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Die täglichen Menschenrechtsverletzungen

Kinderarbeit in Bolivien

In den Medien sehen wir Beiträge über Menschenrechtsverletzungen in Afrikanischen Ländern, in Südostasien oder Lateinamerika. Oft reicht aber schon ein Blick in Kleider- und Schuhschrank. Selbst in der Küche werden wir mit Menschenrechtsverletzungen konfrontiert.

Autorin Naike Juchem

Bei dem Schlagwort Menschenrechtsverletzungen fällt jedem sofort Nestlé ein und im gleichen Atemzug fällt das Wort: Boykott.
Natürlich kann man Nestlé Produkte boykottieren – steht ja auf jeder Verpackung drauf. Wirklich?

Die Marken von Nestlé

Häagen-Dazs, Mövenpick, Schöller, Maggi, Wagner, Buitoni, Herta oder Thomy gehören auch zum Nestlé Konzern. Hinzu kommen die Eigenmarken von den Einzelhandels – und Discounterketter. Also ist ein Boykott schon mal gar nicht so einfach.

In Deutschland hat Nestlé 14 Fabriken, weltweit sind es mehr als 400. Die meisten davon stehen in Nord- und Südamerika sowie in China.
Der wichtigste Markt für Nestlé sind mit Abstand die USA, danach folgt China, Frankreich und Brasilien. In Deutschland machte Nestlé 2018 einen Umsatz von 2,5 Milliarden Euro. Das entspricht nicht mal drei Prozent der gesamten Einnahmen des Konzerns. Damit zählt Deutschland gerade noch so auf Platz 8 als Absatzmarkt.

Weltweit kauft Nestlé Wasserrechte von staatlichen Wasserbehörden. Das erlaubt dem Unternehmen, Wasser direkt aus dem Grundwasser abzupumpen. Dieses Wasser reinigt Nestlé und verkauft es dann als abgefülltes Tafelwasser in Plastikflaschen, zum Beispiel unter der Marke: Nestlé Pure Life.
Die Konzernsparte Nestlé Waters hat 48 Wassermarken, zu denen San Pellegrino, Perrier und Vittel gehören.

Anlage von Nestlé Waters Canada in Guelph, Ontario. Foto: Kevin Van Paassen (Bloomberg)

Wasser ist nicht gleich Wasser

Tafelwasser ist KEIN Mineralwasser. Nach der deutschen Klassifizierung gibt es:
• Natürliches Mineralwasser
Natürliches Mineralwasser ist ein Naturprodukt. Es stammt aus einem unterirdischen, vor Verunreinigungen geschützten Wasservorkommen und muss direkt am Quellort abgefüllt werden. Mineralwasser ist das einzige amtlich anerkannte Lebensmittel in Deutschland. Das Anerkennungsverfahren umfasst über 200 geologische, chemische und mikrobiologische Untersuchungen.

• Heilwasser
Auch Heilwasser entspringt unterirdischen und vor Verunreinigung geschützten Wasservorkommen. Es muss ebenfalls direkt am Quellort abgefüllt und amtlich anerkannt werden.

• Quellwasser
Quellwasser stammt aus unterirdischen Wasservorkommen und muss am Quellort abgefüllt werden. Es unterliegt der Mineral- und Tafelwasserverordnung (MTVO), wird jedoch nicht amtlich anerkannt. In seiner Zusammensetzung muss es den Anforderungen für Trinkwasser entsprechen. An Quellwasser werden nicht dieselben hohen Reinheitsanforderungen gestellt wie an Mineralwasser. Mit dem Mineralwasser gemein hat es allerdings, dass nur wenige, schonende Behandlungsverfahren angewendet werden dürfen.

• Tafelwasser
Tafelwasser wird industriell hergestellt und ist daher kein Naturprodukt. Es kann ein Gemisch aus verschiedenen Wasserarten und anderen Zutaten sein. Erlaubt sind die Mischung von Trinkwasser, Mineralwasser, Natursole, Meerwasser sowie die Zugabe von Mineralstoffen und Kohlensäure. Für die Mischungsverhältnisse gibt es keine gesetzlichen Vorschriften, es müssen jedoch die Anforderungen für Trinkwasser eingehalten werden.

Noch ein Beispiel von einem Global Player der Menschenrechte für nicht all zu relevant sieht: Ferrero.
Jener Konzern besteht aus 105 Gesellschaften mit weltweit 31 Produktionsstätten und vertreibt seine Produkte in über 170 Ländern.

Perfide an diesem Konzern sind die „Kinder“-Produkte wie:
– Kinder Bueno
– Kinder Cards
– Kinder Choco Fresh
– Kinder Country
– Kinder Maxi King
– Kinder Riegel
– Nutella usw.

Für jene „Kinder“- Produkte pflücken Kinder in der Türkei Haselnüsse oder ernten Kakaobohnen in Ländern wie: Elfenbeinküste, Ghana, Kamerun oder Nigeria.

Kinderarbeit in der Türkei

Gütesiegel suggerieren uns ein gutes Gefühl

Wer auf die Nuss-Nougat-Creme Nutella verzichtet und stattdessen auf andere Nuss-Nougat-Creme ausweicht, findet ein UTZ Siegel. Dieses Siegel soll für eine Nachhaltigkeit und Rückverfolgung von Kaffee, Kakao, Tee, Haselnüsse stehen.
Doch leider gilt es auch hierfür Kritik. Die Prämie für die Farmer_innen, die UTZ mit den Landwirtschafts-Kooperativen aushandelt sind viel zu gering, um aus der Armut und Abhängigkeit von Großkonzernen herauszubekommen
Produkte die mit dem UTZ Siegel zertifiziert sind, sollen einen Mindeststandart an Anforderungen erfüllen, so zum Beispiel das Verbot von Kinderarbeit. Doch die Kriterien sind damit nicht besonders streng. Das UTZ-Siegel ist kein Siegel für fairen Handel oder biologischen Anbau und bleibt weiter hinter den strengen Anforderungen der Organisationen GEPA oder Fairtrade zurück.

Näherinnen in Bangladesch

Billige Kleidung kommt aus Bangladesch

Auch Labels der gehobenen Klasse, wie zum Beispiel: Hugo Boss, Tommy Hilfiger oder Calvin Klein sind genauso an der Ausbeutung von Menschen beteiligt.

Jeder vermutet das Billigkleidung von KIK, Tacco oder Primark aus Bangladesch kommt. Dies ist nur die halbe Wahrheit.
Adidas, C&A, Esprit, H&M, Kanz – Kids Fashion, NKD, Tchibo, Puma und Zara sind nur einige bekannten Namen, die in den Kleiderfabriken in Bangladesch, China, Indien, Iran, Kambodscha, Malaysia, Philippinen oder Thailand herstellen lassen.

2013 stürzte in Bangladesch das Rana Plaza ein – eine gigantische Textilfabrik, in der vor allem europäische und US-amerikanische Modemarken Kleidung fertigen ließen.

Konsum auf Kosten von Menschenleben

In Bangladesch starb 2009 einer 18-jährigen Näherin an Erschöpfung, die in einer Textilfabrik in Chittagong, sieben Tagen in der Woche 13 bis 15 Stunden
arbeitete. In der Fabrik wurde vor allem für den Metro Konzern produziert. Metro beendete daraufhin die Zusammenarbeit mit der Fabrik.

Im November 2012 kamen bei einem Brand in der Tazreen-Kleiderfabrik mindestens 117 Menschen ums Leben, mehr als 200 Menschen wurden verletzt.

Mehr als 50 Menschen wurden im gleichen Jahr und Stadt bei einem Brand verletzt.

Am 24. April 2013 starben bei dem bisher größten Unfall in der internationalen Textilindustrie in der Stadt Sabhar, 1135 Menschen. 2338 wurden verletzt.
Die Industrie und Regierung haben seitdem zwar höhere Sicherheitsstandards in Bangladesch durchgesetzt, aber der Preiskampf in der Modebranche verhindert die Verbesserungen.

Näherinnen in Kambodscha

Kambodscha war zu Beginn der 90er der Weltgrößte Textilhersteller. Durch den Genozid der Roten Khmer ab dem 17. April 1975 bis zum 7. Januar 1979 katapultierte sich Kambodscha ins tiefste Mittelalter zurück. Durch die extrem Armut in dem Land wurde binnen kürzester Zeit eine Industrie aus dem Boden gestampft, die bis dato Beispiellos ist.

Der Exportwert von Kambodscha übertraf jedes Bruttosozialprodukt der Länder in Südostasien und Lateinamerika. Diese unglaubliche Masse an Arbeitsplätzen musste irgendwie erfüllt weden, und so arbeiteten bereits 12-jährige Kinder bis zu 15 Stunden am Tag für einen Hungerlohn.

Gemäß dem Armutsbericht der Weltbank verdienen Frauen in der kambodschanischen Textilindustrie bis zu 30 Prozent weniger als Männer – und dies bei einer 80 Stunden Wochenarbeitszeit.
Umgerechnet ergibt sich ein Monatslohn von 140 US-Dollar.

In den letzten 10 Jahren hat sich Kambodscha zwar für ein Mindestalter von 18 Jahren ausgesprochen, doch die Realität sieht anders aus. 15-jährige Kinder machen sich freiwillig älter, um etwas Geld für die Familien zu verdienen.
Firmenleitungen bieten Frauen ganz bewusst nur befristete Arbeitsverträge an, weil sie somit die Kosten für den Mutterschutz umgehen können: Schwangeren Frauen wird einfach der Arbeitsvertrag nicht verlängert. Da die Frauen keine Krankenversicherung haben und legale Abtreibungen teuer sind, begeben sich viele schwangere Frauen in halblegale und illegale Gesundheitszentren und gehen damit ein beträchtliches gesundheitliches Risiko ein.

Frauen tragen somit die Hauptlast der wirtschaftlichen Entwicklung in Kambodschas Textilindustrie. Dass ihre eigene Situation sich dadurch verbessert, muss allerdings bezweifelt werden.

Siem Reap, Kambodscha

Liste von Menschenrechtsverletzungen

Die Liste der Menschenrechtsverletzungen – und diese nicht nur in Arbeits- und Kinderrecht, geht mittlerweile ins Uferlose und reicht von Latein- und Zentralamerika über Afrika, Europa nach Asien bis hin zu Südostasien.
Nachfolgend nur ein paar Beispiele an
Menschenrechts­verletzungen durch deutsche Konzerne.

In Argentinien ist es der Bergbau. Dort wird Lithium für ein deutscher Netzbetreiber, die Mobilfunk­geräte abgebau. Die Gefährdung der Lebens­grundlagen und Missachtung des Rechts auf Mitsprache der indigenen Bevölkerung durch wasser­intensiven Lithium­abbau in den nördlichen Provinzen Jujuy, Salta und Catamarca.

In Äthiopien ist es die Überwachungs­technologie. Die Firma Trovicor (ehemals Siemens Intelligence Solutions), Elaman, Gamma Group.
Diese Firma übernahm die Ausstattung des äthiopischen Geheim­dienstes mit Technologie zur Überwachung des Internet­verkehrs; die Regierung ist bekannt dafür, Dissidenten auszuspähen; laut Human Rights Watch wurden Daten aus Telefon- und E-Mail-Kommunikation bereits dafür genutzt, unter Folter Geständnisse zu erzwingen.

Rosen aus Athen war einmal. Heute sind es Rosen aus Äthiopien die in Filialen aller deutschen Discounter verkauft werden und damit Landgrabbing, Zwangsumsiedlungen und Arbeitsrechts­verletzungen fördern. Laut der Gesellschaft für bedrohte Völker kommen 40 Prozent der deutschen Rosen im Winter aus Äthiopien.

Weltweit müssen 152 Millionen Kinder arbeiten

Bahrain hat fast gleiche Überwachungs­technologie wie Äthiopien im Einsatz.
Die Firma Trovicor, Gamma Group, FinFisher Labs (deutsches Tochter­unternehmen der Gamma Group) liefert jene Technologie der Überwachung an das Regime im Persischen Golf.

Bolivien

In Bolivien arbeiten nach Angaben von UNICEF ungefähr 800.000 Kinder unter 18 Jahren. Obwohl das bolivianische Arbeitsministerium bereits  2006 einen Plan zur Beseitigung der Kinderarbeit auf den Weg gebracht hatte, bleibt die Kinderarbeit, die im Bergbau und bei der Zuckerrohrernte  fortbestehen.
In Bolivien besteht ein Joint Venture zwischen ACI Systems Alemania aus dem baden-württembergischen Zimmern ob Rottweil (ACISA) und des bolivianischen Staatsunternehmen Yacimientos de Litio Bolivianos (YLB).
Seit diesen Jahres wird dort jährlich bis zu 50.000 Tonnen Lithiumhydroxid gefördert. 70 Jahre lang soll das größte Lithium-Vorkommen der Welt so ausgebeutet werden. Durch jenes Joint Venture sichert sich Deutschland erstmals nach Jahrzehnten wieder den direkten Zugriff zu nicht-heimische Rohstoffen.

Svay Rieng, Kambodscha

In Kambodscha gehören Ackerflächen, welches über Jahre von den Bauern genutzt wurden, um Landwirtschaft zu betreiben, auf einmal nicht mehr ihnen. Investoren kaufen oder pachten riesige Flächen, um dort  zum Beispiel Kautschuk für den Export anzubauen. Kautschuk aus Kambodscha wird auch in Deutschland verarbeitet, ob nun als Reifen, Dichtungen oder thermoplastische Elastomere. 

Kautschuk beim trocken in der Nähe von Phnom Penh

Nach neusten Zahlen sind inzwischen Konzessionen von über 4 Millionen Hektar vergeben worden – das entspricht einem Drittel der Ackerfläche Deutschlands. Dabei ist Kambodscha nur etwa halb so groß. Allein in den letzten acht Jahren sind mehr als eine Viertel Million Menschen unmittelbar von der Landnahmen durch staatliche Stellen oder privaten Investoren betroffen und somit zwangsweise vertrieben worden.

Provinz Takeo, Kambodscha

Dabei ist gerade für die ländliche Bevölkerung der Zugang zu Land elementar: Die Ernährungssituation ist – trotz Verbesserungen seit 1990 – nach wie vor ernst und rund ein Viertel der Bevölkerung ist unterernährt. Die arme ländliche Bevölkerung profitiert bisher kaum vom anhaltenden Wirtschaftsboom Kambodschas und im ländlichen Raum gibt es neben der Landwirtschaft nach wie vor kaum alternative Einkommensquellen. Mit dem Zugang zu Land verlieren die Menschen daher auch den Zugang zu Nahrung.

Bei dem sogenannten Land Grabbing mischt auch die Deutsche Bank mit. Diese vergibt Mikrokredite an die verschuldeten Bauern, die oft nicht mal 300 US-Dollar übersteigen. Die Bauern können die Zinsen – die bei 20% liegen, kaum zurück bezahlen und so kommen Spekulanten auf den Plan und die Bauern verlieren ihren Grundbesitz wegen ein paar Dollar Schulden.

Fazit: Menschenrechtsverletzungen begehen wir täglich ohne es zu wissen oder gar zu wollen.

Naike Juchem, 23. Oktober 2021

Die Sanphet Prasat Thronhalle und König Chulalongkorn Rama V von Siam

Die Sanphet Prasat Thronhalle

Die Sanphet Prasat Thronhalle in Ayutthaya, vor 1000 Jahren noch ein unbedeutender Ort im damaligen Khmer-Reich und eine der westlichsten Siedlungen in Angkor, war die Residenz des siamesischen König U Thong.
Der Sanphet Prasat diente kurze Zeit nach seiner Zerstörung,1767 durch die Birmanen, als Modell für den Aufbau des Palastes in Krung Thep (Bangkok)

Autorin Naike Juchem

Die Sanphet Prasat Thronhalle

Nachdem König U Thong Ayutthaya zur Hauptstadt seines neuen Reiches gemacht hatte, baute er seinen Palast im Norden der Insel, die durch die drei Flüsse Chao Phraya, Pa Sak und Lop Buri sowie einen später gegrabenen Kanal gebildet wurde. König Borommatrailokanat (reg. 1448–1488) verlegte in seiner Regierungszeit den Palast nach Norden an das Ufer des Lop Buri, um Platz zu machen für den neuen Tempel Wat Phra Sri Sanphet. Er unterteilte das Gebiet das Palast-Areal in einen „Inneren“ und einen „Äußeren Bereich“. König Boromtrailokanat ließ die so genannte „Sanphet-Prasat-Halle“ als Thronsaal erbauen, in dem später König Narai die Gesandtschaft vom Hofe König Ludwigs XIV. aus Frankreich empfing.

In der Regierungszeit von König Prasat  Thong (von November 1629 bis August 1656) brannte sie und weitere 110 Gebäude im Palastbezirk nach einem Blitzschlag komplett ab. Der König ließ sie später wieder aufbauen, nannte sie dann aber „Viharn-Somdet-Prasat-Halle“. Sie war mit Goldplatten verkleidet, deshalb wurde dieser Bau im Volksmund Goldener Palast genannt. Prasat Thong erweiterte den Palast, und umgab das gesamte Areal inklusive Wat Phra Si Sanphet mit einer hohen Mauer. Er ließ weitere Thronhallen bauen, wie z. B. die Suriyart-Amarin-Halle. In der südöstlichen Ecke das Palastes ließ er den „Chakrawat-Phaichayon-Halle“ bauen, um von hier Prozessionen und Paraden zu verfolgen, die auf dem Sanam Chai stattfanden. Der Sanam Chai gehörte zum „Äußeren Bereich“ des Palastes.

König Narai ließ 1687 im Westen des „Inneren Bereichs“ auf einer kleinen Insel in einem künstlichen Fischteich, dem „Ang Kaeo“ den „Banyong-Rattanat-Pavillon“ errichten.

Im Jahr 1767 wurde der Alte Palast von den Birmanen zusammen mit vielen anderen Bauwerken geplündert und in Brand gesteckt. Da König Phra Phutthayotfa Chulalok (Rama I.) möglichst schnell seine neue Hauptstadt Bangkok aufbauen wollte, ließ er die Ziegelsteine der verfallenen Palastgebäude mit Booten abtransportieren und nach Krung Thep  bringen. Daher sind heute im gesamten ehemaligen Palastbezirk in Ayutthaya nur noch die wenige Zentimeter hohen Grundmauern zu sehen.
Ein Gebäude ist heute vollständig zu sehen: der Trimuk-Pavillon, zu dem zwar keine historischen Belege existieren, dessen Fundament aber in der Regierungszeit von König 
Chulalongkorn (Rama V.) 1907 entdeckt wurde. Zu seinem Besuch 1908 ließ der König auf diesen Fundamenten einen neuen Pavillon errichten. Hier hielten mehrere Könige, auch der vorletzte regierende Bhumibol Adulyadej (Rama IX.), Zeremonien zu Ehren der Herrscher des alten Ayutthaya ab.


König Chulalongkorn, der Reformator von Siam

Chulalongkorn ( Rama V.,) mit vollständigem königlichen Namen: Phra Bat Somdet Phra Chunchomklao Chao Yu Hua, wurde am  20. September 1853 in
Bangkok geboren und starb am 23. Oktober 1910. Chulalongkorn war von 1868 bis zu seinem Tod König von Siam. Während seiner 42-jährigen Regierungszeit öffnete sich Siam weiter dem Westen, modernisierte sein Militär, Verwaltungssystem, Bildungs- und Rechtswesen, baute die Infrastruktur aus und schaffte die Leibeigenschaft ab. Im Jahre 1873 schaffte er auch die bis dahin übliche Niederwerfung auf den Boden vor Angehörigen des Königshauses ab, sie mussten sich als Zeichen des Respekts nur noch verbeugen.

Chulalongkorn war der älteste Sohn von König Mongkut (Rama IV.) mit dessen Hauptfrau Königin Debsirindra. Er hatte drei Voll- und zahlreiche Halbgeschwister. Der Prinz bekam im Alter von acht Jahren den Titel Krommamuen Pikhanesuan Surasangkat verliehen. Er erhielt eine breitgefächerte Bildung, teils nach siamesischem, teils nach westlichem Modell. Unter anderem wurde er von der britische Gouvernante Anna Leonowens in englischer Sprache unterrichtet. Ein authentischer Film von dem Regisseur Andy Tennant in dem Jodie Forster und  Chow Yun-Fat die Hauptrollen in dem Film „Anna und der König“ aus dem Jahr 2000 spielen, zeigt sehr deutlich wie sich Siam unter dem Einfluss von Chulalongkorn veränderte.
Leider war und ist dieser Film in Thailand  verboten. Einzig wegen einer Szene in der
Anna Leonowens den König anschreit.

Mit 11 Jahren wurde er für sechs Monate Novize im Wat Bowonniwet. Anschließend bekam er einen neuen Titel: Krommakhun Phinit Prachanat. Schon früh ließ ihn Mongkut gewissermaßen als Lehrling an den Regierungsgeschäften teilnehmen.

Bei der Beobachtung der Sonnenfinsternis vom 18. August 1868 im Dschungel Südthailands infizierten sich der Vater und der 15-jährige Chulalongkorn mit Malaria. König Mongkut starb am 18. Oktober desselben Jahres.
Bis zu seiner Volljährigkeit und eigentlichen Krönung im November 1873 lag die Macht bei dem Regenten.
Schon früh interessierte sich Chulalongkorn für die Situation im Ausland. Im März und April 1871 besuchte er die zum niederländischen Kolonialreich gehörende Insel Java und die britische Kolonie Singapur, im Dezember desselben Jahres führte ihn eine Reise nach Britisch-Indien und Birma, um dort die europäisch geprägte Verwaltung kennenzulernen. Der britische Generalkonsul Thomas George Knox begleitete ihn dabei, ebenso wie eine vom König handverlesene Gruppe junger Prinzen und Aristokraten. Diese bildeten später den Kern von Chulalongkorns politischem Unterstützerkreis, der als Partei „Junges Siam“ bezeichnet wird.


Erste Reformen

Noch während er unter Regentschaft stand, bemühte sich Chulalongkorn, das siamesische Finanzwesen zu modernisieren und zentralisieren. Bis dahin gingen viele staatliche Einnahmen an verschiedene Behörden und Ministerien, die unter Kontrolle mächtiger aristokratischer Familien (zum Beispiel der Bunnags) standen, nicht aber an den königlichen Haushalt. Auch das System der Steuerpacht erwies sich als ineffizient, viele Steuerpächter erbrachten nicht die geschuldeten Zahlungen. Noch 1870 gründete der junge König ein Amt für Rechnungsprüfung. Nach seiner Volljährigkeit 1873 errichtete er die nach europäischem Vorbild organisierte Finanzbehörde Ho Ratsadakon Phiphat  Vorläuferin des heutigen thailändischen Finanzministeriums. Dieses unterstellte die Steuerpächter einer strengeren Aufsicht und sollte Absprachen zwischen den Pächtern und ihren Aufsehern zulasten der Kasse des Königs verhindern.

Eine weitere einschneidende Veränderung in der Staatsorganisation war die Gründung des „Staatsrats“ im Mai 1874. Diese sollte offiziell nur Vorschläge für Reformen erarbeiten, wurde aber zum zentralen gesetzgeberischen und administrativen Organ der absolutistischen Herrschaft Chulalongkorns. Vorbild war vermutlich der französische Conseil d’État zur Zeit Napoleon Bonapartes. Die wichtigsten Punkte auf der Agenda des Rats waren die Abschaffung der 
Fronarbeit und Sklaverei sowie das Verbot des Glücksspiels, das der häufigste Grund für den Fall in Schuldknechtschaft 
war. Im August 1874 folgte die Einführung eines Kronrats, dessen (zunächst 49) Mitglieder den König persönlich beraten sollten.


Zwischenfall vom Vorderpalast

Diese radikalen Reformen stießen auf Ablehnung und Unmut traditioneller aristokratischer Eliten, die um ihre angestammten Pfründen fürchteten. Bereits ein Jahr nach der Übernahme der Regierungsgeschäfte durch Chulalongkorn kam es zu einer politischen Krise. Sie wird nach der Residenz des Uparat („zweiten Königs“) als „Zwischenfall vom Vorderpalast“ bezeichnet. Der Uparat unterhielt zu dieser Zeit seine eigene Garde, die auf dem Gelände seines Palasts Quartier bezog. Nach der Explosion eines Pulverturms und dem Ausbruch eines Feuers auf dem Gelände des Großen Palasts, der Residenz Chulalongkorns, marschierten die bewaffneten Truppen des Vizekönigs vor dessen Mauern auf, vorgeblich um beim Löschen zu helfen. Der König befürchtete jedoch eine Palastrevolte zugunsten Wichaichans, seine Garde wies die Einheiten des Uparats ab und löschte den Brand selbst. Wichaichan, der eine Vergeltungsaktion von Seiten Chulalongkorns fürchtete, floh in das britische Konsulat. Siam stand kurz vor einem Bürgerkrieg. Nach Vermittlung des britischen Gouverneurs der Straits Settlements konnte Wichaichan in den Vorderpalast zurückkehren, musste jedoch die Vorrechte eines „zweiten Königs“ aufgeben. Hintergrund der Krise war vermutlich der Konflikt zwischen den Anhängern Chulalongkorns, die seine Reformen befürworteten, und konservativen Eliten, die Wichaichan unterstützten.

Obwohl der König scheinbar als Sieger aus dem Konflikt hervorgegangen war, zeigte er ihm, wie dünn seine Machtbasis und wie gefährlich seine rasche Reformpolitik war. In der Folge verschob er viele seiner Umgestaltungsprojekte auf lange Zeit. Die Räte hörten zunächst auf zu tagen, die fiskalischen Reformen wurden vorerst nicht umgesetzt und auch die Sklaverei bestand noch über zwei Jahrzehnte fort. Chulalongkorn forderte seine jungen Unterstützer auf, den etablierten Notabeln mit mehr Respekt zu begegnen, ihre „Gesellschaft des Jungen Siam“ und die dazugehörige Zeitung zu schließen.

Siam zu besuch in Europa

König Chulalongkorn war an Wissen, Bildung und Ideen immer interessiert und daher reiste der König auch nach Europa.
Reiseziele waren unter anderem: Singapur, Malakka und Penang (Malaysia), Moulmein (Myanmar), Rangun und in Indien besuchte er die Städte: Kalkutta, 
Delhi, Agra, Lucknow, Cawnpore, und Bombay.

Im April 1897 begann seine erste Europareise über Colombo, Aden und Port Said.
Es ging weiter nach Venedig, wo er am 14. Mai 1897 eintraf. In Europa waren folgende Städte Ziele seiner Reise: Genf, Turin, Florenz, Rom, Wien, Budapest, Warschau, St. Petersburg, London, Hamburg, Essen, Dresden, Den Haag, Brüssel, Paris, sowie eine Menge kleinerer Städte, bis er am 14. Dezember 1897 wieder in Siam eintraf.
Während dieser neun Monate war Königin Saowapha als Regentin eingesetzt. Zahlreiche Briefe und Telegramme des Königs von dieser Reise sind erhalten.

Im März 1907 brach Chulalongkorn zu seiner zweiten Europareise auf. Reiseziele waren unter anderem Genua, Bad Homburg vor der Höhe, Kopenhagen und das Nordkap.
Alljährlich findet im Schlosspark von Bad Homburg v.d.H. ein großes Thai Festival statt.

Naike Juchem, 24. Februar 2021

Quellen:
– Rama (Könige von Thailand)
– Geschichte Thailands Reformen unter Rama IV. und Rama V.
The Descendants of King Rama V of Siam
– Zeitgenössische deutsche Berichte zur Person König Chulalongkorns von 1861–1907 (zusammengestellt von Rudolf Baierl, Suraphon Phonprasoet und Wisut Rangsinaphon