischen 1991 und 2005 rund 6.900 Schilddrüsenkrebserkrankungen festgestellt. Wie hoch die Todesrate an Krebserkrankungen, die unmittelbar auf die radioaktive Strahlung zurückgeht, insgesamt war, ist laut Bericht des Tschernobyl Forums unmöglich festzustellen. Die Internationale Agentur für Krebsforschung, eine Einrichtung der Weltgesundheitsorganisation, gab 2006 eine Studie heraus, die sich mit Krebserkrankungen in Europa in Folge der Tschernobyl-Katastrophe auseinandersetzt: Sie schätzt, dass bis 2065 16.000 Fälle von Schilddrüsenkrebs sowie weitere 25.000 Krebserkrankungen infolge des Tschernobyl-Unglücks in Europa auftreten können. Dabei liegt der Unsicherheitsbereich bei 11.000 bis 59.000 Fällen. Laut Angaben des Wissenschaftlichen Ausschusses der Vereinten Nationen zur Untersuchung der Auswirkungen der atomaren Strahlung (UNSCEAR) gebe es neben den Schilddrüsenkrebserkrankungen von Kindern und Jugendlichen, die der Strahlung ausgesetzt waren, keinen Hinweis auf einen größeren Einfluss auf die öffentliche Gesundheit. So gebe es keine wissenschaftlichen Belege für einen Anstieg der allgemeinen Krebs- oder Sterblichkeitsrate.

Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace oder die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) sehen darin eine massive Verharmlosung und gehen von wesentlich mehr Toten aus. Laut eines Berichts der IPPNW vom Januar 2016 kämen zu den Krebsfällen andere gesundheitliche Folgen, z.B. gutartige Tumore, kardiovaskuläre, respiratorische und psychische Krankheiten, sowie Störungen des Erbguts hinzu. Insbesondere zu den Folgen für die Liquidatoren gehen die Zahlen auseinander. Die IPPNW beziehen sich auf eine Studie Alexey Yablokovs aus dem Jahr 2009 und gehen von 112.000 bis 125.000 Menschen aus, die bis 2005 verstorben seien. Nach Angaben von UNSCEAR habe es 530.000 registrierte Bergungsarbeiter gegeben, von denen 28 unmittelbar nach der Katastrophe und 19 weitere bis zum Jahr 2004 verstorben seien, wobei es dafür verschiedene Gründe geben könne. Allerdings sei anzunehmen, dass es bei den übrigen „potenzielle Risiken für späte Konsequenzen wie etwa Krebs und andere Krankheiten“ gebe, so der UNSCEAR.

Zivile Nutzung der Atomkraft nach Fukushima

25 Jahre nach Tschernobyl ereignete sich im März 2011 im japanischen Fukushima erneut ein schwerer atomarer Unfall. Daraufhin beschloss der Deutsche Bundestag im Juni desselben Jahres den Ausstieg aus der Atomenergie und die Wende zu erneuerbaren Energien. Bereits Mitte März 2011 hatte die Bundesregierung zunächst die Laufzeitverlängerung für deutsche Atomkraftwerke vorübergehend ausgesetzt. 2022 soll das letzte Atomkraftwerk vom Netz gehen.

Laut der Nuclear Energy Agency, einer Institution der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), waren in den OECD-Mitgliedstaaten Ende 2014 324 Atomreaktoren mit dem Netz verbunden, 18 weitere befanden sich im Bau. Im Vergleich zu 2013 ist die Energiegewinnung durch Kernkraftwerke in den OECD-Mitgliedstaaten 2014 um 1,4 Prozent gestiegen, während die Energiegewinnung insgesamt in diesem Zeitraum leicht zurückgegangen ist (0,3 Prozent). Laut der internationalen Nichtregierungsorganisation World Nuclear Association sind weltweit derzeit 440 kommerzielle Atomreaktoren in 31 Ländern in Betrieb, 65 weitere Anlagen würden derzeit gebaut (Stand: Januar 2016).

Der größte anzunehmende Supergau

Am 26. April 1986 kam es zur nuklearen Havarie im sowjetischen Kernkraftwerk Tschernobyl. Bis heute halten die Folgen an. Mit welchen Herausforderungen sich die DDR und das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) durch die Katastrophe konfrontiert sahen, schildert Sebastian Stude in diesem Beitrag.

Tschernobyl als Zäsur

Tschernobyl – das ist ein Schlüsselbegriff der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Es ist die Kurzformel für den GAU („größten anzunehmenden Unfall“) in einem sowjetischen Kernkraftwerk am 26. April 1986, dem bis dahin schwersten nuklearen Unfall bei der zivilen Nutzung der Kernkraft. Tschernobyl bewirkte eine Zäsur in politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Hinsicht. Ohne Beispiel waren die Grenzenlosigkeit und Vielgestaltigkeit der Folgen von Tschernobyl. Die unkontrolliert entwichene Radioaktivität war mit menschlichen Sinnen nicht fassbar, kannte weder Landes- noch Kontinentalgrenzen, und ihre Langzeitfolgen halten bis heute an. 30 Jahre beträgt beispielsweise die Halbwertszeit des radioaktiven Isotopes Cäsium-137, heute ist also gerade einmal die Halbzeit für die Strahlkraft dieses massenhaft freigesetzten chemischen Elements erreicht. Auch in Teilen Deutschlands sind bis heute Waldpilze und Wildfleisch radioaktiv belastet.

Für die Sowjetunion war Tschernobyl ein herber Schlag. Auch die DDR und das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) sahen sich durch Tschernobyl einer Herausforderung gegenüber. Das Besondere dabei war, dass diese Herausforderung in dreierlei Hinsicht von außen kam. Zum einen war die nukleare Katastrophe selbst außerhalb der DDR geschehen. Die DDR war aber durch ihre engen politischen und wirtschaftlichen Verflechtungen mit der Sowjetunion unmittelbar betroffen. Zum anderen kam von außen auf die DDR die Bedrohung in Gestalt einer radioaktiven Wolke zu. Und schließlich war aus der Perspektive der Herrschenden in der DDR die Berichterstattung über Tschernobyl in den westdeutschen Medien eine weitere Bedrohung von außen. Tschernobyl war eine Katastrophe in einer sich globalisierenden Welt. Der Umgang mit der Katastrophe erschwerte sich damit für die auf Abgrenzung strebende SED-Diktatur.

Widersprüchlichkeiten und Grenzen der Stasi-Tätigkeit

Der Staatssicherheit ging es nach Tschernobyl in verschiedener Hinsicht um das Verhindern eines Kontroll- beziehungsweise Herrschaftsverlustes. Erstens: Der politisch-ideologische Schaden in der DDR musste begrenzt werden. Der bis dahin seitens der SED-Partei- und DDR-Staatsführung bemühte Propaganda-Slogan „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen“ war durch den GAU massiv in Frage gestellt. Zweitens: Ein wirtschaftlicher Schaden für die SED-Diktatur musste verhindert werden. Das galt einerseits für das ehrgeizige ostdeutsche Kernenergieprogramm, für das die DDR seit den fünfziger Jahren auf sowjetische Technologie setzte. Andererseits erlitt die DDR wirtschaftliche Schäden in der Lebensmittelproduktion sowie in strahlenempfindlichen Industriebereichen. Zudem drohten wegen möglichen radioaktiven Belastungen beträchtliche Handelsausfälle gegenüber dem sogenannten „nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet“ (NSW). Und drittens sah sich die Stasi einer neuen sicherheitspolitischen Herausforderung gegenübergestellt. Für die politische Geheimpolizei galt es von nun an, das Entstehen einer ostdeutschen Antiatomkraftbewegung zu verhindern. Mit Tschernobyl eröffneten sich der DDR-Opposition gleich mehrere Politikfelder – die (Energie-)Wirtschaftspolitik, die Umweltpolitik und die Informationspolitik –, auf denen sie die von der SED-Führung beanspruchte „Kompetenzkompetenz“ infrage stellte. Damit war das MfS im Zusammenhang mit der nuklearen Havarie in Tschernobyl in seiner doppelten Funktionszuschreibung als „Schild und Schwert der Partei“ herausgefordert, also den Machtanspruch der SED-Parteiführung im ostdeutschen Teilstaat passiv und aktiv abzusichern. Letztlich galten dafür die Vorgaben der SED-Führung. Die Stasi konnte ihren politischen Auftrag dabei nur teilweise und nicht ohne das Schaffen von Widersprüchlichkeiten erfüllen.

Keine Informationen aus Moskau

Für die Staatssicherheit ging es unmittelbar nach dem nuklearen Unfall in Tschernobyl darum, den technologischen GAU nicht zu einer geheimpolizeilichen Katastrophe werden zu lassen. Anders als zu vermuten, konnte sich die Stasi dafür ebenso wenig wie die SED-Parteiführung auf einen stabilen Informationsfluss aus Moskau stützen. Die ersten Informationen über den nuklearen Unfall gelangten nicht etwa aus Moskau, sondern vom Staatlichen Amt für Atomsicherheit und Strahlenschutz (SAAS) zur Stasi. Das SAAS war direkt dem DDR-Ministerrat unterstellt und berichtete dessen Vorsitzenden, Willi Stoph (SED), seit Bekanntwerden des Unglücks fortlaufend über die Strahlensituation im ostdeutschen Teilstaat. Zwei Tage nach dem Unglück und noch vor der öffentlichen Bekanntmachung durch die sowjetische Nachrichtenagentur TASS meldete ein SAAS-Mitarbeiter bei der IAEA in Wien am frühen Abend des 28. April 1986, dass er zu einem möglichen nuklearen Störfall in der DDR befragt worden sei, da aus Schweden eine Anfrage zu unerklärlich hohen Radioaktivitätswerten vorliege. Die internationale Atomenergiebehörde holte daraufhin Erkundigungen bei ihren Mitgliedsstaaten ein, so auch bei der DDR. Erst kurz darauf veröffentlichte die Sowjetunion eine knappe Pressemeldung zu Tschernobyl, die am folgenden Tag kommentarlos auch in der SED-Tageszeitung Neues Deutschland erschien.

Die folgenden Tschernobyl-Berichte des SAAS gingen wenigstens in Kopie immer auch an die Stasi. Die Empfänger hier waren in der Regel der Stellvertreter des Ministers, Generalleutnant Rudi Mittig, sowie der Leiter der Hauptabteilung XVIII (Volkswirtschaft), Generalmajor Alfred Kleine. Zum Teil waren die Tschernobyl-Berichte des SAAS auch direkt an den Minister für Staatssicherheit, Armeegeneral Erich Mielke, gerichtet. Über ein am 29. April 1986 eigens eingerichtetes Rapportsystem wurde Mielke zudem telefonisch durch seinen Stellvertreter Mittig informiert.

Die Tschernobyl-Berichte des SAAS enthielten Zahlenmaterial über die fortlaufenden Radioaktivitätsmessungen in der DDR und deren knappe Textinterpretation. In ihnen sind bis in die erste Mai-Hälfte 1986 mehrfache und deutliche Überschreitungen geltender Richtwerte für die radioaktive Belastung von Lebensmitteln und Tierfutter dokumentiert. Am 7. Mai 1986 hielt das SAAS beispielsweise für die Bezirke Cottbus, Potsdam und Frankfurt für die zurückliegenden Tage eine Überschreitung des Richtwertes von 500 Becquerel pro Liter (Bq/l) für Frischmilch fest, in Cottbus maß das SAAS bis zu 703 Bq/l Milch. Auch der Richtwert 1000 Bq/kg für Gras und Blattgemüse wurde um ein Mehrfaches überschritten, das SAAS registrierte bis zu 5600 Bq/kg für Gras und 2675 Bq/kg für Spinat. Wenige Tage zuvor hatte es in den SAAS-Berichten noch geheißen: „Obwohl die radioaktive Kontamination der Milch noch weiter ansteigt, ergibt sich aus der gegenwärtigen Strahlungslage aus fachlicher Sicht noch nicht zwingend die Auslösung in der Öffentlichkeit durchzusetzender Maßnahmen.“ Unter dem Eindruck der sich zuspitzenden Lage hieß es von dem Strahlenschutzamt in der zweiten Mai-Woche 1986 dann: „Auf Grund der weiter anhaltenden Radioaktivitätszufuhr in den Biozyklus steigt die radioaktive Verunreinigung des Blattgemüses auf Werte an, die nunmehr Maßnahmen erforderlich machen können. Gemeinsam mit dem Ministerium für Land-, Forst- und Nahrungsgüterwirtschaft wird geprüft, ob bei weiterem Anhalten der Situation der Partei- und Staatsführung aus fachlicher Sicht ein Vorschlag zur vorübergehenden Einschränkung des Verzehrs von Blattgemüse durch die Bevölkerung unterbreitet werden muss.“ Auch die Stasi wusste um diese prekäre Strahlenschutzsituation in der DDR, ohne dass sie für Schutzmaßnahmen für die Bevölkerung eingetreten wäre.

Das staatliche Strahlenschutzamt als Instrument der Stasi

Die Tschernobyl-Berichte zeichnete in der Regel der Präsident des staatlichen Strahlenschutzamtes, Prof. Georg Sitzlack (SED), ab. Sitzlack gab MfS-Offizieren darüber hinaus mehrfach mündlich Auskunft. Wenige Tage nach dem Unglück bestätigte er am 2. Mai 1986 Stasi-Offizieren zur Unglücksursache, dass höchstwahrscheinlich „durch technisches bzw. menschliches Versagen explosiv eine Leckage der aktiven Zone“ entstanden sei. Für die Einschätzung der Strahlengefährdung der DDR machte er bei diesen Gesprächen die Bereitstellung von Informationen seitens der Sowjetunion zur Voraussetzung. Von dort, so der SAAS-Präsident gegenüber dem MfS, erfolgten bis dahin „auf dementsprechende Anfragen keine Informationen“. Zugleich ließ sich Sitzlack auf Absprachen ein, die täglichen Tschernobyl-Berichte des SAAS für den Vorsitzenden des DDR-Ministerrates auch an das MfS weiterzureichen.[9] Von einem weiteren Gespräch vier Tage darauf hielt ein MfS-Vermerk zum Strahlenschutz-Präsidenten fest: „Die gegebenen Hinweise wird Genosse Prof. Sitzlack nutzen, um die für Presse, Rundfunk und Fernsehen durch das SAAS zu erarbeitenden Argumentationen entsprechend zu präzisieren. Außerdem wird er dem Vorsitzenden des Ministerrates der DDR vorschlagen, zur nächsten Sitzung des Ministerrates an alle Minister die erforderlichen Hinweise zu geben.

Die Aussage von SED-Partei- und DDR-Staatschef Erich Honecker gegenüber seinen westdeutschen SPD-Gästen Johannes Rau und Oskar Lafontaine Anfang Mai 1986, in der DDR habe man sich nach Tschernobyl entschieden, dass „die Wissenschaftler sprechen“, erhält vor diesem Hintergrund seine entscheidende Einordnung. Die MfS-Bemühungen gegenüber dem Präsidenten des Strahlenschutzamtes zielten darauf ab, die mediale Berichterstattung in der DDR zu steuern und mäßigend zu beeinflussen. Der Strahlenschutzpräsident diente dafür als Instrument. In dieses Bild passte sich ein, dass die ostdeutsche Geheimpolizei Sitzlack zwischen 1960 und 1963 als inoffiziellen Mitarbeiter (IM) mit dem Decknamen „Jürgens“ führte. Im Oktober 1963 beendete das MfS die inoffizielle Zusammenarbeit. Sitzlack war damals Leiter der neugegründeten Staatlichen Zentrale für Strahlenschutz (SZS), dem Vorläufer des 1973 gegründeten SAAS. Ein geheimer Stasi-Vermerk hielt dazu fest: „Auf Grund dieser Funktion wird mit ihm offiziell zusammengearbeitet.“ Seinen konkreten Ausdruck fand das unter anderem im Frühjahr 1986 im Zusammenhang mit Tschernobyl.

Verlauf der Radioaktivenwolke

West-Orientierung, Wirtschaftsschäden und belastete Lebensmittel

Als unmittelbare Folge der nuklearen Havarie nahm die Stasi ein verändertes Einkaufs- und Ernährungsverhalten vieler DDR-Bürger zur Kenntnis: Zwei Wochen nach dem Super-GAU hielt eine erste Information der Stasi-Hauptabteilung XVIII (Volkswirtschaft) fest, dass in der DDR-Hauptstadt Ost-Berlin der Verkauf von grünem Salat bis zu 50 Prozent zurückgegangen war. Im nahe gelegenen Bezirk Potsdam war die Situation ähnlich, die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) blieben auf ihrem frischen Salat und Rhabarber sitzen. In der gesamten DDR ging der Absatz von Frischmilch schlagartig um Tausende Liter zurück. Diese Entwicklung hatte Anfang Mai an solcher Dynamik gewonnen, dass sich – so ein handschriftlicher Vermerk des Mielke-Stellvertreters Mittig – der DDR-Ministerrat mit dem Thema beschäftigen musste. Die Tage bis Ende Mai 1986, als Tschernobyl im Mittelpunkt der Stasi-Berichterstattung stand, waren vielleicht der einzige Zeitraum ihres Bestehens, in dem die Geheimpolizei von einem Überangebot an Gemüse sowie Frischmilch in den Kaufhallen und Verkaufsstellen berichtete. Die Kundenwünsche erfüllte das gleichwohl nicht, weil im Osten die Verunsicherung vor radioaktiv verunreinigten Lebensmitteln umging. Das war insofern vielsagend, weil DDR-Politiker und -Medien sich bemühten, das Bild unbedenklicher Radioaktivitätswerte zu vermitteln. Ein großer Teil der DDR-Bevölkerung orientierte sich jedoch an der Berichterstattung der Bundesrepublik, die feste Grenzwerte und Ernährungsempfehlungen kommunizierte. Die vollen Regale in der DDR waren sichtbarer Ausdruck der Westorientierung der Bevölkerung.

Auch bei Produktionsausfällen in strahlenempfindlichen Industriebereichen blieb die Stasi hilfloser Berichterstatter an die SED-Parteiführung und die staatliche Verwaltungsspitze. Aus dem VEB Fotochemische Werke Berlin wusste die Staatssicherheit beispielsweise von Qualitätsmängeln an den gefertigten Röntgenfilmen. Die Angestellten des Betriebes hatten wegen einer defekten Klimaanlage die Fenster öffnen müssen. Dadurch gelangten radioaktive Partikel, die offensichtlich von der Katastrophe in der Sowjetunion herrührten, in die Fabrikhalle und setzten sich auf dem Filmmaterial ab. Der Schaden betrug laut der Stasi immerhin 6 Millionen Mark. Hinzu kamen die Kosten für die Sanierung der radioaktiv verunreinigten Fabrikbereiche. Schon alleine, weil der Staatssicherheit das Ereignis erst im Nachhinein bekannt wurde, konnte sie auf das Verringern oder gar das Verhindern des Schadens keinen Einfluss nehmen. Typisch für die DDR-Mangelwirtschaft war, dass die fehlerhaften Röntgenfilme dennoch Verwendung finden mussten, weil kein Ersatz zu beschaffen war. Laut MfS waren davon drei Viertel des Gesamtbedarfs an Röntgenfilm innerhalb des Gesundheitswesens betroffen.

Unter den Augen der Staatssicherheit registrierte das staatliche Strahlenschutzamt SAAS noch Anfang 1987 erhöhte Strahlenwerte eingelagerter Feldfrüchte und Futtermittel, die im Vorjahr abgeerntet worden waren. Zu erhöhten Strahlenbelastungen kam es demnach an drei Schwerpunkten: südlich von Schwerin, nördlich von Magdeburg und westlich von Potsdam. Für Export-Lebensmittel hatte das SAAS gemeinsam mit dem DDR-Ministerium für Land-, Forst- und Nahrungsgüterwirtschaft mittlerweile ein Messkontroll- und Zertifizierungsverfahren eingerichtet. Damit war man einerseits entsprechenden Forderungen aus dem Ausland nachgekommen. Andererseits griff man damit eventuellen Entdeckungen vor, die politische Folgeschäden hätten auslösen können. Radioaktiv belastete Lebensmittel wie Feldfrüchte, Viehfutter, Fleisch und Milchprodukte entzog man dem Export oder der bevorzugten Versorgung sogenannter „Sonderbedarfsträger“ – beließ sie wohl aber unter den Augen der Stasi im Versorgungssystem für die übrige DDR-Bevölkerung. Aus den Stasi-Überlieferungen geht damit hervor, dass für den West-Export vorgesehene Lebensmittel wegen erhöhter Strahlenwerte in den DDR-Verkauf gegangen sind.

Die DDR-Exportwirtschaft erlitt durch Tschernobyl deutliche Schäden. Unmittelbar nach der nuklearen Katastrophe verweigerte eine West-Berliner Molkerei praktisch für den gesamten Monat Mai 1986 die vertraglich vereinbarte Abnahme von Frischmilch aus dem brandenburgischen Umland. Die ostdeutschen Produzenten lieferten keinen entsprechenden Unbedenklichkeitsnachweis für die Radioaktivitätswerte der Milch. Dem ostdeutschen Teilstaat entgingen dadurch laut MfS-Angaben knapp 325.000 Valutaeinheiten. Von Handelseinschränkungen wegen erhöhter Radioaktivitätswerte war eine Vielzahl von Produkten betroffen: der Export von Bier nach Italien, der Verkauf von Zuchtrindern nach Marokko, der Absatz von Kaninchenfleisch nach Österreich oder die Ausfuhr von Schlachtpferden nach Frankreich. Die Devisenausfälle der SED-Diktatur gingen in die Millionen. Auch hier blieb der Stasi nur die Rolle eines passiven Beobachters und Berichterstatters.

Die Stasi als Krisenmanager?

Im Bereich der Transportwirtschaft trat die Stasi dagegen aktiv zur Bewältigung der Tschernobyl-Folgen in Erscheinung. Weil die Bundesrepublik seit Anfang Mai 1986 feste Grenzwerte für die radioaktive Belastung einreisender PKW, LKW und Schienenfahrzeuge durchsetzte, kam es zu Zurückweisungen an der innerdeutschen Grenze. In den ersten Mai-Wochen zählte die Staatssicherheit dazu immerhin 50 PKW, 260 LKW und 60 Güterwagons aus dem Transitverkehr, vor allem mit Ladungen aus der Sowjetunion. Um die wirtschaftlichen Schäden einzudämmen und einen störungsfreien Ablauf der Grenzpassage sicherzustellen, reagierte die DDR mit Strahlenmessungen im Vorland der Grenze. Gegebenenfalls sollten Dekontaminationswäschen und der Austausch radioaktiv verunreinigter Luftfilter erfolgen. An diesen Aktionen beteiligten sich Offiziere der grenznahen MfS-Bezirksverwaltungen wie Magdeburg oder Cottbus, sowie knapp 150 Spezialkräfte der zentralen Abteilung Bewaffnung und Chemischer Dienst (BCD). Nach internen Angaben überprüften die MfS-Mitarbeiter in der ersten Maihälfte fast 4000 Fahrzeuge alleine an der innerdeutschen Grenze auf erhöhte Radioaktivität. Jedes vierte Fahrzeug davon behandelten sie, um dessen Strahlenwerte zu senken.

Die Dekontaminationsarbeiten, an denen sich die Stasi beteiligte, verliefen nicht sauber. Nicht immer konnten radioaktiv verschmutzte Luftfilter ausgetauscht werden, weil es an Ersatzfiltern mangelte. Und die Entsorgung der radioaktiven Abwässer der Waschungen erfolgte zum Teil ohne besondere Schutzmaßnahmen über die Kanalisation, zum Teil über freie Fließgewässer der Umgebung. An den eingerichteten Waschplätzen dokumentierte die Geheimpolizei noch Jahre später deutlich – bis um das Zweihundertfache – erhöhte Strahlenwerte. Schon während der Mess- und Wascharbeiten erregten die Aktionen unerwünschtes Aufsehen und Ärgernis. In der thüringischen Ortschaft Probstzella im Kreis Saalfeld an der Grenze zur Bundesrepublik führte am 9. Mai 1986 ein Bauingenieur Beschwerde über die mögliche Verseuchung des Grundwassers wegen der Dekontaminationswaschungen. Ein ganzes Aufgebot aus örtlicher SED-Parteiführung und Sicherheitskräften der SED-Kreisleitung, MfS-Kreisdienststelle, Volkspolizeikreisamt, Feuerwehr und Transportpolizei, erschien daraufhin bei der Waschstation des örtlichen Bahnhofes und zeigte sich uninformiert über die dortige Dekontaminierungsaktion. Von der Bevölkerung in Probstzella gab es derweil beunruhigte Anfragen zur Gefährlichkeit der Arbeiten und der radioaktiven Verschmutzung des Grundwassers und der bevorstehenden Ernte.

„Unter Kontrolle halten“ – die Stasi und die Bevölkerung

Nachdem die nukleare Katastrophe von Tschernobyl seit dem 28. April 1986 öffentlich geworden war, bemühte sich die Stasi um ein umfassendes Bild der Reaktionen in der ostdeutschen Bevölkerung. Dafür benutzte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) seine inoffiziellen Mitarbeiter (IM), aber auch andere Zuträger. Das Erarbeiten eines solchen Meinungs- und Stimmungsbildes fügte sich in die übliche Stasi-Informations- und Berichtstätigkeit zu – aus der Perspektive der SED-Führung – bedeutsamen Ereignissen ein.

Ein Bericht der Zentralen Auswertungs- und Informationsgruppe (ZAIG) als der zentralen Schaltstelle im Apparat der Staatssicherheit gibt einen Überblick über die Reaktionen der ostdeutschen Bevölkerung auf Tschernobyl, denen die Stasi besondere sicherheitspolitische Bedeutung beimaß. Der Bericht, datiert vom 6. Mai 1986, stammt also aus der Woche nach dem Öffentlichwerden der nuklearen Katastrophe. Innerhalb der Staatssicherheit war der Bericht über den Minister Mielke hinaus an dessen Stellvertreter Mittig, Gerhard Neiber, die Hauptabteilung XVIII (Volkswirtschaft), den ZAIG-Leiter Werner Irmler und die dortige Arbeitsgruppe 6 des Bereiches 1 (politisch-ideologische Diversion, politische Untergrundtätigkeit, Kirchen, Kultur) gerichtet. Damit waren zugleich die internen Stasi-Zuständigkeiten umrissen: Tschernobyl war für die Geheimpolizei vor allem wegen seiner wirtschaftlichen und politisch-ideologischen Folgewirkungen Arbeitsgegenstand. Über Mitleidsbekundungen hinaus betonte der MfS-Bericht im Anfang pflichtschuldig, dass die staatliche Mitteilung über andere Reaktortypen und strenge Sicherheitsvorschriften in der DDR für „Beruhigung und Befriedigung“ gesorgt habe. Als entscheidend für das frühe Krisenmanagement im ostdeutschen Teilstaat wurde herausgehoben, dass DDR-Wissenschaftler öffentlich eine Strahlengefährdung verneint hätten.

Dennoch kam die Stasi nicht umhin, zum Unmut über das lange Verschweigen des Unglücks durch die Sowjetunion und die im Vergleich zur Bundesrepublik relativ späte und eingeschränkte Berichterstattung in der DDR zu berichten. Im Ergebnis hielt sich dennoch die Meinung in der Bevölkerung – und das war im Sinne der SED-Politik – auf die Kernenergie könne nicht verzichtet werden. Von besonderer Bedeutung war für die Stasi der Umstand, wonach im Kernkraftwerk Lubmin bei Greifswald und auf den Baustellen zu neuen Kernreaktoren bei Greifswald und bei Stendal Zweifel und Besorgnis zu den Ursachen und Auswirkungen von Tschernobyl sowie der Sicherheit der sowjetischen Kernkraftwerke in der DDR bestanden. Ebenso misstrauisch registrierte das MfS kritische Fragen zu den veröffentlichten Opferzahlen und den Langzeitfolgen der in Tschernobyl freigesetzten Radioaktivität, die Chemiestudenten der Universität Greifswald unter Verweis auf in Dänemark gemessener Strahlenwerte stellten. Der Stasi-Minister Mielke vermerkte dazu handschriftlich: „unter Kontrolle halten“. Das war mehr als ein launischer Kommentar, nämlich die sicherheitspolitische Kurzformel der Stasi gegenüber der DDR-Bevölkerung im Zusammenhang mit Tschernobyl.

Unwissen und Zweifel durch die staatliche (Des-)Informationspolitik

Eine Vielzahl von Berichten der IM und anderer Stasi-Zuträger zeichnete ein im Tenor gleiches Bild. Grundlegende Erkenntnis der Berichte ist, dass Tschernobyl ein Thema war, das viele DDR-Bürger bewegte. Zunächst dominierte eine ganz menschliche Reaktion, man war zuallererst erschüttert über die nukleare Katastrophe. Mit der Schlussfolgerung, auf die offensichtlich nicht beherrschbare Technologie zu verzichten, verband das allerdings kaum jemand. Auf den ersten Schock folgten in den überlieferten IM-Berichten und MfS-Analysen zur Bevölkerungsstimmung Unwissenheit und daraus resultierend Unsicherheit. Die DDR-Bürger zeigten sich unzufrieden mit der mangelhaften Berichterstattung der Sowjetunion und der DDR-Medien. Das Ausweichen auf westdeutsche Informationen führte zur Bestätigung dieser Unzufriedenheit, aber auch zu Zweifeln. Denn sowohl die westdeutsche Berichterstattung als auch die Reaktion der bundesdeutschen Politiker hinsichtlich der radioaktiven Gefährdung entsprachen nicht den offiziellen ostdeutschen Verlautbarungen. Beispielgebend berichtete der IM „Blitz“, ein Angestellter im Fernmeldeamt Rostock, seinem Stasi-Offizier: „Fast alle sagen, dass der Westen es übertrieben und dramatisiert habe, was nicht gut ist. Aber ebenso schlecht ist, dass wir völlig im Unklaren gelassen wurden und man es heruntergespielt habe. Danach braucht man ja kaum noch Angst vor einer Atombombe haben.“ Darüber hinaus berichten die Stasi-Überlieferungen aus vielen Regionen des ostdeutschen Teilstaates, wie DDR-Bürger zur Selbsthilfe griffen: Gemüse und Milch wurden vom Einkaufszettel gestrichen, Milchpulver erfreute sich großer Beliebtheit, an den Schul- und Kindereinrichtungen sowie in den Betrieben wurde die Trinkmilch oftmals weggeschüttet und Salat vom Speiseplan gestrichen, Physiklehrer nahmen auf den Schul-Freiflächen behelfsmäßige Strahlenmessungen vor, Eltern untersagten ihren Kindern den Aufenthalt im Freien, durchaus begehrte Auszeichnungsreisen in die Sowjetunion wurden zurückgegeben oder abgelehnt.

Aus der staatlichen (Des-)Informations-Politik und der anderslautenden westlichen Berichterstattung resultierten – was die Stasi eigentlich zu verhindern bemüht war – Ungewissheit, Ängste und Gerüchte. In den geheimen MfS-Berichten sind verschiedenste Krankheitsbilder, mysteriös anmutende Phänomene wie tote Fische und Vögel im örtlichen Stadtteich festgehalten, die desinformierte Bürger auf die aus der Sowjetunion kommende radioaktive Verstrahlung zurückführten. Manche IM-Auskünfte geben im Rückblick von 30 Jahren vielsagende Einblicke zum gesellschaftlichen Zustand der DDR Mitte der achtziger Jahre. Da war gegenüber MfS-Offizieren unverblümt von minderwertiger „Russentechnik“ die Rede, oder wurde die radioaktive Gefährdung gegenüber der täglichen Schwefeldioxid-Belastung als weniger schlimm verharmlost. Die „unverbrüchliche Liebe“ zur Sowjetunion war nicht selten wirklichkeitsfremde Staatspropaganda – die DDR als einer der größten Umweltsünder mit dem weltweit höchsten Ausstoß von Schwefeldioxid hingegen war alltägliche Wirklichkeit.

Der „26. April“ – ein neuer „17. Juni“?

Mitte Mai 1986 ging bei der Lokal-Redaktion der SED-Zeitung Sächsische Zeitung in Bautzen folgendes Leser-Gedicht ein: „Ein schöner Tag im Mai, der Frühling macht Gefühl, aus Osten bläst der Wind, er kommt aus Tschernobyl. Was wird er uns wohl bringen, aus unsrem Freundesland? Von Freunden, wie den uns’ren, Sowjetunion genannt. […] Für uns ist das Problem gelöst, die Parameter stimmen, in Luft und Wasser – Wald und Flur, und alle Vögel singen. Die Strömung ging bei uns vorbei, im Süden und im Norden, dem Lieben Gott sei es gedankt, was wäre sonst geworden. […] Bei uns ist alles einwandfrei, so wie ein schöner Tag im Mai!“ Der anonyme Verfasser stieß mit seinen Zeilen weder bei der Zeitungsredaktion und erst recht nicht bei der Stasi auf Verständnis. Briefumschlag und Briefmarken untersuchte die Geheimpolizei auf Speichelspuren, das Schriftbild des Leserbriefes begutachtete sie – beides ohne den Verfasser ausfindig machen zu können. Solche Leserbriefe boten in der SED-Diktatur begrenzte Möglichkeiten des politischen Protestes. Begrenzt war solcher Protest schon allein deshalb, weil er in aller Regel die Presse-Zensur nicht überwinden und damit auch nicht öffentlichkeitswirksam werden konnte.

Es hat nach Tschernobyl auch öffentlichkeitswirksamen individuellen Anti-KKW-Protest in der DDR gegeben: In der Bezirksstadt Potsdam wurden Anfang Mai 1986 öffentlich Zettel mit dem Text „Stoppt die Kernkraftwerke. Tschernobyl macht vor unsren Wohnungstüren nicht halt“ und „Tschernobyl darf sich nicht wiederholen. Die Alternative: Sonnenenergie“ verteilt. Vor der Magdeburger Bezirkseinsatzleitung, dem regionalen Sicherheitsstab unter Leitung des 1. Sekretärs der SED-Bezirksleitung, berichtete die MfS-Bezirksverwaltung im September 1986 von acht Losungen „Atomverbrannt durch Freundesland“, die im Magdeburger Stadtgebiet angebracht wurden. Oder im April 1988 wurden zum zweiten Jahrestag der nuklearen Katastrophe in der Sowjetunion an einer Wandzeitung im Lehrlingswohnheim der Stahl- und Walzwerkes Brandenburg mehrere Aushänge angebracht, auf denen zu lesen stand: „26.4.86 kam es in Tschernobyl zum bisher schwersten KKW-Unglück“ sowie „am 26.4.88 kam es in Tschernobyl (UdSSR) zum bisher schwersten KKW-Unglück mit verheerenden Folgen für Natur und Menschheit“.

Die nukleare Katastrophe in Tschernobyl gab der staatlich unabhängigen Umweltbewegung in der DDR einen kräftigen Impuls. Der GAU in der Sowjetunion war eine Möglichkeit, in der überschaubaren Oppositions-Szene und darüber hinaus einen größeren Personenkreis zu erreichen und für die großen Gefahren der Kernkraftwerke zu sensibilisieren. Das Entstehen einer Antiatomkraftbewegung wie in der Bundesrepublik war für die Machthaber der SED-Diktatur dabei ein Schreckens-Szenario, dessen Nachahmung es in der DDR zu verhindern galt. In diesem Sinne unterstellte die Stasi den ostdeutschen Kernkraftwerksgegnern ein „feindlich-negatives“ Verhalten.

Die Ängste der Geheimpolizei vor der Herausbildung eines ostdeutschen Gegenstücks zur Antiatomkraftbewegung in der Bundesrepublik ähnelten den Stasi-Ängsten vor einer Wiederkehr des Volksaufstandes am 17. Juni 1953. Interne Befehle und Weisungen der Stasi unmittelbar nach Tschernobyl und im Vorfeld der folgenden Jahrestage des Unglücks belegen die Befürchtung der Geheimpolizei, dass der 26. April für die ostdeutsche Umweltbewegung so etwas wie ein 17. Juni hätte werden können – ein festes, regelmäßig wiederkehrendes Datum öffentlichen Protestes. Tatsächlich war die oppositionelle Szene in der DDR im Frühjahr 1986 zunächst weit entfernt von einer breiten Protestbewegung ähnlich der westdeutschen Antiatomkraftbewegung. Die Stasi schien bei ihren Bemühungen, die SED-Politik abzusichern, zunächst erfolgreich – gab sich mit ihren Einblicken um die Aktivitäten der staatlich unabhängigen Umweltaktivisten jedoch durchaus alarmiert.

Bereits Anfang Juni 1986, gerade einmal fünf Wochen nach Öffentlichwerden des Unfalls, musste die Stasi zur Kenntnis nehmen, dass die Umwelt- und Friedensgruppen in der DDR zahlreiche Aktionen zu Tschernobyl durchführten und planten. Dazu gehörten der mehrseitige Aufruf „Tschernobyl wirkt überall“ der beiden Gruppen „Gegenstimmen“ und „Friedrichsfelder Friedenskreis“, ein Schreiben des Wissenschaftlers Sebastian Pflugbeil an die Konferenz der Kirchenleitungen des Bundes der Evangelischen Kirchen (BEK) mit der Aufforderung sich des Themas anzunehmen, ein Aufruf von Martin Böttger, Gerd Poppe und Wolfgang Templin aus der Initiative Frieden und Menschenrechte (IFM) an die Volkskammer mit der Forderung nach einer Volksabstimmung über die Nutzung der Kernenergie, ein Rundbrief des „Ökologiekreis Weißensee“ unter dem Titel „Atomkraftwerke – eine Bedrohung?“, die Absicht der Berliner Gruppe „Ärzte für den Frieden“ eine Eingabe an die Minister für Kohle und Energie sowie für Gesundheitswesen und an das staatliche Strahlenschutzamt SAAS zu richten, ein Brief des „Friedenskreises Pankow“ an die sowjetische Botschaft, eine Eingabe des „Friedens- und Umweltkreis“ der Pfarr- und Glaubensgemeinde Berlin-Lichtenberg an den DDR-Ministerrat und die sowjetische Botschaft oder eine Veranstaltung „Morsche Meiler“ in der Berliner Zionskirchgemeinde. Das MfS trieb die Sorge um, dass im Zusammenhang mit Tschernobyl aus dem Umfeld der Friedens-, Menschenrechts- und Umweltgruppen eine „lange Aktion“ aus Unterschriftensammlungen, Gesprächsveranstaltungen und öffentlichen Aktionen kreiert werden könnte.

Die besondere Aufmerksamkeit der Stasi weckte der Appell „Tschernobyl wirkt überall“. Mitglieder und Sympathisanten der Friedens- und Umweltbewegung richteten den Aufruf an die Regierung und die Bevölkerung, Silvia Müller und Vera Wollenberger trugen 141 Unterschriften zusammen und am 5. Juni 1986 – dem Weltumwelttag – wurde er dem Vorsitzenden des DDR-Ministerrates und der staatlichen Nachrichtenagentur ADN übergeben. In dem Appell hieß es: „Die Reaktorhavarie in Tschernobyl hat bei uns Unsicherheit und das Gefühl der Bedrohung ausgelöst. Unser Mitgefühl gilt allen Getöteten und gesundheitlich Geschädigten in der Sowjetunion. […] Doch nicht nur die Bedrohung durch havarierte Kernkraftwerke ist augenscheinlich geworden, sondern ebenso die Auswirkungen einer verantwortungslosen und gesellschaftsgefährdenden Informationspolitik in Ost und West. Hier wurde entmündigt, desinformiert und verunsichert – und dies nicht erst anlässlich von Tschernobyl, sondern schon vorher.“ Das war eine Kritik, der sich viele DDR-Bürger hätten anschließen können. Die Staatssicherheit deutete das deshalb nicht zu Unrecht als sicherheits-politische Herausforderung und setzte ihren vielfältigen Beobachtungs-, Zersetzungs- und Verfolgungsapparat in Bewegung. Der Mielke-Stellvertreter Mittig erließ dafür am 13. Juni 1986 an die MfS-Bezirksverwaltungen den zentralen Befehl, die Unterzeichner des Appells ausfindig zu machen und weitere Aktivitäten und Unterschriftensammlungen zu „Tschernobyl wirkt überall“ zu unterbinden. Insbesondere die Verbringung des Aufrufes in die Bundesrepublik sollte verhindert und aufgetauchte Exemplare beschlagnahmt werden. Die inhaltliche Nähe zur westdeutschen Antiatomkraftbewegung machte schon der Titel des Aufrufs deutlich, der dem „Tschernobyl ist überall“ der westdeutschen Grünen ähnelte.

Vor dem Hintergrund der Stasi-Ängste, durch Tschernobyl könnte eine ostdeutsche Antiatomkraftbewegung mit einem wiederkehrenden öffentlichen Protestritus erwachsen, ergingen zu den folgenden Jahrestagen der nuklearen Katastrophe wiederholt zentrale MfS-Befehle zu vermeintlichen „feindlichen Aktivitäten“. 1987 galt als Vorgabe für die MfS-Bezirksverwaltungen, Kontakte der ostdeutschen Kernkraftwerksgegner zu den westdeutschen Grünen und dem aus der DDR ausgewiesenen Roland Jahn im Zusammenhang mit einem Anti-Kernkraftwerks-Kongress in der Bundesrepublik zu unterbinden. Zudem befahl der Mielke-Stellvertreter Mittig öffentliche Aktionen in der DDR im Vorfeld zu verhindern. Dafür wurde die geheimpolizeiliche Beobachtung und Kontrolle von vermuteten „Störenfrieden“ weiter verschärft. Auch im darauffolgenden April 1988 befürchtete die Staatssicherheit im Zusammenhang mit dem Tschernobyl-Jahrestag Gedenkveranstaltungen oder öffentliche Aktionen der Kernkraftwerksgegner. Vom Leiter der Hauptabteilung XX (Staatsapparat, Kirche, Kultur, Untergrund), Generalmajor Paul Kienberg, erging deshalb ein ähnlicher Befehl wie im Vorjahr. Im Ergebnis einer verstärkten Verfolgung sogenannter „feindlich-negativer Zusammenschlüsse“ sollten vor allem öffentliche Aktionen jenseits kirchlicher Räume verhindert und personelle Kontakte in die Bundesrepublik unterbunden werden.

Selbst wenn die Antiatomkraftbewegung unter den Bedingungen der SED-Diktatur nach Tschernobyl zunächst kein eigenständiges Gesicht entwickeln konnte, war sie doch ein fester Bestandteil der staatlich unabhängigen Umweltbewegung. Und selbst wenn die Staatssicherheit zunächst das Entstehen einer politisch wirksamen Antiatomkraftbewegung in der DDR verhindern half, so lernten die DDR-Bürger am Beispiel Tschernobyl doch, die SED-Diktatur zunehmend kritisch zu sehen und sich in eigener Sache einzumischen. Dass unter den Gründungsmitgliedern des Neuen Forums im September 1989 mehrere engagierte Kernkraftwerksgegner waren, ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer Entwicklung, die letztlich mit der Friedlichen Revolution 1989/90 über das Mielke-Ministerium hinweggegangen ist. Während der friedlichen Revolution 1989/90 engagierten sich viele ostdeutsche Kernkraftwerksgegner frühzeitig und letztlich erfolgreich für die Überwindung der SED-Diktatur und die Stilllegung der ostdeutschen Kernkraftwerke.

Zitierweise: Sebastian Stude, Tschernobyl und die Stasi. In: Deutschland Archiv, 21.4.2016, Link: http://www.bpb.de/225219

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz „CC BY-NC-ND 3.0 DE – Namensnennung – Nicht-kommerziell – Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland“ veröffentlicht. Autor/-in: Sebastian Stude für bpb.de

Die Atomkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986

Block 4 des Reaktors von Tschernobyl

Wo waren Sie am 26. April 1986? Die meisten wüssten mit diesem Datum auf Anhieb nichts anzufangen. Wenn man dann Tschernobyl sagt, könnten die meisten sagen, wo sie an diesem Tag waren – ich auch.

Autorin Naike Juchem

Warum schreibe ich nun über ein Datum das mehr als 35 Jahre zurückliegt? Ganz einfach, weil ich es mit zu den größten Katastrophen der Menschheit sehe und andere als das Disneyland des Ostens.

Seit Jahren ist es hipp nach Prypjat zu reisen, um Selfis zu machen um der Nachwelt zu zeigen, welch toller Typ man ist.

Radioaktivität kann man nicht sehen,  spüren oder schmecken – sie ist da. Die Kontamination ist nach 35 immer noch vorhanden und es ist ein fataler Fehler in der Geisterstadt Pripjat zu schlendern. Auch sollte man sich den Zahlen der Toden Menschen die bei dem Unfall ums Leben kamen, wie auch jene, die an den Spätfolgen elendig gestorben sind, bewusst sein.

Tschernobyl-Opfer

Tschernobyl steht für einen der größten Unfälle in der Geschichte der Atomenergie: Am 26. April 1986 trat in dem ukrainischen Atomkraftwerk der GAU ein. In Block 4 des Kraftwerks kam es zu einer vollständigen Kernschmelze. Durch die daraus folgenden Explosionen wurde radioaktives Material in die Luft gestoßen.

Radioaktives Material kontaminierte die gesamte Umgebung und verteilte sich zusätzlich über das ahnungslose Europa. Das Sperrgebiet, welches die Größe des Saarlandes hat, wurde zwar von Weißrussland teilweise wieder als besiedelbar erklärt, dennoch sind die Spätfolgen immer noch nicht absehbar.

Tschernobyl-Opfer

Das Kernkraftwerk Tschernobyl galt in den 1980er-Jahren als Musteranlage der Sowjetunion. Zwischen 1970 und 1983 entstanden im Norden der Ukraine, nahe der Grenze zu Weißrussland, vier Reaktorblöcke. Jeder Kernreaktor hatte eine elektrische Bruttoleistung von jeweils 1.000 Megawatt.

Ein fataler Sicherheitstest

In der Nacht des 26. April 1986 sollte die Sicherheit des Reaktors von Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl nahe der ukrainischen Stadt Prypjat überprüft werden. Allerdings geriet der vorgesehene Test aufgrund von Bedienungsfehlern und Konstruktionsmängeln des Reaktors völlig außer Kontrolle

Am 25. April 1986 sollte in Block 4, der erst 1983 in Betrieb gegangen war, ein Versuch durchgeführt werden. Dabei sollte durch einen simulierten Stromausfall nachgewiesen werden, dass das Kraftwerk auch ohne Strom von außen selbst genügend Energie produzieren würde, um die Notkühlung des Reaktors sicherzustellen. Für das Experiment musste die Leistung des Reaktors heruntergefahren werden. Unnötigerweise schalteten die Techniker währenddessen das Notkühlsystem aus. Noch während des Herunterfahrens wurde aus Kiew ein erhöhter Strombedarf gemeldet, woraufhin das Experiment spontan um neun Stunden verschoben wurde. Der Reaktor blieb in dieser Zeit auf einer Leistung von 50 Prozent heruntergefahren und das Notkühlsystem ausgeschaltet.

Erst in der Nacht auf den 26. April  wurde das Experiment fortgesetzt. Die Leistung des Reaktors wurde weiter heruntergefahren. Ziel war eine Leistung zwischen 20 und 30 Prozent zu erreichen. Bei 20 Prozent lag die Minimalleistung dieses Reaktortyps. Darunter durfte er nicht betrieben werden, sonst bestand die Gefahr, dass der Reaktor außer Kontrolle geraten konnte.

Was passierte vor der Kernschmelze?

Bei der Leistungsregelung unterlief einem der Techniker allerdings ein folgenschwerer Fehler. Wahrscheinlich durch die Eingabe eines falschen Wertes fiel die Reaktorleistung auf nur noch ein Prozent. Um die Leistung wieder anzuheben, beschlossen die Techniker Steuerstäbe, mit denen die atomare Kettenreaktion kontrolliert werden konnte, zu entfernen. Dabei unterschritten sie die zulässige Minimalgrenze von 28 Stäben. Dennoch stieg die Leistung auf nur sieben Prozent. Der Reaktor befand sich damit in einem äußerst instabilen Betriebszustand.

Trotz allem bestand der stellvertretende Chefingenieur auf die Durchführung des Experiments. Die Techniker blockierten daraufhin das Signal für die Schnellabschaltung des Reaktors entgegen der Sicherheitsvorschriften. Für das Experiment wurden die Sicherheitsventile der beiden Turbinengeneratoren geschlossen. Dadurch verringerte sich augenblicklich der Wasserzufluss im Reaktor und die Temperatur stieg rapide an.

Missgebildeter Hunde durch Radioaktivität

Kettenreaktion und Explosion

Schlagartig kam es zu einer Steigerung der Reaktorleistung. Eine unkontrollierte Kettenreaktion setzte ein. Der Versuch die Kettenreaktion durch eine Notabschaltung zu unterbinden misslang. Die Führungskanäle für die Steuerstäbe waren aufgrund der enormen Hitze bereits verformt. Innerhalb weniger Sekunden kam es zu einer extremen Energiefreisetzung in den Brennelementen und zur Zerstörung des Reaktorkerns. Bei über 2.000 Grad setzte die Kernschmelze ein.

Kurz darauf ereigneten sich zwei Explosionen, vermutlich ausgelöst durch große Mengen Wasserstoff, die sich gebildet hatten. Durch die Gewalt der Explosionen wurde die tonnenschwere Abdeckplatte des Reaktorkerns abgesprengt und dabei das Dach des ganzen Gebäudes aufgerissen. Durch die Explosion und einen Brand im Reaktor wurden große Mengen an radioaktivem Material freigesetzt, die sich großräumig verteilte.

Ein nuklearer Unfall

Damit war der GAU eingetreten, der größte anzunehmende Unfall. Bis zur Atomkatastrophe von Fukushima 2011 galt Tschernobyl als einziger nuklearer Unfall, der auf der INES-Skala (Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse) mit dem Höchstwert 7 (katastrophaler Unfall) eingestuft wurde. 

Insgesamt wurden 150.000 km² in Weißrussland, der Ukraine und Russland durch den Reaktorunfall in Tschernobyl radioaktiv verseucht. Ein Gebiet, in dem damals fünf Millionen Menschen lebten. Mehr als 330.000 Menschen, die in unmittelbarer Nähe des Reaktors gelebt hatten, mussten evakuiert werden. Wegen der Wetterbedingungen wurden weitere 45.000 km² in ganz Europa durch Radioaktivität belastet.

Tschernobyl-Opfer

Was passierte nach dem GAU?

Um die Folgen der Katastrophe einzudämmen, schickte die sowjetische Führung Tausende Helfer nach Tschernobyl. Sie wurden „Liquidatoren“ genannt, da sie die radioaktive Strahlung „liquidieren“ sollten. Der erste Rettungstrupp bestand aus 6.000 Soldaten und 40.000 Angehörige der chemischen Spezialtruppen.

Insgesamt waren wohl 600.000 bis 800.000 Liquidatoren in Tschernobyl im Einsatz. Die genauen Zahlen sind unbekannt, da viele der Helfer nicht registriert wurden. Die meisten Liquidatoren waren Wehrdienstleistende, aber auch Hubschrauberpiloten, Polizisten, Feuerwehrleute, Bergleute, Kletterer, Betonarbeiter, Busfahrer, Ärzte und Krankenschwestern. Sie arbeiteten teilweise monatelang in Tschernobyl und viele mussten dabei ohne ausreichende Schutzkleidung auskommen.

Notfallmaßnahmen

Direkt nach dem Unfall mussten die Liquidatoren auf die Dächer neben dem offen liegenden Reaktor klettern, um diesen mit Schutt zu bedecken oder verstrahlte Grafitblöcke, die durch die Explosion in die Umgebung geschleuderten worden waren, in den Schlund des Reaktors zu werfen. Sie durften nur für 40 Sekunden auf dem Dach bleiben, da sonst die Strahlenbelastung zu groß geworden wäre.

Andere schütteten aus Militärhubschraubern mehrere Tausend Tonnen unterschiedlicher Materialien in den Schlund des Reaktors: Bor soll die Kettenreaktion begrenzen, Dolomit die Grafitbrände löschen, Bleibarren soll die Gammastrahlung mindern, Sand und Lehm sollen freigesetzte Teilchen filtern. Trotz aller Bemühungen spie der Reaktor ganze zehn Tage lang heiße Asche und radioaktive Gase in den Himmel. Außerdem drohte die Gefahr, dass die glühende Reaktormasse sich durch den Betonboden hindurch schmelzen und so kontaminiertes Wasser in das Grundwasser gelangen konnte. Deshalb musste unter dem Reaktor ein Tunnel gebaut werden, in dem ein provisorisches Kühlsystem mit Stickstoff errichtet wurde.

Vertuschung und miserables Krisenmanagement

Der größte Teil der Strahlung entwich in den ersten zehn Tagen nach der Katastrophe. Dennoch unterließen es die Verantwortlichen, die Bevölkerung zu informieren und die Menschen aus der unmittelbaren Umgebung des Reaktors schnell in Sicherheit zu bringen. So wurde Tschernobyl zum Synonym für schlechte Informationspolitik und Misstrauen gegenüber dem Staat.

Die Werksleitung von Tschernobyl erklärte bis zum Abend des 26. April, dass Block 4 intakt sei und lediglich gekühlt werden müsse. Als der sowjetische Regierungschef Nikolai Ryschkow informiert wurde, setzte er eine Untersuchungskommission ein und schickte Rettungstrupps. Seine Bürger informiert er nicht.

Erst am Abend des 28. April erfuhr die sowjetische Bevölkerung überhaupt von einem Unfall in Tschernobyl. Die Nachrichtenagentur Tass verbreitet eine Erklärung des Ministerrates der UDSSR:
„Im Atomkraftwerk Tschernobyl hat sich ein Unfall ereignet. Ein Reaktor wurde beschädigt. Maßnahmen zur Beseitigung der Unfallfolgen werden ergriffen. Den Geschädigten wird Hilfe geleistet. Eine Regierungskommission ist gebildet worden.“

Pripjat

Über das Ausmaß der Katastrophe und erste Opfer fiel kein Wort. Erst am 29. April war die Rede von einer „Katastrophe“ und von zwei Todesopfern. Auch die in der unmittelbaren Nähe lebenden Menschen erfuhren zunächst nichts von den Ausmaßen des Unglücks.

Verspätete Evakuation

Erst am 27. April 1986, 36 Stunden nach dem GAU, begann man die 49.000 Einwohner, der nur vier Kilometer vom Kernkraftwerk entfernt liegenden Stadt Pripjat, zu evakuieren. Ab dem 2. Mai wurden die Einwohner der Stadt Tschernobyl (18 Kilometer entfernt) evakuiert. Und erst ab dem 4. Mai wurden Menschen aus dem Umkreis von 30 Kilometern umgesiedelt.

Missgebildeter Bull in Folge der Radioaktivität

Bis zum 5. Mai mussten 160.000 Menschen ihre Wohngebiete verlassen, über 70 Ortschaften im Gebiet Kiew und im weißrussischen Gebiet Gomel wurden aufgegeben. Insgesamt mussten 330.000 Einwohner evakuiert werden.

Frei wie ein Adler

Dieses Foto ist kein Photoshop

Frei wie ein Adler

Frauen die sich ganz bewusst
gegen eine feste Partnerschaft
entscheiden, haben keineswegs
zwangsläufig Angst vor Männern,
deren Zuneigung oder Nähe.

Frauen die sich bewusst gegen eine feste Partnerschaft entscheiden, haben auch keineswegs zwangsläufig eine
Missbrauchserfahrung oder ein
Trauma in einer Beziehung
oder ihrer Kindheit erlitten.

Frauen die im 21. Jahrhundert Angst vor Männer oder einer Beziehung haben, sind oft in Kindesalter durch die Hölle gegangen haben Folter und Qualen erlebt.

Sie tragen Narben auf der Seele von Gewalt, Unterdrückung oder jeglicher Missachtung der Menschenrechte. Ja, auch Frauen haben Rechte!

Mag sein das es Männer auf dieser Welt gibt, denen die Religion „Heilig“ ist und nach außen einen ehrbaren Mann zeigt und innerlich diese
schlimmer als jedes Tier sind.

Frauen wissen, dass heute auch viele Männer überzogene oder viel schlimmer – mittelalterliche Vorstellungen in eine
Partnerschaft einbringen wollen, und sie haben weder die Lust noch die Energie Liebe, Nähe oder Zuneigung diesem Mann zu geben.

Frauen tragen die Verantwortung für die emotionale Harmonie wie auch die Balance in einer Partnerschaft.
Darauf haben viele Frauen heute aber keinen Bock mehr und geben einen Scheiß darauf, als die „bessere Hälfte des Mannes“ angesehen zu werden.

Sie haben keinen Bock auf Besitzansprüche, Eifersuchts-Szenarien
oder für ihn parat zu stehen, wenn er es möchte.
Frauen haben keine Lust dem Mann „zu Dienen“ wenn es ihm passt – am besten dann für den Sex. Da will er der Herrscher über das „sanfte“ Geschlecht sein.
Im Haushalt bleibt die schwerste Arbeit an dem „sanften“ Geschlecht hängen.

Kochen, putzen, waschen, bügeln für den Herr im Haus
Dienen, befriedigen und ihm Kinder zeugen.
Fuck off!

Frauen können heute gut für sich selbst sorgen, manchmal sogar viel besser als wenn sie den Mann noch mitversorgen müssen oder sollen.

Frauen die sich bewusst gegen eine feste Partnerschaft entscheiden, sind in keinster Weise verkorkst- sie haben in der Vergangenheit oft vieles mehr geleistet.

Frauen kämpfen mit der Waffe der Klugheit und ihrem Willen für ihr Leben und für ihren Gleichstand in der Gesellschaft.
Sie haben im 21. Jahrhundert andere Ideen, Pläne und Wünsche die sie erfüllen möchten.

Männer die mit ihnen eine Partnerschaft wollen, haben plötzlich Angst vor der Kraft der Frau. Sie haben Angst vor einem stärken Mut und Willen als er diesen hat. Da fängt die Spirale der Gewalt und Einschränkungen wieder an.

Liebe geht unterschiedliche Wege.
Nicht immer brauchen Frauen heute dafür noch feste Beziehungen.
Aber dies und jenen Text werden wohl auch nur überwiegend Frauen verstehen, die auf diese Weise leben-  und dies ganz bewusst.

Nila Khalil, Gardez, im November 2019

Agent Orange

Die perversion eines sinnlosen Krieges und dessen Folgen noch mindestens 13 Generationen anhalten werden.

Autorin Naike Juchem

In 1965 Vietnam seemed like just another foreign war but it wasn′t
It was different in many ways, as so were tose that did the fighting
In World War II the average age of the combat soldier was 26
In Vietnam he was 19
In-in-in Vietnam he was 19

The shooting and fighting of the past two weeks continued today
25 miles west of Saigon
I really wasn’t sure what was going on

(In deutsch: 1965 schien Vietnam einfach nur ein weiterer ausländischer Krieg zu sein.
Aber das war er nicht, er war auf
viele Weisen anders.
So waren es auch die, die im zweiten
Weltkrieg kämpften.
Das Durchschnittsalter des
Soldaten war sechsundzwanzig.
In Vietnam, war er neunzehn.19!

Die schwersten Gefechte der letzten
zwei Wochen, setzten sich heute
fünfundzwanzig Meilen nord-westlich
von Saigon fort.

Ich war mir echt nicht sicher
was da vorging.)

Ein Lied von Paul Hardcastle aus dem Jahr 1985, das von ihm, William Coutourie und Jonas McCord geschrieben wurde.

Um den Vietnamkrieg zu begreifen muss man in der Geschichte gute 100 Jahre zurück gehen. In dem Artikel : „Der kolonial Gedanke der Europäer in Südostasien und seine fatalen Folgen“ habe ich darüber berichtet.

In diesem Artikel geht es um über drei Millionen Menschen die ihr ganzen Leben lang in Folge von Dioxin gezeichnet sind.

Am 2. August 1964 in der Bucht von Tonkin zwischen dem US-Zerstörer „Maddox“ und nordvietnamesischen Schnellbooten zu Schusswechseln. Daraufhin verkündete die US-Regierung, bei einem weiteren Vorfall, würden sie mit einem Vergeltungsschlag reagieren.
Mit der Behauptung, dass Nordvietnam am 4. August 1964 erneut zuerst Schüsse abgefeuert habe, konnte die USA weitere Truppen nach Vietnam senden, ohne offiziell den Krieg erklärt zu haben. Im Nachhinein stellte sich dies als eine Fälschung da. US-Offiziere manipulierten Funkgespräche und gaben Falschinformation weiter. Dies führte in Washington zur sogenannten Tonking-Resolution, eine Ermächtigung zum Krieg, die, wie Johnson meinte, „wie Großmutters Nachthemd alles abdeckt“

Unter dem Befehl von John F. Kennedy flogen die US Air Force ab 1962 bis 71 weit über 6.000  Einsätze und warfen Tausende Tonne Bomben über Vietnam ab. Bei diesen Einsätzen versprühte die US Air Force auch großflächig zwischen 80 bis 90 Millionen Liter äußerst giftiger Chemikalien, von denen circa 45 Millionen Liter Agent Orange waren (genaue Zahlen gibt es nicht) und die fast 400 kg Dioxin enthielten und ein Siebtel der Gesamtfläche Vietnams langfristig kontaminierten. Die USA sind damit für den größten Chemie-Angriff der Menschheit verantwortlich.
Dieses sogenannte Entlaubungsmittel,
welches die Firmen Dow Chemical, DuPont und Monsanto (heute Bayer) herstellten, sollte einzig zum Ziel haben – die Entlaubung der dichten Wälder Vietnams, um die Verstecke und Versorgungswege des Vietcong aufzudecken. Außerdem wurden aus Flugzeugen, Helikoptern, Lastwagen und Handpumpen auch Ackerflächen besprüht, um dem Vietnamesen die Nahrungsgrundlage zu entziehen

Die USA beendete den Einsatz von Agent Orange und den anderen Herbiziden offiziell im Mai 1970. Tatsächlich endete die „Operation Ranch Hand“ und das Versprühen von Agent Orange erst ein Jahr später, da das US-Militär auf eigene Hand die Herbizide weiter versprühten. Erst mit dem Verbot von dioxinhaltigen Herbiziden in den USA kam es zum endgültigen Ende der Einsätze.

Bei diesem 11-jährigen Krieg kamen mehr als drei Millionen Menschen ums Leben. Menschen starben qualvoll an den Napalm-Boben, Blindgänger von Minen, verhungerten oder durch Agent Orange. Die USA haben bei diesem Krieg ganz klar ein weiteres Mal gegen geltendes Völkerrecht verstoßen.

Eine Menschenverachtende Kriegführung

Entlaubungsmittel hört sich offenbar auch viel schöner an, als Tetrachloro-dibenzo-para-dioxin, kurz: TCDD genannt.

Einen chemischen Namen für 2,3,7,8-Tetrachlordibenzo-p-dioxin gibt es nicht. In chemischen Verzeichnissen wird Agent Orange unter der Nummer 39277-47-9 geführt. Die Molekularformel lautet: C24 H27 CL5 O6.
Agent Orange ist ein flüssiges Herbizid, das sehr schnell wirkt und im Volksmund als „Unkrautbekämpfungsmittel“ bezeichnet wird. Es entlaubt Pflanzen und auch Bäume.

2,3,7,8-Tetrachlordibenzo-p-dioxin, oder Agent Orange ist eine chlorhaltige,

hochgiftige organische Verbindung. Die Substanz leitet sich vom Dibenzodioxin ab und wird abgekürzt als 2,3,7,8-TCDD oder nur TCDD, fälschlicherweise auch als Dioxin oder als Seveso-Gift bezeichnet.
Der Kurzname Dioxin bezeichnet vielfach unspezifisch die gesamte übergeordnete 
Stoffgruppe der polychlorierten Dioxine und Dibenzofurane, deren giftigster Vertreter das 2,3,7,8-Agent Orange ist.

Neben Agent Orange gibt es noch weitere flüssige Herbizide in anderen Zusammensetzungen, darunter Agent White, Pink, Green, Blue und Purple. Diese wurden ebenfalls im Vietnamkrieg verwendet, als es schwerer wurde auf dem Weltmarkt genügend 2,4,5-T, ein Inhaltsstoff von Agent Orange, zu beschaffen.
Agent Blue wurde hauptsächlich auf Reisfeldern eingesetzt; Agent White wurde genutzt um Wälder zu entlauben. Die Wirkung von den anderen Herbiziden trat erst nach ein paar Tagen auf. Außerdem wirkten diese nur partiell, was die USA als Nachteil gegenüber Agent Orange als Breitbandherbizid ansahen.

Dioxin ist eine der schlimmsten toxischen Substanzen, die je von der Menschheit produziert wurden, und verursacht viele schwere Krankheiten, darunter Krebs, neurologische Störungen, spinalen Bifida, eine Abnahme der Immunität, Störungen des endokrinen Systems, Fortpflanzungsstörungen und Missbildungen bei Neugeborenen.
Man geht davon aus, dass die Chemikalie in die Gene gelangt und von einer Generation an die nächste weitergegeben wird. Auch ist mittlerweile bekannt, dass Agent Orange über den Boden und Flüsse in die Nahrung gelangt. Niemand weiß genau, wie viele Generationen davon noch betroffen sein werden.

Die USA vergiften die Welt

Eine Umweltkastatrophe in gigantischem Ausmaß breitet sich langsam durch Reis auf der Welt aus.

Nach den neuesten Zahlen sind die fünf Hauptreiseexportländer der Welt: Indien, Thailand, Vietnam, Pakistan und die USA in abnehmender Reihenfolge der ausgeführten Reismenge. Thailand und Vietnam sind auf den Export der Reissorte Jasmin spezialisiert. Alleine Vietnam exportiert jährlich 6,8 Millionen Tonnen Jasminreis.
Zu den Hauptimporteure von Reis, liegt China mit 5 Millionen Tonnen Reis auf Platz 1 der Welt. Gefolgt von Nigeria, die Europäische Union, Saudi-Arabien und die Philippinen. Es ist als nicht auszuschließen, dass wir alle schon mal Agent Orange zu uns genommen haben.

Vietnam ist nicht das einzige Land in dem die Auswirkungen von Agent Orange spürbar sind. Auch die USA trägt Folgen mit sich. Allein durch die Verwendung in der US-amerikanischen Landwirtschaft hat sich das Dioxin von der Umwelt bis hin zu den Menschen verteilt.
Was oft an diesem Krieg nicht bedacht wird, ist die Tatsache, dass auch US-Amerikanischen Soldaten Agent Orange ausgesetzt waren und erlitten somit die selben Schäden. Des Weiteren treten die Auswirkungen teilweise in Hawaii und anderen Ländern auf, wo Agent Orange und andere Herbizide vor und während dem Vietnamkrieg getestet wurden.
Durch den großflächigen Air Force Einsatz von Agent Orange, zog es auch auf die Nachbarländer von Vietnam – hier vor allem Laos und Kambodscha.

Die Folgen nach dem Krieg sind nicht absehbar

50 Jahre nach dem Vietnamkrieg sind gegenwärtig rund drei Millionen Menschen betroffen und 4,8 Millionen Vietnamesen sind exponiert und zählen somit zu den ärmsten Menschen des Landes. 70 % der Familien leben unterhalb der Armutsgrenze, und 22 % der Familien haben drei oder mehr Opfer. Viele sind schwerst behindert und 90 % sind arbeitslos. Die Last der Betreuung dieser Opfer fällt auf ihre Eltern oder Verwandten, von denen viele bereits im hohen Alter sind. Das Problem ist groß und wird sich noch verschärfen, wenn die Eltern und Betreuer dieser Opfer schließlich sterben.

Eine Entschädigung für die Missgebildete Menschen bleibt bis heute aus.
Die USA anerkennen lediglich an, dass das Gift die Natur verseucht hat – nicht aber die Menschen!
Die landesweite Vereinigung der vietnamesischen Agent-Orange Opfer, Vava, haben vor US-Gerichten Klagen von vietnamesischen Staatsbürgern eingereicht. Das Vorgehen richtet sich auch gegen die Chemiekonzerne: Dow Chemical, DuPont und Monsanto. Doch der Erfolg blieb bislang aus. Sowohl die amerikanischen Herstellerfirmen der Herbizide, als auch die US-Regierung haben bis heute gegenüber den Vietnamesen keine Schuld eingestanden.

Auch in dritter Generation nach dem Agent-Orange-Einsatz kommen immer noch Kinder mit geistigen Behinderungen und körperlichen Missbildungen zur Welt.
Forscher_innen gehen davon aus, dass es noch 13 Generation braucht, bis die Folgen von Agent Orange in Vietnam nicht mehr zu sehen sind.

Kleine Lichtblicke

Die 2004 gegründete Organisation VAVA (Vietnam asociation for victims of agent orange) setzt sich wenigstens für einen minimalen Teil der schon geschrieben Millionen Opfer durch Agent Orange ein.

Wenn es möglich ist, hilft VAVA diesen Menschen zu Hause oder in den wenigen Rehabilitationszentren, wobei hier den ärmsten Familien Vorrang eingeräumt wird.

MSAVLC (Medical and Scientific Aid for Vietnam, Laos and Cambodia) unterstützt VAVA seit vielen Jahren mit finanzieller Hilfe und der Bereitstellung von Ausrüstung. In den letzten Jahren hat MSAVLC 90 Rollstühle zur Verteilung in und um Ho-Chi-Minh-Stadt und 50 Rollstühle für den Bezirk Hanoi bereitgestellt.
In Ha Tinh, einem der von Agent Orange stark betroffenen Bezirke, wurde ein neues Wohn- und Rehabilitationszentrum gebaut. Ha Tinh ist eine der ärmsten Provinzen Vietnams. Sie leidet unter strengen kalten Wintern und heißen trockenen Sommern. Der Boden ist schlecht für die Landwirtschaft und die Infrastruktur ist mangelhaft. Die meisten Menschen leben von der Landwirtschaft, und das Leben ist hart, vor allem für die 20.000 Agent-Orange-Opfer in der Provinz. MSAVLC hat viele dringend benötigte medizinische Geräte für das Zentrum zur Verfügung gestellt, und es wurden auch Gelder für die Entfernung  entstellender Wucherungen in den Gesicher einiger Bewohner bereitgestellt.

Klarstellung

Boehringer Ingelheim hat kein Agent Orange hergestellt oder durch Vorprodukte oder Grundstoffe zu dessen Herstellung beigetragen. Trotzdem wird das Unternehmen immer wieder in diesem Zusammenhang genannt und über den tatsächlichen Sachverhalt falsch berichtet. Zusätzlich werden diese Quellen weiter zitiert, sodass sich die unwahren Darstellungen vervielfachen.

Fakt ist, dass Boehringer Ingelheim kein Agent Orange hergestellt hat und auch nicht, weder direkt noch indirekt durch Vorprodukte oder Grundstoffe, zur Herstellung von Agent Orange beigetragen hat.
Bestätigt ist, dass Boehringer die T-Säure und Trichlorphenolat-Lauge an das neuseeländische Unternehmen Ivon Watkins Ltd. lieferte. Dies daraus dann Herbizide herstellte, um große Weideflächen von Dornengestrüpp zu befreien.
Später wurde Ivon Watkins Ltd. von dem US-amerikanischen Unternehmen Dow Chemical übernommen, das in die Produktion von Agent Orange involviert war. Daraus entstand die unzutreffende Annahme, dass Boehringer zu dessen Herstellung beigetragen hätte.

Naike Juchem, 11. Oktober 2021

Quellen
–  Andreas Frey: Das Gift das bleibt.

– Boehringer Ingelheim

–  Isabell Franziska Berendet: Der Einsatz von Agent Orange während des Vietnamkriegs in den 1960er Jahren – Die Auswirkungen auf Mensch und Umwelt

– Micheal Gough: Dioxin, Agent Orange the facts.
– MSAVLC (Medical and Scientific Aid for Vietnam, Laos and Cambodia)

– VAVA (Vietnam asociation for victims of agent orange)

Meine Heimat

Wo ist meine Heimat?


Aufgewachsen in 2200 Meter Höhe am Hindukusch kannte ich nur diese Gegend als meine Heimat.
Aufgewachsen in einem Krieg kannte ich nur die Geräusche von Panzer, Raketen und Gewehre.
Aufgewachsen in Not, Angst und Armut kannte ich nur diese Heimat.
Geflohen aus dieser Heimat.

Aufbruch in eine neue Heimat.
Die Flucht brachte Angst, Not, Geräusche von Gewehren und den Tod.
Als 10-jährige wollte ich nicht mehr laufen, keine Angst mehr haben, keine Not mehr erleben.

Ich wollte sterben.

Als 10-jährige in ein Land zu kommen, dass ich nie kannte, war für mich befremdlich.
Als 10-jährige in einem Haus zu schlafen dessen Bewohner ich nicht kannte, war Angst.

Die Geräusche von Krieg waren weg und trotzdem da.
Fremde Verwandte gaben mir Liebe, Geborgenheit und Sicherheit.
Fremde Menschen gaben mir die Chance weiter in die Schule gehen zu können.
Fremde Menschen lernten mit mit eine fremde Sprache.
Fremden Menschen gaben mir einem Ausbildungsplatz.
Das fremde Land wurde meine Heimat.

Meine Heimat wurde mir Fremd.
Im Frühjahr 2005 wurde mir meine Heimat fremd und doch so bekannt.
Geräusche von Panzer, Raketen und Gewehren waren wieder da.
Die Angst kam zurück, wenn ich nachts die Decke über den Kopf schlug und nicht mehr leben wollte.
Fremde Menschen brachten mich an die Schule zurück. Fremde Menschen waren für mich da. Fremde Menschen glaubten an meine Stärke. Fremde Menschen gaben mir eine Tochter

Fremde Menschen schossen auf mich.
Fremde Menschen trieben mich mit meiner Tochter erneut zur Fluch.
Freunde nahmen meine Tochter in einem fremden Land auf. Erneut eine fremde Sprache lernen.

Meine Heimat brauchte mich
Zwischen den Welten der Heimat musste ich mich entscheiden. Ich entschied für die Heimat meiner Geburt.
Die Liebe zu meiner Heimat ließ mich wachsen und auch wenn die Geräusche von Krieg da waren, hatte ich keine Angst mehr.
Meine Heimat brachte mir eine zweite Tochter, die niemals ihrer Heimat sehen wird.
Ein fremdes Land wurde meine neue Heimat.

Am Montag, wenige Kilometer von meiner Heimat entfernt, wusste ich, dass ich dieser Heimat für immer den Rücken kehren werde.
Nun bin ich wieder in einem fremden Land und erfahre von fremden Menschen Hilfe, Geborgenheit und Sicherheit.

Meine Heimat wurde Deutschland und ich habe vielen Menschen für diese Heimat zu danken.
Meine Heimat wurden die Niederlande und ich habe mich endgültig entschieden.
Ich führer dies fort, was ich kann und wofür ich mein Lebenlang kämpfe: für die Freiheit und Menschenrechte.

Nila Khalil, Vojens Sogn, 22. August 2021

Distanzreiten

Reiten ist nicht zwangsläufig Tierquälerei

Autorin Evke Freya von Ahlefeldt


Wenn es nach den Worten von einigen (recht vielen) unwissenden Menschen geht, ist reiten reinste Tierquälerei und das Reiten, wie auch Reitsport, verboten werden müsste. Dann dürfte nach dieser Logik auch kein Mensch ein Tier besitzen! Selbst der putzige Kanarienvogel in der Reihenhaussiedlung Önkelsieg, ist in seinem kleinen Käfig Tierquälerei

Wie bei allen Tier-Mensch-Beziehungen geht es auch beim Reiten um Vertrauen.
Nicht jedes Pferd lässt sich Ausreiten, genauso wie nicht jeder Hund ein Such- oder Schutzhund ist. Es kommt auf den Charakter von dem Tier an. Es gibt Pferde, die lassen sich durchs nichts im Gelände erschüttern. Ob nun Hunde, Kühe, auffliegende Vögel, ratternde Traktoren und wackelige Brücken – sie bleiben entspannt.
Und dann gibt es Pferde, die bei einem Jogger in einem Kilometer Entfernung bereits nervös werden. Mit ihnen wird schon der kürzeste Ausritt eine Herausforderung. Wenn man dann noch unerfahren ist oder sich nicht mit dem Pferd verbinden kann, scheut das Pferd und kann den Reiter abwerfen. Jedes Tier hat seinen eigenen Charakter und wenn man diesen kennt, und auch auf einen Jogger oder Hund  in weiter Entfernung reagieren kann, bekommt das Pferd das Vertrauen  – es ist alles gut.

Pferde brauchen Bewegung
Pferde leben in freier Wildbahn in Steppen und bewegen sich circa 15–16 Stunden am Tag. Sie grasen auch während sie gehen. Schnellere Gangarten sind daher eher selten. In der restlichen Zeit liegen sie oder pflegen soziale Kontakte. Das langsame mehrstündige Vorwärtsgehen des Pferdes ist ein Grundbedürfnis und wenn man dies mit einem Pferd tut
Es spricht nichts gegen einen Ritt auf einem Pferd.

Der Schutz des Pferdes

Es gibt heute mehr als nur Sattel und Hufeisen für Pferde.
Eine regelrechte Industrie ist in den letzten Jahrzehnten entstanden, die sich mit allerlei nützlichen und unnützen Dingen rund um das Pferd entwickeln hat.
Ich lieste nur ein paar Punkte auf, die für die Gesundheit und Wohlbefinden des Pferdes wichtig sind.

Der Sattel

Der Sattel ist ein wichtiger Ausrüstungsgegenstand für das Pferd. Ähnlich wie ein Schuh beim Menschen, muss er wirklich passen, damit nichts zwickt oder reibt. Ein Sattel kostet zwischen 300 und 4500€ nach oben gibt es natürlich keine Grenzen. Der Sattel muss auch zum Reiter und für den Zweck passen.

Zaumzeug und Zügel

Grundsätzlich ist hier ebenso wie beim Sattel die Passform des Zaumes sehr wichtig, um dem Pferd beim Reiten keine Schmerzen oder Verletzungen zu zufügen. Elementare Bestandteile des Zaumes sind das Halfter und Kandare oder Trense – allerdings gibt es auch gebisslose Zäume wie das Hackamore. An dem Kopfgestell sind die Zügel befestigt. Bei der Bodenarbeit nennt man diese Lenkhilfen Longenleine, beim Fahrsport werden sie als Leinen bezeichnet. Über die Zügel oder Leinen können Druckpunkte im Maul, am Kinn und im Genick angesteuert und das Pferd entsprechend navigiert werden

Der Hufschuh

Unter einem Hufschuh versteht man einen nicht permanent mit dem Huf verbundenen Hufschutz. Der Hufschuh wird über den Huf eines Pferdes gezogen und befestigt. Eingesetzt werden Hufschuhe bei Hufen, die aus Krankheitsgründen nicht mit einem traditionell aufgenagelten oder auch verklebten Hufbeschlag beschlagen werden können, weil ein Schutz der Hufe nur temporär benötigt wird, z. B. Wanderritten mit wechselnden Untergründen oder Ausritten auf hartem Boden, oder das Pferd auf natürlichen Barhuf umgestellt wird.

Hufglocken und Gamaschen

Die Hufglocken sind auch eine Art Gamaschen, die jedoch nur um den Huf bzw. Ballen gelegt werden. Sie schützen die der Pferde vor Verletzungen, so wird vermieden, dass sich das Pferd selber mit seinen Hinterhufen in die Fesseln und den Ballen treten kann. Außerdem  wird ein runtertreten der Hufeisen beim Laufen oder Galopp verhindert. Sie sind äußerst strapazierfähig und reißfest.
Auch die Gamaschen schützen die Beine der Pferde vor Schlägen und Stößen. Vor allem Pferde mit Hufeisen können sich beim Springen, Reiten oder Freilaufen leicht mit den Eisen gegen die eigenen Beine schlagen.

Hufeisen

Warum muss man Pferd beschlagen ?

Bei Pferden in freier Wildbahn oder auch bei den früheren Wildpferden, wird so viel Horn beim Laufen und Galoppieren abgerieben. Dadurch, dass sich Pferde heute kaum noch wild, sondern vielmehr mit dem Reiter auf dem Rücken bewegen, ist der Huf ganz anderen Anforderungen ausgesetzt. Gerade wenn Pferde viel auf hartem, steinigem Untergrund laufen, nutzt sich die Hornschicht schneller ab. Pflaster oder asphaltierte Straßen sind Gift für den Huf. Durch den Beschlag oder kleben mit Hufeisen wird der Huf vor der zu schnellen Abnutzung und vor Verletzungen geschützt.
Das Beschlagen tut dem Pferd nicht weh! Der Mensch schneidet sich ja auch die Finger- und Fußnägel.

Soweit mal einen Minimalen in Dinge die man braucht um überhaupt reiten zu können.

Reiten

Man kann einem Pferd mit Gewalt und Machtdemonstration, hier vor allem im Dressureiten aufzwingen, oder man lässt Pferd auch Pferd sein.
Ich halte von Dressureiten überhaupt nichts, denn dies ist gegen die Natur von einem Pferd.

Auch das bekannte Westernreiten ist nicht unbedingt Tierfreundlich da es um Geschwindigkeit und Wendigkeit geht. Das Pferd muss aus dem Stand angaloppieren, sich schnell um die eigene Achse drehen oder Vollbremsungen machen. Hier kommt es auch sehr oft zu Verletzungen der Sehnen oder Bänder.

Der Freizeitritt ist eigentlich die beste Art der Bewegung für das Pferd.
Beim sogenannten Wanderreiten hält man die Zügel locker und das Pferd entscheidet selbst ob es über Bäumen oder Büsche Springen will oder gemütlich über die Flure schlendern. Ein versierter Reiter merkt wie sein Pferd auf Hindernisse reagiert oder ob es mal an Zeit ist einen Zahn zuzulegen.

Ich reite oft mehrere Tage und lasse mein Pferd auch galoppieren oder über herausfordernde Strecken reiten. Dafür muss aber ein Bedingungsloses Vertrauen zwischen beiden sein und man muss das Tagespensum der Kondition des Pferdes angepassten.

Ich reite mein Lebenlang

Ich reite seit 36 Jahren. Also, ich konnte noch nicht richtig laufen, da saß ich schon auf einem Pferd.
Mit ungefähr 10 Jahren fing ich intensiv mit dem Reitsport an. Voltigieren machte ich vier Jahre, mir gab dieser Sport nichts, denn dies ist für mich ein „Mädchensport“.

Mit 14 fing ich mit dem Springreiten an

Beim Springen muss man schnellstmöglichst ein Parcours von Hindernissen ohne Abwürfe überwinden. Dafür braucht es Schnelligkeit, Gefühl für das Pferd, Balance und auch etwas Mut.
Beim Springreiten muss man das  Pferd so an den Sprung heran reiten, damit das Pferd beim Absprung eine optimale Flugkurve entwickeln kann. Man muss sehr präzise reiten, und mit dem Pferd über die Hindernissen reiten.

Beim Sprungreiten muss der Reiter merken, wenn das Pferd nicht will oder kann. Es gibt viele Faktoren die einen Sprung versauen können. Man ist zu nah an das Hinderniss geritten oder zieht das Pferd zu früh hoch.
Ab und an mache ich mit meiner Wyke auch Springreiten. Wenn sie den Sprung aus welchen Gründen auch immer abbricht, ist dies völlig in Ordnung. Wenn ich merke, der Sprung kann meinem Pferd die Hölzer gegen die Beine schlagen, ziehe ich das Pferd zurück.

Im Studium in Frankreich kam ich an den Distanzritt.
Das Distanzreiten ist in Deutschland nicht so sehr bekannt, in Frankreich schon eher. Dies reite ich heute noch und macht mir auch mehr Spaß als im Kreis zu reiten.

Der Distanzritt ist die ursprünglichste Form den reiten von Mensch und Pferd.

Beim Distanzreiten geht es darum, mit dem Pferd eine vorgegebene Distanz in schnellstmöglicher Zeit zu reiten.
Wer bei solchen Wettkämpfen seinem Pferd die „Sporen“ gibt und meint das Tier bis ans Limit laufen zu lassen, kann schon an dem ersten oder zweiten Vet-Gates ausgeschieden sein.
Diese sogenannten Vet-Gates sind Haltestadionen auf dem Ritt und dort werden die Pferde tierärztlich untersucht. Nur Pferde, die ohne Beanstandung die tierärztlichen Untersuchungen durchlaufen, dürfen den Distanzritt fortsetzen.

Bei diesem Sport kommt es nicht darauf an, wer als erstes im Ziel ist, sondern wie Puls, Atmung, Bewegungsablauf und Gesundheitszustand des Pferdes ist. Nach jedem Wettkampf muss das Pferd in einer vorgegeben Zeit einem Tierarzt vorgeführt werden und erst wenn dieser einen einwandfreien Zustand vom Pferd bescheinigt, ist der eigentliche Wettkampf beendet. Ich hatte bei den Vet-Gates noch nie Probleme gehabt. Ich merke schon, wenn Wyke eine Pause – langsamenTrab  braucht oder will.

Der Distanzritt ist schon cool, weil man das Pferd nach seiner Laune laufen lassen kann. Pferde brauchen Bewegung und wenn das Pferd selbst die Geschwindigkeit geben kann, ist dies noch viel besser. Ähnlich wie bei Hunden, die spielen, laufen oder schnuppern wollen, hat auch ein Pferd sein „Macken“. Beim Distanzreiten gibt es auch den Vorteil, dass man in Gruppen reiten kann und so ziehen sich die Pferd gegenseitig an oder schnaufen im langsamen Trab durch.

Die Königsdistanz beim Distanzreiten in der Marathon: der „100-Meiler“.
Reiter und Pferd legen bei disem Wettkampf an einem Tag 160 Kilometer zurück. Bis Pferd und Reiter soweit sind, dauert es Jahre.
Internationale Ritte werden ab einer Länge von 80 Kilometern ausgeschrieben, und dies ist schon sehr sehr ansteckend.

Ich denke, dass ich nun ausführlich erklärt habe, wie ich mit Pferden umgehe und bestimmt keine Tierquälerin bin, nur weil ich reite.

Banlieues

Trostlosigkeit, Armut, Gewalt und keine Perspektive  – dies sind die Schlagwörter für die Vororte von Paris.

Autorin Evke Freya von Ahlefeldt

Einleitung
Wer in einem Banlieues wohnt oder aufwächst, hat den Ausschluss an die Gesellschaft verloren.
Die Schulen in den Banlieues gleichen Gebäude in einem Kriegsgebiet. Es gibt kaum jemand der freiwillig in die Banlieues will und schon gar nicht als Lehrer.
Gewalt ist an der Tagesordnung. Dies geht von banalem Diebstahl über Körperverletzung bis Mord.
Es kommt auch hin und wieder vor, dass man dein Auto anzündet.

Die Problematik in den Banlieues besteht seit über 40 Jahren und es scheint auch keine Besserung in Sicht zu sein.

Ich bin zwar im Kriseninterventionsteam der UN mit Stützpunkt Frankreich, werde aber auch schon mal gerufen, wenn es brennt – im wahrsten Sinn des Wortes. Wenn mal wieder der Mob seine Aggressionen auslässt, rücken zuerst Hundterschaften von Polizisten und Feuerwehrleute an. Wenn die Krawallen unter Kontrolle sind, kommen dann Ärzte, Psychologen, Seelsorger, Sozialarbeiter und eben Krisen erprobte Fachleute zu den Brennpunkten.
Nach dem Chaos müssen viele Menschen medizinisch und psychologisch betreut werden, denn es werden schon mal Wohnung, Kioske und Läden
durch die Krawalle zerstört. Manche Menschen verlieren an einem Abend oder Nacht ihren Besitz oder Existenz.

Wenn ich zum Einsatzort  komme, habe ich immer eine Schutzweste an, denn es kann schon mal vorkommen, dass eine Person ein Messer oder Waffe zieht.
Wie schon geschrieben, wächst man in den Banlieues mit einer alltäglichen Gewalt auf und Selbstjustiz gehört zum Alltag wie der morgentlichen Gang zum Bäcker.

Ich könnte tagelang schreiben, was ich in den letzten Jahren in den Banlieues erlebt habe, der Unfall in Beirut, im August 2020, kommt nicht annähernd an das was ich an Elend, Armut, Krankheiten und Hoffnungslosigkeit in den Vororten von Paris sah.

Seit ein paar Monaten sind Street-Art Künstler im 13. Arrondissement und geben einigen der Häuser etwas Farbe oder malen Bilder auf die Fassaden. Farbe löst aber die Probleme nicht.
Die Politik hat seit Jahrzehnten die Menschen im Stich gelassen und für eine Rückkehr in die Normalität ist es schon lange zu spät. Die Kriminalität hat schon lange die Banlieues im Griff und durch die vielen Banden, Drogen und Prostitution sind die Vororte ein Mikrokosmos mit eigenen Gesetze in einer Millionen Metropole.

Die Banlieues von Paris

Der Großteil der Banlieues in Frankreich entstand nach dem Zweiten Weltkrieg, als massive Wohnungsnot zum Bau neuer Hochhaussiedlungen in die Nähe der Industriestandorte führte. Sollte die moderne Architektur der Großwohnsiedlungen ursprünglich Symbol des wirtschaftlichen Aufschwungs und eines neuen Lebensstils sein, so verlor sie jedoch schnell an Attraktivität. Infrastrukturelle Mängel infolge einer strikten Trennung von Wohnen und Arbeiten sowie bauliche Missstände wurden schnell sichtbar. Wer es sich leisten konnte, zog in die Einfamilienhausgebiete im suburbanen Raum oder in die Innenstadt.

Größtenteils bezogen Einwanderer insbesondere aus den ehemaligen französischen Kolonien in Nordafrika die leer stehenden Wohnungen. In den 1970er Jahren führten Wirtschaftskrise und Desindustrialisierung zu hoher Arbeitslosigkeit unter den Vorstadtbewohnern. So entwickelten sich die Banlieues rasch zu einem Auffangbecken für die sogenannte Problembevölkerung. Sozialräumliche Ausgrenzung, infrastrukturelle Mängel und politische Vernachlässigung bilden seither eine explosive Mischung, die sich regelmäßig in kollektiver Gewalt entlädt.

Chronische Unruhen

Die Debatte über die Lebensumstände in den Banlieues begann mit den ersten offiziell registrierten Unruhen im Sommer 1981. In Folge einer Verfolgungsjagd zwischen Jugendlichen und der Polizei in einem Vorort von Lyon waren mehrere hundert Fahrzeuge in der Umgebung von Lyon, Paris und Marseille in Brand gesetzt worden. Seither sind Ausschreitungen in den Banlieues zu einem chronischen Phänomen in Frankreich geworden. Im Herbst 2005 erreichten die Unruhen schließlich ein Ausmaß, das in seiner Dauer und geographischer Ausbreitung selbst Experten überraschte. Zwischen dem 27. Oktober und dem 17. November 2005 lieferten sich jugendliche Vorstadtbewohner in ganz Frankreich Straßenschlachten mit der Polizei. Im Verlauf brannten mehr als 10.000 Fahrzeuge. Hunderte öffentliche Gebäude wurden zerstört, darunter Schulen, Kindergärten, Sporthallen, Postämter, Rathäuser und Polizeidienststellen.

Auslöser der Gewalt war der Tod zweier Jugendlicher mit maghrebinischem Migrationshintergrund, die in einem Trafohäuschen Zuflucht vor einer Polizeikontrolle gesucht hatten und an einem Stromschlag starben. Am 8. November ließ die Regierung erstmals seit dem Algerienkrieg den Ausnahmezustand ausrufen, der bis Januar 2006 anhielt. Die Reaktionen der Regierenden wurden vielfach kritisiert, insbesondere die Äußerungen des damaligen Innenministers Nicolas Sarkozy, der gleich zu Beginn der Unruhen Öl ins Feuer goss, indem er die Jugendlichen als „Abschaum“ abstempelte und ankündigte, die Vororte mit einem „Hochdruckreiniger“ säubern zu wollen.

Seit 2005 hat es viele weitere Ausschreitungen in Frankreich gegeben, die jedoch kein vergleichbares Ausmaß erlangt haben. Gleichwohl zeugen die Ausschreitungen der letzten Jahre, beispielsweise 2007 in Villier-le-Bel, 2010 in Grenoble oder zuletzt 2012 in Amiens, von einer sehr viel höheren Gewaltbereitschaft der Jugendlichen. Die Erklärungsansätze in Wissenschaft und Politik für die Ursachen der Unruhen sind vielfältig: sie reichen von einer sich verschärfenden sozialräumlichen Ausgrenzung, einer Krise des republikanischen Integrationsmodells, einer postkolonialen Krise, mangelhafter Stadtpolitik, extremer Repression durch die Polizei über eine zunehmende Islamisierung und Kriminalität unter Jugendlichen bis hin zu negativem Einfluss der Medien.

Ausgrenzung auf allen Ebenen

Die Konzentration sozioökonomischer und städtebaulicher Probleme bleibt trotz massiver staatlicher Maßnahmen charakteristisch für die Situation der Banlieues, in denen knapp fünf Millionen Franzosen leben. Neben einer defizitären Ausstattung des Wohnumfeldes, einer schlechten Anbindung an die Innenstädte und desolaten Wohnverhältnissen liegen auch viele andere soziale Indikatoren seit Jahren deutlich unter dem nationalen Durchschnitt. Laut dem letzen Bericht der Nationalen Beobachtungsstelle kritischer Stadtteile  war die Arbeitslosenquote in den von der Politik als Problemgebiete ausgewiesenen Vierteln im Jahr 2010 mit 20,9 Prozent doppelt so hoch wie im nationalen Durchschnitt. Die durchschnittliche Jugendarbeitslosenquote lag im selben Jahr bei 41,7 Prozent (23,2 Prozent im nationalen Durchschnitt). Ein Drittel der Bevölkerung lebte 2009 unter der Armutsgrenze und auch das Bildungsniveau liegt deutlich unter dem nationalen Level. 53 Prozent der beschäftigten Jugendlichen besaßen im Jahr 2010 nur den niedrigsten Schulabschluss.

Die Stigmatisierung der Banlieue als ’sozialer Brennpunkt’ oder ‚Ghetto’ hat darüber hinaus dazu geführt, dass die räumliche Konzentration sozialer Probleme selbst zur Ursache für Ausgrenzung und Benachteiligung geworden ist. So haben viele Studien gezeigt, dass die Bewohner der Problemgebiete aufgrund ihres Wohnortes beim Eintritt in das Berufsleben sowie bei der Wohnungssuche außerhalb der Problemviertel diskriminiert werden. Diese Diskriminierungen betreffen in besonderem Maße Migranten, die mehr als die Hälfte aller Vorstadtbewohner stellen.

Aufgrund des hohen Migrantenanteils und weil an den Ausschreitungen vor allem maghrebinische Einwanderer der zweiten Generation beteiligt waren, sind die Vororte auch zu einem Synonym für gescheiterte Integration geworden. Nach den Unruhen von 2005 standen das französische Integrationsmodell und sein republikanischer Gleichheitsanspruch überall zur Debatte. Das Integrationsversprechen Frankreichs besteht darin, die Gleichheit aller französischen Bürger im Staatsbürgerschaftsrecht und den staatlichen Institutionen zu garantieren – unabhängig von sozialen, religiösen, ethnischen oder territorialen Unterschieden.

Angesichts der Diskriminierungen, Stigmatisierung und sozialräumlichen Ausgrenzung in den Banlieues kann der Staat dieses Versprechen jedoch nicht einlösen. Frustration und Aggression erscheinen als logische Konsequenz der Diskrepanz zwischen den versprochenen Werten und der täglich erlebten Ausgrenzung. Dies erklärt auch, warum sich die Gewalt der Jugendlichen bei den Ausschreitungen insbesondere gegen staatliche Institutionen wie Schule oder Polizei richtet. Hinzu kommt, dass neben der generellen Stigmatisierung auch eine Ethnisierung des Banlieue-Diskurses stattfindet. Dabei wird die Krise der Vorstädte in der Öffentlichkeit oft auf die ethnische Herkunft oder Religiosität der Bewohner und damit verbundene Problemlagen zurückgeführt, so dass das soziale Stigma vom ethnischen nicht mehr zu trennen ist. Konsequenz dieser doppelten Stigmatisierung sind wiederum weitere Diskriminierungen, Rassismus, aber auch das Erstarken islamischer Subkulturen.

Neben der sozialräumlichen und ethnisch-religiösen Ausgrenzung sind die Banlieues auch von politischen Entfremdungsprozessen betroffen. Die Wahlbeteiligung ist trotz steigender Tendenz seit Jahren sehr gering. Die Gründung des Bürgerrechtskollektiv ACLEFEU (der Name bedeutet so viel wie „Genug vom Feuer“) nach den Unruhen von 2005 und das Schreiben von Beschwerdebriefen an die Regierung verdeutlichen die Unzufriedenheit der Bewohner mit ihrem mangelnden Einfluss und der unzureichenden politischen Aufmerksamkeit für ihre Probleme. Mit dem Niedergang der gesellschaftlichen Bedeutung der Industriearbeiterschaft und ihrer gewerkschaftlichen Organisation, hoher Arbeitslosigkeit und ethnischer Vielfalt haben die Banlieues zudem an sozialem Zusammenhalt verloren, was eine gemeinsame Interessenartikulation und -durchsetzung erschwert.

Zwischen Stadtpolitik und Sicherheitspolitik

Das staatliche Vorgehen in den Banlieues wird von zwei Hauptpolitiken geprägt: der Stadtpolitik und der Sicherheitspolitik. Die Stadtpolitik wurde Anfang der 1980er Jahre als Reaktion auf die ersten Unruhen etabliert, es existiert ein entsprechendes Ministerium. Ihr Ziel ist nicht nur die Sanierung der mittlerweile 751 Problemgebiete sondern auch die Verbesserung der schulischen, sozialen und kulturellen Versorgung, Kriminalitätsbekämpfung sowie die Stärkung lokaler Ökonomien. So soll beispielsweise die Ansiedlung von Unternehmen durch Steuererleichterungen gefördert werden. Zusätzliche finanzielle Mittel und eine spezielle Lehrerausbildung sollen zur Verbesserung des Bildungssystems beitragen.

Im Jahr 2008 wurde zudem vom damaligen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy ein „Marshall-Plan“ mit dem Titel Espoir Banlieue initiiert, dessen Hauptziel die Etablierung von Chancengleichheit und die Verringerung struktureller Unterschiede zwischen den Vierteln ist. Die anhaltenden Unruhen und die aktuelle soziale Situation verdeutlichen jedoch, dass die bisherigen Maßnahmen keine Lösung für die komplexen gesellschaftlichen Problemlagen bieten. Insbesondere in Bezug auf die Bekämpfung von Diskriminierung und Rassismus bleibt die Stadtpolitik machtlos angesichts der Unmöglichkeit einer expliziten Minderheitenförderung aufgrund des republikanischen Gleichheitsprinzips.

Die Stigmatisierung der Banlieue als desorganisierter krimineller Raum sowie die tatsächliche Zunahme von Kriminalität und Gewalt haben zudem zur Etablierung einer umfangreichen Sicherheitspolitik mit speziellen Polizeieinheiten für städtische Gewalt geführt. Die konkreten Zielsetzungen dieser Politik variieren je nach Regierung. Während die linken Regierungen ihren Fokus auf eine Polizeistrategie der Nähe setzten, etablierten die rechten Regierungen eine Politik des law and order mit einer extremen Präsenz von Sicherheitskräften. Exemplarisch sind hier die repressiven Maßnahmen Nicolas Sarkozys nach den Unruhen von 2005. Das Resultat ist jedoch kein Rückgang der Gewalt sondern vielmehr ein extrem konfliktbelastetes Verhältnis zwischen Polizei und Jugendlichen, welches nach Meinung vieler Experten Unruhen provoziert.

Im August 2012 hat die französische Regierung ein neues Sicherheitskonzept vorgestellt, welches die Schaffung von jährlich 500 zusätzlichen Stellen bei der Polizei ebenso vorsieht wie die Einrichtung von 15 prioritären Sicherheitszonen in den sozialen Brennpunkten ausgewählter Städte. Ob diese Maßnahmen greifen, bleibt abzuwarten. Einer weiteren Stigmatisierung der Banlieue wirken sie jedenfalls nicht entgegen.

Persien – Das prächtige Reich

Innerhalb von nur 30 Jahren entwickelten sich die Perser von einem unbedeutenden Stamm am Rande Babyloniens zu Herrschern über das mächtigste Reich der damaligen Welt. Die Perser und ihre Nachbarn, die Melder, waren erst um 1300 v.Chr. In das Gebiet des heutigen Iran eingewandert. Zuerst beherrschten die Meder das Gebiet. Dann wurde 559 v. Chr. Kyros der Große König der Perser. Kühn riß es das Königreich Medien an sich, obwohl dessen Herrscher sein eigener Großvater war. Er unterwarf auch die griechischen Städte in Ionien sowie Lydien, das reich an Goldreserven war. 539 v. Chr. schließlich eroberte Kyros der Große das mächtige Babylon.
Über 200 Jahre lang waren die Perserkönige die uneingeschränkten Herrscher dieses Raumes. Die Perser waren geschickte Krieger, Reiter und Handwerker. Zudem besaßen sie eine hervorragende Verwaltung.

Um das riesige Reich, das sich nun von Ägypten bis Indien erstreckte, kontrollieren zu können, unterteilte es König Dareios I. (552-486 v. Chr.) in Provinzen, sogenannte Satrapien. Feste Straßen verbanden die entferntesten Winkel des Reiches miteinander. Zölle und Steuern strömten in die Paläste von Persepolis und Susa.

König der Könige
Um ihre absolute Macht über andere Herrscher zu demonstrieren, nahmen die persischen Monarchen den Titel „König der Könige“ für sich in Anspruch. Der Großkönig verfügte über uneingeschränkte Macht. Er hatte zahlreiche Frauen, die gemeinsam in besonderen Gemächern, dem Harem, wohnten. Doch viele Leute waren neidisch und versuchten ständig, den König zu ermorden. Um dem zu entgehen, ließen die Könige oft vorsorglich ihre gesamte männliche Verwandtschaft umbringen.

Die Ohren des Königs
Das Persische Reich war so riesig, dass es in 20 Satrapien eingeteilt wurde. Jede Satrapie wurde von einem Statthalter verwaltet. Doch der König musste prüfen, ob seine Beamten auch wirklich treu waren. Er musste wissen, ob sie stets die richtige Menge an Steuern erhoben oder mehr eintrieben und den Überschuss in die eigene Tasche steckten. Um dies herauszufinden, hatte er spezielle Beamte, bekannt als die „Ohren des Königs“. Sie mussten den leisesten Verdacht auf Verrat melden.

Die Kriege gegen die Griechen
Perser und Griechen waren stets verfeindet. Als die griechischen Städte Ioniens von Persien unterworfen wurde, kamen die Truppen des griechischen Mutterlandes zur Hilfe. Dies wiederum hatte eine Reihe persischer Angriffe zur Folge. König Dareios I. Und König Xerxes fielen 490 bzw. 480 v. Chr. In Griechenland ein. Die Griechen waren zahlenmäßig unterlegen und erlitten einige Rückschläge, doch am Ende gelang es ihnen, die Angriffe durch mehrere Siege zurückschlagen. Die Kriege erregten bei den Griechen großes Hass auf die Perser, so dass sie auf Rache sannen, was ihnen unter Alexander dem Großen dann auch gelang.

Persepolis
Die offizielle persische Hauptstadt war Susa am Tigris, wo es im Winter wärmer war als in der ursprünglichen Hauptstadt Pasargadae. Die Ruinen von Susa liegen im Südwesten des heutigen Iran  nahe der irakischen Grenze in der Provinz Chuzestan am Rande der heutigen Stadt Schush. Susa ist eine der ältesten durchgehend besiedelten Städte der Welt. Die Etymologie des Stadtnamens ist unsicher.
Pasargadae liegt in 1900 m Höhe im Zagrosgebirge auf einem Plateau in der Persis. Die Stadt erstreckte sich über ca. 300 Hektar und verfügte seinerzeit über ein ausgeklügeltes unterirdisches Bewässerungssystem. Heute sind die Ruinen der Paläste mit Monumentaltoren, Apadana und dem Empfangspalast mit reichem plastischem Schmuck zu sehen. Im heiligen Bezirk liegt auch der Feuertempel mit Altären und das Grabmal König Kyros’ II. Auf einen Sockel aus sechs Steinstufen ist ein Kenotaph in der Form eines kleinen Steinhauses aufgesetzt. Das Grabmal stand in einem weitläufigen Garten. Um 520 v. Chr. wurde die Residenz von Dareios I. Etwa 50 km nach Südwesten verlegt. Die rekonstruierten Reste der Hauptstadt sind unter dem griechischen Namen Persepolis bekannt.


Doch um 520 v. Chr. Rief König Dareios I. aus allen Landesteilen erfahrene Arbeiter nach Persepolis, um sich von ihnen einen prunkvollen Palast bauen zu lassen. Der Palast wurde aber alljährlich nur um die Zeit des Neujahrsfest genutzt. Dann kamen Gesandte aus dem ganzen Reich, um dem König in einer riesigen Audienzhalle mit viel Pomp ihre Geschenke zu überreichen.
Die Geschenke kamen von Assyrern, Babyloniern, Elamiten und Inder. Pferde, Gold, Löwen, Rinder und zahlreiche andere Dinge wurden dem König geschenkt.

Noch kurz eine Erklärung zu dem Foto
Das Ischtar-Tor, eines der Stadttore von Babylon – sowie die Prozessionsstraße wurden in ihrer endgültigen Form unter der Herrschaft von Nebukadnezar II. (605–562 v. Chr.) errichtet. Babylon war die Hauptstadt Babyloniens und lag am Euphrat im heutigen Zentral-Irak.

Autorin: Naike Juchem

Ich packe meinen Koffer

Ich packe meinen Koffer und nehme mit…

Autorin Naike Juchem

Wer kennt nicht dieses Spiel?
Menschen waren schon seit jeher auf der Reise. Auf der Reise nach Nahrung, nach Erkenntnis oder Freiheit.

Wenn ich die Welt betrachte und sehe wieviele Menschen ihre Koffer packen – müssen, um irgendwo ein neues Leben anzufangen.

Ende des 18. Jahrhunderts brach in Europa die große Auswanderungswelle an. Millionen von Menschen suchten sogar in Übersee eine neue Heimat.

Die Geschichte ist voll mit Berichten von Menschen die den Koffer gepackt hatten.
Sei es  Namen wie:
– Marco Polo
– Nikolaus Kopernikus
– Christoph Kolumbus
Sie haben unser Wissen durch ihre Reisen erweitert.

Nun drei Namen von Menschen, die auch ihren Koffer gepackt hatten. Sie haben unser Wissen durch ihren Tod erweitert.
– Alan Kurdi (2 Jahre alt. Auf der Flucht im Mittelmeer Ertrunken.)
– Somalier Nalo (14 Jahre alt. Verhungerte in einem Schleppergefängnis in Libyen.)
– Peter Fechter (18 Jahre alt. Erschossen beim Fluchtversuch in Berlin-Mitte, Zimmerstraße; vor den Augen einer großen West-Berliner Menschenmenge im Todesstreifen verblutet.)

Im zweiten Weltkrieg mussten in Europa sehr viele Menschen ihre Koffer packen. Sie sind geflohen oder wurden Deportiert.

Nach diesem Krieg packten wieder sehr viele Menschen ihre Koffer. Es waren Menschen aus:
– Italien
– Jugoslawien
– Griechenland
– Türkei

Zu Beginn der 80er waren es die Boatpeople, die auf der Suche nach Heimat und Frieden sich aufmachten.

Ende der 80er waren es die Menschen aus Ostdeutschland, die ihre Koffer packten, um in Freiheit leben zu können.

Mit dem Beginn des neuen Jahrtausend waren es Menschen aus:
– Afghanistan
– Eritrea
– Sudan
– Irak

Nun schreiben wir das Jahr 2021 und noch nie gab es so viele Menschen auf dieser Welt, die ihren Koffer gepackt haben.
Kriege, Terror, Hunger, Klimawandel und Umweltverschmutzung sind nur ein paar der Gründe um den Koffer zu packen.

Gleichzeitig erlebt diese Welt einen immer größeren Hass gegen Menschen aus anderen Kulturen oder Herkunft.
Jene Menschen die so voller Hass sind, haben noch nie ihren Koffer packen müssen. Sie leben in Wohlstand, Freiheit und Sicherheit. Warum also packen?

Unser Koffer steht rein zufällig in Deutschland, Frankreich, Niederlande oder Österreich. Was würden die Menschen in ihren Koffer packen, wenn sie flüchten müssten? Das Wohlstandsleben braucht oft einen großen Transporter um ein Teil des Lebens in eine andere Wohnung oder Stadt zu bringen – es reicht kein Koffer.

Kein Mensch packt seinen Koffer ohne Grund.

Naike Juchem, 26. August 2021

Die Kinder von Lidice

Kinder des Krieges

Sind so kleine Seelen
offen und ganz frei.
Darf man niemals quälen
gehn kaputt dabei.

Autorin Naike Juchem

Die Gräueltaten der NSDAP sind vielen bekannt und es gibt Millionen Fällen, wo Menschen brutal ermordet, Hingerichtete, verhungern, vergewaltigt oder vergast wurden.
Nach wissenschaftlichen Schätzungen zufolge wurden ungefähr 17 Millionen Menschen von Nationalsozialist_innen und ihren Unterstützer_innen ermordet. Diese Zahlen Basis auf Daten die das United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) veröffentlicht hat. Die Schätzungen basieren auf Kriegsberichten derjenigen, die die NS-Bevölkerungspolitik umgesetzt haben, sowie auf demographischen Studien zum Bevölkerungsverlust während des Zweiten Weltkriegs, die nach dem Krieg durchgeführt wurden. Die jüngste Schätzung zur Opferzahl der Homosexuellen beruht auf den Forschungen des deutschen Historikers Dr. Alexander Zinn, der zu dieser Opfergruppe zuletzt intensiv geforscht hat.

Ein Teil der Opfer davon wurde in Deutschland selbst ermordet, etwa in Konzentrationslagern, Gefängnissen, bei Pogromen oder in Krankenanstalten wie Bernburg, Hadamar, Hartheim und Sonnenstein. Eine besonders große Zahl an Menschen wurde in Polen und der ehemaligen Sowjetunion ermordet. Hier hatten die Deutschen Vernichtungslager errichtet, in denen unter anderem ein Großteil der jüdischen Opfer umgebracht wurden. Zudem erschossen Einsatzgruppen im rückwärtigen Heeresgebiet viele Zivilisten, die meisten davon Juden. Den Großteil der russischen Kriegsgefangenen ließ die Wehrmacht in Gefangenenlagern verhungern. In der Grafik nicht aufgeführt sind deutsche politische Gegner und Widerstandskämpfer in von den Achsenmächten besetzten Gebieten. Ihre Zahl ist laut USHMM bislang unbestimmt.

Die Kinder von Lidice

Lidice war bis zum Frühjahr 1942 ein Dorf, nur 22 km von Prag entfernt. 493 Menschen lebten dort in 102 Familienhäusern. Die Männer arbeiteten meistens in den Stahlwerken und Kohlebergwerken im 7 km entfernten Kladno.

Seit März 1939 war Tschechien, wie andere Regionen Europas durch das nationalsozialistische Deutschland besetzt, die Gebiete quasi zu Kolonien degradiert. Im Mai 1942 wurde in Prag ein Attentat auf den Reichsprotektor Böhmen und Mähren, Reinhard Heydrich, verübt. Heydrich starb am 04. Juni 1942. Am 03. Juni entdeckte die Gestapo eine Spur – ein falsch gedeuteter Liebesbrief – die nach Lidice führte. Die Nachforschungen vor Ort ergaben keine Bestätigung des Verdachts, dass die Bewohner von Lidice an dem Attentat beteiligt gewesen wären. Dennoch sollte ein Exempel statuiert werden. Am 09. Juni, am Tag der Beisetzung Heydrichs in Berlin, wurde das Schicksal Lidices in einer Führerbesprechung besiegelt:

Betrifft Ortschaft Liditz, Bezirk Kladno. Am 09.06.1942, um 19:45 Uhr, teilt SS-Gruppenführer K. H. Frank aus Berlin telefonisch mit, dass auf Grund eienr Führerbesprechung die Ortschaft Liditz folgendermaßen zu behandeln ist:

• Alle männlichen Erwachsenen sind zu erschießen.

• alle Frauen sind in ein Konzentrationslager zu überstellen.

• die Kinder sind zu sammeln und, soweit eindeutschungsfähig, an SS-Familien ins Reich zu geben. Der Rest wird einer anderen Erziehung zugeführt.

• die Ortschaft ist niederzubrennen und dem Erdboden gleich zu machen. Die Feuerwehr ist hierbei einzuschalten (…)

Nun möchte ich über ein einzigartiges Projekt der Bildhauerin Marie Uchytilová berichten.
Die Statuengruppe aus Bronze mit dem Namen „Denkmal für die Kinderopfer des Krieges“ erinnert einerseits an das tragische Schicksal der Lidicer Kinder, andererseits an alle Kinderopfer des Zweiten Weltkrieges.
Dank beträchtlicher finanzieller Spenden aus Tschechien und dem Ausland konnte die Statuengruppe aus Bronze in ihrer endgültigen Gestalt im Jahre 2000 auf dem Gelände der Gedenkstätte Lidice enthüllt werden.


Die Statuengruppe stellte Marie Uchytilová nach zwanzig Jahren fortwährender Arbeit im Frühling 1989 fertig. Die ersten drei Statuen goss sie auf eigene Kosten in Bronze. Für die weitere Umsetzung der Kindergruppe konnte sie jedoch nicht mehr fortführen, da sie am 16. November 1989 unerwartet und plötzlich verstarb.

Für die Arbeit an ihrem Lebenswerk studierte Marie Uchytilová Fotos der ermordeten Kinder. Neben der Größe und dem Alter der Kinder versuchte sie, auch ihre Wesensart festzuhalten.
82 überlebensgroße Statuen erinnern an das Schicksal der 82 Lidicer Kinder, die im Vernichtungslager Chelmno starben, das auf dem Gebiet des damaligen Generalgouvernements lag. Nachdem die Kinder als nicht Germanisierung geeignet befunden wurden, fanden sie den Tod in Gaswagen.
Nur neun Lidicer Kindern wurde eine Chance gegeben. Sie wurden in deutsche Familien auf dem Gebiet des Dritten Reichs gegeben. Sieben Kinder unter 12 Monaten wurden in einer Krankenhauseinrichtung in Prag untergebracht.
Nur zwei der sechs Kinder, die Lidicer Frauen nach der Tragödie zur Welt brachten, überlebten das Elend des Krieges. Neugeborene, die das Licht der Welt hinter den Mauern des Konzentrationslagers Ravensbrück erblickten, wurden auf der Stelle ermordet. Nur 17 der 105 Lidicer Kinder kehrten nach dem Krieg nach Hause zurück.

Falsche Aussagen sind so alt wie die Menschheit

Die neuste Internetgeneration – vornehmlich jene die alles in Frage stellen und den Anderen sowieso.
Beliebt sind seit Jahren die Flüchtlinge und hier gezielt die Muslime. Selbst die Fundamentalisten unter den Muslimen, legen den Koran falsch – nach ihrem Empfinden richtig aus.

Autorinnen Naike Juchem und Nila Khalil

Warum scheint ein Buch, bei dem die ersten Texte 632 nach Christus, bzw. im Jahre 11 nach Hidschra niedergeschrieben wurden, so von Bedeutung  zu sein?
Ob man nun Bibel, Koran, Tora, Puranas oder Kanjur als die Heilige Schriften annimmt, es sind nur Bücher die in großen Teilen das menschliche miteinander beschreiben.

Beginnen mit eingen Falschaussagen wollen wir mit der Bibel.
Jedem Christen sind die Heilige Drei Könige bekannt. Fakt ist aber, dass jene weder heilig, noch zu dritt, noch Könige waren. Erwähnt werden sie überhaupt nur im Matthäus-Evangelium. Dort ist aber von „Magiern bzw. Weisen aus dem Osten“ (Magoi) die Rede, nicht von Königen. Auch wird nicht deren Zahl genannt. Einzig die drei Geschenken in Form von: Gold, Weihrauch und Myrrhe.

Auf vielen Frühchristliche Darstellungen sind bei der Geburt Jesus zwischen zwei und acht Personen zusehen.
Auch gibt es keine Belege über eine Heiligsprechung an der Grippe von eben jenen Personen.

Gehen wir zurück ins Alte Testament.
Noah sollte von jeder Tierart ein Pärchen mit in die Arche nehmen. Alleine dies ist von der Biologie aus nicht Vorstell- und auch nicht Machbach.
Wer das 1. Buch Mose genauer durchliest, wird feststellen, dass der Autor – Mose war es definitiv nicht, sich widerspricht. Im 1. Buch Mose 6, 19 ff liest man die weithin bekannte Weisung Gottes an Noah, „von allen Tieren, von allem Fleisch, je ein Paar, Männchen und Weibchen“ in die Arche zu bringen. In 1. Mose 7, 2-3 heißt es hingegen: „Von allen reinen Tieren nimm zu dir je sieben, das Männchen und sein Weibchen, von den unreinen Tieren aber je ein Paar, das Männchen und sein Weibchen. Desgleichen von den Vögeln unter dem Himmel je sieben, das Männchen und sein Weibchen, um das Leben zu erhalten auf dem ganzen Erdboden.“

Die Kernfrage an Irrtümer bleibt unsere Zeitrechnung.


Nach den Aussagen der Bibel wurde Jesus im Jahr Null geboren. Da unsere Zeitrechnung bekanntlich mit der Geburt Christus beginnt, könnte man daraus schließen, dass Jesus eigentlich im Jahr Null geboren sein müsste. Allerdings hat es dieses Jahr nie gegeben. Als Jesus in Judäa geboren wurde, galt dort nämlich  die römische Zeitrechnung. Die Römer kannten zwar sprachliche Ausdrücke für „nicht etwas“ (nullum) aber kein Zahlzeichen und keinen eigenen mathematischen Begriff für den Zahlwert Null.
Erst im sechsten Jahrhundert stellte man Berechnungen an, denen zufolge Jesus im Jahr 753 der römischen Zeitrechnung geboren worden sei. Dieses Jahr wurde als Jahr 1 A.D. (Anno Domini = Im Jahr des Herrn) festgelegt. Dabei schlich sich möglicherweise noch ein Rechenfehler von 5 bis 6 Jahren ein. Jesus wurde also vielleicht sogar im Jahre 5 oder 6 vor Christus (Zeitrechnung) geboren.

Die Tora

Tausende Jahre existierten in der jüdischen Welt des religiösen Gelehrtentums die verschiedene Deutungen – wörtliche, rationale, symbolische und mystische – nebeneinander, ohne dass jemandem gesagt wurde, seine Ansicht sei unannehmbar. Heute gewinnt der Kreationismus in vielen Religionen an Boden. Einige christliche Fundamentalisten in den Vereinigten Staaten wollen, dass der Kreationismus in den öffentlichen Schulen parallel zur Evolutionstheorie gelehrt wird. Aber während die Evolutionslehre, mit all ihren Fehlern und Lücken, eine wissenschaftliche Theorie ist, gegründet auf wenigstens einigen beweisbaren Beispielen, ist Kreationismus keine wissenschaftliche Lehre, sondern schlicht eine Frage des Glaubens.

In der den Heiligen Schriften wird oft von dem geknechteten und versklavten Volk Israel geschrieben, dass die Kinder Israels die Pyramiden gebaut haben.
Nach heutigen historischen Erkenntnisse sind die Pyramiden wahrscheinlich älter als 4.500 Jahre. So ginge man früher immer davon aus, dass Sklaven für die Pyramiden unter schrecklichen Bedingungen schuften mussten, so fand man später Hinweise darauf, dass die Arbeiter durchaus gut bezahlt wurden.

Buddhistischen Schriften im Kanon

Auch in der Lehre / Religion des Buddhismus gibt es sehr viel widersprüchliche Aussagen. Im Buddhismus ist eines der größten Problem
der schier unermesslichen Umfang des Kanons. Die riesige Masse an Textmaterial führt zur Unübersicht und somit zur Willkür des Auslegung. Allein der chinesische Tripitaka enthält, in der neuesten japanischen Ausgabe von 1924-1929, stolze 2920 Werke in immerhin 11.970 Büchern auf insgesamt 80.645 Seiten. Die Gründe für den riesigen Textcorpus liegen in der langen Lehrtätigkeit Buddhas und in der posthumen Zuweisung einer Vielzahl von Textmaterial, vor allem vom Mahayana. Sutren wurden noch über tausend Jahre nach Buddhas Tod verfasst. Die Authentizität von Texten wurde in der Regel nicht in Frage gestellt. Das Wort Buddhas (buddhavacana) galt als die wichtigste und nicht in Zweifel zu ziehende Quelle der Lehre. Daneben wurden jedoch eine Reihe weiterer Quellen wie Weise, Götter und übermenschliche Wesen als legitime Vermittler der Lehre anerkannt.
Die historische Dimension relativierte sich auf diese Weise und ermöglichte eine reichhaltige Textproduktion mit autoritativem Status, deren später Entstehungszeitpunkt keinen Glaubwürdigkeitsverlust darstellte.
Auftretende Kontroversen betrafen
hauptsächlich den Inhalt der Texte und nicht die Frage nach deren Autorität.
Texte wurden selten ausgeschlossen, vielmehr erforderte die Fokussierung auf den Inhalt komplizierte hermeneutische Überlegungen, welche nicht erwünschte Textpassagen doch in gewisser Weise relativierten mussten.

Die falsche Auslegung einer Sure aus dem Koran

„Ihr, die ihr glaubt! Nehmt euch die Juden und Christen nicht zu Freunden! Sie sind einander Freunde. Wer von euch sich ihnen anschließt, der gehört zu ihnen. Siehe, Gott leitet die Frevler nicht recht.“

Hört man diesen Vers, scheint die Aussage klar: Muslime sind dazu angehalten, größtmögliche Distanz zu Juden und Christen zu wahren. Tatsächlich ist das arabische Wort walî, das hier als „Freund“ übersetzt ist, jedoch mehrdeutig und schwer zu fassen; seine Bedeutung war und ist unter muslimischen Exegeten umstritten.

Einig sind sie sich bloß darin, dass es um eine enge persönliche Beziehung geht, die Verbindlichkeiten umfasst. In der Stammesgesellschaft, in der der Koran entstand, waren das zum Beispiel Bündnisverpflichtungen: Ein walî, das war jemand, der im Fall eines Krieges oder einer Blutfehde Beistand leistete oder Lösegeld zahlte.

Viele klassische muslimische Korankommentare gingen in ihren Auslegungen trotzdem weit darüber hinaus. Sie erklärten sehr wohl, man solle generell mit Juden und Christen keine zu freundschaftliche, vertrauensvolle oder intime Beziehung eingehen.

In der Moderne entstand ein breites Spektrum neuer Deutungen. So wurden in Zeiten des Kolonialismus politische Interpretationen populär. Hier wurde der Vers als Verbot der Kollaboration mit den zumeist christlichen Kolonialherren verstanden: „Nehmt euch die Juden und Christen nicht zu Führern!“ lautete ihre Lesart.

Im fundamentalistischen Spektrum hingegen diente der Vers dazu, Forderungen nach radikaler Abgrenzung von allem Nichtmuslimischen zu untermauern. Diese Auslegung beruft sich unter anderem auf den Anlass, zu dem der Vers offenbart worden sein soll.

Der Überlieferung zufolge geschah das während Muhammads Zeit in Medina. Der Vers stellte eine Ermahnung an einen Heuchler dar, der zwar äußerlich Muslim, innerlich aber noch dem Unglauben verhaftet war. Dieser Heuchler soll sich aus Gründen des persönlichen Profits und aus mangelndem Gottvertrauen nicht von seinen jüdischen Bündnispartnern losgesagt haben, obwohl diese mit den Muslimen verfeindet waren.

Fundamentalistische Kommentatoren folgern daraus eine Pflicht zur vollständigen Lossagung von Nichtmuslimen. Allein die Beziehung zu Muslimen sei erlaubt. Wer sich nicht an diesen Grundsatz halte, sei kein Muslim mehr, argumentieren sie.

Man kann den Vers aber auch ganz anders lesen. Dem Offenbarungsanlass zufolge verbietet er das Bündnis