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Frauenrechte in Afghanistan

Unter dem Taliban-Regime, dass sich ab 1994 in Afghanistan langsam wie ein Geschwür ausbreitete und bis zum Ende ihrer Herrschaft, im Jahr 2001, wurden den afghanischen Frauen ihre Menschenrechte und ihr Würde abgesprochen worden.

Autorin Nila Khalil

Als die internationale Gemeinschaft unter der Führung der USA mit dem Versprechen auf Demokratie, Schutz der Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit nach Afghanistan kam, war die Hoffnung groß, dass sich die Situation der Frauen wieder verbessern würde und sie endlich die gleichen Rechte wie Männer bekämen.
Internationale Organisationen, insbesondere die UN, die Europäische Union und die Entwicklungsagentur der USA, sagten ihre Unterstützung zu, um die Lage der afghanischen Frauen zu verbessern.

Die UNO machte ihre Unterstützung der afghanischen Regierung davon abhängig, dass diese die Rechte der Frauen und ihre stärkere Beteiligung in der Afghanischen Gesellschaft gewährleistete.
Die UN koordinierten diese Hilfen für Frauen und allmählich zeichnete sich eine Verbesserung der Situation ab: Frauen erhielten mehr Zugang zu Bildung und beteiligten sich vermehrt an der Gestaltung von Politik und Gesellschaft. Die unabhängige Menschenrechtskommission Afghanistan, UNAMA ( United Nations Assistance Mission in Afghanistan) wurde gegründet, und die Gleichberechtigung der Frau wurde in der Verfassung Afghanistans festgeschrieben.

Niloofar Rahmani

Mädchen durften wieder in Schulen und Universitäten, Frauen nahmen an Wahlen teil, und fünfundzwanzig Prozent der Sitze des afghanischen Parlaments wurden Frauen zugewiesen. Auch in anderen Bereichen der Politik, der Gesellschaft und der Wirtschaft wurden Frauen aktiv und Arbeits- und Bildungsmöglichkeiten für Frauen nahmen zu.

Im Schlussdokument der Afghanistankonferenz  in Bonn im Dezember 2011 hat die internationale Gemeinschaft bekräftigt, auch nach 2014 und dem Abzug der ISAF-Truppen Afghanistan weiter helfen zu wollen. Bundeskanzlerin Angela Merkel sicherte damals Afghanistan langfristige Hilfe über den Abzug der internationalen Kampftruppen hinaus zu. „Afghanistan kann sich auch nach 2014 auf die Unterstützung der internationalen Staatengemeinschaft verlassen“, sagte Merkel.

Da die UNO, wie auch die NATO ihre militärische Präsenz in Afghanistan zurückschraubte und sich dadurch auch die Hilfen verringerten, erlahmte seitens der UNO, insbesondere der USA, auch das Interesse und die Aufmerksamkeit für den Schutz der sozialen Gerechtigkeit, der Demokratie und der garantierten Beteiligung von Frauen an der Politik.
Auch die Regierung unter Hamid Karsai auch nicht gerade mit Zuverlässigkeit glänzte, erfüllte diese ihre Verpflichtungen gegenüber Frauen nicht, denn die Gesetze und Vorschriften, die zur Sicherung der Frauenrechte eingeführt worden waren, standen lediglich auf dem Papier, wurden jedoch nicht angewandt.
Die Erwartung, dass die UNO und die Regierung Afghanistans die Gleichstellung und die Menschenrechte von Frauen gewährleisten würden, erfüllte sich nicht.
Im Gegenteil – niemand arbeitete ernsthaft an der Erfüllung dieser Verpflichtungen. Es zeigte sich beispielsweise, dass Frauen nur eine symbolische Rolle in der Struktur der afghanischen Regierung innehatten. Inzwischen hat sich, insbesondere aufgrund von wieder zunehmenden Sicherheitsproblemen, Armut, langlebigen Traditionen sozialer Unterdrückung und der Bedrohungen durch die Taliban, den IS und andere extremistische Gruppen, die Lage der afghanischen Frauen wieder verschlechtert, bis hin zu Lebensgefahr, und die Arbeits- und Bildungsmöglichkeiten haben sich verringert und sogar dramatisch verschlechtert.

Nach einer Besichtigung eines Terroranschlag an einer Mädchenschule mit 14 getöteten Mädchen und 3 Lehrerinnen.

Fortsetzung von Krieg und Unsicherheit
Der fortdauernde Krieg und Terror und die insgesamt unsichere Lage hat für Frauen das Leben in vielen Provinzen wo die Taliban wieder die Macht stark erschwert. Die Recherchen von Afghan Women´s Network ergab mit rund 100 Vorfällen in nur 71 Tagen (01.11.2018 – 10.01.2019) ein erschreckendes Bild: In fast allen der 34 Provinzen Afghanistans waren mindestens zwei Vorfälle zu finden. In den unsicheren Teilen des Landes können derzeit Mädchen, wie auch in der Vergangenheit, keine Schulen besuchen; viele Familien erlauben ihren Töchtern nicht, zur Schule zu gehen, weil es zu wenig weibliche Lehrkräfte gibt. Heute, im einundzwanzigsten Jahrhundert, können sechzig Prozent der afghanischen Frauen und Mädchen weder lesen noch schreiben.

Viele Frauen, die in mehreren Provinzen für Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen gearbeitet hatten, mussten ihre Arbeit aufgrund der Sicherheitslage einstellen, oder haben schon in den letzten Jahren im Verborgenen gearbeitet und auch agiert. Darüber hinaus töteten und erschossen die Taliban mehrere Frauen wegen des bloßen Verdachts, mit der Regierung zusammengearbeitet zu haben. Menschenrechtlerinnen leben in Afghanistan unter ständiger Lebensgefahr.

Gewalt gegen Frauen in der Familie und in der Öffentlichkeit
Traditionen sozialer Unterdrückung gibt es heute überall in Afghanistan; immer noch leiden rund drei von vier Frauen unter unterschiedlichen Formen von Gewalt, nicht nur in der Familie, sondern auch in der Gesellschaft – am Arbeitsplatz, an Ausbildungsorten und sogar auf offener Straße. Viele Familien bevorzugen klar die Geburt eines Jungen und sind unglücklich über die Geburt eines Mädchens.

Kinder und Frauen werden zwangsverheiratet oder an ältere Männer verkauft, manchmal werden sie getauscht, gegen Vieh oder gegen die Lösung eines Konfliktes. Frauen und junge Mädchen werden vergewaltigt und Gewalt gegen Frauen wird von manchen im Namen der Religion gerechtfertigt. Polygamie stellt eine weitere Herausforderung für Frauen dar. Ein Mann hat beispielsweise das Recht, mit bis zu vier Frauen gleichzeitig verheiratet zu sein, und diese Frauen besitzen keinerlei Rechte. Viele Fälle von Gewalt gegen Frauen werden mittels informeller Gerichte oder in Stammesversammlungen entschieden. Die Entscheidungen dieser Stammesversammlungen sind unfair und ungerecht, vor aller Augen werden Frauen gesteinigt oder ausgepeitscht. 2015 wurde in der Provinz Ghor eine Frau gesteinigt, obwohl sie kein Verbrechen begangen hatte.

Nicht wenigen Frauen werden durch ihre Ehemänner Ohren und Nasen abgeschnitten. Viele Frauen  suchen in den Frauen- und Schutzhäusern der wenigen Internationalen oder auch privaten Organisationen Zuflucht vor dieser immer stärker um sich greifenden Gewalt. In vielen Provinzen sind die Täter dieser Gewaltakte mächtige Männer, Kriegsherren, Regierungsbeamte oder Parlamentsabgeordnete, und die Regierung sieht sich nicht in der Lage, sie zu verhaften und oder zu bestrafen.
Basierend auf Zahlen von UNAMA wurden im Jahr 2017 rund 3800 Fälle von Gewalt gegen Frauen registriert; 19 der betroffenen Frauen haben sich selbst verbrannt.

Natasha war eine Mitarbeiterin von mir

2018 nahm die Zahl der Verbrechen weiter zu und lag bei knapp 4200. Im vergangen Jahr blieb die Zahl auf gleich hohem Niveau. Menschenrechtsorganisationen können durch die instabile Lage in vielen Regionen gar keine Hilfe, bzw. Registrierungen vornehmen und so liegt die Zahl der tatsächlichen Opfer um ein vielfaches höher.
Die sehr lasche Verfolgung der Behörden, lässt somit eine Straffreiheit für die Männer zu und ist als Hauptgrund für die Zunahme dieser Gewalt zu nennen.
Selbst in Kabul sind Frauen und Mädchen nicht vor körperlicher Gewalt sicher. Als Beispiel hierfür sei der Mord an Farkhunda genannt. Dieses Mädchen wurde vor 2015 von Dutzenden Männern brutal getötet und verbrannt – nur wenige Kilometer entfernt vom Präsidentenpalast und vor den Augen von Sicherheitskräfte.
Dieser Vorfall spiegelt die Tragweite der Tragödie wider, mit der afghanische Frauen konfrontiert sind. Zwar wurden mehrere Personen im Zusammenhang mit diesem Mord verhaftet, jedoch gingen sie letztendlich straffrei aus. Frauen und Mädchen sind selbst an ihrem Arbeitsplatz oder an den Universitäten nicht sicher. Sie werden auf dem Arbeitsmarkt und in Bildungseinrichtungen von Männern auf unterschiedliche Arten belästigt und aufgefordert, illegitime Dinge zu tun; es gibt keinerlei Gesetze zur Unterstützung von Frauen in diesen Bereichen.

Die Erfolge der afghanischen Frauen und deren mangelnde Anerkennung
Menschenrechtsaktivistinnen haben in den letzten Jahren bedeutende Erfolge in Afghanistan und über die Grenzen Afghanistans hinaus erzielen können, sie haben nationale und internationale Preise gewonnen und damit der Welt ein anderes Gesicht von Afghanistan gezeigt, als das von Krieg und Gewalt. Doch die Beteiligung von Frauen an der politischen Entscheidungsfindung ist immer noch verschwindend gering.
Trotz positiver Errungenschaften im Leben der afghanischen Frauen beschränken sich der Fortschritt und die Entwicklungsmöglichkeiten von Frauen in vielerlei Hinsicht auf Worte und Slogans. Zahllose Gesetze, Programme und Strategien wurden entwickelt, um die Stellung der afghanischen Frau zu stärken, doch deren Umsetzung war weniger erfolgreich. Immer wieder wurden diese Maßnahmen ignoriert.

Es ist offensichtlich, dass Frauenrechte in Afghanistan nur eine symbolische Rolle spielen, diese Doppelmoral und die frauenfeindlichen Einstellungen zeigen sich an folgendem Beispiel: Hamid Karsai hatte dem Parlament zwölf Ministeramtskandidaten zur Aussprache des Vertrauens präsentiert; das Parlament hat daraufhin den elf männlichen Kandidaten das Vertrauen ausgesprochen, Nargis Nehan aber, die als einzige Frau als Ministerin für Bergbau und Erdöl vorgeschlagen war, wurde abgelehnt.
Dies zeigt, dass in allen drei Organen der afghanischen Regierung Frauenfeindlichkeit herrscht und nach wie vor politische Entscheidungen auf der Grundlage gefällt werden, die männliche Dominanzkultur zu erhalten. In all den Jahren konnte keine einzige Frau Mitglied des Obersten Gerichtshofs von Afghanistan werden, stets lehnte das Parlament die Mitwirkung von Frauen in dieser Institution ab; Frauen gelten in Afghanistan immer noch als Menschen zweiter Klasse.

Ein Teil von meinem Team

Die allgemein unsichere Lage, das Versagen der afghanischen Regierung bei der Gewährleistung von Sicherheit für Frauen, die Einschränkungen und verschiedenen Arten von Diskriminierung sind Gründe dafür, dass Frauen nicht in der Lage sind, in Frieden in Afghanistan zu leben, und sich gezwungen sehen, allein oder mit der Familie in andere Länder zu gehen, insbesondere nach Europa, um dort Asyl zu beantragen.

Afghanische Frauen, die in Europa Asyl suchen, und der Albtraum der Flucht

Im Gespräch mit Dr. Idah Nabateregga von TERRE DES FEMMES sprach die Vorsitzende von Afghan Women´s Network, Nila Khalil im Dezember 2019 über die Europäische Asylanträge von Afghanischen Frauen.
„Es ist nicht einfach für afghanische Frauen und Mädchen, nach Europa zu kommen. In der Regel sind sie viele Risiken eingegangen, um mit ihren Familien in europäische Länder zu gelangen. Viele der Frauen und jungen Mädchen haben auf dem Weg entweder ihr Leben oder ihre Kinder und Familien verloren, sie wurden eingesperrt und mussten niederträchtiges Verhalten und abscheuliche sexuelle Belästigungen von Grenzsoldaten und Schmugglern erdulden. Zwar ist es auch für Männer nicht einfach, auf illegalem Wege zu reisen, doch für Frauen ist es noch einmal schwieriger. Aber trotz all dieser Gefahren und Probleme auf den Fluchtrouten haben afghanische Asylsuchende weniger Chancen auf Asyl als Asylsuchende aus anderen Ländern. Afghanische Asylsuchende dürfen bis zu dem Zeitpunkt, an dem ihnen Asyl gewährt wird, keine Sprachkurse besuchen. Zwar steht ihnen eine Unterkunft zur Verfügung, sie werden finanziell versorgt und genießen Schutz, doch sehen sie sich mit mentalen und psychischen Problemen konfrontiert.“

In den Lagern und an den Orten, wo Geflüchtete leben, finden sich viele Beispiele für diese Art von Problemen. Eine afghanische Flüchtlingsfrau in Hessen, die von Oktober 2017 bis Mai 2019 in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht war, sprach bei einem Treffen im Januar 2020 mit der Vorsitzenden von Afghan Women´s Network.

„In Afghanistan hatte ich viele Probleme in der Familie und durfte nicht draußen arbeiten. Mein Mann und ich wollten an einem Ort leben, an dem wir in Frieden und wir selbst sein konnten und wo wir in Sicherheit sind. Also sind wir Richtung Europa aufgebrochen, ohne zu wissen, dass wir mit unserem Leben spielten. Stundenlang waren wir auf gefährlichen Routen zu Fuß in Richtung Bulgarien unterwegs. Mein Mann und ich wurden mit anderen Männern und Frauen von bulgarischen Grenzsoldaten festgenommen. Diese Grenzsoldaten folterten uns und brachten uns anschließend in ein Gefängnis, wo wir zusammen mit gefährlichen Gefangenen eingesperrt wurden.
Sie haben uns mehrere Tage lang nichts zu essen gegeben und uns so schlimm behandelt, dass ich es nicht aussprechen kann. Nachdem wir aus dem Gefängnis entlassen worden waren, sind wir nach Deutschland gelangt. Leider wurde unser Asylantrag abgelehnt und wir sollten nach Bulgarien zurückgeschickt werden. Ich war eineinhalb Jahre in einem Krankenhaus für geistige Gesundheit, aber ich kann keinen geistigen Frieden finden.“ (Anm.: Das Gespräch ging über mehrere Stunden und was jetzt geschrieben ist, ist die Quintessenz von diesem Interview)

Afghanische Frauen in Europa und Gewalt in der Familie
Abgesehen von mentalen und psychischen Gesundheitsproblemen erleben afghanische Frauen und Mädchen in vielen europäischen Ländern, insbesondere in Deutschland sexuelle und auch häusliche Gewalt. Nach Quellen deutscher Medien wurden allein 2017 zwei afghanische Frauen in den Städten Frankfurt und Herzogenrath von ihren Ehemännern getötet.

Gewalt ereignete sich auch in einem Flüchtlingslager in Schwerin, wo im November 2017 eine afghanische Frau durch einen iranischen Mann vergewaltigt wurde. Gemäß der Aussage eines Verteidigers von Frauenrechten in Frankfurt leben einige afghanische Familien hier nach denselben traditionellen Vorstellungen wie in Afghanistan und erlauben ihren Frauen nicht einmal, an Sprachkursen teilzunehmen. Die Hilfsangebote vieler Organisationen und Vereinigungen, die Geflüchtete bei ihren Integrationsbemühungen unterstützen, laufen dann ins Leere.
Ein weiterer schwerer Fall von Gewalt afghanischen Männer ist der Mord an Mia im Dezember 2017.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass Unsicherheit, Ungerechtigkeit, mangelnde Rechtsstaatlichkeit und fehlende Gleichberechtigung der Männer die Hauptgründe dafür sind, dass viele afghanische Frauen in Europa Asyl beantragt haben. Niemand würde ohne die oben genannten Gründe derart viele Risiken eingehen, ohne dazu gezwungen zu sein, niemand würde seinen Geburtsort verlassen und in einem Land mit einer anderen Kultur und Sprache Asyl suchen.
Das Leben in Deutschland, oder deren westlichen Nachbarstaaten, ist nicht einfach, es muss von Null aufgebaut werden und es braucht Zeit, sich der Gesellschaft anzupassen und die neue Sprache und Kultur zu lernen. Angesichts der Situation afghanischer Asylbewerberinnen ist klar, dass diese mehr als manche andere Unterstützung benötigen – von Organisationen, die die Menschenrechte verteidigen, sowie von der deutschen und den europäischen Regierungen.

Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland heißt es, dass alle Menschen in diesem Land die gleichen Rechte haben und dass dieses Land demokratisch regiert wird. Aus diesem Grund erhoffen sich die afghanischen Frauen mehr von der Regierung dieses Landes. Gerade Frauen, die alleine sind oder allein die Verantwortung für ihre ganze Familie tragen, sind auf die Unterstützung der Bundesregierung und von Menschenrechtsorganisationen angewiesen. Geflüchtete Afghaninnen wünschen sich, dass ihre Fälle in Bezug auf die Situation in Afghanistan und die politischen und sozialen Probleme von Frauen in diesem Land überprüft werden.

Nila Khalil, Vorsitzende von Afghan Women´s Network und Mitglied der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen in Genf. Den Haag, 25. April 2020.

Wenn humanitäre Hilfe zur Lebensgefahr wird.

Brunnen bohren, Lebensmittel verteilen, Schulen bauen und dabei glücklichen Menschen in die Augen sehen. Dies ist oft das Bild von Menschen, wie sie Mitarbeiter*innen von Hilfsorganisationen sehen – die Realität ist eine andere, denn es gibt Gruppierungen ob nun Terroristen, Milizen oder Regierungstruppen die humanitäre Helfer*innen als Bedrohung ihres Glaubens, Politik oder Ansichten sehen.

Autorin Evke Freya von Ahlefeldt

Entführungen und Angriffe auf Mitarbeitende von Hilfsorganisationen in Entwicklungsländern haben in den letzten 10 Jahren zugenommen.
Seit dem Bürgerkrieg in Syrien werden Entwicklungshelfer*innen bewusst zum Ziel von Angriffen verschiedener Gruppierungen.

Wenn die Sicherheit von Mitarbeitenden NGO’s nicht mehr garantiert ist, stellen viele Hilfsorganisationen ihre Arbeit in den entsprechenden Ländern ein. In Afghanistan, im Sudan, in Somalia und in Pakistan passiert dies am häufigsten. Auch Äthiopien, Jemen, Jordanien, Mali, Nigeria und Philippinen sind Länder, in denen es Angriffe gab und gibt.

Vor 2010 ließ sich der Großteil der Zwischenfälle auf kriminelle Ursprünge zurückführen. Entwicklungshelfer*innen wurden überfallen, weil die Angreifenden hofften, Geld oder Wertgegenstände zu erbeuten. Inzwischen sind viele Gewaltakte politisch / religiös motiviert. Entwicklungshelfer*innen werden entführt oder getötet, um Gefangene freizupressen oder politische Entscheidungen durchzusetzen.

Damit Übergriffe erst gar nicht passieren sollen, greifen Hilfsorganisationen auf bewaffneten Begleitschutz zurück oder statten Mitarbeitende mit Waffen aus. Dies ist aber erst durch die EU Verordnung  Nr 230/ 2014 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 11. März 2014  möglich. Diese Verordnung ist eines der Instrumente, mit denen die auswärtige Politik der EU direkt unterstützt wird.
Sie folgt der Verordnung (EG) Nr. 1717/2006 des Europäischen Parlaments und des Rates nach, die am 31. Dezember 2013 außer Kraft getreten ist.
Zu den wichtigsten der unter anderem in Artikel 21 des Vertrags über die Europäische Union (EUV) dargelegten Zielen des auswärtigen Handelns der Union gehört es, den Frieden zu erhalten, Konflikte zu verhüten, die internationale Sicherheit zu stärken und den Völkern, Ländern und Regionen, die von Naturkatastrophen oder von vom Menschen verursachten Katastrophen betroffen sind, zu helfen. Krisen und Konflikte, die Länder und Regionen
betreffen, und andere Faktoren wie Terrorismus, organisierte Kriminalität, geschlechtsbezogene Gewalt, Klimawandel, Herausforderungen im Bereich der Computer- und Netzsicherheit und Sicherheitsbedrohungen infolge
von Naturkatastrophen stellen eine Gefahr für Stabilität und Sicherheit dar. Zur wirksamen und rechtzeitigen
Bewältigung dieser Probleme sind spezifische Finanzmittel und Finanzierungsinstrumente erforderlich, die die humanitäre Hilfe und die Instrumente der langfristigen Zusammenarbeit ergänzen.

Artikel 4 der Verordnung Nr. 230/201

Hilfe für Konfliktverhütung, Friedenskonsolidierung und
Krisenvorsorge

(1) Zur Verfolgung der in Artikel 1 Absatz 4 Buchstabe b genannten Einzelziele leistet die Union technische und finanzielle Hilfe. Diese Hilfe umfasst die Unterstützung von Maßnahmen zum Aufbau und zur Stärkung der Kapazitäten der Union und ihrer Partner für die Verhütung von Konflikten, die Konsolidierung des Friedens und die Deckung des Bedarfs in Vor- und
Nachkrisensituationen in enger Koordinierung mit den Vereinten
Nationen und anderen internationalen, regionalen und subregionalen Organisationen sowie staatlichen Akteuren und Akteuren der Zivilgesellschaft bei ihren Anstrengungen in folgenden Bereichen:
a) die Frühwarnung und die konfliktsensible Risikoanalyse bei
der politischen Gestaltung und bei der Umsetzung von Politiken zu fördern;
b) Vertrauensbildung, Schlichtung, Dialog und Versöhnung unter besonderer Berücksichtigung entstehender Spannungen zwischen Gemeinschaften zu erleichtern und entsprechende
Kapazitäten aufzubauen.

Absatz 3 c: bei der Hilfe für Behörden, die am Kampf gegen den Terrorismus beteiligt sind, wird unterstützenden Maßnahmen, die Folgendes betreffen, Vorrang eingeräumt: die Entwicklung und Stärkung von Rechtsvorschriften zur Terrorismusbe-
kämpfung, die Umsetzung und Durchsetzung von Finanzrecht, Zollvorschriften und Einwanderungsrecht, die Entwicklung von Verfahren zum Rechtsvollzug, die höchsten interna-
tionalen Standards entsprechen und die im Einklang mit dem Völkerrecht stehen, die Stärkung der Mechanismen für demo-
kratische Kontrolle und institutionelle Aufsicht sowie die Verhütung gewalttätiger Radikalisierung.

Soweit einen Einblick in die Gesetzesvorlage der EU für humanitäre Helfer*innen.

Wie gefährlich unsere Arbeit vor Ort ist, möchte ich anhand eines Schreibens der UN aus Dezember 2020 zeigen.

Am Dienstag, den 27. Oktober 2020
wurden zwei somalische Mitarbeiter von Hilfsorganisationen in Mogadischus Hauptstadt Somalias von mutmaßlichen Al-Shabab-Terroristen getötet. Sie arbeiteten an einer Polio-Impfkampagne für Kinder, die von UNICEF, der WHO und dem somalischen Gesundheitsministerium organisiert wurde.

Im Südsudan wurden in gleicher Woche zwei südsudanesische Mitarbeiter von Hilfsorganisationen bei zwei separaten Angriffen im östlichen Bundesstaat Jonglei getötet.

Am Donnerstag, den 29. Oktober, wurde ein Team der NGO „Plan Internationa“  in der Nähe der Stadt Pibor angegriffen. Das Team hatte Kindern und jungen Müttern, die von der Gewalt und den Überschwemmungen betroffen waren, Ernährungshilfe geleistet. Ein Mitarbeiter der Hilfsorganisation wurde bei dem Angriff getötet. 

Am nächsten Tag wurde ein weiterer Mitarbeiter der südsudanesischen NGO „Nile Hope“, das ebenfalls Nahrungsmittelhilfe für die Zivilbevölkerung leistet, von bewaffneten Jugendlichen im Bezirk Canal/Pigi getötet.

In Syrien wurden am Mittwoch, den 4. November 2020, zwei syrische Mitarbeiter von UNICEF in Idlib getötet. Sie waren auf dem Weg zu einem von der UN-Agentur unterstützten Kinderschutzraum, als sie unter Beschuss gerieten.

Der UN-Untergeneralsekretär und Nothilfekoordinator für humanitäre Angelegenheiten, Mark Lowcock, prangerte eine Situation an, die „nicht toleriert werden kann. Angriffe auf humanitäre Helfer sind eine Verletzung des humanitären Völkerrechts und ein unanständiger Akt gegen Menschen, die hart und oft unter schwierigen Umständen arbeiten, um bedürftigen Menschen zu helfen.“

Die sechs in Somalia, Südsudan und Syrien getöteten Entwicklungshelfer waren alle lokale Mitarbeiter von humanitären Organisationen. Viele Entwicklungshelfer kommen aus den Gemeinden, denen sie dienen. In einigen Fällen haben sie bereits unter den Auswirkungen von Konflikten, Klimawandel und Naturkatastrophen gelitten, genau wie die Menschen, denen sie helfen.“

Laut der Datenbank zur Sicherheit von Mitarbeitern von Hilfsorganisationen, die von der unabhängigen Forschungsorganisation Humanitarian Outcomes geführt wird, übertrafen die schweren Angriffe auf humanitäre Mitarbeiter im Jahr 2019 alle bisherigen Jahre in der Aufzeichnung. Mindestens 483 humanitäre Helfer wurden angegriffen und 125 von ihnen wurden getötet.

Evke Freya von Ahlefeldt, 14. Juni 2020

Die Entführung der Landshut

Im großen World Wide Web fand ich eben ein Foto und mir fielen sofort die Fahndungsplakate der RAF ein, die damals bei uns in der Post rechts an der Wand vom Schalter hingen.

Autorin Naike Juchem

Ich bin 1970 geboren und kann mich noch sehr genau an jene DIN A0 Plakate erinnern. Auch sah ich damals in der Tagesschau die Beiträge über die Entführung und Ermordung Hanns Martin Schleyers und die Entführung des Lufthansa-Flugzeugs „Landshut“.

Fahndungsplakat aus den 70er

Die Selbstmorde der inhaftierten führenden Mitglieder der ersten Generation der RAF stellten den Schlussakt der sogenannten Offensive 77 der RAF dar. Der Deutsche Herbst gilt als eine der schwersten Krisen in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.

Beginnen möchte ich mit der Erklärungen der RAF vom 5. September bis 18. Oktober 1977 (Memento vom 12. März 2007 im Internet Archive).

Attentat auf Hans Martin Schleyer

5. September 1977

An die Bundesregierung Sie werden dafür sorgen, daß alle öffentlichen Fahndungsmaßnahmen unterbleiben – oder wir erschießen Schleyer sofort, ohne daß es zu Verhandlungen über seine Freilassung kommt.

6. September 1977

Am Montag, den 5. September 77 hat das Kommando Siegfried Hausner den Präsidenten der Arbeitgeberverbands und des Bundesverbands der Deutschen Industrie, Hanns-Martin Schleyer, gefangengenommen. Zu den Bedingungen seiner Freilassung wiederholen wir nochmal unsere erste Mitteilung an die Bundesregierung, die seit gestern von den Sicherheitsstäben, wie wir das inzwischen kennen, unterschlagen wird. Das ist die sofortige Einstellung aller Fahndungsmaßnahmen – oder Schleyer wird sofort erschossen. Sobald die Fahndung gestoppt ist, läuft Schleyers Freilassung unter folgenden Bedingungen:

Die Gefangenen aus der RAF: Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe, Verena Becker, Werner Hoppe, Karl-Heinz Dellwo, Hanna Krabbe, Bernd Rössner, Ingrid Schubert, Irmgard Möller werden im Austausch gegen Schleyer freigelassen und reisen in eine Land ihrer Wahl. Günter Sonnenberg, der seit seiner Festnahme wegen einer Schußverletzung haftunfähig ist, wird sofort freigelassen. Sein Haftbefehl wird aufgehoben. Günter wird zusammen mit den 10 Gefangenen, mit denen er sofort zusammengebracht wird und sprechen kann, ausreisen. Die Gefangenen sind bis Mittwoch, 8 Uhr früh, auf dem Flughafen Frankfurt zusammenzubringen. Sie haben bis zu ihrem Abflug um 12 Uhr mittags jederzeit und uneingeschränkt die Möglichkeit, miteinander zu sprechen. Um 10 Uhr vormittags wird einer der Gefangenen das Kommando in Direktübertragung durch das Deutsche Fernsehen über den korrekten Ablauf ihres Abflugs informieren.

Hans Martin Schleyer

In der Funktion öffentlicher Kontrolle und Garantie für das Leben der Gefangenen während des Transports bis zur Landung und Aufnahme sollen die Gefangenen – wie wir vorschlagen würden – von Payot, dem Generalsekretär der Internationalen Föderation für Menschenrechte bei der UNO, und Pfarrer Niemöller begleitet werden. Wir bitten sie, sich in dieser Funktion dafür einzusetzen, daß die Gefangenen dort, wo sie hinwollen, lebend ankommen. Natürlich sind wir auch mit einem Alternativvorschlag der Gefangenen einverstanden.

Jedem der Gefangenen werden 100 000 DM mitgegeben. Die Erklärung, die durch Schleyers Foto und seinen Brief als authentisch identifizierbar ist, wird heute abend um 20.00 Uhr in der Tagesschau veröffent-licht, und zwar ungekürzt und unverfälscht. Den konkreten Ablauf von Schleyers Freilassung legen wir fest, sowie wir die Bestätigung der freigelassenen Gefangenen haben, daß sie nicht ausgeliefert werden, und die Erklärung der Bundesregierung vorliegt, daß sie keine Auslieferung betreiben wird. Wir gehen davon aus, daß Schmidt, nachdem er in Stockholm demonstriert hat, wie schnell er seine Entscheidungen fällt, sich bemühen wird, sein Verhälmis zu diesem fetten Maguaten der nationalen Wirtschaftscreme ebenso schnell zu klären.
RAF – Kommando Siegfried Hausner

Die Landshut auf dem Flugplatz in Rom

Der Irrflug der „Landshut“

Der Flug LH181 am 13. Oktober 1977 von Palma de Mallorca nach Frankfurt sollte nur etwas über ein Stunde dauern. Er entpuppte sich für die 82 Passagiere und fünf Besatzungsmitglieder an Bord als mehrtägiges Martyrium. Denn ein vierköpfiges Terroristenteam – zwei Frauen und zwei Männer – übernahmen gegen 14.30 Uhr die Gewalt an Bord der Boeing 737-200 „Landshut“. Die Forderungen des Kommandos „Martyr Halimeh“ unter Führung von „Captain Mahmud“: Freilassung elf inhaftierter deutscher linksextremistischer Terroristen, zweier in der Türkei inhaftierter palästinensischer Terroristen sowie 15 Millionen US-Dollar Lösegeld. Andernfalls sollten alle Geiseln und der durch die Rote Armee Fraktion (RAF) am 5. September 1977 entführte Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer getötet werden. Das Ultimatum sollte am 16. Oktober auslaufen.

Filmausschnitt „Mogadischu“

Anders als die Entführer angenommen hatten, zeigten sich die arabischen Staaten in den nächsten Tagen nicht gewillt, in die Krise hineingezogen zu werden. Sie verweigerten der „Landshut“ die Landung. Der Irrflug der Maschine mit dem Luftfahrzeugkennzeichen D-ABCE führte nach Zwischenlandungen in Rom, Larnaka und Bahrain zunächst am 14. 10. nach Dubai. Dort gab es zähe Verhandlungen jedoch ohne Ergebnis. Am 16. 10. startete die Maschine dann nach Aden. Hier musste die Landshut neben der gesperrten Piste landen. In Aden erschossen die Terroristen auch Flugkapitän Jürgen Schumann. Co-Pilot Jürgen Vietor musste die „Landshut“ schließlich nach Mogadischu steuern, wo sie in den frühen Morgenstunden des 17.10. eintraf.

Die Landshut in Mogadischu

Die Bundesregierung lässt sich nicht  erpressen
Im Bundeskanzleramt in hatte Bundeskanzler Helmut Schmidt nach der Entführung der „Landshut“ einen Krisenstab gebildet. Die klare Linie lautete: Den Forderungen der Terroristen wird nicht nachgegeben. Gleichwohl folgte Staatsminister Hans-Jürgen  Wischnewski mit einem Verhandlungsteam in einer Sondermaschine dem entführten Flugzeug. Auch die GSG 9 war unmittelbar nach der Entführung alarmiert worden, um sich für eine Befreiungsoperation bereitzuhalten. Ein Einsatzverband unter Leitung ihres Kommandeurs, Oberstleutnant i. BGS Ulrich K. Wegener, war der „Landshut“ zunächst in einer Sondermaschine der Lufthansa gefolgt und hielt sich in Ankara bereit. Als die „Landshut“ in Dubai gelandet war, flogen Wegener, dessen Adjutant Baum und Unterführer Dieter Fox ebenfalls dorthin. Sie stießen zum Wischnewskis-Team. Zu einer geplanten Befreiungsoperation kam es nicht mehr. Von Dubai aus ging es dann ebenfalls nach Mogadischu, wo sie am 17. Oktober um die Mittagszeit eintrafen.

Am 17. Oktober gegen 17:30 Uhr MEZ landeten die Einsatzkräfte der GSG 9 mit der Lufthansa-Maschine „Stuttgart“ in Mogadischu, ca. 2.000 Meter von der „Landshut“ entfernt. Die Starts und Landungen somalischer Militärflugzeuge lenkten die Terroristen ab. Danach kamen Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski und der GSG 9-Kommandeur Ulrich Wegener zur „Stuttgart“. Wischnewski erklärte, dass Bundeskanzler Helmut Schmidt angesichts der unnachgiebigen Haltung der Terroristen und weil der Staat sich nicht erpressen lässt, entschieden hatte, dass die GSG 9 die „Landshut“ stürmen soll, um die 86 Geiseln zu befreien.
Wischnewski gelang es, bei der somalischen Regierung die Erlaubnis für eine gemeinsame Operation deutscher und somalischer Kräfte zu erwirken. Zum Schein ging die Bundesregierung dann auf die Forderungen der Entführer, welche die Maschine bereits zur Sprengung vorbereitet hatten, ein. Sie bat um eine weitere Verlängerung der Frist, um die Gefangenen zum Austauschort transportieren zu können. Die Entführer setzten ein letztes Ultimatum, welches am 18.10. um 1.30 Uhr auslaufen sollte.

Die GSG 9 bekommt das „GO“

Der deutsche GSG 9-Einsatzverband – er war aus Tarnungsgründen von Ankara zurück nach Sankt Augustin und dann nach Kreta geflogen – landete am 17. Oktober gegen 19.30 (MEZ) Uhr in der Dunkelheit und wurde auf den nördlich angrenzenden militärischen Teil des Flughafens Mogadischu gelotst. Somalische Kräfte riegelten den Flughafen ab.

Die Verhandlungsexperten im Wischnewski-Stab lenkten die Entführer durch einen intensiven Funkverkehr über die bevorstehende vermeintliche Gefangenenübergabe ab. Der Einsatzverband machte sich nach der Landung bereit. An ihrer Boeing 707 „Stuttgart“ erfolgte das Rehearsal, die Abschlussübung vor dem Zugriff. Wegener meldete Helmut Schmidt Einsatzbereitschaft und zeigte sich überzeugt vom Einsatzerfolg. Noch am Abend erhielt er telefonisch den Einsatzbefehl durch den Bundeskanzler.

Die GSG9 stürmt die Landshut

Ablauf der Operation

Die Kräfteeinteilung stellte sich wie folgt dar: Das zehn Mann starke Aufklärungs- und Präzisionsschützenkommando stand unter Führung des stellv. Kommandeurs, Major i. BGS Klaus Blätte. Zur Ausstattung gehörten Scharfschützengewehre Mauser S66 mit Nachtsichtgeräten „Nachteule“ sowie Aufklärungstechnik. Das Zugriffsteam wurde von Wegener geführt. Es bestand aus sechs Sturmtrupps (einer pro Tür) zu je fünf Mann. Dazu kamen noch ein Sanitäts- und ein Reservetrupp mit drei bzw. fünf Mann sowie ein Pioniertrupp mit vier Mann. Die beiden SAS-Männern Major Alistair Morrison und Sergeant Barry Davis waren hier ebenfalls zugeordnet. Sie hatten ihre brandneuen „Stun-Grenades“, Blitzknallgranaten mitgebracht. Zur übrigen Bewaffnung und Ausrüstung gehörten Revolver S&W .38 und Pistolen P9S zum Arbeiten in der Maschine, MP5, neuartige „Bristol“-Schutzwesten aus britischer Produktion, dazu noch spezielle gummibeschichtete Leitern.

Für die zu evakuierenden Geiseln wurde ein Sammelraum abseits der Maschine eingerichtet. Somalische Streitkräfte bildeten einen äußeren Ring und bereiteten zudem ein Feuer einige hundert Meter vor dem Cockpit der „Landshut“ für ein Ablenkungsmanöver vor.

Um etwa 22.00 Uhr gingen die Kräfte in die Ausgangsstellung. Die Aufklärer und Präzisionsschützen arbeiteten sich auf etwa 30 Meter an die Maschine heran und lieferten stetig Aufklärungsergebnisse. Ab etwa 23.00 Uhr begann die Annäherung der Zugriffskräfte. Sie erreichten die Maschine um etwa 23.30 Uhr.

23.50 Uhr: Die somalischen Soldaten entzünden das Ablenkungsfeuer. Die Verhandlungsgruppe im Tower fragt über Funk beim Terroristenführer Captain Mahmud die Übergabebedingungen ab.

23.55 Uhr: Die Sturmtrupps nehmen ihre Sturmausgangsstellungen ein.

00.00 Uhr: Spezielle Leitern werden an die vier Türen und an die beiden Notausgangsbereiche hinter den Tragflächen gelegt, die Trupps gehen in Position.

00.05 Uhr: Auf das Kommando „Feuerzauber“ zünden die beiden SAS-Männer mehrere Blitzknallgranaten, nahezu gleichzeitig öffnen die Sturmtrupps die Türen. Fünf Sturmtrupps dringen in die Maschine ein, der Trupp 2 (vorne rechts) muss aufgrund von Hindernissen ausweichen und hinter Trupp 1 (vorne links) nachrücken.

Im Flugzeuginneren entwickelt sich ein Feuerkampf. Trupp 1 schaltet im Cockpit Mahmud aus. Eine Terroristin wird im Gang der Ersten Klasse getroffen und schwer verletzt – sie überlebt. Der dritte Terrorist kann bevor er ausgeschaltet wird noch zwei Handgranaten werfen, deren Explosion die Stewardess Gabriele Dillmann (heute von Lutzau) am Bein verletzen. Eine vierte Terroristin wird auf der vorderen Bordtoilette neutralisiert. Ein GSG 9-Einsatzbeamter erleidet eine leichte Verwundung durch einen Halsdurchschuss.

Noch während des Feuerkampfes beginnt im hinteren Bereich (Trupp 5 und 6) und über die Notausstiege (Trupp 3 und 4) die Evakuierung.

00.12 Uhr: Wegener meldet „Springtime“ – das Codewort für den erfolgreichen Abschluss der Aktion. 
Bilanz: Alle 86 Geiseln befreit, drei leicht verwundet, ein GSG 9-Mann leicht verwundet, drei von vier Terroristen getötet, eine Terroristin schwer verletzt an die somalischen Behörden übergeben. Die Befreiten wurden noch am 18. Oktober mit einer Sondermaschine nach Frankfurt gebracht. Die GSG 9 landete ebenfalls am 18. Oktober gegen 15.30 Uhr auf dem Flughafen Köln/Bonn.

Passagiere der Landshut bei der Ankunft in Frankfurt

Erklärungen der RAF vom 5. September bis 18. Oktober 1977 

19. Oktober 1977

Wir haben nach 43 Tagen Hanns-Martin Schleyers klägliche und korrupte Existenz

beendet. Herr Schmidt, der in seinem Machtkalkül von Anfang an mit Schleyers Tod spekülierte, kann ihn in der Rue Charles Peguy in Mulhouse in einem grünen Audi 100 mit Bad Homburger Kennzeichen abholen.

Für unseren Schmerz und unsere Wut über die Massaker von Mogadischu und Stammheim ist sein Tod bedeutungslos. Andreas, Gudrun, Jan, Irmgard und uns überrascht die faschistische Dramaturgie der Imperialisten zur Vernichtung der Befreiungsbewegungen nicht. Wir werden Schmidt und der daran beteiligten Allianz diese Blutbäder nie vergessen. Der Kampf hat erst begonnen! Freiheit durch bewaffneten antiimperialistischen Kampf!
Kommando Siegfried Hausner.

Quelle:
– Erklärungen der RAF vom 5. September    bis 18. Oktober 1977 (Memento vom 12. März 2007 im Internet Archive).

– esut.de

Dschihadisten in Europa

Mit Blick auf den Sturz der afghanischen Regierung durch die Taliban, sind sehr viele Menschen über die Zukunft von Afghanistan besorgt, doch gibt es auch eine andere Sorge, die noch nicht in den Medien angekommen ist: die Gefährder.

Autorinnen Naike Juchem und Nila Khalil

Der Begriff des Gefährders ist innerhalb der letzten Jahre zu einer festen Größe im Sprachgebrauch der Sicherheitsbehörden avanciert. Er findet z.B. als Bezeichnung für Personen Verwendung, von denen eine islamistisch motivierte Terrorgefahr ausgeht. Der Begriff erstreckt sich aber auch auf andere Phänomenbereiche der politisch motivierten Kriminalität. Der Gefährderbegriff ist allerdings nicht legal definiert. Er ist also nicht als Rechtsbegriff im deutschen Gesetz verankert. Vielmehr handelt es sich um einen polizeilichen Arbeitsbegriff, der insbesondere im Zusammenhang mit Terrorismus verwendet wird. 2004 wurde der Begriff des Gefährders durch die Arbeitsgemeinschaft der Landeskriminalämter und des Bundeskriminalamtes folgendermaßen definiert:

„Ein Gefährder ist eine Person, bei der bestimmte Tatsachen die Annahme rechtfertigen, dass sie politisch motivierte Straftaten von erheblicher Bedeutung, insbesondere solche im Sinne des § 100a der Strafprozessordnung (StPO), begehen wird.

Zahl der Gefährder in Europa

Deutschland
Der Bundesnachrichtendienst (BND) warnt vor neuen Terroranschläge von islamistischen Terrorgruppen und einer daraus resultierenden Bedrohung auch für Europa. Die Gefährdung durch  Terrorgruppen wie  Al-Qaida und den Islamischer Staat (IS) sind weltweit nicht zurückgegangen. „Wir haben momentan überhaupt keinen Anlass dazu, Entwarnung zu geben“, so der BND-Präsident Bruno Kahl.

Die Zahl der Gefährder wird in Deutschland von keiner offiziellen Stelle regelmäßig veröffentlicht und ist somit auch nicht Teil des Bundesverfassungsschutzberichts. Aufschluss geben Anfragen der Parteien im Deutschen Bundestag oder Abfragen der Presse beim Bundeskriminalamt (BKA).

Das BKA listet 679 Personen als Gefährder und 509 Personen als relevante Personen im Bereich der politisch-motivierten Kriminalität mit religiösem Hintergrund auf. Dabei dürfte es sich ausschließlich um Mitglieder der islamistischen Szene handeln (Stand: 01.11.2019).

Beim Rechtsextremismus liegen die Zahlen bei 46 Gefärdern bzw. 126 relevanten Personen (Stand: 25.11.2019). Die wenigsten Gefährder und relevanten Personen listet das BKA im Bereich der politisch-motivierten Kriminalität auf. Hier geht das BKA von fünf Gefährdern und 85 relevanten Personen aus. (Stand: 15.10.2019). Im Bereich der sogenannten Ausländischen Ideologie (u.a. die kurdische Arbeiterpartei PKK) zeigt die Liste 21 Gefärdern bzw. 50 relevanten Personen.

Frankreich

In Frankreich sehen die Zahlen sehr viel dramatischer aus als in Deutschland.

Wie der französische Innenminister Gérald Darmanin am 30. August 2021 in der Generaldirektion für Innere Sicherheit  (Inlands Geheimdienst) mitteilte, sind derzeit 8.132 Gefärder in den Dateien zur Prävention von Radikalisierung mit terroristischem Hintergrund registriert. Nach der Einschätzung der französischen Geheimdienste DGSE und DCRI ist die Gefahr von Terroranschlägen durch Islamisten extrem hoch.

Belgien

Im Jahr 2014 erlebte Belgien den ersten Anschlag des sogenannten Islamischen Staates (IS) auf westlichem Boden und 2016 mit den Bombenanschlägen auf den Brüsseler Flughafen und einer Metrostation einen der tödlichsten Anschläge in der Geschichte des Landes. In den letzten Jahren ist klar geworden, dass die Gefahr, die von terroristischen Organisationen wie dem Islamischen Staat oder Al-Qaida ausgeht, nicht gebannt ist. Im Gegenteil, es ist die Rede von einem neuen Ausbruch des dschihadistischen Terrorismus.
Nach Informationen des Allgemeine Nachrichten- und Sicherheitsdienst (SGRS), sind in Belgien 645 Dschihadisten in der offiziellen Datenbank gespeichert.
Diese Zahl der potenziellen Terroristen ist für ein Land mit weniger als zwölf Millionen Einwohnern extrem hoch.

Niederlande

Nach den Unterlagen vom Allgemeinen Nachrichten- und Sicherheitsdienst (AIVD) der Niederlande, lag die Zahl der Dschihadisten im Jahr 2000 bei etwas 750 Personen, wovon etwa 150 Personen sich im Ausland aufhalten. Die Tatsache, dass die Zahlen seit Jahren ziemlich gleich bleiben, liegt am Mangel von islamistischen Führungspersönlichkeiten sowie auf interne Spaltungen und Zersplitterung der Netzwerke unter sich. Infolgedessen und aufgrund eines stärkeren Bewusstseins der polizeilichen Arbeit und Sicherheitsprävention, ist die Bewegung weniger nach außen gerichtet und erreicht weniger Menschen mit ihrer Botschaft.

Es gibt einen Weltterrorismusindex, in dem die fast 16.000 Anschläge aufgeführt sind, die jedes Jahr verübt werden. Hauptsächlich trifft dies aus Nigeria, Sudan, Syrien, Pakistan, Malaysia und Afghanistan zu.
Warum trifft es hier vornehmlich nur muslimische Länder, wenn man all zu oft der Annahme ist, das der Terror sich auf Europa bezieht?
Um diese Frage zu klären, muss man in der Zeit einige Jahre zurückgehen.

Krieg gegen die Ungläubigen

„Der Befehl, die Amerikaner und ihre Verbündeten zu töten, ist eine individuelle Verpflichtung für jeden Muslim“, hatte Osama bin Laden Anfang 1998 gesagt.

Im Zweiten Golfkrieg, der vom 17. Januar bis 28. Februar 1991 war, und der Irak der größten Kriegskoalition seit dem Zweiten Weltkrieg gegenüber stand, zeichnete sich dieser Krieg durch die ungewöhnlich asymmetrische Verteilung der Kriegsopfer, die einseitige Verfügung des Kriegsendes und den hohen Grad an mittelbaren Umweltschäden aus, etwa durch Geschosse mit angereichertem Uran.

In all diesem Chaos aus Zerstörung durch Bomben und das wegbrechen von politischen Strukturen bildeten sich kleine fundamentalistische Gruppen, um ihre gewünschte Staatsform wie im Iran zu etablieren. Was als loser Zusammenschluss ohne genaue Ziele begann, entwickelte sich mit dem Ende des zweiten Irak Krieges zur gefährlichsten Terror-Organisation von Islamisten: Al-Qaida. So konnte am Vormittag des 7. August 1998 ein mit Sprengstoff beladener Kleinlastwagen zum Eingang der amerikanischen Botschaft in der kenianischen Hauptstadt Nairobi verfahren und vor dem Tor der Botschaft eine Autobombe zünden, deren Wucht der Explosion ist so stark was, dass die komplette Fassade der US-Botschaft aufgerissen wird und ein weiteres Gebäude kollabiert. 213 Menschen wurden Opfer bei diesem Anschlag.

Fast zur gleichen Zeit wurde das Botschaftsgebäude der USA in Daressalam, der Hauptstadt von Tansania, ebenfalls Ziel eines Bombenanschlags, bei dem elf Menschen ums Leben kamen.

Die anschließenden Ermittlungen ergaben, dass die Anschläge vom einem bis dahin unbekannten Terrornetzwerk namens Al-Qaida, aus Pakistan, unter Führung von Osama bin Laden begannen wurden.

Terrorismus und sein Konzept

Die europäischen Geheimdienste definieren Terrorismus als: „eine Handlungsweise, auf die Gegner zurückgreifen, die die Regeln der konventionellen Kriegsführung brechen, um die Unzulänglichkeit ihrer Mittel auszugleichen und ihre politischen Ziele zu erreichen und wahllos Zivilisten angreift und dass die von ihm ausgeübte Gewalt in erster Linie darauf abzielt, die Auswirkungen seines brutalen Ausbruchs auf die öffentliche Meinung auszunutzen, um Regierungen zu zwingen, deren Forderungen zu erfüllen.“

Der Terrorismus ist weltweit verbreitet und nimmt viele Formen an. Ihre ständige Weiterentwicklung macht sie besonders schwer fassbar. Aus diesem Grund ist der 20 jährige ISAF Einsatz in Afghanistan auch gescheitert. Terror ist nicht erkennbar!

Dschihadismus, die größte Terroristische Bedrohung im 21. Jahrhundert

Trotz der verstärkten Anti-Terror-Maßnahmen auf internationaler Ebene nehmen die Aktivitäten terroristischer Gruppen zu. Wie die Anschläge in Paris, Berlin, Madrid, Brüssel, Antwerpen oder anderen Städten gezeigt haben, kein europäische Land ist immun gegen diesen Terror.

Der Terrorismus ist ein altes Phänomen und ist oft mit einer Vielzahl von Forderungen verbunde. In den letzten Jahrzehnten haben Organisationen mit nationalistischem Hintergrund, Bewegungen im Zusammenhang mit der Entkolonialisierung und Gruppen, die extremistische Ideologien mit politischer oder religiöser Grundlage vertreten, Anschläge in vielen Ländern der Welt verübt.

Seit einigen Jahren geht jedoch die größte Gefahr von dschihadistischen Netzwerken aus. Diese Bedrohung hat weltweit ein noch nie dagewesenes Ausmaß erreicht und wird insbesondere von Daesh, Al- Qaeda, IS, Taliban und den mit ihnen verbundenen Netzwerken verkörpert, deren Ziel die Durchsetzung einer totalitären islamischen Ideologie durch Gewalt ist.

Die Rekrutierung

Nach Ansicht der Dschihadisten befinden sie sich im Krieg mit dem Westen und der Kampf gegen den Westen ist obligatorisch. Der Beitrag, den sie zum Kampf leisten, kann von der Mittelbeschaffung bis zu dschihadistischen Aktionen, von der Erweiterung des Wissens bis zur Online-Propaganda und vom Aktivismus für Gefangene bis zur Verübung von Anschlägen reichen.

So verließ Anfang September 2012 der damals 21-jährige Houssien Elouassaki seine Heimatstadt Vilvoorde in Richtung Syrien. Um nach Syrien zu gelangen, reiste er in die Südtürkei und überquerte dort die syrische Grenze. Kurz nach seiner Einreise nach Syrien trat er in die dschihadisten Gruppe: Majlis Shurat al-Mujahidin.
Ihm gelang es, Dutzende von belgischen und niederländischen Kämpfern für diese Gruppe zu rekrutieren. Schnell wurde er der Anführer der Gruppe,
Von Abu Atheer belohnt, übernahm er die Verantwortung für alle ausländischen Kämpfer,  die sich der Gruppe anschlossen.
Elouassaki war einer der allerersten Belgier, die sich dem syrischen Dschihad anschloss. Im Laufe der Jahre haben 422 ausländische terroristische Kämpfer Belgien und die Niederlande verlassen, um sich dem Kampf gegen das Regime von Bashar al-Assad anzuschließen.
In den Anfangsjahren des syrischen Bürgerkriegs verließ viele junge Muslime die Europäische Heimat um sich dem Dschihad anzuschließen. Wobei die meisten von ihnen aus drei bestimmten Netzwerken stammen:  zum einen aus dem Shariah4Belgium, dem Resto du Tawheed und das Netzwerk von Khalid Zerkani. Dies ist nach ihrem Anführer, dem belgisch-marokkanischen Dschihad-Veteranen, benannt.

Im Laufe der Jahre wurden mindestens
80 Personen rekrutiert, die aus dem Dunstkreis von Shariah4Belgium kamen. Bei Resto du Tawheed und dem Zerkani-Netzwerk sollen es sich mindestens um100
Personen handeln.

Als Abu Atheer im April 2013 Abu Bakr al-Baghdadi die Treue schwor, folgte die Mehrheit der belgischen Kämpfer seinem Beispiel und schloss sich dem späteren Islamischen Staat an.
Einige weigern sich und schließen sich der Jabhat an-Nusra Bewegung an,
Die Lager der ausländischen Kämpfer in Syrien waren plötzlich gespalten. Ein Großteil der ausländischen Kämpfer schloss sich daraufhin Katiba al-Battar al-Libi an, einer kleinen Untergliederung des Islamischen Staates. Es ist bemerkenswert, dass der kleines Zeig des IS nur kurze Zeit existierte, aber am radikalsten war. Mitleider dieser Gruppe waren für die Anschläge in Paris (November 2015) und Brüssel (März 2016) verantwortlich.

Im März 2019 beendete eine massive Luftoffensive der Koalitionstruppen die territoriale Existenz des Islamischen Staates in seiner letzten Hochburg, der syrisch-irakischen Grenzstadt Bagdad.  Hunderte, wenn nicht Tausende von Männern, Frauen und Kinder des Islamischen Staates wurden buchstäblich in die Luft gesprengt.
Jüngsten Zahlen der Geheimdienste zufolge sind etwa 130 ausländische terroristische Kämpfer nach Belgien zurückgekehrt. 165 der etwa rund 290 zurückgebliebenen Personen sind nach dem Bericht des Auslandsnachrichtendienstes tot.
Der Verbleib von etwa 125 Personen ist unbekannt. Es ist möglich, dass sie auf
andere Kriegsschauplätze verlagert wurden. Da der Islamische Staat bekanntlich seine Kämpfer aus Syrien und Irak über Libyen oder Ägypten in die Sahelzone, Zentralafrika oder nach Afghanistan und Pakistan verlegt.
Bisher gibt es keine Beweise dafür, dass belgische Kämpfer auf diese Weise nach Afrika oder Zentralasien gegangen sind. Ausschließen kann man es nicht.

Auch der Allgemeine Nachrichten- und Sicherheitsdienst (AIVD) in den Niederlanden überwacht den dschihadistischen Terrorismus, da dieser nach wie vor die größte Bedrohung darstellt. Der radikale Islam ist der Nährboden für dschihadistisch-terroristische Gewalt, so wurde am 18. März 2019 ein Anschlag auf eine Straßenbahn in Utrecht verübt, bei dem vier Menschen getötet und zwei schwer verletzt wurden. Am 20. März 2020 verurteilte das Landgericht Utrecht den Dschihadisten Gökmen T. deshalb zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe.

Die niederländische dschihadistische Bewegung ist im öffentlichen Leben nicht sehr präsent. Trotzdem gab es in Europa, auch in den Niederlanden, eine relativ hohe Zahl von Verhaftungen, vermeidbaren Anschlägen und Vorfällen, die mit dem dschihadistischen Terrorismus in Verbindung gebracht werden können.
Da ein kleiner Teil der bestraften Dschihadisten Rückkehrer aus dem IS Gebiet sind, können sie neue, transnationale Netzwerke bilden.
Nach offiziellen Angaben des AIVD wurden 2019 folgende Personen aus der niederländischen Dschihad-Bewegung festgenommen.

Im Februar 2019 wurde in De Lutte ein Mann festgenommen, der der dschihadistischen Bewegung in den Niederlanden angehören soll. Er wird verdächtigt, ein terroristisches Verbrechen vorzubereiten. Bei seiner Verhaftung wurde eine Schusswaffe gefunden.

Im März 2019 wurde in Breda ein Mann wegen des Verdachts auf Beteiligung am Terrorismus festgenommen. Er soll sich der Al-Qaida-Schwesterorganisation Al Shabaab in Somalia angeschlossen haben.

Im Juli 2019 wurde in Maastricht ein Mann wegen des Verdachts der Anstiftung zu einer terroristischen Straftat festgenommen. Er wird außerdem verdächtigt, durch das Sammeln und Verbreiten von Informationen im Internet für den Terrorismus zu trainieren.

Der Mann war auf Websites aktiv, auf denen transnationale Online-Netzwerke alle Arten von dschihadistischen Informationen verbreiten, dschihadistisches Wissen aufbauen und pflegen sowie Propaganda produzieren und verbreiten. Dschihadisten erhalten über diese Netze Zugang zu Propaganda, Predigten und Reden von Dschihad-Gelehrten, aber auch zu Lehrmaterial, das für Anschläge genutzt werden kann.

Im Oktober 2019 wurde in Uithoorn eine Frau festgenommen, ebenfalls wegen des Verdachts der Anstiftung zu einer terroristischen Straftat. Sie wird außerdem verdächtigt, sich an einer terroristischen Vereinigung beteiligt und Gelegenheit, Mittel, Kenntnisse und Fähigkeiten zur Begehung einer terroristischen Straftat zur Verfügung gestellt zu haben. Sie war in ähnlichen Online-Netzwerken aktiv wie der oben erwähnte Mann aus Maastricht.

Im November 2019 wurden zwei Männer aus Zoetermeer unter dem Verdacht festgenommen, einen Anschlag in den Niederlanden vorbereitet zu haben. Ein Zeitpunkt und ein Ziel waren noch nicht bekannt.

Ebenfalls im November 2019 wurde ein Fünfzehnjähriger in Heemskerk wegen Anstiftung zu einer terroristischen Straftat und Verbreitung von hetzerischem Material festgenommen. Er verbreitete dschihadistisches Material über soziale Medien.

Im November wurden in den Niederlanden und Belgien insgesamt sechs Personen unter dem Verdacht der Terrorismusfinanzierung festgenommen. Das Geld wurde über eine Stiftung zur Unterstützung von Kriegsopfern gesammelt, aber die Verdächtigen sollen das Geld an ISIS-Kämpfer oder mit ISIS verbundene Personen in der Türkei und in Syrien übergeben haben.

Die Einschätzung der dschihadistisch-terroristischen Bedrohung ist nach wie vor geprägt von der Gefahr von Anschlägen im Westen durch einige wenige global agierende dschihadistische Organisationen, lokale Netzwerke und Einzelpersonen. Die Bedrohung des Westens hat seit 2017 abgenommen, was insbesondere durch den starken Rückgang der Zahl der Anschläge in Europa in den letzten Jahren belegt wird.
Die Bedrohung hat also abgenommen, ist aber immer noch erheblich.

Dschihadistische Bedrohung in den Niederlanden
Dies hat mit organisatorischen und ideologischen Spaltungen sowie mit einem Mangel an Hierarchie und Führung zu tun. Auch wächst die Bewegung nicht: Es kommen nur wenige neue Mitglieder hinzu und nur wenige treten aus.

Dennoch stellt die Bewegung nach wie vor eine Bedrohung dar. Schließlich folgen die Dschihadisten in den Niederlanden einer Ideologie der Gewalt und verbreiten diese hauptsächlich in geschlossenen Online-Kreisen. Einige Dschihadisten sprechen auch Drohungen gegen niederländische Personen oder Objekte aus, und es gibt Dschihadisten, die tatsächlich terroristische Gewalttaten begehen wollen.

Eine ernstzunehmende Bedrohungdurch ISIS und Al-Qaida

Die internationale dschihadistische Bedrohung des Westens geht in erster Linie von IS, Al-Qaida und den ihnen angeschlossenen Organisationen und Netzwerken aus. Die Gruppen, die mit Al-Qaida und IS verbunden sind, sind hauptsächlich in lokale oder regionale Konflikte verwickelt. Einige Gruppen verüben auch Anschläge gegen westliche Interessen in ihrer Region oder im Westen selbst.

Eine weitere Bedrohung geht von dschihadistischen Netzwerken oder Einzelpersonen aus, die keiner dieser Organisationen angehören. Einige Netze oder Personen sind tatsächlich an der Unterstützung  oder an der Planung und Durchführung von Angriffen beteiligt.

Die akute Bedrohung Europas durch den IS hat sich im vergangenen Jahr weiter abgeschwächt, aber die Gruppe beabsichtigt trotz des Verlusts ihres geografischen „Kalifats“ weiterhin, Anschläge in westlichen Ländern zu verüben oder verüben zu lassen. Im März 2019 fiel ihre letzte Hochburg, Baghuz.

Geografisch gesehen existiert das „Kalifat“ nicht mehr, aber das bedeutet nicht das Ende vom IS. Die Organisation hat sich in den letzten Jahren von einer zentral geführten Organisation zu einer so genannten „Aufstandsbewegung“ im Irak und in Syrien gewandelt. Das bedeutet, dass Untergrundzellen Anschläge, Morde und Raubüberfälle verüben, wichtige Personen gegen Lösegeld entführen und so weiter.

Die zentrale Führung in Syrien und im Irak ist nach wie vor intakt und steht nach wie vor in Kontakt mit IS-nahen dschihadistischen Organisationen. Diese so genannten „Provinzen“ sind an lokalen und regionalen Konflikten in verschiedenen Ländern und Regionen, unter anderem in Afrika und Südasien, beteiligt und stellen daher auch dort eine Bedrohung für die westlichen Interessen dar. Gleichzeitig kann die IS-Führung diesen „Provinzen“ eine gewisse Orientierung geben.

Weder der Tod von IS Führer Abu Bakr al-Baghdadi im Oktober 2019 noch die Ernennung seines Nachfolgers Abu Ibrahim al-Hashimi al-Qureishi haben die Bedrohung durch den IS beeinträchtigt. Der ISIS versucht nach wie vor, Anschläge im Westen zu verüben, wobei Syrien und der Irak wahrscheinlich seine Hauptstützpunkte bleiben werden.
Da in Afghanistan seit August 2021 die Regierung in einem territorialen Land hat, wird davon ausgegangen, dass sich der IS auf dieses neue Gebiet konzentrieren. Neueste Terroranschläge, wie zum Beispiel am Flughafen in Kabul oder in der Provinz Herat.

Auch Al-Qaida will weiterhin Anschläge im Westen verüben. Die Möglichkeiten, von Pakistan/Afghanistan aus, wo sich die höchste Al-Qaida Führung befindet, Anschläge gegen den Westen vorzubereiten und auszuführen, sind in den letzten Monaten extrem gestiegen.

Die von ihnen ausgehende Bedrohung hängt zum Teil von den militärischen Entwicklungen in dem Gebiet ab. Die Ende 2019 von der syrischen Armee begonnene Offensive gegen Kämpfer im Nordwesten Syriens könnte sich langfristig als entscheidend erweisen.

Die Bedrohung durch Gewalt von Al-Qaida-Mitgliedsorganisationen wurde durch einen Anschlag auf eine US-Militärbasis im Dezember 2019 deutlich, zu dem sich Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAS) bekannte. Darüber hinaus ermutigt Al-Qaida, wie auch der IS, die angeschlossenen Organisationen, selbst Anschläge zu verüben.

Neben Al-Qaida und ISIS gibt es dschihadistische Netzwerke in und außerhalb Europas, die sich ebenfalls auf die Planung und Unterstützung von Anschlägen konzentrieren. Im Prinzip können Dschihadisten im Schengen-Raum unerkannt reisen. Dies ermöglicht es Dschihadisten aus einem Schengen-Land, einen Anschlag in einem anderen zu verüben.

Darüber hinaus gibt es transnationale Vermittlungsnetze, die Dschihadisten unterstützen. Diese Netze verbinden Dschihadisten im Westen und in anderen Teilen der Welt und tragen damit erheblich zur internationalen Bedrohung durch den Dschihadismus bei.

Bedrohung durch Heimkehrer

Rückkehrer haben ein höheres Bedrohungsprofil als Dschihadisten, die das Land nicht verlassen haben. Dies gilt insbesondere für Männer, da sie in der Regel über eine Kampf- und Sprengstoffausbildung, Kampferfahrung und angesammelte internationale dschihadistische Kontakte verfügen. Nach ihrer Rückkehr könnten diese Erfahrungen und Kontakte genutzt werden, um lokale und transnationale Netzwerke zu stärken und/oder sie zu gewalttätigen Aktionen zu mobilisieren.

Viele Rückkehrer engagieren sich in der Propaganda oder als Vermittler und schließen sich der dschihadistischen Ideologie an. Bislang wurde nur wenigen Rückkehrern nachgewiesen, dass sie an tatsächlichen Angriffen beteiligt waren.

Die europäischen Geheimdienste schätzen die Gewaltgefahr, die von weiblichen Rückkehrern ausgeht, geringer ein als die von Männern, da sie nicht unbedingt an einer Waffenausbildung teilgenommen oder Kampferfahrung gesammelt haben.

Einige dieser Frauen können jedoch eine stärkere Rolle in den Netzwerken spielen. Grund dafür sind ihre Erfahrungen in Syrien und der Status, den sie daraus ableiten können. Eine mögliche Inhaftierung kann auch zu ihrem Status und Einfluss in den Netzwerken beitragen. Sie werden von anderen Frauen als Heldinnen angesehen.

Weibliche Dschihadistinnen

Nach dem Fall der letzten IS-Hochburg Baghuz im März 2019 landeten viele dschihadistische Frauen und ihre Kinder in Flüchtlingslagern im Nordosten Syriens. Nicht nur die humanitäre Situation in diesen Lagern ist besorgniserregend, auch die Sicherheitslage ist schlecht. Kinder, die in den Lagern aufwachsen, kommen immer noch mit dem radikalen Gedankengut vom IS in Berührung und können rekrutiert werden. Dies trägt weiterhin zur langfristigen terroristischen Bedrohung bei.

Austausch der Geheimdienste auf europäischer Eben

Die internationale Zusammenarbeit zwischen den europäischen Geheimdiensten hat sich als entscheidend für die Terrorismusbekämpfung erwiesen. Diese Zusammenarbeit ist teilweise in der Gruppe für Terrorismusbekämpfung (CTG) verankert. Es handelt sich um eine europäische Partnerschaft der Sicherheitsdienste der EU-Länder sowie Norwegens, des Vereinigten Königreichs und der Schweiz.

Die eingerichtete Plattforme, auf der Daten über Dschihad-Kämpfer direkt untereinander ausgetauscht werden, erleichtert die Zusammenarbeit und trägt dazu bei, einen besseren Einblick in transnationale und internationale Verbindungen zu gewinnen.
Konkret führt diese Zusammenarbeit dazu, dass potenzielle dschihadistische Angreifer in Europa früher erkannt, identifiziert und festgenommen werden.

Autoren Naike Juchem und Nila Khalil, 12. September 2021

Quellen
– Bundeszentrale für politische Bildung

– Report on intelligence files in the European Union: Council Implementing Regulation (EU) 2021/138 of 5 February 2021 implementing Article 2(3) of Regulation (EC) No 2580/2001 on specific restrictive measures directed against certain persons and entities with a view to combating terrorism
– Official Journal of the European Union
L 43/8 vom 8. Februar 2021

– Le Terrorisme Islamiste en Europe von Guy Van Vlierden und Pieter Van Ostaeyen

– Nauel Semaan, Terrorismusbekämpfung bei der Konrad Adenauer Stiftung

– Wissenschaftlicher Dienst des Deutschen Bundestages (2017): Sachstand Legaldefinition des Begriffes „Gefährder“. WD 3 – 3000 – 046/17.

– Wegner, M. & Hunold, D. (2017): Die Transformation der Sicherheitsarchitektur – die Gefährergesetze im Lichte des Vorsorge-Paradigmas. KriPoZ (6), S. 367-375.
– BKA: Kriminalität im Kontext von
Zuwanderung 2020 in Zahlen.(Bundeslagebild 2020)

– Nationaal Coördinator Terrorismebestrijding en Veiligheid (NCTV)

– Nachrichtendienste:
  AIVD (Niederlande)
  BND (Deutschland)
  DGSE und DCRI (Frankreich)

Im Jahr als die Freiheit am Hindukusch verloren ging

Taliban enter outskirts of Kabul as US begins embassy evacuation“

Autorin Nila Khalil

Am Sonntagnacht klingelte mein Notfall Telefon. „Kabul fällt!“  Dies waren die Worte von meiner Freundin und langjährige Weggefährtin Samira Ansary.
Mit einem Schlag war ich hellwach. Der Tag X traf mich am 15. August 2021 um 1.12 Uhr. „Ich komme“ ,war meine Antwort.

Ich rief meinen Bodyguard an – der in Schottland lebt und sagte ihm: „es geht los.“
Der schwerste Gang war an die Schlafzimmertür meiner Eltern, sie leben seit einem Jahr bei mir im Haus in Den Haag. Ohne ein Wort zu sagen, sah meine Mutter mich mit Tränen in den Augen an. Sie wusste das es soweit war.

Die nächsten Anrufe galten jenen Personen die seit 6 Jahren auf einem Notfallplan stehen.

Um 2 Uhr fing in drei Länder auf drei Kontinenten und Australien eine Organisation an zu laufen, die 1000 mal durchgesprochen wurde. Gleichzeitig telefonierte ich mit Freunden in Afghanistan um überhaupt einen Überblick der Lage vor Ort zu bekommen. Mein Mailfach füllte sich in wenigen Minuten. Meine Eltern lasen die Mails und druckten die wichtigsten aus. Alle Mails wurden an die andere Personen weitergeleitet – sofern sie diese nicht schon hatten.

Gegen 5 Uhr kamen Erik, Linda, Marpe de Joost und meine Tochter in mein Haus, um sich einen Überblick via Internet in Afghanistan zu verschaffen. Im Fernsehen kamen auf den Afghanischen Sender fast die gleichen Meldungen. Egal welche Seiten wir im Internet sahen – sie zeigten fast alle das gleiche.

Um 6.17 Uhr kam die Nachricht von meinem Bodyguard: bin auf dem Weg.
Um 6.23 Uhr kam die Nachricht von einem, ich nenne ihn mal, Staatsminister, „bis heute vormittag hast du ein Flugzeug.“

Afghanistan Ende Juli

Die Meldungen von dem Vorrücken der Taliban in immer mehr Städte und Provinzen machte mir und meinem Team in Afghanistan große Angst. Mit meinem Team wurde beschlossen, dass wir alle Mädchen und Frauen aus unseren 6 Häuser ruhig und unauffällig zusammen ziehen. Bei knapp 300 Mädchen und Frauen, die an geheimen Orten leben, ist dies gar nicht so einfach.
Aus eben jenen Sicherheitsgründen der Gefahr, der Taliban ausgeliefert zu sein, sind diese geschundenen und zwangsverheitaten Mädchen und junge Frauen räumlich getrennt. Diese nun alle an einem zentralen Ort, ist äußerst gefährlich. Zumal zwei unserer Frauenhäuser in einer Provinz sind, wo die Taliban seit Wochen sehr präsent ist.

Mein Team hatte es hinbekommen unauffällig die beiden Häuser zu räumen, um die Mädchen, Frauen und Mitarbeiterinnen in meine Heimatstadt zu bringen – wo unsere Zentrale, Schule und ein weiteres Frauenhaus von uns ist.

Ab Mitte der ersten Woche im August
wurden mit allen Beteiligten der 40-seitige Notfallplan täglich via Telefon und Video besprochen. Alle wussten es passiert etwas – nur nicht wann.

Time to say goodbye

Im Mai 2020 schrieb ich nach einem Terroranschlag in meiner Heimatstadt, 5000 Kilometer entfernt mein Testament.
Am Sonntagmorgen legte ich den Schnellhefter mit meinem Willen – wenn mir etwas passieren sollte, auf den Esszimmertisch in meinem Haus. Es brauchte keine Diskussionen über meine Entscheidung, denn die gab es in letzten Monaten mehr als genug.

Um 7.30 Uhr fuhr Marpe mich die wenigen Kilometer zu dem kleinen Flugplatz „The Hague Airport“ nach Den Haag.
An einem abgesprochen Treffpunkt traf ich Joris, den Piloten, der mich in ein europäisches Land, welches ich hier nicht nennen werde, fliegen soll, um dort meinen Bodyguard und eben jenes Flugzeug für nach Afghanistan zu treffen.

Marpe war sehr gefasst, auch wenn wir beide Tränen in den Augen hatten. „Al het beste, mijn engel“, sagte sie unter Tränen.

Schweigend ging ich mit Joris zu seiner Cessna 172, die mich zu einer Militärbasis in einem europäischen Land fliegen soll.
Nach dem Check und Anmelden, rollte Joris los und wenig später spürte ich den Boden nicht mehr.

Kurs in einen Alptraum

Die Schönheit von meiner Wahlheimat nahm ich kaum wahr. Meine Gedanken waren klar und trotzdem lief vor meinen Augen ein Film ab, bei dem mir kalt wurde.
Ich musste mich irgendwie ablenken und scrollte auf meinem Smartphone herum.
Auf Facebook wurde mir ein Beitrag vom  „The Guardian“ angezeigt: Taliban enter outskirts of Kabul as US begins embassy evacuation.

Ihr Feiglinge! Versteckt euch in dem best abgesichertsten Gebäude in Afghanistan und packen die Koffer.

US Botschaft in Kabul

Der Flug über die Nordsee war sehr eintönig und mir gingen zig Wie- Warum-Wieso-Fragen durch den Kopf. Joris machte gar keine Anstalten für ein Gespräch – er wusste wohin ich fliegen muss.

Um kurz nach 10 Uhr war die kleine Cessna in der Nähe der Militärbasis. Ich sah ein riesengroßes Flugzeug auf dem Rollfeld stehen und sagte zu Joris: „Dit wordt waarschijnlijk mijn taxi.“
Joris bekam vom Tower die Landeposition mitgeteilt. Die kleine Cessna rollte auf einen Hanger zu, wo eine beachtliche Gruppe an Menschen stand.
Das Kleinflugzeug kam zum stehen, da kam auch schon ein kleine Gruppe von Menschen auf die Cessna zu. Drei der Leute kannte ich: meinen Bodyguard, den Staatsminister von dem Land, in dem ich jetzt war und der Außenminister.

Marcel umarmte mich fest und gab mir einen Kuss auf die Wange „Ich bin bei dir. Alles wird gut.“ Ich streichte sein schönes Gesicht „ich weiß.“
Der Staatsminister drückte mich fest an sich und wuschelt mir die Haare – macht er immer. Der Außenminister reichte mir die Hand und sah mich offen an „Sie wissen was sie tun?“ Ich nickte „Ja! Weiß ich. Jasper auch.“

In einem sehr großen Raum unterhalb vom Tower wurden mir noch einige Personen aus der Gruppe vorgestellt. Militärs, die drei Piloten, Leute vom Geheimdienst, Beamte und Politiker.
Neueste Bilder und Informationen aus Afghanistan wurden der Gruppe gezeigt und die aktuelle Lage analysiert.
Eine Frau aus dem Innenministerium hatte zwei Ordner mit den Namen bei sich, die Asyl in eben jenem Land bekommen werden, die als erste Gruppe einreisen werden. 107 Namen. Ich kenne von jedem dieser Namen den Lebenslauf.
Im zweite Ordner waren die Namen derer 87 Personen die als letztes eingeflogen würden. Wovon dieser Liste 17 Personen in Zukunft in den Niederlande leben werden. 90 Mädchen und junge Frauen und 10 Mitarbeiter aus meinem Team werden diese Woche Australien als neue Heimat haben.

Die Piloten und ein Major gaben der Gruppe die Flugroute bekannt und das nach Anweisung des Militärs eine Landung in Usbekistan vorgenommen werde.
Ich erkläre den circa 50 Personen in dem Raum noch einmal den Notfallplan und wie der Status aktuell vor Ort sei.

Um 15.30 war alles analysiert, diskutiert und erklärt. Mit einem Bus fuhr mein Bodyguard, ich, 18 Soldaten, die Piloten und vier Männer vom Militärischen Geheimdienst an den Airbus A330.

An Bord zwischen dem Cockpit und der 1. Klasse standen eine Unmenge an Koffer und Taschen. Dies waren zweifellos die Waffen und Ausrüstung der Soldaten, vom Geheimdienst und von Marcel.

Das Flugzeug rollte um 16.17 Uhr zur Startbahn mit Ziel Afghanistan. Mit einem Schlag wurde mir klar, ich werden meine Heimatstadt wahrscheinlich nie wieder sehen werden.

Termez, Usbekistan

Termez Usbekistan

Auf dem Flug lenkte ich mich ab und sprach sehr viel mit Marcel. Er zeigte mir die neusten Foto von seiner Familie und wie stolz er auf seine beiden Söhne sei. Seine Frau, eine wunderschöne Frau mit den wohl schönsten rötlichen Haaren die ich je gesehen habe, lächelte auf dem Hochglanzfoto mich an.
Die Erinnerungen an die Urlaube, oder Kurztrips, bei ihnen in Schottland taten mir gut und lenken etwas von meiner Angst ab.
Marcel ist ein eiskalter Killer und trotzdem ein Mensch mit einem sehr guten, herzlichen und fürsorglichen Charakter. Nur seine Frau kennt seinen „Beruf“.

Mittlerweile war ich schon 18 Stunden wach und fand keine Ruhe in mir. Ich nahm den Ordner mit dem Notfallplan und las wieder die Punkte durch. Mittlerweile könnte ich den Text auch rückwärts auswendig sagen. Marcel hielt meine Hand und sagte immer wieder, dass alles gut werde. Die 18 Soldaten seien ausgebildete Elite-Kampfsoldaten und Scharfschützen. Sie wären für meine und unsere Sicherheit abgestellt – immerhin ein kleiner Trost.

Die Bordküche war prall gefüllt und wir konnten Essen und Trinken was wir wollten. Es gab nur keinen Platzservice durch eine Stewardess – und so etwas nennt man dann 1. Klasse.
Also ging ich die drei Reihen nach vorne in die Bordküche und machte mir Hähnchenfleisch in pikanter Chili-Sojasauce mit Reis warm. Bis das Essen warm war, aß ich ein Stück Apfelstreuselkuchen und trank einen Kaffee dabei.

Zwei der Männer vom Militärischen Geheimdienst, die vor mir saßen, kamen auch an die Bordküche und schauten nach dem Menüplan. Einer der beiden nahm das gleiche wie ich und der andere machte sich Pasta mit Tomaten-Auberginensauce warm.
„Would you like a can of cola?“ Fragte mich der eine. „With pleasure.“ „I’m Mikkel and he’s Steen.“ Hello, i am Nila.“ „I know.“
Bei Kuchen und Kaffee standen wir in der Küche und Mikkel fragten mich sehr viel über Afghanistan. Ich sagte das, was ich schon mein Lebenlang kenne und weiß. Da meine Einschätzung und deren Analyse übereinstimmten, wurde ich von Steen gefragt, ob ich nicht besser das Ressort wechseln möchte. Ich schüttelte den Kopf und erzählte von den Frauenhäuser und meiner Arbeit in den letzten 14 Jahren in Afghanistan.

Nach und nach füllte sich der Bericht an der kleinen Bordküche. Wir hatten sehr angenehme Gespräche bei einem vorzüglichen Rotwein.

Der Landeanflug auf eine NATO Militärbasis in Usbekistan begann.
Das Flugzeug rollte zu einer Parkposition und wurde kurze Zeit später betankt.
Die Männer vom Militärischen Geheimdienst telefonierten wie wild und ich merkte, dass etwas nicht stimmte. Marcel sah mich wortlos an.

In der anderen Bordküche, hinter der 1. Klasse, und erste Reihe links und recht dahinter war ein Chaos an PC’s, Drucker und Kabel.
Ich stand in der Gruppe und sah Dokumente vom Geheimdienst. Uns wurde die chaotische Lage in Kabul aufgezeigt.
Nach deren Meldungen hätte die Armee keinen Widerstand geleistet und alle Flüge wären eingestellt.
Mikkel reichte mir zwei Seiten, auf denen ein Alptraum zu lesen war. Ich konnte dies nicht glauben. „I can’t believe this! Is that really true?“ „Yes. it’s true.“

Ich stehe einen Steinwurf von der Grenze zu Afghanistan und 450 Kilometer Luftlinie von meiner Heimatstadt entfernt, und muss solche Nachrichten erst einmal verarbeiten.
Was nun? Es gibt kein Vertrauen mehr zu Menschen, denen ich jahrelang vertraut hatte. Ranghohe Polizisten und Militärs könnten jetzt unsere Feinde sein.
Müssen wir so kurz vorm Ziel aufgeben?

Es wurden wieder aktuelle Satellitenbilder ausgewertet und die Nachricht, dass sich die Armee kampflos ergeben hätte, war nun der größte Risikofaktor. Mit einem Jumbojet auf einem Flughafen zu landen, der unter Kontrolle von Terroristen sein wird, wird dies ein Himmelfahrtskommando.
Ich rief Samira an und fragte nach dem aktuellen Status in der Stadt. „Die „Party“ ist in Kabul. Hier ist es noch ruhig. Wir haben alle Angst, aber noch ist es ruhig.“ Da Samira Englisch sprach, musste ich das Gespräch für die Gruppe nicht übersetzen. Es wurde nochmals wie wild telefoniert und niemand konnte oder wollte eine Entscheidung treffen.

Der Kapitän von dem Flugzeug sagte, dass es nicht besser werden würde, wenn wir noch länger warten. In Europa wurde heftig diskutiert. Der Staatsminister fragte mich, wie schnell alle Mädchen und Frauen am Flughafen sein können. Samira sagte in zweieinhalb Stunden. Ich fragte den Staatsminister nochmal: „hast du eben Alle gesagt?“ „Ja. Alle! Wir können für einen weiteren Flug nicht garantieren und ich lasse dich nicht in dem Land zurück.“

Notfallplan 2.0

Alles was in den letzten 6 Jahren geplant wurde, konnte ich jetzt in die Tonne treten.
„Ich habe zu lange gewartet. Wir hätten vor Wochen schon Evakuieren müssen.“
Mikkel wedelte mit den zwei Blätter, die ich kurz zuvor gelesen hatte. „Niemand konnte dies ahnen. Also gibt dir jetzt nicht die Schuld! Wir sind hier und es wird eine Lösung geben.“
In weniger als 10 Minuten war klar, dass es nur eine Landung geben wird.
„Wir müssen weit weg von der Aufmerksamkeit auf dem Flughafen diese Aktion durchführen“, sagte Marcel in einem militärischen Befehlston. „That means?“ Fragte der Kommandant der Spezialeinheit. „Hinten! Am Ende vom linken Rollfeld. Da ist Schutz für die Mädchen und niemand rechnet damit.“

Satellitenbilder vom Militärischen Geheimdienst wurden ausgedruckt und besprochen. Jeder Meter auf dem Flughafen wurde analysiert. Wo bleibt das Flugzeug stehen? Von wo müssen wir landen? Wie und wo kann man das Flugzeug drehen? Muss das Flugzeug bei der Evakuierung zuerst gedreht werden?
Wo ist Schutz für die Mädchen und Frauen bis wir da sind? Wie weit ist es von diesem oder jenem Punkt, bis zum Flugzeug, zum Flughafengebäude oder oder oder.
Es wurde gerechnet, skizziert, notiert und diskutiert.

Der Co-Pilot rechnete die Länge der Startbahn. Am Ende der beiden Rollbahnen war noch eine Querverdindung zur anderen Piste. Je nach Windverhältnisse werden Flughäfen aus verschiedenen Richtungen angeflogen. Es ist völlig normal, dass die Flugzeug drehen um zum Terminal oder eben Startbahn zu kommen. Wir werden unter diesen Umständen nicht ans Terminal können. Also bleibt eine Evakuierung nur über die Notfalltreppen am Flugzeug.
Der Kapitän sagte, „Wir kommen von der anderen Seite! So tief und kurz es geht. Rollen bis zum Ende der Startbahn, sammeln die Kinder ein und dann einmal links herum und Abflug.“
Es gab keine andere Option um – hoffentlich, sicher und schnell zu starten.

Termez, Usbekistan

Es wurde entschieden, dass wir drei der vier Notfalltüren auf der rechten Seite benutzen und wie ohne Chaos – aber sehr zügig das Flugzeug beladen wird. Ich schickte die Satellitenbilder und einen Sitzplan vom Flugzeug mit allen Skizzen und Notizen an Samiras Mail Adresse. Sie mussten dies den Mädchen und Frauen erklären – wie; war mir in diesem Moment egal. Die Mädchen haben noch nie ein Flugzeug gesehen und von innen schon gar nicht.

Die Piloten zeigten den Soldaten wo die Notfalltreppen am Flugzeug sind und wie diese funktionierten. Eine Hühnerleiter mit aufklappbarem Geländer trifft wohl besser zu.

Die Kampfsoldaten und Marcel besprachen ihren Einsatz bei der Landung, wie sie das Flugzeug absichern werden und wer außerhalb welche Aufgabe hatte.
9 Scharfschützen, 10 Elite-Soldaten und zwei Männer vom Militärischen Geheimdienst gegen eine unbekannte Zahl von Terroristen. Mikkel und Steen waren für das Filmen aus dem Flugzeug verantwortlich.

Marcel sprach ein weiteres Problem an. Wir waren nicht mehr genug Leute, um an den Türen und im Flugzeug für Ordnung zu sorgen. Einer der Piloten erklärten sich bereit, dass er an die zweite Türen gehen würden. Ich sollte an Tür 3. Mikkel würde an die vierte Tür gehen.

Die Scharfschützen würden das Flugzeug absichert. Ein Scharfschütze an der ersten Tür direkt hinter dem Cockpit. Dort war die 1.Klasse, da diese von uns schon besetzt war, konnte diese Tür auch nicht zur Evakuierung benutzt werden.
Vier Scharfschützen wären an den Türen vom Gepäckraum. Zwei außerhalb des Flugzeugs auf der rechten Seite um das Flugzeug nach hinten abzusichern. Der letze und Marcel draußen auf der linken Seite.
Da meine Mädchen und Mitarbeiterinnen von links kommen werden, waren sie abgesichert.
Ich sprach meine Angst in der Gruppe an, wenn es zu einem Schusswechsel kommen sollte, könnten die Kinder Panik bekommen.
„Nila, don’t worry, we are trained for this.“ Der Kommandant der Spezialeinheit erklärte mir noch einmal die Positionen der Scharfschützen und wer welche Aufgabe bei der Evakuierung hatte.

Die Internationale Flugbehörde in Kanada und für Europa, in Paris, waren schon seit Sonntagmorgen über diesen Flug – der keine offizielle Kennung hatte, informiert.
Der Flug wurde nun von Termez nach Multan in Pakistan, als Frachtflug registriert. Bei den afghanischen Behörden wurde eine Überfluggenehmigung beantragt und diese wurde auch bewilligt. Lediglich der Luftraum über Kabul sei gesperrt. Also muss das Flugzeug einen Bogen fliegen, und nah an dem chinesischen Luftraum bleiben.
Auf den Luftkarten zeigt uns der Co-Pilot die genannte Flugroute und grinste „A minute before we landing, they don’t know we’re coming.“

Wir standen schon fast 5 Stunden in Termez und die Zeit lief gegen uns. Ich rief Samira an und sie bestätigte, das in einer Stunde alle am Flugplatz seien. Dieses Gespräch hörte unter anderem auch der Staatsminister in Europa und er gab grünes Licht.

Der Kapitän sagte über die Lautsprecher, wie er anfliegen werden und das dies etwas unangenehm für den Magen werden könnte. Er würde dies nun beim Start schon mal vorführen.

45 Minuten bis zur Freiheit

Der A330 rollte an und mit einem unglaublichen Schub jagte die Maschine über die Startbahn. Es dauerte wirklich nur Sekunden und ich hatte das Gefühl als ob ich senkrecht in den Himmel geschossen werde. Wenige Augenblick später dachte ich, ich falle – trotz Sicherheitsgurt, nach rechts aus meinem Sitz. Jegliche Achterbahn ist ein Ponyhof gegen einen solchen Start.

„We’ll be landing in 45 minutes. Down, in, out. The pilots leave the engines on. Everything has to happen very quickly.“ Eine klare Ansage vom Kommandant der Spezialeinheit.
Die Männer zogen ihre Schutzwesten und Helme an. Die Waffen wurden klar gemacht und die Body-Cam’s gecheckt.
Die Koffer der Waffen und alles was nicht mehr gebraucht wurde, kam im Heck vom Flugzeug in einen Raum, wo die Kojen für die Crew sind. Jeder Sitzplatz wird bei diesem Flug gebrauch. Eigentlich sollte man meinen, dass ein so großes Flug eine ganze Ortschaft aufnehmen könnte, und jetzt zählte jeder Platz.

Die Gruppen für den Außeneinsatz setzte sich im Flugzeug in den Bereich der Türen. Ich setzte mich in die zweite Reihe an meiner Tür. Marcel setzte sich neben mich.
Wenn man 1.Klasse gewöhnt ist, kommt einem die Economy Claas wie ein Hühnerkäfig vor.

Es waren noch 28 Minuten bis zur Landung. Mir schlug das Herz bis zum Hals. Marcel hatte sein Gewehr auf dem Schoß liegen. Mir gingen Bilder von der Erstürmung der Landshut durch den Kopf und sah die Panzer auf dem Rollfeld stehen. Ich sprach meine Gedanken laut aus. „Nila, niemand weiß das wir kommen. Es gibt keinen Flugverkehr. Warum sollen die Panzer auf das Rollfeld stellen?“ Wo er recht hatte, hatte er recht.

17 Minute bis zur Landung.

Über die Lautsprecher wurde nochmals gesagt, wie wir meine Mädchen und Mitarbeiterinnen ins Flugzeug schaffen müssen. Ich zählte die Reihen, die für mich zuständig waren. Von Reihe 25 bis 32.
Wie kann ich dies Kenntlich machen? Wenn 300 Menschen in Panik in ein Flugzeug stürmen, wird der sowieso schon enge Raum noch kleiner.
In dieser Sekunde kam mir die Idee: die Gepäckklappen über den Sitzen.
Ich schnallte mich ab, zwängte mich an Marcel vorbei und öffnete die Klappen hinter unserer Sitzreihe. Dann lief ich den Gang richtig Cockpit. Bei Reihe 25 öffnete ich links und recht die Klappen. Das gleiche auf dem anderen Gang der Mittleren Sitzgruppe. Ich lief den Gang hoch zu Mikkel und tat bei Reihe  32 das gleiche. „Was machst du?“ Fragte Mikkel. Ich erkläre ihm mein Vorhaben. „Sehr gut. So könnten wir vielleicht ohne größeres Chaos das Flugzeug laden.“

Noch 12 Minuten bis zur Landung.

Ich setze mich neben Marcel und er gab mit einen Kuss „Klasse Idee.“
„10 minutes until landing“, kam es über die Lautsprecher.
„Stellen Sie den Sitz in eine aufrechte position, klappen Sie den Tisch nach unten, wir wünschen Ihnen….“ auf diese Ansage einer Stewardess wartete man bei diesem Flug vergebens. Jeder wusste was er zu tun hatte. Mein Puls war extrem hoch und ich hatte Angst. Im Flugzeug waren Männer die wussten was sie taten. Dies gab mir dann doch etwas Sicherheit.

Anflug auf Gardez

„5 minutes until landing.“

Bei einem normalen Linienflug sieht man schon lange die Landschaft durch die Fenster – hier war immer noch der Himmel zu sehen. Wir waren so kurz vorm Ziel immer noch über den Wolken.
„3 minutes to landing. Now it gets uncomfortable.“
Das Flugzeug legte sich wie beim Start in eine Steilkurve nach links und gleichzeitig nach unten. Ich dachte, mir schlägt jemand die Faust in den Magen.
Es ging in einer gefühlten Schallgeschwindigkeit durch die Wolken.
Jetzt erst sah ich den Hindukusch. „Die Freiheit wird am Hindukusch verteidig…“ sagte einst ein deutscher Politiker. Welche Freiheit?

Der Boden kam unglaublich schnell näher und die Bremsklappen zeigten ihre Wirkung. Durch mein Fenster sah ich meine Heimatstadt näher kommen und mit einem Ruck setzte das Flugzeug auf und sofort bremsten die Reifen diese gewaltige Masse ab.
Nun waren wir im Taliban-Land gelandet und die Zielscheibe meiner Feinde.

Aus meinem Fenster sah ich Häuser und Bauten weit vom Flugfeld entfernt. Ich versuchte jeden Zentimeter zu erfassen. Von wo kommen die Taliban? Schießen sie schon? Wo ist Samira und die Kinder?
Das Flugzeug rollte und rollte immer weiter vom Flughafengebäude weg.
Ich presse mein Gesicht gegen das Fenster um nach vorne zu schauen. Von rechts müssen die Kinder bald kommen. Wie weit ist diese verdammte Rollbahn?
Das Flugzeug bremsten sehr stark ab.
Im Augenwinkel sah ich Menschen laufen.
„Stop!“ Brüllte ich durch das Flugzeug. „Stop!“
Das Flugzeug stand noch nicht, da wurden schon die Türen aufgemacht. Noch im rollen betätigte ein Soldat den Schalter um die Treppe auszufahren.

Das Flugzeug stand

Ab jetzt ging alles in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit. Die Spezialeinheit stürmte mit Marcel aus dem Flugzeug. Ich sah wie die Scharfschützen unter dem Flugzeug auf die anderen Seite liefen.
Die anderen Soldaten liefen den Kinder entgegen. Im laufen zeigen die Soldaten auf die drei Notleitern. Hand in Hand rannten zwei Kinder oder Erwachsene auf das Flugzeug zu. Diese Maßnahme haben wir schon 1000 mal durchgeführt. Seit Jahren machen wir so einen Teil von Bewegungsport. Jetzt wissen die älteren Frauen und Kinder – die schon länger bei uns sind, warum wir dies immer und immer wieder trainiert haben.
Wenn Menschen in Panik sind, und dann stürzen, kann es sein, dass die Person die auf dem Boden liegt, es gar nicht mehr auf die Füße schafft oder sogar tot getreten wird.

Ich hörte Schüsse. Wusste nicht wo und von wem. Die ersten Mädchen hatten die Leiter erreicht. „Hoch, hoch, hoch!“ Brülte ich. Die Frauen und Mädchen kannten eine solche Leiter gar nicht. Ängstlich bewegte sich Marwa die Stufen hoch. „Komm hoch! Schau nicht nach unten! Sieh mich an! Kommt hoch! Schneller!“ Ich zog Marwa ins Flugzeug und sagte, wo sie sich hinzusetzen sollte.
Nach und nach kamen die Mädchen und Frauen die Leiter hoch. „Rein, rein, rein“, schrie ich gegen den Lärm der Turbinen an.
Ich hörte wieder das geschossen wurde. Ich zog zwei weite Mädchen ins Flugzeug, die bei der Höhe der Leiter Angst bekam. „Kommt rein! Ihr braucht keine Angst. Sofort nach links auf die andere Seite. Los, los, los.“

Ich hörte meinen Namen rufen und sah Ava mit einem Kind auf dem Arm. Sie hatte zwei große Taschen links und rechts an sich hängen, und noch das Kind auf dem Arm! Ich lief die steile Treppe herunter und packte das Kind.
Janina hatten einen großen Rucksack auf dem Rücken und ein Kind an der Hand. Der Rucksack schien sehr schwer zu sein, denn sie kam kaum die Treppe hoch. „Lass das Kind los! Lass das Kind los!“ Brüllte ich.
Ich packte das Kind am rechten Arm und zog es die Treppe hoch. „Janina, schmeiß den Rucksack in die Bordküche und schaff Ordnung im Flugzeug! Alle Sitze von außen nach innen besetzen.“

Ich sah auf den letzten 300 Meter zum Flugzeug niemand mehr laufen, also scheinen alle am oder im Flugzeug zu sein. Ich hörte im Flugzeug wie Ava und Zoja die Kinder zählten. „Rein, rein, rein!“ schrie ich nach draußen. An meiner Treppe waren noch etwa 20 Mädchen und Frauen, als die Turbinen hochliefen. Hinter den Mädchen und Frauen sicherten die Soldaten ab. Es fielen wieder Schüsse.
5 Mädchen standen noch an der Treppe. Marcel kam gelaufen und schoss links am Flugzeug vorbei. Hinter uns hörte ich Schüsse.
Bei Mikkel waren noch 5 Frauen an der Treppe. Ich schrie: „hier her. Komm zu mir!“
Wieder fielen Schüsse. Mina stand wie angewurzelt auf der vierten Stufe. „Komm hoch! Komm hoch!“ Schrie ich. Ein Soldaten hinter ihr drückte sie die Leiter hoch. Ich griff nach der Hand von Mina und zerrte sie ins Flugzeug. Marcel kam mit einem Soldaten als letztes die steile Leiter hoch und packte im gleichen Augenblick die schwere Tür und zog sie zu sich. Die Leiter bewegt sich hoch, als das Flugzeug rollte.
Ich hörte im Flugzeug das Kommando „Go, go, go.“

Das Flugzeug fuhr die wenigen Meter auf der Querverdindung und beschleunigte in Richtung Flughafengebäude.
„Ready for take off“ , kam es durch die Lautsprecher. Die Soldaten und meine Mitarbeiterinnen schnallten noch Kinder und Frauen an. Ich war in der Mitte der Sitzreihen fertig. Noch drei Reihen am Fenster musste ich machen. Das Flugzeug wurde immer schneller.
„Attention, attention. We take off, we take off“, war die Durchsage über die Lautsprecher.

Marcel zog mich am Arm zu sich und  schubste mich in eine Sitzreihe links von mir. „Auf den Boden! Halte dich fest.“
In diesem Moment war das Flugzeug in der Luft. Der Geräuchspegel im Flugzeug war sehr laut. Die Kinder und Erwachsene hatte Angst. Mit vollem Schub ging es fast senkrecht in den Himmel. Der Druck im Kopf und Ohren war gewaltig.
„Nila, Nila!“ Schrieen die drei Mädchen in deren Sitzreihe ich auf dem Boden lag. „Alles ist gut. Habt keine Angst.“
Es ging immer weiter nach oben. Ich lag mit dem Bauch auf dem Boden und packte mit beiden Händen die Sitzhalterung der vorderen Reihe.
Das Flugzeug schoss immer weiter in den Himmel und mir schnitt das Aluminium von der Sitzhalterung in die Hand. Links drücken mir die Beine von zwei Mädchen in die Rippen.

Nach ein paar Minuten hörte ich „Save. We are over the airspace of Pakistan“ über die Lautsprecher. Ich fing an zu weinen. Wir haben es tatsächlich geschafft. Wir sind in Sicherheit. „Nila, come into the cockpit, please“ , sagte der Flugkapitän.
Ich quetschte mich vom Boden auf den Knien aus der Sitzreihe.
Auf dem Weg nach vorne sah ich verängstigte Kinder und Frauen. Mein Team und die Soldaten an Bord kümmerten sich um sie. Samira kam auf mich zu und weinte „Wir haben es geschafft.“ Ich umarmte meine Freundin „Ja.Wir haben es geschafft. Danke für alles.“

Im Cockpit wurde mir ein Telefonhörer gereicht. Am Telefon war der Staatsminister und langjähriger Freund von mir. Ich sagte ihm, „alles ist gut. Wir sind auf dem Heimweg. Drei Kleinkinder die nicht auf den Listen stehen, sind noch an Bord. Ich kann dir erst mehr sagen, wenn ich einen Überblick in dem Chaos habe.“

Ordnung schaffen im Chaos

Um nun Ruhe in das Flugzeug zubekommen, bat ich nach dem Mikrofon für die Lautsprecher. Steen zeigte mir den Hörer, den die Stewardessen immer benutzten um zu erklären, wo die Schwimmwesten sind und was man alles beachten muss.

Ich erkläre den Mädchen und Frauen, wo dieser Flug hingehen wird und wir non Stop fliegen werden. Wo die Toiletten im Flugzeug sind und wie man diese benutzt. Wir haben schließlich einen langen Flug vor uns. Wer Schmerzen oder Übelkeit hat, sollte sich bitte melden.

Elite-Soldaten als „Saftschubse“

Nach zwei Stunden hatten wir das Chaos und die Angst der Mädchen und Frauen im Griff und sie mit Getränken versorgt. Da wir vor dem Start eine kurze Einweisung in das bedienen der Bordküchen bekamen, konnten wir auch das Essen warm machen. Wie die Flugbegleiter_innen dies gleichzeitig für alle Passagiere hinbekommen, ist mir ein Rätsel. Wir machten es so gut es ging. Mein Team und einige Soldaten verteilen das Essen.

In der 1.Klasse saß ich direkt hinter dem Cockpit mit Ava, Janina, Samira und Zoja auf dem Boden. Vor uns die Männer vom Militärischen Geheimdienst, Marcel und der Kommandant der Spezialeinheit.
Wir besprachen jetzt den Einsatz. Steen wollte uns „Mädels“ die Filmaufnahmen nicht zeigen. Janina sagte ihm die passende Antwort: „Die „Mädels“ haben schon schlimmeres gesehen.“
Was wir sahen, werde ich nicht schreiben, denn dies sind Aufnahmen vom Geheimdienst. Die Auswertungen werden nun wahrscheinlich noch einige Tage dauern.

Janina öffnete ihren Rucksack, zog drei Festplatten heraus und sagte trocken: „diese Auswertungen werden Jahre brauchen.“ Ich sah Janina fragend an. „Nila, du glaubst doch nicht, dass wir all unsere Daten zurücklassen. Wir haben sämtliche Festplatten ausgebaut und alles andere verbrannt oder zerstört.“ Ihr kamen die Tränen. „Alles wofür wir gelebt haben, existiert nicht mehr.“

Das Fazit der Freiheit

Es mag sein, dass ich als Heldin gefeiert werde – dies bin ich nicht!
Ich habe durch jahrelange Freundschaften und Zusammenarbeit ein unglaublich starkes Team an meiner Seite. Auch habe ich vor vielen Jahren durch Zufälle die vielleicht richtigen Menschen getroffen, um aus einer alten Schule und einem heruntergekommen Haus, einen Grundstein für mein Leben zu legen.

Vieles habe ich mit wunderbaren Menschen in den letzten Jahren geschafft und aufgebaut. Immerhin hatten wir ein Netzwerk von 46 Frauenhäuser in Afghanistan und Pakistan.

Vor 31 Jahren wurde ein 10-jähriges Mädchen gezwungen seine Heimat und Eltern zu verlassen. Eine Flucht in Angst, Gewalt, Entbehrungen und Tod zu erleben, wünscht man niemand.

14 Jahre lebte dieses verängstigtes Kind in einem fremden Land bei einer fremden Tante und Onkel. Mir wurde von beiden sehr viel mit auf den Weg gegeben, wofür ich meinen heutigen Eltern für immer dankbar sein werde.

In den letzten 16 Jahren verlief mein Leben nicht gerade lustig. 2005 kam mein Vater bei einem Autobombenanschlag ums Leben. Ich flog damals von Deutschland zurück ins Chaos aus Krieg und Terror.

Eineinhalb Jahre nach dem Tod von meinem Vater, fand ich eines morgens meine Mutter tot in ihrem Bett – sie hatte sich das Leben genommen. Ihr Trauma von diesem Heimtückischen Anschlag hatte sie nicht verkraften.
Die Taliban nahm mir das zweimal meine Eltern.

Die Taliban wollten mich schon 2017 töten. Feige aus dem Hinterhalt hatten sie auf mein Auto geschossen. Die Quittung waren 4 erschossen Kämpfer der selbst ernannten Gotteskrieger.

Meine Tochter schaffte ich wegen diesen Terroristen 5000 Kilometer weit in Sicherheit  – ich kam zurück und stellte mich dem Terror entgegen.

Nun habt ihr Gotteskäpfer wieder ein ganzen Land als Geisel und eure Worte sind nur Lügen.

Ihr zeigt dieser Welt euren menschenverachtenden „Glauben“ und seid nur mir euren Waffen stark.
Auch diesmal habe ich aus privater Rache gegen euch, meine Stärke gezeigt!

Das kleine Flüchtlingskind von einst, kam mit Kampfsoldaten und einem Flugzeug mitten in euer Reich um wenigstens ein paar Zeitzeugen eurer Grausamkeit zu retten.

Durch euch habe ich meine Heimat, meine Kindheit und Eltern verloren.
Durch mich haben wieder einmal ein paar von euch das Leben verloren.

Quid pro quo

Nila Khalil, im Jahr als die Freiheit am Hindukusch verloren ging

ISAF Vertrag der NATO von September 2014

In der Erkenntnis, dass die Mission der ISAF bis Ende 2014 abgeschlossen sein wird

Autorin Naike Juchem

So steht es in einem Papier, dass zur Friedens erhaltende Maßnahmen aufgesetzt wurde. Wie engstirnig und offensichtlich auch unwissend jene Herren waren, zeigten die vergangenen 7 Jahren.
Alle Bemühungen für Frieden, Sicherheit und Stabilität waren umsonst – oder nie ernsthaft gewollt.

Man glaubte 2001 mit dem US geführten Einsatz mal eben „die Achse des Bösen“ zu bekämpfen. Es wurde ein Desaster auf ganzer Linie, bei dem über 5000 Soldaten_innen ihr Leben verloren.
Nach 20 Jahren Friedensbemühungen bleiben aus Trümmer nichts zurück.

Viele Menschen hatten versucht in Afghanistan demokratische Wahlen,  Infrastrukturen und eine Normalität zu geben. Der unsichtbare und feige Feind sitzt lieber im Dreck und schwört auf den Koran.
Eine Rückwärts gewandte Gruppe von Männer, die sich selbst als Schüler- und Krieger Gottes sehen, missachten jeglichen Respekt vor dem Leben.

Was bleibt, sind die Narben von Hunger, Armut, Terror, Leid und Tod.
The never ending war – geht in die Verlängerung ,und wie immer leidet das Volk am meisten.

In dem nachfolgenden NATO Vertrag sind nur zwei Artikel aufgeführt, in denen das vorprogrammierte Chaos Festgeschrieben steht.

ISAF Vertrag der NATO von September 2014
(Auszug)

Zustimmung zwischen der Organisation des Nordatlantikvertrags und der Islamischen Republik Afghanistan über den Status der NATO-Streitkräfte und NATO-Personal, das einvernehmlich von der NATO geführte Aktivitäten in Afghanistan durchführt

Die Organisation des Nordatlantikvertrags, im Folgenden NATO

vertreten durch Herrn Maurits R. Jochems
Oberster ziviler Vertreter der NATO in Afghanistan,

und

die Islamische Republik Afghanistan, im Folgenden Afghanistan

vertreten durch Herrn Mohammed Haneef Atmar
Nationaler Sicherheitsberater,

im Folgenden als „Parteien“ bezeichnet,

In Anbetracht dessen haben die Staats- und Regierungschefs der Islamischen Republik Afghanistan und die zur Internationalen Sicherheitshilfe (ISAF) beitragenden Staaten in der Erklärung des Chicagoer Gipfels 2012 zu Afghanistan ihr festes und gemeinsames Engagement für ein souveränes, sicheres und demokratisches Engagement erneuert Afghanistan;

Bestätigung des gemeinsamen Verständnisses der Vertragsparteien über die Bedrohung der internationalen Gemeinschaft durch den Terrorismus und ihres gemeinsamen Engagements, wirksame Maßnahmen zur Bekämpfung dieser Bedrohung zu ergreifen und sicherzustellen, dass Afghanistan nie wieder ein sicherer Hafen für Terroristen wird;

In der Erkenntnis, dass die Mission der ISAF bis Ende 2014 abgeschlossen sein wird;

Unter Hinweis auf das Engagement der NATO und anderer Mitglieder der internationalen Gemeinschaft, mit Afghanistan zusammenzuarbeiten, und auf das Abkommen der Vertragsparteien auf dem NATO-Gipfel in Lissabon zur Erneuerung und zum Aufbau einer robusten dauerhaften Partnerschaft, die ihre frühere Sicherheitskooperation ergänzt und darüber hinaus fortgesetzt wird;

Bekräftigung der Absicht der Vertragsparteien, dass diese dauerhafte Partnerschaft ein individuelles Programm von Kooperationsaktivitäten mit Sicherheitsministerien und anderen nationalen Institutionen sowie die Verbesserung der Fähigkeiten und Fertigkeiten der afghanischen Sicherheitskräfte, einschließlich ihrer Fähigkeit zur Bekämpfung der Bedrohungen durch den Terrorismus, umfasst Ausbildung und Unterstützung spezialisierter afghanischer Einheiten und angemessener Zugang zu NATO-Kursen, -Institutionen sowie militärischem und zivilem Fachwissen; und

Schließlich bekräftigen sie das Abkommen der Vertragsparteien über den Wert der NATO, die ab 2014 eine Mission außerhalb Afghanistans zur Bekämpfung, Ausbildung, Beratung und Unterstützung in Afghanistan führt;

Habe wie folgt zugestimmt:

Artikel 1: Definitionen
Abs. 1: „NATO“ bezeichnet die Organisation des Nordatlantikvertrags, ihre Nebenorgane, ihr militärisches Hauptquartier, alle ihre konstituierenden nationalen Elemente / Einheiten und die konstituierenden nationalen Elemente / Einheiten der operativen Partner.

Abs. 2: „NATO-Mitgliedstaaten“ sind derzeit Albanien, Belgien, Bulgarien, Kanada, Kroatien, die Tschechische Republik, Dänemark, Estland, Frankreich, Deutschland, Griechenland, Ungarn, Island, Italien, Lettland, Litauen, Luxemburg, die Niederlande, Norwegen, Polen, Portugal, Rumänien, Slowakei, Slowenien, Spanien, Türkei, Vereinigtes Königreich und Vereinigte Staaten.

Abs. 3: „Betriebspartner“ sind andere Staaten als die NATO-Mitgliedstaaten, die nach engen Konsultationen:
3,1: wurden von der afghanischen Regierung zur Teilnahme an von der NATO geführten Aktivitäten in Afghanistan zugestimmt und akzeptiert; und
3,2: wurden vom Nordatlantikrat zur Teilnahme an von der NATO geführten Aktivitäten in Afghanistan zugestimmt und akzeptiert.

Abs. 4: „NATO-Streitkräfte“ sind die Mitglieder der Streitkräfte, die Mitglieder der zivilen Komponente, das NATO-Personal sowie sämtliches Eigentum, die Ausrüstung und das Material der NATO, der NATO-Mitgliedstaaten und der auf dem Gebiet Afghanistans anwesenden Einsatzpartner.

Abs. 5: „Angehöriger der Streitkräfte“ bezeichnet jede Person, die zu den Land-, See- oder Luftverkehrsdiensten der NATO-Mitgliedstaaten und Betriebspartner gehört, die im Rahmen von Kommando- und Kontrollvereinbarungen der NATO tätig sind, um einvernehmlich von der NATO geführte Aktivitäten zu unterstützen oder damit verbunden zu sein.

Abs. 6: „Mitglied der zivilen Komponente“ bezeichnet jede Person, die von den NATO-Mitgliedstaaten oder operativen Partnern beschäftigt oder engagiert wird, die im Rahmen von NATO-Kommando- und Kontrollvereinbarungen zur Unterstützung oder im Zusammenhang mit einvernehmlich von der NATO geführten Aktivitäten tätig sind und kein Mitglied sind der Macht. „Mitglied der zivilen Komponente“ bedeutet jedoch nicht Personen mit ständigem Wohnsitz in Afghanistan oder afghanische Staatsangehörige, die normalerweise in Afghanistan wohnen.

Abs. 7: „NATO-Personal“ bezeichnet das militärische und zivile Personal, das der NATO zugewiesen oder angeschlossen ist oder von ihr beschäftigt wird.

Abs. 8: „NATO-Auftragnehmer“ sind Personen und juristische Personen, die im Rahmen eines Vertrags oder Unterauftrags mit oder zur Unterstützung der NATO, der NATO-Mitgliedstaaten oder der operativen Partner Waren und Dienstleistungen in Afghanistan an oder im Auftrag von NATO-Streitkräften liefern.

Abs. 9: „Mitarbeiter von NATO-Auftragnehmern“ bezeichnet die Mitarbeiter von NATO-Auftragnehmern.

Abs. 10: „Vereinbarte Einrichtungen und Gebiete“ bezeichnet die von Afghanistan an den in Anhang A aufgeführten Standorten bereitgestellten Einrichtungen und Gebiete auf dem Gebiet Afghanistans sowie andere Einrichtungen und Gebiete auf dem Gebiet Afghanistans, die Afghanistan künftig möglicherweise zur Verfügung stellt Die NATO, die NATO-Mitgliedstaaten und operationellen Partner, die NATO-Streitkräfte, die NATO-Auftragnehmer, die Mitarbeiter der NATO-Auftragnehmer und andere, wie einvernehmlich vereinbart, haben das Recht, gemäß diesem Abkommen Zugang zu und Nutzung zu erhalten.

Abs. 11: „Afghanische nationale Verteidigungs- und Sicherheitskräfte“ oder „ANDSF“ bezeichnet die Einheit, die sich aus Mitgliedern der Sicherheitskräfte des Innenministeriums und des afghanischen Verteidigungsministeriums sowie gegebenenfalls der Nationalen Sicherheitsdirektion und anderen Einheiten zusammensetzt einverstanden.

Abs. 12: „Steuern“ bezeichnet alle Steuern, Abgaben (einschließlich Zölle), Gebühren und ähnliche oder damit verbundene Abgaben jeglicher Art, die von der afghanischen Regierung erhoben werden und im Sinne dieses Abkommens von afghanischen Regierungsbehörden auf jeder Ebene bezeichnet werden. einschließlich der Provinz- und Distriktebene sowie von den Behörden dieser Regierungsbehörden.

Abs.13: „NATO-Streitkräfte“ sind die zuständigen Behörden der NATO, der NATO-Mitgliedstaaten oder der Einsatzpartner.

Artikel 11: Status des Personals

Abs. 1: Afghanistan behält zwar seine Souveränität bei, erkennt jedoch die besondere Bedeutung der Disziplinarkontrolle, einschließlich gerichtlicher und außergerichtlicher Maßnahmen, durch die Behörden der NATO-Streitkräfte gegenüber Mitgliedern der Streitkräfte und Mitgliedern der zivilen Komponente sowie des NATO-Personals an. Afghanistan erklärt sich daher damit einverstanden, dass der Staat, zu dem das Mitglied der Streitkräfte oder die Mitglieder der betreffenden zivilen Komponente gehören, oder der Staat, dessen Staatsangehöriger die Staatsangehörige ist, das ausschließliche Recht hat, die Zuständigkeit für diese Personen in Bezug auf auszuüben alle in Afghanistan begangenen Straftaten oder zivilrechtlichen Straftaten. Afghanistan ermächtigt diese Staaten, in solchen Fällen vor Gericht zu stehen oder gegebenenfalls andere Disziplinarmaßnahmen in Afghanistan zu ergreifen.

Abs. 2: Auf Ersuchen Afghanistans informiert die NATO Afghanistan über den Status von Strafverfahren in Bezug auf Straftaten, die angeblich von Mitgliedern der Streitkräfte oder Mitgliedern der zivilen Komponente oder von NATO-Mitarbeitern, an denen afghanische Staatsangehörige beteiligt sind, in Afghanistan begangen wurden, einschließlich der endgültigen Anordnung der Ermittlungen oder Anklage. Auf Ersuchen bemüht sich die NATO auch, die Teilnahme und Beobachtung solcher Verfahren durch Vertreter Afghanistans zu ermöglichen und zu erleichtern.

Abs.3: Im Interesse der Gerechtigkeit unterstützen sich die Vertragsparteien gegenseitig bei der Untersuchung von Vorfällen, einschließlich der Sammlung von Beweismitteln. Bei der Untersuchung von Straftaten berücksichtigen die Behörden der NATO-Streitkräfte jeden Bericht über Ermittlungen der afghanischen Behörden.

Abs. 4: Die NATO erkennt die entscheidende Rolle an, die afghanische Strafverfolgungsbeamte bei der Durchsetzung des afghanischen Rechts und der afghanischen Ordnung sowie beim Schutz des afghanischen Volkes spielen. Relevante afghanische Behörden benachrichtigen die Behörden der NATO-Streitkräfte unverzüglich, wenn sie den Verdacht haben, dass ein Mitglied der Streitkräfte oder ein Mitglied der zivilen Komponente oder das NATO-Personal an der Begehung eines Verbrechens beteiligt ist, damit die Behörden der NATO-Streitkräfte unverzüglich Maßnahmen ergreifen können. Angehörige der Streitkräfte sowie Mitglieder der zivilen Komponente und des NATO-Personals dürfen von afghanischen Behörden nicht festgenommen oder inhaftiert werden. Mitglieder der Streitkräfte sowie Mitglieder der zivilen Komponente und des NATO-Personals, die von afghanischen Behörden aus irgendeinem Grund, einschließlich afghanischer Strafverfolgungsbehörden, festgenommen oder inhaftiert wurden, werden unverzüglich den zuständigen Behörden der NATO-Streitkräfte übergeben.

Abs.5: Afghanistan behält sich das Recht vor, die Zuständigkeit für NATO-Auftragnehmer und Mitarbeiter von NATO-Auftragnehmern auszuüben.

Im Namen der Religion

Autoren Naike Juchem und Nila Khalil

Keine der großen Weltreligionen wird mehr gehasst als der Islam.
Woher kommt dieser Hass gehen Muslime in der westlichen Welt? Die Antwort ist ganz einfach: Fundamentalisten.
Kriege und Terror im Namen der Religion gehen tausende Jahre vor Christi Geburt zurück. So weit möchte ich nun aber nicht ausholen und beginne mit den Kreuzzügen um 1095 n.Chr.
Die ersten Kreuzzüge wurden von der Lateinischen Kirche gegen muslimische Staaten im Nahen Osten geführt. Diese Kriege wurden aus strategischen, religiösen und wirtschaftlichen Motive zwischen 1095/99 und dem 13. Jahrhundert geführt. Oft durch und mit fanatischer Grausamkeit gekennzeichnet.
Im 16. und 17. Jahrhundert waren es die Hugenottenkriege und der Dreißigjährige Krieg typische Beispiele für die Religionskriege.
Fundamentalismus ist also kein neuzeitliches Phänomen. Es wird dank Fernsehen, Radio, Zeitungen und Internet in den letzten Jahrzehnten nur mehr wahrgenommen. Auch hat sich in mehr als 4000 Jahren nichts an Grausamkeit gegen Menschen geändert. Bewusst habe ich die Grausamkeit gegen Menschen andern Glaubens weggelassen, denn wie schon zu den Religioneskriegen im Mittelalter geht es oft gegen das eigene Volk. Die neuzeitliche Geschichte ist voll mit Zeitzeugnisse.
Woher kommt nun aber der extreme Hass gegen den Islam?
Fast 2 Milliarden Menschen mit muslimischen Glauben sind nicht alle Fundamentalisten oder ewig gestrige verbohrte Menschen. Fundamentalisten sind immer nur ein minimaler Teil der Gesellschaft. Ob nun Religion oder Faschismus.

Die Boulevardzeitungen der Welt suggerieren den Menschen ein anderes Bild und so bleiben die Schlagzeilen im Gedächtnis.
Wir alle erinnern uns an den 7. und 9. Januar 2015. Innerhalb weniger Tage töteten drei Attentäter 17 Menschen. Zwei Männer mit Automatikwaffen stürmten die Büros des Satiremagazins Charlie Hebdo in Paris. Anlass für den Angriff war die Veröffentlichung einer Karikatur des Propheten Mohammed. Ein weiterer Angreifer nimmt Geiseln in einem jüdischen Supermarkt. Die Polizei tötete alle drei Täter. Die Terroristen hatten ihre Sympathie zum „Islamischen Staat“ und der Terrorgruppe Al-Qaida bekundet.

Am 13. November 2015 erschütterte der nächste Terroranschlag Paris. An mehreren Orten in Paris und Saint-Denis gab es am Abend und in der Nacht verschiedene koordinierte Terroranschläge. 130 Menschen starben und Hunderte wurden durch Selbstmordattentäter und Massenschießereien, in der Nähe des Stade de France und bei einem Konzert im Bataclan Club verletzt. Auch dafür reklamierte der IS diese Taten für sich.

Am 19. Dezember 2016 gab es einen Angriff mit einem LKW auf einen Weihnachtsmarkt in Berlin. Der IS bekannte sich wenig später zu der Tat, bei der 12 Menschen starben und 62 verletzt wurden.
Der Täter wurde am 23. Dezember in der Nähe von Mailand von italienischen Polizeibeamten getötet, als er sich mit Waffengewalt einer Personenkontrolle entziehen wollte.
Am 1. Januar 2017 gab es einen Terroranschlag in einem bekannten Istanbuler Nachtclub. Im Reina wurde 10 Jahre zuvor der Grundstein meiner Stiftung gelegt. 39 Menschen kamen bei diesem Anschlag uns Leben. Auch hier proklamierte der IS die Tat für sich.

London, Brüssel, Mailand, Madrid, Berlin, Nizza, Straßburg sind nur einige der Städte wo der Terror zu schlug. Afghanistan, Ägypten, Marokko, Malaysia, Thailand, Sudan, Nigeria und so weiter. Selbst Neuseeland ist vor Fundamentalisten nicht sicher.
Sobald die Boulevardzeitungen wieder einen Terroranschlag mit fetten Buchstaben titeln, wird das Gebrüll nach Abschiebung, höhere Grenze oder gar der Gebrauch von Waffen an den Grenze laut. Jene Menschen die vor all dem Terror aus ihren Heimatländer fliehen, sind keine Islamisten oder Fundamentalisten. Natürlich verstecken sich unter all diesen Flüchtlinge auch der Abschaum der Menschheit. Bei einem Anschlag von einem, zwei oder mehreren Attentäter müssen tausende Menschen einen immer größer werdenden Fremdenhass und Rassismus erleiden.
Dem Mob mangelt es an Wissen, denn aus Angst wird Wut, aus Wut wird Hass und die Dummheit ist die Lunte zum Pulverfass.

Wer sind diese Fundamentalisten?

Was der braune Mob auf der einen Seite ist, sind die islamistischen Fundamentalisten auf der anderen Seite. Es sind Menschen die entweder keinen hohen Bildungsstand oder sogar Abitur und ein Studium begonnen bzw. abgeschlossen haben. Die Perspektivlosigkeit bringt beide Lager auf einen Nenner. Die Täter sind sozial ausgegrenzte Menschen und stehen oft am Rand der Gesellschaft. Sie kommen in automatisch in sozial schwache Kreise und plötzlich ist ein Wir-Gefühlt da. Ihnen werden skurrile Meinungen oder Texte vorgetragen. Dies ist die erste Stufe der Manipulation. Ob nun Hitlers „Mein Kampf“ oder der Koran zitiert wird, ist das gleiche. Das Feindbild wurde erschaffen und muss nun bekämpft werden.
Auch hier sind die Parallelen gleich: der böse Westen mit seiner freiheitlichen Kultur und auf der anderen Seite sind es die Regierungen, Flüchtlinge oder Homosexuelle.

Woher nun aber die Faszination für den Dschihad?

Stufen der Rekrutierung und Radikalisierung
Sie beschreiben den Prozess des Anwerbens für eine Terrororganisation und die zunehmende Gewalt- und Tötungsbereitschaft. Beide Prozesse haben sowohl intrapsychische Motivationen als auch interpersonale und kollektive Faktoren. Die letzteren bestehen aus Gruppenprozessen, Ideologie, Gegenkultur und den sozialen Medien. Da ist gerade das Internet bestens geeignet und zeigte dies auch immer wieder bei Recherchen von Polizei oder Journalisten.
Der Prozess der Rekrutierung und Radikalisierung vollzieht sich meist über einen längeren Zeitraum und in mehreren Stufen. Dabei spielt das Internet eine zentrale Rolle: »Die professionellen und gezielt kulturell gestalteten Botschaften des IS finden über das Internet und soziale Medien insbesondere unter Jugendlichen große Verbreitung. Der erste Einstieg mit »Offline-Kommunikation« geschieht sehr unterschiedlich, je nachdem, über welchen Weg die Rekrutierung stattfindet. Dies wird bei der Rekrutierung von Mithäftlingen im Gefängnis ganz anders erfolgen als bei deutschen muslimischen Staatsbürgern mit Migrationshintergrund. Wenn bereits eine muslimische Glaubensrichtung vorliegt, geschieht der Weg der Rekrutierung nicht selten über Moschee-Gemeinden, Imame oder Prediger. Eine wichtige Rolle bei der Rekrutierung spielen Kontakte zu Gleichaltrigen in der Schule, bei Arbeitskollegen oder Freizeitaktivitäten. In selteneren Fällen geschieht die Rekrutierung zufällig über eine Person, die Vorbildfunktion hat und sich bereits einer islamistischen Gruppe angeschlossen hat, z. B. ein Sporttrainer. Bereits diese Aufzählung zeigt, dass die Wege des ersten Einstiegs und der Rekrutierung sehr heterogen sind. Nach dem ersten Einstieg vollzieht sich nach Analysen der
Terrorismus Expertin, Douna Bouzar, die Rekrutierung und Radikalisierung meist in vier Etappen:
1.) Isolierung von der Familie und dem sozialen Umfeld
2.) Auslöschung der Individualität
3.) Verbundenheit mit der radikalen Ideologie
4.) Entmenschlichung

In der ersten Phase gehen die Rekrutierer sehr gezielt und geschickt auf die individuellen Sehnsüchte der jungen Menschen ein. Für die einen ist es die gemeinsame Eroberung der Welt, das Engagement für eine gute Sache, die Flucht aus der westlichen Konsumwelt oder utopische Paradiesvorstellungen nach einem möglichen Selbstmordattentat oder Märtyrertod.
In der zweiten Etappe werden die Gemeinsamkeiten der »islamischen Familie« betont und gleichzeitig die Abkehr von alten Gewohnheiten gefordert. Die Zugehörigkeit zum Islamischen Staat oder Islamischen Glaubens wird glorifiziert als Teilhabe am wahren Islam, als geistige Erneuerung und als die Verheißung einer neuen Identität. Es wird suggeriert, dass man bald wertvolles Mitglied der erhabenen und erlauchten islamischen Welt des neuen Kalifats sei.
In der dritten Etappe wird das Gefühl der Zugehörigkeit zum IS oder anderen Gruppierungen noch stärker betont und immer mehr hervorgehoben, dass man nun im Besitz der alleinigen Wahrheit sei, dass man auserwählt und anderen Ungläubigen überlegen sei.
In der vierten Etappe wird die Abgrenzung der Andersgläubigen, Ungläubigen oder nicht Zugehörigen massiv radikalisiert. Es existieren dann nur noch Beziehungen innerhalb der islamistischen Gruppe. Überlegenheit und Auserwähltheit werden immer wieder betont. Zunehmend wird verbreitet, dass es ein Recht und sogar eine Pflicht sei, Andersdenkende oder »Ungläubige« zu töten (so Jürgen Todenhöfer in seinem Buch: Inside IS 2015.) Gewalt wird banalisiert und das gemeinsame Anschauen von Enthauptungsvideos wird zur alltäglichen Unterhaltung.
Die finale Radikalisierung erfolgt schließlich mit der Ausreise in den Irak oder nach Syrien in das Herrschaftsgebiet des IS. Dort wird in Ausbildungscamps das Handwerk des Tötens gelernt. Im Gruppenerlebnis mit anderen tötungswilligen Männern nehmen Verrohung und Grausamkeit zu und die von Natur aus vorherrschende Tötungshemmung schwindet.

Die Komplexität der Psychologie

Die empirische Forschung zur Psychologie des Terrors hat einen erheblichen Nachholbedarf. Es gibt psychologische Studien aus anderen Terrorformen, z. B. der RAF und Einzelfallanalysen. Es gibt jedoch keine empirischen prospektiven Studien zu psychologischen Faktoren bei Dschihadisten. Ein Modellprojekt wurde in den Jahren 2004 bis 2008 als Kooperation zwischen der Universität Duisburg-Essen (Rhein-Ruhr-Institut für Sozialforschung und Politikberatung) und dem Bundeskriminalamt (Forschungsstelle Terrorismus/Extremismus) durchgeführt. Die Gesamtstudie versuchte einen Vergleich von rechtsorientierten, linksorientierten und islamistisch orientierten Extremisten/Terroristen. Die Ergebnisse waren ernüchternd. Trotz hoher Fördermittel konnten die Forscher nicht die geplanten Stichprobengrößen rekrutieren. Letztlich wurden nur 6 islamistische Terroristen in die Studie eingeschlossen, während immerhin 26 rechtsradikale Terroristen rekrutiert werden konnten. Ein Forschungsdesiderat für die Zukunft wäre eine Kooperation von »Dschihad-Beratungsstellen« und psychologischen Forschern. Die Jugendlichen, die dort wegen islamistischer Radikalisierung beraten werden, könnten prospektiv psychologisch untersucht werden. Da diese Beratungsstellen jedoch erst seit kurzer Zeit bestehen, wäre dies durchaus ein aussichtsreiches psychologisches Forschungsfeld über Motivation und subjektive Handlungsbegründung von Dschihadisten.
Boualem Sansal ist gebürtiger Algerier, promovierter Volkswirt und erfolgreicher Schriftsteller. 2011 wurde ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. Zu den Motiven der IS Dschihadisten, äußerte er sich 2015 wie folgt: „Die Jugend ist desorientiert und sucht nach einem Sinn des Lebens. Diese Lücke füllt die Religion aus. Sie bietet Visionen, politisches Engagement und eine Moral. Diese Zutaten zusammengenommen machen den Islamismus so faszinierend, dass sich inzwischen sogar Christen, Atheisten und Juden unter den Islamisten finden.“ Eine ähnliche Deutung publizierte der Berliner Soziologe Hans-Peter Müller bereits ein Jahr zuvor: „Der Islamische Staat und sein Kalifat sind das größte muslimische Sinnaufladungsprogramm der jüngeren Geschichte. Was für ein grandioses Projekt und welch phantastische Verheißung. Die Entstehung eines islamischen Großreiches an Euphrat und Tigris, wo die Zivilisation ihren Ausgang nahm, ist ein Versprechen, das frustrierte und orientierungslose Muslime weltweit ansprechen muss.“
Eine Arbeitsgruppe vom Deutschen Jugendinstitut DJI (Maruta Herding, Joachim Langner und Michaela Glaser) hat sich sehr differenziert zum komplexen psychologischen Motivationsbündel der deutschen Dschihadisten geäußert. Die Vielzahl der Einzelmotive lassen sich in drei Gruppen zusammenfassen:
1.) Da die Mehrzahl der IS-Kämpfer Jugendliche und junge Erwachsene sind, betont die Autorengruppe zuerst die alterstypischen Entwicklungsaufgaben und »jugendphasentypische Aspekte«. Dazu gehören die Ablösung von der Familie, die soziale Neuorientierung und die Entwicklung einer eigenen Identität. Viele junge Menschen dieser Altersgruppe haben erhebliche Probleme mit der Identitätskonstitution und der Sinnfindung. Gerade hier setzen die Rekrutierer des IS an: Sie bieten Sinnstiftung und versprechen eine starke Identität und sogar eine Überlegenheit der islamistischen Gemeinschaft.

2.) Ein weiterer Motivationsstrang sind die verbreiteten jugendlichen Bedürfnisse nach „action“,( Nervenkitzel, Protest und Provokation. In der psychologischen Forschung wird dies oft als »sensation seeking« zusammengefasst. Neugier, Abenteuerlust und entsprechende Persönlichkeitsmerkmale verstärken diesen Trend.

3.) Ein großer Teil der Dschihadisten stammt aus prekären Familien- und Lebensverhältnissen. Sie waren frustriert, fühlten sich gescheitert oder hatten gravierende biographische Krisen hinter sich. Scheidungen der Eltern, Selbstmordversuche der Mutter, Schulabbrüche, ungewollte Schwangerschaften (es gibt auch weibliche Dschihadistinnen), oder Enttäuschungen durch gute Freunde sind hier häufige Krisensituationen.
Die hier zitierten Experten stimmen darüber ein, dass Sinnfindung und Identitätskonstitution zentrale psychologische Faktoren sind. Dies ist der finale oder prospektive Aspekt der Motivation.

Motivationsfaktoren, die in der Vergangenheit ihre Ursache haben, sind prekäre Familienverhältnisse, Krisen und gescheiterte Lebensentwürfe. In den BKA- und BfV-Studien spiegelt sich dies meist in der »kriminellen Vorgeschichte«. Die umfangreichsten Datensätze zu soziobiographischen Merkmalen, die oben aufgeführt wurden, gehen überwiegend auf den Verfassungsschutz und das Bundeskriminalamt zurück. Sie sammelten vorhandene Daten von Jugendämtern, Polizei- und Gerichtsakten und anderen verfügbare Quellen.
Persönlich untersucht und erforscht haben sie die »Zielpersonen« meistens nicht, erst wenn sie als Rückkehrer aus dem Dschihad verhaftet wurden. Diese machen allerdings einen geringen Prozentsatz aus. Alle anderen bleiben forschungsstrategisch im Dunkeln und verweisen auf alle methodischen Probleme, die Dunkelfeldanalysen in der Kriminologie haben.

Autoren: Naike Juchem und Nila Khalil, 19. November 2020

Quellen:
– BKA Berichte über deutsche Dschihadisten im IS
– Verfassungsschutz Bericht von 2014 bis 18
– Journal für Psychologie
– Deutschen Jugendinstitut DJI
– Boualem Sansal

Landraub in Afghanistan

Autorin Nila Khalil

Landraub in Afghanistan

Ein Bericht von
Fazan Muzhary von Afghanistan Analysts Network in Zusammenarbeit mit Nila Khalil, Samira Ansary und Sarah Reza Kezemi von Afghan Women’s Network.

Als die Taliban ihre Kontrollbereiche im ganzen Land erweitert haben, sind Einzelberichte über Taliban-Kommissionen und Kommandeure in mehreren Provinzen aufgetaucht, die Staatsland verkaufen. Ein genauerer Blick auf die drei bekanntesten Beispiele – Helmand, Uruzgan und Takhar zeigt jedoch ein düstereres Bild, als Medienberichte und Behauptungen von Regierungsbeamten vermuten lassen. Obwohl es klar ist, dass die Taliban an der „Landbewirtschaftung“ beteiligt waren einschließlich Umverteilung, Verpachtung und Besteuerung von Land sowie der Errichtung neuer Basare und Townships, gibt es keine eindeutigen Beweise dafür, dass sie systematisch Staatsland verkauft haben. Dies bedeutet nicht, dass ihre Interventionen nicht problematisch sind, nicht zuletzt aufgrund des Fehlens eines ordnungsgemäßen Dokumentationssystems oder sogar der Klarheit darüber, ob das Land verschenkt, verkauft, verpachtet oder vermietet wurde.
Wenn die Taliban jemals Teil einer neuen Regierung werden, sind mit der Verwirrung um den Landraub mit neunen Streitigkeiten vorprogrammiert.
Die Landstreitigkeiten waren lange Zeit die Auslöser für gewaltsame Konflikte in Afghanistan. Der Wettbewerb um Land nahm in Zeiten wachsender Bevölkerung und wirtschaftlicher Not immer mehr zu. Das Privateigentum an Land in Afghanistan ist ein komplexes rechtliches Problem, da das Landeigentum sowohl auf Regierungsgesetzen als auch auf ein informelles System des lokalen Konsenses beruht und in beiden Bereichen erhebliche Mängel aufweist. Das formelle und das informelle System widersprechen sich manchmal und weisen zwei unterschiedlichen Eigentümern den selben Landabschnitt zu. Das System, dass das Staatsland regelt, ist noch komplexer, da diese Kategorie rechtlich nicht nur Land im Besitz der Regierung umfasst, sondern auch jedes Land, in dem Privateigentum nicht rechtlich nachgewiesen werden kann, was angesichts der Anzahl von Personen, die keine Eigentumsurkunden haben oder andere Dokumentation haben, zu vielen Problemen in den Ortschaften und Volksgruppen ein gewaltiges Problem darstellt.
Nicht alle staatlichen Grundstücke können an private Eigentümer verkauft oder verpachtet werden. Es gibt viele Unterkategorien, die nach dem Landverwaltungsgesetz von 2008 nicht verkauft werden können. Dies schließt Land ein, das in den letzten fünf Jahren für die Landwirtschaft und Beweidung genutzt wurde, Weiden, Wälder, Minen, historische Stätten oder jeden Teil des Landes, der vom Staat für öffentliche Zwecke als notwendig bestimmt wird, einschließlich den Stadtentwicklungsplänen.
Alle afghanischen Regierungen im Laufe der Geschichte, einschließlich der Taliban-Regierung von 1996-2001, haben Land als Instrument genutzt, mit der Beschlagnahmung, Umverteilung und des Verkaufs, insbesondere in Zeiten von Krieg und Eroberung. Politiker auf lokaler und nationaler Ebene haben staatseigenes Land verkauft und verteilt, um ihre Unterstützer zu belohnen und zu stärken.

In der modernen Geschichte Afghanistans war dieses Phänomen in den Jahrzehnten der Herrschaft von Amir Abdul Rahman (1880-1901) am ausgeprägtesten, als die Regierung von Kabul Land in Zentral- und Nordafghanistan einnahm und es einer großen Anzahl paschtunischer Siedler aus anderen Ländern übergab oder verkaufte Teile des Landes. Dieser Landtransfer setzte sich bis in die 1970er Jahre auf einem niedrigeren Niveau fort. Der Fall der Taliban im Jahr 2001 und die anschließende Machtumbildung führten zu einer neuen Runde des Landraubes, als mächtige Politiker, Kommandeure und Einheimische im ganzen Land Land beschlagnahmten, oder zurücknahmen. Dies schloss neue Regierungsbeamte und andere mächtige Persönlichkeiten ein, die Staatsland zu ihrem eigenen persönlichen Vorteil verkauften. Die afghanische Regierung reagierte mit dem Erlass des Dekrets 99 im April 2002 und der Anordnung eines landesweiten Einfrierens der Verteilung von Staatsland, um dem entgegenzuwirken. Was als weit verbreitete Verteilung von öffentlichem Land an unverdiente Begünstigte in den örtlichen Provinz angesehen wurde und auf nationaler Ebene sich fortsetzte. Trotzdem wurde die Verteilung von staatseigenem Land an mächtige Militärkommandanten, politische Persönlichkeiten und bereits wohlhabende Einzelpersonen nach diesem Datum weiter fortgesetzt.
Im Rahmen ihres Mandats zum Staatsaufbau erließ die afghanische Regierung nach 2001 mehrere neue Gesetze zu Eigentum und Staatsgrundstücken und übertrug die Verantwortung auf verschiedene Regierungsbehörden, Abteilungen und Kommissionen. Dieser Rahmen sah die zentrale Verteilung von Staatsgrundstücken vor, bei denen jeder einzelne Verkauf von Staatsgrundstücken vom Präsidenten genehmigt werden muss. Andere am Verkauf beteiligte Unternehmen konnten nur Empfehlungen aussprechen, die dann wiederum der Zustimmung des Präsidenten unterlagen. Afghanistan verfügt zwar über einen rechtlichen Rahmen mit detaillierten Richtlinien, Regeln und Standard, verfügt jedoch nicht über die institutionellen Kapazitäten für die konsequente Durchsetzung dieser Gesetze. Eine Untersuchung der UNAMA im Jahr 2015 ergab, dass das afghanische System zur Verteilung von Staatsland unter dem „Fehlen einer übergreifenden Landverteilungspolitik und dem nahezu fehlenden integrierten, transparenten und rechenschaftspflichtigen Landverteilungssystem“ litt . Ein weiteres kompliziertes Problem ist die Tatsache, dass der größte Teil des besten Staatslandes bereits eingenommen wurde. Wie Nila Khalil von UNAMA dies vor dem Regierungsrat in Kabul im Jahr 2015 sagte.
„Landraub ist weit verbreitet und es gibt wenig bis gar kein solches Staatsland mehr, das verteilt oder verkauft werden kann, weil alles von den Taliban oder mächtigen Investoren erobert und vom Staat noch nicht zurückgewonnen wurde. Untersuchungen von meinem juristischen Team ergaben, dass es sich bei den genannten Grundstücken um wünschenswerte Staatsgrundstücke handelte und um Grundstücke, die für einen bestimmten Zweck genutzt werden können, zum Beispiel für die Unterbringung in oder in der Nähe eines Stadtgebiets, für die Landwirtschaft oder die kommerzielle Entwicklung oder weil das Land wertvoll oder potenziell wertvoll war. Die Möglichkeiten für die Regierung, durch den Verkauf von Staatsgrundstücken erhebliche Einnahmen zu erzielen, scheinen relativ begrenzt zu sein, da das, was noch verkauft werden kann, in der Regel Land ist, das nicht attraktiv genug ist, gestohlen oder bereits verkauft wurde.“
Berichte, dass die Taliban Staatsgrundstücke in von ihnen kontrollierten Gebieten verkauften, erreichten das juristische Team um Samira Ansary erstmals 2013 durch einen Mitarbeiter von Afghan Women’s Network aus der Provinz Helmand. Im Jahr 2017 gab es Medienberichte, dass die Taliban Staatsgrundstücke in der Provinz Uruzgan verkauft und sogar eine ganz neue Gemeinde in der Provinz Takhar im Norden eingeweiht hatten. Auf der Grundlage dieser Berichte beschloss das Juristische Team aus Gardez sich dieses Thema genauer zu untersuchen. In den drei untersuchten Provinzen Helmand, Uruzgan und Takhar wurde die staatliche Landumverteilung durch die Taliban zwar bestätigt, aber das Bild hinsichtlich des Verkaufs von Staatsland war weniger klar. Zum Zeitpunkt des Schreibens ist das Autorenteam nicht in der Lage, weitere Fälle zu finden, in denen die Taliban Staatsgrundstücke verkauften oder umverteilten.
(Anmerkung: Es ist schwierig, mit Menschen zu sprechen, die in Gebieten leben, die von den Taliban kontrolliert werden. Da recherchen in diesem Thema und Gebieten zumal Lebensgefährlichen sind, bleiben nur Aussagen oder kleinere Protokolle von Mitarbeitern aus bekannten Organisationen als Grundlage dieses Artikels.)
Auch konnten Anwohner in den von der Regierung kontrollierten Gebieten nicht die erforderlichen Angaben machen. Der Sprecher der Taliban, Zabihullah Mujahed, lehnte den Begriff des Landverkaufs in einem WhatsApp-Interview vollständig ab und erklärte gegenüber Sarah Reza Kezemi, von Afghan Women’s Network, dass dies während der Kriegszeit nicht die Politik der Taliban gewesen sei. Stattdessen hätten Arme und Landlose Menschen sowie Verwandten von Märtyrern in einigen Gebieten Grundstücke erhalten, auf denen Häuser gebaut werden konnten und diese Art der Verteilung in „toten Wüsten“ stattgefunden habe.
Mujahid gab nicht an, wie viel Land an Landlose oder Arme verteilt wurde oder in welchen Provinzen dies geschehen war. Er räumte jedoch ein, dass in einigen Fällen Land für Geschäfte verteilt worden war, wie dies in Takhar der Fall war.
Bewohner von Ortschaften in der Provinz Helmand sagten, die Taliban hätten tatsächlich Land verkauft, könnten jedoch keine Einzelheiten darüber liefern, welche Taliban-Kommandeure oder -Kommissionen an den angeblichen Transaktionen beteiligt gewesen seien.
In Uruzgan konnte erneut die Umverteilung von Land, sowohl staatlichem als auch privatem Land, bestätigt werden, aber nicht die Behauptungen dass die Taliban Staatsland verkauften.
In Takhar herrschte erhebliche Verwirrung über die Bedingungen, unter denen Menschen Land für eine ganz neue Ortschaft erhalten hatten. Laut Mujahed hatten die Menschen in Takhar das Land erhalten, ohne eine Zahlung zu leisten. Die Einheimischen sagten Fazan Muzhary, dass sie für die Grundstücke und Geschäfte bezahlt hätten, obwohl die Beträge recht niedrig waren. In allen drei Provinzen befand sich das verkaufte oder verteilte Land in Wüstengebieten und war in der Vergangenheit nicht bewässert worden. Wie sich in den letzten Jahren herausgestellt hatte, gaben Recherchen den Beweis das die zunehmende Entwicklung bisher nicht genutzter Wüstengebiete, die hauptsächlich durch den Opiumanbau bedingt sind, durch jenes hin und her verteilen im Besitz der Taliban sind.

Nun zwei Punke aus den Provinzen Helmand und Uruzgan
Die Landvergabe in der Provinz Helmand
Laut den Befragten in Helmand, darunter Anwohner, pro-Taliban-Gesprächspartner, Journalisten und Parlamentarier, begannen die Taliban um 2010 mit der Verteilung von Staatsland in den Wüstengebieten von Nad Ali, Marja, Greshk und anderen Distrikten. Nach Angaben der Anwohner hatten einige ehemalige Mudschaheddin-Kommandeure und Älteste, die mit einem ehemaligen Gouverneur in Verbindung standen, seit etwa 2006 Wüstenland erobert und verkauft. Als die Taliban zwischen 2009 und 2010 die Kontrolle über diese Gebiete übernahmen, nahmen sie die meisten großen Grundstücke zurück. Es waren Felder die Tausende von Jeribs umfassen (ein Jerib entspricht ungefähr 0,2 Hektar) und begannen, diese neu zu verteilen.
Im Laufe der Zeit bauten die Anwohner mehrere neue Basare, darunter einen in der Nähe von Shawal, den Esmat-Basar, der zu einem wichtigen Knotenpunkt für die Taliban geworden ist. In dem Ort ist ein Taliban-Gericht tätig, und die Menschen vor Ort nehmen Land zur Beilegung der Streitigkeiten mit.
Drei Personen, zwei die in den von Taliban kontrollierten Gebieten leben und eine Person, die regelmäßig dort hin reist, beschrieben die Prozesse, in denen es um solche Umverteilungen ging. Eine andere Person beschrieb, wie sein Verwandter, der beide Beine und ein Auge verloren hatte, als eine Rakete sein Haus in der Gegend von Zarghun Kalay in Nad Ali traf, dasss er Land von den Taliban erhielt. Er erklärte, dass sein Verwandter im Frühjahr 2019 mit zwei Dorfbewohner und den Imam seines Dorfes zum Esmat-Basar fuhr, um ein Stück Land anzufordern. Die beiden Dorfbewohner und der Imam sahen, dass er tatsächlich bei einem Angriff verletzt worden war. Anschließend schrieb er einen Antrag an die Militärkommission der Taliban, in dem er um ein Stück Land bat. Als Antwort auf seinen Antrag versorgten ihn die Taliban mit 20 Jeribs Land in der Wüste in der Nähe von Shurab, wo sich früher eine britisches PRT (Provincial Reconstruction Team) befand. Seit er dieses Land erhalten hatte, hätte der Mann ein Haus gebaut und Sonnenkollektoren installiert und lebe dort seit der Vertrag “rechtens“ sei.
Die beiden anderen Personen bestätigten dieses Verfahren und sagten, dass in den meisten Fällen Behinderte und Waisen 20 Jeribs erhielten, manche würden 15 Jeribs erhalten. Den Grund für diese Unterschiede können sie aber nicht sagen.
Alle drei Personen sagten, der Empfänger sei nicht für das Land belastet worden, sondern müsse lediglich 4.000 pakistanische Rupien (ungefähr 26 Dollar) für den Traktor zahlen, mit dem das Land abgegrenzt wurde. Alle drei Personen sagten im Gespräch mit Fazan Muzhary, dass viele Menschen ihre Anträge bei der Militärkommission der Taliban eingereicht hätten, die meisten jedoch bisher kein Land erhalten haben. Die Verteilung scheint auf Eis zu liegen, aber sie erwartet, dass sie in naher Zukunft wieder beginnen würde.

Warum Menschen Land in den Wüstengebieten kaufen, hat zwei Gründe:
Erstens ist dort billiges Land zu kaufen. Das Land in den Wüstengebieten von Nad Ali und Marja ist viel billiger als in anderen Teilen dieser Bezirke. (Anm.: In den Bezirken Nad Ali, Nawa oder Marja wird ein Jerib Land für 700.000 bis 900.000 Rupien verkauft 4.431 bis 5.697 US Dollar, während in den Wüsten ein Jerib 40.000 bis 60.000 Rupien, also ungefähr 253 bis 379 US Dollar kostet.)

Der zweite Grund ist, dass sie für die afghanische Regierung nicht sichtbar sind, insbesondere für den Mohnanbau. Der Hauptzweck von Menschen, die Land in dieser Gegend gekauft haben, war der Anbau von Mohn und Cannabis. Der Grund dafür ist, dass das Gebiet völlig außerhalb der Kontrolle der Regierung liegt und niemand die Mohnernte zerstören kann. Obwohl es einige Bauern gibt, die auf ihren Feldern Weizen und Mais anbauen, ist Mohn das häufigste Produkt in der Wüste.

Dieser Trend wurde auch von Analytiker der Universität Kabul festgestellt, die den Anbau im Südwesten untersuchten,  in den Jahren von 2008 bis 2011 gab es seitens der der Afghanischen Regierung einige Maßnahmen um denOpiumanbau in Helmand einzuschränken. Die Bauern in diesen Wüstengebieten haben keinen Zugang zum großen Wasserkanal Boghra und sind auf solarbetriebene Brunnen angewiesen um ihr Ernten bewässern.
Nach Recherchen Fazan Muzhary sagten auch einige Bewohner jener Felder aus, dass in einigen Gebieten eine Bedingung für das Erhalten von Land darin bestehen, dass sich ein Familienmitglied der Taliban anschließt müsse. Dies hat eine pro-Taliban-Gemeinschaft in den Wüstengebieten geschaffen.
Die afghanische Regierung in Helmand konnte die Verteilung von Staatsland in diesen Bezirken nicht verhindern, obwohl sie es versucht hatte. Im Dezember 2017 gab das Büro des Gouverneurs eine Warnung heraus, die besagte, dass die Verteilung von Staatsland durch die Taliban illegal sei und Uneinigkeit schüren würde, die durch Profit motiviert sei. Die Regierung warnte davor, dass von den Taliban verteiltes Land beschlagnahmt würde und dass die Beteiligten gesetzlich geregelt würden und dass Personen, die Staatsland pachten wollten, sich an die Landbehörde in Lashkargah wenden sollten.
Es ist unnötig zu erwähnen, dass die Regierung bisher nicht in der Lage war, die Verteilung von Land zu verhindern, geschweige denn ihre beabsichtigte Politik der Rückeroberung des Landes oder der Bereitstellung neuer Pachtverträge umzusetzen. Durch dieses lasche Verhalten der Regierung wird dr Boden für Terror immer weiter gesät.

Der Abgeordneter Mirwais Khadem sagte im Gespräch mit Sarah Reza Kezemi, dass die Taliban kürzlich den Verkauf von Staatsland an die lokale Bevölkerung vollständig eingestellt hätten und das die Menschen, die relativ kleine Grundstücke erhalten hätten, entweder von den Taliban oder von Stammesältesten das Land weiter kultivieren und sogar verkaufen durften. Laut der Aussage von Khadem wurden jedoch große Grundstücke beschlagnahmt und neu verteilt, die zuvor vom Staat beschlagnahmt worden waren. Die Taliban kontrolliere auch das Graben neuer Brunnen in ihren Gebieten, da dies ein primärer Weg ist, um Land in die Wüste auszudehnen. Wenn ein Eigentümer einen Brunnen benötigt, sollte er die Erlaubnis der Militärkommission der Taliban einholen, die auf der Grundlage der Bedürfnisse der Person entscheidet.

Landvergabe in der Provinz Uruzgan
In Uruzgan konzentrierten sich die Berichte über Landverkäufe der Taliban weitgehend auf die Gebiete um die Provinzhauptstadt Tirinkot. Obwohl der Verkauf von Staatsgrundstücken nicht bestätigt werden konnte, ist klar, dass die Taliban nach der Ausweitung ihrer Kontrolle auf dieses Gebiet, im Jahr 2015 und so Stück für Stück in die Landbewirtschaftung eingegriffen haben, nachdem sie ihre Kontrolle fest etabliert hatten. Zu den betroffenen Gebieten gehörte Sarmurghab , Mehrabad, Sahnan und Darafshan.
In Sarmurghab verteilten die Taliban eine große Menge privaten Landes in einem Gebiet, das als Nabi Khan Hadda bekannt ist. Das Land gehörte Haji Muhammad Nabi Khan Tokhi, der von der örtlichen Regierung die Erlaubnis erhalten hatte, dort eine Gemeinde zu errichten, der dann aber nach Kandahar zog, als die Taliban die Kontrolle über sein Gebiet übernahmen. ( Anm.: Nabi Khan Tokhi starb im Juni 2019). Laut dem ehemaligen Vorsitzenden des Provinzrates, Amanullah Hotak, hatten die Menschen bereits etwa 60 Geschäfte und einige Häuser in Nabis Gemeinde gebaut, bevor die Taliban die Kontrolle über das Gebiet übernahmen. Nach der Ankunft der Taliban wurde der Basar weiter ausgebaut. In Sarmurghab verkauften oder gaben die Taliban den Anwohnern zahlreiche zusätzliche Grundstücke für Geschäfte und Häuser.
Laut Sharifullah Sharafat, einem lokalen Journalisten, der mit Azadi Radio zusammenarbeitet, ist die Siedlung nun zu einer großen und funktionierenden Stadt geworden. Im Gespräch mit dem juristischen Team von Afghan Women´s Network sagte er: „Ich war vor zwei Jahren in dieser Gegend. Es ist vollständig unter der Kontrolle der Taliban. Es gab mehr als 2.000 Geschäfte und alle Arten von Einrichtungen, einschließlich Kliniken. Dieses Gebiet sei eine wichtige Stadt geworden.Viele Menschen aus Tirinkot gehen jetzt zu ihren Einkäufen nach Nabi Khan Hadda, insbesondere nachdem die afghanische Regierung die Verwendung pakistanischer Rupien in Tirinkot verboten habe. Da die Verwendung von pakistanischen Rupien in Nabi Khan Hadda erlaubt sei, gehen die Leute dorthin um ihre Einfäufe zu erledigen. Die Waren in Nabi Khan Hadda seien zudem auch billiger als anderorts.“ (Anm.: Diese Zahlen und Angaben konnten nicht unabhängig überprüft werden.)

Soweit nun einen kleinen Einblick in die Verwirrungen der Afghanischen Regierung und Taliban.
Ich könnte nun den ganzen umfassenden Text übersetzten und auch so schreiben, dass dies in Deutschland oder Österreich verstanden wird, wie grotesk dies alles ist und eben dadurch es auch nie zu einem Frieden und schon gar nicht zu einer Stabilen Innenpolitischen Lage in Afghanistan kommen kann und wird.
Dieser Bereich ist ein Auszug von hunderten DIN A4 Seiten der von Juli 2013 bis März 2020 geht.

Nila Khalil, Vorsitzende von Afghan Women’s Network.
Den Haag, 15. April 2020
In Zusammenarbeit mit Fazan Muzhary von Afghanistan Analysts Network und Samira Ansary sowie Sarah Reza Kezemi von Afghan Women’s Network.

Anmerkung: Zum Schutz der Person habe ich die Gesichter unkenntlich gemacht.

Massive Ordnance Air Blast

Autorin Nila Khalil

Ich bin unglaublich wütend, was ich vorhin über die Präsidentenwahl der USA gelesen habe.
Oft muss ich den Schwachsinn  lesen, dass Mr. American First kein Kriegstreiber sei. Dies ist faktisch falsch!
Am 20. Januar 2017 wurde Mr. American First als 45. Präsident der USA in das Amt offiziell bestätigt und vereidigt.

Im April 2017 wurde die Massive Ordnance Air Blast über Afghanistan abgeworfen und mir kann KEINER sagen, dass der Präsident der USA von diesem Einsatz nichts wusste!
Nun mal eine kurze Erklärung, was die Massive Ordnance Air Blast überhaupt ist.

Die GBU-43/B Massive Ordnance Air Blast der United States Air Force ist die sprengkraftstärkste konventionelle Fliegerbombe im Arsenal der US-Streitkräfte. Sie enthält 8,48 Tonnen Sprengstoff und entwickelt eine nominelle Sprengkraft von 11 Tonnen TNT-Äquivalent und einen Sprengradius von 150 Meter.

Im Januar dieses Jahres habe ich über diesen Einsatz der Massive Ordnance Air Blast schon berichtet.
Im nachfolgenden Text, kann man dies auch alles nachlesen.

Die Lage in Afghanistan und die unglaublich Menschenverachtende Militär-Politik der USA.

Mit dem NATO ISAF Einsatz von 2001 wollte man die Terroristen in Afghanistan besiegen. Wer ist nun mehr der Terrorist?

Die damalige Allianz der USA und Großbritannien im Kampf gegen die Taliban Herrschaft, sollte eine Befreiung für das Volk sein. Mit dem Einmarsch von unzähligen NATO Soldaten sollte die Regierung im Kampf gegen den Terror gestärkt werden. Bis heute ist dieser ISAF Einsatz auf ganzer Linie gescheitert. Spezialeinheit wie das US Special Operations Command, die KSK der Bundeswehr oder die SAS aus Großbritannien konnten dem Terrorismus wenig entgegen setzen. Die Zivilbevölkerung litt und leidet am meisten unter dem gutgemeinten Vorsatz von „Frieden sichern“.

In nun 19 Jahren wurden Hunderttausende Afghanen getötet, zu Waisen, Verstümmelt, Traumatisiert, Obdachlos, Analphabeten, Bettelarm. Sieht so eine Militärische Intervention für Frieden aus? Nein! Terror wurde geschaffen. Terror von IS, Al Qaida und Taliban. Terror von Armeen der USA und der Nato. Das Böse besiegen in dem man böses selbst tut und fördert ist nicht das was Afghanistan braucht. 40 Jahre Krieg sollten endlich genug sein!

Frieden, Sicherheit und Zukunft sind es, was die Menschen in Afghanistan endlich wollen. Arbeiten und ihre Familien ernähren. Bildung muss eines der Elementarsten Bausteine für die Zukunft von Afghanistan sein. Die Wirtschaft kann nur wachsen,  wenn es in Afghanistan Frieden gibt.

Im April 2017 warf das US-Militär die sogenannte „Mutter aller Bomben“ über Afghanistan ab. Die Auswirkungen dieser monströsen Waffe blieben lange im Dunkeln. Doch nun wird immer mehr deutlich, was für einen Schaden die Bombe angerichtet hat – und wie zahlreiche Menschen im Schatten der Ignoranz darunter leiden.

Es war ein kleiner Bericht, der kaum Beachtung fand. Vor wenigen Wochen berichtete der afghanische Lokalsender Kabul News aus dem Distrikt Achin in der östlichen Provinz Nangarhar. 2017 geriet Achin kurzzeitig in die Schlagzeilen. Der Grund: Die afghanische IS-Zelle sowie die „Mutter aller Bomben“ („Massive Ordnance Air Blast oder „MOAB“), die größte nicht-nukleare Bombe des US-Militärs, die in ebenjener Region abgeworfen wurde. Doch nun berichten Einwohner Achins von mysteriösen Krankheiten, die seit der Detonation der Bombe regelmäßig auftreten und sich mittlerweile stark verbreitet haben. Gegenüber Kabul News sprechen einige Menschen aus Achin von einer „Seuche“, die vor allem Kinder befällt. Genannt werden unter anderem auffällige Hautkrankheiten.

Vor wenigen Tagen berichtete auch der afghanische Mainstream-Sender Tolo News, der eher US-freundlich gesinnt ist, über die Auswirkungen der Bombe in Achin, und zwar auf Mensch und Umwelt. „Nachdem die Bombe hier benutzt wurde, sind viele Krankheiten aufgetaucht. Viele Menschen haben Hautprobleme“, meint etwa Jam Roz, ein Einwohner Achins. Der afghanische Militäranalyst Atiqullah Amarkhil betont die langfristigen Effekte, die die Bombe auf Menschen hat: „Die Bombe hat Auswirkungen auf die Augen. Betroffene spüren Irritationen im Sehfeld. Hinzu kommen Auswirkungen auf die inneren Organe. Dies wird dann deutlich, wenn man die Luft im Detonationsumfeld einatmet. Des Weiteren sind Auswirkungen auf schwangere Frauen und Neugeborene wahrzunehmen.“

Eine weitere Folge ist die massive Zerstörung von Flora und Fauna. Laut den Einwohnern des Distriktes Mohmand Dara, der ebenfalls in der Provinz Nangarhar liegt, sind zahlreiche Ackerflächen aufgrund der Bombe zerstört und dort könne nichts mehr angebaut werden. Berichtet wird auch von vertrockneten Bäumen und Pflanzen sowie von Felsen, die schnell zu Staub zerfallen. „Derartige Berichte sind äußerst besorgniserregend und müssen ernst genommen werden. Die „Mutter aller Bomben“ und andere Waffen haben Afghanistan im Laufe der Jahre verseucht und die Lebensgrundlage vieler Menschen zerstört. Viele der betroffenen Regionen sind abgelegen und schwer zu erreichen, weshalb es noch lange dauern wird, bis wir uns über alle Folgen bewusst sind“, meint der afghanische Anthropologe Sayed Jalal Shajjan.

Was ist los in Nangarhar? Und überhaupt: Was ist los in ganz Afghanistan, das in diesem Jahr vom US-Militär derart bombardiert wurde wie schon lange nicht mehr? Allein im vergangenen Oktober fanden laut dem Pentagon mindestens 797 amerikanische Luftangriffe statt. Im Durchschnitt sind das 26 Angriffe pro Tag. Dies ist der afghanische Alltag, und zwar seit nun achtzehn Jahren. Dass der konstante Bombenhagel, ähnlich wie in Vietnam, jahrzehntelange Auswirkungen haben wird, ist mehr als nur vorhersehbar – und wird von den Verantwortlichen ignoriert.

Mehr als zwei Jahre sind seit der Detonation der MOAB vergangen. Die Auswirkungen der Bombe blieben jedoch weitgehend im Dunkeln. Kurz nach dem Abwurf der Bombe wurde die Region um Achin vom US-Militär und der afghanischen Armee weitreichend abgesperrt. Journalisten konnten deshalb nicht vor Ort recherchieren. Bis heute ist etwa unklar, wie viele Zivilisten durch die Bombe getötet wurden. Laut der offiziellen Version waren lediglich IS-Kämpfer, die in der Region aktiv gewesen sind, das Ziel. Wenige Wochen nach dem Abwurf befand ich mich im Distrikt Khogyani, der nahe Achins liegt. Schon damals meinten zahlreiche Einwohner, dass die „Mutter aller Bomben“ hauptsächlich Zivilisten getötet habe. Hinzu kam, dass sich die Menschen vor Ort über zwei Dinge sehr wohl bewusst waren. Zum einen wussten sie, dass Afghanistan vom US-Militär lediglich als Waffentestgelände missbraucht wird und dass mit dem Abwurf der MOAB ein vorläufiger Höhepunkt erreicht wurde. Des Weiteren berichteten die Menschen schon damals von gesundheitlichen Schäden, die sich seit dem Abwurf der Bombe verbreiteten.

Aufgrund der zunehmenden lokalen Berichte will sich nun die mit den USA verbündete Regierung, die damals den Bombenabwurf begrüßt hatte, der Thematik widmen. Das afghanische Gesundheitsministerium will Ärzte und weiteres medizinisches Personal in die betroffene Region schicken, um die Opfer zu behandeln und Proben zu entnehmen. Sima Samar, Menschenrechtsministerin sowie Beraterin von Präsident Ashraf Ghani, bestätigte die gesundheitlichen Probleme, die seit dem Abwurf der Bombe in Erscheinung getreten sind.

Ein Arzt aus der Provinz Nangarhar, der namentlich nicht genannt werden möchte, bestätigte gegenüber den NachDenkSeiten, dass Krankheiten, die mit dem Abwurf von US-Bomben in Verbindung stehen, seit dem Einmarsch der NATO Ende 2001 in ganz Afghanistan verbreitet sind. „Es handelt sich hierbei hauptsächlich um Hautkrankheiten und starken Juckreiz. Das mag harmlos klingen, ist es aber nicht. In vielen Fällen ist unsere Behandlung nicht ausreichend. Uns fehlt Medizin und vieles mehr. Hinzu kommt, dass uns oftmals die langzeitigen Auswirkungen solcher Krankheiten unbekannt sind“, so der Arzt. Am vergangenen Samstag stellten mehrere afghanische Parlamentsabgeordnete aufgrund der Berichte aus Achin das US-Militär an den Pranger und verlangten von den Vereinigten Staaten eine Entschädigung für die erkrankten Opfer.

Nila Khalil
Den Haag im Januar 2020

Wenn humanitäre Hilfe zur Lebensgefahr wird

Autorin Evke Freya von Ahlefeldt

Wenn humanitäre Hilfe zur Lebensgefahr wird

Brunnen bohren, Lebensmittel verteilen, Schulen bauen und dabei glücklichen Menschen in die Augen sehen. Dies ist oft das Bild von Menschen, wie sie Mitarbeiter*innen von Hilfsorganisationen sehen – die Realität ist eine andere, denn es gibt Gruppierungen ob nun Terroristen, Milizen oder Regierungstruppen die humanitäre Helfer*innen als Bedrohung ihres Glaubens, Politik oder Ansichten sehen.

Entführungen und Angriffe auf Mitarbeitende von Hilfsorganisationen in Entwicklungsländern haben in den letzten 10 Jahren zugenommen.
Seit dem Bürgerkrieg in Syrien werden Entwicklungshelfer*innen bewusst zum Ziel von Angriffen verschiedener Gruppierungen.

Wenn die Sicherheit von Mitarbeitenden NGO’s nicht mehr garantiert ist, stellen viele Hilfsorganisationen ihre Arbeit in den entsprechenden Ländern ein. In Afghanistan, im Sudan, in Somalia und in Pakistan passiert dies am häufigsten. Auch Äthiopien, Jemen, Jordanien, Mali, Nigeria und Philippinen sind Länder, in denen es Angriffe gab und gibt.

Vor 2010 ließ sich der Großteil der Zwischenfälle auf kriminelle Ursprünge zurückführen. Entwicklungshelfer*innen wurden überfallen, weil die Angreifenden hofften, Geld oder Wertgegenstände zu erbeuten. Inzwischen sind viele Gewaltakte politisch / religiös motiviert. Entwicklungshelfer*innen werden entführt oder getötet, um Gefangene freizupressen oder politische Entscheidungen durchzusetzen.

Damit Übergriffe erst gar nicht passieren sollen, greifen Hilfsorganisationen auf bewaffneten Begleitschutz zurück oder statten Mitarbeitende mit Waffen aus. Dies ist aber erst durch die EU Verordnung  Nr 230/ 2014 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 11. März 2014  möglich. Diese Verordnung ist eines der Instrumente, mit denen die auswärtige Politik der EU direkt unterstützt wird.
Sie folgt der Verordnung (EG) Nr. 1717/2006 des Europäischen Parlaments und des Rates nach, die am 31. Dezember 2013 außer Kraft getreten ist.
Zu den wichtigsten der unter anderem in Artikel 21 des Vertrags über die Europäische Union (EUV) dargelegten Zielen des auswärtigen Handelns der Union gehört es, den Frieden zu erhalten, Konflikte zu verhüten, die internationale Sicherheit zu stärken und den Völkern, Ländern und Regionen, die von Naturkatastrophen oder von vom Menschen verursachten Katastrophen betroffen sind, zu helfen. Krisen und Konflikte, die Länder und Regionen
betreffen, und andere Faktoren wie Terrorismus, organisierte Kriminalität, geschlechtsbezogene Gewalt, Klimawandel, Herausforderungen im Bereich der Computer- und Netzsicherheit und Sicherheitsbedrohungen infolge
von Naturkatastrophen stellen eine Gefahr für Stabilität und Sicherheit dar. Zur wirksamen und rechtzeitigen
Bewältigung dieser Probleme sind spezifische Finanzmittel und Finanzierungsinstrumente erforderlich, die die humanitäre Hilfe und die Instrumente der langfristigen Zusammenarbeit ergänzen.

Artikel 4 der Verordnung Nr. 230/201

Hilfe für Konfliktverhütung, Friedenskonsolidierung und
Krisenvorsorge

(1) Zur Verfolgung der in Artikel 1 Absatz 4 Buchstabe b genannten Einzelziele leistet die Union technische und finanzielle Hilfe. Diese Hilfe umfasst die Unterstützung von Maßnahmen zum Aufbau und zur Stärkung der Kapazitäten der Union und ihrer Partner für dieo Verhütung von Konflikten, die Konsolidierung des Friedens und die Deckung des Bedarfs in Vor- und
Nachkrisensituationen in enger Koordinierung mit den Vereinten
Nationen und anderen internationalen, regionalen und subregionalen Organisationen sowie staatlichen Akteuren und Akteuren der Zivilgesellschaft bei ihren Anstrengungen in folgenden Bereichen:
a) die Frühwarnung und die konfliktsensible Risikoanalyse bei
der politischen Gestaltung und bei der Umsetzung von Politiken zu fördern;
b) Vertrauensbildung, Schlichtung, Dialog und Versöhnung unter besonderer Berücksichtigung entstehender Spannungen zwischen Gemeinschaften zu erleichtern und entsprechende
Kapazitäten aufzubauen.

Absatz 3 c: bei der Hilfe für Behörden, die am Kampf gegen den Terrorismus beteiligt sind, wird unterstützenden Maßnahmen, die Folgendes betreffen, Vorrang eingeräumt: die Entwicklung und Stärkung von Rechtsvorschriften zur Terrorismusbe-
kämpfung, die Umsetzung und Durchsetzung von Finanzrecht, Zollvorschriften und Einwanderungsrecht, die Entwicklung von Verfahren zum Rechtsvollzug, die höchsten interna-
tionalen Standards entsprechen und die im Einklang mit dem Völkerrecht stehen, die Stärkung der Mechanismen für demo-
kratische Kontrolle und institutionelle Aufsicht sowie die Verhütung gewalttätiger Radikalisierung.

Soweit einen Einblick in die Gesetzesvorlage der EU für humanitäre Helfer*innen.

Wie gefährlich unsere Arbeit vor Ort ist, möchte ich anhand eines Schreibens der UN aus Dezember 2020 zeigen.

Am Dienstag, den 27. Oktober 2020
wurden zwei somalische Mitarbeiter von Hilfsorganisationen in Mogadischus Hauptstadt Somalias von mutmaßlichen Al-Shabab-Terroristen getötet. Sie arbeiteten an einer Polio-Impfkampagne für Kinder, die von UNICEF, der WHO und dem somalischen Gesundheitsministerium organisiert wurde.

Im Südsudan wurden in gleicher Woche zwei südsudanesische Mitarbeiter von Hilfsorganisationen bei zwei separaten Angriffen im östlichen Bundesstaat Jonglei getötet.


Am Donnerstag, den 29. Oktober, wurde ein Team der NGO „Plan Internationa“  in der Nähe der Stadt Pibor angegriffen. Das Team hatte Kindern und jungen Müttern, die von der Gewalt und den Überschwemmungen betroffen waren, Ernährungshilfe geleistet. Ein Mitarbeiter der Hilfsorganisation wurde bei dem Angriff getötet. 

Am nächsten Tag wurde ein weiterer Mitarbeiter der südsudanesischen NGO „Nile Hope“, das ebenfalls Nahrungsmittelhilfe für die Zivilbevölkerung leistet, von bewaffneten Jugendlichen im Bezirk Canal/Pigi getötet.

In Syrien wurden am Mittwoch, den 4. November 2020, zwei syrische Mitarbeiter von UNICEF in Idlib getötet. Sie waren auf dem Weg zu einem von der UN-Agentur unterstützten Kinderschutzraum, als sie unter Beschuss gerieten.

Der UN-Untergeneralsekretär und Nothilfekoordinator für humanitäre Angelegenheiten, Mark Lowcock, prangerte eine Situation an, die „nicht toleriert werden kann. Angriffe auf humanitäre Helfer sind eine Verletzung des humanitären Völkerrechts und ein unanständiger Akt gegen Menschen, die hart und oft unter schwierigen Umständen arbeiten, um bedürftigen Menschen zu helfen.“

Die sechs in Somalia, Südsudan und Syrien getöteten Entwicklungshelfer waren alle lokale Mitarbeiter von humanitären Organisationen. Viele Entwicklungshelfer kommen aus den Gemeinden, denen sie dienen. In einigen Fällen haben sie bereits unter den Auswirkungen von Konflikten, Klimawandel und Naturkatastrophen gelitten, genau wie die Menschen, denen sie helfen.“

Laut der Datenbank zur Sicherheit von Mitarbeitern von Hilfsorganisationen, die von der unabhängigen Forschungsorganisation Humanitarian Outcomes geführt wird, übertrafen die schweren Angriffe auf humanitäre Mitarbeiter im Jahr 2019 alle bisherigen Jahre in der Aufzeichnung. Mindestens 483 humanitäre Helfer wurden angegriffen und 125 von ihnen wurden getötet.

Evke Freya von Ahlefeldt, 14. Juni 2020