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Seeadler

Greifvögel gehörten für mich zu den faszinierenden Lebewesen auf unserem Planeten. Sie sind die Jäger am Himmel. Ihre Anatomie ist beachtlich. Der Rotmilan ist das schnellste Lebenwesen auf diesem Planeten. Die Fänge von einem Adler sind gigantisch stark. Die Augen von Falken präzise wie Mikroskope

Autorin Naike Juchem

Die Faszination von Greifvögel geht in der Geschichte der Menschheit sehr weit zurück. Vor bereits mehr als 3500 Jahren wurde in Zentralasien mit Falke, Bussard oder Habicht jagt auf Rehwild, Fuchs, Fasan und Hase gemacht. Vögel, die die Freiheit kenne und wieder zu den Menschen zurückkehren, sind schon faszinierend.
Nun möchte ich über den größten Greifvogel in Europa berichten: der Seeadler

Der Seeadler ist mit seiner Spannbreite von 2,20 Meter der größte Greifvogel in Deutschland und Europa. Auch ist dieser König der Lüfte unser Wappenzeichen.
In den letzten hundert Jahren wurde der Adler durch menschliche Vergiftung oder Abschuss sehr stark im Bestand dezimiert und stand schon auf der roten Liste der bedrohten Arten. Mittlerweile haben wir in Deutschland wieder über 700 Brutpaare.

Adler sind in ihrer ganzen Biologie eine Superlative

Das sogenannte Adlerauge hat eine Dichte der Sehzellen die um das tausendfache höher als die vom Menschen liegt. Während ein Mensch etwa 200.000 Sehzellen pro mm² hat, sind es beim Adler eine Million!

Die aufgestellten Handschwingen des Adler sind die aerodynamischen Vorbilder von dem modenen Flugzeugbau. Beim Airbus A380 kann man diesen Vergleich am besten sehen.
Enden die Flügel wie früher bei Flugzeugen gerade, erzeugt dies Luftwirbel, weil über der Tragfläche ein Unterdruck herrscht, an der Unterseite dagegen ein Überdruck. An der Flügelspitze kommen Über- und Unterdruck zusammen – und das führt zu Wirbeln, die das Flugzeug kräftig abbremsen. Wird die Flügelspitze hingegen nach oben gebogen – wie der Adler diese hat – kann man diesen Wirbelwiderstand beträchtlich verringern. Und das spart eine ganze Menge Treibstoff – bis zu fünf Prozent. Außerdem kann das Flugzeug schneller steigen.

Die Fänge eines Adler tötet seine Beute mit einer ultimativen und unglaublicher Gewalt. Mit bis zu 70 Kilo pro Quadratzentimeter hackt der Adler binnen Sekunden seine gewaltigen Krallen in den Körper seines Opfers. Zum Vergleich: Ein ausgewachsener Mann entwickelt bei einem kräftigen Händedruck eine Kraft von lediglich 20 Kilo pro Quadratzentimeter. 

Die Fallgeschwindigkeit von Adler liegt bei 320 Km/h. In dieser Kategorie muss der Adler seinen Status der Superlative an den Rotmilan abgeben, dieser schafft im Sturzflug 330 Km/h. Eine spezielle Spirale in den Nasenhöhlen der Adler dient als Geschwindigkeitsmesser. Mit einer Geschwindigkeit von einem Formel 1 Auto rauscht der Adler von über 1000 Meter auf sein Opfer zu. Beim Angriff auf Vögel muss er diese noch nicht einem treffen. Der Luftsog ähnlich eines Düsenjets reicht aus um den Vogel ins taumeln zu bringen.

Ein Adler der seine Handschwingen wie ein Dreieck angelegt hat um offensichtlich noch schneller zur Erde zu stürzen und die Fänge schon so aufgestreckt hat um seine Beute zu schlagen, habe ich in dieser Form noch nie gesehen.

Zu recht gelten Adler als die Könige der Lüfte.

Nun einige interessante Informationen aus einem Fachbuch von Dr. David Jenny.

Adler sind Perfektionisten der Thermiknutzung


Wer schon Adler am Himmel beobachtet hat, staunt über seine Sensibilität für den optimalen Flugweg. Mit feinsten Bewegungen der Schwingen und filigranen Federn, mit kleinsten Korrekturen verändert er den Kreisflug Richtung Thermikzentrum.

Wie der Adler das Thermikzentrum findet, ist noch immer nicht geklärt. Der Schweizer Adlerforscher und Biologe Dr. David Jenny geht davon aus, dass der Adler und andere Segler, kleinste Aufwind- und damit Druckveränderungen am Flügel über das Gefieder wahrnehmen. An der Basis der Federn, die aus Keratin bestehen, befinden sich Nervenbahnen. Die Forscher vermuten, dass der Adler über diese Sensorien wahrnimmt, wenn der Aufwind und damit der Druck unter dem rechten Flügel leicht stärker ist als links, was ihn instinktiv veranlasst, enger nach rechts Richtung Thermikzentrum zu kreisen und schneller zu steigen.

Der Adler wird nicht als Thermikweltmeister geboren. Das muss der junge Vogel zuerst lernen, nachdem er den Horst verlassen hat. Es komme vor, so Jenny, dass junge Vögel die Thermik verlören, absackten und gar im Tal übernachten müssten, weil ihnen der Aufstieg mit Flügelschlag zu beschwerlich sei. Sie warten auf die Thermik am nächsten Tag, um aufzusteigen.
Im August 2010 haben wir in den französischen Alpen über Briançon ein Adlerpaar auf 4000 Metern beobachtet, in der Nullgradgrenze, unter einer Kumuluswolke am Ende einer Thermiksäule im Zentrum kreisend. Im August 2013 waren es Adler auf 3800 Metern über der «Tête de Siguret» (3032 Meter) oder auf ungefähr gleicher Höhe über der «Tête de Lucy» (2598 Meter). Ist es die Nahrungssuche oder die Freude am Fliegen?

Jenny geht davon aus, dass solche Flughöhen wohl eher selten sind, aber wie der Segelflieger nütze der Adler diese Thermiksäulen für Streckenflüge. Diese entsprechen dem funktionalen Bedürfnis des Vogels, aus grosser Höhe möglichst weit zu segeln, ohne Flügelschlag und mit geringem Kraftaufwand. Dabei kann es sich um jüngere Adler handeln, die grosse Gebiete über dem Alpenraum erkunden, bevor sie sich paaren und sesshaft werden. Oder es kann ein Paar sein, das im Segelflug sein Revier abfliegen will.

Mittels Radio- und Satellitentelemetrie sind bei jungen Adlern innerhalb weniger Monate Streifgebiete von bis 15 000 Quadratkilometern ermittelt worden, was etwas mehr als der doppelten Fläche des Kantons Graubünden entspricht. Zu diesem Ergebnis kommt Privatdozent Heinrich Haller, der Direktor des Schweizerischen Nationalparks in seiner Forschungsarbeit. In den ersten drei bis vier Lebensjahren ist der wandernde Adler in erster Linie ein Aasfresser. Später, sesshaft geworden, wendet er sich Lebendigem zu. In den Alpen sind es vorzugsweise Murmeltiere, es können aber auch kleinere bis einjährige Huftiere sein: Gemsen, Rehe oder Steinböcke. Die potenziellen Beutetiere wissen um die Gefahr und haben Strategien entwickelt. So beobachten einzelne «Munggen» den Luftraum, und ein langer Pfiff heisst: „Achtung Adler, ab ins nächste Erdloch!“

Angriff im Radarschatten

Doch der Adler hat eine Gegenstrategie entwickelt. Forscher haben Folgendes beobachtet: Erkennt er von weitem Murmeltiere, fliegt er vorerst davon, nähert sich dann im schnellen Tiefflug über dem Gelände – sich hinter kleinsten Hindernissen versteckend – der Beute, um den Überraschungsangriff zu wagen. Übertragen auf die Fliegerabwehr-Terminologie nützt er den sogenannten Radarschatten aus. Das beobachtende Murmeltier kann ihn gar nicht sehen. Generell ist Überraschung ein zentrales Angriffselement dieses Greifvogels.

Die fünf bis sechs Zentimeter langen, messerscharfen Krallen sind das Tötungsinstrument des Adlers – nicht sein Schnabel. Aus Kadaverresten wissen die Biologen, dass er seine Krallen mit enormer Kraft einem Murmeltier, einem Reh oder einer Gemse in den Schädel drückt und es so rasch erlegt.

Der Steinadler wurde im 19. Jahrhundert stark gejagt

Die Population in den Alpen erlebte Anfang des 20. Jahrhunderts daher ihren Tiefpunkt. Allein im Kanton Graubünden wurden zwischen 1880 und 1900 total 257 Steinadler geschossen. Ein Jäger erhielt 10 Franken Prämie pro Abschuss, was heute etwa 200 Franken entspricht. Mitte der 1990er Jahre, zum Zeitpunkt der letzten schweizerischen Erhebung und rund 100 Jahre nach dem Tiefpunkt, betrug der Bestand wieder 310 Adlerpaare. Seither dürften einige dazugekommen sein. Jenny geht heute von zirka 340 Paaren aus. In den letzten 10 bis 20 Jahren hat sich das Wachstum verflacht. Vielerorts ist der Bestand im Bereich der Sättigung. Auch im Jura haben sich seit den 1990er Jahren wieder wenige Paare niedergelassen. Im gesamten Alpenraum sind es heute 1300, in Europa etwas über 5000 Paare.

Naike Juchem, 04. Februar 2021

Quelle:  – Dr. David Jenny. Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Vogelwarte Sempach, Schweiz.
– Prof. Dr. Klaus Robin.
Leiter Fachkommision, ehemals Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Fotos:
– Wildtierfotografie Michael Mayer – Dr. Einhard Bezzel – Facebook Gruppe: Tierfotografie