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Die Arrondissement von Paris

Paris besteht aus mehreren Stadtbezirken, den Arrondissements. Die spiralförmig angeordneten Bezirke beginnen im Zentrum der Stadt und setzen sich im Uhrzeigersinn bis nach außen hin in die Vororte fort. Ende des 19. Jahrhunderts weitete Napoleon III. die ursprünglichen zwölf zu insgesamt zwanzig Arrondissements aus.

Erstes Arrondissement (Louvre)

Das an der Seine gelegene Erste Arrondissement begeistert mit einer schönen Architektur, luxuriösen Geschäften und natürlich vielen bedeutenden Sehenswürdigkeiten. Neben der Fußgängerbrücke Pont des Art, dem Stadtpalast Palais Royal und den Tuilerien befinden sich hier auch die Rue de Rivoli und der Louvre. In diesem Bezirk können Besucher der Stadt wahrhaft malerische, postkartenähnliche Motive genießen. Das historische Erste Arrondissement gehört zu den ältesten der Stadt, und einige Teile auf der rechten Seite der Seine gab es sogar bereits im frühen Mittelalter. Das Palais Royal gilt als atemberaubendes Beispiel der Architektur des 17. Jahrhunderts und bietet mit seinem Garten inmitten der bei Touristen beliebten Stadt einen wunderbaren Rückzugsort, in dem Besucher die Ruhe genießen können. Im Herzen der Stadt befindet sich auch der Jardin des Tuileries, eine öffentliche Parkanlage neben dem Louvre. Die Grünanlage begeistert mit ihrer schönen Architektur aus der Zeit der Renaissance, mit Statuen im Park als Ausdruck einstiger gälischer Pracht und mit hübschen Cafés. Die bekannte französische Rue de Rivoli, die auf Anweisung von Napoleon Bonaparte einst in der Nähe des nördlichen Teils des Louvres angelegt wurde, verläuft mitten durch das Erste Arrondissement. In der historischen Straße spiegelt sich die Entwicklung der Stadt von historischen Bauwerken über imposante Plätze bis hin zu einer modernen Stadtplanung wider. Mittlerweile ist sie von luxuriösen Modeboutiquen gesäumt. Ihren Namen verdankt sie übrigens der Schlacht von Rivoli, aus der die Armee Napoleons siegreich hervorging.

Zweites Arrondissement (Bourse)

Auf der rechten Uferseite der Seine befindet sich mit dem Zweiten Arrondissement der kleinste Bezirk der Stadt. Nichts desto trotz hat er viel zu bieten: die Pariser Oper und viele Ladenpassagen sind nur einige der prachtvollen Attraktionen. Heraus sticht vor allem auch die Passage des Panoramas aus dem 19. Jahrhundert, die ursprünglich dazu dienen sollte, den wohlhabenderen Teil der Bevölkerung von den dunklen, schmutzigen Bürgersteigen fernzuhalten, als es noch keine Gaslaternen gab. Das Zweite Arrondissement ist auch für seine Textilindustrie bekannt. Für Modebegeisterte, die diese hautnah erleben möchten, lohnt sich ein Besuch der Gegend am frühen Morgen.

Drittes und Viertes Arrondissement (Marais)

Der Marais wird oft mit dem schillernden SoHo in Manhattan verglichen, versprüht aber dennoch ein unvergleichliches Pariser Flair. Zu den Attraktionen der Gegend zählen exklusive Boutiquen, kleine, luxuriöse und kostspielige Hotels und jede Menge Galerien. Nach ihrer Trockenlegung wandelte sich die einstige Sumpflandschaft zu einem schicken und beliebten Pariser Stadtteil. Noch immer befinden sich dort einige hohe, edle Stadthäuser aus dem 17. Jahrhundert sowie verschiedene, für die Gegend typische Gassen. Im 19. Jahrhundert wurde der Marais zu einem Zentrum des jüdischen Lebens in Paris. Mittlerweile ist dieses zwar etwas verblasst, doch einige Läden mit hebräischen Schriftzügen sowie einige kleine jüdische Museen lassen sich nach wie vor entdecken. Der Marais kann auch mit besonders innovativen kulinarischen Kreationen aufwarten – so lassen sich auf dem wunderbaren Marché des Enfants Rouges sowie in den kleinen umgebenden Straßen in der Nähe der Place de la République verschiedene Köstlichkeiten erstehen.

Sechstes Arrondissement (Saint-Germain des Prés)

Das kultige Saint-Germain des Prés ist Inbegriff der Pariser Bourgeoisie. Hier reihen sich vornehme Wohnblöcke an moderne Kunstgalerien, Patisserien, Bäckereien, Antiquitätenläden, lebendige Cafés und bürgerliche Restaurants. Noch immer erinnert in der Gegend einiges an die einstige Blütezeit in den Fünfzigerjahren, als in den Boulevards Jazzklänge vernommen werden konnten und sich die Intellektuellen im berühmten Café de Flore trafen, um gemeinsame Diskussionsrunden zum Thema Philosophie abzuhalten.

Siebentes Arrondissement (Palais-Bourbon)

Das kleine Siebente Arrondissement auf der linken Uferseite der Seine lockt mit zahlreichen berühmten Sehenswürdigkeiten wie dem Eiffelturm, dem Hôtel des Invalides, dem Musée d’Orsay und dem Musée Rodin. Der zentral gelegene Bezirk galt bereits im 17. Jahrhundert als Mittelpunkt des Pariser Adels und umfasst unter anderem den einst besonders bei der aristokratischen Gesellschaft beliebten Stadtteil Faubourg Saint-Germain. Im Siebenten Arrondissement befinden sich auch der Sitz der französischen Nationalversammlung sowie verschiedene ausländische diplomatische Vertretungen.

Achtes Arrondissement (Elysée)
Das Achte Arrondissement begeistert mit der Prachtstraße Champs-Elysées. Die wahrscheinlich berühmteste Straße der Welt führt von der Place de la Concorde bis zum Triumphbogen. Auch Attraktionen wie der hübsche Parc Monceau und die Kirche La Madeleine sind einen Besuch wert. Südlich der Champs-Elysées befinden sich das imposante Grand Palais – Ausstellungsgebäude und Museum in einem – und das Petit Palais, welches das städtische Museum der schönen Künste beherbergt. Der Élysée-Palast, seit 1848 offizieller Amtssitz des Staatspräsidenten der Französischen Republik, liegt nördlich der Prachtstraße.

Neuntes Arrondissement (Opéra)

Das Neunte Arrondissement ist durch Gegensätze geprägt. Im Süden befinden sich prestigeträchtige Boulevards, im Norden hingegen liegt das berühmte Pariser Rotlichtviertel Pigalle. In den letzten Jahren hat sich die Gegend um den Süden von Pigalle gewandelt und mit der Entstehung junger Boutiquen und einer Kaffeehauskultur den hippen Spitznamen „SoPi“ (kurz für „South Pigalle“) erhalten. Die Opéra Garnier, die Galeries Lafayette und die Kirche La Trinité sind nur einige bekannte Attraktionen der Gegend.

Im Zehnten Arrondissement befindet sich der Bahnhof Gare du Nord. Besucher sollten hier sehr auf ihr Gepäck achtgeben und aufpassen, dass sie auf den langen Rolltreppen nicht angerempelt und bestohlen werden. Unweit des Bahnhofs liegt der Canal Saint-Martin, an dem sich im Sommer gern die Pariser Jugend versammelt. Auf beiden Seiten ist der hübsche Kanal von Bars und Restaurants wie Chez Prune gesäumt, die mit nostalgischem Schick begeistern. Entlang des im 19. Jahrhundert errichteten Kanals lassen sich Bouleplätze entdecken und schöne Radwege erkunden. Der nicht weit entfernte Schiffahrtskanal Canal de l’Ourcq ist von Hochhäusern aus den Siebzigerjahren und zwei Programmkinos umgeben und lockt im Sommer vor allem Wassersportbegeisterte an.

Elftes Arrondissement (Popincourt)

Das Elfte Arrondissement ist vor allem für das Szeneviertel Oberkampf berühmt, das mit seinem pulsierenden Nachtleben mitten in einer doch eher ruhigeren Stadt Besucher anzieht. Die weltoffene Gegend ist bei Studenten und Künstlern beliebt, und auf Hinterhöfen hinter günstigen Lebensmittelläden und Discountern versteckt befinden sich einige Studios. Durch ihr junges, unkonventionelles Flair ist die Gegend ein guter Ausgangspunkt für alle, die die Stadt unter einem jugendlich-fortschrittlichen Gesichtspunkt erkunden möchten.

Zwölftes Arrondissement (Reuilly)

Zu den Attraktionen des Zwölften Arrondissements zählt die Place de la Bastille mit der Opéra Bastille. Als einer der größeren Bezirke bietet dieses Arrondissement bezahlbaren Wohnraum sowie durch öffentliche Verkehrsmittel eine gute Anbindung an den restlichen Teil der Stadt.

Dreizehntes Arrondissement (Gobelins)

Im Dreizehnten Arrondissement leben chinesische, vietnamesische, kambodschanische und laotische Bevölkerungsgruppen. Mit seinen Hochhäusern aus den Sechzigerjahren und weitläufigen Boulevards versprüht dieser Teil von Paris ein deutlich anderes Flair als der Rest der Stadt. Die Avenue d’Ivry, die Avenue de Choisy and der Boulevard Masséna treffen an einem Knotenpunkt dreiecksförmig aufeinander. In den Straßen reihen sich fernöstliche Lebensmittelgeschäfte, Bars mit vietnamesischen Nudelspezialitäten und chinesische Konditoreien aneinander und der Duft exotischer Gewürze liegt in der Luft. Um den Hügel Butte-aux-Cailles herum befinden sich einige sehenswerte Bars und Restaurants, und ein kleiner buddhistischer Tempel, der versteckt in einer Tiefgarage an der Avenue d’Ivry liegt, ist ebenfalls sehenswert. Ein Besuch der Gegend lohnt sich vor allem, wenn das chinesische Neujahrsfest gefeiert wird und sich Drachentänze sowie Kampfsportvorführungen bewundern lassen.

Vierzehntes Arrondissement (Observatoire)

Obwohl sich im Vierzehnten Arrondissement das vielseitige Viertel Montparnasse befindet, in dem vor allem in den Zwanzigerjahren die Kunst- und Literaturszene der Stadt aufblühte, ist in den Bezirk mittlerweile eher etwas Ruhe eingekehrt. Sehenswert sind vor allem der Friedhof Montparnasse, auf dem französische Berühmtheiten begraben sind, und die Katakomben, die von der Place Denfert-Rochereau aus zugänglich sind.

Fünfzehntes Arrondissement (Vaugirard)

Das Fünfzehnte Arrondissement ist unter allen zwanzig Pariser Arrondissements das größte und bevölkerungsreichste, doch es ist touristisch noch nicht besonders gut erschlossen. Eine dicht besiedelte Wohngegend und ein Geschäftsviertel prägen den Bezirk auf der linken Uferseite der Seine im südwestlichen Teil der Stadt. Der Parc André Citroën sticht hervor, denn er gilt als besonders innovativer und interessanter Park unter den modernen Pariser Grünanlagen.

Sechzehntes Arrondissement (Passy)

Neben dem exklusiven Siebenten Arrondissement gilt auch das Sechzehnte Arrondissment – und insbesondere der Stadtteil Passy – als bevorzugte Wohngegend der wohlhabenderen Pariser Bevölkerung. Die von der Place de Costa Rica bis zur Chaussée de la Muette reichende Rue de Passy ist von exklusiven, luxuriösen Boutiquen und eleganten Ladenketten gesäumt. In den Geschäften lassen sich oft amerikanische Akzente vernehmen, immerhin ist die Gegend bei Geschäftsleuten, die mit ihren Familien aus Nordamerika hergezogen sind, sehr beliebt. Im Palais de Tokyo können Besucher, die sich für moderne Kunst interessieren, viele kostenlose Ausstellungen besuchen. Ebenfalls sehenswert sind der Friedhof Cimetiere de Passy sowie das Maison de Balzac. Mittlerweile wurde das Haus des berühmten französischen Schriftstellers Honoré de Balzac in ein Museum umgewandelt.

Siebzehntes Arrondissement (Batignolles-Monceau)

Ebenso wie die Gegend „SoPi“ erfährt auch das Siebzehnte Arrondissement einen Wandel. Der Bezirk, in dem immer mehr Bars und Bistros entstehen, erfreut sich bei den sogenannten „Bobos“ (abgeleitet von „bourgeois-bohémien“; Bezeichnung für meist jüngere, liberale, gebildete und wohlhabende Bürger mit nichtkonformistischen Werten) immer größerer Beliebtheit. Das Viertel Batignolles bietet neben günstigen Mieten auch eine gute Anbindung an Sehenswürdigkeiten wie die Champ-Elysées und den Parc Monceau. Es liegt zwar etwas abseits der Touristenpfade nördlich des Triumphbogens, der nordöstliche Teil des Viertels wird aber immer belebter. Das Siebzehnte Arrondissement ist besonders für seine Architektur im Haussmann-Stil berühmt, und die ruhigen, typischen Pariser Straßen lassen sich wunderbar bei einem Spaziergang erkunden.

Achtzehntes Arrondissement (Butte-Montmartre)

Das Achtzehnte Arrondissement beherbergt das berühmte historische Viertel Montmartre. Es ist vor allem für die Basilika Sacré-Cœur mit ihrer weißen Kuppel bekannt, die sich auf dem Hügel Montmartre befindet. Von oben wird ein herrlicher Ausblick geboten. Kleine Kopfsteinpflasterstraßen führen hinauf auf den Hügel mit kleinen Bars und Cafés, von deren winzigen Terrassen aus eine wunderbare Aussicht genossen werden kann. Sehenswert sind auch das kleine Museum Espace Dali, in dem sich Werke des bekannten Künstlers des Surrealismus, Salvador Dali, bewundern lassen. Auch ein Weinberg, der Friedhof Cimietiere de Montmartre, auf dem viele bekannte Künstler begraben wurden sowie eine Standseilbahn, die den Berg hinauf fährt, zählen zu den Attraktionen der Umgebung. Das Viertel Montmartre konnte einen großen Teil seines historischen Charakters bewahren und auch wenn es im Sommer manchmal etwas voller wird, lohnt sich ein Besuch durchaus, um in das wahre Pariser Leben einzutauchen.

Neunzehntes Arrondissement (Buttes-Chaumont)

Der unter Napoleon III. nach einem britischen Entwurf errichtete Parc des Buttes-Chaumont ist ein beliebtes Ziel im Neunzehnten Arrondissement im Norden von Paris. Der Hauptkonstrukteur Baron Haussmann nutzte Dynamit, um durch Sprengungen besonders dramatische, sich voneinander abgrenzende Landschaften zu schaffen. So befinden sich in dem Park unter anderem ein Felsen, ein romantischer Wasserfall, ein kleiner Tempel, der einem alten römischen Relikt nachempfunden wurde, eine Grotte sowie über 24 Hektar große Grünflächen und Blumenbeete. Auch die Straßen, die zu dem Park führen, lassen sich gut erkunden und bieten einen Einblick in einen älteren, originelleren Teil von Paris.

Zwanzigstes Arrondissement (Menilmontant)

Das Zwanzigste Arrondissement besteht vor allem aus Wohngebieten, bietet jedoch mit dem Cimitiere du Pere-Lachaise auch eine äußerst bekannte Attraktion. Auf dem scheinbar meistbesuchten Friedhof der Welt sind bekannte Pariser Schriftsteller, Künstler und Politiker sowie Berühmtheiten wie Oscar Wilde und Jim Morrison begraben

Banlieues

Trostlosigkeit, Armut, Gewalt und keine Perspektive  – dies sind die Schlagwörter für die Vororte von Paris.

Autorin Evke Freya von Ahlefeldt

Einleitung
Wer in einem Banlieues wohnt oder aufwächst, hat den Ausschluss an die Gesellschaft verloren.
Die Schulen in den Banlieues gleichen Gebäude in einem Kriegsgebiet. Es gibt kaum jemand der freiwillig in die Banlieues will und schon gar nicht als Lehrer.
Gewalt ist an der Tagesordnung. Dies geht von banalem Diebstahl über Körperverletzung bis Mord.
Es kommt auch hin und wieder vor, dass man dein Auto anzündet.

Die Problematik in den Banlieues besteht seit über 40 Jahren und es scheint auch keine Besserung in Sicht zu sein.

Ich bin zwar im Kriseninterventionsteam der UN mit Stützpunkt Frankreich, werde aber auch schon mal gerufen, wenn es brennt – im wahrsten Sinn des Wortes. Wenn mal wieder der Mob seine Aggressionen auslässt, rücken zuerst Hundterschaften von Polizisten und Feuerwehrleute an. Wenn die Krawallen unter Kontrolle sind, kommen dann Ärzte, Psychologen, Seelsorger, Sozialarbeiter und eben Krisen erprobte Fachleute zu den Brennpunkten.
Nach dem Chaos müssen viele Menschen medizinisch und psychologisch betreut werden, denn es werden schon mal Wohnung, Kioske und Läden
durch die Krawalle zerstört. Manche Menschen verlieren an einem Abend oder Nacht ihren Besitz oder Existenz.

Wenn ich zum Einsatzort  komme, habe ich immer eine Schutzweste an, denn es kann schon mal vorkommen, dass eine Person ein Messer oder Waffe zieht.
Wie schon geschrieben, wächst man in den Banlieues mit einer alltäglichen Gewalt auf und Selbstjustiz gehört zum Alltag wie der morgentlichen Gang zum Bäcker.

Ich könnte tagelang schreiben, was ich in den letzten Jahren in den Banlieues erlebt habe, der Unfall in Beirut, im August 2020, kommt nicht annähernd an das was ich an Elend, Armut, Krankheiten und Hoffnungslosigkeit in den Vororten von Paris sah.

Seit ein paar Monaten sind Street-Art Künstler im 13. Arrondissement und geben einigen der Häuser etwas Farbe oder malen Bilder auf die Fassaden. Farbe löst aber die Probleme nicht.
Die Politik hat seit Jahrzehnten die Menschen im Stich gelassen und für eine Rückkehr in die Normalität ist es schon lange zu spät. Die Kriminalität hat schon lange die Banlieues im Griff und durch die vielen Banden, Drogen und Prostitution sind die Vororte ein Mikrokosmos mit eigenen Gesetze in einer Millionen Metropole.

Die Banlieues von Paris

Der Großteil der Banlieues in Frankreich entstand nach dem Zweiten Weltkrieg, als massive Wohnungsnot zum Bau neuer Hochhaussiedlungen in die Nähe der Industriestandorte führte. Sollte die moderne Architektur der Großwohnsiedlungen ursprünglich Symbol des wirtschaftlichen Aufschwungs und eines neuen Lebensstils sein, so verlor sie jedoch schnell an Attraktivität. Infrastrukturelle Mängel infolge einer strikten Trennung von Wohnen und Arbeiten sowie bauliche Missstände wurden schnell sichtbar. Wer es sich leisten konnte, zog in die Einfamilienhausgebiete im suburbanen Raum oder in die Innenstadt.

Größtenteils bezogen Einwanderer insbesondere aus den ehemaligen französischen Kolonien in Nordafrika die leer stehenden Wohnungen. In den 1970er Jahren führten Wirtschaftskrise und Desindustrialisierung zu hoher Arbeitslosigkeit unter den Vorstadtbewohnern. So entwickelten sich die Banlieues rasch zu einem Auffangbecken für die sogenannte Problembevölkerung. Sozialräumliche Ausgrenzung, infrastrukturelle Mängel und politische Vernachlässigung bilden seither eine explosive Mischung, die sich regelmäßig in kollektiver Gewalt entlädt.

Chronische Unruhen

Die Debatte über die Lebensumstände in den Banlieues begann mit den ersten offiziell registrierten Unruhen im Sommer 1981. In Folge einer Verfolgungsjagd zwischen Jugendlichen und der Polizei in einem Vorort von Lyon waren mehrere hundert Fahrzeuge in der Umgebung von Lyon, Paris und Marseille in Brand gesetzt worden. Seither sind Ausschreitungen in den Banlieues zu einem chronischen Phänomen in Frankreich geworden. Im Herbst 2005 erreichten die Unruhen schließlich ein Ausmaß, das in seiner Dauer und geographischer Ausbreitung selbst Experten überraschte. Zwischen dem 27. Oktober und dem 17. November 2005 lieferten sich jugendliche Vorstadtbewohner in ganz Frankreich Straßenschlachten mit der Polizei. Im Verlauf brannten mehr als 10.000 Fahrzeuge. Hunderte öffentliche Gebäude wurden zerstört, darunter Schulen, Kindergärten, Sporthallen, Postämter, Rathäuser und Polizeidienststellen.

Auslöser der Gewalt war der Tod zweier Jugendlicher mit maghrebinischem Migrationshintergrund, die in einem Trafohäuschen Zuflucht vor einer Polizeikontrolle gesucht hatten und an einem Stromschlag starben. Am 8. November ließ die Regierung erstmals seit dem Algerienkrieg den Ausnahmezustand ausrufen, der bis Januar 2006 anhielt. Die Reaktionen der Regierenden wurden vielfach kritisiert, insbesondere die Äußerungen des damaligen Innenministers Nicolas Sarkozy, der gleich zu Beginn der Unruhen Öl ins Feuer goss, indem er die Jugendlichen als „Abschaum“ abstempelte und ankündigte, die Vororte mit einem „Hochdruckreiniger“ säubern zu wollen.

Seit 2005 hat es viele weitere Ausschreitungen in Frankreich gegeben, die jedoch kein vergleichbares Ausmaß erlangt haben. Gleichwohl zeugen die Ausschreitungen der letzten Jahre, beispielsweise 2007 in Villier-le-Bel, 2010 in Grenoble oder zuletzt 2012 in Amiens, von einer sehr viel höheren Gewaltbereitschaft der Jugendlichen. Die Erklärungsansätze in Wissenschaft und Politik für die Ursachen der Unruhen sind vielfältig: sie reichen von einer sich verschärfenden sozialräumlichen Ausgrenzung, einer Krise des republikanischen Integrationsmodells, einer postkolonialen Krise, mangelhafter Stadtpolitik, extremer Repression durch die Polizei über eine zunehmende Islamisierung und Kriminalität unter Jugendlichen bis hin zu negativem Einfluss der Medien.

Ausgrenzung auf allen Ebenen

Die Konzentration sozioökonomischer und städtebaulicher Probleme bleibt trotz massiver staatlicher Maßnahmen charakteristisch für die Situation der Banlieues, in denen knapp fünf Millionen Franzosen leben. Neben einer defizitären Ausstattung des Wohnumfeldes, einer schlechten Anbindung an die Innenstädte und desolaten Wohnverhältnissen liegen auch viele andere soziale Indikatoren seit Jahren deutlich unter dem nationalen Durchschnitt. Laut dem letzen Bericht der Nationalen Beobachtungsstelle kritischer Stadtteile  war die Arbeitslosenquote in den von der Politik als Problemgebiete ausgewiesenen Vierteln im Jahr 2010 mit 20,9 Prozent doppelt so hoch wie im nationalen Durchschnitt. Die durchschnittliche Jugendarbeitslosenquote lag im selben Jahr bei 41,7 Prozent (23,2 Prozent im nationalen Durchschnitt). Ein Drittel der Bevölkerung lebte 2009 unter der Armutsgrenze und auch das Bildungsniveau liegt deutlich unter dem nationalen Level. 53 Prozent der beschäftigten Jugendlichen besaßen im Jahr 2010 nur den niedrigsten Schulabschluss.

Die Stigmatisierung der Banlieue als ’sozialer Brennpunkt’ oder ‚Ghetto’ hat darüber hinaus dazu geführt, dass die räumliche Konzentration sozialer Probleme selbst zur Ursache für Ausgrenzung und Benachteiligung geworden ist. So haben viele Studien gezeigt, dass die Bewohner der Problemgebiete aufgrund ihres Wohnortes beim Eintritt in das Berufsleben sowie bei der Wohnungssuche außerhalb der Problemviertel diskriminiert werden. Diese Diskriminierungen betreffen in besonderem Maße Migranten, die mehr als die Hälfte aller Vorstadtbewohner stellen.

Aufgrund des hohen Migrantenanteils und weil an den Ausschreitungen vor allem maghrebinische Einwanderer der zweiten Generation beteiligt waren, sind die Vororte auch zu einem Synonym für gescheiterte Integration geworden. Nach den Unruhen von 2005 standen das französische Integrationsmodell und sein republikanischer Gleichheitsanspruch überall zur Debatte. Das Integrationsversprechen Frankreichs besteht darin, die Gleichheit aller französischen Bürger im Staatsbürgerschaftsrecht und den staatlichen Institutionen zu garantieren – unabhängig von sozialen, religiösen, ethnischen oder territorialen Unterschieden.

Angesichts der Diskriminierungen, Stigmatisierung und sozialräumlichen Ausgrenzung in den Banlieues kann der Staat dieses Versprechen jedoch nicht einlösen. Frustration und Aggression erscheinen als logische Konsequenz der Diskrepanz zwischen den versprochenen Werten und der täglich erlebten Ausgrenzung. Dies erklärt auch, warum sich die Gewalt der Jugendlichen bei den Ausschreitungen insbesondere gegen staatliche Institutionen wie Schule oder Polizei richtet. Hinzu kommt, dass neben der generellen Stigmatisierung auch eine Ethnisierung des Banlieue-Diskurses stattfindet. Dabei wird die Krise der Vorstädte in der Öffentlichkeit oft auf die ethnische Herkunft oder Religiosität der Bewohner und damit verbundene Problemlagen zurückgeführt, so dass das soziale Stigma vom ethnischen nicht mehr zu trennen ist. Konsequenz dieser doppelten Stigmatisierung sind wiederum weitere Diskriminierungen, Rassismus, aber auch das Erstarken islamischer Subkulturen.

Neben der sozialräumlichen und ethnisch-religiösen Ausgrenzung sind die Banlieues auch von politischen Entfremdungsprozessen betroffen. Die Wahlbeteiligung ist trotz steigender Tendenz seit Jahren sehr gering. Die Gründung des Bürgerrechtskollektiv ACLEFEU (der Name bedeutet so viel wie „Genug vom Feuer“) nach den Unruhen von 2005 und das Schreiben von Beschwerdebriefen an die Regierung verdeutlichen die Unzufriedenheit der Bewohner mit ihrem mangelnden Einfluss und der unzureichenden politischen Aufmerksamkeit für ihre Probleme. Mit dem Niedergang der gesellschaftlichen Bedeutung der Industriearbeiterschaft und ihrer gewerkschaftlichen Organisation, hoher Arbeitslosigkeit und ethnischer Vielfalt haben die Banlieues zudem an sozialem Zusammenhalt verloren, was eine gemeinsame Interessenartikulation und -durchsetzung erschwert.

Zwischen Stadtpolitik und Sicherheitspolitik

Das staatliche Vorgehen in den Banlieues wird von zwei Hauptpolitiken geprägt: der Stadtpolitik und der Sicherheitspolitik. Die Stadtpolitik wurde Anfang der 1980er Jahre als Reaktion auf die ersten Unruhen etabliert, es existiert ein entsprechendes Ministerium. Ihr Ziel ist nicht nur die Sanierung der mittlerweile 751 Problemgebiete sondern auch die Verbesserung der schulischen, sozialen und kulturellen Versorgung, Kriminalitätsbekämpfung sowie die Stärkung lokaler Ökonomien. So soll beispielsweise die Ansiedlung von Unternehmen durch Steuererleichterungen gefördert werden. Zusätzliche finanzielle Mittel und eine spezielle Lehrerausbildung sollen zur Verbesserung des Bildungssystems beitragen.

Im Jahr 2008 wurde zudem vom damaligen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy ein „Marshall-Plan“ mit dem Titel Espoir Banlieue initiiert, dessen Hauptziel die Etablierung von Chancengleichheit und die Verringerung struktureller Unterschiede zwischen den Vierteln ist. Die anhaltenden Unruhen und die aktuelle soziale Situation verdeutlichen jedoch, dass die bisherigen Maßnahmen keine Lösung für die komplexen gesellschaftlichen Problemlagen bieten. Insbesondere in Bezug auf die Bekämpfung von Diskriminierung und Rassismus bleibt die Stadtpolitik machtlos angesichts der Unmöglichkeit einer expliziten Minderheitenförderung aufgrund des republikanischen Gleichheitsprinzips.

Die Stigmatisierung der Banlieue als desorganisierter krimineller Raum sowie die tatsächliche Zunahme von Kriminalität und Gewalt haben zudem zur Etablierung einer umfangreichen Sicherheitspolitik mit speziellen Polizeieinheiten für städtische Gewalt geführt. Die konkreten Zielsetzungen dieser Politik variieren je nach Regierung. Während die linken Regierungen ihren Fokus auf eine Polizeistrategie der Nähe setzten, etablierten die rechten Regierungen eine Politik des law and order mit einer extremen Präsenz von Sicherheitskräften. Exemplarisch sind hier die repressiven Maßnahmen Nicolas Sarkozys nach den Unruhen von 2005. Das Resultat ist jedoch kein Rückgang der Gewalt sondern vielmehr ein extrem konfliktbelastetes Verhältnis zwischen Polizei und Jugendlichen, welches nach Meinung vieler Experten Unruhen provoziert.

Im August 2012 hat die französische Regierung ein neues Sicherheitskonzept vorgestellt, welches die Schaffung von jährlich 500 zusätzlichen Stellen bei der Polizei ebenso vorsieht wie die Einrichtung von 15 prioritären Sicherheitszonen in den sozialen Brennpunkten ausgewählter Städte. Ob diese Maßnahmen greifen, bleibt abzuwarten. Einer weiteren Stigmatisierung der Banlieue wirken sie jedenfalls nicht entgegen.