Kapitel 40 Billard am 10. Breitengrad

Billard am 10. Breitengrad

Nach einem langen Tag in Staub und Hitze, war Hannes froh im Hotel zu sein, um diesen furchtbaren Sand von der Haut zu bekommen.
Unter der Dusche fiel ihm ein, dass er nach nur einem Tag von Claude schon sehr viel verlangte. Hannes konnte sich nach all den Jahren in Südostasien nicht an diesen Sandstaub gewöhnen und er war mit Claude über 7 Stunden in dieser Hitze und Staub.
Patricia stürmte ins Zimmer und rief nach ihm. „Ich bin im Bad.“ „Très bon. J’arrive.“ Und im gleichen Augenblick stand sie im Bad.
Das duschen mit seiner schönen Frau war definitiv das Highlight an diesem Tag. Patricia küsste ihm lange und hielt Hannes fest „Chérie, was bist du wieder so nachdenklich?“ Hannes erzählte ihr von den neusten Problemen mit der Bestimmung der Bodenklassen, der Suche nach einem vernünftigen Areal und die Frage, ob auf den Landwirtschaftlichen Maschinen ein Embargo sei. „Prinzessin, ich werde heute Abend dies mit dem Vorstand von dem Agrarkollektiv auch mal ansprechen. Ich kann und will nicht immer alles alleine machen und denken. Und bei euch so? Was habt ihr heute gemacht?“ „Wir haben eine kleine Bootstour auf dem Tonle Bassac gemacht und wir waren in Bavet an der Grenze auf einem Markt gewesen. Hier in der Provinz gibt es ja nicht all zu viel zu sehen. Lass uns mal schauen, ob wir nicht mal für ein Wochenende nach Kâmpóng Trâbêk kommen. In Phnom Penh oder Siem Reap gibt es ja doch bedeutend mehr zu sehen.“ „Ja, mein Engel. Mal schauen, ob wir dies fürs nächste Wochenende schaffen. Dann könnte ich vielleicht am Montag im Verteidigungsministerium oder bei UNTAC mal fragen, wie ich an die Liegenschaft komme. Und wenn du mit deiner Familie wieder für ein paar Tage nach Koh Rong Sanloem fährst?“ „Könnte ich machen, aber warum willst du nicht mit?“ Hannes gab ihr keine Antwort auf die Frage und küsste sie lange. Patricia streichelte ihn zart und knabberte an seinem Ohr. Das Wasser lief ihnen über ihre Körper und sie lieben sich unter dem lauwarmen Wasser.
„Prinzessin, lass uns fertig werden, sonst kommen wir als letztes ins Restaurant.“ „Chérie, dies ist mir jetzt auch egal. Ich liebe dich und ich brauche dich“ mit diesem Worten zog sie Hannes aus der Dusche in dem kleinem Badezimmer auf das Doppelbett.


Patricia gab ihm einen Kuss „So, nun können wir duschen gehen. Danke für deine Liebe und den schönen Sex.“
Wieder lief das lauwarme Wasser über sie und Hannes wollte sich gar nicht mehr von seiner Frau lösen. „Komm, mon chérie, lass uns fertig werden, sonst kommen wir als letztes ins Restaurant.“ Hannes sah fragend zu Patricia. „Nun habe ich das bekommen, was ich brauchte. Jetzt können wir fahren. Je t’aime, mon chérie.“

Um 18.30 Uhr klopfte Hannes an der Zimmertür von Claude „Salut Claude, wir fahren gleich. Ich möchte mich aber zuerst bei dir entschuldigen. Es tut mir leid, dass ich dich heute über Stunden mit in den Staub und Hitze geschleppt habe.“ „Meine Deutsche Kartoffel. Es ist okay. Das wir nicht in Höhlen sein werde wusste ich. Aber du hattest mich auf den Staub, Sand und Hitze vorbereitet. Ich muss und werde mich an dieses Klima gewöhnen. Andere mussten dies ja auch.“

Als Hannes mit Claude in die Lobby kam, saßen seine Freude bereits in den billigen Sessel und warteten auf sie.
„Hey Chef, wer fährt mit welchem Auto?“ Fragte Asger. Hannes schüttelte den Kopf „Niemand. Ich habe für uns einen Mini-Bus bestellt. Immerhin sind wir 9 Personen und so können wir auch etwas trinken.“ Patricia sah Hannes böse an und boxte ihm fest gegen den Oberarm. „Prinzessin, ich habe wir und nicht ich gesagt.“ Patricia verzog den Mund. Ihr Blick sprach Bände.

Das „Sach ang phoumi yeung“ heißt übersetzt „unser Dorfgrill“. Es ist kein Restaurant der gehobenen Klasse, aber trotzdem sehr schön. Man hat von der großen Terrasse einen wunderschönen Blick auf den Toni Waikou. Dieser See wird von dem Waikou Fluss, welcher schon grandios ist, aber gegen den Mekong nur ein Büchlein darstellt. Der Waikou geht nach dem großen Staudamm in den Bassac über, dort wo am Nachmittag Patricia mit ihrer Familie war.
Im „Sach ang phoumi yeung“ gab es drei Billardtische, die auch in einem vernünftigen Zustand waren. Der große Gastraum waren typisch asiatisch eingerichtet – also mit Teakholz Stühle und Tische, wie auch die Terrasse.

Zu Hannes seinem Erstaunen sah er auf dem Parkplatz vom „Sach ang phoumi yeung“ das Auto von Bourey stehen. Als Major musste er durchaus die Uhr kenne.
Hannes bedankte sich bei Soknea, der Inhaberin von dem Restaurant, dass sie seinem Wunsch nachkommen war. „Borsa mneak del mean ko, für dich immer wieder gerne. Es hat bestimmt seinen Grund, warum du das Restaurant für euch alleine haben möchtet.“ Hannes nickte, lächelte und verbeugte sich vor ihr „Danke Soknea, schreib heute alles auf eine Rechnung.“

Hannes begrüßte Maona, Yupa, Samnang und Bourey herzlich und stellte ihnen Claude vor. Maona verbeugte sich leicht vor Claude „Bonjour Claude, vous êtes le géologue que nous attendons tous avec impatience“ sagte Maona zu Claude. „Merci beaucoup. Es ist schön, dass ich von so vielen Leuten erwarte werde, aber ich bin nur Geologe und kein Zauber“ sagte er zu Maona und sah fragend zu Hannes. „Maona kann französisch und englisch. Ja Claude, mich hatte sie auch schon überrascht. Maona, die Wahlplakate gefallen mir sehr gut. Ich finde das Plakat, wo man dich vollständig sieht echt klasse. Du gehst mit deiner Behinderung offen um und zeigst deine Kraft und Willen.“ „Findest du? Es gab für dieses Foto so einige Diskussionen.“ Hannes schüttelte den Kopf „Gerade weil du so – leider, bist, ist dieses Foto eine Botschaft an alle Menschen, die eine körperliche Behinderung haben. Du willst für alle Menschen in dieser Provinz die Gouverneurin sein und zeigst denen, dass es egal ist wie man aussieht.“ Bourey nickte Hannes wild zu „Dies habe ich Maona auch gesagt. Wenn wir von Anfang an etwas verstecken, werden wir unglaubwürdig. Nicht jeder in der Provinz kennt Maona und die Umstände ihrer Behinderung.“ Hannes klopfte dem Major auf die Schulter „So sieht es aus.“ „Mit oder ohne Behinderung muss ich diese Wahl erst mal gewinnen.“ Hannes nickte ihr zu „Lass dich an den Felder blicken, wo die Bauern am arbeiten sind. Rede mit ihnen. Zeig ihnen, dass es voran geht und du für diese Reformen stehst. Geh an die Universität und werbe für Lehrer, Kaufleute und Ingenieure. Stelle das Trockenfeld Projekt vor und sag den Studenten um was es geht. Lade sie auf die Baustellen ein oder zu Patricia in die Schule. Wir können Menschen nur erreichen, wenn sie alle die Veränderungen sehen. Maona, es geht hier mehr als nur um Wahlkampf. Wir von ODHI brauchen fähig Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wir können mehr verändern, je mehr Menschen dies wissen und anpacken. Wenn Studenten, die Lehrerin und Lehrer werden wollen, sollen sie wissen, dass wir bereit sind Schulen zu bauen. Mir nützt es wenig, wenn ich für die UN die Infrastruktur aufbauen soll, wenn ich keine Lehrer oder Ingenieure habe. Die jungen Leute wandern nach Phnom Penh ab, und hier stirbt die Provinz aus. Ich weiß von dir, dass es hier in der Provinz mehr als genügend verwaiste Schulen gibt. Warum ist dies so? Weil Suoth die Provinz an die Wand gefahren hat.“ „Ich gebe dir in allem recht. Aber ich kann nicht über Nacht die Fehler und Korruption von South umdrehen. Und warum gehst du nicht mit mir an die Universität?“ Hannes nickte Maona zu „Das du die Fehler von South nicht von heute auf morgen ausbügeln kannst, weiß jeder hier im Raum. Warum ich nicht mit dir gehe? Dies ist ganz einfach, weil ich mal wieder – oder immer noch, einen Berg Probleme habe und mir schlichtweg die Zeit davon läuft. Ich hatte es auch schon zu Samnang gesagt, ihr habt den Vorteil, dass wir Europäer mit unseren Wissen und Equipment hier sind. Wir bleiben im Hintergrund – sind aber da, wenn wir gebraucht werden.“


„Na, mein Freund, schon wieder am Arbeiten?“ Hannes drehe sich um und grinste Levi an „Hallo Levi, hallo Clodette, schön, dass ihr da seid. Wie war es in Phnom Penh?“
Am Tisch erklärt Levi den Zuhörer die vergangene Tage im Ministerium. Patricia, Clodette, Hannes, Franziska, Maona, Adelina, Leatitia und Samnang hörten ihm gespannt zu. Am Nebentisch saßen Claude, Maurice und Annabell.
„Über die UN, beziehungsweise UNICEF wurde ich zu der Debatte für die Bildungsreform eingeladen. Es waren circa 250 Delegierten im Ministerium – also keine große Sache. Am Mittwoch wurde von Seiten der UN, UNTAC, UNICEF, UNHCR, sowie Vertreter des Nationalrat und der Interimsverwaltung eine Agenda vorgestellt, welche 74 Punkte umfasst und die in den nächsten 2 Jahren greifen soll. Die komplette Ausfertigung habe ich zu Hause liegen. Und muss sagen, drei Viertel der Kapitel sind das Papier nicht wert, auf welches sie gedruckt wurden. Da ich bei der Delegation der UNICEF saß, lernte ich auch einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kennen, die für UNICEF in Kambodscha sind. Am Abend war ich mit gut zwei Dutzend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von UNICEF essen gewesen. Eine Vanessa Lemaire und ein Milan Vandenberghe aus Belgien, sowie eine Romina Ponte aus Italien saßen mit mir an einem Tisch. Hattie auch. Ich soll euch beide herzlich von ihr grüßen. Patricia, kennst du diese Personen?“ Patricia schüttelte den Kopf. „Komisch. Jene Personen wussten sehr genau über dich Bescheid. Ich sprach am Anfang kaum über deine Schulen, trotzdem scheint jeder deinen Name zu kennen. Ich sprach später konkret deine Schule in Kampang Rou, Khsaetr und Chong Kal an. Die Personen waren bestens im Bild. Da du diese Personen nicht kennst, frage ich mich, woher sie so gut informiert waren und sind.“ „Vermutlich von Hattie oder Laureen. Ich weiß es nicht.“ Levi nickte „Ist auch egal. Jedenfalls stellte ich ihnen unsere Ideen und Gedanken für eine neue Bildungsreform vor. Es war unglaublich, wie positiv sie dem zustimmten. Am Donnerstag wurden konkrete Punkte seitens der UNICEF durch die Leiterin in Kambodscha, Frau Laureen Thompson, angesprochen und ausführlich dargestellt. Hannes und Patricia werden diese Projekte bestens bekannt sein. Am Nachmittag wurde die Agenda für die Finanzierung von einem Herrn Anthony Robinson vorgestellt. Die UN würde 32 Millionen US-Dollar dafür ausgeben. Es folgte eine Diskussion von Vertreter der ASEAN Staaten und der UN, woher dieses Geld kommen sollte.“ Hannes nickte „Kommt mir irgendwie bekannt vor. 32 Millionen US-Dollar! Der UNTAC Einsatz ist auf 500 Millionen US-Dollar geplant. So viel zum Thema Bildung.“ Und zu Patricia sagte er „So viel zu meinem Jobangebot bei der UN.“
Levi sprach weiter „Nach dieser schier endlosen Debatte wurden die bis jetzt umgesetzten Bildungs-Projekte angesprochen und dargestellt. Ich bekam Redezeit und habe die Bildungsreform von Patricia und mir vorgestellt. Auch habe ich die neuen Schulprojekte mit dem Anbau von Gemüse, eure Idee mit den kleinen Tafeln für die ärmeren Provinzen den Delegierten vorgestellt. Ein Stab von UNTAC aus Belgier, Italiener, Deutsche und Norweger begrüßten jeden meiner Punkte und stimmte auch sofort dafür. Am Abend war ich mit den Belgier Alice Pierand, Juliette Ulens, Vince Kesteloot und Hugo De Jonghe essen gewesen. Auch sie kannten die Schulen von Patricia in den Provinzen Prey Veng und Oddar Meanchey. Patricia, diese Leute sehen dich als Koryphäe für die Bildung in Kambodscha. Sie alle sind nicht für UNICEF im Einsatz, sondern für UNTAC.“
Franziska‘ s Augen strahlen und sie gab ihrer Tochter einen Kuss auf die Wange.
„Am Freitagmorgen hatte ich Gespräche mit einer Delegation aus Italien, welche für UNTAC in der Provinz Takeo im Einsatz sind. Auch sie waren für unsere Ideen sehr offen, gleiches vom dem Kontingent aus Belgien in den Provinzen Banteay und Battambang. Thailand in der Provinz Meancheay. Und andere Staaten, die in den Provinzen Mondulkiri, Kampong Speu, Sihanoukville und Siem Reap im Einsatz sind. Am Freitag hatte die Interimsverwaltung für Kambodscha unserer Bildungsreform Einstimmig zugestimmt! Zu den abstimmenden Staaten gehörten unter anderem: Pakistan, Polen, Senegal, Thailand, Tunesien und Uruguay. Patricia, ist dir bewusst, wie viele Menschen hinter dir stehen? An den beiden Abende und am Freitagmorgen lud ich die Delegierten nach Kampang Rou ein. Sie sollen und können gerne sehen, was wir leisten.“ Hannes nickte Maona zu „Was ich dir vorhin gesagt habe.“
Patricia saßen für den Augenblick regungslos am Tisch. Diese Nachricht von Levi musste erst mal sacken. Franziska drückte schon eine Weile ihre Tochter fest an sich und streichel ihr über den Kopf und Rücken.
„Natürlich fragten die Delegierten nach dir. Ich sagte, dass du zur Zeit in Thailand seist, weil deine Eltern auf Urlaub hier seien. Im Oktober sind die nächsten Debatten geplant und ich sagte, dass du dann dabei sein wirst.“ „Danke Levi, wir kamen am Freitagnachmittag erst in Kampang Rou an. Da scheinen die Gespräche mit Jean-Luc Dehaene in Paris doch etwas gebracht zu haben. Belgien war im Juni schon sehr gut über meine Arbeit informiert.“ Levi nickte ihr zu „Mit Belgien hast du definitiv einen starken Verbündeten an deiner Seite. Mit Italien, Deutschland und Norwegen auch.“ Patricia schüttelte den Kopf „Levi, du auch. Wir sind Freunde und Kollegen. Du und ihr“ dabei sah Patricia ihre Kolleginnen an „steht für die neue Bildungsreform genau so wie ich.“

Nach dem vorzüglichen Abendessen wurde es im „Sach ang phoumi yeung“ entspannter und jeder kam mit jedem ins Gespräch. Selbst die sonst sehr zurückhaltende Annabell sprach mit Adelina und Leatitia.
Hannes spielte mit Claude Billard. Auch Asger und Cees machten mehrere Spiele. Patricia spielte zusammen mit Leatitia gegen ihre Mutter und Clodette.
Man trank Bier, Cola, Cola-Whisky oder Cocktails. Bei den Spielen kamen immer mal wieder Gespräch über das Agrarkollektiv, das Trockenfeld Projekt oder sonstige politische Themen.
Selbst Maona spielte Billard. Sie stellte sich auf ihre linke Seite einen Stuhl, um sich mit ihrem Oberschenkel darauf zu stürzen, so konnte sie sogar Billard spielen. Hannes sah, dass Rithisak eine Kamera in der Hand hatte. Sehr gut, dachte er. Sehr gut. Und lächelte Rithisak an. Asger und Cees waren so galant, und rückten den Stuhl von Maona mal etwas weiter nach links, rechts oder auf die andere Seite vom Billardtisch.

Annabell stand mit ihrem Freund am Geländer der Terrasse und schauten auf den Toni Waikou See. Hannes hatte 3 Bierflaschen dabei und wollte an diesem Abend auch mal mit ihnen reden.
„Na ihr? Welchen Eindruck habt ihr nach der ersten Wochen von Südostasien?“ „Es ist alles anders, als das was ich kenne. Ich habe mit meinen Eltern nur Urlaub in Europa gemacht. Mal in England und Irland, dann man in Deutschland oder Italien. Was ihr uns in Thailand gezeigt habe, war schon beeindruckend. Kambodscha ist eine völlig andere Welt – aber auch aufregend. Heute waren wir mit Patricia an der Grenze zu Vietnam auf einem Straßenmarkt.“ „Ich weiß. Und eine Bootstour hattet ihr auch gemacht. Wir wollen schon schauen, dass es euch nicht langweilig wird. Wir haben keinen Urlaub.“ Annabell schüttelte den Kopf „Maurice und mir ist durchaus bewusst, dass ihr arbeiten müsst. Auch dies finde ich interessant. Ich hatte gestern in der Schule von Patricia geweint. Hannes, ich konnte mir niemals vorstellen, dass sich Kinder so auf die Schule und vor allem auf ihre Lehrerin freuen. Ich würde sehr gerne einen Tag mit Patricia an ihrer Schule erleben. Auch würde ich mal deine Arbeit sehen wollen.“ Maurice nickte seiner Freundin zu „Ich auch. Ich kenne all dies nur durch Erzählungen von Papa oder auch von dir. Ich würde sehr gerne dein Projekt sehen. Was du uns in Frankreich erzählst hattest, fand ich mega.“ Hannes lächelte beide an „Dankeschön. Euer Wunsch zu erfüllen, ist das wohl kleinste Problem.“ „Hannes?“ Dabei sah Annabell ihn fragend an „Darf ich dir mal eine Frage stellen?“ „Natürlich.“ „Die Frau mit dem einen Bein, ist sie Politikerin? Ich sah heute Plakate von ihr.“ „Ja. Das ist Maona Sokthat. Sie wird die neue Gouverneurin für diese Provinz – was ich und viele andere hoffen. In 3 Wochen wird hier in der Provinz der Gouverneur – oder zum ersten Mal in der Geschichte, eine Gouverneurin gewählt. Die ältere Frau, die bei Franziska sitzt ist die Frau von dem Major in dieser Provinz. Ich gründete für Samnang vor gar nicht all zu langer Zeit eine Partei. Der Major hätte mich gerne in der Politik gesehen. Ich bleibe lieber mit ihm im Hintergrund. Seine politischen Züge in dieser Provinz könnte ihn in Lebensgefahr bringen, wenn es der noch amtierende Gouverneur oder seine korrupten Helfershelfer erfahren. Meine Freundschaft zum Major ist auch für mich eine Gratwanderung. Daher bleiben wir beide im Hintergrund und setzen unsere Schachfiguren ein. Ja, Annabell, wir haben unser Schachspiel aufgebaut und die Uhr tickt. Der Gouverneur von dieser Provinz hat seine Geschütze gegen mich aufgefahren. Und ich habe meine Figuren aufgestellt. Maona ist in diesem Spiel mein König und Samnang der Turm. Sie werden Gouverneur Suoth Schachmatt setzen – was ich hoffe. Major Bourey Duong ist der große Unbekannte in diesem Spiel. South weiß dies nicht und so bin ich seine Zielscheibe. Meine Lebensversicherung ist der Rückhalt vom Militär. Auch wenn wir heute in diesem Restaurant eine geschlossen Gesellschaft sind, werden wir beobachtet – zu unserem Schutz.“ „Wahnsinn! Ich kann dies nicht glauben. Es wird geredet, gelacht und gespielt. Was ist daran zu schützen?“ „Hmmm. In diesem Gebäude sind die führenden Köpfe dieser Provinz und für die Zukunft Kambodschas. Patricia und Levi sind für die Bildungsreform in diesem Land. Genau so wie ihre Kolleginnen. Du hast vor dem Essen gehört was Levi gesagt hat. Maona und Samnang sind eine neue und starke Opposition gegen die Politik und Korruption von Phirun Suoth. Meine Mitarbeiter und ich stehen für einen Aufbau in diesem Land. Yupa, Rithisak, Sylvie und Claude stehen für Veränderungen in diesem Land.. Besser und einfacher kann man uns alle nicht auf dem Silbertablett präsentieren.“ Annabell sah Hannes geschockt an „Und du sagst, du verlegst Wasserrohre.“ „Dies mache ich ja auch und trotzdem wird diese Arbeit nicht gerne gesehen. Die Korruption ist in ihrer Macht und Gier gefährlich.“
Hannes erzählte Annabell und Maurice die komplizierten Zusammenhänge zwischen Korruption, Politik und humanitäre Hilfe.

„Chef! Was ist? Komm, wir spielen noch eine Runde Billard“ rief Asger durch das Halbe Restaurant. „Ihr habt es gehört. Ich weder gebraucht. Und macht euch bitte keine Sorgen. Alles ist gut.“

Hannes ging von der Terrasse ins Restaurant und suchte sich einen optimalen Queue aus und ging an den mittleren Tisch zu Asger.
„Asger, bei deiner Körpergröße musst du aber eineinhalb Meter vom Tisch zurück gehen. Du kommt ja von der Kopfseite vom Tisch an die Taschen auf der gegenüber liegenden Seite, ohne den Queue zu benutzen.“ Alle die um den Tisch oder in der Nähe waren lachten bei den Worten von Hannes. „Cees hatte sich auch nicht beschwert.“ „Der Käseroller kann ja auch kein Billard spielen.“ Cees gab Hannes einen Klaps gegen den Hinterkopf.
Soknea brachte ein typisches asiatisches Holzstäbchen, welches man zum essen benutzt. „Hier, für die Chancengleichheit.“ Yupa kam sofort mit einem zweiten Stäbchen und gab es Hannes „Nun zeigt mal was ihr könnt.“ Das Gelächter war groß und alle riefen: hopp, hopp, hopp.

Asger machte den Anstoß. Der Anstoß der weißen Kugel auf die 15 Objektkugeln war doch etwas dürftig. Die Kugel machte ein leichtes klock. Sonst nichts. „Bravo. Asger, wie soll ich nun mit dem Stäbchen da ran kommen?“ „Wer hat sich über die Körpergröße beschwert? Dann sieh mal zu.“
Cees und Rithisak hoben Hannes in die horizontale und alle Freunde brüllten vor lachen. Mit einem beherzten Stoß mit seinem Stäbchen kullerten ein paar Kugeln immerhin mehrere Zentimeter auseinander. „Super, Chef. Und nun?“ Asger sah zu Cees und Rithisak und alle brüllten vor lachen. Es dauerte sehr lange, bis einer der beiden eine Kugel in einer Tasche hatte. Alle Freunde hatten Tränen in den Augen bei diesem Spiel. Cees und Rithisak hoben bei jedem Stoß von Hannes ihn in die horizontale – selbst wenn die Anstoßkugel an der Bande lag. Hannes hatte endlich die 4 in der linken Tasche eingelocht und Asger meinte, dass Hannes somit das Spiel gewonnen hätte und er nun etwas zu trinken bräuchte.
„Lokalrunde für alle!“ Rief der über 2 Meter große Seebär.

Sonntag, 1. August

Das Display im Wecker zeigte 8:07 und der Kopf von Hannes drehte sich immer noch. Patricia lag nicht im Bett und er hörte sie auch nicht im Bad. Der Anschiss von ihr würde er wohl noch bekommen.
Hannes ging leicht torkelnd ins Bad und brauchte erst mal Wasser. Duschen war eine gute Idee und langsam hörte auch der Kopf auf sich zu drehen.

Im Speisesaal waren zu seinem Erstaunen nur Patricia mit ihrer Familie und Sylvie. „Na, ist Monsieur wieder unter den lebenden?“ Kam es sehr bissig und gereizt von Patricia. Franziska grinste und sagte zu ihrer Tochter „Jetzt lass doch gut sein.“ „Danke Franziska, du verstehst mich. Aspirin hast du nicht zufällig dabei?“ Die Frage nach dem Verbleib von Claude und seinen Kollegen ersparte sich Hannes.

Aneang, eine der Köchinnen vom Hotel, kam an den Tisch und fragte Hannes, was er frühstücken möchte. Hannes wollte seinen geliebten Reisbrei, Spiegeleier mit Toast und Kaffee.
„Was hat Monsieur heute geplant? Oder musst du im Bett bleiben?“ „Meine Güte! Ich habe halt mal etwas getrunken und für dich ist dies der Weltuntergang. Ich werde heute mit Sangkhum spazieren gehen und mir Gedanken machen.“ Patricia legte ihren Kopf zu Seite „Gedanken?“ Hannes nahm tief Luft und musste sich zurück halten „Ja, Gedanken. Gedanken über einen Standort für das Agrarkollektiv, Gedanken über Staudämme, Bodenklassen, Motorräder, Pickup’s, Transport für den Mähdrescher von Sihanoukville nach Svay Rieng und wie ich mein Trockenfeld Projekt auch realisieren kann, um die Kosten so gering wie möglich zu halten. Aber sehr gerne kann sich auch Frau Lefèvre darüber ihren sehr klugen Kopf zerbrechen.“
Jeder am Tisch merkte, dass Hannes sauer war – auch Patricia. Sylvie sagte sofort, dass er die Bodenklassen nicht so überbewertet solle, denn vorher sei ja schließlich auch Getreide auf dem Boden gewachsen. „Hannes, wir ziehen dein Projekt durch. Was bis jetzt schon erreicht wurde, ist eine ganze Menge. Wir haben auf vier Felder bereits Papaya Samen eingesät. Das die Stauden nicht morgen aus dem Boden sprießen, sollte dir bewusst sein.“ Hannes sah wortlos zu Sylvie. „Dein Blick sagt mir, wann man die Papaya ernten kann. Auch auf die Gefahr hin, dass du einen Kollaps bekommst, musst zu zwischen 10 und 14 Monate rechnen, bis die Stauden ausgewachsen sind. Dann braucht es nochmals 5 Monate, bis man die Früchte ernten kann. Es – geht – nicht – schneller!“ Vorrangig ist der Anbau von Gemüse. Da habe ich dir gesagt, dass wir Pak Choi Kohl, Luffa und Goabohnen anpflanzen – was wir auch schon getan haben. Ich weiß, dass du am liebsten nächste Woche ernten möchtest. Ist nur blöd, dass die Saat noch auf einem Schiff ist.“ Hannes schloss seine Augen und nickte Sylvie zu. Sie hatte mit allem recht. Er wollte mal wieder zu viel und dies am besten gleich.
„Chérie, du hast Levi gestern Abend gehört. Wenn die Ernährungskunde in anderen Schulen aufgenommen wird, haben wir hunderte weitere Felder für den Gemüseanbau. Ich weder mich für dieses Schulfach stark machen. Ich rufe Hattie an, dass sie mit den anderen Mitarbeitern von UNICEF sich diese Projekte ansehen und genau so auch umsetzen sollen.“ Patricia streichelte ihm den Arm „Es tut mir leid, dass ich vorhin so grantig zu dir war. Ich vergesse zu oft, welche Probleme du mit all der Arbeit hast.“

Besuch bei Ahtchu in Sama

Um kurz nach 10 Uhr fuhren Patricia und Hannes mit ihren Autos nach Kampang Rou. Da bei ODHI am Sonntag nicht gearbeitet wurde, hatte er Zeit sich um Sangkhum zu kümmern. Patricia fuhr bei Clodette vorbei und nahm sie mit nach Kampang Rou. Sie wollte auch mit Sraleanh spazieren gehen.
Hannes war mit Claude bereits am Stall und entfernten den Mist vom den Rinder. „Wenn ich alles bis jetzt gedacht habe, aber das ich mal Mist schaufeln würde, kam mir nie in den Sinn.“ Hannes lachte „Mir auch nicht.“ „Weißt du, dieser Stall sieht besser aus als viele Häuser die ich hier in dem Ort gesehen habe.“ Hannes nickte Claude zu und erzählte ihm, wie es im Januar 1990 in dem Ort aussah. Mittlerweile waren weit über die Hälfte der Hütten in einem recht vernünftig Zustand.

Die kleine Gruppe kaufte bei Kannitha noch Obst und Trinkwasser für den Spaziergang. Kannitha gab ihnen mehrere ihrer Flechtkörbe mit. So konnte man das Gewicht von dem Wasser, Papaya, Bananen und Mangos aufteilen. Patricia erzählte ihrer Mutter, Bruder, Annabell und Claude wie es zu diesen Flechtkörbe kam und bis wohin diese mittlerweile verkauft wurden.
„Asger scheint ein guter Mensch zu sein“ sagte Annabell. Patricia und Hannes nickten gleichzeitig. „Asger hat auch seine Macken und wir – vor allem ich, hatten vor Jahren keinen guten Start. Dies ist nun schon alles so lange her und auch vergessen. Asger war aber auch damals für uns beide der Halt, den wir junge Vögel brauchten. Er hatte von seinem Geld vieles für die Schule von Patricia gekauft und alle meine Ideen angepackt.“
Hannes erzählte ihnen den Lebenslauf von Asger.
„Er war Seemann?“ Fragte Annabell sehr erstaunt. „Jep. Kaum zu glauben. Ist aber so. Frag mal Sylvie wie es war, als wir mit Eimer das erste Feld mit Gerste eingesät hatten.“
Nach dem Sylvie den anderen diese Aktion sehr bildlich und lustig erzählt hatte, erzählte Hannes noch den Lebenslauf von Cees de Groot.
Maurice nickte nach dem Hannes dies erzählt hatte „Ich habe gestern Abend gesehen, dass er sehr lustig ist.“ „Ja. Der Käseroller hat mich auch schon so einige schlaflose Nächte gekostet. Er ist ein unglaublich guter Handwerker und hat geologisch einiges drauf. Daher ist er auch hier im Team. Cees leitet ein Bauprojekt 500 Kilometer westlich von hier. Ich zeige euch später sein Wasserrad. Das zweite, welches er und Luan gebaut haben, steht an der Schule in Khsaetr. Da kommen wir heute nicht hin, weil ich mit euch nach Sama gehen möchte.“

Auf dem Weg nach Sama gingen nach einiger Zeit Patricia und ihr Bruder etwas hinter der Gruppe und Hannes, wie auch Franziska, sahen, dass beide offensichtlich ernste Gespräche führten.
Ein paar Motorräder und Pickup’s kamen ihnen entgegen oder fuhren an der kleinen Gruppe vorbei. Jeder winkte ihnen zu oder grüßen laut. „Was bedeutet: Borsa mneak?“ Fragte Annabell. „Borsa mneak del mean ko, heißt: der Mann mit der Kuh. Unter diesem Namen bin ich hier in der Region bekannt.“ „Oh! Ich dachte dies heißt: Guten Tag – oder so etwas.“ Hannes grinste Annabell an und schüttelte den Kopf.

„Leute, wir gehen in dem nächsten Ort eine Frau besuchen, der durch eine Mine beide Beine abgerissen wurden. Wenn ihr nicht mit wollte, kann ich dies verstehen“ dabei sah Hannes zu Annabell. „Ist schon in Ordnung.“
Hannes erzählte den anderen wie er im März 1990 Ahtchu getroffen hatte und gab Sangkhum einen Kuss. „Gell, meine Maus, du hast Ahtchu das Leben gerettet“ und gab ihr nochmals einen Kuss. Franziska streichelte Sangkhum „Gutes Mädchen.“

In Sama war es das gleiche Bild wie in Kampang Rou. Die Leute, die an ihren Hütten saßen grüßen die Europäer freundlich oder riefen sie zu sich. Hannes musste immer wieder sagen oder rufen, dass sie Obst und Wasser dabei hatten.

Hannes sah Ahtchu vor ihrer Hütte im Schatten in einem Rollstuhl sitzen. Sie hatte mehrere farbige Stoffballen neben sich auf der Holzbank liegen.
„Suostei tae anak sokh sabbay te, Ahtchu?“ Sagte Hannes und verbeugte sich nach asiatischer Art vor ihr. „Guten Tag Borsa mneak del mean ko, danke, mir geht es gut. Es ist schön, dich wieder zu sehen.“ Hannes verbeugte sich nochmals vor ihr. „Setzt euch doch bitte.“ Ahtchu rief ihre Tochter, dass sie bitte noch die Stühle aus dem Haus bringen sollte. Da Ahtchu nicht über so viele Stühle verfügt – was eigentlich kaum jemand in der armen Region von Kambodscha hat, ging Hannes an zwei andere Hütten und brachte noch 4 Plastikstühle. Pheary kam ihm entgegen gelaufen und trug 2 Stühle. Sie war mittlerweile 13 Jahre und ein recht hübsches Mädchen. An der Hütte verteilten sie die Stühle, so hatten alle 8 Personen Platz, um im Schatten zu sitzen.

Pheary begrüßte Clodette und Patricia. Patricia drücke Pheary an sich. „Thngai la cheatisrleanh robsakhnhom – guten Tag mein Schatz“ sagte Patricia. „Das Mädchen ist bei mir in der Schule‘ sagte Patricia zu den anderen.
„Borsa mneak del mean ko, ich möchte mich für alles bedanken, was du und deine Kollegen für mich getan habt. Das Leben ist um vieles leichter geworden.“ „Ahtchu, dies haben wir alle sehr gerne gemacht. Dürfte ich dein Haus mal sehen?“ Pheary sprang sofort auf und bat Hannes in die Hütte. Diese Hütte hat nicht mehr mit dem Bild zu vergleichen, welches er vor 3 Jahren sah. Das Bett von Ahtchu war gute 50 Zentimeter vom Boden erhöht. So konnte sie besser vom Rollstuhl ins Bett oder auch umgekehrt.
Draußen hörte er, wie Ahtchu mit Patricia sprach und was Asger, Cees und Hannes für sie getan hatten. Clodette übersetzt dies ins französische. Dies war Hannes nicht recht gewesen. Nun wussten sie es eben.
Die typische Hocktoulette gab es in der Hütte auch nicht mehr. Es war eine vernünftige Toilette, wie man diese aus Deutschland kennt. Auch gab es an der Toilette und Dusche verchromte Stangen – wobei Dusche eher ein gemauertes Rechteck mit Fliesen war. In diesem Becken stand das Wasser, welches man sich mit einer Schüssel über den Körper schüttete.
Das bisschen an Möbel in der Hütte war Behindertengerecht gebaut oder stand etwas erhöht. Respekt an Cees und Asger dachte er bei sich und lächelte, als er Pheary ansah.

Als Hannes aus der Hütte kam, hatten Sangkhum und Sraleanh je einen Seidenschal in blau, rot, blau mit weißen Bummeln um den Hals. „Wow! Sangkhum und Sraleanh sehen ja richtig chic aus.“ „Ja. Finde ich auch. Ich schenke euch die Schals.“ Sofort schüttelten Clodette und Hannes die Köpfe. „Ahtchu, die ist sehr lieb gemeint, aber ich werde dir Geld dafür geben“ sagte Clodette. Ahtchu wollte anfangen zu protestieren, da legte Patricia bereits 25.000 Riel auf die Bank. Clodette tat es ihr sofort gleich „Und nun keine Diskussion über das Geld.“
25.000 Riel waren ungefähr 10 Mark. Von diesem Geld konnte Ahtchu und Pheary locker 2 Wochen leben. Ahtchu sah hilfesuchend zu Hannes. „Ahtchu, es ist in Ordnung. Nimm dieses Geld. Ihr braucht es mehr als wir.“ Ahtchu faltete ihre Hände und bedanke sich bei allen.
Da sie bei Kannitha mehr als genügend Obst gekauft hatten, ließ Patricia noch einen Korb bei ihnen, als sie sich von Ahtchu und Pheary verabschiedeten.
„Ich bin so stolz auf meine Kinder“ sagte Franziska als sie aufbrachen und umarmte Patricia und Hannes.

Auf dem „Europa Platz“ zeigte Hannes ihnen das Wasserrad von Cees und Luan und sagte ihnen auch, bis wohin das Wasserrad jenes Wasser in den Leitungen pumpte. Claude sah ihn mit großen Augen an. „Ja, Claude, so ist es. Die Leute in Sama beziehen ihr Wasser von diesem Wasserrad. Kommt, wir kaufen noch etwas bei Kannitha und setzen uns an einer der Hütten in den Schatten. Wollte ihr Schokolade, Chips oder Obst haben?“ Claude, Annabell und Maurice sahen fragend zu Hannes. „Dann kommt mal mit in den Laden von Kannitha und sucht euch etwas aus.“

„Wow!“ Kam es unisono von Annabell und Claude, als sie in dem kleinen Laden von Kannitha standen. „Die Ladeneinrichtung haben meine Jungs gebaut. Das Haus ihr Freund. Er ist zur Zeit in Oddar Meanchey, fast 600 Kilometer entfernt, und baut für Patricia eine weitere Schule. Die Schule in Chong Kal wurde im Frühjahr dieses Jahres fertig. Dhani hatte früher in der Schweiz eine Baufirma. Durch die Insolvenz von einer großen Baufirma, hatte er alles verloren und war Obdachlos. Ich traf in zufällig in Dietikon. Nun ist er hier und leitet mehrere Hochbau Projekte für mich und ODHI. Für Patricia’s Schule wurde auch er vom Französischen Präsidenten ausgezeichnet. Kannitha fragte mich 1990, als der „Europa Platz“ entstand, ob sie ein kleines Geschäft eröffnen dürfte. Patricia kaufte ihr täglich Obst und Gemüse in Svay Rieng. So musste Kannitha nicht erst nach Svay Rieng fahren. Nun hat Kannitha mit Dhani das schönste Haus in Kampang Rou und in der Gegend sowieso. Wenn ihr in den Ortschaften durch die Straßen geht, seht ihr die Häuser oder Hütten der Mitarbeitern von ODHI. Sie alle bekommen ein sehr gutes Gehalt und so hat sich die Infrastruktur in den umliegenden Ortschaften verändert. All dies ist humanitäre Hilfe. Annabell, Maurice, was ich euch gestern Abend über die Sicherheit gesagt habe, trifft hier auf dem Land nicht zu! Alle Menschen sehen und profitieren von der Veränderung. Ihr habe es beim Spaziergang erlebt, wie die Menschen und grüßen oder einladen.“

Die Geburtshelfer

Mit Pepsi, Eiskaffe und Krabbenchips lagen sie am „Europa Platz“ auf dem Boden der Holzhütten. Patricia erzählte ihrer Familie von den Anfängen in Kampang Rou und woher der „Europa Platz“ seinen Namen hat. Annabell, Maurice und Claude hörten ihr aufmerksam und gebannt zu
Hannes hatte seine Augen geschlossen und dachte an die wahrlich turbulente Zeit. Sylvie grinste hin und wieder, denn sie kannte vieles schon von Patricia oder Hannes. Sylvie lag in der Holzhütte, wo Clodette, Hannes und Franziska auf Strohmatten lagen. Sylvie setzte sich wie von einer Tarantel gestochen auf und schlug Hannes gegen den Oberarm „Hast du dies eben auch gehört?“ Hannes nickte „Ja, eine Kuh hat gemuht.“ Sylvie schüttelte den Kopf „Nein! Sie hat geschrien.“ Hannes setzte sich auf und lauschte. Er hörte nichts. „Jetzt. Hörst du?“ Frage Sylvie nach einiger Zeit und sah ihn an. „Ja. Komm, wir gehen schauen was los ist.“ Im nächste Moment war es kein muhen mehr, sondern ein brüllen. Sylvie rannte zum Ausgang vom „Europa Platz“, um an die Weide zu kommen. Hannes rannte ihr hinterher. Als er bei Kannitha um die Ecke lief, sah er, dass die anderen ihnen folgten. An der Kreuzung zur Weide hatte Hannes Sylvie eingeholt und beide rannten die 200 Meter die Piste hoch zur Weide. Eine Kuh schrie fürchterlich und Hannes dachte an einen Unfall.

Er riss das Gatter zur Weide auf und sah oberhalb vom Stall an dem zweiten Baum eine Kuh stehen, die fürchterliche Schmerzen haben musste.
„Die Kuh hält ihren Schwanz waagrecht, Hannes, sie kalbt. Dies ist ein sicheres Zeichen für den Beginn der Geburt. Irgendetwas stimmt nicht, sonst würde die Kuh nicht so schreien.“
Sylvie lief auf die Kuh zu und wenige Meter vor der Kuh ging sie langsam und redete ruhig. Sie gab mit ihrer rechten Hand Zeichen, dass Hannes sich ruhig bewegen sollte. „Schnelle Bewegungen sind in dieser Phase Stress für die Kühe. Geh langsam und rede ruhig mit ihr. Hannes sagte der Kuh auf khmer, dass alles gut sei, sie ruhig bleiben sollte und sie Hilfe bekommen würde. „Stell dich vor sie. Sie kennt dich. Sie soll dich sehen. Rede weiter.“ Hannes tat was Sylvie ihm auftrug.
Sylvie ging langsam um die Kuh herum. Sie streichelte die Kuh und fühlte mit ihren Händen an ihrem Bauch „Hannes, das Kalb liegt falsch im Mutterbauch.“ „Was?!“

Mittlerweile waren die anderen auch auf der Weide und Sylvie sagte auch ihnen, dass sie sich langsam bewegen sollten, oder auf Abstand bleiben.
„Bei einer Geburt ist die Stellung der Wirbelsäule bei der Mutter ein guter Bezugspunkt. Eine obere Stellung bedeutet, dass der Rücken des Kalbes zum Rücken der Mutter liegt. Hier sehe ich dies nicht. Dieses Kalb liegt mit den Beinen nach oben. Hannes, dass Kalb kann so nicht geboren werden. Wir müssen das Kalb drehen.“ „Was immer du sagst.“
Sylvie schaute sich die Scheide, den Rücken und Bauch der Mutterkuh an „Verdammt. Dies wird heikel. Wir brauchen Wasser – lauwarm am besten. Tücher und Seile.“ „Im Stall sind Eimer, für das Futter. Seile habe ich keine.“ „Okay. Bringt die Eimer aus dem Stall – schnell. Patricia, ich brauche Tücher, Seile, Margarine oder irgendetwas was ich als Gleitmittel benutzen kann. Seife reichte auch und davon mehr als eine.“ Patricia nickte und rannte zu Kannitha.

Claude und Maurice brachten die 4 Eimer, die im Stall an einer Wand hingen. „Sind das alle?“ Hannes nickte. „Wir brauchen mehr. Die Kuh sollte Fressen und Wasser bekommen. Hannes, wie lange waren wir spazieren gewesen?“ „Keine Ahnung. Wir sind hier gegen 11 Uhr weg. Nun haben wir nach 16 Uhr.“ „Okay. Dann muss der Geburtsvorgang in der Zeit begonnen haben, wo wir weg waren. Mir ist vorhin nicht aufgefallen, dass die Kuh kurz vorm kalben steht.“ Clodette sagte, dass sie wüsste, dass dies eine Mutterkuh sei, aber mehr auch nicht. „Weißt du wie alt die Kuh ist?“ „Nein. Leider nicht.“
Patricia kam mit dem Motorroller von Kannitha auf die Weide gefahren. Sie hatte bis auf Seile alles dabei, was Sylvie sagte.
„Danke, Tricia. Bringt das Wasser. Ich muss die Scheide eincremen.“

Hannes sprach ein Stoßgebet gen Himmel. Zum Glück hatte er vor Jahren die Furche mit den Wasserbremsen gebaut, so hatten Claude und Maurice kurze Wege. Das Wasser aus der Quelle war frisch – und eben auch kühl. Woher sollten sie nun lauwarmes Wasser bekommen?

Mittlerweile kamen einige Bewohner aus Kampang Rou auf die Weide und wollten schauen, was los war. Hannes schickte sie weg, denn zu viel Leute wäre Stress und Aufregung für die Kuh. Er sah Sophearith, der Besitzer der Herde. „Sophearith, wie alt ist die Kuh?“ Fragte Hannes. „Äh, ich schätze 1 Jahr.“ Hannes sagte Sylvie diese Zahl. „Was?! Du liebe Güte! Das ist viel zu früh! Nun siehst du, welche Probleme die Kuh hat“ brüllte Sylvie. Hannes übersetzte ihre Worte und Sophearith stand bewegungslos neben der Kuh und wusste nicht, was er tun sollte.
Die Kuh schrie vor Schmerzen und Hannes streichelte sie sofort und sprach mit ihr.
„Sylvie, ich fahre einen Gaskocher und Topf besorgen, damit wir das Wasser warm bekommen“ sagte Patricia und lief zum Motorroller.
Sylvie sah Sophearith an und erklärte ihm „Wenn Jungrinder zu früh gedeckten werden, hat man sehr oft das Problem, dass das Kalb nicht durch das Becken der Mutter passt. Hörst du nicht, wie deine Kuh schreit? Das Tier hat unglaubliche Schmerzen! Was ich sehe ist schon schlimm genug. Kannst du das Kalb aus dem Geburtskanal hohlen?“ „Nein, ich habe so etwas noch nie gemacht.“ „Na bravo! Nun liegt das Kalb noch falsch im Mutterbauch. Die Beine von dem Kalb müssen unten sein und der Kopf muss in Richtung dem Geburtskanal liegen. Ich hoffe, dass dies zumindest so ist. Hannes, ich muss einen Kontrollgriff in den Geburtskanal vornehmen. Dazu bräuchte ich lauwarmes Wasser. Ich muss mit meinem Hand oder den Finger zwischen den Kopf und Kreuzdarmbein und zwischen Ellenbogen und Schambein des Beckens kommen. Falls nicht, haben wir ein Problem. Ich kann hier keinen Kaiserschnitt machen.“ „Sylvie, was immer du sagst. Ich tue was ich kann“ sagte Hannes und übersetzte die Worte von Sylvie. Sophearith zog die Schultern hoch. Sylvie nickte und was sie sagte war nicht gerade freundlich „Für Kühe zu halten, braucht es etwas mehr als nur eine Weide und Futter zu geben. Man! Wenn man keine Ahnung hat, sollte man sich keine Tiere anschaffen! Nun muss ich schauen, wie ich beide Tiere retten kann.“ Hannes übersetzte nur einen Teil von Sylvie’s Worte. Sophearith hatte schon genügend Prügel bekommen.
Annabell heulte und alle anderen standen da und wussten nicht, was sie helfen konnten.
„Lasst Sangkhum, Sraleanh oder welche Kühe und Kälber auch immer zu der Kuh, sie soll sehen, dass sie nicht alleine ist.“
Clodette hatte Tränen in den Augen und führte Sraleanh nah an die Kuh heran.

Patricia kam mit einem Gaskocher zwischen ihren Beinen und einem Topf in ihrer linken Hand auf die Weide gefahren. Claude lief sofort zu ihr und schleppte den Gaskocher. „Sylvie, wohin mit dem Ding?“ „10 Meter hinter die Kuh. Wir brauchen Platz.“
Patricia stelle den Topf auf den Gaskocher und Maurice schüttete sofort den Eimer Wasser in den Topf. „Reicht ein Gaskocher?“ Fragte Patricia. „Noch einen wäre super. Das Wasser braucht ewig, bis es warm ist.“ „Sophearith, hast du einen Gaskocher und Topf zu Hause?“ Sophearith nickte Patricia zu. „Los! Beeil dich!“

Jeder auf der Weide schaute auf den Topf und hoffte, dass das Wasser endlich warm werden würde. Sylvie griff immer wieder mit der Hand in den Topf „Wir bräuchten noch Eimer.“ Patricia nickte ihr zu und rannte wieder zum Motorroller.
Sylvie fühlte immer wieder den Bauch der Kuh ab. Sie schaute auf die Scharm von der Kuh und biss sich auf die Lippen.
„Sylvie, was ist los?“ „Hannes, es wird echt knifflig und kompliziert. Traust du dir zu mir zu helfen? Sei ehrlich.“ „Ja. Ich bin da und werde das tun, was du von mir verlangst.“ „Okay. So wie es aussieht, ist das Kalb verkehrt im Mutterbauch. Die Kuh ist zu jung für die Geburt. Wir müssen ihr Becken weiten. Dafür brauche ich dich. Hast du dies verstanden?“ „Ja, ja. Habe ich verstanden und kann mir denken, was ich tun muss.“ „Gut.“
Sylvie fühlte wieder mit ihrer Hand in den Topf „Muss reichen. Schüttet das Wasser in einen Eimer und stellt den nächsten Topf auf.“ Claude schüttete das Wasser in einen Eimer und Sylvie warf ein Stück Seife hinein „Haben wir ein Messer?“ Hannes nickte „Im Stall.“ Und lief sofort das Messer holen.
Mit dem Messer schnitt er kleiner Stücke von der Seife ab und rührte mit seiner Hand das Wasser, bis er merkte, dass sich die Seife auflöste.
Patricia kam mit dem Motorroller und hatte den Gaskocher von Sophearith zwischen ihren Beinen. An ihrem linken Arm hatte sie mehrere Eimer hängen.
Sophearith kam mit seinem Motorrad und hatte den Topf dabei. Maurice füllte sofort den Topf mit Wasser und ging auch gleich nochmal den Eimer füllen. Sylvie tränkte ein Tuch in das Seifenwasser und wisch mit dem Tuch der Kuh an der Scheide vorbei. Dies machte sie mehrmals.
„Sobald das Wasser warm ist, bitte wieder auffüllen. Hannes, ich denke, es könnte reichen. Ich werde jetzt meine Hand in den Geburtskanal stecken und schauen, wie das Kalb liegt. Ich hoffe die Kuh tritt nicht aus. Claude, hilf Hannes die Kuh am Kopf festzuhalten.“

Da Hannes wusste welche Kraft eine Kuh hatte, sagte er Claude, dass er einen festen Stand bräuche. „Okay, fertig?“ Claude und Hannes nickten. Hannes sprach weiter auf die Kuh ein. Die Kuh schrie vor Schmerzen. Sylvie wartete einen Moment „Es können auch ihre Wehen gewesen sein. Okay Jungs, es geht los. Gott im Himmel steh mir bei.“ Was Sylvie in diesem Moment tat war für sie lebensgefährlich. Wenn die Kuh austreten sollte, könnte sie Sylvie töten.
„Ruhig, ruhig, ganz ruhig. Ich schaue nur nach deinem Kind. Ruhig.“

Alle die um die Kuh im sicheren Abstand standen, schauten auf die Kuh. Sylvie’s Sinne waren bis aufs äußere angespannt. „Ich bin im Geburtskanal. Fühle die Füße. Ich kann nicht sagen, ob es sie Vorderfüße oder Hinterfüße sind. Ruhig, ganz ruhig. Ich schaue nach deinem Kind.“ Die Kuh bewegte ihr Hinterteil und Sylvie ging sofort zur Seite. Die Kuh trat nicht aus. „Großer Gott im Himmel, ich brauche noch etwas Zeit.“ Die Kuh schrie erneut. „Ja, es sind deine Wehen. Alles gut. Ruhig, ganz ruhig. Verdammt, ich fühle die Hinterbeine.“

Sylvie zog ihren rechten Arm aus dem Geburtskanal und ging ein paar Schritte von der Kuh weg. „Hast du gut gemacht. Danke, dass du mich nicht getreten hast“ Sylvie streichelte die Kuh und gab ihr einen Kuss. „Hannes, es wird bald dunkel. Ich brauche Licht.“ „Ja, ist gut. Mein Auto hat genügend Licht.“ „Die Geburt kann Stunden dauern.“ „Okay.“ Hannes wählte die Nummer von Asger. „Asger…? Ich brauche dich und Cees in Kampang Rou auf der Weide. Fahrt an den Baucontainer und bringt das Stromaggregat. 200 Meter Kabel, alles an Licht was ihr findet und bringt Seile mit. Auf der Weide ist eine Kuh, die kalbt. Das Kalb liegt verkehrt herum im Mutterbauch. Sylvie tut was sie kann. Beeilt euch.“

Alle saßen in der Nähe der Kuh und hörten Sylvie zu, was sie sagte „Bei einer normalen Geburt kommt das Kalb in der Vorderendlage, also mit den Vorderbeinen zuerst und in gestreckter Haltung zur Welt. Diese Kalb liegt mit den Beinen nach oben und noch gedreht im Mutterbauch. Also wird es mit den Hinterbliebenen zuerst kommen. Da die Mutterkuh das Kalb aber nicht raus pressen kann, weil es dem Kalb dann wahrscheinlich das Genick brechen würde, müssen wir das Kalb raus ziehen. Was ich bis jetzt bei der Mutterkuh von außen gesehen und an ihren Bauch gefühlt habe, ist das Kalb immerhin gestreckt – also muss ich es nur etwas drehen. Es kann auch sein, dass sich während der weiteren Geburt das Kalb dreht und ich müsste es wieder zurück drücken, um es in die richtige Lage zu bringen. Selbst dies ist nicht so einfach, denn ich könnte mit den Klauen von dem Kalb die Gebärmutter verletzen.“

Sylvie stand auf und wischte wieder mit lauwarmen Wasser um die Scheide, Becken und Rücken der Kuh. „Dies mache ich, weil die Scheide und Becken zu eng sind. Kühe sind zwar zwischen 7 und 10 Monaten geschlechtsreif, aber man sollte mindestens eineinhalb Jahre oder gar noch länger warten, bis man eine Kuh decken lässt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Kuh künstlich besamt wurde.“ „Bist du Tierärztin?“ Fragte Annabell. „Nein. Ich bin Agraringenieurin und arbeite für eine Hilfsorganisation in Paris. Ich bin in Kambodscha, weil ich das Dossier von Hannes las und ich ihm bei seinem Trockenfeldanbau Projekt helfen möchte. Darüber schreibe ich auch meine Dissertation.“ „Wow! Und woher weißt du, warum die Kuh diese Probleme hat?“ „Ich bin auf einen Bauernhof aufgewachsen. Meine Brüder führen den Hof weiter. Wir haben über 200 Rinder verschiedener Rassen. Ich war schon als Kind bei Geburten dabei. Als Jugendliche musste ich oder einer meiner Brüder unserem Vater helfen, wenn es Komplikationen bei der Kalbung gab.“ Annabell sah zu der Kuh. Sie wollte etwas sagen, traute sich aber nicht. Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.
„Annabell, mach dir keine Sorgen, ich bin da und Hannes wird mir helfen. Wir bekommen dieses kleine Lebewesen gesund und munter auf die Welt.“
Annabell wischte sich erneut die Tränen weg „Darf ich etwas helfen?“ Sylvie nickte „Ja. Darfst du. Wir müssen ständig das Fleisch um ihre Scheide, ihr Becken und Rücken mit warmen Wasser einreiben. Dies merkt die Kuh und es tut ihr gut. Die Kuh wird zum einen ruhiger, weil sie weniger Schmerzen hat und zum andern werden mit dem Wasser die Muskeln und Haut weicher. Wenn wir sie streicheln und mit ihr reden, beruhigt dies auch.

Asger kam mit einem Affentempo an die Weide gefahren. Cees und er kamen sofort auf sie zugelaufen.
„Danke Jungs. Wir brauchen Licht für die Geburt. Lasst das Stromaggregat auf dem Auto stehen. Ich komme später mit deinem Auto nach Svay Rieng. Wir legen nun das Kabel und verteilen das Licht.“
Claude, Maurice, Franziska und Patricia packten mit an. Sie verteilten im Umkreis von 5 Meter die Lampen und Leuchtstoffröhren. Hannes lief auf den „Europa Platz“ sein Auto holen. Zum einen hatte er auch noch genügend Licht vor dem Auto und auf dem Dach. Zum anderen brauchte sie etwas, um die Kuh mit Seilen festzubinden. Es wäre für die weitere Geburt für Sylvie und Hannes lebensgefährlich, wenn sie hinter der Kuh standen und diese austreten würde.

Am Gatter und Stall standen viele Bewohner aus Kampang Rou und schauten die Weide hoch, was dort vor sich ging. Sophearith ging zu den Männern und Frauen und sagte, dass die Europäer ein Kalb retten würden, welches verkehrt herum im Bauch der Kuh liege und er sehr dankbar für deren Hilfe sei. „Immerhin“ sagte Sylvie, als Hannes ihr dies übersetzt hatte.

Mittlerweile war es 18.30 Uhr und auf der Weide schrie immer wieder die Kuh.
Annabell machte ihre Arbeit sehr zaghaft – aber gewissenhaft. Maurice brachte ihr immer wieder neue Eimer mit lauwarmen Wasser.

„Wenn wir später das Kalb herausziehen, wäre eine Kette besser als ein Seil. Auch wenn sich dies nun brutal anhört, aber eine Kette zieht sich nicht zu. Mit dem Seil könnte ich dem Kalb die Beine abschnüren. Bei der Lage von dem Kalb, wäre es gut, wenn die Kuh liegen würde. Ich müsste aber vorher in den Geburtskanal, um dem Kalb die Seile um die Beine zu legen.“ „Sylvie, welchen Knoten brauchst du?“ Frage Asger. „Einen der hält und sich aber beim ziehen nicht zuzieht.“
Asger nahm ein Seil und legte das Ende über das Seil, legte eine Schlaufe und zog das Seil durch die Öffnung. „So?“ Und reichte Sylvie das Seil. „Ich war Seemann. Ich werde wohl noch ein paar Knoten hinbekommen. Sylvie lächelte und gab Asger einen Kuss „Danke du Seebär.“ „Gerne, Frau Agraringenieurin. Okay, wie willst du die Kuh zum liegen bringen, wenn sie es nicht selbst tut?“ „Mit Seilen lässt sich da schon etwas machen. Es gibt bestimmte Schnürtechniken für die Beine, womit sich die Kuh zum Hinlegen bewegen lässt.“ „Okay. Wir sind da.“ „Danke. Aber ihr alle müsst nicht hier bleiben. Eine Erstgeburt kann mehrere Stunden dauern.“ „Wir bleiben und helfen. Stell dir mal vor, nachher fehlte nur eine helfende Hand“ sagte Claude. „Okay. Danke. Wenn später die Geburt beginnt, und wir das Kalb herausziehen, ziehe nur ich. Ich muss die Wehen abwarten. Wenn die Kuh ihre Wehenpause hat, höre auch ich auf zu ziehen. Einfach mal ziehen und flutsch, das Kalb ist draußen, gibt es nur im Fernsehen. Hannes ist als Geburtshelfer bereit und wird den Geburtsweg mit beiden Händen weiten, während ich versuche das Kalb zu drehe. Ich hätte niemals gedacht, dass ich im dunklen in Kambodscha ein Kalb auf die Welt bringen werde.“ Cees klopfte Sylvie auf die Schulter „Das Leben ist ein Abenteuer.“

Kannitha kam zu ihnen auf die Weide und hatte ein Dutzend Wasserflaschen dabei und erkundigte sich über den Stand bei der Geburt. Patricia sagte ihr, was zuvor Sylvie gesagt hatte. „Soll ich euch Essen vorbeibringen? Ihr könnt nicht über Stunden hier auf der Weide sitzen.“ Bevor jemand antworten konnte, sagte Kannitha, dass sie Klebereis und Papayasalat machen würde.

„Mal eine Frage: packst du das Kalb aus der Kuh zu ziehen?“ Dabei sah Asger die schmale Sylvie an. Sylvie zog die Schultern hoch „Wir werden das Seil um den einen Baum legen und du könntest dann mit mir ziehen. Zum einen ziehen wir dann nicht mit voller Kraft, denn wir könnten das Kalb und die Gebärmutter verletzen. Und zum anderen hätte ich die Gewissheit, dass noch jemand da ist, wenn ich keine Kraft mehr habe.“

Patricia und Hannes standen am Kopf von der Kuh und gaben ihr einen Eimer mit frischem Wasser. Die Kuh hatte Durst und trank auch aus dem gereichten Eimer.

Sylvie legte Seile um die Hinterbeine der Kuh und sagte Asger, er solle diese richtig gut festbinden. Ein Seil legte er um einen Baum, der links von der Kuh stand und das andere Seil befestigte er an der Seilwinde am Auto von Hannes. „Sylvie, würde es auch mit der Seilwinde gehen?“ „Nein, Asger. So schnell kann man die Seilwinde nicht anhalten und wir haben kein Gefühl, wann wir stoppen müssen.“

Es war schon weit nach 22 Uhr, und immer mehr Wehen setzten bei der Kuh ein.
„Okay Jungs und Mädels, versuchen wir es. Ich werde nochmal in den Geburtskanal greifen und schauen, wo das Kalb jetzt ist.“
Sylvie schmierte sich die rechte Hand und Arm mit Naturseife ein und ging auf die Kuh zu. Mit der linken Hand fühlte sie den Bauch der Kuh ab „Bist ein tapferes Mädchen. Ich schaue nochmal nach deinem Kind. Du hast es bald geschafft.“ Sylvie klopfte der Kuh auf ihr Hinterteil und wartet auf die nächste Wehe. „Ruhig, ganz ruhig. Alles ist gut“ dabei klopfte sie immer wieder leicht auf das Hinterteil. „Okay, die Wehe kommt. Es geht los.“
Mit welcher ruhe und Selbstsicherheit Sylvie dies tat, war beachtlich. Sie war wahrlich Profi genug, um zu wissen was sie tat. Sie hatte dies in den vergangenen Stunden mehr als bewiesen.
Levi war auch schon seit über eineinhalb Stunden bei ihnen, denn er machte sich bereits um 19 Uhr Gedanken über den Verbleib seiner Frau.

„Hannes, ich muss das Kalb drehen. Du musst mir jetzt helfen, denn ich brauche beide Arme dafür. Du musst das Becken auseinander drücken. Stellt dich dicht hinter mich. Annabell, wenn du willst, rede mit der Kuh, streichel sie.“
Als alle dies taten, was Sylvie sagte, fragte sie, ob Hannes bereit sei. „Bin ich. Fangen wir an.“ Hannes drückte mit aller Kraft das Becken von der Kuh auseinander und Sylvie glitt mit ihren beiden Arme in die Scheide der Kuh. Hannes musste den Kopf zur Seite halten, denn der Geruch war nicht besonders angenehm.
„Okay. Ich bin am Kalb. Ich habe einem Huf. Wo verdammt ist der andere? Hab ihn.“ Sylvie drehte sich unter Hannes nach rechts weg. Hannes fingen bereits die Arme an zu zittern. „Ich muss nochmal nach greifen“ Sylvie stellte sich wieder, packte das Kalb und drehte sich noch einmal unter Hannes nach rechts weg. Sie zog ihre Arme aus der Kuh und klopfte ihr auf das Hinterteil „Braves Mädchen. Wir haben es bald geschafft. Danke Hannes. So, nun legen wir die Kuh auf ihre linke Seite. Ich habe das Kalb gedreht. Es müsste passen. Asger, gibt mir bitte die zwei Seile.“
Sylvie cremte sich wieder ihren rechten Arm ein und führte nun die Seile in den Geburtskanal. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis Sylvie ihren Arm aus dem Geburtskanal zog.
Dann nahm sie mehrere Seile und band diese an die Vorderfüße der Kuh.
„Nun wird es haarig. Wir müssen die Kuh quasi auf die Knie zwingen und darauf achten, dass sie sich nicht nach rechts Ablegt. Claude, du nimmt dir das Seil an ihrem linken Vorderbein. Cees, du das rechte. Ihr zieht langsam nach hinten, wenn ich es sage. Patricia, Clodette, redet mit der Kuh und drückt sie an ihrer Blesse nach unten. Wenn ihr es nicht schafft, muss Hannes es machen. Alle anderen kommen auf die rechte Seite. Wenn die Kuh in die Knie geht, müsst ihr sie nach links drücken. Bitte nicht am Bauch. Drückt oben unterhalb der Wirbelsäule, am Becken und Hals. Asger, du bis der größte. Du drückst in der Mitte der Wirbelsäule – hier. Okay? Jeder alles verstanden?“ Alle nickten. „Los!‘
Unter muhen, brüllen und mit dem Kopf schlagend, ging die Kuh langsam auf die Knie. „Weiter ziehen, weiter ziehen. Hannes, drück ihr den Kopf nach unten. Weiter ziehen. Drücken und nun alle an der Seite. Weiter, weiter, weiter.“ Langsam ging die Kuh auf die Knie und legt sich ab.
„Halleluja! Danke, Leute. Die Kuh liegt. Lasst sie nun mal etwas ausruhen.“

Annabell machte wieder ihre Arbeit mit dem lauwarmen Wasser weiter. Die anderen saßen auf dem Boden. 20 Meter von ihnen entfernt stand ein Pulk an Menschen und beobachten alles sehr genau. Die Menschen sprachen leise miteinander.

Nach 23 Uhr setzten immer mehr Wehen ein und etwas an Flüssigkeit lief aus der Scheide der Kuh.
„Okay, es geht los. Ich habe je ein Seil an den Beinen von dem Kalb befestigt. Ich muss abwechselnd ziehen, sonst wird das nichts.“ Asger nickte und packte sich die Seile. Sylvie setzte sich auf den Boden und drückte ihre Füßen gegen die Oberschenkel von der Kuh. Ihr Oberkörper war nach vorne gebeugt. Sie legte sich das Seil einmal um die rechte Hand und hielt das Seil mit beiden Händen fest – aber noch nicht auf zug. Die Kuh bekam eine weite Wehe und Sylvie zog mit aller Kraft. Ihr Oberkörper ging immer weiter zurück. „Stopp.“ Asger lies sofort das Seil locker – aber auf zug. „Sehr gut Asger. Wenn die nächste Wehe kommt, machen wir weiter.
Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis die nächste Wehe kam. Sylvie war hochkonzentriert. „Los.“ Und wieder machte Sylvie die gleichen Bewegungen wie zuvor. Die nächste Wehe kam. „Los. Annabell, schütte immer wieder lauwarmes Wasser über die Scheide. Du braucht kein Tuch mehr.“
Maurice und Franziska füllten die Eimer voll für Annabell. Claude brachte ständig neues Wasser an die Gaskocher.
Die nächste Wehe kam. „Los.“ Hannes sah den ersten Huf von dem Kalb. Ihm lief der Schweiß nur so über das Gesicht. Er musste ja irgendwie das Becken der Kuh zu sich hoch ziehen.

„Okay, Asger. Nun das andere Seil.“ Sylvie legte sich auch dieses Seil einmal um die Hand und wartete auf die nächste Wehe. „Los.“ Zweimal zog sie und man sah den zweiten Huf. „Asger, wir ziehen noch einmal mit diesen Seil.“ „Okay Chefin.“ „Los.“ Bei diesem zug kam das eine Hinterbein gute 20 Zentimeter zum Vorschein.
Die nächste Wehe kam und auch hier kam das Bein immer weiter raus. „Nochmals dieses Seil.“ Die Wehe kam. „Los.“ Bei diesem zug sah man das Knie von dem Kalb. „Anderes Seil.“ Die Wehen kamen in immer kürzeren Abständen. Auch hier kam das Knie von dem Kalb zum Vorschein.

Nach über einer drei Viertel Stunde war endlich das Becken von dem Kalb zu sehen.
„Hannes, kannst du noch?“ „Eigentlich nicht mehr. Ich habe kaum noch Kraft in den Armen. Aber wir bekommen dieses Kalb auf die Welt.“
„Okay. Wir haben es bald geschafft. Asger, wir müssen jetzt das Kalb in Richtung Euter ziehen.“ Sylvie suchte sich einen anderen Platz auf dem Boden. In dieser Stellung konnte sie aber nicht gegen die Hinterbeine der Kuh drücken, denn dies würde ihr Schmerzen zufügen. Patricia und Franziska setzen sich hinter einander links neben die Kuh, Clodette und Levi taten dies rechts. So konnte Sylvie ihre Füße gegen ihr drücken und hatte etwas mehr halt. Asger hatte nun keinen Baum mehr, den er benutzen konnte. „Versuchen wir es. Zieh nicht zu fest.“ „Alles klar, Chefin.“

Die nächste Wehe kam. „Los. Ziehen, ziehen.“ Das Becken von dem Kalb war frei.
„Braves Mädchen. Wir haben es bald geschafft. Anderes Seil.“ Nach 10 Minuten kam eine weitere Wehe. „Los.“ Bei diesem zug kam der Rücken von dem Kalb zum Vorschein. Sylvie wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Okay. Machen wir eine kurze Pause, die Kuh ist auch erschöpft.“

Hannes verteilte erneut Wasserflaschen. Sylvie lief der Schweiß, als ob sie einen Marathon gelaufen wäre. „Danke, Hannes“ und trank den Halben Liter Wasser fast mit einem zug leer.

„Okay, es geht weiter. Die Wehe wird gleich kommen.“ Jeder sah der Kuh an, dass die nächste Wege bevor stand. „Okay.Los.“ Die Kuh schnaufte, muhte und brüllte. „Los. Weiter, weiter, weiter. Sehr gut. Das andere Seil. Wir haben es gleich geschafft. Los. Ziehen, ziehen, ziehen.“ Man sah den Nacken von dem Kalb.

„Okay. Leute, wir haben es gleich geschafft. Die Kuh erholt sich jetzt. Es geht gleich weiter. Die Zeit schien still zu stehen. Annabell schüttet langsam immer wieder Wasser über das Hinterteil.

Die nächste Wehe kündigte sich an. „Asger, nun ziehen wir mit beiden Seilen. Warte, warte. … Es geht los. … Moment… Los. Ziehen, ziehen, weiter, weiter. Stopp.“ Sylvie ging nochmals mit ihrem Oberkörper nach vorne „Okay, wenn gleich die Wehe kommt, ziehen wir das Kalb heraus.“

Sylvie wischte sich mit ihrem T-Shirt erneut den Schweiß aus dem Gesicht. Sie hielt das Seil auf zug, damit das Kalb nicht vielleicht nochmal ein Stück in den Geburtskanal zurück rutschen konnte.

Die Uhr war schon weit nach Mitternacht.
„Okay, es geht wieder los.“ Die Kuh fing an zu schreien. „Los. Ziehen, ziehen, ziehen.“ Das Kalb rutschte aus dem Geburtskanal auf den Boden. Sofort ließ Sylvie die Seile fallen und rutschte auf ihren Knien zu dem Kalb, um zu schaute, ob es atmete. „Großer Gott im Himmel. Es lebt. Es lebt.“ Sylvie kamen die Tränen. Alle, die auf der Weide standen fingen an zu jubeln oder zu weinen.
Asger nahm Sylvie in die Arme und streichel ihr über den Rücken „Du bist ein gutes Mädchen.“
Jeder umarmte Sylvie und drückte sie fest an sich.
„Kommt, legen wir das Kalb an den Euter“ sagte Sylvie. Asger und Hannes trugen das circa 40 Kilo schwerer Kalb an den Euter der Mutter und sofort fing das Kalb an zu saugen.
„Gutes Mädchen. Du hast ein Kind auf die Welt gebracht“ sagte Sylvie und streichelte der Kuh den Kopf.
Annabell streichelte das Kalb und wischte sie ihre Tränen weg. Mit den Tüchern wischte sie das Fell von dem Kalb sauber.

Hannes entfernte die Seile an den Beinen der Kuh und brachte einen großen Packen Heu aus dem Stall. Patricia hielt den Eimer mit Wasser schräg, damit die Kuh trinken konnte.

Sophearith traute sich näher und stand wie ein geprügelter Hund neben der Kuh.
„Du hättest heute zwei Lebewesen getötet! Denk mal über deine Fehler nach. Ich hoffe, die anderen Kühe sind nicht trächtig“ sagte Sylvie zurecht sehr böse zu Sophearith.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s